Ms-126
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§
IIr[1]Handelt nur von Logik & Mathematik.
It deals only with logic & mathematics.
§
1[1]20.10.1942
Eine Addition von Formen in der gewisse Glieder verschmelzen spielt in unserm Leben eine sehr geringe Rolle. – Wie wenn
und △ die Figur
ergeben.
Aber wäre dies eine wichtigere Operation, so hätten wir vielleicht auch einen andern geläufigen Begriff von der arithm. Addition.
20.10.1942
An addition of shapes in which certain parts merge plays a very small role in our lives. – As when
and △ are the figures
that result.
But if this were a more important operation, then perhaps we would also have a different common concept of arithmetic addition.
§
1[2] &2[1]
Daß man ein Boot, einen Hut, einen Katzenkopf etc. aus einem Stück Papier nach gewissen Regeln falten kann betrachten wir als Sache der Geometrie, nicht der Physik. Aber ist die Geometrie, so verstanden, nicht ein Teil der Physik? Nein; wir spalten die Geometrie von der Physik ab. Die geometrische Möglichkeit von der physikalischen. Aber wie, wenn man sie beisammen ließe? Wenn man einfach sagte: ‘wenn Du das & das & das mit dem Stück Papier tust, wird dies herauskommen’? Was zu tun ist, könnte etwa durch einen Reim gegeben werden. Ist es denn nicht möglich, daß jemand zwischen den beiden Möglichkeiten gar nicht unterscheidet?
The fact that one can fold a boat, a hat, a cat's head, etc., from a piece of paper according to certain rules, we regard as a matter of geometry, not physics. But is geometry, understood in this way, not a part of physics? No; we separate geometry from physics. The geometrical possibility from the physical. But what if one simply left them together? If one simply said: ‘if you do this & that & that with the piece of paper, this will come out’? What to do could be given, for example, by a rhyme. Is it not possible that someone does not distinguish between the two possibilities at all?
§
2[2] &3[1]
Wie wenn man sagte: ‘wenn Du gut ausgeruht bist & Du addierst die Zahlen ‥‥‥ kommt, meistens ‥‥․ heraus’? Hier, kann man sagen, heißt ‘addieren’ etwas anderes, als in unserem Sprachgebrauch. Aber doch etwas Ähnliches.
As if one said: ‘if you are well rested & you add the numbers ‥‥‥, you get, mostly ‥‥‥’? Here, one can say, ‘adding’ means something different from what it means in our linguistic usage. But still something similar.
§
3[2] &4[1]
Es heißt dann ungefähr, was wir “zu addieren versuchen” nennen. Und wir sagen, von einem Schüler z.B., er versucht die & die Zahlen zu addieren, & meinen damit etwas ganz bestimmtes, obwohl die Kriterien dafür, daß das geschieht, nicht leicht aufzuzählen sind. (Es ist wie ‘zu lesen versuchen’.)
It then amounts to roughly what we call “trying to add”. And we say of a student, for example, that he is trying to add the numbers, & we mean by that something quite specific, although the criteria for that this happens are not easy to enumerate. (It is like ‘trying to read’.)
§
4[2]Wie ist es mit dem Satz “p ⊃ p ist eine Tautologie”? Er ist etwa vergleichbar mit: “318 ist durch 3 teilbar”.
What about the sentence “p ⊃ p is a tautology”? It is, for example, comparable to: “318 is divisible by 3”.
§
4[3] &5[1]
Man könnte sich die Logik mit solchen Sätzen betrieben denken. Und dann, natürlich, ebenso auch mit Sätzen der Art “p ∙ ~p ist eine Kontradiktion”. Und daher auch einfach mit Kontradiktionen wie bisher mit Tautologien. Daß ich in einer Beschreibung, oder einem Befehl Widersprüche nicht dulde, daraus folgt nicht, daß ich sie in der Logik nicht brauchen kann.
Die Reaktion auf ‘p ⊃ p’ ist: ‘Nun gut, – was weiter!’. Eine Art Bejahung, wie die einer gänzlich unverbindlichen Äußerung.
One could imagine logic being practiced with such sentences. And then, of course, also with sentences of the kind “p ∙ ~p is a contradiction”. And therefore also simply with contradictions, as before with tautologies. The fact that I do not tolerate contradictions in a description, or in an order, does not imply that I cannot use them in logic.
The reaction to ‘p ⊃ p’ is: ‘Well, – what next!’. A kind of affirmation, like that of a completely uncommittal utterance.
§
5[2]Denke Dir Sätze, wie 25 × 25 = 625, gewohnheitsmäßig so geschrieben: 25 × 25 ‒ 625 = 0, & am Ende das ‘ = 0’ weggelassen, daß die Sätze der Arithmetik die Form arithm. Ausdrücke annehmen, die gleich 0 sind, – obwohl das nicht gesagt wird. Wäre diese Situation nicht ähnlich der in unsrer Logik, die aus Tautologien besteht?
Imagine sentences, such as 25 × 25 = 625, habitually written like this: 25 × 25 ‒ 625 = 0, & at the end the ‘= 0’ is left out, so that the sentences of arithmetic take the form of arithmetic expressions that are equal to 0, – although this is not said. Wouldn’t this situation be similar to the one in our logic, which consists of tautologies?
§
6[1]21.10.1942
Die Konstruktion einer Schlußregel kann man als Einführung eines neuen Sprachspiels deuten. Ich denke mir eines, in welchem etwa eine Person ‘p ⊃ q’ aussagt, eine andere ‘p’, & eine dritte den Schluß zieht.
21.10.1942
The construction of a rule of inference can be interpreted as the introduction of a new language-game. I imagine one in which one person says ‘p ⊃ q’, another ‘p’, & a third draws the inference.
§
6[2] &7[1]
22.10.1942
Es handelt sich um die Beobachtung einer Fläche
die in Stücke von verschiedener Farbe geteilt ist. Die Farben aller Stücke ändern sich zu gleicher Zeit immer nach einer Minute.
Jeder beobachtet einen Aspekt der ihn aus bestimmten Gründen angeht.
Jetzt sind die Farben r, g, b, w, s, o.
Es wird beobachtet, daß immer r ∙ b ⊃ w ․⊃․ s.
Es wird auch beobachtet ~ g ⊃ ~ s.
Und Einer zieht den Schluß ~ g ⊃ r ∙ b ∙ ~ w.
22.10.1942
It concerns the observation of an area
that is divided into pieces of different colors. The colors of all the pieces change at the same time every minute.
Everyone observes an aspect that appeals to him for certain reasons.
Now the colors are r, g, b, w, s, o.
It is observed that always r ∙ b ⊃ w ․⊃․ s.
It is also observed ~ g ⊃ ~ s.
And one draws the inference ~ g ⊃ r ∙ b ∙ ~ w.
§
7[2]Sind das echte Beobachtungen, so müssen sie einander widersprechen können.
These implications, by the way, are really ‘material’ implications.
If these are real observations, then they must be able to contradict each other.
These implications, by the way, are really ‘material’ implications.
§
7[3]Inwiefern hängt der Schluß von der Erfahrung ab?
In what way does the inference depend on experience?
§
7[4] &8[1]
Einer beobachtet eine zweigeteilte Fläche & ruft aus “rot & blau”; ein Anderer macht von der Beobachtung Gebrauch & sagt: “Also rot”. Er zieht aus ‘p ∙ q’ den Schluß ‘p’. Oder ihn interessiert es, ob die Flächen rot oder gelb zeigen, & er sagt: “Also: rot oder gelb”. Er hat von ‘p ∙ q’ auf ‘p ⌵ r’ geschlossen.
One observes a two-part area & exclaims “red & blue”; another makes use of the observation & says: “So red”. He draws the inference from ‘p ∙ q’ to ‘p’. Or he is interested in whether the areas show red or yellow, & he says: “So: red or yellow”. He has inferred from ‘p ∙ q’ to ‘p ⌵ r’.
§
8[2] &9[1]
Ja, man kann sich ein Sprachspiel denken, in dem der Eine immer den für seine Funktion relevanten Schluß aus der Angabe des Andern zu ziehen hat – etwa einen Schluß von ‘p ∙ q ∙ r’ auf ‘q’ – & daß er in dieser Tätigkeit auch aus einer Angabe ‘p’ den Schluß zieht: “also ‘p’”, daß er also nach der Formel ‘p ⊃ p’ schließt.
Yes, one can imagine a language-game in which one person always has to draw the inference relevant to his function from the statement of the other – for example, an inference from ‘p ∙ q ∙ r’ to ‘q’ – & that in this activity he also draws the inference from a statement ‘p’: “so ‘p’”, that he concludes according to the formula ‘p ⊃ p’.
§
9[2]23.10.1942
‘So machen wir's’. Dieser Regel folgen wir; & wenn dabei etwas schief geht, so schieben wir's nicht der Regel in die Schuhe.
October 23, 1942
‘So let's do it this way.’ This is the rule we follow; and if something goes wrong in the process, we don't blame the rule.
§
9[3] &10[1]
Einer beobachtet eine Fläche, welche in Quadranten geteilt ist. Er ruft aus: “Ganz weiß”. Ein Arbeiter, den die Farbe des Quadranten No. 4 angeht, sagt: “No. 4 weiß”. Wenn nun in dem Arbeitsprozeß irgend etwas schief geht, so wird niemand sagen: aus ‘(x).f(x)’ habe hier nicht ‘f(a)’ gefolgt.
One person observes an area divided into quadrants. He exclaims: “All white.” A worker, for whom the color of quadrant No. 4 is relevant, says: “No. 4 is white.” Now, if something goes wrong in the work process, no one would say: ‘From (x).f(x), ‘f(a)’ did not follow.’
§
10[2]Wie aber, wenn wir Leute aus dem allgemeinen Satz auch entgegengesetzt schließen sähen?
But what if we saw people drawing the opposite conclusion from the general proposition?
§
10[3] &11[1] &
12[1]
Denke Dir Einen, der ein Patent auf eine Regel nimmt um Regeln zu erzeugen nach denen Reihen von Kardinalzahlen erzeugt werden können (etwa zum Zweck von Numerierungen). Er sagt er habe eine Regel gefunden nach der alle möglichen endlosen Reihen erzeugt werden können & kein Konkurrent könne eine Regel bilden die nicht in der seinen enthalten wäre. Und nun zeigt ihm Cantor, daß das nicht möglich ist. Dieser Beweis ändert unzweifelhaft seinen Begriff von der endlosen Zahlenfolge. Vorher hatte er etwa geglaubt da er sich so große Mühe gegeben habe alle Regeln in sein System einzuschließen, so könne er keine ausgelassen haben. Nun denkt er ganz anders über die Sache. Wie Einer, der nicht wußte, daß die Konstruktion einer Winkelteilung unmöglich sein könne. Er sieht es nun ganz anders an.
Imagine someone who takes out a patent on a rule for generating sequences of cardinal numbers (perhaps for the purpose of numbering). He says he has found a rule according to which all possible infinite sequences can be generated, and that no competitor can create a rule that is not contained in his. And now Cantor shows him that this is not possible. This proof undoubtedly changes his concept of the infinite sequence of numbers. Previously, he may have believed that because he had put so much effort into including all rules in his system, he could not have left any out. Now he thinks completely differently about the matter. Like someone who did not know that the construction of an angle bisector could be impossible. He now sees it completely differently.
§RFM IV
12[2]Wie, wenn man sagte: Wer die Folge 1 2 3 umgekehrt hat, lernt über sie, daß sie umgekehrt 3 2 1 ergibt? Und zwar ist, was er lernt, nicht eine Eigenschaft dieser Tintenstriche, sondern der Folge von Formen. Er lernt eine formale Eigenschaft von Formen. Der Satz, welcher diese formale Eigenschaft aussagt, wird durch die Erfahrung bewiesen, die ihm die Entstehung der einen Form, in dieser Weise, aus der andern zeigt.
What if one said: Whoever reverses the sequence 1 2 3, learns about it, that when reversed, it yields 3 2 1? And moreover, what he learns is not a property of these ink strokes, but of the sequence of forms. He learns a formal property of forms. The sentence that states this formal property is proven by the experience that shows him the emergence of one form, in this way, from the other.
§RFM IV
13[1]Hat nun, wer das lernt, zwei Eindrücke? Einen davon daß die Reihenfolge umgekehrt wird, den andern davon daß 3 2 1 entsteht? Und könnte er die Erfahrung, den Eindruck, daß 1 2 3 umgekehrt wird nicht haben und doch nicht den daß 3 2 1 entsteht? Vielleicht wird man sagen: “nur durch eine seltsame Täuschung”. –
Now, does the person who learns this have two impressions? One of them is that the sequence is reversed, the other is that 3 2 1 emerges? And could he not have the experience, the impression, that 1 2 3 is reversed, and yet still not have the impression that 3 2 1 emerges? Perhaps one would say: “only through some strange illusion.” –
§RFM IV
13[2] &14[1]
Warum man eigentlich nicht sagen kann, daß man jenen formalen Satz aus der Erfahrung lernt – weil man es erst dann diese Erfahrung nennt, wenn dieser Prozeß zu diesem Resultat führt. Die Erfahrung, die man meint, besteht schon aus diesem Prozeß mit diesem Resultat.
Why can't one say that one learns that formal sentence from experience – because one only calls it experience when this process leads to this result. The experience that one has in mind already consists of this process with this result.
§RFM IV
14[2]Darum ist sie mehr wie die Erfahrung: ein Bild zu sehen.
Therefore, it is more like the experience: seeing a picture.
§RFM IV
14[3] &15[1] &
16[1]
Kann eine Buchstabenreihe zwei Umkehrungen haben? Etwa eine akustische & eine andere optische Umkehrung. Angenommen ich erkläre jemandem was die Umkehrung eines Wortes auf dem Papier ist, was man so nennt. Und nun stellt sich heraus daß er eine akustische Umkehrung des Wortes hat, d.h., etwas was er so nennen möchte was aber nicht ganz mit der geschriebenen Buchstabenreihe übereinstimmt. So daß man sagen kann: er hört das als Umkehrung des Wortes. Gleichsam als verzerrte sich ihm das Wort beim Umkehren. Und dies könnte etwa eintreten wenn er das Wort & die Umkehrung fließend ausspricht im Gegensatz zu dem Fall wenn er es buchstabiert. Oder die Umkehrung könnte anders scheinen, wenn er das Wort in einem Zuge vor- & rückwärts spricht.
Can a sequence of letters have two reversals? For example, one acoustic and one optical reversal. Suppose I explain to someone what the reversal of a word on paper is, what is called. And now it turns out that he has an acoustic reversal of the word, i.e., something that he would like to call, but that does not quite correspond to the written sequence of letters. So that one can say: he hears that as the reversal of the word. As if the word were distorted when reversed. And this could happen, for example, if he pronounces the word and its reversal fluently, as opposed to the case when he spells it out. Or the reversal might seem different if he pronounces the word in one go, both forward and backward.
§RFM IV
16[2]Es wäre möglich, daß man das genaue Spiegelbild eines Profils sogleich nach diesem gesehen nie für das gleiche & nur in die andere Richtung gedrehte erklärte, sondern daß, um den Eindruck der genauen Umkehrung zu machen, das Profil in den Maßen etwas geändert werden müßte.
It would be possible that one does not immediately recognize the exact mirror image of a profile after seeing it as being the same and only rotated in the other direction, but that, in order to create the impression of the exact reversal, the profile would have to be somewhat altered in its dimensions.
§
16[3]§RFM IV
17[1]Ich will doch sagen, man könne nicht sagen: wir mögen zwar über die korrekte Umkehrung, eines langen Wortes z.B., im Zweifel sein, aber wir wissen, daß das Wort nur eine Umkehrung hat.
I want to say that one cannot say: we may doubt the correct reversal of a long word, for example, but we know that the word has only one reversal.
§RFM IV
17[2]‘Ja, aber wenn es eine Umkehrung in diesem Sinne sein soll, dann kann es nur eine geben!’ Heißt hier ‘in diesem Sinne’: nach diesen Regeln, oder: mit dieser Physiognomie. Im ersten Falle wäre der Satz tautologisch, im zweiten muß er nicht wahr sein.
‘Yes, but if it is to be a reversal in this sense, then there can only be one!’ Does ‘in this sense’ here mean: according to these rules, or: with this physiognomy? In the first case, the sentence would be tautological; in the second case, it does not have to be true.
§
18[1]24.10.1942
“Notwendige Wahrheit. necessary proposition” –
ein schlechter Ausdruck. Läßt uns an eine starre Verbindung gewisser Gegenstände (Formen, Zahlen, etc.) in der Natur denken; eine Art Naturwissenschaft dieser Fakten. D.h., wir bilden eine Art Superlativ der Starrheit einer Verbindung, wozu als Vorbild unsere Mechanismen dienen.
October 24, 1942
“Necessary truth. necessary proposition” –
a bad expression. It makes us think of a rigid connection of certain objects (forms, numbers, etc.) in nature; a kind of natural science of these facts. That is, we form a kind of superlative of the rigidity of a connection, for which our mechanisms serve as a model.
§
18[2] &19[1]
Ein Satz der Wahrscheinlichkeitsrechnung kann einen Begriff der Wahrscheinlichkeit des Eintreffens von Ereignissen bestimmen, oder aber auch einen geometrischen Begriff. Gibt es nun nicht eine reine Mathematik die bloß die Form aller solcher Anwendungen wäre, aber keine von ihnen andeutete? Als solch eine reine Mathematik scheint sich uns das Zeichenspiel anzubieten das allen solchen Deutungen gemeinsam ist.
A sentence of probability calculation can define a concept of the probability of the occurrence of events, or it can also define a geometric concept. Now, is there not a pure mathematics that would be merely the form of all such applications, but not suggest any of them? Such a pure mathematics seems to us to be the game of signs, which is common to all such interpretations.
§
19[2] &20[1]
Und wozu nun dies Zeichenspiel in den Formen der Axiomatik spielen & nicht gleich so, wie es sich für gewöhnlich mit einer Deutung darstellt – nur mit bedeutungslosen Zeichen gespielt?
And why should this game of signs be played in the forms of axiomatics and not simply in the way it is usually presented with an interpretation – merely played with meaningless signs?
§
20[2] &21[1]
Denke Dir also Menschen, welche addierten, multiplizierten, dividierten, wie wir, nur ohne jeden nützlichen Zweck; etwa: als eine harmlose Unterhaltung. Die Jungen lernen es von den Alten durch Zuschauen. Übrigens ist die Bemerkung “ohne jeden nützlichen Zweck” ganz irrelevant denn warum soll Unterhaltung kein nützlicher Zweck sein, & es ließen sich leicht ganz andere nützliche Zwecke dieser Tätigkeit denken, die doch nicht mathematische Anwendungen wären. Aber von einer solchen Tätigkeit ließen sich leicht Abbildungen denken, die niemand für Mathematik erklären würde, sondern etwa für einen Tanz oder das Ornamentieren einer Wand.
Imagine, then, people who add, multiply, divide, as we do, but without any useful purpose; perhaps as a harmless amusement. The young learn it from the old by watching. Incidentally, the remark “without any useful purpose” is quite irrelevant, because why should amusement not be a useful purpose, and one could easily imagine quite different useful purposes for this activity that would not be mathematical applications. But one could easily imagine depictions of such an activity that no one would explain as mathematics, but rather as a dance or the ornamentation of a wall.
§
21[2] &22[1]
Ein Traum:
Mir träumte neulich: Ich steige auf einen Sessel & knie mit einem Knie auf einen Tisch. Der Tisch war eine Art flacher Schreibtisch, ich glaube aus Mahagoniholz & hat in der Mitte ein Loch, wie um eine Schreibmaschine aufzunehmen.
In dem Loch liegen zwei Spachteln, eine stählerne & eine hölzerne, die sehr schön gearbeitet ist und eine aussieht wie ein großer Brieföffner. Ich knie gerade auf den beiden Spachteln & breche die stählerne & die hölzerne. Fürchte mich daß mein Vorgesetzter sich darüber ärgern wird.
A dream:
The other day I dreamt: I climb onto a chair and kneel with one knee on a table. The table was a kind of flat desk, I think made of mahogany, and it had a hole in the middle, as if to hold a typewriter.
In the hole are two spatulas, a steel one and a wooden one, which are very beautifully made and one of them looks like a large letter opener. I am kneeling on the two spatulas and breaking the steel and the wooden one. I am afraid that my supervisor will be annoyed about it.
§
22[2] &23[1] &
24[1] &
25[1] &
26[1]
Heute nacht träumte ich: Ich steige eine Treppe hinauf. Auf dem obersten Absatz ist in einer Art Käfig ein Taubenpaar die einander sehr lieben. Das Weibchen mag mich nicht, sträubt die Federn & will auf mich los gehen so wie ich mich ihr nähere. Gedanke daß sie mir mit dem Schnabel in die Hand stoßen würde wenn ich die Hand hin hielte. – Dann: Die Frau (die Taube) ist gestorben und ihr Mann [(]nun ein Mann) zimmert ihr den Sarg: mehrere flache Kisten wie um Bilder oder Schriften zu verwahren. Dann setzt er sich ermüdet, & wie um selbst zu sterben, nieder & seine Säge steckt vor ihm in einem Stück Holz, einem Kasten. Entweder zwischen diesen beiden Szenen oder nach der zweiten (ich weiß es nicht mehr) eine andere: Francis & Drobil sind mit mir in einem Zimmer (einer Schenke?) & ich fange ein Argument mit einem Dritten an der mir etwas gesagt hat das ich richtig stellen will (ich weiß nicht mehr was). Während ich mit ihm spreche sind die beiden andern fort gegangen, wie ich mich umdrehe sind sie nicht mehr da. Ich gehe sie im Haus suchen, will erst ins obere dann ins untere Schlafzimmer gehen um sie zu suchen, weiß aber daß sie ohne mich ausgegangen sind wahrscheinlich zum Nachtmahl. Sie werden dann wohl wieder kommen. Bin sehr verstimmt darüber daß sie, ohne auf mich zu warten, weggegangen sind & wache traurig auf. Das Haus in welchem ich in dieser Szene die beiden suche ist dasselbe in welchem ich in der ersten Szene die Treppe hinaufgestiegen bin & in welchem auch der Mann mit den flachen Kisten die Taube einsargt. Wenn er sich dann zum Sterben hinsetzt so ist es als säße er auf dem Deck im Hinterteil eines Schiffes.
Tonight I dreamt: I climb a staircase. On the top landing, in a kind of cage, there is a pair of doves that love each other very much. The female does not like me, ruffles her feathers and wants to attack me as I approach her. Thought that she would peck my hand with her beak if I held my hand out. – Then: The female (the dove) is dead and her husband [(]now a man) is making her coffin: several flat boxes as if to hold pictures or writings. Then he sits down, tired, and as if to die himself, and his saw is stuck in a piece of wood, a box, in front of him. Either between these two scenes or after the second (I don't remember) another: Francis and Drobil are with me in a room (a tavern?) and I start an argument with a third person who told me something that I want to correct (I don't remember what). While I am talking to him, the other two have gone, and when I turn around, they are no longer there. I go to look for them in the house, first want to go to the upper, then to the lower bedroom to look for them, but I know that they have gone out without me, probably to have dinner. They will probably come back then. I am very upset that they left without waiting for me and I wake up sadly. The house in which I look for the two of them in this scene is the same one in which I climbed the stairs in the first scene and in which the man with the flat boxes puts the dove in the coffin. When he then sits down to die, it is as if he is sitting on the deck at the stern of a ship.
§
26[2]26.10.1942
Ist ein Schachproblem ein Problem der angewandten Mathematik? Vergleiche es mit einem Problem der theoretischen Mechanik.
October 26, 1942
Is a chess problem a problem of applied mathematics? Compare it with a problem of theoretical mechanics.
§
26[3]Wenn die Math. ein Spiel ist, so gibt es keinen Unterschied zwischen rein mathem. Axiomen & nicht rein mathematischen. Und man könnte ein Kapitel der mathem. Physik ebensogut als (ein) Spiel spielen, wie eins aus der Zahlentheorie.
If mathematics is a game, then there is no difference between purely mathematical axioms and non-purely mathematical ones. And one could just as well play a chapter of mathematical physics as a chapter of number theory.
§
26[4] &27[1]
Denke Dir solche Schlußketten:
dunkler als
und
dunkler als
daher: der Unterschied zwischen
&
größer als der zwischen
&
.
Dies ist ein schlechtes Beispiel.
Imagine such chains of reasoning:
darker than
and
darker than
therefore: the difference between
&
is greater than the difference between
&
.
This is a bad example.
§
27[2] &28[1]
Denke Dir die Fünfeckskonstruktion gezeichnet & über sie einen durchsichtigen Kegel gestellt & in ihm solche Flächen gezogen (dreidimensionale Konstruktion) daß jeder ebene Schnitt parallel zur Basis offenbar wieder so eine erfolgreiche Fünfeckskonstruktion ist. Dies wäre ein Beweis in einer anschaulichen Geometrie.
Imagine the pentagon construction drawn & a transparent cone placed over it & in it such surfaces drawn (three-dimensional construction) that every plane section parallel to the base is clearly again such a successful pentagon construction. This would be a proof in an intuitive geometry.
§
28[2]Die Augen & die Nase müssen nicht ‘irgendwie verwandt’ sein, um ein Gesicht zu ergeben.
The eyes & the nose do not have to be ‘somehow related’ in order to produce a face.
§RFM V
28[3]Es ist natürlich klar, daß der Mathematiker, insofern er wirklich ‘ein Spiel spielt’ keine Schlüsse zieht. Denn ‘spielen’ muß hier heißen: in Übereinstimmung mit gewissen Regeln handeln. Und schon das wäre ein Heraustreten aus dem bloßen Spiel; wenn er den Schluß zöge, daß er hier der allgemeinen Regel gemäß so handeln dürfe.
It is, of course, clear that the mathematician, insofar as he really ‘plays a game,’ does not draw conclusions. For ‘playing’ here must mean: to act in accordance with certain rules. And even that would be stepping outside the mere game; if he were to draw the conclusion that, in accordance with the general rule, he is allowed to act in this way.
§
29[1]27.10.1942
Aber wie seltsam ist es, zu sagen, daß, wenn Einer die ganze Mathematik als Spiel schriebe, dies dann nicht Mathematik wäre! Es kann, willst Du sagen, doch nicht auf gedankliche (psychologische) Prozesse ankommen.
(Und soweit ist es richtig.)
October 27, 1942
But how strange is it to say that if one were to write the whole of mathematics as a game, then it would not be mathematics! It cannot, can it, depend on thought processes (psychological processes).
(And in this respect, it is correct.)
§
29[2]‘Diese müssen unwesentlich sein. Gleichsam Abschweifungen vom Thema.’
‘These must be immaterial. Like digressions from the subject.’
§
29[3] &30[1]
Statt des obigen konventionellen & schlechten Beispiels wären farben-geometrische Beobachtungen am Farbenkreis zu setzen, die nicht mit dem, was man etwa erwarten möchte übereinstimmen (Was man farben-geometrische Paradoxe nennen könnte.)
Instead of the above conventional & bad example, one should consider color-geometric observations on the color circle that do not correspond to what one might expect (What one could call color-geometric paradoxes).
§RFM V
30[2]28.10.1942
Rechnet die Rechenmaschine?
October 28, 1942
Does the calculating machine calculate?
§RFM V
30[3]Denk Dir, eine Rechenmaschine wäre durch Zufall entstanden; & nun drückt Einer durch Zufall auf ihre Knöpfe (oder ein Tier läuft über sie) & sie rechnet das Produkt 25 × 20. –
Imagine that a calculating machine came into existence by chance; & now someone presses its buttons at random (or an animal walks over it) & it calculates the product 25 × 20. –
§RFM V
30[4] &31[1]
Ich will sagen: Es ist der Mathematik wesentlich, daß ihre Zeichen auch im Zivil gebraucht werden. Es ist der Gebrauch außerhalb der Mathematik, also die Bedeutung der Zeichen, was das Zeichenspiel zur Mathematik macht.
I want to say: it is essential to mathematics that its signs are also used in everyday life. It is the use outside of mathematics, i.e. the meaning of the signs, that makes the game of signs into mathematics.
§RFM V
31[2]So, wie es ja auch kein logischer Schluß ist, wenn ich ein Gebilde in ein anderes transformiere (eine Anordnung von Stühlen etwa in eine andere) wenn diese Anordnungen nicht außerhalb dieser Transformation einen sprachlichen Gebrauch haben.
Just as it is not a logical inference if I transform one structure into another (an arrangement of chairs, for example, into another) if these arrangements do not have a linguistic use outside of this transformation.
§RFM V
31[3] &32[1]
Aber ist nicht das wahr, daß Einer, der keine Ahnung von der Bedeutung der Russellschen Zeichen hätte, R's Beweise nachrechnen könnte? Und also in einem wichtigen Sinne prüfen könnte ob sie richtig seien oder falsch?
But is it not true that someone who has no idea of the meaning of Russell’s signs could check Russell’s proofs? And thus, in an important sense, check whether they are correct or incorrect?
§
32[2] &33[1]
Das Feld G ist gleichmäßig gelb, S schwarz, W weiß, & a b c drei Töne von grau, die in gleichen Farbabständen von S zu W führen. Ebenso führen 1, 2, 3 von G nach S, 4, 5, 6 von G nach a u.s.w.. Dann wird man vielleicht sehen, daß die lotrechten Reihen 1, 4, 7, 10, 13 & 2, 5, 8, 11, 14 & 3, 6, 9, 12, 15 nicht gleichabständig sind. Und dies, oder das Entgegengesetzte, wäre eine farbengeometrische Tatsache.
The field G is uniformly yellow, S is black, W is white, & a b c are three shades of gray that lead from S to W in equal color intervals. Likewise, 1, 2, 3 lead from G to S, 4, 5, 6 from G to a, and so on. Then one might see that the vertical rows 1, 4, 7, 10, 13 & 2, 5, 8, 11, 14 & 3, 6, 9, 12, 15 are not equidistant. And this, or the opposite, would be a color-geometric fact.
§
33[2]Ich meine: es könnte sein, daß man Gleichabständigkeit der waagrechten & senkrechten Reihen nicht zugleich erreichen kann.
I mean: it could be that one cannot achieve equal spacing of the horizontal & vertical rows at the same time.
§VB
33[3]Architektur ist eine Geste. Nicht jede zweckmäßige Bewegung des menschlichen Körpers ist eine Geste. Sowenig, wie jedes zweckmäßige Gebäude Architektur.
Architecture is a gesture. Not every purposeful movement of the human body is a gesture. Just as not every functional building is architecture.
§RFM V
33[4] &34[1]
29.10.1942
Man könnte eine menschliche Rechenmaschine so abrichten, daß sie, wenn ihr die Schlußregeln gezeigt & etwa an Beispielen vorgeführt wurden, die Beweise eines mathem. Systems (etwa des R'schen) durchliest & nach jedem richtig gezogenen Schluß mit dem Kopf nickt bei einem Fehler aber den Kopf schüttelt & zu rechnen aufhört. Dieses Wesen könnte man sich im übrigen vollkommen idiotisch vorstellen.
October 29, 1942
One could train a human calculating machine in such a way that, if the rules of inference are shown to it & demonstrated in examples, it reads through the proofs of a mathematical system (e.g. Russell’s) & nods its head after each correct inference, but shakes its head & stops calculating if there is an error. One could imagine this being completely idiotic in other respects.
§RFM V
34[2]Einen Beweis nennen wir etwas, was sich nachrechnen, aber auch kopieren läßt.
We call a proof something that can be checked, but also copied.
§RFM V
35[1]Wenn die Math. ein Spiel ist, dann ist ein Spiel spielen Mathematik treiben, & warum dann nicht auch: Tanzen?
If mathematics is a game, then playing a game is doing mathematics, & why then not also: dancing?
§
35[2]Man könnte sich den Fall denken, daß Einer seinem eignen Rechnen weniger traut, als dem einer Rechenmaschine.
One could imagine the case that someone trusts his own calculations less than he trusts a calculating machine.
§RFM V
35[3] &36[1]
Denke Dir, daß Rechenmaschinen in der Natur vorkämen, ihre Gehäuse aber für die Menschen undurchdringlich (wären). Und diese Menschen benützten nun diese Vorrichtungen etwa wie wir das Rechnen, wovon sie aber gar nichts wissen. Sie machen also etwa Vorhersagungen mit Hilfe der Rechenmaschinen, aber für sie ist das Handhaben dieser seltsamen Gegenstände ein Experimentieren.
Imagine that calculating machines exist in nature, but their casings are impenetrable to humans. And these humans now use these devices in a way similar to how we use calculation, although they have no knowledge of it. They make predictions with the help of calculating machines, but for them, handling these strange objects is an experiment.
§RFM V
36[2]30.10.1942
Diesen Leuten fehlen Begriffe, die wir haben; aber wodurch ersetzen sie diese?
October 30, 1942
These people lack concepts that we have; but what do they use in their place?
§RFM V
36[3] &37[1]
Denke an den Mechanismus dessen Bewegung wir als geometrischen (kinematischen) Beweis ansahen: Das ist klar, das normalerweise von Einem der das Rad umtreibt nicht gesagt würde, er beweist etwas. Ist es nicht ebenso mit dem, der zum Spiel Zeichen aneinander reiht & diese Reihen verändert; auch wenn, was er hervorbringt als Beweis angesehen werden könnte?
Think of the mechanism whose movement we considered a geometrical (kinematic) proof: It is clear that this is not something that someone who turns the wheel would normally say, that he is proving something. Is it not the same with the one who arranges signs in a sequence for the game and changes these sequences; even if what he produces could be considered a proof?
§RFM V
37[2] &38[1]
Zu sagen, die Math. sei ein Spiel, soll heißen: wir brauchen beim Beweisen nirgends an die Bedeutung der Zeichen appellieren, also an ihre außermathematische Anwendung. Aber was heißt es denn überhaupt, an diese appellieren? Wie kann so ein Appell etwas fruchten?
Heißt das, aus der Mathematik heraustreten & wieder in sie zurückkehren, oder heißt es aus einer math. Schlußweise in eine andre treten?
To say that mathematics is a game means: when conducting a proof, we need not appeal anywhere to the meaning of the symbols, that is, to their non-mathematical application. But what does it even mean to appeal to them? How can such an appeal bear fruit?
Does this mean stepping out of mathematics and returning to it, or does it mean moving from one mathematical mode of reasoning to another?
§RFM V
38[2]Was heißt es, einen neuen Begriff von der Oberfläche einer Kugel gewinnen? In wiefern ist das dann ein Begriff von der Oberfläche einer Kugel? Doch nur insofern er sich auf wirkliche Kugeln anwenden läßt.
What does it mean to gain a new concept of the surface of a sphere? To what extent is this then a concept of the surface of a sphere? Only insofar as it can be applied to real spheres.
§RFM V
38[3]Wieweit muß man einen Begriff vom ‘Satz’ haben, um die R'sche mathem. Logik zu verstehen?
To what extent must one have a concept of ‘sentence’ in order to understand Russell’s mathematical logic?
§RFM V
39[1]01.11.1942
Wenn die intendierte Anwendung der Math. wesentlich ist, wie steht es da mit Teilen der Mathematik, deren Anwendung – wenigstens das, was Mathematiker für eine Anwendung hielten, – gänzlich phantastisch ist. So daß man, wie in der Mengenlehre, einen Zweig der Math. treibt, von dessen Anwendung man sich einen ganz falschen Begriff macht. Treibt man nun nicht doch Mathematik?
November 1, 1942
If the intended application of mathematics is essential, what then of those parts of mathematics whose application—at least what mathematicians took to be an application—is entirely fanciful? So that, as in set theory, one pursues a branch of mathematics of whose application one has a completely false conception. Is one not, after all, still doing mathematics?
§RFM V
39[2] &40[1]
02.11.1942
Wenn die arithm. Operationen lediglich zur Konstruktion einer Chiffre dienten wäre ihre Verwendung natürlich grundlegend von der unsern verschieden. Wären diese Operationen dann aber überhaupt mathematische Operationen?
November 2, 1942
If the arithmetic operations served only to construct a cipher, their use would of course be fundamentally different from ours. But would these operations even be mathematical operations?
§RFM V
40[2] &41[1]
Kann man von Dem, der eine Regel des Entzifferns anwendet, sagen, er vollziehe mathem. Operationen? Und doch lassen sich seine Transformationen so auffassen. Denn er könnte doch sagen, er berechne, was bei der Entzifferung des Zeichens … nach der und der Regel herauskommen müsse. Und der Satz: daß die Zeichen … dieser Regel gemäß entziffert … ergeben ist ein mathematischer. Sowie auch der Satz: daß man beim Schachspiel von dieser Stellung zu jener kommen kann.
Can one say of the person who makes the application of a deciphering rule evident that he is performing mathematical operations? And yet his transformations can be understood in this way. For he could indeed say that he is calculating what must result from the deciphering of the sign … according to this or that rule. And the statement that the symbols … decoded according to this rule … result is a mathematical one. Just as the statement that in a game of chess one can move from this position to that one.
§RFM V
41[2]Denke Dir die Geometrie des vierdimensionalen Raums zu dem Zweck betrieben, die Lebensbedingungen der Geister kennen zu lernen. Ist sie darum nicht Mathematik? Und kann ich nun sagen sie bestimme Begriffe?
Imagine geometry of four-dimensional space being pursued for the purpose of understanding the living conditions of spirits. Is it not mathematics? And can I say that it defines concepts?
§RFM V
41[3] &42[1]
Wäre es nicht seltsam von einem Kinde zu sagen, es könne bereits tausende & tausende von Multiplikationen machen – womit (nämlich) gemeint sein soll, es könne bereits im unbegrenzten Zahlenraum rechnen. Und zwar könnte das noch als eine äußerst bescheidene Ausdrucksweise gelten, da er (ja) nur ‘tausende & tausende’ statt ‘unendlich viele’ sagt.
Would it not be odd to say of a child that he can already do thousands and thousands of multiplications – with the implication that he can already calculate in an unbounded number space. And this could even be considered a very modest expression, since he says ‘thousands and thousands’ instead of ‘infinitely many’.
§RFM V
42[2]Könnte man sich Menschen denken, die im gewöhnlichen Leben etwa nur bis 1000 rechnen & die Rechnungen mit höheren Zahlen mathem. Untersuchungen über die Geisterwelt vorbehalten haben.
Could one imagine people who in ordinary life only calculate up to 1000 and reserve calculations with higher numbers for mathematical investigations of the spirit world?
§
43[1]‘Jedes Ding ist sich selbst gleich’. Betrachte: “Jedes Ding ist sich selbst sehr ähnlich”!
‘Every thing is identical with itself’. Consider: ‘Every thing is very similar to itself’!
§
43[2]03.11.1942
Warum nun hat das ‘den Schein der Wahrheit’ & nicht einfach den der Unsinnigkeit?
November 3, 1942
Why does it have ‘the appearance of truth’ and not simply the appearance of nonsense?
§
43[3] &44[1]
Nehmen wir an, die Bahnen zweier Körper kreuzten sich, so daß die beiden in der Kreuzungsstelle zusammenfielen. Man könnte dann sagen: wo sie zusammenfallen sind sie einander gleich. Und das ist nicht notwendig der Fall: denke etwa an eine perspektivische Darstellung.
Suppose the paths of two bodies intersect, so that the two bodies meet at the intersection. One could then say: where they meet, they are identical. And this is not necessarily the case: think, for example, of a perspective representation.
§
44[2]Wenn wir jemandem zugestünden, daß ‘a = a’ nichts sagt, ihn aber fragten ob er sich nicht dennoch lieber mit einem der beiden Sätze ‘a = a’ und ‘a ≠ a’, als mit dem andern einverstanden erklärte; so ist kein Zweifel, er würde sich für ‘a = a’ entscheiden.
If we were to concede to someone that ‘a = a’ says nothing, but asked him whether he would nevertheless prefer to agree with one of the two propositions ‘a = a’ and ‘a ≠ a’ rather than with the other, there is no doubt that he would choose ‘a = a’.
§
44[3]Er würde sagen: “Ein Ding ist jedenfalls sich selbst nicht ungleich”.
He would say: “A thing is certainly not unequal to itself.”
§
44[4] &45[1]
Zu sagen “ein Ding fällt mit sich selbst zusammen” ist eigentlich eine Bestimmung dessen, was man ‘ein Ding’ nennt.
To say “a thing coincides with itself” is actually a definition of what is called ‘a thing’.
§
45[2]04.11.1942
Was für eine Art Satz ist eine Gleichung, wie y = 3x² + 4? Jedenfalls keiner der reinen Mathematik, obwohl er aus ‘mathematischen’ Zeichen besteht. Die Gleichung kann ein Satz der angewandten Math. sein. In der reinen Math. ist sie ein Satzteil (etwa des Satzes daß ihre Lösung für x = 1 y = 7 ist). (Und für “x = 1” gilt ähnliches.)
04.11.1942
What kind of sentence is an equation like y = 3x² + 4? In any case, it is not one of pure mathematics, although it consists of ‘mathematical’ signs. The equation can be a sentence of applied mathematics. In pure mathematics, it is a sentence constituent (roughly of the sentence that its solution for x = 1 is y = 7). (And something similar applies to “x = 1”.)
§RFM V
45[3] &46[1]
“Ob das nun von einer wirklichen Kugelfläche gilt – von der mathematischen gilt es” – das erweckt den Anschein, als unterschiede sich der mathem. Satz von einem Erfahrungssatz besonders darin, daß wo die Wahrheit des Erfahrungssatzes schwankend & ungefähr ist, der mathem. Satz sein Objekt exakt & unbedingt wahr beschreibt. Als wäre eben die ‘mathem. Kugel’ eine Kugel. Und man könnte sich etwa fragen ob es nur eine solche Kugel, oder ob es mehrere gebe (eine Fregesche Fragestellung).
“Whether this applies to a real spherical surface—it applies to the mathematical one”—this gives the impression that the mathematical proposition differs from an empirical proposition particularly in that, whereas the truth of the empirical proposition is fluctuating and approximate, the mathematical proposition describes its object as exactly and absolutely true. As if the ‘mathematical sphere’ were actually a sphere. And one might ask, for example, whether there is only one such sphere, or whether there are several (a Fregean question).
§RFM V
46[2] &47[1]
Tut ein Mißverständnis, die mögliche Anwendung betreffend, der Rechnung als einem Teil der Mathematik Eintrag?
Does a misunderstanding concerning the possible application enter into the consideration of the calculation as a part of mathematics?
§RFM V
47[2]Und abgesehen von einem Mißverständnis, – wie ist es mit der bloßen Unklarheit?
And apart from a misunderstanding – how is it with mere obscurity?
§RFM V
47[3] &48[1]
Wer glaubt, die Mathematiker haben ein seltsames Wesen, die , entdeckt, die quadriert nun doch ‒ 1 ergebe, kann der nicht doch ganz gut mit komplexen Zahlen rechnen & solche Rechnungen in der Physik anwenden? Und sind's darum weniger Rechnungen? In einer Beziehung steht freilich sein Verständnis auf schwachen Füßen; aber er wird mit Sicherheit seine Schlüsse ziehen, & sein, Kalkül wird auf festen Füßen stehen.
Anyone who believes that mathematicians have discovered a strange entity, , which, when squared, does indeed yield 1, surely cannot perform calculations quite well with complex numbers and apply such calculations in physics? And are these calculations any less valid for that reason? In one respect, of course, his understanding stands on shaky ground; but he will certainly draw his conclusions, and his calculus will stand on solid ground.
§RFM V
48[2]Wäre es nun nicht lächerlich, zu sagen, dieser triebe nicht Mathematik?
Wouldn’t it be ridiculous to say that this person is not doing mathematics?
§RFM V
48[3] &49[1]
Es erweitert Einer die Math., gibt neue Definitionen & findet neue Lehrsätze – – & in gewisser Beziehung kann man sagen, er wisse nicht was er tut. – Er hat eine vage Vorstellung, etwas entdeckt zu haben wie einen Raum (wobei er an ein Zimmer denkt), ein Reich erschlossen zu haben, & würde, darüber gefragt, viel Unsinn reden.
One expands mathematics, gives new definitions, and discovers new theorems—and in a certain sense, one might say that he does not know what he is doing. He has a vague notion of having discovered something like a space (whereby he thinks of a room), of having opened up a realm, and, if asked about it, would talk a lot of nonsense.
§RFM V
49[2]Denken wir uns den primitiven Fall, daß Einer ungeheure Multiplikationen ausführte um wie er sagt: dadurch neue riesige Provinzen des Zahlenreichs zu gewinnen.
Let us imagine the primitive case that someone performs enormous multiplications in order, as he says, to gain new, vast provinces of the realm of numbers.
§RFM V
49[3] &50[1]
Denk Dir das Rechnen mit der wäre von einem Narren erfunden worden, der bloß vom Paradoxen der Idee angezogen die Rechnung als eine Art Gottesdienst des Absurden treibt. Er bildet sich ein das Unmögliche aufzuschreiben & mit ihm zu operieren.
Imagine that the calculation with was invented by a fool who was merely attracted by the paradox of the idea and practices calculation as a kind of worship of the absurd. He imagines writing down the impossible and operating with it.
§RFM V
50[2]Mit andern Worten: Wer an die mathematischen Gegenstände glaubt & ihre seltsamen Eigenschaften, – kann der nicht doch Mathematik betreiben? Oder: – treibt der nicht auch Mathematik?
In other words: Anyone who believes in mathematical objects and their strange properties—can’t they still practice mathematics? Or:—aren’t they also practicing mathematics?
§RFM V
50[3] &51[1]
05.11.1942
‘Idealer Gegenstand’. “Das Zeichen ‘a’ bezeichnet einen idealen Gegenstand” soll offenbar etwas über die Bedeutung, also den Gebrauch von ‘a’ aussagen. Und es heißt natürlich, daß dieser Gebrauch in gewisser Beziehung ähnlich ist dem eines Zeichens, das einen Gegenstand hat, & daß es (aber) keinen Gegenstand bezeichnet. Es ist aber interessant, was der Ausdruck ‘idealer Gegenstand’ aus diesem Faktum macht.
November 5, 1942
‘Ideal object’. “The sign ‘a’ denotes an ideal object” is apparently meant to make a statement about the meaning, that is, the use of ‘a’. And it naturally means that this use is in a certain respect similar to that of a sign that has an object, & that it (however) does not perform a designation for an object. But it is interesting what the expression ‘ideal object’ makes of this fact.
§
51[2]Man könnte sich so ausdrücken: “Der Name ‘Regan’ im Lear bezeichnet eine ideale Person”.
One could put it this way: “The name ‘Regan’ in Lear denotes an ideal person”.
§RFM V
51[3] &52[1]
Man könnte unter Umständen von einer endlosen Kugelreihe reden. – Denken wir uns eine solche gerade endlose Reihe von Kugeln in gleichen Abständen & wir berechnen die Kraft, die alle diese Kugeln nach einem bestimmten Attraktionsgesetz auf einen bestimmten Körper ausüben. Die Zahl, die diese Rechnung liefert, betrachten wir als das Ideal der Genauigkeit für gewisse Messungen.
One could, under certain circumstances, talk about an endless series of spheres. – Let us imagine such a straight, endless series of spheres at equal distances & we calculate the force that all these spheres exert on a certain body according to a certain law of attraction. We consider the number that this calculation provides as the ideal of accuracy for certain measurements.
§RFM V
52[2]Das Gefühl des Seltsamen kommt hier von einem Mißverständnis. Der Art von Mißverständnis, die ein Daumenfangen des Verstandes erzeugt– – dem ich Einhalt gebieten will.
The feeling of strangeness here stems from a misunderstanding. The kind of misunderstanding that causes the mind to get stuck—which I want to put a stop to.
§RFM V
52[3] &53[1]
Der Einwand, daß ‘das Endliche nicht das Unendliche erfassen kann’ richtet sich eigentlich gegen die Idee eines psychologischen Akts des Erfassens oder Verstehens.
The objection that ‘the finite cannot grasp the infinite’ is actually directed against the idea of a psychological act of grasping or understanding.
§RFM V
53[2]Oder denke Dir, wir sagen einfach: “Diese Kraft entspricht der Anziehung einer endlosen Kugelreihe die so & so angeordnet sind & den Körper nach diesem Attraktionsgesetz anziehen”. Oder wieder: “Berechne die Kraft die eine endlose Kugelreihe, von der & der Beschaffenheit, auf einen Körper ausübt!” – Dieser Befehl hat doch gewiß Sinn. Eine bestimmte Rechnung ist beschrieben.
Or imagine, we simply say: “This force corresponds to the attraction of an endless row of spheres arranged in this and that way and attracting the body according to this law of attraction.” Or again: “Calculate the force that an endless row of spheres, of this or that nature, exerts on a body!” – Surely this command makes sense. A certain calculation is described.
§RFM V
54[1]Wie wäre es mit dieser Aufgabe: “Berechne das Gewicht einer Säule von sovielen aufeinander liegenden Platten, als es Kardinalzahlen gibt; die unterste Platte wiegt 1 kg jede höhere immer die Hälfte der vorhergehenden.”
How about this task: “Calculate the weight of a column of as many plates stacked on top of each other as there are cardinal numbers; the lowest plate weighs 1 kg, each higher one always half of the previous one.”
§RFM V
54[2]Die Schwierigkeit ist nicht die, daß wir uns keine Vorstellung machen können. Es ist leicht genug sich irgend eine Vorstellung einer unendlichen Reihe, z.B., zu machen. Es fragt sich: was nützt uns die Vorstellung.
The difficulty is not that we cannot form a mental image. It is easy enough to form some mental image of an infinite series, for example. The question is: what use is the mental image to us?
§RFM V
54[3] &55[1]
Denke Dir unendliche Zahlen in: einem Märchen gebraucht. Die Zwerge haben soviele Goldstücke aufeinander gelegt, als es Kardinalzahlen gibt – etc. Was in einem Märchen vorkommen kann, muß doch Sinn haben. –
Imagine infinite numbers being used in a fairy tale. The dwarves have stacked as many gold pieces on top of each other as there are cardinal numbers – etc. What can occur in a fairy tale must have some sense.
§RFM V
55[2]Denke Dir die Mengenlehre wäre als eine Art Parodie der Mathematik von einem Satiriker erfunden worden. – Später hätte man dann einen Nutzen in ihr gesehen & sie in die Mathematik einbezogen. (Denn wenn der eine sie als das Paradies der Mathematiker ansehen kann, warum nicht ein andrer als einen Scherz?)
Imagine set theory was invented as a kind of parody of mathematics by a satirist. Later, one would then see a use for it and incorporate it into mathematics. (For if one person can see it as the paradise of mathematicians, why not another see it as a joke?)
§RFM V
55[3] &56[1]
Die Frage ist: ist sie nun als Scherz nicht auch offenbar Mathematik? –
The question is: isn’t it, even as a joke, obviously mathematics?
§RFM V
56[2]Und warum ist sie offenbar Mathematik? – Weil sie ein Zeichenspiel nach Regeln ist?
And why is it obviously mathematics? – Because it is a game of signs according to rules?
§RFM V
56[3]Werden hier nicht doch offenbar Begriffe gebildet, – auch wenn man sich über deren Anwendung nicht im Klaren ist? Aber wie kann man einen Begriff haben & sich über seine Anwendung nicht im Klaren sein?
Are concepts not being formed here, even if one is not clear about their application? But how can one have a concept and not be clear about its application?
§RFM V
56[4] &57[1]
06.11.1942
Nimm die Konstruktion des Kräftepolygons: ist das nicht ein Stück angewandte Mathematik? & wo ist der Satz der reinen Mathematik der bei dieser graphischen Berechnung zu Hülfe genommen wird? Ist dies nicht ein Fall wie der des Stammes, welcher eine rechnerische Technik zum Zweck gewisser Vorhersagungen hat, aber keine Sätze der reinen Mathematik?
November 6, 1942
Take the construction of the force polygon: isn’t that a piece of applied mathematics? & where is the theorem of pure mathematics that is used in this graphical calculation? Isn’t this a case like that of the tribe, which has a computational technique for the purpose of certain predictions, but no theorems of pure mathematics?
§RFM V
57[2] &58[1]
Die Rechnung die zur Ausführung einer Zeremonie dient. Es werde z.B. nach einer bestimmten Technik aus dem Alter des Vaters & der Mutter & der Anzahl ihrer Kinder die Anzahl der Worte einer Segensformel abgeleitet die auf das Haus der Familie anzuwenden ist. In einem Gesetz wie dem Mosaischen könnte man sich Rechenvorgänge beschrieben denken. Und könnte man sich nicht denken, daß das Volk das diese zeremoniellen Rechenvorschriften besitzt im praktischen Leben nie rechnet?
The calculation that is used to perform a ceremony. For example, according to a certain technique, the number of words in a blessing formula to be applied to the family home is derived from the age of the father and mother and the number of their children. One could imagine calculation processes being described in a law such as the Mosaic law. And could one not imagine that the people who possess these ceremonial calculation rules never calculate in practical life?
§RFM V
58[2]Dies wäre zwar ein angewandtes Rechnen, aber es würde nicht dem Zweck einer Vorhersage dienen.
This would indeed be applied mathematics, but it would not serve the purpose of prediction.
§RFM V
58[3]07.11.1942
Wäre es ein Wunder wenn die Technik des Rechnens eine Familie von Anwendungen hätte?!
07.11.1942
Would it be a wonder if the technique of calculation had a family of applications?!
§RFM V
58[4] &59[1]
08.11.1942
Wie seltsam die Frage ist ob in der unendlichen Entwicklung von π die Figur φ (eine gewisse Anordnung von Ziffern, z.B. ‘770’) vorkommen wird, sieht man erst wenn man die Frage in einer ganz hausbackenen Weise zu stellen versucht: Menschen sind darauf abgerichtet worden nach gewissen Regeln Zeichen zu setzen. Sie verfahren nun dieser Abrichtung gemäß & wir sagen es sei ein Problem, ob sie der gegebenen Regel folgend jemals die Figur φ anschreiben werden.
November 8, 1942
How strange the question is as to whether the figure φ (a certain arrangement of digits, e.g., ‘770’) will appear in the infinite expansion of π—one sees this only when one tries to pose the question in a very down-to-earth way: People have been trained to assign symbols according to certain rules. They now proceed in accordance with this training, and we say it is a problem whether, following the given rule, they will ever write down the figure φ.
§RFM V
60[1]Was aber sagt der, der, wie Weyl, sagt, eines sei klar: man werde oder werde nicht, in der endlosen Entwicklung auf φ kommen?
But what does the one who says, as Weyl does, that one thing is clear: one will or will not encounter φ in the endless development?
§RFM V
60[2]Mir scheint, wer dies sagt, stellt schon selbst eine Regel, oder ein Postulat auf.
It seems to me that whoever says this is already setting a rule or a postulate.
§RFM V
60[3]Wie, wenn man auf eine Frage hin erwiderte: ‘Auf diese Frage gibt es bis jetzt noch keine Antwort’?
As if one were to reply to a question: ‘There is no answer to this question yet.’
§RFM V
60[4] &61[1]
So könnte etwa der Dichter antworten der gefragt wird ob der Held seiner Dichtung eine Schwester hat oder nicht – wenn er nämlich noch nichts darüber entschieden hat.
Thus, the poet might answer when asked whether the hero of his poem has a sister or not – if he has not yet decided anything about it.
§RFM V
61[2]Die Frage – will ich sagen – verändert ihren Status, wenn sie entscheidbar wird. Denn ein Zusammenhang wird dann gemacht, der früher nicht da war.
The question—I want to say—changes its status when it becomes decidable. For a connection is then made that was not there before.
§RFM V
61[3] &62[1]
Man kann von dem Abgerichteten fragen: ‘wie wird er die Regel für diesen Fall deuten?’, oder auch ‘wie soll er die Regel für diesen Fall deuten’. Wie aber, wenn über diese Frage keine Entscheidung getroffen wurde? – Nun, dann ist die Antwort nicht: ‘er soll sie so deuten, daß φ in der Entwicklung vorkommt’ oder: ‘er soll sie so deuten daß es nicht vorkommt’, sondern: ‘darüber ist noch nichts entschieden’.
One can ask the trained person: ‘How will he interpret the rule for this case?’, or also ‘How should he interpret the rule for this case?’. But what if no decision has been made regarding this question? – Well, then the answer is not: ‘he should interpret it such that φ occurs in the development’ or: ‘he should interpret it such that it does not occur’, but rather: ‘nothing has yet been decided about this’.
§RFM V
62[2]Wir mathematisieren mit den Begriffen. – Und mit gewissen Begriffen mehr als mit andern.
We use the concepts to mathematize. And we use some concepts more than others.
§RFM V
62[3]10.11.1942
Ich will sagen: Es scheint, als ob ein Entscheidungsgrund bereits vorläge; & er muß erst erfunden werden.
November 10, 1942
I want to say: It seems as if a reason for the decision already existed; & it must first be invented.
§RFM V
63[1]Käme das darauf hinaus, zu sagen: Man benutzt beim Reden über die gelernte Technik des Entwickelns das falsche Bild einer vollendeten Entwicklung (dessen, was man für gewöhnlich ‘Reihe’ nennt) & wird dadurch gezwungen unbeantwortbare Fragen zu stellen.
Would this amount to saying: one uses the wrong picture of a completed development when talking about the learned technique of developing it (what one usually calls a ‘series’), and is thereby forced to ask unanswerable questions.
§RFM V
63[2] &64[1]
Denn schließlich müßte sich doch jede Frage über die Entwicklung von √2 auf eine praktische Frage, die Technik des Entwickelns betreffend, bringen lassen.
For ultimately, every question about the development of √2 should be reducible to a practical question concerning the technique of developing it.
§RFM V
64[2]Und es handelt sich hier natürlich nicht nur um den Fall der Entwicklung einer reellen Zahl oder überhaupt die Erzeugung mathematischer Zeichen, sondern um jeden analogen Vorgang, er sei ein Spiel, ein Tanz, etc. etc.
And here, of course, it is not only a matter of the case of developing a real number or even generating mathematical signs, but of any analogous process, be it a game, a dance, etc. etc.
§RFM V
64[3] &65[1]
Wenn Einer den Satz vom ausgeschlossenen Dritten uns als größte Wahrheit vorhält, so ist klar, daß mit seiner Frage etwas nicht in Ordnung ist.
If someone insists that the law of excluded middle is the greatest truth, then it is clear that something is wrong with his question.
§RFM V
65[2]Wenn einer den Satz vom ausgeschlossenen Dritten aufstellt so legt er uns gleichsam zwei Bilder zur Auswahl vor & sagt, eins müsse der Tatsache entsprechen. Wie aber, wenn es fraglich ist, ob sich die Bilder hier anwenden lassen?
If someone states the law of excluded middle, he is, as it were, presenting us with two pictures to choose from and saying that one of them must correspond to the fact. But what if it is questionable whether the pictures can be applied here?
§RFM V
65[3] &66[1]
Und wer von der endlosen Entwicklung sagt sie müsse die Figur φ enthalten oder sie nicht enthalten zeigt uns sozusagen das Bild einer in die Ferne verlaufenden unübersehbaren Reihe.
And whoever says that the infinite development must contain the figure φ or not contain it is, as it were, showing us the picture of an endless series stretching into the distance.
§RFM V
66[2]Wie aber, wenn das Bild in weiter Ferne zu flimmern anfinge?
But what if the picture begins to flicker in the distance?
§RFM V
66[3]Von einer unendlichen Reihe zu sagen, sie enthielte eine bestimmte Figur nicht, hat nur unter ganz gewissen Bedingungen Sinn.
To say that an infinite series does not contain a certain figure makes sense only under very specific conditions.
§RFM V
66[4]11.11.1942
D.h.: man hat diesem Satz für gewisse Fälle Sinn gegeben.
November 11, 1942
That is: one has given this statement meaning for certain cases.
§RFM V
66[5] &67[1]
Ungefähr den: Es ist im Gesetz dieser Reihe, keine Figur … zu enthalten. Ferner, man könnte sagen: Wie … Ferner: (So) wie ich die Entwicklung weiterrechne, errechne ich etwas neues über das Gesetz der Reihe.
Approximately: It is in the law of this series not to contain any figure … Furthermore, one could say: How … Furthermore: (As) I continue to calculate the development, I calculate something new about the law of the series.
§RFM V
67[2] &68[1]
“Nun gut, – so können wir sagen: ‘Es muß entweder im Gesetz der Reihe liegen, daß die Figur vorkommt, oder das Gegenteil’.” Aber ist das so? – “Nun, determiniert das Entwicklungsgesetz die Reihe denn nicht vollkommen? Und wenn es das tut, keine Zweideutigkeiten läßt, dann muß es, implicite, alle Eigenschaften der Reihe bestimmen.” – Du denkst da an die endlichen Reihen.
“Well then, – we can say: ‘It must either be in the law of the series that the figure occurs, or the opposite.’” But is that so? – “Well, does the law of development not determine the series completely? And if it does, leaving no ambiguities, then it must, implicitly, determine all the properties of the series.” – You are thinking of finite series.
§RFM V
68[2] &69[1]
‘Aber es sind doch alle Glieder der Reihe vom bis zum , bis zum 10¹⁰-ten, u.s.f., bestimmt; also sind doch alle Glieder bestimmt.’ Das ist richtig, wenn es heißen soll es sei nicht (etwa) das so-&-so-vielte nicht bestimmt. Aber Du siehst ja, daß das Dir keinen Aufschluß darüber gibt, ob eine Figur in der Reihe erscheinen wird (wenn sie so weit nicht erschienen ist). Wir sehen also, daß wir ein irreführendes Bild gebrauchen.
‘But surely all terms of the series from to , up to the 10¹⁰th, and so on, are determined; so surely all terms are determined.’ That is correct, if it is to mean that it is not (for example) the so-and-so-th term that is undetermined. But you see that this gives you no indication as to whether a figure will appear in the series (if it has not appeared by that point). We see, then, that we are using a misleading image.
§RFM V
69[2]Willst Du mehr über die Reihe wissen, so mußt Du, so zu sagen, in eine andere Dimension (gleichsam wie aus der Linie in die Ebene) gehen. – Aber ist denn nicht die Ebene da, wie die Linie, & nur zu erforschen, wenn man wissen will, wie es sich verhält?
If you want to know more about the series, you must, so to speak, move into another dimension (as if from the line into the plane). – But isn’t the plane, like the line, there to be explored only if one wants to know how things stand?
§RFM V
70[1]Nein, die Mathematik dieser weitern Dimension muß so gut erfunden werden, wie jede Mathematik.
No, the mathematics of this further dimension must be invented just as well as any mathematics.
§RFM V
70[2]In einer Arithmetik, in der man nicht weiter als 5 zählt, hat die Frage, wieviel 4 + 3 ist noch keinen Sinn. Wohl aber kann das Problem existieren, dieser Frage einen Sinn zu geben. D.h.: die Frage hat so wenig Sinn, wie der Satz vom ausgeschlossenen Dritten, auf sie angewendet.
In an arithmetic where one does not count beyond 5, the question of how much 4 + 3 is makes no sense. However, the problem of giving this question meaning can certainly exist. That is to say: the question makes as little sense as the law of the excluded middle in its application to it.
§RFM V
70[3] &71[1]
Man meint in dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten schon etwas Festes zu haben, was jedenfalls nicht in Zweifel zu ziehen ist. Während in Wahrheit der Sinn dieser Tautologie (wenn man so sagen darf) ebenso schwankend ist wie der der Frage, ob p oder ~p der Fall ist.
One thinks that one already has something solid in the law of excluded middle, which is in any case not to be doubted. Whereas in reality the meaning of this tautology (if one may say so) is just as fluctuating as that of the question of whether p or ~p is the case.
§RFM V
71[2] &72[1] &
73[1]
12.11.1942
Denke, ich fragte: Was meint man damit “die Figur … kommt in dieser Entwickelung vor?”. So wird man antworten: “Du weißt doch was das heißt. Sie kommt vor, wie die Figur … in der Entwicklung … tatsächlich vorkommt.” – Wohl; aber wie kann ich diese Analogie nun gebrauchen? Denn ich verstehe wohl, wenn man mir nun sagt: “Kommt die Figur 159 in den ersten 100 Stellen von √2 vor, wie sie in den ersten 10 Stellen von π vorkommt?” Denke Dir, man sagte: “Entweder sie kommt so vor, oder sie kommt nicht so vor”!
November 12, 1942
I think I asked: What is meant by “the figure … occurs in this development?” One would answer: “You know what that means. It occurs just as the figure … actually occurs in the development.” – True; but how can I use this analogy now? For I have a good understanding if one now says to me: “Does the figure 159 occur in the first 100 digits of √2, just as it occurs in the first 10 digits of π?” Imagine, one said: “Either it occurs that way, or it does not occur that way”!
§RFM V
73[2]‘Aber verstehst Du denn wirklich nicht, was gemeint ist?!’ – Aber kann ich nicht glauben, ich verstehe es & mich irren? –
‘But don’t you really understand what is meant?!’ – But can I not believe that I understand it and still be wrong? –
§RFM V
73[3]Wie weiß ich denn, was es heißt: die Figur … komme in der Entwicklung vor? Doch durch Beispiele – die mir zeigen, wie das ist, wenn … Diese Beispiele zeigen mir aber nicht, wie es ist, wenn die Figur in der Entwickelung nicht vorkommt!
How do I know what it means: that the figure … appears in the development? Only through examples—which show me what it is like when … But these examples do not show me what it is like when the figure does not appear in the development!
§RFM V
73[4] &74[1]
Könnte man nicht sagen: wenn ich wirklich ein Recht hätte zu sagen, diese Beispiele lehren mich, wie es ist wenn die Figur in der Entwicklung vorkommt, so müßten sie mir auch zeigen, was das Gegenteil des Satzes bedeutet.
Could one not say: if I really had the right to say that these examples teach me how it is when the figure appears in the development, then they would also have to show me what the opposite of the sentence means.
§RFM V
74[2]Der allgemeine Satz die Figur kommt in der Entwicklung nicht vor kann nur ein Gebot sein.
The general statement “the figure does not appear in the development” can only be a precept.
§RFM V
74[3]Wie wenn man die math. Sätze als Gebote ansieht & sie auch als solche ausspricht? “25² gebe 625!” Nun – ein Gebot hat eine innere & eine äußere Verneinung.
As if one regards the mathematical sentences as commands and also expresses them as such? “25² gives 625!” Now – a command has an internal and an external negation.
§RFM V
75[1]Die Symbole “(x)․φx” & “(∃x)․φx” sind wohl nützlich in der Math., wenn man im übrigen die Technik der Beweise der Existenz oder Nicht-Existenz kennt auf den sich die Russellschen Zeichen hier beziehen. Wird dies aber offen gelassen so sind diese Begriffe der alten Logik äußerst irreführend.
The symbols “(x)․φx” & “(∃x)․φx” are probably useful in mathematics, provided one is familiar with the technique of providing a proof of existence or non-existence to which Russell’s symbols refer here. But if this is left open, these concepts of old logic are extremely misleading.
§RFM V
75[2] &76[1]
Wenn Einer sagt: “aber Du weißt doch was ‘die Figur kommt in der Entwicklung vor’ bedeutet, nämlich das” – & zeigt auf einen Fall des Vorkommens, – so kann ich nur erwidern, daß was er mir zeigt verschiedene Fakten illustrieren kann. Man kann daher nicht sagen ich wisse was der Satz heißt, weil ich weiß, daß er ihn in diesem Fall gewiß anwenden wird.
If someone says: “But you know what ‘the figure occurs in the development’ means, namely this”—and points to a case of occurrence—then I can only reply that what he shows me can illustrate various facts. One cannot therefore say that I know the meaning of the sentence because I know that he will certainly apply it in this case.
§RFM V
76[2]Das Gegenteil von “es besteht ein Gesetz, daß p” ist nicht: “es besteht ein Gesetz, daß ~p”. Drückt man aber das erste durch P, das zweite durch ~P aus, so wird man in Schwierigkeiten geraten.
The opposite of “there is a law that p” is not: “there is a law that ~p”. But if one expresses the first through P, the second through ~P, then one will get into difficulties.
§RFM V
76[3] &77[1]
13.11.1942
Wie, wenn den Kindern beigebracht wird, die Erde sei eine unendliche Ebene; oder Gott habe eine unendliche Reihe von Sternen geschaffen; oder ein Stern fliege in einer geraden Linie gleichförmig immer weiter & weiter ohne je aufzuhören. Seltsam: wenn man so etwas als selbstverständlich, gleichsam ganz ruhig, aufnimmt, so verliert es alles Paradoxe. Es ist als sagte mir jemand: Beruhige Dich, diese Reihe, oder Bewegung, läuft fort & fort ohne je aufzuhören. Wir sind sozusagen der Mühe überhoben (je) an ein Ende zu denken.
13.11.1942
What if children are taught that the earth is an infinite plane; or God created an infinite series of stars; or a star flies in a straight line at a uniform speed, always further and further, without ever stopping. Strange: if one accepts something like this as self-evident, as if it were quite natural, then it loses all its paradoxical quality. It is as if someone said to me: Calm down, this series, or movement, goes on and on without ever stopping. We are, as it were, relieved of the effort (ever) to think about an end.
§RFM V
78[1]‘Wir werden ein Ende nicht in Betracht ziehen’. (We won't bother about an end.)
‘We will not consider an end’. (We won't bother about an end.)
§RFM V
78[2]Man könnte auch sagen: ‘für uns ist die Reihe endlos’.
One could also say: ‘for us, the series is endless’.
§RFM V
78[3]‘Wir werden uns um ein Ende der Reihe nicht bekümmern; für uns ist es immer unabsehbar.’
‘We will not worry about an end of the series; for us, it is always immeasurable.’
§RFM V
78[4] &79[1]
14.11.1942
Nicht ‘abzählbar’ sollte es heißen – von den rationalen Zahlen etwa – sondern ‘abzählfähig’. Man kann die rationalen Zahlen nicht abzählen, weil man sie nicht zählen kann, aber man kann mittels der rationalen Zahlen zählen – so, wie mit den Kardinalzahlen. Die schiefe Ausdrucksweise gehört mit zu dem ganzen System der Vorspiegelung, daß wir mit dem neuen Apparat die unendlichen Mengen mit der selben Sicherheit behandeln, wie bis dahin nur die endlichen.
November 14, 1942
It should not be called ‘countable’—of the rational numbers, for example—but ‘capable of being counted.’ One cannot count off the rational numbers because they cannot be counted, but one can count using the rational numbers—just as with cardinal numbers. This awkward phrasing is part of the whole system of pretense that, with the new apparatus, we treat infinite sets with the same certainty as, until then, only finite ones.
§RFM V
79[2] &80[1]
15.11.1942
Aber wo ist hier das Problem? Warum soll ich nicht sagen, was wir Mathematik nennen sei eine Familie von Tätigkeiten zu einer Familie von Zwecken. Die Menschen könnten z.B. Rechnungen zum Zweck einer Art von Wettrennen gebrauchen. Wie Kinder ja wirklich manchmal um die Wette rechnen; nur daß diese Verwendung bei uns keine große Rolle spielt.
15.11.1942
But where is the problem here? Why should I not say that what we call mathematics is a family of activities for a family of purposes. People could, for example, use calculations for the purpose of a kind of race. As children sometimes really do race to calculate; only that this use does not play a major role for us.
§RFM V
80[2] &81[1]
Oder das Multiplizieren könnte uns viel schwerer fallen, als es tut – wenn wir z.B. nur mündlich rechneten, & um uns eine Multiplikation zu merken, sie also zu erfassen, wäre es nötig sie in die Form eines gereimten Gedichts zu bringen. Wäre dies dann einem Menschen gelungen, so hätte er das Gefühl, eine große, wunderbare Wahrheit gefunden zu haben. Es wäre sozusagen für jede neue Multiplikation eine neue individuelle Arbeit nötig.
Or perhaps multiplying might be much more difficult for us than it is – if, for example, we only did calculations mentally, and in order to remember a multiplication, to grasp it, it would be necessary to put it in the form of a rhyming poem. If a person succeeded in doing this, they would feel as if they had discovered a great, wonderful truth. In a way, it would require a new individual effort for each new multiplication.
§RFM V
81[2] &82[1]
Wenn diese Leute nun glaubten, die Zahlen wären Geister & durch ihre Rechnungen erforschten sie das Geisterreich, oder zwängen die Geister, sich zu offenbaren – wäre dies nun Arithmetik? Oder – wäre es auch dann Arithmetik, wenn diese Menschen die Rechnungen zu nichts anderm gebrauchten?
If these people now believed that the numbers were spirits, and that through their calculations they were exploring the realm of spirits, or forcing the spirits to reveal themselves – would this be arithmetic? Or – would it still be arithmetic if these people used the calculations for nothing else?
§
82[2](Ich suche einen Abstieg.)
(I am looking for a departure.)
§RFM V
82[3]Der Vergleich mit der Alchemie liegt nahe. Man könnte von einer Alchemie in der Mathematik reden.
The comparison with alchemy is obvious. One could speak of an alchemy in mathematics.
§
82[4] &83[1]
‘Man kennt sich nicht aus’ heißt nicht: man weiß nicht, wo man geht – sondern man weiß nicht wohin diese Richtung führen wird & wohin jene andere führen wird. Ich meine: wer sich im Wald verloren hat, sieht allerdings den Fleck um ihn herum klar vor sich, aber die Geographie des Waldes kennt er doch nicht. D.h., er wird sich verloren fühlen, obwohl er seine Umgebung klar vor sich sieht. So kennt man sich in den ‘Grundlagen’ der Math. nicht aus – nicht, weil man nicht weiß, was man tut; sondern weil die Geographie der großen Zusammenhänge uns unbekannt ist.
‘One doesn’t know one’s way around’ does not mean: one does not know where one is going—but rather, one does not know where this direction will lead & where that other one will lead. I mean: someone who has gotten lost in the forest can clearly see the area around them, but they do not know the geography of the forest. That is, they will feel lost, even though they can clearly see their surroundings. In the same way, one does not have the knowledge of the ‘fundamentals’ of mathematics—not because one does not know what one is doing, but because the geography of the larger connections is unknown to us.
§RFM V
83[2] &84[1]
Charakterisiert schon das die mathem. Alchimie, daß die mathem. Sätze als Aussagen über mathem. Gegenstände betrachtet werden, – also die Math. als die Erforschung dieser Gegenstände?
Does the fact that mathematical sentences are regarded as statements about mathematical objects, thus making mathematics the exploration of these objects, already characterize the mathematical alchemy?
§RFM V
84[2]In einem gewissen Sinn kann man in der Math. darum nicht an die Bedeutung der Zeichen appellieren, weil die Math. ihnen erst die Bedeutung gibt.
In a certain sense, one cannot appeal to the meaning of the signs in mathematics, because mathematics is what gives them meaning.
§RFM V
84[3] &85[1]
Es ist das Typische der Erscheinung von welcher ich rede, daß das Mysteriöse an irgend einem mathem. Begriff nicht sofort als irrige Auffassung, als Fehlbegriff, gedeutet wird; sondern als etwas, was jedenfalls nicht zu verachten, vielleicht sogar eher zu respektieren ist.
It is characteristic of the phenomenon I am discussing that the mysterious aspect of any mathematical concept is not immediately interpreted as a mistaken view, as a misconcept; but rather as something that is in any case not to be despised, perhaps even to be respected.
§RFM V
85[2]Alles was ich machen kann ist einen leichten Weg aus dieser Unklarheit & dem Glitzern der Begriffe zeigen.
All I can do is show a simple way out of this obscurity and the glittering of concepts.
§RFM V
85[3]Man kann seltsamerweise sagen, daß an allen diesen glänzenden Begriffsbildungen ein sozusagen solider Kern ist. Und ich möchte sagen, daß der es ist der sie zu mathem. Produkten macht.
One can strangely say that there is a kind of solid core in all these glittering formations of concepts. And I would like to say that it is this that makes them mathematical products.
§RFM V
86[1]Man könnte sagen: Was Du siehst schaut freilich mehr wie eine glänzende Lufterscheinung aus; aber sieh sie von einem andern Winkel an & Du siehst (einen) soliden Körper, der nur von jener Richtung aus gesehen glänzt & unkörperlich aussieht.
One could say: what you see does indeed look more like a glittering aerial phenomenon; but look at it from another angle, and you see a solid body, which, when seen from that direction, only looks glittering and incorporeal.
§
86[2] &87[1]
Ich fürchte sehr für die Gesundheit meiner Nerven. Sie sind sehr stark belastet.
I am very concerned for the health of my nerves. They are under great strain.
§
87[2]16.11.1942
Ich habe die Tiefe nicht einfach durch Weite ersetzt.
16.11.1942
I have not simply replaced depth with breadth.
§RFM V
87[3]‘Die Figur ist in der Reihe, oder sie ist nicht in der Reihe’ heißt: entweder schaut die Sache so aus oder sie schaut nicht so aus.
‘The figure is in the row, or it is not in the row’ means: either the thing looks that way or it does not look that way.
§RFM V
87[4] &88[1]
Wie weiß man, was das Gegenteil des Satzes “φ kommt in der Reihe vor”, oder auch des Satzes “φ kommt nicht in der Reihe vor” bedeutet? Diese Frage klingt unsinnig, hat aber doch einen Sinn. Nämlich: wie weiß ich, daß ich den Satz, “φ kommt in der Reihe vor”, verstehe. Es ist wahr, ich kann Beispiele geben für das Vorkommen & Nicht-Vorkommen. Und sie sind Beispiele dafür, daß es eine Regel gibt, die das Vorkommen in einer bestimmten Zone, oder einer Reihe von Zonen, vorschreibt, oder bestimmt daß dies Vorkommen ausgeschlossen ist.
How does one know what the opposite of the sentence “φ occurs in the series”, or even of the sentence “φ does not occur in the series” means? This question sounds nonsensical, but it does have a meaning. Namely: how do I know that I understand the sentence “φ occurs in the series”? It is true, I can give examples of the occurrence and non-occurrence. And they are examples of the fact that there is a rule that prescribes the occurrence in a certain zone, or a series of zones, or determines that this occurrence is excluded.
§RFM V
88[2] &89[1]
Wenn “Du tust es” heißt: Du mußt es tun, & “Du tust es nicht” heißt: Du darfst es nicht tun – dann ist “Du tust es, oder Du tust es nicht” nicht der Satz vom ausgeschlossenen Dritten.
If “You do it” means: you must do it, and “You do not do it” means: you are not allowed to do it – then “You do it, or you do not do it” is not the law of excluded middle.
§RFM V
89[2]Jeder fühlt sich ungemütlich bei dem Gedanken, ein Satz sage aus, in der endlosen Reihe komme das & das nicht vor – dagegen hat es gar nichts Befremdliches ein Befehl sage in dieser Reihe dürfe, soweit sie auch fortgesetzt werde, das nicht vorkommen.
Everyone feels uncomfortable with the thought that a sentence says that in the endless series, this and that do not occur – but there is nothing strange about a command saying that in this series, as far as it is extended, this must not occur.
§RFM V
89[3] &90[1]
Woher aber dieser Unterschied zwischen: “soweit Du auch gehst, wirst Du das nie finden” – & “soweit Du auch gehst darfst Du das nie tun”?
But what is the source of this difference between: “however far you go, you will never find this” – and “however far you go, you must never do that”?
§RFM V
90[2]Auf jenen Satz kann man fragen: “wie kann man so etwas wissen”, aber nichts Analoges gilt vom Befehl.
One can ask about that sentence: “how can one know this,” but nothing analogous applies to the command.
§RFM V
90[3]Die Aussage scheint sich zu übernehmen, der Befehl aber gar nicht.
The statement seems to assert itself, but the command does not.
§RFM V
90[4]Kann man sich denken, daß alle mathematischen Sätze im Imperativ ausgesprochen würden? Z.B.: “10 × 10 sei 100”.
Could one imagine that all mathematical sentences were expressed in the imperative? E.g., “10 × 10 is 100”.
§RFM V
91[1]Und wer nun sagt: “Es sei so, oder es sei nicht so”, der spricht nicht den Satz vom ausgeschlossenen Dritten aus, – sondern eine Regel. (Wie ich es schon weiter oben einmal gesagt habe.)
And whoever says: “It is so, or it is not so,” is not stating the law of excluded middle, but rather a rule. (As I mentioned earlier.)
§RFM V
91[2]17.11.1942
Aber ist das wirklich ein Ausweg aus der Schwierigkeit? Denn wie verhält es sich dann mit allen anderen mathem. Sätzen, sagen wir 25² = 625, gilt für diese nicht der Satz vom ausgeschlossenen Dritten innerhalb der Mathematik?
17.11.1942
But is this really a way out of the difficulty? Because how does it relate to all other mathematical sentences, let's say 25² = 625? Does the law of excluded middle not apply within mathematics for these?
§RFM V
91[3] &92[1]
Wie wendet man denn den Satz vom ausgeschlossenen Dritten an?
How does one apply the law of excluded middle?
§RFM V
92[2]18.11.1942
“Es gibt entweder eine Regel die es gebietet, oder eine, die es verbietet”.
18.11.1942
“There is either a rule that commands it, or one that forbids it.”
§RFM V
92[3]Angenommen, es gibt keine Regel die das Vorkommen verbietet, – warum soll es dann eine geben, die es gebietet?
Suppose there is no rule that forbids the occurrence; why should there then be one that commands it?
§RFM V
92[4] &93[1]
Hat es Sinn zu sagen: “Es gibt zwar keine Regel die das Vorkommen verbietet, die Figur kommt aber tatsächlich doch nicht vor”? – Und wenn das nun keinen Sinn hat – wie kann das Gegenteil davon Sinn haben, nämlich, die Figur komme vor?
Does it make sense to say: “There is no rule that forbids the occurrence, but the figure actually does not occur”? – And if that doesn't make sense, how can the opposite of it make sense, namely, that the figure does occur?
§RFM V
93[2]Nun, wenn ich sage, sie kommt vor, schwebt mir das Bild der Reihe vor, von ihrem Anfang bis zu jener Figur – wenn ich aber sage die Figur komme nicht vor, so nützt mir kein solches Bild der Reihe.
Well, if I say it occurs, I have in mind the image of the series, from its beginning to that figure; but if I say the figure does not occur, then such an image of the series is of no use to me.
§RFM V
93[3] &94[1]
Wie, wenn die Regel sich beim Gebrauch unmerklich biegen würde? Ich meine so, daß ich von verschiedenen Räumen sprechen könnte, in denen ich sie gebrauche.
What if the rule bends imperceptibly in use? I mean in such a way that I could speak of different spaces in which I use it.
§RFM V
94[2]Das Gegenteil von “es darf nicht vorkommen” heißt “es darf vorkommen”. Für ein endliches Stück der Reihe aber scheint das Gegenteil von “es darf in ihm nicht vorkommen” zu sein: “es muß darin vorkommen”.
The opposite of “it must not occur” is “it may occur”. But for a finite section of the series, the opposite of “it must not occur in it” seems to be: “it must occur in it”.
§RFM V
94[3] &95[1]
19.11.1942
Das Seltsame in der Alternative “φ kommt in der unendlichen Reihe vor, oder es kommt nicht vor” ist, daß wir uns die beiden Möglichkeiten einzeln vorstellen müssen, daß wir nach einer Vorstellung für jedes besonders suchen, & daß nicht wie sonst eine für den negativen & für den positiven Fall zureicht.
19.11.1942
The strangeness in the alternative “φ occurs in the infinite series, or it does not occur” is that we must imagine the two possibilities separately, that we must look for an image for each in particular, & that, as is usually the case, one image does not suffice for the negative and for the positive case.
§RFM V
95[2]Wie weiß ich, daß der allgemeine Satz “Es gibt …” hier Sinn hat? Nun, wenn er zu einer Mitteilung über die Technik des Entwickelns in einem Sprachspiel verwendet werden kann.
How do I know that the general sentence “There is…” has meaning here? Well, if it can be used as a communication about the technique of developing in a language-game.
§RFM V
95[3] &96[1] &
97[1]
Eine Mitteilung heißt: “es darf nicht vorkommen” – d.h.: wenn es vorkommt, hast Du falsch gerechnet. Eine heißt: “es darf vorkommen”, d.h., es existiert so ein Verbot nicht. Eine: “es muß in der & der Region (an diesen Stellen, immer in diesen Regionen) vorkommen”. Das Gegenteil davon aber scheint zu sein: “es darf dort & dort nicht vorkommen”– statt “es muß dort nicht vorkommen”. Wie aber, wenn man die Regel gäbe, daß, z.B., überall, wo die Bildungsregel von π 4 ergibt, statt der 4 auch eine beliebige andere Ziffer gesetzt werden kann. Zieh auch die Regel in Betracht die an gewissen Stellen eine Ziffer verbietet, aber im übrigen die Wahl offen läßt.
One communication says: “it must not occur” – i.e.: if it occurs, you have calculated incorrectly. One says: “it may occur”, i.e., there is no such prohibition. One: “it must occur in the & the region (at these points, always in these regions)”. The opposite of this, however, seems to be: “it must not occur there & there” – instead of “it must not occur there”. What if one gave the rule that, for example, wherever the rule for generating π gives 4, instead of 4, any other digit can also be used. Also consider the rule that prohibits a digit at certain points, but otherwise leaves the choice open.
§RFM V
97[2]20.11.1942
Ist es nicht so? Die Begriffe in den mathematischen Sätzen von den unendlichen Dezimalbrüchen sind nicht Begriffe von Reihen, sondern von der unbegrenzten Technik des Entwickelns von Reihen.
20.11.1942
Isn't it so? The concepts in the mathematical sentences about infinite decimal fractions are not concepts of series, but of the unlimited technique of developing series.
§RFM V
97[3] &98[1]
Wir lernen eine endlose Technik: D.h., es wird uns etwas vorgemacht, wir machen es nach; es werden uns Regeln gesagt & wir machen Übungen in ihrer Befolgung, es wird dabei vielleicht auch ein Ausdruck wie “u.s.f. ad inf.” gebraucht, aber damit ist nicht von irgend einer riesigen Ausdehnung die Rede.
We learn an endless technique: That is, something is demonstrated to us, we imitate it; rules are told to us & we do exercises in following them, perhaps an expression such as “etc. ad inf.” is also used, but this does not refer to any huge extension.
§RFM V
98[2]Das sind die Fakten. Und was heißt es nun: “φ kommt entweder in der Entwickelung vor, oder es kommt nicht vor”?
These are the facts. And what does it mean to say: “φ either occurs in the development, or it does not occur”?
§RFM V
98[3] &99[1]
Aber heißt das nun, daß es kein Problem gibt: “Kommt die Figur φ in dieser Entwickelung vor?”? – Wer das fragt fragt & nach einer Regel das Vorkommen von φ betreffend. Und die Alternative des Existierens oder Nichtexistierens so einer Regel ist jedenfalls keine mathematische.
But does this mean that there is no problem: “Does the figure φ occur in this development?”? – Whoever asks this asks also for a rule concerning the occurrence of φ. And the alternative of the existence or non-existence of such a rule is in any case not a mathematical one.
§RFM V
99[2]Erst innerhalb einem, erst zu errichtenden, mathem. Gebäude wird die Frage zur mathematischen.
Only within a, and a yet-to-be-established, mathematical structure does the question become mathematical.
§RFM V
100[1]Ist denn das Unendliche nicht wirklich – kann ich nicht sagen: “diese zwei Kanten der Platte schneiden sich im Unendlichen”?
Isn't infinity really there – can I not say: “these two edges of the plate intersect in infinity”?
§RFM V
100[2]Nicht “der Kreis hat diese Eigenschaft weil er durch die beiden unendlich fernen Punkte … geht”; sondern: “die Eigenschaften des Kreises lassen sich aus dieser (merkwürdigen) Perspektive betrachten”.
Not “the circle has this property because it passes through the two infinitely distant points…”; but: “the properties of the circle can be viewed from this (peculiar) perspective”.
§RFM V
100[3] &101[1]
Es ist wesentlich eine Perspektive; & eine weithergeholte. (Womit kein Tadel ausgesprochen ist.) Aber es muß immer ganz klar sein wie weit hergeholt diese Anschauungsart ist. Denn sonst ist ihre eigentliche Bedeutung im Dunkeln.
It is essentially a perspective; & a rather far-fetched one. (Which does not imply any criticism.) But it must always be quite clear how far-fetched this way of looking at things is. Because otherwise its actual meaning remains obscure.
§RFM V
101[2]Was heißt das: “der Mathematiker weiß nicht was er tut”, oder “er weiß was er tut”?
What does it mean to say: “the mathematician doesn’t know what he is doing”, or “he knows what he is doing”?
§RFM V
101[3] &102[1]
23.11.1942
Kann man unendliche Vorhersagungen machen? – Nun, warum soll man nicht z.B. das Trägheitsgesetz eine solche nennen? Oder den Satz, daß ein Komet eine Parabel beschreibt? In gewissem Sinne wird freilich ihre Unendlichkeit nicht sehr ernst genommen.
23.11.1942
Can one make infinite predictions? – Well, why shouldn’t one, for example, call the law of inertia one such prediction? Or the statement that a comet describes a parabola? In a certain sense, of course, its infinity is not taken very seriously.
§RFM V
102[2]Wie ist es nun mit einer Vorhersagung: daß, wer π entwickelt, so weit er auch gehen mag, nie auf die Figur φ stoßen wird? – Nun, man könnte sagen, daß dies entweder eine unmathematische Vorhersagung ist, oder (aber) eine mathematische Regel.
What about a prediction: that whoever develops π, however far he may go, will never come across the figure φ? – Well, one could say that this is either a non-mathematical prediction, or (alternatively) a mathematical rule.
§RFM V
102[3] &103[1]
Jemand, der √2 entwickeln gelernt hat geht zu einer Wahrsagerin, & sie weissagt ihm, daß soweit er auch die √2 entwickeln mag, er nie zu einer Figur … gelangen wird. – Ist ihre Weissagung ein mathem. Satz? Nein. – Außer sie sagt: “wenn Du immer richtig entwickelst, wirst Du nie dahin kommen”. Aber ist das noch eine Vorhersage?
Someone who has learned to develop √2 goes to a fortune teller, and she predicts to him that however far he may develop √2, he will never come across a figure… – Is her prediction a mathematical statement? No. – Unless she says: “if you always develop it correctly, you will never come to that.” But is that still a prediction?
§RFM V
103[2] &104[1]
Es scheint nun, daß so eine Vorhersage des richtig Entwickelten denkbar wäre und sich von einem mathem. Gesetz, daß es sich so & so verhalten muß, unterschiede. So daß es in der mathem. Entwickelung einen Unterschied gäbe zwischen dem, was tatsächlich so herauskommt – gleichsam zufällig – & dem, was herauskommen muß.
It now seems that such a prediction about the correctly developed is conceivable and differs from a mathematical law that it must behave in such and such a way. So that in mathematical development there would be a difference between what actually results – as it were, randomly – and what must result.
§RFM V
104[2]24.11.1942
Wie soll man es entscheiden, ob eine unendliche Voraussage Sinn hat? So jedenfalls nicht, daß man sagt: “ich bin sicher, ich meine etwas, wenn ich sage …”.
24.11.1942
How is one to decide whether an infinite prediction makes sense? Certainly not by saying: “I am sure that I mean something when I say…”
§RFM V
104[3] &105[1]
Auch ist wohl nicht so sehr die Frage, ob die Voraussage irgend einen Sinn hat, als: was für eine Art von Sinn sie hat. (Also, in welchen Sprachspielen sie vorkommt.)
Also, the question is probably not so much whether the prediction has any sense, but: what kind of sense it has. (That is, in which language-games it occurs.)
§
105[2]25.11.1942
Die Mathematiker lieben einen haut-goût an ihren Sätzen, der, wie überall, von der Fäulnis herrührt.
25.11.1942
Mathematicians like a certain piquancy in their sentences, which, as everywhere, comes from decay.
§
105[3]‘Übereinstimmung’ heißt zum Teil der Friede & die Eintracht.
‘Agreement’ partly means peace and harmony.
§
105[4] &106[1] &
107[1] &
108[1]
Ein Traum: Ich lebte in einer Wohnung, wie in einem Wiener Mietshaus.
Im gleichen Stock neben mir hatte Smythies eine Wohnung; im ersten Stockwerk unter ihm Timy Moore. Ich sehe diesen öfters & wir musizieren. – Ich trete einmal vor mir und ein Portier der aus S.'s Türe kommt sagt mir etwas in spaßhafter Weise (ich habe das Wort vergessen, welches er gebrauchte) woraus ich entnehme daß S. gestorben sei. Ich hatte ihn abwesend geglaubt, aber er muß ohne mein Wissen zurückgekommen, krank gewesen & gestorben sein. Ich bin sehr von der Nachricht betroffen, denke, daß er Moore & mich musizieren gehört hat & allein krank gewesen ist & mich nicht gerufen hat. – Ich gehe dann in S.'s Wohnung & treffe da seinen Vater, der komisch aussieht, mehr wie eine Frau. Ich frage ob S. eine Botschaft für mich hinterlassen, oder etwas über mich gesagt habe. Es war auf einem großen Tisch ein Bild da mit andern Sachen aus dem Nachlaß das S. als Andenken für mich bestimmt hatte & eine Landkarte für einen Herrn so & so (Namen vergessen) in Prag. Ich war ein wenig auf diesen, den S. kaum gekannt haben konnte, eifersüchtig, sagte mir aber daß ein Bild doch von mehr Zuneigung zeuge als eine Landkarte. – Wurde von großer Angst für Francis befallen, der irgendwo auf dem Lande sei & von dem ich lange nicht gehört hatte. Ich sagte mir, daß ich ihm gleich telegraphieren müsse und erfahren wie es ihm geht. – Ich wachte mit Angst und Besorgnis auf.
A dream: I lived in an apartment, as in a Viennese apartment building.
On the same floor next to me, Smythies had an apartment; on the first floor below him, Timy Moore. I often see him, and we make music together. – I am standing in front of me, and a doorman who comes out of S.’s door tells me something in a joking way (I have forgotten the word he used), from which I infer that S. has died. I had thought of him as absent, but he must have come back without my knowing, been ill, and died. I am very upset by the news, think that he must have heard Moore and me making music, and has been ill on his own and has not called me. – I then go to S.’s apartment and meet his father there, who looks strange, more like a woman. I ask if S. has left a message for me, or said anything about me. There was on a large table a picture and other things from his estate that S. had intended as a keepsake for me, and a map for a certain Herr so-and-so (I have forgotten the name) in Prague. I was a little jealous of this, whom S. could hardly have known, but I told myself that a picture is a sign of more affection than a map. – I was seized by great fear for Francis, who is somewhere in the country and from whom I have not heard for a long time. I said to myself that I must immediately telegraph to him and find out how he is. – I woke up with fear and anxiety.
§RFM V
108[2]28.11.1942
“Der unheilvolle Einbruch” der Logik in die Mathematik.
28.11.1942
“The fateful intrusion” of logic into mathematics.
§
108[3] &109[1]
Denke Dir Menschen die keine Gelegenheit hätten je mehr als 1000 Gegenstände zu zählen, – die aber dennoch mit Zahlen über Tausend rechneten. Sie sagen z.B. 1000² = 100² + 900² + 180000.
Imagine people who would never have the opportunity to count more than 1000 items, – but who nevertheless calculated with numbers greater than a thousand. They say, for example, 1000² = 100² + 900² + 180000.
§
109[2]01.12.1942
Was kann man eigentlich an der naiven Auffassung der ‘mathematischen Realität’ falsch nennen – abgesehen von dem Abstoßenden der Auffassung –?
01.12.1942
What can one actually call wrong in the naive conception of ‘mathematical reality’ – apart from the objectionable nature of this conception?
§RFM V
109[3]In dem so vorbereiteten Feld ist das ein Existenzbeweis.
In the thus prepared field, that is a proof of existence.
§RFM V
109[4] &110[1]
Das Verderbliche der logischen Technik ist, daß sie uns die spezielle mathem. Technik vergessen läßt. Während die logische Technik nur eine Hilfstechnik in der Math. ist. Z.B. gewisse Verbindungen zwischen anderen Techniken herstellt.
The corrupting influence of logical technique is that it makes us forget the specific mathematical technique. Whereas logical technique is only an auxiliary technique in mathematics. For example, it establishes certain connections between other techniques.
§RFM V
110[2]Es ist beinahe als wollte man sagen, daß das Tischlern im Leimen besteht.
It is almost as if one wanted to say that carpentry consists in gluing.
§RFM V
110[3] &111[1]
So könnte man Dedekinds Theorem ableiten wenn, was wir irrationale Zahlen nennen ganz unbekannt wäre, wenn es aber eine Technik gäbe, die Stellen vor Dezimalzahlen zu würfeln. Und dieses Theorem hätte dann seine Anwendung auch wenn es die Mathematik der irrationalen Zahlen nicht gäbe. Es ist nicht, als sähen die Dedekindschen Entwicklungen alle besonderen reellen Zahlen schon voraus. Es scheint nur so, sobald man den Dedekindschen Kalkül mit den Kalkülen der besonderen reellen Zahlen vereinigt.
One could derive Dedekind’s theorem in this way if what we call irrational numbers were completely unknown, but if there were a technique for rolling dice to determine the digits of decimal numbers. And this theorem would then have its application even if the mathematics of irrational numbers did not exist. It is not as if Dedekind’s developments already anticipate all special real numbers. It only seems that way once one combines Dedekind’s calculus with the calculi of the special real numbers.
§RFM V
112[1]Der Beweis überzeugt Dich davon daß es eine Wurzel der Gleichung gibt (ohne Dir eine Ahnung zu geben wo) – – wie weißt Du, daß Du den Satz verstehst, es gebe eine Wurzel? Wie weißt Du daß Du wirklich von etwas überzeugt bist? Du magst davon überzeugt sein, daß sich die Anwendung des bewiesenen Satzes finden lassen wird. Aber Du verstehst ihn nicht solange Du sie nicht gefunden hast.
The proof convinces you that there is a root of the equation (without giving you any idea where)—how do you know that you have an understanding of the theorem, that there is a root? How do you know that you are truly convinced of something? You may be convinced that an application of the proven theorem can be found. But you do not have an understanding of it until you have found it.
§RFM V
113[1]Wenn ein Beweis allgemein beweist, es gebe eine Wurzel, so kommt alles darauf an, in welcher Form er das beweist. Was es ist, das hier zu diesem Wortausdruck führt, der ein bloßer Schemen ist & die Hauptsache verschweigt. Während er den Logikern nur die Nebensache zu verschweigen scheint.
When a proof generally demonstrates that there is a root, everything depends on the form in which it proves it. What it is that leads here to this verbal expression, which is a mere schema & conceals the main point. While it seems to conceal only the secondary point from the logicians.
§
113[2]02.12.1942
Was hat die Beweismethode zu tun mit dem, was bewiesen ist?
02.12.1942
What does the method of proof have to do with what is proven?
§
113[3] &114[1]
Der eine Beweis sagt Dir (als wäre er eine Person) daß dies vorkommt. Der andre sagt Dir, wo es vorkommt. – So scheint es. Und es ist als käme es gar nicht mehr drauf an wie jener Satz bewiesen wurde. Genug, daß er bewiesen ist & wir nun wissen, daß es vorkommt. Wir können es dann gleichsam unsern Kindern überliefern (hand down). Und sie werden so wenig wissen wie wir. Es klingt dann mehr wie eine Fabel. Und könnte vielleicht die Rolle einer Fabel spielen.
One proof tells you (as if it were a person) that this occurs. The other tells you where it occurs. – So it seems. And it is as if it no longer matters at all how that proposition was proven. It is enough that it is proven & we now know that it happens. We can then, as it were, pass it on to our children (hand down). And they will know as little as we do. It then sounds more like a fable. And might perhaps play the role of a fable.
§
114[2] &115[1]
‘Wir müssen annehmen, daß … irgendwo 0 wird’. Dieser Satz ist nur darum nicht ein bloßer Mythus, weil sein Beweis der Anfang einer Ortsbestimmung ist. Oder vielmehr: Der Satz der als Existentialsatz angesehen ein Mythus ist, ist es darum nicht in einer andern Beleuchtung.
‘We must assume that … becomes 0 somewhere’. This sentence is only not a mere myth because its proof is the beginning of a localization. Or rather: the sentence, which, when regarded as an existential sentence, is a myth, is not so in another light.
§
115[2]Der Satz als Existentialsatz sagt uns, so zu sagen, ein Geheimnis.
The sentence, as an existential sentence, tells us, so to speak, a secret.
§
115[3]03.12.1942
Der Beweis zeigt dieses Bild der Sache. – Aber damit ist es noch nicht klar, was wir mit diesem Bild anfangen können.
December 3, 1942
The proof presents this picture of the matter. – But that does not yet make it clear what we can do with this picture.
§
116[1]Das Bewiesene sagt “der Ausdruck muß irgendwo 0 werden”: Aber nun kommt alles darauf an, wie der Beweis das sagt; ob das nun ein guter, oder ein, im Ganzen, irreführender Ausdruck des Bewiesenen war, wird sich auf diese Weise zeigen. Der Beweis kann Dich lehren, wie der Satz etwa anzuwenden wäre.
The proof states, “the expression must become 0 somewhere”: But now everything depends on how the proof states this; whether this was a good, or, on the whole, misleading, expression of what has been proven will become apparent in this way. The proof can teach you how the application of the proposition might be achieved.
§RFM V
116[2] &117[1]
08.12.1942
“Abzählbar” dürfte es nicht heißen, dagegen hätte es Sinn zu sagen “numerierbar”. Und dieser Ausdruck läßt auch die Anwendung des Begriffs erkennen. Denn man kann zwar die rationalen Zahlen nicht abzählen wollen, wohl aber kann man ihnen Nummern zulegen wollen.
08.12.1942
“Countable” should not be used; it would make sense to say “numerable” instead. And this expression also makes the application of the concept recognizable. Because one can, indeed, not want to count the rational numbers, but one can want to assign numbers to them.
§RFM V
117[2]Das mathematisch Allgemeine steht zum mathematisch Besonderen nicht in dem Verhältnis wie sonst das Allgemeine zum Besondern.
The mathematically general is not related to the mathematically particular in the same way as the general is related to the particular in other cases.
§RFM V
117[3] &118[1]
Alles was ich sage kommt eigentlich darauf hinaus, daß man einen Beweis wohl kennen, & ihm Schritt für Schritt folgen kann, & dabei doch, was bewiesen wurde, nicht versteht.
Everything I say actually boils down to the fact that one can know a proof well and follow it step by step, and yet not have any understanding of what has been proven_._
§RFM V
118[2]Und das hängt wieder damit zusammen, daß man einen mathem. Satz grammatisch richtig bilden kann ohne seinen Sinn zu verstehen.
And this is again related to the fact that one can form a mathematical sentence grammatically correctly without understanding its sense.
§RFM V
118[3] &119[1]
Wann versteht man ihn nun? – Ich glaube: wenn man ihn anwenden kann. Man könnte vielleicht sagen: wenn man ein klares Bild von seiner Anwendung hat. Dazu aber genügt es nicht, daß man ein klares Bild mit ihm verbindet. Vielmehr wäre besser gewesen zu sagen: wenn man eine klare Übersicht von seiner Anwendung hat. Und auch das ist schlecht, denn es handelt sich nur darum daß man die Anwendung nicht dort vermutet wo sie nicht ist; daß man sich von der Wortform des Satzes nicht täuschen läßt.
When does one understand it? – I think: when one can apply it. One could perhaps say: when one has a clear picture of its application. But it is not enough that one has a clear picture associated with it. Rather, it would have been better to say: when one has a clear overview of its application. And even that is not good, because it is only about not suspecting the application where it is not; that one is not deceived by the wording of the sentence.
§RFM V
119[2] &120[1]
Wie kommt es aber nun daß man einen Satz, oder Beweis, auf diese Weise nicht verstehen, oder mißverstehen kann? Und was ist dann nötig um das Verständnis herbeizuführen?
But how does it come about that one cannot understand or misunderstand a sentence or proof in this way? And what is necessary to bring about understanding?
§RFM V
120[2]Es gibt da, glaube ich, Fälle in denen Einer den Satz (oder Beweis) zwar anwenden kann, über die Art der Anwendung aber nicht klar Rechenschaft zu geben im Stande ist. Und den Fall, daß er den Satz auch nicht anzuwenden weiß. (Mult. Ax.)
I believe there are cases in which one can apply the sentence (or proof), but is not able to give a clear account of the nature of the application. And the case in which he does not know how to apply the sentence either. (Mult. Ax.)
§RFM V
120[3]Wie ist es in der Beziehung mit 0 × 0 = 0?
What is the relationship with 0 × 0 = 0?
§RFM V
120[4] &121[1]
09.12.1942
Man möchte sagen, das Verständnis eines math. Satzes sei nicht durch seine Wortform garantiert, wie im Fall der meisten nicht-mathematischen Sätze. Das heißt – so scheint es – daß der Wortlaut das Sprachspiel nicht bestimmt, in welchem der Satz funktioniert.
December 9, 1942
One might say that the understanding of a mathematical proposition is not guaranteed by its verbal form, as is the case with most non-mathematical propositions. This means—so it seems—that the wording does not determine the language-game in which the proposition functions.
§RFM V
121[2]Die logische Notation verschluckt die Struktur.
Logical notation obscures the structure.
§RFM V
121[3] &122[1]
Um zu sehen, wie man etwas ‘Existenzbeweis’ nennen kann, was keine Konstruktion des Existierenden zuläßt, denke an die verschiedenen Bedeutungen des Wortes “wo” (z.B. des topologischen & des metrischen.)
To see how one can call something an ‘existence proof’ without allowing for a construction of the existent, think of the different meanings of the word “where” (e.g. the topological & the metric one).
§RFM V
122[2]10.12.1942
Es kann ja der Existenzbeweis nicht nur den Ort des ‘Existierenden’ unbestimmt lassen, sondern es braucht auf einen solchen Ort gar nicht anzukommen. D.h.: wenn der bewiesene Satz lautet “es gibt eine Zahl, für die …” so muß es keinen Sinn haben zu fragen “und welches ist diese Zahl”, oder zu sagen “und diese Zahl ist …”
10.12.1942
The existence proof may not only leave the location of the ‘existent’ undefined, but it does not even need to arrive at such a location. That is: if the proven sentence states “there is a number, for which…”, then it must not make sense to ask “and which is this number”, or to say “and this number is…”.
§RFM V
122[3] &123[1] &
124[1]
11.12.1942
Vom Beweis durch reductio ad absurdum kann man sich immer vorstellen, er werde im Argument mit einem Opponenten gebraucht, der eine mathematisch unhaltbare Behauptung macht. Ich meine aber nicht eine mathematische Behauptung. Etwa, er habe gesehen, wie der A den B mit den & den Figuren matt gesetzt habe – wenn das nach den Regeln nicht möglich ist.
12/11/1942
One can always imagine a proof by reductio ad absurdum being used in an argument against an opponent who makes a mathematically untenable assertion. But I do not mean a mathematical assertion. For example, that he saw how A checkmated B with the & figures—when that is not possible according to the rules.
§RFM V
124[2] &125[1]
Die Schwierigkeit, die man beim Beweis durch reductio ad absurdum in der Math. empfindet ist die: Was geht bei diesem Beweis vor? Etwas mathematisch Absurdes, also Unmathematisches? Wie kann man – möchte man fragen – das mathematisch Absurde überhaupt nur annehmen? Daß ich das physikalisch Falsche annehmen & ad absurdum führen kann macht mir keine Schwierigkeiten. Aber wie das sozusagen Undenkbare denken?!
The difficulty one encounters with the proof by reductio ad absurdum in mathematics is this: what happens in this proof? Something mathematically absurd, i.e. non-mathematical? How can one – one might ask – even assume the mathematically absurd? The fact that I can assume the physically false and lead it to absurdity does not cause me any difficulties. But how to think the so-called unthinkable?!
§RFM V
125[2] &126[1]
Der indirekte Beweis sagt aber: “wenn Du es so willst, darfst Du das nicht annehmen: denn damit ist nur das Gegenteil dessen vereinbar wovon Du nicht abgehen willst”.
The indirect proof, however, states: “if you want it so, you are not allowed to assume that: because with that, only the opposite of what you do not want to depart from is consistent”.
§
126[2]12.12.1942
Was mich in einer Darstellung, wie z.B. Hardy's, stört ist die scheinbar sinnlose Varietät von Beweisen desselben Satzes. Ich möchte sagen: jeder dieser Beweise gehört zu einer besonderen Gelegenheit bei der gerade er anzuwenden wäre.
12.12.1942
What bothers me in a presentation, such as Hardy's, is the seemingly senseless variety of proofs of the same sentence. I would like to say: each of these proofs belongs to a particular occasion in which it would be applied.
§
126[3]Du glaubst daß
You believe that
§
126[4] &127[1]
Ich sage: Nenne, zur Abkürzung 14142 ‘p’ & 10000 ‘q’. Dann folgt aus Deiner Aussage ‘’, daß auch ist.
I say: For short, let 14142 be ‘p’ and 10000 be ‘q’. Then it follows from your statement ‘’ that is also true.
§
127[2] &128[1]
Aber mußte natürlich kleiner sein als 2, also ist p ‒ q < q.
Da aber q < p sein muß, ist 2q ‒ p < q < p.
Also ist & das ganz abgesehen davon ob schon vollkommen gekürzt ist. Wenn immer Du also einen Bruch zweier vollkommener Quadrate, der vollkommen gekürzt ist, für gleich 2 hieltest so kannst Du einen andern Bruch mit kleinerem Zähler & Nenner bilden, der dem ersten dann gleich sein müßte (nämlich aus jedem , das gleich 2 ist, ein ); der dem ersten gleich sein müßte, aber natürlich nicht ist.
But must, of course, be smaller than 2, so p ‒ q < q.
Since q must be less than p, 2q ‒ p < q < p.
Thus, holds, and this is quite apart from whether has been completely simplified. So, whenever you consider a fraction of two perfect squares, which is fully reduced, to be equal to 2, you can form another fraction with a smaller numerator and denominator, which would then have to be equal to the first one (namely, from each that is equal to 2, a ); which would have to be equal to the first one, but of course it is not.
§
128[2]Man kann den Beweis aber auch so anfangen: Wenn ein vollkommen gekürzter Bruch ist & q < p < 2q ist, so
kann nicht gleich
sein, da p ‒ q < q ist. Wäre aber ein Bruch so müßte = sein. Also kann ein Bruch nie gleich 2 sein.
However, one can also begin the proof as follows: If is a properly reduced fraction and q < p < 2q, then
cannot be equal to
since p − q < q. But if a fraction were such, then = would have to hold. Therefore, a fraction can never be equal to 2.
§
129[1]Wohl aber kann sich ‘beliebig nähern’ wenn sich der 2 nähert. Es wird dann eine schlechtere Annäherung sein als , & wenn man den Prozeß fortführt & aus bildet
etc.
so kommt man, statt immer zu der gleichen Zahl, zu immer schlechteren Annäherungen.
However, can “approach arbitrarily closely” if approaches 2. It will then be a worse approximation than , & if one continues the process & forms
etc.
then, instead of always arriving at the same number, one arrives at increasingly worse approximations.
§
129[2] &130[1]
Ich meine: man könnte die Umstände finden, unter welchen der Beweis gerade in der Hardischen Form der richtige ist.
I mean: one could find the circumstances under which the proof is correct precisely in the Hardisian form.
§
130[2]13.12.1942
Statt “Nehmen wir an ” wäre es besser zu sagen: “Prüfe ‘’”, oder “Prüfe: ”. – Denn nun kann man es ja auf verschiedene Weise prüfen.
December 13, 1942
Instead of “Let us assume ,” it would be better to say: “Check ‘’,” or “Check: .” – For now one can, after all, check it in various ways.
§
130[3] &131[1]
Die Frage, ob je 2 wird, hängt mit einer großen Anzahl anderer mathematischer Verhältnisse zusammen, & jeder Beweis zeigt solche Zusammenhänge & zeigt, welche Stellungen wir aufgeben müssen, wenn wir zulassen.
The question of whether ever becomes 2 is connected to a large number of other mathematical relationships, and every proof reveals such connections and shows which positions we must abandon if we allow .
§
131[2]Dies ist eine bestimmte Beweis-Maschinerie, nicht die ewig-gültige Form eines Beweises. (Ich denke an Gödels einleitender beiläufiger Beweisführung.)
This is a specific proof mechanism, not the eternally valid form of a proof. (I am thinking of Gödel’s introductory, casual proof.)
§RFM V
131[3] &132[1]
14.12.1942
Die geometrische Illustration der math. Analysis ist allerdings unwesentlich, nicht aber die geometrische Anwendung. Ursprünglich waren die geometrischen Illustrationen Anwendungen der Analysis. Wo sie aufhören dies zu sein, können sie leicht gänzlich irreführen. Hier haben wir dann die phantastische Anwendung. Die eingebildete Anwendung.
December 14, 1942
The geometric illustration of mathematical analysis is admittedly immaterial, but not the geometric application. Originally, the geometric illustrations were applications of analysis. When they cease to be this, they can easily be completely misleading. Here we then have the fantastic application. The imagined application.
§RFM V
132[2]Die Idee des ‘Schnittes’ ist so eine gefährliche Illustration.
The idea of the ‘section’ is such a dangerous illustration.
§RFM V
132[3]Nur soweit, als die Illustrationen auch Anwendungen sind, erzeugen sie nicht das gewisse Schwindelgefühl, das die Illustration erzeugt im Moment, wo sie aufhört eine mögliche Anwendung zu sein; wo sie also dumm wird.
Only insofar as the illustrations are also applications do they not create that certain feeling of absurdity that the illustration creates at the moment it ceases to be a possible application; when it thus becomes nonsensical.
§
132[4] &133[1]
Ich habe wahrscheinlich zu wenig Ruhe & zu viel Unannehmlichkeit. Das Letztere ist in gewissem Sinne gut für mich, wenn ich noch im Stande bin daraus zu lernen, was leider zweifelhaft scheint.
I probably have too little peace and too much discomfort. The latter is, in a certain sense, good for me, if I am still able to learn from it, which unfortunately seems doubtful.
§VB
133[2]15.12.1942
Wir kämpfen jetzt gegen eine Richtung. Aber diese Richtung wird sterben, durch andere Richtungen verdrängt. Und dann wird man unsere Argumentation gegen sie nicht mehr verstehen; nicht begreifen, warum man all das hat sagen müssen.
December 15, 1942
We are now fighting against a certain direction. But this direction will die, being displaced by other directions. And then one will no longer understand our argumentation against it; one will not grasp why one had to say all that.
§RFM V
133[3] &134[1]
So seltsam es klingt: Die Weiterentwicklung einer irrationalen Zahl ist eine Weiterentwicklung der Mathematik.
As strange as it sounds: the further development of an irrational number is a further development of mathematics.
§
134[2]Eine Beweisführung ist prüde, wenn die geringste logische Zweideutigkeit ängstlich vermieden wird, grober Unsinn aber geduldet.
A proof is prudish when the slightest logical ambiguity is anxiously avoided, but gross nonsense is tolerated.
§
134[3]Die Hauptunklarheit in der Mathematik ist die Unklarheit darüber, was entdeckt & was bestimmt wird.
The main ambiguity in mathematics is the ambiguity regarding what is discovered and what is determined.
§
134[4]16.12.1942
Eine Beweisführung ist prüde: wenn man ängstlich die geringste logische Zweideutigkeit vermeidet, aber groben Unsinn duldet.
December 16, 1942
A proof is prudish: when one anxiously avoids the slightest logical ambiguity, but tolerates gross nonsense.
§
135[1] &136[1]
Wie, wenn ich sagte, die allgemeine Theorie der reellen Zahlen bereitet eine Phraseologie vor, die dann im besondern Fall von großem Nutzen ist. – Aber indem sie diese Phraseologie vorbereitet ist sie entweder ein selbständiges Stück Mathematik, oder sie kann die reellen Zahlen in vager Allgemeinheit durch Beispiele behandeln. Dabei würde natürlich die Exaktheit nichts einbüßen, denn die Anwendung dieser allgemeinen Fingerzeige auf jeden besondern Fall würde immer wieder vollkommene Bestimmtheit herstellen.
For example, if I were to say that the general theory of real numbers prepares a phraseology that is then of great use in the particular case. – But by preparing this phraseology, it is either an independent piece of mathematics, or it can treat the real numbers in vague generality through examples. In doing so, of course, nothing would be lost in terms of precision, for the application of these general guidelines to each particular case would always restore complete certainty.
§VB
136[2]17.12.1942
Den Fehler in einem schiefen Raisonnement suchen & Fingerhut-Verstecken.
December 17, 1942
Looking for the error in a crooked reasoning & playing hide-and-seek with thimbles.
§RFM V
136[3] &137[1]
Man könnte fragen: Was könnte ein Kind von 10 Jahren am Beweis des Dedekindschen Satzes nicht verstehen? – Ist denn dieser Beweis nicht viel einfacher, als alle die Rechnungen die das Kind beherrschen muß? – Und wenn nun jemand sagte: den tieferen Inhalt des Satzes kann es nicht verstehen – dann frage ich: wie kommt dieses Gesetz zu einem tiefen Inhalt?
One might ask: What could a 10-year-old child fail to understand about the proof of Dedekind’s theorem? – Is this proof not much simpler than all the calculations the child must master? – And if someone were to say: the child cannot understand the deeper meaning of the theorem – then I ask: how does this theorem come to have a deeper meaning?
§
137[2] &138[1]
Es wird nirgends bei Hardy hervorgehoben, daß die irrationale Zahl nicht in dem Sinne wie die rationale Zahl ein Zahlzeichen besitzt. Die Fiktion ist wohl, daß sie ein unendlich langes hat. Am ehesten könnte natürlich noch das Zeichen der Entwicklungsregel als das Zahlzeichen gelten. – Aber dieses Fehlen des Zahlzeichens bedeutet einen unendlich fundamentalen Unterschied. Und in gewissem Sinne sagt ja der Cantorsche Diagonalbeweis, daß sie kein Zahlzeichen haben kann.
Nowhere does Hardy emphasize that the irrational number does not possess a numerical symbol in the same sense as the rational number. The fiction is presumably that it has an infinitely long one. Most likely, of course, the symbol of the expansion rule could still be regarded as the numerical symbol. – But this lack of a numerical symbol has a meaning that signifies an infinitely fundamental difference. And in a certain sense, Cantor’s diagonal argument does indeed state that it cannot have a numerical symbol.
§RFM V
138[2]Das Bild der Zahlengeraden ist ein absolut natürliches bis zu einem gewissen Punkt: nämlich, soweit man es nicht zu einer allgemeinen Theorie der reellen Zahlen gebraucht.
The image of the number line is entirely natural up to a certain point: namely, as long as one does not use it for a general theory of real numbers.
§
138[3] &139[1]
23.12.1942
Ich will, daß alle Zeichnungen, die aus diskreten Punkten & Strichen bestehen, wie sie in den Büchern die Lehre von den irrationalen Zahlen, des Limes, der Stätigkeit, etc. begleiten, sich auf die Wahl diskreter Zahlen & Zahlenkombinationen beziehen, & nicht auf Funktionen, irrationale Zahlen, etc.
December 23, 1942
I want all drawings consisting of discrete points and lines, such as those found in books accompanying the theory of irrational numbers, limits, continuity, etc., to refer to the choice of discrete numbers and combinations of numbers, and not to functions, irrational numbers, etc.
§
139[2]Aber angenommen, Du hattest eine solche Lehre vom Wählen diskreter Zahlen, – würdest Du nicht dennoch eine allgemeine Lehre über die Funktionen brauchen können.
But suppose you had such a doctrine of choosing discrete numbers – wouldn’t you still need a general doctrine about the functions?
§
139[3] &140[1]
Ich brauche eine Variable, die in gewissem Sinn Kurven als ihre Werte annimmt, aber nicht Gesetze, Gleichungen, sondern Extensionen. Man könnte sich die Variable etwa durch eine Kombination einer gezeichneten Linie mit bezifferten Punkten & Tangenten vorstellen etwa
I need a variable that, in a certain sense, takes curves as its values, but not laws, equations, but extensions. One could imagine the variable, for example, through a combination of a drawn line with numbered points & tangents, for example
§
140[2] &141[1]
D.h., die Zeichnung würde nur gewisse Züge (Eigenschaften) der Kurve aussprechen & nicht einer Gleichung der Kurve entsprechen. Die Variable nimmt also, z.B., nicht einen Kreis als Wert an.
Aber ein Kreis könnte z.B. dazu dienen die Werte zu begrenzen, etwa auszudrücken zu zeigen daß die Kurve ganz innerhalb des Kreises liegen muß.
That is, the drawing would only express certain properties (properties) of the curve and would not correspond to an equation of the curve. The variable therefore does not, for example, take a circle as a value.
But a circle could, for example, serve to limit the values, to express or show that the curve must lie entirely within the circle.
§
141[2]Und man braucht natürlich keine Zeichnung sondern kann eine Art Formel verwenden, die aber so einer Art Figur entspricht.
And of course, one does not need a drawing but can use a kind of formula that corresponds to such a figure.
§
141[3] &142[1]
Alles kommt darauf an, daß man die Kurve, den Wert der Variablen, wählen kann, d.h. aus einem dazu vorbereiteten System beliebig wählen kann & sie nicht zu entdecken oder zu erfinden hat.
Everything depends on being able to choose the curve, the value of the variable, i.e., to choose arbitrarily from a system prepared for this purpose & not having to discover or invent it.
§
142[2]Die Kurven könnten sozusagen rationale Kurven sein, die man wählen kann wie rationale Zahlen.
The curves could, so to speak, be rational curves that one can choose just as one chooses rational numbers.
§
142[3]Ich möchte also sagen daß die Kontinuität einer Kurve die sich aus ihrer Gleichung als sekundäre Regel ergibt auch als primäre Regel soll funktionieren können.
So I would like to say that the continuity of a curve, which results from its equation as a secondary rule, should also be able to function as a primary rule.
§
143[1]Die Kontinuität eines Streifens scheint leicht zu definieren.
The continuity of a strip seems easy to define.
§
143[2]‘Ich stelle Dir alle Punkte dieses Streifens zur Verfügung.’
‘I make all the points of this strip available to you.’
§
143[3]Aber wie soll man die kontinuierliche Teilung eines Streifens erklären?
But how is one to explain the continuous division of a strip?
§
143[4]Etwa durch eine Kette gerader Strecken?
Perhaps through a chain of straight lines?
§
143[5] &144[1]
29.12.1942
Was an meinen Spekulationen über einen extensiven Kalkül, der sich mit dem der einzelnen Funktionen verbinden ließe, nicht in Ordnung ist: ich bin ganz unklar darüber, was die Anwendung so eines Kalküls unabhängig von den Funktionen sein könnte.
29.12.1942
What is wrong with my speculations about an extensive calculus that could be combined with the calculus of individual functions: I am completely unclear about what the application of such a calculus could be independently of the functions.
§
144[2]30.12.1942
Die Variable, wie ich mir sie denke, ist sozusagen eine topologische Einheit.
30.12.1942
The variable, as I imagine it, is, as it were, a topological unit.
§
144[3] &145[1]
Warum soll ein Punkt P(x,y) eine erlaubte Angabe sein, & nicht auch ‘Linie ’ was eine kontinuierliche Verbindung von & bedeuten soll. L(P, Q) entspricht nicht einer bestimmten Kurve, oder Gleichung sondern nur, sozusagen, einem kontinuierlichen Faden zwischen P & Q über dessen Gestalt noch nichts gesagt ist; aber noch gesagt werden kann.
Why should a point P(x,y) be an allowed specification, & not also ‘line ’, which is meant to be a continuous connection of & . L(P, Q) does not correspond to a specific curve or equation, but only, as it were, to a continuous thread between P & Q, about whose shape nothing has yet been said; but can still be said.
§
145[2]Nichts ist so schwierig in der Philosophie als den gegenwärtigen Stand der Dinge anzuerkennen.
Nothing is as difficult in philosophy as acknowledging the current state of affairs.
§
145[3]‘Eine Kurve planen’
‘To plan a curve’
§
145[4]Ich will eine Stätigkeit des Fadens nicht der Kurve. Des Fadens, mit dem man stätige Kurven legen kann.
I want a continuity of the thread, not of the curve. The thread with which one can lay continuous curves.
§
146[1]Die Kontinuität des Fadens soll so erklärt werden: daß er, gleichsam, nichts von der einen Seite auf die andere durchläßt.
The continuity of the thread should be explained as follows: that it, as it were, lets nothing pass from one side to the other.
§
146[2] &147[1]
31.12.1942 Wäre es möglich Abschnitte auf der X & Y Achse einander zuzuordnen, & nicht bloß Punkte.
December 31, 1942. Would it be possible to assign segments to each other on the X & Y axes, and not just points?
§
147[2]01.01.1943
Die Pfeile besagen eigentlich: wenn ich einem Punkt P einen Punkt Q zuordne & R ist rechts von P, daß dann φ(R), also S, über Q liegen muß, u. u.. Wenn ich dann die Erlaubnis habe jedem beliebigen Punkt (Zahl) zwischen A & B einen Punkt zwischen C & D zuzuordnen, so kann man dies, die Erlaubnis einer stetigen Zuordnung nennen.
January 1, 1943
The arrows actually say: if I assign a point Q to a point P and R is to the right of P, then φ(R), i.e., S, must lie above Q, etc. If I then have the permission to assign any point (number) between A & B to a point between C & D, then one can call this the permission of a continuous assignment.
§
147[3] &148[1]
02.01.1943
Die Rolle der Beispiele, das ist unser Problem. Und das zeigt von welcher Art die philosophischen Probleme in der Mathematik sind.
January 2, 1943
The role of examples, that is our problem. And that shows what kind of philosophical problems there are in mathematics.
§RFM V
148[2] &149[1] &
150[1]
Wenn Du die reellen Zahlen in eine höhere & eine niedere Klasse teilen willst, so tu's erst einmal roh durch
zwei rationale Punkte P & Q. Dann halbiere P – Q & entscheide, in welcher Hälfte (wenn nicht im Teilungspunkt) der Schnitt liegen soll; wenn z.B. in der unteren, halbiere diese & mache eine genauere Entscheidung; u.s.f.. Hast Du ein Prinzip der unbegrenzten Fortsetzung, so kannst Du von diesem Prinzip sagen, es führe einen Schnitt aus, da es von jeder Zahl entscheidet, ob sie rechts oder links liegt. – Nun ist die Frage, ob ich durch ein solches Prinzip der Teilung überall hin gelangen kann oder ob noch eine andere Art der Entscheidung nötig ist; & man könnte fragen, ob nach der vollendeten Entscheidung durch das Prinzip oder vor der Vollendung. Nun, jedenfalls nicht vor der Vollendung; denn solange noch die Frage ist in welchem endlichen Stück der Geraden der Punkt liegen soll, kann die weitere Teilung entscheiden. – Aber nach der Entscheidung durch ein Prinzip ist noch Raum für eine weitere Entscheidung?
If you want to divide the real numbers into a higher and a lower class, then first do it roughly by
two rational points P & Q. Then halve P – Q & decide in which half (if not at the point of division) the section should lie; if, for example, in the lower half, halve this & make a more precise decision; and so on. If you have a principle of unlimited continuation, then you can say that this principle carries out a division, since it decides for each number whether it lies to the right or left. – Now the question is, can I, through such a principle of division, get everywhere or is another kind of decision still necessary; & one could ask whether after the decision is completed by the principle or before it is completed. Well, in any case, not before it is completed; for as long as the question remains in which finite section of the line the point should lie, the further division can decide. – But is there still room for a further decision after the decision by a principle?
§RFM V
150[2]Es ist mit dem Dedekindschen Satz wie mit dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten: Er scheint ein Drittes auszuschließen, während von einem Dritten in ihm nicht die Rede ist.
It is as with the Dedekind sentence as with the sentence of the excluded third: it seems to exclude a third, while a third is not mentioned in it.
§RFM V
151[1]Der Beweis des D.schen Satzes arbeitet mit einem Bild, das ihn nicht rechtfertigen kann, das eher vom Satz gerechtfertigt werden soll.
The proof of the D. sentence works with a picture that cannot really justify it, but rather should be justified by the sentence.
§RFM V
151[2]Ein Prinzip der Teilung siehst Du leicht für eine unendlich fortgesetzte Teilung an, denn es entspricht jedenfalls keiner endlichen Teilung & scheint Dich weiter & weiter zu führen.
You can easily see a principle of division for an infinitely continued division, because it certainly does not correspond to any finite division & seems to lead you further & further.
§
151[3] &152[1]
Ist es aber nicht lächerlich, daß mir die Idee eines allgemeinen intentionalen Kalküls der Funktionen & Konstruktionen solche Schwierigkeiten zu bereiten scheint? Ist es nicht ein Vorurteil? Nun man müßte sich mit dem Begriff eines Kalküls vertraut machen der noch unvollendet, ergänzungsbedürftig, ist. Er wird mit der Begleitung von Beispielen betrieben, oder es wird vorausgesetzt, daß uns so viele Beispiele gegenwärtig sind, daß wir jeden Moment Anwendung auf ein bestimmtes machen können.
But isn’t it absurd that the idea of a general intentional calculus of functions & constructions seems to cause me so many difficulties? Isn’t it a prejudice? Well, one would have to become familiar with the concept of a calculus that is still incomplete, in need of supplementation. It is carried out with the accompaniment of examples, or it is assumed that we have so many examples present that we can apply it to a specific one at any moment.
§
152[2] &153[1]
Ich will sagen: es muß ein Gesetz, ein Befehl, gegeben werden können, der lautet: “Konstruiere eine Kurve deren y für x → ∞ sich ℓ nähern!”
Es hängt alles davon ab ob so ein Befehl möglich ist. (Und er bezieht sich natürlich nicht auf das zufällige Finden von gewissen Funktionen.) Was heißt aber “konstruiere eine Kurve”? Es kann doch nicht heißen ziehe eine unendlich lange Linie.
I want to say: a law, a command, must be able to be given, which says: “Construct a curve whose y approaches ℓ for x → ∞!”
It all depends on whether such a command is possible. (And it certainly does not refer to the random finding of certain functions.) But what does “construct a curve” mean? It cannot mean draw an infinitely long line.
§RFM V
153[2] &154[1]
Man könnte auch so fragen: könnte man nicht die Lehre vom Limes, der Funktionen, der reellen Zahlen, mehr, als man es tut, extensional vorbereiten? auch wenn dieser vorbereitende Kalkül sehr trivial & an sich nutzlos erscheinen sollte?
One could also ask: could one not prepare the doctrine of limits, of functions, of real numbers, more than one does, extensionally? even if this preparatory calculus should appear very trivial & useless in itself?
§RFM V
154[2] &155[1] &
156[1] &
157[1]
Die Schwierigkeit der bald intensionalen bald wieder extensionalen Betrachtungsweise beginnt schon beim Begriff des ‘Schnittes’. Daß man jede rationale Zahl ein Prinzip der Teilung der rationalen Zahlen nennen kann ist wohl klar. Nun entdecken wir etwas anderes was wir Prinzip der Teilung nennen können, etwas das, welches der √2 entspricht. Dann andere ähnliche – & nun sind wir mit der Möglichkeit solcher Teilungen schon ganz wohlvertraut, & sehen sie unter dem Bild eines irgendwo entlang der Geraden geführten Schnittes, also extensional. Denn wenn ich schneide, so kann ich ja wählen, wo ich schneiden will. Ist aber ein Prinzip der Teilung ein Schnitt, so ist es dies doch nur weil man von beliebigen rationalen Zahlen sagen kann sie seien oberhalb oder unterhalb des Schnitts. – Kann man nun sagen die Idee des Schnitts habe uns von den rationalen Zahlen zu irrationalen Zahlen geführt? Sind wir denn z.B. zur √2 durch den Begriff des Schnitts gelangt. Was ist nun ein Schnitt der reellen Zahlen? Nun, ein Prinzip der Teilung in eine untere & eine obere Klasse. So ein Prinzip gibt also jede rationale & irrationale Zahl ab. Denn wenn wir auch kein System der irrationalen Zahlen haben so zerfallen doch die, die wir haben, in obere & untere in Bezug auf den Schnitt (soweit sie mit ihm nämlich vergleichbar sind). Nun ist aber die Dedekindsche Idee, daß die Einteilung in eine obere & untere Klasse (mit den bekannten Bedingungen) die reelle Zahl ist.
The difficulty of the sometimes intentional, sometimes again extensional way of considering begins already with the concept of the ‘section’. That one can call every rational number a principle of division of the rational numbers is probably clear. Now we discover something else that we can call a principle of division, something that corresponds to √2. Then other similar ones – & now we are already quite familiar with the possibility of such divisions, & see them under the image of a section carried out somewhere along the line, thus extensionally. For if I cut, then I can choose where I want to cut. But if a principle of division is a section, then it is only so because one can say of any rational numbers that they are above or below the section. – Can one say that the idea of the section has led us from the rational numbers to irrational numbers? Have we, for example, arrived at √2 through the concept of the section? What is a section of the real numbers? Well, a principle of division into a lower & an upper class. Such a principle thus gives off every rational & irrational number. For even if we have no system of irrational numbers, the ones we have are divided into upper & lower ones in relation to the section (insofar as they are comparable with it). Now, the Dedekind idea is that the division into an upper & a lower class (with the known conditions) is the real number.
§RFM V
157[2]Der Schnitt ist eine extensive Vorstellung.
The section is an extensive image.
§RFM V
157[3] &158[1]
Es ist freilich wahr daß wenn ich ein mathematisches Kriterium habe um für eine beliebige rationale Zahl festzustellen ob sie zur oberen oder unteren Klasse gehört, es ein Leichtes ist mich dem Ort systematisch beliebig zu nähern, wo die beiden Klassen sich treffen.
It is certainly true that if I have a mathematical criterion for determining whether any rational number belongs to the upper or lower class, it is easy to systematically approximate the point where the two classes meet.
§RFM V
158[2]Wir machen bei Dedekind einen Schnitt nicht dadurch, daß wir schneiden also auf den Ort zeigen, sondern daß wir – wie beim Finden der Quadratwurzel aus 2 – uns den einander zugekehrten Enden der oberen & unteren Klasse nähern.
With Dedekind, we make a cut not by cutting, i.e., by pointing to the location, but by—as in finding the square root of 2—approaching the mutually facing ends of the upper & lower classes.
§RFM V
158[3] &159[1]
Nun soll bewiesen werden, daß keine anderen Zahlen, als nur die reellen, so einen Schnitt ausführen können.
Now, it must be proven that no numbers other than real numbers can perform such a cut.
§RFM V
159[2]06.01.1943
Vergessen wir nicht, daß ursprünglich die Teilung der rationalen Zahlen in zwei Klassen keinen Sinn hatte, bis wir auf Gewisses aufmerksam machten, was man so bezeichnen konnte. Der Begriff ist vom täglichen Sprachgebrauch hergenommen & scheint darum auch für die Zahlen unmittelbar einen Sinn haben zu müssen.
January 6, 1943
Let us not forget that originally the division of rational numbers into two classes made no sense until we drew attention to certain things that could be designated in this way. The concept is taken from linguistic usage and therefore seems to have to make immediate sense for numbers as well.
§RFM V
159[3] &160[1] &
161[1]
Wenn man nun die Idee eines Schnitts der reellen Zahlen einführt, indem man sagt, es sei jetzt einfach der Begriff des Schnitts von den rationalen auf die reellen Zahlen auszudehnen; alles was wir brauchen ist eine Eigenschaft, die die reellen Zahlen in zwei Klassen einteilt (etc.) – so ist zunächst nicht klar was mit so einer Eigenschaft gemeint ist, die alle reellen Zahlen so einteilt. Nun kann man uns darauf aufmerksam machen, daß jede reelle Zahl dazu dienen kann. Aber das führt uns nur soweit & nicht weiter.
If one now introduces the idea of a partition of the real numbers by saying that one should simply extend the concept of partition from the rational to the real numbers; all we need is a property that divides the real numbers into two classes (etc.)—then it is not immediately clear what is meant by such a property that divides all real numbers in this way. Now one might point out to us that any real number can serve this purpose. But that only takes us so far—and no further.
§
161[2]Denk' Dir, Du wolltest von Spielen in der Verallgemeinerung sprechen.
Imagine you wanted to speak about games in a generalized way.
§
161[3]Haben wir zwei Reihen reeller Zahlen, deren eine ganz unterhalb der andern liegt & deren Glieder sich einander unbegrenzt nähern, dann kann man zwei Reihen rationaler Zahlen konstruieren, die dem gleichen Punkt zustreben; d.h.: die untere rationale Reihe läuft nirgends der unteren reellen vor, noch die obere rationale der oberen reellen & die beiden rationalen Reihen nähern sich einander unbegrenzt.
If we have two sequences of real numbers, one of which lies entirely below the other & whose terms approach one another without limit, then one can construct two sequences of rational numbers that converge to the same point; that is: the lower rational sequence never overtakes the lower real sequence, nor does the upper rational sequence overtake the upper real sequence, & the two rational sequences approach one another without limit.