Ms-124
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§
IIIr[1]Prof. L. Wittgenstein
Trinity College
Cambridge
Prof. L. Wittgenstein, Trinity College, Cambridge
§
1[1]06.06.1941
einmal als
,
einmal als sein Spiegelbild sehen. – Wenn mir ein vertrauenswürdiger Mensch sagt, daß seine Erfahrung ganz so ist, wie wenn er einmal einen, einmal einen anderen Gegenstand sieht, – kann ich das als Evidenz annehmen dafür, daß es sich hier um ein verschieden Sehen & nicht, etwa, um ein verschieden Denken handelt? Und warum kann ich das nicht? Wenn er intelligent ist, & die Sprache versteht, sollte er es doch wissen! Nun, was würde er ein ‘bloßes Deuten’ nennen? Etwa wenn er sagte: “Das sieht nicht wie ein
aus aber es soll eins sein.” Der andre Fall wäre: “Doch das ist ein
;
nur ein bißchen anders geschrieben.”
June 6, 1941
sometimes to see it
,
sometimes as its reflection. – If a trustworthy person tells me that his experience is exactly as if he were seeing one
object one moment and another
the next, – can I accept this as evidence that this is a matter of different seeing
& not, say, of different thinking
? And why can’t I? If he is intelligent & has understanding of language, he ought to know! Now, what would he call “mere interpretation”? For example, if he said: “That doesn’t look like a
but it’s supposed to be one.” The other case would be: “But that is a
;
just written a little differently.”
§
1[2]Ich kann sein Zeugnis nicht annehmen, weil es kein Zeugnis ist.
I cannot accept his testimony because it is not testimony.
§
1[3]“Geneigt sein zu sagen …” vergleiche “Vouloir dire”.
“Being inclined to say…” compare “Vouloir dire.”
§
2[1]Kann “ich bin geneigt zu sagen: ‘ich habe Schmerzen’” die Aussage “ich habe Schmerzen” ersetzen? – Warum nicht? Das ist kein Einwand: daß die Sätze von Verschiedenem handeln.
Can “I am inclined to say: ‘I am in pain’” replace the statement “I am in pain”? – Why not? That is not an objection: that the sentences concern different things.
§
2[2]Bald hätte ich gesagt: “dieser Ersatz ließe sich auch in der alten Auffassung rechtfertigen”! Aber was ist die ‘alte Auffassung’? Sie ist, glaube ich, durch ein Bild charakterisiert: Das des Sehens, des Anschauens eines Gegenstandes, der nicht unter den physikalischen Gegenständen, sondern wo anders seinen Platz hat. (Denn warum soll ich mir die Anwesenheit dieses Gegenstands vor meinem geistigen Auge nicht eben als den Reiz denken, der die Geneigtheit, das & und das zu sagen, ausmacht?)
Soon I would have said: “this replacement could also be justified in the old view”! But what is the ‘old view’? It is, I believe, characterized by a picture: that of seeing, of looking at an object, which does not have its place among the physical objects, but somewhere else. (For why shouldn't I think of the presence of this object before my mind's eye as precisely the stimulus that makes me inclined to say this and that?)
§
3[2]Da ich aus Versehen zwei Seiten überblättert habe so will ich den Raum als Tagebuch benutzen. Ich hatte den Gedanken, noch jemals für mich über philosophische Probleme nachzudenken schon ganz aufgegeben. So war es ganz unerwartet, daß ich wieder, wenn noch so schwach, denken konnte. Und Gott weiß wie lange es dauern wird. – Ich habe viele Herzschmerzen gehabt. Und wäre ich stärker, könnte ich verdauen, was kommt, so wäre alles das zum Guten.
Since I accidentally skipped two pages, I want to use this space as a diary. I had already completely given up on the thought of ever thinking about philosophical problems again. So it was quite unexpected that I could think again, however weakly. And God knows how long it will last. – I have had a great deal of heartache. And if I were stronger, if I could bear what is to come, then all of this would be for the best.
§VB
3[3]Unsere größten Dummheiten können sehr weise sein.
Our greatest stupidities can be very wise.
§
3[4] &4[1]
Meine Nerven sind in schlechtem Zustand. Ich weiß nicht warum. Ich bin häufig, ohne Grund innerlich aufgeregt; zittere und vibriere gleichsam innerlich, daß ich mich fürchte, wenn dieser Zustand stärker wird ich könnte ganz außer mir geraten, oder meine Seele könnte sozusagen überschnappen. Wie ein Körper der auf einer seiner Flächen im Gleichgewicht ist, wenn er weit genug aus dieser Gleichgewichtslage herausgehoben wird, in eine andere fallen kann. Ich fürchte mich, wie schon so oft im Leben, vor Müdigkeit, vor Erschöpfung. Welchen Grund, allerdings, ich zur Erschöpfung haben soll, weiß ich nicht.
My nerves are in poor condition. I don't know why. I am often, without reason, inwardly agitated; I tremble and vibrate as if inwardly, so that I am afraid that if this condition becomes stronger, I might completely lose control, or my soul might, as it were, snap. Like a body that is in equilibrium on one of its surfaces, if it is lifted far enough out of this state of equilibrium, can fall into another. I am afraid, as I so often have been in life, of tiredness, of exhaustion. I don't know, however, what reason I should have for exhaustion.
§
4[2]Unterschätze nie Deine Nebenbuhler! – ihren Verstand, ihr Talent, ihr Können!
Never underestimate your rivals! – their intelligence, their talent, their skill!
§
4[3]21.06.1941
I've got to be able to take it. Wenn ich ein Waschlappen bin, kann ich mir nichts Gutes erwarten. – Willst Du Güte und Stärke in der Welt, warum willst Du sie nicht selber liefern?
21.06.1941
I've got to be able to take it. If I am a rag, I can't expect anything good. – If you want goodness and strength in the world, why don't you provide them yourself?
§
5[1]Das Beispiel von dem ‘Wissen, wie man zu antworten hat’ zeigt nur, daß man bei der Beschreibung der Mathematik nicht von Wissen & Mitteilung reden muß.
The example of ‘knowing how to answer’ merely shows that when describing mathematics, one need not speak of knowledge and communication.
§
5[3]07.06.1941
Der Gegenstand vor dem geistigen (innern) Sinnesorgan ist die Erklärung, Schein-Erklärung, der Äußerung. Das Scheingesims, das das Auge fordert, wenn es gleich nichts trägt.
07.06.1941
The object before the mental (inner) sense organ is the explanation, the apparent explanation, of the utterance. The imaginary cornice that the eye demands, even if it carries nothing.
§
5[4] &5[2]
Wir fordern oft eine Erklärung, weil wir die Form der Erklärung fordern; aber auch wenn sie nichts trägt.
We often demand an explanation because we demand the form of the explanation; but even if it carries nothing.
§
5[5] &6[1]
Aber bist Du nicht doch nur ein verkappter Behaviorist? Denn Du sagst, daß nichts hinter der Äußerung der Empfindung steht. Sagst Du nicht doch im Grunde, daß alles Fiktion ist, außer dem Benehmen? – Fiktion? So glaube ich also, daß wir nicht wirklich etwas empfinden, sondern nur Gesichter machen?! Aber Fiktion ist der Gegenstand hinter der Äußerung. Fiktion ist es, daß unsre Worte, um Bedeutung zu haben auf ein Etwas anspielen müssen, das ich, wenn nicht einem Andern, doch mir selbst zeigen kann. (Grammatische Fiktion.)
But aren't you just a disguised behaviorist? Because you say that nothing is behind the expression of feeling. Aren't you basically saying that everything is fiction, except behavior? – Fiction? So I don't really feel anything, but just make faces?! But fiction is the object behind the utterance. Fiction is that our words, in order to have meaning, must refer to something that I can show, if not to someone else, then at least to myself. (A grammatical fiction.)
§
6[2]Der Satz “Hinter der Äußerung der Empfindung steht nichts” ist ein grammatischer – er sagt also nicht, daß wir nichts empfinden.
The sentence “There is nothing behind the expression of feeling” is a grammatical one – it does not say, therefore, that we do not feel anything.
§
6[3]Meine Kritik besteht darin, daß ich die gewöhnliche, primitive Auffassung der Funktion der Wörter im Sprachspiel als zu eng hinstelle.
My criticism consists in the fact that I present the ordinary, primitive conception of the function of words in the language-game as too narrow.
§
7[1]Aber sagst Du nicht doch daß ‘Seele nur etwas am Körper’ sei? – Daß, wenn Du das Benehmen der Menschen (eines Stammes) beschrieben hast, Du alles beschrieben hast? – Aber der, der die Äußerung des Schmerzes macht, beschreibt doch nicht sein eigenes Benehmen!
But don't you nevertheless say that the ‘mind’ is just something in the body? – That if you have described the behaviour of people (of a tribe), you have described everything? – But the one who makes the utterance of pain does not describe his own behaviour!
§
7[2]Aber wenn nichts hinter der Äußerung steht, sagt das nicht doch, daß sie nicht etwas ausdrückt? Nein, denn, was sie ausdrückt, ist nicht, was wir uns geeinigt haben, so zu nennen.
But if nothing lies behind the utterance, does that not mean that it does not express anything? No, because what it expresses is not what we have agreed to call so.
§RFM VII
7[3] &8[1]
08.06.1941
Die Rolle der Sätze, die von den Maßen handeln & nicht ‘Erfahrungssätze’ sind. – Jemand sagt mir: ‘Diese Strecke ist 240 Zoll lang’. Ich sage: ‘Das sind 20 Fuß, also ungefähr 7 Schritte & habe nun einen Begriff von der Länge erhalten. – Die Umformung beruht auf arithmetischen Sätzen & auf dem Satz, daß 12 Zoll = 1 Fuß ist.
08.06.1941
The role of the sentences that deal with measures and are not ‘experiential propositions’. – Someone says to me: ‘This length is 240 inches long’. I say: ‘That is 20 feet, so approximately 7 steps’ and I have now obtained a concept of the length. – The transformation is based on arithmetical sentences and on the sentence that 12 inches = 1 foot.
§RFM VII
8[2]Diesen letzteren Satz wird niemand für gewöhnlich, als Erfahrungssatz aussprechen. Man sagt er drückt ein Übereinkommen aus. Aber das Messen würde seinen gegenwärtigen Charakter gänzlich ändern, wenn nicht, z.B., die Aneinanderreihung von 12 Zollstücken für gewöhnlich eine Länge ergäbe, die sich wieder besonders aufbewahren läßt.
No one would ordinarily express this latter sentence as an experiential proposition. It is said that it expresses an agreement. But measuring would completely change its present character if, for example, the juxtaposition of 12-inch pieces did not ordinarily result in a length that could be kept apart.
§RFM VII
8[3]Muß ich darum sagen, der Satz “12 Zoll = 1 Fuß” sage alle diese Dinge aus, die dem Messen seine gegenwärtige Pointe geben?
Must I therefore say that the sentence “12 inches = 1 foot” expresses all these things that give measuring its present point?
§RFM VII
9[1]Nein. Der Satz ruht in einer Technik. Und, wenn Du willst, in den physikalischen und psychologischen Tatsachen, die diese Technik möglich machen. Aber darum ist sein Sinn nicht diese Bedingungen auszusprechen. Das Gegenteil jenes Satzes, ‘12 Zoll ≠ 1 Fuß’ sagt nicht, daß die Maßstäbe nicht starr genug sind, oder wir nicht Alle in gleicher Weise zählen & rechnen. Der Satz ruht in einer Technik, beschreibt sie aber nicht.
No. The sentence rests in a technique. And, if you want, in the physical and psychological facts that make this technique possible. But that does not mean that its sense is to express these conditions. The opposite of that sentence, ‘12 inches ≠ 1 foot’ does not say that the scales are not rigid enough, or that we all do not count and calculate in the same way. The sentence rests in a technique, but does not describe it.
§RFM VII
9[2]Der Satz spielt die typische (damit aber nicht einfache) Rolle der Regel.
The sentence plays the typical (but not simple) role of the rule.
§RFM VII
9[3] &10[1]
Ich kann mittels des Satzes 12 Zoll = 1 Fuß eine Voraussage machen; nämlich daß 12 zoll-lange Stücke Holz aneinander gelegt sich gleichlang mit einem auf andere Weise gemessenen Stück erweisen wird. Also ist der Witz jener Regel etwa, daß man mittels ihrer gewisse Voraussagen machen kann. Verliert sie nun dadurch den Charakter der Regel? –
By means of the sentence 12 inches = 1 foot, I can make a prediction; namely that 12 inch-long pieces of wood placed next to each other will be of the same length as a piece measured in another way. So is the trick of that rule that one can make certain predictions by means of it? Does it lose its character as a rule in this way? –
§RFM VII
10[2]Warum kann man jene Voraussage machen? Nun, – alle Maßstäbe sind gleich gearbeitet; sie verändern ihre Längen nicht beträchtlich; Stücke Holz, die man auf einen Zoll oder Fuß zugeschnitten hat, tun dies auch nicht; unser Gedächtnis ist gut genug, damit wir beim Zählen bis ‘12’ Ziffern nicht doppelt nehmen & nicht auslassen; u.a..
Why can one make that prediction? Well, – all scales are made in the same way; they do not change their lengths considerably; pieces of wood that are cut to an inch or a foot do not do so either; our memory is good enough so that we do not take the digits twice or leave them out when counting to ‘12’, etc.
§RFM VII
10[3] &11[1]
Aber kann man denn nun nicht die Regel durch einen Erfahrungssatz ersetzen, der sagt, daß Maßstäbe so & so gearbeitet sind, daß Leute sie so handhaben? Man gäbe etwa eine ethnologische Beschreibung des Messens.
But can one not now replace the rule with an experiential proposition that says that scales are made in this way and that people handle them so? One would give, for example, an ethnological description of measuring.
§RFM VII
11[2]Nun es ist offenbar, daß diese Darstellung die Funktion einer Regel übernehmen könnte.
Now it is obvious that this representation could take over the function of a rule.
§
11[3]Ist die hinweisende Definition die zeigt, daß diese Farbe “grün” heißt, keine Regel – sondern ein Satz über den Gebrauch der Wörter, das Arbeiten unsers Gedächtnisses, usw.?
Is the ostensive definition that shows that this colour is called “green” not a rule – but a sentence about the use of words, the working of our memory, etc.?
§RFM VII
11[4] &12[1]
Wer einen math. Satz weiß, soll noch nichts wissen. Ist Verwirrung in unserm Rechnen, rechnet jeder anders & einmal so, einmal so, so liegt noch kein Rechnen vor; stimmen wir überein, nun dann haben wir nur unsre Uhren reguliert, doch noch keine Zeit gemessen. Wer einen math. Satz weiß, soll noch nichts wissen. D.h., der math. Satz soll nur das Gerüst liefern für eine Beschreibung.
Whoever knows a mathematical sentence should not know anything yet. If there is confusion in our calculations, everyone calculates differently and sometimes one way, sometimes another, then there is no calculation yet; if we agree, then we have only regulated our clocks, but we have not yet measured time. Whoever knows a mathematical sentence should still know nothing. That is, the mathematical sentence should only provide the framework for a description.
§RFM VII
12[2]Wie kann die bloße Umformung des Ausdrucks von praktischer Konsequenz sein?
How can the mere transformation of the expression have practical consequences?
§RFM VII
12[3] &13[1]
Daß ich 25 × 25 Nüsse habe, läßt sich verifizieren indem ich 625 Nüsse zähle, aber es läßt sich auch auf andre Weise herausfinden, die mit der Zahlangabe ‘25 × 25’ näher verknüpft ist. Und es ist natürlich die Verknüpfung dieser beiden Arten der Zahlbestimmung, in der ein Zweck des Multiplizierens ruht.
The fact that I have 25 × 25 nuts can be verified by counting 625 nuts, but it can also be determined in other ways that are more closely related to the numerical statement ‘25 × 25’. And it is, of course, the connection of these two types of number determination, in which a purpose of multiplication lies.
§RFM VII
13[2]09.06.1941
Die Regel ist, als Regel, losgelöst, & steht, sozusagen, selbstherrlich da; obschon, was ihr Wichtigkeit gibt, die Tatsachen der täglichen Erfahrung sind.
09.06.1941
The rule is, as a rule, detached, and stands, as it were, on its own; although what gives it importance are the facts of daily experience.
§RFM VII
13[3] &14[1]
Was ich zu tun habe, ist, sozusagen, das Amt eines Königs zu beschreiben: wobei ich nun nicht in den Fehler verfallen darf, sein Amt aus dessen Nützlichkeit zu erklären, noch die Nützlichkeit außer Acht zu lassen.
What I have to do is, as it were, to describe the office of a king: whereby I must not fall into the error of explaining his office by its usefulness, nor ignore the usefulness.
§RFM VII
14[2]Ich richte mich beim praktischen Arbeiten nach dem Resultat der Verwandlung des Ausdrucks.
In practical work, I am guided by the result of the transformation of the expression.
§RFM VII
14[3]Wie kann ich dann aber noch sagen, daß es dasselbe heißt, ob ich sage “hier sind 625 Nüsse”, oder “hier sind 25 × 25 Nüsse”?
How can I then still say that it means the same thing, whether I say “here are 625 nuts”, or “here are 25 × 25 nuts”?
§RFM VII
14[4]Wer den Satz “hier sind 625 …” verifiziert, verifiziert dadurch auch “hier sind 25 × 25 …”; u.u.. Doch steht die eine Form einer Art der Verifikation, die andre einer andern näher.
Whoever verifies the sentence “here are 625…” thereby also verifies “here are 25 × 25…”; perhaps. But one form is closer to one kind of verification, the other to another.
§RFM VII
14[5] &15[1]
Wie kannst Du sagen, daß “… 625 …” & “…25 × 25 …” dasselbe sagen? – Erst durch unsere Arithmetik werden sie eins.
How can you say that “… 625 …” & “…25 × 25 …” mean the same thing? – Only through our arithmetic do they become one.
§
15[2]Erst als Glieder des Systems der Arithmetik werden sie Eins.
Only as members of the system of arithmetic do they become one.
§RFM VII
15[3]Ich kann einmal die eine, einmal die andere Art der Beschreibung, durch Zählen z.B., erhalten. D.h., ich kann jede der beiden Formen auf jede Art erhalten; aber auf verschiedenem Weg.
I can obtain one type of description, for example by counting, or the other. That is, I can obtain each of the two forms in any way; but by a different method.
§RFM VII
15[4] &16[1]
Man könnte nun fragen: Wenn der Satz “…625 …” einmal so, einmal anders verifiziert wurde, sagte er da beidemale dasselbe? Oder: Was geschieht, wenn eine Methode des Verifizierens ‘625’, die andre nicht ‘25 × 25’ ergibt? – Ist da “… 625 …” wahr & “ …25 × 25 …” falsch? Nein! – Das eine anzweifeln heißt, das andre anzweifeln: Das ist die Grammatik, die unsre Arithmetik diesen Zeichen gibt.
One could now ask: If the sentence “…625…” has been verified once in one way and once in another, did it say the same thing on both occasions? Or: What happens if one method of verifying ‘625’ yields the other, and the other does not yield ‘25 × 25’? – Is “…625…” true & “…25 × 25…” false? No! – To doubt one is to doubt the other: That is the grammar that gives our arithmetic these signs.
§RFM VII
16[2]Wenn die beiden Arten des Zählens als Begründung einer Zahlangabe gebraucht werden, dann ist nur eine Zahlangabe, wenn auch in verschiedenen Formen, vorgesehen. Dagegen kann man ohne Widerspruch sagen: “Mir kommt bei der einen Art des Zählens 25 × 25 [& also 625] heraus, bei der anderen nicht 625 [also nicht 25 × 25]”. (Die Arithmetik hat hiergegen keinen Einwand.)
If the two ways of counting are used to justify a numerical statement, then only one numerical statement is intended, even if in different forms. On the other hand, one can say without contradiction: “With one way of counting, I get 25 × 25 [and thus 625]; with the other, I do not get 625 [and thus not 25 × 25].” (Arithmetic has no objection to this.)
§RFM VII
16[3] &17[1]
Daß die Arithmetik die beiden Ausdrücke einander gleichsetzt, ist, könnte man sagen, ein grammatischer Trick. Sie sperrt damit eine bestimmte Art der Beschreibung ab & leitet sie in andere Kanäle. (Und daß dies mit den Tatsachen der Erfahrung zusammenhängt braucht nicht erst gesagt zu werden.)
That arithmetic equates the two expressions is, one could say, a grammatical trick. It thereby blocks off a certain type of description and directs it into other channels. (And that this is connected with the facts of experience need not be said.)
§RFM VII
17[2] &18[1]
Nimm an, ich habe jemand multiplizieren gelehrt, aber nicht mit Hilfe einer ausgesprochenen allgemeinen Regel, sondern nur dadurch daß er sieht wie ich ihm Beispiele vorrechne. Ich kann ihm dann eine neue Aufgabe anschreiben, & sagen: “mach dasselbe mit diesen beiden Zahlen, was ich mit den früheren getan habe”. Aber ich kann auch sagen: “Wenn Du mit diesen beiden machst, was ich mit den andern gemacht habe, so wirst Du zu der Zahl … kommen”. Was ist das für ein Satz? “Du wirst das & das schreiben” ist eine Vorhersage. ‘Wenn Du das & das schreiben wirst, wirst Du's so gemacht haben, wie ich Dir's gezeigt habe’ bestimmt, was er “seinem Beispiel folgen” nennt.
Suppose I have taught someone to multiply, but not by means of a stated general rule, but only by having him see me work out examples for him. I can then write him a new problem and say: “Do the same with these two numbers as I did with the earlier ones.” But I can also say: “If you do with these two what I did with the others, you will arrive at the number …”. What kind of sentence is this? “You will write this and that” is a prediction. “If you write this and that, you will have done it the way I showed you” defines what he calls “following his example.”
§RFM VII
18[2]‘Die Lösung dieser Aufgabe ist …’ – Wenn ich das lese, ehe ich die Aufgabe gerechnet habe, – was ist das für ein Satz?
‘The solution to this problem is…’ – If I read that before I have calculated the problem, what is that sentence?
§
18[3]10.06.1941
Das Vorurteil muß man besiegen– & doch, wenn man's nicht hat, kann man nicht philosophische Arbeit leisten.
10.06.1941
One must overcome the prejudice – and yet, if one does not have it, one cannot do philosophical work.
§RFM VII
18[4] &19[1]
“Wenn Du mit diesen Zahlen machst, was ich Dir mit den andern vorgemacht habe, wirst Du … erhalten” – das heißt doch: ‘Das Resultat dieser Rechnung ist …” – & das ist keine Vorhersage, sondern ein mathematischer Satz. Aber es ist dennoch auch eine Vorhersage! – Eine Vorhersage besonderer Art. Wie der, der am Ende findet daß sich beim Addieren der Kolumne wirklich das & das ergibt, wirklich überrascht sein kann; z.B. ausrufen kann: ja, bei Gott, es kommt heraus! Denke Dir nur diesen Vorgang des Vorhersagens & der Bestätigung als ein besonderes Sprachspiel – ich meine: isoliert von dem Übrigen der Arithmetik & ihrer Anwendung.
“If you do with these numbers what I showed you with the others, you will get…” – that is, ‘The result of this calculation is…’, and that is not a prediction, but a mathematical sentence. But it is still a prediction! – A prediction of a special kind. How the one who finds at the end that the addition of the column really results in this and that, can really be surprised; for example, can exclaim: yes, by God, it comes out! Just imagine this process of prediction and confirmation as a special language-game – I mean: isolated from the rest of arithmetic and its application.
§
19[2] &20[1]
‘Zu sagen: “er hat Schmerzen” heißt etwas ganz & gar anderes als zu sagen: “er benimmt sich so & so”!’ – das ist völlig richtig. Ja, der Unterschied ist in gewissem Sinne noch größer als man sich ihn vorstellt. Und wieder: der Satz der ein Benehmen beschreibt, kann von einer Empfindung reden – & wenn er dies tut: so spielt er nicht indirekt auf sie an. Wenn wir so reden meinen wir nicht eigentlich etwas anderes, als was wir sagen. Noch können wir sagen: wir meinen zwar das Benehmen, aber umgeben von einer Atmosphäre die wir nicht eigens erwähnen.
‘To say: “he is in pain” means something entirely different from saying: “his behaviour is this way or that way”!’ – that is absolutely correct. Yes, in a certain sense the difference is even greater than one imagines. And again: the sentence describing behaviour can speak of a sensation—and when it does so, it is not alluding to it indirectly. When we speak this way, we do not actually mean anything other than what we say. Nor can we say: we do indeed mean the behaviour, but surrounded by an atmosphere that we do not specifically mention.
§
20[2] &21[1]
Die Ausdrücke “Schmerzen haben” & “sich so & so benehmen” werden – im allgemeinen – nicht auf die gleiche Weise gebraucht! Ja, ihr Gebrauch ist verschiedener, als die Philosophen, welche gegen den Behaviorismus sprechen, es darstellen. Denn wenn diese die Verschiedenheit betont, so stellt sie doch den Gebrauch beidemale nach demselben Schema dar.
The expressions “to be in pain” & “to behave in such and such a way” are – in general – not used in the same way! Yes, their use is different than philosophers who argue against behaviourism represent it. Because when they emphasize the difference, they nevertheless represent the use in both cases according to the same schema.
§
21[2]“Ich kann mir doch vorstellen, daß Einer Schmerzen hat, & auch, daß er sich so & so benimmt – & die beiden sind doch etwas ganz anderes!” – Da macht man meistens den Fehler, daß man den Satz “ich stelle mir … vor” für eine Beschreibung ansieht während er eine Äußerung ist.
“I can imagine someone being in pain, & also imagine him behaving in such and such a way – & the two are something completely different!” – In this, one usually makes the mistake of regarding the sentence “I imagine…” as a description, whereas it is an utterance.
§
22[1]Wie soll ich denn den Gebrauch der Sprache mittels etwas erklären, was Du selbst für privat erklärst & was also für den Gebrauch der Sprache irrelevant sein müßte. – Ich sage “müßte”, weil die ganze Idee des privaten Gegenstands auf einem Mißverständnis beruht.
How am I supposed to provide an explanation for the use of language by means of something that you yourself declare to be private—and which must therefore be irrelevant to the use of language?—I say “must” because the whole idea of the private object is based on a misunderstanding.
§
22[2]In unserm Schema der Erklärung der Sprache können wir nicht den Schmerz als Rechtfertigung der Schmerzäußerung einführen. Denn so funktioniert das Wort “Schmerz” einfach nicht.
In our schema of explaining language, we cannot introduce pain as a justification for the pain utterance. Because that is simply not how the word “pain” functions.
§
22[3] &23[1]
Nur die intime Vertrautheit mit dem Gebrauch eines Wortes bringt die Erfahrung hervor, daß das Wort eine Seele hat. Einer könnte sagen, daß ein Tennis- & ein Kricketball ganz verschiedene Bedeutungen besitzen. Dazu aber muß er mit den Regeln der Spiele nicht nur oberflächlich bekannt sein & die Spiele müssen in sein Leben eingreifen. Man könnte sagen: ‘ich hätte keinen Eindruck von dem Zimmer als ganzes, könnte ich nicht meinen Blick schnell in ihm dahin & dorthin schweifen lassen & mich nicht frei in ihm herumbewegen. Aber dennoch ist an dem allen etwas unklar.
Only intimate familiarity with the use of a word brings about the experience that the word has a soul. One might say that a tennis ball and a cricket ball have entirely different meanings. To do so, however, one must not only be superficially acquainted with the rules of the games; the games must also play a part in one’s life. One might say: ‘I would have no impression of the room as a whole if I could not let my gaze wander quickly here and there within it and move freely about it. Yet there is something unclear about all of this.
§
23[2] &24[1]
Es ist eine interessante Tatsache, daß die Regeln der wichtigsten Spiele sehr konservativ behandelt werden. Daß, z.B., normalerweise niemand dran denkt, die Regeln des Schachs zu variieren, etwa dem König eine andere Bewegungsfreiheit zu geben; daß man das interessant, oder lustig findet, sondern eher ungehörig & sogar dumm.
It is an interesting fact that the rules of the most important games are treated in a very conservative way. For example, no one usually thinks of varying the rules of chess, of giving the king different freedom of movement; that one finds it interesting, or amusing, rather than improper and even foolish.
§RFM VII
24[2] &25[1]
11.06.1941
Was ist an diesem Vorhersagespiel so sonderbar? Was mir sonderbar erscheint, würde entfernt, wenn die Vorhersage lautete: “Wenn Du glauben wirst, meinem Beispiel gefolgt zu sein, wirst Du das herausgebracht haben.” , oder: “Wenn Dir alles richtig scheinen wird, wird das das Resultat sein.” Dies Spiel konnte man sich (z.B.) mit dem Eingeben eines bestimmten Giftes verbunden denken, & die Vorhersage wäre, daß die Injektion unsere Fähigkeiten, unser Gedächtnis z.B., in der & der Weise beeinflußt. – Aber, wenn wir uns das Spiel mit dem Eingeben eines Giftes denken können, warum nicht mit dem Eingeben eines Heilmittels? Aber auch dann kann das Schwergewicht der Vorhersage noch immer darauf ruhen, daß der gesunde Mensch das als Resultat ansieht. Oder vielleicht: daß den gesunden Menschen das befriedigt.
11.06.1941
What is so special about this prediction game? What seems strange to me would be eliminated if the prediction were: “If you believe that you have followed my example, then you will have brought that about.”, or: “If everything seems right to you, then that will be the result.” This game could be thought of as being (e.g.) connected with the administration of a certain poison, and the prediction would be that the injection will affect our abilities, our memory, etc., in such and such a way. – But, if we can think of the game as involving the administration of a poison, why not with the administration of a cure? But even then, the emphasis of the prediction can still be that the healthy person sees that as the result. Or perhaps: that the healthy person is satisfied by that.
§VB
25[2]Es ist unglaublich, wie eine neue Lade, an geeignetem Ort in unserem filing cabinet, hilft.
It is incredible how a new folder, in a suitable place in our filing cabinet, helps.
§RFM VII
25[3]“Folge mir, so wirst Du das herausbringen.” heißt natürlich nicht: “Folge mir, dann wirst Du mir folgen” – noch: “Rechne so dann wirst Du so rechnen”. – Aber was heißt “Folge mir”? Im Sprachspiel kann es einfach ein Befehl sein: “Folge mir jetzt!”.
“Follow me, and you will bring that about” naturally does not mean: “Follow me, and then you will follow me” – nor: “Calculate like this, then you will calculate like this.” – But what does “Follow me” mean? In the language-game, it can simply be a command: “Follow me now!”
§RFM VII
26[1]Was ist der Unterschied zwischen den Vorhersagen: “Wenn Du richtig rechnest, wirst Du das erhalten” – &: “Wenn Du glauben wirst, daß Du richtig rechnest, wirst Du das erhalten”? Wer sagt nun, daß in meinem obigen Sprachspiel die Vorhersage nicht eben das letztere bedeutet? Es scheint, sie bedeutet das nicht – – aber wie zeigt sich das? Frage Dich unter welchen Umständen würde die Vorhersage das eine, unter welchen das andere vorherzusagen scheinen. Denn es ist klar: es kommt hier auf die übrigen Umstände an.
What is the difference between the predictions: “If you calculate correctly, you will get that” – & “If you believe that you are calculating correctly, you will get that”? Who says that in my above language-game, the prediction does not mean the latter? It seems that it does not mean that – – but how does that show itself? Ask yourself under what circumstances the prediction would seem to predict the one, and under what circumstances the other. Because it is clear: it depends on the other circumstances.
§RFM VII
26[2]Wer mir vorhersagt, daß ich das herausbringen werde, sagt der nicht eben vorher daß ich dieses Resultat für richtig halten werde? – “Aber” – sagst Du vielleicht – “nur eben weil es wirklich richtig ist!” – Aber was heißt das: “Ich halte die Rechnung für richtig weil sie richtig ist”?
Whoever predicts to me that I will arrive at this result is not precisely predicting that I will consider this result to be correct? – “But,” you might say, “precisely because it really is correct!” – But what does that mean: “I consider the calculation to be correct because it is correct”?
§RFM VII
26[3] &27[1]
Und doch kann man sagen: In meinem Sprachspiel denkt der Rechnende nicht daran, daß die Tatsache, daß er dies herausbringt, eine Eigentümlichkeit seines Wesens ist; die Tatsache erscheint ihm nicht als eine psychologische. Eher stelle ich mir ihn unter dem Eindruck vor, daß er nur einem bereits vorhandenen Faden gefolgt ist. Und das Wie des Folgens als eine Selbstverständlichkeit hinnimmt; & nur eine Erklärung seiner Handlung kennt, nämlich: den Lauf des Fadens.
And yet, one can say: in my language-game, the calculator does not think about the fact that the fact that he brings this about is a peculiarity of his nature; the fact does not appear to him as a psychological one. Rather, I imagine him as merely having followed an already existing path. And he takes the way of following as self-evident; and knows only one explanation of his action, namely: the course of the path.
§RFM VII
27[2] &28[1]
Er läßt sich allerdings ablaufen, indem er der Regel, oder den Beispielen folgt, aber was er tut betrachtet er nun nicht als Besonderheit seines Ablaufs, er sagt nicht: “also so bin ich abgelaufen”, sondern: “also so läuft es ab”.
He does, of course, let it run its course by following the rule, or the examples, but he now does not regard what he does as a peculiarity of his course; he does not say: “so that's how I ran the course”, but: “so that's how it runs”.
§RFM VII
28[2]Aber wenn nun Einer dennoch am Ende der Rechnung in unserm Sprachspiel sagte: “also so bin ich abgelaufen!” – oder: “also dieser Ablauf befriedigt mich!” – Kann ich nun sagen, er habe das (ganze) Sprachspiel mißverstanden? Doch gewiß nicht! Wenn er nicht sonst eine unerwünschte Anwendung von ihm macht.
But if someone, at the end of the calculation in our language-game, says: “so that's how I ran the course!” – or: “so this process satisfies me!” – can I then say that he has misunderstood the (whole) language-game? But certainly not! Unless he makes some other unwanted application of it.
§RFM VII
28[3]Ist es nicht die Anwendung der Rechnung die jene Auffassung hervorruft, daß die Rechnung abläuft und nicht wir?
Isn’t it the application of the calculation that gives rise to the perception that the calculation runs, and not us?
§VB
28[4]Du mußt Neues sagen & doch lauter Altes. (N.)
You must say something new, and yet largely something old. (N.)
§VB
28[5]Du mußt allerdings nur Altes sagen – aber doch etwas Neues!
You must, of course, only say something old – but still something new!
§RFM VII, VB
29[1]Die verschiedenen ‘Auffassungen’ müssen verschiedenen Anwendungen entsprechen.
The different ‘perceptions’ must correspond to different applications.
§VB
29[2]Auch der Dichter muß sich immer fragen: ‘ist denn, was ich schreibe, wirklich wahr?’ – was nicht heißen muß: ‘geschieht es so in Wirklichkeit?’.
Even the poet must always ask himself: ‘is what I write really true?’ – which does not have to mean: ‘does it happen that way in reality?’.
§RFM VII
29[3]Denn es ist allerdings ein Unterschied dazwischen: überrascht zu sein, daß ich davon befriedigt bin; überrascht zu sein, daß die Ziffern auf dem Papier sich so zu benehmen scheinen; & überrascht zu sein darüber, daß das herauskommt. Aber in jedem Fall sehe ich die Rechnung in anderm Zusammenhang.
For there is indeed a difference between: being surprised that I am satisfied with it; being surprised that the figures on the paper seem to behave like that; and being surprised that that comes out. But in any case, I see the calculation in a different context.
§RFM VII
29[4] &30[1]
Ich rede von dem Gefühl des ‘Herausbekommens’, wenn wir etwa eine längere Kolumne von Zahlen verschiedener Gestalt addieren & so eine Zahl wie 1000000 herauskommt, wie uns zuvor gesagt worden war. “Ja, bei Gott, wieder eine Null –” sagen wir. “Man sähe es den Zahlen nicht an –”, könnte ich auch sagen.
I am talking about the feeling of ‘getting it out’ when we add a longer column of numbers of different shapes and thus get a number like 1000000, as we had been told before. “Yes, by God, another zero –” we say. “One wouldn’t know it from the numbers –”, I could also say.
§RFM VII
30[2]Wie wäre es, wenn wir sagten– statt: ‘6 × 6 ergibt 36’ – : ‘Das Ergeben der Zahl 36 durch 6 × 6’? – Den Satz ersetzen durch einen substantivischen Ausdruck. (Der Beweis zeigt das Ergeben.)
What if we said – instead of: ‘6 × 6 equals 36’ – : ‘The yielding of the number 36 by 6 × 6’? – Replace the sentence with a substantive expression. (The proof shows the yielding.)
§VB
30[3]Du mußt freilich Altes herbeitragen. Aber zu einem Bau. – (W.)
You must, of course, bring something old. But to a building. – (W.)
§RFM VII
30[4]Warum willst Du die Mathematik immer unter dem Aspekt des Findens & nicht des Tuns betrachten?
Why do you always want to consider mathematics from the aspect of finding and not of doing?
§RFM VII
30[5]Von großem Einflusse muß es sein, daß wir die Wörter “richtig” & “wahr” & “falsch” & die Form der Aussage im Rechnen gebrauchen. (Kopfschütteln & Nicken)
It must be of great influence that we use the words “correct” & “true” & “false” & the form of the statement in calculation. (Shaking head & nodding)
§RFM VII
31[1]Warum soll ich sagen, daß das Wissen, daß alle Menschen, die rechnen gelernt haben, so rechnen, kein mathematisches Wissen ist? Weil es auf einen andern Zusammenhang hindeutet.
Why should I say that the knowledge that all people who have learned to calculate calculate like this is not mathematical knowledge? Because it points to a different context.
§
31[2]12.06.1941
Die Berechnung des Resultats einer Rechnung, die ein Mensch anstellt.
12.06.1941
The calculation of the result of a calculation that a person performs.
§RFM VII
31[3]Ist also Berechnen, was Einer durch Rechnung herauskriegen wird, schon angewandte Mathematik? – & also auch: Berechnen, was ich selbst herauskriegen werde?
So, is calculating what one will get out by means of a calculation already applied mathematics? – and thus also: calculating what I myself will get out?
§VB
31[4] &32[1]
(Im Alter entschlüpfen uns wieder die Probleme, so wie in der Jugend. Wir können sie nicht nur nicht aufknacken, wir können sie auch nicht halten.)
(In old age, the problems escape us again, just as in youth. We can not only not solve them, we cannot even hold them.)
§
32[2]Für uns könnten die Rechnungen im Himmel aufgeschrieben sein.
For us, the calculations could be written in the sky.
§
32[3]‘Warum möchte ich immer das & das sagen?’ – Das muß einen guten Grund haben: es wird die Beschreibung, in einer primitiven Form, von grammatischen Tatsachen sein.
‘Why do I always want to say this and that?’ – That must have a good reason: it will be the description, in a primitive form, of grammatical facts.
§
32[4]Ist es ein typisches Beispiel der Anwendung der Rechnung, wenn wir berechnen, was für einen Rechenvorgang Einer durchlaufen wird?
Is it a typical example of the application of calculation when we calculate what kind of calculation one will go through?
§
32[5] &33[1]
Über das Einleuchten der Axiome. Die Axiome eines mathematischen Systems müssen selber math. Sätze sein. Und was macht sie dazu? Daß sie einleuchten? Und wie stark müssen sie einleuchten? Wenn sie nun einleuchten & die Erfahrung ihnen widerspricht – wer gewinnt dann? Oder stellen wir uns ihre Anwendung immer so vor, daß Erfahrung ihnen nicht widersprechen kann, weil wir sie zu grammatischen Sätzen machen? Aber damit sie gute grammatische Sätze sind muß sich doch wieder viel Erfahrung leicht nach ihnen darstellen lassen. Warum ist z.B. der Satz ‘der Teil ist kleiner als das Ganze’ so einleuchtend, obwohl man in vielen Fällen auch sein Gegenteil für wahr erklären könnte? (Man könnte z.B. sagen: ich sehe den Berg größer als das Fenster, durch das ich ihn sehe)
On the plausibility of axioms. The axioms of a mathematical system must themselves be mathematical propositions. And what makes them so? That they are plausible? And how plausible must they be? If they are plausible and experience contradicts them—who wins then? Or do we always imagine their application in such a way that experience cannot contradict them, because we turn them into grammatical propositions? But for them to be good grammatical propositions, a great deal of experience must still be easily represented by them. Why, for example, is the proposition “the part is smaller than the whole” so self-evident, even though in many cases one could also give an explanation for its opposite to be true? (One could say, for example: I see the mountain as larger than the window through which I see it)
§RFM VII
34[1]13.06.1941
Es ist ja gar kein Zweifel, daß math. Sätze in gewissen Sprachspielen die Rolle von Regeln der Darstellung spielen, im Gegensatz zu Sätzen der Darstellung.
13.06.1941
It is beyond all doubt that mathematical sentences, in certain language-games, play the role of rules of representation, in contrast to sentences of representation.
§
34[2]Es ist ja gar kein Zweifel, daß math. Sätze in gewissen Sprachspielen Schemata der Darstellung sind, im Gegensatz zu den Sätzen, welche beschreiben.
It is beyond all doubt that mathematical sentences, in certain language-games, are schemata of representation, in contrast to the sentences that describe.
§RFM VII
34[3]Aber das sagt nicht, daß dieser Gegensatz nicht nach allen Richtungen hin abfällt. Und das wieder nicht, daß der Gegensatz nicht von der größten Wichtigkeit ist.
But that does not mean that this opposition does not fade in all directions. And that does not mean that the opposition is not of the greatest importance.
§
34[4]Die Schwierigkeit ist, daß grammatische Terrain zu schildern; zu sehen.
The difficulty is in describing the grammatical terrain; in seeing it.
§RFM VII
35[1]Das piédestal der Mathematik, ist die Rolle, welche ihre Sätze in unsern Sprachspielen spielen.
The pedestal of mathematics is the role that its sentences play in our language-games.
§
35[2] &36[1]
Die Sätze, welche Hardy in seinem – elenden – Buch, “Apology of a Mathematician”, als Ausdruck seiner Philosophie der Mathematik hinstellt, sind noch gar nicht Philosophie, sondern können, wie alle ähnlichen Ergüsse, als Rohmaterial des Philosophierens dienen, & sollten dann nicht in der Form von Meinungen, Feststellungen, oder Axiomen, ausgesprochen werden, sondern in der Form: “Ich bin geneigt zu sagen: …”, “Ich möchte immer sagen: …”. Worauf das Philosophieren erst beginnen soll, (um) uns diese seltsame Neigung zu erklären.
The sentences that Hardy presents in his – wretched – book, “Apology of a Mathematician,” as an expression of his philosophy of mathematics, are not yet philosophy, but can, like all similar outpourings, serve as raw material for philosophizing, and should then not be expressed in the form of opinions, statements, or axioms, but in the form: “I am inclined to say: ...”, “I would always like to say: ...”. Upon which the philosophizing should begin, to explain this strange inclination.
§RFM VII
36[2]Was der math. Beweis demonstriert wird als interne Relation hingestellt & dem Zweifel entzogen.
What the mathematical proof demonstrates is presented as an internal relation and is removed from doubt.
§RFM VII
36[3] &37[1]
Was ist einem mathematischen Satz & einem mathematischen Beweis gemein, daß sie beide “mathematisch” heißen? Nicht, daß der math. Satz mathematisch bewiesen sein muß; nicht, daß der math. Beweis einen math. Satz beweisen muß. Was hat der unbewiesene Satz (das Axiom) mathematisches? (&) was hat er gemein mit einem mathematischen Beweis?
What do a mathematical sentence and a mathematical proof have in common, that they are both called “mathematical”? Not that the mathematical sentence must be mathematically proven; not that the mathematical proof must prove a mathematical sentence. What does the unproven sentence (the axiom) have that is mathematical? & what does it have in common with a mathematical proof?
§RFM VII
37[2]Soll ich antworten: ‘Die Schlußregeln des math. Beweises sind immer math. Sätze’? Oder: ‘Math. Sätze & Beweise dienen dem Schließen’? Das wäre schon näher dem Wahren.
Should I answer: “The rules of inference of the mathematical proof are always mathematical sentences”? Or: “Mathematical sentences & proofs serve the purpose of inference”? That would already be closer to the truth.
§RFM VII
37[3] &38[1]
Der Beweis muß eine interne Relation etablieren, nicht eine äußere. Denn wir könnten uns auch einen Vorgang der Transformation eines Satzes durchs Experiment denken & eine, die zum Vorhersagen des vom transformierten Satz Behaupteten benützt würde. Man könnte sich z.B. (ganz gut) denken, daß Zeichen durch hinzulegen anderer Zeichen sich solchermaßen verschöben, daß sie eine wahre Vorhersage bilden auf der Grundlage der in ihrer Anfangslage ausgedrückten Bedingungen. Ja, wenn Du willst, kannst Du den rechnenden Menschen als einen Apparat dieser Art betrachten.
The proof must establish an internal relation, not an external one. For we could also imagine a process of transforming a sentence through experiment and one that is used to predict what is asserted by the transformed sentence. One could, for example, (quite well) imagine that signs shift in such a way by adding other signs that they form a true prediction based on the conditions expressed in their initial state. Yes, if you like, you can regard the calculating person as a device of this kind.
§RFM VII
38[2]Denn, daß ein Mensch das Resultat errechnet, in dem Sinne: daß er nicht gleich das Resultat, sondern erst verschiedenes anderes hinschreibt, macht ihn nicht weniger zu einem physikalisch-chemischen Hilfsmittel, eine Zahl zu erzeugen, wenn gewisse andere ihm zugebracht werden.
For the fact that a person calculates the result, in the sense: that he does not immediately produce the result, but first writes down various other things, does not make him any less a physicochemical means of producing a number when certain other numbers are brought to him.
§RFM VII
38[3] &39[1]
Ich müßte also sagen: Der bewiesene Satz ist nicht: diejenige Zeichenfolge, welche der so & so abgerichtete Mensch unter den & den Umständen erzeugt.
I must therefore say: The proven sentence is not: that sequence of signs that the human being, trained in this and that way, produces under these and those circumstances.
§RFM VII
39[2]14.06.1941
Wenn wir den Beweis so betrachten, ändert sich, was wir erblicken, gänzlich. Die Zwischenstufen werden ein uninteressantes Nebenprodukt. (Wie im Innern des Automaten ein Geräusch, ehe er uns die Ware zuwirft.)
14.06.1941
If we consider the proof in this way, what we perceive changes completely. The intermediate steps become an uninteresting byproduct. (Like a noise in the interior of the automaton before it throws us the goods.)
§
39[3]Das Durchstreichen von Ausdrücken als Schriftzeichen.
The crossing out of expressions as written signs.
§
39[4]Ja, wenn nun die Bedingungen erfüllt wären & der Eine erzeugte dies, der Andre jenes Resultat, & wenn nun jeder sein Resultat anwendete & die Anwendung es rechtfertigte – wie ganz leicht möglich wäre! –
Yes, if now the conditions were fulfilled & one produced this, the other that result, & if now each applied his result & the application justified it – how easily that would be possible!
§RFM VII
39[5] &40[1]
Wir sagen: der Beweis sei ein Bild. Aber dies Bild bedarf doch der Approbation, die wir ihm (nämlich) beim Nachrechnen erteilen. –
We say: the proof is a picture. But this picture requires the approval that we give it (namely) by checking it.
§RFM VII
40[2]Wohl wahr; aber wenn es von dem Einen die Approbation erhielte, von dem Andern nicht & sie sich nicht verständigen könnten – hätten wir dann ein Rechnen? Also ist es nicht die Approbation allein, die es zur Rechnung macht, sondern die Gleichheit der Approbationen.
Probably true; but if one of them approved it and the other did not, and they could not agree – would we then have a calculation? Thus, it is not the approval alone that makes it a calculation, but the sameness of the approvals.
§RFM VII
40[3]Denn es ließe sich ja auch ein Spiel denken, in welchem Menschen durch Ausdrücke, etwa ähnlich denen allgemeiner Regeln, angeregt, für bestimmte praktische Aufgaben, also ad hoc, sich Zeichenfolgen einfallen lassen, & daß sich dies sogar bewährte. Und hier brauchen die ‘Rechnungen’, wenn man sie so nennen wollte, nicht miteinander übereinstimmen. (Hier könnte man von ‘Intuition’ reden.)
For one could also imagine a game in which people are prompted by expressions, perhaps similar to general rules, to come up with sequences of signs for specific practical tasks, i.e., ad hoc, and that this even proves successful. And here the ‘calculations’, if one wanted to call them that, do not have to agree with each other. (One could speak of ‘intuition’ here.)
§RFM VII
41[1]Die Übereinstimmung der Approbationen ist die Vorbedingung unsers Sprachspiels, sie wird nicht in ihm konstatiert.
The agreement of the approvals is the prerequisite for our language-game; it is not established within it.
§
41[2] &42[1]
Nehmen wir (im ‘rein mathematischen’ Sprachspiel von vorhin) an, daß die Antwort auf die gleiche Frage immer & von Allen die gleiche ist (oder daß es sich doch nur ausnahmsweise anders verhält & die Ausnahmen etwa aus der Gesellschaft ausgestoßen werden)? Gehört dies nicht dazu, daß unser Sprachspiel der Arithmetik ähnlich wird? Oder auch: Wissen nur im ersten Fall die Leute arithmetische Tatsachen? Und wenn dies Tatsachen, das Benehmen der Menschen betreffend, sind, warum dann nicht auch im zweiten Fall?
Let us assume (in the ‘purely mathematical’ language-game from before) that the answer to the same question is always the same and from everyone (or that it only deviates occasionally and the exceptions are perhaps ostracized from society)? Is this not part of making our language-game similar to arithmetic? Or also: do people only know arithmetical facts in the first case? And if these are facts concerning people’s behavior, why not also in the second case?
§
42[2] &43[1]
Man könnte sich aber doch auch die Rechnung als Experiment behandelt denken! Denke Dir eine Kaste, die nicht rechnen kann (wie die Ritter nicht schreiben konnten), die sich Sklaven hält, die, sagen wir, rechnen; manchmal richtig, manchmal falsch, von ihren Herren aber nicht kontrolliert. Diese stellen ihnen Aufgaben (&) die Sklaven geben Antworten; ehe sie antworten schreiben sie meistens noch etwas hin; aber ihre Herren verstehen das nicht. Sie richten sich nach den Antworten der Sklaven & betrachten sie als eine Art Orakel. Man könnte sich auch denken, daß die Herrn jene Sklaven strafen, wenn der praktische Erfolg unbefriedigend war, sie gut behandeln, wenn er glücklich ist.
But one could also think of calculation as an experiment! Imagine a caste that cannot calculate (like the knights who could not write), which keeps slaves who, let’s say, calculate; sometimes correctly, sometimes incorrectly, but are not controlled by their masters. These give them tasks, and the slaves give answers; before answering, they usually write something down, but their masters do not understand it. They rely on the answers of the slaves and regard them as a kind of oracle. One could also imagine that the masters punish those slaves if the practical success was unsatisfactory, and treat them well if it was successful.
§
43[2]15.06.1941
Der Gebrauch von Wörtern, wie ‘pas’ oder ‘point’ in ‘ne … pas’, ‘ne … point’, etc.. Das Hauptwort “pas” könnte hinweisend definiert werden & dann davon der Gebrauch als Teil der Negation gemacht. – Was heißt es: Niemand denkt, wenn er ‘ne … pas’ sagt an einen Schritt? – Nun, man sagt: ‘Ich wußte nicht einmal, daß das dasselbe Wort ist!’. Aber was heißt das? Was war uns nicht aufgefallen? (Dies Beispiel ist höchst wichtig für das Verständnis dessen, was man ‘Bedeutung’ nennt.)
15.06.1941
The use of words, such as ‘pas’ or ‘point’ in ‘ne … pas’, ‘ne … point’, etc. The main word “pas” could be defined as an indicator and then its use as part of negation can be derived. – What does it mean: no one thinks when he says ‘ne … pas’ to a step? – Well, one says: ‘I didn’t even know that it was the same word!’ But what does that mean? What did we not notice? (This example is extremely important for understanding what is called ‘meaning’.)
§
43[3] &44[1]
Eine Sprache, in der die Schriftzeichen von der Art der Teile eines Rebus sind, so daß das Wort “kann” etwa
“”
geschrieben wird, oder “wollen” als Bild eines Wollknäuls mit einem ihm angehängten Zeichen, u.s.f. Auch wird die Bedeutung der Wörter so beigebracht, daß die Beziehung zur Kanne, Wolle, etc., immer lebendig bleibt. Kennten wir allein nur diese Sprache, (dann) könnten eigentümliche philosophische Probleme für uns existieren.
A language in which the written characters are like the parts of a rebus, so that the word “kann” is written as
“”
or “want” as a picture of a ball of wool with a character attached to it, and so on. The meaning of the words is also taught in such a way that the connection to the jug, wool, etc., always remains vivid. If we knew only this language, peculiar philosophical problems might arise for us.
§
44[2]Ist, was wir “einer Regel folgen” nennen, etwas, was nur ein Mensch, & nur einmal im Leben, tun könnte? – Das ist natürlich eine Anmerkung zur Grammatik des Ausdrucks “der Regel folgen”.
Is what we call “following a rule” something that only one person could do, and only once in a lifetime? – This is, of course, a remark about the grammar of the expression “following the rule”.
§RFM VII
44[3] &45[1]
Wenn die Rechnung ein Experiment ist & die Bedingungen sind erfüllt dann müssen wir als Ausgang nehmen, was kommt; & wenn die Rechnung ein Experiment ist, so ist der Satz, daß sie das & das ergibt, doch der Satz, daß unter solchen Bedingungen diese Art von Zeichen entsteht. Und entsteht also unter diesen Bedingungen einmal ein, einmal ein anderes Resultat, so darf man nun nicht sagen “da stimmt etwas nicht”, oder “beide Rechnungen können nicht in Ordnung sein”, sondern man müßte sagen: diese Rechnung ergibt nicht immer das gleiche Resultat (warum, muß nicht bekannt sein). Aber obwohl der Vorgang nun ebenso interessant, ja vielleicht noch interessanter ist, haben wir nun keine Rechnung mehr. Und das ist natürlich wieder eine grammatische Bemerkung über den Gebrauch des Wortes “Rechnung”. Und natürlich hat diese Grammatik eine Pointe.
If the calculation is an experiment & the conditions are fulfilled, then we must take as our starting point whatever results; & if the calculation is an experiment, then the proposition that it yields this & that is, after all, the proposition that under such conditions this kind of sign arises. And if, under these conditions, one result arises at one time and another at another, then one must not say “something is wrong here,” or “both calculations cannot be correct,” but one would have to say: this calculation does not always yield the same result (why, need not be known). But although the process is now just as interesting, perhaps even more so, we no longer have a calculation. And this, of course, is again a grammatical remark on the use of the word “calculation.” And of course, this grammar has a punchline.
§RFM VII
46[1]Was heißt es, sich über einen Unterschied im Resultat einer Rechnung verständigen? Es heißt doch, zu einem gleichförmigen Rechnen zu gelangen. Und kann man das nicht so kann nun Einer nicht sagen, der Andre rechne auch; nur eben mit anderen Ergebnissen.
What does it mean to agree on a difference in the result of a calculation? It means, after all, to arrive at a state of uniformity in how one calculates. And can’t one say—well, one cannot say—that the other person is also calculating; just with different results.
§RFM VII
46[2]Wie ist es nun, – soll ich sagen: Der gleiche Sinn könne nur einen Beweis haben? Oder: wenn ein Beweis gefunden wird, ändere sich der Sinn? Freilich würden Einige sich dagegen wehren, sagen: ‘So kann man also nie den Beweis eines Satzes finden, denn, hat man ihn gefunden, so ist er nicht mehr Beweis dieses Satzes.’ Aber das sagt noch gar nichts. –
So how is it—shall I say: The same sense can have only one proof? Or: if a proof is found, does the sense change? Of course, some would object, saying: ‘So one can never find the proof of a proposition, for once it has been found, it is no longer proof of that proposition.’ But that says nothing at all.—
§RFM VII
47[1]Es kommt eben darauf an, was den Sinn des Satzes festlegt. Wovon wir sagen wollen, es lege den Sinn des Satzes fest. Der Gebrauch muß ihn festlegen. Aber was rechnen wir zum Gebrauch? –
It all depends on what determines the sense of the sentence. What do we want to say when we say it determines the sense of the sentence? Use must determine it. But what do we count as use? –
§RFM VII
47[2]16.06.1941
Die Beweise beweisen denselben Satz, heißt etwa: beide erweisen ihn für uns als ein brauchbares Instrument zu dem Gleichen.
16.06.1941
The proofs prove the same sentence, which means: both prove it for us as a useful instrument for the same purpose.
§RFM VII
47[3]Und der Zweck ist eine Anspielung auf Außermathematisches.
And the purpose is a reference to something outside of mathematics.
§RFM VII
47[4] &48[1]
Ich sagte einmal: ‘Wenn Du wissen willst, was ein math. Satz sagt, sieh', was sein Beweis beweist. Nun, ist darin nicht Wahres & Falsches? Ist der Sinn, der Witz, eines math. Satzes wirklich klar, wenn man nur seinen Beweis versteht?
I once said: ‘If you want to know what a mathematical sentence says, look at what its proof proves.’ Now, is there not truth and falsehood in that? Is the sense, the point, of a mathematical sentence really clear if one only understands its proof?
§RFM VII
48[2]Dem Russellschen “~f (f)” fehlt vor allem die Anwendung, & daher der Sinn. Wendet man diese Form aber dennoch an, dann ist nicht gesagt, daß ‘f(f)’ ein Satz in irgendeinem gewohnten Sinn sein muß, oder ‘f (ξ)’ eine Satzfunktion. Denn der Begriff des Satzes, außer der des Satzes der Logik, ist ja durch Russell nur in allgemeinen, herkömmlichen Zügen erklärt. Man sieht hier auf die Sprache, ohne auf das Sprachspiel zu sehen.
The Russellian “~f(f)” lacks, above all, the application, and therefore the sense. But if one applies this form, it is not said that ‘f(f)’ must be a sentence in any customary sense, or ‘f(ξ)’ a sentence-function. For the concept of the sentence, apart from that of the sentence of logic, has only been explained by Russell in general, conventional terms. One looks here at the language, without looking at the language-game.
§RFM VII
48[3] &49[1]
Wenn wir von verschiedenen Bilderreihen sagen, sie demonstrierten, z.B., daß 25 × 25 = 625, so ist leicht genug zu erkennen, was den Ort dieses Satzes fixiert, den beide Wege erreichen.
When we say of various series of images that they demonstrate, for example, that 25 × 25 = 625, it is easy enough to see what fixes the place of this proposition, which both paths reach.
§VB
49[2]Welche seltsame Stellungnahme der Wissenschaftler –: “Das wissen wir noch nicht; aber es läßt sich wissen, & es ist nur eine Frage der Zeit, so wird man es wissen”! Als ob es sich von selbst verstünde. –
What a strange statement from the scientist –: ‘We don’t know that yet; but it can be known, and it is only a question of time, and then one will know it!’ As if it were self-evident. –
§RFM VII
49[3] &50[1]
Der andre Beweis reiht den Satz in eine neue Ordnung ein; dabei findet oft ein Übersetzen einer Art von Operation in eine gänzlich andere statt. Wie wenn wir Gleichungen in Kurven übertragen. Und dann sehen wir etwas für die Kurven ein & dadurch für die Gleichungen.
Aber mit welchem Rechte überzeugen wir uns durch einen Gedankengang, der dem Gegenstand unsrer Gedanken scheinbar ganz heterogen ist? Nun, unsre Operationen liegen jenem Gegenstand auch nicht ferner, als, etwa, das Dividieren im Dezimalsystem, dem verteilen von Nüssen. Besonders, wenn man sich vorstellt (was man leicht kann) daß jene Operation ursprünglich zu einem andern Zweck als dem des Teilens u. dergl. erfunden worden wäre.
The other proof places the sentence in a new order; often, this involves translating one kind of operation into a completely different one. As when we transfer equations into curves. And then we see something for the curves and thereby for the equations.
But with what right do we convince ourselves through a line of thought that seems completely heterogeneous to the object of our thoughts? Well, our operations are not so far removed from that object as, for example, dividing in the decimal system is from distributing nuts. Especially if one imagines (which is easy to do) that that operation was originally invented for a purpose other than that of dividing and so on.
§RFM VII
50[2] &51[1]
Fragst Du: “Mit welchem Recht?” so ist die Antwort: Vielleicht mit gar keinem. – Mit welchem Recht sagst Du, daß die Fortsetzung dieses Systems mit jenem immer parallel laufen wird? (Es ist als ob Du Zoll & Fuß beide als Einheit festsetztest & behauptetest, 12n Zoll werden immer mit n Fuß gleich lang sein.)
If you ask, “By what right?” the answer is: Perhaps by no right at all. – By what right do you say that the continuation of this system will always run parallel to that one? (It is as if you were to establish both inches and feet as units and make the assertion that 12n inches will always be equal in length to n feet.)
§RFM VII
51[2] &52[1]
17.06.1941
Wenn zwei Beweise denselben Satz beweisen, so kann man sich allerdings Umstände denken, in denen die ganze diese Beweise verbindende Umgebung wegfiele, sodaß sie allein & nackt dastünden & kein Grund vorhanden wäre, zu sagen sie hätten eine gemeinsame Pointe, sie bewiesen denselben Satz. Man muß sich nur denken, daß die Beweise ohne den, sie beide umhüllenden & verbindenden, Organismus der Anwendungen, sozusagen nackt & und bloß, dastünden. (Wie zwei Knochen aus dem ungeheuer mannigfachen Zusammenhang des Organismus gelöst; in dem allein wir gewohnt sind, an sie zu denken.)
17.06.1941
If two proofs prove the same sentence, then one can indeed imagine circumstances in which the entire environment connecting these proofs would disappear, so that they would stand alone and naked, and there would be no reason to say that they have a common point, that they prove the same sentence. One only has to imagine that the proofs stand alone and bare, without the organism of applications that encompasses and connects them. (Like two bones taken out of the immensely complex context of the organism; in which alone we are accustomed to think of them.)
§RFM VII
52[2] &53[1]
Nimm an, man rechnete mit Zahlen & verwendet manchmal auch die Division durch Ausdrücke von der Form (n ‒ n), & erhielte auf diese Weise hie & da andere als die normalen Resultate des Multiplizierens, etc. Das störe aber niemand. – Vergleiche damit: Man legt Listen, Verzeichnisse, von Personen an, aber nicht wie wir es tun, alphabetisch; & so kommt es, daß der gleiche Name in mancher Liste öfters als einmal figuriert. – Aber nun kann man annehmen, daß das niemandem auffällt; oder, daß die Leute es sehen, es ihnen aber weiters nichts macht. Wie man Leute eines Stammes denken könnte, die, wenn sie Münzen zur Erde fallen lassen, es nicht der Mühe Wert halten sie aufzuheben. (Sie haben dann etwa eine Redensart: “Es gehört den Andern” oder dergleichen.)
Suppose one were to calculate with numbers and sometimes also use division by expressions of the form (n – n), and in this way occasionally obtain results other than the normal results of multiplication, etc. But this would not bother anyone. – Compare this with: One creates lists, directories of people, but not as we do, alphabetically; and so it comes about that the same name appears more than once in some lists. – But now one can assume that no one notices this; or that people see it, but it doesn’t bother them. As one might imagine people of a tribe who, when they drop coins on the ground, do not consider it worthwhile to pick them up. (They might then have a saying: “They belong to others” or something similar.)
§RFM VII
53[2]Nun aber ändert sich die Zeit, & die Menschen fangen an (zuerst nur wenige) Exaktheit zu fordern. Mit Recht, mit Unrecht? – Waren die früheren Verzeichnisse nicht eigentlich Verzeichnisse? –
But now times are changing, and people are beginning (at first only a few) to demand precision. Rightly or wrongly? – Were the earlier directories not actually directories? –
§RFM VII
53[3] &54[1]
Sagen wir, wir erhielten manche unsrer Rechenresultate durch einen versteckten Widerspruch. Nun – sind sie dadurch illegitim? – Aber wenn wir nun solche Resultate durchaus nicht anerkennen wollen & doch fürchten, es könnten welche durchschlüpfen. – Nun dann haben wir also eine Idee die einem neuen Kalkül als Vorbild dienen soll. Wie man die Idee zu einem Spiel haben kann.
Let’s say we obtain some of our calculation results through a hidden contradiction. Now – does that make them illegitimate? – But if we absolutely do not want to accept such results, and yet we fear that some might slip through. – Then we have an idea that should serve as a model for a new calculus. As one can have an idea for a game.
§RFM VII
54[2]Der R'sche Widerspruch ist nicht, weil er ein Widerspruch ist, beunruhigend, sondern weil das ganze Gewächs, dessen Ende er ist, ein Krebsgewächs ist, das zweck- & sinnlos aus dem normalen Körper herauszuwachsen scheint.
The R-contradiction is not, because it is a contradiction, disturbing, but because the entire growth, of which it is the end, is a cancerous growth that seems to grow out of the normal body in a purposeless and senseless way.
§RFM VII
54[3]Kann man nun sagen: “Wir wollen einen Kalkül, der uns sicherer die Wahrheit sagt”?
Can one say: “We want a calculus that tells us the truth more reliably”?
§RFM VII
54[4] &55[1]
18.06.1941
Aber Du kannst doch einen Widerspruch nicht gelten lassen! – Warum nicht? Wir gebrauchen ihn ja manchmal in unsrer Rede, freilich selten – aber man könnte sich eine Sprachtechnik denken, in der er ein ständiges Implement ist. Man könnte z.B. von einem Objekt in Bewegung sagen, es existiere & es existiere nicht an diesem Ort; Veränderung könnte durch den Widerspruch ausgedrückt werden.
18.06.1941
But you can’t allow a contradiction to stand! – Why not? We do use it sometimes in our speech, admittedly rarely – but one could imagine a language technique in which it is a constant element. One could, for example, say of an object in motion that it exists and does not exist at that place; change could be expressed through the contradiction.
§RFM VII
55[2]Nimm ein Thema, wie das Haydnsche (Chorale St. Antoni), nimm den Teil der Brahmsschen Variationen, der dem ersten Teil des Themas entspricht & stell die Aufgabe den zweiten Teil der Variation im Stil ihres ersten Teiles zu konstruieren. Das ist ein Problem (sehr) ähnlich den mathematischen Problemen. Ist die Lösung gefunden, etwa wie Brahms sie gibt, so zweifelt man nicht, daß dies die Lösung sei.
Take a theme, like Haydn’s (Chorale St. Antoni), take the part of Brahms’s variations that corresponds to the first part of the theme, and set the task of constructing the second part of the variation in the style of its first part. This is a problem (very) similar to mathematical problems. If the solution is found, as Brahms gives it, then one does not doubt that this is the solution.
§RFM VII
55[3] &56[1]
Mit diesem Weg sind wir einverstanden. Und doch ist es hier klar, daß es leicht verschiedene Wege geben kann, kann mit deren jedem wir uns einverstanden erklären können, deren jeden wir konsequent nennen können.
We agree with this approach. And yet it is clear here that there may easily be different approaches, each of which we can agree with, each of which we can consistently follow.
§VB
56[2]Ich konnte mir denken, daß Einer meinte, die Namen “Fortnum” & “Mason” paßten zusammen.
I could imagine that someone thought that the names “Fortnum” and “Mason” went together.
§RFM VII
56[3] &57[1]
‘Wir machen lauter legitime – d.h. in den Regeln erlaubte – Schritte, & auf einmal kommt ein Widerspruch heraus. Also ist das Regelverzeichnis, wie es ist, nichts nutz, denn der Widerspruch wirft das ganze Spiel um.’ Warum läßt Du ihn es umwerfen? Aber ich will, daß man nach der Regel soll mechanisch weiter schließen können, ohne je zu widersprechenden Resultaten zu gelangen. Nun, welche Art der Voraussicht willst Du? Eine, die Dein gegenwärtiger Kalkül nicht zuläßt? Nun, dadurch ist er nicht ein schlechtes Stück Mathematik, oder, nicht im vollsten Sinne Mathematik. Der Sinn des Wortes “mechanisch” verführt Dich.
‘We take all legitimate—that is, steps permitted by the rules—and suddenly a contradiction emerges. So the set of rules, as it stands, is of no use, for the contradiction overturns the whole game.’ Why do you let it overturn it? But I want it to be possible to continue reasoning mechanically according to the rule without ever arriving at contradictory results. Well, what kind of foresight do you want? One that your current calculus does not allow? Well, that does not make it a bad piece of mathematics, or, not mathematics in the fullest sense. The sense of the word “mechanically” is misleading you.
§
57[2]Die philosophische Betrachtung der Mathematik hat eine andere Pointe, als die mathematische mathematischer Sätze & Beweise.
The philosophical consideration of mathematics has a different point than the mathematical consideration of mathematical sentences and proofs.
§RFM VII
57[3]Wenn Du zu einem praktischen Zweck einen Widerspruch mechanisch vermeiden willst, wie Dein Kalkül es jetzt nicht kann, so ist das etwa, wie wenn Du nach einer Konstruktion des …-Ecks suchst, das Du bis jetzt nur durch Probieren hast zeichnen können; oder nach einer Lösung der Gleichung 3ten Grades, die Du bisher nur approximiert hast. Nicht schlechte Mathematik wird hier verbessert, sondern ein neues Stück Mathematik geschaffen.
If one wants to mechanically avoid a contradiction for a practical purpose, as one’s calculus cannot currently do, then it is somewhat like searching for a construction of the …-angle that one has so far only been able to draw by trial and error; or like searching for a solution to the equation of the 3rd degree, which one has so far only been able to approximate. It is not bad mathematics that is being improved here, but a new piece of mathematics is being created.
§RFM VII
57[4] &58[1]
19.06.1941
Nimm an, ich wollte eine Irrationalzahl so bestimmen, daß in ihrer Entwicklung nicht die Figur ‘777’ vorkommt. Ich könnte π nehmen & bestimmen: wenn jene Figur entsteht setzen wir statt ihr ‘000’. Nun sagt man mir: das genügt nicht, denn der, welcher die Stellen berechnet, ist verhindert, auf die vorhergehenden zurückzuschauen. Nun brauche ich einen andern Kalkül; einen in dem ich mich zum Voraus versichern kann, er könne ‘777’ nicht liefern. Ein mathematisches Problem.
19.06.1941
Suppose I wanted to define an irrational number in such a way that the figure ‘777’ does not appear in its development. I could take π and determine: if that figure arises, we replace it with ‘000’. Now I am told: that is not enough, because the one who calculates the digits is prevented from looking back at the preceding ones. Now I need a different calculus; one in which I can be certain in advance that it cannot produce ‘777’. A mathematical problem.
§RFM VII
58[2] &59[1]
‘Solange die Widerspruchsfreiheit nicht bewiesen ist, kann ich nie ganz sicher sein, daß mir jemand, der gedankenlos, aber gemäß den Regeln, rechnet, nicht irgend etwas Falsches herausrechnet.’ So lange also jene Voraussicht nicht gewonnen ist, ist der Kalkül unzuverlässig. – Aber denke, ich fragte: “Wie unzuverlässig?”– Wenn wir von Graden der Unzuverlässigkeit redeten, könnten wir ihr dadurch nicht den metaphysischen Stachel nehmen? Waren die ersten Regeln des Kalküls nicht gut? Nun, wir gaben sie nur weil sie gut waren. – Wenn sich später ein Widerspruch ergibt, – haben sie nicht ihre Pflicht getan? Nicht doch, sie waren für diese Anwendung nicht gegeben worden.
‘As long as there is no proof of consistency, I can never be entirely certain that someone who calculates thoughtlessly, but according to the rules, will not arrive at something incorrect.’ So as long as that foresight has not been gained, the calculus is unreliable. – But think, I asked: “How unreliable?”– If we spoke of degrees of unreliability, could we not thereby remove its metaphysical sting? Were the first rules of the calculus not good? Well, we gave them only because they were good. – If a contradiction arises later, – have they not done their duty? No, they were not given for this application.
§RFM VII
59[2]Ich kann meinem Kalkül eine bestimmte Art der Voraussicht geben wollen. Sie macht ihn nicht zu einem eigentlicheren Stück Mathematik, aber, etwa, zu gewissem Zweck brauchbarer.
I may want to endow my calculus with a certain kind of foresight. It does not make it a more genuine piece of mathematics, but, perhaps, more useful for a certain purpose.
§RFM VII
59[3] &60[1]
Die Idee des Mechanisierens der Math.. Die Mode des axiomatischen Systems.
The idea of mechanizing mathematics. The fashion of the axiomatic system.
§
60[2]Ein reflexives Fürwort, das sich auf den Satz in dem es steht bezieht. Gebrauchen wir das Wort “ich” – so daß “Ich bin 5 cm lang” dadurch zu prüfen ist, daß man diesen Satz mißt. Eine solche Form wird meines Wissens nie gebraucht; könnte aber unter Umständen eine wichtige Rolle spielen. Oder: “Ich bestehe aus 5 Wörtern.”
A reflexive pronoun that refers to the sentence in which it stands. Let us use the word “I” – so that “I am 5 cm long” can be verified by measuring this sentence. Such a form has, to my knowledge, never been used; but it could possibly play an important role. Or: “I consist of 5 words.”
§
60[3]“Ich bin aus den Sätzen … nicht beweisbar.” – Nicht paradox ist: “Ich bin aus den Sätzen … nicht erhältlich.”
“I cannot be proven from the sentences…” – It is not paradoxical: “I cannot be obtained from the sentences…”
§RFM VII
60[4] &61[1]
Aber nehmen wir an, die ‘Axiome’ & ‘Schlußweisen’ seien nicht nur irgendwelche Konstruktionsweisen, sondern sie überzeugten uns auch durchaus von dem Konstruierten! Nun, dann heißt das, daß es Fälle gibt, in denen die Konstruktion aus diesen Bausteinen nicht überzeugt. Und tatsächlich sind die logischen Axiome gar nicht überzeugend, wenn wir für die Satzvariablen Strukturen einsetzen, die niemand ursprünglich als mögliche Werte vorhergesehen hat, als man nämlich ihrer Wahrheit (im Anfang) die unbedingte Anerkennung gab.
But let us assume that the ‘axioms’ & ‘modi of inference’ are not merely arbitrary methods of construction, but that they also thoroughly convince us of what is constructed! Well, then that means there are cases in which the construction from these building blocks is not convincing. And in fact, the logical axioms are not convincing at all if we substitute into the sentence variables structures that no one originally foresaw as possible values when their truth was (at the outset) unconditionally accepted.
§RFM VII
61[2]Wie aber, wenn man sagt: die Axiome und Schlußweisen sollen doch so gewählt werden, daß sie keinen falschen Satz beweisen können?
But what if one says: the axioms and rules of inference should be chosen so that they cannot prove a false sentence?
§RFM VII
61[3]‘Wir wollen nicht nur einen ziemlich zuverlässigen, sondern einen absolut zuverlässigen Kalkül. Die Mathematik muß absolut sein.’
‘We want not just a fairly reliable, but an absolutely reliable calculus. Mathematics must be absolute.’
§RFM VII
61[4] &62[1]
Nimm an, ich hätte die Regeln für's Spiel ‘Fuchs & Jäger’ aufgestellt – stellte mir das Spiel unterhaltlich & hübsch vor – später finde ich, daß die Jäger immer gewinnen können, wenn man einmal weiß, wie. Ich bin nun, sagen wir, mit meinem Spiel unzufrieden. Die von mir gegebenen Regeln haben ein Resultat gezeitigt, daß ich nicht vorausgesehen hatte & das mir das Spiel verdirbt.
Suppose I had established the rules for the game ‘Fox and Hunter’, imagined the game as entertaining and beautiful – later I find that the hunters can always win if you know how. I am now, let us say, dissatisfied with my game. The rules I gave have produced a result that I did not foresee and that spoils the game for me.
§RFM VII
62[2]20.06.1941
‘N. kam darauf, daß man bei den Berechnungen oft durch Ausdrücke der Form ‘(n ‒ n)’ gekürzt hatte. Er wies die dadurch entstehende Diskrepanz der Resultate nach & zeigte, wie Menschenleben durch diese Art des Rechnens verloren worden waren.’
20.06.1941
‘N. noticed that in calculations, expressions of the form ‘(n ‒ n)’ were often shortened. He pointed out the resulting discrepancy in the results and showed how human lives had been lost through this type of calculation.’
§RFM VII
62[3] &63[1]
Aber nehmen wir an, auch die Andern hätten jene Widersprüche gemerkt, nur sich nicht darüber Rechenschaft geben können woher sie kämen. Sie hätten, sozusagen, mit schlechtem Gewissen gerechnet. Sie hätten zwischen widersprechenden Resultaten eins gewählt, aber mit Unsicherheit, während ihnen N's Entdeckung vollkommene Sicherheit gegeben hätte. – Aber sagten sie sich: ‘mit unserm Kalkül ist etwas nicht in Ordnung’? War ihre Unsicherheit von der Art der unsern, wenn wir eine physikalische Berechnung anstellen, aber nicht sicher sind, ob diese Formeln hier wirklich das richtige Resultat ergeben? Oder war es ein Zweifel darüber, ob ihre Mathematik wirklich Mathematik sei? In diesem Falle: was taten sie, um sich davon zu überzeugen?
But let us suppose that the others, too, had noticed those contradictions, only unable to account for where they came from. They would have, so to speak, calculated with a guilty conscience. They would have chosen one of the conflicting results, but with uncertainty, whereas N’s discovery would have given them complete certainty. – But did they say to themselves, ‘Something is wrong with our calculus’? Was their uncertainty of the same kind as ours when we perform a physical calculation but are not sure whether these formulas really yield the correct result? Or was it a doubt as to whether their mathematics was really mathematics? In that case: what did they do to convince themselves?
§
63[2] &64[1]
Ich versuche nicht, den Gegenstand in's Futteral zu pressen, noch Stücke wegzuschneiden, bis er paßt, sondern ich will ihn drehen umlegen – vielleicht um 180˚ – damit er passe.
I am not trying to force the object into the case, nor am I cutting off pieces until it fits, but I want to turn it, rotate it—perhaps by 180 degrees—so that it fits.
§RFM VII
64[2]Die Leute haben bisher nur verhältnismäßig selten vom Kürzen durch Ausdrücke vom Wert 0 Gebrauch gemacht. Irgendeinmal entdeckt Einer, daß sie auf diese Weise wirklich jedes beliebige Resultat ausrechnen können. – Was tun sie nun? Nun, wir könnten uns sehr verschiedenes vorstellen. Sie können, z.B., nun erklären, diese Art des Rechnens habe (damit) ihren Witz verloren, & so sei künftig nicht (mehr) zu rechnen.
People have so far made relatively rare use of shortening by means of expressions of value 0. At some point, someone discovers that in this way they can actually calculate any result whatsoever. – What do they do now? Well, we could imagine many different things. They could, for example, now provide an explanation for why this method of calculation has (thereby) lost its appeal, and so should not be used for calculations in the future.
§RFM VII
64[3]‘Er glaubt, er rechnet – möchte man sagen – er rechnet tatsächlich nicht.’
“He thinks he is calculating—one might say—he is not actually calculating.”
§RFM VII
64[4] &65[1]
Wenn die Rechnung für mich ihren Witz verloren hat, sobald ich weiß, wie ich nun alles Beliebige errechnen kann – hat sie keinen gehabt, solang ich das nicht wußte?
If the calculation has lost its charm for me as soon as I know how to calculate anything at all—did it not have any charm as long as I did not have the knowledge to do so?
§RFM VII
65[2]Ich mag freilich jetzt alle diese Rechnungen als nichtig erklären – ich führe sie eben jetzt nicht mehr aus – aber waren es darum keine Rechnungen?
I may, of course, now declare all these calculations to be invalid—I simply no longer carry them out—but were they not calculations because of that?
§RFM VII
65[3]Ich habe (einmal), ohne es zu wissen, über einen Widerspruch geschlossen. Ist mein Resultat nun falsch, oder doch unrecht erworben?
I once made a deduction based on a contradiction without knowing it. Is my result now false, or was it obtained improperly?
§RFM VII
65[4]Wenn der Widerspruch wirklich so gut versteckt ist, daß wir ihn nicht merken, warum sollen wir nicht das, was wir jetzt tun das eigentliche Rechnen nennen?
If the contradiction is really so well hidden that we do not notice it, why should we not call what we are doing now the actual calculation?
§RFM VII
65[5] &66[1]
Wir sagen, der Widerspruch würde den Kalkül vernichten. Aber wenn er nun sozusagen in winzigen Dosen aufträte, gleichsam blitzweise, nicht als ein ständiges Rechenmittel, würde er da das Spiel auch vernichten?
We say that the contradiction would destroy the calculus. But if it were to appear, so to speak, in tiny doses, as it were in flashes, not as a constant means of calculation, would it then also destroy the game?
§RFM VII
66[2]21.06.1941
Denk' Dir, die Leute hätten sich eingebildet (a + b)² müsse gleich sein a² + b². (Ist das eine Einbildung von der Art: es müsse eine Dreiteilung des Winkels mit Lineal und Zirkel geben?) Kann man sich also so einbilden, zwei Rechnungsweisen müßten dasselbe ergeben, wenn es nicht der Fall ist?
21.06.1941
Imagine that people had imagined that (a + b)² must be equal to a² + b². (Is this an illusion of the kind that there must be a trisection of the angle with ruler and compass?) Can one imagine that two methods of calculation must yield the same result, if this is not the case?
§RFM VII
66[3] &67[1]
Ich addiere eine Kolumne, addiere sie auf verschiedene Weise, nehme z.B. die Zahlen in verschiedener Reihenfolge & kriege immer wieder, regellos, etwas andres heraus. – Ich werde vielleicht sagen: “Ich bin ganz verwirrt; ich mache entweder regellos Rechenfehler, oder ich mache gewisse Rechenfehler in bestimmten Verbindungen: etwa, auf ‘6 + 3 = 9’ sage ich immer ‘7 + 7 = 15’. Oder ich könnte mir denken, daß ich plötzlich einmal in der Rechnung subtrahiere statt zu addieren, aber nicht denke, daß ich da etwas anderes tue.
I add a column, I add it in different ways, for example, I take the numbers in different orders, and I always get something different, randomly. – I might say: “I am completely confused; I am either making random calculation errors, or I am making certain calculation errors in certain combinations: for example, I always say ‘6 + 3 = 9’ when it should be ‘7 + 7 = 15’. Or I might think that I suddenly subtract instead of adding in the calculation, but I do not think that I am doing something different.
§RFM VII
67[2]Nun könnte es sein, daß ich den Fehler nicht fände & mich für geistesgestört hielte. Aber das müßte meine Reaktion nicht sein.
Now it could be that I do not find the error and consider myself to be mentally disturbed. But that does not have to be my reaction.
§RFM VII
67[3]‘Der Widerspruch hebt den Kalkül auf’ – woher diese Sonderstellung? Sie ist, glaube ich, durch etwas Phantasie gewiß zu erschüttern.
“The contradiction nullifies the calculus”—where does this special status come from? I believe it can certainly be shaken by some imagination.
§RFM VII
67[4] &68[1]
Um diese philosophischen Probleme zu lösen muß man Dinge miteinander vergleichen, die noch niemand ernstlich miteinander verglichen hat.
In order to solve these philosophical problems, one must compare things that no one has ever seriously compared before.
§RFM VII
68[2]Man kann auf diesem Gebiete allerlei fragen, was zwar zur Sache gehört, aber nicht durch die Mitte der Sache führt. Eine bestimmte Reihe von Fragen führt durch die Mitte, ins Freie. Die andern werden nebenbei beantwortet. Den Weg durch die Mitte zu finden ist ungeheuer schwer.
One can ask all sorts of questions in this area, which are relevant, but do not lead to the heart of the matter. A certain series of questions leads to the heart of the matter, to the open. The others are answered incidentally. Finding the way through the middle is extremely difficult.
§RFM VII
68[3]Er geht über neue Beispiele & Vergleiche. Die abgebrauchten zeigen ihn nicht.
He moves on to new examples and comparisons. The worn-out ones do not reveal it to him.
§
68[4]22.06.1941
Der Widerspruch ist so speziell, wie die Wahrheitsfunktionen, wie ‘ja’ & ‘nein’.
22.06.1941
The contradiction is as specific as the truth functions, as ‘yes’ and ‘no’.
§RFM VII
69[1]23.06.1941
Nehmen wir an, der R'sche Widerspruch wäre nie gefunden worden. Nun – ist es ganz klar, daß wir dann einen falschen Kalkül besessen hätten? Gibt es denn hier nicht verschiedene Möglichkeiten?
23.06.1941
Let us assume that Russell's contradiction had never been discovered. Well—is it quite clear that we would then have possessed a false calculus? Are there not various possibilities here?
§RFM VII
69[2]Und wie, wenn man den Widerspruch zwar gefunden, sich aber weiter nicht über ihn aufgeregt, & etwa bestimmt hätte, es seien aus ihm keine Schlüsse zu ziehen. (Wie ja auch niemand aus dem ‘Lügner’ Schlüsse zieht.) Wäre das ein offenbarer Fehler gewesen?
And what if one found the contradiction, but did not get upset about it any further, and perhaps decided that no conclusions should be drawn from it? (As no one draws conclusions from the ‘liar’.) Would that have been an obvious mistake?
§RFM VII
69[3] &70[1]
“Aber dann ist doch das kein eigentlicher Kalkül! Er verliert ja alle Strenge!” Nun, nicht alle. Und er hat nur dann nicht die volle Strenge, wenn man ein bestimmtes Ideal der Strenge hat, einen bestimmten Stil der Mathematik baut.
“But then it is not a proper calculus! It loses all its rigor!” Well, not all of it. And it only lacks full rigor if one has a certain ideal of rigor, builds a certain style of mathematics.
§RFM VII
70[2]‘Aber ein Widerspruch in der Math. verträgt sich doch nicht mit ihrer Anwendung. Er macht, wenn er konsequent, d.h. zur Erzeugung beliebiger Resultate verwendet wird, die Anwendung der Math. zu einer Farce, oder einer Art überflüssiger Zeremonie. Seine Wirkung ist etwa die, unstarrer Maßstäbe, die durch Dehnen & Zusammendrücken verschiedene Messungsresultate zulassen.’ Aber war das Messen durch Abschreiten kein Messen? Und wenn die Menschen mit Maßstäben aus Teig arbeiteten, wäre das an sich schon falsch zu nennen?
“But a contradiction in mathematics is incompatible with its application. If consistently used, i.e., for generating arbitrary results, it turns the application of mathematics into a farce, or a kind of superfluous ceremony. Its effect is similar to that of unstable standards, which allow different measurement results through stretching & compressing.” But wasn’t measuring by pacing a form of measuring? And if people used rulers made of dough, would that in itself be something to criticize?
§RFM VII
70[3]Könnte man sich nicht leicht Gründe denken, weshalb eine gewisse Dehnbarkeit der Maßstäbe erwünscht sein könnte?
Couldn’t one easily imagine reasons why a certain flexibility of the standards might be desirable?
§RFM VII
71[1]‘Aber ist es nicht richtig, die Maßstäbe aus immer härterem, unveränderlicherm Material herzustellen? Gewiß ist es richtig; wenn man es so will.’
“But isn’t it right to make the standards from increasingly harder, more unchangeable material? Certainly, it is right, if that is what one wants.”
§RFM VII
71[2]‘Also redest Du dem Widerspruch das Wort?!’ Durchaus nicht; so wenig, wie den weichen Maßstäben.
“So, are you defending contradiction?!” Not at all; no more than I am defending flexible standards.
§RFM VII
71[3]Ein Fehler ist zu vermeiden: Man denkt, der Widerspruch muß sinnlos sein: d.h., wenn man z.B. die Zeichen ‘p’, ‘~’, ‘ ∙ ’ konsequent benützt, so kann ‘p ∙ ~p’ nichts sagen. – Aber denke: was heißt, den & den Gebrauch ‘konsequent fortsetzen’? (‘Dieses Kurvenstück konsequent fortsetzen’.)
One mistake must be avoided: One thinks that contradiction must be senseless: i.e., if, for example, one consistently uses the symbols ‘p’, ‘~’, ‘ ∙ ’, then ‘p ∙ ~p’ cannot mean anything. – But consider: what does it mean to “consistently continue” the use of these symbols? (“Consistently continue this section of the curve.”)
§RFM VII
71[4] &72[1]
Wozu braucht die Mathematik eine Grundlegung?! Sie braucht sie, glaube ich, ebenso wenig, wie die Sätze über physikalische Gegenstände oder Sinnesdaten, eine Analyse. Wohl aber bedürfen die mathematischen, sowie jene andern Sätze einer Klarlegung ihrer Grammatik.
Why does mathematics need a foundation?! I believe it needs it as little as sentences about physical objects or sense data need analysis. However, both mathematical sentences and those other sentences require clarification of their grammar.
§RFM VII
72[2]Die mathematischen Probleme der sogenannten Grundlagen liegen für uns der Math. so wenig zu Grunde, wie der gemalte Fels einer gemalten Burg.
The mathematical problems of the so-called foundations are as fundamental to mathematics as a painted rock is to a painted castle.
§RFM VII
72[3]‘Aber wurde die Fregesche Logik durch den Widerspruch zur Grundlegung der Arithmetik nicht untauglich? Doch! Aber wer sagte denn auch, daß sie zu diesem Zweck tauglich sein müsse?!
“But wasn’t Frege’s logic made unsuitable for the foundation of arithmetic by the contradiction? Yes! But who said that it had to be suitable for that purpose?!”
§RFM VII
72[4] &73[1]
24.06.1941
Man könnte sich sogar denken, daß man die Fregesche Logik einem Wilden als Instrument gegeben hätte, um damit arithm. Sätze abzuleiten. Er habe den Widerspruch abgeleitet, ohne zu merken, daß es einer ist, & aus ihm nun beliebige wahre & falsche Sätze.
24.06.1941
One could even imagine that Frege’s logic was given to a savage as an instrument to derive arithmetic sentences. He derived the contradiction without noticing that it was one, & from it he derived arbitrary true & false sentences.
§RFM VII
73[2]‘Ein guter Engel hat uns bisher bewahrt, diesen Weg zu gehen.’ Nun, was willst Du mehr? Man könnte, glaube ich, sagen: Ein guter Engel wird immer nötig sein, was immer Du tust.
“A good angel has so far protected us from going down this path.” Well, what more do you want? I think one could say: a good angel will always be needed, no matter what you do.
§RFM VII
73[3] &74[1]
Man sagt: das Rechnen sei ein Experiment, um dadurch zu zeigen, wie es so praktisch sein kann. Denn vom Experiment weiß man, daß es wirklich praktischen Wert hat. Nur vergißt man, daß es diesen Wert besitzt vermöge einer Technik, die ein naturgeschichtliches Faktum ist, deren Regeln aber nicht die Rolle von Sätzen der Naturgeschichte haben.
It is said that calculation is an experiment to show how practical it can be. Because in the experiment, one knows that it has a real practical value. One only forgets that it has this value because of a technique, which is a natural historical fact, but whose rules do not have the role of sentences of natural history.
§RFM VII
74[2]“Die Grenzen der Empirie” – (Leben wir, weil es praktisch ist zu leben? Denken wir, weil zu denken praktisch ist?)
“The limits of empiricism” – (Do we live because it is practical to live? Do we think because thinking is practical?)
§RFM VII
74[3]25.06.1941
Daß ein Experiment praktisch ist, das weiß er; also ist die Rechnung ein Experiment.
25.06.1941
He knows that an experiment is practical; therefore, calculation is an experiment.
§RFM VII
74[4]Unsre experimentellen Handlungen haben allerdings ein charakteristisches Gesicht. Wenn ich jemand in einem Laboratorium eine Flüssigkeit in eine Proberöhre gießen & über einer Bunsenflamme erhitzen sehe, bin ich geneigt zu sagen, er mache ein Experiment.
Our experimental actions certainly have a characteristic appearance. If I see someone in a laboratory pouring a liquid into a test tube and heating it over a Bunsen burner, I am inclined to say that he is doing an experiment.
§RFM VII
74[5] &75[1]
Nehmen wir an, Leute, welche zählen können, wollen – so wie wir – zu verschiedenerlei praktischen Zwecken Zahlen erfahren. Und dazu fragen sie gewisse Leute, die, wenn ihnen das praktische Problem erklärt wurde, die Augen schließen, & sich die dem Zweck entsprechende Zahl einfallen ließen – – so läge hier keine Rechnung vor, wie verläßlich immer die Zahlangabe sein mag. Ja diese Zahlbestimmung könnte praktisch viel verläßlicher sein, als jede Rechnung.
Suppose that people who can count want – as we do – to determine numbers for various practical purposes. And to do this, they ask certain people, who, when the practical problem has been explained to them, close their eyes and let the number corresponding to the purpose come to them – – then this would not be calculation, however reliable the number given may be. Yes, this determination of numbers could be much more reliable in practice than any calculation.
§RFM VII
75[2]Eine Rechnung – könnte man sagen – ist etwa ein Teil der Technik eines Experiments, aber allein kein Experiment.
One could say that a calculation is something like part of the technique of an experiment, but not an experiment in itself.
§RFM VII
75[3]27.06.1941
Vergißt man denn, daß zum Experiment eine bestimmte Anwendung des Vorgangs gehört? Und die Rechnung vermittelt die Anwendung.
27.06.1941
Does one forget that a certain application of the process belongs to the experiment? And calculation provides the application.
§RFM VII
76[1]Würde denn jemand daran denken, das Übersetzen einer Chiffre mittels eines Schlüssels ein Experiment zu nennen?
Would anyone think of calling the translation of a cipher using a key an experiment?
§
76[2]Das normative Spiel – im Gegensatz, etwa, zum beschreibenden.
The normative game – in contrast to, for example, the descriptive one.
§RFM VII
76[3]Wenn ich zweifle, ob die Zahlen n und m multipliziert 𝓁 ergeben werden, so bin ich nicht darüber im Zweifel, ob eine Verwirrung in unserm Rechnen ausbrechen wird & etwa die Hälfte der Menschen eines – die andere Hälfte etwas andres für richtig erklären werden.
If I doubt whether the numbers n and m multiplied will yield 𝓁, then I am not in doubt about whether a confusion will break out in our calculation and perhaps half of the people will consider one thing to be correct, and the other half something else.
§RFM VII
76[4] &77[1]
‘Experiment’ ist eine Handlung nur von einem gewissen Gesichtspunkt gesehen. Und es ist klar, daß die Rechnungshandlung auch ein Experiment sein kann. Ich kann z.B. prüfen wollen, was dieser Mensch unter solchen Umständen, auf diese Aufgabenstellung hin, rechnet. – Aber, ist es nicht eben das, was Du fragst, wenn Du wissen willst, wieviel 52 × 63 ist! Das mag ich wohl fragen – meine Frage mag sogar in diesen Worten ausgedrückt sein. (Vergl. damit: Ist der Satz “Horch, sie stöhnt!” ein Satz über ihr Benehmen, oder über ihr Leiden?) Aber wie ist es nun, wenn ich seine Rechnung vielleicht nachrechne? – ‘Nun, dann mache ich noch ein Experiment um ganz sicher herauszufinden, daß alle normalen Menschen so reagieren.’ – Und wenn sie nun nicht gleichförmig reagieren –: welches ist das mathematische Resultat?
‘Experiment’ is an action only when seen from a certain perspective. And it is clear that the act of calculation can also be an experiment. For example, I might want to check what this person calculates under such circumstances, given this problem. – But isn’t that exactly what you’re asking when you want to know how much 52 × 63 is! I might well ask that—my question might even be expressed in those very words. (Compare this with: Is the sentence “Listen, she’s moaning!” a statement about her behaviour, or about her suffering?) But what if I were to check his calculation? – “Well, then I’m conducting another experiment to make absolutely certain that all normal people react this way.” – And if they don’t exhibit uniformity—what is the mathematical result?
§RFM VII
77[2] &78[1]
“Soll die Rechnung praktisch sein, so muß sie Tatsachen mitteilen. Und das kann nur das Experiment.” Aber welches sind ‘Tatsachen’? Glaubst Du, Du kannst zeigen, welche Tatsache gemeint ist, indem Du etwa mit dem Finger auf sie zeigst? Macht das schon die Rolle klar, welche die ‘Feststellung’ einer Tatsache spielt? – Wenn nun die Mathematik erst den Charakter dessen bestimmte, was Du ‘Tatsache’ nennst! ‘Es ist interessant zu wissen wieviele Schwingungen dieser Ton hat.’ Aber die Arithmetik hat Dich diese Frage erst gelehrt. Sie hat Dich gelehrt, diese Art von Tatsachen zu sehen.
“If calculation is to be practical, it must communicate facts. And that can only be done by the experiment.” But what are ‘facts’? Do you think you can show which fact is meant by, for example, pointing at it? Does that already make clear the role that the ‘statement’ of a fact plays? – If mathematics only defines the nature of what you call a ‘fact’! ‘It is interesting to know how many oscillations this tone has.’ But arithmetic has only taught you that question. It has taught you to see this kind of fact.
§RFM VII
78[2]Die Mathematik – will ich sagen – lehrt Dich nicht einfach die Antwort auf eine Frage; sondern ein ganzes Sprachspiel, mit Fragen & Antworten.
Mathematics – I want to say – does not simply teach you the answer to a question; but an entire language-game, with questions & answers.
§RFM VII
78[3]Sollen wir sagen, die Mathematik lehre uns zählen?
Should we say that mathematics teaches us to count?
§RFM VII
79[1]Kann man von der Mathematik sagen, sie lehre uns experimentelle Forschungsweisen? Oder sie helfe uns, solche Forschungsweisen finden?
Can we say that mathematics teaches us experimental methods of research? Or that it helps us to find such methods?
§RFM VII
79[2]‘Die Mathematik, um praktisch zu sein, muß uns Tatsachen lehren.’ – Aber müssen diese Tatsachen die mathematischen Tatsachen sein? – Aber warum soll sie nicht, statt uns ‘Tatsachen zu lehren‘, die Formen dessen schaffen, was wir Tatsachen nennen?
‘If mathematics is to be practical, it must teach us facts.’ – But must these facts be the mathematical facts? – But why shouldn’t it, instead of ‘teaching us facts’, create the forms of what we call facts?
§RFM VII
79[3]“Ja aber es bleibt doch empirische Tatsache, daß die Menschen so rechnen!” – Ja, aber damit werden ihre Rechensätze nicht zu empirischen Sätzen.
“Yes, but it remains an empirical fact that people calculate like that!” – Yes, but that does not make their calculations empirical sentences.
§RFM VII
79[4] &80[1]
“Ja, aber es muß doch unser Rechnen auf empirischen Tatsachen beruhen!” Gewiß. Der Zusammenhang besteht (eben) darin, daß die Rechnung das Bild eines Experiments ist; & zwar den Gang zeigt, den es so gut wie immer nimmt. Von den anderen erhält es seine Pointe, seine Physiognomie: aber das sagt durchaus nicht, daß die Sätze der Mathematik die Funktionen der empirischen Sätze haben. (Das wäre beinahe, als glaubte Einer: weil doch nur die Schauspieler im Stücke auftreten, so könnten auf der Bühne des Theaters auch keine andern Leute nützlich beschäftigt sein.)
“Yes, but our calculation must be based on empirical facts!” Certainly. The connection consists (precisely) in the fact that calculation is a picture of an experiment; and it shows the course that it takes almost always. It gets its point, its physiognomy from the others: but that does not at all say that the sentences of mathematics have the functions of empirical sentences. (That would be almost as if someone believed: because only the actors appear in the play, no other people could be usefully employed on the stage of the theatre.)
§RFM VII
80[2]In der Rechnung gibt es keine kausalen Zusammenhänge, nur die Zusammenhänge des Bildes.
In calculation, there are no causal connections, only the connections of the picture.
§RFM VII
81[1]Und daran ändert es nichts, daß wir die Beweisfigur nachrechnen, um sie anzuerkennen. Daß wir also versucht sind, zu sagen, wir ließen sie durch ein psychologisches Experiment entstehen. Denn der psychische Ablauf wird beim Rechnen nicht psychologisch untersucht.
And it does not change anything that we recalculate the proof figure in order to acknowledge it. That we are therefore tempted to say that we let it come about through a psychological experiment. Because the psychological process is not psychologically investigated during calculation.
§RFM VII
81[2]Aber können wir uns keine menschliche Gesellschaft denken, in der es ebensowenig ein Rechnen, ganz in unserm Sinn, wie ein Messen, ganz in unserm Sinn, gibt? – Doch. – Aber wozu will ich mich dann bemühen, was Mathematik ist, herauszuarbeiten? Weil es bei uns eine Mathematik gibt & eine besondere Auffassung derselben, ein Ideal, gleichsam, ihrer Stellung & Funktion, – & dieses muß klar herausgearbeitet werden.
But can we not imagine a human society in which there is neither calculation, in our sense, nor measurement, in our sense? – Yes. – But why should I then strive to work out what mathematics is? Because we have mathematics and a particular understanding of it, an ideal, as it were, of its position and function – and this must be made clear.
§RFM VII
81[3]Erwäge: ‘Unsre Mathematik wandelt Experimente in Definitionen um.’
Consider: ‘Our mathematics transforms experiments into definitions.’
§RFM VII, VB
82[1]Fordere nicht zuviel, & fürchte nicht, daß Deine gerechte Forderung in's Nichts zerrinnen wird.
Don’t demand too much, and don’t be afraid that your just demand will dissolve into nothing.
§RFM VII
82[2]Meine Aufgabe ist es nicht, Russells Logik von innen anzugreifen, sondern von außen.
It is not my task to attack Russell’s logic from the inside, but from the outside.
§RFM VII
82[3]D.h.: nicht, sie mathematisch anzugreifen – sonst triebe ich Mathematik – sondern ihre Stellung, ihr Amt.
That is to say: not to attack it mathematically – otherwise I would be doing mathematics – but to attack its position, its role.
§RFM VII
82[4] &85[1]
02.07.1941
‘Die Minute hat 60 Sekunden.’ Das ist ein Satz ganz ähnlich einem mathematischen. Hängt seine Wahrheit von der Erfahrung ab? – Nun: könnten wir von Minuten und Sekunden reden, wenn es keinen Zeitsinn gäbe; wenn es keine Uhren gäbe, oder, aus physikalischen Gründen, nicht geben könnte; wenn alle die Zusammenhänge nicht statt hätten, die unsern Zeitmaßen Sinn & Bedeutung geben? In diesem Falle – würden wir sagen – hätte das Zeitmaß seinen Witz verloren (wie die Handlung des Mattsetzens ohne das Schachspiel) – oder es hätte dann einen ganz anderen Sinn. – Macht aber die eine so beschriebene Erfahrung den Satz falsch, die andre wahr? Nein; das beschriebe nicht seine Funktion. Er funktioniert ganz anders.
July 2, 1941
‘A minute has 60 seconds.’ That is a sentence quite similar to a mathematical one. Does its truth depend on experience? – Well: could we speak of minutes and seconds if there were no sense of time; if there were no clocks, or, for physical reasons, could not be any; if all the connections that give our measures of time their meaning and significance did not exist? In that case—we would say—the unit of time would have lost its point (like the act of placing a pawn without the game of chess)—or it would then have a completely different sense. But does the experience described in one way make the statement false, and the other true? No; that would not describe its function. It works quite differently.
§
83[2]Ich will einen bestimmten Aspekt der Mathematik herausarbeiten; & zwar den, der – meiner Meinung nach – offenbar gemacht die Art & Weise beeinflußt, wie Mathematiker & Philosophen (heute) die Mathematik betrachten.
I want to bring out a certain aspect of mathematics; and namely, the one that, in my opinion, makes clear the way in which mathematicians and philosophers (today) view mathematics.
§
83[3] &84[1]
‘Der psychologische Ablauf der Rechnung’ – oder soll ich ihn einen physiologischen nennen? Will ich die Gefühle der Billigung eines Rechenübergangs beschreiben? Wenn wir statt der Billigung hier den Ausdruck der Billigung setzen: – was interessiert er uns? Er ist bloß eine Umgebung des Rechnens. (Beachte das Benehmen beim Rechnen!)
‘The psychological process of calculation’—or should I call it a physiological one? Do I want to describe the feelings of approval accompanying a mathematical transition? If we substitute the expression of approval for the approval itself here:—what interest does it hold for us? It is merely a context of calculation. (Note the behaviour during calculation!)
§RFM VII
84[2]‘Das Rechnen, um praktisch sein zu können, muß auf empirischen Tatsachen beruhen.’ – Warum soll es nicht lieber bestimmen, was empirische Tatsachen sind?
‘Calculation, in order to be practical, must be based on empirical facts.’ – Why shouldn’t it rather determine what empirical facts are?
§RFM VII
84[3]Meine Aufgabe ist es nicht über den Gödelschen Beweis (z.B.) zu reden; sondern an ihm vorbei zu reden.
My task is not to talk about Gödel’s proof (for example); but to talk past it.
§RFM VII
84[4] &84[5] &
85[1]
Die Aufgabe, die Zahl der Wege zu finden, auf denen man den Fugen dieser Mauern ohne abzusetzen & ohne Wiederholung entlangfahren kann, erkennt
jeder als mathematische Aufgabe. – Wäre die Zeichnung viel komplizierter & größer, nicht zu überblicken, so könnte man annehmen sie ändere sich, ohne das wir's merken, & dann wäre die Aufgabe, jene Zahl (die sich vielleicht gesetzmäßig ändert) zu finden, keine mathematische mehr. Aber auch wenn sie gleichbleibt, ist die Aufgabe dann nicht mathematisch. – Aber auch wenn die Mauer zu überblicken ist, so heißt das nicht, die Aufgabe ist eine mathematische – als sagte man: diese Aufgabe ist nun eine der Embryologie. Vielmehr: hier brauchen wir eine mathematische Lösung. (Wie: hier ist, was wir bedürfen, eine Vorlage.)
The task of finding the number of ways in which one can trace the joints of these walls without stopping & without repetition is recognized
as a mathematical problem. – If the drawing were much more complicated and larger, impossible to take in at a glance, one might assume it changes without our noticing, and then the task of finding that number (which perhaps changes according to some law) would no longer be a mathematical one. But even if it remains the same, the task is still not mathematical. – But even if the wall can be taken in at a glance, that does not mean the problem is a mathematical one—as if one were to say: this problem is now one of embryology. Rather: here we need a mathematical solution. (As in: here is what we need, a template.)
§RFM VII
85[2]‘Erkannten’ wir das Problem als mathematisches, weil die Mathematik vom Nachfahren von Zeichnungen handelt?
Did we recognize the problem as mathematical because mathematics deals with tracing drawings?
§RFM VII
85[3] &86[1]
Warum sind wir also geneigt, dieses Problem schlechtweg ein ‘mathematisches’ zu nennen? Weil wir es ihm gleich ansehen, daß hier die Beantwortung einer mathematischen Frage so gut wie alles ist, was wir brauchen. Obschon man das Problem, z.B., leicht als ein psychologisches sehen könnte. Ähnliches von der Aufgabe, aus einem Blatt Papier das & das zu falten.
Why, then, are we inclined to call this problem simply a ‘mathematical’ one? Because we immediately see that answering a mathematical question is practically all we need here. Although one could easily see the problem, for example, as a psychological one. Something similar applies to the task of folding this and that out of a sheet of paper.
§RFM VII
86[2] &87[1]
Es kann so ausschauen, als ob die Mathematik hier eine Wissenschaft ist, die mit Einheiten Experimente macht, Experimente, bei denen es nämlich nicht auf die Arten der Einheiten ankommt, also nicht darauf, ob sie Erbsen, Glaskugeln, Striche, usw. sind. – Nur was von allen diesen gilt findet sie heraus. Also nichts über ihren Schmelzpunkt, aber, daß 2 und 2 von ihnen 4 sind. Und das Problem der Mauer № 1 ist eben ein mathematisches, d.h.: kann durch diese Art von Experiment gelöst werden. – Und worin das math. Experiment besteht? Nun, im Hinlegen & Verschieben von Dingen, Ziehen von Strichen, Anschreiben von Ausdrücken, Sätzen, etc. Und man muß sich dadurch nicht stören lassen, daß die äußere Erscheinung dieser Experimente nicht die physikalischer & chemischer, etc. hat, es Nur eine Schwierigkeit ist da: der Vorgang ist leicht genug zu sehen, zu beschreiben – aber wie ist es als Experiment anzuschauen? Welches ist hier der Kopf, welches der Fuß des Experiments? Welches sind die Bedingungen des Experiments, welches sein Resultat? Ist das Resultat das Rechnungsergebnis, oder das Rechnungsbild, oder die Zustimmung (worin immer diese besteht) des Rechnenden?
It may seem as though mathematics here is a science that conducts experiments with units—experiments in which the nature of the units does not matter, that is, whether they are peas, glass marbles, lines, etc. – It only finds out what applies to all of them. So nothing about their melting point, but that 2 and 2 of them make 4. And the problem of Wall No. 1 is precisely a mathematical one, i.e.: it can be solved by this kind of experiment. – And what does the mathematical experiment consist of? Well, in placing and moving things, drawing lines, writing down expressions, sentences, etc. And one must not be bothered by the fact that the outward appearance of these experiments does not resemble that of physical and chemical ones, etc. There is only one difficulty here: the process is easy enough to see and describe—but how is it to be regarded as an experiment? Which is the head and which the foot of the experiment here? What are the conditions of the experiment, and what is its result? Is the result the outcome of the calculation, or the image of the calculation, or the assent (whatever that may consist of) of the person calculating?
§RFM VII
87[2]Werden aber, etwa, die Prinzipien der Dynamik zu Sätzen der reinen Mathematik dadurch, daß man ihre Interpretation offen läßt & sie nur zum Erzeugen eines Maßsystems verwendet?
Do the principles of dynamics, for example, become sentences of pure mathematics by leaving their interpretation open and using them only to generate a system of measurement?
§RFM VII
87[3]“Der math. Beweis muß übersichtlich sein” – das hängt mit der Übersichtlichkeit jener Figur zusammen.
“The mathematical proof must be surveyable” – this is related to the surveyability of that figure.
§RFM VII
87[4] &88[1]
Vergiß nicht: der Satz, der von sich selbst aussagt, er sei unbeweisbar, ist als mathematische Aussage aufzufassen – – denn das ist nicht selbstverständlich. Es ist nicht selbstverständlich, daß der Satz, die & die Struktur sei so & so nicht konstruierbar, als mathematischer Satz aufzufassen sei.
Don’t forget: the statement that states of itself that it is unprovable is to be understood as a mathematical statement – – for that is not self-evident. It is not self-evident that the statement that the structure cannot be constructed in such-and-such a way is to be understood as a mathematical statement.
§RFM VII
88[2]D.h.: wenn man sagt: “er sagt von sich selbst aus” – so ist das auf eine spezielle Weise zu verstehen. Hier nämlich entsteht leicht Verwirrung durch den bunten Gebrauch des Ausdrucks “dieser Satz sagt etwas von … aus“.
That is: if one says: “it asserts of itself” – then this is to be understood in a special way. Here, confusion easily arises due to the varied use of the expression “this sentence says something about…”.
§RFM VII
88[3]In diesem Sinne sagt der Satz 625 = 25 × 25 auch etwas über sich selbst aus: daß nämlich die linke Ziffer erhalten wird, wenn man die rechts stehenden multipliziert.
In this sense, the sentence 625 = 25 × 25 also says something about itself: namely, that the digit on the left is obtained when the digits on the right are multiplied.
§RFM VII
88[4]Der Gödelsche Satz, der etwas über sich selbst aussagt, erwähnt sich selbst nicht.
Gödel’s theorem, which makes a statement about itself, does not mention itself.
§
89[1]Kann man nicht ebenso sagen, der Satz 3 + 2 = 5 sage von sich aus, er könne in eine Gruppe von 3 & eine von 2 Zeichen zerlegt werden?
Can one not also say that the sentence 3 + 2 = 5 asserts of itself that it can be decomposed into a group of 3 and a group of 2 signs?
§RFM VII
89[2]‘Der Satz sagt, daß diese Zahl aus diesen Zahlen auf diese Weise nicht erhältlich ist.’ – Aber bist Du auch sicher, daß Du ihn recht ins Deutsche übersetzt hast? Ja gewiß, es scheint so. – Aber kann man da nicht fehlgehen?
‘The sentence says that this number cannot be obtained from these numbers in this way.’ – But are you also sure that you have translated it correctly into German? Yes, of course, it seems so. – But is it not possible to make a mistake here?
§
89[3]Ein Stil, Maschinen zu bauen, in welchem man die wirksamen Räder, Hebel, etc. mit einer Zahl unwirksamer umgibt, die, z.B., nur eines ästhetischen Eindrucks wegen angebracht sind. (Ähnlich wie Scheinfester in einer Fassade.)
A style of building machines in which the effective wheels, levers, etc. are surrounded by a number of ineffective ones, which, for example, are only included for aesthetic reasons. (Similar to fake windows in a facade.)
§RFM VII
89[4] &90[1]
Könnte man sagen: Gödel sagt, daß man einem math. Beweis auch muß trauen können, wenn man ihn, praktisch, als den Beweis der Konstruierbarkeit der Satzfigur nach den Beweisregeln auffassen will? Oder: Ein math. Satz muß als Satz einer auf sich selbst wirklich anwendbaren Geometrie aufgefaßt werden können. Und tut man das so zeigt es sich, daß man sich auf einen Beweis in gewissen Fällen nicht verlassen kann.
Could one say: Gödel says that one must also be able to trust a mathematical proof, if one wants to practically consider it as the proof of the constructibility of the sentence figure according to the rules of proof? Or: a mathematical sentence must be able to be understood as a sentence of a geometry that can truly be applied to itself. And if one does this, it turns out that one cannot rely on a proof in certain cases.
§
90[2]| Wir erwarten das eine & werden von dem andern überrascht; aber die Kette der Gründe hat ein Ende.
We expect one thing and are surprised by another; but the chain of reasons has an end.
§RFM VII
90[3]Die Grenzen der Empirie sind nicht unverbürgte Annahmen, oder intuitiv als richtig erkannte; sondern Arten & Weisen des Vergleichs & des Handelns.
The limits of empiricism are not unsupported assumptions, or intuitively recognized as true; but rather types and ways of comparison and action.
§RFM VII
90[4] &91[1] &
92[1]
03.07.1941
‘Nehmen wir an, wir haben einen arithmetischen Satz, der sagt, eine bestimmte Zahl … könne nicht aus den Zahlen …, …, …, durch die & die Operationen gewonnen werden. Und nehmen wir an, es ließe sich eine Übersetzungsregel geben, nach welcher dieser arithm. Satz in die Ziffer jener ersten Zahl – die Axiome, aus denen wir versuchen ihn zu beweisen, in die Ziffern jener andern Zahlen – & unsere Schlußregeln in die im Satz erwähnten Operationen sich übersetzen ließen. – Hätten wir dann den arithm Satz aus den Axiomen nach unsern Schlußregeln abgeleitet, so hätten wir dadurch seine Ableitbarkeit demonstriert, aber auch einen Satz bewiesen, den man nach jener Übersetzungsregel dahin aussprechen kann: dieser arithm. Satz (nämlich unserer) sei unableitbar. Was wäre nun da zu tun? Ich denke mir, wir schenken unserer Konstruktion des Satzzeichens glauben, also dem geometrischen Beweis. Wir sagen also, diese ‘Satzfigur’ ist aus jenen so & so gewinnbar. Und übertragen, nur, in eine andre Notation heißt das: diese Ziffer ist mittels dieser Operationen aus jenen zu gewinnen. Soweit hat der Satz & sein Beweis nichts mit einer besondern Logik zu tun. Hier war jener konstruierte Satz einfach eine andere Schreibweise der konstruierten Ziffer; sie hatte die Form eines Satzes aber wir verglichen sie nicht mit andern Sätzen als Zeichen, welches dies oder jenes sagt, einen Sinn hat.
July 3, 1941
‘Let us assume we have an arithmetic statement stating that a certain number … cannot be obtained from the numbers …, …, …, by means of the & the operations. And let us assume there could be a translation rule according to which this arithmetic theorem could be translated into the digits of that first number—the axioms from which we attempt to provide a proof of it into the digits of those other numbers—and our rules of inference into the operations mentioned in the theorem. – If we had then derived the arithmetic theorem from the axioms according to our rules of inference, we would thereby have demonstrated its derivability, but also provided a proof of a theorem that, according to that translation rule, can be stated as follows: this arithmetic theorem (namely ours) is undecidable. What, then, should be done? I imagine we accept our construction of the theorem symbol, that is, the geometric proof. We thus say that this ‘theorem figure’ can be obtained from those in such and such a way. And translated, merely, into another notation, this means: this number can be derived from those by means of these operations. So far, the theorem and its proof have nothing to do with any particular logic. Here, that constructed theorem was simply another way of writing the constructed number; it had the form of a theorem, but we did not make a comparison of it with other theorems as a sign that says this or that, that has a sense.
§RFM VII
92[2]Aber freilich ist zu sagen daß jenes Zeichen weder als Satzzeichen noch als Zahlzeichen angesehen werden braucht. – Frage Dich: was macht es zu dem einen, was zu dem anderen?
But, of course, it must be said that that sign does not need to be regarded as a sentence sign or as a digit sign. – Ask yourself: what makes it the one, what makes it the other?
§RFM VII
92[3] &93[1]
Lesen wir nun den konstruierten Satz (oder die Ziffer) als Satz der mathematischen Sprache (etwa auf Deutsch), so spricht er das Gegenteil von dem, was wir eben als bewiesen betrachtet. Wir haben also den wörtlichen Sinn des Satzes als falsch demonstriert & ihn zu gleicher Zeit bewiesen – wenn wir nämlich seine Konstruktion aus den zugelassenen Axiomen mittels der zugelassenen Schlußregeln als Beweis betrachten.
If we now read the constructed sentence (or the digit) as a sentence of the mathematical language (for example, in German), it expresses the opposite of what we have just regarded as proven. We have thus demonstrated the literal sense of the sentence to be false & at the same time proven it—namely, if we regard its construction from the accepted axioms by means of the accepted rules of inference as a proof.
§RFM VII
93[2]Wenn jemand uns einwürfe, wir könnten solche Annahmen nicht machen, da es logische oder mathematische Annahmen wären, so antworten wir, daß nur nötig ist anzunehmen jemand habe einen Rechenfehler gemacht & sei dadurch zu dem Resultat gelangt, das wir ‘annehmen’, & er könne diesen Rechenfehler vorderhand nicht finden.
If someone were to object that we cannot make such assumptions, since they would be logical or mathematical assumptions, we would reply that it is only necessary to assume that someone has made a calculation error and thereby arrived at the result that we ‘assume,’ and that he cannot find this calculation error for the time being.
§VB
93[3]Die Menschen die immerfort ‘warum’ fragen, sind wie die Touristen, die, im Baedeker lesend, vor einem Gebäude stehen & durch das Lesen der Entstehungsgeschichte etc. etc. daran gehindert werden, das Gebäude zu sehen.
People who constantly ask ‘why’ are like the tourists who, while reading the Baedeker, stand in front of a building & are prevented from seeing the building by reading about its history, etc., etc.
§RFM VII
94[1]Hier kommen wir wieder auf den Ausdruck “der Beweis überzeugt uns” zurück. Und was uns hier an der Überzeugung interessiert, ist weder ihr Ausdruck durch Stimme oder Gebärde, noch das Gefühl der Befriedigung oder ähnliches; sondern ihre Betätigung in der Verwendung des Bewiesenen.
Here we return to the expression “the proof convinces us.” And what interests us here about conviction is neither its expression through voice or gesture, nor the feeling of satisfaction or the like; but rather its operation in the use of what has been proven.
§RFM VII
94[2]Man könnte mit Recht fragen, welche Wichtigkeit Gödel's Beweis für unsre Arbeit habe. Denn ein Stück Mathematik kann nicht Probleme von der Art der unsern lösen. – Die Antwort ist: daß die Situation uns interessiert, in die ein solcher Beweis uns bringt. ‘Was sollen wir nun sagen?’ – das ist unser Thema.
One could rightly ask what importance Gödel's proof has for our work. For a piece of mathematics cannot solve problems of the kind we are dealing with. – The answer is: that the situation in which such a proof puts us interests us. ‘What shall we say now?’ – that is our topic.
§RFM VII
95[1]04.07.1941
Es kommt uns viel zu selbstverständlich vor, daß wir “wieviele?” fragen & darauf zählen & rechnen!
07/04/1941
It seems too obvious to us that we ask ‘how many?’ & then count & calculate!
§RFM VII
95[2]So seltsam es klingt, so scheint meine Aufgabe das Gödelsche Theorem betreffend (bloß) darin zu bestehen, klar zu stellen, was in der Mathematik so ein Satz bedeutet, wie: “angenommen, man könnte dies beweisen”.
As strange as it sounds, my task regarding Gödel’s Theorem seems to consist (merely) in clarifying the meaning of a statement such as “assuming one could provide a proof for this”.
§RFM VII
95[3]Zählen wir, weil es praktisch ist zu zählen? Wir zählen! – Und so rechnen wir auch.
Do we count because it is practical to count? We count! – And so we also calculate.
§
95[4]Überdenke: ‘Einfach hersagen: “eins, zwei, drei, vier, …” – ist reine Mathematik treiben; Dinge zählen, angewandte.’
Consider: ‘Simply saying: “one, two, three, four, …” is doing pure mathematics; counting things, applied.’
§RFM VII
95[5]Man kann auf Grund eines Experiments – oder wie man es sonst nennen will – manchmal die Maßzahl des Gemessenen, manchmal aber auch das geeignete Maß bestimmen.
On the basis of an experiment – or whatever else one wants to call it – one can sometimes determine the measure of the measured, but sometimes also the appropriate measure.
§RFM VII
96[1]So ist also die Maßeinheit das Resultat von Messungen? Ja & nein. Nicht das Messungsresultat, aber vielleicht die Folge von Messungen.
So is the unit of measurement the result of measurements? Yes & no. Not the result of the measurement, but perhaps the sequence of measurements.
§RFM VII
96[2]Es wäre also eine Frage: “hat uns die Erfahrung gelehrt, so zu rechnen?” – & eine andre: “ist die Rechnung ein Experiment?”.
So one question would be: “Has experience taught us to calculate in this way?” – and another: “Is the calculation an experiment?”
§RFM VII
96[3] &97[1]
05.03.1944
Aber läßt sich nicht alles aus allem nach irgend einer Regel – ja nach jeder Regel mit entsprechender Deutung – ableiten? Was heißt es, wenn ich z.B. sage: Diese Zahl läßt sich durch Multiplikation jener beiden erhalten? Frage Dich: wann gebraucht man diesen Satz? Nun, es ist z.B. kein psychologischer Satz, der sagen soll, was Menschen unter gewissen Bedingungen tun werden, was sie befriedigen wird; es ist auch kein physikalischer das Benehmen von Zeichen auf dem Papier betreffend. Er wird nämlich in einer andern Umgebung, als ein psychologischer, oder physikalischer, angewandt.
March 5, 1944
But can’t everything be derived from everything else according to some rule—indeed, according to any rule that corresponds to the appropriate interpretation? What does it mean when I say, for example: This number can be obtained by multiplying those two? Ask yourself: when is this statement used? Well, it is not, for example, a psychological statement intended to say what people will do under certain conditions, what will satisfy them; nor is it a physical one concerning the behaviour of symbols on paper. For it is applied in a different context than a psychological or physical one.
§RFM VII
97[2]Nimm an Menschen lernen rechnen, ungefähr, wie sie es tatsächlich tun; aber stell Dir nun verschiedene ‘Umgebungen’ vor, die das Rechnen einmal zu einem psychologischen Experiment, einmal zu einem physikalischen mit den Rechenzeichen, einmal zu etwas anderem macht! Wir nehmen an die Kinder lernen zählen & die einfachen Rechnungsarten durch Nachahmen, Aufmunterung & Zurechtweisung. Aber von einem gewissen Punkt wird nun die Nichtübereinstimmung der Rechnenden (also etwa die Rechenfehler) nicht als etwas Schlechtes, sondern als etwas psychologisch Interessantes behandelt. “Also das hieltest Du damals für richtig?” heißt es, “wir Andern haben es alle so gemacht”.
Suppose people learn arithmetic roughly as they actually do; but now imagine various ‘environments’ that turn arithmetic into a psychological experiment in one instance, a physical one involving arithmetic symbols in another, and something else entirely in yet another! We assume that children learn to count and perform simple arithmetic through imitation, encouragement, and correction. But from a certain point on, the discrepancies in the calculations (i.e., calculation errors) are no longer treated as something bad, but as something psychologically interesting. “So you thought that was correct back then?” they say, “the rest of us all did it that way.”
§RFM VII
98[1]Ich will sagen: daß das, was wir Mathematik, die mathematische Auffassung des Satzes 13 × 14 = 182, nennen mit der besondern Stellung zusammenhängt, die wir zu der Tätigkeit des Rechnens einnehmen. Oder, die besondere Stellung, die die Rechnung … in unserm Leben, in unsern übrigen Tätigkeiten hat. Das Sprachspiel in dem sie steht.
I want to say: that what we call mathematics—the mathematical conception of the equation 13 × 14 = 182—is connected to the special position we assign to the activity of calculation. Or, the special position that calculation … holds in our lives, in our other activities. The language-game in which it stands.
§RFM VII
98[2]Man kann ein Musikstück auswendig lernen, um es richtig spielen zu können; aber auch in einem psychologischen Experiment, um das Arbeiten des musikalischen Gedächtnisses zu untersuchen. Man könnte es aber auch dem Gedächtnis einprägen um danach irgendwelche Veränderungen in der Partitur zu beurteilen.
One can memorize a piece of music in order to be able to play it correctly; but also in a psychological experiment, in order to examine the working of the musical memory. One could also memorize it in order to then judge any changes in the score.
§RFM VII
98[3] &99[1]
Ein Sprachspiel: Ich rechne Multiplikationen & sage dem Andern: wenn Du richtig rechnest wird das & das herauskommen; worauf er die Rechnung ausführt und sich der Richtigkeit, & manchmal der Falschheit, meiner Voraussage freut. Was setzt dieses Sprachspiel voraus? Daß ‘Rechenfehler’ leicht zu finden sind & immer Übereinstimmung über Richtigkeit, oder Falschheit der Rechnung rasch erzielt wird.
A language-game: I do calculations and say to the other person: if you calculate correctly, this and that will be the result; whereupon he performs the calculation and is pleased with the correctness, and sometimes with the incorrectness, of my prediction. What does this language-game presuppose? That ‘calculation errors’ are easy to find and that agreement on the correctness or incorrectness of the calculation is quickly achieved.
§RFM VII
99[2]“Wenn Du mit jedem Schritt übereinstimmen wirst, wirst Du zu diesem Resultat gelangen.”
“If you agree with every step, you will arrive at this result.”
§RFM VII
99[3]Was ist das Kriterium dafür, daß ein Schritt der Rechnung richtig ist; ist es nicht, daß mir der Schritt richtig erscheint, & anderes von der gleichen Art? Was ist das Kriterium dafür, daß ich zweimal die gleiche Ziffer hinschreibe? Ist es nicht, daß mir die Ziffern gleich erscheinen, & ähnliches?
What is the criterion for determining that a step in the calculation is correct; is it not that the step appears correct to me, and other things of the same kind? What is the criterion for determining that I write down the same digit twice? Is it not that the digits appear the same to me, and similar things?
§RFM VII
99[4]Was ist das Kriterium dafür, daß ich hier dem Paradigma gefolgt bin?
What is the criterion for me having followed the paradigm here?
§RFM VII
100[1]“Wenn Du sagen wirst, daß jeder Schritt richtig ist, wirst Du das herausbekommen.”
“If you say that every step is correct, you will get this.”
§RFM VII
100[2]Die Voraussage ist eigentlich: Du wirst, wenn Du Dein Tun für richtig hältst, das tun. Du wirst, sofern Du jeden Schritt für richtig anerkennst, diesen Weg gehen. – Daher auch zu diesem Ende gelangen.
The prediction is actually: If you consider your actions to be correct, you will do that. If you acknowledge every step to be correct, you will follow this path. – And thus reach this end.
§RFM VII
100[3]Logisch wird geschlossen, wenn keine Erfahrung der Konklusion widerstreiten kann, sie widerstreite denn den Prämissen. D.h., wenn der Schluß nur eine Bewegung in der Darstellung ist.
A logical conclusion is reached when no experience can contradict the conclusion, unless it contradicts the premises. That is, when the conclusion is merely a shift in the representation.
§RFM VII
100[4] &101[1]
In einem Sprachspiel werden Sätze gebraucht; Meldungen, Befehle, u. dergl. Und nun werden auch Rechensätze von den Personen verwendet. Sie sagen sie etwa zu sich selbst, zwischen den Befehlen und Meldungen.
In a language-game, sentences are used; statements, commands, and the like. And now, calculation sentences are also used by the people. They say them, perhaps, to themselves, between the commands and statements.
§RFM VII
101[2] &102[1]
06.03.1944
Ein Sprachspiel, in dem Einer nach einer Regel rechnet & nach den Rechnungsresultaten Steine eines Baues setzt. Er hat gelernt mit Schriftzeichen nach Regeln zu operieren. – Wer den Vorgang dieses Lehrens & Lernens beschreibt hat alles gesagt, was sich über das richtige Handeln nach der Regel sagen läßt. Wir können nicht weiter gehen. Es nützt z.B. nichts zum Begriff der Übereinstimmung zurück zu gehen, weil es nicht sicherer ist, daß eine Handlung mit einer andern übereinstimmt, als daß die Handlung einer Regel gemäß geschehen ist. Es ist ja, nach einer Regel vorgehen, auch auf eine Übereinstimmung gegründet
06.03.1944
A language-game in which one person calculates according to a rule and places stones of a building according to the calculation results. He has learned to operate with written characters according to rules. – Whoever describes the process of this teaching and learning has said everything that can be said about acting correctly according to the rule. We cannot go further. It is, for example, useless to go back to the concept of agreement, because it is not more certain that one action agrees with another than that the action has taken place according to a rule. To proceed according to a rule is also based on an agreement.
§RFM VII
102[2]Wie gesagt, worin einer Regel (richtig) folgen besteht, kann man nicht näher beschreiben, als indem man das Lernen des ‘Vorgehens nach der Regel’ beschreibt. Und diese Beschreibung ist natürlich eine alltägliche, wie die des Kochens, oder Nähens etwa. Sie setzt schon soviel voraus, wie diese. Sie unterscheidet Eins vom Andern; informiert also einen Menschen, der etwas ganz bestimmtes nicht weiß. (Vergl. Bemerkung: die Philosophie verwende keine vorbereitende Sprache etc.)
As I said, what it means to follow a rule (correctly) cannot be described in more detail than by describing what is involved in learning ‘to proceed according to the rule.’ And this description is, of course, an everyday one, like that of cooking or sewing, for example. It presupposes just as much as those do. It distinguishes one thing from another; thus, it informs a person who does not know something very specific. (Cf. notice: philosophy does not use preparatory language, etc.)
§RFM VII
102[3] &103[1]
07.03.1944
Denn wer mir beschreibt, wie Leute zum Befolgen einer Regel abgerichtet werden & wie sie richtig drauf reagieren, wird selber in der Beschreibung eine Regel gebrauchen & ihr Verständnis bei mir voraussetzen.
07.03.1944
For whoever describes to me how people are trained to follow a rule and how they react correctly, will himself use a rule in the description and presuppose my understanding of it.
§RFM VII
103[2]Wir haben also jemand die Technik des Multiplizierens beigebracht. Dabei verwenden wir Wörter der Aufmunterung & der Zurückweisung. Wir werden ihm auch manchmal das Ziel der Multiplikation anschreiben. “Das mußt Du erhalten, wenn es richtig sein soll” können wir ihm sagen.
So we have taught someone the technique of multiplication. In doing so, we use words of encouragement and of rejection. We will also sometimes tell him the goal of the multiplication. “You must get this if it is to be correct,” we can say to him.
§RFM VII
103[3] &104[1]
Kann nun der Schüler aber widersprechen & sagen: ‘Woher weißt Du das? Und ist, was Du willst, daß ich der Regel folgen soll, oder daß ich dies Resultat erhalten soll? Denn die beiden brauchen ja nicht zusammen zu treffen.” Nun, wir nehmen nicht an, daß der Schüler das sagen kann; wir nehmen an daß er die Regel von beiden Seiten her gelten läßt. Daß er den einzelnen Schritt & das Rechnungsbild – & also das Rechnungsresultat – als Kriterien der Richtigkeit auffaßt, & daß, wenn diese nicht übereinstimmen er an eine Verwirrung der Sinne glaubt.
But can the student now object and say: ‘How do you know that? And is it that you want me to follow the rule, or that I should obtain this result? For the two need not necessarily coincide.’ Well, we do not assume that the student can say that; we assume that he accepts the rule as valid from both sides. That he regards the individual step and the calculation process—and thus the result of the calculation—as criteria of correctness, and that, if these do not agree, he believes there is a confusion of the senses.
§RFM VII
104[2]Ist es nun denkbar, daß einer der Regel richtig folgt & zu verschiedenen Malen beim Multiplizieren 15 × 13 doch verschiedenes errechnet? Daß kommt darauf an, welche Kriterien er für das richtige Folgen gelten läßt. In der Mathematik ist das Resultat selbst auch ein Kriterium des richtigen Rechnens. So aufgefaßt ist es also undenkbar der Regel richtig zu folgen & verschiedene Rechnungsbilder zu erhalten.
Is it conceivable, then, that someone might follow the rule correctly and yet, on different occasions when multiplying 15 × 13, arrive at different results? That depends on which criteria he accepts as valid for correct application of the rule. In mathematics, the result itself is also a criterion of correct calculation. Viewed in this way, it is therefore inconceivable to follow the rule correctly and obtain different results.
§RFM VII
104[3] &105[1]
Das Nicht-Geltenlassen des Widerspruchs charakterisiert die Technik der Verwendung der Wahrheitsfunktionen. Lassen wir den Widerspruch gelten, so heißt das, daß wir die Verwendung der Wahrheitsfunktionen ändern; als faßten wir z.B. eine doppelte Verneinung nicht mehr als Bejahung auf. Und diese Änderung wäre von Bedeutung, da die Technik unserer Logik ihrem Charakter nach zusammenhängt mit – – –
The fact that one does not allow the contradiction to stand characterizes the technique of using truth functions. If one allows the contradiction to stand, that means that one changes the use of truth functions; for example, one no longer takes a double negation as affirmation. And this change would be significant, since the technique of our logic is, by its nature, connected with – – –
§RFM VII
105[2]“Die Regeln zwingen mich zu etwas”, nun das kann man schon sagen, weil, was mir mit der Regel übereinzustimmen scheint ja nicht von meiner Willkür abhängt. Daher kann es ja geschehen daß ich die Regeln eines Brettspiels ersinne & nachträglich herausfinde daß in diesem Spiel wer anfängt gewinnen muß. Und so ähnlich ist es ja, wenn ich finde, daß die Regeln zu einem Widerspruch führen.
“The rules force me to do something”—well, one can certainly say that, because what seems to me to be in accordance with the rule does not depend on my whim. Therefore, it can happen that I devise the rules of a board game and subsequently discover that in this game, whoever goes first must win. And it is much the same when I find that the rules lead to a contradiction.
§RFM VII
105[3]08.03.1944
Ich bin nun gezwungen anzuerkennen, daß das eigentlich kein Spiel ist.
08.03.1944
I am now forced to admit that this is not really a game.
§RFM VII
106[1]‘Die Regeln des Multiplizierens, einmal angenommen, zwingen mich nun anzuerkennen, daß … × … gleich … ist.’ Angenommen, daß es mir unangenehm wäre, dies anzuerkennen. Soll ich sagen: “Nun, das kommt von dieser Art Abrichtung. Menschen die so abgerichtet, so konditioniert, sind, kommen dann in solche Schwierigkeiten.”?
“The rules of multiplication, once accepted, force me to acknowledge that … × … = ….” Suppose that I would find it unpleasant to acknowledge this. Should I say: “Well, this comes from this kind of training. People who are trained, who are conditioned in this way, then get into such difficulties.”?
§RFM VII
106[2] &107[1]
‘Wie zählen wir im Dezimalsystem?’ – “Wir schreiben auf 1, 2, auf 2, 3 … – auf 13 14 … auf 123 124, u.s.f.” – Das ist eine Erklärung für den, der zwar irgend etwas nicht wußte, das ‘u.s.f.’ aber verstand. Und es verstehen, heißt, es nicht als Abkürzung verstehen; es heißt nicht, daß er jetzt im Geiste eine viel längere Reihe als die meiner Beispiele sieht. Daß er es versteht, zeigt sich darin, daß er nun gewisse Anwendungen macht, in gewissen Fällen dies sagt & so handelt.
‘How do we count in the decimal system?’ – “We write 1, 2, then 2, 3 … then 13, 14 … then 123, 124, etc.” – This is an explanation for someone who did not know something, but understood the ‘etc.’ And understanding it means not understanding it as an abbreviation; it means not that he now sees a much longer sequence in his mind than the ones in my examples. That he understands it is shown by the fact that he can now make certain applications, in certain cases says this & acts so.
§RFM VII
107[2]“Wie zählen wir im Dezimalsystem?” – … – Nun, ist das keine Antwort? – Aber nicht für den, der das “u.s.f.” nicht versteht. – Aber kann unsere Erklärung es ihm nicht begreiflich gemacht haben? Kann er durch sie nicht die Idee der Regel erhalten haben? – Frage Dich, was die Kriterien dafür sind, daß er diese Idee nun erhalten hat.
“How do we count in the decimal system?” – … – Well, isn’t that an answer? – But not for someone who doesn’t understand the “etc.” – But can’t our explanation make it comprehensible to him? Can’t he obtain the idea of the rule through it? – Ask yourself, what are the criteria for the fact that he has now obtained this idea.
§RFM VII
107[3]Was zwingt mich denn? – Der Ausdruck der Regel? – Ja; wenn ich einmal so erzogen bin. Aber kann ich sagen, er zwingt mich, ihm zu folgen? Ja; wenn man sich hier die Regel nicht als Linie denkt, der ich nachfahre, sondern als Zauberspruch der uns im Bann hält.
[“schlichter Unsinn, & Beulen …”]
What forces me? – The expression of the rule? – Yes; if I have been brought up in that way. But can I say that it forces me to follow it? Yes; if one does not think of the rule here as a line that I follow, but as an incantation that holds us in its spell.
[“mere nonsense, & bumps…”]
§RFM VII
107[4] &108[1]
Warum soll man nicht sagen der Widerspruch, z.B. ‘heteronom’ ∊ heteronom ≡ = ~ (‘heteronom’ ∊ heteronom), zeige eine logische Eigenschaft des Begriffs ‘heteronom’?
Why shouldn’t one say that the contradiction, e.g. ‘heteronomous’ ∊ heteronomous ≡ = ~ (‘heteronomous’ ∊ heteronomous), shows a logical property of the concept ‘heteronomous’?
§RFM VII
108[2]“‘Zweisilbig’ ist heteronom”, oder “dreisilbig ist nicht heteronom” sind Erfahrungssätze. Es könnte in irgend einem Zusammenhang wichtig sein, herauszufinden, ob Eigenschaftswörter die Eigenschaften besitzen, die sie bezeichnen, oder nicht. Man gebraucht dann in einem Sprachspiel das Wort “heteronom”. Aber soll nun der Satz “‘h’ ∊ h” ein Erfahrungssatz sein? Er ist es offenbar nicht & wir würden ihn auch, wenn wir den Widerspruch nicht gefunden haben, nicht als einen Satz in unserm Sprachspiel zulassen.
“‘Disyllabic’ is heteronomous,” or “trisyllabic is not heteronomous” are experiential sentences. It might be important in some context to find out whether adjectives have the properties that they designate, or not. One then uses the word “heteronomous” in a language-game. But should the sentence “‘h’ ∊ h” be an experiential sentence? It is obviously not, and we would not allow it as a sentence in our language-game, even if we had not found the contradiction.
§RFM VII
108[3] &109[1]
09.03.1944
‘h’ ∊ h ≡ ~ (‘h’ ∊ h) könnte man ‘eine wahre Kontradiktion’ nennen. – Aber diese Kontradiktion ist doch kein sinnvoller Satz! Wohl, aber die Tautologien der Logik sind es ja auch nicht.
09.03.1944
‘h’ ∊ h ≡ ~ (‘h’ ∊ h) one could call ‘a true contradiction’. – But this contradiction is not a meaningful sentence! Well, but the tautologies of logic are not either.
§RFM VII
109[2]‘Die Kontradiktion ist wahr’ heißt hier: sie ist bewiesen; abgeleitet aus den Regeln für das Wort “h”. Ihre Verwendung ist, zu zeigen, daß “h” eines jener Wörter ist, welche in “ξ ∊ b” eingesetzt keinen Satz ergeben.
‘The contradiction is true’ means here: it is proven; derived from the rules for the word “h”. Its use is to show that “h” is one of those words that, when inserted in “ξ ∊ b,” do not yield a sentence.
§RFM VII
109[3]“Die Kontradiktion ist wahr” heißt: Das ist wirklich ein Widerspruch, & Du darfst also das Wort ‘h’ als Argument von ‘ξ ∊ h’ nicht verwenden.
“The contradiction is true” means: this is indeed a contradiction, & you are therefore not allowed to use the word ‘h’ as an argument of ‘ξ ∊ h’.
§RFM VII
109[4] &110[1]
Ich bestimme ein Spiel & sage: “Machst Du diese Art Zug, so ziehe ich so, machst Du jene, so ziehe ich so. – Jetzt spiele!” Und nun macht er einen Zug, oder etwas, was ich auch als Zug anerkennen muß, & wenn ich nach meinen Regeln weiterspielen will, so erweist sich, was immer ich tue, als unrichtig. Wie konnte das geschehen? Als ich Regeln aufstellte, da sagte ich etwas. Ich folgte einem gewissen Brauch. Ich sah nicht voraus, was wir weiter tun würden, oder sah nur eine bestimmte Möglichkeit. Es war nicht anders, als hätte ich Einem gesagt: „Mit diesen Figuren kannst Du nicht mattsetzen” & hätte eine bestehende Möglichkeit des Mattsetzens übersehen.
I define a game and say: “If you make this kind of move, then I will move like this; if you make that kind, then I will move like this.” – Now play! And now he makes a move, or something that I must recognize as a move, and if I want to continue playing according to my rules, then whatever I do turns out to be incorrect. How could this have happened? When I set up the rules, I said something. I followed a certain custom. I did not foresee what we would do next, or I only foresaw a certain possibility. It was as if I had told someone: “With these pieces, you cannot checkmate,” and I had overlooked an existing possibility of checkmating.
§RFM VII
110[2] &111[1]
Die verschiedenen, halb scherzhaften, Einkleidungen des logischen Paradoxes sind nur in sofern interessant als sie einen daran erinnern, daß eine ernsthafte Einkleidung des Paradoxes von Nöten ist, um seine Funktion eigentlich zu verstehen. Es fragt sich: Welche Rolle kann ein solcher ‘logischer Irrtum’ in einem Sprachspiel spielen?
The various, somewhat humorous, ways of presenting the logical paradox are only interesting insofar as they remind us that a serious presentation of the paradox is necessary in order to actually understand its function. The question is: What role can such a ‘logical mistake’ play in a language-game?
§RFM VII
111[2]Man gibt jemandem etwa Instruktionen, wie er in dem & dem Fall zu handeln hat; & diese Instruktionen erweisen sich später als unsinnig.
One gives someone instructions on how to act in a certain situation, and later these instructions turn out to be nonsensical.
§RFM VII
111[3]Das logische Schließen ist ein Teil eines Sprachspiels. Und zwar folgt, der im Sprachspiel logische Schlüsse ausführt, gewissen Instruktionen, die beim Lernen des Sprachspiels selber gegeben wurden. Baut der Gehilfe etwa nach gewissen Befehlen ein Haus, so hat er das Herbeitragen der Baustoffe etc. von Zeit zu Zeit zu unterbrechen & gewisse Operationen mit Zeichen auf einem Papier auszuführen; worauf er, dem Resultat entsprechend, wieder zu seiner Bauarbeit zurückkehrt.
Logical reasoning is part of a language-game. And, in fact, the person who carries out logical inferences in the language-game follows certain instructions that were given when learning the language-game itself. If, for example, the assistant builds a house according to certain instructions, he sometimes has to interrupt the task of bringing in building materials, etc., and carry out certain operations with signs on a piece of paper; after which, according to the result, he returns to his building work.
§RFM VII
112[1]Denke Dir einen Vorgang, in welchem jemand, der einen Karren schiebt darauf gekommen ist, daß er die Radachse reinigen muß, wenn der Karren sich zu schwer schieben läßt. Ich meine nicht, daß er zu sich sagt: “immer, wenn der Karren sich nicht schieben läßt, …”. Sondern er handelt einfach so. Und nun kommt er darauf einem Andern zuzurufen: “Der Karren geht nicht; reinige die Achse, oder auch: “Der Karren geht nicht. Also muß die Achse gereinigt werden”. Nun das ist ein Schluß. Kein logischer, freilich.
Imagine a situation in which someone who is pushing a cart realizes that he has to clean the axle if the cart is too difficult to push. I do not mean that he says to himself: “Whenever the cart is difficult to push, …”. Rather, he simply acts that way. And now he comes to call out to another: “The cart won’t go; clean the axle,” or: “The cart won’t go. Therefore, the axle must be cleaned.” Now that is an inference. Not a logical one, of course.
§RFM VII
112[2]Kann ich nun sagen: “Der nicht-logische Schluß kann sich als falsch erweisen; der logische nicht“?
Can I now say: “The non-logical inference can turn out to be false; the logical one cannot”?
§RFM VII
112[3] &113[1]
Ist der logische Schluß richtig, wenn er den Regeln gemäß gezogen wurde; oder, wenn er richtigen Regeln gemäß gezogen wird? Wäre es z.B. falsch, wenn man sagte, aus ~p solle immer p gefolgert werden? Aber warum soll man nicht lieber sagen: so eine Regel gäbe den Zeichen “~p” & “p” nicht ihre gewöhnliche Bedeutung?
Is the logical inference correct if it is drawn according to the rules; or, if it is drawn according to correct rules? Would it be wrong, for example, if one said that ~p should always lead to p? But why should we not rather say: such a rule would not give the signs “~p” and “p” their usual meaning?
§RFM VII
113[2]Man kann es so auffassen – will ich sagen – daß die Schlußregeln den Zeichen ihre Bedeutung geben, weil sie Regeln der Verwendung dieser Zeichen sind. Daß die Schlußregeln zur Bestimmung der Bedeutung der Zeichen gehören. In diesem Sinne können die Schlußregeln nicht falsch, oder richtig sein.
One can see it this way – that is, I want to say – that the rules of inference give the signs their meaning, because they are rules for the use of these signs. That the rules of inference belong to the determination of the meaning of the signs. In this sense, the rules of inference cannot be false or correct.
§RFM VII
113[3]A hat beim Bau die Länge & Breite einer Fläche gemessen & gibt dem B den Befehl: “Bring 15 × 18 Platten”. B ist dazu abgerichtet zu multiplizieren & dem Resultat entsprechend eine Menge von Platten abzuzählen.
A measures the length and width of an area during construction and gives B the command: “Bring 15 × 18 tiles.” B is trained to multiply and, according to the result, to count out a certain number of tiles.
§RFM VII
113[4] &114[1]
Der Satz “15 × 18 = 270” braucht natürlich nie ausgesprochen zu werden.
The sentence “15 × 18 = 270” does not naturally have to be uttered.
§RFM VII
114[2]10.03.1944
Man könnte sagen: Experiment – Rechnung sind Pole, zwischen welchen sich menschliche Handlungen bewegen.
10.03.1944
One could say: Experiment – calculation are poles between which human actions move.
§RFM VII
114[3]Wir konditionieren einen Menschen in dieser & dieser Weise; wirken dann auf ihn durch eine Frage ein; & erhalten ein Zahlzeichen. Dieses verwenden wir weiter zu unsern Zwecken & es erweist sich als praktisch. Das ist das Rechnen. – Noch nicht! Dies könnte ein sehr zweckmäßiger Vorgang sein – muß aber nicht sein, was wir ‘rechnen’ nennen. Wie man sich denken könnte, daß zu Zwecken denen heute unsere Sprache dient Laute ausgestoßen würden, die doch keine Sprache bildeten. Zum Rechnen gehört, daß alle die richtig rechnen dasselbe Rechnungsbild produzieren. Und ‘richtig rechnen’ heißt nicht: bei klarem Verstande, oder ungestört rechnen, sondern so rechnen.
We condition a person in this way or that; then we influence him with a question; and we obtain a numerical sign. We use this further for our purposes, and it turns out to be practical. That is calculation. – Not yet! This could be a very useful process – but it does not have to be what we call ‘calculation’. One could imagine that, for the purposes to which our language now serves, sounds are uttered that, however, do not form a language. For calculation, it is essential that everyone who calculates correctly produces the same calculation picture. And ‘calculating correctly’ does not mean: calculating with a clear head or undisturbedly, but like this.
§
115[1]Das Unphilosophische an Gödels Aufsatz besteht darin, daß er das Verhältnis der Mathematik & ihrer Anwendung nicht sieht. Er hat hier die schleimigen Begriffe der meisten Mathematiker.
The unphilosophical thing about Gödel’s essay is that he does not see the relationship between mathematics and its application. He has here the vague concepts of most mathematicians.
§RFM VII
115[2]Jeder math. Beweis stellt das math. Regelgebäude auf einen neuen Fuß.
Every mathematical proof puts the mathematical system of rules on a new footing.
§RFM VII
115[3]Ich habe mich gefragt: Ist Mathematik mit rein phantastischer Anwendung nicht auch wirkliche Mathematik? – Aber es frägt sich: Nennen wir es ‘Mathematik’ nicht etwa nur darum weil es hier Übergänge, Brücken gibt von der phantastischen zur nichtphantastischen Anwendung? D.h.: würden wir sagen, Leute besäßen eine Mathematik, die das Rechnen, Operieren mit Zeichen, bloß zu okkulten Zwecken benützten?
I asked myself: Isn’t mathematics with purely fantastical applications also real mathematics? – But the question arises: Do we not call it ‘mathematics’ simply because there are transitions, bridges, from fantastical to non-fantastical applications? That is to say: would we say that people possess a mathematics that uses calculation and operations with symbols solely for occult purposes?
§RFM VII
115[4] &116[1]
Aber ist es dann doch nicht unrichtig zu sagen: das der Mathematik Wesentliche sei, daß sie Begriffe bilde? – Denn die Mathematik ist doch ein anthropologisches Phänomen. Wir können es also als das Wesentliche in einem großen Teil der Mathematik (dessen was ‘Mathematik’ genannt wird) erkennen & doch sagen, es spiele keine Rolle in anderen Gebieten. Diese Einsicht allein wird freilich nicht ohne Einfluß auf die sein, die die Mathematik nun so sehen lernen. Mathematik ist also eine Familie; aber das sagt nicht daß es uns also gleich sein wird, was alles in sie aufgenommen wird.
But is it not incorrect, then, to say that the essential nature of mathematics is that it forms concepts? – For mathematics is, after all, an anthropological phenomenon. We can thus recognize this as the essential aspect of a large part of mathematics (of what is called ‘mathematics’) & yet say that it plays no role in other areas. This insight alone will, of course, not be without influence on those who now learn to see mathematics in this way. Mathematics is thus a family; but that does not mean that we will be indifferent to everything that is included in it.
§RFM VII
116[2]Man könnte sagen: verstündest Du keinen mathematischen Satz besser als (Du) das Mult. Ax. verstehst, so verstündest Du Mathematik nicht.
One might say: if you do not have a better understanding of a mathematical theorem than you have of the Multiplicative Axiom, then you do not understand mathematics.
§
116[3] &117[1]
Gibt es nicht ein Versuchen ob (wo p und q Kardinalzahlen sind) 2 ergibt? Nun worin besteht es: das prüfen. Er rechnet für verschiedene Werte & sieht, ob das Resultat 2 ist, oder sich 2 nähert, etc. Aber ist es klar worin dies Nachsehen & Vergleichen besteht? Nein. Und wie ist es: ist es etwas anders zu prüfen, ob & zu prüfen ob ist?
Is there not an attempt to see whether (where p and q are cardinal numbers) yields 2? Now, what does it consist of: the checking. He calculates for different values and sees whether the result is 2, or approaches 2, etc. But is it clear in what this seeing and comparing consists? No. And how is it: is it something different to check whether and to check whether ?
§
117[2]Aber was prüfe ich nun: ist es das Zeichen “”, oder der Inhalt dieses Satzes? – Nun, was tue ich? Ich operiere mit diesem Zeichen. Wenn Du das ein ‘Prüfen’ nennen willst so sage meinetwegen Du prüfest dies, oder jenes; solang Du nur weißt, was wirklich geschieht.
But what am I checking now: is it the sign “,” or the content of this sentence? – Well, what am I doing? I am operating with this sign. If you want to call that “checking,” then by all means say you are checking this or that; as long as you only know what is really happening.
§
117[3]Übrigens ist hier die Gleichung, die man prüft nicht notwendigerweise als der Satz aufzufassen, es gäbe zwei Zahlen p & q für welche ….
Incidentally, here the equation that is checked does not necessarily have to be understood as the sentence; there could be two numbers p & q for which….
§RFM VII
117[4] &118[1]
– Hier ist ein Widerspruch. Aber wir sehen ihn nicht & ziehen Schlüsse aus ihm. Etwa auf mathematische Sätze; & auf falsche. Aber wir erkennen diese Schlüsse an. – Und bricht nun eine von uns berechnete Brücke zusammen, so finden wir dafür eine andere Ursache, oder sagen, Gott habe es so gewollt. War nun unsre Rechnung falsch; oder war es keine Rechnung? Gewiß, wenn wir als Forschungsreisende nun die Leute betrachten, die es so machen, werden wir vielleicht sagen: diese Leute rechnen überhaupt nicht. Oder: in ihren Rechnungen sei ein Element der Willkür, welches das Wesen ihrer Mathematik von dem der unsern unterscheidet. Und doch würden wir nicht leugnen können daß die Leute eine Mathematik haben.
– Here is a contradiction. But we do not see it and draw conclusions from it. For example, on mathematical sentences; and on false ones. But we accept these conclusions. – And if one of the bridges we calculated collapses, then we find another cause for it, or say that God willed it. Was our calculation wrong; or was it not a calculation? Certainly, if we now consider the people who do it as researchers, we will perhaps say: these people do not calculate at all. Or: in their calculations there is an element of arbitrariness, which distinguishes the essence of their mathematics from that of ours. And yet we could not deny that the people have a mathematics.
§RFM VII
118[2] &119[1]
Was für Regeln muß der König geben, damit er der unangenehmen Situation von nun an entgeht, in die ihn sein Gefangener gebracht hat? – Was für eine Art Problem ist das? – Es ist doch ähnlich diesem: Wie muß ich die Regeln dieses Spiels abändern, daß die & die Situation nicht eintreten kann. Und das ist eine mathematische Aufgabe.
What rules must the king give, so that he escapes the unpleasant situation that his prisoner has brought him into, from now on? – What kind of problem is this? – It is similar to this: How must I change the rules of this game so that the and the situation cannot occur. And that is a mathematical task.
§RFM VII
119[2]Aber kann es denn eine mathematische Aufgabe sein, die Mathematik zur Mathematik zu machen?
But can it be a mathematical task to make mathematics into mathematics?
§RFM VII
119[3]Kann man sagen: “Nachdem dies mathematische Problem gelöst war, begannen die Menschen eigentlich zu rechnen”?
Can one say: “After this mathematical problem was solved, people actually began to calculate”?
§RFM VII
119[4] &120[1]
11.03.1944
Was ist das für eine Sicherheit, wenn sie darauf beruht, daß unsre Banken tatsächlich im allgemeinen nicht von allen ihren Kunden auf einmal überrannt werden; aber bankrott würden, wenn es doch geschähe?! Nun es ist eine andere Art von Sicherheit als die primitivere; aber es ist doch eine Sicherheit. Ich meine: wenn nun wirklich in der Arithmetik ein Widerspruch gefunden würde – nun so bewiese das nur, daß eine Arithmetik mit einem solchen Widerspruch sehr gute Dienste leisten konnte; & es besser sein wird, wenn wir unsern Begriff der notwendigen Sicherheit modifizieren als zu sagen, das wäre eigentlich noch keine rechte Arithmetik gewesen.
March 11, 1944
What kind of security is this, if it rests on the fact that our banks are generally not overrun by all their customers at once; but would go bankrupt if it did happen?! Well, it is a different kind of security than the more primitive one; but it is still a security. I mean: if a contradiction were actually found in arithmetic—well, that would only be a proof that arithmetic with such a contradiction could serve us very well; & it would be better to modify our concept of necessary certainty than to say that it wasn’t really proper arithmetic after all.
§RFM VII
120[2]“Aber es ist doch nicht die ideale Sicherheit?” – Ideal, – für welchen Zweck?
“But is it not the ideal certainty?” – Ideal, – for what purpose?
§RFM VII
120[3]Die Regeln des logischen Schließens sind Regeln des Sprachspiels.
The rules of logical inference are rules of the language-game.
§
120[4] &121[1]
“Ist der Satz ‘18 × 15 = 270’ ein Erfahrungssatz?” – Beruht er nicht auf einer Erfahrung; auf der, daß die Rechnung dies ergab? Richtiger freilich, daß das Rechnen dies ergab; denn “Rechnung” darf hier nicht bedeuten: das Rechnungsbild. Es war eine Erfahrung, diese Rechnung machen, dies Rechnungsbild (& also auch sein Resultat) erzeugen. Aber beschreibt der Satz diese Erfahrung? Ist es also wahr, wenn ich so gerechnet habe, ob das nun richtig oder falsch war?
“Is the proposition ‘18 × 15 = 270’ an empirical proposition?” – Does it not rest on an experience; on the fact that the calculation yielded this result? More correctly, of course, that the calculation yielded this result; for “calculation” must not here mean: the calculation itself. It was an experience to perform this calculation, to produce this calculation (and thus also its result). But does the statement describe this experience? Is it therefore true that I calculated this way, whether it was correct or incorrect?
§
121[2]Kann also ein Satz auf einer Erfahrung beruhen & doch kein Erfahrungssatz sein?
So can a sentence be based on an experience and yet not be an empirical proposition?
§
121[3]Der Satz beruht auf der Erfahrung, daß ich so abgelaufen bin, oder, daß wir so ablaufen. Aber, “er sagt, daß wir so ablaufen” bedeutet eine bestimmte Verwendung des Satzes im Sprachspiel.
The sentence is based on the experience that I did it this way, or that we do it this way. But, “it says that we do it this way” means a certain use of the sentence in the language-game.
§
121[4]Zu sagen “der Satz beruht auf der Erfahrung, …” sagt: der Satz wird von Menschen erzeugt, die die so & so abgerichtet sind.
To say “the sentence is based on the experience, …” says: the sentence is produced by people who have been trained to do it in such and such a way.
§
121[5]Und die Verwendung des Rechensatzes ist nicht die des psychologischen Satzes.
And the use of the mathematical proposition is not that of the psychological proposition.
§RFM VII
122[1]12.03.1944
Was für eine Art von Satz ist: “Die Klasse der Löwen ist kein Löwe, aber die Klasse der Klassen eine Klasse”. Wie wird er verifiziert? Wie könnte man ihn verwenden? – So viel ich sehe, nur als grammatische Aussage. Jemand drauf aufmerksam zu machen, daß der Ausdruck “die Klasse der Löwen” nicht die Bezeichnung eines Löwen ist, daß aber Klassen eine Klasse bilden können.
March 12, 1944
What kind of sentence is: “The class of lions is not a lion, but the class of classes is a class”? How is it verified? How could one use it? – As far as I can see, only as a grammatical statement. To draw someone’s attention to the fact that the expression “the class of lions” is not the designation of a lion, but that classes can form a class.
§RFM VII
122[2]Man kann sagen, daß Wort “Klasse” werde reflexiv gebraucht, auch wenn man, z.B., die Russellsche Theorie der Typen anerkennt. Denn es wird ja doch auch in ihr reflexiv verwendet.
One can say that the word “class” is used reflexively, even if one accepts, for example, Russell’s theory of types. Because it is still used reflexively in it.
§RFM VII
122[3] &123[1]
Freilich ist, in diesem Sinn zu sagen, die Klasse der Löwen sei kein Löwe etc., ähnlich, als sagte jemand, er habe ein “e” für ein “n” gehalten, wenn er eine Kugel für einen Kegel ansieht.
Of course, to say, in this sense, that the class of lions is not a lion, etc., is similar to saying that one mistook an “e” for an “n” when one looks at a sphere and thinks it is a cone.
§RFM VII
123[2]Das plötzliche Umwechseln der Auffassung des Bildes eines Würfels & die Unmöglichkeit “Löwe” & “Klasse” als vergleichbare Begriffe zu sehen.
The sudden change in the conception of the image of a cube and the impossibility of seeing “lion” and “class” as comparable terms.
§RFM VII
123[3]Der Widerspruch sagt: “Nimm Dich in Acht …”.
The contradiction says: “Beware…”
§RFM VII
123[4]Wie aber wenn man einem bestimmten Löwen (dem König der Löwen etwa) den Namen “Löwe” gibt? Nun wirst Du sagen: aber es ist doch klar daß im Satz “Löwe ist ein Löwe” das Wort “Löwe” auf zwei verschiedene Arten gebraucht wird. (Log. Phil. Abh.) Aber kann ich sie nicht zu einer Art des Gebrauchs zählen?
But what if one gives a particular lion (the Lion King, for example) the name “Lion”? Now you will say: but it is clear that in the sentence “Lion is a Lion,” the word “Lion” is used in two different ways. (Log. Phil. Abh.) But can I not count them as one kind of use?
§RFM VII
123[5] &124[1]
Aber wenn in dieser Weise der Satz “Löwe ist ein Löwe” gebraucht würde: würde ich den auf nichts aufmerksam machen, den ich auf die Verschiedenheit der Verwendung der beiden “Löwe” aufmerksam machte?
But if the sentence “lion is a lion” were used in this way, would I not be drawing attention to the fact that I was drawing attention to the difference in the use of the two “lions”?
§RFM VII
124[2]Man kann ein Tier daraufhin untersuchen, ob es eine Katze ist. Aber den Begriff Katze kann man so jedenfalls nicht untersuchen.
One can examine an animal to see if it is a cat. But one cannot examine the concept of cat in this way.
§RFM VII
124[3]Wenn auch “die Klasse der Löwen ist kein Löwe” wie ein Unsinn erscheint, dem man nur aus Höflichkeit einen Sinn beilegen könne; so will ich diesen Satz doch nicht so auffassen, sondern als (einen) rechten Satz, wenn er nur richtig aufgefaßt wird. (Also nicht so wie in Log. Phil. Abh.) Meine Auffassung ist also hier sozusagen anders. Aber das heißt, daß ich sage: es gibt auch ein Sprachspiel mit diesem Satz.
Even if “the class of lions is not a lion” seems nonsensical, and one can only attribute a sense to it out of politeness, I do not want to interpret this sentence in that way, but rather as (a) true sentence, provided it is interpreted correctly. (That is, not as in the Logical-Philosophical Treatise.) My interpretation here is, so to speak, different. But that means that I am saying: there is also a language-game associated with this sentence.
§RFM VII
124[4]“Die Klasse der Katzen ist keine Katze.” – Woher weißt Du das?
“The class of cats is not a cat.” – How do you know that?
§RFM VII
124[5] &125[1]
13.03.1944
In der Tierfabel heißt es: “Der Löwe ging mit dem Fuchs spazieren”, nicht ein Löwe mit einem Fuchs; noch auch der Löwe so & so mit dem Fuchs so & so. Und hier ist es doch wirklich so, als ob die Gattung Löwe als ein Löwe gesehen würde. (Es ist nicht so, wie Lessing sagt, als ob statt irgendeinem Löwen ein bestimmter gesetzt würde. “Grimmbart der Dachs” heißt nicht: ein Dachs mit Namen “Grimmbart”.)
March 13, 1944
In the animal fable, it says: “The lion went for a walk with the fox,” not a lion with a fox; nor the lion such-and-such with the fox such-and-such. And here it really is as if the genus lion were being seen as a lion. (It is not, as Lessing says, as if a specific lion were substituted for any lion. “Grimmbart the badger” does not mean: a badger with the name “Grimmbart”.)
§RFM VII
126[1]Denk Dir eine Sprache, in der die Klasse der Löwen “der Löwe aller Löwen genannt wird”, die Klasse der Bäume “der Baum aller Bäume”, etc. – weil sie sich vorstellen alle Löwen bildeten einen großen Löwen. [Wir sagen: “Gott hat den Menschen geschaffen”.] Dann könnte jemand das Paradox aufstellen, es gäbe keine bestimmte Anzahl aller Löwen. Etc.
Imagine a language in which the class of lions is called “the lion of all lions,” the class of trees “the tree of all trees,” etc.—because they imagine that all lions form one great lion. [We say: “God created man.”] Then someone could pose the paradox that there is no specific number of all lions. Etc.
§RFM VII
126[2]Wäre es aber etwa unmöglich, in so einer Sprache zu zählen & zu rechnen?
But would it be impossible to count and calculate in such a language?
§RFM VII
126[3]Man könnte sich fragen: Welche Rolle kann ein Satz, wie “Ich lüge immer”, im menschlichen Leben spielen? Und da kann man sich Verschiedenes vorstellen.
One could ask: what role can a sentence like “I always lie” play in human life? And there are many different things one can imagine.
§RFM VII
126[4]14.03.1944
Ist die Umrechnung einer Länge von Zoll auf cm ein logischer Schluß? “Der Würfel ist 2 Zoll lang. – Also ist er ungefähr 50 mm lang.” Ist das ein logischer Schluß?
March 14, 1944
Is converting a length from inches to centimeters a logical conclusion? “The cube is 2 inches long. – So it is about 50 mm long.” Is that a logical conclusion?
§RFM VII
127[1]Ja aber ist nicht eine Regel etwas willkürliches? Etwas, was ich festsetze? Und könnte ich festsetzen, daß die Multiplikation 18 × 15 nicht 270 ergeben solle? – Warum nicht? – Aber dann ist sie eben nicht nach der Regel geschehen, die ich zuerst festgesetzt, & deren Gebrauch ich eingeübt hatte. Ist denn etwas, was aus einer Regel folgt, (wieder) eine Regel? Und wenn nicht, – was für eine Art von Satz soll ich es nennen?
Yes, but isn’t a rule something arbitrary? Something I lay down? And could I decide that the multiplication 18 × 15 should not equal 270? – Why not? – But then it simply did not follow the rule that I had first established, and whose use I had practiced. Is something that follows from a rule (again) a rule? And if not, – what kind of statement should I call it?
§RFM VII
127[2] &128[1] &
129[1]
“Es ist den Menschen … unmöglich einen Gegenstand als von sich selbst verschieden anzuerkennen.” Ja, wenn ich nur eine Ahnung hätte, wie es gemacht wird, – ich versuchte es gleich! – Aber wenn es uns unmöglich ist einen Gegenstand als von sich selbst verschieden anzuerkennen, so ist es also wohl möglich zwei Gegenstände als von einander verschieden anzuerkennen? Ich habe also etwa zwei Sessel vor mir & erkenne an daß es zwei sind. Aber da kann ich doch unter Umständen auch glauben, daß es nur einer ist; & in diesem Sinne kann ich auch einen für zwei halten. – Aber damit erkenne ich doch nicht den Sessel als von sich selbst verschieden an! Wohl; aber dann habe ich auch nicht die zwei als voneinander verschieden anerkannt. Wer glaubt, er könne dies tun –, & eine Art psychologisches Spiel spielt, der übersetze dies in ein Spiel der Gesten. Wenn er zwei Gegenstände vor sich hat, zeige er mit jeder Hand auf einen von ihnen; gleichsam als wolle er ihnen andeuten, daß sie autonom seien. Hat er nur einen Gegenstand vor sich, so deutet er mit beiden Händen auf ihn um anzudeuten, daß man keinen Unterschied zwischen ihm & ihm selbst machen kann. – Warum soll man nun aber nicht das Spiel in umgekehrter Weise spielen?
“It is impossible for human beings … to recognize an object as distinct from itself.” Yes, if only I had the slightest idea how to do it, – I would try it right away! – But if it is impossible for us to recognize an object as distinct from itself, then surely it is possible to recognize two objects as distinct from one another? So I have, say, two armchairs in front of me & recognize that there are two. But under certain circumstances I might also believe that there is only one; & in this sense I might also consider one to be two. – But in doing so I do not recognize the armchair as distinct from itself! True; but then I have not recognized the two as distinct from one another either. Whoever believes he can do this—and plays a sort of psychological game—should translate this into a game of gestures. If he has two objects in front of him, let him point to one of them with each hand; as if he wants to suggest to them that they are autonomous. If he has only one object in front of him, let him point to it with both hands to suggest that no distinction can be made between it and himself. – But why, then, should one not play the game in the opposite way?
§RFM VII
129[2] &130[1]
15.03.1944
Die Worte “richtig” & “falsch” werden beim Unterricht im Vorgehen nach der Regel gebraucht. Das Wort “richtig” läßt den Schüler gehen, das Wort “falsch” hält ihn zurück. Könnte man nun dem Schüler diese Worte erklären indem man statt ihrer setzt: “das stimmt mit der Regel überein – das nicht”? Nun, wenn er einen Begriff vom Übereinstimmen hat. Aber wie, wenn dieser eben erst gebildet werden muß? (Es kommt darauf an, wie er auf das Wort “übereinstimmen” reagiert.)
15.03.1944
The words “right” and “wrong” are used in instruction in following a rule. The word “right” lets the student proceed, the word “wrong” holds him back. Could one explain these words to the student by substituting: “that agrees with the rule – that does not”? Well, if he has a concept of agreement. But what if this concept must first be formed? (It depends on how he reacts to the word “agreement”.)
§RFM VII
130[2]Man lernt nicht einer Regel folgen, indem man zuerst den Gebrauch des Wortes “Übereinstimmung” lernt.
One does not learn to follow a rule by first learning the use of the word “agreement.”
§RFM VII
130[3]Vielmehr lernt man die Bedeutung von “Übereinstimmen”, indem man einer Regel folgen lernt.
Rather, one learns the meaning of “agreement” by learning to follow a rule.
§RFM VII
130[4]Wer verstehen will, was es heißt: “einer Regel folgen”, der muß doch selbst einer Regel folgen können.
Whoever wants to understand what it means to “follow a rule” must be able to follow a rule himself.
§RFM VII
130[5] &131[1]
“Wenn Du diese Regel annimmst, mußt Du das tun.” – Das kann heißen: die Regel läßt Dir hier nicht zwei Wege offen. (Ein mathematischer Satz.) Ich meine aber: die Regel führt Dich wie ein Gang mit festen Mauern. Aber dagegen kann man doch einwenden, die Regel ließe sich auf alle mögliche Weisen deuten. – Die Regel steht hier wie ein Befehl. Und wirkt auch wie ein Befehl.
“If you accept this rule, you must do that.” – This can mean: the rule does not leave you two options here. (A mathematical proposition.) But I mean: the rule leads you like a corridor with solid walls. But one might object that the rule could be interpreted in all sorts of ways. – The rule stands here like a command. And it also acts like a command.
§RFM VII
131[2] &132[1]
Ein Sprachspiel: Etwas Anderes bringen; das Gleiche bringen. Nun wir können uns vorstellen, wie es gespielt wird. – Aber wie kann ich es Einem erklären? Ich kann ihm diesen Unterricht geben. – Aber wie weiß er dann, was er das nächste Mal als ‘Gleiches’ bringen soll – mit welchem Recht kann ich sagen, daß er das richtige, oder falsche, gebracht hat? – Ja, ich weiß freilich, daß (hier) in gewissen Fällen Menschen auf mich einstürmen würden mit den Zeichen der Mißbilligung. Und heißt das nun etwa, die Definition von “Gleich” wäre die: gleich sei, was alle Menschen für gleich hielten? – Freilich nicht.
A language-game: bring something different; bring the same. Now, we can imagine how it is played. – But how can I explain it to someone? I can give him this instruction. – But how will he then know what to bring next time as ‘the same’ – and by what right can I say that he brought the right, or wrong, thing? – Yes, I know, of course, that (here) in certain cases people would rush at me with signs of disapproval. And does this mean that the definition of “same” is: what all people consider to be the same? – Of course not.
§RFM VII
132[2]Denn, um Gleichheit zu konstatieren, benütze ich ja natürlich nicht die Übereinstimmung der Menschen. Welches Kriterium verwendest Du also? Gar keins.
Because, in order to establish sameness, I certainly do not use the agreement of people. What criterion do you use, then? None at all.
§RFM VII
132[3]Das Wort ohne Rechtfertigung zu gebrauchen, heißt nicht, es zu Unrecht gebrauchen.
To use a word without justification does not mean to use it wrongly.
§
132[4] &133[1]
Soll ich sagen: das Kriterium der Gleichheit sei, daß mir etwas gleich vorkommt? – Aber wie weiß ich, daß ich den Ausdruck “gleich vorkommen” wieder in gleicher Weise gebrauche? – Aber sage ich nicht es ist gleich, weil es mir gleich vorkommt? Worin besteht es, daß mir diese Farbe gleich jener erscheint? Kann die charakteristische Reaktion nicht die sein, daß ich sage: diese ist gleich der?
Should I say: the criterion of sameness is that something seems the same to me? – But how do I know that I am using the expression “seems the same” in the same way again? – But am I not saying that it is the same because it seems the same to me? What is it that makes this color seem the same as that one to me? Could the characteristic reaction not be that I say: this is the same as that?
§RFM VII
133[2]Das Problem des vorigen Sprachspiels [№ …] gibt es natürlich auch in dem: Bringe mir etwas Rotes. Denn woran erkenne ich, daß etwas rot ist? An der Übereinstimmung der Farbe mit einem Muster? – Mit welchem Recht sage ich: “Ja, das ist rot.”? Nun, ich sage es; & es läßt sich nicht rechtfertigen. Und auch für dieses Sprachspiel, wie für das vorige, ist es charakteristisch, daß es sich unter der ruhigen Zustimmung aller Menschen vollzöge.
The problem of the previous language-game [№ …] also exists in this: bring me something red. Because how do I recognize that something is red? By the agreement of the color with a sample? – By what right do I say: “Yes, that is red”? Well, I say it; and it cannot be justified. And also for this language-game, as for the previous one, it is characteristic that it would take place under the quiet agreement of all people.
§
133[3]16.03.1944
Die Verteilung der Primzahlen wäre ein ideales Beispiel für das, was man synthetisch a priori nennen könnte, denn man kann sagen, daß sie jedenfalls durch eine Analyse des Begriffs der Primzahl nicht zu finden ist.
15.03.1944
The distribution of prime numbers would be an ideal example of what one could call synthetic a priori, because one can say that it can in any case not be found by an analysis of the concept of prime number.
§
134[1]Ich lese in “The chemical history of a candle”: “Water is one individual thing – it never changes”.
I read in “The chemical history of a candle”: “Water is one individual thing – it never changes”.
§
134[2]Eine Definition ist doch gewiß eine Begriffsbestimmung – aber wie ist es mit dem bloßen Schema einer Definition?
A definition is certainly a determination of a concept – but what about the mere schema of a definition?
§
134[3]Eine Definition muß nicht zur Verkürzung eines Zeichenausdrucks dienen. Sie könnte auch zur Verlängerung, oder zur Verschönerung des Zeichens dienen.
A definition does not necessarily have to serve to shorten a sign expression. It could also serve to lengthen, or to embellish the sign.
§
134[4]Könnte man sich die Definitionen im Kalkül nicht ausgelassen denken – & nur die ihr entsprechende Substitution gemacht, mit dem Vermerk dies möge eine gestattete Substitution sein?
Could one not imagine the definitions in the calculus as being omitted – and only the corresponding substitution being made, with the remark that this is a permitted substitution?
§
134[5]“Wer dieser Regel folgt, der folgt auch einer Regel, …” Z.B.: “der folgt auch einer Regel, die verbietet, daß …”
“Whoever follows this rule, also follows a rule, …” E.g.: “also follows a rule that prohibits that …”
§
134[6] &135[1]
Wer eine neue Regel einführt, der führt einen neuen Begriff ein. Denn eine neue Regel ist eine neue Art die Dinge zu sehen. Und hier gibt es triviale und folgenreiche Fälle. Heißt ‘die Dinge anders sehen’ auch anders handeln?
Whoever introduces a new rule, introduces a new concept. Because a new rule is a new way of seeing things. And here there are trivial and far-reaching cases. Does ‘seeing things differently’ also mean acting differently?
§RFM VII
135[2]Ein unentschiedener Satz der Mathematik ist etwas, was weder als Regel, noch als das Gegenteil einer Regel anerkannt ist & die Form einer mathematischen Aussage hat. – Ist diese Form aber ein klar umschriebener Begriff?
An undecidable sentence of mathematics is something that is recognized neither as a rule, nor as the opposite of a rule, and which has the form of a mathematical statement. – But is this form a clearly defined concept?
§RFM VII
135[3]Denke Dir den als eine Eigenschaft eines Musikstücks (etwa). Aber natürlich nicht so daß das Stück endlos weiterliefe, sondern als eine dem Ohr erkennbare Eigenschaft (gleichsam algebraische Eigenschaft) des Stückes.
Imagine as a property of a piece of music (for example). But of course not in such a way that the piece would continue endlessly, but as a property recognizable to the ear (as it were, an algebraic property) of the piece.
§
135[4] &136[1]
Oder wie, wenn man die Stätigkeit als Eigenschaft des Zeichens “x² + y² = r²” ansähe – natürlich nur, wenn diese Gleichung & andere gewohnheitsmäßig einer bestimmten Art der Prüfung unterzogen würden. “So stellt sich diese Regel (Gleichung) zu dieser bestimmten Prüfung.” Eine Prüfung, die mit einem Streifblick auf eine Art Extension vorgenommen wird.
Or what if one regarded the constancy as a property of the sign “x² + y² = r²” – of course, only if this equation and others were customarily subjected to a certain type of test. “In this way, this rule (equation) relates to this particular test.” A test that is performed with a cursory glance at a kind of extension.
§
136[2]Es wird bei jener Prüfung der Gleichung etwas vorgenommen, was mit gewissen Entwicklungen (Extensionen) zusammenhängt. Aber nicht, als handelte es sich (da) um eine Extension, die der Gleichung irgendwie äquivalent wäre. Es wird nur auf gewisse Entwicklungen, sozusagen, angespielt. – Nicht die Extension ist hier das Eigentliche, das nur faute de mieux intensional beschrieben wird; sondern die Intension wird beschrieben – oder dargestellt – vermittels gewisser Extensionen, die sich da & dort aus ihr ergeben.
In that test of the equation, something is done that is connected with certain developments (extensions). But not as if it were an extension that somehow corresponds to the equation. It only alludes to certain developments, so to speak. – The extension is not what is essential here, which is only faute de mieux described intensionally; rather, the intension is described – or represented – by means of certain extensions, which arise from it here and there.
§
136[3] &137[1]
Der Verlauf gewisser Extensionen wirft ein Streiflicht auf die algebraische Eigenschaft der Funktion. In diesem Sinne könnte man also sagen, es werfe die Zeichnung einer Hyperbel ein Streiflicht auf die Hyperbelgleichung.
The course of certain extensions sheds a fleeting light on the algebraic property of the function. In this sense, one could say that the drawing of a hyperbola sheds a fleeting light on the equation of the hyperbola.
§RFM VII
137[2]Denk Dir Gleichungen als Ornamente (Tapetenmuster) verwendet; & nun eine Prüfung dieser Ornamente daraufhin, welcher Art Kurven sie entsprechen. Die Prüfung wäre analog der kontrapunktischen Eigenschaften eines Musikstücks.
Imagine equations used as ornaments (wallpaper patterns); and now a test of these ornaments to see what kind of curves they correspond to. The test would be analogous to the contrapuntal properties of a piece of music.
§
137[3]Dem widerspricht nicht, daß jene Extensionen die wichtigste Anwendung der Regel wären; denn es ist eines eine Ellipse zeichnen, & ein anderes, sie mittels ihrer Gleichung konstruieren.
This is not contradicted by the fact that those extensions would be the most important application of the rule; for it is one thing to draw an ellipse, and another to construct it by means of its equation.
§
137[4] &138[1]
Wie, wenn ich sagte: Die extensionalen Überlegungen (z.B. der Heine-Borelsche Satz) zeigen: so sollen die Intensionen behandelt werden. Das Theorem gibt uns in großen Zügen eine Methode, wie mit Intensionen zu verfahren ist. Es sagt etwa: “So wird es ausschauen müssen”. Und man wird dann etwa zu einem Verfahren mit bestimmten Intensionen eine bestimmte Illustration zeichnen können. Die Illustration ist ein Zeichen, eine Beschreibung, die besonders übersichtlich, einprägsam, ist.
For example, if I were to say: The extensional considerations (e.g., the Heine-Borel theorem) show: this is how intensions should be treated. The theorem gives us, in broad strokes, a method for dealing with intensions. It says, roughly: “This is how it must look.” And one will then be able to draw a specific illustration corresponding to a procedure involving certain intensions. The illustration is a sign, a description that is particularly surveyable and memorable.
§
138[2]Die Illustration wird hier eben ein Verfahren angeben. Eine Prozedur.
Here, the illustration will specify a procedure. A procedure.
§RFM VII
138[3] &139[1]
Ein Beweis der zeigt, daß die Figur “777” in der Extension von π vorkommt aber nicht zeigt wo. Nun, so bewiesen wäre dieser ‘Existenzsatz’ für gewisse Zwecke keine Regel. Aber könnte er nicht z.B. als Mittel der Einteilung von Entwicklungsregeln dienen. Es wäre etwa auf analoge Art bewiesen daß “777” in π² nicht vorkomme, wohl aber in π ∙ e. etc. Die Frage wäre nun: Ist es vernünftig von dem betreffenden Beweis zu sagen: er beweise die Existenz von “777” in dieser Entwicklung. Dies kann einfach irreführend sein. Das ist eben der Fluch der Prosa, & besonders der Russellschen Prosa, in der Mathematik.
A proof showing that the figure “777” occurs in the extension of π but does not show where. Now, even if proven, this ‘existence theorem’ would not be_ a rule_ for certain purposes. But could it not, for example, serve as a means of classifying development rules? It could be proven in a similar way that “777” does not occur in π², but does occur in π ∙ e, etc. The question would now be: Is it reasonable to say of the proof in question that it proves the existence of “777” in this expansion? This can simply be misleading. That is precisely the curse of prose—and especially of Russellian prose—in mathematics.
§RFM VII
139[2]Was schadet es, z.B., zu sagen, Gott kenne alle irrationalen Zahlen? Oder: sie seien schon alle da, wenn wir auch nur gewisse kennen? Warum sind diese Bilder nicht harmlos? Einmal verstecken sie gewisse Probleme. –
What harm is there, for example, in saying that God knows all irrational numbers? Or: that they are all already there, even if we know only some of them? Why are these images not harmless? For one thing, they conceal certain problems. –
§RFM VII
139[3]Wenn ich von der Mathematik sagte, ihre Sätze bestimmen Begriffe, so ist das vag; denn “2 + 2 = 4” bildet einen Begriff in anderem Sinne, als “p ⊃ p”, “(x)․fx ⊃ fa”, oder der Dedekindsche Satz. Es gibt hier eben eine Familie von Fällen.
When I said of mathematics that its propositions determine concepts, that is vague; for “2 + 2 = 4” forms a concept in a different sense than “p ⊃ p”, “(x)․fx ⊃ fa”, or Dedekind’s theorem. There is, in fact, a family of cases here.
§RFM VII
139[4] &140[1]
Der Begriff der Regel zur Bildung eines unendlichen Dezimalbruchs ist – natürlich – kein spezifisch mathematischer. Es ist ein Begriff in Zusammenhang mit einer bestimmten Tätigkeit im menschlichen Leben. Der Begriff dieser Regel ist nicht mathematischer, als der: der Regel zu folgen. Oder auch: dieser letztere ist nicht weniger scharf definiert, als der Begriff so einer Regel selbst. – Ja, der Ausdruck der Regel & sein Sinn ist nur ein Teil des Sprachspiels: Der Regel folgen.
The concept of the rule for forming an infinite decimal fraction is—of course—not a specifically mathematical one. It is a concept related to a specific activity in human life. The concept of this rule is no more mathematical than that of: following the rule. Or, to put it another way: the latter is no less sharply defined than the concept of such a rule itself. – Indeed, the expression of the rule and its sense are only part of the language-game: following the rule.
§RFM VII
140[2]Man kann mit dem gleichen Recht allgemein von solchen Regeln reden, als von den Tätigkeiten, ihnen zu folgen.
One can speak of such rules in general terms with just as much justification as one can speak of the activities of following them.
§RFM VII
140[3]Man sagt freilich “das liegt alles schon in unserm Begriff” von der Regel, z.B. – aber das heißt nur: zu diesen Begriffsbestimmungen neigen wir. Denn was haben wir denn im Kopf, was alle diese Bestimmungen schon enthält?!
Of course, one says, “that is all already contained in our concept” of the rule, for example—but that only means: we tend toward these conceptual definitions. For what do we have in our minds that already contains all these definitions?!
§RFM VII
140[4] &141[1]
Die Zahl ist, wie Frege sagt, eine Eigenschaft eines Begriffs – – aber in der Mathematik ist sie ein Merkmal eines mathematischen Begriffs. ist ein Merkmal des Begriffs (der) Kardinalzahl; & die Eigenschaft einer Technik. ist ein Merkmal des Begriffs des unendlichen Dezimalbruchs, aber wovon ist diese Zahl eine Eigenschaft? D.h.: von welcher Art von Begriff kann man sie empirisch aussagen?
The number is, as Frege says, a property of a concept—but in mathematics it is a characteristic of a mathematical concept. is a characteristic of the concept of cardinal numbers; & the property of a technique. is a feature of the concept of the infinite decimal fraction, but of what is this number a property? That is: of what kind of concept can it be empirically stated?
§RFM VII
141[2]Der Beweis des Satzes zeigt mir, was ich auf die Wahrheit des Satzes hin wagen will. Und verschiedene Beweise können mich wohl dazu bringen dasselbe zu wagen.
The proof of the proposition shows me what I am prepared to venture on the truth of the proposition. And different proofs can probably bring me to venture the same thing.
§RFM VII
141[3]Das Überraschende, Paradoxe ist paradox nur in einer gewissen, gleichsam mangelhaften, Umgebung. Man muß diese Umgebung so ergänzen, daß, was paradox schien nicht länger so erscheint.
The surprising, paradoxical thing is paradoxical only in a certain, as it were, flawed environment. One must supplement this environment in such a way that what seemed paradoxical no longer appears so.
§RFM VII
141[4] &142[1]
Wenn ich bewiesen habe, daß 18 × 15 = 270 ist, so habe ich damit auch den geometrischen Satz bewiesen, daß man durch Anwendung der Transformationsregeln auf das Zeichen “18 × 15” das Zeichen “270” erhält. – Angenommen nun, die Menschen, durch irgendein Gift am klaren Sehen, oder richtigen Erinnern gehindert (wie wir jetzt sagen wollen) erhielten bei dieser Rechnung nicht “270”. – Ist die Rechnung, wenn man mit ihr nicht richtig voraussagen kann, was Einer unter normalen Umständen herausbringen wird, nicht nutzlos? Nun, auch wenn sie es ist, so zeigt das nicht daß der Satz 18 × 15 = 270 der Erfahrungssatz sei: die Menschen rechneten im allgemeinen so.
If I have proven that 18 × 15 = 270, then I have also proven the geometric proposition that by applying the rules of transformation to the sign “18 × 15” one obtains the sign “270”. – Now suppose that people, prevented by some poison from seeing clearly or remembering correctly (as we would now say), did not obtain “270” in this calculation. – If, when one cannot correctly predict with it what one will obtain under normal circumstances, is the calculation not useless? Well, even if it is, that does not show that the proposition 18 × 15 = 270 is an empirical proposition: people generally calculate like this.
§RFM VII
142[2] &143[1]
Anderseits ist es nicht klar, daß die allgemeine Übereinstimmung der Rechnenden ein charakteristisches Merkmal alles dessen ist was man “Rechnen” nennt. Ich könnte mir denken, daß Leute die rechnen gelernt haben unter bestimmten Umständen, etwa unter dem Einfluß des Opiums, anfingen Einer verschieden vom Andern zu rechnen, & von diesen Rechnungen Gebrauch machten; & daß man nun nicht sagte, sie rechneten ja gar nicht & seien unzurechnungsfähig, sondern daß man ihre Rechnungen als berechtigtes Vorgehen hinnähme. Aber müssen sie nicht wenigstens zum gleichen Rechnen abgerichtet werden? Gehört das nicht zum Begriff des Rechnens? Ich glaube, man könnte sich auch da Abweichungen vorstellen.
On the other hand, it is not clear that the general agreement of those who calculate is a characteristic feature of everything that one calls “calculating.” I could imagine that people who have learned to calculate, under certain circumstances, for example, under the influence of opium, began to calculate differently from one another, & to make use of these calculations; & that one did not say that they were not calculating at all & were incapable of calculating, but that one accepted their calculations as a valid procedure. But must they not at least be trained to calculate in the same way? Does that belong to the concept of calculating? I think one could also imagine deviations there.
§
143[2] &144[1]
17.03.1944
Verschiedene Arten, zu zeigen, daß eine Zahl durch 7 teilbar ist. Der eine Beweis zeigt, daß es eine Beweisfigur der andern Art geben muß. Anderseits: Ein Beweis des Fundamentalsatzes der Algebra – zeigt er, daß eine Beweisfigur der andern Art möglich ist? Nun, man kann das sagen, wenn diese Beweisfigur von vornherein genügend bestimmt ist. Wenn eine Überlegung dahin führt, dann kann eine Überlegung, die auf diesen Prinzipien beruht, nicht dorthin führen. D.h.: wenn man die Sache nach diesen Prinzipien überlegt, kann nicht das herauskommen.
17.03.1944
Different ways of showing that a number is divisible by 7. One proof shows that there must be a proof figure of the other kind. On the other hand: a proof of the fundamental theorem of algebra – does it show that a proof figure of the other kind is possible? Well, one can say that if this proof figure is sufficiently determined from the outset. If one consideration leads to this, then a consideration based on these principles cannot lead there. That is: if one considers the matter according to these principles, that cannot be the result.
§
144[2]“Zum Beweis gehört Übersichtlichkeit” heißt eigentlich: Im Beweis schreitet man von Bild zu Bild; man muß ihn reproduzieren können, ob er richtig oder falsch ist; er ist etwas was man kopieren, oder auswendig lernen kann.
“Clarity is part of proof” actually means: in the proof, one proceeds from picture to picture; one must be able to reproduce it, whether it is correct or incorrect; it is something that one can copy or memorize.
§RFM VII
144[3] &145[1]
Kann man sagen, daß die Mathematik eine experimentelle Forschungsweise, Fragestellung, lehrt? [→ ] Nun kann man nicht sagen, sie lehre mich z.B. zu fragen, ob ein gewisser Körper sich einer Parabelgleichung gemäß bewegt? – Was tut aber die Mathematik in diesem Fall? Ohne sie oder ohne die Mathematiker wären wir freilich nicht zur Definition dieser Kurve gelangt. War aber, diese Kurve definieren schon Mathematik? Bedingte es z.B. Mathematik, wenn Leute die Bewegung von Körpern darauf hin untersuchten, ob ihre Bahn sich durch eine Ellipsenkonstruktion mit einem Faden & zwei Nägeln darstellen lasse? Wer diese Art der Untersuchung erfunden hätte, hätte der Mathematik getrieben? Er hat doch einen neuen Begriff geschaffen. Aber war es auf die Art wie die Mathematik dies tut? War es, wie uns die Multiplikation 18 × 15 = 270 einen neuen Begriff gibt?
Can one say that mathematics teaches an experimental method of research, a way of asking questions? Well, one cannot say that it teaches me, for example, to ask whether a certain body moves according to a parabolic equation? – But what does mathematics do in this case? Without it or without mathematicians, we would certainly not have arrived at the definition of this curve. But was defining this curve already mathematics? Did it, for example, require mathematics when people investigated the movement of bodies to see whether their path could be represented by an ellipse construction with a thread & two nails? Who invented this kind of investigation, was he doing mathematics? He did, after all, create a new concept. But was it in the way that mathematics does this? Was it, as the multiplication 18 × 15 = 270 gives us a new concept?
§RFM VII
145[2]Kann man also nicht sagen, die Mathematik lehrt uns zählen? Wenn sie uns aber zählen lehrt, warum nicht auch Farben miteinander vergleichen?
So can one not say that mathematics teaches us to count? If it teaches us to count, why not also to compare colors with each other?
§RFM VII
145[3] &146[1]
Es ist klar: wer uns die Ellipsengleichung lehrt, lehrt uns einen neuen Begriff. Wer uns aber beweist, daß diese Ellipse & diese Gerade sich in diesen Punkten schneiden; nun der gibt uns auch einen neuen Begriff.
It is clear: whoever teaches us the equation of the ellipse teaches us a new concept. But whoever proves to us that this ellipse & this straight line intersect at these points – he also gives us a new concept.
§RFM VII
146[2]Uns die Ellipsengleichung lehren ist ähnlich wie, uns zählen lehren. Aber auch ähnlich wie, uns die Frage lehren: “sind hier hundertmal soviel Kugeln als dort?“.
Teaching us the equation of the ellipse is similar to teaching us to count. But it is also similar to teaching us the question: “are there a hundred times as many balls here as there?”
§RFM VII
146[3]Wenn ich nun jemand in einem Sprachspiele diese Frage & eine Methode sie zu beantworten gelehrt hätte, hätte ich ihn Mathematik gelehrt? Oder nur, wenn er mit Zeichen operiert hat?
If I have now taught someone in a language-game this question & a method of answering it, have I taught him mathematics? Or only if he has operated with signs?
§RFM VII
146[4](Wäre das etwa als fragte man: “wäre auch das eine Geometrie, die nur aus den Euklidschen Axiomen bestünde?”)
(Would that perhaps be like asking: “would that also be a geometry that consisted only of the Euclidean axioms?”)
§
146[5]Ist was ich hier sehe, bloß der natürliche Abfall des Begriffs ‘Mathematik’? (So wie wenn ich fragte: ist das Bellen der Hunde auch ein Sprechen?) Oder ist hier etwas was mich beunruhigen sollte?
Is what I see here merely the natural residue of the concept of ‘mathematics’? (Just as if I were to ask: is the barking of dogs also a form of speech?) Or is there something here that should cause me concern?
§RFM VII
147[1]Wenn die Arithmetik uns die Frage “wieviel?” lehrt, warum nicht auch die Frage “Wie dunkel?”?
If arithmetic teaches us the question “how much?”, why not also the question “how dark?”?
§RFM VII
147[2]Aber die Frage “sind hier hundertmal soviel Kugeln als dort” ist doch keine mathematische Frage & ihre Antwort kein mathematischer Satz. Eine mathematische Frage wäre: “Sind 170 Kugeln hundertmal soviel als 3 Kugeln?” (Und zwar ist dies eine Frage der reinen, nicht der angewandten Mathematik.)
But the question “are there a hundred times as many balls here as there?” is not a mathematical question, and its answer is not a mathematical proposition. A mathematical question would be: “Are 170 balls a hundred times as many as 3 balls?” (And this is a question of pure, not applied, mathematics.)
§RFM VII
147[3]Soll ich nun sagen, daß, wer uns Dinge zählen lehrt, & ähnliches, uns neue Begriffe gibt, & auch der, welcher uns reine Mathematik mit solchen Begriffen lehrt?
Should I now say that those who teach us to count things and the like give us new concepts, and also those who teach us pure mathematics using such concepts?
§RFM VII
147[4]Ist eine neue Begriffsverknüpfung ein neuer Begriff? Und schafft die Mathematik Begriffsverknüpfungen?
Is a new combination of concepts a new concept? And does mathematics create combinations of concepts?
§RFM VII
147[5]Das Wort “Begriff” ist ganz & gar zu vag.
The word “concept” is far too vague.
§RFM VII
148[1]Die Mathematik lehrt uns auf neue Weise mit den Begriffen operieren. Und man kann daher sagen, sie ändert unsere Begriffstätigkeit.
Mathematics teaches us to operate with concepts in a new way. And one can therefore say that it changes our conceptual activity.
§RFM VII
148[2]Aber erst der bewiesene, oder als Postulat angenommene mathematische Satz tut das, nicht der problematische.
But it is the proven, or assumed as a postulate, mathematical proposition that does this, not the problematic one.
§RFM VII
148[3] &149[1]
Kann man aber nicht doch mathematisch experimentieren? Z.B. versuchen, ob sich aus einem quadratischen Papier ein Katzenkopf falten läßt, wobei die physikalischen Eigenschaften des Papiers, seine Festigkeit, Dehnbarkeit, etc. nicht in Frage gezogen werden? Nun man redet doch hier gewiß von einem Versuchen. Und warum nicht von einem Experimentieren? Dieser Fall ist doch ähnlich dem, Zahlenpaare versuchsweise in die Gleichung x ² + y ² = 25 einzusetzen, um eines zu finden das die Gleichung befriedigt. Und kommt man also endlich auf 3² + 4² = 25, ist dieser Satz nun das Resultat eines Experiments? Warum nannte man den Vorgang denn ein Versuchen? Hätten wir es auch so genannt, wenn Einer immer aufs erste Mal mit völliger Sicherheit (den Zeichen der Sicherheit) aber ohne Rechnung, solche Probleme löste? Worin bestünde hier das Experimentieren? Angenommen, ehe er die Lösung gibt, erscheint sie ihm als Vision. –
But can one not still experiment mathematically? For example, try whether a cat’s head can be folded from a square piece of paper, whereby the physical properties of the paper, its strength, elasticity, etc., are not called into question? Now, one is certainly talking about an attempt here. And why not about an experiment? This case is similar to tentatively inserting pairs of numbers into the equation x² + y² = 25 in order to find one that satisfies the equation. And if one finally arrives at 3² + 4² = 25, is this proposition now the result of an experiment? Why was the process called an attempt? Would we have called it that if someone solved such problems every time with complete certainty (the sign of certainty) but without calculation? In what would the experimenting consist here? Suppose that before he gives the solution, it appears to him as a vision. –
§RFM VII
149[2]18.03.1944
Wenn eine Regel Dich nicht zwingt, so folgst Du keiner Regel.
March 18, 1944
If a rule does not compel you, then you follow no rule.
§RFM VII
149[3]Aber wie soll ich ihr denn folgen; wenn ich ihr doch folgen kann, wie ich will?
But how should I follow it if I can follow it as I please?
§RFM VII
149[4] &150[1]
Wie soll ich dem Wegweiser folgen, wenn alles was ich tue ein Folgen ist?
How should I follow the signpost if everything I do is following?
§RFM VII
150[2]Aber daß alles (auch) als ein Folgen gedeutet werden kann, heißt doch nicht, daß alles ein Folgen ist.
But the fact that everything (also) can be interpreted as following does not mean that everything is following.
§RFM VII
150[3]Aber wie deutet denn also der Lehrer dem Schüler die Regel? (Denn der soll ihr doch gewiß eine bestimmte Deutung geben.) – Nun, wie anders, als durch Worte & Abrichtung? Und der Schüler hat die Regel (so gedeutet) inne, wenn er so & so auf sie reagiert. Das aber ist wichtig, daß diese Reaktion, die uns das Verständnis verbürgt, bestimmte Umstände, bestimmte Lebens- & Sprachformen als Umgebung, voraussetzt. (Wie es keinen Gesichtsausdruck gibt ohne Gesicht.) Dies ist eine wichtige Gedankenbewegung.)
But how, then, does the teacher teach the student the rule? (For surely he must give it a specific interpretation.) – Well, how else but through words & training? And the student has grasped the rule (interpreted in this way) when he reacts to it in such and such a way. But it is important that this reaction, which guarantees our understanding, presupposes certain circumstances, certain forms of life & language as its environment. (Just as there is no facial expression without a face.) This is an important train of thought.)
§
150[4] &151[1]
D.h. er kann antworten, wie ein verständiger Mensch & doch das Spiel mit uns nicht spielen.
That is, he can answer like a reasonable person and yet not play the game with us.
§
151[2]Und Denken & Schließen (sowie das Zählen) ist für uns natürlich nicht durch eine willkürliche Definition umschrieben, sondern durch natürliche Grenzen, dem Körper dessen entsprechend, was wir die Rolle des Denkens & Schließens in unserm Leben nennen können.
And thinking and reasoning (as well as counting) are not, for us, defined by an arbitrary definition, but by natural limits, corresponding to the body of what we can call the role of thinking and reasoning in our lives.
§RFM VII
151[3] &152[1]
Zwingt mich eine Linie dazu ihr nachzufahren? – Nein; aber wenn ich mich dazu entschlossen habe sie so als Vorlage zu gebrauchen, dann zwingt sie mich. – Nein; dann zwinge ich mich sie so zu gebrauchen. Ich halte mich gleichsam an ihr fest. – Aber wichtig ist hier doch, daß ich sozusagen ein für allemal den Entschluß mit der (allgemeinen) Deutung fassen & halten kann, & nicht bei jedem Schritt von frischem deute.
Does a line compel me to follow it? – No; but if I have decided to use it as a guide, then it compels me. – No; then I compel myself to use it that way. I cling to it, as it were. – But what is important here is that I can, so to speak, make and hold the decision regarding the (general) interpretation once and for all, and not interpret anew at every step.
§RFM VII
152[2]Die Linie, könnte man sagen, gibt's mir ein, wie ich gehen soll. Aber das ist natürlich nur ein Bild. Und gäbe sie mir jedesmal etwas andres ein, so folgte ich ihr nicht als Regel. Und was “anderes”, & was “das Gleiche” heißt, das kann nur das Leben entscheiden.
The line, one might say, tells me how to walk. But this is of course only a picture. And if it gave me something different each time, then I would not follow it as a rule. And what “different” and what “the same” means can only be decided by life.
§RFM VII
152[3]“Die Linie gibt mir ein, wie ich gehen soll”: das paraphrasiert nur, daß sie meine letzte Instanz dafür ist, wie ich gehen soll.
“The line tells me how to walk”: this only paraphrases that it is my ultimate authority for how I should walk.
§RFM VII
152[4] &153[1]
Denke dir Einer folgte einer Linie als Regel auf diese Weise: Er hält einen Zirkel, dessen eine Spitze er der Regel entlang führt, während die andre Spitze die Linie zieht, die der Regel folgt. Und wie er so der Regel-Linie entlang geht, öffnet & schließt er den Zirkel, anscheinend mit großer Genauigkeit, wobei er immer auf die Regel schaut, als bestimme sie sein Tun. Wir nun, die wir ihm zusehen, sehen keinerlei Regelmäßigkeit in diesem Öffnen & Schließen. Wir können daher seine Art, der Linie zu folgen, von ihm auch nicht lernen. Wir glauben ihm aber, die Linie habe ihm eingegeben, was er tat.
Imagine someone following a line as a rule in this way: He holds a compass, guiding one point along the rule while the other point draws the line that follows the rule. And as he walks along the rule-line in this way, he opens and closes the compass, apparently with great precision, always looking at the rule as if it were determining his actions. We, however, who are watching him, do not see any regularity whatsoever in this opening and closing. We cannot, therefore, learn from him how to follow the line. Yet we believe that the line itself dictated to him what he did.
§RFM VII
153[2]Wir würden hier (vielleicht) wirklich sagen: “Die Vorlage scheint ihm einzugeben, wie er zu gehen hat. Aber sie ist keine Regel.”
Here we would (perhaps) truly say: “The template seems to suggest to him how he should walk. But it is not a rule.”
§RFM VII
153[3]Nimm an einer folgt der Reihe x = 1, 3, 5, 7, … indem er die Reihe der x² + 1 hinschreibt; & er fragte sich: “aber tue ich auch immer das Gleiche, oder jedesmal etwas anderes?” Wer von einem Tag auf den andern verspricht: “morgen werde ich das Rauchen aufgeben”, sagt der jeden Tag das Gleiche; oder jeden Tag etwas anderes?
Suppose one follows the sequence x = 1, 3, 5, 7, … by writing down the sequence of x² + 1; & he asks himself: “but am I always doing the same thing, or something different each time?” Someone who promises from one day to the next: “tomorrow I will stop smoking,” says the same thing every day; or does he say something different every day?
§RFM VII
153[4] &154[1]
Wie ist das zu entscheiden, ob er immer das gleiche tut, wenn ihm die Linie eingibt, wie er gehen soll?
How is one to decide whether he is always doing the same thing if the line communicates to him how he should walk?
§RFM VII
154[2]Wollte ich nicht sagen: Nur das gesamte Bild der Verwendung des Wortes “gleich” in seiner Verwebung mit den Verwendungen der andern Wörter kann entscheiden, ob er das Wort verwendet wie wir?
Wouldn't I say: Only the complete picture of the use of the word “same” in its interweaving with the uses of the other words can decide whether he uses the word as we do?
§RFM VII
154[3]Tut er nicht immer das Gleiche, nämlich, es sich von der Linie eingeben zu lassen, wie er gehen soll? Wie aber, wenn er sagt, die Linie gebe ihm einmal dies, einmal jenes ein? Könnte er nun nicht sagen: er tue in einem Sinne immer das Gleiche, aber einer Regel folge er doch nicht? Und kann aber auch nicht der, der einer Regel folgt, doch sagen, in einem gewissen Sinne tue er jedesmal etwas Anderes? So bestimmt also, ob er das Gleiche tut, oder immer etwas anderes, nicht, ob er einer Regel folgt.
Does he not always do the same thing, namely, allow the line to dictate how he should walk? But what if he says that the line sometimes dictates this to him, sometimes that? Could he not then say: in a sense, he always does the same thing, but he does not follow a rule? And can’t even the one who follows a rule say that, in a certain sense, he does something different every time? Thus, what determines whether he does the same thing or always something different is not whether he follows a rule.
§RFM VII
154[4] &155[1]
Nur so kann man den Vorgang, einer Regel folgen, beschreiben, daß man in anderer Weise beschreibt, was wir dabei tun.
Only in this way can one describe the process of following a rule—by describing in a different way what we do in the process.
§RFM VII
155[2]Hätte es einen Sinn zu sagen: “Wenn er jedesmal etwas anderes täte, würden wir nicht sagen: er folge einer Regel”? Das hat keinen Sinn.
Would it make sense to say: “If he did something different every time, wouldn’t we say: he follows a rule”? That makes no sense.
§RFM VII
155[3] &156[1]
Einer Regel folgen ist ein bestimmtes Sprachspiel. Wie kann man es beschreiben? Wann sagen wir, er habe die Beschreibung verstanden? – Wir tun dies & das; wenn er nun so & so reagiert, hat er das Spiel verstanden. Und dieses ‘dies & das’ & ‘so & so’ enthält kein “und so weiter”. – Oder: verwendete ich bei der Beschreibung ein “und so weiter” & würde ich gefragt, was das bedeutet, müßte ich es wieder durch eine Aufzählung von Beispielen erklären; oder etwa durch eine Geste. Und ich würde es dann als Zeichen des Verständnisses ansehen, wenn er die Geste etwa mit einem verständnisvollen Gesichtsausdruck wiederholte, & in speziellen Fällen so & so handelte.
Following a rule is a particular language-game. How can one describe it? When do we say that he has understood the description? – We do this & that; if he now reacts in such & such a way, he has understood the game. And this ‘this & that’ & ‘so & so’ does not contain a “and so on.” – Or: if I used a “and so on” in the description & I were asked what that means, I would have to explain it again through an enumeration of examples; or perhaps through a gesture. And I would then regard it as a sign of understanding if he repeated the gesture with an understanding facial expression, & acted in specific cases in such & such a way.
§RFM VII
156[2]“Aber reicht denn nicht das Verständnis weiter, als alle Beispiele?” Ein sehr merkwürdiger Ausdruck, & ganz natürlich.
“But doesn’t understanding go further than all the examples?” A very remarkable statement, & quite natural.
§RFM VII
156[3]Wenn man Beispiele aufzählt & dann sagt “und so weiter”, so wird dieser letztere Ausdruck auf andere Weise erklärt, als die Beispiele.
If one lists examples & then says “and so on,” this latter expression is explained in a different way than the examples.
§RFM VII
156[4]Denn das “und so weiter” könnte man einerseits durch einen Pfeil ersetzen der anzeigt, daß das Ende der Beispielreihe nicht ein Ende ihrer Anwendung bedeuten soll. Anderseits heißt “und so weiter” auch: es ist genug, Du hast mich verstanden; wir brauchen keine weiteren Beispiele.
For the “and so on” could, on the one hand, be replaced by an arrow that indicates that the end of the series of examples is not meant to indicate the end of its application. On the other hand, “and so on” also means: it is enough, you have understood me; we need no further examples.
§RFM VII
156[5] &157[1]
Wenn wir den Ausdruck durch eine Geste ersetzen, so könnte es ja sein, daß die Menschen unsre Beispielreihe nur dann verstünden,, wie sie sollten, (nur dann ihr richtig folgten,) wenn wir am Schluß diese Geste machten. Diese wäre also ganz analog der des Zeigens auf einen Gegenstand, oder Ort.
If we replace the expression with a gesture, then it could be that people would only understand our series of examples in the way they should (only then would they follow it correctly) if we made this gesture at the end. This would then be quite analogous to pointing to an object or place.
§RFM VII
157[2]Nimm an, eine Linie gebe mir ein, wie ich ihr folgen soll; d.h., wenn ich ihr mit den Augen nachgehe, so sagt mir etwa eine innere Stimme: zieh so. – Nun, was ist der Unterschied zwischen diesem Vorgang, einer Art Inspiration zu folgen & dem, einer Regel zu folgen? Denn sie sind doch nicht das Gleiche. In dem Fall der Inspiration warte ich auf die Anweisung. Ich werde einen Andern nicht meine ‘Technik’ lehren können, der Linie zu folgen. Es sei denn, ich lehre ihn eine Art des Hinhorchens, der Rezeptivität, etc. Aber dann kann ich natürlich nicht erwarten, daß er der Linie so folgt, wie ich.
Suppose a line tells me how I should follow it; that is, when I trace it with my eyes, an inner voice tells me, for example: draw like this. – Now, what is the difference between this process—following a kind of inspiration—and following a rule? For they are not the same thing. In the case of inspiration, I wait for the instruction. I will not be able to teach another person my ‘technique’ for following the line. Unless, that is, I teach him a kind of listening, of receptivity, etc. But then, of course, I cannot expect him to follow the line the way I do.
§RFM VII
157[3] &158[1]
Man könnte sich auch so einen Unterricht in einer Art von Rechnen denken. Die Kinder können dann, ein jeder auf seine Weise, rechnen; solange sie nur auf die innere Stimme horchen & ihr folgen. – Dieses Rechnen wäre wie ein Komponieren.
One could imagine a kind of instruction in arithmetic. The children can then calculate in their own way, as long as they only listen to the inner voice & follow it. – This calculating would be like composing.
§RFM VII
158[2]Denn gehört nicht zum Befolgen einer Regel die Möglichkeit einen Andern im Folgen abzurichten? Und zwar durch Beispiele. Und das Kriterium seines Verständnisses muß die Übereinstimmung der einzelnen Handlungen sein. Also nicht wie beim Unterricht in der Rezeptivität.
For doesn’t following a rule include the possibility of training someone else to follow it? And that through examples. And the criterion of his understanding must be the agreement of the individual actions. Thus not as in the instruction in receptivity.
§RFM VII
158[3]Wie folgst Du der Regel? – “Ich mach es so: “ … & nun folgen allgemeine Erklärungen & Beispiele. ‒ ‒ Wie folgst Du der Stimme der Linie? – “Ich sehe auf sie hin, schließe alle Gedanken aus, etc. etc.”
How do you follow the rule? – “I do it like this”: … & now there follow general explanations & examples. – – How do you follow the voice of the line? – “I look at it, exclude all thoughts, etc. etc.”
§RFM VII
158[4]“Ich würde nicht sagen, daß sie mir immer etwas anderes eingebe, wenn ich ihr als Regel folgte.’ Kann man das sagen?
“I wouldn’t say that it always gives me something different when I follow it as a rule.” Can one say that?
§
159[1]“Das Gleiche tun” ist mit “der Regel folgen” verknüpft.
“Doing the same thing” is connected with “following the rule”.
§RFM VII
159[2]19.03.1944
Kannst du Dir absolutes Gehör vorstellen, wenn Du es nicht hast? Kannst Du es Dir vorstellen, wenn Du es hast? – Kann ein Blinder sich das Sehen von rot vorstellen? Kann ich mir es vorstellen? Kann ich mir vorstellen, daß ich so & so spontan reagiere, wenn ich's nicht tue? Kann ich mir's besser vorstellen, wenn ich's tue?
19.03.1944
Can you imagine absolute pitch if you don’t have it? Can you imagine it, if you do have it? – Can a blind person imagine seeing red? Can I imagine it? Can I imagine that I react spontaneously in this way or that way, if I don’t do so? Can I imagine it better if I do?
§RFM VII
159[3]Kann ich aber das Sprachspiel spielen, wenn ich nicht so reagiere?
But can I play the language-game if I don’t react in that way?
§RFM VII
159[4] &160[1]
20.03.1944
Man fühlt nicht, daß man immer des Winks (der Eingebung) der Regel gewärtig sein muß. Im Gegenteil. Wir sind nicht gespannt darauf, was sie uns jetzt sagen wird, sondern sie sagt uns immer dasselbe, & wir tun, was sie uns sagt. Man könnte sagen: wir sehen, was wir beim Befolgen der Regel tun, unter dem Gesichtspunkt des immer Gleichen an.
20.03.1944
One doesn’t feel that one always has to be prepared for the wink (the prompting) of the rule. On the contrary. We are not anxious about what it will tell us now, but it always tells us the same thing, & we do what it tells us. One could say: we see what we do when following the rule, from the point of view of the always same.
§RFM VII
160[2]Man könnte dem, den man abzurichten anfängt, sagen: “Sieh, ich tu immer das Gleiche: …”.
One could say to the person one begins to train: “See, I always do the same thing: …”.
§RFM VII
160[3]Wann sagen wir: “Die Linie gibt mir das als Regel ein – immer das Gleiche.” Und anderseits: “Sie gibt mir immer wieder ein, was ich zu tun habe – sie ist keine Regel.“ Im ersten Fall heißt es: ich habe keine weitere Instanz dafür, was ich zu tun habe. Die Regel tut es ganz allein; ich brauche ihr nur zu folgen (& folgen ist eben eins). Ich fühle nicht z.B., es ist seltsam, daß mir die Linie immer etwas sagt. – Der andre Satz sagt: Ich weiß nicht, was ich tun werde; die Linie wird's mir sagen.
When do we say: “The line gives me this as a rule – always the same thing.” And on the other hand: “It always gives me what I have to do – it is not a rule.” In the first case, it means: I have no further instance for what I have to do. The rule does it all alone; I only have to follow it (& following it is just one). I don’t feel, for example, that it is strange that the line always tells me something. – The other sentence says: I don’t know what I will do; the line will tell me.
§RFM VII
160[4] &161[1]
Die Kunstrechner, die zum richtigen Resultat gelangen, aber nicht sagen können, wie. Sollen wir sagen: sie rechnen nicht? (Eine Familie von Fällen.)
The artistic calculators who arrive at the correct result, but cannot say how. Should we say: they don’t calculate? (A family of cases.)
§RFM VII
161[2]Diese Dinge sind feiner gesponnen, als grobe Hände ahnen.
These things are more intricately woven than crude hands imagine.
§RFM VII
161[3]Kann ich nicht einer Regel zu folgen glauben? Gibt es diesen Fall nicht? Und kann ich dann nicht auch keiner Regel zu folgen glauben & doch einer folgen? Würden wir nicht auch etwas so nennen?
Can’t I believe that I am following a rule? Isn’t there such a case? And can’t I also believe that I am not following any rule & yet follow one? Wouldn’t we also call something that?
§RFM VII
161[4] &162[1]
Wie kann ich das Wort “gleich” erklären? – Nun, durch Beispiele. – Aber ist das alles? gibt es nicht eine noch tiefere Erklärung; oder muß nicht doch das Verständnis der Erklärung tiefer sein? – Ja, hab ich denn selbst ein tieferes Verständnis? Habe ich mehr, als ich in der Erklärung gebe? Woher dann aber das Gefühl, ich hätte mehr, als ich sagen kann? Ist es, daß ich das nicht Begrenzte als Länge deute, die über jede Länge hinausreicht? (Die nicht begrenzte Erlaubnis, als Erlaubnis zu etwas Grenzenlosem.)
How can I explain the word “same”? – Well, through examples. – But is that all? Isn’t there an even deeper explanation; or doesn’t the understanding of the explanation have to be deeper? – Yes, do I even have a deeper understanding? Do I have more than I give in the explanation? Where then does the feeling come from that I have more than I can say? Is it that I interpret the unlimited as a length that extends beyond any length? (The unlimited permission, as permission to do something limitless.)
§RFM VII
162[2]Die Vorstellung die mit dem Grenzenlosen geht, ist die von etwas so großem, daß wir sein Ende nicht sehen können.
The image associated with the unlimited is of something so large that we cannot see its end.
§RFM VII
162[3]Die Verwendung des Wortes “Regel” ist mit der Verwendung des Wortes “gleich” verwoben.
The use of the word “rule” is interwoven with the use of the word “same”.
§RFM VII
162[4]Überlege Dir: Unter welchen Umständen wird der Forschungsreisende sagen: Das Wort “ …” dieses Stammes heißt soviel wie unser “und so weiter”? Stelle Dir Einzelheiten ihres Lebens & ihrer Sprache vor, die ihn dazu berechtigen würden.
Consider: under what circumstances will the explorer say: the word “…” of this tribe means as much as our “and so on”? Imagine details of their life & language that would entitle him to do so.
§RFM VII
162[5]“Ich weiß doch, was ‘gleich’ heißt!” – Daran zweifle ich nicht; ich weiß es auch.
“I know what ‘same’ means!” – I don’t doubt that; I know it too.
§RFM VII
162[6] &163[1]
“Die Linie gibt's mir ein …” Hier ist der Ton auf dem Ungreifbaren dieses Eingebens. Eben darauf, daß nichts meine Handlung von der Regel trennt, daß nichts zwischen ihr & der Handlung steht.
“The line gives it to me…” Here, the tone is on the elusive nature of this giving. Precisely on the fact that nothing separates my action from the rule, that nothing stands between it & the action.
§
163[2]– – – ein Bild. Und urteile ich, sie gebe mir, gleichsam verantwortungslos, dies, oder das ein, so würde ich nicht sagen, ich folgte ihr als einer Regel.
– – – an image. And if I judge that it gives me, as it were, irresponsibly, this or that, then I would not say that I follow it as a rule.
§RFM VII
163[3]Man könnte sich aber denken, daß einer mit solchen Gefühlen multipliziert, richtig multipliziert; immer wieder sagt: “Ich weiß nicht – jetzt gibt mir die Regel auf einmal das ein!” & daß wir antworten: “Freilich; Du gehst ja ganz nach der Regel vor.”
One might, however, imagine that someone, when faced with such feelings, multiplies them, truly multiplies them; always says: “I don’t know—now the rule suddenly gives me this!” & that we reply: “Of course; you are, after all, following the rule completely.”
§RFM VII
163[4] &164[1]
Einer Regel folgen: das läßt sich verschiedenem entgegensetzen. Der Forschungsreisende wird, unter anderm, auch die Umstände beschreiben (können), unter denen ein Einzelner dieser Leute nicht von sich selbst sagt, er folge einer Regel. Nämlich auch dann, wenn es in mancher Beziehung so aussieht.
Following a rule: this can be contrasted with various things. The explorer will, among other things, also be able to describe the circumstances under which a member of this group does not say of himself that he is following a rule. Namely, even when in some respects it looks like it.
§RFM VII
164[2]Aber könnten wir nicht auch rechnen, wie wir rechnen (Alle übereinstimmend, etc.) & doch bei jedem Schritt das Gefühl haben, von den Regeln wie von einem Zauber geleitet zu werden; erstaunt darüber vielleicht, daß wir übereinstimmen? (Der Gottheit etwa für diese Übereinstimmung dankend.)
But couldn’t we also calculate how we calculate (all in agreement, etc.) & yet, at each step, have the feeling that we are being guided by the rules as if by magic; perhaps being surprised that we agree? (Perhaps thanking the deity for this agreement.)
§RFM VII
164[3]Daraus siehst Du nur, wieviel zu der Physiognomie dessen gehört, was wir im alltäglichen Leben “einer Regel folgen” nennen!
From this you can see how much belongs to the physiognomy of what we call “following a rule” in everyday life!
§RFM VII
164[4]Man folgt der Regel ‘mechanisch’. Man vergleicht sich also mit einem Mechanismus.
One follows the rule ‘mechanically’. One compares oneself to a mechanism.
§RFM VII
164[5]“Mechanisch”, das heißt: ohne zu denken. Aber ganz ohne zu denken? Ohne nachzudenken.
“Mechanically,” that is: without thinking. But completely without thinking? Without reflecting.
§RFM VII
165[1]Der Forscher könnte sagen: “Sie folgen Regeln, aber es sieht doch ganz anders aus, als bei uns.”
The researcher could say: “They follow rules, but it looks quite different from how it is with us.”
§RFM VII
165[2]“Sie gibt mir, verantwortungslos, dies, oder das ein” heißt: ich kann es Dich nicht lehren, wie ich der Linie folge. Ich setze nicht voraus, daß Du ihr folgen wirst wie ich, auch wenn Du ihr folgst.
“It gives me, irresponsibly, this or that” means: I cannot teach you how I follow the line. I do not assume that you will follow it as I do, even if you follow it.
§RFM VII
165[3]21.03.1944
Eine Addition von Formen, in der gewisse Glieder verschmelzen spielt in unserm Leben eine sehr geringe Rolle. – Wie wenn
&
die Figur
ergeben. Aber wäre dies eine wichtige Operation, so hätten wir vielleicht einen andern geläufigen Begriff von der arithmetischen Addition.
21.03.1944
An addition of shapes, in which certain elements merge, plays a very small role in our lives. – As if
&
gave the figure
But if this were an important operation, then perhaps we would have a different, more common concept of arithmetic addition.
§RFM VII
165[4] &166[1]
Daß man ein Boot, einen Hut, etc. aus einem quadratischen Stück Papier (nach gewissen Regeln) falten kann, ist uns natürlich als geometrische Tatsache zu betrachten, nicht der Physik. Aber ist Geometrie, so verstanden, nicht ein Teil der Physik? Nein; wir spalten die Geometrie von der Physik ab. Die geometrische Möglichkeit von der physikalischen. Aber wie, wenn man sie beisammen ließe? Wenn man einfach sagte: “wenn Du das & das & das mit dem Stück Papier tust, wird dies herauskommen”? Was zu tun ist, könnte durch einen Reim gegeben werden. Ist es denn nicht möglich, daß jemand zwischen den beiden Möglichkeiten gar nicht unterscheidet? Wie etwa ein Kind, das diese Technik lernt. Es weiß nicht, & denkt nicht darüber nach, ob diese Resultate des Faltens nur möglich sind weil das Papier sich dabei in der & der Weise dehnt, verzerrt, oder, weil es sich nicht verzerrt.
That one can fold a boat, a hat, etc. from a square piece of paper (according to certain rules) is, of course, to be regarded as a geometrical fact, not a physical one. But isn’t geometry, understood in this way, a part of physics? No; we separate geometry from physics. The geometrical possibility from the physical one. But what if one left them together? If one simply said: “If you do this & that & that with the piece of paper, this will come out”? What needs to be done could be given in a rhyme. Is it not possible that someone does not distinguish between the two possibilities at all? Like a child who is learning this technique. He does not know, & does not think about it, whether these results of folding are only possible because the paper stretches, distorts in this or that way, or because it does not distort.
§RFM VII
166[2] &167[1]
Und ist es nun nicht auch so in der Arithmetik? Warum sollten Leute nicht rechnen lernen können ohne einen Begriff von einer mathematischen & einer physikalischen Tatsache. Sie wissen nur, daß das immer herauskommt, wenn sie gut achtgeben & tun was man sie gelehrt hat. Denken wir uns, während wir rechneten veränderten sich die Ziffern sprungweise auf dem Papier. Eine Eins würde plötzlich zu einer 6 dann zu einer 5, dann wieder zu einer 1 u.s.f. Und ich will einmal annehmen, das änderte an der Rechnung gar nichts, weil, sowie ich eine Ziffer ablese um mit ihr zu rechnen, oder sie anzuwenden, sie wieder zu der würde, die wir bei unserm Rechnen vor uns haben. Dabei sähe man aber wohl während des Rechnens wie die Ziffern sich ändern; wir sind aber instruiert uns darum weiter nicht zu kümmern. Dieses Rechnen könnte natürlich, auch wenn wir die obige Annahme nicht machen, zu brauchbaren Resultaten führen. Wir rechnen hier streng nach Regeln, & doch muß dies Resultat nicht herauskommen. – Ich nehme an, daß wir keinerlei Gesetzmäßigkeit in dem Wechsel der Ziffern sehen.
And isn’t it the case in arithmetic too? Why shouldn’t people be able to learn to calculate without a concept of a mathematical & a physical fact. They only know that this is what comes out when they pay close attention & do what they have been taught. Let us imagine that the digits change abruptly on the paper while we are calculating. A one would suddenly become a 6, then a 5, then back to a 1, and so on. And I will assume that this does not change the calculation at all, because, as soon as I read a digit in order to calculate with it, or apply it, it returns to the one that we have in front of us in our calculation. While this is happening, one would of course see how the digits change; but we are instructed not to pay any more attention to it. This calculation could, of course, even if we do not make the above assumption, lead to usable results. We calculate strictly according to rules, & yet this result does not have to come out. – I assume that we see no regularity in the change of the digits.
§RFM VII
167[2] &168[1]
Ich will sagen: Man könnte dieses Rechnen wirklich als ein Experimentieren auffassen, & z.B. sagen: “versuchen wir was jetzt herauskommt, wenn ich diese Regel anwende”.
I want to say: One could really conceive of this calculation as an experiment, & for example, say: “Let us try what comes out now if I apply this rule.”
§RFM VII
168[2]Oder auch: “Machen wir dieses Experiment: schreiben wir die Ziffern mit einer Tinte von dieser Zusammensetzung … & rechnen nach der Regel ….
Or also: “Let us do this experiment: write the digits with ink of this composition … & calculate according to the rule ….
§RFM VII
168[3]Nun könntest Du natürlich sagen: “Dieses Manipulieren von Ziffern nach Regeln ist (nun) kein Rechnen.
Now, of course, one could say: “This manipulation of digits according to rules is (now) not calculation.”
§RFM VII
168[4]“Wir rechnen nur, wenn hinter dem Resultat ein Muß steht.” – Aber wenn wir nun nur dieses Muß nicht wissen, – liegt es da dennoch in der Rechnung? Oder rechnen wir nicht, wenn wir es sozusagen ganz naiv tun?
“We only calculate if there is a purpose behind the result.” – But if we don’t even know this purpose, does it still lie in the calculation? Or do we not calculate if we do it in a completely naive way?
§RFM VII
168[5] &169[1]
Wie ist es damit: Der rechnet nicht, der, wenn ihm einmal das, einmal jenes herauskommt & er einen Fehler nicht finden kann, sich damit abfindet & sagt: es zeige sich eben, daß gewisse noch unbekannte Umstände das Ergebnis beeinflussen.
What about this: He does not calculate who, when he gets one result one time and another the next & cannot find an error, resigns himself to it & says: it just shows that certain as yet unknown circumstances influence the result.
§RFM VII
169[2]Man könnte das so ausdrücken: Wer die Rechnung zum Finden eines kausalen Zusammenhangs verwendet, rechnet nicht.
One could put it this way: Whoever uses calculation to find a causal connection is not calculating.
§RFM VII
169[3]Die Kinder werden nicht nur im Rechnen geübt, sondern auch in einer ganz bestimmten Stellungnahme gegen einen Rechenfehler.
Children are not only practiced in calculation, but also in a very specific way of responding to a calculation error.
§RFM VII
169[4]Was ich sage, kommt darauf hinaus, die Mathematik sei normativ. Aber “Norm” bedeutet nicht dasselbe, wie “Ideal”.
What I am saying amounts to saying that mathematics is normative. But “norm” does not mean the same as “ideal”.
§
169[5]Denke Dir Menschen, die eine Linie immer impressionistisch nachzeichneten.
Imagine people who always draw a line impressionistically.
§
169[6] &170[1]
‘Mit Zungen reden’. Könnte man sich auch denken, daß das die ganze Sprache der Menschen wäre? Wäre so eine Sprache dann ähnlich wie die von Tieren?
‘Speaking with tongues’. Could one also imagine that this is the whole language of human beings? Would such a language then be similar to that of animals?
§
170[2]Hätte ich das Sprachspiel (2) fundamentaler beschreiben können, als ich es tat? Nein. – Aber was könnte einen verleiten, das zu denken? Ist es, weil wir keinem Grund trauen wollen, der nicht begründet ist?
Could I have described the language-game (2) in a more fundamental way than I did? No. – But what might lead one to think that? Is it because we do not want to trust any ground that is not grounded?
§
170[3]Statt “ich deute sie mir so” sollte ich sagen: “sie deutet sich mir nun so”.
Instead of “I interpret it in this way,” I should say: “it interprets itself to me in this way.”
§
170[4]Warum aber nicht sagen, was wir tatsächlich in solchen Fällen sagen; nämlich: “Das heißt, ich muß nun so handeln …”?
But why not say what we actually say in such cases; namely: “That is, I must now act in this way …”?
§
170[5]Was kann die Beschreibung des Sprachspiels mehr tun, als ihm ein Bild zu zeichnen? – Und wenn er mehr will; was will er dann?
What more can the description of the language-game do than to give it a picture? – And if it wants more; what does it want?
§
170[6] &171[1]
Die Lösung mancher Probleme kannst Du nicht einfach durch denken, sondern nur durch üben erhalten.
You cannot simply obtain the solution to some problems by thinking, but only by practicing.
§RFM VII
171[2]22.03.1944
Die Einführung einer neuen Schlußregel kann man als Übergang zu einem neuen Sprachspiel auffassen. Ich stelle mir eines vor, in welchem etwa eine Person ‘p ⊃ q’ aussagt, eine andere ‘p’, & eine dritte den Schluß zieht.
22.03.1944
The introduction of a new rule of inference can be regarded as a transition to a new language-game. I imagine one in which one person states ‘p ⊃ q’, another ‘p’, and a third draws the inference.
§RFM VII
171[3]Ist es möglich, zu beobachten, daß eine Fläche rot & blau gefärbt ist; & nicht zu beobachten, daß sie rot ist? Denk Dir, man verwende eine Art Farbadjektiv für Dinge, die halb rot halb blau sind: Man sagt sie seien ‘bu’. Könnte nun jemand nicht darauf trainiert sein, zu beobachten, ob etwas bu ist; & nicht darauf, ob es auch rot ist? Dieser würde dann nur zu melden wissen: “bu”, oder “nicht bu”. Und wir würden aus der ersten Meldung den Schluß ziehen, die Fläche enthalte rot.
Is it possible to observe that an area is colored red and blue; and not to observe that it is red? Imagine that one uses a kind of color adjective for things that are half red, half blue: one says they are ‘bu’. Could someone not be trained to observe whether something is bu; and not to observe whether it is also red? This person would then only know how to report: “bu,” or “not bu”. And we would draw the conclusion from the first report that the area contains red.
§RFM VII
172[1]23.03.1944
Ich stelle mir vor, daß die Beobachtung durch ein psychologisches Sieb geschieht, das z.B. nur das Faktum durchläßt, die Fläche sei blau-weiß-rot (französische Trikolore), oder sei es nicht.
23.03.1944
I imagine that observation takes place through a psychological sieve that, for example, only allows the fact that the area is blue-white-red (French tricolor), or is not, to pass through.
§RFM VII
172[2]Ist es nun eine besondere Beobachtung, die Fläche sei zum Teil rot, wie kann dies logisch aus dem Vorigen folgen. Die Logik kann uns doch nicht sagen, was wir beobachten müssen.
Now, is it a special observation that the area is partly red; how can this logically follow from the above? Logic cannot tell us what we have to observe.
§RFM VII
172[3]Jemand zählt Äpfel in einer Kiste; er zählt bis 100. Ein Andrer sagt: “also sind jedenfalls 50 Äpfel in der Kiste” (das ist alles, was ihn interessiert). Das ist doch ein logischer Schluß; ist es aber nicht auch eine besondere Erfahrung?
Someone counts apples in a box; he counts to 100. Another says: “so there are at least 50 apples in the box” (that is all that interests him). This is a logical inference; but is it not also a special experience?
§RFM VII
172[4] &173[1]
Eine Fläche, in eine Anzahl von Streifen geteilt, wird von mehreren Leuten beobachtet. Die Farben der Streifen ändern sich, alle
zu gleicher Zeit, immer nach je einer Minute. Jetzt sind die Farben: rot, grün, blau, schwarz, schwarz, blau. Es wird beobachtet: rot ∙ blau ⊃ schwarz ․⊃․ weiß Es wird auch beobachtet: ~ grün ⊃ ~ weiß und Einer zieht den Schluß: ~ grün ⊃ rot ∙ blau ∙ ~ schwarz Und diese Implikationen sind ‘material implications’ in Russells Sinn.
An area, divided into a number of strips, is observed by several people. The colors of the strips change, all
at the same time, always after one minute. Now the colors are: red, green, blue, black, black, blue. It is observed: red ∙ blue ⊃ black ․⊃․ white It is also observed: ~ green ⊃ ~ white And one draws the conclusion: ~ green ⊃ red ∙ blue ∙ ~ black And these implications are ‘material implications’ in Russell’s sense.
§RFM VII
173[2] &174[1]
Aber kann man denn, daß
r ․ b ⊃ s ․⊃․ w,
beobachten? Beobachtet man nicht Farben-Zusammenstellungen, also etwa, daß r ∙ b ∙ s ∙ w; & leitet dann jenen Satz ab? Aber kann Einer bei der Beobachtung einer Fläche nicht ganz von der Frage eingenommen sein, ob sie sich grün, oder nicht grün färben wird; & wenn er nun sieht: ~g, muß er auf die besondere Farbe der Fläche aufmerksam sein? Und könnte einer nicht ganz von dem Aspekt r ∙ b ⊃ s ․⊃․ w eingenommen sein? Wenn er z.B. dazu angelernt worden wäre, alles andere vergessend, nur unter diesem Gesichtspunkt die Fläche zu betrachten. (Es könnte den Menschen unter bestimmten Verhältnissen gleichgültig sein, ob Gegenstände rot, oder grün sind; von Wichtigkeit aber, ob sie eine dieser Farben, oder eine dritte besitzen. Und es könnte in diesem Falle ein Farbwort für “rot oder grün” geben.)
But can one actually observe that
r ∙ b ⊃ s ∙⊃∙ w,
or does one not observe color combinations, that is, something like r ∙ b ∙ s ∙ w; & then derive that sentence? But when observing an area, can one not be entirely focused on the question of whether it will turn green, or not green; & if he then sees: ~g, must he then pay attention to the particular color of the area? And could one not be entirely focused on the aspect r ∙ b ⊃ s ∙⊃∙ w? For example, if one had learned to consider the area only from this perspective, forgetting everything else. (Under certain circumstances, it might be irrelevant to people whether objects are red or green; what matters is whether they possess one of these colors or a third. And in this case, there might be a color word for “red or green.”)
§RFM VII
174[2]Wenn man aber beobachten kann, daß
r ∙ b ⊃ s ․⊃․ w
&
~g ⊃ ~w,
dann kann man ja auch beobachten, & nicht bloß schließen, daß
~g ⊃ r ∙ b ∙ ~s.
If, however, one can observe that
r ∙ b ⊃ s ∙⊃∙ w
&
~g ⊃ ~w,
then one can also observe, & not just infer, that
~g ⊃ r ∙ b ∙ ~s.
§RFM VII
175[1]Wenn dies drei Beobachtungen sind, dann muß es auch möglich sein, daß, die dritte Beobachtung, nicht mit dem logischen Schluß aus den beiden ersten übereinstimmt.
If these are three observations, then it must also be possible that the third observation does not agree with the logical inference from the first two.
§RFM VII
175[2]Angenommen die Menschen berechnen die Entwicklung von π immer weiter & weiter. Der allwissende Gott weiß also, ob sie bis zur Zeit des Weltuntergangs zu einer Figur 777 gekommen sein werden. Aber kann seine Allwissenheit entscheiden, ob die Menschen nach dem Weltuntergang zu jener Figur gekommen wären? Sie kann es nicht. Ich will sagen: Auch Gott kann Mathematisches nur durch Mathematik entscheiden. Auch für ihn kann die bloße Regel des Entwickelns nichts entscheiden, was sie für uns nicht entscheidet.
Suppose people continue to calculate the development of π further and further. The omniscient God therefore knows whether they will have arrived at the figure 777 by the time of the end of the world. But can His knowledge determine whether people would have arrived at that figure after the end of the world? It cannot. What I want to say is: Even God can determine mathematical matters only through mathematics. Even for him, the mere rule of calculation cannot determine anything that it does not determine for us.
§RFM VII
175[3] &176[1]
Man könnte das so sagen: Ist uns die Regel der Entwicklung gegeben, so kann uns nun eine Rechnung lehren, daß an der fünften Stelle die Ziffer “2” steht. Hätte Gott dies, ohne diese Rechnung, bloß aus der Entwicklungsregel wissen können? Ich will sagen: Nein.
One could put it this way: If the rule of development is given to us, then a calculation can now teach us that the digit “2” is in the fifth position. Could God have known this, without this calculation, merely from the rule of development? What I mean is: No.
§RFM VII
176[2]24.03.1944
[→ ←] Ist es denn also denkbar, daß einer beim Beobachten einer Fläche die Verbindung Rot-&-Schwarz sieht (etwa als Flagge), aber, wenn er sich (nun) drauf einstellt, eine der beiden Hälften zu sehen, statt des Rot ein Blau sieht? Nun, Du hast es gerade beschrieben. – Es wäre etwa so, wie wenn jemand auf eine Gruppe von Äpfeln schaute & sie ihm immer als zwei Gruppen von je zwei Äpfeln erschienen, so wie er aber versuchte, sie mit dem Blick zusammenzufassen, erschienen sie ihm als 5. Dies wäre ein sehr merkwürdiges Phänomen. Und es ist keines, von deren Möglichkeit wir Notiz nehmen.
24.03.1944
[→ ←] Is it then conceivable that someone, when observing an area, sees the combination of red & black (for example, as a flag), but, when he now sets out to see one of the two halves, instead of red, sees blue? Well, you have just described it. – It would be something like when someone looks at a group of apples & they always appear to him as two groups of two apples, but as he tries to combine them in his gaze, they appear to him as 5. This would be a very remarkable phenomenon. And it is not one of which we take note.
§RFM VII
176[3] &177[1]
25.03.1944
Erinnere Dich dran, daß ein Rhombus, als Raute angesehen, nicht wie ein Parallelogramm ausschaut. Nicht aber, als schienen seine gegenüberliegenden Seiten nicht parallel zu sein, sondern der Parallelismus fällt uns nicht auf.
25.03.1944
Remember that a rhombus, when viewed as a diamond, does not look like a parallelogram. Not that its opposite sides do not appear parallel, but rather that the parallelism does not strike us.
§RFM VII
177[2]Ich könnte mir denken, daß Einer sagt, er sähe einen weiß & gelben Stern aber nichts Gelbes – weil er den Stern gleichsam als eine Verbindung von Farbteilen sieht, die er nicht zu trennen vermag.
I could imagine that someone says he sees a white & yellow star but nothing yellow – because he sees the star as a combination of color parts that he cannot separate.
§RFM VII
177[3]Er hatte z.B. Figuren vor sich, wie diese
Gefragt, ob er ein rotes Fünfeck sieht & würde er ‘ja’ sagen; gefragt ob er ein gelbes sieht: ‘nein’. Ebenso sagt er er sehe ein blaues Dreieck, aber kein rotes. – Aufmerksam gemacht sagte er etwa: “Ja, jetzt seh ich's; ich hatte die Sterne nicht so aufgefaßt.” Und so könnte es ihm auch vorkommen, man könne die Farben im Stern nicht trennen, weil man die Formen nicht trennen kann.
He had, for example, figures in front of him, such as these:
Asked whether he sees a red pentagon, he would say ‘yes’; asked whether he sees a yellow one: ‘no’. Similarly, he says he sees a blue triangle, but no red one. – When pointed out, he might say something like: “Yes, now I see it; I hadn’t considered the stars in that way.” And so it might also seem to him that one cannot separate the colors in the star because one cannot separate the shapes.
§RFM VII
177[4] &178[1]
Der kann die Geographie einer Landschaft nicht übersehen lernen, der so langsam in ihr sich fortbewegt, daß er das eine Stück vergessen hat, wenn er zu einem andern kommt.
The person who moves through a landscape so slowly that he forgets one section when he arrives at another cannot learn to overlook the geography of the landscape.
§
178[2]26.03.1944
Denke, es gebe kein schriftliches Rechnen (oder es wäre verboten). Wir rechnen alles mündlich, & bei längeren Rechnungen gibt es oft Diskrepanzen. Wir würden diese durch verschiedene Maßregeln herabzudrücken suchen; dann aber nicht sagen eine Multiplikation habe natürlich nur ein richtiges Ergebnis, das wir allerdings nicht mit Sicherheit kennen; sondern: die Technik des Multiplizierens ergebe nicht immer genau das gleiche Resultat, sei aber brauchbar für unsere Zwecke. (Ja, vielleicht gerade deswegen.)
26.03.1944
I think there is no written calculation (or it would be forbidden). We do all calculations orally, & with longer calculations, there are often discrepancies. We would try to reduce these through various measures; but then we would not say that a multiplication naturally has only one correct result, which, however, we do not know with certainty; but: the technique of multiplying does not always produce exactly the same result, but it is usable for our purposes. (Yes, perhaps precisely for that reason.)
§RFM VII
178[3] &179[1]
29.03.1944
Warum rede ich immer vom Zwang durch die Regel; warum nicht davon, daß ich ihr folgen wollen kann? Denn das ist ja ebenso wichtig. Aber ich will auch nicht sagen, die Regel zwinge mich so & so zu handeln, sondern sie mache es mir möglich, mich an ihr anzuhalten & von ihr zwingen zu lassen.
March 29, 1944
Why do I always speak of the compulsion imposed by the rule; why not of the fact that I want to follow it? For that is just as important. But I also do not want to say that the rule compels me to act in such and such a way, but rather that it makes it possible for me to adhere to it and allow myself to be compelled by it.
§RFM VII
179[2]Und wer, z.B., ein Spiel spielt, der hält sich an seine Regeln. Und es ist eine interessante Tatsache, daß Menschen zum Vergnügen Regeln aufstellen & sich dann nach ihnen halten.
And whoever, for example, plays a game, adheres to its rules. And it is an interesting fact that people set up rules for pleasure & then adhere to them.
§RFM VII
179[3] &180[1]
Meine Frage war eigentlich: “wie kann man sich an eine Regel halten?” Und das Bild, das einem hier vorschweben könnte, wäre das eines kurzen Stücks Geländer, durch das ich mich weiter soll führen lassen, als das Geländer reicht. [Aber da ist doch nichts; aber da ist doch nicht nichts!] Denn wenn ich Frage “wie kann man sich …”, so heißt es, daß mir hier etwas paradox erscheint; also ein Bild mich verwirrt.
My question was actually: “how can one adhere to a rule?” And the image that might float before one here would be that of a short piece of railing, by which I should let myself be further guided than the railing extends. [But there is nothing there; but there isn't nothing there!] For if I ask “how can one adhere to…”, it means that something seems paradoxical to me here; so an image confuses me.
§RFM VII
180[2]“Daß das auch rot ist, daran habe ich gar nicht gedacht; ich habe es nur als Teil des mehrfärbigen Ornaments gesehen.”
“The fact that it is also red, I didn't think about that; I just saw it as part of the multicolored ornament.”
§RFM VII
180[3]Logischer Schluß ist ein Übergang der gerechtfertigt ist, wenn er einem bestimmten Paradigma folgt & dessen Rechtmäßigkeit von sonst nichts abhängt.
A logical deduction is a transition that is justified if it follows a certain paradigm & its legitimacy depends on nothing else.
§RFM VII
180[4]Wir sagen: “Wenn ihr beim Multiplizieren wirklich der Regel folgt, muß das Gleiche herauskommen.” Nun, wenn dies nur die etwas hysterische Ausdrucksweise der Universitätssprache ist, so braucht sie uns nicht sehr zu interessieren. Es ist aber der Ausdruck einer Einstellung zu der Technik des Rechnens, die sich überall in unserm Leben zeigt. Die Emphase des Muß entspricht nur der Unerbittlichkeit dieser Einstellung sowohl zur Technik des Rechnens, als auch zu unzähligen verwandten Techniken.
We say: “If you really follow the rule when multiplying, the same thing must come out.” Well, if this is only the somewhat hysterical expression of university language, then we don't need to be very interested in it. But it is the expression of an attitude towards the technique of calculation, which is evident everywhere in our lives. The emphasis on ‘must’ only corresponds to the implacability of this attitude both towards the technique of calculation and towards countless related techniques.
§RFM VII
181[1]Das mathematische Muß ist nur ein andrer Ausdruck dafür, daß die Mathematik Begriffe bildet. Und Begriffe dienen zum Begreifen. Sie entsprechen einer bestimmten Behandlung der Sachlagen.
Mathematical necessity is only another expression of the fact that mathematics forms concepts. And concepts serve to grasp. They correspond to a certain treatment of the situations.
§RFM VII
181[2]Die Mathematik bildet ein Netz von Normen.
Mathematics forms a network of norms.
§
181[3]Es ist wie wenn ein Maßkörper mehrere Facetten hätte & mit ihnen verschiedene Gegenstände zugleich & ihre gegenseitige Lage mäße.
It is as if a measuring body had several facets & with them measures different objects at the same time & their mutual relationship.
§
181[4]Wir messen Längen von Gegenständen mit Eisenstäben & nicht mit Teigstäben.
We measure the lengths of objects with iron rods & not with dough rods.
§RFM VII
181[5] &182[1]
Es ist möglich, den Komplex aus A & B sehen, ohne A, oder B, zu sehen. Es ist auch möglich, den Komplex einen “Komplex von A & B” zu nennen & zu denken, diese Benennung deutete nur auf eine Art Verwandtschaft dieses Ganzen mit A & mit B hin. Es ist also möglich, zu sagen, man sehe den Komplex von A & B, aber weder A noch B. Etwa wie man sagen könnte, es sei hier ein rötlich-gelb, aber weder rot noch gelb.
It is possible to see the complex of A & B without seeing A or B. It is also possible to call the complex a “complex of A & B” & to think that this name only indicates a kind of relationship of this whole with A & with B. It is therefore possible to say that one sees the complex of A & B, but neither A nor B. It is as if one could say that there is a reddish-yellow color here, but neither red nor yellow.
§RFM VII
182[2]Kann ich nun A & B vor mir haben & auch beide sehen, aber nur A⌵B beobachten? Nun, in gewissem Sinne ist das doch möglich. Und zwar dachte ich mir es so, daß der Beobachter von einem gewissen Aspekt eingenommen sei; daß er etwa eine bestimmte Art von Paradigma vor sich habe, in einer bestimmten Routine der Anwendung begriffen sei. – Und wie er nun auf A⌵B eingestellt sein kann, so (doch) auch auf A ∙ B. Es fällt ihm also nur A ∙ B auf & nicht, z.B., A. Auf A⌵B eingestellt sein heiße, könnte man sagen, mit dem Begriff ‘A⌵B’ auf die & die Situation zu reagieren. Und genauso kann man's natürlich auch mit A ∙ B tun.
Can I now have A & B in front of me & also see both, but only observe A⌵B? Well, in a certain sense, that is possible. And I imagined it like this, that the observer is taken by a certain aspect; that he has a certain kind of paradigm in front of him, is engaged in a certain routine of application. – And just as he can be set on A⌵B, so also (indeed) on A ∙ B. He is only aware of A ∙ B & not, for example, A. To be set on A⌵B means, one could say, to react to the situation with the concept ‘A⌵B’. And one can of course do the same with A ∙ B.
§RFM VII
182[3] &183[1]
Sagen wir: es interessiert Einen nur A ∙ B, & er urteilt also, was immer geschieht, nur “A ∙ B”, oder “~ (A ∙ B)”; so kann ich mir denken, daß er “A ∙ B” urteilt & auf die Frage “siehst Du B?” sagt “nein, ich sehe A ∙ B”. Etwa wie mancher der A ∙ B sieht nicht zugeben wird, er sehe A⌵B.
Let us say: one is only interested in A ∙ B, & thus judges, whatever happens, only “A ∙ B” or “~ (A ∙ B)”; then I can imagine that he judges “A ∙ B” & when asked “do you see B?” says “no, I see A ∙ B”. It is as if some people who see A ∙ B will not admit that they see A⌵B.
§RFM VII
183[2]30.03.1944
Aber die Fläche ‘ganz rot sehen’ & ‘ganz blau sehen’ sind doch gewiß ‘echte’ Erfahrungen, & doch sagen wir, Einer könne sie nicht zugleich haben.
30.03.1944
But the experience of ‘seeing the surface entirely red’ & ‘seeing it entirely blue’ are certainly ‘real’ experiences, & yet we say that one cannot have them at the same time.
§RFM VII
183[3]Wenn er uns nun versicherte, er sehe diese Fläche ganz rot & zugleich ganz blau? Wir müßten sagen: “Du machst Dich uns nicht verständlich”.
If he now assured us that he sees this surface entirely red and at the same time entirely blue? We would have to say: “You are not making yourself understood.”
§RFM VII
183[4]Der Satz 1 Fuß = … cm ist bei uns zeitlos. Man könnte sich aber auch den Fall denken, in welchem sich das Fußmaß & das Metermaß nach & nach etwas veränderten & dann immer wieder verglichen werden müßten um in einander umgerechnet zu werden.
The sentence “1 foot = … cm” is timeless with us. But one could also imagine the case in which the foot measure and the meter measure gradually change and then always have to be compared in order to be converted into one another.
§RFM VII
183[5]Ist aber nicht auch bei uns das Verhältnis der Längen des Meters & Fußes experimentell bestimmt worden? Doch; aber das Ergebnis wurde zu einer Regel gestempelt.
But isn’t the relationship between the lengths of the meter and the foot also experimentally determined with us? Yes; but the result was stamped as a rule.
§
184[1]Die Mathematik hat schon alles vorbereitet.
Mathematics has already prepared everything.
§
184[2]“Eine Reihe hat doch für uns ein﹖ Gesicht!” Wohl; aber welches? – Nun doch das algebraische, & das eines Stücks der Entwicklung. Oder hat sie sonst noch eins? – “Aber in dem liegt doch schon alles!” – Aber das ist keine Feststellung über das Reihenstück, oder über etwas, was wir darin erblicken; sondern der Ausdruck dafür, daß wir nur auf den Mund der Regel schauen & tun, & an keine weitere Anleitung appellieren.
“A series surely has a﹖ face for us!” Probably; but which one? – Now, the algebraic one, & that of a piece of the development. Or does it have another one? – “But that already contains everything!” – But that is not a statement about the series, or about something that we perceive in it; rather, it is the expression that we only look at the “mouth” of the rule & do, & do not appeal to any further instruction.
§
184[3]Der Vorgang des Ableitens hat einen Grund (Boden).
The process of derivation has a basis.
§
184[4]“Aber Du siehst doch …” Nun das ist eben die charakteristische Äußerung Eines, der von der Regel gezwungen ist.
“But you see…” Now that is precisely the characteristic utterance of one who is constrained by the rule.
§
184[5]Also so, ein Bild kommt Dir vor Augen! – könnte ich sagen.
So, an image comes to mind! – I could say.
§
184[6] &185[1]
“Aber darin liegt doch schon alles!” Nun, was willst Du mehr? Das ist eben der Ausruf den diese Situation Und es ist nun eine andere Frage, warum ich geneigt bin gerade dies zu sagen. Denn zur Anwendung der Regel gehört das ja nicht.
“But that already contains everything!” Well, what more do you want? That is precisely the exclamation that this situation evokes. And it is now a different question why I am inclined to say precisely this. Because that does not belong to the application of the rule.
§
185[2]Woher die Idee, es wäre die angefangene Reihe ein sichtbares Stück unsichtbar bis in's unendliche gelegter Geleise?
Where does the idea come from that the begun series is a visible piece of track laid invisibly into infinity?
§
185[3]Warum aber: “es liegt doch schon alles in ihr”? – Ich brauche nur noch die Kurbel drehen, alles übrige macht die Maschine. Und die Kurbel drehen ist etwas so Einfaches: ich kann es automatisch tun.
But why: “it already contains everything”? – I only need to turn the crank, and the machine does everything else. And turning the crank is something so simple: I can do it automatically.
§
185[4]Ich glaube im Reihenstück ganz fein eine Zeichnung zu erblicken, die nur mehr das “u.s.w.” bedarf um in die Unendlichkeit zu reichen.
I think I see a fine drawing in the series, which only needs the “etc.” to extend into infinity.
§
185[5] &186[1]
“Ich erblicke ein Charakteristikum in ihr.” – Nun, doch etwas, was dem algebraischen Ausdruck entspricht. – “Ja, aber nichts Geschriebenes, sondern förmlich etwas ätherisches.” – Welches seltsame Bild. – “Etwas, was nicht der algebraische Ausdruck ist, sondern wofür dieser nur eben der Ausdruck ist.”
“I perceive a characteristic in it.” – Well, something that corresponds to the algebraic expression. – “Yes, but nothing written, rather something ethereal.” – What a strange image. – “Something that is not the algebraic expression, but for which this is merely the expression.”
§
186[2]Ich erblicke etwas in ihr – ähnlich wie die Gestalt im Vexierbild. Und sehe ich das, so sage ich: “das ist alles, was ich brauche.” – Wer den Wegweiser findet, sucht nun nicht nach einer weiteren Instruktion, sondern er geht. (Und sagte ich statt “er geht”– “er richtet sich nun nach ihm”, so könnte der Unterschied der beiden nur sein, daß der zweite Ausdruck auf gewisse psychologische Begleiterscheinungen anspielt.)
I perceive something in it—similar to the figure in a picture puzzle. And when I see that, I say: “That is all I need.” – Whoever finds the signpost does not now look for further instructions, but rather sets off. (And if instead of “he sets off” I were to say “he now follows it,” the difference between the two might simply be that the second expression alludes to certain psychological accompaniments.)
§
186[3] &187[1]
Die Regel kann mich in mehr als einem Sinne zwingen. Durch die Macht der Gewohnheit, z.B. oder menschlicher Gesetze. Aber an diesen Zwang denke ich nicht. Sondern an den Zwang, der darin liegt, daß die Regel schon alles vorgemacht hat, was ich ihr nachmachen kann; daß sie in logischer Schrift schon alles vorgeschrieben hat.
The rule can compel me in more senses. Through the power of habit, for example, or through human laws. But I am not thinking of this compulsion. Rather, I am thinking of the compulsion that lies in the fact that the rule has already demonstrated everything I can imitate; that it has already prescribed everything in logical writing.
§
187[2]Einer Regel folgen: da gibt es viele verschiedene charakteristische Arten des Benehmens. [Lesen.]
Following a rule: there are many different characteristic types of behavior. [Read.]
§
187[3]“Wie kann ich einer Regel folgen?” Nun, was kann ich mehr tun, als zu beschreiben, wie man ihr folgt; als einen besonderen Fall beschreiben? – Und ist das nun eine Erklärung? – Für Manchen ist es eine. – Und habe ich mehr als ich gebe? Nein; mehr habe ich nicht.
“How can I follow a rule?” Well, what more can I do than describe how to follow it; than describe a particular case? – And is that an explanation? – For some, it is. – And do I have more than I give? No; I have no more.
§
187[4]Das ist eben eine Beschreibung des Vorgangs ‘einer Regel folgen’.
That is simply a description of the process of ‘following a rule’.
§
187[5] &188[1]
Wenn ich auf dem Mars ein Wesen beobachtete das auf einen Wegweiser-ähnlichen Gegenstand schaut & ihm dann parallel geht, so hätte ich keine Berechtigung zu sagen, es folge ihm, auch wenn ich alle seine Gefühle in diesem Augenblick kennte. “Aber er muß doch wissen ob er dem Zeichen folgt!” – Nicht durch Introspektion!
If I observed a being on Mars that looked at an object similar to a signpost and then walked parallel to it, I would have no right to say that it was following it, even if I knew all its feelings at that moment. “But it must know whether it is following the sign!” – Not through introspection!
§
188[2]Man kann einer Regel nicht einmal folgen.
One cannot even follow a rule.
§
188[3]Wenn in der Geschichte einmal ein Mensch eine Multiplikation, sagen wir 127 × 938, ausgeführt hätte, dann hätte er, was immer seine gedanklichen Prozesse dabei waren, nicht multipliziert.
If, at some point in history, a person had performed a multiplication—say, 127 × 938—then, whatever his thoughts were at the time, he would not have multiplied.
§
188[4]Damit es mir erscheinen kann, als hätte die Regel alle ihre Folgesätze zum voraus erzeugt, müssen sie mir selbstverständlich erscheinen. So selbstverständlich, wie es mir ist, diese Farbe “blau” zu nennen.
For it to seem to me as if the rule had produced all its corollaries in advance, they must appear self-evident to me. As self-evident as it is to me to call this color “blue.”
§
188[5]31.03.1944
Wozu spielt die Mathematik mit den Begriffen? – Sie macht sie für unsere Zwecke brauchbar.
03/31/1944
Why does mathematics play with concepts? – It makes them usable for our purposes.
§
188[6] &189[1]
13.04.1944
Was wir “Sprache” nennen ist eine Institution. Es könnte nicht einmal in der Geschichte der Menschheit ein Satz ausgesprochen, & verstanden, werden. Und so auch kein Befehl & keine Regel. (Vergleiche damit den Gedankengang über Idealismus & Solipsismus & die Möglichkeit einer ‘privaten Sprache’.)
April 13, 1944
What we call “language” is an institution. Not even a single sentence could ever have been uttered and understood in the history of humanity. And thus neither a command nor a rule. (Make a comparison of this with the line of thought on idealism and solipsism and the possibility of a ‘private language’.)
§RFM VII
189[2]Inwiefern kann man sagen, ein Satz der Arithmetik gebe uns einen Begriff? Nun, denken wir uns ihn nicht als Satz, als Entscheidung einer Frage, sondern als eine, irgendwie anerkannte, Verbindung von Begriffen.
In what sense can one say that a sentence of arithmetic gives us a concept? Well, let us not think of it as a sentence, as the decision of a question, but as a, in some way, recognized connection of concepts.
§
189[3]Die mathematischen Sätze als Katalognummern der Beweise (Ursell). Wie wüßte man sonst, welchen Satz wir den vom Beweis bewiesenen nennen sollten? Wie ist es aber mit unbewiesenen Sätzen? Nun, die warten eben noch auf Beweise, die sie katalogisieren, oder sie sind ihre eigenen Beweise (Axiome).
The mathematical sentences as catalog numbers of the proofs (primal form). How else would one know which sentence we should call the one proven by the proof? But what about unproven sentences? Well, they are just waiting for proofs that will catalog them, or they are their own proofs (axioms).
§
190[1]Der Beweis verschafft dem Satz Anerkennung.
The proof confers recognition on the sentence.
§
190[2]Der Beweis knüpft eine Kette von Begriffsverbindungen.
The proof establishes a chain of connections of concepts.
§
190[3]Der Beweis reiht den Satz in ein System ein.
The proof incorporates the sentence into a system.
§
190[4] &191[1]
Könnte man sagen, daß der Beweis von 25² = 625 zeigt inwiefern 25² = 625 ist? – Das heißt eigentlich: “könnte man den Sinn (den Gebrauch) eines math. Satzes dadurch erklären, daß man zeigt, was als sein Beweis gelten soll?” Es ist zweifellos, daß der Beweis nicht nur diesem Satz im Gegensatz zu einem andern Anerkennung verschafft, sondern uns auch zeigt warum man so einen Satz überhaupt ausspricht. Kinder, wenn sie den Anfang der Arithmetik lernen, werden nicht drauf aufmerksam gemacht, daß 4 + 5 auch etwas andres sein könnte als 9. Sie lernen aus einer Reihe von 4 Kugeln & einer von 5 eine von 9 machen, & eine Reihe von 9 in eine von 4 & eine von 5 zerlegen. Sie üben einen Vorgang ein & lernen (dabei) einen Satz sagen. Den Vorgang kann man den Beweis des Satzes nennen, aber er gibt vor allem dem Satz seine Anwendung.
Could one say that the proof of 25² = 625 shows in what sense 25² = 625? – That actually means: “Could one provide an explanation of the sense (the use) of a mathematical proposition by showing what is to serve as its proof?” There is no doubt that the proof not only gives this proposition recognition in contrast to another, but also shows us why one utters such a proposition in the first place. Children, when they learn the basics of arithmetic, are not made aware that 4 + 5 could be something other than 9. They learn to make a set of 9 from a set of 4 balls and a set of 5, and to break down a set of 9 into a set of 4 and a set of 5. They practice a procedure and learn (in the process) to state a theorem. This process can be called the proof of the theorem, but above all, it gives the theorem its application.
§
191[2]Der Satz & der Beweis müssen jeder in anderem Sinne eine Begriffsverbindung sein. – Das will eigentlich sagen, daß man den Satz & den Beweis auf wesentlich andere Weise verwendet. Nun, ich beweise den Satz zuerst, & dann verwende ich ihn (z.B.) als Paradigma für Urteilsübergänge. Der Beweis überredet mich dazu, den Satz zu gebrauchen oder: überzeugt mich davon, daß ich den Satz gebrauchen darf.
The theorem and the proof must each be a conceptual connection in a different sense. – This actually wants to say that one uses the theorem and the proof in fundamentally different ways. Well, I prove the theorem first, and then I use it (e.g.) as a paradigm for transitions in judgment. The proof persuades me to use the theorem, or: convinces me that I may use the theorem.
§RFM VII
191[3]Das gleichgesetzte 25² & 625 gibt mir nun, könnte man sagen, einen neuen Begriff. Und der Beweis zeigt, was es mit dieser Gleichheit für eine Bewandtnis hat. – “Einen neuen Begriff geben” kann nur heißen, eine neue Begriffsverwendung einführen, eine neue Praxis.
The equated 25² & 625 now gives me, one could say, a new concept. And the proof shows what the nature of this equality is. – “Giving a new concept” can only mean introducing a new use of concepts, a new practice.
§RFM VII
192[1]“Wie kann man den Satz von seinem Beweis loslösen?” Dieser Satz zeigt natürlich eine falsche Auffassung.
“How can one separate the sentence from its proof?” This sentence clearly shows a false conception.
§RFM VII
192[2]Der Beweis ist eine Umgebung des Satzes.
The proof is a context of the sentence.
§RFM VII
192[3]‘Begriff’ ist ein vager Begriff.
‘Concept’ is a vague concept.
§RFM VII
192[4]Nicht in jedem Sprachspiel gibt es etwas, was man “Begriffe” nennen wird.
Not every language-game has something that one will call “concepts.”
§RFM VII
192[5]Begriff ist etwas wie ein Bild, womit man Gegenstände vergleicht.
A concept is something like a picture with which one compares objects.
§RFM VII
192[6] &193[1]
Gibt es im Sprachspiel (2) Begriffe? Aber man könnte es leicht so erweitern, daß “Platte”, “Würfel”, etc. zu Begriffswörtern würden. Z.B. durch eine Technik des Beschreibens oder Abbildens jener Gegenstände. Es ist natürlich keine scharfe Grenze zwischen Sprachspielen, die mit Begriffen arbeiten, & andern. Wichtig ist, daß das Wort “Begriff” sich auf eine Art von Behelf im Mechanismus der Sprachspiele bezieht.
Are there concepts in language-game (2)? But one could easily extend it so that “plate,” “cube,” etc. would become concept words. E.g. through a technique of describing or depicting those objects. There is, of course, no sharp boundary between language-games that work with concepts & others. The important thing is that the word “concept” refers to a kind of tool in the mechanism of language-games.
§RFM VII
193[2] &194[1]
Betrachte einen Mechanismus. Etwa den:
Während der Punkt A einen Kreis beschreibt, beschreibt B eine Acht. Wir schreiben das nun als einen kinematischen Satz. Indem ich den Mechanismus umtreibe, beweist mir seine Bewegung den Satz; wie eine Konstruktion auf dem Papier es täte. Der Satz entspricht etwa einem Bild des Mechanismus mit den eingezeichneten Bahnen der Punkte A & B. Er ist also in gewisser Beziehung ein Bild jener Bewegung. Er hält das fest, wovon mich der Beweis überzeugt. Oder – wozu er mich überredet.
Consider a mechanism. For example, this one:
While point A describes a circle, B describes a figure-eight. We now write this as a kinematic proposition. By operating the mechanism, its movement provides me with a proof of the proposition; just as a construction on paper would do. The proposition corresponds roughly to an image of the mechanism with the paths of points A & B drawn in. It is thus, in a certain sense, an image of that movement. It captures what the proof convinces me of. Or—what it persuades me to believe.
§
194[2]Wenn mir nun der Beweis einen neuen Begriff gibt; was tut der bewiesene Satz? Man könnte sagen: der bewiesene Satz spielt auf diesen Begriff an.
If the proof now gives me a new concept; what does the proven sentence do? One could say: the proven sentence refers to this concept.
§RFM VII
194[3]Wenn der Beweis das Vorgehn nach der Regel registriert, so erzeugt er (dadurch) einen neuen Begriff.
If the proof records the procedure according to the rule, then it (thereby) creates a new concept.
§RFM VII
194[4] &195[1]
Indem er einen neuen Begriff erzeugt, überzeugt er mich von etwas. Denn zu dieser Überzeugung ist es wesentlich, daß das Vorgehn nach diesen Regeln immer das gleiche Bild erzeugen muß. (‘Gleich’ nämlich nach unsern gewöhnlichen Regeln des Vergleichens & Kopierens.)
By creating a new concept, it convinces me of something. For this conviction, it is essential that proceeding according to these rules must always produce the same picture. (‘Same’ according to our usual rules of comparison & copying.)
§RFM VII
195[2]Damit hängt es zusammen, daß man sagen kann, der Beweis müsse das Bestehen einer internen Relation zeigen. Denn die interne Relation ist die Operation, die eine Struktur aus der andern erzeugt als äquivalent angesehen mit dem Bild dieses Übergangs selbst – so daß nun der Übergang dieser Bilderreihe gemäß eo ipso ein Übergang jenen Regeln gemäß ist.
This is connected to the fact that one can say that the proof must demonstrate the existence of an internal relation. For the internal relation is the operation that generates one structure from the other, considered as equivalent to the picture of this transition itself—so that now the transition of this series of pictures is, eo ipso, a transition according to those rules.
§RFM VII
195[3]Indem der Beweis einen Begriff erzeugt, überzeugt er mich von etwas. Wovon er mich überzeugt, ist in dem Satz ausgesprochen, den er bewiesen hat.
By creating a concept, the proof convinces me of something. What it convinces me of is expressed in the sentence that it has proven.
§RFM VII
195[4] &196[1]
Problem: Bedeutet das Wort “mathematisch” jedesmal das Gleiche: wenn wir von ‘mathematischen’ Begriffen, von ‘mathematischen’ Sätzen & von ‘mathematischen’ Beweisen reden? |
Problem: Does the word “mathematical” mean the same thing every time: when we speak of ‘mathematical’ concepts, ‘mathematical’ sentences, & ‘mathematical’ proofs?
§RFM VII
196[2]19.04.1944
Was hat nun der bewiesene Satz mit dem Begriff zu tun den der Beweis schuf? Oder, was hat der bewiesene Satz mit der internen Relation zu tun, die der Beweis demonstrierte?
April 19, 1944
What does the proven sentence have to do with the concept that the proof created? Or, what does the proven sentence have to do with the internal relation that the proof demonstrated?
§RFM VII
196[3]Das Beweisbild ist ein Instrument des Überzeugens.
The proof-image is an instrument of persuasion.
§RFM VII
196[4]Es ist klar, man kann auch den unbewiesenen math. Satz anwenden; ja auch den falschen. Der math. Satz sagt mir dann: Verfahre so!
It is clear that one can also apply the unproven mathematical sentence; yes, even the false one. The mathematical sentence then tells me: Proceed in this way!
§RFM VII
196[5]“Wenn uns der Beweis überzeugt, dann müssen wir auch von den Axiomen überzeugt sein“. Nicht als von empirischen Sätzen; das ist ihre Rolle nicht. Sie sind im Sprachspiel von der Verifikation durch die Erfahrung ausgeschlossen. Sind nicht Erfahrungssätze sondern Prinzipien des Urteilens.
“If the proof convinces us, then we must also be convinced of the axioms.” Not as of empirical sentences; that is not their role. They are excluded from the language-game of verification through experience. They are not empirical sentences but principles of judgment.
§
197[1]Der Beweis überredet mich, so zu verfahren. Der bewiesene Satz sagt: “verfahre so!”
The proof persuades me to proceed in this way. The proven sentence says: “Proceed in this way!”
§RFM VII
197[2]Ein Sprachspiel: Wie habe ich mir eins vorzustellen, in dem Axiome, Beweise & bewiesene Sätze auftreten?
A language-game: How can one imagine one in which axioms, proofs, & proven sentences occur?
§RFM VII
197[3] &198[1]
Wer in der Schule zum erstenmal ein bißchen von der Logik hört, der ist sogleich davon überzeugt, wenn man ihm sagt, ein Satz implizierte sich selbst, oder wenn er nun den Satz vom Widerspruch lernt, oder des ausgeschlossenen Dritten. – Warum ist er gleich davon überzeugt? Nun, diese Gesetze passen ganz in den Gebrauch der Sprache, der ihm so geläufig ist. Dann lernt er etwa kompliziertere Sätze der Logik beweisen. Die Beweise werden ihm vorgeführt, & er ist wieder überzeugt; oder er erfindet einen Beweis selber. Er lernt so neue Techniken des Schließens. Und auch, auf welche Rechnung es zu setzen ist, wenn (nun) Fehler sich zeigen.
Whoever hears a little about logic for the first time in school is immediately convinced when he is told that a sentence implies itself, or when he now learns the law of contradiction, or the law of the excluded middle. Why is he immediately convinced? Well, these laws fit perfectly into the use of language that is so familiar to him. Then he learns to prove more complicated sentences of logic. The proofs are demonstrated to him, & he is convinced again; or he invents a proof himself. He thus learns new techniques of inference. And also, what calculation to use when (now) errors appear.
§RFM VII
198[2]Der Beweis überzeugt ihn, daß er an dem Satz, an der Technik, die er vorschreibt, festhalten muß; aber er zeigt ihm zugleich, wie er an dem Satz festhalten kann, ohne Gefahr zu laufen mit einer Erfahrung in Konflikt zu geraten.
The proof convinces him that he must adhere to the sentence, to the technique that it prescribes; but it also shows him how he can adhere to the sentence without running the risk of coming into conflict with an experience.
§
198[3]Der Philosoph ist der, der in sich viele Krankheiten des Verstandes heilen muß, ehe er zu den Notionen des gesunden Menschenverstandes kommen kann.
The philosopher is the one who must cure many diseases of the mind in himself before he can come to the notions of common sense.
§RFM VII
198[4]Jeder Beweis in der angewandten Mathematik kann aufgefaßt werden als ein Beweis der reinen Mathematik, welcher beweist daß dieser Satz aus diesen Sätzen folgt, oder aus ihnen durch die & die Operationen zu erhalten ist; etc.
Every proof in applied mathematics can be understood as a proof in pure mathematics, which demonstrates that this proposition follows from these propositions, or can be derived from them through the relevant operations; etc.
§RFM VII
198[5]Der Beweis ist ein bestimmter Gang. Wenn wir ihn beschreiben, so werden Ursachen nicht genannt.
The proof is a specific procedure. When we describe it, causes are not mentioned.
§RFM VII
199[1]Ich handle auf den Beweis hin. – Aber wie? – Dem Satz gemäß der bewiesen wurde.
I act according to the proof. But how? According to the sentence that was proven.
§RFM VII
199[2]Der Beweis hat mich etwa eine Technik des Approximierens gelehrt. Aber er hat doch etwas bewiesen, mich von etwas überzeugt. Das spricht der Satz aus. Er sagt, was ich nun auf den Beweis hin tun werde.
The proof has taught me, for example, a technique of approximation. But it has indeed proven something, convinced me of something. That is what the sentence expresses. It states what I will now do in light of the proof.
§RFM VII
199[3]Der Beweis gehört zum Hintergrund des Satzes. Zum System, in dem der Satz wirkt.
The proof belongs to the background of the sentence. To the system in which the sentence operates.
§RFM VII
199[4]Sieh', so geben 3 und 2 5. Merk Dir diesen Vorgang!
See, 3 and 2 make 5. Remember this process!
§RFM VII
199[5] &200[1]
Jeder Erfahrungssatz kann als Regel dienen wenn man ihn – wie einen Maschinenteil – feststellt, unbeweglich macht, so daß sich nun alle Darstellung um ihn dreht & er zu einem Teil des Koordinatensystems wird & unabhängig von den Tatsachen.
Every empirical sentence can serve as a rule if one fixes it—like a machine part—makes it immobile, so that all representation now revolves around it & it becomes part of the coordinate system and is independent of the facts.
§RFM VII
200[2]“So ist es, wenn dieser Satz aus diesen abgeleitet wird. Das mußt Du doch zugeben.” – Was ich zugebe ist, daß ich so einen Vorgang so nenne.
“That is how it is when this sentence is derived from those. You must admit that.” – What I admit is that I call such a process by that name.
§
200[3]–
– – Und ist denn diese Reihe nicht eben durch diese Folge definiert? – Nicht durch die Folge; aber durch eine Regel; oder durch die Abrichtung zum Gebrauch der Regel.
–
– – And isn’t this series defined precisely by this sequence? – Not by the sequence; but by a rule; or by the training to use the rule.
§
200[4]Ich kann jemand dazu abrichten, einer Regel zu folgen. Und als Einleitung dazu lehre ich ihn, etwa gewisse gleichmäßige Tätigkeiten ausführen: Z.B. eine Linie wie diese
weiter & weiter zu ziehen.
I can train someone to follow a rule. And as an introduction to this, I teach him, for example, to perform certain uniform actions: e.g., to continue this line
further & further.
§
201[1]“Die Regel bestimmt, was ich auf jeder Stufe zu schreiben habe.” Das kann man so auffassen, wie: “Die Konstruktion des Mechanismus bestimmt die Bewegung dieses Teils für jede Lage der Kurbel die ihn antreibt”. Der Mensch ist also die Maschine, die mit Hilfe der Regel, des Befehls, der die Regel enthielt, der Abrichtung im Befolgen von Befehlen (etc.) gezwungen wurde, auf dieser Stufe dies zu schreiben (so zu handeln).
“The rule determines what I have to write at each step.” One can understand this in the same way as: “The construction of the mechanism determines the movement of this part for each position of the crank that drives it.” Thus, the human is the machine that, with the help of the rule, the command that contained the rule, the training in following commands (etc.), was forced to write this at this step (to act thus).
§
201[2] &202[1]
“Aber auch ohne den Zwang des Befehls funktioniert die Regel doch wie eine endliche, oder unendliche Vorlage, nach der ich mich richten kann.” Z.B. wenn die Regel ist, im Dezimalsystem von einer Kardinalzahl zur nächsten fortzuschreiten. – Nun, der Ausdruck der Regel ist entweder ein allgemeiner, etwa algebraischer, oder er ist ein Stück der Reihe mit dem Und-so-weiter. Wie aber kann man das eine Vorlage nennen nach der ein beliebig langes Stück der Reihe angeschrieben werden kann? (Hier ist es nun so leicht zu denken, daß die eigentliche Vorlage in unserer Seele existiere. Aber denke daran daß ja diese geistige Vorlage selbst durch Zeichen hervorgerufen werden mußte; & auch, daß die Vorlage erst noch in ihre Kopie übersetzt werden will. Und wenn sich mein Geist nach den Zeichen richten konnte, warum dann nicht gleich meine Hand?)
“But even without the compulsion of the command, the rule still functions as a finite or infinite template that I can follow.” For example, if the rule is to proceed from one cardinal number to the next in the decimal system. – Well, the expression of the rule is either a general one, such as an algebraic one, or it is a segment of the sequence with the “and so on.” But how can one call that a template according to which an arbitrarily long segment of the sequence can be written down? (Here it is so easy to think that the actual template exists in our soul. But remember that this mental template itself had to be evoked by signs; and also that the template still wants to be translated into its copy. And if my mind could follow the signs, why not my hand as well?)
§
202[2]Nun, eines ist gewiß: Man kann nach der Regel eine Zeichenfolge aufschreiben & die als Vorlage gebrauchen. Und das ist wichtig.
Well, one thing is certain: one can write down a sequence of signs according to the rule & use it as a template. And that is important.
§
202[3] &203[1] &
204[1]
Wie führt mich also die Regel? (Etwa die Werte von hinzuschreiben, wenn x die Kardinalzahlen durchläuft.) – Ich sehe etwa die Regel immer wieder an, murmle Rechnungen vor mich hin & schreibe eine Folge von Zahlen. Ferner: Ich gebe Einem der mit meinen Zahlen nicht einverstanden ist gewisse Gründe & Erklärungen meines Handelns. Wie aber, wenn diese Gründe & Erklärungen niemand überzeugten? Wenn Alle sagten, ich schriebe die Zahlen regellos & ohne Rechtfertigung. Nun, das wäre ähnlich, wie wenn die Menschen plötzlich meine Sprache nicht mehr verstünden; wenn ich etwa eines Morgens aufwachte & alle Menschen um mich sprächen eine mir völlig fremde Sprache & gäben Zeichen des Erstaunens, sobald sie mich reden hörten. Was würde ich da sagen? Daß alle Andern ihre Sprache geändert & die alte vergessen hätten; oder daß ich meine Sprache über Nacht geändert habe, oder überhaupt keine Sprache mehr spreche. Nun es würde darauf ankommen, ob ich im Stande wäre ihre Sprache zu lernen & sie meine, oder ob es zu keiner Verständigung käme. Was ich in diesem Falle sagen würde, weiß ich nicht. Wie sollte ich sagen, was wahr ist. Sie würden mich vielleicht in ein Irrenhaus sperren, & ich daraus zu entrinnen suchen. Ich kann mir aber vorstellen, daß ich von der Veränderung so erschüttert wäre, daß ich mich nicht trauen würde, ein Urteil auszusprechen.
How does the rule guide me, then? (For example, to write down the values of as x goes through the cardinal numbers.) – I look at the rule again and again, mumble calculations to myself & write down a sequence of numbers. Furthermore: I give someone who disagrees with my numbers certain reasons & explanations for my actions. But what if these reasons & explanations convinced no one? If everyone said that I was writing the numbers without rules & without justification. Well, that would be similar to when people suddenly no longer understand my language; if I were to wake up one morning & all the people around me spoke a language completely foreign to me & gave signs of astonishment as soon as they heard me speak. What would I say then? That everyone else had changed their language & forgotten the old one; or that I had changed my language overnight, or that I no longer speak a language at all. Now it would depend on whether I was able to learn their language & they mine, or whether there would be no communication. What I would say in this case, I do not know. How could I say what is true? They might put me in an asylum, & I would try to escape from it. But I can imagine that I would be so shaken by the change that I would not dare to express a judgment.
§
205[1]03.07.1944
“Aber wie kann mich eine Regel lehren, was ich an dieser Stelle zu tun habe? – Was immer ich tue, ist doch durch irgend eine Deutung mit der Regel zu vereinbaren.” Nein; so sollte es nicht heißen. Sondern so: “Jede Deutung hängt, mitsamt dem Gedeuteten, in der Luft & kann es also nicht an einem Platz festhalten.”
07/03/1944
“But how can a rule teach me what I have to do at this point? – Whatever I do is always to be reconciled with the rule by some interpretation.” No; that is not what should be said. But rather: “Every interpretation, together with what is interpreted, hangs in the air & can therefore not hold onto a place.”
§
205[2]“Also ist, was immer ich tue, mit der Regel vereinbar?” – Laß mich so fragen: Was hat denn der Ausdruck der Regel (der Wegweiser z.B.), wieviele Deutungen immer ich ihm hinzufüge, mit meinen Handlungen zu tun? Welche Beziehung besteht da überhaupt? – Etwa die: ich bin zu einem Reagieren auf diese Zeichen abgerichtet, & nun reagiere ich auf sie so & so.
“So is whatever I do compatible with the rule?” – Let me put it this way: What has the expression of the rule (the signpost, for example), with however many interpretations I add to it, to do with my actions? What relationship exists between them at all? – Perhaps this: I am trained to react to these signs, and now I react to them in this way or that.
§
206[1]Denn das ist klar: Es ist nicht möglich, daß in der Geschichte der Menschheit einmal nur einer Regel (einem Wegweiser etwa) gefolgt würde. Es ist nicht möglich daß nur einmal in der Geschichte der Menschheit eine Mitteilung gemacht; ein Befehl gegeben & verstanden, oder ein Gedanke gedacht worden wäre. Und die Unmöglichkeit ist hier die logische. Einen Satz aussprechen & verstehen heißt eine Sprache sprechen & verstehen.
For it is clear that it is not possible that in the history of mankind, only once a rule (e.g., a signpost) was followed. It is not possible that only once in the history of mankind a communication was made; a command given and understood, or a thought thought. And the impossibility here is the logical one. To utter and understand a sentence means to speak and understand a language.
§
206[2] &207[1]
So wie es auch unmöglich ist, daß nur einmal in der Geschichte Menschen ein Spiel gespielt hätten. – Aber ist es denn undenkbar, daß nur einmal zwei Leute sich zu einem Schachbrett gesetzt & eine Schachpartie gespielt hätten? Es ist natürlich denkbar, daß diese Leute alle Handlungen einer Schachpartie vollzogen hätten. Ja, wenn Du irgend welche begleitende Vorgänge & Zustände für eine Schachpartie wesentlich hältst, können auch diese stattgehabt haben. Aber mit welchem Recht könnte man das alles ein Spiel nennen. Es könnte ebensowohl die zwecklose Handlung zweier Wahnsinniger sein. Was wir “Spiel” nennen ist eine menschliche Gepflogenheit mit einem bestimmten Platz unter andern menschlichen Gepflogenheiten. Und ebenso ist das auch die Sprache in allen ihren Formen.
Just as it is also impossible that only once in the history of mankind people played a game. – But is it unthinkable that only once two people sat down at a chessboard and played a game of chess? It is of course conceivable that these people carried out all the actions of a game of chess. Yes, if you consider any accompanying processes and states to be essential for a game of chess, these too may have taken place. But on what grounds could one call all this a game? It could just as easily be the purposeless action of two madmen. What we call a “game” is a human custom with a certain place among other human customs. And so is language in all its forms.
§
207[2] &208[1]
Bedenke auch dies. Ich kann heute ein Spiel erfinden, das dann eben nie von mir, oder Andern gespielt wird. – Wie wäre aber das: “Die Menschen haben nie Spiele gespielt, aber einmal hat ein Mensch ein Spiel erfunden; es ist allerdings dann nicht gespielt worden”?
Also consider this. I can invent a game today that is then never played by me or others. – But how would this be: “People have never played games, but once a person invented a game; it was, however, not played”?
§
208[2] &209[1]
Einer Regel folgen, das ist analog dem, einem Befehl zu folgen. Auch dazu werde ich abgerichtet. Und nun reagiere ich auf ihn in bestimmter Weise. Wie aber, wenn Andere anders auf den Befehl & die Abrichtung reagieren? Wer hat dann Recht? Ich käme zu einem fremden Stamm & Einer gäbe scheinbar in der mir unbekannten Sprache einen Befehl; seine Gebärde, Stimme, & die Situation legt es mir nahe daß es ein Befehl ist. Ich höre diese Laute oder Worte von verschiedenen Menschen bei verschiedenen Gelegenheiten im gleichen Ton ausgesprochen, sehe aber keine Regelmäßigkeit in den Reaktionen der Anderen, an die die Worte gerichtet werden. Werde ich sie da einen Befehl nennen? In den Reaktionen auf einen Befehl muß es Gleichförmigkeit geben.
Following a rule is analogous to following a command. I am also trained to do this. And now I react to it in a certain way. But what if others react differently to the command and the training? Who then is right? I come to a foreign tribe, and one of them appears to give a command in a language unknown to me; his gestures, voice, and the situation suggest to me that it is a command. I hear these sounds or words spoken by different people on different occasions in the same tone, but I see no regularity in the reactions of the others to whom the words are addressed. Will I call it a command? There must be uniformity in the reactions to a command.
§
209[2] &210[1]
So erkläre ich also, was Befehl & was Regel heißt durch Gleichförmigkeit also durch Regelmäßigkeit?! Wie erkläre ich “gleich”, wie erkläre ich “regelmäßig”? Nun, Einem der z.B. Französisch spricht werde ich diese Worte durch die entsprechende französischen erklären. Einem aber der, wie wir sagen könnten, die Begriffe noch nicht hat, werde ich die Wörter durch Beispiele & Übung gebrauchen lehren. Und dabei gebe ich ihm nicht weniger als ich selbst habe. Ich werde ihm also in diesem Unterricht gleiche Farben, gleiche Längen, gleiche Gesichter usw. zeigen; u.s.w.. Ich werde ihm ‘regelmäßige’ Figuren zeigen, ihn anleiten, Figurenreihen regelmäßig fortzusetzen. Etwa eine Reihe u.s.w. u.s.w. Es wird mir aber vielleicht auch gelingen ihm eine andere Art der Regelmäßigkeit zu lehren so daß er etwa die Reihe so fortsetzt usw. Ich mach's ihm vor, er macht es mir nach & ich verwende Ausdrücke, Gebärden, der Zufriedenheit, der Unzufriedenheit, der Erwartung usw..
So, do I provide an explanation of what a command and what a rule mean through uniformity—that is, through regularity?! How do I explain “uniform,” how do I explain “regular”? Well, to someone who speaks French, for example, I will provide an explanation using the corresponding French terms. But to someone who, as we might say, does not yet have these concepts, I will teach the words by using examples and practice. And in doing so, I give them no less than I myself possess. So in this lesson, I will show them identical colors, identical lengths, identical faces, etc., etc. I will show them “regular” figures and guide them to continue series of figures with regularity. For example, a series , etc., etc. But perhaps I will also succeed in teaching him another kind of regularity, so that he continues the series as , etc. I demonstrate it to him, he imitates me, and I use expressions and gestures of satisfaction, dissatisfaction, expectation, etc.
§
210[2] &211[1]
Aber erklärst Du ihm wirklich alles, was Du selbst verstehst? – Läßt Du ihn nicht doch die Tendenz Deiner Erklärungen erraten? Denn Du gibst ihm doch immer nur eine begrenzte Zahl von Beispielen; er aber soll erraten, wie Du sie meinst, was Deine Absicht ist. – Eine Erklärung, die ich mir selbst geben kann, gebe ich auch ihm. – “Er errät, was ich meine”, hieße: ihm schweben mehrere Interpretationen vor, & er rät auf eine von ihnen. Er könnte dann also fragen & ich könnte & würde ihm antworten.
But do you really explain to him everything that you yourself understand? – Don’t you let him guess the general meaning of your explanations after all? For you always give him only a limited number of examples; yet he is supposed to guess what you mean by them, what your intention is. – An explanation that I can give myself, I also give to him. – “He guesses what I mean” would mean: several interpretations occur to him, and he chooses one of them. He could then ask, and I could and would answer him.
§
211[2]Wie immer Du ihn im Fortsetzen der Reihe unterrichtest, wie kann er wissen, wie er sie selbständig fortzusetzen hat? Nun, wie weiß ich's selber? – Wenn das heißt: habe ich Gründe? so ist die Antwort: die Gründe werden mir bald ausgehen. Und ich werde dann ohne Gründe handeln.
However you instruct him in continuing the series , how can he know how to continue it independently? Well, how do I know it myself? – If that means: do I have reasons? then the answer is: the reasons will soon run out for me. And then I will act without reasons.
§
211[3] &212[1]
Wenn mir jemand, den ich fürchte, den Befehl gibt, die Reihe fortzusetzen, so werde ich schleunig , mit Sicherheit, handeln & das Fehlen von Gründen stört mich nicht.
If someone I fear gives me the order to continue the series , then I will quickly act, with certainty, & the lack of reasons does not bother me.
§
212[2]Aber es ist doch klar, daß dieser Reihenanfang verschieden (algebraisch) gedeutet werden konnte, & Du mußtest daher eine von diesen Deutungen wählen! Durchaus nicht. Es war, unter Umständen, ein (solcher) Zweifel möglich, aber das heißt nicht, daß ich gezweifelt habe, oder auch (nur), daß ich zweifeln konnte.
But surely it is clear that this beginning of the series could be interpreted differently (algebraically), and you therefore had to choose one of these interpretations! Not at all. Such a doubt was, under certain circumstances, possible, but that does not mean that I doubted, or even (merely) that I could have doubted.
§
212[3]Nur eine Intuition konnte diesen Zweifel heben? – Wenn sie eine Art innere Stimme ist– wie weiß ich wie ihr zu folgen ist. Und wie weiß ich, daß sie mich nicht irreleitet.
Could only an intuition dispel this doubt? – If it is a kind of inner voice, how do I know how to follow it? And how do I know that it will not mislead me?
§
212[4] &213[1]
So sagst Du also, daß die Übereinstimmung der Menschen bestimmt, was wahr & falsch ist? – Richtig & Unrichtig gibt es nur im Denken, also im Ausdruck der Gedanken; & der Ausdruck der Gedanken, die Sprache, ist den Menschen gemeinsam. Er ist eine Lebensform in der sie übereinstimmen (nicht eine Meinung).
So you are saying that the agreement of people determines what is true & false? – Right & wrong only exist in thinking, thus in the expression of thoughts; & the expression of thoughts, language, is common to people. It is a form of life in which they agree (not an opinion).
§
213[2] &214[1]
Wäre es denn aber nicht denkbar, daß jeder Mensch nur für sich selbst dächte, nur zu sich selbst redete? (In diesem Fall könnte dann auch jeder seine eigene Sprache haben.)
§ Es gibt Fälle, in welchen wir sagen, Einer ermahne sich selbst; befehle, gehorche, bestrafe, tadle, frage & antworte sich selber. Dann kann es also Menschen geben, die nur die Sprachspiele kennen, die jeder mit sich selbst spielt. Ja es wäre denkbar, daß solche Menschen ein reiches Vokabular hätten. Wir können uns denken, daß ein Forscher in ihr Land käme & beobachtete, wie jeder von ihnen seine Tätigkeiten mit artikulierten Lauten begleitet, sich aber dabei nicht an Andere wendet. Der Forscher kommt irgendwie auf den Gedanken daß diese Leute Selbstgespräche führen, belauscht sie bei ihren Tätigkeiten & es gelingt ihm eine wahrscheinliche Übersetzung ihrer Reden in unsere Sprache. Er ist durch das Lernen ihrer Sprache auch in den Stand gesetzt Handlungen vorauszusagen welche die Leute später ausführen, denn manches was sie sagen ist der Ausdruck von Vorsätzen & Entschlüssen oder Vorsätzen. (Wie diese Leute ihre Sprache haben lernen können ist hier gleichgültig.)
But wouldn’t it be conceivable that every person thinks only for themselves, speaks only to themselves? (In that case, everyone could also have their own language.)
§ There are cases in which we say that someone admonishes themselves; commands, obeys, punishes, reproaches, asks, and answers themselves. So there may indeed be people who know only the language-games that everyone plays with themselves. Yes, it would be conceivable that such people would have a rich vocabulary. We can imagine that a researcher might come to their country and observe how each of them accompanies their activities with articulated sounds, yet does not address others in the process. The researcher somehow has the thought that these people are talking to themselves, eavesdrops on them during their activities, and succeeds in producing a plausible translation of their speech into our language. By learning their language, he is also able to predict actions that the people will later carry out, for much of what they say is the expression of intentions and resolutions. (How these people came to learn their language is irrelevant here.)
§
214[2] &215[1]
Aber wenn nun so ein Mensch sich selbst befiehlt auf diesen Baum zu klettern & wenn anderseits ich es mir befehle, der diesen Befehl nicht nur sich selbst, sondern auch einem Andern geben kann: ist der Gedanke dieses Befehls in beiden Fällen der gleiche? Das kannst Du beantworten, wie Du willst. Stell dir nur nicht vor, daß der Gedanke eine Begleitung des Sprechens ist. Stell Dir das Denken nicht vor wie den Text, der die Melodie des Lieds begleitet, sondern eher wie den ‘Ausdruck’ mit welchem das Lied gesungen wird.
But if such a person now commands himself to climb this tree, & on the other hand, I command myself, who can also give this command to another: is the thought of this command the same in both cases? You can answer that however you want. Just don't imagine that the thought is an accompaniment of the speaking. Don't imagine thinking as the text that accompanies the melody of the song, but rather as the 'expression' with which the song is sung.
§
215[2]Vom Worte “denken” könnte man sagen, es sei nicht ein Tätigkeitswort.
One could say that the word “think” is not a verb.
§
215[3] &216[1]
Wenn wir reden oder schreiben (nämlich nicht gedankenlos) so sind wir im allgemeinen nicht geneigt zu sagen wir dächten schneller als wir sprechen, sondern der Gedanke scheint solange zu dauern wie sein Ausdruck. Anderseits aber hören wir von der Schnelle des Gedankens, wie uns Gedanken blitzartig durch den Kopf gehen Probleme uns klar werden, etc. Geschieht nun hier mit großer Geschwindigkeit dasselbe was beim gewöhnlichen Sprechen langsam vorsichgeht, sodaß man beim blitzartigen Denken etwa mit ungeheurer Geschwindigkeit zu sich selbst spräche? Ich glaube, das wird man nicht sagen wollen.
When we speak or write (namely, not thoughtlessly), we are generally not inclined to say that we think faster than we speak, but rather the thought seems to last as long as its expression. On the other hand, we hear about the speed of thought, how thoughts flash through our minds, how problems become clear to us, etc. Is the same thing happening at great speed that happens slowly in ordinary speaking, so that in rapid thinking one would be speaking to oneself at an enormous speed? I don't think that's what one would want to say.
§
216[2] &217[1]
Mozart in einem berühmten Briefe schreibt, er sähe ein ganzes musikalisches Werk mit einem Schlage vor seinem Geiste. – Wie ist das möglich, hörte er es in rasendem Tempo gespielt vor seinem Geiste; oder gar so daß alle Töne gleichzeitig erklangen? Und mit welchem Rechte sagte er dann er habe ein Musikstück im Geiste wahrgenommen? Wie wußte er, daß ein Musikstück dem entsprach was er wahrnahm.
Mozart writes in a famous letter that he saw an entire musical work in one go before his mind. – How is that possible, did he hear it played at a rapid tempo before his mind; or even so that all the notes sounded simultaneously? And on what grounds did he then say that he had perceived a piece of music in his mind? How did he know that a piece of music corresponded to what he perceived?
§
217[2]“Diese ganze Lösung sah ich in einem Augenblick vor mir.” Du sahst sie gleichsam in der Verkürzung, aber wie weißt Du, daß es das war was Dir in der Verkürzung erschien? Kannst Du es mir, kannst Du es Dir selbst beweisen? – Aber dies bist Du zu sagen geneigt.
“I saw this whole solution in a single instant.” You saw it, as it were, in abbreviated form, but how do you know that it was that which appeared to you in abbreviated form? Can you prove it to me, can you prove it to yourself? – But you are inclined to say this.
§
217[3] &218[1]
“Jetzt weiß ich weiter!” ist ein Ausruf. Entsprechend einem Naturlaut, einem freudigen Aufzucken.
“Now I know how to go on!” is an exclamation. Corresponding to a natural sound, a joyful surge.
§
218[2]Ich kann in demselben Sinn blitzartig einen Gedankengang vor mir sehen, oder verstehen, wie ich ihn mit wenigen Worten, oder Strichen notieren kann. Was macht diese Notiz zu einer Zusammenfassung dieses Gedankens? Der Gebrauch, den ich von ihr mache.
In the same sense, I can suddenly see a train of thought before me, or understand it, in the way that I can note it down with a few words or strokes. What makes this note a summary of this thought? The use I make of it.
§
218[3]Das ‘erlösende Wort’ kann nur erlösen, weil es sozusagen, der Schlußstein zu einem Gebäude ist. Wer diese Voraussetzungen nicht hat, für den ist es nicht das erlösende Wort.
The ‘redeeming word’ can only redeem because it is, so to speak, the keystone of a building. For those who lack these prerequisites, it is not the redeeming word.
§
218[4] &219[1]
Wie das Lachen einem Witz, so folgt dieser Ausdruck, & etwa Worte wie “jetzt hab ich's!” dem Suchen nach einer Lösung.
Just as laughter follows a joke, so this expression, & words like “now I’ve got it!” follow the search for a solution.
§
219[2] &220[1]
Daraus, daß es uns erscheint, als wüßten wir nun weiter folgt nicht, daß wir auch wirklich weiter können, also nicht steckenbleiben, wenn wir versuchen weiter zu gehen. Hier kann es Fälle geben, in denen wir sagen: “als ich sagte, ich wisse weiter, da konnte ich fortsetzen, aber jetzt kann ich's nicht”. Das werden wir z.B. sagen wenn inzwischen eine unvorhergesehene Störung eingetreten ist. Aber das Unvorhergesehene durfte nicht einfach das sein, daß wir stecken blieben. Es wäre denkbar, daß Einer immer wieder solche Scheinerleuchtungen hätte; immer wieder ausriefe “Jetzt hab ich's!” & dies dann nie durch die Tat rechtfertigen könnte. Es schiene ihm vielleicht als vergäße er sofort wieder die Bedeutung des Bildes das ihm vorgeschwebt hatte.
From the fact that it seems to us as if we now know how to go on, it does not follow that we can actually go on, that we will not get stuck if we try to go on. There can be cases in which we say: “when I said I knew how to go on, I could continue, but now I can’t”. We will say this, for example, if in the meantime an unforeseen disturbance has occurred. But the unforeseen must not simply be that we get stuck. It is conceivable that someone would repeatedly have such fleeting moments of insight; repeatedly exclaim “Now I’ve got it!” & never be able to justify this by deed. It might seem to him as if he immediately forgot the meaning of the image that had flashed before him.
§
220[3]Uns interessiert die Tatsache, daß wir unter Umständen eine plötzliche Sicherheit fühlen, wir könnten einen Gedanken ausarbeiten; & daß uns diese Sicherheit sehr oft nicht trügt. Sie ist ähnlich der, ich werde die & die Melodie fortsetzen können, wenn mir Einer nur die ersten Takte angibt.
We are interested in the fact that under certain circumstances we feel a sudden certainty that we could elaborate on a thought; & that this certainty is very often not deceptive. It is similar to the fact that I will be able to continue the melody if someone only gives me the first few bars.
§
220[4] &221[1]
Man könnte hier sagen es handle sich eben um Induktion & ich sei so sicher wie ich es bin, daß dieser Stein zu Boden fallen wird, wenn ich ihn auslasse. Darauf kann man sagen daß man eben auch zu dieser Sicherheit keine Rechtfertigung braucht. Was könnte die Sicherheit mehr rechtfertigen als der Erfolg, oder so sehr rechtfertigen, wie der Erfolg?
One could say here that it is a matter of induction, & that I am as certain as I am that this stone will fall to the ground if I let it go. One can say that one does not need any justification for this certainty. What could justify the certainty more than success, or justify it as much as success?
§
221[2]Welchen Unterschied macht es, ob meine Sicherheit dem Andern wohl begründet erscheint, oder nicht?
What difference does it make if my certainty seems well-founded to the other person, or not?
§
221[3]Diese Betrachtungen werfen ein Licht auf die Grammatik des Wortes “Denken”, & zeigen daß diese grundverschieden ist von der der Worte “reden”, “schreiben”, etc.
These considerations shed light on the grammar of the word “thinking”, & show that it is fundamentally different from the grammar of the words “speaking”, “writing”, etc.
§
221[4] &222[1]
Die Private Sprache, die ich oben beschrieben habe ist eine solche, wie sie etwa Robinson auf seiner Insel hätte mit sich selbst sprechen können. Hätte ihn jemand belauscht & beobachtet, er hätte diese Sprache Robinsons lernen können. Denn die Bedeutungen der Worte zeigten sich im Verhalten Robinsons.
The private language that I described above is a language that Robinson, for example, could have spoken to himself on his island. If someone had listened to him & observed him, he could have learned this language of Robinson’s. Because the meanings of the words were manifested in Robinson’s behaviour.
§
222[2]Wäre aber nicht eine Sprache denkbar in der Einer für seinen eigenen Gebrauch seine privaten Empfindungen, seine inneren Erlebnisse ausspricht oder aufschreibt? Diese Sprache wäre dann natürlich nur für ihn selbst verständlich, denn niemand als er könnte je wissen worauf sich die Worte, Zeichen, der Sprache beziehen.
But wouldn’t a language be conceivable in which one expresses or writes down one’s private sensations, one’s inner experiences, for one’s own use? This language would then naturally only be understandable for him, because no one but him could ever know what the words, signs, of the language refer to.
§
222[3] &223[1]
Die Frage ist: Wie beziehen sich Wörter auf Empfindungen. Darin scheint kein Problem zu liegen; denn reden wir nicht immer wieder von Empfindungen & benennen sie? Z.B. Schmerzen aller Art, Trauer, Freude etc. etc. – Aber wie wird hier die Beziehung eines Namens mit der benannten Beziehung hergestellt. Denn wir können der Empfindung jedenfalls keinen Namenszettel ankleben. Nun, das Wort für die Empfindung wird mit einem natürlichen Ausdruck der Empfindung verbunden an die Stelle dieses Ausdrucks gesetzt. Das Kind hat sich verletzt, es schreit, & nun lehren es die Erwachsenen einen bestimmten Ausruf, Worte, – zuerst etwa der Kindersprache, später der Sprache der Erwachsenen.
The question is: How do words relate to sensations? There seems to be no problem with this; because don’t we always talk about sensations & name them? E.g. pains of all kinds, sorrow, joy, etc. etc. – But how is the relationship between a name & the named relationship established? Because we cannot in any case stick a name tag on the sensation. Well, the word for the sensation is combined with a natural expression of the sensation & put in place of this expression. The child has hurt itself, it screams, & now the adults teach it a certain exclamation, words – first, perhaps, in the language of children, later in the language of adults.
§
223[2] &224[1]
“Sagst Du also, daß das Wort ‘Schmerz’ ursprünglich das Schreien des Schmerzes bedeutet?” – Im Gegenteil. Es ersetzt das Schreien, aber sagt nicht daß Einer schreit. Die Worte “ich habe Schmerzen” werden zu einem Teil des Schmerz-Benehmens; & sagen daher nicht, daß jemand sich so benimmt. Und so sind alle sprachlichen Äußerungen der Empfindungen mit den ursprünglichen Empfindungsäußerungen verknüpft worden.
“So you mean that the word ‘pain’ originally meant the scream of pain?” – On the contrary. It replaces the scream, but doesn’t say that someone is screaming. The words “I am in pain” become part of the pain behaviour; & therefore don’t say that someone is behaving that way. And so all linguistic utterances of sensations have been linked to the original sensory expressions.
§
224[2] &225[1]
Inwiefern sind nun meine Empfindungen privat? Nun, nur ich kann wissen ob ich wirklich Schmerzen habe; der Andre kann es nur vermuten. – Das ist einerseits falsch, andrerseits unsinnig. Wenn wir “wissen” gebrauchen wie es normalerweise gebraucht wird (& wie, zum Teufel, sollen wir es denn gebrauchen?) dann wissen es Andre sehr oft, wenn ich Schmerzen habe. Ja, aber doch nicht mit der Sicherheit, mit der Du es selbst weißt? – Von mir kann man überhaupt (außer etwa im Spaß) nicht sagen: ich wisse, daß ich Schmerzen habe. Was soll es heißen? – außer etwa: daß ich Schmerzen habe. Man kann nicht sagen: die Anderen lernen meine Empfindungen nur durch mein Benehmen, denn von mir kann man nicht sagen ich lernte sie. Ich habe sie. Das ist richtig: es hat Sinn von Andern zu sagen, sie seien im Zweifel darüber, ob ich Schmerzen habe, aber nicht, es von mir selbst zu sagen.
In what way are my sensations private? Well, only I can know if I really have pain; the other person can only guess. – That is partly false, and partly nonsensical. If we use ‘know’ as it is normally used (& how on earth should we use it otherwise?) then others often know, when I have pain. Yes, but not with the same certainty with which you yourself know it? – One cannot say of me, at all (except perhaps in jest), that I know that I have pain. What is it supposed to mean? – except perhaps: that I have pain. One cannot say that others learn my sensations only through my behaviour, because one cannot say of me that I learn them. I have them. That is correct: it makes sense to say of others that they are in doubt about whether I have pain, but not to say it of myself.
§
225[2]Und das ist auch von Bedeutung für die Grammatik der sprachlichen Empfindungsäußerungen: Der Arzt fragt die Schwester “Hat er starke Schmerzen”. Die Schwester antwortet “Er stöhnt”. Der Patient aber sagt nicht “Ich stöhne”, sondern er stöhnt.
And that is also significant for the grammar of linguistic utterances of sensations: The doctor asks the nurse “Does he have severe pain?” The nurse replies “He is groaning”. But the patient does not say “I am groaning”, but he groans.
§
225[3] &226[1]
Nun zurück zu jener ganz privaten Sprache. Wie bezeichnet der, der sie zu sich selbst spricht, seine Empfindungen durch Worte? – So wie wir's auch tun? Sind also seine Empfindungsworte mit den natürlichen Empfindungsäußerungen verbunden? – Ja in diesem Falle ist seine Sprache nicht privat. – Aber wie, wenn er gar keine natürlichen Äußerungen der Empfindung, sondern nur die Empfindung besitzt? – Nehmen wir einen einfachen Fall an. Er möge sich eine Art Tagebuch anlegen und seine Empfindungen durch Zeichen in dieses Buch eintragen. Und zwar setzt er sich vor eine bestimmte Empfindung durch ein Kreuz zu vermerken. Wenn er sie also hat, macht er zu dem entsprechenden Tag jenes Zeichen.
Now back to that completely private language. How does the person who speaks it to himself designate his sensations by words? – Just as we do? So are his sensation words connected with the natural sensory expressions? – Yes, in that case his language is not private. – But how, if he has no natural expressions of sensation at all, but only the sensation itself? – Let us assume a simple case. He might keep a kind of diary & record his sensations in this book by means of signs. Namely, he sets out to mark a certain sensation with a cross. When he has it, he makes this sign on the corresponding day.
§
226[2] &227[1]
Zuerst muß ich sagen, daß er jenen Vorsatz, also die Definition des Zeichens, weder durch Worte, noch durch Gebärden, oder Schriftzeichen ausdrücken konnte. – Aber wie ist es nun mit dem Wiedererkennen der Empfindung? Das ist wohl auch eine Empfindung? Und wie weiß er, daß sie ihn berechtigt, wieder ein Kreuz hinzuschreiben? Wie erkennt er die Empfindung des Wiedererkennens? Soll ich sagen: er trägt ein Kreuz in's Tagebuch ein, wenn er glaubt die gleiche Empfindung, wie damals als er ihr den Namen gab, zu haben? Oder soll es heißen: wenn er dies zu glauben glaubt? Mit welchem Recht reden wir hier von ‘gleich’, von ‘Empfindung’, ‘wiedererkennen’ & ‘glauben’? Denn das sind ja alles Wörter unsrer allgemeinen Sprache.
First I must say that he could not express that intention, that is, the definition of the sign, either in words, or by gestures, or written characters. – But what about the recognition of the sensation? Isn’t that also a sensation? And how does he know that it entitles him to write a cross again? How does he recognize the sensation of recognition? Shall I say: he writes a cross in the diary when he believes he has the same sensation as he had at the time when he gave it a name? Or shall it mean: when he believes that he believes it? On what grounds are we talking here of ‘same’, of ‘sensation’, ‘recognizing’ & ‘believing’? Because these are all words of our general language.
§
227[2] &228[1]
Er hat ja eben kein Kriterium der Gleichheit! – Aber wenn er's nicht hat, dann haben wir's ja auch nicht & doch reden wir von gleichen Empfindungen. – Ja, aber wir brauchen hier kein Kriterium; sowenig wie eines dafür, daß wir Schmerzen haben. Denn wir in unsrer Sprache benützen die Äußerung des Schmerzes. Und wir benutzen sie zu verschiedenen Zwecken. Während wir vorgaben daß jener Mensch in seiner privaten Sprache die Empfindungen wie Dinge benennt, die er in einem Guckkasten sieht in den nur er allein schauen kann.
He doesn’t have a criterion of sameness! – But if he doesn’t have it, then we don’t have it either & yet we talk about the same sensations. – Yes, but we don’t need a criterion here; any more than we need one for the fact that we have pain. Because in our language we use the utterance of pain. And we use it for various purposes. Whereas we stipulated that that person in his private language names the sensations as things that he sees in a box that only he can look into.
§
228[2] &229[1]
“Du sagst also, wer hofft, glaubt, fürchtet, erwartet, das & das sei der Fall, werde eintreten, etc., bewege sich innerhalb einer Denktechnik, & daß es außerhalb einer solchen, & also außerhalb einer Gepflogenheit, kein Denken gibt; so wenig wie ein Sprechen außerhalb einer Sprache. (Plato nennt die Hoffnung eine Rede.) Aber ich weiß doch unmittelbar, es ist mir doch unmittelbar klar, daß ich (z.B.) etwas hoffen kann, ganz unabhängig davon, ob ich früher schon einmal etwas gehofft oder gedacht habe. Es ist mir klar, daß der Akt des Hoffens einzeln, für sich, existieren kann, logisch unabhängig von Früheren oder Späteren.” – Wenn Du hier (& in noch vielen andern Fällen) statt “es ist mir klar” sagtest: “ich bin geneigt, zu sagen …”, so stimmen wir überein; denn auch ich bin oft geneigt gerade das zu sagen.
“So you’re saying that whoever hopes, believes, fears, expects that this & that will happen, etc., is operating within a technique of thinking, & that there is no thinking outside of such a technique, & therefore outside of a custom, just as there is no speaking outside of a language. (Plato calls hope a form of speech.) But I immediately know, it’s immediately clear to me, that (e.g.) I can hope for something, entirely independently of whether I’ve hoped or thought about something before. It’s clear to me that the act of hoping can exist in isolation, on its own, logically independent of earlier or later events.” – If, here (and in many other cases), instead of saying “it’s clear to me,” you said “I’m inclined to say…,” then we would agree; because I, too, am often inclined to say just that.
§
229[2]Wir sagen, der Hund fürchtet, er werde geschlagen werden, er erwartet sein Futter werde ihm gegeben werden. Aber wir würden nicht sagen: er fürchte, sein Herr werde ihn morgen schlagen, oder, sein Futter werde ihm nicht schmecken, wie sonst. Warum nicht?
We say that the dog fears that it will be beaten, that it expects its food to be given to it. But we wouldn’t say: that it fears that its master will beat it tomorrow, or that its food won’t taste good, as usual. Why not?
§
229[3] &230[1] &
231[1]
Ich denke den ganzen Tag an ihn. Was immer da in meiner Seele vorgeht – was hat es mit ihm zu tun? – Ich habe ein Bild von ihm vor meinem geistigen Auge? Wie weiß ich daß es sein Bild ist? Und wenn dies Bild einem Andern ähnlicher sieht als meinem Freund, denke ich da an den Andern? So kann es nicht sein. Die Frage “wie weiß ich, daß es sein Bild ist, das mir vorschwebt” hieß gar nichts, sowenig wie die: “wie weiß ich daß er es ist an den ich denke?”. – Und wenn ich dabei seinen Namen ausspreche, so könnte man auch nicht fragen: “wie weißt Du, daß Du diesen Menschen meinst & nicht einen andern gleichen Namens?” Und das kommt nicht daher, daß zwischen dem Namen wenn ich ihn ausspreche & jener Person eine unsichtbare Verbindung besteht, dadurch nämlich, daß ich ihn meine. Die Verbindung zwischen dem, was ich sage oder sonst tue & der Person von der ich rede an die ich denke, besteht in der Geschichte, in den Ereignissen die meinem Denken vorangegangen sind.
I think about him all day. Whatever is happening in my mind – what does it have to do with him? – Do I have a picture of him before my mental eye? How do I know that it’s his picture? And if this picture looks more like someone else than my friend, do I then think of the other person? It can’t be like that. The question “how do I know that it’s his picture that I have in mind” means nothing, just as little as the question: “how do I know that he is the one I’m thinking of?” – And if I pronounce his name, one could not ask: “how do you know that you mean this person and not another person with the same name?” And it’s not because there is an invisible connection between the name when I pronounce it & that person, namely because I mean him. The connection between what I say or otherwise do & the person I am talking about, the person I am thinking of, lies in the history, in the events that preceded my thinking.
§
231[2]Ich denke in dem selben Sinne an ihn, wie ich von ihm rede.
I think of him in the same sense as I speak about him.
§
231[3] &232[1]
Ich habe gehofft er werde mich heute nachmittag besuchen und mir Geld bringen. Das hatte eine Vorgeschichte. – Nachmittags nun blieb ich zu Hause; bereitete dies & das für ihn vor; dachte oft an ihn; wenn ich die Haustür gehn hörte horchte ich auf, fragte, wer gekommen sei, u.s.w. Ich tat, unterließ, dachte & sagte verschiedenes & meine Stimmung wechselte in bestimmter Weise. Das ist das Bild, die Erscheinung, des Hoffens auf dieses Ereignis. Der Zusammenhang alles dessen mit diesem Menschen ist ein geschichtlicher. Reden, Gedanken sind ein wichtiger Bestandteil meines Hoffens. (Das Wort “Bestandteil” könnte uns hier leicht irreführen.)
I hoped that he would visit me this afternoon and bring me money. That had a prehistory. – In the afternoon, I stayed at home; I prepared this & that for him; I often thought of him; when I heard the front door, I listened, asked who had come, etc. I did, I left undone, I thought, & I said various things, and my mood changed in a certain way. That is the picture, the phenomenon, of hoping for this event. The connection of all of this with this person is a historical one. Speaking, thinking are an important part of my hoping. (The word “part” could easily mislead us here.)
§
232[2]Ich werde aber vielleicht, während ich so meinen Freund erwarte, zu jemand sagen: “ich hoffe N.N. wird kommen”. Wenn ich das sage, ist das nun eine Beschreibung der Gedanken & der Handlungen, die ich vorhin erwähnt habe? Nein; es ist ein Ausdruck des Hoffens. Sage ich aber “Ich hoffe den ganzen Tag, er werde kommen”, so ist das eine allgemeine Beschreibung meines Handelns & Fühlens.
But I might, while I’m waiting for my friend, say to someone: “I hope N.N. will come.” If I say that, is it a description of the thoughts & actions that I mentioned earlier? No; it is an expression of hoping. But if I say “I’ve been hoping all day that he will come,” that is a general description of my actions & feelings.
§
232[3]Ein Beispiel, das die Grammatik von Wörtern wie “hoffen”, “glauben”, “meinen” klarer machen kann: Der Ausdruck “Ich grüße Dich” kann in einer Sprache ein Gruß sein; “Ich habe Dich gegrüßt” aber ein Bericht.
An example that can make the grammar of words like “hope,” “believe,” “mean” clearer: In one language, the expression “I greet you” can be a greeting; but “I have greeted you” can be a report.
§
232[4] &233[1]
Aber wenn ich nun in meinem Zimmer sitze & hoffe N.N. werde kommen & mir Geld bringen, & eine Minute dieses Hoffens könnte isoliert, aus ihrem Zusammenhang herausgeschnitten, werden: wäre es da kein Hoffen? – Aber nun sind ja alle Verbindungen durchschnitten & was immer in dieser Minute geschieht, hat seine Bedeutung verloren.
But if I’m now sitting in my room & hoping that N.N. will come & bring me money, & one minute of this hoping could be isolated, cut off from its context: would that not be hoping? – But now all connections are severed & whatever happens in that minute has lost its meaning.
§
233[2]Nur so ist die Frage zur Ruhe zu bringen “Wie weiß ich wie kann ich wissen, was ich erwarte, oder wünsche, ehe es eingetreten ist?” Was für eine Beziehung hat ein Zustand meiner Seele zu Dingen & Ereignissen? Ist es eine Erfahrungstatsache daß der & der Geisteszustand eine Erwartung dieses Ereignisses ist?
Only in this way can the question be put to rest: “How do I know how can I know what I expect, or wish, before it happens?” What is the relationship between a state of my mind & things & events? Is it an empirical fact that this particular state of mind is an expectation of this event?
§
233[3] &234[1] &
235[1]
Ja weiß ich denn, was ich wünsche, ehe der Wunsch erfüllt ist? Wenn das heißt “Kann ich's sagen?”, so ist die Antwort im allgemeinen “ja”. Ist nun “Ich möchte ein Glas Wein trinken” der Ausdruck einer Meinung? Im allgemeinen: nein! So wenig, wie die Worte “Wein her!”, oder der Ruf “Hilfe”, wenn ich in's Wasser falle. Wünschen heißt nicht: glauben das & das werde mir wohltun. Auch wäre das ein irreführender Vergleich: Das Gewünschte paßt in irgendeinem Sinne zum Zustand des Wunsches. Und wie ich eine Schraube in eine Mutter drehe um zu sehen, ob sie paßt, so muß ich zu dem ähnlichen Zweck Wunsch & Erfüllung zusammenhalten. Soll dieser Vergleich nicht irreführend, sein so müßte man sagen: Wenn ein kreisförmiges Loch 2 cm Durchmesser hat, so weiß ich damit schon, daß ein runder Bolzen von 2 cm Durchmesser hineinpassen wird.
Do I know what I wish for before the wish is fulfilled? If that means “Can I say so?”, the answer is generally “yes.” Is “I would like to drink a glass of wine” the expression of an opinion? Generally speaking: no! Just as little as the words “Bring me wine!” or the cry “Help!” when I fall into the water. To wish does not mean: to believe that this or that will do me good. Moreover, that would be a misleading comparison: what is wished for fits, in some sense, with the state of the wish. And just as I screw a bolt into a nut to see if it fits, so must I hold wish and fulfilment together for a similar purpose. If this comparison is not to be misleading, one would have to say: If a circular hole is 2 cm in diameter, then I already know that a round bolt 2 cm in diameter will fit into it.
§
235[2]Aber Deine Auffassung scheint dem geistigen Vorgang – der Hoffnung, dem Wunsch etc. – in der Zeit in welcher er meinen Geist einnimmt seine Kraft & Bedeutung zu nehmen.
But your understanding seems to take away from the mental process – the hoping, the wish, etc. – the force and meaning it has in the time during which it occupies my mind.
§
235[3]Worin liegt denn die Macht & Bedeutung des Hoffens? Nicht in seinem Ausdruck im Leben des Hoffenden? Die Hoffnung als Leitstern.
In what lies the power and meaning of hoping? Not in its expression in the life of the person hoping? Hope as a guiding star.
§
235[4] &236[1]
| Hier könnte vom Gedankenstrom, von dem James redet, gesprochen werden & man könnte darauf hinweisen daß, so wie ein mir wohlbekannter Name genannt wird, meine Gedanken sich gleich in eine Reihe von Kanäle ergießen & in ihnen weiterlaufen & daß die Bedeutung des Namens sich in diesen Strömen offenbart.
Here, one could speak of the stream of thoughts that James talks about, and one could point out that, just as a name that is very familiar to me is mentioned, my thoughts immediately flow into a series of channels and continue in them, and that the meaning of the name is revealed in these streams.
§
236[2]Man könnte das auch so sagen: Dieser Name könnte freilich eine Menge Menschen bezeichnen, wen ich aber meine, das zeigt sich in den Strömungen, die von dem Namen ausgehen.
One could also put it this way: This name could, of course, be used to designate a great many people, but who I mean becomes clear in the currents that emanate from the name.
§
236[3]Und hier haben wir eine Erfahrungstatsache, während James nur scheinbar von einer solchen redet in Wirklichkeit aber um die Erfahrungstatsachen herum geht & eine metaphysische Bemerkung macht. Es ist als wenn Einer von den Erfahrungen reden möchte, aber immer ausgleitet & nur eine Art Ausruf herausbringt statt eines Satzes.
And here we have an empirical fact, while James only apparently speaks of such a fact, but in reality he goes around the empirical facts and makes a metaphysical remark. It is as if someone wants to talk about the experiences, but always slips away and only brings out a kind of exclamation instead of a sentence.
§
236[4]Er sollte uns sagen, was geschieht, & sagt statt dessen nur, was geschehen muß.
He should tell us what is happening, and instead he only says what must happen.
§
237[1]Er will eine Erfahrungstatsache mitteilen, rutscht aber aus & macht eine metaphysische Bemerkung.
He wants to communicate an empirical fact, but he slips away and makes a metaphysical remark.
§
237[2]Die Worte “ich meine den, der …” sind z.B. eine solche Strömung, die von dem Namen ausgeht.
The words “I mean the one who…” are, for example, such a stream that emanates from the name.
§
237[3]Es war, als ob die Empfindungen Dinge in einem Guckkasten wären, in welchen nur ich allein schauen kann. – Aber ist das nicht wirklich beinahe so im Falle der optischen Nachbilder. Ist es denn nicht gleichgültig, ob ich die Augen schließe um etwas zu sehen, oder ob ich dazu durch ein Loch in einen Kasten schaue?
It was as if the sensations were things in a peepshow, in which only I can look. – But is that not really almost the case in the case of optical afterimages? Is it really irrelevant whether I close my eyes to see something, or whether I look through a hole in a box to see it?
§
237[4] &238[1]
Wer sagt “Es hat jetzt aufgehört zu schneien”, dem antwortet man doch nicht: “Das ist nur leeres Gerede”; wohl aber Manchem, der sagt “Ich hoffe vom ganzen Herzen …” Am Ausdruck der Stimme ist es nicht zu erkennen, ob es wirklich nicht mehr schneit.
If someone says “It has now stopped snowing,” you do not reply: “That is just empty talk”; but you might to someone who says, “I hope with all my heart…” It is not possible to tell from the expression of the voice whether it is really not snowing anymore.
§
238[2]Unter welchen Umständen werde ich sagen ein Stamm habe einen Häuptling? Und der Häuptling muß doch Bewußtsein haben. Er darf doch nicht ohne Bewußtsein sein!
Under what circumstances would I say that a tribe has a chief? And the chief must surely have consciousness. He cannot be without consciousness!
§
238[3] &239[1]
Aber kommt, was Du sagst, nicht doch darauf hinaus, daß es ohne Schmerzbenehmen auch keinen Schmerz gibt? – Es kommt darauf hinaus, man könne nur vom lebenden Menschen, oder dem, was ihm ähnlich ist (sich ähnlich benimmt) sagen, es habe Empfindungen, sehe, sei blind, höre, sei taub, wache, oder sei bewußtlos, etc.
But doesn’t what you say ultimately come down to the fact that there is no pain without pain behavior? – It comes down to the fact that one can only say of a living person, or something similar to him (that behaves similarly), that he has sensations, sees, is blind, hears, is deaf, is awake, or is unconscious, etc.
§
239[2]Aber im Märchen kann doch auch der Topf sehen & hören! (Wohl, aber er kann auch sprechen.) Das Märchen erdichtet aber doch nur was nicht der Fall ist, es spricht doch nicht Unsinn! Das ist so einfach nicht. Ist es Unwahrheit, oder Unsinn zu sagen, der Topf rede? Macht man sich ein klares Bild davon, unter welchen Umständen wir von einem Topf sagen würden, er rede? (Auch ein Unsinngedicht ist nicht Unsinn wie z.B. das Lallen eines Kindes.)
But in a fairy tale, the pot can also see and hear! (Well, but it can also speak.) But the fairy tale only invents what is not the case, it does not speak nonsense! That is not so simple. Is it untruth, or nonsense, to say that the pot speaks? Does one form a clear picture of the circumstances under which we would say that a pot speaks? (Even a nonsense poem is not nonsense, like the babbling of a child.)
§
239[3]Ein Kind, im Spiel, kann ein Stück Holz streicheln, verbinden, ihm zureden, oder sagen, es habe Schmerzen.
A child, in play, can stroke a piece of wood, connect it, talk to it, or say that it is in pain.
§
240[1]Aber es gibt doch auch Fälle in denen Menschen nicht im Spiel, etwa in magischen, oder religiösen Verrichtungen, leblose Dinge behandeln, als wären sie lebendige!
But there are also cases in which people, not in play, in magical or religious practices, treat inanimate objects as if they were alive!
§
240[2]Aber wie, wenn ich während der Schmerzen zu Stein erstarrte. Könnte der Schmerzzustand nicht weiter bestehen? Wären es nicht mehr Schmerzen, wenn ich die Fähigkeit verloren hätte sie auszudrücken? – Der Stein hat diese Schmerzen nicht. Du müßtest eigentlich von Deinen Schmerzen sagen, es sei nur bis jetzt immer so gewesen, daß ein Mensch sie hatte, oder sogar, daß etwas sie hatte. (Und das heißt eigentlich nur: ihr eigentlicher Ausdruck sei ein Ausruf.)
But how, if I were to turn to stone during the pain? Couldn’t the state of pain continue? Wouldn’t it be more pain, if I had lost the ability to express it? – The stone does not have this pain. You would actually have to say of your pain that it has only been the case up until now that a person had it, or even that something had it. (And that really just means: its actual expression is an exclamation.)
§
240[3] &241[1]
Was ich gesagt habe, könnte Einer als den Beweis davon auffassen, daß es Sinn hat zu sagen, ein Stein habe Schmerzen; daß man nicht wissen könne, ob er Schmerzen hat; ja das Schmerzen ohne einen Leib, oder überhaupt ohne (einen) Träger existieren können. Wenn man dumm genug ist, kann man daraus allerlei Schlüsse ziehen.
What I have said could be interpreted by someone as proof that it makes sense to say that a stone has pain; that one cannot know whether it has pain; yes, that pain can exist without a body, or at all without (a) bearer. If one is stupid enough, one can draw all sorts of conclusions from it.
§
241[2] &242[1]
Nun ist es aber sehr merkwürdig, daß ich sagen will, wenn ich zu Stein geworden sei, können meine Schmerzen (die Schmerzen die ich jetzt habe) fortdauern. Woher nehme ich das nur?! Nun, daher, daß ich mir denken kann, ich öffne meine Augen & finde daß mein Körper gegen die Berührung eines Andern ganz unempfindlich ist; daß ein Andrer ein Stück von meinem Bein abschlagen kann & ich es nur sehe, aber nicht fühle, daß ich etwa fühle, ich mache Bewegungen, aber keine Bewegung gewahre usf.. Ja, ich könnte mir so vorstellen, daß man meinen Körper (mitsamt dem Kopf) wegtrüge & mein Gesichtsfeld sich nicht änderte, außer daß ich Leute meinen Körper wegtragen sehe. Und wäre es nun nicht sogar möglich daß ich mich sprechen fühlte & sprechen hörte? Aber hat es Sinn, wenn ich annehme, vor mir im Raum gebe es ein unkörperliches Wesen, das mich ohne Augen sieht, ohne Ohren hört etc.; & zwar so sieht, als wären seine Augen an einer bestimmten Stelle des Raumes. Es ist doch zu seltsam, daß ich legitimerweise zu solchen Schlüssen soll gelangen können!
Now it is very remarkable that I want to say that if I were to become stone, my pains (the pains that I have now) could continue. Where do I get that from?! Well, from the fact that I can imagine opening my eyes & finding that my body is completely insensitive to the touch of another; that another can cut off a piece of my leg & I only see it, but do not feel it, that I feel that I am making movements, but do not perceive any movement, etc. Yes, I could imagine that one carries away my body (including the head) & that my field of vision does not change, except that I see people carrying away my body. And would it not even be possible that I feel myself speaking & hear myself speaking? But does it make sense if I assume that in front of me in the room there is an incorporeal being that sees me without eyes, hears without ears, etc.; and sees in such a way that its eyes are at a certain point in the room. It is too strange that I should legitimately be able to arrive at such conclusions!
§
242[2] &243[1] &
244[1]
Schau einen Stein an & denk Dir er habe Empfindungen. Man sagt sich: wie konnte man auch nur auf die Idee kommen einem Ding eine Empfindung zuzuschreiben? Man könnte sie ebensogut einer Zahl zuschreiben. – Und nun schau auf eine zappelnde Fliege & sofort ist diese Schwierigkeit verschwunden & der Schmerz scheint (nun) einen Angriffspunkt zu haben, wo früher alles gegen ihn glatt war & er nirgends anhaften konnte. Und so scheint es auch, wenn wir von einem Leichnam sagten, er habe Schmerzen, daß wir es absurderweise von einem Körper sagten; aber nicht wenn wir's vom lebenden Wesen sagen. Denn es scheint da, als sagten wir es von etwas Ungreifbarem, vom Leben selbst. Unsere Einstellung zum Lebenden ist ganz & gar verschieden von der zum Toten. Das ist als ein Faktum anzunehmen. Alle unsere Reaktionen sind verschieden. Wenn Du sagst: “Das kann nicht einfach darauf beruhen daß das Lebendige sich so & so bewegt & das Tote nicht”, so könnte ich sagen, es sei hier ein Fall des Übergangs von der Quantität zur Qualität.
Look at a stone & imagine it has sensations. One says to oneself: how could one even have the idea of attributing a sensation to a thing? One could just as easily attribute it to a number. – And now look at a wriggling fly & suddenly this difficulty has disappeared & the pain seems (now) to have a point of attack, where everything used to be smooth against it & it could not adhere anywhere. And so it also seems, when we say of a corpse that it has pain, that we absurdly say it of a body; but not when we say it of the living being. For it seems as if we are saying it of something intangible, of life itself. Our attitude towards the living is quite different from that towards the dead. This can be taken as a fact. All our reactions are different. If you say: “This cannot simply be based on the fact that the living moves in this way & the dead does not”, then I could say that this is a case of the transition from quantity to quality.
§
244[2](Denke an das Erkennen des Gesichtsausdruckes, die Beschreibung des Gesichtsausdruckes die nicht darin besteht daß man die Maße des Gesichts angibt. Denke auch daran wie man das Gesicht eines Andern ohne das eigene im Spiegel zu sehen nachahmen kann.)
(Think of the recognition of facial expression, the description of facial expression which does not consist in giving the measurements of the face. Also think about how one can imitate the face of another without seeing one's own in the mirror.)
§
244[3] &245[1]
Man kann wirklich sagen: der beseelte Körper hat Schmerzen. Und ob ein Körper beseelt ist, das nimmt man durch die Sinne wahr.
One can really say: the ensouled body has pain. And whether a body is ensouled, one perceives through the senses.
§
245[2] &246[1]
Ich erstarre zu einem Stein & meine Schmerzen dauern an. – Und wenn ich mich nun irrte & es nicht mehr Schmerzen wären! – Aber ich kann mich doch hier nicht irren – es heißt doch nichts, zu zweifeln, ob ich Schmerzen habe! – D.h., wenn Einer sagte “Ich weiß nicht, ist das ein Schmerz, was ich habe; oder ist es etwas anderes?”, so würden wir uns etwa denken, er wisse nicht, was das Wort “Schmerz” bedeutet, & wir würden's ihm nun erklären. – Wie? – Vielleicht durch Gebärden, oder indem wir ihn stechen & sagen “Siehst Du, das ist Schmerz”. Er könnte diese Worterklärung, wie jede andre, richtig, falsch, oder gar nicht verstehen. Und welches er tut, wird er im Gebrauch des Wortes zeigen, wie sonst auch. – Wenn er nun z.B. sagte “Oh, ich weiß, was ‘Schmerz’ heißt, aber ob das Schmerzen sind, was ich jetzt hier habe, das weiß ich nicht” – da würden wir bloß die Köpfe schütteln & müßten seine Worte für eine seltsame Reaktion ansehen, mit der wir nichts anzufangen wissen.
I freeze into a stone & my pain persists. – And if I were mistaken & it were no longer pain! – But I cannot be mistaken here – it means nothing to doubt whether I am in pain! – That is, if someone said “I don’t know, is what I have pain; or is it something else?”, we would think, for example, that he does not know the meaning of the word “pain,” & we would explain it to him. – How? – Perhaps through gestures, or by pricking him & saying “You see, that is pain.” He might understand this explanation of a word, like any other, correctly, incorrectly, or not at all. And whichever he does, he will show it in his use of the word, as is usually the case. – If he were to say, for example, “Oh, I know what ‘pain’ means, but whether what I’m feeling right now is pain, I don’t know”—then we would simply shake our heads and have to regard his words as a strange reaction that we don’t know how to deal with.
§
246[2](Ähnlich, wie wenn jemand im Ernst sagte: “Ich erinnere mich deutlich, drei Jahre vor meiner Geburt geglaubt zu haben, …”.)
(Similarly, as when someone seriously says: “I clearly remember believing three years before my birth that…”)
§
246[3] &247[1]
Ein Ausdruck des Zweifels gehört nicht zu diesem Sprachspiel. – Aber wenn nun der Ausdruck des Schmerzes, das Schmerzbenehmen, ausgeschlossen ist, dann scheint es, ich dürfe wieder zweifeln. Der Satz “Wenn ich mich nun irrte & es gar nicht Schmerzen wären” ist Unsinn, weil ein Kriterium der Identität der Empfindung vorgespielt wird, das es gar nicht gibt. (Ähnlich, wie im Satz: “Ein Anderer kann nicht diese identischen Schmerzen haben, die ich jetzt habe”.) Aber daß ich hier versucht bin zu sagen, man könne die Empfindungen für was anderes halten, als was sie ist, kommt daher: Wenn ich das Sprachspiel mit dem Ausdruck der Empfindung abgeschafft denke, brauche ich nun ein Kriterium der Identität für sie, & hätte ich das dann besteht (auch) die Möglichkeit des Irrtums.
An expression of doubt does not belong to this language-game. – But if the expression of pain, the pain-behaviour, is now excluded, then it seems I may doubt again. The sentence “If I were now mistaken & it were not pain at all” is nonsense, because a criterion of the identity of the sensation is pretended that does not exist at all. (Similar to the sentence: “Another person cannot have this identical pain that I am feeling now.”) But the fact that I am tempted here to say that one might take the sensations for something other than what they are stems from this: If I conceive of the language-game as having abolished the expression of sensation, I now need a criterion of identity for it, and if I had that, then the possibility of error would (also) exist.
§
247[2]Es mußte doch da gerechnet werden, & ist gerechnet worden. Denn er weiß, daß, & wie, er gerechnet hat, & das richtige Resultat wäre ohne Rechnung nicht erklärbar. Wie aber, wenn ich sagte: Es kommt ihm vor er habe gerechnet & warum soll sich das richtige Resultat erklären lassen? Ist es nicht unverständlich genug, daß er ohne ein Wort oder ein Schriftzeichen rechnen konnte?
There had to be a calculation there, & there was a calculation. For he knows that, & how, he calculated, & the correct result could not be explained without the calculation. But what if I said: It seems to him that he calculated, & why should the correct result be explainable? Is it not incomprehensible enough that he could calculate without a word or a written character?
§
247[3]Ist es in meiner Macht, die philosophischen Schmerzen der Welt zu heilen? Nein.
Is it in my power to heal the philosophical pains of the world? No.
§
247[4]Die Vielheit der philosophischen Fragen ist, in gewissem Sinne, etwas beruhigendes.
The multitude of philosophical questions is, in a certain sense, somewhat reassuring.
§
247[5] &248[1]
Du machst eine Berechnung im Kopf. Das Ergebnis verwendest Du im Bau einer Brücke, oder Maschine. Du willst doch nicht sagen, daß diese Zahl nicht eigentlich durch Rechnen erhalten wurde! daß sie Dir, etwa nach einer Art Träumerei, in den Schoß fiel! Es mußte doch da gerechnet werden! Wie anders wäre die Richtigkeit der Zahl zu verstehen? – “Es mußte da gerechnet werden” heißt etwas ähnliches wie: es mußte doch da eine Rechenmaschine am Werke sein, – weil ohne diese das Ergebnis nicht verständlich wäre. – Könnte ich nicht antworten: “Muß es denn verständlich sein?”. (Wer sagt, daß wir uns nicht angewöhnen sollen, anders zu denken?) Und wenn Du nun umgekehrt sprächest: “Daß das Resultat das gleiche ist, wie das einer Rechnung, läßt uns sagen, daß wir im Kopf gerechnet haben”? Nein; dies könnte man eher sagen, wenn wir im “Unbewußten” gerechnet hätten.
You make a calculation in your head. You use the result in the construction of a bridge or a machine. You don’t want to say that this number wasn’t actually obtained through calculation! That it simply fell into your lap, as if in a kind of reverie! There must have been some calculation involved! How else could the correctness of the number be understood? – “There must have been some calculation involved” means something like: there must have been a calculating machine at work—because without it, the result would be incomprehensible. – Could I not reply: “Must it be comprehensible?” (Who says we shouldn’t get into the habit of thinking differently?) And if you were to say the opposite: “The fact that the result is the same as that of a calculation allows us to say that we calculated in our heads”? No; one could say this more readily if we had calculated in the “unconscious.”
§
248[2] &249[1]
Statt etwas zu hypostasieren, stelle Deine Neigung fest, es zu tun & erkläre sie.
Instead of hypostatizing something, identify your inclination to do so & provide an explanation.
§
249[2]Ist das Rechnen im Kopf in gewissem Sinne unwirklicher, als das auf dem Papier? Es ist das wirkliche – Rechnen im Kopf. – Ist es ähnlich dem Rechnen auf dem Papier? – Ist weißes Papier mit schwarzen Strichen darauf einem Menschen ähnlich? – Ist im Kopfrechnen etwas den einzelnen Zeichen des schriftlichen Rechnens Entsprechendes? – Manchmal ja. – Was entspricht im Kopfrechnen einem Schriftzeichen? – Die Vorstellung vom Zeichen, oder vielleicht vom entsprechenden Wortklang. – Welches ist die Vorstellung vom Zeichen “2”, z.B.? – Das ist keine Frage. – Wie weiß ich dann, daß Einer sich das Zeichen “2” vorstellt? – Diese Frage zu beantworten ist langwierig. – Wie weiß ich, daß ich mir das Zeichen vorstelle? – Von einem Wissen kann hier nicht die Rede sein.
Is mental calculation in some sense less real than calculation done on paper? It is the real calculation – mental calculation. – Is it similar to calculation done on paper? – Is a piece of paper with black marks on it similar to a human being? – In mental calculation, is there something that corresponds to the individual signs of written calculation? – Sometimes yes. – What corresponds to a written sign in mental calculation? – The image of the sign, or perhaps of the corresponding sound of the word. – What is the image of the sign “2”, for example? – That is no question. – How do I then know that someone is imagining the sign “2”? – Answering this question is tedious. – How do I know that I am imagining the sign? – One cannot speak of knowledge here.
§
250[1] &251[1]
Ist das Rechnen im Kopf unwirklicher, als das Rechnen auf dem Papier? – Man ist vielleicht geneigt, so etwas zu sagen; kann sich aber auch dazu bringen, das Gegenteil zu denken, indem man sich sagt, ‘Papier’, ‘Tinte’, etc. seien nur logische Konstruktionen. Es handelt sich um eine falsche Auffassung von dem Verhältnis der Sprache zu einer Wirklichkeit, die ihr entspricht, & von der Funktion der Sprache. – “Ich habe die Multiplikation … im Kopfe ausgeführt”. Glaube ich etwa diese Aussage nicht?! – Aber war es wirklich eine Multiplikation? – Es war diese Multiplikation – im Kopfe. – Dies ist der Punkt, an dem ich irre gehe. Denn ich will jetzt sagen: Es war eine Multiplikation, irgendein dem Multiplizieren auf dem Papier entsprechender Vorgang im Geiste. Sodaß es also Sinn hätte zu sagen: “Dieser Vorgang im Geiste entspricht diesem Vorgang auf dem Papier”. Und es hätte Sinn von einer Projektionsmethode zu sprechen, nach welcher die Vorstellung von “2” das Schriftzeichen selbst abbildet. Und hier gerät man (nun) in den Sumpf der Idee von den privaten Erlebnissen & der privaten Bedeutung unsrer Worte.
Is mental arithmetic more unreal than arithmetic on paper? – One might be inclined to say so; but one can also bring oneself to think the opposite by telling oneself that ‘paper,’ ‘ink,’ etc., are merely logical constructs. This is a mistaken conception of the relationship between language and a reality that corresponds to it, & of the function of language. – “I performed the multiplication … in my head.” Do I not believe this statement?! – But was it really a multiplication? – It was this multiplication – in my head. – This is the point where I go astray. For I now want to say: It was a multiplication, some mental process that corresponds to multiplying on paper. So that it would make sense to say: “This mental process corresponds to this process on paper.” And it would make sense to speak of a method of projection according to which the concept of “2” represents the written character itself. And here one (now) gets bogged down in the quagmire of the idea of private experiences & the private meaning of our words.
§
251[2] &252[1]
Ist das Subjektive, oder das Objektive wirklicher? – Unsinn! – Läßt sich nur das Objektive durch die Sprache darstellen, nicht das Subjektive? – Aber wir reden ja vom Subjektiven! Und was wir darüber im alltäglichen Leben sagen ist in Ordnung, wie es ist & braucht sowenig einer Richtigstellung durch den Philosophen, wie die Aussagen über Stühle & Tische. Eines nur muß betont werden: daß die Grammatik der Sätze von den subjektiven Gegenständen nicht die gleiche ist, wie die der Sätze von den objektiven Gegenständen. Oder, was dasselbe heißt: die Sprachspiele sind verschieden.
Is the subjective, or the objective, more real? – Nonsense! – Can only the objective be represented by language, not the subjective? – But we talk about the subjective! And what we say about it in everyday life is fine as it is and needs as little correction by the philosopher as statements about chairs and tables. One thing only must be emphasized: that the grammar of sentences about subjective objects is not the same as that of sentences about objective objects. Or, what is the same thing: the language-games are different.
§
252[2]Wäre es denkbar, daß Einer im Kopfe rechnen lernte, ohne je schriftlich, oder mündlich zu rechnen? Nun, warum nicht. ‘Es lernen’, heißt nur, dazu gebracht werden, daß man's kann. Aber könnte man dazu abgerichtet werden? – Es könnte uns Einer Rechnungen schriftlich vormachen, wir würden nie welche schreiben, oder aussprechen aber nach & nach kämen wir dahin, das Resultat ohne Fehler hinzuschreiben.
Would it be conceivable that someone learned to calculate mentally without ever calculating in writing or orally? Well, why not. ‘To learn’ just means to be brought to the point where one can do it. But could one be trained to do this? – Someone could demonstrate calculations to us in writing; we would never write or speak them ourselves, but gradually we would come to be able to write down the result without making mistakes.
§
252[3]Ist aber auch dies möglich, daß einem Volk nur das Kopfrechnen bekannt ist & kein anderes? Wie wird das aussehen?
Is it also possible that a people knows only mental calculation and no other kind? What would that look like?
§
252[4] &253[1]
Könnte es nicht ein merkwürdiges Erinnerungsphänomen geben: Einer sagt: “Ich habe die gräßlichsten Schmerzen Tag & Nacht” – dabei hat er immer die Empfindung als hätten sie jetzt soeben nachgelassen. Er glaubt, sich immer daran zu erinnern, daß er sie hatte.
Could there not be a remarkable phenomenon of memory: Someone says: “I have the most terrible pains day and night” – but at the same time he always has the sensation as if they had just subsided. He believes that he always remembers that he had them.
§
253[2]Wenn ich die Sprache beschreibe, so beschreibe ich die Handlungsweise der Menschen – ethnologisch gesehen. Das Wort “ich” ist ein Wort unter vielen & wird auch von jedermann gebraucht. Und ich schreibe für mich nicht mehr, als für meinen Leser.
When I describe language, I describe the way of acting of people – seen from an ethnological point of view. The word “I” is one word among many and is also used by everyone. And I am not writing more for myself than for my reader.
§
253[3]Das Sprachspiel mit den Ausdrücken der Empfindung ‘in erster Linie’ mit Lebendem gespielt; ‘in zweiter Linie’ mit Leblosem.
The language-game with the expressions of sensation is played ‘primarily’ with the living; ‘secondarily’ with the lifeless.
§
253[4] &254[1] &
255[1]
Ich sage, ich beschreibe den Gebrauch des Wortes “Schmerz”, z.B.. Das könnte man sich so denken: ich beschreibe Scenen, in denen das Wort “Schmerz” gebraucht wird. Ich könnte mir diese Szenen auch vorgeführt denken. Etwa eine Scene im Spital; ich höre, was der Kranke sagt, was der Arzt ihm, & was er der Schwester sagt etc. Auch eine Szene, die zeigt, wie das Kind dies Wort kennen & gebrauchen lernt; wie dies Wort dann im Spiel mit Puppen etc. gebraucht wird. Auch der Philosoph müßte vorgeführt werden, der über diesen Begriff redet. Aber solche Scenen vorführen ist doch keine Beschreibung geben. Wie wissen wir denn, worauf, in diesen Scenen, wir zu achten haben? Was sollen wir aus ihnen lernen? Wir könnten natürlich die Sprache dieser Leute lernen. Aber die kennen wir so wie so. Eines ist klar: Es hieße nichts, in diesen Scenen Leute vorzuführen, die allem Anscheine nach keine Schmerzen haben & von denen auch sonst nicht irgendwie gezeigt wird, daß sie Schmerzen verbeißen. D.h. der Fall, der doch vorkommt, daß ich auf der Straße gehe & Schmerzen habe & niemand es weiß, oder je erfährt, der läßt sich so nicht zeigen. – Freilich nicht. Aber es werden ja Menschen vorgeführt, die sagen: “N.N. zeigt es nicht, wenn er Schmerzen hat. Er lacht jetzt und scherzt, aber man kann nie wissen, wie er sich fühlt”. Und es wird auch gezeigt, von was für Menschen wir so etwas sagen, & daß wir's nicht von allen Leuten sagen.
I say, for example, that I am describing the use of the word “pain.” One might think of it this way: I am describing scenes in which the word “pain” is used. I could also imagine these scenes being acted out. For instance, a scene in a hospital; I hear what the patient says, what the doctor says to him, and what he says to the nurse, etc. Also a scene showing how a child learns to know and use this word; how this word is then used in play with dolls, etc. The philosopher discussing this concept would also have to be portrayed. But portraying such scenes is not the same as providing a description. How do we know, in these scenes, what we are supposed to pay attention to? What are we supposed to learn from them? We could, of course, learn the language of these people. But we know them anyway. One thing is clear: it would mean nothing to present people in these scenes who, to all appearances, are not in pain—and of whom it is not otherwise shown in any way that they are gritting their teeth against pain. That is, the case that does occur—where I am walking down the street and am in pain, and no one knows it or ever finds out—cannot be shown in this way. – Of course not. But people are portrayed who say: “So-and-so doesn’t show it when he’s in pain. He’s laughing and joking now, but you can never know how he feels.” And it’s also shown what kind of people we’re talking about when we say such things, and that we don’t say this about everyone.
§
255[2] &256[1]
Wie aber, wenn es ein Volk gäbe, das nicht sagt “Es geht dem N. ausgezeichnet”, sondern statt dessen immer: “Man kann natürlich nicht wissen, ob er nicht fürchterlich leidet – aber es scheint, es geht ihm ausgezeichnet.” Durch welches Verhalten würde diese Einleitung zur ‘bloßen Redensart’?
But what if there were a people who did not say “N.N. is doing well,” but instead always said: “One cannot, of course, know whether he is not suffering terribly—but it seems that he is doing well.” Through what behaviour would this introduction become a ‘mere turn of phrase’?
§
256[2] &257[1]
Wenn ich von mir selbst sage, ich wisse nur von meinem eigenen Falle, was das Wort “Schmerz” bedeutet, muß ich das nicht auch von jedem Andern sagen? Und wie kann ich denn einen Fall in so unverantwortlicher Weise verallgemeinern? Noch dazu, wo ich nicht die geringste Führung habe, die mir zeigte, wie ich ihn verallgemeinern soll. Nun, ein jeder sagt es mir von sich, er wisse nur von sich selbst, was Schmerzen seien! – Angenommen es hätte jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir “Käfer” nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schauen, & jeder sagt er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. Da könnte es ja sein, daß jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja man könnte sich vorstellen, daß sich das Ding in einer Schachtel fortwährend veränderte. – Aber wenn nun das Wort “Käfer” dieser Leute doch einen Gebrauch hätte, – so wäre dieser ganz verschieden von dem Gebrauch der Wörter, die allgemein zugängliche Dinge bezeichnen. Ja das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel, auch nicht einmal, ganz allgemein, als Ding: die Schachtel könnte ja sogar auch leer sein. Nein, durch dieses Ding in der Schachtel kann ‘gekürzt’ werden; es hebt sich weg, was immer es ist.
If I say of myself that I know only from my own case what the word “pain” means, must I not say the same of everyone else? And how can I generalize a case in such an irresponsible manner? Especially since I have not the slightest guidance to show me how I should generalize it. Well, everyone tells me about themselves that they know only from themselves what pain is! – Suppose everyone had a box containing something we call a “beetle.” No one can ever look into another’s box, & everyone says they know only from the sight of their own beetle what a beetle is. It could well be that everyone has a different thing in their box. Indeed, one could imagine that the thing in a box were constantly changing. – But if the word “beetle” were to have any use for these people at all, – then this use would be quite different from the use of words that perform the designation of generally accessible things. Indeed, the thing in the box does not belong to the language-game at all, not even, in a general sense, as a thing: the box could even be empty. No, through this thing in the box, one can “abbreviate”; whatever it is, it is set aside.
§
257[2]Das heißt eigentlich (nur): Wenn man die Grammatik des Ausdrucks der Empfindung nach dem Muster von Bezeichnung & Gegenstand konstruieren will, dann fällt der Gegenstand als irrelevant aus der Betrachtung heraus.
This actually means (only): If one wants to construct the grammar of the expression of sensation according to the pattern of designation & object, then the object falls out of consideration as irrelevant.
§
258[1] &259[1]
“Ich weiß nur vom eigenen Fall, was Schmerzen sind” kann nicht heißen, ich kenne die Bedeutung des Wortes “Schmerz” nur daher, daß ich ihm ein Etwas zuordne, wovon nur ich weiß. – Und was soll “Ich weiß nur vom eigenen Fall etc.” überhaupt für ein Satz sein? Ein Erfahrungssatz? Nein. Ein grammatischer? – Aber es ist merkwürdig, daß wir gerne jedem Menschen zugestehen, er wisse nur vom eigenen Fall her, was Schmerzen seien. Das ist eigentlich gutmütig von uns. Ich denke mir also: Jeder sage von sich selbst, er wisse nur von den eigenen Schmerzen; was Schmerzen seien. Nicht, daß die Menschen das wirklich sagen, oder auch nur bereit sind, zu sagen. Aber wenn nun jeder es sagte – nun, es könnte eine Art Ausruf sein. Und wenn der Satz auch als Mitteilung nichtssagend ist, so ist er doch ein Bild & warum sollten wir uns so ein Bild nicht vor die Seele rufen wollen! Denke Dir ein gemaltes & allegorisches Bild, warum soll es uns nicht Befriedigung gewähren? Nichts ist gewöhnlicher. Ja, wenn wir in uns schauen, so bekommen wir oft gerade so ein Bild zu sehen. Es ist förmlich eine bildliche Darstellung unsrer Grammatik. Nicht Fakten bekommen wir zu sehen, sondern die Art & Weise, wie wir über sie reden. Gleichsam illustrierte Redewendungen.
“I know only from my own case what pain is” cannot mean that I know the meaning of the word “pain” only because I assign to it something of which only I am aware. – And what kind of sentence is “I know only from my own case, etc.” supposed to be at all? A sentence of experience? No. A grammatical one? – But it is strange that we are happy to concede to every person that they know what pain is only from their own experience. That is actually kind of us. So I imagine: Let everyone say of themselves that they know what pain is only from their own pain. Not that people actually say that, or are even willing to say it. But if everyone were to say it—well, it could be a kind of exclamation. And even if the sentence is meaningless as a communication, it is still an image—and why shouldn’t we want to conjure up such an image in our minds! Imagine a painted, allegorical image—why shouldn’t it give us satisfaction? Nothing is more common. Yes, when we look within ourselves, we often see just such an image. It is, as it were, a pictorial representation of our grammar. We do not see facts, but rather the way we talk about them. Illustrated idioms, as it were.
§
259[2]Ja aber es ist doch da ein Etwas, was meinen Ausruf des Schmerzes begleitet! [Nämlich der Schmerz.] Und um dessentwillen ich ihn mache. Und dieses Etwas ist das Wichtige & das Schreckliche. Könnte es nicht sehr wichtig sein, daß wir das sagen wollen?!
Yes, but there is indeed something that accompanies my exclamation of pain! [Namely, the pain.] And for the sake of which I make it. And this something is the important and terrible thing. Could it not be very important that we want to say this?!
§
259[3] &260[1]
Daß wir so gerne sagen möchten “Das Wichtige ist das.”, indem wir für uns selbst auf die Empfindung deuten – zeigt schon, wie sehr wir geneigt sind, etwas zu sagen was keine Mitteilung ist.
The fact that we would like to say “The important thing is that,” by referring to the sensation itself – already shows how much we are inclined to say something that is not a communication.
§
260[2]Wir kauen fortwährend an der Sprache.
We are constantly chewing on language.
§
260[3]In meinem “Ja aber es ist doch da ein Etwas …” ist schon das falsche Bild. Denn ich sagte “Etwas” um die Möglichkeit offenzulassen daß es nicht immer das gleiche sein müsse, sondern nur irgend etwas, woran sich der Schmerzausruf lehnen kann.
In my “Yes, but there is indeed something…” the wrong image is already present. Because I said “something” in order to leave open the possibility that it does not always have to be the same thing, but only something that the exclamation of pain can refer to.
§
260[4] &261[1]
Die Auffassung könnte auch die sein: einer unserer Spielsteine trage ein Ornament, um dessentwillen ich das Spiel spiele, obschon das Ornament nicht ins Spiel eintritt; in den Regeln z.B. nicht erwähnt wird.
The interpretation could also be this: one of our game pieces bears an ornament, for the sake of which I play the game, although the ornament does not enter into the game; it is not mentioned in the rules, for example.
§
261[2]Es kommt uns hier vor, als wäre der Schmerz gleichsam ein Schein um den Ausdruck des Schmerzes.
It seems to us here that the pain is, as it were, a semblance of the expression of pain.
§
261[3] &262[1]
Denke Dir, Du hättest keine Sprache gelernt, hättest aber Schmerzen & suchtest eine Reaktion (Hilfe, oder Mitleid) beim Andern hervorzurufen. Du gäbest nun Zeichen, zeigtest z.B. mit einem bestimmten Gesichtsausdruck auf die schmerzende Stelle. – Inwiefern kann man sagen, Du habest Deine Schmerzen bezeichnet? Sollen wir sagen, Deine Zeichen handelten von den Schmerzen? Aber wenn diese Zeichen nur dazu dienen, den Andern zur Hilfe, oder zum Mitleid zu bewegen, sagen sie ihm da: ich habe Schmerzen? Nun, das nennt man eben einem Andern dies mitteilen. – Aber das klingt ja nun gar, als müßte ich ihm die Schmerzen verschweigen! – Es klingt so, weil Du eine falsche Auffassung davon hast, was es heißt jemand etwas mitteilen.
Imagine that you had not learned a language, but you had pain and wanted to elicit a reaction (help or sympathy) from the other person. You would now give signs, for example, by showing with a certain facial expression the painful spot. – In what sense can one say that you have designated your pain? Should we say that your signs were about the pain? But if these signs only serve to move the other person to help or to sympathize, do they tell him: I have pain? Well, that is what we call communicating something to another person. – But it sounds as if I have to keep the pain from him! – It sounds that way because you have a false conception of what it means to communicate something to someone.
§
262[2] &263[1]
Ich möchte sagen: Du siehst es für viel zu selbstverständlich an, daß man dem Andern etwas mitteilen kann. Das heißt eigentlich: wir sind so an die Mitteilung mittels Wörtern gewöhnt, daß es uns scheint, als läge der ganze Witz der Mitteilung darin, daß ein Andrer den Sinn der Worte (ein ätherisches Ding) auffaßt sozusagen ins Gehirn aufnimmt. Wenn er dann auch noch etwas damit tut, so ist das eine Draufgabe, die aber zur Mitteilung der Gedanken, dem direkten Zweck der Sprache, nicht gehört. Man möchte da vielleicht sagen: die Mitteilung bewirkt nur, daß ich weiß, daß der Andre Schmerzen hat, sie bewirkt dies geistige Phänomen; alles andere ist der Mitteilung unwesentlich. Was dieses merkwürdige Phänomen des Wissens ist, daß einer Schmerzen hat, damit läßt man sich Zeit. Seelische Vorgänge sind eben merkwürdig. Ähnlich wäre es, zu sagen: “Die Uhr zeigt uns die Zeit an. Was die Zeit ist, das ist eine noch nicht entschiedene Frage. Und zu welchen Zwecken wir das Wissen der Zeit gebrauchen, gehört nicht hierher.”
I would like to say: you take it for granted that one can communicate something to another person. This actually means: we are so accustomed to communicating by means of words that it seems as if the whole point of communication lies in the fact that the other person understands the meaning of the words (an ethereal thing) and, as it were, absorbs it into his brain. If he then does something with it, that is a bonus, but it does not belong to the communication of thoughts, the direct purpose of language. One might say: communication only causes me to know that the other person has pain; it causes this mental phenomenon; everything else is immaterial to the communication. What this strange phenomenon of knowing that someone has pain is, we will leave for another time. Mental processes are indeed strange. It would be similar to say: “The clock shows us the time. What time is, is still an open question. And what purposes we use the knowledge of time for does not belong here.”
§
263[2]Das Gefühl der Kluft zwischen Geistigem & Körperlichem. Zwischen Bewußtsein & Nervenvorgang. Der stärkste Ausdruck dieser Idee: die beiden sind verschiedene Aspekte desselben Dings.
The feeling of a chasm between the mental & the physical. Between consciousness & a nervous process. The strongest expression of this idea: the two are different aspects of the same thing.
§
264[1] &265[1] &
266[1]
Das Gefühl der Unüberbrückbarkeit der Kluft zwischen Bewußtsein & Gehirnvorgang. Wie kommt es, daß es ins gewöhnliche Leben nicht hineinspielt. Die Idee dieser Artverschiedenheit ist mit einem leisen Schwindel verbunden, der auftritt, wenn wir logische Kunststücke mit unsrer Sprache ausführen (ein ähnliches Gefühl bei gewissen Betrachtungen der Mengenlehre). Wann tritt dieses Gefühl auf? Nun, wenn ich z.B. meine Aufmerksamkeit in bestimmter Weise auf mein Bewußtsein lenke & mir dabei sage: dies solle durch einen Gehirnvorgang erzeugt werden. – Aber was kann das heißen ‘meine Aufmerksamkeit auf mein Bewußtsein lenken’. Es ist doch nichts merkwürdiger, als daß es so etwas gibt! Was ich so nannte (denn diese Worte werden ja im gewöhnlichen Leben nicht gebraucht) war ein Akt des Schauens: ich schaute steif vor mich hin, aber nicht auf irgend einen bestimmten Punkt, oder Gegenstand. Meine Augen waren weit offen, meine Brauen nicht zusammengezogen, wie sie es meistens sind, wenn ein bestimmtes Objekt meinen Blick fesselt. Kein solches Interesse war dem Schauen vorangegangen. Mein Blick war ‘vacant’. Mein Schauen (mein Aufmerksamkeitszustand) war ähnlich dem, eines Menschen, der die Beleuchtung des Himmels bewundert & das Licht ‘eintrinkt’. Bedenk' nun, daß in dem Satz, den ich aussprach – dies werde durch einen Gehirnvorgang erzeugt – gar nichts Paradoxes war. Ich hätte den Satz während eines Experiments aussprechen können, dessen Zweck war, zu zeigen, daß der besondere Beleuchtungseffekt (z.B.) den ich sehe, durch die Erregung einer bestimmten Gehirnpartie erzeugt wird. Aber ich sprach ihn nicht in der Umgebung aus, in der er einen alltäglichen & nicht-paradoxen Sinn gehabt hätte. Und meine Aufmerksamkeit war nicht von der Art, die zur Situation des Experiments gehört hätte. (Mein Blick wäre dann ‘intent’ & nicht ‘vacant’ gewesen.)
The feeling of the unbridgeable chasm between consciousness & brain processes. Why doesn't it play a role in everyday life? The idea of this kind of difference is associated with a subtle dizziness that arises when we perform logical tricks with our language (a similar feeling in certain considerations of set theory). When does this feeling arise? Well, if, for example, I direct my attention to my consciousness in a certain way & say to myself: this should be produced by a brain process. – But what can it mean to ‘direct my attention to my consciousness’? It is, after all, nothing more remarkable than the fact that such a thing exists! What I called it (for these words are not used in everyday life) was an act of looking: I looked straight ahead, but not at any particular point or object. My eyes were wide open, my eyebrows not furrowed, as they usually are when a specific object captures my gaze. No such interest preceded the looking. My gaze was ‘vacant’. My gaze (my state of attention) was similar to that of a person admiring the illumination of the sky & ‘absorbing’ the light. Now, consider that in the sentence I uttered – this is produced by a brain process – there was nothing paradoxical. I could have uttered the sentence during an experiment whose purpose was to show that the particular lighting effect (e.g.) that I see is produced by the excitation of a specific part of the brain. But I did not utter it in the context in which it would have had an everyday & non-paradoxical meaning. And my attention was not of the kind that would belong to the situation of the experiment. (My gaze would then have been ‘intent’ & not ‘vacant’.)
§
266[2] &267[1]
Hier haben wir einen Fall von Introspektion. Sie ist nicht unähnlich derjenigen durch welche James herausbrachte, das ‘Self’ bestehe hauptsächlich aus ‘peculiar motions in the head & between the head & throat’. Und was die Introspektion James's zeigte, war nicht die Bedeutung des Wortes ‘Self’ (insofern dies etwas ähnliches bedeutet wie ‘Person’, ‘Mensch’, ‘er selbst’, ‘ich selbst’) noch eine Analyse eines solchen Wesens, sondern die Attitude, den Aufmerksamkeitszustand, eines Philosophen, der sich das Wort ‘Self’ vorspricht & seine Bedeutung analysieren will. (Und daraus ließe sich vieles lernen.)
Here we have a case of introspection. It is not unlike the one through which James discovered that the ‘self’ consists mainly of ‘peculiar motions in the head & between the head & throat’. And what James's introspection showed was not the meaning of the word ‘self’ (insofar as this means something similar to ‘person’, ‘human being’, ‘himself’, ‘myself’), nor an analysis of such a being, but the attitude, the state of attention, of a philosopher who is repeating the word ‘self’ to himself & wants to analyze its meaning. (And much can be learned from this.)
§
267[2]Warum soll ich nicht sagen: der Schrei des Schmerzes (&) das Lachen seien voll von Bedeutung?
Why shouldn't I say that the cry of pain & laughter are full of meaning?
§
267[3]Und was hieße das? – Es würde diese Laute z.B. vom Reuspern unterscheiden. Obwohl es auch ein bedeutungsvolles Reuspern gibt. – Aber kann der Schmerzensschrei auf der Bühne nicht auch voll von Bedeutung sein? – Wenn ich nun sage, diese Laute seien voll von Bedeutung, so meine ich etwas wie, sie kommen aus einem tief zerklüfteten Innern & sind dessen Bild. Sie sind voll von Bedeutung heißt: sie bedeuten viel, i.e., es läßt sich viel, oder Wichtiges aus ihnen schließen.
And what would that mean? – It would distinguish these sounds, for example, from coughing. Although there is also meaningful coughing. – But can the cry of pain on stage not also be full of meaning? – If I say that these sounds are full of meaning, then I mean something like: they come from a deeply troubled inner self & are its image. They are full of meaning means: they mean a lot, i.e., much, or something important can be inferred from them.
§
267[4] &268[1]
Wenn jemand in ängstlicher Erwartung sagt “Wenn er nur schon käme!” so gibt das Gefühl den Worten Bedeutung – gibt es aber den Wörtern ihre Bedeutung?
If someone, in anxious expectation, says “If only he would come!” does the feeling give the words their meaning – or does it give the words their meaning?
§
268[2]Wenn man aber sagt “Ich hoffe, er wird kommen”, gibt das Gefühl nicht dem Worte “hoffen” seine Bedeutung? “Hoffen” ist der Träger eines Tonfalls, & man könnte es auch den Träger eines Gefühls nennen. Wenn das Gefühl dem Worte seine Bedeutung gibt, so heißt “Bedeutung” hier: das, worauf es ankommt. Warum aber kommt es auf's Gefühl an?
If, however, one says “I hope he will come,” does the feeling not give the word “hope” its meaning? “Hope” is the carrier of a tone, & one could also call it the carrier of a feeling. If the feeling gives the word its meaning, then “meaning” here means: that which matters. But why does the feeling matter?
§
268[3] &269[1]
Zweifelst Du, daß der Andre Sehnsucht empfindet? Manchmal zweifelst Du, manchmal nicht. – Versuch einmal in einem besondern Fall, die Angst, die Schmerzen des Andern zu bezweifeln!
Aber ein guter Schauspieler kann doch diese Zustände täuschend nachahmen. – Versuch einmal ein guter Schauspieler zu sein!
Do you doubt that the other person is feeling longing? Sometimes you doubt it, sometimes not. – Try, in a particular case, to doubt the other person’s fear, his pain!
But a good actor can imitate these states convincingly. – Try to be a good actor!
§
269[2]Wenn die Andern Automaten sein könnten; dann ich auch. –
If the others could be automata, then so could I.
§
269[3]Ein Hund zeigt Freude. Kann er auch Freude heucheln? Und warum nicht? Weil er zu ehrlich ist?
A dog displays joy. Can it also feign joy? And why not? Because it is too honest?
§
269[4]Du hast schon längst alles gesagt, nur siehst Du's nicht. Es fehlt Dir nur der Schlußpunkt.
You've said everything there is to say long ago, you just don't realize it. All you're missing is the period at the end.
§
269[5] &270[1]
“Ich kann nur glauben, daß der Andre Schmerzen hat, aber ich weiß es, wenn ich sie habe.” – Ja. Man kann sich dazu entschließen, statt “Er hat Schmerzen” zu sagen: “Ich glaube, er hat Schmerzen”; & statt “Ich habe Schmerzen”: “Ich weiß, ich habe Schmerzen”. Aber das ist alles. – Was hier wie eine Erklärung, oder Aussage über die seelischen Vorgänge, ausschaut, ist nur ein Vertauschen einer Redeweise für eine andere, die uns während wir philosophieren als die treffendere vorkommt. Auf den treffenden Ausdruck kommt es aber hier nur insofern an, als er unsere Tendenzen klarer zeigt.
“I can only believe that the other person is experiencing pain, but I know it when I experience it.” – Yes. One can decide to say, instead of “He is in pain,” “I believe he is in pain”; & instead of “I am in pain,” “I know I am in pain.” But that is all. – What here looks like an explanation, or a statement about mental processes, is only a substitution of one way of speaking for another, which seems to us more appropriate while we are philosophizing. The appropriate expression, however, is important here only in so far as it makes our tendencies clearer.
§
270[2]Ich will Einem erklären: “Ich versichere Dich, ich benehme mich nicht nur, als hätte ich Schmerzen, ich fühle sie wirklich; ich weiß genau, was ‘Schmerzen’ heißt.” – Warum soll er nicht sagen: Das ist alles auch Schmerzbenehmen.
I want to explain to someone: “I assure you, I am not just behaving as if I am in pain; I really feel it; I know exactly what ‘pain’ means.” – Why shouldn’t he say: That is all pain-behaviour as well.
§
270[3]Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was wir in einem Sprachspiel sagen, & dem, was wir, beim Philosophieren darüber, zu sagen geneigt sind.
We must distinguish between what we say in a language-game & what we are inclined to say when philosophizing about it.
§
270[4]Wie kann ich denn mit der Sprache noch zwischen die Schmerzäußerung & den Schmerz treten wollen?
How can one possibly want to introduce a distinction into language between the manifestation of pain & the pain itself?
§
271[1]Es zeigt ein fundamentales Mißverständnis an, wenn ich meinen gegenwärtigen Zustand der Kopfschmerzen zu betrachten geneigt bin, um über das philosophische Problem der Empfindung ins klare zu kommen.
It reveals a fundamental misunderstanding if I am inclined to consider my current state of having a headache in order to clarify the philosophical problem of sensation.
§
271[2]Denke Dir einen Menschen, der es nicht im Gedächtnis behalten könnte, was das Wort “Schmerz” bedeutet, & der daher immer wieder etwas anderes so nennt, aber das Wort immer in Übereinstimmung mit den gewöhnlichen Zeichen & Voraussetzungen des Schmerzes verwendete! – Das Rad gehört nicht zur Maschine, das man drehen kann, ohne daß etwas anderes sich mitbewegt.
Imagine a person who could not remember in his memory what the word “pain” means, & who therefore always calls something else by that name, but always uses the word in agreement with the usual signs & circumstances of pain! – The wheel does not belong to the machine; it can be turned without something else moving along with it.
§
271[3] &272[1]
Ist es ebenso sicher, daß der Andre traurig ist, wie, daß ich es bin? Oder könnte der Andre nicht doch ein Automat sein? – (Ist es so sicher, daß in des Nachbars Zimmern Möbel stehen, wie, daß sie in meinen Zimmern stehn?) Könnte ich kein Automat sein? Bin ich keiner? Gehören die Empfindungen mir?
Is it just as certain that the other person is sad as that I am? Or could the other person still be an automaton? – (Is it as certain that there is furniture in the neighbor’s room as that there is in my room?) Could I not be an automaton? Am I not one? Do sensations belong to me?
§
272[2]“Wenn ich sage ‘Ich habe Schmerzen’, bin ich jedenfalls vor mir selbst gerechtfertigt.” – Heißt das: “Wenn der Andre wüßte, was ich ‘Schmerz’ nenne, würde er zugeben, daß ich das Wort richtig verwende”?
“When I say ‘I am in pain,’ I am in any case justified in my own eyes.” – Does this mean: “If the other person knew what I call ‘pain,’ would he admit that I am using the word correctly”?
§
272[3]“Jeder kennt, aus erster Hand, nur seine Empfindungen.” Was für eine Art von Satz ist diese allgemeine Feststellung?
“Everyone knows, from firsthand experience, only his own sensations.” What kind of sentence is this general statement?
§
272[4] &273[1] &
274[1]
“Aber warum traust Du Dir selbst so wenig? Du weißt doch sonst immer was (z.B.) “rechnen” heißt. Wenn Du also sagst, Du habest in der Vorstellung gerechnet, so wird es eben so sein. Hättest Du nicht gerechnet, so würdest Du's nicht sagen. Ebenso, wenn Du sagst, daß Du etwas Rotes in der Vorstellung siehst, so wird es eben rot sein. Du weißt ja sonst, was “rot” ist. – Und weiters: Du verläßt Dich ja nicht immer auf die Übereinstimmung mit den Andern; denn oft berichtest Du, Du habest etwas gesehen, was niemand anderer gesehen hat.” Aber ich traue mir ja. Ich sage ja ohne Bedenken, ich habe dies im Kopf gerechnet, diese Farbe mir vorgestellt. Nicht das ist die Schwierigkeit, daß ich zweifle, ob ich mir wirklich etwas Rotes vorgestellt habe. Sondern dies: Wenn die Vorstellung ein Abbild der Wirklichkeit ist, kann ich da die Frage stellen: “Wie muß eine richtige Vorstellung dieser Farbe aussehen” oder “Wie muß sie beschaffen sein”? Kann ich das lernen? Der tiefe Aspekt entschlüpft leicht.
“But why do you have so little confidence in yourself? You usually know what (e.g.) ‘calculating’ means. So if you say you have calculated in your mind, then that is exactly what it is. If you hadn_’t_ calculated, you wouldn’t say so. Likewise, if you say that you see something red in your mind, then it is exactly red. You do know what ‘red’ is. – And furthermore: you don’t always rely on agreement with others; for you often report that you have seen something that no one else has seen.” But I do trust myself. I say without hesitation that I have calculated this in my head, imagined this color. That is not the difficulty—that I doubt whether I really imagined something red. But this: If the image is a reflection of reality, can I then ask the question: “What must a correct image of this color look like” or “What must its nature be”? Can I learn that? The deeper aspect slips away easily.
§
274[2] &275[1]
Um über die Bedeutung des Wortes “denken” oder “hoffen” klar zu werden, sehen wir uns selbst beim Denken, oder Hoffen zu: was wir da beobachten, werde das sein, was jene Worte bedeuten! – Aber so werden die Worte eben nicht gebraucht. (Es wäre ähnlich, wenn ich, ohne Kenntnis des Schachspiels, durch genauestes Beobachten des letzten Zuges einer Schachpartie lernen wollte, was das Wort ‘mattsetzen’ bedeutet.)
In order to become clear about the meaning of the words “to think” or “to hope,” we observe ourselves thinking or hoping: what we observe will be what those words mean! – But words are not used in that way. (It would be similar if, without knowledge of chess, I were to try to learn what the word ‘checkmate’ means by carefully observing the last move in a game of chess.)
§
275[2]“Die Menschen stimmen mit einander darin überein, daß sie sehen, hören, fühlen, etc. (wenn auch Mancher blind & Mancher taub ist). Sie bezeugen also von sich, sie haben Bewußtsein.” Aber wie merkwürdig! wem mache ich eigentlich eine Mitteilung, wenn ich sage “Ich habe Bewußtsein”? Was ist der Zweck, mir das zu sagen, & wie kann der Andere mich verstehen? – Nun, Sätze, wie “Ich sehe”, “Ich höre”, “Ich bin bei Bewußtsein”, haben ja wirklich ihren Gebrauch. Dem Arzt sage ich “Jetzt höre ich wieder auf diesem Ohr”; wer mich ohnmächtig gesehen hat, dem sage ich etwa “Ich bin wieder bei Bewußtsein”, usw.
“People agree with one another that they see, hear, feel, etc. (even if some are blind & some are deaf). Thus, they attest to themselves that they have consciousness.” But how remarkable! To whom am I actually communicating when I say, “I have consciousness”? What is the purpose of saying this to myself, & how can the other person understand me? – Well, sentences like “I see,” “I hear,” “I am conscious,” certainly have their use. I say to the doctor, “Now I can hear again with this ear”; to someone who has seen me unconscious, I might say, “I am conscious again,” etc.
§
275[3] &276[1]
Beobachte ich mich also & nehme wahr, daß ich sehe, oder bei Bewußtsein bin? Und wozu überhaupt von Beobachtung reden! Warum nicht einfach sagen: “Ich nehme wahr, daß ich bei Bewußtsein bin”? – Aber wozu hier die Worte “Ich nehme wahr”. – Warum nicht sagen: “Ich bin bei Bewußtsein”? – Aber zeigen die Worte “Ich nehme wahr” hier nicht an, daß ich auf mein Bewußtsein aufmerksam bin? was doch gewöhnlich nicht der Fall ist. (Denn ich habe für gewöhnlich Besseres zu tun.) Wenn es so ist, dann sagt der Satz “Ich nehme wahr, daß …” nicht, daß ich bei Bewußtsein bin, sondern daß meine Aufmerksamkeit so & so eingestellt ist. Aber ist es denn nicht eine bestimmte Erfahrung, die mich veranlaßt zu sagen “Ich bin wieder bei Bewußtsein”? Welche Erfahrung? das ist zu beantworten. (Und zwar dem Andern verständlich. Denn vom Andern habe ich die Sprache gelernt. Und was er nicht verstehen kann, kann ich auch nicht verstehen.)
So, do I observe myself & notice that I see, or that I am conscious? & why even talk about observation at all! Why not simply say, “I notice that I am conscious”? – But what is the purpose of the words “I notice” here? – Why not say, “I am conscious”? – But do the words “I notice” not indicate that I am paying attention to my consciousness? which is usually not the case. (For I usually have better things to do.) If that is the case, then the sentence “I notice that…” does not say that I am conscious, but that my attention is set in such & such a way. But isn’t it a particular experience that prompts me to say, “I am conscious again”? Which experience? that is what needs to be answered. (And it must be answered in a way that the other person can understand. Because I learned the language from the other person. And what he cannot understand, I cannot understand either.)
§
276[2]“Aber ich habe doch Bewußtsein!” – Aber es ist seltsam, daß ich weiß, daß das “Bewußtsein” heißt!
“But I do have consciousness!” – But it is strange that I know that this is called “consciousness”!
§
277[1]“Ich lebe doch; ich habe doch Bewußtsein!” (Dabei öffne ich die Augen weit & schaue um mich.) Wem sage ich das, & wozu? Was die Worte wohl für eine Beziehung zu dem Faktum haben; & warum ich es wohl mit Worten begleite!
“I am alive; I do have consciousness!” (While opening my eyes wide & looking around.) To whom am I saying this, & for what purpose? What relationship do the words perhaps have to the fact; & why do I accompany it with words!
§
277[2]Ist, daß ich Bewußtsein habe, eine Erfahrungstatsache? Aber sagt man nicht vom Menschen er habe Bewußtsein; & vom Baum, oder Stein, er habe keines? – Wie wäre es, wenn's anders wäre? Wären die Menschen alle bewußtlos? – Nein; nicht im gewöhnlichen Sinne dieses Worts; aber ich, z.B., hätte nicht Bewußtsein – wie ich's jetzt tatsächlich habe.
Is the fact that I have consciousness an empirical fact? But isn’t it said that a human being has consciousness, & a tree or stone does not? – What if it were different? Would all people be unconscious? – No; not in the ordinary sense of the word; but I, for example, would not have consciousness – as I actually have it now.
§
277[3] &278[1]
Aber kann ich mir nicht denken, daß die Menschen um mich Automaten seien, kein Bewußtsein haben, ihre Handlungsweise aber ist die gleiche, wie immer? – Wenn ich mir's jetzt – allein in meinem Zimmer – vorstelle, sehe ich die Leute mit starrem Blick (etwa wie im trance) ihren Verrichtungen nachgehen, & die Idee ist vielleicht ein wenig unheimlich. Aber nun versuch einmal im gewöhnlichen Verkehr, oder auf der Straße, an dieser Idee festzuhalten! Sag Dir “Diese Kinder dort sind bloße Automaten. Alle ihre Lebendigkeit ist bloß Schein.” – Und diese Worte werden Dir entweder gänzlich nichtssagend werden; oder Du wirst in Dir eine Art unheimliches Gefühl erzeugen. Einen lebenden Menschen als Automaten sehen, ist ähnlich dem, ein Fensterkreuz als Swastika sehen; oder irgend eine Figur als Grenzfall, oder Variation einer andern.
But can I not imagine that the people around me are automata, have no consciousness, but their way of acting is the same as always? – If I imagine this now – alone in my room – I see the people going about their business with a blank expression (as if in a trance), & the idea may be a little unsettling. But now try to hold onto this idea in ordinary interaction, or on the street! Tell yourself, “Those children there are merely automata. All their liveliness is merely pretense.” – & these words will either become completely meaningless to you; or you will create a kind of uneasy feeling in yourself. Seeing a living person as an automaton is similar to seeing a window cross as a swastika; or seeing any figure as a borderline case, or variation of another.
§
278[2]Der erste Fehler, den wir in einer philosophischen Untersuchung machen, ist die philosophische Frage.
The first mistake we make in a philosophical investigation is asking philosophical questions.
§
278[3] &279[1]
Die gemeinsame menschliche Handlungsweise ist das Bezugssystem, mittels welches wir uns eine fremde Sprache deuten.
The common human way of acting is the frame of reference by means of which we interpret a foreign language.
§
279[2]Befehle werden manchmal nicht befolgt. Aber wie würde es aussehen, wenn Befehle nie befolgt würden.
Commands are sometimes not followed. But what would it look like if commands were never followed?
§
279[3]Es ist nicht leicht philosophische Schlüssel zu finden, die viele Schlösser eröffnen. Aber die Schlösser zu den Schlüsseln finden, das ist das Schwerste.
It is not easy to find philosophical keys that open many locks. But finding the locks to the keys, that is the most difficult thing.
§
279[4]Wer uns die Sprache eines Volkes beschreibt, beschreibt eine Gleichförmigkeit ihres Benehmens. Und wer eine Sprache beschreibt, die Einer mit sich allein spricht, der beschreibt eine Gleichförmigkeit seines Benehmens & nicht etwas, was sich einmal zugetragen hat. Aber “eine Sprache sprechen” werde ich nur ein Verhalten nennen, das unserm, wenn wir unsere Sprache sprechen, analog ist.
Whoever describes the language of a people, describes a uniformity in their behaviour. And whoever describes a language that one speaks to oneself, describes a uniformity in one’s behaviour & not something that happened once. But “speaking a language” I will only call a behaviour that is analogous to ours when we speak our language.
§
279[5] &280[1]
Ein Schrei entringt sich ihm. Worte entringen sich ihm.
A cry escapes from him. Words escape from him.
§
280[2]Ist der Schrei wahr, oder falsch? Wie, wenn ich sagte, er sei echt, oder nicht echt.
Is the cry true, or false? What if I said it was genuine, or not genuine?
§
280[3]Nicht, natürlich, als sei das Wort “echt” richtiger als “wahr”! Es erinnert uns nur an einen grammatischen Unterschied, der übersehen, oder nicht verstanden wird.
Not, of course, as if the word “genuine” were a better word than “true”! It merely reminds us of a grammatical difference that is overlooked or not understood.
§
280[4]“Wenn ich mir etwas vorstelle, so geschieht doch wohl etwas!” Nun, es geschieht etwas – – & wozu mache ich dann einen Lärm? Wohl dazu, was geschieht, mitzuteilen. – Aber wie teilt man denn überhaupt etwas mit? Wann sagt man, etwas werde mitgeteilt? Was ist das Sprachspiel des Mitteilens? Ist es das gleiche ob ich nun einen physikalischen Vorgang mitteile, oder einen seelischen?
“If I imagine something, then something does indeed happen!” Well, something happens – and why then do I make a noise? Presumably to communicate what happens. – But how does one communicate something at all? When does one say that something is being communicated? What is the language-game of communication? Is it the same whether I communicate a physical process or a mental one?
§
280[5] &281[1]
Und das, was man erlebt, davon sagt man ja, daß es sich nicht mitteilen lasse! Und wenn Du sagst: “Ich sage es eben mir selbst”, so frage ich wieder, was das heißt, & was der Lärm mit dem zu tun hat, was “geschieht”. Wie meint man denn mit den Worten, was geschieht?
And what one experiences—well, one says that it cannot be communicated! And if you say, “I’m just telling myself,” then I ask again what that means, & what the noise has to do with what “happens.” How does one mean, with words, what happens?
§
281[2]Du gibst jemandem ein Signal, wenn Du Dir etwas vorstellst & Du benützt verschiedene Signale für verschiedene Vorstellungen. – Wie vereinbart ihr, was jedes Signal bedeuten soll?
You give someone a signal when you imagine something, and you use different signals for different images. – How do you agree on what each signal should mean?
§
281[3]Wie lehrt & lernt man, leise für sich selbst lesen?
How does one learn and teach how to read silently to oneself?
§
281[4] &282[1]
Was ist das Kriterium der Gleichheit zweier Vorstellungen? D.h.: wie werden Vorstellungen verglichen? Ein Logiker denkt vielleicht: gleich ist gleich – es ist eine psychologische Frage: wie der Mensch sich davon überzeugt, daß zwei Dinge gleich sind. Vergleiche damit: “Höhe ist Höhe; es gehört in die Psychologie, daß der Mensch sie manchmal sieht, manchmal hört.”
What is the criterion of equality between two ideas? That is: how are ideas compared? A logician might think: equal is equal—it is a psychological question: how a person convinces themselves that two things are equal. Compare this with: “Height is height; it belongs to psychology that a person sometimes sees it, sometimes hears it.”
§
282[2]Ich stelle mir vor, daß der Baum umfällt, ich sehe es deutlich vor mir. Ich habe ein klares Bild vor meinem geistigen Auge. Warum ein Bild? – Wenn ein Bild, warum nicht den Baum?
I imagine that the tree falls, I see it clearly before me. I have a clear picture before my mind's eye. Why a picture? – If a picture, why not the tree?
§
282[3]Gedankenlos, & gedankenvoll Musik machen. – – –
Making music thoughtlessly, and thoughtfully. – – –
§
282[4] &283[1]
Wenn Du Schmerzen hast & daraus auf hohen Blutdruck schließt, wirst Du nicht sagen wollen, Du habest aus nichts auf Deinen hohen Blutdruck geschlossen. Und wie ist das Experiment zu beschreiben: Du beobachtest Deinen Blutdruck & siehst zu, wie er von Deinem Schmerzzustand abhängt. Du rufst nicht durch äußere Mittel die Schmerzen hervor, sondern vergleichst nur ihren (natürlichen) Verlauf mit dem des Blutdrucks. Denk dir, statt Zeichen in ein Tagebuch einzutragen, wenn er Schmerzen hat, mache Einer so ein Experiment! Ist es kein Experiment? Wird es nur dadurch zu einem, daß er einen Ausdruck des Schmerzes hat? Kann er nicht eben die Veränderungen des Blutdrucks richtig, für Jeden sichtbar, voraussagen?
If you have pain and conclude from it that you have high blood pressure, you won’t want to say that you concluded your high blood pressure from nothing. And how is the experiment to be described: You observe your blood pressure and see how it depends on your state of pain. You do not induce the pain through external means, but merely make a comparison of its (natural) course with that of the blood pressure. Imagine, instead of recording symptoms in a diary, someone conducting such an experiment when they are in pain! Is it not an experiment? Does it only become one because they have an expression of pain? Can they not accurately predict the changes in blood pressure, visible to everyone?
§
283[2]Und hier spielt wieder das ‘richtige’ Wiedererkennen seiner innern Empfindung gar keine Rolle. Denn es genügt, daß er sie wiederzuerkennen glaubt, da, was uns interessiert, das richtige Vorhersagen des Blutdrucks ist. – Und daher muß es auch falsch sein, wenn ich sage, er glaube die Empfindung wieder zu erkennen.
And here, once again, the ‘correct’ recognition of one’s inner sensation plays no role whatsoever. For it is sufficient that they believe they recognize it, since what interests us is the correct prediction of blood pressure. – And therefore it must also be wrong when I say that they believe they recognize the sensation.
§
283[3] &284[1]
Der Unsinn, gegen den ich angehe, ist der halbe Solipsismus, der sagt, die Empfindung kenne ich unmittelbar daher, daß ich sie habe & nun verallgemeinerte ich meinen Fall.
The nonsensical claim I am challenging is the quasi-solipsism that claims I know the sensation immediately because I have it—and now I have generalized my case.
§
284[2]Den Begriff ‘Schmerz’ hast Du mit der Sprache gelernt.
You learned the concept of ‘pain’ through language.
§
284[3]Ich sitze in einem Sessel & habe die Augen geschlossen. Ich fühle Schmerzen, ich fühle mich atmen, ich fühle den Druck des Sessels gegen meinen Körper. Nennen wir das einmal eine Erfahrung! Und nun sage ich mir: Wie weiß ich, daß ich nicht zu einem Stein erstarrt bin? (Oder auch: daß mein Körper nicht ganz verschwunden ist? Denn das eine ist doch eigentlich so gut, wie das andre.) Die Erfahrung ist also da, auch wenn mein Körper nicht mehr wäre. ‘Die Erfahrung’ – aber welche Erfahrung? – Die, die ich jetzt gerade habe. – Aber damit das Sinn hat, brauche ich (doch) ein Kriterium des Andauerns der gleichen Empfindung. Es geht nicht an, zu sagen: “Nun, eben diese!”
I am sitting in an armchair with my eyes closed. I feel pain, I feel myself breathing, I feel the pressure of the armchair against my body. Let’s call this an experience! And now I ask myself: How do I know that I haven’t turned to stone? (Or also: that my body hasn’t completely disappeared? For one is, after all, just as good as the other.) So the experience is there, even if my body were no longer there. ‘The experience’—but which experience?—The one I am having right now. —But for that to have sense, I (still) need a criterion for the continuity of the same sensation. It is not acceptable to say: “Well, this very one!”
§
285[1]“Ich brauche ein Kriterium des Andauerns der gleichen Empfindung”, sagte ich. – Warum aber? Weil der Ausdruck für die Empfindung, so wie er aus seinem Sprachspiel herausgelöst ist, in der Luft hängt & nun einer neuen Unterstützung bedarf.
“I need a criterion for the continuity of the same sensation,” I said. – But why? Because the expression for the sensation, as it is taken out of its language-game, hangs in the air and now needs new support.
§
285[2]Es scheint paradox, daß wir in einem Bericht Körper- & Bewußtseinszustände kunterbunt durcheinander mischen: “Er litt große Qualen & warf sich unruhig umher; dann wurde er ruhiger & verbiß seinen Schmerz.” – Das ist ganz gewöhnlich; warum erscheint es (mir) also paradox? Weil wir sagen wollen, der Satz handle von Greifbarem & Ungreifbarem. – Aber findest Du etwas dabei, wenn ich sage: “Diese 3 Stützen geben dem Hause Festigkeit”? Sind 3 & Festigkeit greifbar? – Sieh den Satz als Instrument an, & seinen Sinn als seine Verwendung!
It seems paradoxical that we mix physical and states of consciousness together haphazardly in a report: “He suffered great agony and tossed about restlessly; then he became calmer and gritted his teeth against the pain.” – That is quite common; so why does it seem paradoxical (to me)? Because we want to say that the sentence deals with the tangible and the intangible. – But do you find anything wrong with it when I say: “These three supports give the house stability”? Are “three” and “stability” tangible? – Consider the sentence as an instrument, and its sense as its use!
§
286[1]Ich identifiziere meine Empfindung freilich nicht, sondern ich gebrauche den gleichen Ausdruck. Aber damit endet ja das Sprachspiel nicht; damit fängt es (erst) an. Aber fängt es nicht mit der Empfindung an – die ich beschreibe? – Das Wort “beschreiben” hat uns vielleicht da zum besten. Ich sage “Ich beschreibe meinen Seelenzustand” & “Ich beschreibe einen Wohnraum”. Hier muß man sich die Verschiedenheiten der Sprachspiele ins Gedächtnis rufen.
I do not, of course, identify my sensation, but I use the same expression. But the language-game does not end there; it (only) begins there. But does it not begin with the sensation—which I describe?—The word “describe” may serve us best here. I say “I describe my state of mind” & “I describe a living space.” Here one must recall the differences between the language-games.
§
286[2]Könnte der das Wort “Schmerz” verstehen, der nie Schmerz gefühlt hat? – Was ist das für eine Frage? Soll die Erfahrung mich lehren, wie es sich verhält? Und wenn Du sagst “Einer kann sich Schmerzen nicht vorstellen, außer er hat sie einmal gefühlt” – woher weißt Du das? Wie läßt sich entscheiden, ob das wahr ist?
Could someone who has never felt pain understand the word “pain”?—What kind of question is that? Is experience supposed to teach me how things are? And when you say “One cannot imagine pain unless one has felt it once”—how do you know that? How can one determine whether that is true?
§
287[1]“Aber Du wirst doch zugeben, daß ein Unterschied ist zwischen Schmerzbenehmen mit Schmerzen & Schmerzbenehmen ohne Schmerzen.” – Zugeben? Welcher Unterschied könnte größer sein! – “Und doch gelangst Du immer wieder zum Ergebnis, der Schmerz selbst sei ein Nichts.” – Nicht doch! Er ist kein Etwas, aber auch nicht ein Nichts! Das Ergebnis war nur, daß ein Nichts die gleichen Dienste täte, wie ein Etwas, worüber sich nichts aussagen läßt. D.h., wir verwarfen die Grammatik, die sich uns aufdrängen will. Und das Paradox verschwindet nur dann, wenn wir radikal mit der Idee brechen, die Sprache funktioniere immer auf eine Weise, diene immer dem gleichen Zweck: Gedanken zu übertragen, – seien diese nun Gedanken über Häuser, Schmerzen, Gut & Böse, oder was immer.
“But you must admit that there is a difference between pain-behaviour and pain-behaviour without pain.” – Admit? What difference could be greater! – “And yet you keep coming to the conclusion that pain itself is nothing.” – Not at all! It is not a something, but neither is it a nothing! The conclusion was merely that a nothing would serve the same purpose as a something about which no statement can be made. That is to say, we rejected the grammar that wants to impose itself on us. And the paradox disappears only when we radically break with the idea that language always functions in one way, always serves the same purpose: to convey thoughts—whether these are thoughts about houses, pain, good & evil, or whatever.
§
288[1]Ich sage jemandem, ich habe Schmerzen. Seine Einstellung zu mir wird nun die des Glaubens sein; des Unglaubens; des Mißtrauens; etc. Nehmen wir an, er sagt: “Es wird nicht so schlimm sein.” – Ist das nicht der Beweis dafür, daß er an etwas glaubt, das hinter der Schmerzäußerung steht? – Seine Einstellung ist (nur) ein Beweis seiner Einstellung. Denke Dir nicht nur den Satz “Ich habe Schmerzen”, sondern auch den, “Es wird nicht so schlimm sein”, durch Naturlaute & Gebärden ersetzt!
I tell someone that I have pain. His attitude toward me will now be one of belief; of disbelief; of mistrust; etc. Suppose he says: “It won’t be that bad.” – Is that not proof that he believes in something that is behind the expression of pain? – His attitude is (only) proof of his attitude. Don’t just think of the sentence “I have pain,” but also of the sentence, “It won’t be that bad,” replaced by natural sounds & gestures!
§
288[2] &289[1]
“Welcher Unterschied könnte größer sein!” – Im Fall der Schmerzen glaube ich, ich könnte mir diesen Unterschied privat vorführen. Den Unterschied aber zwischen einem abgebrochenen & einem nicht abgebrochenen Zahn kann ich Jedem vorführen. Aber die private Vorführung ist eine Illusion & Du brauchst Dir zu ihr auch gar nicht Schmerzen hervorrufen, sondern es genügt, wenn Du Dir sie vorstellst, z.B. ein wenig das Gesicht verziehst. Und wie weißt Du, daß, was Du Dir so vorführst, Schmerzen sind & nicht ein Gesichtsausdruck? – Diese Vorführung ist eine Illusion. Wie weißt Du auch, was Du Dir vorführen sollst, ehe Du Dir's vorführst? (Du mußt Dich an den Gedanken gewöhnen, daß Sprachreaktionen, wie andere, oft auftreten, wenn sie keinen Zweck haben. Und es wäre seltsam, wenn es nicht so wäre.)
“What greater difference could there be!” – In the case of pain, I believe I could demonstrate this difference to myself privately. But I can demonstrate the difference between a broken tooth and an unbroken one to anyone. But the private demonstration is an illusion, and you don’t even need to cause yourself pain for it; it’s enough if you imagine it, e.g., by grimacing a little. And how do you know that what you’re demonstrating to yourself is pain and not just a facial expression? – This demonstration is an illusion. How do you even know what to demonstrate to yourself before you demonstrate it? (You must get used to the thought that verbal reactions, like others, often occur when they serve no purpose. And it would be strange if it weren’t so.)
§
289[2]“Häufe das Benehmen, wie Du willst, – es gibt immer noch keine Schmerzen!”
“Pile up the behaviour as you like – there are still no pains!”
§
289[3] &290[1]
Aber sind die Fälle des Zahnes & der Schmerzen nicht doch wieder ähnlich? Denn dem Gesichtsbild im einen entspricht die Empfindung im andern. Die Gesichtsempfindung kann ich mir so wenig vorführen, oder so gut, wie die Schmerzempfindung. Denk' Dir diesen Fall: Die Oberfläche der Dinge, die uns umgeben (Steine, Pflanzen, Knochen etc.) hätte bestimmte Flecken oder Zonen die unseren Fingern bei der Berührung Schmerzen verursachen; dies liege etwa in der chemischen Beschaffenheit dieser Oberflächenteile, aber das brauchen wir nicht zu wissen. Wir würden nun, so wie heute von einem rotgefleckten Blatt, von einem mit Schmerzflecken reden. Ich setze voraus, daß die Wahrnehmung der Schmerzflecken mannigfaltigen Nutzen für uns hat. Daß wir z.B. eine Pflanze nach ihnen erkennen; Schlüsse auf wichtige Eigenschaften der Gegenstände ziehen.
But aren't the cases of the tooth and pain similar again? For in the one case, there is the visual image, and in the other, the sensation. I can no more demonstrate the visual sensation to myself, or as well, as I can the sensation of pain. Imagine this case: The surfaces of the things that surround us (stones, plants, bones, etc.) have certain spots or zones that cause pain in our fingers when touched; this might be due to the chemical composition of these surface parts, but we don't need to know that. We would now, as today, speak of a red-spotted leaf or one with pain spots. I assume that the perception of the pain spots has manifold uses for us. That, for example, we recognize a plant by them; draw conclusions about important properties of the objects.
§
290[2]Ich kann Schmerzen vorführen, wie ich Rot vorführe, & wie ich gerade & krumm, & Baum & Stein vorführe. – Das nennen wir eben “vorführen”.
I can demonstrate pain just as I demonstrate red, and just as I demonstrate straight and curved, and tree and stone. – We simply call this “demonstration”.
§
290[3] &291[1]
Wie ist es nun mit dem Worte “rot” z.B. – soll ich sagen, dies bezeichne etwas, der Erkenntnis aller, oder der meisten Menschen, Gemeinsames & Jeder sollte eigentlich außer diesem noch ein anderes Wort haben zur Bezeichnung seiner eigenen Empfindung von Rot? Oder ist es so: Das Wort “Rot” bezeichnet etwas uns gemeinsam bekanntes, & außer dem noch für jeden etwas nur ihm bekanntes, etwas Privates; oder vielleicht besser: es bezieht sich auf etwas Privates?
How is it now with the word “red”, for example – should I say that this designates something common to all or most people, and that each person should actually have another word to designate his own impression of red? Or is it like this: The word “red” designates something known to us all, and in addition to that, something known only to each individual, something private; or perhaps better: does it refer to something private?
§
291[2]Das Wesentliche am Privaten ist eigentlich nicht, daß Jeder sein besonderes besitzt, sondern, daß keiner weiß, ob der Andere auch dies hat, oder etwas anderes. Es wären also Annahmen möglich, wie die, ¼ der Menschheit habe eine, eine andere Rotempfindung – wenn sie's auch nie wüßten.
The essential thing about the private is not that everyone has his own particular one, but that no one knows whether the other also has this one, or something different. Thus, assumptions are possible, such as that ¼ of humanity has one red impression and another – even if they never knew it.
§
291[3] &292[1]
Natürlich, wie & wozu man das Private bezeichnen soll, ist unklar. Sagt man aber: das Wort bezieht sich auf die eigene Empfindung, so ist dies der psychologisch richtigere Ausdruck für ein Erlebnis, das ich beim Philosophieren habe. Es ist als werfe man bei dem Wort einen Seitenblick auf den eigenen Eindruck. Schau auf das Blau des Himmels; sag zu Dir selbst: “Wie blau der Himmel ist!” – Wenn Du es spontan tust – nicht mit philosophischen Absichten – so kommt es Dir nicht in den Sinn, dieser Farbeneindruck gehöre nur Dir. Und Du hast kein Bedenken diesen Ausruf an einen Andern zu richten. Und wenn Du bei den Worten auf etwas zeigst, so ist es der Himmel, ich meine: Du hast nicht das Gefühl des in-sich-selber-Zeigens, das oft das ‘Benennen der Empfindung’ begleitet, wenn wir über die ‘private Sprache’ nachdenken. Du denkst auch nicht, Du solltest eigentlich nicht mit der Hand, sondern nur mit der Aufmerksamkeit auf die Farbe zeigen.
Of course, how and why one should designate the private is unclear. But if one says that the word refers to one's own impression, this is the psychologically more accurate expression for an experience that one has while philosophizing. It is as if one were casting a sidelong glance at one's own impression with the word. Look at the blue of the sky; say to yourself: “How blue the sky is!” – If you do it spontaneously – not with philosophical intentions – then it does not occur to you that this color impression belongs only to you. And you have no hesitation in addressing this exclamation to another. And if you point to something with the words, it is the sky, I mean: you do not have the feeling of pointing in-to-oneself, which often accompanies the ‘naming of the impression’ when we think about ‘private language’. You also do not think that you should actually point to the color with your hand, and not just with your attention.
§
292[2]James ist eine Fundgrube für die Psychologie des Philosophen.
James is a treasure trove for the psychology of the philosopher.