Ms-119
German (epub, pdf) | German/English
Do not quote from or cite this translation!
§
FCr[1]XV.
XV.
§
1[1]24.09.1937
Was wir liefern sind eigentlich Bemerkungen zur Naturgeschichte des Menschen; aber nicht kuriose Beiträge, sondern solche Feststellungen, an denen niemand gezweifelt hat, & die dem Bemerktwerden nur entgehen, weil sie ständig vor unsern Augen sind.
24.09.1937
What we offer are actually remarks on the natural history of man; but not curious contributions, but rather statements that no one has doubted, and which escape being noticed only because they are constantly before our eyes.
§CE
1[2] &2[1]
Wenn man sagt: “ich fürchte mich, weil er so finster dreinschaut” – so wird hier scheinbar eine Ursache, unmittelbar erkannt, ohne wiederholtes Experiment. Russell sagte, man müsse, ehe man etwas als Ursache durch wiederholte Erfahrung erkenne, etwas durch Intuition als Ursache erkennen. Ist das nicht ähnlich, als sagte man: Man muß, ehe man etwas als 2 m durch Messung anerkennt, etwas durch Intuition als 1 m erkennen?
If one says: “I am afraid because he looks so menacing” – then here a cause is apparently recognized immediately, without repeated experimentation. Russell said that one must recognize something as a cause through repeated experience, but one must first recognize something as a cause through intuition. Isn't that similar to saying: One must first recognize something as 2 m through measurement, before one recognizes something as 1 m through intuition?
§CE
2[2] &3[1]
Wie nämlich, wenn jener Intuition durch wiederholte Experimente widersprochen wird? Wer hat dann recht? Und was ist es, was uns die Intuition über die Erfahrung sagt, die wir ‘als Ursache erkennen’? Handelt sich's da um etwas andres, als eine Reaktion unserseits gegen den Gegenstand: die Ursache?
What happens if that intuition is contradicted by repeated experiments? Who is right then? And what is it that intuition tells us about the experience that we ‘recognize as a cause’? Is this about something other than a reaction on our part to the object: the cause?
§CE
3[2] &4[1]
Aber erkennen wir nicht unmittelbar, daß der Schmerz von dem Schlag herrührt, den wir erhalten? Ist er nicht die Ursache & kann ein Zweifel sein, daß er es ist? – Aber läßt es sich nicht ganz gut denken, daß wir in gewissen Fällen hierüber getäuscht werden? Und später die Täuschung erkennen. Es scheint uns etwas zu schlagen & zugleich wird ein Schmerz in uns hervorgerufen. (Man glaubt manchmal einen Lärm durch eine gewisse Bewegung hervorzurufen & kommt dann drauf, daß er unabhängig von uns entstanden ist.) Und freilich, es ist hier eine echte Erfahrung, die man ja ‘Erfahrung der Ursache’ nennen kann. Aber nicht, weil sie uns unfehlbar die Ursache zeigt, sondern weil hier, im Ausschauen nach einer Ursache, eine Wurzel des Ursache-Wirkung Schemas liegt.
But do we not immediately recognize that the pain comes from the blow we received? Is it not the cause, and can there be any doubt that it is? – But isn't it quite conceivable that we are sometimes mistaken about this? And later recognize the mistake. It seems as if something strikes us, and at the same time a pain is caused in us. (One sometimes thinks that one causes a noise by a certain movement, and then realizes that it arose independently of us.) And of course, this is a real experience, which one could call ‘experience of the cause’. But not because it infallibly shows us the cause, but because here, in looking for a cause, a root of the cause-and-effect schema lies.
§CE
4[2]Wir reagieren auf die Ursache. Etwas “Ursache” nennen, ist ähnlich, wie, zeigen & sagen: “Der ist schuld!”
We react to the cause. To call something a “cause” is similar to pointing and saying: “That is to blame!”
§CE
4[3]Wir stellen intuitiv die Ursache ab, wenn die Wirkung uns zuwider ist. Wir schauen instinktiv vom Gestoßenen auf das Stoßende. (Ich nehme an, wir tun es.)
We intuitively establish the cause when the effect is unpleasant to us. We instinctively look from the thing that was struck to the thing that struck. (I assume we do this.)
§CE
5[1]Wie nun, wenn ich sagte, wir vergleichen, wenn wir von Ursache & Wirkung reden alles dem Fall des Stoßes; der ist das Urbild der Ursache einer Wirkung? Hätten wir da den Stoß als Ursache erkannt? Denk eine Sprache, in der statt ‘Ursache’ immer ‘Anstoß’ gesagt wird!
Now, if I said that we compare everything in the case of cause and effect to the case of the blow; is it the archetype of the cause of an effect? Would we then have ‘recognized’ the blow as the cause? Imagine a language in which, instead of ‘cause,’ one always says ‘impact’!
§
5[2]Was zeigt uns der, der 4 Kugeln in 2 + 2 trennt, (sie) wieder zusammenschiebt, wieder trennt etc.? Er prägt uns ein Gesicht ein & eine typische Veränderung dieses Gesichts.
What does the person who separates 4 balls into 2 + 2, puts them together again, separates them again, etc., show us? He impresses upon us a face and a typical change of that face.
§
5[3] &6[1]
Warum soll man statt des Sätzchens ‘3 + 2 = 5” nicht lernen, den Befehl auszuführen: Gib ∣∣∣ & ∣∣ zusammen!
Why shouldn't one learn to perform the command: put ∣∣∣ & ∣∣ together! instead of the sentence ‘3 + 2 = 5’.
§
6[2]Die Zerlegungen der 100 numerierten Kugeln sind also nur typische Verziehungen eines bestimmten Gesichts. Aber sie sind doch dadurch charakterisiert, daß keine Kugel dazu, & keine wegkommt.
The decompositions of the 100 numbered balls are therefore only typical arrangements of a certain face. But they are also characterized by the fact that no ball is added, and none is removed.
§
6[3]25.09.1937
Bin sehr ungeduldig!
25.09.1937
I am very impatient!
§
6[4] &7[1] &
8[1]
Denke an die Bewegungen einer Gliederpuppe. Oder denk, Du hättest eine Kette
mit, sagen wir, 10 Gliedern & Du zeigst, was für charakteristische (d.h. einprägsame) Figuren man mit ihr legen kann. Die Glieder seien numeriert; dadurch werden sie zu einer leicht einprägbaren Struktur, auch wenn sie in einer geraden Reihe liegen. Ich präge Dir also charakteristische Lagen & Bewegungen der Kette ein. Wenn ich nun sage: “Sieh', man kann auch das aus ihr machen” (& es zeige), zeige ich Dir ein Experiment? – In gewissem Sinne ja; ich zeige z.B., daß man sie so in diese Form bringen kann; aber das hast Du nicht bezweifelt. Und was Dich interessiert, ist nicht etwas, was diese individuelle Kette betrifft. – Aber ist, was ich vorführe, nicht doch eine Eigenschaft dieser Kette? Gewiß; aber ich führe nur solche Bewegungen, solche Umformungen vor, die einprägsamer Art sind; & Dich interessiert, diese Umformungen zu lernen. Sie interessieren Dich aber darum, weil es so leicht ist, sie immer wieder, an verschiedenen Gegenständen, vorzunehmen.
Think of the movements of a doll with articulated limbs. Or imagine that you have a chain
with, say, 10 links, and you show what characteristic (i.e. memorable) figures can be made with it. Let the links be numbered; this makes them an easily memorable structure, even if they are in a straight line. I thus impress upon you characteristic arrangements and movements of the chain. If I now say: “See, you can also make this out of it” (and show it), am I showing you an experiment? – In a certain sense, yes; I show e.g. that you can bring it thus into this form; but you did not doubt that. And what interests you is not something that concerns this individual chain. – But isn't what I demonstrate still a property of this chain? Certainly; but I only demonstrate such movements, such transformations, which are of a memorable kind; and you are interested in learning these transformations. But you are interested in them because it is so easy to perform them again and again on different objects.
§
8[2] &9[1]
Die Worte “Sieh', was ich aus ihr machen kann –” sind allerdings dieselben die ich auch verwenden würde, wenn ich Dir zeigte, was ich alles aus einem Klumpen Ton formen kann. Hier würde Dich nicht so sehr interessieren, daß sich solche Dinge aus diesem Klumpen formen lassen, als daß ich etwa geschickt genug bin, es zu tun. In einem andern Fall etwa: daß dies Material sich so behandeln läßt. Hier würde man kaum sagen: ich ‘mache Dich darauf aufmerksam’, daß ich dies machen kann, oder daß das Material dies aushält, während man im Fall der Kette sagen würde, ich mache Dich darauf aufmerksam, daß sich dies mit ihr machen läßt. – Denn Du hättest es Dir auch vorstellen können. Aber Du kannst natürlich keine Eigenschaft der Kette durch Vorstellen finden. Das Experimenthafte verschwindet, indem man den Vorgang bloß als einprägsames Bild ansieht.
The words “Look at what I can make out of it—” are, however, the same ones that I would use if I were to show you what I can do with a lump of clay. Here, you would not be so much interested in that such things can be formed out of this lump, as in that I am perhaps skilled enough to do it. In another case, for example: that this material can be treated in this way. Here, one would hardly say: I ‘draw your attention’ to the fact that I can do this, or that the material can withstand this, whereas in the case of the chain, one would say that I draw your attention to the fact that this can be done with it. – Because you could also have imagined it. But you cannot, of course, discover any property of the chain by imagining it. The experimental aspect disappears when one simply regards the process as a memorable image.
§
9[2] &10[1]
Inwiefern entfaltet nun die Rechnung die Eigenschaft einer Ziffer etwa der Ziffer “625”, wenn wir Quadratwurzel ziehen & finden “625” entstehe durch die Operation 25 × 25? (Du siehst, ich kann hier von Ziffern statt von Zahlen reden.) Wenn ich nun die Multiplikation
“”
gleichsam an “625” heranbringe um sie an dieser Ziffer zu messen; was soll ich da heranbringen: die ganze Multiplikation mit dem Resultat? Oder soll ich nur das Resultat auslassen?
In what way does the calculation reveal the property of a digit, for example, the digit “625,” when we take the square root & find that “625” results from the operation 25 × 25? (You see, I can talk about digits instead of numbers here.) If I now bring the multiplication
“”
as it were, close to “625” in order to measure it against this digit; what should I bring forth: the entire multiplication with the result? Or should I just leave out the result?
§
10[2] &11[1] &
12[1]
Inwiefern ist es eine Eigenschaft des Zeichens 725, daß es durch die Addition von
entsteht? Nur sofern damit gemeint ist, daß es für gewöhnlich so erzeugt wird; nicht wenn gemeint ist, daß es das Resultat dieser Addition, die Summe dieser Zahlen, ist. Denn man kann es z.B. als Eigenschaft des Zeichens “5” betrachten, daß wir es (normalerweise) als Resultat der Addition 3 + 2 schreiben; aber nicht, daß … Sofern es eine Eigenschaft des Zeichens “625” ist, liegt sie in dem Funktionieren unseres Verstandes, in Tatsachen unsrer Naturgeschichte, daß wir so rechnen. Das rein Mathematische ist keine Eigenschaft von “625” weil die Addition erst dann komplett ist, wenn das Resultat schon dasteht; & man kann dann nicht sagen, es ist eine Eigenschaft von “625”, daß die Rechnung sie ergibt, weil “ergibt” mathematisch gesprochen heißt, daß diese Zahl am Schluß der Rechnung steht.
In what sense is it a property of the sign 725 that it arises through the addition of
? Only insofar as it is meant that it is usually produced in this way; not if it is meant that it is the result of this addition, the sum of these numbers. For one could, for example, consider it a property of the sign “5” that we (usually) write it as the result of the addition 3 + 2; but not that… Insofar as it is a property of the sign “625”, it lies in the functioning of our minds, in the facts of our natural history, that we calculate in this way. The purely mathematical is not a property of “625” because the calculation is only complete when the result is already there; & one cannot then say that it is a property of “625” that the calculation yields it, because “yields” mathematically means that this number is at the end of the calculation.
§
12[2] &13[1]
Man kann daher sagen: Wir entfalten die Rolle, die “625” in unserm Rechensystem spielt. Inwiefern kann man denn sagen, die Rechnung analysiert das Zeichen “625”, sie setzt ihm ja etwas hinzu.
(Ich schrieb einmal: “In der Mathematik sind Prozeß & Resultat einander äquivalent.”)
One can therefore say: we are unfolding the role that “625” plays in our system of calculation. In what respect can one say that the calculation analyzes the sign “625”; it does, after all, add something to it.
(I once wrote: “In mathematics, process & result are equivalent.”)
§
13[2] &14[1] &
15[1]
Und doch fühlt man, daß es eine Eigenschaft von “625” ist, daß es so erzeugt wird, oder werden kann. Aber wie kann es denn eine Eigenschaft der Struktur “625” sein, daß sie so erzeugt wird, wenn sie z.B. gar nicht so erzeugt würde? Wenn niemand so multiplizierte? Doch nur wenn man sagen könnte, es ist eine Eigenschaft dieses Zeichens Gegenstand dieser Regel zu sein. Es ist Eigenschaft der “5”, Gegenstand der Regel “3 + 2 = 5” zu sein. Denn nur als Gegenstand der Regel ist die Zahl das Resultat der Addition der andern Zahlen. Wenn ich aber nun sage: es ist Eigenschaft der Zahl … das Resultat der Addition von … nach der Regel … zu sein? Es ist also eine Eigenschaft der Zahl daß sie bei der Anwendung dieser Regel auf diese Zahlen entsteht. Die Frage ist: würden wir es “Anwendung der Regel” nennen, wenn diese Zahl nicht das Resultat wäre? Und das ist dieselbe Frage wie: “Was verstehst Du unter der ‘Anwendung dieser Regel’: das, was Du etwa mit ihr machst (& Du magst sie einmal so, einmal so anwenden), oder ist ‘ihre Anwendung’ anders definiert.”
And yet, one feels that it is a property of “625” that it is produced in this way, or can be. But how can it be a property of the structure “625” that it is produced in this way, if, for example, it were not produced in this way? If no one multiplied in this way? But only if one could say that it is a property of this sign to be the object of this rule. It is a property of the “5” to be the object of the rule “3 + 2 = 5”. For only as the object of the rule is the number the result of the addition of the other numbers. But if I now say: is it a property of the number … to be the result of the addition of … according to the rule…? It is therefore a property of the number that it arises in the application of this rule to these numbers. The question is: would we call it the “application of the rule” if this number were not the result? And that is the same question as: “What do you mean by the ‘application of this rule’: that which you do with it (and you might apply it one way or another), or is ‘its application’ defined differently.”
§
15[2]“Es ist eine Eigenschaft dieser Zahl, daß dieser Prozeß zu ihr führt.” – Aber in der Mathematik führt kein Prozeß zu ihr, sondern sie ist das Ende eines Prozesses (gehört noch zum Prozeß).
“It is a property of this number that this process leads to it.” – But in mathematics, no process leads to it; rather, it is the end of a process (it still belongs to the process).
§
15[3] &16[1]
Ich entfalte die Rolle von “625” im Spiel. (Und es ist mir ganz gleichgültig, ob ich die Ziffer “625” betrachte oder, z.B., 625 Striche.)
I am unfolding the role of “625” in the game. (And it is completely irrelevant to me whether I consider the digit “625” or, for example, 625 lines.)
§
16[2]Ich entfalte die Eigenschaften von 100 Kugeln, ich zeige, was man aus ihnen machen kann. Sage: ist es eine Eigenschaft einer Kugel, daß sie mit einer andern zusammen zwei Kugeln gibt? Entfalte ich ihre Eigenschaften indem ich eine andere Kugel zu ihr lege? Ja; insofern es sich dann z.B. zeigt, daß sie ganz ruhig liegen bleibt & nicht mit der andern zusammenfließt, u. dergl..
I unfold the properties of 100 balls; I show what can be done with them. I ask: is it a property of one ball that, together with another, it gives two balls? Do I unfold their properties by placing another ball next to it? Yes; insofar as it then shows, for example, that it lies quite still and does not merge with the other, and so on.
§
16[3] &17[1]
“Zugegeben, ich interessierte mich nicht für die Eigenschaften: daß keine der Kugeln verschwindet, daß man sie verschieben kann, etc. – die nehme ich alle als selbstverständlich hin – aber ist es nicht dennoch eine Eigenschaft der Reihe, daß wir sie so zerlegen & zu diesen Formen umgruppieren können – gegeben, daß die Kugeln jene andern Eigenschaften haben?! Denn ich könnte doch sehr wohl überrascht sein, zu sehen, daß die 100 Kugeln ein solches Viereck bilden, etc..” – Wohl; aber wenn ich Dir diese Umformung einmal gezeigt hätte, wärst Du da ein zweites Mal wieder überrascht, daß man sie machen kann?
“Granted, I was not interested in those properties: that none of the balls disappear, that they can be moved, etc. – I take all of these for granted – but is it not still a property of the row that we can break it down in this way and regroup it into these shapes – given that the balls have those other properties?! Because I could very well be surprised to see that the 100 balls form such a rectangle, etc.” – Yes; but if I had already shown you this transformation, would you be surprised a second time to see that it can be done?
§
17[2] &18[1]
Das ist doch nicht die Eigenschaft dieser Reihe, der Anfang dieser Umformung zu sein.
Habe ich nun die Eigenschaften der oberen Reihe entfaltet?
That is not the property of this row, that the beginning of this transformation is.
Have I now unfolded the properties of the upper row?
§
18[2]Wenn Du jene Eigenschaften als selbstverständlich hinnimmst, hast Du (auch) keine Eigenschaften der Reihe demonstriert.
If you take those properties for granted, you have (also) not demonstrated any properties of the row.
§
18[3] &19[1]
“Diese Reihe gibt durch derlei Umformung diese Formation.” Liegt hier das Gewicht darauf, daß sie nicht eine andere Formation ergibt? – So muß es doch sein. Aber konstituiert dies nicht eben die Eigenschaft, daß nichts weg & nichts dazukommt?
“This row produces this formation through such a transformation.” Does the emphasis lie here on the fact that it does not produce a different formation? – That must be the case. But does this not constitute precisely the property that nothing is lost and nothing is added?
§
19[2]Aber warum fühle ich, es werde eine Eigenschaft der Reihe entfaltet, gezeigt? – Weil ich abwechselnd, was gezeigt wird, als der Reihe wesentlich, & nicht wesentlich ansehe. Oder: weil ich an diese Eigenschaften abwechselnd als externe & interne denke.
But why do I feel that a property of the row is being unfolded, shown? – Because I alternately consider what is shown as essential to the row, and not essential. Or: because I alternately think of these properties as external and internal.
§
19[3]Es ist eine Eigenschaft der Reihe, sich so zu bewegen.
It is a property of the row to move in this way.
§
19[4] &20[1]
Weil ich abwechselnd etwas als selbstverständlich hinnehme & es bemerkenswert finde.
Because I alternately take something for granted and find it noteworthy.
§
20[2] &21[1]
“Du entfaltest doch die Eigenschaften der hundert, indem Du zeigst, was aus ihnen gemacht werden kann.” – Wie gemacht werden kann? Denn, daß das aus ihnen gemacht werden kann, daran hat ja niemand gezweifelt, es muß also an der Art und Weise liegen, wie dies aus ihnen hervorgebracht wird. Aber sieh diese an! ob sie nicht etwa das Resultat schon voraussetzt? 26.09.1937 Denn denke Dir, es entsteht auf diese Weise einmal dies, einmal ein anderes Resultat; würdest Du das nun hinnehmen? Würdest Du nicht sagen: “Ich muß mich geirrt haben: auf diese Art & Weise mußte immer das Gleiche entstehen.” Das zeigt, daß Du das Resultat mit zum Prozeß der Umformung rechnest.
“You are unfolding the properties of the hundred by showing what can be done with them.” – How can be done? Because no one doubts that it can be done with them; therefore, it must be a matter of the way in which this is brought about. But look at this! does it not presuppose the result? 26.09.1937 Because imagine that, in this way, this result is produced once, and a different result another time; would you accept that? Would you not say: “I must have been mistaken: in this way, the same thing must always be produced.” This shows that you include the result in the process of the transformation.
§CE
21[2] &22[1] &
23[1] &
24[1]
Denke Dir zwei verschiedene Pflanzenarten A & B, man erhält von beiden Samen; & die Samen der beiden Arten sehen ganz gleich aus & die genaueste Untersuchung kann keinen Unterschied zwischen ihnen zeigen. Aber aus dem Samen einer A-Pflanze kommen wieder APflanzen, aus den Samen einer B-Pflanze, B-Pflanzen. Du kannst nur dann voraussagen, was für eine Pflanze aus einem solchen Samenkorn entstehen wird, wenn Du weißt, von welcher Pflanze es gekommen ist. – Sollen wir uns nun damit zufrieden geben; oder sollen wir sagen: “Es muß ein Unterschied in den Samen selber sein, oder sie könnten nicht verschiedene Pflanzen erzeugen; ihre Geschichte allein kann nicht die Ursache ihrer weiteren Entwicklung sein, wenn die Vorgeschichte nicht Spuren im Samen (selbst) zurückgelassen hat.” Wenn wir nun aber keinen Unterschied in den Körnern finden! Und es ist nun Tatsache: Wir sagen die Entwickelung nicht aus den Eigentümlichkeiten des Samens voraus, sondern, , aus seiner Vorgeschichte. – Wenn ich sage: diese könne nicht Ursache der Entwicklung sein, so heißt das also nicht, ich könne aus der Vorgeschichte nicht die Entwicklung vorhersagen, das tue ich ja, wohl aber heißt es, daß wir das nicht ‘Ursache’ nennen, daß wir eben hier nicht aus der Ursache die Wirkung vorhersagen. Und die Versicherung: “Es muß ein Unterschied in den Samen sein, auch wenn wir ihn nicht finden” ändert an den Tatsachen nichts, drückt aber aus, wie mächtig in uns der Drang ist, alles durch das Ursache & Wirkung Schema zu sehen. Wenn von Graphologie, Physiognomik u. dergl. die Rede ist, hört man immer wieder den Satz: “… es muß natürlich der Charakter sich irgendwie in der Schrift ausdrücken ….” ‘Es muß’, d.h.: dieses Bild wollen wir unter allen Umständen anwenden.
Imagine two different species of plants, A & B; we obtain seeds from both, & the seeds of the two species look exactly alike, & the most precise examination can reveal no difference between them. However, from the seed of a plant A, plants A grow, from the seeds of a plant B, plants B grow. One can only predict what kind of plant will develop from such a seed if one knows from which plant it came. – Should we now be content with this, or should we say: “There must be a difference in the seeds themselves, or they could not produce different plants; their history alone can not be the cause of their further development if the previous history has not left traces in the seed (itself).” But if we now find no difference in the seeds! And it is now a fact: We do not predict the development from the characteristics of the seed, but from its previous history. – If I say: this could not be the cause of the development, then that does not mean that I cannot predict the development from the previous history, which I do, but it does mean that we do not call that ‘cause’, that we do not predict the effect from the cause here. And the assertion: “There must be a difference in the seeds, even if we do not find it” changes nothing in the facts, but expresses how powerful the urge is in us to see everything through the cause & effect schema. When talk turns to graphology, physiognomy, etc., one always hears the sentence: “… the character must naturally express itself somehow in the handwriting….” ‘It must’, i.e.: we want to apply this image under all circumstances.
§CE
24[2](Es wäre nicht ganz unsinnig zu sagen, die Philosophie sei die Grammatik der Wörter “müssen” & “können”; denn damit zeigt sie, was a priori & a posteriori ist.)
(It would not be entirely nonsensical to say that philosophy is the grammar of the words “must” & “can”; for in doing so, it shows what is a priori & a posteriori.)
§CE
25[1]Und so kannst Du Dir vorstellen, daß der Same einer Pflanze A eine Pflanze B & der Same dieser (Pflanze), der ganz gleich ist dem Samen von A, wieder eine A-Pflanze u.s.f. abwechselnd – obwohl wir nicht wissen, ‘warum’. Etc..
And so you can imagine that the seed of a plant A produces a plant B & the seed of this (plant), which is exactly the same as the seed of A, again produces a plant A, and so on – even though we do not know ‘why’. Etc..
§CE
25[2] &26[1]
Und nimm nun an, im vorigen Beispiel wäre es Einem endlich gelungen, einen Unterschied zwischen den Samen einer A- & einer B-Pflanze zu finden: der würde doch gewiß sagen: “Nun sehen wir, daß es eben doch nicht möglich ist, daß ein Same die & jene Pflanze hervorbringt” – Wenn ich nun entgegnete: “Woher weißt Du, daß das Merkmal, das Du entdeckt hast, nicht rein zufällig ist? Woher weißt Du, daß das etwas damit zu tun hat, daß einmal die einmal jene Pflanze aus dem Samen wird?” –
And suppose that in the previous example, someone finally succeeded in finding a difference between the seeds of a plant A & a plant B: that person would certainly say: “Now we see that it is indeed not possible for one seed to produce this & that plant” – If I now replied: “How do you know that the characteristic you have discovered is not purely coincidental? How do you know that it has something to do with the fact that sometimes one plant and sometimes the other grows from the seed?” –
§
26[2] &27[1]
Die Härte des logischen Muß. Wie, wenn man sagte: das Muß der Kinematik ist viel härter, als das kausale Muß das einen Maschinenteil zwingt sich so zu bewegen, wenn der andre sich so bewegt? – Denk' Dir, wir würden die Bewegungsweise des ‘vollkommen starren’ Mechanismus durch ein kinematographisches Bild, einen Zeichenfilm, darstellen. Wie, wenn man sagen würde, dies Bild sei vollkommen hart, & damit meinte, wir hätten dieses Bild als Darstellungsweise genommen, – was immer die Tatsachen seien, wie immer sich die Teile des wirklichen Mechanismus biegen, oder dehnen mögen. – Das wäre ähnlich, als dächte man sich die Länge des Meters unendlich hart: weil sie gleichbleibe, wie immer auch sich die Längen aller Dinge änderten, weil sie von den Kräften, die die Dinge ausdehnen & zusammendrücken unbeeinflußt sei.
The rigidity of logical necessity. How, if one said: the necessity of kinematics is much more rigid than the causal necessity that compels a machine part to move this way if the other moves that way? – Imagine that we represent the mode of movement of the ‘perfectly rigid’ mechanism through a kinematographic image, a cartoon. How, if one were to say, this image is perfectly rigid, & by that mean that we have taken this image as a way of representation, – whatever the facts may be, however the parts of the real mechanism may bend or stretch. – That would be similar to thinking of the length of the meter as infinitely rigid: because it remains constant, however the lengths of all things may change, because it is unaffected by the forces that expand & compress things.
§CE
28[1] &29[1] &
30[1] &
31[1]
Die Maschine (ihr Bau) als Symbol für ihre Wirkungsweise: Die Maschine – könnte ich zuerst sagen – ‘scheint ihre Wirkungsweise schon in sich zu haben’. Was heißt das? Indem wir die Maschine kennen scheint alles Übrige, nämlich die Bewegungen, die sie machen wird, schon ganz bestimmt zu sein. “Wir reden so, als könnten sich diese Teile nur so bewegen, als könnten sie nichts andres tun.” Wie ist es –: vergessen wir also die Möglichkeit, daß sie sich biegen, abbrechen, schmelzen können, etc.? Ja; wir denken in vielen Fällen gar nicht daran. Wir gebrauchen eine Maschine, oder ein Bild einer Maschine, als Symbol für eine bestimmte Wirkungsweise. Wir teilen z.B. Einem dieses Bild mit & setzen voraus, daß er die Erscheinungen der Bewegung der Teile aus ihm ableitet. (So wie wir jemand eine Zahl mitteilen können, indem wir sagen, sie sei die 25te der Reihe: 1, 4, 9, 16 …) “Die Maschine scheint ihre Wirkungsweise schon in sich zu haben” heißt: Du bist geneigt die künftigen Bewegungen der Maschine in ihrer Bestimmtheit Dingen zu vergleichen die alle schon in einer Lade liegen & von uns nun nach & nach herausgeholt werden. So aber reden wir nicht, wenn es sich darum handelt, das wirkliche Verhalten einer Maschine vorauszusagen; da vergessen wir, im Allgemeinen, nicht die Möglichkeiten der Deformation der Teile etc. etc.. Wohl aber, wenn wir uns darüber wundern, wie wir denn die Maschine als Symbol einer Bewegungsweise verwenden können – da sie sich doch auch ganz anders bewegen könne. Nun, wir könnten sagen, die Maschine, oder ihr Bild, stehe hier für uns als Anfang einer Bilderreihe, die wir aus diesem Bild abzuleiten gelernt haben. Wenn wir aber bedenken, daß sich die Maschine auch anders hätte bewegen können, so erscheint es uns leicht, als müßte in der Maschine als Symbol ihre Bewegungsart noch viel bestimmter enthalten sein, als in der wirklichen Maschine. Es genüge da nicht, daß dies die erfahrungsmäßig vorausbestimmten Bewegungen seien, sondern sie müßten sogar – in einem mysteriösen Sinne – bereits gegenwärtig sein. Und es ist ja wahr: die Bewegung des Maschinensymbols ist in anderer Weise vorausbestimmt, als die einer gegebenen wirklichen Maschine.
The machine (its construction) as a symbol for its mode of operation: The machine – I could say first – ‘seems to already have its mode of operation within itself’. What does that mean? By knowing the machine, everything else, namely the movements it will make, seems to be already quite determined. “We speak as if these parts could only move in this way, as if they could do nothing else.” How is it –: do we forget the possibility that they can bend, break, melt, etc.? Yes; in many cases we don’t even think about it. We use a machine, or an image of a machine, as a symbol for a specific mode of operation. We communicate, for example, this image to someone & assume that he derives the phenomena of the movement of the parts from it. (Just as we can communicate a number to someone by saying that it is the 25th in the series: 1, 4, 9, 16 …) “The machine seems to already have its mode of operation within itself” means: you are inclined to compare the future movements of the machine to things that are all already in a drawer & are now gradually taken out by us. However, we do not speak this way when it comes to predicting the actual behaviour of a machine; in general, we do not forget the possibilities of deformation of the parts, etc. etc.. But if we wonder how we can use the machine as a symbol of a mode of movement – since it could also move in a completely different way. Well, we could say that the machine, or its image, stands here for us as the beginning of a series of images, which we have learned to derive from this image. But if we consider that the machine could also have moved differently, it seems easy to us that the mode of movement must be contained in the machine as a symbol much more precisely than in the actual machine. It is not enough that these are the movements that are empirically predetermined, but they must even – in a mysterious sense – already be present. And it is true: the movement of the machine symbol is predetermined in a different way than that of a given actual machine.
§
32[1] &33[1] &
34[1]
Wer nun sagt: “Denk' doch nicht, die Maschine habe ihre Bewegungen schon in irgendeiner mysteriösen Weise in sich!” – der macht nicht auf einen Fehler aufmerksam, den der Ingenieur macht, der eine Maschine betrachtet, sondern er will sagen: laß Dich durch die Verwendung des ruhenden Bildes als Symbol der Bewegung nicht irren & durch Ausdrücke unsrer Sprache, wie: “ich kenne” (Gegenwart), oder “verstehe” die Wirkungsweise der Maschine, & nicht dazu verleiten, zu denken, es müsse da ein unerhörter Fall einer Gegenwärtigkeit des nicht Gegenwärtigen vorliegen, da jetzt schon in unveränderlicher Weise bestimmt sei, was geschehen wird. (Das eine ist die Bestimmtheit einer Erfahrungstatsache, das andre die Bestimmtheit einer Abmachung.) Unser Satz “Denk doch nicht etc.” sagt doch, der Andere sei in einer Einbildung. Aber in welcher Einbildung ist er? Nicht in einer, eine Maschine betreffend. Ja, es ist eigentlich überhaupt keine Einbildung, obwohl es sich etwa in die Sprache einer Einbildung kleidet. Statt “Denk doch nicht etc.” könnte man beinahe besser sagen: “Tu doch nicht etc.”. Laß Dich durch das Schillern der Ausdrucksweise unsrer Sprache nicht daran irren die Dinge zu sehen, wie sie sind. Durch einen Vergleich wirst Du dazu geführt, zu sagen: die weitere Verwendung des Symbols sei unerbittlich bestimmt, unerbittlich nämlich im Vergleich mit jeder erfahrungsmäßigen Bestimmtheit. Und dies ist ja keine Einbildung, denn Du kennst ja gar keine solche Über-Unerbittlichkeit; aber Du wirst dazu getrieben diesen Ausdruck zu verwenden.
Now, if one says: “Don’t think that the machine already has its movements in some mysterious way within itself!”—one is not pointing out a mistake that the engineer makes when looking at a machine, but rather wants to say: do not let yourself be misled by the use of the static image as a symbol of movement, & by expressions of our language, such as: “I know” (present), or “understand” the way the machine works, & do not let it lead you to think that there must be some unheard-of case of a presentness of what is not present, in that what will happen is already determined in an unchanging way. (One is the certainty of an empirical fact, the other the certainty of an agreement.) Our sentence “Don’t think etc.” says that the other person is under a delusion. But in what delusion is he? Not one concerning a machine. Yes, it is actually not a delusion at all, although it is perhaps clothed in the language of a delusion. Instead of “Don’t think etc.”, one could almost better say: “Don’t act as if etc.” Do not let the shimmering of the mode of expression in our language mislead you into seeing things as they are. Through a comparison, you will be led to say: the further use of the symbol is inexorably determined, inexorably, namely, in comparison with any empirical certainty. And this is not a delusion, because you do not know any such super-inexorability; but you are driven to use this expression.
§
35[1]“Es ist, als könnten wir die ganze Verwendung des Wortes mit einem Schlag erfassen” – Wie was z.B.? – Kann man sie nicht – in gewissem Sinne – mit einem Schlag erfassen? & in welchem Sinne kannst Du diese nicht mit einem Schlag erfassen? Es ist eben als könnten wir sie in einem noch viel direkteren Sinne mit einem Schlag erfassen. Aber hast Du dafür ein Vorbild? Nein. Es wird uns nur dieser Ausdruck nahe gelegt. Als das Resultat sich kreuzender Bilder.
“It’s as if we could grasp the entire use of the word in one fell swoop” – How exactly? – Can’t one grasp it – in a certain sense – in one fell swoop? & in which sense can’t you grasp it in one fell swoop? It’s simply as if we could grasp it in an even more direct sense. But do you have a model for that? No. We are only led to this expression. As the result of intersecting images.
§
35[2] &36[1]
Wie leicht kann sich die Idee niederschlagen: “das Metermaß ist unveränderlich, wie immer auch die Längen der Dinge sich verändern”. Von der Unveränderlichkeit kommt man zur Härte & Widerstandsfähigkeit. (Sehr komisch Haldane über die Ewige Wahrheit eines arithmetischen Satzes. ganz ähnlich: die Seelen der Menschen die unsichtbar, also durchsichtig sind (Grabbe))
How easily can the idea take hold: “the meter is immutable, no matter how the lengths of things change”. From immutability, one moves to hardness & resilience. (Very strange, Haldane on the eternal truth of an arithmetical sentence. Very similar: the souls of people, which are invisible, and therefore transparent (Grabbe)).
§
36[2]Du hast kein Vorbild dieser übermäßigen Tatsache, aber Du wirst dazu verführt, einen Über-Ausdruck zu brauchen.
You have no model for this excessive fact, but you are tempted to use a super-expression.
§
36[3] &37[1] &
38[1] &
39[1] &
40[1]
27.09.1937
Wann denkt man denn: die Maschine habe ihre möglichen Bewegungen schon in irgend einer mysteriösen Weise in sich? – Nun, wenn man philosophiert. Und was verleitet uns, das zu denken? Die Art & Weise, wie wir von der Maschine reden. Wir sagen z.B. die Maschine habe diese Bewegungsmöglichkeiten, wir sprechen von der ideal starren Maschine, die sich nur so & so bewegen könne. – Die Bewegungsmöglichkeit, was ist sie? Sie ist nicht die Bewegung; aber sie scheint auch nicht die bloße physikalische Bedingung der Bewegung zu sein, etwa, daß zwischen Lager & Zapfen ein gewisser Abstand ist, der Zapfen nicht zu streng ins Lager paßt. Denn dies ist zwar erfahrungsmäßig die Bedingung der Bewegung, aber man könnte sich die Sache auch anders vorstellen. Die Bewegungsmöglichkeit soll mehr wie ein Schatten der Bewegung selber sein. Aber kennst Du so einen Schatten?! Und unter Schatten verstehe ich nicht irgend ein Bild der Bewegung; denn dies Bild müßte ja nicht das Bild gerade dieser Bewegung sein. Aber die Möglichkeit dieser Bewegung muß die Möglichkeit gerade dieser Bewegung sein. (Sieh', wie hoch die Wellen der Sprache hier gehen.)
Die Wellen legen sich sofort, wenn wir (uns) fragen: wie gebrauchen wir denn, wenn wir von einer Maschine reden, das Wort “Möglichkeit der Bewegung”? – Woher kamen aber dann diese seltsamen Ideen? Nun, ich zeige Dir die Möglichkeit der Bewegung etwa durch ein Bild der Bewegung: ‘also ist die Möglichkeit etwas der Wirklichkeit Ähnliches’. Wir sagen: “es bewegt sich noch nicht, aber es hat schon die Möglichkeit sich zu bewegen”, ‘also ist die Möglichkeit etwas der Wirklichkeit selbst sehr nahes’. Wir mögen zwar bezweifeln ob die & die physikalische Bedingung, diese Bewegung möglich macht, aber wir diskutieren nie, ob dies die Möglichkeit dieser oder jener Bewegung sei: ‘also steht die Möglichkeit der Bewegung zur Bewegung selbst in einer einzigartig engen Relation, enger als die des Bildes zum Gegenstand’, denn es kann bezweifelt werden ob dies das Bild dieses oder jenes Gegenstandes ist. Wir sagen: “die Erfahrung wird lehren, ob dies dem Zapfen diese Bewegungsmöglichkeit gibt” aber wir sagen nicht: “die Erfahrung wird lehren, ob dies die Möglichkeit dieser Bewegung ist”: ‘also ist es nicht Erfahrungstatsache, daß diese Möglichkeit die Möglichkeit gerade dieser Bewegung ist.’ Wir achten auf unsere eigene Ausdrucksweise diese Dinge betreffend, verstehen sie aber nicht, sondern mißdeuten sie. Wir sind, wenn wir philosophieren, wie wilde, primitive Menschen, die die Ausdrucksweise zivilisierter Menschen hören, sie mißdeuten & nun die seltsamsten Schlüsse aus dieser Deutung ziehen.
27.09.1937
When does one think that the machine already has its possible movements in some mysterious way within itself? – Well, when one philosophizes. And what leads us to think this? The way we talk about the machine. We say, for example, that the machine has these movement possibilities, we speak of the ideally rigid machine, which can only move in this way or that way. – What is the movement possibility? It is not the movement; but it does not seem to be just the physical condition of the movement either, for example, that there is a certain distance between the bearing and the spindle, that the spindle does not fit too tightly into the bearing. For this is indeed, empirically, the condition of the movement, but one could also imagine the matter differently. The movement possibility is supposed to be more like a shadow of the movement itself. But do you know such a shadow?! And by shadow I do not mean any picture of the movement; for this picture would not have to be the picture of precisely this movement. But the possibility of this movement must be the possibility of precisely this movement. (See how high the waves of language rise here.)
The waves subside immediately when we ask: how do we, when we talk about a machine, use the word “possibility of movement”? – But where did these strange ideas come from then? Well, I show you the possibility of the movement with a picture of the movement: ‘so the possibility is something similar to reality’. We say: “it is not yet moving, but it already has the possibility of moving”, ‘so the possibility is something very close to reality itself’. We may indeed doubt whether this or that physical condition makes this movement possible, but we never discuss whether this is the possibility of this or that movement: ‘so the possibility of the movement stands in a uniquely close relationship to the movement itself, closer than that of the picture to the object’, because it can be doubted whether this is the picture of this or that object. We say: “experience will teach whether this gives the spindle this movement possibility”, but we do not say: “experience will teach whether this is the possibility of this movement”: ‘so it is not an empirical fact that this possibility is the possibility of precisely this movement’. We pay attention to our own way of expressing these things, but we do not understand them, but misinterpret them. When we philosophize, we are like wild, primitive people, who hear the way of speaking of civilized people, misinterpret it, and now draw the strangest conclusions from this interpretation.
§
41[1]Denke Dir, Einer verstünde unsre Vergangenheitsform nicht: “er ist hier gewesen”. Er sagt: “er ist”, das ist die Gegenwart, also sagt jener Satz, daß die Vergangenheit in einem gewissen Sinne gegenwärtig ist.
Imagine, someone doesn’t understand our past tense: “he was here”. He says: “he is”, that is the present, so that sentence says that the past is, in a certain sense, present.
§
41[2] &42[1]
“Aber ich meine nicht, daß, was ich jetzt (beim ‘Erfassen’) tue, die künftige Verwendung kausal & erfahrungsgemäß bestimmt, sonderndaß – in einer seltsamen Weise – diese Verwendung selbst, in irgend einem Sinne, gegenwärtig ist.” – Aber ‘in irgend einem Sinne’ ist sie es ja! (Wir sagen ja auch: “die Ereignisse der vergangenen Jahre sind mir gegenwärtig”). Eigentlich ist an dem, was Du sagst, falsch nur der Ausdruck: “in seltsamer Weise”. Das übrige ist richtig; & seltsam erscheint der Satz nur, wenn Du Dir ein anderes Sprachspiel zu ihm vorstellst, als das, in welchem wir ihn tatsächlich gebrauchen. (Jemand sagte mir, er habe sich als Kind darüber gewundert, wie denn der Schneider ein Kleid nähe; er dachte, dies heißt, es werde durch bloßes Nähen ein Kleid erzeugt indem man etwa Faden an Faden legt & aneinander näht.)
“But I don’t mean that what I do now (in ‘grasping’) causally & in terms of experience determines the future use, but rather that – in a strange way – this use itself is, in some sense, present.” – But in some sense, it is! (We also say: “the events of the past years are present to me”). Actually, only the expression “in a strange way” is false in what you say. The rest is correct; & the sentence only seems strange if you imagine a different language-game for it than the one in which we actually use it. (Someone told me that as a child he wondered how the tailor ‘sewed a dress’; he thought this meant that a dress was created by simply sewing, by putting thread to thread & sewing them together.)
§
42[2] &43[1]
Die unverstandene Verwendung des Wortes wird als Ausdruck eines seltsamen Vorgangs gedeutet. (Wie man sich die Zeit als seltsames Medium, die Seele als seltsames Wesen denkt.)
The misunderstood use of the word is interpreted as an expression of a strange process. (As one thinks of time as a strange medium, the mind as a strange essence.)
§CE
43[2]Die Schwierigkeit aber entsteht hier überall durch die Verwechslung von “ist” & “heißt”.
But the difficulty arises here everywhere through the confusion of “is” & “means”.
§
43[3] &44[1]
Die Verbindung, die keine kausale, erfahrungsmäßige, sondern eine viel strengere & härtere sein soll, ja, die so fest sein soll, daß das eine in gewissem Sinne das andre ist ist immer eine Verbindung in der Sprache.
The connection, which is not a causal, experiential one, but one that is much stricter & more rigid, yes, one that is so firm that the one is, in a certain sense, the other, is always a connection in language.
§
44[2]Woher weiß ich, daß dies Bild meine Vorstellung von der Sonne ist? – Ich nenne es (die) Vorstellung von der Sonne. Ich verwende es als Bild der Sonne.
How do I know that this image is my image of the sun? – I call it the image of the sun. I use it as an image of the sun.
§
44[3]Es ist nicht als ob, sondern wir reden, als ob es wäre.
It is not as if, but we speak as if it were.
§
44[4] &45[1] &
46[1]
28.09.1937
“Es ist, als könnten wir die ganze Verwendung des Wortes mit einem Schlag erfassen.” – Wir sagen ja, daß wir es tun. D.h., wir beschreiben ja, manchmal, was wir tun, mit diesen Worten. Aber es ist an dem, was geschieht, nichts Erstaunliches, nichts seltsames. Seltsam wird es, wenn wir dazu geführt werden, zu denken, daß die künftige Entwickelung auf irgend eine Weise schon im Akt des Erfassens gegenwärtig sein muß & doch nicht gegenwärtig ist. – Denn wir sagen, es sei kein Zweifel, daß wir das Wort … verstehen & anderseits liegt seine Bedeutung in seiner Verwendung. Es ist kein Zweifel, daß ich jetzt Schach spielen will; aber das Schachspiel ist dies Spiel durch alle seine Regeln (u.s.f.). Weiß ich also nicht, was ich spielen wollte, ehe ich gespielt habe? Oder aber, sind alle Regeln in meinem Akt der Intention enthalten? Ist es nur Erfahrung, die mich lehrt, daß auf diesen Akt der Intention für gewöhnlich diese Art des Spielens folgt? Kann ich also doch nicht sicher sein, was ich zu tun beabsichtigte? Und wenn dies Unsinn ist, welcherlei über-starre Verbindung besteht zwischen dem Akt der Absicht & dem Beabsichtigten? ‒ ‒Wo ist die Verbindung gemacht zwischen dem Sinn der Worte “Spielen wir eine Partie Schach!” & allen Regeln des Spiels? – Im Regelverzeichnis des Spiels, im Schach-Unterricht, in der täglichen Praxis des Spielens.
28.09.1937
“It is as if we could grasp the whole use of the word in one go.” – We do say that we do. I.e., we describe, sometimes, what we do with these words. But there is nothing surprising, nothing strange, about what is happening. It becomes strange when we are led to think that the future development must somehow be present in the act of grasping, yet it is not present. – For we say that there is no doubt that we understand the word … & on the other hand, its meaning lies in its use. There is no doubt that I now want to play chess; but the chess game is this game through all its rules (etc.). So, do I not know what I wanted to play before I played it? Or are all the rules contained in my act of intention? Is it only experience that teaches me that this kind of playing usually follows this act of intention? So can I not be sure what I intended to do? And if this is nonsense, what kind of over-rigid connection exists between the act of intention & what is intended? ‒ ‒Where is the connection made between the sense of the words “Let’s play a game of chess!” & all the rules of the game? – In the rule book of the game, in the chess instruction, in the daily practice of playing.
§
50[2]-relocatedEs ist sehr schwer Gedankenbahnen zu geben, wo schon viel Fahrgeleise sind, ob Deine eigenen, oder Andern, & nicht in eins der ausgefahrenen Gleise zu kommen. Es ist schwer, nur wenig von einem alten Gedankengleise abzuweichen.
It is very difficult to find new paths of thought where there are already so many established ones, whether your own or others’, & not to get onto one of the established tracks. It is difficult to deviate only slightly from an old line of thought.
§
46[2] &47[1]
Aber ist nicht gleich: gleich. Für die Gleichheit scheinen wir ein unfehlbares Paradigma zu haben in der Gleichheit eines Dinges mit sich selbst. Ich will sagen: “Hier kann es doch nicht verschiedene Deutungen geben. Wenn er etwas vor sich sieht, so sieht er auch Gleichheit.” Also sind zwei Dinge gleich, wenn sie so sind wie ein Ding? Und wie soll ich nun das, was mir das eine Ding zeigt, auf den Fall der zwei anwenden?
But isn't equal: equal. For equality, we seem to have an infallible paradigm in the equality of a thing with itself. I mean: “Here there can’t be different interpretations. If he sees something in front of him, then he also sees equality.” So, are two things equal if they are as one thing? And how am I supposed to apply what the one thing shows to the case of the two?
§
47[2] &48[1] &
49[1]
“Ein Ding ist mit sich selbst identisch” – Es gibt kein schöneres Beispiel eines nutzlosen Satzes, der aber dabei mit einem Spiel der Vorstellung verbunden ist. Es ist als legten wir das Ding, in der Vorstellung, in seine eigene Form hinein & sähen, daß es paßt. Wir könnten auch sagen:“Jedes Ding paßt in sich selbst.” – Oder anders: “Jedes Ding paßt in seine eigene Form hinein.” – Man schaut dabei ein Ding an & stellt sich vor, daß der Raum dafür ausgespart war & es nun genau hineinpaßt. ‘Paßt’ dieser Fleck in seine
weiße Umgebung? – Aber genau so würde es aussehen, wenn statt seiner erst ein Loch gewesen wäre & er nur genau hineinpaßte. Mit dem Ausdruck “er paßt” wird eben nicht einfach ein solches Bild beschrieben; vergäße man dies aber, so könnte man leicht diesen Satz aufstellen: “Jeder Farbfleck paßt genau in seine Umgebung.”
“A thing is identical with itself” – there is no finer example of a useless sentence that is, however, connected with a play of the imagination. It is as if we placed the thing, in our imagination, into its own form & saw that it fits. We could also say: “Every thing fits into itself.” – Or differently: “Every thing fits into its own form.” – One looks at a thing & imagines that the space was reserved for it & that it now fits exactly into it. Does this spot fit into its
white surroundings? – But precisely this is how it would look, if instead of it, there had first been a hole & it only fit exactly into it. With the expression “it fits,” one is not simply describing such an image; if one were to forget this, one could easily put forward this sentence: “Every colored spot fits exactly into its surroundings.”
§
49[2] &50[1] &
51[1]
Wann sagen wir denn: der Vollzylinder paßt in den Hohlzylinder? Da gibt es viele verschiedene Fälle; aber ein wichtiger ist der: wir stecken sie zusammen, probieren, ob sie passen. Passen sie dann, so sagen wir, sie passen; d.h., auch dann
wenn sie wieder getrennt sind – nämlich unter bestimmten Bedingungen. Probieren wir nun wieder, & sie passen nicht, – wann, sollen wir sagen, haben sie zu passen aufgehört. Diese Frage wird manchmal so beantwortet: der Zeitpunkt der Änderung ist der einer anderen Änderung (als wir den Zylinder erhitzten, da hat er aufgehört, zu passen). Wenn wir aber kein solches Kriterium für diesen Zeitpunkt haben; wenn wir – so zu sagen – gar nicht wissen, was in dem Intervall zwischen den Proben mit den Dingen geschieht? Passen sie nun, oder passen sie nicht.
When do we say that the solid cylinder fits into the hollow cylinder? There are many different cases; but an important one is this: we put them together, try whether they fit. If they then fit, we say that they fit; i.e., even when they are separated again – namely, under certain conditions. Now, if we try again, & they don't fit – when, should we say, have they ceased to fit? This question is sometimes answered as follows: the point of change is that of another change (when we heated the cylinder, it ceased to fit). But if we don't have such a criterion for that point in time; if we – so to speak – don't even know what happens in the interval between the trials with the things? Do they fit now, or do they not fit?
§CE
51[2] &52[1] &
53[1] &
54[1]
Man sagt: “Es ist schwer zu wissen, ob diese Medizin wirklich hilft oder nicht, weil man nicht weiß, ob der Schnupfen länger gedauert hätte oder ärger gewesen wäre, wenn man sie nicht genommen hätte.” Wenn man dafür wirklich keinen Anhaltspunkt hat, ist es dann bloß schwer zu wissen? Ich hätte eine Medizin erfunden; ich sage: diese Medizin einige Monate hindurch genommen verlängert das Leben jedes Menschen um einen Monat. Hätte er sie nicht genommen, so wäre er einen Monat früher gestorben. “Man kann nicht wissen, ob es wirklich die Medizin war; ob er nicht ohne sie ebenso lang gelebt hätte.” – Ist diese Ausdrucksweise nicht irreführend? Sollte es nicht besser heißen: “Es heißt nichts, von dieser Medizin zu sagen, sie verlängere das Leben; wenn eine Prüfung des Satzes in dieser Weise ausgeschlossen ist.” Nämlich: wir haben hier zwar einen richtigen deutschen Satz nach Analogie oft gebrauchter Sätze gebildet, aber Du bist Dir nicht klar über den grundlegenden Unterschied in den Verwendungen dieser Sätze. Diese zu übersehen, ist nicht leicht. Der Satz liegt Dir vor Augen, aber nicht eine übersichtliche Darstellung der Verwendung. Mit “Es heißt nichts …” will ich also sagen: dies sind Worte, die Dich (etwa) irreführen, sie spiegeln einen Gebrauch vor, den sie nicht haben. Sie rufen wohl auch eine Vorstellung hervor, (der Verlängerung des Lebens, etc.) aber das Spiel mit dem Satz ist so eingerichtet, daß es die wesentliche Pointe nicht hat, die dem Spiel mit ähnlich gebauten Sätzen seinen Nutzen gibt (wie der ‘Wettlauf zwischen dem Hasen & dem Igel’ zwar aussieht wie ein Wettlauf, aber keiner ist).
One says: “It is difficult to know whether this medicine really helps or not, because one does not know whether the cold would have lasted longer or been worse if one had not taken it.” If one really has no basis for this, is it then merely difficult to know? I would invent a medicine; I say: this medicine, when taken for several months, extends the life of every person by one month. If he had not taken it, he would have died one month earlier. “One cannot know whether it was really the medicine; whether he would not have lived just as long without it.” – Is this way of expressing it not misleading? Shouldn't it rather say: “It means nothing to say that this medicine extends life; if a test of the sentence in this way is excluded.” Namely: we have here formed a correct German sentence, analogous to often used sentences, but you are not clear about the fundamental difference in the uses of these sentences. To overlook this is not easy. The sentence is before your eyes, but not a surveyable representation of the use. With “It means nothing…” I want to say: these are words that (roughly) mislead you, they reflect a use that they do not have. They probably also evoke an image (of the extension of life, etc.), but the game with the sentence is so arranged that it does not have the essential point that gives the game with similarly constructed sentences its value (just as the ‘race between the hare & the hedgehog’ looks like a race, but is not one).
§CE
54[2]Du mußt Dich fragen: was nimmt man als Kriterien dafür, daß eine Medizin geholfen hat? Es gibt verschiedene Fälle. In welchen Fällen sagt man: “Es ist schwer zu sagen, ob sie geholfen hat”. In welchen Fällen ist die Redeweise als sinnlos zu verwerfen: “Man kann natürlich nie sicher sein, ob es die Medizin war, die geholfen hat”.
You must ask yourself: what criteria does one take for the fact that a medicine has helped? There are different cases. In which cases does one say: “It is difficult to say whether it has helped.” In which cases is the way of speaking to be rejected as senseless: “One can, of course, never be sure whether it was the medicine that helped.”
§CE
54[3] &55[1] &
56[1]
Wann nennen wir zwei Körper gleich schwer? Wenn wir sie gewogen haben, oder nur während wir sie wägen? Wenn wägen das einzige Kriterium für das Gewicht ist, wann hat nun ein Körper sein Gewicht geändert, wenn er jetzt mehr wiegt, als früher? Der Sprachgebrauch könnte so sein: der Körper hat das & das Gewicht, bis er beim Wägen ein anderes zeigt; Auf die Frage: “wann hat er sein Gewicht geändert?” gibt man den Zeitpunkt dieser Wägung an. – Oder: man sagt: “Man kann nicht wissen, wann er sein Gewicht ändert, wir wissen nur: bei der ersten Wägung hatte er dieses, bei der zweiten jenes Gewicht.” – Oder: “Es ist sinnlos zu fragen, wann er sein Gewicht geändert hat, man kann nur fragen, wann sich die Gewichtsänderung gezeigt hat”.
When do we call two objects equally heavy? When we have weighed them, or only while we are weighing them? If weighing is the only criterion for weight, when has an object changed its weight if it now weighs more than before? Linguistic usage could be such that the object has this and that weight until, when weighed, it shows a different one; in response to the question: “When did it change its weight?”, one gives the time of this weighing. – Or: one says: “One cannot know when it changes its weight; we only know that during the first weighing it had this weight, during the second that weight.” – Or: “It is senseless to ask when it changed its weight; one can only ask when the change in weight became apparent.”
§CE
56[2] &57[1] &
58[1] &
59[1]
29.09.1937
“Aber der Körper hatte doch zu jeder Zeit irgend ein Gewicht, also war doch die Antwort die richtige: wir wüßten nicht wann er es geändert habe.” – Und wie, wenn wir sagten, ein Körper habe gar kein Gewicht, außer dann wenn es sich irgendwie zeigt, oder, er habe kein bestimmtes Gewicht, außer wenn es gemessen wird? Könnten wir nicht auch dieses Spiel spielen? Denke, wir verkaufen ein Material ‘nach seinem Gewicht’ & das Herkommen ist so: Wir wägen das Material alle fünf Minuten & berechnen dann den Preis nach dem Resultat der letzten Wägung. Oder ein anderes Herkommen: Wir berechnen den Preis auf diese Weise nur wenn das Gewicht bei der Wägung nach dem Kauf das gleiche ist, hat es sich dann geändert, so berechnen wir den Preis nach dem arithmetischen Mittel der beiden Gewichte. Welche Art der Preisbestimmung ist die richtigere? – (Wenn sich der Preis einer Ware von gestern auf heute geändert hat, wann hat er sich geändert? Wie hoch stand er um 12 Uhr Mitternacht, als niemand kaufte?) Resultat: Die Verbindung der Ausdrücke: “der Körper hat jetzt das Gewicht …”, “der Körper wiegt jetzt ungefähr …”, “ich weiß nicht, wieviel er jetzt wiegt”, mit dem Ergebnis einer Wägung ist keine ganz einfache, hängt von verschiedenen Umständen ab, wir können mit der Wägung, & also mit diesen Sätzen, uns leicht verschiedene Spiele gespielt denken. Und das Gleiche gilt von der Rolle des Wortes “passen” in unsern Sprachspielen.
29.09.1937
“But the body must have had some weight at all times, so the answer was correct: we didn't know when it had changed.” – And what if we said that a body has no weight at all, except when it somehow shows, or that it has no definite weight, except when it is measured? Couldn't we play this language-game too? Suppose we sell a material ‘according to its weight’ & the practice is as follows: We weigh the material every five minutes & then calculate the price according to the result of the last weighing. Or another practice: We calculate the price in this way only if the weight at the weighing after the purchase is the same, if it has changed, then we calculate the price according to the arithmetic mean of the two weights. Which of these methods of price determination is the more correct? – (If the price of a good has changed from yesterday to today, when did it change? What was it at 12 o'clock midnight, when no one was buying?) Result: The connection of the expressions: “the body now has the weight…”, “the body now weighs approximately…”, “I don't know how much it weighs now”, with the result of a weighing is not entirely simple, it depends on various circumstances, we can easily imagine different language-games being played with the weighing, & thus with these sentences. And the same applies to the role of the word “to fit” in our language-games.
§VB
59[2] &60[1] &
61[1]
01.10.1937
Russell tat im Laufe unserer Gespräche oft den Ausspruch: “Logic 's hell!” – Und dies drückt ganz aus, was wir beim Nachdenken über die logischen Probleme empfanden; nämlich ihre ungeheure Schwierigkeit. Ihre Härte – ihre Härte & Glätte. Der Hauptgrund dieser Empfindung war, glaube ich, das Faktum: daß jede neue Erscheinung der Sprache, an die man nachträglich denken mochte die frühere Erklärung als unbrauchbar erweisen konnte. Das aber ist die Schwierigkeit in die Sokrates verwickelt wird, wenn er versucht, Begriffe zu definieren. Immer wieder taucht eine Anwendung des Wortes auf, die mit dem Begriff nicht vereinbar erscheint, zu dem uns andere Anwendungen geleitet haben. Man sagt: es ist doch nicht so! – aber es ist doch so! – & kann nichts tun als sich diese Gegensätze beständig zu wiederholen.
01.10.1937
Russell often made the statement during our conversations: “Logic is hell!” – And this expresses completely what we experienced when thinking about the logical problems; namely, their immense difficulty. Their harshness – their harshness & smoothness. I believe the main reason for this feeling was the fact that any new phenomenon of language, that one might later think about, could prove the earlier explanation to be unusable. But that is the difficulty in which Socrates becomes involved when he tries to define concepts. Again & again, an application of the word appears that does not seem to be compatible with the concept to which other applications have led us. One says: it is not so! – but it is so! – & can do nothing but constantly repeat these contradictions.
§
61[2]Francis nach Bergen gefahren. Die letzten 5 Tage waren schön: er hatte sich in das Leben hier hineingefunden & tat alles mit Liebe & Güte, & ich war, Gott sei Dank, nicht ungeduldig, und hatte auch wahrhaftig keinen Grund, außer meine eigene böse Natur: Begleitete ihn gestern bis Sogndal; heute in meine Hütte zurück. Etwas bedrückt, auch müde. Wie wird es weiter gehen? Möge es gut gehen.
Francis drove to Bergen. The last 5 days were nice: he had settled into life here & did everything with love & kindness, & I was, thank God, not impatient, & also truly had no reason to be, except for my own evil nature: Accompanied him yesterday to Sogndal; today back to my cabin. Somewhat dejected, also tired. How will it go on? May it go well.
§
61[3] &62[1] &
63[1]
Was geht da vor, wenn Einer versucht, eine Figur mit ihrem Spiegelbild durch Verschieben in der Ebene zur Deckung zu bringen & es ihm nicht gelingt? Er legt sie in verschiedener Weise aufeinander; blickt auf die Teile, die sich nicht decken, ist unbefriedigt, sagt etwa: “es muß doch gehen”, & legt die Figuren wieder anders zusammen. Was geht vor, wenn Einer versucht ein Gewicht aufzuheben & es ihm nicht gelingt, weil das Gewicht zu schwer ist? Er nimmt die & die Stellung ein, faßt das Gewicht an & spannt die & die Muskeln an, dann läßt er das Gewicht los & gibt etwa Zeichen der Unbefriedigung. Worin zeigt sich die geometrische logische, Unmöglichkeit der ersten Aufgabe? “Nun er hätte doch an einem Bild oder in andrer Weise zeigen können wie das aussieht was er im zweiten Versuch anstrebt.” Aber er behauptet das auch im ersten Fall zu können, indem er zwei gleiche kongruente Figuren mit einander zur Deckung bringt. – Was sollen wir nun sagen? Daß diese beiden Fälle eben verschieden sind? Aber so sind ja auch Bild & Wirklichkeit im zweiten Fall.
What is going on when one tries to bring a figure and its mirror image into coincidence by shifting them in the plane, and it doesn't succeed? One places them in various ways; looks at the parts that don't coincide, is dissatisfied, says something like: “it must be possible,” and puts the figures together differently again. What is going on when one tries to lift a weight and it doesn't succeed, because the weight is too heavy? One assumes this and that position, takes hold of the weight and tenses this and that muscle, then lets the weight go and shows signs of dissatisfaction. In what does the geometrical, logical impossibility of the first task manifest itself? “Well, he could have shown in a picture or in some other way what he is aiming for in the second attempt.” But he claims to be able to do this in the first case as well, by bringing two identical, congruent figures into coincidence. – What are we to say now? That these two cases are simply different? But that is also the case with picture and reality in the second case.
§
63[2] &64[1]
02.10.1937
Es wird mir sehr schwer fallen, mich mit dem Auslassen der Arbeitskraft, d.h. der Phantasie, abzufinden. Was soll ich tun, wenn sie ausläßt? Die Arbeit aufgeben? Oder wie soll ich dann weitermachen, daß sie etwas anständig bleibt?
October 2, 1937
It will be very difficult for me to reconcile myself to dispensing with the use of mental energy, i.e., imagination. What should I do when it runs out? Give up the work? Or how should I continue so that it remains at least somewhat decent?
§
64[2]03.10.1937
Verschiedene Aspekte der Definition: – Man sagt: “Du bleibst 6 Wochen fort – das ist anderthalb Monate, das ist eine lange Zeit!”, “Die Fahrt kostet 9 Schillinge – das ist beinahe ein halbes Pfund; das ist viel!” Es ist gewiß nur eine Änderung des Ausdrucks, statt “6 Wochen” “1½ Monate” zu sagen & statt “9s”, “beinahe ein halbes Pfund”.
October 3, 1937
Various aspects of the definition: – One says: “You will be away for 6 weeks – that is a month and a half, that is a long time!”, “The journey costs 9 shillings – that is almost half a pound; that is a lot!” It is certainly only a change in the expression, instead of saying “6 weeks” one says “1½ months” and instead of “9s”, “almost half a pound”.
§
64[3]Dieses Buch könnte man ein Lehrbuch nennen. Ein Lehrbuch aber nicht dadurch, daß es Wissen vermittelt, sondern, dadurch, daß es zum Denken anregt.
One could call this book a textbook. But not a textbook in the sense that it imparts knowledge, but rather in the sense that it stimulates thinking.
§
65[1]Meine Schwierigkeit ist es jetzt, zu wissen, welche Auswahl oder Menge meiner Bemerkungen noch genießbar ist. Denn was ungenießbar ist ist auch nicht nützlich. Mein Urteil aber schwankt & ich weiß nicht, wo die Grenze zu ziehen ist.
My difficulty now is to know which selection or amount of my remarks is still enjoyable. For what is unenjoyable is also not useful. But my judgment wavers and I don't know where to draw the line.
§
65[2]04.10.1937
In der Philosophie kann man eine Frage durch hundert andere beantworten.
October 4, 1937
In philosophy, one can answer a question by means of a hundred other questions.
§
65[3] &66[1]
Man kann 13 × 13 = 369 auf Grund des Beweises als Regel annehmen. “Man kann nicht glauben die Rechnung liefere 369, weil das Resultat zur Rechnung gehört.” Das kommt also drauf an welchen Begriff von der Rechnung ich habe. Oder: was nenne ich “die Multiplikation von 13 mit 13”? Nur das richtige Multiplikationsbild an dessen unterem Ende “369” steht? oder auch etwas, was man normalerweise eine falsche Multiplikation nennt? Ich könnte ja sagen: Er glaubt, daß dies Schriftbild, & an dessen Ende 369 steht, die Multiplikation 13 × 13 ist.
One can, on the basis of the proof, take 13 × 13 = 369 as a rule. “One cannot believe that the calculation yields 369, because the result belongs to the calculation.” So it depends on what concept of calculation I have. Or: what do I call “the multiplication of 13 by 13”? Only the correct multiplication picture at the bottom of which “369” is written? Or also something that one would normally call a false multiplication? I could say: He believes that this script is, and at the end of which 369 is written, the multiplication 13 × 13.
§
66[2] &67[1] &
68[1]
Wie ist festgelegt, welches Bild die Multiplikation 13 × 13 ist? Ist es nicht durch die Multiplikationsregeln bestimmt? Aber wie wenn Dir mit Hilfe dieser Regeln heute etwas anderes herauskommt als was in allen Rechenbüchern steht? Ist das nicht möglich? – “Nicht, wenn Du die Regeln anwendest wie sie!” – Freilich nicht! Aber das ist ja selbstverständlich. Und wo steht, wie sie anzuwenden sind – & wenn es irgendwo steht, wo steht, wie dies anzuwenden ist? – Was ist also die Multiplikation 13 × 13 – oder, wonach soll ich mich beim Multiplizieren richten: nach den Regeln oder nach der Multiplikation die in den Rechenbüchern steht – wenn diese beiden nämlich nicht überein stimmen? – Ich weiß sie stimmen immer überein & sollte einmal jemand hartnäckig etwas anderes herausbringen so würden wir ihn für verrückt erklären. Und das heißt nicht nur: in welchem Buch steht es, sondern auch, in welchem Kopf?
How is it determined which picture is the multiplication 13 × 13? Is it not determined by the rules of multiplication ? But what if, with the help of these rules, something different comes out today than what is in all the arithmetic books? Is that not possible? – “Not, if you apply the rules as they are!” – Of course not! But that is self-evident. And where does it say how they are to be applied – and if it is written somewhere, where does it say how this is to be applied? – What then is the multiplication 13 × 13 – or, according to what should I proceed when multiplying: according to the rules or according to the multiplication that is in the arithmetic books – if these two do not, in fact, agree? – I know they always agree, and if someone stubbornly produces something different, we would declare him crazy. And that does not only mean: in which book is it written, but also, in which head?
§
68[2] &69[1]
Mir geht in den letzten Wochen immer wieder ein Thema im Kopf herum & ich brumme oder pfeife es: es ist der Schluß der Ouvertüre zu den ‘Lustigen Weibern‘, manchmal auch ein andres Stück der Ouvertüre. Es entspricht dies gar nicht besonders meiner Stimmung, noch habe ich das Stück so besonders gern & doch drängt es sich mir immer wieder auf. Ich möchte wissen warum. Als ich diese Zeilen schrieb & das Wort “Lustige Weiber”, dachte ich: sollte da der Schlüssel liegen? Aber ich wüßte nicht, wieso. Ich glaube das Thema fiel mir damals ein als ich noch bei Anna Rebni wohnte & da konnte das damit zusammenhängen, daß dort in der Küche ein paar lustige Weiber waren, aber die machten mir keinen großen Eindruck.
For the past few weeks, a theme has kept recurring in my mind, and I hum or whistle it: it is the end of the overture to ‘The Merry Wives of Windsor’, sometimes also another piece from the overture. This doesn’t particularly correspond to my mood, nor do I particularly like the piece, and yet it keeps forcing itself upon me. I want to know why. When I wrote these lines and said “The Merry Wives”, I thought: could the answer lie there? But I wouldn’t know why. I think the theme came to me when I was still living with Anna Rebni, and it could be connected to the fact that there were a few merry women in the kitchen there, but they didn’t make much of an impression on me.
§
69[2] &70[1]
“Ich glaube … × … gibt … – ich muß nachrechnen.” So sagt man. Man könnte natürlich auch sagen: ich glaube die Multiplikation 13 × 13 endet so …. Wie man auch sagt: ich glaube, das Thema welches so anfängt: …, hat diesen Schluß: …. – Aber ist das dann ein ‘mathematischer’ Glaube? Warum soll man es nicht so nennen? Aber in der Mathematik d.h. dem Gebäude aus Beweisen & Sätzen kommt allerdings kein Glaube vor.
“I think… × … equals… – I have to calculate it.” That’s what one says. Of course, one could also say: I think the multiplication 13 × 13 ends with…. Or, one could say: I think the theme which begins like this: …, has this ending: …. – But is that then a ‘mathematical’ belief? Why shouldn’t one call it that? But in mathematics, i.e. in the edifice of proofs and sentences, belief does not occur.
§
70[2]Welche Regel machte ich ([→ S. 75])? Ich will nicht sagen: “ich glaube daß n × m = r ist.” aber etwa: “ich glaube, daß ‘r’ das Resultat der Multiplikation ‘n × m’ ist.”
What rule did I establish ([→ p. 75])? I don’t want to say: “I believe that n × m = r,” but rather: “I believe that ‘r’ is the result of the multiplication ‘n × m’.”
§
70[3] &71[1]
Ich bin viel zu wenig dankbar für die Gabe der Arbeit! (Wie auch für alle anderen Gaben.) –
I am far too ungrateful for the gift of work! (As also for all other gifts.) –
§VB
71[2] &72[1]
Die Quelle, die in den Evangelien ruhig & klar fließt, scheint in den Briefen des Paulus zu schäumen. Oder, so scheint es mir. Vielleicht ist es eben bloß meine eigene Unreinheit, die hier die Trübung hineinsieht; denn warum sollte diese Unreinheit nicht das klare verunreinigen können? Aber mir ist es, als sähe ich hier menschliche Leidenschaft, etwas wie Stolz oder Zorn, was sich nicht mit der Demut der Evangelien reimt. Als wäre hier doch ein Betonen der eigenen Person, & zwar als religiöser Akt, was dem Evangelium fremd ist. Ich möchte fragen – & möge dies keine Blasphemie sein – : “Was hätte wohl Christus zu Paulus gesagt?” Aber man könnte mit Recht darauf antworten: Was geht Dich das an? Schau, daß Du anständiger wirst! Wie Du bist, kannst Du überhaupt nicht verstehen, was hier die Wahrheit sein mag.
The source that flows calmly & clearly in the Gospels seems to foam in the letters of Paul. Or, at least, that is how it seems to me. Perhaps it is simply my own impurity that sees this turbidity here; for why should this impurity not be able to pollute the clear? But it seems to me as if I see human passion here, something like pride or anger, which does not rhyme with the humility of the Gospels. As if here, after all, there is an emphasis on one’s own person, & namely as a religious act, which is foreign to the Gospel. I would like to ask – & may this not be blasphemy – : “What would Christ probably have said to Paul?” But one could rightly reply: What is it to you? See that you become more decent! As you are, you cannot possibly understand what the truth here might be.
§VB
72[2] &73[1]
In den Evangelien – so scheint mir – ist alles schlichter, demütiger, einfacher. Dort sind Hütten, – bei Paulus eine Kirche. Dort sind alle Menschen gleich & Gott selbst ein Mensch; bei Paulus gibt es schon etwas wie eine Hierarchie; Würden, & Ämter. – So sagt quasi mein Geruchssinn.
In the Gospels – so it seems to me – everything is simpler, more humble, more straightforward. There are huts there, – in Paul a church. There all people are equal and God himself is a human being; in Paul there is already something like a hierarchy; ranks, and offices. – This is what my sense of smell tells me, so to speak.
§
73[2] &74[1] &
75[1]
05.10.1937
[→ S. 75]
(Ich möchte sagen:) “Wenn ich glaube, daß 13 × 13 = 169 ist – & es kommt ja vor, daß ich so etwas glaube – sage, daß ich es glaube – so glaube ich nicht den mathematischen Satz, denn der steht am Ende eines Beweises, ist das Ende eines Beweises, sondern ich glaube, daß dies die Formel ist, die dort & dort steht, die ich so & so erhalten werde, u. dergl.” Und das klingt ja, als dränge ich in den Vorgang des Glaubens eines solchen Satzes ein. Während ich nur – in ungeschickter Weise – auf den fundamentalen Unterschied weise zwischen der Rolle eines arithmetischen Satzes & der eines Erfahrungssatzes. Denn ich sage eben unter gewissen Umständen: “ich glaube daß … × … = … ist”. Was meine ich damit? – Was ich sage! – Wohl aber ist die Frage interessant unter welchen Umständen sage ich dies & wie sind sie charakterisiert zum Unterschied von den Umständen unter denen ich sage: “ich glaube es wird regnen”. Denn was Dich beschäftigt ist ja dieser Unterschied. Wir verlangen danach, ein Bild zu erhalten, vor der Verwendung der mathematischen Sätze “einschließlich der Sätze: “ich glaube, daß p” wenn p ein mathematischer Satz ist.
05.10.1937
[→ p. 75]
(I would like to say:) “When I believe that 13 × 13 = 169 – and it does happen that I believe something like that – say, that I believe it – then I do not believe the mathematical sentence, because it is the end of a proof, the end of a proof, but I believe that this is the formula that is there and there, that I will obtain it in this way and so on.” And that sounds as if I am forcing myself into the process of believing such a sentence. Whereas I only – in an awkward way – point to the fundamental difference between the role of an arithmetical sentence and that of an empirical proposition. For I do indeed say under certain circumstances: “I believe that … × … = …”. What do I mean by that? – What I say! – But the question is interesting under what circumstances do I say this and how are they characterized in contrast to the circumstances under which I say: “I believe it will rain”. Because what concerns you is this difference. We desire to have an image before using the mathematical sentences “including the sentences: ‘I believe that p’ when p is a mathematical sentence.
§
75[2][→ S. 76.]
“Wenn Du sagst ‘ich glaube daß das Rochieren so & so vor sich geht’ so glaubst Du nicht die Schachregel, sondern Du glaubst etwa, daß dies eine Regel des Schaches ist”. Das heißt doch: “Der Satz: ‘das Rochieren geht so & so vor sich’, ist doch eine Regel – & was heißt es denn eine Regel (zu) glauben?” –
[→ p. 76.]
“When you say ‘I believe that the castling takes place in this way,’ you don’t believe the chess rule, but you believe that this is a rule of chess.” That is, “The sentence: ‘The castling takes place in this way,’ is a rule – and what does it mean to believe a rule?”
§
75[3] &76[1]
– – – Nun, es kommt tatsächlich nie vor, daß der, welcher rechnen gelernt hat, bei dieser Multiplikation hartnäckig etwas anderes heraus bringt, als was in den Rechenbüchern steht. Sollte es aber geschehen, so würden wir ihn für abnorm erklären, & von seiner Rechnung weiter keine Notiz nehmen.
– – – Well, it never actually happens that someone who has learned to calculate persistently produces a different result in this multiplication than what is in the calculation books. If it were to happen, we would declare him abnormal, and no longer take note of his calculation.
§
76[2] &77[1]
“Mit diesen Stücken kannst Du die Figur legen.” Das ist doch eine Art Vorhersage! Und die beruht doch darauf daß, wenn er nur weiß, wie die Stücke sich wirklich zu dieser Figur zusammenschieben lassen.
“With these pieces you can arrange the figure.” This is, after all, a kind of prediction! And it is based on the fact that, if he only knows how the pieces can actually be arranged to form this figure.
§
77[2]Lese im Evangelium, aber ohne Verständnis.
Read in the Gospel, but without understanding.
§
77[3]06.10.1937
– – – Kannst Du mir zeigen, wie es ist, wenn sie sich ‘in einem Punkt berühren’?
October 6, 1937
– – – Can you show me what it is like when they ‘touch in a point’?
§
77[4][→ S. 88.]
In einer Demonstration einigen wir uns mit jemand. Einigen wir uns in ihr nicht, so trennen sich unsere Wege, ehe es zur Sprache kommt.
[→ p. 88.]
In a demonstration we agree with someone. If we do not agree in it, then our paths diverge before it even comes to language.
§
77[5] &78[1]
[→ S. 89.]
Es ist ja nicht wesentlich daß der Eine die Demonstration dem Anderen vorführt. Es können ja beide sie sehen & anerkennen.
[→ p. 89.]
It is not essentially the case that one person demonstrates to the other. Both can see it and acknowledge it.
§
78[2]Meine Bemerkungen müßten eigentlich eine Wunderwelt eröffnen; wenn sie dazu nicht zu flau wären.
My remarks should actually open up a wondrous world; if they weren’t too dreary for that.
§
78[3]“Wenn die Gestalt der Gruppe dieselbe ist, so muß sie sich so teilen lassen.”
“If the shape of the group is the same, then it must be possible to divide it in this way.”
§
78[4]07.10.1937
[→ S. 94]
Ich hätte auch sagen können: Wesentlich ist nie die Eigenschaft des Gegenstandes, sondern das Merkmal des Begriffes.
October 7, 1937
[→ p. 94]
I could also have said: What is essential is never the property of the object, but the characteristic of the concept.
§
78[5] &79[1]
‘Wenn die Gestalt der Gruppe dieselbe ist, so muß sie sich so teilen lassen. Denn das gehört zur Gestalt.’
‘If the shape of the group is the same, then it must be possible to divide it in this way. Because that belongs to the shape.’
§
79[2] &80[1]
Wir sind immer zu sehr geneigt von okkulten Vorgängen zu reden, statt bloß von alltäglichen, allbekannten. Ein gewisser ‘behaviourism’ ist darum unschätzbar, weil er (uns) lehrt, an das zu denken, was wir kennen, womit wir vertraut sind, statt an Fiktionen unsrer Sprache, die Schemata unsrer Ausdrucksform. (Ähnlich: Zeit & Uhr.) Wir werden aber durch unsere Spekulationen gegen unsern Willen zum Ausgefallenen, Seltsamen geführt & es bedarf immer wieder eines Entschlusses & einer Anstrengung, zum Wohlbekannten zurückzukehren.
We are always too inclined to talk about occult processes, instead of simply about everyday, well-known ones. A certain ‘behaviorism’ is therefore invaluable, because it teaches us (to think about) what we know, what we are familiar with, instead of the fictions of our language, the schemata of our form of expression. (Similarly: time & clock.) But our speculations, against our will, lead us to the unusual, the strange, and it always requires a decision and an effort to return to what is well-known.
§
80[2]“Das ist mir nie aufgefallen”, obwohl ich es hundertmal gesehen habe. Der Zweck eines Experiments ist es nicht, Dich aufmerksam zu machen auf das, was Du schon längst wußtest.
“I have never noticed that,” even though I have seen it a hundred times. The purpose of an experiment is not to make you aware of what you have long known.
§
80[3][→ S. 95.]
Warum sind die philosophischen Fragen so beunruhigend, aufregend? Oder soll ich sagen: Die Philosophischen Fragen entspringen einer gewissen Aufregung, denn der Krampf des Denkens ist eben von Aufregung begleitet. (Ähnlichkeit mit dem Nägelbeißen.)
[→ p. 95.]
Why are philosophical questions so unsettling, exciting? Or should I say: Philosophical questions arise from a certain excitement, because the strain of thinking is accompanied by excitement. (Similar to nail-biting.)
§
81[1]Man kann sagen: Der Philosophierende, muß immer wieder erst trachten, zur Ruhe zu kommen.
One can say: The person who philosophizes must always strive to come to rest.
§
81[2][→ S. 95]
‘War die Gestalt dieselbe, so muß sie dieselben Aspekte, Möglichkeiten der Teilung, haben. Hat sie andere (Aspekte), so ist es nicht die gleiche Gestalt; sie hat Dir dann vielleicht irgendwie den gleichen Eindruck gemacht; aber dieselbe Gestalt ist sie nur, wenn Du sie auf gleiche Weise zerteilen kannst.
[→ p. 95]
‘If the shape was the same, then it must have the same aspects, possibilities of division. If it has other (aspects), then it is not the same shape; it may have somehow made the same impression on you; but it is only the same shape if you can divide it in the same way.
§
81[3]Ich denke immer noch zu wenig klar & zu wenig tief.
I still think too unclearly and not deeply enough.
§
81[4] &82[1] &
83[1]
[→ S. 95.]
Es ist doch, als würde dies das Wesen der Gestalt aussprechen. – Aber es ist als sagte ich: Wer über das Wesen spricht, – konstatiert bloß eine Übereinkunft. Und da möchte man etwa sagen: es gibt doch nichts verschiedeneres, als ein Satz über die Tiefe des Wesens & einer – über das Oberflächliche einer Übereinkunft. Wie aber, wenn ich antworte: der Tiefe des Wesens entspricht die Tiefe des Bedürfnisses nach jener Übereinkunft. Wenn ich (also) sage: “es ist als spräche dieser Satz das Wesen der Gestalt aus”, so meine ich damit: es ist doch, als sagte dieser Satz eine Eigenschaft des Wesens Gestalt aus! – Und man kann sagen: Das Wesen, von dem er eine Eigenschaft aussagt & das ich hier das Wesen ‘Gestalt’ nenne, ist das Bild, das ich nicht umhin kann, mir beim Wort “Gestalt” zu machen.
[→ p. 95.]
It is as if this were expressing the essence of the shape. – But it is as if I were saying: Whoever speaks of the essence is merely stating an agreement. And one might want to say: there is nothing more different than a sentence about the depth of the essence and one about the superficiality of an agreement. But what if I reply: the depth of the essence corresponds to the depth of the need for that agreement. If I (therefore) say: “it is as if this sentence expresses the essence of the shape,” then I mean by that: it is as if this sentence expresses a property of the essence shape! – And one can say: The essence, of which it states a property and which I here call the essence ‘shape,’ is the picture that I cannot help but form when I hear the word “shape.”
§VB
83[2]Laß uns menschlich sein. –
Let us be human. –
§VB
83[3] &84[1]
Nahm soeben Äpfel aus einem Papiersack, wo sie lang gelegen hatten; viele mußte ich zur Hälfte wegschneiden & wegwerfen. Als ich dann einen Satz von mir abschrieb, dessen letzte Hälfte schlecht war, sah ich ihn gleich als zur Hälfte faulen Apfel. Und so geht es mir überhaupt. Alles was mir in den Weg kommt wird mir zum Bild dessen, worüber ich nachdenke. (Ist dies eine gewisse Weiblichkeit der Einstellung?)
Just took apples out of a paper bag, where they had been lying for a long time; I had to cut half of them in half and throw them away. When I then wrote down a sentence of mine, the last half of which was bad, I immediately saw it as a half-rotten apple. And that is how it is with me in general. Everything that comes my way becomes a picture of what I am thinking about. (Is this a certain femininity of attitude?)
§
84[2]08.10.1937
Fühle mich beim kompilieren meiner Bemerkungen nicht ganz wohl.
October 8, 1937
I don't feel quite comfortable compiling my remarks.
§
84[3] &85[1]
‘Auch lügen muß gelernt werden.’ (Ich habe gehört, es gibt einen Volksstamm, der zu primitiv ist, um zu lügen.) Das scheint paradox, & mit Recht, denn man stellt sich nun vor: das, was man die “lügnerische Absicht” nennen könnte, sei ein Sprachspiel; & jener Volksstamm sei jetzt gut & unschuldig & würde durch das Lernen einer Sprach-Technik böse. Aber wenn ich sage: man lerne das besondere Sprachspiel des Lügens, so meine ich nicht, man lerne damit erst die Verstellung. Jene Leute, die die Sprachlüge nicht kennen, können sich wohl dennoch verstellen, sie können falsch & hinterlistig sein. Und so kann sich das Kind verstellen, ehe es lügen lernt. Wie es zornig sein kann, ehe es einen Stein schleudern lernt.
‘One must also learn to lie.’ (I heard that there is a tribe that is too primitive to lie.) This seems paradoxical, and rightly so, for one imagines that what one might call the “lying intention” is a language-game; and that this tribe is now good and innocent, and would become bad by learning a linguistic technique. But when I say that one learns the particular language-game of lying, I do not mean that one first learns pretending. Those people who do not know the linguistic lie can nevertheless pretend; they can be false and deceitful. And so a child can pretend before he learns to lie. Just as he can be angry before he learns to throw a stone.
§
85[2] &86[1]
“Aber wie, wenn bei der Bezeichnung seines Zustandes (etwa durch das Wort “Schmerz”) ein Mißverständnis waltet, also das Falsche so bezeichnet wird?” Hier gibt es noch kein Mißverständnis. (Es wird erst der Grund zu ‘Mißverständnissen’ gelegt.)
“But what if, in the designation of his state (for example, by the word “pain”), there is a misunderstanding, i.e., what is false is designated as such?” Here there is no misunderstanding yet. (It is only then that the basis for ‘misunderstandings’ is laid.)
§
86[2] &87[1]
Denke Dir folgenden Brauch: Bei einem Volksstamm wird jedem Mann ein ‘Maßstab’ gegeben nach welchem er bei verschiedenen Gelegenheiten Längen zu beurteilen hat. Und zwar haben sie ein Bündel von Stäben ganz verschiedener Längen & jedem Knaben, wenn er 14 Jahre erreicht, fällt ein solcher Stab durch Auslosen zu. – Wie können sie aber mit so verschiedenen Stäben messen? – Nun, sie werden so abgerichtet, daß sie in der Praxis, wie wir sagen würden, alle die gleiche Länge als 1 Fuß, als 2 Fuß etc. etc. bezeichnen. Werden sie nämlich gefragt: “wie lang ist dieser Tisch?” so messen sie ihn durch anlegen ihres Stabes & obwohl ihre Stäbe verschieden sind, sagen sie dann alle die gleiche Zahl (z.B. 5 Fuß). Fragt man aber: “was nennt man ‘ Fuß’?” so zeigt jeder seinen Stab.
Imagine the following custom: In a tribe, each man is given a ‘standard’ by which he has to judge lengths on various occasions. They have a bundle of sticks of quite different lengths, and when a boy reaches the age of 14, one of these sticks is assigned to him by lot. – But how can they measure with such different sticks? – Well, they are trained so that, in practice, as we would say, they designate all the same length as 1 foot, 2 feet, etc. For when they are asked: “How long is this table?”, they measure it by placing their stick against it, and although their sticks are different, they all say the same number (e.g., 5 feet). But if one asks: “What does one call ‘foot’?”, each shows his stick.
§
87[2] &88[1] &
89[1] &
90[1] &
91[1]
Denke Dir jeder Mensch besäße von Geburt an eine Tafel auf der in Reihen Farbmuster angebracht sind. Lernt er nun im Lauf seiner Kindheit die Namen der Farben– indem die Erwachsenen auf ein Ding zeigen & einen Farbnamen dazu sagen – so schreibt es sich diesen Namen zu einer der Farben seiner Tafel. Ich will annehmen, niemand sähe, zu welchem der Muster er jenen Namen schreibt. – Er wird dann dazu gebracht die Farbnamen im Verkehr auf die verschiedensten Weisen zu verwenden & ich nehme an er ist ein ‘normaler Mensch’, niemand sagt je, er sei farbenblind, er kenne die Farben nicht, er verwechsle sie, etc. etc. Der Verkehr mit diesen Worten geht reibungslos vor sich. Er sagt, wie jeder Andere, die Blätter seien im Sommer grün, & würden später gelb & rot– etc., etc.. Ich will nun annehmen, wenn er eine Farbe zu beurteilen hat, so sieht er immer abwechselnd auf den Gegenstand & auf seine Tafel – als vergliche er die Farben – & ferner: wenn man ihn zur Prüfung seines Farbsinnes fragt: “Welche Farbe heißt ‘rot’?” so zeigt er erstens für sich auf ein Muster seiner Tafel (das wir aber nicht sehen) & dann für den Fragenden auf einen roten Gegenstand. Ebenso wenn man ihn fragt: “Wie heißt diese Farbe?” (indem man auf irgend ein Ding zeigt) schaut er erst auf seiner Tafel nach, dann sagt er den richtigen Namen. Und nun denk Dir wir fänden irgendwie heraus, er habe auf jener Tafel zu einem grünen Muster das Wort “rot” geschrieben, zu einem roten, “blau”, u.s.w.! “Da war also alles ein Mißverständnis!” – Wieso denn? – “Nun, er meinte doch die ganze Zeit grün, wenn er “rot sagte”!” – Aber warum sagst Du denn das? Ist denn das das Kriterium dafür, was er mit einem Wort “meint”? Mußt Du das als Kriterium dafür nehmen? Hast Du es in der Praxis der Sprache als das Kriterium seines Meinens genommen? Warum sollst Du nicht ebensogut sagen: es ist ganz irrelevant für das, was er ‘meint’, worauf er auf seiner Tafel zeigt? Oder Du könntest sagen: “Es gibt zwei verschiedene Verwendungen des Ausdrucks ‘die Farbe, die er meint’”; aber von Mißverständnis kann keine Rede sein. Erinnere Dich doch, was Du ein “Mißverständnis” nanntest!
Imagine that every person is born with a board on which patterns of colors are arranged in rows. As he grows up, he learns the names of the colors – by the adults pointing to a thing and saying a color name – and he writes this name next to one of the colors on his board. Let us assume that no one can see which of the patterns he writes the name next to. – He is then taught to use the color names in various ways, and I assume he is a ‘normal person’, no one ever says that he is colorblind, that he does not know the colors, that he confuses them, etc. The interaction with these words goes smoothly. He says, like everyone else, that the leaves are green in summer, and will later be yellow and red – etc., etc. Now, let us assume that when he has to judge a color, he always looks alternately at the object and at his board – as if he were comparing the colors – and furthermore: if one asks him, in order to test his color perception: “What color is ‘red’?”, he first points to a pattern on his board (which we cannot see) and then points to a red object for the person asking. Similarly, if one asks him: “What is the name of this color?” (by pointing to some object), he first looks at his board, and then says the correct name. And now imagine that we somehow find out that on that board he has written the word “red” next to a green pattern, “blue” next to a red one, and so on! “So it was all a misunderstanding!” – Why? – “Well, he meant green all along when he said ‘red’!” – But why do you say that? Is that the criterion for what he “means” by a word? Must you take that as the criterion therefor? Have you taken it in linguistic practice as the criterion for his meaning? Why shouldn’t you just as well say: it is completely irrelevant to what he ‘means’, what he points to on his board? Or you could say: “There are two different uses of the expression ‘the color he means’”; but there is no question of a misunderstanding. Remember what you called a “misunderstanding”!
§
91[2]Das wäre ja als sagtest Du von einem Menschen: “sein Kopf ist voll großer & schöner Gedanken”; dann stirbt er & sein Kopf wird geöffnet & Du siehst in ihm eine weiche, graue Masse & sagst: “Also war alles trug!”
That would be as if you said of a person: “his head is full of great and beautiful thoughts”; then he dies and his head is opened and you see in it a soft, gray mass and say: “So it was all a lie!”
§
91[3] &92[1]
Stellen wir uns vor, gebrauchen wir das Bild, jeder Mensch besäße eine private Farbentafel mit privatem Gebrauch, dann müssen wir dieses Bild nun dem tatsächlichen Gebrauch der Worte “rot”, “blau”, “grün”, “Mißverständnis”, “meinen”, etc., etc., so einfügen, daß er, der uns gegeben ist, nicht angetastet wird. Wir müssen uns also z.B. hüten den normalen Gebrauch jener Worte auf die private Farbentafel auszudehnen, als wäre sie nicht die private. Wir müssen uns hüten die Rolle, die sie nun im Sprachspiel mit jenen Worten spielt, mit der einer gewöhnlichen Farbentafel zu vermengen.
Let us imagine, let us use the image, that every person possesses a private color chart with private use; then we must now insert this image into the actual use of the words “red,” “blue,” “green,” “misunderstanding,” “mean,” etc., etc., in such a way that it does not affect the one given to us. We must therefore be careful, for example, not to extend the normal use of those words to the private color chart, as if it were not the private one. We must be careful not to confuse the role that it now plays in the language-game with those words with that of an ordinary color chart.
§
92[2] &93[1] &
94[1]
Es ist ja klar, daß ich ein Experiment mache, wenn ich Dir sage: “rechne 5937 × 7935!” Oder, daß die Rechnung, die Du mir machst von mir als Experiment aufgefaßt werden kann. Und ebenso könnte ich mit mir experimentieren, indem ich mir diese Rechenaufgabe stelle. Wenn ich Einem sage: “Geh von hier dort hin, & steck den besten Weg ab, den man finden kann!”, so mache ich ja auch ein Experiment, das zeigen wird, wie er geht, welchen Weg er absteckt. Aber ich behandle den Vorgang nicht als ein Experiment. Ich werde etwa prüfen, ob dies wirklich der günstigste Weg ist – & ihn dann gehen. Erfahrung lehrt mich freilich, wie die Rechnung ausgeht; aber damit erkenne ich sie noch nicht an.
It is clear that I am conducting an experiment if I say to you: “calculate 5937 × 7935!” Or that the calculation that you do for me can be interpreted by me as an experiment. And I could also experiment with myself by setting myself this calculation problem. If I say to someone: “Go from here to there, & mark out the best way that can be found!”, then I am also conducting an experiment that will show how he goes, which way he marks out. But I do not treat the process as an experiment. I will perhaps check whether this is really the most favorable way – & then go it. Experience teaches me, of course, what the result of the calculation will be; but that does not mean that I recognize it.
§
94[2] &95[1]
09.10.1937
Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß das diesmal herausgekommen ist, daß es für gewöhnlich herauskommt; aber sagt das der Satz der Mathematik? Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß ich diesen Weg gegangen bin. Aber ist das die mathematische Aussage? – Was sagt er aber? In welchem Verhältnis steht er zu diesen Erfahrungssätzen? Der mathematische Satz hat die Würde einer Regel. Das ist wahr daran, daß Mathematik Logik ist. Sie bewegt sich in den Regeln unsrer Sprache. Und das gibt ihr ihre besondere Festigkeit & abgesonderte, unangreifbare Stellung.
09.10.1937
Experience has taught me that this time it turned out the way it usually does; but does that say anything about the proposition of mathematics? Experience has taught me that I took this path. But is that the mathematical statement? – What does it say, however? What is its relationship to these statements of experience? The mathematical proposition has the dignity of a rule. That is what makes it true that mathematics is logic. It moves within the rules of our language. And that gives it its special firmness & separate, untouchable position.
§
95[2]Aber wie –, dreht sie diese Regeln hin & her? – Sie schafft immer neue & neue Regeln: baut immer neue Straßen des Verkehrs; indem sie die alten verlängert.
But how – does it turn these rules around? – It creates ever new & new rules: it builds ever new roads of traffic, by extending the old ones.
§
95[3]Was ist Mathematik? – Nun, was in den Mathematikbüchern steht.
What is mathematics? – Well, what is in the mathematics books.
§
95[4] &96[1]
Aber bedarf sie denn dazu nicht einer Sanktion? Kann sie das Netz denn beliebig weiterführen? Nun, ich könnte ja sagen: der Mathematiker erfindet immer neue Darstellungsformen. Die einen, angeregt durch praktische Bedürfnisse, andere aus ästhetischen, Bedürfnissen, & noch mancherlei anderen. Und denke Dir hier einen Gartenarchitekten, der Wege für eine Gartenanlage entwirft; daß er sie bloß wie ornamentale Linien auf dem Reißbrett zieht & gar nicht daran denkt, daß jemand je auf ihnen gehn wird.
But does it not require some sanction for this? Can it extend the network arbitrarily? Well, I could say: the mathematician invents ever new forms of representation. Some, prompted by practical needs, others by aesthetic needs, & many other things. And imagine a landscape architect who designs paths for a garden; that he only draws them as ornamental lines on the drawing board & does not think that anyone will ever walk on them.
§
96[2] &97[1]
Erfahrung lehrt, daß beim Auszählen, wenn wir die Finger einer Hand brauchen, oder irgend eine Gruppe von Dingen, die so
∣ ∣ ∣ ∣
∣
ausschaut, & an ihnen abzählen: Ich, Du, Ich Du, etc., das letzte Wort das gleiche ist, wie das erste. “Aber muß es denn nicht so sein?” – Ist es denn so unvorstellbar daß Einer die Gruppe,
∣ ∣ ∣ ∣
∣
(z.B.) als Gruppe ∣ ∣ ∣∣ ∣ ∣ sieht in der die beiden Mittelstriche verschmolzen sind & dementsprechend den Mittelstrich zweimal zählt. (Ja, das Gewöhnliche ist es nicht. –)
Experience teaches that when counting, if we use the fingers of one hand, or some group of things that looks like this:
∣ ∣ ∣ ∣
∣
and count on them: I, you, I you, etc., the last word is the same as the first. “But must it be so?” – Is it so unimaginable that someone sees the group
∣ ∣ ∣ ∣
∣
(e.g.) as a group ∣ ∣ ∣∣ ∣ ∣ in which the two middle lines have merged & accordingly counts the middle line twice. (Yes, it is not the usual thing. –)
§
97[2] &98[1]
Wie aber ist es, wenn ich Einen erst drauf aufmerksam mache, daß das Ergebnis des Auszählens durch den Anfang vorausbestimmt ist, & er es nun versteht & sagt: “Ja freilich, – es muß ja so sein!” Was ist das für eine Erkenntnis? – Er hat sich etwa das Schema aufgezeichnet:
Und sein Raisonnement wäre etwa: “Es ist doch so wenn ich auszähle: Also muß …“
But what if I first draw someone's attention to the fact that the result of the counting is predetermined by the beginning, & he now understands it & says: “Yes, of course – it must be so!” What is that kind of recognition? – He has, for example, written down the scheme:
And his reasoning would be something like: “It is so when I count: So it must be…”
§
98[2] &99[1]
10.10.1937
Hermann Hänsel bei mir. Er macht einen guten Eindruck. Ich habe keine sehr enge Beziehung zu ihm, weil er grobkörnig ist & ich zu grobkörnigen Menschen nicht ganz passe. Aber das ist gutes Holz, oder ich müßte mich sehr irren. Die Wahrheit liebend –.
10.10.1937
Hermann Hänsel is here. He makes a good impression. I don't have a very close relationship with him because he is rough around the edges, and I don't quite fit in with rough people. But he is good stock, or I must be very mistaken. Loving the truth –.
§
99[2]11.10.1937
Ich bin ein schäbiger Mensch. Wie ungern ich Dinge herleihe, wie besorgt ich bin, daß mir etwas verdorben wird; wie ärgerlich wenn das Geringste verdorben ist; wie besorgt für den nächsten Tag, d.h. wie sehr jeder Sorglosigkeit entbehrend. Das hat mir der Besuch H.H. gezeigt der viel anständiger ist, als ich.
11.10.1937
I am a shabby person. How unwillingly I draw inferences, how concerned I am that something will spoil; how annoyed when the slightest thing is spoiled; how concerned about the next day, i.e., how much deprived of carefree behavior. H.H.'s visit showed me this; he is much more decent than I am.
§
99[3]12.10.1937
H.H. heute abgefahren. Möge ihm der Aufenthalt zum Nutzen & nicht zum Schaden gewesen sein. Mir hat er etwas genützt.
12.10.1937
H.H. left today. May his stay have been beneficial and not harmful. It has been somewhat beneficial to me.
§CE
99[4] &100[1]
‘Die Grundform des Spiels kann den Zweifel nicht enthalten.’ Wir stellen uns da vor allem eine Grundform vor; eine Möglichkeit, & zwar eine sehr wichtige Möglichkeit. (Die wichtige Möglichkeit verwechseln wir ja sehr oft mit geschichtlicher Wahrheit.)
‘The basic form of the game cannot contain doubt.’ We primarily imagine a basic form; a possibility, & indeed a very important possibility. (We very often confuse the important possibility with historical truth.)
§CE
100[2]Ein Klang scheint mir von dort her zu kommen, auch ehe ich untersucht habe wo (physikalisch) seine Quelle ist. Im Kino scheint der Laut des Sprechens vom Mund der Figur auf der Leinwand zu kommen. Worin besteht diese Erfahrung? Etwa darin, daß wir (unwillkürlich) den Blick auf eine bestimmte Stelle – die scheinbare Quelle des Lauts – richten, wenn wir einen Laut hören. Und niemand sieht im Kino, wo das Mikrophon angebracht ist.
A sound seems to come from there, even before I have investigated where (physically) its source is. In the cinema, the sound of speech seems to come from the figure's mouth on the screen. What is the nature of this experience? Perhaps it is that we (involuntarily) direct our gaze to a certain place – the apparent source of the sound – when we hear a sound. And no one in the cinema sees where the microphone is attached.
§CE
101[1]Die Grundform unseres Spiels muß eine sein, in der der Zweifel nicht vorkommt. – Woher diese Sicherheit? Es kann doch nicht eine historische sein.
The basic form of our game must be one in which doubt does not occur. – Where does this certainty come from? It cannot be a historical one.
§CE
101[2] &102[1] &
103[1] &
104[1]
13.10.1937
“Der Zweifel – könnte ich sagen – muß ein Ende haben. Irgendwo müssen wir – ohne zu zweifeln – sagen: das geschieht aus dieser Ursache.”
Ähnlich: Wenn ein Kind sich so & so benimmt, so sagen wir, es hat Zahnschmerzen – können wir uns irren? Können wir uns bei diesen Anzeichen irren? – Was wären denn hier die Kriterien des Irrtums? Hier gibt es keine. – Heißt das aber, wir wissen intuitiv das Kind habe Zahnschmerzen? – Der Irrtum & seine Entdeckung ist eine (spätere) Erweiterung des Spiels. Das Spiel sei dies: Wenn ein Kind schreit & sich die Wange hält, wird ihm ein Zahn gerissen. Ist hier ein Irrtum möglich? – “Es wird ja aber auch nichts behauptet!” – Doch; wir gehen zum Zahnarzt mit ihm & sagen ihm: “Das Kind hat Zahnschmerzen”, worauf er ihm einen Zahn reißt. Ähnlich: Wir sagen: “Nimm diesen Sessel!” & es kommt uns nie in den Sinn, daß wir uns irren könnten, daß es vielleicht eigentlich kein Sessel ist, daß spätere Erfahrung uns etwas anderes lehrt. Ein Spiel wird hier gespielt ohne die Möglichkeit des Irrtums, & ein anderes komplizierteres mit dieser Möglichkeit. Ist es nicht dies: Es ist dem Spiel, welches wir spielen sehr wesentlich, daß wir gewisse Worte aussprechen & regelmäßig nach ihnen handeln. Der Zweifel ist ein ritardierendes Moment & ist wesentlich eine Ausnahme von der Regel. Man könnte sagen: Es ist dem Verkehr auf unsern Straßen wesentlich, daß die allermeisten Wagen & Fußgänger jeder in gleichbleibender Richtung einem Ziele zu gehen, & nicht gehen, wie Einer, der sich jede Minute anders entscheidet, erst in der Richtung von A nach B geht, dann umkehrt & einige Schritte zurück macht, dann wieder umkehrt, u.s.w.– Und, “es sei ein wesentlicher Zug des Verkehrs auf unsern Straßen”, heißt: es sei ein wichtiger & charakteristischer Zug; wäre dies anders, so würde sich ungeheuer viel ändern.
13.10.1937
“Doubt – one might say – must come to an end. Somewhere we must – without doubting – say: this happens because of that cause.”
Similarly: When a child behaves in such & such a way, we say it has toothache – can we be wrong? Can we be wrong in these instances? – What would be the criteria for error here? There are none here. – Does this mean that we intuitively know the child has toothache? – Error & its discovery is a (later) extension of the game. Let the game be this: when a child cries & holds its cheek, it has a tooth pulled. Is error possible here? – “But nothing is being asserted!” – Yes; we take it to the dentist & say: “The child has toothache,” whereupon he pulls a tooth. Similarly: We say: “Take this chair!” & it never occurs to us that we might be wrong, that it might not actually be a chair, that later experience might teach us something different. One game is played here without the possibility of error, & another, more complicated one, with this possibility. Is it not this: it is very essential to the game we are playing that we utter certain words & regularly act according to them. Doubt is a retarding moment & is essentially an exception to the rule. One could say: it is essential to traffic on our roads that the vast majority of cars & pedestrians each move in a consistent direction towards a goal, & not move as someone who decides differently every minute, first going in the direction from A to B, then turning around & taking a few steps back, then turning around again, etc.– And, “it is an essential feature of traffic on our roads,” means: it is an important & characteristic feature; if this were different, then a great deal would change.
§CE
104[2] &105[1]
Was heißt es nun, wenn man sagt: das Spiel müsse erst einmal ohne Zweifel anfangen? der Zweifel könne nur nachträglich hinzutreten?– Ja warum soll man nicht von vornherein zweifeln? Aber halt – wie sieht der Zweifel dann aus? – Ja, wie immer nun seine gegenwärtige Erscheinung (z.B. seine Äußerung) ist, er hat nun eine ganz andere Umgebung, als die, welche wir kennen. (Denn als Ausnahme hat der Zweifel die Regelmäßigkeit zur Umgebung.) (Haben (die) Augen einen Ausdruck, wenn sie nicht in einem Gesicht stehen?) Die Gründe des Zweifels sind jetzt Gründe, ein eingefahrenes Geleise zu verlassen.
What does it mean when one says: the game must first begin without doubt? that doubt can only be added later? – Yes, why shouldn’t one doubt from the start? But hold on – what does doubt then look like? – Yes, however its current phenomenon (e.g., its manifestation) may be, it now has a completely different environment than the one we know. (For as an exception, doubt has regularity as its environment.) (Do (the) eyes have an expression when they are not in a face?) The reasons for doubt are now reasons to leave a well-trodden path.
§
105[2] &106[1]
Bin in keinem guten Zustand. Daran ist sonderbarerweise auch eine Maus schuld, die in meine Speisekammer gekommen ist und die ich nun mit einer Falle umbringen muß, oder will. Denn ich habe keine Falle, die bloß fängt; sonst würde ich die Maus dann ins Freie lassen. Es kommen mir alle möglichen Gedanken, unangenehmen Gedanken.
I’m not in a good state. And, strangely enough, a mouse is also to blame, one that got into my pantry, and now I have to kill it with a trap, or I want to. Because I don't have a trap that only catches; otherwise, I would release the mouse into the open. All sorts of thoughts, unpleasant thoughts, come to me.
§CE
106[2]Unsere Welt erscheint ganz anders, wenn man sie mit andern Möglichkeiten umgibt.
Our world appears quite different when one surrounds it with other possibilities.
§CE
106[3] &107[1]
Wir lehren ein Kind: “Das ist ein Sessel”. Könnten wir es von Anfang an den Zweifel daran lehren, ob dies ein Sessel sei? Man wird sagen: “Unmöglich! es muß doch zuerst wissen, was ein Sessel ist, um daran zweifeln zu können, daß dies einer ist.” – Ist es aber nicht denkbar, daß das Kind von Anfang an lernt zu sagen: “Das schaut aus wie ein Sessel – ob es aber wirklich einer ist? –” Oder doch, daß es von Anfang an lernt in zweifelndem Ton zu sagen: “Ich glaube, hier steht ein Sessel” & nicht in behauptendem Ton: “Hier steht ein Sessel.”
We teach a child: “That is a chair.” Could we teach it from the beginning to doubt whether this is a chair? One would say: “Impossible! it must first know what a chair is in order to be able to doubt that this is one.” – But isn't it conceivable that the child learns from the beginning to say: “That looks like a chair – but is it really one?” Or that it learns from the beginning to say in a doubting tone: “I think there is a chair here” and not in an assertive tone: “There is a chair here.”
§CE
107[2]Was ist nun daran:– “man kann nicht mit dem Zweifel beginnen”? So ein “kann” ist immer verdächtig.
What is it about the fact that “one cannot begin with doubt”? Such a “can” is always suspicious.
§CE
107[3]14.10.1937
Man kann sagen: Der Zweifel kann keine notwendige Ergänzung des Spiels sein, als könnte ohne ihn das Spiel nicht in der Ordnung sein Denn es gibt Kriterien für die Berechtigung des Zweifels, wie dafür daß hier ein Sessel steht, z.B.
14.10.1937
One can say: doubt cannot be a necessary addition to the game, as if the game could not be in order without it. Because there are criteria for the warrant of doubt, such as for the fact that there is a chair here.
§VB
108[1]Mir geht es bei dieser Arbeit so, wie vielen geht, wenn sie sich vergebens anstrengen (sich) einen Namen in die Erinnerung zu rufen; man sagt da: “denk an etwas anderes, dann wird es Dir einfallen” – & so mußte ich immer wieder an anderes denken, damit mir das einfallen konnte, wonach ich lange gesucht hatte.
I experience this work in the same way as many do when they try in vain to recall a name; one says: “think of something else, then it will come to you” – and so I had to think of other things again and again so that I could recall what I had been looking for for a long time.
§
108[2] &109[1]
This book is a collection of wisecracks. But the point is: they are connected, they form a system. If the task were to draw the shape of an object true to nature, then a wisecrack is like drawing merely a tangent to the real curve; but a thousand wisecracks closely drawn can draw the curve.
This book is a collection of wisecracks. But the point is: they are connected; they form a system. If the task were to draw the shape of an object true to nature, then a wisecrack is like drawing merely a tangent to the real curve; but a thousand wisecracks closely drawn can draw the curve.
§CE
109[2]Man denkt leicht: der Zweifel mache es erst – naturgetreu. (Wenn man auf einer Eisenbahn für lange und kurze Fahrstrecken gleich viel zahlen müßte, wäre das eine offenbar ungerechte, unsinnige, Bestimmung?)
One easily thinks: doubt only makes it – true to nature. (If one had to pay the same amount on a railway for short and long journeys, that would be an obviously unfair, nonsensical regulation?)
§CE
109[3] &110[1]
“Man kann nicht wissen, ob Einer Schmerzen hat? – Doch, man kann es wissen!” – Das sagt doch nicht: “wir haben ein ‘intuitives Wissen’ dieser Schmerzen!” Es ist nur eine, berechtigte, Auflehnung gegen die, die sagen: “Man kann nicht wissen …”. Es behauptet aber nicht ein Naturvermögen, das jene leugnen. –
“One cannot know whether someone has pain? – But one can know it!” – This does not say: “we have an ‘intuitive knowledge’ of this pain!” It is only a legitimate protest against those who say: “One cannot know …”. But it does not assert a natural ability that they deny.
§CE
110[2]“Das Spiel kann nicht mit dem Zweifel anfangen.” – Es sollte heißen: das Spiel fängt nicht mit dem Zweifel an. – Oder auch: das “kann” hat die selbe Berechtigung, wie in dem Satz: “der Verkehr auf Straßen kann nicht damit anfangen, daß Alle zweifeln, ob sie da – oder dorthin gehen sollen; d.h. es käme dann nie zu dem, was wir ‘Verkehr’ nennen, & das Schwanken würden wir dann wohl auch nicht ‘Zweifel’ nennen.”
“The game cannot begin with doubt.” – It should say: the game does not begin with doubt. – Or also: “can” has the same warrant as in the sentence: “traffic on roads cannot begin with the fact that everyone doubts whether they should go there – or there; that is, it would never come to what we call ‘traffic,’ and we would probably not call this vacillation ‘doubt.’”
§CE
110[3] &111[1]
(Die philosophische Beteuerung,) “Wir wissen, daß dies ein Sessel ist!” beschreibt ja bloß ein Spiel. Aber es scheint zu sagen, daß, wenn ich Einen bitte: “bring mir diesen Sessel dort”, Gefühle der felsenfesten Überzeugung mich bewegen.
(The philosophical assertion,) “We know that this is a chair!” only describes a game. But it seems to say that when I ask someone: “bring me that chair over there,” feelings of firm conviction move me.
§
111[2]Fühle mich weiterhin nicht ganz wohl. Neige zur Furcht & Angst. Ist es, daß ich keine Sonne mehr sehe?
I still don’t feel quite well. I tend towards fear and anxiety. Is it because I no longer see the sun?
§CE
111[3] &112[1] &
113[1] &
114[1]115[1]
Das Spiel beginnt nicht mit dem Zweifel, ob Einer Zahnweh hat, denn das entspräche – sozusagen – nicht der biologischen Funktion, des Spiels in unserm Leben. Seine einfachste Form ist eine Reaktion auf die Klagelaute & Gebärden des Anderen, eine Reaktion des Mitleids, oder dergleichen. Wir trösten, wollen helfen. Man kann denken: weil der Zweifel eine Verfeinerung, in gewissem Sinne, Verbesserung des Spiels ist, so wäre es wohl das allerrichtigste, mit dem Zweifel gleich anzufangen. (Ähnlich wie man denkt, weil es oft gut ist, wenn ein Urteil begründet ist, so müßte zur vollkommenen Rechtfertigung eines Urteils die Kette der Gründe in's Unendliche weitergehen.) Denken wir uns den Zweifel & die Überzeugung nicht durch eine Sprache, sondern bloß durch Handlungen, Gebärden, Mienen, ausgedrückt. So könnte es etwa bei sehr primitiven Menschen, oder bei Tieren sein. Denken wir also eine Mutter, deren Kind schreit & sich dabei die Wange hält. Eine Art der Reaktion hierauf ist (also) die, daß die Mutter das Kind zu trösten trachtet & es, auf irgend eine Art & Weise, pflegt. Hier ist nichts was dem Zweifel daran entspricht, ob das Kind wirklich Schmerzen habe. Ein anderer Fall wäre (nun) der: die Reaktion auf die Klage des Kindes ist für gewöhnlich die eben geschilderte, unter gewissen Umständen aber ist die Mutter skeptisch. Sie schüttelt dann etwa mißtrauisch den Kopf, unterbricht das Trösten & Pflegen des Kindes, ja ist sogar unwillig & teilnahmslos Nun aber denken wir uns die Mutter, die von vornherein skeptisch ist: Wenn das Kind schreit, zuckt sie die Achseln & schüttelt den Kopf; eventuell sieht sie es forschend an, untersucht es; in Ausnahmsfällen macht sie zögernde Versuche des Tröstens oder Pflegens.– Sähen wir ein solches Verhalten, so würden wir es durchaus nicht das der Skepsis nennen, es würde uns (nur) seltsam & närrisch anmuten. “Das Spiel kann nicht mit dem Zweifel anfangen” heißt: wir würden es nicht ‘Zweifel’ nennen, wenn das Spiel damit anfinge.
The game does not begin with the doubt of whether someone has a toothache, because that would – so to speak – not correspond to the biological function of the game in our lives. Its simplest form is a reaction to the plaintive sounds & gestures of the other, a reaction of compassion, or something similar. We comfort, we want to help. One could think: because doubt is a refinement, in a certain sense, an improvement of the game, it would probably be most correct to start with the doubt. (Similar to how one thinks that because it is often good when a judgment is justified, the chain of reasons should extend into infinity for the perfect justification of a judgment.) Let us imagine doubt & conviction not expressed through language, but only through actions, gestures, facial expressions. This could be the case with very primitive people, or with animals. Let us imagine a mother whose child is crying & holding its cheek. One kind of reaction to this is (therefore) that the mother tries to comfort the child & cares for it, in some way or other. Here, there is nothing that corresponds to the doubt of whether the child really has pain. Another case would be (now) this: the reaction to the child's complaint is usually the one just described, but under certain circumstances, the mother is skeptical. She then shakes her head suspiciously, interrupts the comforting & caring for the child, and is even unwilling & indifferent. Now, let us imagine the mother who is skeptical from the start: When the child cries, she shrugs her shoulders & shakes her head; possibly she looks at it inquisitively, examines it; in exceptional cases, she makes hesitant attempts to comfort or care for it. If we were to see such behaviour, we would certainly not call it that of skepticism; it would only seem odd & foolish to us. “The game cannot begin with doubt” means: we would not call it ‘doubt’ if the game began with it.
§CE
115[2] &116[1]
Denk' Dir diese Frage: “Kann ein Spiel damit anfangen, daß einer der Spieler gewinnt (oder verliert) & dann das Spiel seinen Fortgang nimmt?” Warum soll nicht ein spielähnlicher Vorgang dann mit dem anfangen, was für gewöhnlich unmittelbar bei dem Gewinnen & Verlieren in einem Spiel vorsichgeht? Es wird einem z.B. Geld ausbezahlt, er wird zu seinem Erfolg beglückwünscht, u.a.m.. Nun werden wir dies dennoch nicht “im Spiel gewinnen” nennen & vielleicht das ganze kein “Spiel”. Wenn wir so einen Gebrauch sähen, so erschiene er uns ‘unverständlich’ & wir würden gewiß nicht sagen: “diese Leute gewinnen & verlieren zu Anfang des Spiels”.
Imagine this question: “Can a game begin with one of the players winning (or losing) and then the game continuing?” Why shouldn't a game-like process begin with what usually happens immediately when winning and losing in a game? For example, money is paid out, he is congratulated on his success, and so on. Now, however, we would not call this “winning in the game” and perhaps not even call the whole thing a “game.” If we were to see such a use, it would seem ‘incomprehensible’ to us and we would certainly not say: “these people win and lose at the beginning of the game.”
§CE
116[2]“Kann das geschehen?” – Gewiß. Beschreib es nur bis in die Einzelheiten & Du wirst schon sehen, daß, was Du beschreibst sich zwar leicht vorstellen läßt, daß Du aber freilich die & die Ausdrücke nicht auf ihn anwenden wirst.
“Can that happen?” – Of course. Just describe it in detail and you will see that what you are describing is easily imaginable, but that you will certainly not apply the one or the other expression to it.
§CE
116[3]“Könnte der Reim in einem Gedicht an den Anfang statt ans Ende der Verszeilen fallen?”
“Could the rhyme in a poem fall at the beginning instead of at the end of the lines?”
§CE
116[4] &117[1]
“Es kommt also in Deinem primitiven Spiel kein Zweifel vor – aber ist es denn sicher, daß er Zahnschmerzen hat?” – So ist das Spiel. – Und daraus kannst Du, wenn Du willst, entnehmen wie das Wort “Zahnschmerzen” gebraucht wird; also, welche Bedeutung es hat.
“So, there is no doubt in your primitive game – but is it certain that he has a toothache?” – That is how the game is. – And from this you can, if you want, infer how the word “toothache” is used; that is, what meaning it has.
§CE
117[2]“Wie, wenn er betrügt?” – Aber er kann gar nicht betrügen, wenn, was er tut, in dem Spiel nicht Betrügen ist.
“What if he cheats?” – But he cannot cheat if what he does is not cheating in the game.
§
117[3] &118[1]
Einerseits möchte ich nicht lange mehr hier bleiben; noch ein Monat erscheint mir als eine lange Zeit; anderseits kommt es mir vor, als ginge ich dann, wenn ich kaum gekommen bin. Einerseits ist es mir, als wäre es richtig dieses Leben durch Jahre hindurch fortzusetzen, Tag aus Tag ein in gleicher Weise; anderseits halte ich's aber kaum ein paar Monate aus. Es hat dieses Leben eine merkwürdige & vielleicht in irgend einer Weise gefährliche Faszination für mich. – – –
On the one hand, I don’t want to stay here much longer; another month seems like a long time to me; on the other hand, it seems to me as if I will be leaving when I have hardly arrived. On the one hand, it seems to me as if it would be right to continue this life for years, day in, day out in the same way; on the other hand, I can hardly stand it for a few months. This life has a strange and perhaps in some way dangerous fascination for me. – – –
§CE
118[2]15.10.1937
“Ist es denn sicher, daß ein Sessel hier steht?” – ja kann ich nicht beides tun: sicher sein, & zweifeln? Hängt es nicht davon ab, ob ich etwas als Kriterium der Zweifelhaftigkeit gelten lasse?
15.10.1937
“Is it certain that there is a chair here?” – Can I not do both: be certain, and doubt? Doesn't it depend on whether I consider something as a criterion of doubt?
§CE
118[3] &119[1]
Wir sagen: wenn das & das nicht eintrifft, so haben wir uns geirrt, eine falsche Annahme gemacht. Der Irrtum ist ein Fehler; wir werden seinetwegen getadelt, tadeln uns selbst. Vergleiche (damit) folgendes: Wir bestimmen die Mitte zwischen zwei Stellen (im Raum) A & B durch mehrmalige Schätzung auf die Weise: wir sagen
“Ich nehme an, sie liegt bei C” & machen, mehr oder weniger nahe der Mitte, einen Punkt. – Tragen wir dann von B aus auf & erhalten C'. Nun wiederholen wir den Vorgang gegen die Mitte von hin. – War die erste Annahme ein Irrtum? Du kannst sie so nennen – aber dieser ‘Irrtum’ wird hier nicht als Fehler behandelt.
We say: if this & that does not apply, then we have made a mistake, made a false assumption. The mistake is an error; we are blamed for it, we blame ourselves. Compare this with the following: We determine the midpoint between two points (in space) A & B by estimating it repeatedly in this way: we say:
“I assume it is at C” & make a point, more or less close to the midpoint. – Then we mark from B and obtain C'. Now we repeat the process towards the midpoint of . – Was the first assumption a mistake? You can call it that – but this ‘mistake’ is not treated as an error here.
§CE
119[2] &120[1]
Wenn wir nicht zweifeln, so betrachten wir das als einen Fehler, eine Dummheit – der Zweifel ist – so scheint es uns – die tiefere Einsicht in die Natur. Die perspektivische Darstellung der Menschen (etc.) erscheint uns als die richtigere im Vergleich mit der ägyptischen Art. Selbstverständlich; so schauen doch die Menschen nicht wirklich aus! – Aber muß das ein Argument sein? Wer sagt, daß ich auf dem Papier den Menschen so sehen will, wie er wirklich ausschaut?
If we do not doubt, we consider it an error, a foolishness – doubt is – as it seems to us – the deeper insight into the nature of things. The perspective depiction of people (etc.) seems to us more correct compared to the Egyptian style. Of course; people don't really look like that! – But must that be an argument? Who says that I want to depict people on paper as they really look?
§CE
120[2] &121[1]
“Wer nicht zweifelt, übersieht doch einfach die Möglichkeit, daß es sich anders verhalten kann!” Durchaus nicht, – wenn es diese Möglichkeit in seiner Sprache gar nicht gibt. (Wie der nichts übersehen muß, der für lange & kurze Arbeitszeit den gleichen Lohn gibt, oder fordert.) “Aber der bezahlt dann eben nicht die Arbeitsleistung!” – So ist es. –
“Whoever does not doubt simply overlooks the possibility that things could be different!” Not at all – if there is no such possibility in his language. (Just as someone does not have to overlook anything who gives the same pay for long & short working hours, or demands it.) “But then he is not paying for the work performed!” – That is how it is. –
§
121[2]Die Philosophie entspringt daher: wir fühlen das Bedürfnis, uns in unsrer Sprache – ihren Regeln – auszukennen. Und kein Wunder, wenn wir (hier) in Schwierigkeiten kommen, da der Gebrauch unsrer Wörter & Ausdrücke ein so ungemein komplizierter ist!
Philosophy arises from the fact that we feel the need to be familiar with our language – its rules. And no wonder we (here) get into difficulties, since the use of our words & expressions is so incredibly complicated!
§CE
121[3] &122[1]
Warum nennt man das, was man unmittelbar erkennt ebenso, wie das, was uns wiederholte Erfahrung der Koinzidenz lehrt? Inwiefern ist es denn dasselbe? (Aus einer andern Erkenntnisquelle fließt eine andre Erkenntnis.)
Why does one call what one immediately recognizes the same as what repeated experience of coincidence teaches us? In what respect is it the same? (A different source of knowledge produces different knowledge.)
§CE
122[2] &123[1]
“Man kann die Existenz eines Mechanismus auf zwei Arten erkennen: erstens dadurch, daß wir ihn sehen, zweitens dadurch, daß wir seine Wirkung erkennen.” Könnte man nicht sagen: Man gebraucht die Aussage, es existiere hier ein Mechanismus der & der Art auf zweifache Weise: a) wenn ein solcher Mechanismus gesehen werden kann – b) wenn man Wirkungen erkennt, wie ein solcher Mechanismus sie hervorruft.
“One can recognize the existence of a mechanism in two ways: first, by seeing it, second, by recognizing its effect.” Could one not say: One uses the statement that a mechanism of this & that kind exists in two ways: a) if such a mechanism can be seen – b) if one recognizes effects such as this mechanism produces.
§CE
123[2]Es gibt eine Reaktion, die man “Reaktion auf die Ursache” nennen kann. – Man redet auch davon, daß man der Ursache ‘nachgeht’; im einfachsten Fall geht man etwa einer Schnur nach, um zu sehen, wer an ihr zieht. Wenn ich ihn nun finde – wie weiß ich, daß er, sein Ziehen, die Ursache davon ist, daß sich die Schnur bewegt? Stelle ich das durch eine Reihe von Experimenten fest?
There is a reaction that one can call “reaction to the cause.” – One also talks about ‘following’ the cause; in the simplest case, one follows a string, for example, to see who is pulling it. If I then find him – how do I know that he, his pulling, is the cause of the string moving? Do I establish this through a series of experiments?
§
123[3] &124[1]
16.10.1937
Habe seit ca. 12 Tagen nicht von Francis gehört & bin etwas besorgt, weil er von England noch nicht geschrieben hat. Gott, wieviel Elend & Jammer gibt es auf dieser Welt.
16.10.1937
I haven't heard from Francis for about 12 days & am a little worried because he hasn't written from England yet. God, how much misery & sorrow there is in this world.
§CE
124[2] &125[1] &
126[1]
Wer nun der Schnur nachgegangen ist & den findet, der an ihr zieht, macht der noch einen weiteren Schritt indem er schließt: also was das die Ursache, – oder ist nicht alles, was er finden wollte, daß jemand, & wer an ihr zieht. Stellen wir uns eben wieder ein einfacheres Sprachspiel vor, als das, was mit dem Wort “Ursache” gespielt wird. Denken wir uns zwei Vorgänge: der eine besteht darin, daß ein Mensch, wenn er den Zug an einer Schnur fühlt, oder eine Erfahrung ähnlicher Art hat, der Schnur – dem Mechanismus– nachgeht, in diesem Sinne die Ursache findet, & etwa beseitigt. Er möge auch fragen: “warum bewegt sich diese Schnur?” oder dergl. –. Der andre Fall sei der: Er hat bemerkt, daß seine Ziegen, seit sie das Futter von dort & dort kriegen, wenig Milch geben. Er schüttelt den Kopf, fragt “warum” – & macht nun Versuche. Er findet, daß das & das Futter schlecht für sie ist. “Aber sind denn diese Fälle nicht von gleicher Art: er hätte ja auch Experimente darüber machen können, ob der Mensch, der ‘an der Schnur zieht’, wirklich die Ursache der Bewegung ist, ob nicht er am Ende durch die Schnur bewegt werde& diese durch eine andre Ursache!” – Er hätte Experimente machen können, aber ich nehme an, er macht keine. Dies ist das Spiel, welches er spielt.
Now, whoever has followed the string & found the one pulling it makes yet another step by concluding: so that is the cause – or is it not the case that everything he wanted to find was someone, & who pulls the string? Let us imagine once again a simpler language-game than the one played with the word “cause.” Let us think of two events: one consists in a person, when he feels the pull of a string, or has a similar experience, following the string – the mechanism – in this sense finding the cause & perhaps eliminating it. He might also ask: “why is this string moving?” or something similar. – The other case is this: he has noticed that his goats have been giving little milk since they have been getting food from here & there. He shakes his head, asks “why” – & now does experiments. He finds that this & that food is bad for them. “But are not these cases of the same kind: he could also have done experiments about whether the person who ‘pulls the string’ is really the cause of the movement, whether not he is ultimately moved by the string & this by some other cause!” – He could have done experiments, but I assume he does not. This is the game he is playing.
§CE
126[2] &127[1] &
128[1] &
129[1]
Was ist es denn, was ich in so einem Fall immer tue? Die Vernunft – möchte ich sagen – gibt sich als (ein) Gradmesser par excellence (aus), als die ewige Skala, an der, was wir machen, sich selber mißt & beurteilt. Und ich sage: Laß Deinen Blick nicht von diesem Maßstab bannen; sieh' ihn als einen unter anderen Maßstäben. Wir sind, sozusagen, gewöhnt diese damit ‘abzutun’, sie seien unvernünftig, entsprechen einem niedern Stande der Intelligenz, etc.. Unser Blick wird von dem Maßstab gefangen gehalten & durch ihn immer wieder von diesen Erscheinungen, gleichsam nach oben zu, abgezogen. – Wie wenn wir von einem gewissen Stil, Baustil oder Stil des Benehmens, so voreingenommen sind, daß wir unsern Blick, gleichsam, nicht voll auf einen andern richten – sondern ihn nur aus dem Augenwinkel betrachten können. (Damit verwandt, eine hübsche Betrachtung, die Eddington über die Demonstration des Trägheitsgesetzes anstellt.)
What is it that I always do in such a case? Reason – I would like to say – presents itself as (a) yardstick par excellence, as the eternal scale, against which what we do measures & judges itself. And I say: do not let your gaze be fixed on this standard; see it as one standard among others. We are, as it were, accustomed to ‘dismiss’ it, saying that it is unreasonable, corresponds to a low level of intelligence, etc. Our gaze is held captive by the standard & is always drawn away from these phenomena, as if upwards. – It is as if we were so prejudiced towards a certain style, architectural style, or style of behaviour, that we cannot direct our gaze fully on another – but can only look at it from the corner of our eye. (Related to this is a beautiful observation that Eddington makes about the demonstration of the law of inertia.)
§CE
129[2] &130[1]
In einem Fall heißt nun “Der ist die Ursache” einfach: der hat an der Schnur gezogen. Im andern Falle, etwa: das sind die Umstände, die ich ändern mußte, um diese Erscheinung abzustellen. “Aber wie ist er denn – wie konnte er überhaupt auf die Idee kommen, einen Umstand abzuändern, um die Erscheinung abzustellen? Das setzt doch voraus, daß er vor allem (einmal) einen Zusammenhang wittert! Einen Zusammenhang wittert, wo keiner zu sehen ist. Er muß also vorher schon die Idee eines solchen, ursächlichen, Zusammenhanges erhalten haben.” Ja, man kann sagen, es setzt voraus, daß er sich nach einer Ursache umschaut; daß er von der Erscheinung – auf eine andere schaut. –
In one instance, “he is the cause” simply means: he pulled the string. In the other instance, for example: “that is the circumstance that I had to change in order to stop this phenomenon.” “But how did he – how could he even come up with the idea of changing a circumstance in order to stop the phenomenon? This presupposes that he primarily (initially) senses a connection! He senses a connection where none can be seen. He must therefore have already had the idea of such a causal connection beforehand.” Yes, one can say that it presupposes that he is looking for a cause; that he looks from the phenomenon – to another thing.
§
130[2] &131[1] &
132[1]
Das Leben hier ist mir einesteils furchtbar, anderseits hat es etwas schönes & auch freundliches. Ich liebe in gewissem Sinn meine Stube, mein Essen; auch habe ich eine gewisse Anhänglichkeit an die Menschen, die mit mir immer gleichmäßig nett & freundlich sind. Es ist ein gemütliches Verhältnis zwischen mir & ihnen: Ich glaube es wäre ihnen etwas leid, wenn ich reiste. Ich denke daran in einem Monat oder anderthalb zu reisen. Aber ich denke nie daran ohne Furcht: werde ich es erleben? wird etwas anderes mich früher schon zur Reise zwingen? etc.. Ich fürchte mich vor Krankheit & Tod, vor meinem & vor dem eines Freundes, oder einer Schwester, oder des Max, oder Paul. Und doch ist das alles falsch & schlecht & zum Teil sogar gemein; & doch fürchte ich mich. Es geht mir mit dem Leben beinahe, wie einer Dame, die in den “Don Carlos” ging, in der Meinung, es sei ein Lustspiel, & nach einigen Akten indigniert aufstand, mit den Worten: “Il me semble que c'est une tragédie!” Ich sehe das Leben falsch an, will das Schwere immer wieder ignorieren, statt daß ich lerne, “daß mein Leben …”. Ich bin wie ein Kind, das immer und immer nur spielen möchte!
Life here is, on the one hand, terrible for me, and on the other hand, it has something beautiful & also friendly. I love, in a certain sense, my room, my food; I also have a certain attachment to the people who are always consistently nice & friendly to me. There is a pleasant relationship between me & them: I believe they would be somewhat sorry if I were to leave. I think of leaving in a month or a month and a half. But I never think about it without fear: will I experience it? Will something else force me to leave sooner? etc. I am afraid of illness & death, of my own & of that of a friend, or a sister, or Max, or Paul. And yet, all of this is wrong & bad & partly even mean; and yet I am afraid. It is almost as if life is like a lady who went to “Don Carlos”, believing it to be a comedy, & after a few acts indignantly stood up, saying: “It seems to me that it is a tragedy!” I look at life wrongly, always wanting to ignore the serious, instead of learning “that my life…” I am like a child who always & always wants to just play!
§CE
132[2] &133[1] &
134[1] &
135[1] &
136[1] &
137[1]
17.10.1937
Intuition. Die Ursache durch Intuition wissen. Welches Spiel spielt man mit dem Wort “Intuition”? Was für ein Kunststück wird damit gemacht? Wir haben hier die Auffassung: Das Wissen dieses Sachverhalts ist ein Zustand des Geistes; & wie dieser Zustand zustande gekommen ist, ist nebensächlich, wenn uns nur interessiert, daß Einer das & das weiß. Wie Kopfschmerzen aus mancherlei Ursache entstehen können, so auch das Wissen. Daß wir uns in der Logik überhaupt für diesen Zustand interessieren ist dann freilich merkwürdig. Was gehn uns solche Zustände an? – Erinnere Dich an die Frage: “Wann weiß Einer, daß (z.B.) jemand im Nebenzimmer ist?”‒ ‒ Während er den Gedanken denkt? Und wenn er ihn denkt: während aller Glieder (Wörter) des Gedankens? Wenn ich sage: “ich weiß daß jemand im Zimmer ist” & es stellt sich heraus, daß ich mich geirrt habe, so wußte ich's also nicht – habe ich mich da bei der Introspektion in meinen Geisteszustand geirrt? ich sah hinein & hielt etwas für ein Wissen, was keines war!– Oder kann ich so etwas nicht eigentlich wissen? sondern solche Tatbestände wie: “Ich sehe etwas Rotes”, “Ich habe Schmerzen” u. dergl. Also nur dort sollte man das Wort “wissen” anwenden, wo es niemand anwendet; wo nämlich “ich weiß, daß p” nichts heißt wenn nicht etwa das Gleiche wie “p”, & die Form “ich weiß nicht, daß p” ein Blödsinn ist. Schau nur ja nicht auf den tatsächlichen Gebrauch der Worte “ich weiß …”! Schau nur auf die Worte & spekuliere, zu welchem Gebrauch sie passen möchten. – Wie geht denn das Sprachspiel – wann sagen wir denn, wir ‘wissen’? Wenn wir uns in einem bestimmten Zustand finden? – Nicht, wenn wir eine gewisse Evidenz haben? – Und da ist es also ohne die Evidenz kein Wissen! Was ist nun die Intuition? Ist sie eine nur aus dem gewöhnlichen Leben bekannte Art & Weise, wie wir Dinge erfahren, uns Wissen aneignen? Oder ist sie eine Schimäre, von der wir bloß in der Philosophie Gebrauch machen? – Ist die Meinung, in dem & dem Fall sei Intuition im Spiel, vergleichbar der Meinung, die & die Krankheit werde durch den Stich eines Insekts erzeugt? (Diese Meinung kann richtig & falsch sein, aber wir kennen jedenfalls Krankheiten, die so erzeugt werden.) Oder haben wir hier einen Fall, wo das Wort gilt: “denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.” (Man könnte sich einen Sprachgebrauch denken, in dem es nicht heißt “es ist unbekannt, wer das getan hat”, sondern: “ Herr Unbekannt hat es getan” – damit man nicht sagen muß, man wisse etwas nicht.)
17.10.1937
Intuition. To know the cause through intuition. What language-game does one play with the word “intuition”? What kind of trick is being performed with it? We have here the view: that the knowledge of this state of affairs is a state of the mind; & how this state came about is secondary, if we are only interested in the fact that someone knows this & that. Just as headaches can arise from various causes, so too can knowledge. The fact that we are interested in this state in logic is, of course, remarkable. What business is it of ours, such states? – Recall the question: “When does one know that (e.g.) someone is in the next room?” – While one is thinking the thought? And if one is thinking it: while all the parts (words) of the thought? If I say: “I know that someone is in the room” & it turns out that I was mistaken, then I didn't know it – did I make a mistake in my introspection into my state of mind? I looked in & mistook something for knowledge, when it was not. – Or can one not actually know such a thing? Rather, only in cases such as: “I see something red”, “I am in pain”, etc. So one should only apply the word “know” where no one applies it; where “I know that p” means nothing unless it is the same as “p”, & the form “I do not know that p” is nonsense. Just don't look at the actual linguistic usage of the words “I know”! Just look at the words & speculate about what linguistic usage they might fit. – How does the language-game work – when do we say that we ‘know’? When we find ourselves in a certain state? – Not, when we have a certain evidence? – And so, without the evidence, there is no knowledge! What then is intuition? Is it merely a way of experiencing things, of acquiring knowledge, that is known from everyday life? Or is it a chimera, of which we only make use in philosophy? – Is the opinion that intuition is at play in a certain case comparable to the opinion that a certain disease is caused by the sting of an insect? (This opinion can be right or wrong, but we do know of diseases that are caused in this way.) Or do we have here a case where the saying applies: “for when words run short, a word is invented at the right time.” (One could imagine a linguistic usage in which it does not say “it is unknown who did it”, but: “Mr. Unknown did it” – so that one does not have to say that one does not know something.)
§
137[2]Brief von Francis erhalten. Bin erleichtert & erfreut! Gott möge uns helfen.
Received a letter from Francis. I am relieved & happy! God help us.
§CE
137[3] &138[1] &
139[1]
18.10.1937
Was wissen wir denn von der Intuition? Was für eine Vorstellung machen wir uns von ihr? Sie soll (wohl) eine Art Sehen sein, ein Erkennen mit einem Blick; mehr wüßte ich nicht. – “Also weißt Du ja doch, was eine Intuition ist!” – Etwa so, wie ich weiß, was es heißt “einen Körper mit einem Blick von allen Seiten zugleich sehen”. Ich will nicht sagen, daß man diesen Ausdruck nicht auf irgend einen Vorgang, aus irgend einem guten Grund, verwenden kann – aber weiß ich darum, was seine Anwendung sein soll? – ‘Die Ursache intuitiv erkennen’, heißt: die Ursache, irgendwie, wissen (sie auf andere Weise erfahren, als die gewöhnliche). – Es weiß sie nun Einer – aber was nützt das, – wenn sich sein Wissen nicht bewährt? Nämlich, in der gewöhnlichen Weise mit der Zeit bewährt. Aber dann ist er ja in keinem andern Fall als Einer, der die Ursache (irgendwie) richtig erraten hat. Das heißt: wir haben gar keinen Begriff von diesem besondern Wissen der Ursache. Wir können uns ja vorstellen, Einer sage mit der Gebärde der Inspiration, er wisse nun die Ursache; aber das hindert nicht, daß wir nun prüfen ob er das Rechte weiß.
18.10.1937
What do we actually know about intuition? What kind of image do we form of it? It is supposedly a kind of seeing, a recognizing with one glance; I wouldn't know anything more. – “So you do know what intuition is!” – Perhaps in the same way that I know what it means to “see a body from all sides at once.” I don't want to say that one cannot use this expression for some process, for some good reason – but does that mean I know what its application should be? – “Intuitively recognize the cause” means: to know the cause, in some way (to have experienced it in some other way than the usual one). – Now, someone knows it – but what good is that, if his knowledge does not prove itself? Namely, prove itself in the usual way over time. But then he is in no other case than that of someone who has (in some way) correctly guessed the cause. That is to say: we have no concept of this particular knowledge of the cause. We can imagine someone saying, with the gesture of inspiration, that he knows the cause; but that does not prevent us from checking whether he knows the right thing.
§CE
139[2]Das Wissen interessiert uns nur im Spiel.
Knowledge only interests us in the game.
§CE
139[3](Es ist, wie wenn jemand behauptete, er besitze die Kenntnis der Anatomie (des Menschen) durch Intuition; & wir sagen: “Wir zweifeln nicht daran; aber wenn Du Arzt werden willst, mußt Du alle Prüfungen ablegen, wie jeder Andere.”)
(It is as if someone claimed to possess knowledge of anatomy (of the human body) through intuition; & we say: “We do not doubt it; but if you want to become a doctor, you must pass all the exams, like everyone else.”)
§
139[4] &140[1] &
141[1] &
142[1]
Der See hat seine Farbe geändert. Er war bisher, d.h. in diesem Sommer & Herbst, blau oder grünblau; nun ist er bräunlichgrün (obwohl der Himmel stellenweise blau ist). Sturm & Regen. In den Bergen hat es gestern & vorgestern geschneit, jetzt taut es oben. Der Sturm ist mir immer unangenehm; macht mir Angst, stört beim Arbeiten. Und doch ist er vielleicht gut für mich. Ich hatte die Mausfalle in der Kammer gespannt auf einer Stellage stehen; darunter stand ein Sack mit Holz. Plötzlich hörte ich ein Schreien & Quieken in der Kammer ich dachte eine Maus habe sich gefangen & ging mit dem Stock hinein in Angst, aber mit der Absicht die Maus schnell zu töten um sie nicht leiden zu lassen. Ich fürchtete mich aber sie auch nur zu sehen. Als ich in die Kammer kam stand die Falle nicht mehr auf dem Brett & ich zog den Sack vor um zu sehen, wo sie liege, da schrie es im Sack. Ich räumte nun das Holz aus dem Sack denn ich konnte in ihm nichts sehen. Und ich tat es äußerst vorsichtig weil ich mich vor der Maus fürchtete, fürchtete vielleicht gebissen zu werden. Als ich mehrere Stücke Holz entfernt hatte sah ich: eine Meise hatte sich gefangen, sie war beim Fenster hereingeflogen & hatte am Käse in der Falle gepickt. Sie lebte noch blutete aber etwas am Kopf. Ich befreite sie so schnell ich konnte & sie flog auf stieß sich am Fenster, an der Decke & flog endlich beim Fenster hinaus. Daß sie den Schlag der Falle aushalten konnte ist unbegreiflich, aber sie flog davon. Ich ging in die Stube zurück & schämte mich meiner Feigheit.
The lake has changed its color. It used to be, that is, this summer and autumn, blue or bluish-green; now it is brownish-green (although the sky is blue in places). Storm and rain. It snowed in the mountains yesterday and the day before, now it is thawing on top. I always find the storm unpleasant; it scares me, it disturbs my work. And yet it is perhaps good for me. I had placed the mousetrap on a shelf in the room; there was a sack of wood underneath. Suddenly I heard a scream and squeaking in the room; I thought a mouse had been caught and went in with the stick, afraid, but with the intention of quickly killing the mouse so as not to let it suffer. But I was also afraid of even seeing it. When I came into the room, the trap was no longer on the shelf, and I pulled the sack forward to see where it was, when there was a scream from the sack. I now cleared the wood out of the sack because I could not see anything in it. And I did it very carefully because I was afraid of the mouse, perhaps of being bitten. When I had removed several pieces of wood, I saw: a titmouse had been caught, it had flown in through the window and had been pecking at the cheese in the trap. It was still alive, but it was bleeding a little on its head. I freed it as quickly as I could, and it flew away, bumping into the window, the ceiling, and finally flew out of the window. The fact that it could withstand the impact of the trap is incomprehensible, but it flew away. I went back to the room and was ashamed of my cowardice.
§CE
142[2] &143[1] &
144[1] &
145[1] &
146[1]
19.10.1937
20.10.1937 Warum ‘muß der Zweifel einmal irgendwo enden’? – Weil das Spiel nie anfangen könnte, wenn es mit dem Zweifel anfinge? D.h.: die Grundform des Spieles ist eine, in die der Zweifel nicht eintritt. Oder: Wir könnten gar nicht wissen, was ‘Ursache’ ist, wenn wir nicht das eine & andre ohne einen Zweifel als Ursache einer Wirkung anerkennten. – Aber diese Ausdrucksformen sind alle unbefriedigend. – ‘Er muß einmal instinktiv zum Erkennen einer Ursache kommen.’ Er muß ein Vorbild der ‘Ursache’ haben, ehe er zweifeln kann, ob etwas die Ursache ist. Er muß einmal gradewegs etwas ‘Ursache’ nennen, sonst kommt er nie dazu, darüber nachzudenken, ob etwas die Ursache ist. – Denk' doch es finge dann an, daß er sich den Kopf darüber zerbricht, ob dies die Ursache von dem. Wie müßte man sich dieses Kopfzerbrechen denken, diese Überlegungen? Doch in einer einfachen Weise. Es ist also etwa ein Suchen, & endlich ein Finden irgend eines Gegenstandes (der Ursache). Was ist also daran, daß das Spiel nicht mit dem Zweifel anfangen kann? Der Zweifel muß irgend ein Gesicht haben. Wenn er zweifelt, so ist die Frage: wie schaut sein Zweifel aus? Wie schaut, z.B., die Untersuchung aus, die er anstellt. – Will man nur sagen: das Spiel kann nicht damit anfangen, daß Einer sagt: “Man kann nie wissen, was die Ursache von etwas ist”? – Aber warum soll er nicht auch das sagen; wenn er dann nur einen beherzten Schritt macht. – Aber dann brauchen wir ja nicht von den Anfängen des Spiels zu reden, sondern wir können sagen: Das Spiel ‘die Ursache aufsuchen’ besteht vor allem & hauptsächlich darin, daß wir eine gewisse Praxis ausüben. Es erscheint darin auch etwas, was wir Zweifel & Unsicherheit nennen können, aber dies ist ein Zug zweiter Ordnung. Wie es zwar charakteristisch für das Funktionieren der Nähmaschine ist, daß sich ihre Teile abnützen & verbiegen, & die Achsen in den Lagern schlottern können, aber doch ein Charakteristikum zweiter Ordnung verglichen mit dem normalen Gang der Maschine.
October 19, 1937
October 20, 1937 Why ‘must doubt end somewhere’? – Because the game could not begin if it began with doubt? That is: the basic form of the game is one in which doubt does not enter. Or: we could not know what ‘cause’ is if we did not recognize one thing and another as the cause of an effect without doubt. – But these expressions are all unsatisfactory. – ‘He must instinctively come to recognize a cause.’ He must have a model of the ‘cause’ before he can doubt whether something is the cause. He must once simply call something ‘cause’, otherwise he will never get around to thinking about whether something is the cause. – Just imagine it starts with him racking his brain about whether this is the cause of that. How would one have to imagine this racking of the brain, this thinking? In a simple way. So it is something like a search, and finally a finding of some object (the cause). What is it that the game cannot begin with doubt? Doubt must have some face. When he doubts, the question is: what does his doubt look like? What does, for example, the investigation he is conducting look like? – Does one only want to say: the game cannot begin with someone saying: ‘One can never know what the cause of something is’? – But why shouldn't he say that too, if he then only takes a courageous step. – But then we don't need to talk about the beginnings of the game, but we can say: the game ‘searching for the cause’ consists primarily and mainly in the fact that we practice a certain practice. Something that we can call doubt and uncertainty also appears in it, but this is a secondary feature. Just as it is characteristic of the functioning of the sewing machine that its parts wear out and bend, and the axles can rattle in the bearings, but it is still a secondary characteristic compared to the normal operation of the machine.
§CE
146[2]Denk' Dir diese seltsame Möglichkeit: Wir hätten uns bisher immer in der Multiplikation 12 × 12 verrechnet. Ja, es ist unbegreiflich, wie das geschehen konnte, aber es ist geschehen. Also ist alles falsch, was man so ausgerechnet hat! – Aber was macht das? Es macht ja gar nichts! – Da muß also etwas falsch sein in unsrer Idee von Wahrheit & Falschheit der mathematischen Sätze.
Imagine this strange possibility: we have always miscalculated in the multiplication 12 × 12. Yes, it is incomprehensible how this could have happened, but it has happened. So everything we have calculated is wrong! – But what does that matter? It doesn't matter at all! – There must therefore be something wrong with our idea of the truth and falsehood of mathematical sentences.
§
146[3]21.10.1937
Bin ziemlich stumpf. Kann nicht gut denken.
October 21, 1937
I am rather dull. I cannot think well.
§CE, VB
146[4] &147[1]
Der Ursprung & die primitive Form des Sprachspiels ist eine Reaktion; erst auf dieser können die komplizierteren Formen wachsen. Die Sprache – will ich sagen – ist eine Verfeinerung, ‘im Anfang war die Tat’.
The origin & the primitive form of the language-game is a reaction; it is only on this that the more complicated forms can grow. Language – I want to say – is a refinement, ‘in the beginning was the deed’.
§
147[2]Wenn Du den Vollkommenen siehst, wie willst Du ihn anders nennen, als “Gott”?! –
When you see the Perfect, how else would you name him other than “God”?
§CE
147[3]Erst muß ein fester, harter Stein zum Bauen da sein, & die Blöcke werden unbehauen auf einander gelegt. Dann ist es freilich wichtig, daß er sich auch behauen läßt, (daß er) nicht vollkommen hart ist.
First, a solid, hard stone must be there for building, & the blocks are laid on top of each other unhewn. Then, of course, it is important that it can also be hewn, (that) it is not completely hard.
§CE
147[4] &74v[1]
Die primitive Form des Sprachspiels ist die Sicherheit, nicht die Unsicherheit. Denn die Unsicherheit könnte nie zur Tat führen.
The primitive form of the language-game is certainty, not uncertainty. For uncertainty could never lead to an act.
§CE
74v[2] &75r[1]
Ich will sagen: es ist charakteristisch für unsere Sprache, daß sie auf dem Grund fester Lebensformen, regelmäßiger Handlungen, emporwächst. Ihre Funktion ist vor allem durch die Handlung, deren Begleiterin sie ist, bestimmt. Wir haben eben einen Begriff davon, was für Lebensformen primitive sind, & welche erst aus solchen entsprossen sind. Wir glauben, daß der einfachste Pflug vor dem komplizierten da war.
I want to say: it is characteristic of our language that it grows up on the basis of firm forms of life, regular actions. Its function is primarily determined by the action, of which it is an accompaniment. We simply have a concept of what primitive forms of life are, & which have only arisen from these. We believe that the simplest plow came before the complicated one.
§CE
75r[2]Die einfache Form (& das ist die Urform) des Ursache-Wirkung Spiels ist die der Bestimmung der Ursache, nicht des Zweifels.
The simple form (and this is the original form) of the cause-and-effect game is the determination of the cause, not the doubt.
§
75r[3]Lenkt der Kutscher die Pferde dadurch, daß er auf dem Kutschbock zappelt, oder dadurch, daß er die Zügel ruhig & fest anzieht? Anwendung auf mich.
Does the coachman guide the horses by fidgeting on the driver’s seat, or by pulling the reins calmly & firmly? Apply this to myself.
§CE
75r[4] &75v[1]
[“…Irgendwo müssen wir – ohne zu zweifeln – sagen: das geschieht aus dieser Ursache.”] Im Gegensatz, etwa, wozu? Im Gegensatz dazu wohl, daß man nie den Knoten anzieht, sondern immer zweifelhaft bleibt, was die Ursache der Erscheinung wirklich sei. Als hätte es einen Sinn zu sagen: strenggenommen, könne man die Ursache nie mit Sicherheit wissen. So daß es also am meisten der Wahrheit entsprechend sei, die Frage nicht zu entscheiden. Welche Idee auf einem gänzlichen Mißverstehen der Rolle der Genauigkeit beruht & dem Zweifel zufallen.
[“…Somewhere we must – without doubting – say: this happens because of this cause.”] In contrast, for example, to what? Presumably, in contrast to the fact that one never tightens the knot, but always remains doubtful as to what the cause of the phenomenon really is. As if it made sense to say: strictly speaking, one could never know the cause with certainty. So that it would most closely correspond to truth not to decide the question. An idea based on a complete misunderstanding of the role of accuracy & falling prey to doubt.
§
75v[2] &76r[1]
22.10.1937
Immer, wenn mir etwas widerfährt, geht gleichsam eine Furchtwelle über mich, Furcht vor dem Tode, vor schwerem Unglück, u.s.w.. Diese Furcht ist nicht gut; aber sie zeigt, daß ich mein Leben unrichtig auffasse.
October 22, 1937
Whenever something happens to me, a wave of fear, as it were, passes over me, fear of death, of serious misfortune, etc. This fear is not good; but it shows that I am conceiving of my life incorrectly.
§VB
76r[2] &76v[1] &
77r[1] &
77v[1]
Kierkegaard schreibt: Wenn das Christentum so leicht & gemütlich wäre, wozu hätte Gott in seiner Schrift Himmel & Erde in Bewegung gesetzt, mit ewigen Strafen gedroht –. – Frage: Warum aber ist dann diese Schrift so undeutlich? Wenn man jemand vor furchtbarer Gefahr warnen will, tut man es, indem man ihm ein Rätsel zu raten gibt, dessen Lösung etwa die Warnung ist? – Aber wer sagt, daß die Schrift wirklich undeutlich ist: ist es nicht möglich, daß es hier wesentlich war, ein Rätsel aufzugeben? Daß eine direktere Warnung dennoch die falsche Wirkung hätte haben müssen? Gott läßt das Leben des Gottmenschen von vier Menschen berichten, von jedem anders, & widersprechend – aber kann man nicht sagen: Es ist wichtig, daß dieser Bericht nicht mehr als sehr gewöhnliche historische Wahrscheinlichkeit habe, damit diese nicht für das Wesentliche, Ausschlaggebende gehalten werde. Damit der Buchstabe nicht mehr Glaube fände, als ihm gebührt & der Geist sein Recht behalte. D.h.: Was Du sehen sollst läßt sich auch durch den besten, genauesten Geschichtsschreiber nicht vermitteln; darum genügt, ja ist vorzuziehen, eine mittelmäßige Darstellung. Denn was Dir mitgeteilt werden soll, kann die auch mitteilen. (Ähnlich etwa, wie eine mittelmäßige Theaterdekoration besser sein kann als eine raffinierte, gemalte Bäume besser als wirkliche, – die die Aufmerksamkeit von dem ablenken, worauf es ankommt.) Das Wesentliche, für Dein Leben Wesentliche aber legt der Geist in diese Worte. Du sollst gerade nur das deutlich sehen, was auch diese Darstellung deutlich zeigt. (Ich weiß nicht sicher, wieweit dies alles genau im Geiste Kierkegaards ist.)
Kierkegaard writes: If Christianity were so easy & comfortable, why would God have set heaven & earth in motion in his scripture, threatened with eternal punishments? – Question: But why is this scripture then so unclear? If one wants to warn someone of terrible danger, does one do so by giving him a riddle to solve, the solution of which is perhaps the warning? – But who says that the scripture is really unclear: is it not possible that it was essential here to present a riddle? That a more direct warning would nevertheless have had to have the wrong effect? God has the life of the God-man reported by four people, each differently, & contradictorily – but can one not say: It is important that this account has no more than very ordinary historical probability, so that this is not taken for what is essential, decisive. So that the letter does not find more faith than it deserves & the spirit retains its right. That is: What you are to see cannot be conveyed even by the best, most accurate historian; therefore, a mediocre representation is sufficient, indeed preferable. Because what is to be communicated to you can also be communicated by it. (Similarly, a mediocre stage set can be better than a sophisticated one, painted trees better than real ones – which distract attention from what is important.) The essential thing, what is essential for your life, however, the spirit places in these words. You should just see clearly what even this representation shows clearly. (I do not know for sure how much of all this is exactly in the spirit of Kierkegaard.)
§CE
77v[2]Die Grundform des Spiels muß eine sein, in der gehandelt wird.
The basic form of the game must be one in which there is action.
§
77v[3] &78r[1]
Denke Dir eine Schrift, in der das R ebenso wohl auch geschrieben werden kann. Für sie ist es der gleiche Buchstabe. Sollen wir sagen, für sie sei der Buchstabe, was den beiden gemeinsam ist? Oder (gar) eine Schrift, in der jeder Buchstabe beliebig liegen kann, das ‘A’ z.B. auch so
.
Sie haben etwa ihre Schriftzeichen immer schon in Stempel geschnitten & dann gedruckt, die Stempel sind viereckig, wie sie gedreht sind ist gleichgültig.
Imagine a script in which the letter R can just as well be written as . For it, it is the same letter. Should we say that, for it, the letter is what both have in common? Or (even) a script in which every letter can be arranged arbitrarily, for example, the ‘A’ also like this:
.
They, for example, always cut their script characters into stamps and then print them; the stamps are square; how they are rotated is irrelevant.
§CE
78r[2]“Wie sollte der Begriff ‘Ursache’ auf die Beine gestellt werden, wenn immer gezweifelt würde?”
“How could the concept of ‘cause’ be established if one were always to doubt?”
§CE
78r[3]“Die Ursache muß ursprünglich etwa handgreifliches sein”.
“The cause must originally be something tangible.”
§CE
78r[4]Heißt es nicht eigentlich: mit der philosophischen Spekulation kann man nicht anfangen –?
Doesn’t it actually mean: one cannot begin with philosophical speculation?
§CE
78r[5] &78v[1]
Wenn ich nie wüßte, was die Ursache von etwas ist, wie wäre ich dann zu diesem Begriff gekommen? – Das heißt doch: wie hätte ich mich wundern können, was von dem & dem wohl die Ursache ist, wenn ich nicht schon eine Ursache von etwas gesehen hätte? Ja nun, dieses ‘Können’ muß wohl ein logisches sein, – denn sonst könnte man sich ja alle möglichen Erklärungen denken. Das heißt aber nur: Gib bei der Beschreibung dieses ‘Wunderns’ acht, daß Du wirklich etwas beschreibst!
If I never knew what the cause of something was, how would I then have come to this concept? – Doesn’t that mean: how could I have wondered what might be the cause of this and that if I had not already seen the cause of something? Yes, well, this ‘ability’ must be a logical one – because otherwise one could think of all kinds of explanations. But that only means: when describing this ‘wondering,’ be careful that you are really describing something!
§CE
78v[2]Das Wesentliche des Sprachspiels ist eine praktische Methode (eine Art des Handelns), – keine Spekulation, kein Geschwätz.
The essential thing about the language-game is a practical method (a kind of action) – not speculation, not idle talk.
§
78v[3] &79r[1]
(Das Wesentliche des Begriffes ist, daß er normalerweise mit beiden Füßen auf der Erde steht; nicht, daß er hie & da einmal einen Luftsprung macht & dann auf Augenblicke den Boden unter den Füßen verliert.)
(The essential thing about the concept is that it normally stands with both feet on the ground; not that it now and then makes a leap into the air and then loses the ground under its feet for a moment.)
§
79r[2]23.10.1937
In der Nacht onaniert; danach Scham. – Fing an meine alte Maschinschrift anzusehen & den Weizen von der Spreu zu sondern; wenn sie nur reiner zu sondern wären! Was ist nützlich, was unnütz?! Es ist schwer zu sagen. Möge ich eine Tätigkeit, die keine Möglichkeit des Erfolges in sich hat bald als solche erkennen und bleiben lassen, & tun was nützlich ist!!
October 23, 1937
At night, I masturbated; afterwards, shame. – I began to look at my old typescript and to sort the wheat from the chaff; if only it were easier to sort it! What is useful, what is useless?! It is difficult to say. May I soon recognize a task that has no possibility of success and leave it, and do what is useful!!
§
79v[1]24.10.1937
Mir ist beim Prüfen meiner alten Bemerkungen als sollte ich den Hausrat einer Wohnung herstellen, indem ich Gegenstände aus einem Kehrrichthaufen ziehe & sie umständlich prüfe & zu säubern versuche.
October 24, 1937
When reviewing my old remarks, it was as if I were setting up the household of an apartment by pulling objects from a trash heap and trying to examine and clean them awkwardly.
§
79v[2]‘Paßt’ Wasser in ein Gefäß? (Andere ‘Identität’.)
Does ‘water’ fit in a vessel? (Another ‘identity’.)
§
79v[3] &80r[1]
25.10.1937
Lese meine alten Bemerkungen. Die große Mehrzahl ist mir recht gleichgültig; viele, viele sind flau. Am besten sind die, die einfach ein Problem aussprechen. Ich bin sehr neugierig was für einen Eindruck ich am Schluß von diesen Sätzen haben werde. Möge er mich nicht niederschmettern, wie immer es ist. – Vor allem aber soll es lehrreich sein. Möge ich viel lernen!!
October 25, 1937
I am reading my old remarks. The great majority is of little interest to me; many, many are bland. The best are those that simply express a problem. I am very curious what impression I will have of these sentences at the end. May it not overwhelm me, as it always is. – Above all, it should be instructive. May I learn a lot!!
§
80r[2] &80v[1] &
81r[1]
26.10.1937
Schreibe jetzt nicht mehr, sondern lese nur den ganzen Tag meine Maschinschrift & mache Zeichen zu jedem Absatz. Es ist viel denken hinter diesen Bemerkungen. Aber brauchbar für ein Buch sind doch nur wenige ohne Umarbeitung, aus verschiedenen Gründen. Ich habe jetzt beinahe ein Viertel des Ganzen durchgesehen. Wenn es also glatt geht, könnte ich in ca. 6 Tagen damit fertig sein. Aber was dann? Nun, versuchen, das Brauchbare zu sammeln. – Freilich, das ist sehr schwer! & ich dachte heute manchmal, es werde vielleicht für mich bedeuten, von hier wegzugehen, etwa zu Drury, so Gott will. Denn ich weiß nicht ob ich diese Arbeit in dieser Einsamkeit machen kann. Aber es wird sich alles zeigen. – Ich bete öfters im Tag & doch muß ich mir sagen, daß ich gar nicht richtig beten kann. Denn ich bin zu unernst. Ich bitte um Erleuchtung; möge sie mir gegeben werden obwohl ich gar nicht richtig darum bitten kann. Eitelkeit & Gemeinheit spielen in alles, ausnahmslos, hinein was ich schreibe oder denke. Mindestens ist die Gemeinheit immer next door.
October 26, 1937
Now I am no longer writing, but only reading my typescript all day and making marks next to each paragraph. There is a lot of thinking behind these remarks. But only a few are usable for a book without reworking, for various reasons. I have now almost gone through a quarter of the whole thing. If it goes smoothly, I could finish it in about 6 days. But then what? Well, try to collect the useful material. – Of course, that is very difficult! And today I sometimes thought that it might mean for me to leave here, perhaps to Drury, God willing. Because I do not know if I can do this work in this solitude. But everything will show. – I pray often during the day, and yet I must tell myself that I cannot really pray. Because I am too unserious. I ask for enlightenment; may it be given to me, even though I cannot really ask for it. Vanity and meanness play into everything, without exception, that I write or think. At least, meanness is always next door.
§
81r[2]27.10.1937
Heute nicht weiter gelesen, sondern wieder geschrieben, da ich mich wieder dazu fähig fühlte. Es ging nicht schlecht. Lieben Brief von Fr., er schreibt über eine Sitzung des Moral Science Club & wie elend schlecht die Diskussion unter Braithwaites Vorsitz sei. Es ist scheußlich. Aber ich wüßte nicht was dagegen zu machen wäre, denn die andren Leute sind auch zu wenig ernst. Ich wäre auch zu feig, etwas Entscheidendes zu tun.
October 27, 1937
Today I did not read any further, but wrote again, because I felt capable of it. It went well. Loving letter from Fr., he writes about a meeting of the Moral Science Club and how miserably bad the discussion was under Braithwaite’s chairmanship. It is horrible. But I would not know what to do about it, because the other people are also too unserious. I would also be too cowardly to do something decisive.
§
81r[3] &81v[1]
28.10.1937
Wer Philosophie lehrt, kann immer sagen: Ich weiß nicht. – Entscheide Du. –
28.10.1937
Whoever teaches philosophy can always say: I do not know. – You decide. –
§
81v[2]Bin wieder mit Arbeitsfähigkeit begnadet. – Und mit vielem anderen.
I am once again blessed with the ability to work. – And with much else.
§
81v[3]29.10.1937
Hätte viel über mich selbst, meine schlechten Gedanken, Gefühle, Ängstlichkeit & Übelwollen zu schreiben, aber ich versäume es. Auch über Religion, Lauheit, Unernst. Aber ich lebe oberflächlich dahin. Möge es anders werden! & doch wünsche ich mir nicht Leiden, Verluste, etc..
29.10.1937
I could write a lot about myself, my bad thoughts, feelings, anxiety & ill will, but I neglect to do so. Also about religion, indifference, unseriousness. But I live superficially. May it be different! & yet I do not wish for suffering, losses, etc.
§
81v[4]30.10.1937
Es gibt keine Interpretation eines Satzes außerhalb der Grammatik.
30.10.1937
There is no interpretation of a sentence outside of grammar.
§
82r[1]Eine Interpretation eines Satzes ist seine Umgebung in der Grammatik.
An interpretation of a sentence is its environment in grammar.
§
82r[2]Man sagt: “Gibt es einen Körper hier?” – & die Kriterien sind eben die Sinneswahrnehmungen. Aber das ist eine neue Bildung, eine Bildung der Philosophie: “Gibt es hinter diesen Sinneswahrnehmungen – die ja die Kriterien der Existenz des Körpers waren – einen Körper?” ( “Unglückliche Geschöpfe … zu tausend Malen.”)
One says: “Is there a body here?” – & the criteria are precisely the sensory perceptions. But that is a new formation, a formation of philosophy: “Is there, behind these sensory perceptions – which were the criteria for the existence of the body – a body?” (“Unhappy creatures … a thousand times.”)
§
82r[3] &82v[1]
“Wie konnte ich nur auf den Gedanken kommen?!” müßte doch heißen: Was kann denn überhaupt (für Substanz) in diesem Gedanken sein? Aber um das zu sehen, müssen wir sehen, wie wir ihn denn gebrauchen.
“How could I have come up with that thought?!” should really mean: What can possibly (in terms of substance) be in this thought? But in order to see that, we must see how we use it.
§
82v[2]“Wie kann ich von einem neuen Geschmack reden, den ich noch nie gehabt habe?” “Wie kann ich von einem sechsten Sinn reden?” Nun wie rede ich denn von diesen Dingen, was sage ich denn von ihnen aus, mit welcher Begründung, mit welchen praktischen Folgen?
“How can I talk about a new taste that I have never had?” “How can I talk about a sixth sense?” Now how do I talk about these things, what do I say about them, with what justification, with what practical consequences?
§
82v[3] &83r[1]
Ich kann doch nicht eigentlich von einem neuen Sinn, einer neuen Art der Sinneserfahrung reden, das kann doch keinen Sinn haben. Ich kann doch nicht in Gedanken, durch Worte eine Voraussicht erschleichen, von etwas, was ich nicht kenne. (Nihil est in intellectu …) Als könnte ich in den Gedanken gleichsam von hinten herum kommen & einen Blick von etwas erhaschen was ich von vorn nicht ansehen kann.
I cannot actually talk about a new sense, a new kind of sensory experience; that cannot make sense. I cannot, in thought, through words, conjure up a premonition of something that I do not know. (Nihil est in intellectu…) As if I could, in thought, come at it from the back & catch a glimpse of something that I cannot see from the front.
§
83r[2] &83v[1]
Aber welcherlei Aussagen über einen neuen Sinn macht er denn & was macht er denn mit ihnen? Was kann er denn mit ihnen machen? Haben sie keinen Sinn – so wird sich das doch so zeigen, daß er nichts mit ihnen machen kann. Wird denn die Frage ob ein Satz Sinn hat dadurch entschieden daß gesagt wird ob man sich etwas dabei denken kann?
But what kind of statements does he make about a new sense, & what does he do with them? What can he do with them? If they have no sense, then that will be shown in the fact that he cannot do anything with them. Is the question of whether a sentence has sense decided by saying whether one can think of something in connection with it?
§
83v[2]Ich will sagen: “Du kannst doch nicht das mit dieser Aussage machen!” Aber das wird sich ja von selbst in ihrer Anwendung zeigen. Nur ist es oft schwer diese Anwendung klar darzustellen.
I want to say: “You cannot do that with this statement!” But that will show itself on its own in its application. It is only often difficult to present this application clearly.
§
83v[3] &84r[1]
››Durch das allgemeine Wort “Sinneswahrnehmung” kannst Du doch jetzt nicht über Dich hinaus kommen. Es kann ja nur die Allgemeinheit haben, die Du ihm gegeben hast; während Du so tust als hättest Du ihm eine Seele eingehaucht & jetzt sei es lebendig & schreite auf eigene Faust weiter. Als hättest Du gleichsam ein Wesen gemacht das jetzt selbständig weiter geht & Dich noch mitnimmt.‹‹ Aber das könnte auch so gesagt werden: ‘Du kommst nicht um die Anwendung herum’. Du kannst in den Worten allerlei Luftgespinste machen, aber ihr Sinn wird sich in ihrer Anwendung bewähren.
“Through the general word ‘sensory perception,’ you cannot now go beyond yourself. It can only have the generality that you have given it; while you act as if you had breathed a soul into it & now it is alive & moves on its own. As if you had, as it were, created a being that now continues independently & takes you along with it.” But that could also be said: ‘You cannot avoid application.’ You can engage in all sorts of fantasies in words, but their sense will prove itself in their application.
§
84r[2] &84v[1]
Ich brauche nicht Zeter & Mordio zu schreien, weil sich der Sinn selbst offenbaren wird – wenn wir nur genau genug auf die Anwendung achthaben.
I do not need to shout & rave, because the sense will reveal itself – if we only pay close enough attention to the application.
§
84v[2]31.10.1937
Ein wenig unwohl. Weiß nicht wovon.
31.10.1937
A little unwell. I don't know why.
§
84v[3] &85r[1] &
85v[1] &
86r[1]
Du redest, als könnte der Gedanke – von dem Du einen nebelhaften Begriff hast – etwas unerhörtes leisten, & das müsse man eben anerkennen, es ist ja eben der Gedanke. Hardy sagte in – – – es sei nicht der Mühe wert Leuten zu antworten die für den finitism ein Argument gebrauchen wie: “Das Endliche kann nicht das Unendliche denken”. Es ist wahr, dies ist ein ungeschickter Ausdruck. Aber was die Leute damit sagen wollen ist: “Es muß hier doch mit rechten Dingen zugehen! Woher dieser Sprung vom Endlichen zum Unendlichen?”. Und so ganz unsinnig ist jener Ausdruck auch nicht– nur ist jenes “Endliche” was das Unendliche nicht soll denken können, nicht ‘der Mensch’ oder ‘der Verstand’ sondern der Symbolismus. Und wie dieser das ‘Unendliche’ denkt, dies ist wohl einer Untersuchung wert. Und zwar heißt es in so einer Untersuchung: “Fort, zuerst, mit allen Assoziationen, Gesten etc. die mit dem Wort ‘unendlich’ verknüpft sind!” Was geschieht nun mit diesem Begriff, wenn wir ihn von diesen Dingen entblößen? In die Geschäftsbücher dieses Begriffes müssen wir sehen. Hier muß zu ersehen sein, was der Begriff jeder seiner Anwendungen, jeder seiner Assoziationen verdankt etc. “Das Endliche kann nicht das Unendliche denken” sagt: So kann es nicht zugehen wie ihr es Euch denkt & ihr scheut Euch ein helles Licht in die Transaktionen fallen zu lassen, die ihr mit dem Begriff vornehmt & was Euch reizt ist gerade das Zwielicht. Der Gedanke kann, gleichsam, fliegen, er braucht nicht zu gehen. Du verstehst, d.h. übersiehst die Transaktionen nicht & projizierst (quasi) Dein Unverständnis in ein Medium in dem das Erstaunlichste möglich ist.
You speak as if the thought – of which you have a vague idea – could achieve something extraordinary, & that one must simply acknowledge it; it is, after all, just a thought. Hardy said in – – – that it is not worth responding to people who use an argument for finitism such as: “The finite cannot think the infinite.” It is true, this is an awkward expression. But what people mean by it is: “There must be some sense to this! Where does this leap from the finite to the infinite come from?” And this expression is not entirely nonsensical – only, this “finite” which the infinite is not supposed to be able to think is not ‘man’ or ‘the mind’, but the symbolism. And how this thinks the ‘infinite’ is presumably worth investigating. In such an investigation, one would say: “Come now, first, with all the associations, gestures, etc. that are connected with the word ‘infinite’!” What happens to this concept when we strip it of these things? We must look into the ledgers of this concept. Here, one must see what the concept owes to each of its applications, each of its associations, etc. “The finite cannot think the infinite” says: It cannot proceed as you imagine, & you shy away from letting a bright light fall on the transactions that you carry out with the concept, & what attracts you is precisely the twilight. The thought can, as it were, fly; it does not need to walk. You understand, that is, you do not see the transactions, & you project (as it were) your lack of understanding into a medium in which the most extraordinary things are possible.
§
86r[2]Wie kann ich mir denn eine neue Art der Sinneserfahrung, etwa einen ‘sechsten Sinn’, denken? Ich habe ja eben keinen Zugang zu diesem Begriff. Und zu glauben, meine eigenen allgemeinen Begriffe könnten mich weiterführen, das ist als meinte man eine Lokomotive könne weiter fahren als die Gleise die man für sie gelegt hat
How can I imagine a new kind of sensory experience, perhaps a ‘sixth sense’? I don’t really have access to this concept. And to believe that my own general concepts could lead me further is like thinking that a locomotive can travel further than the tracks that have been laid for it.
§
86v[1]Wie können mich denn meine (eigenen) Gedanken dorthin führen, wo kein Weg für sie geht? Das wäre als vergäße man, daß ein Eisenbahnzug nur so weit fahren kann als man Geleise gelegt hat auch wenn die Lokomotive noch Brennstoff & Wasser hat. Aber laß doch den der das nicht glaubt ruhig eine Fahrt machen, es wird sich ja zeigen, daß er am Ende der Gleise umkehren muß, oder daß eine Entgleisung geschieht.
How can my (own) thoughts lead me where there is no way for them to go? That would be like forgetting that a train can only travel as far as tracks have been laid, even if the locomotive still has fuel and water. But let anyone who doesn’t believe this take a ride; it will become clear that at the end of the tracks, it must turn around, or an accident will occur.
§
87r[1] &87v[1]
Welchen Begriff habe ich denn von der neuen Sinneserfahrung, die ich noch nicht kenne? Habe ich denn überhaupt einen? Ist nun nicht ‘Sinneserfahrung’ so leer wie ‘Ereignis’? “Da geschah ein Ereignis” – “weißt Du jetzt etwas darüber was geschah?” Aber wenn ich keinen Begriff habe, dann werde ich ja auch nichts mit diesem Wort anfangen können. Und was ich damit anfangen kann, wird ja zeigen, welchen Begriff ich habe. Sage also nicht “mein Begriff sei leer”, sondern: “sehen wir nach, was Dein Begriff ist denn es ist ihm nicht unmittelbar anzusehen,
⟵ was an ihm ist.” Laß den Gebrauch sprechen!
What concept do I have of the new sensory experience that I do not yet know? Do I even have one? Isn’t ‘sensory experience’ as empty as ‘event’? “An event took place”—“do you now know anything about what happened?” But if I have no concept, then I will also not be able to do anything with this word. And what I can do with it will show what concept I have. So don’t say, “my concept is empty,” but: “let’s see what your concept is, because it is not immediately apparent what is in it.” Let the use speak!
§
87v[2] &88r[1]
“Wie kann es denn Sinn haben, von einer mir ganz neuen Art der Sinneserfahrung zu reden, die ich vielleicht einmal haben werde. Wenn dabei nämlich wirklich die Erfahrung selbst gemeint sein soll & nicht etwa das Sinnesorgan.” Ich habe derlei oft in Diskussionen, mit Ramsey z.B., gesagt. [Man kann doch nicht ins Blaue hinein verallgemeinern!] Aber was ist zu tun, wenn die Antwort lautet: “Es ist eben doch möglich, so etwas zu denken!” Was soll man darauf sagen? – – Nun, da muß man herausfinden, was Du dabei denkst. Daß Du versicherst, Du denkest diese Phrase – was ist damit zu machen? – Darauf kommt es ja auch nicht an. Ihr Zweck ist ja nicht der, Nebel in Deiner Seele aufsteigen zu lassen. Was Du meinst – wie ist es herauszufinden? Wir müssen geduldig prüfen, wie Du diesen Satz verwendest. Wie rund um ihn alles aussieht. Da wird sich sein Sinn zeigen.
“How can it make sense to talk about a completely new kind of sensory experience that I may one day have, if the experience itself is actually meant, and not just the sensory organ?” I have often said this in discussions, with Ramsey, for example. [One cannot generalize into the blue!] But what is to be done if the answer is: “It is indeed possible to think something like that!” What should one say to that? Well, then one must find out what you are thinking. The fact that you assure me that you are thinking this phrase—what is to be done with that? It is not about that. Its purpose is not to let fog rise in your soul. What you mean—how is it to be found out? We must patiently examine how you use this sentence. How everything looks around it. Its sense will reveal itself.
§
88v[1]So als wollte man sagen: Die neuere Technik leistet eben Dinge, die Du Dir gar nicht vorstellen kannst.
As if one wanted to say: Newer technology accomplishes things that you cannot even imagine.
§
88v[2]01.11.1937
Mir ist seltsamerweise auch heute nicht gut; obwohl ich mir nicht denken kann, warum. Mein Zustand hindert mich am ruhigen Denken.
01.11.1937
Strangely, I am not feeling well today either, although I cannot think why. My state prevents me from thinking calmly.
§
88v[3] &89r[1]
Die seltsame Ähnlichkeit einer philosophischen Untersuchung (vielleicht besonders in der Mathematik) & einer ästhetischen, etwa, was an diesem Kleid schlecht ist, wie es gehörte etc.. Es heißt eben auch hier: “Was paßt hier noch nicht?” & auch da sagt das stumpfere Gefühl: “es ist ja schon alles in Ordnung.” Auch da darf man die falsche Erklärung darum nicht wegwerfen, denn sie ist nützlich, die richtige finden zu lehren. Die Ähnlichkeit reicht sehr weit.
The strange similarity between a philosophical investigation (perhaps especially in mathematics) & an aesthetic one, for example, what is wrong with this dress, how it fits, etc. It also means here: “What doesn’t quite fit here?” & the more obtuse feeling also says: “it’s all in order.” One must not dismiss the false explanation, because it is useful for learning the correct one. The similarity goes very far.
§
89r[2] &89v[1]
Ich möchte in solchen Fällen immer (wieder) sagen: “Ich kann doch nicht denkend mein eigenes Denken transzendieren!” – – Aber, was ich in dem Sinne ‘nicht kann’ – wozu soll ich davon reden? – Das werde ich ja auch nicht tun. – Sehen wir also nach, was wir tun, wie wir unsre Worte gebrauchen!
In such cases, I would always (repeatedly) say: “One cannot, through thinking, transcend one’s own thinking!” – But what is it that I ‘cannot’ do in that sense – why should I talk about it? – I will not do so. – Let us therefore examine what we do, how we use our words!
§
89v[2]Gegen wen richte ich mich denn da? (Und was will ich denn?) – Ich sollte doch sagen: Du kennst Dich nicht aus – & gebrauchst ein falsches (irreführendes) Bild. Gebraucht aber er das Bild – Gebrauche nicht ich's? Ja aber es ist ein krasser Ausdruck seiner Denkweise. (Die irreführende Gegenüberstellung: etwas durch Denken erkennen etwas durch die Sinneswahrnehmung erkennen. Der Verstand als eine Art Sinn für das unsinnliche.)
Who am I opposing here? (And what do I want?) – I should say: You don’t understand – & you use a false (misleading) image. But doesn’t he use the image – don’t I use it? Yes, but it is a crude expression of his way of thinking. (The misleading juxtaposition: recognizing something through thinking, recognizing something through sensory perception. The intellect as a kind of sense for the nonsensical.)
§
90r[1]Ich könnte sagen: Du hast einen falschen Begriff; aber aufklären läßt sich die Sache nicht indem ich gegen Deine Worte wettere sondern nur dadurch daß wir untersuchen wie Du Deine Worte gebrauchst & indem ich trachte Deine Aufmerksamkeit von Assoziationen, Illustrationen weg auf den Gebrauch zu lenken.
I could say: You have a false concept; but the matter cannot be clarified by me railing against your words, but only by us examining how you use your words & by me trying to direct your attention away from associations, illustrations, towards the use.
§
90r[2]Vergleiche: ein Spiel erfinden, eine Sprache erfinden, eine Maschine erfinden.
Compare: inventing a game, inventing a language, inventing a machine.
§
90r[3] &90v[1]
‘Über sich selbst führt uns kein Zeichen hinaus; & auch kein Argument.’
‘No sign leads us beyond ourselves; & no argument.’
§
90v[2]02.11.1937
Die Bedeutung des Wortes “vielleicht”. Was heißt es, das Wort “vielleicht” verstehen? – Verstehe ich das Wort “vielleicht”? Und wie beurteile ich, ob ich es tue?
02.11.1937
The meaning of the word “perhaps”. What does it mean to understand the word “perhaps”? – Do I understand the word “perhaps”? And how do I judge whether I do?
§
90v[3] &91r[1]
‘Über sich selbst führt uns kein Zeichen hinaus…’– Was heißt denn das, & wer glaubt denn, daß es so ist? Ist es so: In vielen Fällen brauchen wir bei dem Weiterschreiten in der Benützung unsrer Wörter & Symbole nicht gar zu achtsam zu sein: Ihr Gebrauch dehnt sich ganz von selbst aus & wir wären zu sagen geneigt: ‘Es geschieht ja nichts Neues; diese Entwicklung lag ja schon in unserm ursprünglichen Begriff.’ Dann aber gibt es Fälle, wo der Weg zwischen Abgründen führt, wo äußerste Vorsicht nötig ist, da die schwersten Mißverständnisse rechts & links vom Weg liegen. Hier kann man nicht mehr sorglos einer Verallgemeinerung des Sprachgebrauches folgen sondern muß sich nun bei jedem Schritt fragen: Ist das noch das alte Spiel?
‘No sign leads us beyond ourselves…’– What does that mean, & who believes that it is so? Is it the case that in many cases, as we proceed in the use of our words & symbols, we don’t need to be very careful: their use expands quite on its own & we would be inclined to say: ‘Nothing new is happening; this development was already contained in our original concept.’ But then there are cases where the path leads between abysses, where extreme caution is necessary, since the most serious misunderstandings lie to the right & left of the path. Here one can no longer carelessly follow a generalization of linguistic usage, but must now ask at each step: Is this still the same game?
§
91r[2] &91v[1]
In den letzten Tagen ist es mir etwas schlechter bei der Arbeit gegangen. Schlechten Stil geschrieben, d.h. unsicher, daher wackelig. Mein Körper ist in ganz gutem Zustand, ich habe aber nicht ganz guten Appetit. –
In the last few days, I have been doing a little worse with my work. I have written in a bad style, i.e. uncertain, therefore shaky. My body is in quite good condition, but I don’t have a very good appetite. –
§
91v[2]03.11.1937
Ziemlich viel & gut gearbeitet. –
03.11.1937
Worked quite a lot & well. –
§
91v[3] &92r[1]
04.11.1937
Heißt dieses Gefühl “Schmerz”? Aber ich gebrauche das Wort doch auch zur Beschreibung des schmerzlosen Zustandes! Aber ich sage ja auch N.N. ist gestorben & doch hieß dieser Mann “N.N.”. Zu sagen, dies Gefühl heiße “Schmerz” & auch dies erkläre die Bedeutung des Worts sagt nicht daß beim Aussprechen oder Hören des Worts wenn es nicht stumpfsinnig geschehe eine Vorstellung des Schmerzes vorhanden sein muß; wie auch beim Aussprechen, Schreiben oder Hören des Wortes Kuh uns keine Vorstellung einer Kuh vorschweben muß, obwohl in gewissen Fällen der Übergang vom Wort zur Vorstellung gemacht werden muß Denke Dir den Vorgang beim Kaufen & Verkaufen von Kühen. Bei welchen Punkten des Vorgangs ist es wesentlich daß Einer sich eine Kuh vorstellt. Wenn wir dem Zahnarzt mitteilen wir hätten Schmerzen in welchen Fällen ist es nützlich daß er sich einen Schmerz vorstellt:
04.11.1937
Does this feeling mean “pain”? But I also use the word to describe the painless state! But I also say that N.N. is dead & yet this man was called “N.N.”. To say that this feeling is called “pain” & also to explain the meaning of the word does not mean that when uttering or hearing the word, if it is not done in a dull-witted way, a mental image of pain must be present; just as when uttering, writing or hearing the word cow, we do not necessarily have to have a mental image of a cow float before us, although in certain cases the transition from the word to the image must be made. Think of the process of buying & selling cows. At which points in the process is it essential that one imagines a cow. If we communicate to the dentist that we have pain, in which cases is it useful for him to imagine pain:
§
92v[1]05.11.1937
Warum sagt man, ich müsse doch wissen ob ich das Wort verstehe oder nicht? Sagt man auch ich müsse wissen ob ich Schach spielen kann, ob ich weiß wie man den Bauer verwendet, wie man integriert? Muß ich wissen ob ich das Wort Integral verstehe? Kann ich mich hier nicht irren? Wie überzeuge ich mich daß ich das Wort Bauer verstehe? Wie würde sich das dennoch als Irrtum erweisen?
05.11.1937
Why does one say that I must know whether I understand the word or not? Does one also say that I must know whether I can play chess, whether I know how to use the pawn, how to integrate? Must I know whether I understand the word integral? Can I not be mistaken here? How do I convince myself that I understand the word pawn? How would that nevertheless prove to be a mistake?
§
92v[2]Bin sehr müde obwohl ich nicht sehr viel gearbeitet habe.
I’m very tired, even though I haven’t worked very much.
§
92v[3] &93r[1]
Denke Dir ein Mensch wüßte nicht ob “gelb” die Farbe, oder jeden gelben Gegenstand bezeichne. Er würde also die hinweisende Definition richtig geben & doch die Anwendung nicht kennen. Oder, er wüßte daß dies “Rauch” heißt & glaubte aber daß jedes Aufsteigen eines grauen Schattens so heißt.
Imagine a person who doesn’t know whether “yellow” refers to the color or to any yellow object. He would thus give the ostensive definition correctly, but not know the application. Or, he knows that this is called “smoke,” but believes that any rising gray shadow is called that.
§
93r[2]“Wenn Du einmal weißt was das Wort bezeichnet, verstehst Du es, kennst seine ganze Anwendung!”
“If you once know what the word refers to, you understand it, you know its entire application!”
§
93r[3] &93v[1]
“Kannst Du das Gewicht heben?” “Ich weiß nicht – es wird sich zeigen.” Kannst Du noch Schach spielen? Ich weiß nicht es wird sich zeigen. Verstehst Du das Wort Baum? Ich weiß nicht; es wird sich zeigen. Kann man denn das sagen? – Aber wenn es sich um die Unterscheidung gewisser Pflanzen in Bäume & etwas anderes handelte, könnte ich da nicht zweifeln ob ich das Wort noch überall richtig anwenden kann? “Wie war es nur, welche Tiere galten den Juden als rein … ?” Wenn ich es nicht genau weiß, verstehe ich das Wort rein? Wer nicht sicher ist, ob er noch die Definition weiß, oder ganz weiß, kann der mit Sicherheit sagen ob er das Wort versteht?
“Can you lift the weight?” “I don’t know—it will become clear.” Can you still play chess? I don’t know; it will become clear. Do you understand the word “tree”? I don’t know; it will become clear. Is it possible to say that? But if it were a matter of distinguishing certain plants as trees and something else, couldn’t I doubt whether I can still use the word correctly in every case? “How was it, which animals were considered clean by the Jews…?” If I don’t know that exactly, do I understand the word “clean”? Can someone who is not sure whether he still knows the definition, or knows it completely, confidently say whether he understands the word?
§
93v[2] &94r[1]
Jemand behauptet er könne etwas tun. Er versucht es nun & versagt. Unter was für Umständen kann er sagen: “als ich behauptete ich könne es, da konnte ich's, nur jetzt kann ich es nicht.” & unter was für Umständen kann er das nicht sagen?
Someone claims that he can do something. He now tries it and fails. Under what circumstances can he say: “When I claimed I could do it, I could, but now I can’t”? And under what circumstances can he not say that?
§
94r[2]Wir sagen: “In diesem Augenblick verstand ich das Gesicht welches er meinte” & würden dies damit erklären: wir hätten in diesem Augenblick das Gesicht vor uns gesehen. Hier ist also das Verständnis ein Bewußtheitszustand. Ähnlich, wenn wir sagen: “Ja, als ich dieses Stück hörte, da verstand ich es.” Das Verstehen bestand im Folgen während wir es hörten.
We say: “At this moment, I understood the face he meant,” and we would explain this by saying that we saw the face before us at that moment. Here, understanding is a state of consciousness. Similarly, when we say: “Yes, when I heard this piece, I understood it.” The understanding consisted in following it while we were hearing it.
§
94v[1] &95r[1]
06.11.1937
07.11.1937 Ich habe es hier außerordentlich gut. Ich kann sagen es ist herrlich. Aber ich habe Furcht. Vor dem Tod & vor allerlei Unglück –. Wenn man der Welt absterben soll, so heißt das, man soll auf den Tod nicht stoßen sondern in ihn ohne Stoß eintreten. Bei jeder Freude könnte man sagen: aber wie werde ich von dieser Höhe herunter steigen, nicht fallen. Ich bin doch elend schlecht & fühle eben darum auch das nur theoretisch. Ich lebe nur an der Oberfläche; da spielt sich alles ab. Ich kann nie ‘nüchtern’ werden. Teils sentimental (oft äußerst billig) teils abergläubisch; ich torkle im Leben umher, sowie ich nicht sitze: Mein Arbeiten ist ein Sitzen. Dürfte ich mir wünschen nach dem Tod in einen Himmel zu kommen? Unmöglich! Das wäre so als gäbe man einem Kind eine Kostbarkeit, die es unmöglich schätzen kann.
06.11.1937
07.11.1937 I am doing extraordinarily well here. I can say that it is wonderful. But I have fear. Of death and of all kinds of misfortune. If one is to die to the world, that means one should not collide with death, but enter it without collision. With every joy, one could say: but how will I get down from this height, without falling? I am wretchedly bad, and that is why I also feel it only theoretically. I live only on the surface; everything plays out there. I can never become ‘sober’. Partly sentimental (often extremely cheap), partly superstitious; I stumble through life, as I cannot sit: my work is sitting. May I wish to come to a heaven after death? Impossible! That would be like giving a child a treasure that it cannot possibly appreciate.
§
95r[2]08.11.1937
Von Hutt einen sehr deprimierenden Brief bekommen. Ich glaube er hat kein Herz, hat sein Herz sozusagen verspielt. Aber ich weiß nichts darüber.
08.11.1937
I received a very depressing letter from Hutt. I think he has no heart; he has, as it were, gambled away his heart. But I know nothing about it.
§
95r[3]Es ist seltsam, daß den Mathematikern, z.B. in der Mengenlehre, nicht vor ihrer Gottähnlichkeit bange wird.
It is strange that mathematicians, for example in set theory, are not afraid of their godlike nature.
§
95v[1]09.11.1937
Aber, warum rede ich von Vorstellungen?! Auf den Befehl, etwas blaues zu zeigen, zeige ich auf einen Gegenstand. Wenn sich die Farbe – nach irgend einem andern Kriterium – in solchen Fällen immer als die selbe erweist, so ist es eben keine Erklärung dafür, zu sagen es schwebe mir ein Bild bei diesem Wort vor. Auch nicht wenn man annähme es schwebte mir das Bild ununterbrochen Tag & Nacht vor, denn wie weiß ich, daß es seine Farbe nicht ändert.
09.11.1937
But, why do I talk about images?! When I am ordered to show something blue, I point to an object. If, according to some other criterion, the color always proves to be the same in such cases, then it is not an explanation to say that I have an image of this word in my mind. Not even if one assumes that the image is constantly present in my mind day and night, because how do I know that its color does not change?
§
95v[2] &96r[1]
Man könnte glauben, es kann ja auch eine private Sprache geben, die der Mensch etwa nur mit sich selbst spricht & in der kann er z.B. das Wort “blau” für die Farbe verwenden, die ihm bei dem Wort vorschwebt & braucht sich nicht darum zu kümmern ob Andre mit der Benutzung einverstanden sind oder nicht. Aber er wird sich fragen, was er mit dieser Sprache anfangen kann & ob wir sie dann auch noch Sprache nennen werden
One might think that a private language could also exist, which a person perhaps speaks only to himself, and in which he can, for example, use the word “blue” for the color that he has in mind when he hears the word, and need not worry about whether others agree with its use or not. But he will ask himself what he can do with this language and whether we will then still call it a language.
§
96r[2] &96v[1]
10.11.1937
Ich bin oft (täglich) wenn ich allein bin, von einer Art ausgelassenen Fröhlichkeit. Wär ich's nicht, so würde mir mein Leben viel, viel schwerer fallen. Und doch sehe ich in dieser Lustigkeit nichts Gutes. Sie ist keine Vorbereitung auf den Tod: ich meine, wenn es zum Sterben kommt, wird sie mir fremd gegenüber stehen. Ich bin so schlecht auf den Tod bereitet, wie Einer, der im Theater sitzt & plötzlich im Stück herausgerufen wird, zu einer ernsthaften Sache. Dem wird das Stück, in dem er doch ganz gelebt hat, nun wie etwas ganz Fremdes & Gleichgültiges erscheinen, & es wird ihm keinerlei Hilfe sein bei der Sache die er nun zu besorgen hat.
10.11.1937
I am often (daily) filled with a kind of exuberant cheerfulness when I am alone. If I didn't have it, my life would be much, much more difficult. And yet, I see nothing good in this cheerfulness. It is not a preparation for death: I mean, when the time comes to die, it will be alien to me. I am as poorly prepared for death as someone who is sitting in the theater and is suddenly called out during the play to deal with a serious matter. The play, in which he has been completely absorbed, will now seem to him something completely foreign and irrelevant, and it will be of no help to him in the matter that he now has to deal with.
§
96v[2] &97r[1] &
97v[1] &
98r[1] &
98v[1] &
99r[1]
11.11.1937
Man kann sagen, eine Werkzeichnung ist das Bild des Gegenstandes, den der Arbeiter nach ihr machen soll.
Und man könnte hier “Projektionsmethode” die Art & Weise nennen, wie der Arbeiter so eine Zeichnung in die Tat umzusetzen hat. Man kann auch sagen, daß die Projektionsmethode zwischen der Zeichnung & dem Objekt vermittelt, von der Zeichnung zum Objekt reicht. Man vergleicht hier die Projektionsmethode mit Projektionsstrahlen die von einer Figur zur andern reichen. Und dies drängt den Gedanken auf daß das Bild mitsamt den Projektionsstrahlen nun nicht mehr verschiedene Anwendungen zulassen, sondern daß durch sie das Abgebildete obwohl es nicht vorhanden ist, doch in ätherischer Weise bestimmt ist, also in einem Sinne da ist. Bild in dieser Auffassung ist dann nicht die Werkzeichnung allein, sondern sie mit der Methode ihrer Verwendung. Und unter dieser Methode stellt man sich etwas vor was da sein kann auch wenn das Bild nicht wirklich verwendet wird. Wenn ich nun frage: Wie kann denn die Werkzeichnung als Darstellung verwendet werden, wenn sie nicht schon in irgend etwas mit Werkstücken dieser Art übereinstimmt; sie muß doch in irgend einem Sinne die Multiplizität des Werkstücks haben – so denkt man hier vor allem an spezielle Fälle der Darstellung, & nun vergleicht man, fälschlich, die ‘Art der Anwendung des Bildes’ Projektionsstrahlen. Die Brücke zwischen Zeichnung & Werkstück ist noch nicht geschlagen, ehe das Werkstück da ist. Wenn die Anwendungsart eine Brücke ist, dann ist sie eine die nicht geschlagen ist solange die Anwendung nicht gemacht ist. Die Projektionsstrahlen sind wohl eine Brücke aber sie sind nicht die ‘Anwendungsart’!
Frage ich nun: Wie kann denn die Werkzeichnung als Darstellung verwendet werden, wenn nicht schon eine Übereinstimmung mit dem was gemacht werden soll da ist. Aber was heißt das? Nun etwa dies: Wie könnte ich nach Noten Klavierspielen, wenn sie nicht schon irgend eine Beziehung zu Handbewegungen hätten. Und diese Beziehung besteht freilich manchmal in einer gewissen Übereinstimmung, manchmal aber nur in der Art & Weise wie wir die Zeichen anzuwenden gelernt haben. Um aber nun alle diese Fälle gleich zu machen dient die Verwechslung zwischen Projektionsstrahlen die das Bild mit dem Gegenstand verbinden & der Projektionsmethode. Man könnte nun wohl sagen die Projektionsstrahlen gehören noch zum ‘Bild’ aber nicht: die Projektionsmethode gehöre zum Bild. Man stellt sich also vor, die scheinbare gänzliche Verschiedenheit zwischen Befehl & Ausführung werde durch Projektionsstrahlen die zum Bilde gehören ausgeglichen, die keinen Raum mehr für eine Anwendungsart lassen. Es gebe vielmehr nur mehr Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit diesem Bilde.
11.11.1937
One could say that a technical drawing is the picture of the object that the worker is supposed to make according to it.
And one could here call the “method of projection” the way in which the worker has to put such a drawing into practice. One can also say that the method of projection mediates between the drawing & the object, extends from the drawing to the object. One compares here the method of projection with projection rays that extend from one figure to another. And this suggests the thought that the picture, together with the projection rays, no longer allows for different applications, but that through them, what is depicted, although it is not present, is nevertheless determined in an ethereal way, i.e., in a sense is there. The picture, in this conception, is then not only the technical drawing, but it with the method of its use. And under this method, one imagines something that can be there even if the picture is not actually used. If I now ask: How can the technical drawing be used as a representation if it does not already correspond to something with workpieces of this kind; it must, in some sense, have the multiplicity of the workpiece – then one primarily thinks of special cases of the representation, & now compares, falsely, the ‘way of using the picture’ with projection rays. The bridge between the drawing & the workpiece has not yet been built before the workpiece is there. If the way of application is a bridge, then it is one that has not been built as long as the application has not been made. The projection rays are probably a bridge, but they are not the ‘way of application’!
If I now ask: How can the technical drawing be used as a representation if there is not already an agreement with what is to be done? But what does that mean? Now, perhaps, this: How could I play the piano from sheet music if it did not already have some relationship to hand movements. And this relationship consists, of course, sometimes in a certain agreement, but sometimes only in the way in which we have learned to apply the signs. But in order to equate all these cases, the confusion between projection rays that connect the picture with the object and the method of projection serves. One could now say that the projection rays still belong to the ‘picture’, but not: that the method of projection belongs to the picture. One imagines, therefore, that the apparent complete difference between command & execution is compensated for by projection rays that belong to the picture, which leave no more room for a way of application. Rather, there is only agreement or disagreement with this picture.
§
99r[2]“Die Möglichkeit der Übereinstimmung setzt schon eine Art der Übereinstimmung voraus.” Nicht immer.
“The possibility of agreement already presupposes a kind of agreement.” Not always.
§
99v[2]“Die Möglichkeit der Übereinstimmung bedingt schon eine Übereinstimmung.” Denke, jemand sagte ‘Schachspielen können ist eine Art Schach-Spielen’.
“The possibility of agreement already implies an agreement.” Think, someone said: ‘Being able to play chess is a kind of playing chess.’
§
99v[3] &100r[1]
Man könnte sagen wollen: “Ein falscher Satz stellt die Wirklichkeit nur falsch dar, aber doch die Wirklichkeit. Eine falsche Beschreibung meines Zimmers beschreibt immerhin etwas mit meinem Zimmer vergleichbares. Das kommt darauf hinaus: Zwei verschiedene Längen haben immerhin mit einander gemein daß sie Längen sind; zwei Formen daß sie Formen sind; etc. Wenn das nicht völliger Unsinn sein soll so wäre es etwa eine grammatische Feststellung über die Ähnlichkeit der Verwendung gewisser Ausdrücke.
One could say one wants to say: “A false sentence only represents reality falsely, but it does represent reality. A false description of my room still describes something comparable to my room. The point is this: Two different lengths at least have in common that they are lengths; two shapes that they are shapes; etc. If this is not to be complete nonsense, then it would be, for example, a grammatical statement about the similarity of the use of certain expressions.
§
100r[2]Kann heute schwer schreiben. Muß immer wieder verändern, durchstreichen. D.h., natürlich ich kann nicht ordentlich denken. Nun, möge es besser & nicht noch schlechter werden. –
I can hardly write today. I have to keep changing and crossing things out. That is, of course, I cannot think properly. Well, may it get better & not worse. –
§
100v[1]– – – Ist kein Grund vorhanden so ist die Sache eben irrational & daher für uns nicht interessant. (Dem Gebrauch des Wortes “irrational” ähnlich der des Wortes “fallen” wenn wir sagen: “Wenn die Erde nicht irgendwie gehalten wäre, so müßte sie fallen”.)
– – – If there is no reason, then the matter is simply irrational & therefore not interesting to us. (Similar to the use of the word “irrational” as in the word “fall” when we say: “If the Earth were not held in some way, it would have to fall”.)
§
100v[2] &101r[1]
Mache diesen Versuch: Im Gespräch mit jemandem der Deutsch aber wie Du weißt kein Wort Englisch versteht, sagst Du plötzlich einige englische Sätze. Ihr redet etwa davon ob ihr mit einander die & die Tour machen sollt & Du sagst zu ihm plötzlich auf Englisch, wenn das Wetter schlecht ist willst Du nicht gehen. In diesem Fall würdest Du merken, wenn Dir das Englische auch vollkommen geläufig ist, daß Du den Satz nicht meinen kannst. Der einfache Satz dieser Dir wohlbekannten Sprache greift plötzlich nicht in Dich ein. Er läuft quasi in Dir leer.
Try this: In a conversation with someone who speaks German but, as you know, understands no English, you suddenly say a few English sentences. You are talking, for example, about whether you should go on the trip together, & you suddenly say to him in English that if the weather is bad, you don't want to go. In this case, you would notice that, even if English is perfectly familiar to you, you cannot mean the sentence. The simple sentence of this language that is so familiar to you suddenly does not engage with you. It, as it were, runs through you emptily.
§
101r[2]§
101r[3]“In wiefern geben diese Worte wieder was Du vor Dir siehst?”
“In what way do these words reproduce what you see in front of you?”
§
101r[4] &101v[1]
Schreibe außerordentlich unsicher! Es ist höchst peinlich. Ich bin beim Schreiben nervös & alle meine Gedanken kurz von Atem. Und ich fühle immer, daß ich den Ausdruck nicht ganz verteidigen kann. Daß er schlecht schmeckt.
I write extremely uncertainly! It is very embarrassing. I am nervous while writing & all my thoughts are short of breath. And I always feel that I cannot quite defend the expression. That it tastes bad.
§
101v[2]12.11.1937
Was geschieht denn da, wenn man sein Gedächtnis befragt? (Denke nur nicht: das ist ein so geheimnisvoller geistiger Vorgang, daß man nur sehr Ungefähres über ihn sagen kann.) Was geschieht denn also? – Ich kneife meine Augen zusammen, sage etwa die Worte: “wie war das nur?” & lasse eine Reihe von Vorstellungen vorüberziehen. Und wenn ich sage “ich lasse” so heißt das nur ich begünstige den Vorgang durch Ruhe eine gewisse Stellung u. dergl..
11/12/1937
What happens when one interrogates one’s memory? (Just don’t think: this is such a mysterious mental process that one can only say something very approximate about it.) So what happens? – I squint my eyes, say something like the words: “how was it?” & let a series of images pass by. And when I say “I let” it just means that I favor the process through rest, a certain position, etc.
§
101v[3] &102r[1] &
102v[1] &
103r[1]
Was ist denn eine Mitteilung (gleichgültig ob ich mir oder ein Andrer mir etwas mitteilt)? Was wird mir mitgeteilt, was wird mir gegeben? Worte, nichts als Worte, & etwa Bilder – aber was hab' ich von einem Bild? Aber irgendwie kommt uns vor daß wenn er mir eine, sagen wir, deutsche Mitteilung macht, er mir mehr gibt als bloße Worte, Laute. Und was denn mehr? Natürlich den Sinn. Aber was hab' ich von einem Sinn, was immer er sein mag! er ist ja doch nur eine Beigabe der Worte. – Also ist die Mitteilung: “Es regnet” wirklich nichts als diese ganz uninteressanten Laute?! Daß sie mir eine Vorstellung vor die Seele ruft, die ist doch nicht besser als ein Landschaftsbild. Ich könnte Dir ja mit diesen Lauten auch ein Bild einer Regenlandschaft geben; aber auch das ist keine Mitteilung. Aber wodurch wird das alles zu einer Mitteilung? Nicht durch etwas was ihnen noch beigegeben wird, sondern durch einen Vorgang in dem die Worte nun in Umlauf kommen wie Münzen im Handel. (Es könnte Einer fragen: kriege ich denn wirklich nur runde Metallstücke mit Köpfen drauf, wenn ich bezahlt werde?)
What is a communication (it doesn’t matter if I communicate something to myself or if someone else communicates it to me)? What is communicated to me, what is given to me? Words, nothing but words, & perhaps images – but what do I get from an image? But somehow it seems to us that when he communicates something to me, let's say, in German, he gives me more than just words, sounds. And what more? Of course, the sense. But what do I get from a sense, whatever it may be! it is, after all, only an addition to the words. – So is the communication: “It is raining” really nothing but these quite uninteresting sounds?! That they conjure up an image in my mind is no better than a landscape painting. I could also give you an image of a rainy landscape with these sounds; but that too is not a communication. But what makes it all a communication? Not by something that is added to it, but by a process in which the words now come into circulation like coins in commerce. (One might ask: do I really only get round metal pieces with heads on them when I pay?)
§
103r[2] &103v[1]
13.11.1937
Kann ich nun sagen, die Tagebuch-Notizen teilen ihm etwas mit? wenn nämlich aus ihnen seine ganze Sprache besteht. (Kann meine rechte Hand meiner linken ein Geschenk machen?) Warum soll es ihm nicht Vergnügen machen sie durchzugehen & sie gleichsam auf der Klaviatur seiner Erinnerung & Phantasie spielen zu lassen? – Oder, warum sollen sie ihm nicht etwas längst Vergessenes & Wichtiges in die Erinnerung zurückrufen, sagen wir ein Unrecht das ihm widerfahren ist & er nun rächen will. Und dann teilen ihm die Zeichen etwas mit. Aber wenn wir uns vorstellen daß sich diese Mitteilung in der Mehrzahl der Fälle als fiktiv erwiese, oder als unnütz, ist sie dann noch Mitteilung? Kann ich z.B. sagen der Traum teilt ihm etwas mit? Vielleicht: er sieht den Traum als Mitteilung an, wenn er etwa immer so handelt wie wir es täten, wenn uns eine Mitteilung gemacht wurde. Denke statt dem Tagebuch ein Bilderbuch. Kann es ihn nicht unterhalten?
11/13/1937
Can I now say that the diary notes communicate something to him, if indeed his entire language consists of them? (Can my right hand give a gift to my left?) Why shouldn't it please him to go through them & to play them, as it were, on the keyboard of his memory & imagination? – Or, why shouldn’t they bring something long forgotten & important back to his memory, let’s say an injustice that has been done to him & that he now wants to avenge. And then the signs communicate something to him. But if we imagine that this communication proves to be fictitious in most cases, or useless, is it still communication? Can I, for example, say that the dream communicates something to him? Perhaps: he sees the dream as a communication if he always acts as we would if we were given a communication. Instead of the diary, think of a picture book. Can't it entertain him?
§
104r[1] &104v[1]
Teile ich mir etwas mit wenn ich auf dieses Papier sehend sage: “dieses Papier ist weiß”? Und was heißt es eigentlich “etwas zu sich selbst sagen”? Sagt man alles zu sich selbst was man ausspricht wenn niemand sonst zugegen ist? Aber kann man sich nicht ermahnen, sich selbst befehlen ja sich selbst fragen & antworten u.a.? Oh ja – man kann auch mit sich selbst Schach spielen, ja vielleicht sogar sich selbst Geld abgewinnen – wenn man nämlich diesen Worten einen Sinn gegeben hat. Denn das “kann man” in diesen Sätzen heißt doch: “tut man nicht das & das & nennt man es nicht so & so?” Und wenn ich in ein Haus komme wo ich erwartet habe andere Leute zu treffen, sage ich da nicht vielleicht zu mir selbst: “So bin ich also ganz allein. –” Und warum sollte ich das nicht eine Mitteilung nennen? Und wenn es mir seltsam vorkommt diese Worte so zu nennen – ist es nicht des andern Spiels wegen? weil ich sie nicht als Mitteilung verwende?
Am I communicating something to myself when, looking at this piece of paper, I say: “this paper is white”? And what does it actually mean “to say something to oneself”? Does one say everything to oneself that one utters when no one else is present? But can one not remind oneself, give oneself commands, ask oneself questions and answer them, among other things? Oh yes – one can also play chess with oneself, yes, perhaps even win money from oneself – if one has given these words a sense. Because “one can” in these sentences really means: “does one not do this and that and call it this and that?” And when I come to a house where I expected to meet other people, do I not perhaps say to myself: “So, I am all alone.” And why shouldn't I call that a communication? And if it seems strange to me to call these words a communication – is it not because of the nature of the game, because I do not use them as a communication?
§
104v[2] &105r[1]
Wenn die Mitteilung die eine Tagebuchseite ihm macht darin besteht, daß sie ihm den Verlauf eines Tages in Erinnerung ruft, wie wäre es wenn er zwar nie ein solches Tagebuch geführt hätte aber dasselbe Erlebnis beim Anblick irgendwelcher Striche – oder auch Bäume in einem Wald – hätte? Würden ihm die Bäume etwas mitteilen? Könnte man sagen, sie haben eine ähnliche Wirkung auf sein Gemüt wie eine Mitteilung?
Wenn z.B. Musik auf mich einmal diese Wirkung hätte – wäre sie eine Mitteilung?
If the communication that a diary page makes to him consists in reminding him of the events of a day, what if he had never kept such a diary, but had the same experience when looking at any kind of lines – or even trees in a forest? Would the trees communicate something to him? Could one say that they have a similar effect on his mind as a communication?
If, for example, music once had this effect on me, would it be a communication?
§
105r[2] &105v[1]
Will ich nicht sagen: “Mitteilung” nennt man vor allem, was man an unserer komplizierten Sprache & der Technik ihrer Verwendung so bezeichnet & in übermäßig vereinfachten Fällen ist es schwer zu sagen, was wir noch so nennen sollen & was nicht.
Do I not want to say: “Communication” is primarily what one calls, in our complicated language and in the technique of its use, and in excessively simplified cases, it is difficult to say what else we should call and what not.
§
105v[2] &106r[1] &
106v[1]
– – – Angenommen diese Zeichen wären seine ganze Sprache & wir hätten jene Deutung nur daraus geschlossen, daß er sie regelmäßig bei gewissen Gelegenheiten einträgt. Wozu kann er nun dieses ‘Tagebuch’ benützen? Etwa, um sich beim Lesen in der Erinnerung zu ergehen. – ich nehme an wir haben irgendwelche Kriterien dafür. Soll ich nun sagen: eine Eintragung wenn er sie wieder ansieht teile ihm etwas mit? Und worin besteht dies Mitteilen? In dem Erlebnis welches er beim Lesen hat & sagen wir in der Art & Weise wie es sich an das Zeichen knüpft, was immer das heißen mag. – – Aber wenn er dieses Erlebnis etc. beim Ansehen einer Anzahl Bäume hätte, würden sie ihm etwas mitteilen? Teilt mir Musik etwas mit, wenn … Und was ist denn ‘dieses’ Erlebnis? Warum sagst Du es sei einmal dasselbe wie ein andres Mal? Was ist das Kriterium der Identität? Haben wir denn darüber irgend etwas bestimmt? Was wir gesagt haben hängt gänzlich in der Luft, hat gar keine Anwendung. Es hat nur den falschen Anschein als hätte es eine weil wir Wörter unsrer Sprache gebrauchen, die schon eine – & zwar sehr komplizierte Verwendung besitzen. Es ist irgendwie als wollten wir von einem Hofrat bei den Eskimos reden, indem wir vergessen daß ein Hofrat dies nur in einer bestimmten komplizierten Gesellschaftsordnung ist. Und dem widerspricht es nicht daß ein Hofrat auch einmal bei den Eskimos leben könnte.
– – – Suppose these signs were his whole language, and we had only inferred that interpretation from the fact that he regularly enters them on certain occasions. What can he now use this ‘diary’ for? Perhaps to indulge in memories while reading it. – I assume we have some criteria for this. Should I say that an entry, when he looks at it again, communicates something to him? And what does this communication consist of? In the experience that he has while reading it, and let's say in the way in which it is connected to the sign, whatever that may mean. – – But if he had this experience, etc., when looking at a number of trees, would they communicate something to him? Does music communicate something to me when…? And what is ‘this’ experience? Why do you say it is sometimes the same as another time? What is the criterion of identity? Have we established anything about that? What we have said hangs completely in the air, has no application at all. It only gives the false impression that it has one, because we use words from our language, which already have – and indeed a very complicated use. It is as if we wanted to talk about a court counselor among Eskimos, forgetting that a court counselor only exists in a certain complicated social order. And that does not contradict the fact that a court counselor could also live among the Eskimos.
§
106v[2]Angenommen selbst er zeichnete beim Anblick jedes Baumes eine Szene aus seinem Leben auf; können wir ohne weiteres sagen die Bäume teilten ihm etwas mit?
Suppose that when looking at each tree, he even drew a scene from his life; can we simply say that the trees communicated something to him?
§
106v[3] &107r[1] &
107v[1]
Wir sagen daß sich der & der in der Erinnerung an vergangene Tage ergeht. Er redet etwa von der alten Zeit. Redet, natürlich, in einer der existierenden Sprachen (macht gewisse Züge in einem äußerst komplizierten Spiel). Denke es fragt einer kann man nicht auch auf einem Brett rochieren daß nur eine Reihe von Feldern mit 4 Feldern hat? Ja aber kann er sich denn nicht auch auf andere Weise ‘in der Erinnerung ergehen’? Gewiß. Wir könnten ja auch einmal ein Schachproblem auf einem viertel Brett spielen. Aber wir würden was wir da tun nie so nennen, wenn es nicht zu einem großen System von … gehörte. Ja aber sind nicht das Wesentliche am Ergehen … eben gewisse innere Erlebnisse?! Gewiß! nur welche sind es? D.h.: warum & in welchen Fällen, mit welcher Rechtfertigung spricht man von diesem seelischen Erlebnis?
We say that he indulges in memories of past days. He talks about the old days. Talks, of course, in one of the existing languages (makes certain moves in an extremely complicated game). Suppose someone asks: can one not also rearrange pieces on a board that only has a row of four squares? Yes, but can he not also indulge in memories in other ways? Certainly. We could also play a chess problem on a quarter board. But we would never call what we do that, unless it belonged to a large system of… Yes, but are not the essential things about indulging in memories precisely certain inner experiences? Certainly! Only which are they? That is: why and in what cases, with what justification, does one speak of this mental experience?
§
107v[2] &108r[1]
Ist nicht das was die Münze zur Münze macht ein gewisser Wert? Gewiß! aber in welchen Fällen sagen wir zwei Münzen hätten “denselben Wert”, wie benützen wir – was heißen – diese Worte? Du bist in Unklarheit über die Grammatik des Ausdrucks “ein bestimmtes inneres Erlebnis” weil Du die vage Idee hast, Du könntest auf ein solches, wenn Du es hast in Dir weisen (es – mindestens für Dich – hinweisend definieren) & dann sei ja alles in Ordnung.
Isn't what makes a coin a coin a certain value? Certainly! But in what cases do we say that two coins have “the same value,” how do we use—what do we mean by—these words? You are unclear about the grammar of the expression “a certain inner experience” because you have the vague idea that you could, if you have such an experience, point to it within yourself (at least define it for yourself) and then everything would be fine.
§
108r[2] &108v[1]
Aber beurteilen wir nicht, daß etwas das gleiche innere Erlebnis ist, einfach durch die Erinnerung? Die Erinnerung ist wohl ein weiteres inneres Erlebnis –? Und was heißt es denn nach der Erinnerung ‘beurteilen’? Ist Beurteilen wieder ein inneres Erlebnis so weiß ich nicht wie ich endlich zur Benützung von Worten kommen kann. Heißt aber beurteilen bereits: etwas sagen so weiß ich nicht was es heißen soll mich mit dem was ich sage nach dem inneren Erlebnis richten, wenn die Regel fehlt nach der ich mich richte & die ja dann das innere Erlebnis dem Wort – in Form einer Tabelle etwa – zuordnen müßte.
But don't we judge whether something is the same inner experience simply by means of memory? Memory is probably another inner experience—? And what does it mean to ‘judge’ after the memory? Is judging again an inner experience? If so, I don't know how I can finally get to the use of words. But if judging already means: saying something, then I don't know what it means to align myself with what I say according to the inner experience, if the rule is missing according to which I align myself, and which would then have to assign the inner experience to the word—in the form of a table, for example.
§
108v[2]Schreibe heute in außerordentlicher Hast & Nervosität. Das mag daher kommen, weil ich jetzt nicht gut schlafe. Und das vielleicht daher, weil ich so lange schon die Sonne nicht mehr gesehen habe. Vielleicht ist es auch eine kleine Verkühlung.
I am writing today in extraordinary haste and nervousness. This may be because I am not sleeping well at the moment. And perhaps because I haven't seen the sun for so long. Perhaps it is also a slight cold.
§
109r[1]Man könnte sagen: Wir reden zweimal von demselben inneren Erlebnis, aus äußeren Gründen. Oder auch aus keinem Grunde.
One could say: we speak twice of the same inner experience, for external reasons. Or even for no reason.
§
109r[2]Es heißt nichts zu sagen: ich gebrauche beidemale dasselbe Zeichen weil ich beidemale das gleiche Erlebnis hatte, außer wenn es eine Antwort auf die Frage gibt: “Welches Erlebnis?” Denn ist die Antwort auf diese Frage nur: “Das läßt sich nicht erklären” so ist auch nicht klar wie er das Wort “das gleiche” gebraucht.
It means nothing to say: I use the same sign both times because I had the same experience both times, except if there is an answer to the question: “Which experience?” Because if the answer to this question is only: “This cannot be explained,” then it is also not clear how he uses the word “the same.”
§
109r[3] &109v[1]
Selbst, wenn wir ein Kriterium für sein Erinnerungserlebnis haben, etwa daß er seine Erinnerungen beim Lesen des Tagebuches zeichnete würden wir noch nicht sagen, die Tagebucheintragungen teilten ihm etwas mit. Anders aber, wenn wir fänden daß er sich auf etwas besinnen will, nachschlägt, sich erinnert & etwa das nachgeschlagene nun verwendet.
Even if we have a criterion for his experience of remembering, for example, that he drew his memories when reading the diary, we would not yet say that the diary entries communicated something to him. But it would be different if we found that he wants to recall something, looks it up, remembers it, and then uses what he looked up.
§
109v[2] &110r[1]
Fühle mich von meiner Arbeit heute & in den letzten Tagen unbefriedigt! Es sind noch Gedanken, aber sie sind gehetzt & ohne Ausdruck. Also ist das eigentliche Schöne an ihnen dahin. Ich möchte mich über mein Geschick beklagen! Ich will arbeiten, ich will nicht geprüft werden. Aber warum beruhigst du dich nicht? Sei nicht ehrgeizig! sondern denke langsam. Aber ich fühle mich gehetzt. Das Erste ist Beruhigung; aber es ist oft schwer sich zu beruhigen.
I feel unsatisfied with my work today and in recent days! There are still thoughts, but they are rushed and without expression. So the real beauty of them is gone. I want to complain about my fate! I want to work; I don't want to be tested. But why don't you calm down? Don't be ambitious! Just think slowly. But I feel rushed. The first thing is calmness; but it is often difficult to calm down.
§
110r[2]14.11.1937
Man spricht von “Lippengebet”– & was unterscheidet das Lippengebet vom echten? Doch das Fehlen der begleitenden Gefühle & Gedanken. Und hierin sind Rede & Musik gleich: man spricht von Einem der etwas gedankenlos herunterliest, ohne wirklich zu meinen was er spricht – & von Einem der ein Musikstück gedankenlos herunterspielt ohne wirklich zu meinen, was er spielt.
14.11.1937
One speaks of “lip prayer”—and what distinguishes lip prayer from genuine prayer? But the absence of the accompanying feelings and thoughts. And in this, speech and music are alike: one speaks of someone who reads something off mindlessly, without really meaning what he says—and of someone who plays a piece of music mindlessly without really meaning what he plays.
§
110v[1] &111r[1] &
111v[1] &
112r[1] &
112v[1] &
113r[1]
– – Erst – wovon sprechen wir denn wenn wir sagen, er habe ein Erinnerungserlebnis z.B. beim Zeichen “A”? Welcher Art ist dieses Erlebnis? Was meinen wir, wenn wir sagen er habe zweimal beim Anschauen des Zeichens A das “gleiche” Erlebnis? Was ist hier Identität; wie wird dieses Wort von uns gebraucht? (Natürlich denken wir an Bilder, & den Gebrauch der Worte “das gleiche Bild”!) “Aber ich verstehe nicht: Du redest doch manchmal von der “gleichen Erinnerung” die Du bei der & jener Gelegenheit hattest!” Gewiß, nur wenn wir so reden so gibt es ja auch z.B. etwas was wir die Beschreibung der Erinnerung nennen; die Bestätigung daß unser Gedächtnis uns nicht getäuscht hat, den Austausch von Erinnerungen etc. etc. etc. Die Worte sind bei uns sozusagen nur eine Spielstellung eines sehr komplizierten Spiels. Und bedenke: zum Rochieren gehörte freilich nur eine Reihe von 6 Feldern & zwei Figuren aber heißt es Rochieren, wenn es nicht im Schachspiel geschieht? “Ja, aber ist denn nicht das Wesentliche im Fall der Erinnerung ein inneres Erlebnis?” – Gewiß, nur hast Du damit, daß Du es so nennst noch gar nichts gesagt. Oder: Du sagst damit nur daß man von ihm in irgendeinem Sinne sagen kann, der Andre wisse nichts davon. Aber das ist doch nicht genug um davon reden zu können. Nennen wir es ein inneres (privates) Erlebnis! aber die Frage ist: wie gebrauchen wir – der welcher das Erlebnis hat & der es nicht hat – die Worte “Erinnerungserlebnis”, “das gleiche Erlebnis” etc. Wie es kommt daß wir diese Worte gebrauchen können, obwohl wir, scheinbar, nicht wissen wovon der Andre redet, daß wird sich dann schon zeigen. “Aber wir kennen es doch von uns, was es heißt zweimal das gleiche Erlebnis haben!” Wir kennen was es heißt! Doch höchstens was wir jetzt (wenn das etwas heißt) so nennen! Und dann frägt es sich eben kommt es darauf an oder kommt es darauf nicht an daß wir Alle das gleiche so benennen? Und das ist es was wir, in diesem Sinne (in welchen das Erlebnis ‘privat’ sein soll) nicht wissen können, & worauf es also nicht ankommen kann. “Aber wir vermuten eben, gehen von der Hypothese aus, der Andere habe das gleiche Erlebnis wie wir.” – (‘Wie können wir es auch nur vermuten?’, möchte man hier antworten.) Aber diese ‘Vermutung’ liefe ja (– sozusagen –) leer. Eine Vermutung kann ja von etwas bestätigt, von etwas anderem entkräftet werden etc.; aber diese, der Voraussetzung nach, nicht. Wenn wir z.B. so eine Vermutung aussprechen so kann dies gar keine praktischen Konsequenzen haben. Sie wäre ein Spiel mit Worten oder Bildern gänzlich abgekapselt von unserem sonstigen Reden über eigene & fremde Erlebnisse & daher etwas was wir nie “Vermutung” oder “Hypothese” nennen würden. Es wäre etwa der Vermutung zu vergleichen daß der Geist eines Menschen in einem cm³ Platz hat.
– – First – what are we talking about when we say that he has an experience of remembering, for example, when seeing the sign “A”? What kind of experience is this? What do we mean when we say that he has the “same” experience twice when looking at the sign A? What is identity here; how do we use this word? (Of course, we think of images, & the use of the words “the same image”!) “But I don’t understand: you sometimes talk about the “same memory” that you had on one occasion or another!” Certainly, but when we talk like that, there is also, for example, something that we call the description of the memory; the confirmation that our memory has not deceived us, the exchange of memories, etc. etc. etc. The words are, in a sense, only a move in a very complicated game. And consider: the castling move, of course, only involves a row of 6 squares & two pieces, but is it called castling if it doesn’t happen in a game of chess? “Yes, but isn’t the essential thing in the case of memory an inner experience?” – Certainly, but by calling it that, you haven’t said anything yet. Or: you are only saying that one can, in some sense, say that the other person knows nothing about it. But that is not enough to be able to talk about it. Let’s call it an inner (private) experience! but the question is: how do we – the one who has the experience & the one who does not – use the words “experience of remembering”, “the same experience”, etc.? How is it that we can use these words, even though we, apparently, do not know what the other person is talking about; that will then become clear. “But we know from ourselves what it means to have the same experience twice!” We know what it means! But at most, what we now (if that means anything) call it! And then the question is: does it matter, or does it not matter, that we all call it the same? And that is what we, in this sense (in which the experience is supposed to be ‘private’), cannot know, & on which it therefore cannot depend. “But we assume, we start from the hypothesis, that the other person has the same experience as we do.” – (‘How can we even assume that?’, one might answer.) But this ‘assumption’ would be empty (– in a way –). An assumption can be confirmed by something, refuted by something else, etc.; but this, by its very premise, cannot. If, for example, we make such an assumption, it can have no practical consequences. It would be a play with words or images, completely isolated from our other ways of talking about our own & other people’s experiences, & therefore something that we would never call an “assumption” or “hypothesis”. It would be comparable to the assumption that the mind of a person can fit into a cm³.
§
113r[2] &113v[1]
Die Wahrheit ist, daß Du von der – richtigen – Voraussetzung ausgehst, daß wir den Gebrauch der Ausdrücke für ‘innere Erlebnisse’, wie “Erinnerung”, etc., etc., kennen. Und nun gibst Du vor, die Grammatik dieser Ausdrücke sei eine solche, wie sie aus gewissen bildhaften Redeweisen (inneres Erlebnis etc.) zu vermuten wäre. Und Du schließt, daß diese gemutmaßte Grammatik, die aber mit der wirklichen keine Ähnlichkeit hat, ganz in der Ordnung sei, weil, wie wir ja alle wissen, diese Ausdrücke sich im Leben sehr wohl brauchen lassen.
The truth is that you start from the – correct – premise that we know the use of the expressions for ‘inner experiences’, like ‘memory’, etc., etc. And now you claim that the grammar of these expressions is such as it would be to be expected from certain figurative ways of speaking (an inner experience, etc.). And you conclude that this assumed grammar, which has no similarity with the real one, is perfectly in order, because, as we all know, these expressions can be used quite well in life.
§
113v[2] &114r[1] &
114v[1]
“Aber ich kann doch vermuten daß ihm, beim Ansehen des Zeichens D, ein Bild eines Erlebnisses vor die Seele tritt.” Gewiß! Und um die Sache noch klarer zu machen, will ich sogar annehmen, daß er in den Anblick eines Zeichens versunken, ein Bild (etwa) einer bestimmten Situation mit Bleistift auf Papier zeichnet. So daß auch wir es sehen können. – Nun soll es ja aber nicht das Charakteristikum des Erinnerungsbildes als solches sein, daß es mit dem übereinstimmt was nach den Aussagen & Erinnerungen Anderer, & nach anderen Kriterien damals geschehen ist. Denken wir uns also wir hätten den Mann beobachtet, sähen was er zeichnet, & er zeichnet beim Anblick von B. jedesmal etwas anderes hin. – Oder, jedesmal das Gleiche, aber etwas was nicht mit der damaligen Situation übereinstimmt. Sollen wir jetzt noch sagen, es teile ihm etwas mit. Wie seltsam das eine Mitteilung zu nennen! Aber auch angenommen; er zeichne jedesmal das auf was nach unsrem Zeugnis damals geschehen ist – würden wie das wirklich Mitteilung nennen? Denke vielmehr was noch dazukommen müßte damit wir hier von Mitteilung sprechen würden! Es wären eine Reihe weiterer Anwendungen.
“But I can surely assume that when he sees the sign D, an image of an experience comes to his mind.” Certainly! & to make the matter even clearer, I will even assume that, while gazing at a sign, he draws an image (roughly) of a certain situation with a pencil on paper, so that we can also see it. – Now, it is not supposed to be the characteristic of the memory image as such that it corresponds to what, according to the statements & memories of others, & according to other criteria, happened at the time. Let us imagine that we observed the man, saw what he draws, & each time he sees B, he draws something else. – Or, each time the same thing, but something that does not correspond to the situation at the time. Should we still say that it communicates something to him? How odd to call that communication! But even if he draws each time what, according to our testimony, happened at the time, would we really call that communication? Rather, consider what else would have to be added for us to speak of communication here! There would be a series of further applications.
§
114v[2] &115r[1] &
115v[1]
“Aber Du hast die Sache nicht richtig dargestellt. Du sagst er zeichnet Bilder – aber das ist ja nicht, was wir Erinnerungserlebnis nennen. Du mußt davon ausgehen, daß er das typische Erinnerungserlebnis hat.” Aber das heißt doch, daß, wenn ich von ihm sage, daß er es hat, ich das Wort “Erinnerungserlebnis” so gebrauchen muß wie sonst. Und da habe ich ja eben Kriterien dafür, daß Einer ein solches Erlebnis hat & woran er sich erinnert ohne alle solche Kriterien hätte ja das Wort gar keinen Gebrauch. Ich muß mir also in diesem Fall auch irgend etwas so einem Kriterium ähnliches konstruieren. “Nein! denn für Dich selbst brauchst Du ja auch kein äußeres Kriterium um sagen zu können Du habest das & das Erlebnis.” – Ich brauche kein äußeres, aber auch kein inneres Kriterium. Wenn ich ein solches ‘inneres Erlebnis ausdrücke’ so ist es eben dieser Ausdruck der im Spiel fungiert & ich muß um für den Andern etwas Analoges anzunehmen, annehmen, daß er auch einen Ausdruck gebraucht den man Ausdruck des Erinnerungserlebnisses nennt. “Aber Du kannst doch auch ein solches Erlebnis haben, ohne es auszudrücken!” Dadurch kommst Du nicht weiter. – – – –
“But you haven’t presented the matter correctly. You say he draws pictures – but that is not what we call a memory experience. You have to assume that he has the typical memory experience.” But that means that, if I say of him that he has it, I must use the word “memory experience” in the same way as otherwise. And I have criteria for that, that someone has such an experience and what he remembers; without all such criteria, the word would not have any use. I must therefore also construct something like a criterion in this case. “No! because you yourself do not need an external criterion to say that you have this or that experience.” – I do not need an external one, but also not an internal one. If I express such an ‘inner experience’, then it is precisely this expression that functions in the game, and I must assume, in order to assume something analogous for the other, that he also uses an expression that is called the expression of the memory experience. “But you can also have such an experience without expressing it!” That does not take you any further. – – – –
§
115v[2]Ich sage nicht “ich habe Schmerzen” ‘weil ich ein bestimmtes Erlebnis habe’ das heißt gar nichts wohl aber etwa: weil ich Zahnschmerzen habe, im Gegensatz zum Fall, wo ich es sage, um freundlich behandelt zu werden, oder weil es in einem Theaterstück vorkommt, etc. etc..
I do not say “I am in pain” ‘because I have a certain experience’; that means nothing; rather, it means: because I have a toothache, in contrast to the case where I say it in order to be treated kindly, or because it occurs in a play, etc., etc.
§
115v[3]“Du kannst doch ein solches Erlebnis haben, ohne es auszudrücken. Wenn Du das zugibst, warum soll er nicht das gleiche Erlebnis haben?”
“You can have such an experience without expressing it. If you concede that, why shouldn’t he have the same experience?”
§
116r[1] &116v[1]
15.11.1937
Ich gebe alles zu, wenn ich nur weiß, was ich zugeben soll. Was ist hier aber das ‘gleiche’ Erlebnis. Wie messen wir zwei solche Erlebnisse gegen einander: dies gehört ja doch dazu daß ich sagen kann das & das ist das gleiche Erlebnis! Wenn Einer sagt: “diese zwei Banknoten haben den gleichen Wert” so verstehe ich ihn doch nicht, wenn ich nicht weiß welcher von den vielen möglichen Kriterien des ‘gleichen Wertes’ er meint. Du hast nun hier das gewöhnliche Kriterium der Gleichheit die gewöhnliche Waage auf der wir sie mit einander vergleichen ausgeschaltet indem Du sagst er besitze keinen Ausdruck. –
November 15, 1937
I concede everything, if I only know what I am to concede. But what is the ‘same’ experience here? How do we measure two such experiences against each other: this is what is involved in my being able to say that this and that is the same experience! If someone says: “these two banknotes have the same value,” I do not understand him if I do not know which of the many possible criteria of ‘equal value’ he means. You have now ruled out the usual criterion of equality, the usual scale on which we compare them, by saying that he does not possess an expression.
§
116v[2]Aber er könnte ja später einmal sagen: Ich habe damals das & das erlebt. Freilich: dies ist uns unter normalen Umständen ein Kriterium dessen was er erlebt hat. Aber auch nicht immer. “Ich erinnere mich von meiner Geburt das & das geträumt zu haben.” Wenn er es also später sagt so ist damit noch nicht gesagt, daß wir das als Zeichen eines früheren Erlebnisses nehmen.
But he could later say: I experienced this and that at the time. Of course: this is normally a criterion for what he experienced. But not always. “I remember dreaming this and that at the time of my birth.” If he says it later, that does not mean that we take it as a sign of an earlier experience.
§
116v[3] &117r[1]
Du tust ganz dasselbe was Einer täte der mir sagte: Du gibst doch zu, daß es hier 5 Uhr sein kann auch wenn Du nicht gerade auf die Uhr schaust; also kann er doch auch auf dem Mars 5 Uhr sein. Du vergißt, was Einstein wie ich vermute die Welt gelehrt hat: daß die Methode der Zeitmessung zur Grammatik der Zeit-Ausdrücke gehört.
You are doing exactly the same thing that someone would do who said to me: You admit that it can be 5 o’clock here even if you are not looking at the clock; therefore, it can also be 5 o’clock on Mars. You forget what Einstein, as I suspect, has taught the world: that the method of time measurement belongs to the grammar of time expressions.
§
117r[2] &117v[1]
Ja so präokkupiert sind wir mit unsern Spekulationen über die Grammatik … Wörter, daß wir die einfachsten Tatsachen des wirklichen Gebrauchs ganz vergessen. So hört man z.B.: Ein Mensch könne nur wissen daß er Schmerzen hat nicht aber daß der Andere sie habe. Während doch niemand auf der Welt sagt: ‘Ich weiß daß ich Schmerzen habe’ wohl aber “Ich weiß daß er Schmerzen hat”. Und auf die Frage “Bist Du sicher daß Du Schmerzen hast würde man (außer in ganz ausnahmsweisen Umständen) nur antworten: “Ich weiß nicht was Du meinst”.
Yes, we are so preoccupied with our speculations about grammar … words, that we completely forget the simplest facts of actual use. For example, one hears: A person can only know that he has pain, but not that the other person has pain. Whereas, no one in the world says: ‘I know that I have pain’, but rather “I know that he has pain”. And to the question “Are you sure that you have pain?”, one would (except in very exceptional circumstances) only answer: “I don't know what you mean”.
§
117v[2] &118r[1]
Wenn jemand, den wir einer Lüge für unfähig halten uns versichert er habe sich mit einem Jahr an seine Geburt erinnert & er erinnere sich jetzt an diese seine Erinnerung so würden wir zwar nicht sagen er lüge, wohl aber, daß wir nicht wissen, was wir mit dieser Mitteilung anfangen sollen. Wir würden in so einem Falle etwa sagen: Ich weiß nicht was Du jetzt für Erinnerungen hast & was das damals für Erinnerungen waren ich glaube das ganze ist irgend eine Einbildung. Nur wenn sich solche Erinnerungsaussagen als wahr erwiesen & man mit Sicherheit wüßte, daß er die Tatsachen aus keiner andern Quelle habe erfahren können, würde man hier sagen der Mensch erinnere sich an seine Geburt. Aber wie, wäre man sonst der Meinung seine Erinnerung täusche ihn? Nein. Man würde in diesem Falle sagen, er bilde sich nur ein Erinnerungen zu haben & habe etwa nur Träume oder Phantasiebilder.
If someone, whom we consider incapable of lying, assures us that he remembered his birth a year ago and that he now remembers this memory, we would not say that he is lying, but rather that we do not know what to do with this communication. In such a case, we would say something like: I don't know what memories you have now and what those memories were then; I think the whole thing is just some kind of imagination. Only if such memory statements were proven to be true and one could be certain that he could not have learned the facts from any other source, would one say that the person remembers his birth. But how else would one think that his memory is deceiving him? No. In this case, one would say that he is only imagining having memories and that he has only dreams or images of his imagination.
§
118r[2] &118v[1]
Nun angenommen, jener Mensch, der das Tagebuch führte, lerne später eine Sprache & teile uns dann mit, es seien damals, beim Lesen des Tagebuchs Erinnerungen an ihm vorbei gezogen, so wäre diese Mitteilung, wenn wir nicht noch mehr von dieser ‘Erinnerungen’ hörten, von der Art & Weise etwa, wie er sie angewandt hat, noch mit Reserve aufzunehmen. Denn wir wissen z.B., daß ein Hauptelement dessen, was wir Erinnerungen nennen, die Sprache mit ihrer ganzen Verzweigung, hier fehlte.
Now suppose that the person who kept the diary later learns a language and then tells us that memories of it passed before him while reading the diary, this communication, if we don't hear more about these ‘memories’, would still be viewed with some reservation, depending on the way he applied them. For we know, for example, that a main element of what we call memories, language with all its ramifications, was missing here.
§
118v[2] &119r[1]
Und wenn ich sagte die Mitteilung sei mit Reserve aufzunehmen, so hieß das, man könne auf diese Mitteilung allein (ich ziehe die Möglichkeit der Lüge nicht in Betracht) nicht das bauen, was man auf eine ähnliche Mitteilung unter gewöhnlichen Umständen bauen kann. Man muß hier vielmehr sagen: “Er sagt diese Worte (z.B.: ‘ich erinnere mich an …’) & er lügt nicht, aber was sie (hier) bedeuten weiß ich nicht.” D.h. ich weiß nicht was ich mit ihnen anfangen kann.
And if I said that the communication is to be accepted with reservation, this means that one cannot, on the basis of this communication alone (I am not considering the possibility of a lie), build what one can build on a similar communication under ordinary circumstances. One must rather say: “He says these words (e.g., ‘I remember …’) and he is not lying, but I do not know what they mean (here).” That is, I do not know what to do with them.
§
119r[2] &119v[1] &
120r[1] &
120v[1] &
121r[1]
Mir ist in diesen Tagen etwas Trauriges geschehen: Ich hole immer meine Milch bei der Anna Rebni & ich glaube, ich kann sagen, wir waren vom ersten Augenblick gute Freunde. Mir wenigstens schien & scheint es so. Sie war immer sehr freundlich mit mir & ich in meiner Weise mit ihr. Vor ca. 2 Monaten (oder schon vorher?) merkte ich eine Veränderung ihres Benehmens gegen mich. Aber ich war gar nicht sicher, schob es auf dies & jenes, bis vor ca. 2 Wochen; da dachte ich: nein nun ist doch kein Zweifel, es ist eine Veränderung & ich muß sie fragen was der Grund ist. Ich wartete noch etwa eine Woche dann fragte ich. Ich hatte mir allerlei Vermutungen gemacht; aber hätte man mir erlaubt hundertmal zu raten so hätte ich nicht ihre Antwort erraten. Sie sagte nämlich ich habe ihr mit dem Stock gedroht. Ich trage nämlich immer einen Gehstock, und es ist meine Gewohnheit, wenn ich jemand sehr gern habe & auf gutem Fuß mit ihm stehe im Spaß, gleichsam, wie man jemand auf den Rücken klopft, mit der Faust oder dem Stock zu drohen. Es ist eine Art der Liebkosung. Das mußte sie natürlich wissen, denn es geschah ja nur, wenn wir beide lachten & freundlich waren. Dennoch könnte ich verstehen daß sie es einmal oder öfters übelnahm – aber nicht daß sie darum ihr Benehmen gegen mich änderte & lieber kalt & fremd war, als etwas zu sagen. Natürlich ist es möglich daß ich ihre Freundschaft, ich meine, ihre Zuneigung zu mir überschätzt habe. In gewissem Sinne: schrecklich, wenn es so war, wenn ich so wenig Gefühl, dafür habe, daß ich mich so irren kann! Und doch kann ich, wenigstens unmittelbar, nichts dafür. Habe ich ein falsches Gefühl, so habe ich es– Ich schrieb ihr am nächsten Tag einen Brief, in welchem ich ihr die Lage noch einmal erklärte & ihr Benehmen gegen mich tadelte. Ich erhielt keine Antwort. – Ich halte es für möglich, daß der Grund den sie mir gab nicht der eigentliche, oder nicht der einzige war obschon ich mir schwer einen anderen, d.h. überhaupt einen denken kann, der mir irgendwie plausibel klingt. –
Something sad has happened to me these days: I always get my milk from Anna Rebni & I believe I can say that we were good friends from the very beginning. At least, that is how it seemed to me, & still seems. She was always very friendly to me & I, in my own way, to her. About 2 months ago (or perhaps even earlier?) I noticed a change in her behaviour towards me. But I wasn’t really sure, I put it down to this & that, until about 2 weeks ago; then I thought: no, there is no doubt now, it is a change, & I must ask her what the reason is. I waited another week or so, & then I asked. I had made all sorts of guesses; but if I had been allowed to guess a hundred times, I wouldn’t have guessed her answer. She said that I had threatened her with the stick. I always carry a walking stick, & it is my habit that, when I like someone very much & am on good terms with them, in a joking way, as one might pat someone on the back, I threaten them with my fist or stick. It is a kind of affection. She must, of course, have known this, because it only happened when we were both laughing & friendly. Nevertheless, I can understand that she might have taken it badly once or twice – but not that she would change her behaviour towards me because of that, & prefer to be cold & distant rather than say something. Of course, it is possible that I have overestimated her friendship, i.e. her affection for me. In a certain sense: it’s awful, if that was the case, if I have so little feeling, that I can be so wrong! And yet, at least immediately, I can do nothing about it. If I have a false feeling, then I have it – I wrote her a letter the next day, in which I explained the situation to her again & reproached her for her behaviour towards me. I received no answer. – I think it is possible that the reason she gave me is not the real one, or not the only one, although I find it difficult to imagine any other, i.e. any at all, that seems plausible to me. –
§
121r[2]Das Gebiet in dem wir uns hier befinden gilt mit Recht als eins der schwersten der Philosophie; darum nämlich weil die Oberflächengrammatik hier ungemein irreleitend ist & der Boden von den unzähligen einander kreuzenden Wagenspuren der philosophierenden Menschen so aufgewühlt ist daß es beinahe unmöglich ist hier irgendwelche Wege zu erkennen.
The area we are in here is rightly considered one of the most difficult in philosophy; this is because the surface grammar here is extremely misleading, and the ground is so churned up by the countless crisscrossing tracks of philosophical people that it is almost impossible to recognize any paths here.
§
121r[3] &121v[1] &
122r[1]
Wollte man von einer persönlichen Erfahrung reden in einem Sinne in welcher ihre Grammatik vom Ausdruck der Erfahrung ganz unabhängig wäre, dann wäre es ganz gleichgültig, was für eine solche Erfahrung wir hinter dem Ausdruck stehend annähmen & gleichgültig ob wir annähmen ich erkenne sie richtig oder falsch wieder. Ich mag mich in diesem Sinne immer wieder irren wenn ich sage ich habe Zahnschmerzen, weil ich jedesmal eine grundverschiedene Erfahrung habe; aber es macht gar nichts. – Was ist das aber für ein Sinn des Wortes persönliche Erfahrung der so funktioniert? Woher nehmen wir ihn; wie entsteht er?? Ist es nicht dies, daß wir das Wort “Schmerzen” z.B. als Bezeichnung, Name, eines Wesens, Gegenstands, betrachten, das hinter dem Ausdruck steht, der natürliche Ausdruck ist eine Begleiterscheinung durch die wir das Erlebnis faute de mieux indirekt erschließen und nur in uns selbst sehen wir beide nebeneinander.
If one were to speak of a personal experience in a sense in which its grammar would be completely independent of the expression of the experience, then it would be completely irrelevant what kind of experience we assume to be behind the expression, & it would be irrelevant whether we assume that I recognize it correctly or incorrectly. I may repeatedly be mistaken in this sense when I say that I have a toothache, because I have a completely different experience each time; but it doesn't matter. – But what is this sense of the word “personal experience” that functions in this way? Where do we get it from; how does it arise? Is it not this: that we regard the word “pain,” for example, as a designation, a name, of an essence, an object, that is behind the expression, the natural expression is an accompanying phenomenon through which we indirectly infer the experience faute de mieux & only in ourselves do we see both side by side.
§
122r[2] &122v[1]
Immer wieder möchte man sagen: “Ich sage “ich habe Schmerzen” weil ich das & das Erlebnis habe welches ich wiedererkenne & dem der Name Schmerzen gegeben wurde”. Aber worin besteht das Wiedererkennen? ist es wieder ein Erlebnis, das ich wiedererkenne? & ist das Erlebnis des Wiedererkennens also mit dem Schmerz, so daß man etwa sagt: “oh das ist ja ein Schmerz!” Erkenne ich die Farbe Blau wieder, wenn ich sie sehe, als die die ich oft gesehen habe? Und wenn ich mich darin irrte? Ist nicht überall der Grundirrtum der: als könne man auf das private ‘Erlebnis’ für sich selbst zeigen. Als hätte eben die Sprache zweierlei Sinn: einen öffentlichen & einen privaten. Der private bestünde nur darin zu Erlebnissen Laute auszustoßen, einen Lärm zu machen. Denn ein Sprachspiel kann man mit der ‘privaten Sprache’ nicht spielen.
Again & again, one wants to say: “I say ‘I have pain’ because I have this & that experience which I recognize & to which the name ‘pain’ has been given.” But what does the recognizing consist of? Is it again an experience that I recognize? & is the experience of recognizing thus the same as the pain, so that one might say: “oh, this is pain!” Do I recognize the color blue when I see it as the one that I have often seen? & what if I was mistaken? Is not the fundamental mistake everywhere the following: that one can point to the private ‘experience’ for oneself? As if language had two different senses: a public one & a private one. The private one would consist only in uttering sounds, in making a noise, in connection with experiences. For one cannot play a language-game with the ‘private language’.
§
122v[2] &123r[1]
Denn für den öffentlichen Gebrauch des Wortes Schmerz gibt es gewisse Regeln; während wir uns denken, das Wort sei an ein gewisses inneres Erlebnis gebunden.
For the public use of the word 'pain' there are certain rules; while we think that the word is connected to a certain inner experience.
§
123r[2]123v[1]Aber Du hast doch gewiß ein inneres Erlebnis wenn Du ohne zu lügen sagst Du hast Zahnschmerzen! – Ja ich gehe noch weiter & sage ich habe das Erlebnis der Zahnschmerzen. Du mißverstehst das Sprachspiel: Es heißt überhaupt nichts zu sagen: ich nenne das private Erlebnis “Schmerzen”. Denk Dir wieder ein Tagebuch & die Aufzeichnung privater Gefühle: Das Wiedererkennen zeigt ihm ja nicht, daß dies dasselbe Gefühl ist welches er hatte, sondern es ist nun bloß ein neues inneres Erlebnis. Aber wir dürfen dafür eigentlich nicht das Wort “Wiedererkennen” gebrauchen, denn dies war für gewissen öffentlichen Gebrauch bestimmt. Also müßten wir ihm einen neuen Namen geben, mit dem aber nichts anzufangen ist. Er kann ein Zeichen in das Tagebuch eintragen & die Zeichen wieder anschauen & mehr wissen wir nicht von dem was vorgeht zu sagen. Aber ist das ein Tagebuch?
But surely you have an inner experience when you say, without lying, that you have toothache! – Yes, I go even further & say that I have the experience of toothache. You misunderstand the language-game: It means absolutely nothing to say: I call the private experience “pain.” Imagine again a diary & the recording of private feelings: The recognition does not show him that this is the same feeling that he had, but it is now just a new inner experience. But we are actually not allowed to use the word “recognition” for this, because this was intended for a certain public use. So we would have to give it a new name, but there is nothing we can do with it. He can write a sign in the diary & look at the signs again & we know nothing more about what is going on than what is said. But is that a diary?
§
123v[2] &124r[1]
Wenn man sagt das Wort “Zahnschmerzen” bezeichnet ein inneres Erlebnis so heißt das nicht, es sei da einem Etwas, welches vor Andern verborgen ist mir aber bekannt ist ein Name gegeben worden. Wenn man sagt es sei da ein Gefühl das den ‘Namen’ “Zahnschmerzen” habe so ist das ganz irreleitend.
If one says that the word “toothache” denotes an inner experience, this does not mean that there is something, which is hidden from others but known to me, to which a name has been given. If one says that there is a feeling that has the ‘name’ “toothache,” that is completely misleading.
§
124r[2] &124v[1]
Wie kann man denn dem privaten Gegenstand einen Namen geben? Was heißt es, den privaten Gegenstand wiedererkennen? Wohl dasselbe wie ihn wieder zu erkennen glauben? “Wiedererkennen” hat eben schon gewisse öffentliche Kriterien. Und dies löscht gleichsam die Sprache ganz aus, als wäre sie abgedreht worden. Wir sind ganz im Dunkeln. Wir werden gewahr, daß das Wort “rot”, z.B., nur in unsrer öffentlichen Gebrauchsart ein Wort ist, daß, so wie wir uns ins private zurückziehen die Sprache eben aufhört; das Wort “rot” z.B. seinen Gebrauch verliert. Es ist beinahe als wollten wir die eigentliche Farbe sehen, indem wir alle Lichter ringsum auslöschten. Denn diese sagen wir uns beeinflußten ja die Farbe, ich kann also nie die eigentliche Eigenfärbung sehen solange fremdes Licht auf sie fällt. Eben ein Mißverständnis über den Gebrauch der Wörter “Farbe des Gegenstandes”.
How can one give a name to the private object? What does it mean to recognize the private object? Presumably the same as believing that one recognizes it again? “Recognition” already has certain public criteria. And this, as it were, completely wipes out the language, as if it had been switched off. We are in complete darkness. We become aware that the word “red,” for example, is only a word in our public way of using it, that as we withdraw into the private, the language simply stops; the word “red,” for example, loses its use. It is almost as if we wanted to see the actual color by extinguishing all the lights around us. Because we tell ourselves that these influence the color; I can therefore never see the actual intrinsic color as long as external light falls on it. Just a misunderstanding about the use of the words “color of the object.”
§
125r[1] &125v[1] &
126r[1] &
126v[1] &
127r[1] &
127v[1]
16.11.1937
Der Fehler sitzt am tiefsten dort, wo wir glauben, ein Erlebnis, einen Schmerz z.B. für uns selbst hinweisend Erklären, benennen, zu können. Ich habe etwa Zahnschmerzen & sage mir: das will ich … nennen. Wir vergessen daß dies absolut nichts heißt in keinem Sinne eine Namengebung ist, wenn nicht dem Wort eine Verwendung gegeben ist. Ist der Akt des Benennens in einem Falle das ankleben eines Namenszettels auf einen Körper also eines Stückes Papier auf dem etwa irgendwelche Striche gezogen sind so ist doch klar daß so was an sich uns gar nicht interessieren kann & nur Interesse gewinnt durch die Verwendung im Spiel dieser Striche. Aber ganz so ist es ja auch hier. Dem Schmerz einen Namen geben bestand also darin, irgendwelche Laute auszustoßen während wir Schmerzen hatten. Wie soll uns das interessieren. Wieder nur durch den Gebrauch dieser Laute. – Aber erstens denkt man, die Namengebung bestehe nicht in diesen äußerlichen Dingen, sondern in einem speziellen seelischen Akt des Meinens der das Ausgesprochene in eigenartiger Weise an das Gemeinte heftet. Aber selbst wenn es so etwas gäbe worin liegt das Interesse für uns dieser Verbindung eines Lauts mit etwas anderem? – Aber der Fall beim Benennen des Schmerzes liegt noch anders als der des Benennens des Körpers & das wird sich in Gebrauch der Definition zeigen müssen. Denn wenn ich z.B. dieser Feder den Namen A gebe, so ist mir die Definition ein Mittel um vom Namen A wieder auf etwas anderes, ein Muster, zurückgreifen zu können. Aber wenn ich nun dem Erlebnis einen Namen gebe, wie greife ich denn vom Namen auf seinen Träger zurück, auf das, was ich benannt habe? Die Definition sollte mich ja zurückführen aber hier ist ja nur eine Hälfte der Definition, sozusagen, erhalten geblieben. Was mich zurückführt, ist also mein Gedächtnis; aber nun nicht in dem Sinne, in welchem es noch durch andere Tatsachen kontrolliert werden kann & man von richtiger oder falscher Erinnerung reden kann, sondern, sein Ausspruch ist hier allein maßgebend. Wir müssen also hier sagen: Die Definition die ich jetzt gebe ist die gleiche die ich damals gegeben habe, wenn mein Gedächtnis es mir sagt. Aber auch das ist noch irreführend, denn so scheine ich wenigstens einen allgemein anerkannten Führer oder Gewährsmann, nämlich das Gedächtnis zu haben; aber so ist es auch nicht, da ich keinen Grund habe das Erlebnis “Gedächtnis” zu nennen, außer durch einen Prozeß der mich in eine endlose Regression führt. Mein Erlebnis konnte mir also kein Recht geben jetzt dies Wort zu gebrauchen & so hängt das Wort nun frei in der Luft & es ist weder abgeleitet worden noch wird von ihm etwas abgeleitet. Aber hast Du damit nicht den Stab über den Gebrauch aller solcher Wörter wie ‘Schmerz’ etc. gebrochen? Durchaus nicht. Ich habe nur gesagt mein Gebrauch solcher Wörter ist nicht “innerlich” begründet. Vielmehr fängt das Sprachspiel mit dem Aussprechen (etc.) dieser Wörter an. Du nahmst an die Erde ruhe auf einem Etwas & müsse dies tun um nicht herunterzufallen; ich sagte: erstens wenn Du so ein Etwas annimmst so führt Dich das nicht weiter weil dies wieder auf etwas ruhen mußte etc. Zweitens die Erde ruht zwar auf nichts aber damit ist nicht gesagt daß nun die Häuser auf ihr unsicher sind, vielmehr sind sie sicher weil sie auf der Erde ruhen. Dagegen ist bei der Erde von dieser Sicherheit oder Unsicherheit, vom Stehen oder Fallen nicht die Rede. Du sahst es falsch: Du sahst Erde & Häuser gleichsam wie ein Haus dessen Fundament durch einen Dunst verhüllt ist, & das wir nun suchen.
16.11.1937
The mistake lies deepest where we believe we can explain, name, for ourselves, an experience, a pain, for example. I have, for example, a toothache & say to myself: I will call this… We forget that this absolutely means nothing in no sense is a naming if not a use is given to the word. If the act of naming in one case is sticking a name tag on a body, i.e., a piece of paper on which some strokes have been drawn, then it is clear that this in itself cannot interest us at all & only gains interest through the use in the game of these strokes. But it is quite the same here. Giving the pain a name consisted, therefore, in uttering certain sounds while we were in pain. How is this supposed to interest us? Only again through the use of these sounds. – But first, one thinks that naming does not consist in these external things, but in a special mental act of intending which attaches the spoken word in a peculiar way to the intended meaning. But even if there were such a thing, what is the interest for us of this connection of a sound with something else? – But the case of naming the pain is different from that of naming the body & this must become apparent in the use of the definition. For if, for example, I give this feather the name A, then the definition is a means for me to be able to refer back from the name A to something else, a sample. But if I now give an experience a name, how do I refer back from the name to its bearer, to that which I have named? The definition should lead me back, but here only one half of the definition, so to speak, has been preserved. What leads me back, therefore, is my memory; but now not in the sense in which it can still be controlled by other facts & one can speak of correct or incorrect memory, but its utterance is here alone decisive. We must therefore say here: The definition that I give now is the same as the one I gave then, if my memory tells me so. But even that is misleading, because in this way I seem to have at least a generally recognized guide or guarantor, namely memory; but that is not the case either, because I have no reason to call the experience “memory” except through a process that leads me into an endless regression. My experience could not therefore give me the right to use this word now & so the word now hangs freely in the air & it has neither been derived nor will anything be derived from it. But haven't you thereby broken the stick over the use of all such words as ‘pain’ etc.? Not at all. I have only said that my use of such words is not “internally” justified. Rather, the language-game begins with the utterance (etc.) of these words. You assumed that the earth rests on something & must do so in order not to fall; I said: first, if you assume such a something, that does not lead you any further because this must rest on something else, etc. Second, the earth does not rest on anything, but that does not mean that the houses on it are now unsafe; rather, they are safe because they rest on the earth. On the other hand, in the case of the earth, there is no question of this safety or insecurity, of standing or falling. You saw it wrongly: You saw earth & houses as one house whose foundation is covered by a mist, & which we are now looking for.
§
128r[1]Fühle mich nicht wohl. Teils wegen der Kälte. Teils bedrückt mich die Angelegenheit mit Anna Rebni. Auch arbeite ich nicht wirklich gut. Heute Nacht onaniert; traurig aber wahr.
Don’t feel well. Partly because of the cold. Partly, I am troubled by the affair with Anna Rebni. Also, I am not really working well. Tonight I masturbated; sad but true.
§
128r[2] &128v[1]
Aber man möchte doch immer sagen: Es ist wesentlich, daß man beim Aussprechen von Sätzen wie: “ich habe Schmerzen” ein diesem entsprechendes Erlebnis haben soll! Und daß dieses Erlebnis die Worte bestimme. Gewiß. Unwahr ist nur, daß man auf das Erlebnis in sich selbst zeigen könne es mit “dieses Erlebnis” bezeichnen kann (außer das Zeigen hat öffentlichen Sinn). Die Verwechslung ist die zwischen dem Hinweisen auf etwas & dem Konzentrieren der Aufmerksamkeit auf etwas. Obwohl das erste mit dem zweiten verbunden ist so ist das zweite nicht das erste.
Die Worte die ich zu mir selbst spreche “ich meine mit “Zahnschmerzen” dieses Erlebnis” können eine Einübung im Gebrauch des Wortes sein, aber keine Definition. Ob die Einübung aber die rechte Wirkung hat (daß nämlich das Wort dann richtig gebraucht wird) kann die Einübung selbst nicht zeigen.
But one always wants to say: it is essential that when uttering sentences such as “I have pain,” one should have a corresponding experience. And that this experience determines the words. Certainly. What is false, however, is that one can point to the experience in oneself and designate it with “this experience” (unless the pointing has a public sense). The confusion lies in the difference between pointing to something & concentrating one’s attention on something. Although the former is connected with the latter, the latter is not the former.
The words that I say to myself, “I mean by ‘toothache’ this experience,” can be a practice in the use of the word, but not a definition. However, whether this practice has the right effect (namely, that the word is then used correctly) cannot be shown by the practice itself.
§
129r[1]Ich könnte mir also wenn ich Zahnschmerzen habe das russische Wort für “Zahnschmerzen” einprägen indem ich immer vor mich hin sage das sind … Ebenso könnte ich mir das russische Wort für blau dadurch einprägen daß ich es wiederhole & mir die Farbe Blau vorstelle. Aber dadurch gebe ich mir keine Definition dieser Wörter. – So könnten sie mir ja auch nicht erklärt worden sein! Ich könnte nun auch eine hinweisende Definition von “blau” oder seinem russischen Äquivalent geben & da würde es sich zeigen ob ich mir die Wörter nicht eingeprägt hatte. Die Definition aber ist etwas öffentliches.
So, if I have a toothache, I could memorize the Russian word for “toothache” by repeatedly saying to myself, “this is…” Similarly, I could memorize the Russian word for blue by repeating it and imagining the color blue. But in doing so, I am not giving myself a definition of these words. – They could not have been explained to me in this way! Now I could also give an ostensive definition of “blue” or its Russian equivalent, and it would become clear whether I had memorized the words. However, the definition is something public.
§
129v[1] &130r[1]
Ich kann ein Wort dem Sprachgebrauch gemäß oder nicht gemäß gebrauchen. Und ohne einen Sprachgebrauch kann man sagen – gibt es keine Sprache. Der Sprachgebrauch ist eine Regelmäßigkeit. Aber – kann man fragen – gibt es nicht auch eine rein subjektive Regelmäßigkeit? Die Regelmäßigkeit der rein subjektiven Erlebnisse über die nur ich selbst Bescheid wissen kann? Wohl; aber es fragt sich wie wir nun das Wort “Regelmäßigkeit” gebrauchen, ob es auch subjektiv sein soll was ich so nennen will oder ob das objektiv festgestellt werden soll.
I can use a word in accordance with linguistic usage or not. And without a linguistic usage, one can say—there is no language. Linguistic usage is a regularity. But—can one ask—is there also a purely subjective regularity? The regularity of purely subjective experiences, of which only I myself am aware? Probably; but the question is how we use the word “regularity,” whether it is also meant to be subjective, or whether it is to be objectively established.
§
130r[2] &130v[1] &
131r[1]
Was das Wort “Regelmäßigkeit” – z.B. – bedeutet erkläre ich mir so, wie ich es auch einem Andern erkläre. Soll diese Erklärung nicht mehr gelten, so liegt auch kein Grund vor, dieses Wort zu gebrauchen. Ich kann zwar mit mir allein ein Spiel spielen, aber was ich so nenne, erkläre ich mir mit der gleichen Art von Erklärung wie einem Andern. Ich kann zwar etwas subjektiv grün sehen, was ein andrer rot sieht, aber was diese Worte beschreiben, daß muß ich Dir so gut erklären können wie mir. Ja wenn meine Erlebnisse in dem Sinn privat sind, daß ich sie niemand Anders sehen lasse, dann kann ich wohl allein ein jedes Anderes unbekanntes Sprachspiel mit ihnen spielen. Aber das Wort “Sprachspiel” muß zuvor öffentlich erklärt worden sein. Aber jenes private Sprachspiel ist dann eben unerklärt (wird ganz geheim gehalten). Es ist durch nichts beschrieben, was wir sagen können, da wir weder dem Andern zeigen können, was wir meinen, noch uns selbst, da man ja Mitteilung etwas anderes nennt. Aber wie ist es möglich, daß es kein privates Analogon zum Sprachspiel geben soll? Denk Dir ein subjektives Analogon zum Lesen eines Buches. Ja man kann wohl sagen: es ist das Zuordnen von Wortvorstellungen zu Buchstabenvorstellungen. Aber hier sind “Laut” & “Buchstabe” & “Vorstellung” doch öffentliche Wörter. Wir nennen das Ausstoßen von Lauten, worüber wir sonst nichts wissen nicht “Sprache”. Und Dein ‘subjektives Sprachspiel’ wäre nur das. Denn auch der sie ausstößt ‘weiß’ nichts weiter von ihnen, – wie wir das Wort “weiß” gebrauchen.
What the word “regularity”—for example—means, I explain in the same way as I would explain it to another. If this explanation is no longer to apply, there is also no reason to use this word. I can indeed play a game alone, but what I call this, I explain to myself in the same way as I would explain it to another. I can indeed see something subjectively green, while another sees it red, but what these words describe, I must be able to explain to you as well as to myself. Yes, if my experiences are in that sense private, in that I do not let anyone else see them, then I can indeed play any other unknown language-game with them alone. But the word “language-game” must first have been explained publicly. But that private language-game is then simply unexplained (kept entirely secret). It is not described by anything that we can say, because we neither show the other what we mean, nor ourselves, since one calls communication something else. But how is it possible that there should not be a private analogue to the language-game? Imagine a subjective analogue to reading a book. Yes, one can say: it is the association of word-images with letter-images. But here “sound” & “letter” & “image” are public words. We do not call the uttering of sounds, about which we know nothing else, “language.” And your ‘subjective language-game’ would only be that. For even the one who utters them ‘knows’ nothing more about them—as we use the word “know.”
§
131r[2]Die subjektive Regelmäßigkeit ist objektiv definiert (erklärt).
Subjective regularity is objectively defined (explained).
§
131v[1]Bin außerordentlich mißmutig. Ich möchte immer sagen: Wozu die ganze Qual? Jede Freude scheint nur eine Vorbereitung zu einer neuen Qual zu sein.
I am extraordinarily despondent. I always want to say: what is the point of all this suffering? Every joy seems only a preparation for new suffering.
§
131v[2]17.11.1937
Wir haben, in Betreff der Grammatik eines Wortes ein Vorurteil. Dieses, gestützt auf mancherlei Erscheinungen der Oberflächengrammatik, ist so mächtig, daß es der raffiniertesten Methoden bedarf davon los zu kommen. (In der Mathematik speziell wird die Oberflächengrammatik eigens daraufhin eingerichtet Mißverständnisse zu erzeugen.)
November 17, 1937
We have a prejudice with regard to the grammar of a word. This, based on all sorts of phenomena of surface grammar, is so powerful that it requires the most sophisticated methods to overcome. (In mathematics in particular, surface grammar is specifically designed to create misunderstandings.)
§
132r[1]So ein Vorurteil nun ist (z.B.) die Idee die Vorstellung sei ein Bild (welches nur der Vorstellende selbst sieht) d.h.: das Wort “Vorstellung” habe die Grammatik des Wortes “privates Bild”. Dies ist unser Vorurteil & wir können, solange es anwesend ist, den Gebrauch des Wortes “Vorstellung“ (& verwandter Wörter) nicht verstehen.
So, this kind of prejudice is (for example) the idea that an image is a picture (which only the one imagining it can see), i.e., that the word “image” has the grammar of the word “private picture”. This is our prejudice, and as long as it is present, we cannot understand the use of the word “image” (and related words).
§
132r[2] &132v[1]
Wie benennt man denn (nun) eine Vorstellung? Etwa so: man hat sie gerade, konzentriert die Aufmerksamkeit auf sie & spricht dabei die Worte: “das soll ‘Zahnschmerzen’ heißen”. Ist sie nun benannt? Und wozu hilft uns dieser magische Vorgang? Wir vergessen ja ganz wozu das was wir Benennen eines Gegenstandes nennen eigentlich dient. Es ist als ernennten wir Puppen oder auch andere Gegenstände zu Leutnants, Hauptleuten & Generälen, indem wir ihnen die Distinktionen dieser Chargen anhefteten.
Now, how does one name an image? Perhaps like this: one has it in mind, focuses one’s attention on it, and says the words: “This is meant to be ‘toothache’.” Is it now named? And what use is this magical process to us? We completely forget what we actually mean by calling something the naming of an object. It is as if we were to name dolls or other objects as lieutenants, captains, and generals by attaching the insignia of these ranks to them.
§
132v[2] &133r[1] &
133v[1] &
134r[1]
Denken wir uns diesen Fall: Ich notiere mir für den Arzt gewisse Zustände, z.B. Schmerzen, Übligkeitsgefühle. Ich trage dazu in meinen Kalender gewisse Zeichen ein. Ich nenne ein Gefühl ‘S’ eines ‘T’ eines ‘U’. Wie benenne ich meine Gefühle so? Ich denke mir einmal, wenn ich eines von ihnen habe: das will ich immer mit ‘S’ bezeichnen; etc.. Wozu dienen mir die Zeichen? Ich zeige dem Arzt den Kalender & sage: sehen sie an den & den Tagen bei den & den Gelegenheiten habe ich diese Zustände gehabt. – Aber nun wird er mich doch fragen: “Aber was für Zustände waren es denn? Und kann ich sie für ihn beschreiben so muß ich es nun in öffentlichen Ausdrücken tun. Kann ich aber nichts darüber sagen so wird er nichts mit den Zeichen anfangen können. Aber ist das wahr? Wenn er z.B. ein Irrenarzt ist, könnte es ja von großer Bedeutung für ihn sein, daß ich ihm gerade diese Art der Mitteilung mache. Aber in welchem Falle bin denn ich? Für mich ist es doch wohl eine Mitteilung, daß ich S an diesem Tag gefühlt habe, weil ich mich daran erinnere, was ich “S” genannt habe. – Aber warum sage ich, ich ‘erinnere’ mich daran? Wie weiß ich, daß das was ich tue, das ist was man ‘erinnern’ nennt? Die Antwort kann nicht sein: “Weil ich das Erlebnis der Erinnerung daran habe daß ich das Wort früher so gebraucht habe.” Die Rechtfertigung könnte nur eine äußere sein, denn sie ist entweder eine Erklärung durch Worte oder durch Muster.
Let us imagine this case: I note down certain states for the doctor, such as pains, feelings of discomfort. I write certain signs in my calendar. I call one feeling ‘S’, another ‘T’, and another ‘U’. How do I name my feelings in this way? I think to myself, when I have one of them: this is what I will always call ‘S’; etc. What use are the signs to me? I show the doctor the calendar and say: look at the calendar on these and these days, at these and these times, I had these states. – But now he will ask me: “But what kind of states were they? And if I have to describe them for him, I must now do it in public expressions. If I cannot say anything about it, then he cannot do anything with the signs. But is that true? If, for example, he is a psychiatrist, it could be of great importance to him that I communicate in this way. But in which case am I? For me, it is surely a communication that I felt S on that day, because I remember what I called “S”. – But why do I say I ‘remember’ it? How do I know that what I am doing is what one calls ‘remembering’? The answer cannot be: “Because I have the experience of remembering that I used the word in that way before.” The justification can only be an external one, for it is either an explanation in words or in patterns.
§
134r[2]Man könnte es auch so sagen: Man kann die Vorstellung nicht als Muster nehmen, denn sie wäre dann wie ein Muster das zerstört würde also keinen Nutzen hat. Die Erinnerung aber kann mir nur insofern helfen, als sie als ‘Erinnerung’ beglaubigt ist.
One could also say this: One cannot take the image as a sample, because it would then be like a sample that is destroyed and therefore has no use. But memory can only help me insofar as it is certified as ‘memory’.
§
134r[3]Warum nennst Du es denn Sprache, was du treibst?
Why do you call what you are doing language?
§
134r[4] &135v[1]
Ich kann freilich eine Sprache auch in der bloßen Vorstellung sprechen & gebrauchen, z.B. im Traum, aber warum nenne ich es denn mit diesen Worten? Hat das eine Begründung, – dann besteht sie aus Worten & Zeichen. Hat es keine Begründung für einen Andern dann hat es auch keine für mich & dann ist der Anfang des Sprachspiels daß ich gewisse Wörter ausspreche. Und das ist in Ordnung.
Of course, I can also speak and use a language in mere imagination, for example, in a dream, but why do I call it with these words? If it has a justification, then it consists of words and signs. If it has no justification for another, then it has no justification for me, and then the beginning of the language-game is that I utter certain words. And that is fine.
§
134v[1] &135r[1]
Zu untersuchen ist, unter welchen Umständen eine Annahme, d.h. der Ausdruck einer Annahme, Sinn hat. (Ich nehme z.B. an, daß alle Menschen die ich sehe fürchterliche Schmerzen haben, es aber nicht zeigen.) ‘Eine grundlose Annahme’. Was nennt man “etwas annehmen”? Einen Bewußtseinszustand? das Aussprechen der Annahme? eine gewisse Handlungsweise? Was heißt es eine halbe Stunde lang annehmen daß jemand Schmerzen hat? “Ich kann doch annehmen, es habe Einer Erinnerungen!” – Wie nimmt man das an; was für ein Spiel spielt man mit dem Ausdruck so einer Annahme? Sagen können wir es natürlich & auch die & die Empfindungen dabei haben. Aber ist das alles, was zum Annehmen gehört? Es fehlt doch offenbar noch etwas.
What needs to be investigated is, under what circumstances does an assumption, i.e., the expression of an assumption, make sense? (I assume, for example, that all the people I see have terrible pains but do not show them.) ‘An unfounded assumption’. What does one call “making an assumption”? A state of consciousness? The uttering of the assumption? A certain way of acting? What does it mean to assume for half an hour that someone has pain? “I can assume that someone has memories!” – How does one make that assumption; what game does one play with the expression of such an assumption? We can, of course, say it, and also have the and the sensations associated with it. But is that all that is involved in making an assumption? There is obviously something else missing.
§
135v[2]-relocatedUnwohl. Große Kälte. Der Fjord ist weit hinaus gefroren & der See beginnt zuzufrieren & ich fürchte mich davor eingeschlossen zu werden. Habe Magenschmerzen in einer Weise, wie ich es eigentlich nicht gewohnt bin.
Unwell. Great cold. The fjord is frozen far out, and the lake is beginning to freeze over, and I am afraid of being trapped. I have stomach pains in a way that I am not really used to.
§
135r[2] &136r[2] &
136v[1] &
137r[1] &
137v[1]
Ich könnte ja sagen: Wenn jener Mann der das Tagebuch führt beim Lesen desselben Erinnerungen hat, dann teilt ihm das Tagebuch etwas mit. – – Aber nun fragt es sich noch: Wann sagen wir, daß er ‘Erinnerungen hat’. Wenn darauf zur Antwort kommt: “Wenn er ein gewisses inneres Erlebnis hat”, so
18.11.1937 ist das natürlich noch keine Erklärung, denn nun fragte es sich: “welches innere Erlebnis”. (Diese ‘Erklärung’ läßt es fälschlich so erscheinen als könne man zur Antwort auf etwas zeigen.) Und wann sagen wir: Einer habe das & das innere Erlebnis? “Aber haben wir hier nicht eher einen Fall, wo wir zwar wissen was es heißt, er habe das & das Erlebnis, obwohl wir keine Möglichkeit haben mögen, darauf zu kommen, ob er es hat.” Du vergleichst den Fall also offenbar dem der Annahme er habe, sagen wir eine Uhr, obgleich wir keinerlei Möglichkeit besitzen festzustellen ob er eine hat. Zwei Spiele: das eine etwa Dame das andere ein Spiel welches so eingerichtet ist daß jede Partie notwendigerweise remis werden muß. Im Damespiel gibt es auch Partien die so ausgehen; würden wir aber nicht dennoch zweifeln, ob wir das andere ein ‘Spiel’ nennen sollen. Es kommt dabei eben nicht nur auf den Ausgang dieser einen gegenwärtigen Partie an. Ob nämlich jene Annahme, daß er eine Uhr hat Sinn hat, wird z.B. drauf ankommen, wie es ausgeschlossen ist, daß wir die Tatsache erfahren. Wir können auch diese Annahme so abkapseln, daß sie sinnlos wird, obwohl dabei immer bestehen bleibt, daß wir uns beim Aussprechen der Annahme ein ‘Bild’ von dem Sachverhalt machen, nur haben wir auch keine Verwendung für dieses Bild. “Aber ich kann doch annehmen, daß er das gleiche Erlebnis hat wie ich es oft gehabt habe.” – Was einen ‘Akt des Annehmens’ betrifft, mußt Du das am besten wissen. Es heißt wohl, daß Du beim Aussprechen dieser Worte eines der Erlebnisse hast, die Du beim Aussprechen von Annahmen zu haben pflegst. Warum sollte es unmöglich sein zwei beliebige Figuren auf ein Spielbrett zu stellen, die eine mit der andern ‘nehmen’, & das Erlebnis haben welches man beim Gewinnen eines Spiels hat? Aber würden wir sagen wir hätten ein Spiel gewonnen. Und wenn Einer es sagte, welche Einwendungen würden wir machen? Würden wir ihn nicht nach dem Spiel im allgemeinen fragen, um ihm zu zeigen daß hier kein solches hinter jenem Erlebnis steht? Würden wir ihn nicht fragen: “Ja wie gewinnt man denn in diesem Spiel, & wie verliert man? Und was ist die Anfangsstellung?” etc.
I could say: If that man who keeps the diary has memories when reading it, then the diary communicates something to him. – – But now the question is: When do we say that he ‘has memories’? If the answer is: “When he has a certain inner experience,” then
18.11.1937 this is, of course, still not an explanation, because now the question is: “which inner experience.” (This ‘explanation’ falsely gives the impression that one can point to something in answer.) And when do we say: Someone has this or that inner experience? “But don’t we rather have a case here where we know what it means for him to have this or that experience, although we may not have a way of knowing whether he has it.” You are apparently comparing this case to that of the assumption that he has, say, a watch, although we have no way of determining whether he has one. Two games: one is, say, checkers, the other is a game that is set up so that every game necessarily ends in a draw. In checkers, there are also games that end that way; but wouldn’t we still doubt whether we should call the other one a ‘game’? It is not just about the outcome of this one game. Whether that assumption, that he has a watch, has sense, depends, for example, on how it is ruled out that we will learn the fact. We can also isolate this assumption so that it becomes senseless, although it always remains the case that when we make the assumption, we form a ‘picture’ of the state of affairs, but we also have no use for this picture. “But I can assume that he has the same experience that I often have.” – As for ‘an act of assuming,’ you probably know that best. It means that when you say these words, you have one of the experiences that you tend to have when making assumptions. Why should it be impossible to place two arbitrary figures on a game board, one taking the other, and have the experience that one has when winning a game? But would we say that we have won a game? And if someone said that, which objections would we make? Wouldn’t we ask him about the game in general, in order to show him that there is no such thing behind that experience? Wouldn’t we ask him: “Yes, how does one win in this game, and how does one lose? And what is the starting position?” etc.
§
138r[1]Du kannst in diesem Sinne auch annehmen, ein Blinder sehe alles & handle (& rede) nur auf die für Blinde charakteristische Weise & Du kannst auch annehmen, ein Blinder sehe alles grüne blau & umgekehrt. – Erinnere Dich, welche Vorstellung naive Menschen von der sog. “Rot-GrünBlindheit” haben; sie ‘nehmen auch etwas an’, nur kann man mit ihrer ‘Annahme’ nichts anfangen.
In this sense, one can also assume that a blind person sees everything & acts (and speaks) only in a way characteristic of blind people, & one can also assume that a blind person sees all green as blue & vice versa. – Remember what image naive people have of the so-called “red-green color blindness”; they ‘make an assumption’, but one cannot do anything with their ‘assumption’.
§
138r[2] &138v[1] &
139r[1] &
139v[1]
Du nimmst an, der & der habe Erinnerungen. Aber bist Du Dir denn über den Gebrauch des Wortes “Erinnerungen” für Dich selbst klar? Was gehört dazu daß Du von Dir sagen kannst Du habest welche? Ist z.B. alles was dazu gehört ein Phantasiebild? Wann sagst Du: “Es kommt mir vor als erinnerte ich mich.” Wenn Du sagst: “ich erinnere mich deutlich…” merkst Du daß es eine Erinnerung ist am Charakter des Vorstellungsbildes? Wie hast Du den Gebrauch des Ausdrucks gelernt: Du erinnertest Dich an den & den Traum? “Aber daß Du Dich erinnerst ist doch ein bestimmtes inneres Erlebnis!” – Nehmen wir an es sei das ein Phantasiebild eines Vorgangs vor mir zu sehen & das Bild müsse einen bläulichen Schimmer haben. Dann heißt also “Er hat eine Erinnerung” er sehe so ein Bild mit diesem Schimmer vor sich. Da es sich aber hier nicht um ein gemaltes Bild handelt, so ist der Sinn nicht so klar & ich muß mich fragen: in welchen Fällen sage ich denn: …? Denn wenn ich die Annahme mache: er hat diese Vorstellung, so wird, was diese Annahme ist doch davon abhängen wie ich den Satz “Er hat die Vorstellung …” gebrauche. Die Übersetzung eines Ausdrucks in einen Anderen ist nur dann eine Erklärung der Bedeutung des ersten, wenn ich die Anwendung des zweiten verstehe. Wenn ich einen Ausdruck durch ein Bild ersetze dessen Anwendung ebenso unbestimmt ist wie die des Ausdrucks so ist die Ersetzung keine Erklärung. Man darf eben nicht vergessen, daß man auch ein Bild auf mannigfache Weise gebrauchen kann. Es fragt sich: Unter welchen Umständen & zu welchem Zweck spricht man denn (zu sich, oder Anderen) so eine Annahme aus?
You assume that so-and-so has memories. But are you really clear about the use of the word “memories” for yourself? What does it entail for you to be able to say that you have them? Is everything that is involved in this, for example, a mental image? When do you say: “It seems to me as if I remember”? When you say: “I remember clearly…”, do you notice that it is a memory based on the character of the mental image? How did you learn the use of this expression: you remembered this or that dream? “But the fact that you remember is, after all, a certain inner experience!” – Let's assume that it is a mental image of an event that I am seeing, and that the image must have a bluish tinge. Then “he has a memory” means that he sees such an image with this tinge before him. But since this is not a painted image, the sense is not so clear, and I have to ask myself: in what cases do I say…? Because if I make the assumption that he has this mental image, then what this assumption is depends on how I use the sentence “He has the mental image…”. The translation of an expression into another is only an explanation of the meaning of the first if I understand the application of the second. If I replace an expression with an image, the application of which is just as undefined as that of the expression, then the replacement is not an explanation. One must not forget that one can also use a picture in many ways. The question is: under what circumstances and for what purpose does one speak such an assumption (to oneself or to others)?
§
139v[2] &140r[1]
Was ist sonderbares an der Annahme, das Kind habe Träume vor seiner Geburt? Erstens, daß diese ‘Träume’ nun in einer Umgebung sind, in der wir nichts ‘Traum’ zu nennen gewöhnt sind. Zweitens daß diese Annahme ein isoliertes Bild ist ohne Anwendung & wir so etwas nicht Annahme nennen.
What is so peculiar about the assumption that the child has dreams before its birth? First, that these ‘dreams’ are now in an environment in which we are not accustomed to call anything a ‘dream’. Second, that this assumption is an isolated picture without application & we do not call something like that an assumption.
§
140r[2] &140v[1]
Im vorigen Jahr habe ich mich, mit Gottes Hilfe aufgerafft & ein Geständnis abgelegt. Das brachte mich in ein reineres Fahrwasser in ein besseres Verhältnis zu den Menschen & zu größerem Ernst. Nun aber ist alles das gleichsam aufgezehrt & ich nicht weit von dort, wo ich war. Vor allem bin ich unendlich feig. Wenn ich nichts Rechtes tue, so werde ich wieder ganz in das alte Fahrwasser hineintreiben. Ich fürchte mich vor jeder Gefahr. Mein Leben hassen für Gott davon bin ich so weit wie möglich. Ich könnte nicht einmal meinen Freund für Ihn lassen. Möge Gott mir helfen.
Last year, with God’s help, I gathered myself and made a confession. This brought me into a purer course, into a better relationship with people and into greater seriousness. But now all of that has faded away, and I am not far from where I was. Above all, I am infinitely cowardly. If I do nothing right, I will drift back into the old course. I am afraid of every danger. I hate my life, but I am as far from giving it to God as possible. I could not even give up my friend for Him. May God help me.
§
140v[2] &141r[1]
Nun will ich aber sagen, daß, wer annimmt, ein Kind habe Träume vor der Geburt, in gewissem Sinne seine Annahme nicht versteht. “Aber wieso versteht er sie nicht? Er weiß doch, was es heißt selbst Träume haben! Aber versteht er dadurch auch was es heißt, daß, sagen wir, ein Waschschaff Träume hat? Und liegt also das Wesentliche in der Organisation dem Bau des Menschen? Man möchte in so einem Fall sagen: “Das Waschschaff hat eben keinen Kopf.” Und hier sieht man worauf es bei solchen Vorstellungen ankommt. Man wird nämlich so aufmerksam, darauf was die Vorstellung ist, die uns hier als Verständnis gilt; oder wie wir vom eigenen Traum zum Traum des Andern gelangen.
Now I want to say that whoever assumes that a child has dreams before birth, in a certain sense, does not understand his assumption. “But why doesn’t he understand it? He does know what it means to have dreams himself! But does he thereby also understand what it means that, say, a raccoon has dreams? And does the essential thing lie in the organization, in the structure of a human being? In such a case, one would like to say: “The raccoon simply doesn’t have a head.” And here one sees what is important in such images. For one becomes attentive to what the image is that is considered understanding here; or how we get from one’s own dream to the dream of another.
§
141r[2] &141v[1]
Ich habe jetzt wohl eine Erinnerung an einen Traum, aber doch keinen Traum. Könnte man also nicht sagen ich wisse nicht wie (oder, was) es ist zu träumen? Ich habe ein Erinnerungserlebnis an einen Traum, & wie sollte ich das auf eine andere Person so übertragen, daß ich weiß wie es ist, wenn er träumt?
I probably have a memory of a dream now, but I don’t have a dream. Could one not say that I don’t know what it is to dream? I have an experience of remembering a dream, and how should I transfer that to another person in such a way that I know what it is like when he dreams?
§
141v[2]Von der privaten Vorstellung der Farbe Blau könnte ich ebensogut annehmen sie bleibe gleich wie sie ändere sich von einem Augenblick zum andern & nur für mein Gedächtnis des Farbeneindrucks seien dies immer die gleichen Eindrücke. Es erinnere sich sozusagen immer falsch & was verschieden war kommt ihm gleich vor.
From the _privat_e image of the color blue, I could just as well assume that it remains the same as it changes from one moment to the next, & that this is always the same impression for my memory of the color impression. It, as it were, always remembers incorrectly, & what was different seems the same to it.
§
141v[3] &142r[1]
Du weißt wie es ist wenn Du träumst? Nun wie ist es? Und vergiß nicht: Du kannst weder mir noch Dir selbst hinweisend antworten: “So.”.
You know what it is like when you dream? Well, what is it like? And don’t forget: you can’t answer in a way that points to it, neither to me nor to yourself: “Like this.”
§
142r[2]Wozu dient denn die Sprache?! Dazu die Erlebnisse mit Lärm zu begleiten?
What is the purpose of language?! To accompany experiences with noise?
§
142r[3]Ich rede davon daß jemand Schmerzen hat ich kann es meinen angeblich weil ich weiß was Schmerzen sind. Aber ich kann mir doch Schmerzen nicht immer gleich gut vorstellen – meine ich da also jedesmal etwas anderes?
I am talking about someone being in pain; I can claim it because I know what pain is. But I can’t always imagine pain equally well – does that mean I’m thinking of something different each time?
§
142r[4] &142v[1]
Du weißt doch was es heißt “träumen”. Du weißt, wie es ist, wenn Du träumst! Aber weiß ich es denn gerade jetzt? & immer gleich gut? Worin soll denn dies Wissen bestehen? Heißt es nämlich, ich könne das Wort “träumen” anwenden, so ist das wahr, aber gerade darum weiß ich nicht, was es heißen soll: das Kind träumt vor der Geburt. Denn die Aussagen “Ich habe … – geträumt”, “Er hat – geträumt” werden ja irgendwie verwendet. Ich erzähle einen Traum; ich vergleiche ihn mit dem was ihm vorhergegangen ist.
You know what it means to “dream.” You know what it’s like when you dream! But do I know it right now? And do I always know it equally well? What should this knowledge consist of? If it means that I can apply the word “dream,” then that is true, but that is precisely why I don’t know what it means: the child is dreaming before birth. Because the statements “I dreamed” and “He dreamed” are somehow used. I tell a dream; I compare it to what preceded it.
§
142v[2] &143r[1] &
143v[1]
Man kann nicht sagen: “Ich sage: ‘ich habe geträumt’, weil ich ein gewisses Erlebnis hatte”. Denn die Frage ist, wie weiß ich daß dies Erlebnis “Träumen” heißt? Gibt es da nun einen Irrtum oder gibt es keinen. Gibt es keinen so ist eben, was ich “Traum” nenne ein Traum & es kommt dann darauf an daß ich das Wort gebrauche & auf nichts anderes. Gibt es aber einen Irrtum, so kann man auf den ja nie kommen, oder nur durch äußere Kriterien. Ebenso: Wie weiß ich daß das Erlebnis was ich jetzt habe “die Farbe Blau sehen” heißt? Sofern es keinen Irrtum gibt so fängt das Sprachspiel eben mit meinen Worten an. Einen inneren Irrtum anzunehmen der sich nie zeigen kann, hat keinen Sinn. Das ist nicht was wir Irrtum nennen. Daß mich mein Gedächtnis täuscht & ich die falsche Farbe “blau” nenne, kann sich nur in der äußeren Verwendung zeigen.
One cannot say: “I say ‘I dreamed’ because I had a certain experience.” Because the question is, how do I know that this experience is called “dreaming”? Is there an error or is there not? If there is no error, then what I call a “dream” is a dream, and it depends on me using the word and nothing else. But if there is an error, then one can never come across it, or only through external criteria. Likewise: how do I know that the experience I am having now is called “seeing the color blue”? As long as there is no error, then the language-game simply begins with my words. It makes no sense to assume an inner error that can never show itself. That is not what we call error. That my memory deceives me and I call the wrong color “blue” can only be shown in external use.
§
143v[2]Der gegenwärtigen Vorstellung kann ich keinen Namen geben, weil sie mit einem Namen nicht kommensurabel ist. Kann man sagen: das Benannte muß im selben Sinne Dauer haben, wie der Name?
I cannot give the present image a name because it is not commensurate with a name. Can one say that the named thing must have the same sense of duration as the name?
§
143v[3] &144r[1] &
144v[1]
19.11.1937
Wie kann ich, was Regelmäßigkeit ist, beschreiben? z.B. ein regelmäßiger Wechsel der Farbe: blau, rot, blau, rot, blau, …. Ich kann natürlich statt dessen auch auf Muster zeigen. Aber nicht auch auf meine Vorstellungen? Wenn ich nun dem Andern sagte: “ich habe jetzt eine regelmäßige Folge von Farbenvorstellungen: das, das, das, das, das, u.s.w.” Da könnte er fragen: “Bist Du sicher, daß Du Dich nicht irrst? daß es wirklich eine solche regelmäßige Folge war? Hat Dich Dein Gedächtnis nicht getäuscht?” – So könnte ich antworten: “Mir scheint sie regelmäßig!” – Er: “Aber ist sie darum regelmäßig? denn wenn das ist, dann braucht ja gar nichts vorzuliegen wie z.B. diese regelmäßige Musterreihe hier. Dann haben ja wir beide, ich & Du, nur Dein Wort, ‘regelmäßig’ oder (die Tatsache) daß Du auf die & die Muster zeigst. Ich sage damit beginnt das Sprachspiel sowohl für mich als auch für Dich.
19.11.1937
How can I describe what regularity is? e.g., a regular alternation of colors: blue, red, blue, red, blue, …. I could, of course, also point to a sample instead. But why not also point to my mental images? If I were to say to another person: “I now have a regular sequence of color images: this, this, this, this, this, etc.” He might ask: “Are you sure you aren’t mistaken? That it really was such a regular sequence? Has your memory not deceived you?” – I could answer: “It seems regular to me!” – He: “But is it therefore regular? Because if it is, then there doesn’t need to be anything actually present, such as this regular pattern series here. Then all we have, both you & I, is your word, ‘regular,’ or (the fact) that you point to this & that pattern. This is what begins the language game both for me and for you.
§
144v[2] &145r[1] &
145v[1]
Man könnte glaube ich auch sagen: zu der Vorstellung, wie Du von ihr redest, gibt es nur Gegenwart; aber in der Sprache & im Spiel auch Vergangenheit & Zukunft. Die Vorstellung ist da gleichsam die gegenwärtige Projektion auf der Leinwand & in dieser Projektion wäre auch das Erinnerungserlebnis, Erlebnis des Wiedererkennens etc., etc.. Ist es mir nun nicht erlaubt, die Bilder die nacheinander folgen (& das alles enthalten) zu vergleichen, darf ich nicht die Bilder auf dem Filmstreifen sehen, die diesen Vergleich erlauben, – dann ist jene ‘Folge’ von gegenwärtigen Bildern nicht besser als ein einziges. Denn ich kann nun nicht sagen, ob sie von einander verschieden oder alle gleich sind. Es gibt ja (in diesem Sinne) immer nur eins. Diese Betrachtung, so wertvoll sie ist, kann aber wieder ganz mißverstanden werden. Sie muß nämlich erst noch richtig appliziert werden. Ich kann nämlich hier wieder nur ganz gewöhnlich von verschiedenen Darstellungsarten reden & nicht von verschiedenen Welten. (‘Das Unmögliche kann ich auch nicht beschreiben.’) Denn steht hier das Sehen & Hören etc. des Filmschauspiels für alles was ich erlebe, dann sitze ich eben immer vor der Projektionsleinwand & sehe nichts anderes als was dort erscheint; sehe also auch weder den Filmstreifen noch den Apparat je; & diese sind dann unnütze Teile meiner Hypothese & unnütz also überhaupt die Idee vom Film. Es muß das Bild vielmehr anders angewandt werden.
I believe one could also say: with respect to the image, as you describe it, there is only the present; but in language & in play, there is also the past & the future. The image is, as it were, the present projection on the screen, & in this projection, there would also be the experience of remembering, the experience of recognizing, etc., etc. If I am not allowed to compare the images that follow one another (and that contain all of this), if I am not allowed to see the images on the film strip that allow this comparison, then that ‘sequence’ of present images is no better than a single one. For I cannot now say whether they are different from one another or all the same. There is, after all (in this sense), always only one. This consideration, however valuable it may be, can again be completely misunderstood. It must first be correctly applied. For I can here only speak in a quite ordinary way of different kinds of representation, & not of different worlds. (‘I cannot even describe the impossible.’) For if the seeing & hearing, etc., of the film play stands for everything that I experience, then I am always sitting in front of the projection screen & seeing nothing other than what appears there; so I also see neither the film strip nor the apparatus; & these are then useless parts of my hypothesis, & thus the idea of the film is useless in general. The image must rather be applied differently.
§
145v[2] &146r[1]
Denke jemand hätte ein Filmschauspiel beschrieben, erzählt. Nun sage ich: “Aber diese Erzählung hätte sich ja viel einfacher geben lassen: Du hast immerfort ein gewisses Bild gesehen.” Antwort: Das ist überhaupt keine Beschreibung. ‘Beschreibung’ nennen wir den Gebrauch gewisser Worte, Gebärden, etc. bei gewissen Gelegenheiten. Wir können die Sprache, dieses Phänomen, beschreiben; während Du (gleichsam) sagst: ‘Sprache müßte eigentlich dies sein.’ Als sagtest Du ein Mensch müßte eigentlich die Gestalt einer Kugel haben. (So eine Idee wäre ganz möglich.) Und man könnte nur antworten: Was wir Mensch nennen ist keine Kugel; & wenn Du sagst es müsse eigentlich eine sein, so heißt das, daß Du von einem, von der Wirklichkeit (gleichsam einseitig) abstrahierten, Ideal verführt bist & dieses Ideal von Dir Besitz ergriffen hat.
Suppose someone had described a film scene. Now I say: “But this narrative could have been presented much more simply: you have continuously seen a certain picture.” Response: That is not a description at all. We call ‘description’ the use of certain words, gestures, etc., on certain occasions. We can describe the language, this phenomenon; whereas you (as it were) say: ‘Language should actually be this.’ As if you were saying a human being should actually have the shape of a sphere. (Such an idea is quite possible.) And one could only reply: What we call a human being is not a sphere; & if you say that it should actually be one, then this means that you are being seduced by an ideal that has been abstracted (as it were, one-sidedly) from one thing, from reality, & this ideal has taken possession of you.
§
146r[2] &146v[1]
Er möge, statt sich an die Definition zu erinnern, sie immer in einem Buch nachschlagen. Und zwar mag sich, was dort steht, immerfort ändern – aber das soll nichts machen. Gut; dagegen ist noch nichts zu sagen– aber dies ist noch kein Spiel, das Spiel baut sich nun wohl erst auf das auf, was er so nachschlägt. Denn baut sich darauf nichts weiter auf, so ist hier auch kein Spiel. Man könnte ja auch sagen: “Nenne ‘blau’, was Du gerade so nennen willst! worin immer der Akt dieses Benennens bestehen mag.” Dagegen ist nichts zu sagen; aber das gibt noch nichts, was wir ‘Sprache’ nennen würden. Die müßte nun erst anfangen.
Let him, instead of remembering the definition, always look it up in a book. And what is written there may constantly change – but that shouldn’t matter. Fine; there is nothing to object to that – but this is not yet a game; the game is now only built upon what he looks up. For if nothing further is built upon it, then there is no game here either. One could also say: “Call ‘blue’ whatever you want to call it! whatever the act of this naming may consist of.” There is nothing to object to that; but it does not yet give us anything that we would call ‘language.’ It would have to begin now.
§
146v[2] &147r[1] &
147v[1] &
148r[1]
Ist nicht der Irrtum in den wir hier fallen ein ähnlicher, als bildeten wir uns ein, das Bild eines Eisenstabes auf seine Festigkeit prüfen zu können; weil wir ein Bild der Zerreißprobe des Stabes machen können.
Was wir Sprache oder Spiel nennen ist keine Vorstellung obwohl es eine solche von der Sprache & dem Spiel gibt. D.h. natürlich nur: Die Grammatik des Wortes “Sprache”, “Wort”, “Satz”, “Definition”, ist nicht die der Ausdrücke: “Eindruck”, “es kommt mir so vor …”, “Empfindung” …. Oder: Ein Sprachspiel beschreiben; heißt Handlungen der Menschen beschreiben; also eine Beschreibung der Art geben, wie wir es öfters getan haben. Nun haben die Sätze von der Form “es kommt ihm so vor als … nicht die gleiche Grammatik wie: “er tut ….” Denn es kann ihm so vorkommen als spielte er eine Schachpartie Zug für Zug & dann ist, was ihm scheint ein Abbild einer wirklichen Partie. Dagegen kann ihm vorkommen er habe gerade eine Schachpartie verloren – & dann ist dies nicht das Abbild dessen, was wir das Verlieren einer Partie nennen. Es gibt in unserer Sprache etwas was wir Beschreibung von Handlungen, Dingen, etc., nennen, und auch etwas, was wir die Beschreibung von Vorstellungen, Eindrücken nennen. Sie haben verschiedenerlei Anwendungen. Die ‘Beschreibung eines Sprachspiels’ nun ist eine Beschreibung der ersten. Die Behauptung: “Ich sah einen blauen Vogel” wird ganz anders gebraucht (z.B. verifiziert) als die: “Es kam mir vor ich sähe einen blauen Vogel”. (Natürlich werde ich nicht den irreführenden Ausdruck gebrauchen: “Dinge & Vorstellungen sind verschiedene Arten von Gegenständen”!)
Isn’t the mistake we are making here similar to imagining that we can test the image of an iron rod for its strength; because we can make an image of the rod being torn.
What we call language or game is not an image, although there is an image of language & the game. This, of course, simply means: The grammar of the words “language,” “word,” “sentence,” “definition,” is not the same as that of the expressions: “impression,” “it seems to me…,” “sensation.” …. Or: To describe a language-game means to describe actions of people; thus giving a description of the kind that we have often given. Now the sentences of the form “it seems to him as if…” do not have the same grammar as: “he does….” For it can seem to him as if he is playing a game of chess move by move, & then what seems to him is a copy of an actual game. In contrast, it can seem to him that he has just lost a game of chess – & then this is not the copy of what we call losing a game. In our language, there is something that we call the description of actions, things, etc., and also something that we call the description of images, impressions. They have different applications. The ‘description of a language-game’ is now a description of the former. The assertion: “I saw a blue bird” is used (e.g., verified) in a completely different way than the assertion: “It seemed to me that I saw a blue bird.” (Of course, I will not use the misleading expression: “Things & images are different kinds of objects”!)