Ms-136

German (epub, pdf) | German/English

24 published remarks, VB
The translation has been generated using a large language model and is provided for orientation only. The German original is the authoritative text. To cite an English translation, use the books published by Wiley-Blackwell.
This translation may contain errors!
Do not quote from or cite this translation!

§

IIIr[1]

‘Band Q’

‘Band Q’

§

1a[2]

18.12.1947

Man muß daran denken, daß es einen Zustand der Sprache geben kann in welchem sie den allgemeinen Begriff der Sinnesempfindung nicht hat, aber doch Wörter entsprechend unseren “sehen”, “hören”, “schmecken”.

18.12.1947

One must remember that there can be a state of language in which it does not have the general concept of sensation, but does have words corresponding to our “see”, “hear”, “taste”.

§

1a[3]

Einen so verschwommenen Begriff wie den des “Fühlens” braucht es auch nicht geben; & nichts Leuten ferner liegen, als zu sagen, sie fühlten die Position ihrer Glieder.

There also does not need to be such a vague concept as that of “feeling”; and nothing could be further from people than to say that they felt the position of their limbs.

§

1a[4]

Wenn sie nun Sprachspiele mit den Wörtern “sehen”, “hören”, etc. haben, – wie kommen sie auf die Idee der ‘Sinneswahrnehmung’?

If they now have language-games with the words “see”, “hear”, etc. – how do they come up with the idea of ‘sense perception’?

§

1a[5]

Ist er im Zimmer? – Siehst Du ihn? Hörst Du ihn? – Nimmst Du ihn wahr?

Is he in the room? – Do you see him? Do you hear him? – Do you perceive him?

§

1a[6] &
1b[1]

Sinneswahrnehmung ist was uns die Außenwelt kennen lehrt. – Aber heißt das nun, daß dies das das Merkmal ist, das diesen unsern Begriff deformiert? – Wie, wenn ich sagte: Sinneswahrnehmungen nennen wir Sehen, Hören, ‥‥‥ Zwischen diesen Begriffen sind gewisse Zusammenhänge, Analogien, & diese rechtfertigen diese Zusammenfassung.

Sense perception is what teaches us to know the external world. – But does that mean that this is the characteristic that deforms our concept? – What if I said: We call seeing, hearing, etc. sense perceptions. There are certain connections, analogies, between these concepts, and these justify this aggregation.

§

1b[2]

Man muß an einen Zustand der Sprache denken, in welchem es den allgemeinen Begriff der Sinnesempfindung nicht gibt, wohl aber Wörter analog unsern “sehen”, “hören”, “schmecken”, etc. Ein so vages Wort wie “fühlen”, wollen wir annehmen, gibt es nicht. Und nichts liegt den Leuten ferner, als zu sagen sie fühlten die Stellung ihrer Glieder.

One must think of a state of language in which there is no general concept of sensation, but there are words analogous to our “see”, “hear”, “taste”, etc. We will assume that such a vague word as “feel” does not exist. And nothing is further from people than to say they felt the position of their limbs.

§

1b[3]

Das Wort “wahrnehmen” könnte man nun auf diese Weise einführen: “Ist jemand in diesem Zimmer? Siehst Du ihn? Hörst Du ihn? Greifst Du ihn? – Allgemein: nimmst Du ihn wahr?

One could now introduce the word “perceive” in this way: “Is someone in this room? Do you see him? Do you hear him? Do you touch him? – Generally: do you perceive him?

§

1b[4] &
2a[1]

Sinnesempfindung lehrt uns die Außenwelt kennen. Aber das heißt nicht, daß dieser Begriff für uns so definiert ist Wir nehmen eines schönen Tages “sehen”, “hören” ‥‥․ zusammen & geben ihnen einen gemeinsamen Namen. Dies läßt sich durch verschiedene Analogien & Zusammenhänge rechtfertigen.

Sense perception teaches us to know the external world. But that does not mean that this concept is defined for us in this way. One day we combine “see”, “hear”, ‥‥․ and give them a common name. This can be justified by various analogies and connections.

§

2a[2]

Man kann also fragen: Was für Zusammenhänge & Analogien bestehen zwischen Sehen & Hören? zwischen Sehen & Greifen? zwischen Sehen & Riechen? –

One can therefore ask: what connections and analogies exist between seeing and hearing? between seeing and touching? between seeing and smelling? –

§

2a[3]

Und fragt man das, so rücken die Sinne sozusagen gleich weiter auseinander als sie auf den ersten Blick zu liegen scheinen. Und doch sind Zusammenhänge da.

And if one asks that, then the senses, as it were, move further apart than they seem to be at first glance. And yet there are connections.

§

2a[4]

Sinnesempfindungen können zu gleicher Zeit anfangen & enden, in andere solche Empfindungen übergehen. Der Übergang kann plötzlich & allmählich sein. Ein Ton kann von dort kommen, wo man etwas sieht. Es gibt Mischklänge & Mischfarben. Es gibt Intensitäten des Gehörten & Gesehenen.

Sensations can begin and end at the same time, and pass into other such sensations. The transition can be sudden and gradual. A sound can come from where one sees something. There are mixed sounds and mixed colors. There are intensities of what is heard and seen.

§

2a[5] &
2b[1]

Geht man von da auf den Vergleich zwischen Gesicht & Tastgefühl über, so sehen wir sogleich die große Verschiedenheit zwischen den innern Beziehungen Sehen – Hören & Sehen – Fühlen. Es besteht z.B. in einer Weise die engste Verwandtschaft zwischen Gesicht & Tastgefühl, da ja beim Blinden das eine das andere geradezu ersetzt. Ich kann, ob hier ein Buch liegt, durch Tasten & durch Sehen erkennen. Aber wenn ich nun den einzelnen Gesichtseindruck, das Gesichtsbild mit einem Tasteindruck vergleichen soll, so verschiebt sich der vorige Vergleich zwischen den beiden Sinneswahrnehmungen völlig.

If one moves from there to the comparison between sight and touch, one immediately sees the great difference between the internal relationships between seeing – hearing and seeing – feeling. For example, there is a close kinship between sight and touch, since in the case of the blind, one almost replaces the other. I can recognize whether there is a book here by touching and by seeing. But if I am to compare the individual visual impression, the visual image, with a tactile impression, then the previous comparison between the two sense perceptions is completely changed.

§

2b[2]

Die Begriffe der Psychologie sind eben Alltagsbegriffe. Nicht von der Wissenschaft zu ihren Zwecken neu gebildete Begriffe wie die der Physik & Chemie. Die Begriffe der Psychologie verhalten sich etwa zu denen der strengen Wissenschaften wie die Begriffe der wissenschaftlichen Medizin zu denen von Pflegeschwestern.

The concepts of psychology are simply everyday concepts. Not concepts newly formed by science for its purposes, as in physics and chemistry. The concepts of psychology relate to those of the strict sciences in about the same way as the concepts of scientific medicine relate to those of nurses.

§

2b[3] &
3a[1]

Man wird nun freilich, um den Fall des Tastens dem des Sehens anzugleichen die kinästhetischen & Positionsempfindungen erwähnen, so daß, was der blind Tastende hätte ein Gemisch von Tastempfindungen & jener andern wäre. Aber mit dem Begriff der kinästhetischen & Positionsempfindungen hat es wieder andere Schwierigkeiten.

One will of course, in order to make the case of touching similar to that of seeing, mention the kinesthetic and position sensations, so that what the blind person who is feeling would have is a mixture of tactile sensations and those other sensations. But there are other difficulties with the concept of kinesthetic and position sensations.

§

3a[2]

Das wichtigste Mittel um dem Andern das Gesichtsbild, das ich habe, mitzuteilen, ist das Bild. Man denkt es sich manchmal als die Wiedergabe der Gesichtsempfindung. Was entspricht ihm für die andern Sinne? Nun, wie ich ein Bild verwende, um zu zeigen, was ich sehe, so ahme ich den Ton nach, um zu zeigen, was ich höre & ich könnte den Andern einen Gegenstand anfassen lassen um ihm mitzuteilen, was ich fühle. Was aber wäre ein Bild für den kinästhetischen Sinn?

The most important means of communicating the visual image I have to another person is the picture. Sometimes one thinks of it as the reproduction of the visual sensation. What corresponds to it for the other senses? Well, just as I use a picture to show what I see, so I imitate the sound to show what I hear, and I could let another person touch an object to communicate what I feel. But what would a picture be for the kinesthetic sense?

§

3a[3] &
3b[1] &
4a[1]

Ich möchte nun einen Plan der Behandlung der psychologischen Begriffe entwerfen:

Psychologische Verben charakterisiert dadurch daß 3. Person des Präsens durch Beobachtung zu verifizieren, 1. Person des Präsens nicht. Satz in der 3. Person Präsens: Mitteilung, in der 1. Person Präsens Äußerung. Sinnesempfindungen: ihre inneren Relationen & Analogien. Alle haben echte Dauer. Möglichkeit der Angabe des Anfangs & Endes. Möglichkeit der Gleichzeitigkeit des zeitlichen Zusammenfallens. Alle haben Grade & qualitative Mischungen. Grad: kaum merkbar – nicht auszuhalten. In diesem Sinne gibt es nicht Lage- oder Bewegungsempfindung. Ort der Empfindung am Leib: unterscheidet sehen & hören von Druck-, Temperatur-, Geschmacks- & Schmerzempfindung. (Wenn Empfindungen die Lage der Glieder & die Bewegungen charakterisieren, so ist ihr Ort jedenfalls nicht das Gelenk.) Die Lage der Glieder & Bewegungen weiß man. Man kann sie z.B. angeben wenn man gefragt wird. So wie man auch den Ort einer Empfindung (Schmerz) am Leibe weiß. Reaktion des Berührens der schmerzhaften Stelle. Kein lokales Merkmal in der Empfindung. Sowenig wie ein zeitliches am Erinnerungsbild. (Zeitliche Merkmale an der Photographie.) Schmerz von andern Sinnesempfindungen unterschieden durch charakteristischen Ausdruck. Dadurch verwandt der Freude (die keine Sinnesempfindung). “Sinnesempfindungen lehren uns die Außenwelt kennen.”

Vorstellung:

Gehörsvorstellung, Gesichtsvorstellung. Wie von der Empfindung verschieden? Nicht durch “Lebhaftigkeit”. Vorstellungen belehren uns nicht über die Außenwelt, weder richtig, noch falsch. (Vorstellungen sind nicht Halluzinationen.) Während ich einen Gegenstand sehe, kann ich ihn nicht vorstellen. Verschiedenheit der Sprachspiele: “Schau die Figur an!” & “Stell Dir die Figur vor!”. Vorstellung dem Willen unterworfen. Vorstellung nicht Bild. Welchen Gegenstand ich mir vorstelle, ersehe ich nicht aus der Ähnlichkeit des Vorstellungsbildes mit ihm. Auf die Frage “Was stellst Du Dir vor?” kann man mit einem Bild antworten.

————|————

I would now like to outline a plan for the treatment of psychological concepts:

Psychological verbs characterized by the fact that the 3rd person of the present tense can be verified through observation, the 1st person of the present tense cannot. Sentence in the 3rd person present: communication, in the 1st person present utterance. Sensations: their internal relations & analogies. All have genuine duration. Possibility of indicating the beginning & end. Possibility of simultaneity, temporal coincidence. All have degrees & qualitative mixtures. Degree: barely noticeable – unbearable. In this sense, there is no sensation of location or movement. Location of the sensation on the body: distinguishes seeing & hearing from pressure, temperature, taste, & pain sensations. (If sensations characterize the location of the limbs & the movements, then their location is not, in any case, the joint.) One knows the location of the limbs & movements. One can, for example, indicate them when asked. Just as one also knows the location of a sensation (pain) on the body. Reaction of touching the painful spot. No local characteristic in the sensation. Just as little as a temporal one in the memory-image. (Temporal characteristics on the photograph.) Pain is distinguished from other sensations by its characteristic expression. This makes it related to joy (which is not a sensation). “Sensations teach us about the external world.”

Image:

Auditory image, visual image. How is it different from sensation? Not by “vividness.” Images do not teach us about the external world, neither rightly nor wrongly. (Images are not hallucinations.) While I am seeing an object, I cannot imagine it. Difference of the language-games: “Look at the figure!” & “Imagine the figure!” Imagination is subject to the will. Imagination is not a picture. I do not infer what object I am imagining from the similarity of the mental image with it. To the question “What are you imagining?” one can answer with a picture.

————|————

§

4b[1]

Man möchte sagen: der vorgestellte Klang sei in einem andern Raum, als der gehörte. (Frage – Warum?)

One might say: the imagined sound is in a different space than the heard sound. (Question – Why?)

§

4b[2]

Ich lese ein Buch & stelle mir während des Lesens, also während des eifrigsten Schauens alles mögliche vor.

I read a book & while reading, i.e., while looking intently, I imagine all sorts of things.

§

4b[3]

Die Beschreibung dessen, was er sich vorstellt, ist eine Beschreibung einer Sinneswahrnehmung. (Man könnte sagen: Ich sehe vor meinem äußeren Auge das & vor meinem innern Auge das.) – – –

The description of what he imagines is a description of a sensory perception. (One could say: I see with my outer eye this & with my inner eye that.) – – –

§

4b[4]

(Das Vorstellungsbild der Dorothea schwebt dem Hermann allerdings vor wie ein Nachbild.)

(The mental image of Dorothea, however, hovers before Hermann like an after-image.)

§

4b[5] &
5a[1]

Wenn Du darüber nachdenkst, schau nicht auf Deine eigene Vorstellung, sondern lieber auf das Vorstellen des Andern. Auf die Sprachspiele muß man sehen, & darauf, wie man sie lernt.

When you think about it, don’t look at your own imagination, but rather at the other person’s imagination. One must look at the language-games, & at how one learns them.

§

5a[2]

Vorstellen. “Siehst Du sie, wie sie zur Tür hereinkommt? & nun macht man's nach.

To imagine. “Do you see her, as she comes in through the door? & now one imitates it.

§

5a[3]

Er hat es gesehen & hat es nicht gesehen.

He saw it & he did not see it.

§

5a[4]

Er hat es sozusagen ganz blaß gesehen. Aber blaß war es nur zur Erklärung dafür, daß man es sehen konnte zugleich mit dem, was man wirklich sah. Das Bild war das einer durch's Fenster gesehenen Landschaft, in der man zugleich die Dinge im Zimmer wahrnimmt, die sich in der Fensterscheibe spiegeln, ohne das Bild der Landschaft zu stören.

He saw it, as it were, very faintly. But it was only faintly, as an explanation of the fact that one could see it at the same time as what one was really seeing. The picture was of a landscape seen through a window, in which one perceives at the same time the things in the room that are reflected in the window pane, without disturbing the image of the landscape.

§

5a[5]

19.12.1947

Ist Vorstellen geheimnisvoller, als Sehen?

December 19, 1947

Is imagining more mysterious than seeing?

§

5a[6]

Es ist eigentlich sehr wenig Zusammenhang zwischen Vorstellen & Sehen. Mir scheint es ist die Überschätzung ihrer Ähnlichkeit, die unsre Aufgabe erschwert.

There is actually very little connection between imagining & seeing. It seems to me that it is the overestimation of their similarity that makes our task more difficult.

§

5b[1]

Ja, es könnte Leute geben, die nie sagen, sie sähen etwas vor dem innern Auge, oder dergleichen; & diese könnten doch im Stande sein ‘aus der Vorstellung oder Erinnerung zu zeichnen, zu modellieren, das charakteristische Benehmen Anderer nachzuahmen, etc.. Sie mögen auch, ehe sie etwas aus der Erinnerung zeichnen, die Augen schließen, oder wie blind vor sich hin starrten. Und doch würden sie leugnen, daß sie dann vor sich sehen, was sie später zeichnen. (Zu sagen, diese Leute müßten motorische Vorstellungen haben, ist lächerlich.)

Yes, there might be people who never say that they see something with their inner eye, or the like; & these could still be capable of ‘drawing from imagination or memory, modeling, imitating the characteristic behaviour of others, etc.. They may also, before drawing something from memory, close their eyes, or stare blankly in front of them. And yet they would deny that they then see what they later draw. (To say that these people must have motor images is absurd.)

§

5b[2]

‘Sehen’ ist nämlich mit ‘Schauen’ unzertrennlich verbunden. [D.h., das ist eine Art der Begriffsbestimmung die eine Physiognomie ergibt.] Die Wörter, die beschreiben, was man sieht, sind Eigenschaften der Dinge, man lernt ihre Bedeutung nicht in Verbindung mit dem Begriff des ‘innern Sehens’.

‘Seeing’ is, in fact, inseparably linked with ‘looking’. [That is, this is one type of conceptual definition that yields a physiognomy.] The words that describe what one sees are properties of things; one does not learn their meaning in connection with the concept of ‘inner seeing’.

§

5b[3]

“Ich sehe & sehe doch wieder nicht” könnte der Ausdruck eines Volkes für das Vorstellen sein.

“I see, and yet I don’t really see” could be the expression of a people for imagining.

§

6a[1]

“Was ist der Unterschied zwischen Vorstellen & Sehen?” Die Frage läßt den Unterschied zu gering erscheinen.

“What is the difference between imagining and seeing?” The question makes the difference seem smaller.

§

6a[2]

Es scheint als würde um den Unterschied zweier Vorgänge gefragt. So wäre es z.B. wenn man fragte, was der Unterschied zwischen den Vorgängen im Nervensystem ist, wenn Einer einmal einen roten Kreis sieht, ein andermal sich einen vorstellt.

It seems as if the question concerns the difference between two processes. For example, if one were to ask what the difference is between the processes in the nervous system when someone sees a red circle one time, and imagines it another time.

§

6a[3] &
6b[1]

Fragt man aber: “Was ist der Unterschied zwischen einem Gesichtsbild & einem Vorstellungsbild?” – so könnte die Antwort lauten: Das gleiche Gemälde kann darstellen, was ich sehe & was ich mir vorstelle.’ Man kann nicht von Gesehenem & Vorgestelltem sagen, es schaue anders aus! Zu sagen es sei ein Unterschied zwischen Gesichtsbild & Vorstellungsbild, heißt: man stelle sich etwas anders vor als es ausschaut.

If one asks: “What is the difference between a visual image & a mental image?” – the answer could be: The same painting can represent what I see & what I imagine. One cannot say that what is seen & what is imagined looks different! To say that there is a difference between a visual image & a mental image means: one imagines something to look different than it actually does.

§

6b[2]

Ich hätte früher auch sagen können: Der Zusammenhang zwischen Vorstellen & Sehen ist eng; eine Ähnlichkeit aber gibt es nicht.

I could have said earlier: The connection between imagining & seeing is close; but there is no similarity.

§

6b[3]

(Denn) die Sprachspiele mit den beiden Begriffen sind grundverschieden, – hängen aber zusammen.

(For) the language-games with the two concepts are fundamentally different, but they are connected.

§

6b[4]

Eine Ähnlichkeit ist insofern vorhanden, als, wer etwas sich vorstellt, sich manchmal so benimmt, als sähe er etwas vor sich. (Als zeichnete er etwas ab, was nur er allein sieht, z.B.)

A similarity exists insofar as someone who imagines something sometimes behaves as if they were seeing something in front of them. (As if they were sketching something that only they see, for example.)

§

6b[5]

Er sucht sich etwa auf des Andern Gesicht zu besinnen & sagt plötzlich “Ich hab's!” & nun kann er's (etwa) zeichnen.

For example, they might try to remember someone’s face and suddenly say, “I’ve got it!” and now they can (for example) draw it.

§

6b[6]

Unterschied: ‘Trachten, etwas zu sehen’ – ‘Trachten sich etwas vorzustellen’. Im ersten Fall sagt man etwa “Schau genau hin!”, im zweiten “Schließ die Augen!”

Difference: ‘Trying to see something’ – ‘Trying to imagine something’. In the first case, one says something like, ‘Look closely!’ in the second, ‘Close your eyes!’

§

7a[1]

Das Problem womit ich hier im Grunde beschäftigt bin, ist eigentlich viel wunderbarer, als es vielleicht dem erscheint, der diese Zeilen liest. Denn es ist ein sehr allgemeines begriffliches Problem. (Ähnlich, glaube ich, einem großen Problem der Mathematik.)

The problem that I am essentially dealing with here is actually much more wonderful than it might seem to the person reading these lines. For it is a very general conceptual problem. (Similar, I believe, to a major problem in mathematics.)

§

7a[2]

Wenn Einer die Augen schlösse & sagte “Ich sehe …”, wie wüßten wir ob er ein Nachbild meint oder eine Vorstellung. Denn das Wort “sehen” müßte uns nicht helfen. – Nun, es wäre die Art & Weise wie er von dem ‘Gesehenen’ redet, die das entschiede.

If someone closed their eyes and said, ‘I see...’, how would we know if they mean an afterimage or an image? For the word ‘see’ wouldn’t help us. – Well, it would be the way in which they speak about the ‘seen’ thing that would decide it.

§

7a[3] &
7b[1]

So weißt Du also nicht ob Gesehenes (z.B. ein Nachbild) & eine Vorstellung im übrigen nicht ganz gleich ausschauen? (Oder soll es heißen: sind?) – Diese Frage könnte nur eine empirische sein & etwa heißen: “Kommt es vor (oder kommt es oft vor) daß Einer eine Vorstellung längere Zeit ungestört vor der Seele erhalten, & sie so in allen Einzelheiten beschreiben kann, wie etwa ein Nachbild?”

So you don’t know whether what is seen (e.g., an afterimage) & an image, in general, might not look exactly the same? (Or should it be said: are?) – This question could only be an empirical one & might be something like: “Does it happen (or does it happen often) that one retains an image in the mind for a long time undisturbed, & can describe it in all its details, just like an afterimage?”

§

7b[2]

Nein, das Wort “sehen” kann uns natürlich nicht lehren, womit wir's zu tun haben. Es muß der Zusammenhang sein, in dem es steht.

No, the word “to see” certainly cannot teach us what we are dealing with. It must be the context in which it appears.

§

7b[3]

(Im Englischen heißt “I see” manchmal soviel wie die Interjektion “Aha”.)

(In English, ‘I see’ sometimes means as much as the interjection ‘Aha’.)

§

7b[4]

“Kannst Du den Vogel noch sehen?” “Ich bilde mir ein, ich kann ihn noch sehen.” Das heißt nicht: Ich stell ihn mir vielleicht vor.

‘Can you still see the bird?’ ‘I imagine that I can still see it.’ This does not mean: I might be imagining it.

§

7b[5] &
8a[1]

“Sehen & Vorstellen sind verschiedene Phänomene.” – Die Wörter “sehen” & “vorstellen” werden ungleich verwendet.” “Ich sehe” wird anders verwendet als “Ich stelle mir vor”, “Sieh!” wird anders verwendet als “Stell Dir vor!”, “Ich versuche, es zu sehen” anders als “Ich versuche mir's vorzustellen.” – “Aber die Phänomene sind eben: daß die Menschen sehen & daß wir uns Dinge vorstellen.” Ein Phänomen ist etwas, das man beobachten kann: Wie beobachtet man nun, daß die Menschen sehen? “Menschen sehen.” – Im Gegensatz wozu? Dazu, etwa, daß alle blind sind? Ich kann z.B. beobachten, daß die Vögel fliegen, oder Eier legen. Ich kann Einem sagen: “Siehst Du, diese Geschöpfe fliegen. Schau, wie sie mit den Flügeln schlagen & sich in die Luft erheben.” Ich kann auch sagen: “Siehst Du, dieses Kind ist nicht blind; es sieht. Schau, wie es der Kerzenflamme folgt.” Aber kann ich mich sozusagen überzeugen, daß Menschen sehen?

“Seeing & imagining are different phenomena.” – The words “seeing” & “imagining” are used differently. “I see” is used differently than “I imagine,” “Look!” is used differently than “Imagine!”, “I am trying to see it” differently than “I am trying to imagine it.” – “But the phenomena are simply: that people see & that we imagine things.” A phenomenon is something that can be observed: how does one observe that people see? “People see.” – In contrast to what? To, for example, the fact that everyone is blind? I can, for example, observe that the birds fly or lay eggs. I can tell someone: “See, these creatures are flying. Look how they beat their wings & rise into the air.” I can also say: “See, this child is not blind; it sees. Look how it follows the flame of the candle.” But can I, as it were, convince myself that people see?

§

8a[2]

Kann ich mir den Fall vorstellen, daß ich sagte: “Ja, Du hast recht: Menschen sehen.” – Oder: “Ja, Du hast recht: die Menschen sehen, so wie ich auch.”

Can I imagine the case where I say, “Yes, you are right: people see”? Or: “Yes, you are right: people see, just as I do.”

§

8a[3] &
8b[1]

“Sehen & Vorstellen sind verschiedene Phänomene.” – Die Wörter “sehen” & “vorstellen” haben verschiedene Bedeutung! Ihre Bedeutungen beziehen sich auf eine Menge wichtiger Arten & Weisen des Verhaltens, auf Phänomene des menschlichen Lebens. Die Augen schließen, um sich etwas vorzustellen, ist ein Phänomen; mit verkniffenen Augen angestrengt schauen, ist ein anderes; einem Ding in Bewegung mit den Augen folgen, wieder eins. Denk, Einer sagte: “Der Mensch kann sehen, oder blind sein”!

“Seeing & imagining are different phenomena.” – The words “see” & “imagine” have different meanings! Their meanings refer to a whole range of important kinds of behaviour, to phenomena of human life. Closing one’s eyes in order to imagine something is a phenomenon; staring intently with narrowed eyes is another; following a moving thing with one’s eyes is yet another. Suppose someone says, “Man can see, or be blind!”

§

8b[2]

“Sehen”, “vorstellen”, “hoffen” sind eben nicht Phänomenwörter, könnte man sagen. (Das heißt aber natürlich nicht, daß der Psychologe nicht Phänomene beobachtet.)

“Seeing,” “imagining,” “hoping” are not, one might say, words for phenomena. (But that, of course, does not mean that the psychologist does not observe phenomena.)

§

8b[3]

Wie soll ich also Sehen, Vorstellen, etc. nennen? “Fähigkeiten”? “Potenzen”? [Psychische Akte]

How then am I to name seeing, imagining, etc.? “Abilities”? “Potentials”? [Psychic acts]

§

8b[4]

Der Ausdruck, das Vorstellen unterstehe dem Willen, kann irreführen, weil er's erscheinen läßt, als wäre der Wille eine Art Motor & die Vorstellungen mit diesem in Zusammenhang, so daß er sie hervorrufen, bewegen, entfernen könnte.

The expression that imagining is subject to the will can be misleading, because it makes it seem as if the will were a kind of engine and the images were connected with this in such a way that it could bring them about, move them, or remove them.

§

8b[5] &
9a[1]

Soll ich sagen das Wort “sich etwas vorstellen” habe zwei Bedeutungen: die eine das Hervorrufen, Erzeugen, des Vorstellungsbildes, die andere das Sehen des Bildes? Die Worte “Stelle Dir ihn vor wie er zur Tür hereinkommt” mögen die Vorstellung in mir wachrufen, aber dies Hervorrufen nennt man nicht “sich etwas vorstellen”.

Should I say that the word “to imagine something” has two meanings: the one, to bring about, to create, the mental image; the other, to see the image? The words “Imagine him as he comes through the door” may evoke the image in me, but this evoking is not called “to imagine something.”

§

9a[2]

Aber wäre es nicht denkbar, daß bei einem Menschen das gewöhnliche Sehen dem Willen unterworfen wäre? – Würde ihn das Sehen dann über die Außenwelt belehren? Hätten denn die Dinge Farben, wenn wir sie sehen könnten, wie wir wollten.

But wouldn’t it be conceivable that in a human being, ordinary seeing would be subject to the will? Would seeing then teach him about the external world? Would things have colours if we could see them as we wanted.

§

9a[3]

Weil die Vorstellung dem Willen untertan ist, unterrichtet sie uns eben nicht über die Außenwelt. Insofern – aber nicht in anderer Beziehung – ist sie einer Tätigkeit wie dem Zeichnen verwandt. Und doch ist es nicht leicht, das Vorstellen eine Tätigkeit zu nennen.

Because imagining is subject to the will, it does not teach us about the external world. In so far – but not in any other respect – it is related to an activity such as drawing. And yet it is not easy to call imagining an activity.

§

9a[4]

Wie ist es aber wenn ich Dir sage: “Stell Dir eine Melodie vor”. Ich muß sie mir ‘innerlich vorsingen’. Das wird man ebenso eine Tätigkeit nennen, wie Kopfrechnen.

But what if I say to you, “Imagine a melody”? I have to ‘sing it inwardly.’ That is just as much an activity as doing arithmetic in one’s head.

§

9b[1]

Denke auch daran, daß man Einem befehlen kann “Zeichne den N.N. nach dem Gedächtnis” & daß, ob er dies tut oder nicht, nicht nach der Ähnlichkeit des Bildnisses entschieden wird. Und dem ist analog, daß ich mir den N.N. vorstelle, auch wenn ich mir ihn falsch vorstelle.

Also, remember that one can command someone, “Draw N.N. from memory,” and that whether he does this or not is not decided by the similarity of the picture. And it is analogous to this that I imagine N.N., even if I imagine him incorrectly.

§

9b[2]

Wenn ich sage die Vorstellung sei dem Willen unterworfen, so heißt das nicht, sie sei gleichsam eine willkürliche Bewegung im Gegensatz zu einer unwillkürlichen. Denn dieselbe Bewegung des Armes etwa, die jetzt willkürlich ist könnte auch unwillkürlich sein. – Ich meine: Es hat Sinn einen Befehl zu geben: “Stell Dir das vor”, oder auch “Stell Dir das nicht vor”.

If I say that imagining is subject to the will, that does not mean that it is, as it were, an arbitrary movement as opposed to an involuntary one. For the same movement of the arm, for example, which is now voluntary, could also be involuntary. – I mean: It makes sense to give the command: “Imagine that,” or also “Don’t imagine that.”

§

9b[3]

Aber betrifft die Verbindung mit dem Willen nicht nur, sozusagen, die Maschinerie, durch die die Vorstellung (das Vorstellungsbild) erzeugt, geändert wird? – Es wird hier kein Bild erzeugt; es sei dann Einer fertige ein Bild, ein wirkliches Bild, an.

But does the connection with the will concern only, as it were, the machinery by which the imagining (the mental image) is brought about, changed? – No image is being created here; let us suppose that someone then produces a finished picture, a real picture.

§

10a[1]

Man sagt “Ich hab ihn in diesem Augenblick vor mir gesehen” & meint dabei natürlich, man habe ihn nicht gesehen.

One says, “I saw him in that moment,” and of course, one means that one did not see him.

§

10a[2]

Der Dolch den Macbeth vor sich sieht ist kein vorgestellter Dolch. Eine Vorstellung kann man nicht für Wirklichkeit halten noch Gesehenes für Vorgestelltes; aber nicht, weil sie einander so unähnlich sind.

The dagger that Macbeth sees before him is not an imagined dagger. One cannot take an image to be reality, nor something seen to be something imagined; but not because they are so unlike each other.

§

10a[3]

Warum zählt man die Vorstellung nicht zu den Sinneseindrücken? Das heißt nicht: “Warum unterscheidet man zwischen wirklich Gesehenem & Vorgestelltem?” Sondern: Warum nennt man die Gesichtsvorstellung nicht auch einen Sinneseindruck, wenn auch einen andern?

Why does one not count imagining among the sense impressions? This does not mean: “Why does one make a distinction between something really seen and something imagined?” But rather: Why does one not call the visual image also a sense impression, albeit a different one?

§

10a[4]

Ich möchte sagen: Weil sie uns nicht über die Außenwelt unterrichten. – Und warum unterrichten sie uns nicht über die Dinge? Weil sie von uns abhängen.

I would like to say: Because they do not teach us about the external world. – And why do they not teach us about things? Because they depend on us.

§

10b[1]

Aber dagegen kann man sagen, daß Vorstellungen oft gegen unsern Willen sich uns aufdrängen & bleiben, sich nicht verscheuchen lassen. Doch aber kann der Wille gegen sie ankämpfen. [Das ist, als nennte ich eine Armbewegung willkürlich, zu der ein Anderer meinen Arm gegen meinen Willen zwingt.]

But one can, on the other hand, say that images often force themselves upon us against our will and remain, and cannot be driven away. But the will can, however, fight against them. [That is as if I called an arm movement voluntary, when another person forces my arm against my will.]

§

10b[2]

Sag Dir wieder, wenn Einer darauf besteht, was er “Gesichtsvorstellung” nennt, sei ähnlich dem Gesichtseindruck: daß er sich vielleicht irrt! Oder: Wie, wenn er sich darin irrte? Das heißt: Was weißt Du von der Ähnlichkeit seines Gesichtseindrucks & seiner Gesichtsvorstellung?! (Ich rede vom Andern, weil was von ihm gilt, auch von mir gilt.) Was weißt du also von der Ähnlichkeit? Sie äußert sich nur in den Ausdrücken, die er zu gebrauchen geneigt ist; nicht in dem, was er mit diesen Ausdrücken sagt.

Let me say again, if someone insists that what he calls a “visual image” is similar to a visual impression: that he might be mistaken! Or: what if he were mistaken in this? That is to say: what do you know about the similarity of his visual impression & his visual image?! (I am talking about the other case because what applies to him also applies to me.) So what do you know about the similarity? It manifests itself only in the expressions that he is inclined to use; not in what he says with these expressions.

§

10b[3] &
11a[1]

20.12.1947

“Es ist gar kein Zweifel: die Gesichtsvorstellung & der Gesichtseindruck sind von derselben Art!” Das mußt Du aus Deiner eigenen Erfahrung wissen; & dann ist es also etwas, was für Dich stimmen mag & für Andere nicht. (Und das gilt natürlich auch für mich, wenn ich es sage.)

December 20, 1947

“There is absolutely no doubt: the visual image & the visual impression are of the same kind!” You must know this from your own experience; & then it is something that may be true for you & not for others. (And this, of course, also applies to me when I say it.)

§

11a[2]

Nichts ist schwerer, als den Begriffen vorurteilslos gegenübertreten. (Und das ist die Hauptschwierigkeit der Philosophie.)

Nothing is more difficult than approaching concepts without prejudice. (And this is the main difficulty of philosophy.)

§

11a[3]

Sich etwas vorstellen, ist zu vergleichen mit einer Tätigkeit. (Schwimmen.)

To imagine something is to be compared with an activity. (Swimming.)

§

11a[4]

Wenn wir uns etwas vorstellen, beobachten wir nicht. Daß die Bilder kommen & vergehen geschieht uns nicht. Wir sind nicht überrascht von diesen Bildern & sagen “Sieh da! ‥‥․”.

When we imagine something, we do not observe. That the images come & go does not happen to us. We are not surprised by these images & say “Look there! ‥‥․”.

§

11a[5]

Wir verschäuchen nicht Gesichtseindrücke, aber Vorstellungen.

We do not banish visual impressions, but images.

§

11a[6]

Könnten wir sie verscheuchen & vor unsre Seele rufen, sie könnten uns nicht über die Wirklichkeit informieren. – So unterscheiden sich Eindrücke von Vorstellungen nur dadurch, daß wir diese bewegen können & jene nicht? Da scheint ja der Unterschied empirisch zu sein! So ist es eben nicht.

If we could banish them & summon them before our mind, they could not inform us about reality. – So do impressions differ from images only in that we can move these & not those? That seems to be the difference empirically! But that is not the case.

§

11a[7] &
11b[1]

Aber ist es denn undenkbar, daß Gesichtseindrücke sich verscheuchen, oder zurückrufen ließen? Ja, ist es nicht wirklich möglich? Wenn ich meine Hand ansehe & dann bewege ich sie aus dem Gesichtsfeld, habe ich ihren Gesichtseindruck nicht willkürlich abgebrochen? – Aber, wird man mir sagen, so etwas nennt man doch nicht das Bild der Hand verscheuchen! Freilich nicht; aber wo ist der Unterschied? Man möchte sagen: der Wille bewegt die Vorstellungen unmittelbar. Denn wenn ich meinen Gesichtseindruck willkürlich ändere, so gehorchen die Dinge meinem Willen.

But is it unthinkable that visual impressions could be banished or recalled? Yes, is it not really possible? If I look at my hand & then move it out of the field of vision, have I not arbitrarily stopped its visual impression? – But, one will say, one does not call this banishing the image of the hand! Of course not; but what is the difference? One might say: the will moves the images directly. For if I change my visual impression arbitrarily, the things obey my will.

§

11b[2] &
12a[1]

Wie aber wenn die Gesichtseindrücke sich eben unmittelbar regieren ließen? Soll ich sagen: “Dann gäbe es keine Eindrücke, sondern nur Vorstellungen”? Und wie wäre das? Wie erfühle ich z.B., daß der Andre eine bestimmte Vorstellung hätte? Er würde es mir sagen. – Aber wie würde er die dazu nötigen Worte lernen – sagen wir “rot” & “rund”? Denn ich könnte sie ihn doch nicht lehren, indem ich auf etwas Rotes & Rundes zeige. Ich könnte mir nur die Vorstellung hervorrufen, daß ich auf etwas derartiges zeige. Und ich könnte auch nicht prüfen ob er mich versteht. Ja, ich könnte ihn natürlich auch nicht sehen, sondern ihn mir nur vorstellen.

But what if visual impressions could be controlled directly? Should I say: “Then there would be no impressions, but only images”? And what would that be like? How would I, for example, feel that the other person has a certain image? He would tell me. – But how would he learn the words necessary for this – let's say “red” & “round”? Because I could not teach them to him by pointing to something red & round. I could only evoke the image that I am pointing to something of that kind. And I could not check whether he understands me. Yes, I could not even see him, but only imagine him.

§

12a[2]

Ist die Annahme nicht überhaupt so wie die, es gäbe in der Welt nur Dichtung & nicht Wahrheit?

Isn’t the assumption essentially the same as the one that there is in the world only poetry & not truth?

§

12a[3] &
12b[1]

Und ich selbst könnte natürlich auch keine Beschreibung meiner Vorstellungen lernen, noch sie auch selbst erfinden. Denn was hieße es z.B., daß ich mir (jetzt) ein rotes Kreuz auf weißem Grunde vorstelle? Wie sieht denn ein rotes Kreuz aus? So?? – Aber könnte nicht ein höheres Wesen durch Intuition wissen, was ich mir vorstelle, & dies in seiner Sprache beschreiben, wenn sie mir auch unverständlich wäre? – Angenommen dies höhere Wesen sagte “Ich weiß, was sich dieser jetzt vorstellt; es ist dies: ‥‥” – aber wie kann ich das “wissen” nennen? Es ist ja ganz anders, als das, was wir nennen “wissen, was sich der Andre vorstellt”? Wie vergleicht man denn den gewöhnlichen Fall mit jenem erdichteten?

Wenn ich mich in diesem Fall als Dritten denke, so wüßte ich gar nicht, was das höhere Wesen damit meint: es wisse, welche Vorstellung der Mensch hat, der nur Vorstellungen & keine Eindrücke hat.

And I myself could of course not learn a description of my images, nor invent them myself. Because what would it mean, for example, that I (now) imagine a red cross on a white background? What does a red cross look like? Like this?? – But could a higher being not know, through intuition, what I imagine, & describe it in its language, even if it were incomprehensible to me? – Suppose this higher being said, “I know what he is imagining now; it is this: ‥‥” – but how can one call that “knowing”? It is quite different from what we call “knowing what the other person is imagining”? How does one compare the ordinary case with that invented one?

If I think of myself in this case as a third person, then I would not know what the higher being means by it: it knows what image the person has who has only images & no impressions.

§

12b[2]

“Aber kann ich mir nicht doch so einen Fall vorstellen? Vor allem kannst Du über ihn reden. Aber das zeigt nicht daß Du ihn ganz durchgedacht hast. (5 Uhr auf der Sonne.)

“But can I not imagine such a case? Above all, you can talk about it. But that does not show that you have thought it through completely. (5 o'clock in the sun.)

§

12b[3]

Man möchte davon reden, wie ein Gesichtseindruck & wie eine Vorstellung ausschauen. Und etwa fragen: “Könnte nicht etwas so ausschauen, wie z.B. mein gegenwärtiger Gesichtseindruck, sich aber im übrigen benehmen wie eine Vorstellung?” Und hier ist offenbar ein Fehler.

One might discuss how a visual impression and an image look. And perhaps ask: “Could something look like, for example, my current visual impression, but otherwise behave like an image?” And here, clearly, there is a mistake.

§

12b[4] &
13a[1]

Aber denk dir dies: Wir lassen jemand durch ein Loch in eine Art Guckkasten schauen, & in diesem bewegen wir nun verschiedene Gegenstände, Figuren, & zwar durch Zufall, oder mit Absicht so, daß die Bewegung gerade die ist die unser Beobachter wollte, so daß er sich einbildet, was er sieht, gehorche seinem Willen. – Konnte der sich nun täuschen; glauben, seine Gesichtseindrücke seien Vorstellungen? Das klingt ganz absurd. Ich brauche ja den Guckkasten gar nicht, sondern muß nur, wie oben, meine Hand betrachten, & sie bewegen. Könnte ich aber auch den Vorhang dort drüben willkürlich bewegen, oder zum Verschwinden bringen so würde ich das doch nie als einen Vorgang in meiner Phantasie deuten.

But imagine this: We let someone look through a hole in a kind of peep box, and in this box we now move various objects, figures, randomly, or intentionally so that the movement is exactly what our observer wants, so that he imagines what he sees obeys his will. – Could he now be mistaken; believe that his visual impressions are images? That sounds completely absurd. I don’t even need the peep box, but I just have to look at my hand, as above, and move it. Could I also move the curtain over there arbitrarily, or make it disappear? But I would never interpret that as a process in my imagination.

§

13a[2]

Ich halte eben von Haus aus einen Eindruck nicht für eine Vorstellung. Aber was heißt das? Könnte ich mir denn den Fall denken, daß ein Anderer es täte? Wie kommt es, daß das nicht denkbar ist?

I simply don’t consider an impression to be an image from the outset. But what does that mean? Could I imagine the case that another person does? How is it that this is not conceivable?

§

13a[3] &
13b[1]

Wenn Einer wirklich sagte “Ich weiß nicht, sehe ich jetzt einen Baum, oder stell ich mir nur einen vor”, so würde ich zunächst glauben, er meine: “oder bilde ich mir nur ein es stehe dort einer”. Meint er das nicht, so könnte ich ihn überhaupt nicht verstehen. – Wollte mir aber jemand diesen Fall erklären & sagte “ Er hat eben so außergewöhnlich lebhafte Vorstellungen, daß sie wie Sinneseindrücke ausschauen, verstünde ich's jetzt?

If someone really said, “I don’t know if I’m seeing a tree now, or just imagining it,” I would first believe that he means: “or am I just imagining that there is one there.” If he doesn’t mean that, then I couldn’t understand him at all. – But if someone wanted to explain this case to me and said, “He just has such exceptionally vivid images that they look like sensory impressions,” would I understand it now?

§

13b[2]

“Wie kannst Du denn glauben, daß Du Dir das da drüben vorstellst (dabei zeige ich mit der Hand) oder glaubst Du daß Du auch mich Dir vorstellst?”

“How can you believe that you are imagining that over there (pointing with his hand), or do you believe that you are also imagining me?”

§

13b[3]

Denk Dir aber nun dennoch einen Menschen, der sagte “Meine Vorstellungen sind heute so lebhaft, wie wirkliche Gesichtseindrücke” – müßte der lügen, oder Unsinn reden? Nein, gewiß nicht. Ich müßte freilich erst von ihm erfahren, wie sich denn dies zeigt. Sagte er mir aber “Ich weiß oft nicht, ob ich etwas sehe, oder es mir nur vorstelle”, so würde ich das nicht einen Fall überlebhafter Vorstellung nennen.

But now imagine a person who says, “My images are so vivid today, just like real visual impressions” – would he have to lie, or talk nonsense? No, certainly not. I would, of course, first have to learn from him how this shows itself. But if he said to me, “I often don’t know if I’m seeing something, or just imagining it,” I would not call that a case of vivid imagination.

§

13b[4] &
14a[1]

Muß man aber hier nicht unterscheiden: sich, sagen wir, das Gesicht eines Freundes vorstellen, aber nicht im Raum der mich umgibt – & anderseits: sich an dieser Wand dort ein Bild, etwa, vorstellen? Man könnte z.B. auf die Aufforderung “Stell Dir dort drüben einen Kopf vor” sich einbilden, wirklich einen dort zu sehen.

But isn’t it necessary to distinguish here: imagining, let’s say, the face of a friend, but not in the space that surrounds me – and, on the other hand: imagining a picture on that wall over there? For example, one could imagine really seeing a head there when asked, “Imagine a head over there.”

§

14a[2]

Freilich, wenn ich sage “Ist dort nicht wirklich ein Fleck?” & also etwa genauer hinschaue, so gehorcht, was ich hier Vorstellung nenne, nicht meinem Willen. Und eine Einbildung gehorcht ja nicht meinem Willen.

Of course, if I say, “Isn’t there really a spot there?” and thus look more closely, what I call an image here does not obey my will. And an imagination does not obey my will.

§

14a[3]

21.12.1947

Die ‘materielle Implikation’ behauptet keinen Zusammenhang zweier Geschehnisse. Unser “Wenn ‥‥ so ‥‥” tut dies aber. Das hängt, wie ich einmal sagte, damit zusammen, daß es im sprachlichen Zusammenhang mit “Wenn … so …” den Konjunktiv gibt, im Zusammenhang mit p⊃q aber nicht.

21.12.1947

‘Material implication’ does not assert a connection between two events. Our “If … then …” does, however. This, as I once said, is related to the fact that in the linguistic context of “If … then …”, there is the subjunctive mood, but in the context of p⊃q, there is not.

§

14a[4] &
14b[1]

Ist der Konjunktiv an die Zeit gebunden? – Gibt es in der Mathematik einen Konjunktiv? Stützt sich nicht der indirekte Beweis auf einen Konjunktiv? “Angenommen es wäre nicht so.” ‥‥․ Aber diesen Konjunktiv kann man wegschaffen. Denn man muß nicht sagen “Aus dem Gegenteil würde ‥‥ folgen”, sondern aus dem Gegenteil folgt ‥‥; es läßt sich daraus ableiten.

Is the subjunctive mood bound to time? – Does mathematics have a subjunctive mood? Isn't the indirect proof based on a subjunctive? “Let's assume it isn't the case.” ‥‥․ But this subjunctive can be eliminated. Because one doesn't have to say “From the contrary, it would follow ‥‥,” but from the contrary, it follows ‥‥; it can be derived from it.

§

14b[2]

Man darf (hier) nicht vergessen, daß die materielle Implikation tatsächlich auch ihre Verwendung, ihre praktische Verwendung, hat; wenn sie auch nicht häufig ist.

One must not (here) forget that material implication actually also has its use, its practical use, even if it is not frequent.

§

14b[3]

Wer den “Satz” “Wenn p so q” verneint, verneint einen Zusammenhang. Er sagt: “Es muß nicht so sein”. Und das Wort “muß” deutet auf den Zusammenhang.

Whoever denies the “sentence” “If p then q” denies a connection. He says: “It does not have to be the case.” And the word “must” points to the connection.

§

14b[4] &
15a[1]

Aus ~p ∙ ~q folgt nicht “Wenn p, so q”. Es ist nicht aus ~p ∙ ~q zu erschließen. Der Sinn von “Wenn p, so q” ist von dem des Satzes p ⊃ q grundverschieden. Wenn auch ein Zusammenhang besteht. Dieser: p ∙ q, welches die Implikation wahr macht, tut dies auch für den Satz “Wenn – so …”, oder spricht doch für seine Wahrheit. p ∙ ~q widerspricht der Implikation & auch dem Wenn-so-Satz, oder ist seiner Wahrheit nicht günstig. ~p ∙ q & ~p ∙ ~q bewahrheiten die Implikation & entscheiden nichts über die Wahrheit von “Wenn … so …”.

It does not follow from ~p ∙ ~q that “If p, then q”. It cannot be inferred from ~p ∙ ~q. The sense of “If p, then q” is fundamentally different from that of the sentence p ⊃ q. Although a connection exists. This: p ∙ q, which makes the implication true, does so also for the sentence “If – then …”, or at least speaks in favor of its truth. p ∙ ~q contradicts the implication & also the if-then sentence, or is not conducive to its truth. ~p ∙ q & ~p ∙ ~q confirm the implication & decide nothing about the truth of “If … then …”.

§

15a[2]

Ich sagte der Satz “Wenn … so …” behaupte einen Zusammenhang. Aber man könnte ihn auch anders verwenden, & in gewisser Beziehung ähnlicher der materiellen Implikation.

I said that the sentence “If … then …” asserts a connection. But one could also use it in a different way, & in a certain respect, it would be similar to material implication.

§

15a[3]

Ich könnte z.B. sagen: “Wenn dies eintrifft, so wird das eintreffen. Habe ich recht, so zahlst Du mir einen Schilling, habe ich unrecht, so zahle ich Dir einen, bleibt es unentschieden, so zahlt keiner.” Das könnte man auch so ausdrücken: Der Fall, in welchem die Prämisse nicht eintrifft, interessiert uns nicht, wir reden nicht von ihm. Oder auch: es ist uns hier nicht natürlich die Wörter “Ja” & “Nein” so zu gebrauchen, wie in dem Falle (& solche Fälle gibt es) in welchem uns die materielle Implikation interessiert. Mit “Nein” wollen wir hier sagen “p ∙ ~q”, mit “Ja nur p ∙ q”.

I could, for example, say: “If this holds true, then that will hold true. If I am right, you pay me a shilling; if I am wrong, I pay you one; if it remains undecided, neither of us pays.” One could also express it as follows: the case in which the premise does not hold true does not interest us; we are not talking about it. Or also: it is not natural for us here to use the words “Yes” & “No” in the same way as in the case (and such cases exist) in which we are interested in material implication. With “No,” we want to say “p ∙ ~q”; with “Yes,” we only want to say “p ∙ q.”

§

15a[4] &
15b[1]

Es ist z.B. ganz gewöhnlich, auf die Wahrheit einer Vorhersage zu wetten. Wetten wir nun auf die Behauptung “Wenn p eintrifft, so wird q eintreffen”, so wird man zwar auch sagen “Wenn Du recht hast gebe ich Dir ‥․, wenn nicht ‥‥”; aber beim nicht-Eintreffen von p wird die Wette nicht gelten.

For example, it is quite common to bet on the truth of a prediction. If we bet on the assertion “If p occurs, then q will occur,” then one would also say, “If you are right, I will give you …; if not, …”; but if p does not occur, the bet will not be valid.

§

15b[2]

Wenn nun aber Einer sagte: “Aber der Satz, die Voraussage, muß doch wahr, oder aber falsch sein!” – – Das sollte doch eine Tautologie sein. Ob es aber eine ist, kommt doch darauf an, wie das Gegenteil des Satzes zu verstehen ist. – Wenn jemand sagt “Wenn p eintrifft, so wird q eintreffen”, & ein Andrer sagt darauf “Das ist nicht wahr”, – soll er damit behaupten, p werde eintreffen, oder soll er es damit nicht behaupten?

If, however, someone were to say: “But the sentence, the proposition, must be either true or false!” – – that should be a tautology. Whether it is one, however, depends on how the opposite of the sentence is to be understood. – If someone says “If p occurs, then q will occur,” & another person says in response, “That is not true,” – is he claiming that p will occur, or is he not claiming that?

§

15b[3] &
16a[1]

Es handelt sich doch hier um zwei verschiedene Arten der Verwendung der Verneinung eines Satzes. Und so, wie ~~p nicht p ist, wenn die Verdopplung der Verneinung eine Verstärkung der Verneinung bedeutet, so ist auch “p ⌵ ~p”, wie wir die Verneinung gebrauchen, nicht unbedingt eine Tautologie. In dem obigen Falle sollte die Behauptung der Bedingungssatz sei wahr oder aber falsch eigentlich das unbedingte Eintreffen des Ereignisses behaupten. Denn jene Behauptung ist ja, der Bedingungssatz werde nicht unentschieden bleiben.

It concerns two different types of use of the negation of a sentence. And just as ~~p is not p if the doubling of the negation means an intensification of the negation, so too is “p ⌵ ~p”, as we use the negation, not necessarily a tautology. In the above case, the assertion of the conditional sentence being true or false should actually assert the unconditional occurrence of the event. For that assertion is that the conditional sentence will not remain undecided.

§

16a[2]

Der Satz “Die Vorstellung ist dem Willen unterworfen” ist kein Satz der Psychologie.

The sentence “The image is subject to the will” is not a sentence of psychology.

§

16a[3]

Ich lerne den Begriff “sehen”, in Verbindung mit “schauen”. Die Verwendung des einen Worts verbunden mit der des andern.

I learn the concept of “seeing” in connection with “looking.” The use of one word combined with the use of the other.

§

16a[4]

Wenn man sagt “Der Erlebnisinhalt des Sehens & des Vorstellens sei wesentlich derselbe”, so ist das wahr daran, daß ein gemaltes Bild wiedergeben kann, was man sieht & wiedergeben kann, was man sich vorstellt. Nur darf man sich nicht vom Mythus des inneren Bildes täuschen lassen.

If one says “The experiential content of seeing & imagining is essentially the same,” then that is true in the sense that a painted picture can represent what one sees & can represent what one imagines. However, one must not be misled by the myth of the inner image.

§

16a[5]

Das “Vorstellungsbild” tritt nicht dort ins Sprachspiel ein wo man es vermuten möchte.

The “mental image” does not enter the language-game where one might expect it.

§

16a[6] &
16b[1]

Ich lerne den Begriff “sehen” mit dem Beschreiben dessen, was ich sehe. Ich lerne beobachten & das Beobachtete beschreiben. Ich lerne den Begriff “vorstellen” in einer gänzlich andern Verbindung. Die Beschreibungen des Gesehenen & des Vorgestellten sind allerdings von derselben Art & eine Beschreibung könnte sowohl das eine, als auch das andere sein; aber sonst sind die Begriffe durchaus verschieden. Der Begriff des Vorstellens ist wie der eines Tuns, nicht eines Rezipierens Das Vorstellen könnte man einen schöpferischen Akt nennen. (Und nennt es ja auch so.)

I learn the concept of “seeing” by describing what I see. I learn to observe & describe what is observed. I learn the concept of “imagining” in a completely different connection. The descriptions of what is seen and what is imagined are, however, of the same kind, and a description could be both; but otherwise, the concepts are quite different. The concept of imagining is like that of an action, not a reception. One could call imagining a creative act. (And indeed, one does.)

§

16b[2]

“Ja aber die Vorstellung selbst sowie der Gesichtseindruck ist doch das innere Bild; & Du redest nur von den Verschiedenheiten der Erzeugung, Entstehung, Behandlung des Bildes.” Die Vorstellung ist nicht ein Bild, noch ist der Gesichtseindruck eines. Weder ‘Vorstellung’ noch ‘Eindruck’ ist ein Bildbegriff, obwohl in beiden Fällen ein Zusammenhang mit einem Bild besteht, & jedesmal ein anderer.

“Yes, but the image itself, as well as the visual impression, is the inner image; & you are only talking about the differences in the generation, the origin, the treatment of the image.” The image is not a picture, nor is the visual impression one. Neither ‘image’ nor ‘impression’ is a concept of a picture, although in both cases, there is a connection with a picture, and in each case, it is a different connection.

§VB

16b[3] &
17a[1]

Es kommt mir vor als könne ein religiöser Glaube nur (etwas wie) das leidenschaftliche sich entscheiden zu einem Koordinatensystem sein. Also obgleich es Glaube ist, doch eine Art des Lebens, oder eine Art das Leben zu beurteilen. Ein leidenschaftliches Ergreifen dieser Auffassung. Und die Instruktion in einem religiösen Glauben müßte also die Darstellung, Beschreibung jenes Bezugssystems sein & zugleich ein in's-Gewissen-reden. Und diese beiden müßten am Schluß bewirken, daß der Instruierte selber, aus eigenem, jenes Bezugssystem leidenschaftlich erfaßt. Es wäre als ließe mich jemand auf der einen Seite meine hoffnungslose Lage sehen, auf der andern stellte er mir das Rettungswerkzeug dar, bis ich, aus eigenem, oder doch jedenfalls nicht von dem Instrukteur an der Hand geführt, auf den zustürzte & ihn ergriffe.

It seems to me that religious faith can only be (something like) a passionate decision to adhere to a frame of reference. So, although it is faith, it is a way of life, or a way of judging life. A passionate embracing of this perspective. And instruction in a religious faith must therefore be the representation, description of that frame of reference, and at the same time an appeal to one's conscience. And these two must ultimately bring about the fact that the instructed person passionately embraces this frame of reference from his own accord. It is as if someone showed me, on the one hand, my hopeless situation, and on the other hand, presented to me the means of salvation, until I, on my own, or at least not guided by the instructor, rushed towards it and grasped it.

§

17a[2] &
17b[1]

“Aber könnte ich mir nicht einen Erlebnisinhalt denken von der Art der visuellen Vorstellung, aber dem Willen nicht unterworfen, in dieser Beziehung also wie der Gesichtseindruck?” Hier ist das Irreführende das Reden vom Erlebnisinhalt. Wenn wir von einem fürs visuelle Vorstellen typischen Erlebnisinhalt reden, so muß dieser Inhalt etwas sein, was wir in mir & in Dir vergleichen können. Und, so seltsam es klingt, müßte man, glaube ich, sagen, der Erlebnisinhalt– wenn man überhaupt diesen Begriff hier gebrauchen will – sei für visuelle Vorstellung & visuellen Eindruck der Gleiche. Und das klingt paradox, weil Jeder ausrufen möchte: Du willst mir doch nicht sagen, daß man je diese beiden, Vorstellung & Eindruck, miteinander verwechseln könnte! So wenig, könnte ich antworten, wie z.B. zeichnen & sehen. Aber was gezeichnet & was gesehen wird, mag doch dasselbe sein. Vorstellung & Eindruck ‘schauen’ eben nicht verschieden ‘aus’.

“But couldn't one imagine an experience, of the kind of visual image, but not subject to the will, and in this respect therefore like the visual impression?” Here, the misleading thing is the talk about the experience. If we speak of an experience typical of visual imagining, then this content must be something that we can compare in me & in you. And, as strange as it sounds, one must, I think, say that the experience—if one even wants to use this term here—is for visual imagining & visual impression the same. And that sounds paradoxical, because everyone would exclaim: Surely you don't mean to say that one could ever confuse these two, image & impression! Just as little, I could answer, as, for example, drawing & seeing. But what is drawn & what is seen can be the same. Image & impression simply do not ‘look’ different.

§

17b[2] &
18a[1]

Man könnte aber eben auch sagen, daß “Erlebnisinhalt” für Vorstellung & Eindruck nicht die gleiche Bedeutung hat, sondern nur verwandte Bedeutungen. Wenn ich mir z.B. ein Gesicht ganz so vorstelle, wie es ausschaut, wenn ich's später sehe, hätte mein Eindruck & meine Vorstellung den gleichen Erlebnisinhalt. Man kann nicht sagen, es sei nicht der gleiche, da Vorstellung & Eindruck nie gleich aussähen. Der Inhalt der beiden ist also dies – (indem ich etwa auf ein Bild zeige). Aber ich müßte es nicht beidemale “den Inhalt” nennen.

One could, however, also say that “content of experience” does not have the same meaning for image & impression, but only related meanings. If, for example, I imagine a face exactly as it looks when I see it later, then my impression & my image would have the same content of experience. One cannot say that it is not the same, since image & impression never look the same. The content of both is therefore this – (by, for example, pointing to a picture). But I would not have to call it “the content” both times.

§

18a[2]

Wenn ich aber nun doch den irreführenden Vergleich machte & anfinge: “Wir haben also im einen Fall Bilder die ich bewegen kann, im andern Bilder, die ich nicht bewegen kann” – welche Rolle soll nun dies Hilfsmittel des Vergleichs spielen?

If I were now to make that misleading comparison & begin: “So, in one case, we have images that I can move, & in the other, images that I cannot move” – what role is this tool of comparison supposed to play?

§

18a[3]

Ich sagte, die Vorstellung sei schöpferisch; aber sie ist es doch nicht immer: wie wenn Dir z.B. plötzlich eine Erinnerung vor die Seele tritt. Ist es da nicht wirklich, als würde Dir, von außen, ein Bild gezeigt? – Aber es gibt auch hier wieder kein Schauen.

I said that the imagination is creative, but it is not so always: for example, when a memory suddenly appears to one’s mind. Is it not really as if one were being shown a picture from the outside? – But here, too, there is no seeing.

§

18a[4]

Vorstellung & Intention. Auch in sofern ist vorstellen dem Schaffen eines Bildes zu vergleichen, als ich mir nicht den vorstelle dem mein Vorstellungsbild ähnlich ist, sondern den, den ich mir vorstellen will.

Image & intention. In this respect, imagining can be compared to the creation of an image, in that one does not imagine the thing to which one’s mental image is similar, but rather the thing that one wants to imagine.

§

18b[1]

Nichts ist schwerer als den Begriffen vorurteilsfrei gegenüberstehen! – Denn das Vorurteil ist ein System, – also eine Form des Verständnisses, wenn auch nicht das richtige Verständnis. Vorurteilsfrei sein heißt aber: das Gewicht nicht irgendwo abstellen, sondern in der Schwebe halten.

Nothing is more difficult than to stand before concepts without prejudice! – For prejudice is a system—so a form of understanding, although not the right understanding. To be without prejudice, however, means not to put the weight anywhere, but to hold it in suspension.

§VB

18b[2]

Einmal wird vielleicht aus dieser Zivilisation eine Kultur entspringen. Dann wird es eine wirkliche Geschichte der Erfindungen des 18., 19. & 20. Jahrhunderts geben, die voll von tiefem Interesse sein wird.

Perhaps one day, a culture will emerge from this civilization. Then there will be a real history of the inventions of the 18th, 19th, and 20th centuries, which will be full of deep interest.

§

18b[3]

Kann man auf Nachbilder schauen? Man kann sie beobachten; sie können uns überraschen; wir können abwarten, ob sie sich so, oder so verändern werden.

Can one look at afterimages? One can observe them; they can surprise us; we can wait & see whether they will change in this way or that.

§

18b[4] &
19a[1]

22.12.1947

Ich glaube, wenn man Vorstellen mit einer Körperbewegung vergleicht, wie das Atmen, das manchmal willkürlich, manchmal unwillkürlich geschieht, so darf man den Sinneseindruck gar nicht mit einer Bewegung vergleichen. Nicht so kann der Unterschied gefaßt werden, daß das eine geschieht, ob wir's wollen, oder nicht, während wir das andere regieren. Vielmehr ist der eine Begriff dem einer Handlung ähnlich, der andre nicht. Der Unterschied ist eher wie der zwischen Sehen, daß meine Hand sich bewegt – & Wissen (ohne sie zu sehen) daß ich sie bewege.

22.12.1947

I believe that if one compares Vorstellung with a bodily movement, such as breathing, which sometimes happens voluntarily and sometimes involuntarily, then one must not compare the sense impression with a movement. The difference cannot be understood in such a way that one happens whether we want it to or not, while we control the other. Rather, one concept is similar to that of an action, and the other is not. The difference is more like the difference between seeing that my hand is moving – & knowing (without seeing it) that I am moving it.

§

19a[2]

Ich muß erst Logik lernen.

I must first learn logic.

§

19a[3]

“Wenn ich die Augen schließe, steht er vor mir.” – Man könnte sich denken, daß solche Ausdrücke nicht gelernt, sondern poetisch, spontan gebildete sind. Daß sie uns also “treffend scheinen’.

“When I close my eyes, it is before me.” – One might think that such expressions are not learned but are poetic, spontaneously formed. That they therefore “seem apt” to us.

§

19a[4]

“Ich sehe ihn deutlich vor mir!” – Nun, vielleicht steht er wirklich vor Dir. – “Nein, dazu ist mein Bild zu wenig lebhaft.” –

“I see it clearly before me!” – Well, perhaps it really is before you. – “No, my image is not lively enough.” –

§

19a[5]

Wenn ich sage “die Vorstellung untersteht dem Willen” (oder dergleichen) so verführt das zu der Frage, ob nicht auch der Sinneseindruck dem Willen unterstehen könnte. Und da bin ich offenbar auf falscher Fährte.

If I say “the image is subject to the will” (or something similar), then this leads to the question of whether the sense impression could also be subject to the will. And it seems I am clearly on the wrong track.

§

19b[1] &
20a[1]

Könnten wir uns nicht diese Erscheinung denken: Wir seien im Stande indem wir einen Lichtschirm anschauen auf ihm nach Willkür, ‘durch den bloßen Willen’, Bilder zu erzeugen, zu bewegen, verschwinden zu lassen, etc., Bilder die nicht bloß, der sie erzeugt, sondern auch der Andre sieht. – Wäre, was ich auf diesem Schirm sehe, so etwas wie eine Vorstellung? Oder vielleicht richtiger gefragt: Hieße “ich sehe ‥‥ auf dem Schirm” etwas ähnliches wie: “ich stelle mir ‥‥ vor”? – oder soll ich sagen, der Satz “Auf dem Schirm zeigt sich jetzt ‥‥” entspreche “Ich stelle mir ‥‥ vor”? Nein; so ist es nicht. Die Schwierigkeit ist hier, daß ich keinen klaren Begriff davon habe ‘die Bilder durch den Willen zu erzeugen’ etc.. Denn eigentlich ist ja der Fall nicht ganz phantastisch: Ich kann mir ja wirklich auf einer fleckigen Wand alles mögliche vorstellen; & wenn der Andre, wenn er auf die Wand schaut immer wüßte was ich mir vorstelle, so wäre der Fall nun ähnlich dem oben beschriebenen. “Durch den bloßen Willen bewegen” was heißt es? Etwa daß die Bilder meinem Willen immer genau folgen, während meine zeichnende Hand, mein Bleistift, das nicht tut? Immerhin wäre es ja dann doch möglich zu sagen: “Für gewöhnlich stelle ich mir ganz genau vor, was ich will; heute ist es anders ausgefallen”. Gibt es denn “ein Mißlingen der Vorstellung”?

Could we not imagine this phenomenon: that we are capable of producing, moving, making disappear, etc., images on a screen by simply looking at it and, through sheer will? Images that are not only visible to the one who creates them, but also to others. – Would what I see on this screen be something like an image or mental image? Or perhaps, more accurately, does “I see ‥‥ on the screen” mean something similar to “I imagine ‥‥”? – Or should I say that the sentence “‥‥ appears on the screen” corresponds to “I imagine ‥‥”? No; it is not like that. The difficulty here is that I do not have a clear concept of ‘producing images through will’ etc. Because, in fact, the case is not entirely fantastical: I can indeed imagine all sorts of things on a spotted wall; & if the other person, when looking at the wall, always knew what I was imagining, then the case would be similar to the one described above. “Moving through sheer will” – what does that mean? Does it mean that the images always follow my will exactly, while my drawing hand, my pencil, does not? In any case, it would still be possible to say: “Normally, I imagine very precisely what I want; today, it turned out differently.” Is there such a thing as “a failure of imagination”?

§

20a[2]

Wenn nicht, so will man das etwa so erklären, daß die Vorstellung masselos ist & dem Willen keinen Trägheits- oder andern Widerstand entgegensetzt.

If not, then one might explain it in such a way that the image is boundless & does not offer the will any inertia or other resistance.

§

20a[3]

Nein; “ich sehe auf dem Schirm ‥․” kann nicht meinem Vorstellen entsprechen. Auch nicht “ich projiziere auf den Schirm ‥‥” – denn dann könnte es gelingen & mißlingen. Eher noch das: “Für mich ist, was auf diesem Schirm ist, jetzt ein Bild von ‥‥․”

No; “I see … on the screen” cannot correspond to my imagining. Nor does “I project … on the screen” – because then it could succeed or fail. Rather, it is this: “For me, what is on this screen is now an image of ….”

§

20a[4] &
20b[1]

Es gibt freilich ein Sprachspiel mit dem Befehl “Stell Dir ‥‥․ vor!” – aber ist es denn wirklich ohne weiteres gleichzusetzen dem: “Dreh Deinen Kopf nach rechts!”? Oder auch so: Hat es denn ohne weiteres Sinn, zu sagen, Gesichtsbilder, innere Bilder, folgten meinem Willen? (Wohlgemerkt: nicht “meinem Wunsch”.)

Indeed, there is a language-game associated with the command “Imagine ‥‥․!” – but is it really so easily equated with: “Turn your head to the right!”? Or, put another way, does it really make sense to say that visual images, inner images, followed my will? (Please note: not “my wish”.)

§

20b[2]

Denn das wovon man normalerweise sagt es folge, oder folge nicht, dem Willen sind nicht “innere Bilder”. Es ist also nicht klar daß man den Begriff dieses Folgens ohne weiteres auf die andere Kategorie anwenden kann.

Because what one normally says follows, or does not follow, the will are not “inner images.” It is therefore not clear that one can simply apply the concept of this following to the other category.

§

20b[3]

(Daß man nämlich die ‘Willkürlichkeit’ der Vorstellung nicht mit der der Bewegung von Körpern vergleichen kann, ist klar, denn, ob die Bewegung stattgefunden hat, das zu beurteilen sind auch Andere befähigt; während es bei der Bewegung meiner Vorstellungen immer nur darauf ankäme, was ich zu sehen behaupte, was immer irgendein Anderer sieht. Es würden also die sich bewegenden wirklichen Gegenstände aus der Betrachtung herausfallen, da es auf sie gar nicht ankäme.)

(The fact that one cannot compare the ‘arbitrariness’ of the image with that of the movement of bodies is clear, because, to judge whether the movement has taken place, others are also capable; whereas in the case of the movement of my images, it would always depend on what I claim to see, whatever anyone else might see. Thus, the actually moving objects would fall outside the scope of consideration, as they would not matter at all.)

§

20b[4]

Sagte man also: “Vorstellungen sind innere Bilder, ähnlich, oder ganz so, wie meine Gesichtsempfindungen, nur meinem Willen untertan” – so hätte das bis auf weiteres noch keinen Sinn.

So, if one were to say: “Images are inner pictures, similar to, or exactly like, my visual sensations, only subject to my will” – then that would still not have any sense, at least for the time being.

§

21a[1]

Denn wenn Einer zu berichten gelernt hat, was er dort sieht, oder was ihm dort zu sein scheint, so ist es doch noch nicht klar, was der Befehl bedeute, er solle jetzt das dort sehen, oder es solle ihm jetzt das dort zu sein scheinen.

For if someone has learned to report what he sees there, or what seems to him to be there, it is not yet clear what the command means when it says that he should now see that there, or that that should now seem to him to be there.

§

21a[2]

Es ist freilich eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem Vorstellen & einer Handlung, die sich eben in der Möglichkeit des Befehls ausdrückt; aber der Grad dieser Verwandtschaft muß erst untersucht werden.

Indeed, there is a certain kinship between imagining & an action, which is expressed precisely in the possibility of giving a command; but the degree of this kinship must first be investigated.

§

21a[3]

“Bewege Dein inneres Bild” könnte heißen: bewege den Gegenstand.

“Move your inner image” could mean: move the object.

§

21a[4]

“Bewege was Du siehst”

Es könnte auch heißen: Nimm etwas ein, was Deine Gesichtseindrücke beeinflußt.

“Move what you see.”

It could also mean: take in something that influences your visual impressions.

§

21a[5] &
21b[1]

Welches merkwürdige Phänomen, daß ein Kind wirklich die menschliche Sprache lernen kann! Daß ein Kind ohne irgend etwas zu wissen anfangen kann &, auf sicherem Wege, diese ungeheuer komplizierte Technik erlernt. Dieser Gedanke kam mir als mir, in einem bestimmten Fall, zum Bewußtsein kam wie ein Kind mit nichts anfängt, & eines Tages die Negation gebraucht, wie wir!

What a remarkable phenomenon, that a child can actually learn human language! That a child can begin without knowing anything & master this incredibly complex technique in a reliable way. This thought occurred to me when, in a particular case, it became conscious to me how a child starts with nothing, & one day uses negation, just like us!

§

21b[2]

23.12.1947

Mit dem Satz “Vorstellungen sind willkürlich, Empfindungen nicht” unterscheidet man nicht Empfindungen von Vorstellungen, sondern die Sprachspiele, in denen wir's mit diesen Begriffen zu tun haben.

December 23, 1947

With the statement “Images are arbitrary, sensations are not,” one does not distinguish sensations from images, but the language-games in which we deal with these concepts.

§

21b[3]

Es gibt, was man Erscheinungen des Sehens & Erscheinungen des Vorstellens nennen kann; & den Begriff des Sehens & den Begriff der Vorstellung. Man kann von ‘Unterschieden’ innerhalb dieser Paare reden.

There are what one might call phenomena of seeing & phenomena of imagining, & the concept of seeing & the concept of imagination. One can speak of ‘distinctions’ within these pairs.

§

21b[4]

“Die Vorstellung ist willkürlich” heißt nicht, sie kommt, wenn man sie ruft; die andere nicht. Denn es heißt auch nicht, das Phänomen des Vorstellens ist mit dem Phänomen des Wollens anders verbunden, als ‥‥‥

“The image is arbitrary” does not mean that it comes when one calls it; the other does not. For it also does not mean that the phenomenon of imagining is connected with the phenomenon of willing differently than…

§

21b[5] &
22a[1]

Betrachte den Unterschied zwischen dem Begriff ‘Bewegung’ & dem Begriff ‘Handlung’. –

Consider the difference between the concept of ‘movement’ and the concept of ‘action’.

§

22a[2]

Wenn man sagt “Die Vorstellung hat es mit dem Wollen zu tun”, so meint man dieselbe Art des Zusammenhangs, die man mit dem Satz meint “Die Vorstellung hat es nicht mit der Beobachtung zu tun”.

If one says, “The image is connected with willing,” one means the same kind of connection that one means with the sentence, “The image is not connected with observation.”

§

22a[3]

Ich sagte, es gebe Phänomene des Sehens, – was meinte ich damit? Nun etwa alles das was sich auf Gemälden darstellen läßt & mit “sehen” beschrieben würde. Das genaue Beobachten; das Anschauen einer Landschaft; ein Mensch vom Licht geblendet; der freudig überraschte Blick; das Wegwenden um nicht sehen zu müssen. Alle die Arten des Benehmens, die den sehenden Menschen vom Blinden unterscheiden. (Es hat doch einen Grund, warum mir gerade diese Situationen hier einfallen)

I said that there are phenomena of seeing – what did I mean by that? Well, perhaps everything that can be depicted in paintings & that would be described with “seeing.” The precise observation; looking at a landscape; a person blinded by the light; the joyfully surprised gaze; the turning away in order not to have to see. All the types of behaviour that distinguish the seeing person from the blind person. (There is, after all, a reason why exactly these situations occur to me here).

§

22a[4]

Phänomene des Sehens, – das ist was der Psychologe beobachtet.

Phenomena of seeing – that is what the psychologist observes.

§

22b[1]

Einer sagt: “Ich sehe ein Haus mit grünen Fensterläden”. Und Du: “Er sieht es nicht, er stellt es sich nur vor. Er schaut ja gar nicht; siehst Du, wie er vor sich hin starrt?” Man könnte sehr beiläufig auch sprechen: “So sieht es nicht aus, wenn jemand etwas sieht; sondern wenn er sich etwas vorstellt.” Hier vergleichen wir Erscheinungen des Sehens mit Erscheinungen des Vorstellens. So auch, wenn wir zwei Leute eines fremden Stammes beobachteten, die während einer bestimmten Tätigkeit ein Wort gebrauchen, welches wir für ein Äquivalent unseres “sehen” erkannt haben. Und wie wir nun ihren Gebrauch jenes Worts bei dieser Gelegenheit beobachten, schließen wir, es müsse hier “vor dem innern Auge sehen” bedeuten. Ebenso könnte man auch zu dem Schluß kommen, das Wort müsse hier verstehen bedeuten.)

One says: “I see a house with green shutters.” And you: “He doesn’t see it; he’s just imagining it. He isn’t even looking; you can see him staring into space.” One could also say, very casually: “That’s not what it looks like when someone sees something; rather, it’s what it looks like when someone is imagining something.” Here, we compare phenomena of seeing with phenomena of imagining. Similarly, if we were to observe two people from a foreign tribe using a word during a particular activity, which we have identified as an equivalent of our “to see,” and we observe how they use that word on this occasion, we would conclude that it must mean “to see with the inner eye.” Similarly, one could also conclude that the word must mean understanding here.

§

22b[2]

Anders ist es, wenn man die Begriffe unterscheidet.

It is different when one distinguishes the concepts.

§

22b[3] &
23a[1]

Was heißt es z.B., daß ‘sehen’ mit ‘beobachten’ zusammenhängt? – Wenn wir “sehen” gebrauchen lernen, so lernen wir es zugleich, & in Verbindung, mit “schauen” gebrauchen, mit “beobachten” etc..

What does it mean, for example, that ‘seeing’ is connected with ‘observing’? If we learn to use “seeing,” we learn it at the same time, and in connection with, using “looking,” with “observing,” etc.

§

23a[2]

Wie wir den Schachkönig in Verbindung mit den Bauern gebrauchen lernen, & das Wort “König” zusammen mit dem Wort “Schachmatt”.

As we learn to use the chess king in connection with the pawns, and the word “king” together with the word “checkmate.”

§

23a[3]

Ein Sprachspiel umfaßt ja doch den Gebrauch mehrerer Wörter.

A language-game does indeed encompass the use of several words.

§

23a[4]

Nichts kann falscher sein, als zu sagen, Sehen & Vorstellen seien verschiedene Tätigkeiten. Das ist, als sagte man, Schachspielen & Verlieren seien verschiedene Tätigkeiten.

Nothing could be more wrong than to say that seeing and imagining are different activities. That is as if one said that playing chess and losing are different activities.

§

23a[5] &
23b[1]

Die Worte “Vorstellen ist willkürlich, sehen nicht”, oder ähnliche, können einen irreleiten. Wenn wir als Kinder lernen, die Worte “sehen”, “schauen”, “vorstellen” gebrauchen, so spielen dabei Willenshandlungen & Befehle hinein. Aber in andrer Weise für jedes der drei Wörter. Das Sprachspiel mit dem Befehl “Schau!” & mit dem Befehl “Stell Dir vor ‥‥!” – wie soll ich sie nur vergleichen? – Wenn wir jemand abrichten wollen, daß er auf den Befehl “Schau ‥‥!” reagiert & wenn wir ihn dazu abrichten wollen, daß er den Befehl “Stell dir ‥‥ vor!” versteht, so müssen wir ihn doch offenbar ganz anderes lehren. Reaktionen, die zu diesem Sprachspiel gehören, gehören zu jenem nicht. Ja, ein enger Zusammenhang der Sprachspiele ist natürlich da; aber eine Ähnlichkeit? – Stücke des einen sind Stücken des andern ähnlich, aber die ähnlichen Stücke sind nicht homolog.

The words “imagining is arbitrary, seeing is not,” or similar, can mislead one. When we, as children, learn to use the words “see,” “look,” “imagine,” there are elements of volition and commands involved. But in a different way for each of the three words. How am I to compare the language-game with the command “Look!” and with the command “Imagine…!”? If we want to train someone so that he reacts to the command “Look…!” and if we want to train him to understand the command “Imagine…!” then we must obviously teach him in a completely different way. Reactions that belong to this language-game do not belong to that one. Yes, there is of course a close connection between the language-games; but a similarity? Pieces of one are similar to pieces of the other, but the similar pieces are not homologous.

§

23b[2] &
24a[1]

Ich könnte mir etwas ähnliches bei wirklichen Spielen denken. Es könnte etwa in zwei grundverschiedenen Spielen – Spielen die in wichtigem Sinne einander viel unähnlicher wären, als Dame & Schach – ein und dasselbe Brett mit denselben Zügen vorkommen, nur, wenn ich so sagen darf, in einer andern Stellung. Im einen Spiel könnte es z.B. die Aufgabe sein, den Andern mattzusetzen; im andern wäre der ganze Verlauf des Mattsetzens zum voraus gegeben, & die beiden Spieler hätten mit Bezug auf ihn eine Aufgabe (ganz) anderer Art. Es wären den Spielern z.B. zwei Wege des Mattsetzens gegeben, & sie müßten die beiden in psychologischer Hinsicht vergleichen. So gibt es ein Spiel: ein Kreuzworträtsel auflösen; & ein anderes: mehrere mir gegebene Auflösungen eines Kreuzworträtsels in irgendeinem Sinne auf ihre Güte zu prüfen.

I could imagine something similar in actual games. In two fundamentally different games – games that are, in an important sense, much more dissimilar than checkers and chess – the same board with the same moves could occur, only, if I may say so, in a different context. In one game, for example, the task might be to checkmate the other; in the other, the entire course of the checkmate would be predetermined, and the two players would have a task of a (quite) different kind in relation to it. For example, the players would be given two ways of checkmating, and they would have to compare the two in a psychological sense. Thus, there is a game: solving a crossword puzzle; and another: assessing several given solutions of a crossword puzzle in some sense for their quality.

§

24a[2]

Wenn man versucht, Vorstellen & Sehen miteinander zu vergleichen – wobei uns aber nicht klar ist, daß es sich da nicht um die Vergleichung zweier Erscheinungen handelt – so kommt uns sehr stark zu Bewußtsein, das Vorstellen sei etwas Spezifisches, was sich nicht durch etwas anderes (Bilder, Willkürlichkeit & Unwillkürlichkeit, etc.) begreiflich machen lasse.

When one tries to compare imagining and seeing – although it is not clear to us that this is not a comparison of two phenomena – it becomes very clear to us that imagining is something specific, which cannot be explained by something else (images, arbitrariness and non-arbitrariness, etc.).

§

24a[3]

Das Sehen untersteht dem Willen in anderer Weise, als das Vorstellen. Oder: ‘sehen’ & ‘vorstellen’ haben zum ‘wollen’ verschiedene Beziehung.

Seeing is subject to the will in a different way than imagining. Or: ‘seeing’ & ‘imagining’ have different relationships to ‘willing’.

§

24a[4] &
24b[1]

Nun scheint es aber doch als wären Vorstellungen matte Spiegelungen der Sinneseindrücke. Wann scheint es so, & wem? Es gibt natürlich ein klar & unklar in den Vorstellungen. Und wenn ich sage “Mein Vorstellungsbild von ihm ist viel unbestimmter als mein Gesichtseindruck, wenn ich ihn sehe, so ist das wahr, denn ich kann ihn aus der Vorstellung auch nicht annähernd so genau beschreiben, als wenn ich ihn vor uns habe. Es kann aber doch geschehen daß eines Menschen Gesicht sich so trübt, daß er einen Andern viel unschärfer sieht, als er sich ihn vorstellen kann.

Now, it seems as if images are dull reflections of sensory impressions. When does it seem so, and to whom? There is of course a clear and unclear in the images. And if I say “My mental image of him is much more vague than my visual impression when I see him,” that is true, because I cannot describe him in the image nearly as accurately as when I have him in front of me. But it can still happen that a person’s face becomes so blurred that he sees another person much less clearly than he can imagine him.

§

24b[2]

I.A. Richards spricht davon, daß beim Verstehen eines Satzes die Bewegungsempfindungen, angefangener Bewegungen, ja vielleicht die Vorstellungen solcher Empfindungen eine Rolle spielen.

I.A. Richards speaks of how, in the process of understanding a sentence, the sensations of movement, of movements that have begun, and perhaps even the images of such sensations play a role.

§

24b[3]

Kann ich mir z.B. die Empfindungen in meinen Füßen beim Gehen vorstellen?

Can I, for example, imagine the sensations in my feet when walking?

§

24b[4] &
25a[1]

Ich finde, ich kann mir einen stechenden Schmerz im Zahn vorstellen; dazu ist nötig daß ich meine Zähne leicht zusammenschlage. – Warum nenne ich nun, was ich habe eine ‘Vorstellung eines stechenden Schmerzes’; in wiefern ist sie einer Gesichtsvorstellung zu vergleichen? Hat sie wirklich dieselbe Beziehung zu einer Schmerzempfindung wie eine Gesichtsvorstellung zu einem Gesichtseindruck?

I believe I can imagine a sharp pain in my tooth; this requires me to clench my teeth together slightly. – Why do I call what I have an ‘image of a sharp pain’; in what way is it comparable to a visual image? Does it really have the same relationship to a sensation of pain as a visual image has to a visual impression?

§

25a[2]

Wenn ich mir, & ein Andrer sich, einen Schmerz vorstellen kann, oder wir doch sagen, daß wir's können, – wie kann man herausfinden, ob wir uns ihn richtig oder genau, vorstellen?

If I and another person can imagine a pain, or if we say that we can, how can we find out whether we are imagining it correctly or accurately?

§

25a[3]

Wenn ich das Gesicht meines Freundes nach der Vorstellung sehr genau zeichnen kann, wird man sagen, ich habe ihn mir genau vorgestellt. Ich mag aber eine Menge über seine Züge wissen, ohne sie mir vorstellen zu können. Wenn ich mir nun einen Schmerz vorstelle & ich kann ihn sehr genau beschreiben, – gibt es ein Kriterium dafür, daß ich nicht nur das & das von ihm weiß, sondern es auch in der Vorstellung empfinde?

If I can draw my friend’s face very accurately after having formed a mental image of it, one will say that I have formed a very accurate mental image of him. However, I may know a great deal about his features without being able to form a mental image of them. Now, if I imagine a pain & I can describe it very accurately, is there a criterion for the fact that I do not merely know this & that about it, but also experience it in my imagination?

§

25a[4]

Und wie ist es dann mit der Vorstellung einer Bewegungsempfindung?

And how is it then with the image of a sensation of movement?

§

25a[5] &
25b[1]

Oder denken wir an die Erinnerung an einen Geruch. Wie oft geschieht es, daß wir ausrufen, wir hätten uns gerade an den Geruch dieses & dieses Raumes, Kleidungsstückes etc. erinnert. – Gibt es hier ein Kriterium dafür, daß unsre Erinnerung richtig war? – Nun man könnte sich denken, daß einem dann eine Probe einer Substanz gezeigt würde von der wir wüßten sie habe jenen Geruch bewahrt, & man könnte uns fragen: War es dieser Geruch, den Du Dir vorgestellt hast. Denn sich auf jene Weise an den Geruch erinnern, heißt nicht zu wissen, er sei so oder so gewesen, stechend, oder süßlich, etc. etc.. Vielmehr kommt es uns vor als hätten wir irgendwie eine Nase voll von diesem Geruch bekommen.

Or let us think of the memory of a smell. How often does it happen that we exclaim that we have just remembered the smell of this & that room, garment, etc.? – Is there a criterion here for whether our memory was correct? – Now, one might imagine that one would then be shown a sample of a substance from which one knew it had preserved that smell, & one could be asked: Was it this smell that you imagined? For remembering the smell in that way does not mean knowing that it was like this or that, pungent, or sweetish, etc. Rather, it seems to us as if we somehow had a noseful of that smell.

§

25b[2] &
26a[1]

24.12.1947

Könnte es nicht Leute geben, die die Züge eines Menschen aus dem Gedächtnis höchst genau beschreiben könnten, ja, die auch sagen, jetzt wüßten sie plötzlich wie er ausschaut, – die aber die Frage, ob sie den Menschen in diesem Augenblick in irgend einem Sinne ‘vor sich sähen’ (oder dergleichen) unbedingt verneinten? Leute also denen der Ausdruck “ich sehe ihn vor mir” durchaus nicht passend vorkäme? Dies scheint mir eine sehr wichtige Frage. Oder auch: die wichtige Frage ist, ob diese Frage Sinn hat. – Denn, was für einen Grund habe ich, zu glauben, daß das nicht unser Aller Fall ist? Oder, wie kann ich die Frage entscheiden, daß der Andre (ich nehme mich einstweilen aus) sich jemand wirklich ‘visuell vorstellt’, oder nur im Stande ist ihn visuell zu beschreiben (zu zeichnen, etc.)? plus dem Faktum, daß er, wenn ich so sagen darf, eine ‘Erleuchtung’ kennt, oder einen Zustand der Erleuchtung, ähnlich dem ‘jetzt weiß ich's’. (Echte Dauer.)

24.12.1947

Couldn’t there be people who could describe a person’s features from memory with the greatest accuracy, yes, who could even say that they suddenly knew what he looked like, but who would absolutely deny the question of whether they ‘saw’ the person in that moment in any sense (or something similar)? So, people for whom the expression “I see him before me” would by no means fit, or for whom it would occur? This seems to me a very important question. Or also: the important question is whether this question makes sense. – For what reason do I have to believe that this is not the case for all of us? Or, how can I decide the question of whether the other person (I will leave myself out for the time being) really ‘visualizes’ someone, or is only able to describe him visually (to draw him, etc.)? plus the fact that he, if I may say so, knows a ‘moment of insight’, or a state of insight, similar to ‘now I know it’. (Real duration.)

§

26a[2]

Die visuelle Vorstellung ist eben nicht nur durch das Zeichnen-Können & dergl. charakterisiert, sondern auch durch feinere Abschattungen des Benehmens.

The visual image is characterized not only by the ability to draw & the like, but also by more subtle nuances of behaviour.

§

26a[3]

Was sehen wir als Kriterium dafür an, daß Einer sich ein Gesicht, oder eine Haltung z.B. lebhaft vorstellt? Doch, daß er sie beschreiben, nachahmen, zeichnen kann. Er gibt freilich auch Äußerungen von sich, wie den Ausruf “Jetzt sehe ich ihn deutlich” u. dergl. aber diese sind doch nur zusammen mit jenen Fähigkeiten maßgebend.

What do we consider to be the criterion for someone vividly imagining a face or a posture, for example? Well, that he can describe it, imitate it, draw it. He also makes utterances, such as the exclamation “Now I can see him clearly,” etc., but these are only decisive together with those abilities.

§

26a[4] &
26b[1]

D.h., es könnte sein, daß die Unterscheidung, die, ich oben machte, zwischen eigentlichem Vorstellen & einer Erleuchtung mit der Fähigkeit zu beschreiben, – daß dieser Unterschied gar nicht existiert. Oder, daß es hier zwar Unterschiede gibt, aber von anderer Art als jene Unterscheidung es erwarten ließe. Und zwar meine ich nicht nur den Unterschied: daß gewissen Leuten der Ausdruck “vor dem innern Auge sehen” höchst passend, Andern nicht passend erscheint, sondern auch sehr wichtige Unterschiede in der Art & Weise, wie sie das ‘Vorgestellte’ beschreiben, zeichnen, etc. Ich meine Unterschiede, aus denen man etwa geneigt wäre, (meiner Meinung nach irrig) einen Schluß zu ziehen: “in ihnen muß eben etwas anderes vorgehen”.

That is, it could be the case that the distinction I made above between actually imagining something & having an illumination with the ability to describe it – that this difference doesn’t exist at all. Or, that there are indeed differences here, but of a different kind than one would expect from that distinction. And I don’t just mean the difference: that for some people the expression “seeing with the inner eye” seems to fit very well, while for others it doesn’t fit, but also very important differences in the way they describe, depict, etc., the ‘imagined’ thing. I mean differences, from which one might be inclined (in my opinion, mistakenly) to draw the conclusion: “something else must be happening in them”.

§

26b[2]

Anderseits aber kann die Unterscheidung zwischen den verschiedenen ‘innern Vorgängen’ eben die Wichtigkeit der Unterschiede der äußeren betonen.

On the other hand, the distinction between the different ‘inner processes’ may emphasize the importance of the differences in the outer ones.

§

26b[3] &
27a[1]

Zu dem Sprachspiel mit “vorstellen” gehört jedenfalls die Beschreibung der Vorstellung. (Das heißt nicht, daß nicht in Grenzfällen eine Äußerung vorkommen kann: “Ich kann mir's genau vorstellen, aber absolut nicht beschreiben. Ein Spiel läßt Grenzfälle zu – eine Regel Ausnahmen – aber Ausnahmen & Regel könnten nicht ihre Rolle vertauschen, ohne das Spiel zu vernichten. Der ‘Übergang von der Quantität zur Qualität’?)

To the language-game involving “to imagine” certainly belongs the description of the image. (This does not mean that in borderline cases an utterance cannot occur: “I can imagine it exactly, but absolutely cannot describe it.” A game allows for borderline cases – a rule allows for exceptions – but exceptions & rule could not reverse their roles without destroying the game. The ‘transition from quantity to quality’?)

§

27a[2]

“Wenn Ausnahme & Regel ihre Rolle vertauschen, so ist es eben nicht mehr dasselbe!” – Aber was heißt das? Etwa, daß sich dann mit einem Schlage unsre Einstellung zu dem Spiel ändert? Ist es, als kippte, nach einem allmählichen Beschweren der einen & Erleichtern der andern Schale, der Waagebalken, nicht allmählich, um?

“If exception and rule reverse their roles, then it is no longer the same!” – But what does that mean? Is it that our attitude towards the game changes in one fell swoop? Is it as if, after a gradual increase in one pan and decrease in the other, the balance does not gradually tip?

§

27a[3]

Wie könnte nun die Beschreibung der Vorstellung einer Bewegungsempfindung ausschauen?

What might the description of the image of a sensation of movement look like?

§

27a[4]

Ich möchte nun mit der früher unterbrochenen Klassifizierung der psychologischen Begriffe fortfahren.


I would now like to continue with the classification of psychological terms that I interrupted earlier.

§

27a[5] &
27b[1] &
28a[1] &
28b[1]

Gemütsbewegungen. Ihnen gemeinsam echte Dauer, ein Verlauf. (Zorn flammt auf, läßt nach, verschwindet.) ebenso Freude, Depression, Furcht. Unterschied von den Empfindungen: sie sind nicht lokalisiert (auch nicht diffus!) Gemeinsam: sie haben ein charakteristisches Benehmen (Gesichtseindruck) & daraus folgt schon – auch charakteristische Empfindungen. So geht die Trauer oft mit dem Weinen einher & mit dem Weinen verschiedene charakteristische Empfindungen. (A lump rising in the throat. Die tränenschwere Stimme.) Aber die Empfindungen sind nicht die Gemütsbewegung (in dem Sinne wie die Ziffer 2 nicht die Zahl 2.) Unter den Gemütsbewegungen könnte man gerichtete von ungerichteten unterscheiden. Furcht vor etwas, Freude über etwas, etc. Dies etwas ist das Objekt, nicht die Ursache, der Gemütsbewegung. Das Sprachspiel “ich fürchte mich” enthält schon das Objekt. Angst könnte man ungerichtete Furcht nennen, insofern ihre Äußerungen eng verwandt mit denen der Furcht sind. Der Inhalt einer Gemütsbewegung – darunter stellt man sich so etwas vor, wie ein Bild, oder etwas wovon ein Bild gemacht werden kann. (Die Finsternis der Depression, die sich auf einen herniedersenkt, die Flammen des Zornes.) Man könnte auch das menschliche Gesicht ein solches Bild nennen & den Verlauf der Leidenschaft durch seine Veränderungen darstellen. (Zum Unterschied von den Empfindungen:) Sie unterrichten uns nicht über die Außenwelt. (Grammatische Bemerkung.) Liebe & Haß könnte man Gemütsdispositionen nennen; auch Furcht in einem bestimmten Sinne. Es ist eines, akute Furcht empfinden, & ein anderes, jemand ‘chronisch’ fürchten. Aber Furcht ist keine Empfindung. ‘Schreckliche Furcht’: sind es die Empfindungen, die so schrecklich sind? Könnte man die Furcht medizinisch behandeln, wie den Schmerz? Indem man alle Furchtempfindungen lindert? Typische Ursachen des Schmerzes einerseits, der Depression, Trauer, Freude anderseits. Ursache dieses zugleich ihr Objekt. Das Benehmen des Schmerzes & das Benehmen der Traurigkeit. – Man kann diese nur mit ihren äußeren Anlässen beschreiben. (Wenn die Mutter das Kind alleinläßt mag es vor Trauer weinen; wenn es hinfällt, vor Schmerz.) Benehmen & Art des Anlasses gehören zusammen.

Emotional states. They all share a genuine duration, a course. (Anger flares up, subsides, disappears.) The same applies to joy, depression, and fear. Difference from sensations: they are not localized (not even diffusely!). Commonality: they have a characteristic behaviour (visual impression) & this already implies – also characteristic sensations. Thus, grief is often accompanied by weeping & weeping involves various characteristic sensations. (A lump rising in the throat. The tear-filled voice.) But the sensations are not the emotional state (in the sense that the digit 2 is not the number 2). Among emotional states, one could distinguish between directed and undirected ones. Fear of something, joy about something, etc. This something is the object, not the cause, of the emotional state. The language-game “I am afraid” already contains the object. One could call undirected fear anxiety, insofar as its manifestations are closely related to those of fear. The content of an emotional state – one imagines something like a picture, or something from which a picture can be made. (The darkness of depression, descending upon one, the flames of anger.) One could also call the human face such a picture & represent the course of the passion through its changes. (In contrast to sensations:) They do not teach us about the external world. (Grammatical remark.) Love & hate could be called emotional dispositions; also fear, in a certain sense. It is one thing to experience acute fear, & another to fear someone ‘chronically’. But fear is not a sensation. ‘Terrible fear’: are it the sensations that are so terrible? Could fear be treated medically, like pain? By alleviating all fear sensations? Typical causes of pain, on the one hand, and of depression, grief, joy, on the other. The cause is also their object. The behaviour of pain & the behaviour of sadness. – One can only describe these with their external causes. (If the mother leaves the child alone, it may cry out of sadness; if it falls, out of pain.) Behaviour & the type of cause go together.

§

28b[2]

Eine blaugrüne Flamme: der starke einzigartige Eindruck, aber nicht der Eindruck der reinen, primären Farbe. Auch einprägsam. Primäre Farbe: die Wasserscheide im Farbenkreis.

A bluish-green flame: the strong, unique impression, but not the impression of pure, primary colour. Also memorable. Primary colour: the watershed in the colour circle.

§

28b[3]

Du mußt bedenken, wie man zum Begriff der Trauer kommt. (Seelenloser Stamm.) Und anderseits zum Begriff des Schmerzes.

You must consider how one arrives at the concept of grief. (Soulless trunk.) And on the other hand, at the concept of pain.

§

28b[4]

Vielleicht wird man sagen: Wie kann man den Begriff ‘Schmerz durch die Schmerzanlässe charakterisieren? Schmerz ist doch was er ist – was immer ihn veranlaßt! Frage jedoch: Wie identifiziert man Schmerz?

Perhaps one will say: How can one characterize the concept of ‘pain’ through the causes of pain? Pain is what it is – whatever causes it! But the question is: How does one identify pain?

§

28b[5]

Aber der Anlaß bestimmt den Gebrauch des Schmerzsignals.

But the cause determines the use of the pain signal.

§

28b[6] &
29a[1]

Die Verwendung des Schmerzbegriffs ist eben auf bestimmte Weise in unserm Leben eingebettet. Ist charakterisiert durch ganz bestimmte Zusammenhänge. Wie es einen Zug mit dem Schachkönig nur in einem bestimmten Zusammenhang gibt. Er läßt sich aus diesem Zusammenhang nicht lösen. – Denn dem Begriff entspricht eine Technik. (Der Mund lächelt nur in einem Gesicht.)

The use of the concept of pain is embedded in our lives in a certain way. It is characterized by very specific connections. As there is a move with the chess king only in a specific context. It cannot be separated from this context. – Because the concept corresponds to a technique. (The mouth only smiles in a face.)

§

29a[2]

Nur in mitten gewisser normaler Lebensäußerungen gibt es eine Schmerzäußerung; nur inmitten von, noch viel weitgehender, bestimmter Lebensäußerungen den Ausdruck der Trauer, oder der Zuneigung. U.s.f..

Only amidst certain normal expressions of life is there a pain expression; only amidst, even more extensively, specific expressions of life is there the expression of grief, or affection. And so on.

§

29a[3]

Gemütsdispositionen (Liebe z.B.) kann man prüfen, Gemütsbewegungen nicht.

Emotional dispositions (love, for example) can be tested, emotional states cannot.

§

29a[4] &
29b[1]

Die Gemütsbewegungen besitzen ihre charakteristischen Gedanken. (Vom Schmerz kann man dies aber auch sagen.) Was man ‘Schmerzgedanken’ nennen könnte, wird sich z.B. mit der Abhilfe, oder der Ursache des Schmerzes beschäftigen. Von solchen Gedanken sagt man aber nicht sie seien ‘schmerzlich’. Vergleiche aber ‘traurige Gedanken’, ‘fröhliche Gedanken’, ‘Furchtgedanken’. Die Furchtgedanken gehören zum Bild der Furcht, wie das Furchtbenehmen. Was einer in seiner Furcht spricht, gehört ja zum Furchtbenehmen.

Emotional states possess their characteristic thoughts. (One can also say this about pain.) What one might call ‘pain thoughts’ will, for example, deal with the remedy, or the cause of the pain. But one does not say that these thoughts are ‘painful’. Compare, however, ‘sad thoughts’, ‘joyful thoughts’, ‘fear thoughts’. The fear thoughts belong to the picture of fear, as does the fear behaviour. What one says in their fear is part of the fear behaviour.

§

29b[2]

Ich will sagen, daß typische Gedanken mit der Furcht, dem Zorn, etc. anders verbunden sind, als (typische Gedanken) mit dem Körperschmerz. Hier aber wären die Trauer, oder der Gram, die Sorge, die Sehnsucht, die Hoffnung bessere Beispiele als Furcht & Zorn. Furcht & Zorn ist auch tierisch, nicht (aber) Gram.

I want to say that typical thoughts associated with fear, anger, etc., are connected differently than (typical thoughts) associated with physical pain. Here, however, grief, sorrow, worry, longing, and hope would be better examples than fear and anger. Fear and anger are also present in animals, but not grief.

§

29b[3]

Ich möchte sagen: Gemütsbewegungen können die Gedanken färben, der Schmerz nicht. Und darum redet man von traurigen Gedanken nicht aber in analoger Weise von schmerzlichen. Es ist als könnte man sagen: Furcht oder gar Hoffnung könne geradezu ‘aus Gedanken bestehen’, aber doch nicht Schmerz. Nun Schmerz hat vor allem die Merkmale der Empfindung, & Furcht nicht. Furcht hängt mit Befürchtungen zusammen & Befürchtungen sind Gedanken.

I would like to say: emotions can color thoughts, but pain does not. That is why one speaks of sad thoughts, but not in a similar way of painful thoughts. It is as if one could say: fear or even hope can almost ‘consist of thoughts’, but not pain. Now, pain primarily has the characteristics of sensation, and fear does not. Fear is associated with apprehensions, and apprehensions are thoughts.

§

29b[4] &
30a[1]

Die Hoffnung kann man eine Gemütsbewegung nennen. D.h., sie mit Furcht, Zorn, Freude zusammenstellen. Sie ist verwandt mit dem Glauben, der keine Gemütsbewegung ist. Es gibt keinen typischen Körperausdruck des Glaubens. Der Glaube hat nicht echte Dauer. Es ist aber die Frage, ob man nicht von der Hoffnung dasselbe sagen muß. Vergleiche die Bedeutung von “ununterbrochener Schmerz” – mit: “ununterbrochener Zorn”, “– Jubel”, “– Trauer”, “– Freude”, “– Furcht”; & anderseits “ununterbrochener Glaube”, “– Hoffnung”. Die Hoffnung mag im Gesicht aufzucken, aber es gibt keinen dauernden Gesichtsausdruck der Hoffnung.

Hope can be called an emotion. That is, it can be placed together with fear, anger, and joy. It is related to belief, which is not an emotion. There is no typical bodily expression of belief. Belief does not have a real duration. But the question is whether one must say the same about hope. Compare the meaning of ‘uninterrupted pain’ – with: ‘uninterrupted anger’, ‘– jubilation’, ‘– sorrow’, ‘– joy’, ‘– fear’; and conversely ‘uninterrupted belief’, ‘– hope’. Hope may flash in one’s face, but there is no lasting facial expression of hope.

§

30a[2]

Heißt “hoffen” nicht: mehr oder weniger bestimmt glauben, es werde eintreffen, was man wünscht? Aber man fürchtet sich, sehnt sich von Früh bis abends, erwartet von Früh bis Abends, hofft ebenso, aber glaubt nicht von Früh bis abends. Weil die Furcht, die Sehnsucht, die Erwartung, die Hoffnung mit ihnen einhergehende Äußerungen haben, nicht aber der Glaube.

Doesn’t ‘hoping’ mean: believing, more or less certainly, that what one wishes will come to pass? But one fears, longs, and expects from morning to evening, and hopes in the same way, but does not believe from morning to evening. Because fear, longing, expectation, and hope have accompanying expressions, but belief does not.

§

30a[3] &
30b[1]

Aber auch Furcht, Hoffnung, Sehnsucht, Erwartung sind schwer mit einander zu vergleichen. Die Sehnsucht ist eine Beschäftigung in Gedanken mit einem bestimmten Objekt. Die Furcht vor einem Ereignis (apprehension) scheint von ähnlicher Art zu sein, nicht aber die Furcht vor dem Hund, der mich anbellt. Es könnten hier zwei verschiedene Worte gebraucht werden. Ebenso kann “erwarten” bedeuten: glauben das & das werde geschehen– aber auch: die Zeit mit erwartenden Gedanken & Tätigkeiten hinbringen, also harren.

But fear, hope, longing, and expectation are also difficult to compare with one another. Longing is an occupation with a specific object in thought. The fear of an event (apprehension) seems to be of a similar nature, but not the fear of the dog that is barking at me. Two different words could be used here. Likewise, ‘expecting’ can mean: believing that this and that will happen – but also: spending time with expectant thoughts and activities, i.e., waiting.

§

30b[2]

Ist es aber nicht ein wichtiger Unterschied zwischen Furcht, Hoffnung, Gram & Zorn, daß “ich fürchte” & “ich hoffe” zwar Äußerungen von Furcht & Hoffnung sind, nicht aber “ich bin zornig” & “ich gräme mich” Äußerungen von Zorn & Gram?

But isn’t an important difference between fear, hope, grief, and anger that ‘I fear’ and ‘I hope’ are expressions of fear and hope, but not ‘I am angry’ and ‘I am grieving’ expressions of anger and grief?

§

30b[3] &
31a[1]

Vergleiche: den Zornanlaß & das Zornbenehmen mit dem Gramanlaß & dem Grambenehmen & mit dem Furchtanlaß & dem Furchtbenehmen. Und tu das Gleiche, wenn es möglich ist, für Freude, Trauer, Sehnsucht, Hoffnung, Erwartung, Verzweiflung, Mißtrauen, Vertrauen, u.a..

(Welche von ihnen wird man “Leidenschaften” nennen können?)

Compare: the cause of anger and the behavior associated with anger with the cause of grief and the behavior associated with grief and with the cause of fear and the behavior associated with fear. And do the same, if possible, for joy, sorrow, longing, hope, expectation, despair, distrust, trust, etc.

(Which of these would one be able to call ‘passions’?)

§

31a[2]

Der Glaube ist keine Beschäftigung mit dem Gegenstand des Glaubens. Die Furcht die Sehnsucht die Hoffnung aber beschäftigen sich mit ihrem Objekt.

Belief is not an occupation with the object of belief. But fear, longing, and hope occupy themselves with their object.

§

31a[3]

Wie beschäftigen sich Furcht, Sehnsucht, Hoffnung, Gram mit ihrem Objekt?

How do fear, longing, hope, and grief occupy themselves with their object?

§

31a[4]

Beschäftigen sich Sehnsucht & Zorn in gleichem Sinne mit ihrem Objekt? [Die Vieldeutigkeit des Ausdrucks “sich mit etwas beschäftigen”]

Do longing and anger occupy themselves with their object in the same sense? [The ambiguity of the expression ‘to occupy oneself with something’]

§VB

31a[5]

Wir sagen in einer wissenschaftlichen Untersuchung alles Mögliche; machen viele Aussagen, deren Rolle in der Untersuchung wir nicht verstehen. Denn wir sagen ja nicht etwa alles mit einem bewußten Zweck, sondern unser Mund geht eben. Wir gehen durch herkömmliche Gedankenbewegungen, machen, automatisch, Übergänge gemäß den Techniken, die wir gelernt haben. Und nun müssen wir erst was wir gesagt haben sichten. Wir haben eine ganze Menge unnütze, ja zweckwidrige Bewegungen gemacht, müssen nun unsre Gedankenbewegungen philosophisch klären.

In a scientific investigation, we say all sorts of things; we make many statements, the role of which in the investigation we do not understand. Because we do not say everything with a conscious purpose, but our mouth simply moves. We go through conventional thought processes, make, automatically, transitions according to the techniques we have learned. And now we must first sort out what we have said. We have made a whole lot of useless, indeed counterproductive movements, and now we must clarify our thought processes philosophically.

§

31b[1]

25.12.1947

Wenn ich Furcht naiv beschreiben sollte, würde ich sagen: sich vor etwas fürchten, heißt: daran denken mit einem sonderbaren Gefühl im Magen & vielleicht in den Gliedern. – Oder ich würde das ganze Furchtbenehmen eines Menschen beschreiben: Wie er von dem Gefürchteten redet, was er denkt, was er fühlt, wie er handelt.

December 25, 1947

If I were to describe fear naively, I would say: to fear something means: to think about it with a peculiar feeling in the stomach and perhaps in the limbs. – Or I would describe the entire behavior of a fearful person: how he talks about what he fears, what he thinks, what he feels, how he acts.

§

31b[2]

Denk wieder an das seelenlose Volk: Was ist es in ihrem Benehmen, das uns den Begriff ‘Furcht’ bei einem Bericht über sie anwenden läßt. Denk an die Zeichen der Furcht vor einem Objekt, das Zurückweichen, Fliehen, etc.; & an die Zeichen der Furcht vor dem Kommenden Haben sie den Begriff der Furcht so müssen sie sagen können “ich fürchte mich” & “er fürchtet sich”. Es ist für uns hier gleichgültig, ob sie beidemale das gleiche Wort gebrauchen. (Wir tun es ja übrigens auch nicht, da die Endungen verschieden sind.)

Think again of the soulless people: what is it in their behaviour that leads us to apply the concept of ‘fear’ when reporting on them? Think of the signs of fear of an object, such as recoiling, fleeing, etc.; & of the signs of fear of what is to come. If they have the concept of fear, then they must be able to say “I am afraid” & “he is afraid”. It is irrelevant to us here whether they use the same word in both cases. (We don’t do that either, by the way, since the endings are different.)

§

31b[3] &
32[1]

Wenn ich nun sage, ich fürchte mich, – tu ich's, weil ich, wenn auch nicht an mein Benehmen, doch an die organischen Gefühle denke, an die Furchtgedanken, an meine Unfähigkeit mich mit andern Dingen zu befassen, etc.? Ist “Ich fürchte mich!” ein Bericht? Ebensowenig, wir das ängstliche Zurückweichen, oder das Wimmern der Furcht.

If now I say, I am afraid, – am I doing so because I think, even if not of my behaviour, of the organic feelings, of the thoughts of fear, of my inability to occupy myself with other things, etc.? Is “I am afraid!” a report? Just as little as the anxious recoiling, or the whimpering of fear.

§

32a[2]

Aber wie, wenn einer erzählt: “Ich fürchte mich vor Hunden”? Es ist dann ein Bericht keine Furchtäußerung. Und doch hängt es mit der Furchtäußerung zusammen. Ich könnte Einem sagen “Ich fürchte mich vor Hunden”; dann kommt uns ein Hund entgegen & ich sage “Siehst Du, ich fürchte mich!” Das ist eben die komplizierte Verwendung des Worts “fürchten”.

But what if someone says: “I am afraid of dogs”? Then it is a report, not an utterance of fear. And yet it is connected with the utterance of fear. I could say to someone, “I am afraid of dogs”; then a dog comes along and I say, “See, I am afraid!” This is simply the complicated use of the word “afraid.”

§

32a[3] &
32b[1]

Wenn ich aber nun sage: “Ich habe mich den ganzen Tag vor seinem Kommen gefürchtet” – da könnte ich doch ins Einzelne gehen (& sagen): Ich habe gleich beim Erwachen gedacht: ‥‥‥․ Dann überlegte ich mir ‥‥ Ich sah immer wieder zum Fenster hinaus, etc. etc.. Das könnte man einen Bericht über die Furcht nennen. Wenn ich aber damals zu jemand sprach “Ich fürchte mich ‥‥” – ist das gleichsam ein Stöhnen der Furcht, oder eine Betrachtung über meinen Zustand? – Es könnte das eine aber auch das andere sein: Es mag einfach ein Stöhnen der Furcht sein; es mag aber auch sein, daß ich dem Andern berichten will, wie ich den Tag verbracht habe. Wenn ich ihm nun sagte: “Ich habe den ganzen Tag in Furcht verbracht (nun folgen vielleicht Einzelheiten) & auch jetzt bin ich voll Angst” – was sollen wir nun über dieses Gemisch von Bericht & Äußerung sagen? – Nun, was sollen wir sagen – als daß wir hier die Verwendung des Wortes “Furcht” exemplifiziert sehen.

But if now I say: “I have been afraid all day of his coming” – then I could go into details (and say): I thought, as soon as I woke up: ‥‥‥․ Then I thought about ‥‥ I kept looking out of the window, etc., etc. One could call that a report about fear. But if I said to someone at the time, “I am afraid ‥‥” – is that, as it were, a groan of fear, or a reflection on my state? – It could be one or the other: It may simply be a groan of fear; but it may also be that I want to tell the other person how I spent the day. If I said to him: “I spent the whole day in fear (perhaps followed by details) and even now I am full of fear” – what should we say about this mixture of report and utterance? – Well, what should we say – except that we see here the use of the word “fear” exemplified.

§

32b[2]

Wohl; aber daß der Begriff der Furcht der Begriff eines Seelenzustandes ist, liegt doch darin, daß wir von uns selbst (nicht auf Grund einer Beobachtung) dasselbe sagen, wie vom Andern (den wir beobachten). Das ist es, was diesen Begriff zum Begriff des Seelenzustandes macht.

Indeed; but the fact that the concept of fear is the concept of a state of mind lies in the fact that we say of ourselves (not on the basis of an observation) the same thing as of the other person (whom we observe). That is what makes this concept the concept of a state of mind.

§

33a[1]

Aber Du siehst eben, daß es unter den Begriffen der Seelenzustände große Unterschiede gibt.

But you see that there are great differences among the concepts of states of mind.

§

33a[2] &
33b[1]

Denk Dir den Fall, wenn ich, bei einer bestimmten Gelegenheit, nur einen furchtvollen Gedanken habe; eine furchtvolle Minute. (A pang of fear.) – Ich sage vielleicht: “Gott! wenn er nur nicht ‥‥” – Worin lag es, daß der Gedanke furchtvoll war? In einem Gefühl, das ihn begleitete? Und was ist so ein Gefühl? Ist es körperlich, wie ein Schmerz? Und, wenn nicht, – warum nennt man's dann “Gefühl”? Wo ist die Ähnlichkeit? – Und wenn man mir dann sagt: “Du hast Dich gefürchtet, er könnte ‥‥․” & ich sage “Ja, ich habe für einen Moment große Angst gehabt” – wenn ich da ein Gefühl meinte, – wie bezog es sich auf das, was ich befürchtete? Wenn es Leute gäbe, die in den Fällen, wo wir Befürchtungen mit Angstgefühlen aussprechen, einen stechenden Schmerz in der linken Seite empfänden, – würde dies Stechen bei ihnen den Platz unsres Furchtgefühls einnehmen? – Wenn wir also diese Leute beobachteten, &, sooft sie eine Befürchtung aussprächen, d.h. etwas sagten was bei uns jedenfalls eine Befürchtung wäre, & sie zuckten dabei zusammen & hielten sich die linke Seite, – würden wir sagen: Diese Leute empfinden ihre Furcht als stechenden Schmerz? Offenbar nicht. –

Imagine the case where, on a particular occasion, I have only one fearful thought; a fearful moment. (A pang of fear.) – I might say: “God! if only he didn't ‥‥” – What was it that made the thought fearful? Was it a feeling that accompanied it? And what is such a feeling? Is it physical, like pain? And, if not, – why is it then called “feeling”? Where is the similarity? – And if someone then tells me: “You were afraid that he might ‥‥․” & I say “Yes, I was very afraid for a moment” – if I meant a feeling by that, – how did it relate to what I feared? If there were people who, in the cases where we express fears with feelings of anxiety, experienced a sharp pain in their left side, – would this stabbing pain take the place of our feeling of fear in them? – If we were to observe these people, & whenever they expressed a fear, i.e. said something that would in any case be a fear in us, & they twitched at the same time & held their left side, – would we say: These people experience their fear as a sharp pain? Apparently not. –

§

33b[2]

Nein: Schmerzbenehmen ist nicht Furchtbenehmen, & Furchtbenehmen ist nicht das, des Menschen, der sich mit irgend einem körperlichen Leiden beschäftigt. Es könnte wohl ein Wort dafür geben, daß ich typische Furchtempfindungen, oder auch Furchtreaktionen (Zittern, Schwäche) habe.

No: pain-behaviour is not fear-behaviour, & fear-behaviour is not that of a person who is dealing with some physical ailment. There might probably be a word for the fact that I have typical fear sensations, or even fear-reactions (trembling, weakness).

§

33b[3] &
34a[1]

Das Furchtsignal ist eine bestimmte Reaktion in bestimmten Lagen. Aber ist nicht die Furcht wie ein geistiger Krampf?! Nun, warum soll ich sie nicht einen geistigen Krampf nennen – – aber, wie verwendet man nun dies Wort? Was ist denn ein geistiger Krampf? wie weiß ich, daß Einer einen hat? Wie nimmt man ihn wahr – d.h.: was heißt in diesem Falle “ihn wahrnehmen”? – Und wenn ich selbst sage “Ich habe ihn”, was meine ich damit? & das heißt ja wieder: Wie verwende ich das Wort? –

The fear signal is a specific reaction in certain situations. But isn’t fear like a mental cramp?! Now, why shouldn’t I call it a mental cramp – but, how does one use this word? What is a mental cramp? How do I know that someone has one? How does one perceive it – i.e., what does “perceive it” mean in this case? – And if I myself say “I have it,” what do I mean by that? & that is, again: How do I use the word? –

§

34a[2]

Wie wird der Ausdruck “ein geistiges Leiden” verwendet? – Ist ein ‘geistiges Leiden’ in Wirklichkeit ein körperliches Leiden? Unsinn! – Aber natürlich ist es nicht ein Unwohlgefühl, das woanders lokalisiert ist, als im Körper.

How is the expression “a mental affliction” used? – Is a ‘mental affliction’ actually a physical affliction? Nonsense! – But of course, it is not an unpleasant feeling that is localized somewhere other than in the body.

§

34a[3]

Wenn ich sage “Ich bin traurig” betrachte ich mich & mache eine Bemerkung über mich? Nein, die Verwendung ist ganz anders. Aber was meine ich, wenn ich's sage? Nun, nichts, worauf ich deuten könnte, weder außen noch in mir. Der graue Schatten der Trauer ist, (möchte ich sagen,) eine Personifikation. Ich meine nicht dies – weder in mir noch außer mir.

When I say “I am sad,” am I considering myself & making a remark about myself? No, the use is quite different. But what do I mean when I say it? Well, nothing that I could point to, either externally or within myself. The gray shadow of sadness is, (I would like to say,) a personification. I don’t mean this – neither in myself nor outside myself.

§

34a[4]

Es ist mir nicht leicht von einem Träger des Worts abzusehen & den Blick auf die Verwendung zu richten!

It is not easy for me to look away from a bearer of the word & focus on the use!

§

34a[5]

Denn man will sagen: “Wir haben also ein Leiden. Nun, ist es nicht da, so ist es eben woanders.”

Because one wants to say: “So we have a suffering. Well, if it is not there, then it is somewhere else.”

§

34b[1]

Warum verwendet man aber das Wort “Leiden” für die Furcht & auch für den Schmerz? Nun, es sind ja Verbindungen genug. –

But why is the word “suffering” used for fear & also for pain? Well, there are enough connections. –

§

34b[2]

Denke, man sagte: Fröhlichkeit wäre ein Gefühl, & Traurigkeit bestünde darin daß man nicht fröhlich ist. – Ist denn die Abwesenheit eines Gefühls ein Gefühl?

One might say: cheerfulness is a feeling, & sadness consists in the fact that one is not cheerful. – Is the absence of a feeling a feeling?

§

34b[3]

Ich fühle mich traurig”, sagt man. Was meint man damit: worauf spielt man an? – Nun, ich möchte sagen: auf gar nichts.

“I feel sad,” one says. What does one mean by it: what is one referring to? – Well, I would say: to nothing at all.

§

34b[4]

Vor allem kann es doch selbstverständlich einen Bericht über meine Furchtgedanken & Furchthandlungen – sagen wir, während des heutigen Tages, & mit Bezug auf ein bestimmtes Ereignis – geben.

Above all, there can certainly be a report of my fear thoughts & fear actions – let’s say, during today, & with reference to a specific event.

§

34b[5] &
35a[1]

Wenn ich sage “Ich habe immer mit Furcht daran gedacht” – hat die Furcht meine Gedanken begleitet? – Wie stellt man sich die Trennung des Begleiteten & der Begleitung vor? Man könnte fragen: Wie durchdringt die Furcht den Gedanken? Denn sie scheint nicht nur mit ihm entlang zu gehen.

If I say “I have always thought of it with fear,” has the fear accompanied my thoughts? – How does one imagine the separation of the accompanied & the accompaniment? One could ask: How does fear permeate the thought? Because it doesn’t just seem to go along with it.

§

35a[2]

Wenn ich sage “Ich denke mit Beklemmung daran” so könnte es allerdings so scheinen, als ob der Gedanke, etwa die Worte, mit einem besondern Gefühl in der Brust einhergingen & darauf angespielt würde. Aber die (weitere) Verwendung dieses Satzes ist eben anders. Man sagt auch: “Es beklemmt mir den Atem, daran zu denken” & meint nicht nur, daß erfahrungsgemäß die & die Empfindung & Reaktion diesen Gedanken begleiten. Wer z.B. Einem auf jene Äußerung antwortete “Es tut mir leid, daß Du immer dieses unangenehme Gefühl in der Brust hast, wenn Du von ‥‥ redest” – der hätte die Klage mißverstanden.

If I say “I think of it with distress,” it could indeed seem as if the thought, for example, the words, were accompanied by a particular feeling in the chest & referred to it. But the (further) use of this sentence is different. One also says: “It makes my breath catch to think about it” & does not just mean that, by experience, this & that sensation & reaction accompany this thought. Whoever, for example, responded to that statement with “I’m sorry that you always have this unpleasant feeling in your chest when you talk about ‥‥” would have misunderstood the complaint.

§

35a[3]

Auf die Äußerung “Ich kann nicht ohne Furcht daran denken ‥‥” antwortet man etwa: “Es ist kein Grund zur Furcht, denn ‥‥”. [Das ist jedenfalls ein Mittel, Furcht zu beseitigen, im Gegensatz zu Schmerzen.]

In response to the statement “I cannot think about it without fear ‥‥,” one might say: “There is no reason to fear, because ‥‥.” [This is in any case a means of eliminating fear, as opposed to pain.]

§

35a[4] &
35b[1]

Ist Ekel eine Empfindung? – Hat er einen Ort? – Und er hat einen Gegenstand, wie die Furcht. Gibt es dem Ekel charakteristische Empfindungen? Gewiß!

Is disgust a sensation? – Does it have a location? – And it has an object, as does fear. Are there characteristic sensations of disgust? Certainly!

§

35b[2]

(Man kann diese Probleme nur mit irgendwelcher Hoffnung auf Erfolg behandeln, indem man ein weites Feld behandelt.)

(One can only address these problems with some hope of success by dealing with a wide field.)

§

35b[3]

Wenn Einer sagt “Mir ekelt unaussprechlich bei dem Gedanken …”, so wünscht er nicht, daß man ihm eine Medizin, z.B. Magentropfen, gebe.

If someone says “I am indescribably disgusted by the thought …,” he does not want you to give him a medicine, e.g., antacids.

§

35b[4]

Worin bestehen denn Furchtgedanken? Sind es solche, die den meisten Menschen Furcht einflößen würden? Ich nehme an, ich teile Einem mit, ich hätte mit Bezug auf eine bestimmte Sache heute viele Furchtgedanken gehabt. Was hat er von dieser Mitteilung, wie kann er sie verwenden. Es hätte auch sein können, daß ich meine Furchtgedanken alle geändert habe. Unter diesen Furchtäußerungen fingen auch einige mit “Ich fürchte mich …” an.

What are fear thoughts like? Are they thoughts that would instill fear in most people? I suppose I am telling someone that I had many fear thoughts today with reference to a particular matter. What does he get from this communication, how can he use it? It could also have been that I have changed all my fear thoughts. Among these fear expressions, some also began with “I am afraid of …”.

§

35b[5] &
36a[1]

Wenn ich einem mitteile: “Ich habe den ganzen Tag gefürchtet ‥‥”, so kann er sich ausmalen, wie, etwa, ich den Tag verbracht habe.

If I tell someone: “I have been fearing ‥‥ all day,” he can imagine how, for example, I spent the day.

§

36a[2]

Ja, Du mußt Dich immer fragen: Was wird durch diese Sätze dem Andern mitgeteilt? & das heißt: Welche Verwendung kann er nun davon machen?

Yes, you must always ask yourself: What is being communicated to the other person through these sentences? & that is: What use can he make of it?

§

36a[3]

“Ich fürchte mich” kann natürlich unter Umständen (einfach) soviel heißen wie der Schrei “Nicht! – Nicht!” – aber es kann auch sein, daß Einer mich vor meinem Gang zum Zahnarzt fragt “Fürchtest Du Dich?” & ich antworte “Ja, ich fürchte mich.” Und dies ist gewiß kein Angstschrei; man wird es einen Bericht über meine Stimmung nennen.

“I am afraid” can, of course, under certain circumstances, simply mean as much as the cry “No! – No!” – but it can also be that someone asks me before my visit to the dentist “Are you afraid?” & I answer “Yes, I am afraid.” And this is certainly not a cry of fear; one would call it a report about my state of mind.

§

36a[4]

Wenn Einer sich vor einer Operation fürchtet, so kann er wünschen, daß man ihm eine Morphiuminjektion gibt, die ihm die Furcht nimmt. Hier behandelt er also Furcht wie einen Schmerz.

If someone is afraid of an operation, he may wish to be given a morphine injection that will relieve his fear. Here, then, he treats fear as if it were pain.

§

36b[1]

Ich sagte früher: die Gemütsbewegungen, im Gegensatz zu den Empfindungen, lehrten uns nichts über die Außenwelt. Aber wie belehrt mich der Magenschmerz über die Außenwelt, es sei denn über meinen Magen & über das was ich gegessen habe. Aber so kann mich ja auch meine Furcht über den Zustand meines Nervensystems belehren & tut dies auch oft. Man kann oft sagen: Ich bin jetzt so schreckhaft, mein Körper braucht Schlaf, oder Vitamine, etc.. Nein, hier ist mir noch viel unklar!

I said earlier that emotions, as opposed to sensations, teach us nothing about the external world. But how does stomach pain teach me about the external world, except about my stomach & about what I have eaten? But in the same way, my fear can also teach me about the state of my nervous system & often does. One can often say: I am so easily frightened now, my body needs sleep, or vitamins, etc.. No, I still have much that is unclear here!

§

36b[2]

Ich konstatiere, ich habe Furcht: besinne ich mich dazu meiner Gedanken in der letzten halben Stunde, oder laß ich mir rasch einen Gedanken an den Zahnarzt durch den Kopf gehen, um zu sehen, wie er mich affiziert; oder konnte mir ein Zweifel kommen, ob es wirklich Furcht vor dem Zahnarzt ist & nicht ein anderes organisches Unwohlgefühl?

I state that I am afraid: do I reflect on my thoughts in the last half hour, or do I quickly think of the dentist to see how he affects me; or could I have a doubt as to whether it is really fear of the dentist or some other organic discomfort?

§

36b[3] &
37a[1]

Oder ist das Konstatieren, ich habe Furcht, wie ein äußerst gemildertes Stöhnen der Furcht? Nein; denn mit dem Stöhnen will ich dem Andern nicht unbedingt etwas mitteilen. Die Konstatierung ist, sozusagen, ein Teil eines Gesprächs.

Or is stating that I am afraid like a very mild groan of fear? No, because with the groan I do not necessarily want to communicate something to the other person. The statement is, as it were, part of a conversation.

§

37a[2]

Wenn ich Einem erzähle “Als er auf mich zukam, wich ich vor Furcht zurück”, so teile ich ihm nicht nur das mit, was der Satz ohne die Wörter “vor Furcht” besagt hätte.

If I tell someone “When he came towards me, I recoiled in fear,” I am not only communicating what the sentence would have said without the words “in fear.”

§

37a[3]

Kann man sagen: “Ich fürchte mich vor der Operation nur, während ich gerade an sie denke”? Kann mir nicht vor etwas grauen, auch während ich nicht, sozusagen, ausdrücklich darüber nachdenke. Kann ich Einem nicht sagen “Mir graut vor diesem Zusammentreffen”, obwohl ich das Ereignis sozusagen nur aus dem Augenwinkel sehe. (“at the back of my mind”)

Can one say: “I am only afraid of the operation while I am actually thinking about it”? Can I not feel apprehensive about something, even while I am not, as it were, explicitly thinking about it. Can I not tell someone “I am apprehensive about this meeting,” even though I am only seeing the event from the corner of my eye. (“at the back of my mind”)

§

37a[4]

Was ich nicht weiß ist, ob man so einen Zustand der Seele ein Konglomerat von Zuständen nennen kann. Prima facie ist es wahrscheinlich, daß uns solche Konglomerate interessieren, daß wir von ihnen reden.

What I do not know is whether one can call such a state of mind a conglomerate of states. Prima facie, it is probably the case that we are interested in such conglomerates, that we talk about them.

§VB

37a[5] &
37b[1]

Mir scheint, ich bin noch weit von dem Verständnis dieser Dinge, nämlich von dem Punkt, wo ich weiß, worüber ich sprechen muß, & worüber ich nicht zu sprechen brauche. Ich verwickle mich immer noch in Einzelheiten, ohne zu wissen, ob ich über diese Dinge überhaupt reden sollte; & es kommt mir vor daß ich vielleicht ein großes Gebiet begehe, nur um es einmal aus der Betrachtung auszuschließen. Auch in diesem Falle aber wären diese Betrachtungen nicht wertlos; wenn sie sich nämlich nicht etwa nur im Kreise herumbewegen.

It seems to me that I am still far from understanding these things, namely from the point where I know what I have to talk about, & what I do not have to talk about. I am still getting bogged down in details, without knowing whether I should even talk about these things; & it seems to me that I may be covering a large area, only to exclude it from consideration. But even in this case, these considerations would not be worthless; if they did not simply go around in circles.

§

37b[2] &
38a[1]

01.01.1948

Vergessen wir doch einmal ganz, daß uns der Seelenzustand des Fürchtenden interessiert. Gewiß ist, daß uns auch sein Benehmen unter gewissen Umständen, als Anzeichen für zukünftiges Verhalten interessieren kann. Warum sollten wir also nicht dafür ein Wort haben. Es kann dies ein Verbum, oder Adjektiv sein, der Ausdruck kann analog dem sein “Er fürchtet ‥‥” oder “Er hat Furcht vor ‥‥”, oder “Er ist furchtsam vor ‥‥”. Man könnte nun fragen, ob dies Wort sich wirklich einfach auf das Benehmen, einfach auf die Veränderungen des Körpers, bezöge. Und das können wir verneinen. Es liegt uns ja nichts daran, den Gebrauch dieses Worts so zu vereinfachen. – Es bezieht sich auf das Benehmen unter gewissen äußern Umständen. Wenn wir diese & jenes beobachten, sagen wir Einer sei ‥‥․ Wenn das Wort in der ersten Person gebraucht wird, ist die Analogie mit dem Gebrauch in der dritten Person dieselbe, wie die von “ich schiele” & “er schielt”.

01.01.1948

Let us forget for once that we are interested in the state of mind of the person who is afraid. Certainly, we are also interested in his behaviour under certain circumstances, as an indication of future behaviour. Why shouldn’t we have a word for that. It can be a verb, or an adjective, the expression can be analogous to “He is afraid of ‥‥” or “He has fear of ‥‥”, or “He is fearful of ‥‥”. One could now ask whether this word really refers only to the behaviour, simply to the changes in the body. And we can deny that. We have no interest in simplifying the use of this word in this way. – It refers to the behaviour under certain external circumstances. If we observe this and that, we say that someone is ‥‥․ If the word is used in the first person, the analogy with the use in the third person is the same as that of “I squint” & “He squints”.

§

38a[2] &
38b[1]

Der Behauptungssatz mit dem Verbum in der ersten Person “Ich …” ist natürlich nicht gleichbedeutend unserm “Ich fürchte ‥‥”. Ob die dritte Person mit der dritten Person “Er fürchtet …” gleichbedeutend ist, ist ein Problem. Vor allem könnte man nun fragen ob man jene dritte Person auch dann anwendet wenn einer ‘Furcht heuchelt’ oder auf dem Theater darstellt. Nun auf dem Theater fehlen ja die ‘Umstände’ unter denen die Behauptung gemacht werden soll. Wenn Einer aber unter ‘furchtbaren’ Umständen ‘Furcht heuchelt’, so werden wir unser Wort anwenden. Wir könnten uns aber auch eine noch kompliziertere Anwendung denken. Und zwar wäre dies eine solche, daß das spätere Benehmen auch noch einen Schluß darauf zuließe, ob die Behauptung “Er ‥‥” richtig war. Wer z.B. in einer bestimmten Lage zuerst Furchtbenehmen zeigt gleich darauf aber lacht von dem könnte man dann leugnen er habe ein echtes Furchtbenehmen gezeigt. Man könnte also zwischen echtem & unechtem Furchtbenehmen unterscheiden.

The assertive sentence with the verb in the first person, “I…”, is of course not equivalent to our “I fear…”. Whether the third person with the third person “He fears…” is equivalent is a problem. Above all, one could now ask whether one applies that third person even when someone is ‘feigning fear’ or performing it on stage. On stage, the ‘circumstances’ under which the assertion is to be made are of course missing. If, however, someone is ‘feigning fear’ under ‘terrible’ circumstances, then we will apply our word. But we could also imagine an even more complicated application. Namely, one in which later behaviour also provides grounds for concluding whether the assertion “He…” was correct. For example, one could deny that someone showed genuine fearful behaviour if, in a certain situation, they first show fearful behaviour but then laugh. One could thus distinguish between genuine & feigned fearful behaviour.

§

38b[2] &
39a[1]

Ich will nur sagen, daß Menschen, welche einen solchen Begriff gebrauchen, seinen Gebrauch nicht müßten beschreiben können. Und sollten sie es versuchen, so könnten sie eine ganz unzulängliche Erklärung geben. (Wie die meisten, wenn sie versuchen wollten die Verwendung des Geldes richtig zu beschreiben.) Es ist z.B. möglich, daß sie diese Aussage von einem Menschen machen, ohne doch recht sagen zu können, welches Benehmen in ihm sie dazu veranlaßt. Sie könnten sagen “Ich sehe es; aber ich weiß nicht genau, was ich sehe.” Wie wir sagen: “Es hat sich etwas an ihm verändert, aber ich weiß nicht genau, was”. Und die künftige Erfahrung mag ihnen Recht geben.

I only want to say that people who use such a concept should not be able to describe its use. And if they were to try, they could only give a very inadequate explanation. (As most people would, if they were to try to accurately describe the use of money.) For example, it is possible that they make this statement about a person, without being able to correctly say which behaviour leads them to do so. They might say, “I see it, but I don’t know exactly what I see.” As we say, “Something has changed in him, but I don’t know exactly what.” And future experience may prove them right.

§

39a[2]

Es könnte nun sein, daß Leute ein Verbum hätten, dessen dritte Person sich genau mit unserm “Er fürchtet sich ‥‥” deckt; dessen erste Person aber nicht mit unserm “Ich fürchte mich”. Denn jene Behauptung in der ersten Person würde sich auf Selbstbeobachtung stützen. Sie wäre nicht die Äußerung der Furcht, & es gäbe ein “Ich glaube, ich ‥‥”, “Es kommt mir vor, ich ‥‥”. Diese erste Person hätte nun, so scheint es mir, keine, oder eine sehr geringe Verwendung. Würde mein Benehmen in einer bestimmten Situation gefilmt, so könnte ich, wenn mir der Film vorgeführt wird sagen: “Mein Benehmen macht den Eindruck ‥‥”.

It could now be the case that people have a verb whose third person coincides exactly with our “He is afraid ‥‥”, but whose first person does not coincide with our “I am afraid”. For that assertion in the first person would be based on self-observation. It would not be the utterance of fear, & there would be an “I believe, I ‥‥”, “It seems to me, I ‥‥”. This first person would now, as it seems to me, have no, or a very limited, use. If my behaviour in a certain situation were filmed, then I could, when the film is shown to me, say: “My behaviour gives the impression ‥‥”.

§

39a[3] &
39b[1]

Das “Ich glaube, er fühlt, was ich unter solchen Umständen fühle” gibt es hier noch nicht: Die Interpretation, daß ich in mir etwas sehe, was ich in ihm vermute. Denn in Wahrheit ist das eine rohe Interpretation. Ich vermute – im allgemeinen – die Furcht nicht in ihm, – ich sehe sie. Es ist mir nicht, als schlösse ich aus einem Äußeren auf die wahrscheinliche Existenz eines Innern; sondern als sei das menschliche Gesicht quasi durchscheinend, & ich sähe an ihm nicht reflektiertes, sondern eigenes Licht.

“I believe he feels what I feel under such circumstances” does not yet exist here: the interpretation that I see something in myself that I suspect in him. For in truth, this is a crude interpretation. I do not, as a rule, suspect fear in him; rather, I see it. It is not as if I were inferring the probable existence of an inner state from an external one; but rather as if the human face were almost transparent, & I saw not reflected light, but its own light.

§

39b[2]

“Mir graut davor.” – Das ist nicht ein Konterfei von etwas was ich sehe. Ja, so wie ich schaue, sehe ich nichts, oder nicht eigentlich, was ich meinte. Es ist dann, es wäre dies ein so feiner Schleier, daß ich von ihm wissen, aber ihn nicht eigentlich sehen könnte. Als wäre das Grauen ein ganz feines dumpfes Geräusch neben den Tagesgeräuschen, das ich nur merken & nicht eigentlich hören könnte.

“I dread it.” – This is not a representation of something that I see. Yes, in the way that I look, I see nothing, or not really what I meant. It is then, it would be such a fine veil that I could know of it, but not actually see it. As if the dread were a very faint, dull noise beside the noises of the day, which I can only notice & not really hear.

§

39b[3] &
40a[1]

Denk Dir, ein Kind, das lange nicht recht sprechen lernen konnte, gebrauche plötzlich den Ausdruck, den es von den Erwachsenen gehört hatte, “Mir graut vor ‥‥”. Und sein Gesicht & die Umstände & was folgt lassen uns sagen: Es hat das wirklich gemeint. (Man könnte ja immer sagen: “Eines schönen Tages gebraucht nun das Kind das Wort.”) Ich habe den Fall des Kindes herangezogen, weil hier, was in ihm vorgeht, uns noch fremder erscheint als im Erwachsenen. Was weiß ich, so möchte ich sagen – von einem Hintergrund der Worte “Mir graut …”? Läßt das Kind mich plötzlich in sich hinein schauen?

Imagine a child that has had difficulty learning to speak, and suddenly uses the expression it has heard from adults, “I am afraid of …”. And its face, & the circumstances, & what follows, make us say: It really meant it. (One could always say: “One fine day the child used the word.”) I have used the example of the child because what is going on in it seems even stranger to us than in the adult. What do I know, I would like to say – about a background to the words “I am afraid …”? Does the child suddenly let me look into itself?

§

40a[2]

Die Worte “Mir graut” werden wohl zuerst Träger eines bestimmten Tonfalls sein & einer bestimmten Miene.

The words “I am apprehensive” will probably first be the bearer of a certain tone of voice and a certain facial expression.

§

40a[3] &
40b[1]

Wenn man nun sagt: “Mir graut sooft ich daran denke” – so klingt es, als sagte man so etwas wie “Ich fühle ‥‥, sooft ich daran denke”. Aber es ist eben doch nicht so aufzufassen, als hätte man dann immer die & die Empfindungen. Und doch ist es wahr, daß ich im Zustand der Furcht bestimmte, & charakteristische Empfindungen, in Brust & Magen z.B., haben kann! Und doch wieder sind diese nicht die Furcht! Aber das heißt nun nicht, daß die Furcht etwas außer ihnen, im selben Raum wie sie ist. (Wenn Bunyan berichtet seine religiöse Angst sei mit einem furchtbaren Gefühl in der Magengegend einhergegangen, so kann man nicht sagen, er hätte nicht so wehleidig sein sollen.)

If one says, “I often feel uneasy when I think about it,” it sounds as if one is saying something like, “I feel… whenever I think about it.” But it cannot simply be understood as meaning that one always has the same sensations. And yet it is true that I can have certain, characteristic sensations—in my chest and stomach, for example—when I am in a state of fear! But these are still not the fear itself! But this does not mean that fear is something apart from them, in the same space as they are. (If Bunyan reports that his religious anxiety was accompanied by a terrible feeling in his stomach, one cannot say that he should not have been so sensitive.)

§

40b[2]

Diese Sache erinnert auch an das Hören eines Geräusches aus einer bestimmten Richtung. Es ist beinahe als fühlte man die Beschwerde in der Magengegend aus der Richtung der Furcht. D.h. eigentlich daß “Mir ist schlecht vor Furcht” nicht eine Ursache der Furcht angibt.

This also brings to mind the experience of hearing a sound coming from a specific direction. It is almost as if one feels the discomfort in the stomach area originating from the direction of the fear. In other words, “I feel sick with fear” does not indicate a cause of the fear.

§

40b[3] &
41a[1]

“Du machst Dir's leicht” könnte man sagen – “Du erklärst einfach alles, was Du nicht analysieren kannst, als eine spezifische unauflösliche psychologische Erscheinung.” Nun, das ist wahr, insofern ich nicht mehr tun kann, als das Gemeinsame der psychologischen Sprachspiele anzudeuten.

“You’re making it easy for yourself,” one might say – “you’re simply explaining everything that you can’t analyze as a specific, irreducible psychological phenomenon.” Well, that’s true, inasmuch as I can’t do more than indicate the commonalities of the psychological language-games.

§

41a[2]

Daß es ein Furchtkonglomerat (z.B.) gibt, heißt nicht, daß Furcht ein Konglomerat ist.

The fact that there is a conglomerate of fear (e.g.) does not mean that fear is a conglomerate.

§

41a[3]

Zustände: “er hat jetzt Schmerzen”, “er hat jetzt wieder Anfälle”, “Hörst Du: der Vogel singt.”, “Der Vogel singt jetzt wieder” “Er pflegt jetzt wieder zu singen”. Vielleicht das Harren aber nicht das Erwarten.

States: “he is now in pain”, “he is now having seizures again”, “Do you hear: the bird is singing”, “The bird is singing again now”, “He tends to sing again now”. Perhaps enduring, but not necessarily expecting.

§

41a[4] &
41b[1]

Gibt es psychologische Konglomerate; & ist das Erwarten eines? Irgend etwas spricht in mir gegen das Letztere. Es ist wohl wahr: wenn ich jemand den ganzen Tag erwarte, auf ihn harre so tue ich eine Reihe charakteristischer Handlungen. Wenn ich z.B. jemand vor der Haustür höre, schau ich aus dem Fenster. Aber, fragte mich jemand “Warum schaust Du hinaus” so würde ich ihm antworten “Ich will sehen, ob es nicht so & so ist”. Die Intention der verschiedenen Handlungen ist immer dieselbe & ist das richtige. – Es ist nun nicht so, als hätte ich manchmal das reine Gefühl der Erwartung; manchmal wieder handelte ich auch erwartend.

Are there psychological conglomerates, & is expecting something one? Something within me speaks against the latter. It is probably true: if I expect someone all day, if I wait for them, then I perform a series of characteristic actions. If, for example, I hear someone at the front door, I look out the window. But if someone were to ask me, “Why are you looking out?”, I would answer him, “I want to see if it is not so & so.” The intention of the various actions is always the same & is the correct one. – It is not as if I sometimes have the pure feeling of expectation; sometimes I also act while expecting.

§

41b[2]

Der Unterschied zwischen meinem Philosophieren & dem Andren ist eigentlich: daß, was ich als (die) Vorbereitung zur Klärung hinschreibe, sie als philosophische Erklärung ansehen.

The difference between my philosophizing & that of others is essentially this: what I write down as preparation for clarification, they regard as a philosophical explanation.

§

41b[3]

Ich fange an: “Ich bin geneigt, zu sagen ‥‥‥ ‥‥” – Und das heißt: die rechte Formulierung ist noch nicht gefunden. Denn ist sie gefunden, so nehmen wir den Ausdruck als selbstverständlich hin, & weder Neigung noch Abneigung ist mehr vorhanden.

I begin: “I am inclined to say … … …” – And that means: the right formulation has not yet been found. For when it has been found, one accepts the expression as self-evident, & neither inclination nor disinclination is present anymore.

§

41b[4] &
42a[1]

Jemand erwarten, kann natürlich einfach heißen: glauben, er werde kommen. – In diesem Sinne würde ich auch Einen erwarten, während ich nicht an ihn denke. – Es kann aber auch heißen: im Hinblick auf sein Kommen, d.h. mit dieser Intention, handeln, reden, denken. So daß man Einem der sagt “Ich habe ihn sehnsüchtig den ganzen Tag erwartet” widersprechen kann: “Du hast ja gar nicht an ihn gedacht”. Welches kein Widersprechen wäre, hätte er gesagt: “Ich habe sein Kommen erwartet” – oder “Ich wußte, daß er kommen wird”.

To expect someone can simply mean: to believe that he will come. In this sense, I would also expect someone while not thinking of him. But it can also mean: to act, speak, and think with a view to his coming, i.e., with this intention. So that one can contradict someone who says, “I have been eagerly expecting him all day”: “But you haven’t even thought of him.” Which would not be a contradiction if he had said: “I have been expecting his arrival” or “I knew that he would come.”

§

42a[2]

Sage ich “Ich erwarte sehnsüchtig sein Kommen”, so heißt das: ich beschäftige mich mit seinem Kommen (in Gedanken – & man kann auch sagen: in Gedanken & Handlungen.) Den Zustand des sehnsüchtigen Erwartens kann man also ein Konglomerat nennen. Aber es ist nicht, sozusagen, ein Konglomerat von Handlungen einer bestimmten Art, sondern es geht um die Intention der Handlungen, also um ein Motiv, nicht eine Ursache.

If I say “I eagerly await his arrival,” then this means: I am engaging with his arrival (in thought – & one can also say: in thoughts & actions). One can therefore call the state of eager anticipation a conglomerate. But it is not, as it were, a conglomerate of actions of a certain kind, but rather it is about the intention of the actions, that is to say, about a motive, not a cause.

§

42a[3] &
42b[1]

Wer nun sagt “Ich erwarte sehnsüchtig sein Kommen”, teilt der mir mit, er denke immer an so & so, handle in diesen Gedanken etc.? Stattet er mir einen Bericht ab über diese seine Gedanken & Handlungen? – Sagte er z.B. “Du findest mich in sehnsüchtiger Erwartung des so & so”, dann wäre es so. Er könnte nun amplifizieren & was er tat & dachte beschreiben.” Ich erwarte ihn sehnsüchtig” aber kann einfach heißen: “Ach, wenn er nur schon käme!”

If someone says, “I am eagerly expecting his arrival,” does he tell me that he is always thinking of so and so, acting in these thoughts, etc.? Does he give me an account of his thoughts and actions? If he said, for example, “You will find me in eager expectation of so and so,” then that would be so. He could now amplify and describe what he did and thought. “I am eagerly expecting him” can simply mean: “Oh, if only he would come!”

§

42b[2] &
43a[1]

Nun, hier haben wir eine Wortreaktion, zu der Blick & Stimme gehören. Und Blick & Stimme könnten unter den geeigneten Umständen das Gleiche ausdrücken. Wenn einer das Bild eines Menschen liebend an seine Brust drückt – was empfindet der? – – Das ist ein Liebesausdruck. Ob er echt ist, zeigt sich, wie es sich eben zeigt. Wenn Du ihn fragst, was er dabei empfunden hat, wird er vielleicht sagen “Liebe”. Aber diese Antwort ist doch selbst verwandt, wenn auch nicht identisch, mit einer Liebesäußerung. Und hier kommen wir allerdings zu einem wichtigen Punkt: Nämlich dazu, daß der Äußerung, die der ursprünglichen, primitiven Reaktion entspringt, auch ein Berichten, eine Mitteilung, entspricht. Ich sage dem Doktor “Ich habe Schmerzen” & das ist kein Schrei oder Stöhnen. [Das heißt etwa: es kann ein Teil eines ruhigen Gesprächs sein.]

Now, here we have a verbal reaction, to which gaze & voice belong. And gaze & voice could, under suitable circumstances, express the same thing. If someone presses the image of a person lovingly to their chest – what does he feel? – – That is an expression of love. Whether it is genuine is shown by how it shows itself. If you ask him what he felt while doing so, he might say “love”. But this answer is itself related, albeit not identical, to a loving utterance. And here we come to an important point: namely, that the utterance that springs from the original, primitive reaction also involves reporting, a communication. I tell the doctor “I have pain” & that is not a shout or a groan. [That is, it can be part of a calm conversation.]

§

43a[2]

Was aber macht diese Worte zur Mitteilung, zum Bericht, & unterscheidet sie von der Schmerzäußerung? Der Schmerz ‘erpreßt’ sie nicht. Sie sind etwa die Antwort auf eine Frage. Sie sind nicht vor allem Träger einer Intonation. – Was aber verknüpft sie dann trotzdem mit einer Schmerzäußerung?

What, then, makes these words a communication, a report, & distinguishes them from the manifestation of pain? Pain does not ‘coerce’ them. They are, for example, the answer to a question. They are not primarily carriers of intonation. – But what then nevertheless connects them with a pain utterance?

§

43a[3] &
43b[1]

Wenn ich sage, ich verwende die Worte “Ich habe Schmerzen” “Ich sehne mich nach ihm”, etc., als Mitteilung nicht als Naturlaut so charakterisiert dies meine Intention. Ich will z.B. daß der Andre darauf in bestimmter Weise reagiere. Hier bin ich aber noch die Erklärung des Begriffs der Intention schuldig & die Intention ist nicht etwa nur eine Art Empfindung auf die ich alles reduzieren will, der ich, sozusagen, alles in die Schuhe schiebe. (Denn die Intention ist keine Empfindung.)

If I say that I use the words “I am in pain,” “I long for him,” etc., as a communication, not as a natural expression, this characterizes my intention. For example, I want the other person to react to it in a certain way. However, I still owe the explanation of the concept of intention, & intention is not just a kind of sensation to which I want to reduce everything, to which, as it were, I want to attribute everything. (Because intention is not a sensation.)

§

43b[2]

Wenn wir Furcht, Trauer, Freude, Zorn, etc. Seelenzustände nennen, so heißt das, daß, der Furchtvolle, Trauervolle, etc., die Mitteilung machen können: “Ich bin im Zustand der Furcht”, etc., daß diese Mitteilung – sowie die primitive Äußerung – nicht auf einer Beobachtung beruht.

If we call fear, sorrow, joy, anger, etc., states of mind, that means that the fearful person, the sorrowful person, etc., can make the communication: “I am in a state of fear,” etc., that this communication—as well as the primitive utterance—is not based on observation.

§

43b[3] &
44a[1]

Es gibt doch nun Furchtgedanken, Trauergedanken, Schmerzgedanken, Hoffnungsgedanken etc., oder auch Sätze, die der Ausdruck dieser Gedanken sind. Ich könnte auch sagen Furchtreden, Trauerreden etc. Damit meine ich aber nicht die Sätze “Ich fürchte mich …” etc., sondern Sätze aus denen man, sozusagen, meine Furcht etc. erraten kann. Oder auch: Im Reden dessen der sich in einem dieser Zustände befindet wird sich sein Zustand äußern; einerseits dadurch, daß er ihn mitteilt, anderseits aber auch durch seine anderweitigen Reden (z.B. durch sein Verweilen bei gewissen Gesprächsthemen.) Diese Anzeichen seines Seelenzustands sind analog denen in seinem übrigen Benehmen.

There are, after all, thoughts of fear, thoughts of grief, thoughts of pain, thoughts of hope, etc., or also sentences that are the expression of these thoughts. I could also say “discourses of fear,” “discourses of grief,” etc. But I do not mean by this the sentences “I am afraid…” etc., but rather sentences from which one can, as it were, infer my fear, etc. Or also: in the speech of someone who is in one of these states, his state will express itself; on the one hand by him communicating it, and on the other hand also through his other utterances (e.g., by his dwelling on certain topics of conversation). These signs of his state of mind are analogous to those in his other behaviour.

§

44a[2]

Gemütsbewegung & Stimmung. Gemütsbewegung = Wallung des Gemüts. Furcht, Sehnsucht, Trauer, u.a., können aufwallen. Zorn ist eine Wallung.

Emotion & mood. Emotion = surge of emotion. Fear, longing, sorrow, etc., can surge. Anger is a surge.

§

44a[3]

Absicht, Intention, ist weder Gemütsbewegung, Stimmung, noch Empfindung oder Vorstellung. Sie ist kein Bewußtseinszustand. Sie hat nicht echte Dauer. Die Absicht kann man eine seelische Disposition nennen. Dieser Ausdruck ist insofern irreführend als man eine solche Disposition in sich nicht durch Erfahrung wahrnimmt. Die Neigung zur Eifersucht dagegen ist eine Disposition im eigentlichen Sinne. Erfahrung lehrt mich, daß ich sie habe.

Intention is neither a state of mind, nor a mood, nor a sensation or image. It is not a state of consciousness. It does not have genuine duration. One could call intention a mental disposition. This expression is misleading in so far as one does not become aware of such a disposition through experience. The tendency toward jealousy, on the other hand, is a disposition in the proper sense. Experience teaches me that I have it.

§

44b[1]

“Ich beabsichtige” ist nicht die Äußerung eines Erlebnisses. Es gibt keinen Schrei der Absicht, sowenig wie des Wissens oder Glaubens.

“I intend” is not the expression of an experience. There is no scream of intention, just as there is no scream of knowledge or belief.

§

44b[2]

Wohl aber könnte man den Entschluß, mit welchem oft eine Absicht beginnt, ein Erlebnis nennen.

However, one could probably call the decision, with which an intention often begins, an experience (lived experience).

§

44b[3]

Ist der Entschluß ein Gedanke? Er kann das Ende eines Gedankenganges sein.

Is the resolution a thought? It can be the end of a train of thought.

§

44b[4]

Die Intention kann einen plötzlichen Anfang nehmen, sich plötzlich ändern. Ich kann mich plötzlich daran erinnern, daß ich das & das tun wollte. Man zuckt zusammen & erklärt dann: “Es ist mir gerade eingefallen, daß ich ‥‥․”

The intention can begin suddenly, change suddenly. I can suddenly remember that I wanted to do this & that. One flinches & then explains: “It just occurred to me that I ‥‥․”

§

44b[5]

Einer sagt mir etwas; ich schaue ihn erstaunt an; er erklärt ‥‥․ Mein fragender Blick war gleichbedeutend der Frage: “Wieso?” oder “Was meinst Du?” oder “Warum?” oder “Das willst Du tun, wo Du doch immer ‥‥․?” Der plötzliche Gedanke.

Someone tells me something; I look at him in astonishment; he explains… My questioning gaze was equivalent to the question: “Why?” or “What do you mean?” or “Why?” or “That is what you want to do, even though you always…?” The sudden thought.

§

45a[1]

Absichtlich – unabsichtlich. Willkürlich – unwillkürlich. Was ist der Unterschied zwischen einer Handbewegung ohne besondere Absicht, & der gleichen Handbewegung als Zeichen gemeint.

Intentionally – unintentionally. Voluntary – involuntary. What is the difference between a hand movement without a particular intention, & the same hand movement meant as a sign?

§

45a[2] &
45b[1] &
46a[1]

02.01.1948

Denken wir uns daß Einer eine Arbeit verrichtet, in der es ein Vergleichen, Versuchen, Wählen gibt. Er stellt etwa einen Gebrauchsgegenstand aus gewissen Materialstücken mit gegebenen Werkzeugen her. Immer wieder entsteht das Problem “Soll ich dies Stück dazu nehmen?” – Das Stück wird verworfen, ein anderes versucht. Stücke werden versuchsweise zusammengestellt, auseinandergenommen; es wird nach einem passenden gesucht, etc. etc.. Ich denke mir nun diesen ganzen Hergang gefilmt. Der Arbeitende gibt etwa Laute von sich wie “Hm –”, oder “Ha!”. Sozusagen Laute des Zögerns, des plötzlichen Findens, des Entschlusses, der Zufriedenheit, der Unzufriedenheit; aber kein Wort wird geredet. Jene Laute mögen im Film aufgenommen werden. Der Film wird mir vorgeführt; & ich erfinde nun ein Selbstgespräch des Arbeitenden, welches zu seiner Arbeitsweise, dem Rhythmus seiner Arbeit, seinem Mienenspiel, seinen Gebärden & Naturlauten paßt, welches all dem entspricht. Ich lasse ihn also manchmal sagen “Nein, das Stück ist zu lang. Vielleicht paßt ein andres besser.” – oder “Was soll ich jetzt tun? – – Ich hab's!” – oder “Das ist ganz gut.” etc. Wenn der Arbeitende reden kann, – wäre es eine Verfälschung des wirklichen Vorgangs, wenn er ihn genau beschriebe & etwa sagte: “Dann dachte ich: Nein, das geht nicht; ich muß es anders versuchen” u.s.w. – obwohl er während der Arbeit nicht gesprochen, & sich auch diese Worte nicht vorgestellt hatte? Ich will sagen: Kann er nicht seine wortlosen Gedanken später in Worten wiedergeben? So zwar, daß wir, die den Arbeitsvorgang sähen, mit dieser Wiedergabe einverstanden sein könnten? – Umsomehr, wenn wir dem Mann nicht nur einmal, sondern öfters bei der Arbeit zugesehen hätten?

01/02/1948

Let us imagine someone performing a task involving comparisons, trials, and choices. He is, for example, assembling an object from certain pieces of material using available tools. Again & again, the problem arises: “Should I add this piece?” – The piece is rejected, another one is tried. Pieces are provisionally put together, taken apart; a suitable one is sought, etc., etc. Now, I imagine this entire process filmed. The worker makes sounds like “Hm –” or “Ha!” – so to speak, sounds of hesitation, sudden discovery, decision, satisfaction, dissatisfaction; but no words are spoken. These sounds are recorded in the film. The film is shown to me, & I now invent an inner monologue of the worker, which fits his way of working, the rhythm of his work, his facial expressions, his gestures, & natural sounds, which corresponds to all of this. I let him say, for example, “No, this piece is too long. Perhaps another one will fit better.” – or “What should I do now? – – I’ve got it!” – or “This is quite good.” etc. If the worker could speak, would it be a distortion of the actual process if he accurately described it & said, for example, “Then I thought: No, that won’t work; I have to try something different,” etc. – even though he didn’t speak during the work & didn’t even have these words in mind? I mean: can’t he reproduce his wordless thoughts later in words? In such a way that we, who see the work process, could agree with this reproduction? – Especially if we had observed the man at work not just once, but several times?

§

46a[2]

Wir könnten natürlich sein ‘Denken’ von der Arbeit nicht trennen. Das Denken ist eben keine Begleitung der Arbeit; sowenig, wie der denkenden Rede.

We could certainly not separate his ‘thinking’ from the work. Thinking is not simply an accompaniment to the work; no more than is thinking speech.

§

46a[3]

Es ist unrichtig, zu sagen – wie ich einmal schrieb – das Denken sei eine Art des Sprechens. Kann man sagen, es sei ein Operieren mit Zeichen? Ich glaube kaum. Es ist auch schwer zu sagen, was man noch “Zeichen” nennen kann, & was nicht. – Das Überlegen, möchte ich sagen, bedarf einer Art der Zeichen. Denk Dir, Einer pausiert in der Arbeit, blickt, wie nachdenkend, vor sich hin, in einer Situation, in der wir uns selbst eine Frage stellen, Möglichkeiten erwägen würden, – würden wir von ihm unbedingt sagen, er überlege? Ist dazu nicht auch nötig, daß er eine Sprache beherrscht, also nötigenfalls die Überlegung auch aussprechen könnte?

It is incorrect to say – as I once wrote – that thinking is a kind of speaking. Can one say that it is an operation with signs? I hardly think so. It is also difficult to say what one can still call a “sign” & what not. – The deliberation, I would like to say, requires a kind of signs. Imagine someone pauses in the work, looks, as if thinking, into the distance, in a situation in which we ourselves would ask ourselves a question, consider possibilities – would we necessarily say that he is deliberating? Isn’t it also necessary for this that he master a language, so that he can also express the deliberation if necessary?

§

46b[1]

Nun, wenn wir Wesen bei der Arbeit sähen, deren Arbeitsrhythmus, Mienenspiel, etc. dem unsern ähnlich wäre, nur daß diese Leute nicht sprächen, dann würden wir vielleicht sagen, sie dächten, überlegten, machten Entscheidungen. Das heißt: es wäre eben in so einem Falle viel dem der gewöhnlichen Menschen ähnlich. Und es ist nicht klar wieviel ähnlich sein muß, daß wir den Begriff “Denken”, der in unserm Leben zuhause ist, auch bei ihnen anzuwenden ein Recht hätten.

Well, if we were to see beings at work whose work rhythm, facial expressions, etc., were similar to ours, but who did not speak, then we would perhaps say that they were thinking, deliberating, making decisions. That is to say: in such a case, it would be much like that of ordinary people. & it is not clear how much similarity is needed for us to have the right to apply the concept of “thinking,” which is at home in our lives, to them as well.

§

46b[2]

Und wozu sollen wir auch diese Entscheidung fällen? Wir werden einen wichtigen Unterschied machen zwischen Wesen, die eine Arbeit, selbst eine komplizierte, ‘mechanisch’ zu verrichten lernen können, & solchen, die bei der Arbeit probieren, vergleichen. – Was aber “probieren” & “vergleichen” zu nennen ist kann ich nur wieder an Beispielen erklären, & diese Beispiele werden unserm Leben, oder einem das dem unsern ähnlich ist, entnommen sein.

& why should we make this decision anyway? We will make an important distinction between beings who can learn to perform a task, even a complicated one, ‘mechanically’, & those who try things out & compare them during the work. – What, however, it means to “try things out” & “compare” can only be explained with examples, & these examples will be taken from our lives, or one similar to ours.

§

47a[2]

Nähme nun das Probieren gar die Form an des Herstellens einer Art von Modell (oder gar einer Zeichnung), so würden wir, ohne zu zweifeln, sagen, diese Wesen dächten. Freilich könnte man hier auch von einem Operieren mit Zeichen reden.

If the trying out now took the form of creating a kind of model (or even a drawing), then we would say, without a doubt, that these beings were thinking. Of course, one could also speak of an operation with signs here.

§

47a[3]

“Aber könnte nicht das Operieren mit Zeichen auch mechanisch sein?” – Freilich; d.h., auch es muß in einer bestimmten Umgebung sein, damit wir sagen können es sei nicht mechanisch.

“But couldn't operating with signs also be mechanical?” – Of course; that is, it must also be in a certain environment so that we can say it is not mechanical.

§

47a[4] &
47b[1]

Es ist also, als wären unsere Begriffe, als wäre die Verwendung unserer Worte, bedingt durch ein Gerüst von Tatsachen. Aber wie kann das sein?! Wie könnten wir denn das Gerüst beschreiben, wenn wir nicht die Möglichkeit eines Andern zuließen? – Du machst ja, möchte man sagen, Unsinn aus jeder Logik! (Aber nein!)

So it is as if our concepts, as if the use of our words, were conditioned by a framework of facts. But how can that be?! How could we describe the framework if we did not allow for the possibility of something else? – You are, one might say, making nonsense out of logic! (But no!)

§

47b[2]

Gilt denn meine Bemerkung für alle unsre Begriffe? Auch für die Begriffe ‘rot’, ‘süß’, ‘Tisch’, ‘Kohle’? Vielleicht doch.

Does my remark apply to all our concepts? Also to the concepts ‘red’, ‘sweet’, ‘table’, ‘coal’? Perhaps it does.

§

47b[3]

Ich möchte sagen: “Wir lernen die Bedeutung, den Gebrauch der Wörter unter gewissen Umständen. Es lernt z.B. jeder die Farbwörter in einer Welt, in welcher ‥‥‥‥” Aber wie würde also eine andere Welt aussehen? Nun, wir können eine Beschreibung geben. – Aber der ganzen Welt?? Wir könnten uns die Beschreibung durch einen Film hergestellt denken. Aber ist hier nicht wieder eine Schwierigkeit? In der Anwendung etwa?

I would like to say: “We learn the meaning, the use of words under certain circumstances. Everyone learns, for example, the color words in a world in which ‥‥‥‥” But what would a different world look like? Well, we can give a description. – But of the whole world?? We could imagine the description being created by a film. But is there not a difficulty here? Perhaps in the application?

§

47b[4]

Muß ich aber die Umstände beschreiben können? Ist es nicht genug, daß ich einmal sage: “Diese Begriffe funktionieren hier nicht mehr”? (Sowie man auf ein Wesen, das das Nilpferd & das Krokodil geschaffen hat, die Moralbegriffe nicht anwenden kann. Hiob.)

Must I be able to describe the circumstances? Is it not enough that I once say: “These concepts no longer work here”? (Just as one cannot apply moral concepts to a being that has created the hippopotamus and the crocodile. Job.)

§

48a[1]

Das Problem, das uns hier beunruhigt, ist das gleiche, wie das in der Betrachtung: “Du kannst Menschen zählen lehren, wenn die Dinge in ihrer Umgebung nicht im fortwährenden schnellen Entstehen & Vergehen begriffen sind.”

The problem that worries us here is the same as that in the consideration: “You can teach people to count if the things in their environment are not in a constant state of rapid creation and disappearance.”

§

48a[2]

Wenn Du von einer ‘Welt’ redest, ‘in der alle Dinge rasch wie flimmernde Lichter entstehen & vergehen’, so bist Du in der Gefahr Unsinn zu reden. (Etwas ähnlich der Annahme einer Welt, die aus Schmutz besteht. Bei Moore.)

If you talk about a ‘world’ ‘in which all things rapidly appear and disappear like flickering lights’, then you are in danger of talking nonsense. (Something similar to the assumption of a world made of dirt. In Moore.)

§

48a[3]

Man kann sich aber, glaube ich, in solchen Fällen immer bescheiden & unsre Annahme aus dem Unsinn in den Sinn zurückführen.

However, I think that in such cases one can always be modest and bring our assumption back from nonsense to sense.

§

48a[4] &
48b[1]

Es ist natürlich möglich, zu sagen: “Lehre einen an Fingern, Stäbchen, Bohnen, rechnen; nicht an den Haaren eines Fells, den Tropfen eines Regengusses, den Funken eines Schmiedefeuers. Aber warum? Man kann verschiedenes sagen. Eines ist: Er wird an diesen Dingen den Begriff der Anzahlen nie verstehen lernen. D.h., nicht erlernen, die Zahlwörter zu verwenden.

It is of course possible to say: “Teach him to count with fingers, sticks, beans; not with the hairs of a pelt, the drops of a rain shower, the sparks of a blacksmith's fire.” But why? One can say various things. One is: he will never learn the concept of numbers with these things. That is, he will not learn to use the number words.

§

48b[2]

Du kannst doch auch sagen: “Hast Du keine Stäbchen, Steinchen, etc. zur Hand, so kannst Du Einen nicht rechnen lehren”. Ganz so wie: “Hast Du keine Schreibfläche noch Schreibmaterial zur Hand so kannst Du ihn die Differentialrechnung nicht lehren” (oder: so kannst Du die Division 76570 : 319 nicht ausführen).

You can also say: “If you don't have sticks, stones, etc. at hand, you can't teach him to count.” Just as: “If you don't have a writing surface or writing material at hand, you can't teach him differential calculus” (or: you can't perform the division 76570 : 319).

§

48b[3]

“In einem Land, in dem der Himmel beinahe ununterbrochen bewölkt ist, werden sie nicht auf die Idee kommen Astronomie zu betreiben.”

“In a country where the sky is almost constantly overcast, they will not come up with the idea of doing astronomy.”

§

48b[4] &
49a[1]

Man sagt vom Tisch & Stuhl nicht, daß sie denken, auch von der Pflanze nicht, auch vom Fisch nicht, kaum vom Hund; aber vom Menschen. Und auch nicht von allen Menschen. Wenn ich aber sage “Ein Tisch denkt nicht” so ist das nicht ähnlich einer Aussage, wie “Ein Tisch wächst nicht”. Denn ich wüßte gar nicht ‘wie das wäre wenn’ ein Tisch dächte. Und hier gibt es offenbar einen graduellen Übergang zu dem Fall des Menschen.

One does not say that the table and chair think, nor the plant, nor the fish, hardly the dog; but the human. And not all humans either. If I say “A table does not think”, that is not similar to a statement like “A table does not grow”. Because I wouldn't even know ‘what it would be like’ if a table were to think. And here there is clearly a gradual transition to the case of the human.

§

49a[2]

“Denken ist eine geistige Tätigkeit”– Denken ist keine körperliche Tätigkeit. Ist Denken eine Tätigkeit? Nun, man kann sagen “Denk darüber nach!”. Wenn aber nun Einer in Befolgung dieses Befehls zu sich selbst, oder auch zum Andern spricht, verrichtet er da zwei Tätigkeiten? Denken & Sprechen? Also ist Denken doch wieder nicht recht einer Tätigkeit zu vergleichen. Denn man kann auch nicht sagen, Denken sei: in der Vorstellung sprechen; dies kann man tun auch, ohne zu denken. Ich kann mir z.B. ein Gedicht in der Vorstellung aufsagen ohne seinen Sinn im mindesten zu verstehen.

“Thinking is a mental activity” – Thinking is not a physical activity. Is thinking an activity? Well, one can say “Think about it!”. But if someone, in obedience to this command, speaks to himself, or also to another, does he perform two activities? Thinking and speaking? So thinking is not quite comparable to an activity. Because one cannot say that thinking is: speaking in one's imagination; one can do this even without thinking. I can, for example, recite a poem in my imagination without understanding its meaning in the slightest.

§

49a[3] &
49b[1]

Wann sage ich von einem Menschen “Er denkt”? Nun, wenn er denkend spricht, denkend arbeitet, über etwas nachdenkt? Wann sage ich “Ich denke”? (Diese Worte heißen für gewöhnlich so viel wie “Ich glaube.”) Ich sage etwa: “Laß mich in Ruh! ich denke darüber nach.” Auch: “Stör mich nicht! ich kann diese Arbeit nicht mechanisch machen; ich muß dabei denken.” Und das heißt etwa: vergleichen, probieren, wählen, auch zu mir selber sprechen.

When do I say of a person “He is thinking”? Well, when he is thinking while speaking, thinking while working, thinking about something? When do I say “I am thinking”? (These words usually mean about as much as “I believe.”) I say, for example: “Leave me alone! I'm thinking about it.” Also: “Don't disturb me! I can't do this work mechanically; I have to think about it.” And that means something like: compare, try, choose, also talk to myself.

§

49b[2]

Das Denken ist gleichsam ein Zug einer Tätigkeit.

Thinking is, as it were, a move in an activity.

§

49b[3]

Es fehlen mir in diesem Gebiet noch besondere & auch sehr allgemeine Einsichten. Ich muß mich mit speziellen epistemologischen, aber auch mit (allgemein) logischen Problemen befassen.

In this area, I still lack specific & also very general insights. I must concern myself with specific epistemological problems, but also with (generally) logical problems.

§

49b[4] &
50a[1]

Man darf nie vergessen, daß “denken” ein Altweiberausdruck ist, wie auch alle anderen psychologischen Termini. Es ist von diesem Wort nicht zu erwarten, daß es eine einheitliche Verwendung habe; es ist vielmehr zu erwarten, daß es sie nicht habe. (In manchen Teilen Österreichs gebrauchen die Bauern das Wort “klug” im Sinn von “sparsam” & sagen dann “Die Butter ist klug”, & das heißt: es ist nicht viel Butter da, sie ist spärlich.)

One must never forget that “thinking” is an old-fashioned expression, as are all other psychological terms. It is not to be expected that this word has a uniform use; rather, it is to be expected that it does not. (In some parts of Austria, farmers use the word “clever” in the sense of “thrifty” & say “The butter is clever,” & that means: there isn’t much butter, it is scarce.)

§

50a[2] &
50b[1]

“Ich ärgere mich darüber” – Man wäre geneigt zu sagen, der Ärger sei Stimmung der Seele & zwar in dem Sinne, wie man bei einem Instrument von einer Stimmung reden könnte. So, wie das Gesicht des Geärgerten zusammengezogen, seine Stirn gerunzelt ist, so ist es auch seine Seele. Sie gibt nur raue, heisere Laute von sich. Man sagt auch: “Ich bin dadurch verstimmt”. Die Sache, die mich ärgert, wirkt wie ein Gift in mir. Was geschehen ist, hat mir meine Lust vergällt, hat mich mit Bitterkeit erfüllt. Und doch sind das alles nur Metaphern. – Ist nun “Ich ärgere mich über ihn” ein Ausdruck des Ärgers oder ein Bericht über einen Vorgang in meiner Seele? Man kann die Worte offenbar geärgert & auch nicht geärgert sagen. Man kann sie knirschend sagen, & dann sind sie doch gewiß ein Ausdruck des Ärgers. Sage ich aber etwa “Leider ärgere ich mich darüber” so ist es, als spräche man zum Arzt von einer Krankheit, man berichtet ihm darüber.

“I am annoyed by it” – One would be inclined to say that the annoyance is a mood of the mind, in the sense that one could speak of a tuning with an instrument. Just as the face of the annoyed person is drawn, its forehead furrowed, so is its mind. It only emits rough, hoarse sounds. One also says: “I am out of tune because of it.” The thing that annoys me works like a poison in me. What has happened has spoiled my pleasure, has filled me with bitterness. And yet, these are all just metaphors. – Is “I am annoyed by him” an expression of annoyance or a report about a process in my mind? One can apparently say the words annoyed & not annoyed. One can say them in a grinding way, & then they are certainly an expression of annoyance. But if I say, for example, “Unfortunately, I am annoyed by it,” it is as if one were speaking to a doctor about an illness, one is reporting it to him.

§

50b[2]

“Ich ärgere mich darüber” kann manchmal wie ein Fluchen sein; manchmal aber auch, wie der Satz “Ich möchte am liebsten fluchen”.

“I am annoyed by it” can sometimes be like a curse; sometimes, however, it can be like the sentence “I would most like to curse.”

§

50b[3]

Wenn einer über ein Problem nachdenkt & ich zeige ihm plötzlich eine gewisse Zeichnung, so wird er vielleicht ausrufen “Ach so ist es!”, oder “Jetzt weiß ich's”. Und gefragt, was dabei in ihm vorgegangen ist, wird er in diesem Falle wohl einfach sagen “Ich habe die Zeichnung gesehen”. Ich beschreibe diesen Fall, um einen Vorgang in der Vorstellung durch einen des Sehens zu ersetzen. Wird er nun sagen: “In dem Augenblick, als ich die Zeichnung sah, stand mir die ganze Lösung vor Augen”? Er könnte auch, wenn ich ihm mit der Zeichnung zu Hilfe komme, sagen: “Ja, jetzt ist es leicht!”

If someone is thinking about a problem & I suddenly show him a certain drawing, he will perhaps exclaim “Ah that’s how it is!”, or “Now I know it.” And if asked what happened in him, he will probably simply say “I saw the drawing.” I describe this case in order to replace a process in the imagination with one of seeing. Will he now say: “In the moment I saw the drawing, the whole solution was before my eyes”? He could also, if I help him with the drawing, say: “Yes, now it is easy!”

§

50b[4] &
51a[1]

“Mir stand die Benützung des Wortes vor der Seele” – wird man das auch dann sagen, wenn einem mit dem Wort ein für seine Bedeutung charakteristisches Bild gezeigt wird? Wenn mir mit dem Wort “weiche” etwa das Bild Eines gezeigt wird, der gegen einer Andern eine verbannende Gebärde macht? [Das Bedeutungserlebnis scheint hier vom Gesehenen übertönt zu werden.]

“The use of the word was before my mind” – would one say that even if one were shown a picture characteristic of its meaning? If, with the word “soft,” one is shown, for example, the image of someone making a repelling gesture against another? [The experience of meaning here seems to be overwhelmed by what is seen.]

§

51a[2]

Kann ich Einem beschreiben, wie Menschen für gewöhnlich leben? – Nun, ich kann ihn unter Menschen leben lassen. – Aber vielleicht ist dazu nötig, daß er selbst ein Mensch sei, & unter ihnen aufwächst?

Can I describe to someone how people usually live? – Well, I can let him live among people. – But perhaps this requires that he himself be a person, & grow up among them?

§

51a[3]

Wenn er ein Mensch ist & in dieser Umgebung, sage ich er denkt, wenn er so & so spricht. Vom Grammophon sage ich's nicht, obwohl es vielleicht weit gescheiter redet.

If he is a person & in this environment, I say he is thinking when he speaks in such and such a way. I do not say it of the gramophone, although it perhaps speaks much more cleverly.

§VB

51a[4]

Beim Philosophieren muß man in's alte Chaos hinabsteigen, & sich dort wohlfühlen.

When philosophizing, one must descend into the old chaos, & feel comfortable there.

§

51a[5] &
51b[1]

Von einem Wesen, das ausschaut wie ein Mensch, sich aber so & so & so benähme, wüßte ich nicht ob ich sagen sollte, es denkt, oder es denke nicht.

Of a being that looks like a human, but behaves in such and such a way, I would not know whether to say that it is thinking, or that it is not thinking.

§

51b[2]

Wir sagen: Gras ist grün, Kreide weiß, Kohle schwarz, Blut rot etc. – Wie wäre es in einer Welt, in der dies unmöglich wäre, in der also die übrigen Eigenschaften eines Dinges mit seiner Farbe nicht zusammenhingen? Dies ist, ob richtig, oder falsch gestellt, eine ungeheuer wichtige Frage, & nur ein Exempel unzähliger ähnlicher Fragen.

We say: grass is green, chalk is white, coal is black, blood is red, etc. – What would it be like in a world in which this was impossible, in which the other properties of a thing did not coincide with its color? This is, whether correctly or incorrectly stated, an immensely important question, & only one example of countless similar questions.

§

51b[3] &
52a[1]

Denk Dir, ich käme in ein Land, wo die Farben der Dinge, wie ich sagen würde, unaufhörlich wechselten, etwa durch eine Eigenheit der Atmosphäre. Die Einwohner sehen nie ruhige Farben. Ihr Gras sieht bald grün, bald rot, etc., aus; u.s.f.. Könnten diese Leuten ihren Kindern die Farbwörter beibringen? – Vor allem einmal könnte es sein, daß ihrer Sprache die Farbwörter fehlen. Und wenn wir dies fänden, so würden wir's vielleicht dadurch erklären, daß sie für dies Sprachspiel wenig, oder keine Verwendung hätten.

Imagine I came to a country where the colors of things, as I would say, changed incessantly, perhaps due to a peculiarity of the atmosphere. The inhabitants never see steady colors. Their grass sometimes looks green, sometimes red, etc.; and so on. Could these people teach their children the color words? – First of all, it could be that their language lacks the color words. And if we were to find this, we might perhaps explain it by saying that they have little or no use for this language-game.

§

52a[2]

Daß Menschen, denen es, aus irgendwelchen Gründen, unmöglich ist, ein Schachbrett & Figuren herzustellen, – daß sie das Schachspiel nicht kennen, würde uns nicht wundern.

That people, for whatever reasons, are unable to produce a chessboard & figures – that they do not know the game of chess, would not surprise us.

§

52a[3]

Wie könnten denn Leute, in einem Land in, welchem alles nur eine Farbe hätte, den Gebrauch der Farbworte lernen? Kann ich aber nun sagen: “Nur weil in unsrer Umgebung Dinge verschiedener Farbe existieren & weil ‥‥‥‥‥․, können wir Farbnamen gebrauchen”?? Es wird hier zwischen logischer & physischer Möglichkeit der Unterschied nicht gesehen. – Nicht das interessiert uns: unter welchen Umständen das Sprachspiel mit den Farbnamen physisch nicht möglich – also eigentlich, nicht wahrscheinlich ist.

How could people, in a country in which everything had only one color, learn the use of color words? Can I now say: “Just because things of different colors exist in our environment & because ‥‥‥‥‥․, can we use color names”? Here, the difference between logical & physical possibility is not seen. – It is not what interests us: under what circumstances is the language-game with color names physically impossible – that is, in fact, not probable.

§

52a[4]

Ohne Schachfiguren kann man nicht Schach spielen – das ist die Unmöglichkeit, die uns interessiert.

Without chess figures, one cannot play chess – that is the impossibility that interests us.

§

52b[1]

Wo es keine Pferde, oder sonst lastbare Tiere, gibt dort können die Menschen nicht reiten. (Logisch.) – Aber auch: Wo Pferde, & derartige Tiere, sich nur schwer züchten lassen, & wo das Reiten aus den & den & den Gründen schwer möglich, oder nicht nützlich ist, dort ist es prima facie unwahrscheinlich, daß Menschen die Kunst des Reitens erfinden werden.

Where there are no horses, or other animals that can be ridden, people cannot ride. (Logically.) – But also: where horses, & similar animals, are difficult to breed, & where riding is difficult or not useful for the reasons mentioned, it is prima facie unlikely that people will invent the art of riding.

§

52b[2]

Man lernt das Wort Denken, d.i. seinen Gebrauch, unter gewissen Umständen, die man aber nicht beschreiben lernt.

One learns the word thinking, i.e. its use, under certain circumstances, which, however, one does not learn to describe.

§

52b[3]

Man lernt es etwa nur vom Menschen sagen, es von ihm behaupten, oder leugnen. Die Frage “Denkt ein Fisch?” erhebt sich gar nicht. (Was kann natürlicher sein als so ein Zustand; als so eine Sprachverwendung!)

One learns to say it only of humans, to assert it of them, or to deny it. The question “Does a fish think?” does not even arise. (What could be more natural than such a state; than such a use of language!)

§

52b[4] &
53a[1]

“An diesen Fall hat niemand gedacht” kann man sagen. Ich kann zwar nicht die Umstände aufzählen unter denen das Wort “denken” zu gebrauchen ist, – aber, wenn ein Umstand den Gebrauch zweifelhaft macht, so kann ich's sagen, & auch, wie die Lage von der gewöhnlichen abweicht.

“No one has thought of this case” one can say. I cannot enumerate the circumstances under which the word “think” is to be used, – but, if a circumstance makes the use doubtful, I can say it, & also how the situation deviates from the usual one.

§

53a[2]

Und hier müßte man etwas über mein [→ Sprachspiel № 2] sagen. – Unter welchen Umständen würde man die Laute des Bauenden, etc., wirklich eine Sprache nennen? Unter allen? Gewiß nicht! – War es nun falsch, ein Sprachrudiment zu isolieren & es Sprache zu nennen? Soll man etwa sagen, daß dies Rudiment nur in der Umgebung des Ganzen, was wir unsre Sprache zu nennen gewohnt sind, ein Sprachspiel ist??

And here one would have to say something about my [→ Language-game No. 2]. – Under what circumstances would one really call the sounds of the builder, etc., a language? Under all circumstances? Certainly not! – Was it wrong to isolate a rudimentary language & call it language? Should one say that this rudiment is only a language-game in the environment of what we are used to calling our language?

§

53a[3]

Nun vor allem ist die Umgebung nicht die geistige Begleitung des Sprechens (das ‘Meinen’ & ‘Verstehen’) das man sich als der Sprache wesentlich vorzustellen geneigt ist.

Now, first of all, the environment is not the mental accompaniment of speech (the ‘meaning’ & ‘understanding’) which one is inclined to imagine as being essential to language.

§

53a[4]

Man hat natürlich ein Recht, das [→ Sprachspiel № 2] als eine degenerierte Sprache zu erklären, aber das sind ja auch die Sprachspiele mit denen die Kinder zu sprechen anfangen.

One has, of course, the right to explain [→ Language-game No. 2] as a degenerate language, but these are also the language-games with which children begin to speak.

§

53a[5] &
53b[1]

Gefährlich wäre es mir nur, wenn einer sagte: “Du setzt eben stillschweigend schon voraus, daß diese Menschen denken; daß sie in dieser Beziehung den uns bekannten Menschen gleichen; daß sie jenes Sprachspiel nicht rein mechanisch betreiben. Denn stelltest Du Dir vor, sie täten's, so würdest Du's selbst nicht ein Sprechen nennen.” Was soll ich nun dem antworten? Es ist natürlich wahr, daß das Leben jener Menschen dem unsern in vieler Beziehung gleichen muß, & daß ich über diese Ähnlichkeiten nichts gesagt habe. Das Wichtige aber ist eben, daß ich mir ihre Sprache, wie auch ihr Denken rudimentär vorstellen kann; daß es ein ‘primitives Denken’ gibt, welches durch ein primitives Verhalten zu beschreiben ist.

It would only be dangerous to me if someone said: “You are simply tacitly assuming that these people think; that in this respect they are like the humans we know; that they do not simply perform that language-game mechanically. For if you were to imagine that they did, you would not even call it speech.” What should I answer to that? It is of course true that the lives of those people must be similar to ours in many respects, & that I have said nothing about these similarities. But what is important is precisely that I can imagine their language, as well as their thinking, in a rudimentary way; that there is a ‘primitive thinking’ which can be described by a primitive behavior.

§

53b[2] &
54a[1]

Ich sage von jemandem: er vergleicht zwei Gegenstände. Ich weiß, wie das ausschaut, wie man das macht. Ich kann es Einem vorführen. Aber was ich so vorführe, würde ich dennoch nicht unter allen Umständen “vergleichen” nennen. Ich kann mir nun etwa Fälle vorstellen, in welchen ich nicht geneigt sein würde zu sagen, daß verglichen wird; aber die Umstände unter welchen dies ein Vergleichen ist, beschreiben: das könnte ich nicht. – Aber ich kann einen Menschen den Gebrauch des Wortes lehren! denn dazu ist ein Beschreiben jener Umstände nicht nötig.

I might say of someone that he compares two objects. I know what that looks like, how one does it. I can demonstrate it to someone. But what I demonstrate, I would not, in all circumstances, call a “comparison.” I can now imagine cases in which I would not be inclined to say that a comparison is being made; but the circumstances under which this is a comparison: I could not describe them. – But I can teach a person the use of the word! For that, a description of those circumstances is not necessary.

§

54a[2]

Ebenso kann ich Einem zeigen, was “Schach spielen” heißt, ich kann ihn also den Gebrauch dieses Ausdrucks lehren. Aber ich würde auch die Züge einer Schachpartie auf dem Schachbrett kein Spiel nennen wollen, wenn nicht Menschen die Steine bewegten, & es gibt noch mancherlei Bedingungen, die erfüllt sein müssen; & wären sie nicht erfühlt, so könnte ich dies erkennen & sagen, was fehlt.

Likewise, I can show someone what “playing chess” means, so I can teach him the use of this expression. But I would also not want to call the moves of a chess game on the chessboard a game if there were no people moving the pieces, & there are still many conditions that must be met; & if they were not met, I could recognize this & say what is missing.

§

54a[3]

Ich lehre ihn eben das Wort unter bestimmten Umständen.

I am simply teaching him the word under certain circumstances.

§

54b[1]

Manchmal ist es wirklich, als ob ein Denken neben dem Reden, Lesen z.B., einherliefe. Nicht aber, daß man's dann von den Sätzen isolieren könnte Vielmehr ist, was die Worte begleitet, wie eine Reihe kleiner Nebenbewegungen. Es ist als werde man eine Straße entlang geführt, würfe aber Blicke rechts & links in alle Nebengäßchen.

Sometimes it is as if thinking accompanies speaking, reading, etc. But it is not that one could isolate it from the sentences. Rather, what accompanies the words is like a series of small accompanying movements. It is as if one were led along a road, but glances to the right and left into all the side streets.

§

54b[2] &
55a[1]

Das stumme Beten: oft nur eine Reihe von Andeutungen von Gedanken. Gleichsam nur Winke. Denk Dir ich zeigte jemand eine Liste von den Gängen, Besorgungen, die er für mich zu machen hat. Wir kennen uns gut & er braucht nur Andeutungen um zu wissen was er zu tun hat. Die Liste enthält nun lauter solche Andeutungen. Er liest sie durch & sagt nach jeder solchen Andeutung immer “Ich versteh”. Und er versteht; er könnte jeden dieser Punkte erklären, wenn er gefragt würde. Ich könnte ihn dann auch fragen, “Hast Du alles verstanden?” Oder sagen: “Geh die Liste genau durch & sieh, ob Du alles verstehst.” Oder “Weißt Du, was Du hier zu machen hast?” – Was aber hat er zu tun, um sich zu überzeugen, daß er die Andeutungen verstanden hat? Ist es hier als müßte er bei jedem Punkt eine Kopfrechnung machen? Beinahe scheint es so. Wäre das nötig so könnte er später von der Rechnung laut Rechenschaft geben & man sähe ob er richtig gerechnet hat. – Aber das ist im allgemeinen nicht nötig. Wir schreiben also nicht vor, was der Andre beim verständnisvollen Durchgehen der Liste zu tun hat, & ob er wirklich verstanden hat, ersehen wir aus dem, was er später tut, oder aus der Erklärung die wir ihn uns etwa geben lassen.

Silent prayer: often just a series of hints of thoughts. As if only gestures. Imagine I showed someone a list of the tasks, errands, that they have to do for me. We know each other well & they only need hints in order to know what they have to do. The list now contains nothing but such hints. They read through it & after each such hint, they always say “I understand”. & they understand; they could explain each of these points if they were asked. I could then also ask them, “Have you understood everything?” Or say: “Go through the list carefully & see if you understand everything.” Or “Do you know what you have to do here?” – But what does he have to do in order to convince himself that he has understood the hints? Is it as if he has to do a mental calculation for each point? It almost seems that way. If that were necessary, he could later give an account of the calculation aloud & one would see whether he had calculated correctly. – But this is generally not necessary. So we do not prescribe what the other person has to do when going through the list in a way that shows understanding, & whether they have really understood, we can see from what they do later, or from the explanation that we might ask them to give.

§

55a[2] &
55b[1]

Wir könnten nun sagen: Wer sich so prüft, ob er verstanden habe, geht immer ein, Stück Weges der Straße nach, die er später gehen soll. Und das könnte ja so sein. Obwohl kein Grund ist anzunehmen, daß es so sein muß. Denn wenn er doch nur ein Stück des Weges geht, warum soll er dann nicht ohne zu gehen erkennen können, daß er weiß, welchen Weg er zu gehen hat? Damit ist aber nicht gesagt, daß nicht wirklich die Wege ein Stück begangen werden. Aber es kommt auch vor, daß, was wir später als den Keim des Gedankens oder der Tat ansehen, dies, seiner Natur nach, nicht ist.

We could now say: Whoever checks in this way whether he has understood always walks a piece of the road that he will later walk. And this could be the case. Although there is no reason to assume that it must be so. For if he only walks a part of the road, why should he not be able to recognize without walking that he knows which way he has to go? This does not mean that the paths are not actually walked a bit. But it also happens that what we later see as the germ of the thought or the deed is, by its very nature, not what it seems to be.

§

55b[2]

Es könnte z.B. sein, daß auf der Liste ein Name angedeutet ist. Auf die Frage “Weißt Du wen ich meine?” sage ich “Ja”, wobei mir das Bild eines Andern vorschwebt. & doch hatte ich richtig verstanden; & es kommt mir etwa beim Nachdenken über diesen Fall so vor, als hätte jenes Vorstellungsbild doch irgendeine, wenn auch nicht die direkte Beziehung zu dem wirklich gemeinten. – Ähnlich ist es ja, wenn man auf eine Frage den richtigen Namen zur Antwort geben kann, sich aber verspricht & einen falschen sagt.

For example, it could be that a name is hinted at in the list. When asked, “Do you know who I mean?” I say “Yes,” with the image of another person in mind. And yet I understood correctly; and it seems to me when thinking about this case that this mental image does have some relationship, even if not a direct one, to the person actually meant. – It is similar when one can give the correct name as an answer to a question, but makes a mistake and says a wrong one.

§

55b[3] &
56a[1]

Wer nun die Liste gewissenhaft durchgeht, von dem wird man sagen er habe beim Lesen gedacht. – Und was mußte er nun tun um dabei zu denken? Und wie konnte er's lernen, oder wissen, was wir von ihm verlangen, & wie können wir wissen, ob er's tut? Und wie weiß ich, was der Andre in so einem Fall von mir verlangt, & daß ich jetzt seinen Befehl auf die gleiche Weise befolge, wie damals, als ich dies lernte?

Of the person who goes through the list conscientiously, one will say that he has thought while reading. – And what did he have to do in order to think in the process? And how could he learn it, or know what we require of him, and how can we know whether he is doing it? And how does I know what the other person is required to do in such a case, and that I am now following his instructions in the same way as when I learned this?

§

56a[2]

Und frage ich denn Einen der die Liste durchgehen soll: “Was hast Du Dir bei diesem Punkt innerlich gesagt?” – oder, “was hat Dir vorgeschwebt?” –

And if I ask one of those who should go through the list: “What did you say to yourself inwardly about this point?” – or, “what came to your mind?” –

§

56a[3] &
56b[1]

Und wenn nun Einer sagte: Das heißt eben nur, daß “Denken” das heißt, was einen bestimmten Enderfolg hat, einen bestimmten Zweck erfüllt. Wie Jeder es macht, & ob heute so wie das vorige Mal, ist gleichgültig. – So könnte ich antworten: Wenn es aber zweckmäßig sein sollte gar nichts zu tun, dann wäre also hier das Denken: gar nichts tun.

And if one were to say: This simply means that “thinking” means having a certain final result, fulfilling a certain purpose. How one does it, and whether today as it was the last time, is irrelevant. – I could answer: If it were expedient to do nothing, then here thinking would be: doing nothing.

§

56b[2]

Man sagt: Überzeug Dich, daß Du jeden Punkt verstehst!” Wenn ich nun fragte: “Wie soll ich mich überzeugen?” Welchen Rat würde man mir geben? Man würde mir sagen: “Frag Dich, ob ‥‥․”

One says: “Convince yourself that you understand every point!” If I now ask: “How am I supposed to convince myself?” What advice would one give me? One would say: “Ask yourself whether ‥‥․”

§

56b[3]

Ist es hier nicht wie beim Kunstrechnen? – Er hat richtig gerechnet, wenn das Richtige herauskam. Was in ihm vorging kann er vielleicht selbst nicht sagen. Und hörten wir's so erschiene es vielleicht wie ein seltsames Zerrbild einer Rechnung.

Is this not like mental arithmetic? – He calculated correctly if the correct result came out. What went on in him, he may not be able to say himself. And if we heard it, it might seem like a strange caricature of a calculation.

§

56b[4]

Wir sagen dann von dem, er habe in einem Keim gedacht, dessen Keim sich zum Richtigen auswächst.

We say then that he has thought in a germ, whose germ grows into the correct one.

§

56b[5]

04.01.1948

Man sagt auch: “Denk! Hast Du wirklich alles verstanden?”

01.04.1948

One also says: “Think! Have you really understood everything?”

§

56b[6] &
57a[1] &
57b[1]

“Geh in das Geschäft ‥‥․ Weißt Du welches ich meine?” – Wenn ich nun antworte “Ich weiß”, so scheint mir's, als habe ich mich geprüft, & gefunden, daß ich es wisse. Man wird sich das etwa so denken, daß mir dabei das Bild des Geschäfts vorgeschwebt habe, oder ich mir im Innern etwas darüber gesagt habe; etwa: es ist dasjenige in der & der Straße. Das wäre, als hätte ich mich gefragt “Weiß ich auch, wie das Geschäft ausschaut?” oder “Weiß ich, in welcher Straße es ist?” & auf diese Fragen geantwortet. Statt mir's vorzustellen hätte ich's dann zeichnen können & die Straße konnte ich laut nennen. Man wird hier freilich noch bemerken, daß das bloße Zeichnen eines Geschäfts, oder das Nennen einer Straße kein Beweis des Wissens wäre; es käme doch drauf an ob die Zeichnung & Beschreibung die richtigen wären. – Aber nicht einmal ein solches Zeichnen & Beschreiben, oder was ihm analog wäre, geht zumeist vor sich. – Ich sage vielleicht, es habe mir das Geschäft in höchst verschwommener Weise vorgeschwebt, aber es wäre z.B. ganz unmöglich ein Bild anzufertigen, das ich das Bild dieser Vorstellung nennen könnte. Ja, wenn ich fassen möchte, worin die Andeutung bestand, die mir zeigte, ich wisse, welches Geschäft gemeint sei, so kann ich's nicht tun. Ich weiß zwar wirklich, welches gemeint ist; ich kann, werde, auch nötigenfalls eine Beschreibung davon geben, – aber wie jene Vorstellung dies verbürgen konnte, verstehe ich nicht.

“Go to the shop… Do you know which one I mean?” – If I now answer “I know,” it seems to me as if I have tested myself and found that I know. One might think that in doing so, the image of the shop came to my mind, or that I said something about it to myself inwardly; for example: it is the one in so and so street. This would be as if I had asked myself “Do I also know what the shop looks like?” or “Do I know in which street it is?” and answered these questions. Instead of imagining it, I could then have drawn it and I could have named the street aloud. One will, of course, also notice here that merely drawing a shop, or naming a street, would not be proof of knowledge; it would depend on whether the drawing and description were the correct ones. – But even such a drawing and description, or something analogous to it, does not usually take place. – I may say that the shop came to my mind in a very vague way, but it would be completely impossible to create an image that I could call the image of this mental image. Yes, if I wanted to grasp what the hint was that showed me that I knew which shop was meant, I cannot do it. I do, of course, really know which one is meant; I can, will, and, if necessary, give a description of it – but I do not understand how that mental image could have guaranteed this.

§

57b[2]

Wäre es nun möglich, daß – wie von Manchem behauptet wurde – ich in Wirklichkeit gar kein Bild vor mir sehe; daß dies nur eine Art Einbildung ist, hervorgerufen vielleicht durch unsre gebräuchliche Ausdrucksweise? – Aber was ist hier der Unterschied zwischen Einbildung & Wirklichkeit? Vielleicht sagt man: “Wenn wir uns wirklich prüfen, ob wir ein visuelles Vorstellungsbild haben, so müssen wir gestehen, daß keins da ist” – nun, Mancher mag das sagen, & Mancher nicht. – Wichtig scheint nur, daß wir geneigt sind, zu sagen, wir haben uns überzeugt, wir wüßten – wie das & das aussieht, etc.–, & daß wir die Art & Weise dieses Überzeugens nicht angeben können.

Could it now be possible that – as some people have claimed – I do not actually see any image in front of me; that this is only a kind of delusion, perhaps caused by our usual way of speaking? – But what is the difference here between delusion and reality? Perhaps one says: “If we really test whether we have a visual mental image, then we must admit that there is none there” – well, some may say that, and some may not. – What seems important is only that we are inclined to say that we have convinced ourselves that we know what something looks like, etc., and that we cannot indicate the way in which we do this convincing.

§

58a[1]

Soll ich nun sagen: “Wir pausieren – & es geschieht irgend etwas, was uns überzeugt”? Nein. Es geschieht nichts, was uns überzeugt; aber wir sind dann überzeugt, & geneigt zu sagen, etwas habe uns überzeugt.

Should I now say: “We pause – and something happens that convinces us”? No. Nothing happens that convinces us; but we are then convinced, and inclined to say that something has convinced us.

§

58a[2]

Ich frage ein Kind “Wieviel ist ‥‥ + ‥‥?” Es will antworten. Ich sage: “Denk nach!” – Nun sagt es eine Rechnung vor sich hin, & dann laut das Resultat. Ich werde hier sagen, es hat nachgedacht. Natürlich hätte es auch eine ganz falsche Rechnung, oder etwas Rechnungsähnliches, vor sich hinplappern können, & wir hätten dann nicht gesagt, es habe gedacht.

I ask a child “How much is … + …?” It wants to answer. I say: “Think!” – Now it says a calculation to itself, and then says the result aloud. I will say here that it has thought. Of course, it could also have mumbled a completely wrong calculation, or something calculation-like, to itself, and we would then not have said that it had thought.

§

58a[3]

Man sagt in so einem Fall manchmal, es habe ‘laut gedacht’.

In such a case, one sometimes says that it ‘thought aloud’.

§

58a[4]

Wenn Einer sagt “Man kann auch wortlos denken”, so ist das irreleitend. Es handelt sich hier nicht darum daß man im Stande ist etwas bestimmtes zu tun, ohne dabei das & das andere zu tun; wie z.B.: “Man kann auch lesen, ohne die Lippen zu bewegen”.

If someone says “One can also think without words,” this is misleading. It is not about the fact that one is able to do something specific without doing something else; as, for example: “One can also read without moving one’s lips.”

§

58b[1]

Wenn es z.B. nur ganz wenige Menschen gäbe, die die Antwort auf eine Rechenaufgabe finden könnten ohne zu sprechen, oder zu schreiben, könnte man diese nicht zum Zeugnis dafür anführen, daß man auch ohne Zeichen rechnen könne. Weil es nämlich nicht klar wäre, daß diese Leute überhaupt ‘rechnen’. Ebenso kann auch das Zeugnis des Ballard (bei James) einen nicht davon überzeugen, daß man denken könne, ohne Sprache. Ja, warum soll man, wo keine Sprache gebraucht wird, von ‘denken’ reden? Tut man's, so zeigt das eben etwas über den Begriff das Denkens.

If, for example, there were only very few people who could find the answer to an arithmetic problem without speaking or writing, one could not cite them as evidence that one can do arithmetic without signs. Because it would not be clear that these people are actually ‘doing arithmetic’. Likewise, the testimony of Ballard (in James) cannot convince one that one can think without language. Yes, why should one speak of ‘thinking’ when no language is used? If one does, this simply shows something about the concept of thinking.

§

58b[2]

Man könnte z.B. zwei (oder mehr als zwei) verschiedene Wörter besitzen: eines für's ‘laute Denken’, eines für's denkende Sprechen in der Vorstellung, eines für's Innehalten, wobei irgend etwas uns vorschwebt (oder auch nichts), woraufhin wir aber die Antwort mit Sicherheit geben können. Wir könnten zwei Wörter haben: eines für den Gedanken, der im Satz ausgedrückt ist; eines für den Gedankenblitz, den ich später ‘in Worte kleiden’ kann.

One could, for example, have two (or more than two) different words: one for ‘thinking aloud’, one for thinking by speaking in one’s imagination, one for pausing, while something comes to mind (or nothing at all), after which we can give the answer with certainty. We could have two words: one for the thought that is expressed in the sentence; one for the flash of thought that I can later ‘put into words’.

§

59a[1]

Wenn man an's denkende Arbeiten ohne alles Sprechen denkt, so erkennt man, daß unser Begriff ‘denken’ eben eine Menge in sich begreift. Daß ihm sozusagen ein weitverzweigtes Verkehrsnetz entspricht.

If one thinks of thinking hard without any speaking, one realizes that our concept of ‘thinking’ encompasses quite a lot. That it corresponds, so to speak, to a far-reaching network of connections.

§

59a[2]

In allen diesen Fällen reden wir von einem ‘Denken’. In allen diesen weit entlegenen Fällen reden wir von einem ‘Denken’.

In all these cases, we speak of ‘thinking’. In all these widely divergent cases, we speak of ‘thinking’.

§

59a[3]

In allen diesen Fällen sagen wir, der Geist sei nicht untätig, es gehe etwas in ihm vor; & unterscheiden sie dadurch von einem Zustand der Dumpfheit, des mechanischen Tuns.

In all these cases, we say that the mind is not inactive, that something is going on in it; and we distinguish it from a state of dullness, of mechanical action.

§VB

59a[4] &
59b[1]

Genie ist das Talent, worin der Charakter sich ausspricht. Darum, möchte ich sagen, hatte Kraus Talent, ein außerordentliches Talent, aber nicht Genie. Es gibt freilich Genieblitze, bei denen man dann, trotz des großen Talenteinsatzes, das Talent nicht merkt. Beispiel: “Denn tun können auch die Ochsen & die Esel ‥‥‥”. Es ist merkwürdig, daß das z.B. so viel größer ist, als irgendetwas, was Kraus je geschrieben hat. Es ist hier eben nicht ein Verstandesskelett, sondern ein ganzer Mensch. Das ist auch der Grund, warum die Größe dessen, was Einer schreibt, von allem Übrigen abhängt, was er schreibt & tut.

Genius is the talent in which one’s character expresses itself. Therefore, I would say, Kraus had talent, an extraordinary talent, but not genius. Of course, there are flashes of genius, in which one then, despite the great application of talent, doesn’t notice the talent. Example: “For even oxen & asses can do ‥‥‥”. It is remarkable that this is, for example, so much greater than anything Kraus ever wrote. Here, it is not merely an intellectual framework, but a whole person. This is also the reason why the magnitude of what one writes depends on everything else that one writes & does.

§

59b[2]

Wenn ich mich vorsichtig an Einen heranschleiche, um ihn umzubringen, wird man nicht leugnen wollen, ich denke an ihn. Wenn aber die Katze sich an einen Vogel heranschleicht, wird man zwar sagen, sie merke auf den Vogel auf, aber nicht, sie denke.

If I cautiously approach someone in order to kill them, one will not want to deny that I think of them. But if a cat approaches a bird, one will say that it pays attention to the bird, but not that it thinks.

§

59b[3]

‘Denken’, ein weitverzweigter Begriff. Könnte man dasselbe nicht auch vom ‘glauben’, ‘tun’, ‘sich freuen’ sagen? Und wo gehört die Bemerkung eigentlich hin, dieser Begriff sei weitverzweigt? – Nun, man wird sie dem sagen, der darangeht, sich die Verzweigungen dieses Begriffs zu überlegen.

‘Thinking’, a far-reaching concept. Could one not say the same of ‘believing’, ‘doing’, ‘being happy’? And where does this remark actually belong, that this concept is far-reaching? – Well, one will say it to someone who sets out to consider the ramifications of this concept.

§

60a[1]

Es ist doch sehr merkwürdig, daß man keinerlei Schwierigkeit hat in einer Figur wie

ein Gesicht zu sehen, obwohl doch die Unähnlichkeit des einen Winkels mit einer Nase, des andern mit einer Stirn, etc. unglaublich groß ist, oder eine Ähnlichkeit kaum vorhanden. Man hat – wie gesagt – keinerlei Schwierigkeit hier ein menschliches Gesicht zu sehen; man möchte sagen: “so ein Gesicht gibt es”. Oder auch: “es ist dies zwar die Karikatur eines menschlichen Gesichts, aber eben eines bestimmten wirklich möglichen (Gesichts). – Ganz so, wie man keine Schwierigkeit hat im Grau & Weiß der Photographie das menschliche Gesicht zu sehen. – Und was heißt das? Nun, wir betrachten z.B. einen Film & folgen allen Vorgängen mit Anteilnahme; als hätten wir wirkliche Menschen vor uns.

It is, after all, quite remarkable that one has no difficulty in seeing a face in a figure like

even though the dissimilarity of one angle with a nose, of another with a forehead, etc., is incredibly great, or there is hardly any similarity. One has – as mentioned – no difficulty in seeing a human face here; one would say: “such a face exists”. Or also: “this is indeed the caricature of a human face, but of a specific, actually possible (face). – Just as one has no difficulty in seeing the human face in the gray & white of a photograph. – & what does that mean? Well, we watch a film, for example, & follow all the events with interest; as if we had real people in front of us.

§

60a[2]

Gott bewahre mich vorm Wahnsinn!

God save me from madness!

§

60a[3] &
60b[1]

‘Denken’, ein weitverzweigter Begriff. Ein Begriff, der viele Lebensäußerungen in sich begreift. Die Denkphänomene liegen weit auseinander.

‘Thinking’, a far-reaching concept. A concept that encompasses many manifestations in life. The phenomena of thinking are widely divergent.

§

60b[2]

Und willst Du nicht sagen, Du sähest doch ein Gesicht in allen diesen Wortverwendungen, einen echten Begriff? – Aber was will das sagen? Kann nicht Gewohnheit all das zusammenschweißen?

And wouldn't you say that one sees a face in all these uses of words, a genuine concept? – But what is the meaning of this? Can't habit weld all of this together?

§VB

60b[3]

Im Traum, & auch lange nach dem Erwachen, können uns Traumworte die höchste Bedeutung zu haben scheinen. Ist nicht die gleiche Illusion auch im Wachen möglich? Es kommt mir so vor, als unterläge ich ihr jetzt manchmal. Bei Verrückten scheint es oft so.

In a dream, & even long after waking, dream words may seem to have the highest meaning. Isn't the same illusion also possible when one is awake? It seems to me as if I am sometimes subject to it now. It often seems to be the case with mad people.

§

60b[4] &
61a[1]

Wer mir etwa irgend einen Vorfall erzählt, oder eine gewöhnliche Frage an mich richtet (wie viel Uhr es ist, z.B.), den werde ich nicht fragen, ob er gedacht habe. Oder so: Es wäre nicht ohne weiteres klar, unter welchen Umständen man gesagt hätte, er hätte dies ohne zu denken getan – obwohl sich solche Umstände ausdenken lassen. (Hier ist eine Verwandtschaft mit der Frage, was eine “willkürliche” Handlung zu nennen sei.)

If someone tells me about some event, or asks me an ordinary question (what time it is, for example), I will not ask him if he thought about it. Or: it would not be immediately clear under what circumstances one would have said that he did this without thinking – although such circumstances can be imagined. (Here there is a kinship with the question of what should be called a “voluntary” action.)

§

61a[2]

Man kann sagen: Wenn der normale Mensch so etwas erzählt, fragt, etc., so sagen wir, er vollführe einen Denkakt. – “Aber ist das nicht eben, weil hinter seinen Worten die Lebensflammen glühen? (Gleichsam wie hinter der Wand eines Ofens.)” Aber kommt es mir so vor, wenn ich selbst so berichte, oder frage – ich meine: während ich's tue; nicht, wenn ich später darüber philosophiere. Und was weiß ich vom Andern? Frage ich ihn, ob er wirklich bei jenen Worten gleichsam vom Leben durchglüht war? Ja kann ich's denn überhaupt von den Leuten sagen, die tagtäglich zu mir reden? oder nehm ich's als gewiß an?

One can say: when the normal person tells something like that, asks, etc., we say that he is performing a thinking act. – “But is that not precisely because the flames of life glow behind his words? (As if behind the wall of an oven.)” But does it seem that way to me when I myself report or ask – I mean: while I am doing it; not when I philosophize about it later. And what do I know about the other person? Do I ask him whether he was, as it were, permeated by life at those words? Yes, can I even say that about the people who talk to me every day, or do I take it for granted?

§

61a[3]

Aber unterscheidet sich nicht jeder Mensch, den Du etwa auf der Straße siehst, ganz & gar von einer Maschine. Was er tut, ganz & gar von etwas Maschinellem? Ganz gewiß. Ich würde nie einen Menschen für eine Puppe halten. Würde etwa die Bewegungen des Mechanismus sofort als solche erkennen. Was weiter?

But isn’t every person one sees on the street completely different from a machine? What they do, completely different from something mechanical? Absolutely. One would never mistake a person for a doll. One would immediately recognize the movements of a mechanism as such. What next?

§

61b[1]

Ich kann auch die typische Beweglichkeit des menschlichen Gesichts nicht mit geometrischen oder kinetischen Begriffen beschreiben. (Obwohl der es vielleicht könnte, der einen Zeichenfilm herstellen kann.)

I also cannot describe the typical mobility of the human face with geometric or kinetic concepts. (Although someone who can create an animated film might be able to.)

§

61b[2]

Wenn gefragt würde, ob ein bestimmter Mensch, etwa einer der geistesgestört ist, oder war, jetzt wieder denkt, so könnte man antworten: “Ja; man sieht es, wenn er arbeitet”, oder auch “Ja, er spricht wieder normal”.

If one were to ask whether a certain person, perhaps one who is mentally ill or was, is thinking again, one could answer: “Yes; one can see it when he works,” or also “Yes, he is speaking normally again.”

§

61b[3]

Der denkende Gesichtsausdruck, der Gesichtsausdruck des Idioten. Das Stirnrunzeln des Nachdenkens, der Aufmerksamkeit.

The thinking facial expression, the facial expression of the idiot. The furrowing of the brow of reflection, of attention.

§

61b[4]

Das Denken – möchte man sagen – ist das, welches mich zum normalen menschlichen Reden & Tun befähigt. Und dabei stellt man sich gleichsam ein ätherisches Sprechen oder Räsonieren vor, was diese Tätigkeiten begleitet.

Thinking – one might say – is what enables me to engage in normal human speech and action. And at the same time, one imagines something like ethereal speech or reasoning that accompanies these activities.

§

61b[5] &
62a[1]

Die Fähigkeit des Denkens sei eine geistige Beweglichkeit. Und das ist sie ja. Ist denn die Fähigkeit die Sprache zu gebrauchen nicht geistige Beweglichkeit?

The ability to think is a mental agility. And indeed, it is. Isn't the ability to use language also mental agility?

§VB

62a[2]

Was ich hier schreibe, mag schwächliches Zeug sein; nun, dann bin ich nicht im Stande, das Große, Wichtige herauszubringen. Aber es liegen in diesen schwächlichen Bemerkungen große Ausblicke verborgen.

What I write here may be feeble stuff; well, then I am not capable of bringing out the great, important things. But great prospects are hidden in these feeble remarks.

§

62a[3] &
62b[1] &
63a[1]

05.01.1948

Nun denke Dir einen Menschen, oder einen von Köhlers Affen, der eine Banane herunterholen will, sie nicht erreichen kann, auf Mittel & Wege sinnt, endlich zwei Stöcke auseinandersetzt, etc. Denk man fragte “Was muß dazu in ihm vorgehen?” – Die Frage scheint irgendeinen Sinn zu haben. Und es könnte vielleicht Einer antworten, der Affe, wenn er nicht durch (bloßen) Zufall, oder aus einem Instinkt heraus handelte, müsse den Vorgang vor dem geistigen Aug gesehen haben. Aber das wäre nicht genug, & anderseits wieder zuviel. Ich will, der Affe solle sich etwas überlegen. Zuerst springt & läuft er vergebens nach der Banane, dann gibt er's auf & ist etwa niedergeschlagen – aber diese Phase kann wegbleiben. Wie kann er nun innerlich dazu kommen überhaupt einen Stock zu ergreifen? Es könnte ihm ja ein Bild gezeigt werden, das so etwas darstellt, & er könnte daraufhin so handeln; oder so ein Bild könnte ihm einfach vorschweben. Aber, das wäre doch wieder Zufall. Er hätte dies Bild nicht durch Nachdenken gewonnen. Und hilft es uns, wenn wir sagen, er brauche nur seinen Arm & den Stock irgendwie als eines gesehen haben? – Aber nehmen wir doch einmal einen günstigen Zufall an! Die Frage ist dann: Wie kann er aus dem Zufall lernen. Vielleicht hatte er also den Stock zufällig in der Hand & berührte mit ihm zufällig die Banane. – Und was muß nun weiter in ihm vorgehen? Er sagt sich, gleichsam, “So geht's!” & tut es nun mit den Zeichen der Absichtlichkeit. – Wie kann er nun drauf kommen zwei Stöcke aneinander zu setzen? Denk es käme ihm wieder ein Zufall zu Hilfe. So zwar, daß er irgendeinmal zwei Stücke aneinander setzt & mit ihnen nun als längeren Stab spielt; & daß er nun einmal, sozusagen den Vergleich zieht zwischen diesem Spiel & der Situation beim Herunterlangen der Banane, & nun entsprechend zu Werke geht. – Hat er etwa spielend eine Kombination gemacht & verwendet sie nun als Methode das & jenes zu tun, so werden wir sagen, er denkt. – Beim Überlegen würde er Mittel & Wege an seinem geistigen Auge vorbeiziehen lassen. Aber dazu muß er schon welche im Vorrat haben. Das Denken gibt ihm die Möglichkeit zur Vervollkommnung seiner Methoden. Oder vielmehr: Er ‘denkt’, wenn er in bestimmter Art & Weise seine Methoden vervollkommnet.

Now imagine a person, or one of Köhler’s apes, wanting to get a banana down, being unable to reach it, devising means & ways, finally putting two sticks together, etc. One asks, “What must happen in him for this to occur?”—The question seems to have some sense. And perhaps someone might answer that the ape, if it didn’t act through (mere) chance, or out of instinct, must have had the process before its mental eye. But that wouldn’t be enough, & on the other hand, it would be too much. I want the ape to be thinking something over. First, it jumps & runs in vain after the banana, then it gives up & is perhaps dejected—but this phase can be omitted. How can it now internally come to the point of even picking up a stick? It could be shown a picture depicting something like that, & it could then act accordingly; or such a picture could simply float before it. But that would again be chance. It wouldn’t have obtained this picture through thinking. And does it help us if we say that it only needs to have seen its arm & the stick in some way as one?—But let’s assume a favorable chance! The question then is: How can it learn from chance? Perhaps it had the stick in its hand by chance & touched the banana with it by chance.—And what must now happen in it? It says to itself, as it were, “Thus it works!” & now does it with the signs of intentionality.—How can it now come up with the idea of putting two sticks together? Suppose another chance helps it. For example, that it puts two pieces together at some point & now plays with them as a longer stick; & that it now, as it were, draws a comparison between this play & the situation when reaching for the banana, & now acts accordingly. If it has made a combination while playing & now uses it as a method to do this or that, we will say that it is thinking. In considering, it would let means & ways pass before its mental eye. But for this, it must already have some in stock. Thinking gives it the possibility of perfecting its methods. Or rather: It ‘thinks’ when it perfects its methods in a certain way.

§

63a[2]

Man könnte auch sagen: er denkt, wenn er in bestimmter Weise lernt!

One could also say: he thinks that he is learning in a certain way!

§

63a[3] &
63b[1]

Und auch dies könnte man sagen: Wer bei der Arbeit denkt, der wird Hilfstätigkeiten in sie einschalten. Das Wort “denken” nun bezeichnet nicht diese Hilfstätigkeiten, wie Denken ja auch nicht Reden ist. Obwohl der Begriff ‘denken’ nach Art einer imaginären Hilfstätigkeit gebildet ist. (Sowie man sagen könnte, der Begriff des Differentialquotienten sei nach Art eines imaginären Quotienten gebildet.)

And one could also say this: Whoever engages in thinking while working will incorporate auxiliary activities into it. The word “thinking” does not refer to these auxiliary activities, just as thinking is not the same as speaking. Although the concept of ‘thinking’ is formed in the manner of an imaginary auxiliary activity. (Just as one could say that the concept of the differential quotient is formed in the manner of an imaginary quotient.)

§

63b[2]

Diese Hilfstätigkeiten sind nicht das Denken; aber man stellt sich das Denken vor als das, was unter der Oberfläche dieser Hilfsmittel fließen muß, wenn sie nicht doch nur mechanisches Tun sein sollen.

These auxiliary activities are not the thinking; but one imagines thinking as that which must flow beneath the surface of these aids, if they are not to be merely mechanical activity.

§

63b[3]

Denken ist die imaginäre Hilfstätigkeit; der unsichtbare Strom, der alle diese Arten des Handelns trägt & verbindet. – Die Grammatik von “denken” aber läuft der von “sprechen” parallel.

Thinking is the imaginary auxiliary activity; the invisible current that carries & connects all these kinds of action. – But the grammar of “thinking” runs parallel to that of “speaking.”

§

63b[4]

Man könnte also zwei Schimpansen mit Bezug auf ihre Arbeitsweise unterscheiden & von einem sagen, er denkt, vom andern, er denke nicht.

One could therefore distinguish two chimpanzees with respect to their way of working and say that one is thinking and the other is not.

§

63b[5] &
64a[1]

Aber hier hätten wir freilich nicht die volle Verwendung von “denken”. Das Wort bezöge sich auf ein Benehmen. Die Bedeutung der geistigen Tätigkeit erhält es erst durch den besondern Gebrauch in der ersten Person.

But here we would certainly not have the full use of “thinking.” The word would refer to a behaviour. The meaning of the mental activity only receives it through the particular use in the first person.

§

64a[2]

Es ist, glaube ich, wichtig zu bemerken, daß das Wort eine erste Person der Gegenwart (in der Bedeutung auf die es uns ankommt) nicht hat. Oder soll ich sagen: daß seine Verwendung in der Gegenwart nicht mit der z.B. des Verbums “Schmerz fühlen” parallel läuft?

It is, I believe, important to note that the word does not have a first person of the present (in the sense that is relevant to us). Or should I say: that its use in the present does not run parallel to, for example, that of the verb “to feel pain”?

§

64a[3]

“Ich dachte ‥‥” kann man sagen, wenn man den Ausdruck des Gedankens wirklich gebraucht hat; aber auch wenn diese Worte gleichsam die Entwicklung aus einem Denkkeim sind.

“I thought…” one can say, if one has actually used the expression of the thought; but also if these words are, as it were, the development from a thought germ.

§

64a[4] &
64b[1]

Nun gibt es aber doch denkendes Reden & gedankenloses, ja gänzlich gedankenloses. – Hier muß man wieder fragen: Was ist der Nutzen des ‘Denkens’ beim Reden, warum interessiert uns: ob Einer dabei denkt, oder nicht?

Now, there is thoughtful speech and thoughtless speech, yes, completely thoughtless speech. – Here one must ask again: What is the use of ‘thinking’ in speech, why are we interested in whether someone is thinking, or not?

§

64b[2]

Nicht nach der Begleitung des Wortes ist zu suchen, sondern nach dem Gebrauch.

One must not look for the accompaniment of the word, but for the use.

§

64b[3]

Und es ist ungemein schwierig, dies einzusehen. Warum?

And it is extremely difficult to grasp this. Why?

§

64b[4]

Es gibt eben Denkgewöhnungen.

There are, after all, thinking habits.

§

64b[5]

Wie lernt ein Kind den Ausdruck “gedankenlos sprechen”?

How does a child learn the expression “to speak thoughtlessly”?

§

64b[6]

Nun, es gibt verschiedene Fälle. Es kann einer einen Satz, den er wohl versteht, aussprechen, aber als Sprachübung, & er gibt nur auf die Aussprache acht. Ja er kann ihr sagen & an etwas ganz anderes denken.

Well, there are various cases. One can utter a sentence that he probably understands, but as a language exercise, and he only pays attention to the pronunciation. Yes, he can say it and think of something completely different.

§

64b[7] &
65a[1]

Wenn er nun den Satz einmal beim Sprechen denkt, ein andermal ihn als bloße Sprachübung spricht, – begleiten das Sprechen da verschiedene Vorgänge? Der Satz hat etwa ein halbes Dutzend Wörter. Wenn verschiedene Vorgänge ihn begleiten, – sind sie z.B. für ein jedes Wort verschieden? Oder geht ein verschiedener Grundton durch den ganzen Satz? Und müssen diese Vorgänge unbedingt während des Aussprechens statthaben, oder können sie dem Satz folgen, oder vorangehen? Eine allgemeingültige klare Antwort scheint es nicht zu geben.

If he then thinks of the sentence while speaking at one time, and speaks it at another time as a mere language exercise, – do different processes accompany the speaking in these cases? The sentence has about half a dozen words. If different processes accompany it, – are they, for example, different for each word? Or does a different undertone run through the whole sentence? And must these processes necessarily take place during the utterance, or can they follow the sentence, or precede it? There does not seem to be a generally valid clear answer.

§

65a[2]

Aber auf die Aussprache achtgeben ist doch gewiß ein bestimmter Seelenzustand oder Vorgang! – Was weiß ich von seiner Bestimmtheit? Ich kann etwa sagen: “Ich werde jetzt acht geben” & halte jede Störung fern. Dann sag ich “Ich hab's genau gehört; es klang so: ‥‥”

But paying attention to the pronunciation is certainly a specific state of mind or process! – What do I know about its certainty? I can say, for example: “I will now pay attention” and keep every disturbance away. Then I say “I heard it clearly; it sounded like: …”

§

65a[3]

Der Zusammenhang, in welchem ich auf die Aussprache achte, oder aber den Sinn der Worte meine, auf diesen scheint es hauptsächlich anzukommen.

The context in which I pay attention to the pronunciation, or, on the other hand, mean the meaning of the words, seems to be the main thing.

§

65a[4] &
65b[1]

Ich kann einen Satz als Sprachübung aussprechen & dabei auf seinen Sinn gar nicht achten, ich kann ihn zitieren & es kommt mir dabei nun auf den exakten Wortlaut an, oder ich lese ihn in einer Novelle, oder ich sage ihn Einem als Behauptung im Gespräch. Hat er jedesmal eine andere Denkbegleitung?

I can utter a sentence as a language exercise and not pay attention to its meaning at all; I can cite it, and it is then a matter of the exact wording, or I read it in a short story, or I say it to someone as an assertion in a conversation. Does it have a different thought accompaniment each time?

§

65b[2]

Wenn der Satz “Sie hatte die schwarzen Augen der Blidders” eine Novelle anfängt, ist seine Denkbegleitung eine andere als sie wäre, wenn man von ‘ihr’ schon etwas wüßte?

If the sentence “She had the black eyes of the willows” begins a short story, is its thought accompaniment different from what it would be if one already knew something about ‘her’?

§

65b[3]

Denk Dir, jemand hätte in normaler Weise irgendein Gespräch mit uns geführt, & dann versichert er uns, er habe ganz mechanisch, oder ganz ohne zu denken, gesprochen? (Es wäre sehr ähnlich, wie wenn er uns nach einem gewöhnlichen Spaziergang versicherte er habe alle seine Bewegungen unwillkürlich gemacht.) Unter diesen Umständen reden wir eben nicht von mechanischem, oder ganz gedankenlosem Reden.

Imagine someone had a normal conversation with us, & then assured us that they had spoken entirely mechanically, or entirely without thinking? (It would be very similar to if, after an ordinary walk, they assured us that they had made all their movements involuntarily.) Under these circumstances, we are not talking about mechanical, or completely thoughtless speaking.

§

65b[4]

Nur unter ganz bestimmten Umständen tritt die Frage auf, ob denkend geredet wurde, oder nicht.

Only under very specific circumstances does the question arise as to whether thoughtful speech took place, or not.

§

65b[5] &
66a[1]

Die Verwendung so eines Wortes wie “denkend” ist eben viel erratischer, als es zuerst den Anschein hat. Man kann das auch so sagen: der Ausdruck dient einem viel spezielleren Zweck, als seine Form es vermuten läßt. Denn diese ist eine einfache, regelmäßige Bildung: Wenn das Denken oft, oder zumeist, mit dem Reden zusammengeht, so ist natürlich die Möglichkeit vorhanden, daß es einmal nicht mit ihm läuft.

The use of such a word as “thinking” is, after all, much more erratic than it first appears. One can also say: the expression serves a much more specific purpose than its form might suggest. Because this is a simple, regular formation: If thinking often, or mostly, goes together with speaking, then there is naturally the possibility that it will not go with it at one time.

§

66a[2] &
66b[1]

Ich lerne eine fremde Sprache & lese die Satzbeispiele in einem Übungsbuch. “Meine Tante hat einen schönen Garten.” Er hat ein Übungsbuch Aroma. Ich lese ihn & frage mich “Wie heißt ‘schön’ auf ‥‥?” dann denke ich an den Fall. – Nun, wenn ich jemandem mitteile, meine Tante habe ‥‥․, so denke ich an diese Dinge nicht. Der Zusammenhang, in dem der Satz stand war ein andrer. – Aber konnte ich nicht jenen Satz im Übungsbuch lesen & bei ihm trotzdem an den Garten meiner Tante denken? Gewiß. Und soll ich nun sagen die Denkbegleitung ist jedesmal eine andere, jenachdem ich den Satz einmal als reine Übung sehe, einmal als Übung mit dem Gedanken an jenen Garten, einmal wenn ich ihn jemandem einfach als Mitteilung sage? – Und ist es unmöglich, daß mir Einer mitten im Gespräch diese Mitteilung macht & dabei in ihm ganz das Gleiche stattfindet, wie wenn er den Satz als Sprachübung behandelt? Kommt es mir denn darauf an, was in ihm geschieht? Erfahre ich's denn?

I am learning a foreign language & reading the example sentences in a textbook. “My aunt has a beautiful garden.” It has a textbook aroma. I read it & ask myself, “What is ‘beautiful’ in…?” then I think about the case. – Well, if I communicate to someone that my aunt has…, then I am not thinking about these things. The context in which the sentence was situated was different. – But couldn't I have read that sentence in the textbook & still thought about my aunt’s garden? Certainly. And should I now say that the thought accompaniment is different each time, depending on whether I see the sentence as a pure exercise, once as an exercise with the thought of that garden, once when I simply tell someone as a communication? – And is it impossible that someone makes this communication to me in the middle of a conversation & at the same time, exactly the same thing happens in him as if he were treating the sentence as a language exercise? Does it matter to me what happens in him? Do I know it?

§

66b[2] &
67a[1]

Und wie kann ich denn überhaupt mit irgendwelcher Sicherheit darüber schreiben? Denn, während ich dies tue, lerne ich ja keine Sprache & mache niemand jene Mitteilung. Wie kann ich dann also wissen was in so einem Falle in jemand vorgeht? Erinnere ich mich denn jetzt an das was in diesen Fällen in mir vorging? Nichts dergleichen. Ich glaube nur, mich jetzt in diese Lagen hineindenken zu können. Aber da mag ich doch ganz & gar irregehn. Und dies ist ja die Methode, die man in solchen Fällen immer anwendet! Was man dabei an sich erfährt ist charakteristisch nur für die Situation des Philosophierens.

And how can I possibly write about it with any certainty? Because, while I do this, I am not learning a language & making this communication to anyone. How can I then know what is going on in someone in such a case? Do I remember now what happened in me in these cases? Nothing of the sort. I only believe that I can now imagine myself in these situations. But I could be completely wrong. And this is, after all, the method that is always used in such cases! What one learns about oneself in the process is characteristic only of the situation of philosophizing.

§

67a[2]

Was weiß ich von den inneren Vorgängen Eines, der mit Aufmerksamkeit einen Satz liest? Und kann er mir sie beschreiben, nachdem er's getan hat & ist was er etwa beschreibt eben der charakteristische Vorgang der Aufmerksamkeit?

What do I know about the inner processes of someone who reads a sentence with attention? And can he describe them to me after he has done so, & is what he describes the characteristic process of attention?

§

67a[3]

Welche Wirkung will ich denn erzielen, wenn ich jemand sage “Lies aufmerksam!”? Etwa, daß ihm das & jenes auffällt, er davon berichten kann. – Wieder könnte man, glaube ich, sagen, daß wer einen Satz mit großer Aufmerksamkeit liest, dann von Vorgängen in seinem Geist, Vorstellungen etwa, im allgemeinen wird berichten können. Aber das heißt nun nicht daß diese Vorgänge die Aufmerksamkeit ausmachten.

What effect do I want to achieve when I say to someone, “Read carefully!”? Perhaps that he notices this & that, & that he can report on it. – Again, one could say, I think, that someone who reads a sentence with great attention will generally be able to report on processes in his mind, images, for example. But that does not mean that these processes constitute the attention.

§

67a[4] &
67b[1]

Was tue ich mit einer Mitteilung, er habe beim Lesen des Satzes an etwas ganz anderes gedacht? Welche Schlüsse, die mich interessieren, kann ich aus dieser Mitteilung ziehen? Nun, etwa, daß ihn jene Sache beschäftigt; daß ich nicht zu erwarten habe, er wisse wovon das Gelesene gehandelt hat; daß ihm das Gelesene keinen Eindruck irgendwelcher Art gemacht hat; u. dergl..

What do I do with the communication that he thought of something completely different while reading the sentence? What conclusions can I draw from this communication that interest me? Well, for example, that this matter occupied him; that I cannot expect him to know what the reading was about; that the reading did not make any impression of any kind on him; and so on.

§

67b[2]

Darum hätte es ja auch keinen Sinn wenn jemand, der mit mir ein angeregtes Gespräch hatte mich danach versicherte, er habe ganz ohne zu denken gesprochen. Und zwar nicht, weil es aller Erfahrung widerspricht, daß Einer der so reden kann, es ohne die Begleitvorgänge des Denkens tue. Sondern, weil es sich hier zeigt, daß uns die Begleitvorgänge überhaupt nicht interessieren & nicht das Denken ausmachen. Wir kümmern uns den Teufel um seine Begleitvorgänge, wenn er ein Gespräch mit uns führt.

Therefore, it would not make sense if someone who had an animated conversation with me assured me afterwards that he had spoken completely without thinking. And not because it contradicts all experience that someone who speaks like that does so without the accompanying processes of thinking. But because it shows that these accompanying processes are not of interest to us & do not constitute the thinking. We don't give a damn about his accompanying processes when he has a conversation with us.

§

67b[3] &
68a[1]

“Es zuckte mir durch den Sinn: ‥‥․” Nun, diesen Ausdruck lernt der Mensch gebrauchen. Fast nie frägt man Einen “Wie zuckte es Dir durch den Sinn? Hast Du etwas gesagt, hast Du etwas in der Vorstellung vor Dir gesehen; kannst Du überhaupt sagen, was in Dir vorging?”

“It flashed through my mind: ….” Well, the human being learns to use this expression. One almost never asks someone, “How did it flash through your mind? Did you say something, did you see something in your imagination; can you at all say what happened in you?”

§

68a[2]

Wenn man erkennen will, wie Verschiedenes “Gedanke” heißt, braucht man ja nur einen rein mathematischen Gedanken mit einem nicht-mathematischen vergleichen. Denk nur was alles “Satz” heißt!

If one wants to know how “thought” means different things, one only needs to compare a purely mathematical thought with a non-mathematical one. Just think of all the different things “sentence” means!

§

68a[3]

Auf die Versicherung des Denkenden, es sei gewiß im Denken etwas während des Sprechens vorgegangen, ist natürlich nichts zu geben., es habe gewiß das Denken in einem Vorgang während des Sprechens bestanden, ist natürlich nichts zu geben.

There is, of course, nothing to be said for the assertion of the thinker that there was certainly some thinking during the speaking, that the thinking certainly consisted in a process during the speaking.

§

68a[4] &
68b[1]

06.01.1948

Wie lernt ein Mensch den Gebrauch von “Ich dachte ‥‥․”, dort wo es nicht heißt “Ich glaubte ‥‥”. Wie lernt er einen Wortausdruck gebrauchen mit Bezug auf einen plötzlichen Einfall? Nun es gibt Zeichen der plötzlichen Erkenntnis & diesem folgt ein Gedankenausdruck; & wir sagen dem Kind bei so einen Anlaß etwa “Wie Du zusammengezuckt bist hast Du plötzlich gedacht ‥‥․” Das heißt: die Reaktion muß eben zuerst spontan kommen & dann können wir den Andern den gebräuchlichen Ausdruck lehren. Es ist hier natürlich nicht anders als wie im Falle, wenn der Mensch den Ausdruck “Ich habe geträumt” lernt.

01/06/1948

How does a person learn the use of “I thought…,” when it doesn’t mean “I believed…?” How does he learn to use a verbal expression in reference to a sudden idea? Now, there are signs of sudden realization, and this is followed by a thought expression; and we say to the child on such an occasion, something like, “How you flinched, you suddenly thought….” That is, the reaction must first come spontaneously, and then we can teach the child the customary expression. Of course, this is no different from the case when a person learns the expression “I dreamed.”

§

68b[2] &
69a[1]

Das Kind muß nicht zuerst einen primitiven Ausdruck gebrauchen, den wir dann durch den gebräuchlichen ersetzen. Warum soll es nicht sogleich den Ausdruck der Erwachsenen gebrauchen, den öfters gehört hat. Wie es “errät”, daß dies der richtige Ausdruck ist, oder wie es drauf kommt ihn zu gebrauchen ist ja gleichgültig. Hauptsache ist: es gebraucht ihn – nach welchen Präliminarien immer – so wie die Erwachsenen ihn gebrauchen: d.h., bei denselben Anlässen, in der gleichen Umgebung. Er sagt auch: der Andre habe gedacht ‥‥․

The child must not first use a primitive expression, which we then replace with the customary one. Why shouldn’t it immediately use the expression of adults, which it has often heard? How it “guesses” that this is the correct expression, or how it comes to use it, is irrelevant. The main thing is: it uses it – after whatever preliminaries – just as adults use it: i.e., on the same occasions, in the same environment. He also says: the other person thought ‥‥․

§

69a[2]

Wie wichtig ist das Erleben der Bedeutung im sprachlichen Verkehr? Was wichtig ist, ist, daß wir beim Aussprechen eines Worts etwas intendieren. Ich sage z.B. “Bank!” & will damit jemand erinnern, er solle auf die Bank gehen, & ich meine dabei das Wort in der einen, & nicht in der andern Bedeutung. – Aber die Intention ist eben kein Erlebnis.

How important is the experience of meaning in linguistic communication? What is important is that, when we utter a word, we intend something. For example, I say “Bench!” and I intend to remind someone to go to the bench, and I have in mind the word in one sense, and not in the other. – But intention is not an experience.

§

69a[3]

Aber wie kann sie kein Erlebnis sein, wenn sie sich doch auf einen Zeitpunkt bezieht. – Da ist es ja fast, als sage man nur man habe intendiert, während eben zu jener Zeit nicht wirklich etwas eben zu jener Zeit nicht wirklich etwas geschehen wäre! Als wäre diese Vergangenheit nur, sozusagen, eine Konstruktion. Und sie ist es (aber) nicht.

But how can it not be an experience if it does refer to a specific point in time? – It's almost as if one merely says that one had intended something, while at that very time, nothing actually happened! As if this past were merely, so to speak, a construct. And it is (but) not.

§

69a[4] &
69b[1]

Was unterscheidet sie aber vom Erlebnis? – Nun, sie hat keinen Erlebnisinhalt. Denn die Inhalte (Vorstellungen z.B.), die mit ihr oft Hand in Hand gehen, sind nicht die Intention selbst. – Und doch ist sie auch nicht eine Disposition, wie das Wissen. Denn die Intention war vorhanden als ich es sagte; sie ist jetzt nicht mehr vorhanden; aber ich habe sie nicht vergessen.

What distinguishes it from experience? – Well, it has no experiential content. Because the contents (images, for example) that often go hand in hand with it are not the intention itself. – And yet, it is not a disposition, like knowledge. Because the intention was present when I said it; it is not present now; but I have not forgotten it.

§

69b[2]

Soll ich die Intention einen Bewußtseinszustand nennen? Kann sie die Dauer eines Sinneseindrucks haben? Also zugleich mit ihm anfangen & enden?

Should I call intention a state of consciousness? Can it have the duration of a sense impression? That is, begin and end at the same time as it?

§

69b[3]

“Wissen” wie ich es gebrauche, heißt nicht “sich einer Sache bewußt sein”. Das Wissen ist von der Richtung der Aufmerksamkeit unabhängig. Wende ich aber meine Aufmerksamkeit ganz von einer Sache ab, so bin ich mir ihrer nicht mehr bewußt.

“Knowledge,” as I use it, does not mean “being conscious of something.” Knowledge is independent of the direction of attention. But if I turn my attention completely away from something, then I am no longer conscious of it.

§

69b[4] &
70a[1]

Könnte ich nun “Absicht” zweierlei nennen: etwas, was andauern kann auch wenn ich mir seiner nicht bewußt bin, & etwas anderes, was ein Bewußtseinszustand ist? – Wenn ich einen Weg mache um in diese Stadt zu kommen, so habe ich die Absicht insofern ununterbrochen, als ich sie nicht geändert habe. Aber meine Gedanken müssen nicht bei ihr sein, & insofern kann ich sie vergessen. Was hier nicht heißt, sie sei mir entfallen. Was soll ich aber von meiner Absicht sagen, als ich ihm befahl “Geh zur Bank!”? – Was nenne ich “an meine Absicht denken”, wenn ich auf dem Weg nach ‥‥ bin, um das & das zu tun? – Wann sagt man “Die Absicht stand mir klar vor Augen”?

Could one now call “intention” two different things: something that can persist even if one is not conscious of it, & something else that is a state of consciousness? – If I take a route to get to that city, then I have the intention in_so_far as it is uninterrupted, as long as I have not changed it. But my thoughts do not have to be on it, & insofar I can forget it. But that does not mean that it has slipped from my mind. What should I say about my intention when I commanded him “Go to the bank!”? – What do I call “thinking of my intention” when I am on the way to ‥‥ to do this & that? – When does one say “The intention was clearly before my eyes”?

§

70a[2]

Nimm an, ich trachtete, jemand zu überreden, dort & dort hin zu gehen, das & das zu tun –, kann ich leicht sagen mir sei während dieser ganzen Unterredung dringend darum zu tun er möge ‥‥; habe ich nicht die intensivste Absicht ihn dahin zu bringen? – Diese Absicht könnte man einen Zustand meiner Seele nennen. Man kann sie mit einem Feuer vergleichen, was in mir brennt. Es ist auch schwer diesen Zustand eine Disposition zu nennen; aber man kann ihn auch mit dem des Schmerzes, z.B., nicht vergleichen.

Suppose I tried to persuade someone to go there and do that – can I easily say that I was very concerned during this entire conversation that he should…? Don’t I have the most intense intention to bring him to that? – This intention could be called a state of my soul. One can compare it to a fire that burns in me. It is also difficult to call this state a disposition; but one can also not compare it to the state of pain, for example.

§

70b[1]

Ich bin nicht geneigt zu sagen “Ich habe beim Sprechen die Absicht gefühlt”, “die Erfahrung der Absicht gehabt”, oder dergleichen. – Ich würde sagen: “Ich habe die feste Absicht gehabt”, “Ich habe mich nicht von ihr abbringen lassen”, “Ich habe an ihr festgehalten”. Das Bild ist: man ergreift etwas, & hält daran fest.

I am not inclined to say “I felt the intention while speaking,” “I had the experience of intention,” or the like. – I would say: “I had the firm intention,” “I did not let myself be swayed from it,” “I held on to it.” The image is: one seizes something and holds on to it.

§

70b[2]

Ist eine Absicht eine Disposition? Bin ich mir meiner Absicht bewußt, während ich ihn zu überreden trachte? Doch gewiß! Man sagt: “die Absicht stand von meiner Seele”. Also wie das Ziel, auf das ich zulief. “Ich habe diese Absicht nie aus den Augen verloren”.

Is an intention a disposition? Am I conscious of my intention while trying to persuade him? But of course! One says: “The intention was in my mind.” So, it’s like the goal I was aiming for. “I never lost sight of this intention.”

§

70b[3] &
71a[1]

Was ist nun der Unterschied zwischen diesen beiden Fällen: Im einen sage ich “Geh zur Bank!” & meine dabei ‥‥․ – im andern, der also doch auch möglich sein muß sage ich dasselbe, meine aber dabei nichts, erkläre den Satz aber, wenn ich nach der Bedeutung gefragt werde, so wie im ersten Fall. Kann ich mit Sinn sagen, ich habe das & das gemeint, damals als ich es sagte, so muß es ja auch den andern Fall geben, in welchem ich's damals nicht gemeint habe, & nur meine Worte nachträglich durch eine Erklärung ergänze.

What is the difference between these two cases now: In one, I say “Go to the bank!” and in doing so… – in the other, which must also be possible, I say the same thing, but I don’t mean anything by it, but when asked about the meaning, I explain the sentence as in the first case. If I can meaningfully say that I meant this and that when I said it, then there must also be the other case in which I didn’t mean it then, and only add to my words afterward through an explanation.

§

71a[2]

Ich könnte mir hier zwei Fälle vorstellen. Den, ich habe beim Sprechen nichts gemeint; & den, ich habe etwas anderes gemeint. Im zweiten Fall ging eine Änderung meiner Absicht vor sich. Aber wie schaut der erste Fall aus?? Soll ich sozusagen im Halbschlaf geredet haben? Oder bloß unaufmerksam? – Es gibt ja wirklich den Fall, in dem man sagt “Ich habe kaum daran gedacht, als ich's ihm sagte; ich war zu sehr mit ‥‥ beschäftigt”.

I can imagine two cases here. The one in which I had no intention while speaking, & the one in which I intended something else. In the second case, a change in my intention took place. But what about the first case? Should one say that I was, as it were, talking in a half-asleep state? Or merely inattentive? – There really is the case in which one says “I hardly thought about it when I told him; I was too busy with ‥‥”.

§

71a[3] &
71b[1]

Denn es könnte doch allerdings sein, daß ich Einem jenen Befehl gewohnheitsmäßig & daher ganz mechanisch gäbe, daß etwa der Reflex dieses Befehls bei mir durch das Schlagen einer Uhr ausgelöst würde; & in diesem Fall könnte man ja wirklich sagen ich habe mit meinen Worten so wenig gemeint, wie eine Maschine die sagt “stand clear of the gates”.

For it could indeed be the case that I give that command to someone habitually and therefore quite mechanically, so that the reflex of this command in me is triggered by the striking of a clock; and in this case, one could really say that I meant as little with my words as a machine that says “stand clear of the gates.”

§

71b[2]

Denn wenn die Worte so einer Maschine auch in einer bestimmten Weise gemeint sind, & dementsprechend erklärt werden könnten, so hat doch die Maschine sie nicht so gemeint.

For even if the words are meant in a certain way by such a machine, and could therefore be explained accordingly, the machine did not mean them in that way.

§

71b[3]

Es ist wahr: ich konnte mich mehr, oder weniger intensiv mit dem beschäftigen, was ich sagte. Und hier handelt sich's offenbar nicht um bestimmte Erlebnisse während des Aussprechens der Worte. D.h., man könnte nicht sagen “Beim Aussprechen des Wortes ‘Bank’ mußte das & das vorsichgehen, wenn es wirklich so gemeint war”.

It is true: I could be more or less intensely occupied with what I was saying. And here it is clearly not about specific experiences during the utterance of the words. That is, one could not say, “When uttering the word ‘bank,’ this and that had to happen, if it was really so meant.”

§

71b[4] &
72a[1]

Daß man nun doch das Wort isoliert, fern von jeder Intention, ‘einmal mit einer, einmal mit einer andern Bedeutung aussprechen’ kann, das ist ein Phänomen das nicht auf das Wesen der Bedeutung reflektiert; so daß man sagen könnte “Siehst Du, auch das kann man mit einer Bedeutung machen”. – Sowenig wie man sagen könnte: “Schau, was man mit einen Apfel alles machen kann: man kann ihn essen, sehen, zu haben wünschen, sich vorzustellen versuchen.” Sowenig, wie es für den Begriff ‘Nadel’ & ‘Seele’ charakteristisch ist, daß wir fragen können, wieviele Seelen auf einer Nadelspitze Platz haben. – Es handelt sich hier, sozusagen, um einen Auswuchs des Begriffs.

The fact that one can now isolate the word, away from any intention, and pronounce it ‘once with one meaning, once with another’ is a phenomenon that does not reflect the essence of meaning; so that one could say, “See, even this can be done with meaning.” – Just as little as one could say: “Look what one can do with an apple: one can eat it, see it, wish to have it, try to imagine it.” Just as little as it is characteristic of the concept ‘needle’ and ‘mind’ that we can ask how many minds can fit on the tip of a needle. – Here, it is, as it were, an extension of the concept.

§

72a[2]

(Ich treibe, so seltsam das klingen mag, in allen diesen Betrachtungen Logik. Wenn ich's auch ungeschickt mache & die logische Bedeutung dessen, was ich sage, noch schwer zu sehen ist.)

(I am, however strange it may sound, pursuing logic in all these considerations. Even if I do it clumsily and the logical meaning of what I say is still difficult to see.)

§

72a[3]

Statt “Auswuchs des Begriffs” hätte ich auch sagen können “Anbau an den Begriff.” – In dem Sinne, in welchem es auch nicht zu dem Wesen des Personennamens gehört, daß er die Eigenschaften seines Trägers zu haben scheint. – “Schubert heiß ich, Schubert bin ich.”

Instead of “extension of the concept,” I could also have said “addition to the concept.” – In the sense in which it is not part of the essence of a personal name that it seems to have the properties of its bearer. – “Schubert is my name, Schubert is what I am.”

§

72a[4] &
72b[1]

Ich redete von einem ‘Auswuchs’, oder ‘Anbau’ an einem Begriff. Das heißt natürlich, daß ein neues Sprachspiel an das alte angebaut wurde. (Geradeso wie wenn man von den Farben der Vokale redet.)

I was talking about an ‘extension’ or ‘addition’ to a concept. This, of course, means that a new language-game has been added to the old one. (Just as when one speaks of the colors of vowels.)

§

72b[2]

Denk Dir eine Aufschrift, die schon ganz unleserlich wäre mit Ausnahme des Wortes “Bank”, das man noch lesen kann. Ich schaue die Aufschrift an, lese das Wort & halte es für den Namen des Sitzgeräts. Wenn jemand mit mir später über die Aufschrift spricht, sage ich “Ich habe es als selbstverständlich hingenommen, daß es ‥‥ bedeutet”. Wann habe ich's so hingenommen? Als ich die Aufschrift zu lesen trachtete. Aber das bestand natürlich nicht darin, daß das Lesen des Worts von einem bestimmten Erlebnis begleitet war. – Nun, dieses unwillkürliche Auffassen des Worts ähnelt dem ‘Erleben des Wortes in der Bedeutung ‥‥’ Sowie das gewollte, oder ungewollte Sehen eines Dreiecks, z.B., in dem & dem Aspekt dem Halten des Dreiecks für das & das ähnelt.

Imagine an inscription that is already completely illegible, with the exception of the word “bank,” which can still be read. I look at the inscription, read the word, and take it to be the name of the seat. If someone talks to me later about the inscription, I say, “I took it for granted that it meant…” When did I take it for granted? When I tried to read the inscription. But this, of course, did not consist in the reading of the word being accompanied by a specific experience. – Now, this involuntary grasping of the word is similar to ‘experiencing the word in the meaning…’. Just as the intentional or unintentional seeing of a triangle, for example, in this or that aspect is similar to holding the triangle to be this and that.

§

72b[3] &
73a[1]

Aber wenn nun der Befehl “Geh zur Bank!” in einem Theaterstück vorkäme, & ich ihn in einer Rolle ausspräche, könnte ich ihn nicht doch meinen, auch abgesehen davon, daß er im Stück einen bestimmten Sinn hat? Nun, was wäre der Gegensatz zu ‘ihn meinen’? Wäre es nicht: ihn bloß sagen, aber ohne den entsprechenden, oder ohne jeden, Gedanken? Was anderes sollte es heißen, wenn ich jemandem in so einem Falle versicherte ich habe dies in meiner Rolle gesprochen, es aber nicht irgendwie gemeint? Aber was würde, daß ich die Worte ‘bloß gesprochen’ habe den Andern mitteilen? Entweder: ich hätte dabei an etwas anderes gedacht, oder mich in irgend einem abnormalen geistigen Zustand befunden (Vergleich mit dem Begriff ‘willkürlich’.)

But if the command “Go to the bank!” were to occur in a play, & I uttered it while playing a role, could I not still mean it, even apart from the fact that it has a certain sense in the play? Now, what would be the opposite of ‘to mean it’? Wouldn’t it be: merely to say it, but without the corresponding thought, or without any thought at all? What else should it mean if I assured someone in such a case that I spoke these words in my role, but did not somehow mean them? But what would it communicate to others that I have ‘merely spoken’ the words? Either: I was thinking of something else, or I was in some abnormal mental state (comparison with the concept of ‘arbitrary’).

§

73a[2]

Ich könnte mir hier auch den Fall vorstellen, daß für den Schauspieler die Worte “geh zur Bank” die Bedeutung hatten “geh zu dieser Kulisse” & er an eine Bank gar nicht dachte. Aber hier gibt es nun allerlei Übergänge & Schwankungen.

I could also imagine the case here that for the actor, the words “go to the bank” had the meaning “go to this stage set,” & he wasn’t thinking of a bank at all. But here there are all sorts of transitions & fluctuations.

§

73a[3] &
73b[1]

Wie kann man den Geisteszustand, dessen der einen Befehl halb automatisch gibt, von dem unterscheiden in welchem er mit Nachdruck, wohlüberlegt, gegeben wird? “Es geht in dieses Menschen Geist etwas anderes vor.” Denk an den Zweck der Unterscheidung. – Was sind die Zeichen des Nachdrucks?

How can one distinguish the state of mind in which one gives a command half-automatically from the state in which one gives it emphatically, after careful consideration? “Something else is going on in this person’s mind.” Think of the purpose of the distinction. – What are the signs of emphasis?

§

73b[2]

Kann man sagen Einer habe eine Intention mehr oder weniger nachdrücklich?

Can one say that someone has an intention more or less emphatically?

§

73b[3]

Nach langer Überlegung gibt man einen Befehl. Niemand wird sagen, er sei halb automatisch gegeben worden. Der Ton in dem man ihn gibt, wird wahrscheinlich ein anderer sein.

After much deliberation, one gives a command. No one would say that it was given half-automatically. The tone in which one gives it will probably be different.

§

73b[4]

Ich möchte sagen: Wenn ein Mensch mit seinen normalen Fakultäten unter den & den Umständen so ein Gespräch hat, dann hat er gedacht.

I would like to say: If a person with his normal faculties has such a conversation under these & those circumstances, then he has thought.

§

73b[5]

Wenn ein sonst normaler Mensch unter den & den normalen Umständen ein normales Gespräch führt, & ich gefragt würde wie sich in so einem Falle der Denkende vom nicht Denkenden unterschiede, – ich wüßte nicht zu antworten. Und ich könnte gewiß nicht sagen, daß der Unterschied in etwas liegt was während des Sprechens vorsichging, oder nicht vorsichging.

If a normally normal person has a normal conversation under these & those normal circumstances, & I were asked how the thinking person differs from the non-thinking person in such a case, – I would not know how to answer. And I could certainly not say that the difference lies in something that happened during the speaking, or did not happen.

§

74a[1]

Die Grenzlinie zwischen ‘denken’ & ‘nicht denken’, die hier gezogen würde, liefe zwischen zwei Zuständen, die sich durch nichts einem Spiel der Vorstellungen auch nur ähnlichem unterschieden. Denn das Spiel der Vorstellungen bleibt ja doch das, was man sich als das Charakteristikum des Denkens denkt.

The dividing line between ‘thinking’ & ‘not thinking’ that would be drawn here would run between two states that differ in nothing that even remotely resembles a play of imagination. For the play of imagination remains what one thinks of as the characteristic of thinking.

§

74a[2] &
74b[1]

“Er hat seine Antworten auswendig gewußt & sich nichts bei ihnen gedacht.” Denk Dir, ich sage “Ich habe meine Antworten auswendig gewußt & mir nichts bei ihnen gedacht” wie unterschiede sich, was in mir damals vorging von dem beim denkenden Antworten. Allerlei Unterschiede fallen mir ein: Ich höre gar nicht genau hin auf das was der Andre sagt; Gedanken kommen in meinen Sinn, die sonst unmöglich wären; ich schaue auch den Andern ganz anders an; mit einem Wort benehme mich so, daß ein Andrer erraten könnte, ich wisse meine Reden auswendig, beim auswendig Reden werde ich auch gewisse Fehler machen, die ich sonst nicht machen würde, oder eine Unsicherheit dort fühlen wo ich sie sonst nicht fühlen würde, und umgekehrt; u.s.f..

“He knew his answers by heart & didn’t think about them.” Imagine I say, “I knew my answers by heart & didn’t think about them.” How does what was going on in me at that time differ from what goes on when I am thinking when answering? All sorts of differences occur to me: I don’t listen very carefully to what the other person says; thoughts come into my mind that would otherwise be impossible; I also look at the other person differently; in short, I behave in such a way that another person could guess that I know my speeches by heart; when speaking from memory, I will also make certain mistakes that I would not otherwise make, or feel an uncertainty there where I would not otherwise feel it, and vice versa; and so on.

§

74b[2]

Ist “Ich habe den Satz auswendig hergesagt” die Äußerung eines Erlebnisses? Man wird (im allgemeinen) sagen, Einer müsse wissen, ob er den Satz auswendig hergesagt, oder ihn ad hoc gebildet habe.

Is “I recited the sentence from memory” the utterance of an experience? One will (in general) say that one must know whether one recited the sentence from memory or whether one formulated it ad hoc.

§

74b[3]

“Ich habe diese Worte gesagt, aber mir gar nichts bei ihnen gedacht”, das ist eine interessante Äußerung, weil die Folgen interessant sind. Du kannst Dir aber immer denken, daß, wer dies sagte sich bei der Introspektion geirrt hat; aber es würde uns gar nichts machen

“I said these words, but I didn’t think anything while saying them,” that is an interesting utterance, because the consequences are interesting. One can always assume that whoever said this was mistaken during introspection; but it wouldn’t matter to us at all.

§

74b[4] &
75a[1]

Was aber soll ich nun sagen: Ist dem, der gedankenlos geredet hat, ein Erlebnis abgegangen? Waren es z.B. Vorstellungen? – Aber wenn ihm die abgegangen wären, hätte das für uns dasselbe Interesse wie dies, daß er ohne zu denken gesprochen hat? Sind es die Vorstellungen, die uns in diesem Falle interessieren? Haben wir in seiner Äußerung nicht eine Art Signal von ganz anderer Bedeutung?

But what should I say now: Has the person who spoke thoughtlessly missed out on an experience? Were they, for example, images? – But if they had been missing, would that have the same interest for us as the fact that he spoke without thinking? Are it the images that interest us in this case? Don’t we have in his utterance a kind of signal of quite different meaning?

§

75a[2]

Soll ich sagen: “Wenn Du nicht automatisch gesprochen hast (was immer das heißen mag) & wenn Du Deine Absicht nicht erst später erhalten, oder geändert hast, so hattest Du sie, als Du sprachst”?

Should I say: “If you did not speak automatically (whatever that may mean) & if you did not receive or change your intention later, then you had it when you spoke”?

§

75a[3]

“Er hat an nichts anderes gedacht, als ihn davon abzubringen”. Man könnte das auch von der Person eines Theaterstücks sagen. Es drückt sich also im Benehmen & im Reden aus.

“He was thinking of nothing but stopping it.” One could also say this about a character in a play. So it expresses itself in behaviour & in speech.

§

75a[4]

“Ich hatte die ganze Zeit den dringenden Wunsch, er möchte sich umstimmen lassen.”

“All along I had the urgent wish that he would let himself be persuaded.”

§

75a[5]

“Ich habe mit dem Satz nichts gemeint, ich hab ihn nur vor mich hin gesagt.” Wie merkwürdig, daß ich damit auf kein Erlebnis während des Sprechens anspiele & daß ich trotzdem nichts bezweifelbares ausspreche.

“I didn’t mean anything by the sentence, I just said it to myself.” How remarkable that with this I don’t refer to any experience during the speaking, and that I still don’t utter anything doubtful.

§

75a[6] &
75b[1]

07.01.1948

Es ist sehr merkwürdig, daß die Vorgänge beim Denken uns so gut wie nie interessierten. (Aber natürlich sollte ich nicht sagen, es sei merkwürdig.)

07.01.1948

It is very remarkable that the processes of thinking have almost never interested us. (But of course I shouldn’t say that it is remarkable.)

§

75b[2]

Nun, Ähnliches könnte man in andern Fällen auch sagen. Wenn mir jemand mitteilt Einer habe geschmunzelt, so interessiere ich mich für die genauen Veränderungen der Gesichtszüge auch nicht. Und so könnte man meinen sei es, wenn ich nicht wissen will genau welche Vorstellungen, etc., Einer hat wenn er, z.B., den & den Satz nur wegen seines seltsamen Klangs wiederholt ihn aber nicht eigentlich gemeint hat.

Well, one could say something similar in other cases. If someone tells me that someone smiled, I am also not interested in the exact changes in facial features. And one could say that it is the same when I don’t want to know exactly what images, etc., someone has when, for example, he repeats a certain sentence only because of its strange sound, but he doesn’t actually mean it.

§

75b[3]

Aber ich bezweifle, daß man da auf der rechten Spur ist.

But I doubt that one is on the right track there.

§

75b[4] &
76a[1]

Die Frage “Was hast Du gemeint” & ähnliche können in zweifacher Weise verwendet werden. Im einen Fall wird einfach eine Sinn- oder Bedeutungserklärung verlangt, damit man mit dem Sprachspiel fortfahren kann. Im andern Fall interessiert uns etwas, was zur Zeit, als der Satz gesprochen wurde, geschah. Im ersten Falle würde uns ein psychologischer Bericht, wie dieser “Zuerst sagte ich's nur zu mir selbst, dann wendete ich mich an Dich & wollte Dich erinnern etc.” nicht interessieren.

The question “What did you mean?” & similar questions can be used in two ways. In one case, a sense or meaning explanation is simply requested, so that one can continue with the language-game. In the other case, we are interested in something that was happening at the time when the sentence was spoken. In the first case, a psychological report like “First I said it to myself, then I turned to you & wanted to remind you etc.” would not interest us.

§

76a[2]

Hast Du das gemeint? Ja, es war der Anfang dieser Bewegung.

Did you mean that? Yes, it was the beginning of that movement.

§

76a[3]

Ich stelle noch nicht die richtige Frage.

I am not yet asking the right question.

§

76a[4] &
76b[1]

Denken wir uns diesen Fall: Ich soll um 12 Uhr jemand daran erinnern, er solle auf die Bank gehn, Geld holen. Mein Blick fällt um 12 Uhr auf die Uhr & ich sage “Bank!” (zu ihm gewendet, oder auch nicht); vielleicht mache ich eine Gebärde, die man manchmal macht, wenn man sich plötzlich einer Sache, die zu tun ist, entsinnt. – Gefragt, “Meinst Du die … Bank?” werde ich's bejahen. – Gefragt “Hast Du beim Sprechen die … Bank gemeint”, auch. – Wie, wenn ich das letztere verneinte?! Was würde das dem Andern mitteilen? Etwa, daß ich beim Sprechen den Satz anders gemeint, ihn aber dann doch für jenen Zweck verwenden wollte. Nun, das kann vorkommen. Es könnte auch sein, daß ich, als mein Blick auf die Uhr fiel, in seltsamer automatischer Weise das Wort “Bank” ausspreche, so daß ich dann berichte “Ich hörte mich plötzlich das Wort sagen, ohne mit ihm irgend eine Bedeutung zu verbinden. Erst später erinnerte ich mich daran, daß Du zur Bank solltest.” – Die Antwort, ich hätte zuerst das Wort anders gemeint, bezog sich doch offenbar auf die Zeit des Sprechens; & ich hätte mich auch so ausdrücken können: “Ich habe beim Reden an diese Bank gedacht, nicht an ‥‥”. – Die Frage ist nun: ist dieses ‘Denken an ‥‥’ ein Erlebnis? Es geht häufig, vielleicht immer, mit einem Erlebnis zusammen, möchte ich sagen. Zu sagen man habe damals an diese Sache gedacht, auf die man nun zeigen, die man beschreiben kann, etc., ist förmlich als sagte man: Dieses Wort, dieser Satz, war der Anfang von diesem Gedankenzug, von dieser Bewegung. Nicht aber so, als ob ich dies durch nachträgliche Erfahrung wüßte; sondern die Äußerung “Ich habe bei diesen Worten an ‥‥ gedacht” knüpft eben selber an jenen Zeitpunkt an. Und wenn ich sie in der Gegenwart statt in der Vergangenheit machte, hieße sie etwas anderes.

Let’s think of this case: I am supposed to remind someone at 12 o’clock that he should go to the bank to get money. At 12 o’clock my gaze falls on the clock & I say “Bank!” (to him, or not); perhaps I make a gesture that one sometimes makes when one suddenly remembers something that needs to be done. – Asked, “Do you mean the … bank?”, I will answer in the affirmative. – Asked “Did you have the … bank in mind when speaking”, also. – What if I denied the latter?! What would that communicate to the other person? For example, that when I spoke, I meant the sentence differently, but then I still wanted to use it for that purpose. Well, that can happen. It could also be that when my gaze fell on the clock, I pronounce the word “bank” in a strange, automatic way, so that I then report “I suddenly heard myself say the word, without connecting it with any meaning. Only later did I remember that you were supposed to go to the bank.” – The answer, that I first meant the word differently, apparently referred to the time of speaking; & I could also have said: “When speaking, I thought of this bank, not ‥‥”. – The question now is: is this ‘thinking of ‥‥’ an experience? It often, perhaps always, is associated with an experience, I would like to say. To say that one thought of this thing at that time, which one can now point to, which one can describe, etc., is almost the same as saying: this word, this sentence, was the beginning of this train of thought, of this movement. But not as if I knew this through subsequent experience; rather, the statement “I thought of ‥‥ when saying these words” itself refers to that moment. And if I made it in the present instead of in the past, it would mean something different.

§

76b[2] &
77a[1]

Warum aber will ich sagen, jenes Denken sei kein Erlebnis? – Man kann an die ‘Dauer’ denken. Wenn ich statt des einen Wortes einen ganzen Satz gesprochen hätte, könnte ich nicht von einem Zeitpunkt im Sprechen sagen, er sei der Anfang des Denkens gewesen, noch auch der Augenblick in dem es stattgefunden hat. Oder, wenn man Anfang & Ende des Satzes, Anfang & Ende des Gedankens nennt, dann ist es nicht klar ob man von dem Erlebnis des Denkens sagen soll, es sei während dieser Zeit einförmig, oder es sei ein Vorgang, wie das Sprechen des Satzes selbst.

But why do I want to say that this thinking is not an experience? – One can think of the ‘duration’. If I had spoken a whole sentence instead of the one word, I could not say that there was a point in the speaking that was the beginning of the thinking, nor also the moment in which it took place. Or, if one calls the beginning & end of the sentence the beginning & end of the thought, then it is not clear whether one should say that the experience of the thinking was uniform during this time, or whether it was a process, like the speaking of the sentence itself.

§

77a[2]

Ja, wenn man von einer Erfahrung des Denkens spricht, so ist die Erfahrung des Redens so gut wie jede andre. Aber der Begriff ‘denken’ ist kein Erfahrungsbegriff. Denn man vergleicht Gedanken nicht, wie man Erfahrungen vergleicht.

Yes, if one speaks of an experience of thinking, then the experience of speaking is just like any other. But the concept ‘thinking’ is not a concept of experience. For one does not compare thoughts, as one compares experiences.

§

77a[3]

Man kann Einen im Denken stören, – aber im Beabsichtigen? – Wohl aber im Planen. Auch im Festhalten einer Absicht, nämlich im Denken oder Handeln.

One can disturb a person in their thinking, – but in their intending? – Presumably in their planning. Also in maintaining an intention, namely in thinking or acting.

§

77a[4] &
77b[1]

‘Sag “a b c d e” & mein: Das Wetter ist heute schön.’ Soll ich also sagen, daß das Erlebnis des Aussprechens eines Satzes einer uns geläufigen Sprache ein ganz anderes ist als das des Aussprechens uns nicht in bestimmten Bedeutungen geläufiger Zeichen? Wenn ich also jene Sprache lernte in welcher “a b c d e” den Sinn ‥‥ hat, würde ich nach & nach das uns bekannte Erlebnis beim Aussprechen eines Satzes kriegen. Oder soll ich sagen, wie ich geneigt bin zu sagen, die Hauptverschiedenheit der beiden Fälle liegt darin, daß ich mich im einen nicht bewegen kann. Es ist als wäre eines meiner Gelenke in Schienen & ich wäre noch nicht an sie gewöhnt & hätte daher noch nicht ihre möglichen Bewegungen inne, stieße also sozusagen in einem fort an. (Gefühl des Weichen.)

‘Say “a b c d e” & say: The weather is fine today.’ Am I to say that the experience of uttering a sentence in a language familiar to us is completely different from that of uttering signs unfamiliar to us in specific meanings? So, if I learned that language in which “a b c d e” has the meaning…, would I gradually acquire the familiar experience we have when uttering a sentence? Or should I say, as I am inclined to say, that the main difference between the two cases lies in the fact that I cannot move freely in the first one? It is as if one of my joints were in rails, and I had not yet become accustomed to them, and therefore did not yet have their possible movements in mind, so that I, as it were, constantly bump into them. (Feeling of yielding.)

§

77b[2]

Denk Dir, ich wäre mit einem Menschen beisammen, der diese Sprache spricht, & mir wäre gesagt worden, “a b c d e” heiße das & das, & ich solle dies sagen, weil es höflich sei. Ich würde es also mit einem freundlichen Lächeln & einem Blick zum Fenster hinaus sagen. Wäre das nicht schon genug, um mir diese Zeichen weniger fremd zu machen?

Imagine I am with a person who speaks this language, and I have been told that “a b c d e” means this and that, and that I should say this because it is polite. I would therefore say it with a friendly smile and a glance out the window. Wouldn’t that be enough to make these signs less foreign to me?

§

77b[3] &
78a[1]

Denk Dir ein Verbum mit der Bedeutung “denkend reden”. Für diese Menschen sei dies eine Begriffseinheit. Sie haben (etwa) auch ein Wort für das bloße Hervorbringen der Laute einer Sprache, aber es wird nur sehr selten dort verwendet, wo wir “sprechen” sagen. So ein Verbum wäre nicht ein rein psychologisches, d.h., entspräche nicht ganz unsern psychologischen. Betrachte die erste Person der Gegenwart.

Imagine a verb with the meaning “thinking and speaking”. For these people, this is a single concept. They also have (approximately) a word for the mere production of the sounds of a language, but it is used very rarely where we say “speak”. Such a verb would not be purely psychological, i.e., it would not entirely correspond to our psychological one. Consider the first person singular, present tense.

§

78a[2]

08.01.1948

Wir möchten oft sagen, wir können uns den & den Fall vorstellen; wir sind aber doch nicht darauf vorbereitet, ihn völlig zu beschreiben. Wir glauben, wir könnten es, bleiben aber stecken. Wir haben eine allgemeine Beschreibung des Falls nach Analogie anderer uns bekannter; aber es ist als wäre der Weg in den wir eingebogen sind, zu einem unerwarteten Ende gekommen. Aus diesem Vorgang könnte man viel lernen.

08.01.1948

We often want to say that we can imagine this or that case; but we are not prepared to describe it completely. We believe we could, but we get stuck. We have a general description of the case by analogy with other cases familiar to us; but it is as if the path we have taken has come to an unexpected end. One could learn a great deal from this process.

§

78a[3] &
78b[1]

Wie sollen wir uns (nun) die Anwendung des Zeitworts für “denkend reden” vorstellen? Man könnte es natürlich für einen Papagei & ein Grammophon anwenden. Wenn ich aber z.B. einen Satz in einem Übungsbuch lese um ihn in's ‥‥ zu übersetzen; kaum habe ich ihn gelesen, so fällt mir ein, wie dumm er ist; ich mache vielleicht eine Bemerkung über seinen Inhalt. – Hab ich ihn gedacht? Oder erst nach dem Lesen? Das könnte man schwer sagen, wenn nicht das Lesen unter sehr seltsamen Bedingungen vor sich gegangen ist. Ich lese “Die Gärtnerin meiner Tante hat schöne Rosen.” Ja; ich kümmere mich um den Inhalt nicht, – aber habe ich nicht doch denkend, d.h. verstehend, gelesen? Was ich sagen will, ist: Ist irgend ein radikaler Unterschied zwischen diesem Lesen, oder Sprechen des Satzes & dem Lesen dieses Satzes in einer Geschichte, etwa?

How are we to imagine the application of the verb for “thinking and speaking”? One could of course apply it to a parrot and a gramophone. But if, for example, I read a sentence in an exercise book in order to translate it into…; no sooner have I read it than it occurs to me how stupid it is; I may make a remark about its content. – Did I think it? Or only after reading it? That would be difficult to say, unless the reading took place under very strange conditions. I read: “The gardener of my aunt has beautiful roses.” Yes; I don’t care about the content – but didn’t I read it thinking, i.e., understanding? What I want to say is: Is there any radical difference between this reading, or speaking of the sentence, and reading this sentence in a story, for example?

§

78b[2] &
79a[1]

Man könnte von ‘Anteilnahme’ reden. Und worin liegt die Anteilnahme an einem Satz den ich spreche? An dem, wird man sagen, was dabei in mir vorgeht. Ich möchte sagen: An den Verbindungen, Zusammenhängen, die ich mache. Es ist nämlich die Frage: Was immer beim Anteilnehmen in mir vorsichgeht, – wodurch ist es ein Anteilnehmen an dem Inhalt dieses Satzes? Warum ist es z.B. nicht eine pathologische Aufregung in mir, die das Sprechen begleitet?

One could speak of ‘participation’. And what is participation in a sentence that I speak? It is, one will say, what is going on in me. I would like to say: It is the connections, relationships that I make. For the question is: Whatever is going on in me when I participate, how is it participation in the content of this sentence? Why is it not, for example, a pathological excitement in me that accompanies the speaking?

§

79a[2]

Kann ich wirklich sagen es sei beim ‘gedankenlosen’ Lesen des Übungsbuchsatzes in mir etwas ganz anderes, oder einfach etwas anderes geschehen, wie beim verständnisvollen Lesen des Satzes in anderem Zusammenhang? Ja; Unterschiede sind da. Ich werde z.B. auf den gleichen Satz in gewissem Zusammenhang sagen “Ja, so war es?”, ich werde überrascht, enttäuscht, gespannt, befriedigt sein, etc..

Can I really say that something completely different, or simply something different, happens in me when I read the exercise book sentence ‘thoughtlessly’, than when I read the sentence with understanding in another context? Yes; there are differences. For example, when I see the same sentence in a certain context, I will say “Yes, that’s how it was?”, I will be surprised, disappointed, excited, satisfied, etc.

§

79a[3]

Wenn ich nun, z.B., jenen Satz mit Staunen las, – ist das Staunen ein Denken, ein Empfinden?? Es ist klar, wir unterscheiden einen stumpfen Gesichtsausdruck beim Lesen & einen in dem sich der Sinn des Gelesenen spiegelt, also z.B. Staunen, Freude, Spannung.

If now, for example, I read that sentence with amazement, is amazement a thinking, a feeling? It is clear that we distinguish between a blank facial expression when reading and one in which the sense of what is read is reflected, for example, amazement, joy, excitement.

§

79a[4] &
79b[1]

Es gibt Ausrufe des Staunens, Mienen, Gebärden. Aber ‘staunen’ ist ein seelischer Vorgang, denn “ich staune” bezieht sich nicht aufs Benehmen des Staunens. (Übrigens: der Ausdruck des Staunens ist nicht eine gleichbleibende Miene, oder dergl., sondern eine Bewegung, wie der Ausdruck der Überraschung. Unterscheidung zwischen Staunen & Depression z.B..)

There are exclamations of amazement, mien, gestures. But ‘amazement’ is a psychic process, because “I am amazed” does not refer to the behaviour of amazement. (Incidentally: the expression of amazement is not a constant facial expression, or the like, but a movement, as is the expression of surprise. Distinction between amazement and depression, for example.)

§

79b[2]

Wäre es richtig zu sagen: das Staunen über diesen Inhalt sei ein andrer Vorgang als das Staunen über einen andern?

Would it be correct to say that amazement about this content is a different process than amazement about another?

§

79b[3] &
80a[1]

Ich lese den Dialog eines Dramas mit Anteilnahme. Ich lese eine Antwort des unglücklichen Helden & nicke mit dem Kopf, als wollte ich sagen, “Also dahin ist es gekommen!” – Ich könnte auch nachher berichten, ich habe das beim Lesen dieser Rede gefühlt. (Und nun wird vielleicht jemand sagen ich habe das Nicken meines Kopfes gefühlt.) Man sagt auch: die Antwort hat mir das Herz zusammengezogen. Ich berichte also über Erlebnisse, während des Lesens, oder Sprechens. Aber wohlgemerkt, diese Erlebnisse sind gerichtet, sie beziehen sich auf etwas. Und darum, will ich sagen, sind sie nicht Erfahrungen.

I read the dialogue of a play with empathy. I read an answer from the unfortunate hero and nod my head, as if to say, “So it has come to this!” – I could also later report that I felt this while reading the speech. (And now someone might say that I felt the nodding of my head.) One also says: the answer made my heart constrict. So I am reporting on experiences during reading or speaking. But note that these experiences are directed, they relate to something. And that is why, I want to say, they are not experiences.

§VB

80a[2]

Schiller schreibt in einem Brief (ich glaube an Goethe) von einer ‘poetischen Stimmung’. Ich glaube, ich weiß was er meint, ich glaube sie selbst zu kennen. Es ist die Stimmung in welcher man für die Natur empfänglich ist & in welcher die Gedanken so lebhaft erscheinen, wie die Natur. Merkwürdig ist aber, daß Schiller nicht besseres hervorgebracht hat (oder so scheint es mir) & ich bin daher auch gar nicht sicher überzeugt, daß, was ich in solcher Stimmung hervorbringe wirklich etwas wert ist. Es ist wohl möglich, daß meine Gedanken ihren Glanz dann nur von einem Licht, das hinter ihnen steht, empfangen. Daß sie nicht selbst leuchten.

Schiller writes in a letter (I believe to Goethe) of a ‘poetic mood’. I think I know what he means, I believe I know it myself. It is the mood in which one is receptive to nature and in which thoughts appear as vivid as nature. It is remarkable, however, that Schiller did not produce anything better (or so it seems to me), and therefore I am not at all convinced that what I produce in such a mood is really of any value. It is possible that my thoughts only derive their brilliance from a light that is behind them. That they do not shine themselves.

§VB

80a[3]

Wo Andre weitergehn, dort bleib ich stehn.

Where others go further, there I stay.

§

80a[4]

“Hast Du den Satz denkend gelesen?” “Ja, ich habe ihn denkend gelesen; jedes Wort war mir wichtig.”

“Did you read the sentence thoughtfully?” “Yes, I read it thoughtfully; every word was important to me.”

§

80a[5] &
80b[1]

“Ich habe sehr angestrengt dabei gedacht.” Ein Signal. Ist dabei nichts vorgegangen? O ja, allerlei! Aber darauf bezog sich das Signal nicht. Und doch bezog sich das Signal auf die Zeit des Redens.

“I thought very hard about it.” A signal. Was nothing going on? Oh yes, all sorts of things! But the signal did not refer to that. And yet the signal did refer to the time of speaking.

§

80b[2]

James könnte vielleicht sagen: Ich lese jedes Wort mit dem ihm entsprechenden Gefühl. “Aber” mit dem Abergefühl”, u.s.w.. Und selbst wenn das wahr ist, was bedeutet es eigentlich? was ist die Grammatik des Begriffs “Abergefühl’? Es wird ja nicht ein Gefühl dadurch, daß ich es “Gefühl” nenne.

James might perhaps say: I read every word with the feeling that corresponds to it. “But” with the ‘but’ feeling, etc. And even if that is true, what does it actually mean? What is the grammar of the concept of ‘but feeling’? It does not become a feeling just because I call it a ‘feeling’.

§

80b[3]

Wie seltsam, daß etwas beim Sprechen vorgegangen ist, & ich doch nicht sagen kann was! – Am besten: ich sage, ich habe mich geirrt, & es ist nichts vorgegangen; & nun untersuche ich den Nutzen der Äußerung. Und es wird sich auch fragen, welches der Nutzen des Bezugs auf den vergangenen Zeitpunkt ist.

How strange that something happened while speaking, and yet I cannot say what! – Best: I say that I was mistaken, and nothing happened; and now I examine the usefulness of the utterance. And it will also be asked what the usefulness of the reference to the past time is.

§

80b[4] &
81a[1]

“Ich werde mich sehr freuen, Dich zu sehen.” Ich habe es gemeint; was ist (also) vorgegangen? Der Wunsch ist in mir rege, er möge kommen. Und wie geschah das? Habe ich mir sein Kommen deutlich vorgestellt & dabei ein Gefühl der Freude gehabt? Unsinn!

“I will be very happy to see you.” I meant it; what, therefore, happened? The wish is strong in me, may he come. And how did that happen? Did I clearly imagine his coming and have a feeling of joy at the same time? Nonsense!

§

81a[2]

War der Wunsch in Dir rege, als Du sprachst? Gewiß. Aber so muß doch etwas vorgegangen sein! Es fragt sich: Wie identifiziert man, was vorgegangen ist? & die Zeit & Art des Vorgangs.

Was the wish strong in you when you spoke? Certainly. But something must have happened! The question is: How does one identify what happened? And the time and nature of the process.

§VB

81a[3]

[→ ] Nicht ohne Widerstreben übergebe ich das Buch der Öffentlichkeit. Die Hände, in die es geraten wird, sind zumeist nicht diejenigen, in denen ich es mir gerne vorstelle. Möge es – das wünsche ich ihm – bald gänzlich von den philosophischen Journalisten vergessen werden, & so vielleicht einer edleren Art von Lesern aufbewahrt bleiben.

I hand over the book to the public, albeit with some reluctance. The hands into which it will fall are mostly not those in which I would like to see it. May it – I wish it – soon be completely forgotten by the philosophical journalists, and thus perhaps be preserved for a nobler kind of reader.

§

81a[4] &
81b[1]

Ja; “Ich habe bei diesen Worten gedacht ‥‥․” bezieht sich allerdings auf die Zeit des Redens; aber wenn ich nun den ‘Vorgang’ charakterisieren soll, so kann ich ihn nicht als ein Geschehen in diesem Zeitraum beschreiben, z.B. nicht sagen, die & die Phase des Vorgangs wäre zu der Zeit geschehen, die andere zu jener. Also nicht, wie ich z.B. das Sprechen selbst beschreiben kann. Das ist der Grund, warum man das Denken nicht wohl einen ‘Vorgang’ nennen kann.

Yes; “I thought about these words ‥‥․” does indeed refer to the time of speaking; but if I am now to characterize the ‘process’, I cannot describe it as an event in that period, for example, I cannot say that this and that phase of the process took place at that time, the other at this time. So not, as I can describe the speaking itself. That is the reason why one cannot properly call thinking a ‘process’.

§VB

81b[2]

Von den Sätzen, die ich hier niederschreibe macht immer nur jeder so & so vielte einen Fortschritt; die andern sind wie das Klappern der Schere des Haarschneiders, der sie in Bewegung erhalten muß, um mit ihr im rechten Moment einen Schnitt zu machen.

Of the sentences that I write down here, each one represents a step forward in some way; the others are like the clacking of scissors that a barber has to keep moving in order to make a cut at the right moment.

§

81b[3]

Mit ‘denkend reden’ müßte ich eigentlich meinen: reden & verstehen, was man sagt, & nicht erst nachträglich verstehen.

By ‘thinking aloud,’ I actually mean: speaking and understanding what one says, and not understanding it only afterwards.

§

81b[4] &
82a[1]

Das Schreiben ist gewiß eine willkürliche Bewegung, & doch ganz automatisch. Und von einem Fühlen der Schreibbewegungen ist natürlich nicht die Rede. D.h. man fühlt etwas, aber könnte das Gefühl unmöglich zergliedern. Die Hand schreibt; sie schreibt nicht, weil man will, sondern man will, was sie schreibt. Man sieht ihr nicht erstaunt oder mit Interesse beim Schreiben zu; denkt nicht “Was wird sie nun schreiben”. Aber nicht, weil man eben wünschte, sie solle das schreiben. Denn, daß sie schreibt, was ich wünsche, könnte mich ja erst recht in Erstaunen versetzen.

Writing is certainly an arbitrary movement, & yet completely automatic. And of course, there is no question of one feeling the movements of writing. That is to say, one feels something, but one could not possibly dissect the feeling. The hand writes; it does not write because one wills it, but one wills what it writes. One does not watch it write in astonishment or with interest; one does not think “What will it now write.” But not because one wishes that it should write that. For the fact that it writes what I wish could, after all, put me even more in astonishment.

§

82a[2]

Denk dir jemand hätte das Gefühl, er ließe die Muskeln seiner Hand & des Arms gänzlich schlaff, aber die Hand schriebe dennoch, also unwillkürlich Er sagt uns: Ich tue nichts, die Hand tut es ohne meinen Willen; das heißt natürlich nicht: gegen meinen Wunsch; vielmehr kann ich wünschen, daß sie sich ohne meinen Willen bewegt.

Imagine someone has the feeling that he is letting the muscles of his hand and arm go completely slack, but the hand is still writing, i.e., involuntarily. He says to us: I am doing nothing, the hand is doing it without my will; this, of course, does not mean: against my wish; rather, I can wish that it moves without my will.

§

82a[3] &
82b[1]

Wie prüfen wir, ob jemand versteht, was es heißt, die Muskeln des Armes entspannen, schlaff lassen? Doch dadurch, daß wir prüfen, ob sie entspannt sind, wenn er sagt er habe sie entspannt etwa auf unsern Befehl). Was würden wir nun zu dem sagen, der uns sagt, er spanne seine Muskeln nicht an, während sein Arm ein Gewicht hebt & es mit allen den gewöhnlichen Anzeichen der gewollten Bewegung tut. Wir würden hier von Lüge, oder von einer merkwürdigen Illusion reden. Ich weiß nicht, ob es Verrückte gibt, die ihre normalen Bewegungen für unwillkürlich erklären. Wenn es aber jemand tut, so erwarte ich mir von ihm daß er der Bewegung seines Arms in ganz andrer als der normalen Weise mit seiner Aufmerksamkeit folgt; so nämlich, wie der Bewegung eines Andern.

How do we test whether someone understands what it means to relax the muscles of the arm, to let them go slack? By testing whether they are relaxed when he says he has relaxed them (e.g., at our command). What would we say to the person who says that he is not tensing his muscles while his arm lifts a weight and does so with all the usual signs of willed movement? We would speak here of a lie, or of a strange illusion. I do not know whether there are madmen who explain their normal movements as involuntary. If, however, someone does so, I expect him to pay attention to the movement of his arm in a very different way than usual; namely, as he would to the movement of another.

§

82b[2]

Wenn unser Arm unter gewissen Bedingungen sich bewegt, obgleich wir seine Bewegung nicht verursachen, da wir nämlich geflissentlich den Arm schlaff hängenlassen; & wenn eine Untersuchung in so einem Falle zeigen würde, daß alle Muskeln so gespannt sind, wie bei einer gewollten Bewegung – sollten wir sagen: der Arm habe sich ohne unseren Willen bewegt, weil wir fühlen, es sei so?

If our arm moves under certain conditions, even though we do not cause its movement, because, namely, we deliberately let the arm hang limply; & if an investigation in such a case were to show that all the muscles are as tense as in a willed movement – should we say: the arm moved without our will, because we feel that it is so?

§

82b[3] &
83a[1]

09.01.1948

Das Kind lernt gehen, kriechen, spielen. Es lernt nicht willkürlich & unwillkürlich spielen. Aber was macht das Spiel zu einer willkürlichen Bewegung? Nun, wie wäre es denn, wenn sie unwillkürlich wären? – Ich könnte auch fragen: Was macht denn diese Bewegungen zu einem Spielen? – Daß sie Reaktionen auf gewisse Bewegungen, Laute, etc. des Erwachsenen sind, daß sie einander so folgen, mit diesen Mienen & Lauten (dem Lachen z.B.) zusammengehn.

09.01.1948

The child learns to walk, crawl, play. It does not learn to play arbitrarily & involuntarily. But what makes the play a voluntary movement? Well, how about if they were involuntary? – I could also ask: what makes these movements a game? – That they are reactions to certain movements, sounds, etc., of the adult, that they follow one another in this way, together with these facial expressions & sounds (laughter, for example).

§

83a[2]

Kurz, macht es die Bewegungen so, so sagen wir sie seien willkürlich. Bewegungen in solchen Syndromen heißen “willkürlich”.

In short, it makes the movements like this; let’s say they are arbitrary. Movements in such syndromes are called “arbitrary”.

§

83a[3]

Zu den Erscheinungen, die eine Bewegung zur willkürlichen macht, gehört auch die besondere Einstellung dessen, der sich bewegt, zu ihr; nämlich die Abwesenheit des Staunens, etc..

Among the phenomena that make a movement voluntary is also the special attitude of the person moving to it; namely, the absence of astonishment, etc.

§

83a[4]

In den Haupterscheinungen im Bereich der willkürlichen Bewegungen gehört auch das der Anstrengung, des Trachtens, eine Bewegung auszuführen, oder nicht auszuführen. Endlich auch die des absichtlich passiven Verhaltens.

Among the main phenomena in the realm of voluntary movements is also that of effort, of striving to perform a movement, or not to perform it. Finally, also that of deliberately passive behavior.

§

83a[5] &
83b[1]

Ich sprach von denkendem Reden. Aber lies eine Geschichte mit Verständnis, & sieh wieviel verschiedene Arten von Reden darin vorkommen. Berichte, Hilferufe, Drohungen, Lachen & Stöhnen, wissenschaftliche Betrachtungen. Und soll ich etwa nur die letzteren denkend reden nennen können? –

I spoke of thinking aloud. But read a story with understanding, and see how many different kinds of speech occur in it. Reports, cries for help, threats, laughter and groans, scientific observations. And am I only to be able to call the latter thinking aloud?

§

83b[2]

Als ich sagte “Bank!” dachte ich, meinte ich: Er soll auf die Bank gehen. Ich sprach hier von einer ‘Intention’ & dachte daran, daß ich auf die Frage “Was hast Du gemeint” die & die Erklärung abgeben würde, die sich auf die Zeit jener Äußerung bezöge & doch keine Übersetzung dessen, was damals geschah, in Worte wäre.

When I said “Bench!” I thought, I meant: He should go to the bench. I spoke here of an ‘intention’ and thought of the fact that I would give the this and that explanation to the question “What did you mean,” which would refer to the time of that utterance, but would not be a translation of what happened at that time into words.

§

83b[3]

Ich gebe Einem mit den Augen oder einer Miene ein Zeichen. Ich kann, was es bedeutet hat, später erklären. Wenn ich sage “Ich hatte dabei diese Intention” so ist das, als bezeichnete ich den Ausdruck als Anfang einer Bewegung. Ich erkläre ihn nicht mit Hilfe von hergebrachten Regeln, noch durch eine Definition, die den zukünftigen Gebrauch des Zeichens regeln soll. Ich sage weder “Dies Zeichen bedeutet bei uns das”, noch “es soll in Hinkunft das bedeuten”. Ich gebe also keine Definition.

I give someone a sign with my eyes or a facial expression. I can explain what it meant later. If I say “I had this intention,” it is as if I designate the expression as the beginning of a movement. I do not explain it with the help of established rules, nor through a definition that is meant to govern the future use of the sign. I do not say “This sign means that to us,” nor “it should mean that in the future.” Therefore, I give no definition.

§

84a[1]

“Bank!” – “Ja?” – “Du mußt auf die Bank gehen.” – Ist es nun eine Illusion wenn mir, beim Nachdenken über so einen Fall, vorkommt, als schwebten mir bei, & nach dem Ausruf ganz zarte Schemen von Bildern oder dergleichen vor? Aber wenn sie nur mir vorschweben & einem Andern nicht – wo ist ihre Wichtigkeit? Wenn eine da ist, so liegt sie nicht auf dem Gebiet, das mich hier beschäftigt.

“Bench!” – “Yes?” – “You must go to the bench.” – Is it an illusion if, when thinking about such a case, it seems to me as if delicate outlines of images or the like float before me? But if they only float before me and not before another person – where is their importance? If there is one, it does not lie in the area that concerns me here.

§

84a[2]

Bei Gericht könnte man um die Bedeutung jenes Ausrufs gefragt werden. Wohl kaum nach den innern Vorgängen, die die Gefolgschaft der Worte bilden.

In court, one could ask about the meaning of that exclamation. Hardly about the inner processes that make up the sequence of words.

§

84a[3]

Aber ist die ‘Intention’ von der ich sprach, wenn ich “Bank!” sagte, nicht dasselbe wie, daß ich das damit meinte? “Intention” nannte ich's weil es mir wie der Keim, die Anlage, zu etwas schien

But isn't the ‘intention’ I spoke of, when I said “Bench!”, the same as that I meant that by it? I called it ‘intention’ because it seemed to me like the seed, the potential, for something.

§

84a[4] &
84b[1]

Denk nun aber an den Unterschied, den es macht, wenn ich jenen Ausruf in seiner bestimmten Situation nicht aus eigenem mache, sondern ihn in einer Geschichte, oder einem Schauspiel lese. Ich nehme an: mit Verständnis lese. Bin ich aber da noch geneigt, von einer Intention (ich meine von meiner Intention) bei diesem Wort zu reden?

Now, however, consider the difference it makes if I do not utter that exclamation in its specific situation myself, but rather read it in a story or a play. I assume: I read it with understanding. But am I still inclined to speak of an intention (I mean, of my intention) in connection with this word?

§

84b[2]

Kann ich aber sagen, es geht beim Lesen etwas anderes in mir vor sich, als beim spontanen Ausruf? Nein. Ich weiß nichts von so einer Verschiedenheit der Vorgänge; obwohl die Art & Weise wie ich mich ausdrücke auf so etwas schließen ließe. Aber wenn Einer in's Zimmer käme, gerade wenn ich den Ausruf lese & er fragte mich, ob ich das & das wolle, würde ich ihm sagen, ich hätte es nicht so gemeint & bloß etwas gelesen.

But can I say that something different happens within me when reading than when uttering an exclamation spontaneously? No. I know nothing about such a difference in the processes; although the way I express myself might suggest something of the sort. But if someone were to come into the room, just as I am reading the exclamation, & ask me whether I want this & that, I would tell him that I did not mean it that way & that I was merely reading something.

§

84b[3]

Und man könnte glauben, auch das müsse einen Unterschied machen, ob ich den Ausruf in einer Geschichte lese oder in einem Theaterstück mit verteilten Rollen. Hier, wenn ich mich in meine Rolle ‘einlebe’ könnte man sich denken, ich erlebte das Gleiche, wie in der wirklichen Situation.

And one might believe that this too must make a difference, whether I read the exclamation in a story or in a play with assigned roles. Here, if I ‘immerse myself’ in my role, one might think that I experience the same thing as in the real situation.

§

85a[1]

Aber auch bei dieser Überlegung machen wir, glaube ich, einen Fehler.

But even with this consideration, I think we are making a mistake.

§

85a[2]

Man könnte etwa sagen, der Ausruf habe in den drei genannten Fällen den gleichen Sinn, aber verschiedene Intention. Und ich werde diese auch in jedem der Fälle anders erklären, wenn eine Erklärung verlangt wird. Oder auch so: die Erklärung des Ausrufs wäre, in den verschiedenen Situationen, in einer Hinsicht immer die gleiche, in einer andern aber jedesmal anders.

One could say, for example, that the exclamation has the same sense in the three cases mentioned, but different intentions. And I will also explain these differently in each case if an explanation is requested. Or also like this: the explanation of the exclamation would be, in the different situations, the same in one respect, but different each time in another.

§

85a[3]

Ich könnte aber auch sagen: die Intention war jedesmal, von einem Geldinstitut, & nicht von einer Sitzbank, zu reden. Und diese Intention war kein Erlebnis während des Sprechens. Ja, was immer ich erlebt hätte, nichts hätte ich als so eine Intention anerkannt. Man kann auch nicht sagen, sie fand während des Sprechens statt, weil kein Zeitpunktihr als Anfang, oder Ende, des Ganzen, oder eines Abschnitts, zugehört.

But I could also say: the intention was each time to talk about a financial institution, and not about a bench. And this intention was not an experience during the speaking. Yes, whatever I may have experienced, I would not have recognized anything as such an intention. One cannot say that it took place during the speaking because no point in time can be assigned to it as the beginning or end of the whole, or of a section.

§

85b[1]

Ich sagte früher, die Intention habe keinen Inhalt. Nun ihren Inhalt kann man das nennen, was ihr Wortausdruck erklärt. Aber eben davon kann man weder sagen, es sei ein amorpher Zustand, der von diesem Zeitpunkt (bis) zu jenem andauert; also etwa vom Anfang des ersten, bis zum Ende des letzten Wortes; noch kann man Phasen in ihm unterscheiden & diese dem Ablaufen des Wortausdrucks zuordnen. Wäre dagegen der Satz von einem Spiel der Vorstellungen begleitet, so könnte man eben dies tun.

I said earlier that the intention has no content. Now its content can be called what its verbal expression explains. But one cannot say that it is an amorphous state that lasts from this point to that; for example, from the beginning of the first to the end of the last word; nor can one distinguish phases in it and assign them to the unfolding of the verbal expression. If, on the other hand, the sentence were accompanied by a play of images, one could do just that.

§

85b[2]

“Beschreibung” der Intention ist nur ihr Wortausdruck, & den sollte man eben darum nicht “ihre Beschreibung” nennen.

The ‘description’ of the intention is only its verbal expression, and that is precisely why one should not call it ‘its description.’

§

85b[3]

Konnte man nun, was ich hier “Intention” nannte, auch “Absicht” nennen? Denn von der Absicht sagte ich, sie sei eine Disposition, während die Intention ein ‘Keim’ ist. – “Er hat die Absicht ausgedrückt, mich zu besuchen” – ist dabei die Absicht gleichsam akut geworden?

Could one now also call what I have called “intention” here “intention”? For I said that intention is a disposition, while intention is a ‘seed’. – In the statement “He expressed the intention to visit me,” has the intention become, as it were, acute?

§

86a[1]

Man kann aber doch sagen: “Ich hatte in diesem Moment die Absicht ‥‥”. Stehe ich z.B. auf & sage “Nein, ich halte es hier nicht länger aus”, so habe ich die Absicht aus dem Zimmer zu gehen.

One can, however, say: “At this moment I had the intention to…”. For example, if I stand up and say “No, I can’t stand it here any longer,” then I have the intention to leave the room.

§

86a[2]

Eine Disposition, das Wissen z.B. kann man Dir nicht ‘ansehen’; aber wohl in einem Sinne, die Absicht. Und wenn man sagt “Ich hatte für einen Augenblick die Absicht ‥‥”, so ist dies gerade so ein Fall. – Aber man kann doch auch sagen: “Ich hab's Dir angesehen, daß Du wußtest wovon die Rede war’. Man sagt doch, Einer wälze eine Absicht im Geiste hin & her. Und das ist doch etwas was man einem ansehen kann! – Der Unterschied zwischen ‘die Absicht haben’ & ‘an die Absicht denken’.

A disposition, such as knowledge, cannot be ‘seen’ in you; but presumably, the intention can. And if one says “I had the intention for a moment…”, then this is precisely such a case. – But one can also say: “I could see that you knew what was being talked about.” One says that someone is weighing an intention in their mind, and that is something one can see in someone! – The difference between ‘having the intention’ and ‘thinking about the intention’.

§

86a[3] &
86b[1]

Wenn ich mir sage “Ich will diesem Gespräch ein Ende machen”, so ist das doch der Ausdruck einer Absicht & zwar im Moment ihres Entstehens; es ist eigentlich der Ausdruck des Entschlusses. Und dem Entschluß als einem Bejahen der Absicht entspricht auch ein hin & her Schwanken zwischen Entscheidungen, ein Ringen mit dem Entschluß.

If I say to myself, “I want to put an end to this conversation,” then this is the expression of an intention, and at the moment of its emergence; it is actually the expression of the decision. And the decision, as an affirmation of the intention, also corresponds to a back-and-forth wavering between decisions, a struggle with the decision.

§

86b[2]

Wenn ich bei mir denke “Ich halt es nicht mehr aus; ich will gehen!” so denke ich doch eine Absicht. Es ist aber das Denken des Ausbruchs einer Absicht. Während man von dem, der erzählt “Ich beabsichtige im nächsten Jahr ‥‥” auch sagen kann er denke eine Absicht, aber in ganz anderem Sinne.

If I think to myself, “I can’t stand it anymore; I want to leave!”, then I am thinking of an intention. But it is the thinking of the outbreak of an intention. Whereas, of someone who says, “I intend to do something next year…”, one can also say that they are thinking of an intention, but in a completely different sense.

§

86b[3]

Wer würde glauben, daß ich hier, wenn auch sehr unbeholfen, Logik treibe.

Who would believe that I am engaging in logic here, even if very clumsily?

§

86b[4]

10.01.1948

Wissen: eine Disposition. Hier ist noch etwas sehr unklar. Ich denke an Wissen als ein Können; z.B. ‘auswendig wissen’ (ich kann das ABC hersagen). Anders aber ist Wissen als ein Grad des Glaubens. – Wenn ich sage “Ich weiß bestimmt, daß heute Vollmond ist” so ist das natürlich nicht der Ausdruck eines Bewußtseinszustands; ich weiß es, auch wenn ich nicht dran denke.

10.01.1948

Knowledge: a disposition. There is still something very unclear here. I think of knowledge as a skill; e.g., ‘knowing something by heart’ (I can recite the alphabet). But knowledge as a degree of belief is different. – If I say, “I am certain that it will be a full moon today,” then this is of course not the expression of a state of consciousness; I know it, even if I am not thinking about it.

§

86b[5] &
87a[1]

Teilt uns “Es regnet” & “Ich weiß, daß es regnet” das Gleiche mit? Man könnte sie so unterscheiden: Eine Art Barometer könnte uns das Wetter draußen anzeigen, wenn wir in einem fensterlosen Raum wären; es könnte das mittels eines Zeigers & Zifferblatts tun, aber auch mittels einer Sprechmaschine, die, wenn man auf einen Knopf drückt das Wetter ansagt; z.B. “Es regnet”; aber doch nicht “Ich weiß, daß es regnet”. Aber das ist die Schwierigkeit: Wenn der Apparat spräche “Ich weiß daß es regnet”, – was sollte es anderes heißen als “Es regnet”? Und wenn ein Mensch sagt “Es regnet” so sagt er uns dasselbe wie mit den Worten “Ich weiß, daß ‥‥”. Ich meine: Weder für die Maschine, noch für den Menschen ist ein Unterschied zwischen den beiden Aussagen.

Does “It’s raining” and “I know that it’s raining” tell us the same thing? One could distinguish them as follows: a kind of barometer could show us the weather outside if we were in a windowless room; it could do this using a pointer and dial, but also using a speaker that, when you press a button, announces the weather; e.g., “It’s raining”; but not “I know that it’s raining”. But that is the difficulty: if the device said “I know that it’s raining,” what else should it mean than “It’s raining”? And if a person says “It’s raining,” they are telling us the same thing as with the words “I know that…”. I mean: neither for the machine nor for the person is there a difference between the two statements.

§

87a[2]

“Wissen” wird gebraucht im gleichen Sprachspiel, wie “Glauben”. Man fragt “Glaubst Du das nur, oder bist Du sicher?” & diese Frage kann man an die Maschine nicht stellen. Auch dann nicht, meine ich, wenn sie so eingerichtet wäre, daß sie uns größere, oder geringere Wahrscheinlichkeiten eines Geschehens mitteilen könnte.

“Knowledge” is used in the same language-game as “Belief”. One asks “Do you only believe that, or are you certain?” and one cannot ask this question of the machine. Not even if it were set up in such a way that it could communicate greater or lesser probabilities of an event to us.

§

87a[3] &
87b[1]

Denn aus den Worten “Ich bin sicher, daß ‥‥”, “Ich bin nicht ganz sicher”, “Ich halte es für möglich”, u.s.f., ziehen wir Schlüsse auf den Zustand (oder die Folgen des Zustands) dessen der's sagt; auch wenn wir keine Schlüsse auf den Gegenstand ziehen, von dem er redet. Denn wir können Einen auf sein Wissen & Glauben prüfen, nicht um Belehrung von ihm zu erhalten. (Und freilich können wir auch die Aussagen eines Apparats nur dazu benützen ihn zu prüfen.)

For from the words “I am certain that…”, “I am not quite certain”, “I consider it possible”, etc., we draw conclusions about the state (or the consequences of the state) of the person who says it; even if we draw no conclusions about the object he is talking about. For we can test a person on their knowledge and beliefs, not in order to receive instruction from him. (And of course, we can only use the statements of an apparatus to test it.)

§

87b[2]

Worüber rede ich nun, wenn ich sage “Es regnet”? Über mich? über's Wetter? über beides? – Und warum nicht über mich? Denn das Vorkommen oder nicht-Vorkommen eines Worts im Satz (des Wortes “ich”, z.B.) entscheidet das nicht. Ein Wort deutet nur das Spiel an, in welchem wir den Satz verwenden können.

What am I talking about when I say “It’s raining”? About myself? about the weather? about both? – And why not about myself? For the occurrence or non-occurrence of a word in the sentence (the word “I”, for example) does not decide this. A word only indicates the game in which we can use the sentence.

§

87b[3]

Es könnte eine Sprache geben, in welcher auf eine geschichtliche Frage (z.B.) die Antwort anders lautete, wenn sie zur Information des Fragenden, & anders, wenn sie bei der Geschichtsprüfung gegeben wird.

There could be a language in which the answer to a historical question (for example) would be different if it were given to inform the questioner, and differently if it were given in historical research.

§

87b[4] &
88a[1]

Man sagt nicht “Ich weiß daß es regnet” einfach als Mitteilung, es regne; sondern etwa wenn diese Aussage angezweifelt wurde; oder auf die Frage ob ich auch sicher sei. Aber ich könnte dann auch sagen “Es regnet bestimmt”.

One does not simply say “I know that it is raining” as a communication that it is raining; rather, perhaps when this statement has been doubted; or in answer to the question of whether I am also certain. But I could then also say “It is definitely raining”.

§

88a[2]

Ich könnte auf die Frage “Regnet es?” die Antwort “Ja” erhalten, ohne zu erfahren, wer dies glaubt, weil ich den Sprecher nicht sehe.

I could receive the answer “Yes” to the question “Is it raining?” without knowing who believes this, because I do not see the speaker.

§

88a[3]

Ich kann mit einer Meldung eine Reihe von Sprachspielen spielen; eine ist z.B.: nach ihr handeln; eine andere: durch sie den Meldenden prüfen. Aber ist nicht das erste sozusagen das ursprünglichere Sprachspiel; das wozu eine Meldung dient?

I can play a number of language-games with a statement; one is, for example, to act according to it; another is to test the person making the statement by means of it. But isn’t the first, in a sense, the more original language-game; the one that a statement is meant to serve?

§

88a[4]

Man könnte sagen: Die Intention der Prüfungsantwort & der gleichlautenden informativen Antwort sei verschieden.

One could say: the intention of the test answer & the similarly worded informative answer is different.

§

88a[5] &
88b[1]

Ich könnte mir ein Gedicht denken, in dem es heißt: “Es regnet & ich glaube, daß es regnet!” – Sozusagen: Gott hat gegeben, daß es regnet, & mir, daß ich es auch glaube. – Ich glaube, wenn dies Unsinn ist, daß ähnlicher Unsinn oft geschrieben worden ist. “Wie herrlich! es regnet, & es ist mir gegeben, es zu glauben!” Schwerer ist vorzustellen: “Schrecklich! Es regnet, & ich glaube es nicht!” “Ich weiß es, aber ich glaube es nicht!” – Wichtig aber ist, daß ich mir alles das als Sprache des Gedichts, nicht des Alltags vorstelle.

I could imagine a poem in which it says: “It’s raining & I believe that it’s raining!” – As if: God has given that it rains, & to me, that I also believe it. – I think that if this is nonsense, similar nonsense has often been written. “How wonderful! it is raining, & it is given to me to believe it!” It is more difficult to imagine: “Terrible! It is raining, & I do not believe it!” “I know it, but I do not believe it!” – It is important, however, that I imagine all of this as the language of poetry, not of everyday life.

§

88b[2]

Man muß sich sagen, daß es die erste Person “ich glaube” sehr wohl auch ohne eine dritte geben könnte. Warum sollte nicht in der Sprache ein Verbum gebildet worden sein das nur eine erste Person der Gegenwart hat? Es ist gleichgültig was dazu geführt hat, welche Vorstellungen.

One must say to oneself that the first person “I believe” could very well exist even without a third person. Why shouldn’t a verb have been formed in language that has only a first person in the present tense? It is irrelevant what led to it, what images.

§

88b[3] &
89a[1]

Ein Satz, z.B. “Es regnet”, kann sehr wohl einmal als Behauptung, einmal als Annahme ausgesprochen werden (auch wenn ihm kein “Angenommen” vorausgeht) – was macht ihn zum einen, was zum andern? – Einerseits möchte ich antworten: Das Spiel, in dem er gebraucht wird. Anderseits: die Intention, mit welcher er ausgesprochen wurde. Wie reimen sich diese beiden zusammen?

A sentence, e.g. “It is raining,” can very well be uttered once as an assertion, once as an assumption (even if it is not preceded by “Assume that”) – what makes it the one, what the other? – On the one hand, I would like to answer: the game in which it is used. On the other hand: the intention with which it was uttered. How do these two fit together?

§VB

89a[2]

Sowie ich auf entlegeneren Gebieten fortwährend Fragen antreffe, die ich nicht beantworten kann, wird es klar, warum ich mich in weniger entlegenen auch nicht auskenne. Denn wie weiß ich, daß, was hier die Antwort aufhält, nicht eben das ist, was dort mich hindert, den Nebel zu zerstreuen?

Just as I encounter questions in more remote areas that I cannot answer, it becomes clear why I am not familiar with them in less remote areas either. For how do I know that what is holding back the answer here is not precisely what prevents me from clearing up the fog there?

§

89a[3]

“Ich hatte den Satz als Annahme intendiert” – Wie erkläre ich das? – Ich hatte dies Spiel intendiert. Ich kann auch, daß ich diese Bewegung als Anfang einer Schachpartie intendierte, nur dadurch erklären, daß ich das Schachspiel erkläre.

“I intended the sentence as an assumption” – How do I explain that? – I intended this game. I can only explain that I intended this movement as the beginning of a game of chess by explaining the game of chess.

§

89a[4] &
89b[1]

Was aber heißt das: “Es regnet & ich glaube es nicht” hat Sinn, wenn ich es als Annahme meine, & keinen Sinn wenn ich es als Behauptung, oder Meldung meine. Man stellt sich das so vor, daß, wenn der Satz auf die erste Art intendiert wird, etwas von ihm ausgeht, etwas aufleuchtet, wogegen alles finster bleibt, wenn man ihn auf die zweite Art intendiert. Und etwas ist ja wahr daran: Denn sagt mir einer diese Worte & ich verstehe sie als Annahme, so leuchtet etwa Verständnis in meinem Gesicht auf; denke ich aber den Satz als Meldung, so werde ich am Sinn irre & das Verständnis bleibt aus.

What, however, does this mean: “It is raining & I don’t believe it” has sense if I take it as an assumption, & has no sense if I take it as an assertion or statement. One can imagine it in such a way that, if the sentence is intended in the first way, something emanates from it, something becomes clear, whereas everything remains obscure if one intends it in the second way. And there is something to it: for if someone says these words to me & I understand them as an assumption, then something like understanding lights up in my face; but if I think of the sentence as a statement, then I go astray in its sense & understanding fails to appear.

§

89b[2]

“Es regnet & ich glaube es nicht” ist eine Annahme, aber keine Meldung.

“It is raining & I don’t believe it” is an assumption, but not a statement.

§

89b[3]

Warum ist die Meldung “Ich glaube es regnet” so ähnlich der: “Es regnet”; dagegen die Annahme, ich glaube es regnet, ganz unähnlich der Annahme, es regne? Nun, die Meldung “Ich glaube ‥‥” ist eine Äußerung des Glaubens, aber die Annahme ist keine Äußerung. Wie ein Stöhnen die Meldung “Ich habe Schmerzen” ersetzen kann, aber nicht die Annahme.

Why is the statement “I believe it is raining” so similar to the statement “It is raining”; whereas the assumption, I believe it is raining, is quite unlike the assumption that it is raining? Well, the statement “I believe…” is an expression of belief, but the assumption is not an expression. As a groan can replace the statement “I am in pain,” but not the assumption.

§

89b[4]

Die Meldung “Ich glaube, es regnet” ist eine Meldung über das Wetter. Die Annahme, eine über mich.

The statement “I believe it is raining” is a statement about the weather. The assumption is that it is a statement about me.

§

89b[5] &
90a[1]

Man möchte auch sagen: Die Annahme, ich glaube das, ist die Annahme einer Disposition in mir. Während ich von der Meldung “Ich glaube ‥‥” nicht sagen möchte, sie berichte von meiner Disposition. Vielmehr ist sie eine Äußerung dieser Disposition.

One would also like to say: The assumption that I believe it is the assumption of a disposition in me. Whereas I would not like to say that the statement “I believe…” reports on my disposition. Rather, it is an expression of this disposition.

§

90a[2]

Aus der hypothetischen Annahme, ich glaube, daß es regne, kann ich hypothetische Schlüsse auf mein Benehmen schließen. Aber ziehe ich auch Schlüsse daraus, daß ich glaube, es regnet?

From the hypothetical assumption that I believe it is raining, I can draw hypothetical conclusions about my behaviour. But do I also draw conclusions from the fact that I believe it is raining?

§

90a[3]

Der Meldung “ich glaube” haftet eine gewisse Unbestimmtheit an. Aber denke, es würde gelehrt: Du kannst nur wissen, daß Du etwas glaubst; jede Behauptung muß lauten “Ich glaube ‥‥”. Dann also wäre die Meldung “Es regnet” identisch mit der “Ich glaube, ‥‥” Diese aber hätte eine dritte Person, der nichts in der einfachern Meldung entspricht.

The statement “I believe” carries with it a certain degree of indeterminacy. But imagine it were taught: You can only know that you believe something; every assertion must be phrased as “I believe ‥‥”. Then, the statement “It is raining” would be identical to “I believe ‥‥.” However, this would have a third person, which does not correspond to anything in the simpler statement.

§

90a[4] &
90b[1]

Alles das hängt auch zusammen damit: daß man sagen kann, “Ich glaube, er glaubt ‥‥”, “Ich glaube, ich glaubte ‥‥” “Er glaubt, ich glaube ‥‥”, aber nicht “Ich glaube, ich glaube ‥‥”.

All of this is also connected with the fact that one can say, “I believe he believes…”, “I believe I believed…”, “He believes I believe…”, but not “I believe I believe…”.

§

90b[2]

In dem Fall eines obligatorischen “Ich glaube” als Anfang jeder Behauptung hieße zwar “Ich glaube, es sei so” dasselbe wie “Es ist so”, aber “Angenommen, ich glaube, es sei so” nicht dasselbe wie “Angenommen, es sei so.”

In the case of an obligatory “I believe” at the beginning of every assertion, “I believe it is so” would indeed mean the same as “It is so”, but “Assuming I believe it is so” is not the same as “Assuming it is so”.

§

90b[3]

“Ich weiß die Antwort zu dieser Frage” heißt ungefähr soviel wie “Ich kann sie sagen”; dies könnte man wohl eine Disposition nennen. Aber wie denn mein Wissen, daß es draußen regnet? Wenn ich dieses Wissen einen Zustand meines Geistes nennen will, so würde ich ihn mir so vorstellen: mein Geist trage einen Abdruck des Faktums.

“I know the answer to this question” means approximately the same as “I can say it”; one could probably call this a disposition. But what about my knowledge that it is raining outside? If I want to call this knowledge a state of my mind, I would imagine it as follows: my mind bears an imprint of the fact.

§

90b[4]

Man möchte fragen: Wie kann ich denn wissen, daß etwas Anderes so & so ist? Wie kann ich's denn in mir haben. (Die Idee: etwas von innen her kennen. Den Willen z.B.)

One might ask: How can I know that something else is so and so? How can I have it within me? (The idea: to know something from within. For example, the will.)

§

90b[5] &
91a[1]

Warum ich nicht sagen will, das Wissen ist eine Disposition? – Weil “Ich weiß, daß ‥‥” jedenfalls nicht sagt, ich bin so & so disponiert. Wissen heißt etwas ähnliches wie Besitzen. Oder das ist doch das Bild, was da gebraucht wird. “Ich bin im Besitz aller Fakten.”

Why don’t I want to say that knowledge is a disposition? – Because “I know that…” in any case does not say that I am disposed in such and such a way. Knowledge is something similar to possession. Or is that the image being used here? “I am in possession of all the facts.”

§

91a[2]

11.01.1948

“Ich rede nicht nur daher. Ich weiß es.” Dies spielt im Berichterstatten eine Rolle, d.h. dort, wo die Evidenz von komplizierter Natur ist. Man sagt nicht “Ich weiß, daß auf dem Tisch vor mir Bücher liegen”, oder gar “‥‥ daß ich zwei Hände habe”. Niemand sagt es, außer er philosophiert. (Und ausgenommen die ganz seltenen Fälle, in denen wirklich ein Zweifel darüber bestehen kann.) Manche Philosophen sagen, diese Sätze näherten sich nur sehr der eigentlichen, wirklichen Gewißheit & das Wort “ich weiß” sei hier noch immer nicht im strengen Sinne anwendbar; die andern, diese Sätze seien völlig gewiß & man könne sie wissen. Ich bin versucht zu sagen: sie seien zu gewiß fürs wissen. – “Ich weiß, daß 2 × 2 = 4 ist” würde nur ein Kind sagen, das es so eben gelernt hat. “Ich weiß, daß ich zwei Hände habe” sagt ein Philosoph nur, wenn er exemplifizieren will, was “wissen” heißt. Als hieße “wissen” etwa soviel wie “nicht bezweifeln können”.

11.01.1948

“I’m not just talking idly. I know it.” This plays a role in reporting, i.e., where the evidence is of a complex nature. One doesn’t say “I know that there are books lying on the table in front of me,” or even “...that I have two hands.” No one says it, except when philosophizing. (And except for the very rare cases in which there really could be doubt about it.) Some philosophers say that these sentences only come very close to real, genuine certainty, and that the word “I know” is still not applicable in the strict sense here; the others say that these sentences are completely certain and that one can know them. I am tempted to say: they are too certain to know. – “I know that 2 × 2 = 4” would only be said by a child who has just learned it. “I know that I have two hands” is only said by a philosopher when he wants to exemplify what “knowing” means. As if “knowing” means something like “not being able to doubt”.

§

91b[1]

Ich sage “Er ist jetzt im Nebenzimmer, ich höre ihn.” – “Bist Du sicher?” – “Ich weiß es, weil er immer um diese Zeit in sein Zimmer geht”. Oder bei Gericht: “Ich wußte, daß er zu Hause war, weil ‥‥” Ist das etwa ein Mißbrauch des Wortes “wissen”?

I say, “He is in the next room now; I can hear him.” – “Are you sure?” – “I know it because he always goes into his room at this time.” Or in court: “I knew he was at home because…” Is this perhaps a misuse of the word “know”?

§

91b[2]

Ich habe mich von etwas überzeugt, nun weiß ich es. “Ich weiß, daß die Erdkugel in den letzten 10 Minuten existiert hat” sagt man nicht; wohl aber “Man weiß, daß die Erde viele Tausende von Jahren existiert hat”. Und das nicht, weil es unnötig ist, so etwas zu versichern.

I have convinced myself of something, now I know it. One does not say “I know that the Earth has existed in the last 10 minutes”; but one does say “One knows that the Earth has existed for many thousands of years.” And not because it is unnecessary to assert such a thing.

§

91b[3]

“Ich weiß, daß dieser Weg dorthin führt. “Ich weiß, wohin dieser Weg führt.”

Im zweiten Falle sage ich, ich besitze etwas; im ersten versichere ich eine Tatsache. In diesem könnte das Wort “wissen” auch wegbleiben. In jenem könnte man fortsetzen “aber ich sag's nicht”.

“I know that this path leads there.” “I know where this path leads.”

In the second case, I say that I possess something; in the first, I assert a fact. In this case, the word “know” could also be left out. In the other case, one could continue with “but I’m not saying it.”

§

91b[4]

Auf die Aussage “Ich weiß, daß es so ist” folgt die Frage “Wie weißt Du das?”, die Frage nach der Evidenz.

The question that follows the statement “I know that it is so” is “How do you know that?”, the question about the evidence.

§VB

91b[5] &
92a[1]

Rosinen mögen das Beste an einem Kuchen sein; aber ein Sack Rosinen ist nicht besser als ein Kuchen; & wer im Stande ist uns einen Sackvoll Rosinen zu geben kann damit noch keinen Kuchen backen, geschweige daß er etwas besseres kann. Ich denke an Kraus & seine Aphorismen, aber auch an mich selbst & meine philosophischen Bemerkungen. Ein Kuchen das ist nicht gleichsam: verdünnte Rosinen.

Raisins may be the best thing in a cake; but a sack of raisins is not better than a cake; and someone who is able to give us a sack full of raisins cannot yet bake a cake, much less something better. I am thinking of Kraus and his aphorisms, but also of myself and my philosophical remarks. A cake is not simply diluted raisins.

§

92a[2]

Wissen ist ein geistiger Besitz. Wer sagt “Ich weiß, daß es so ist” ‘erlebt aber bei diesen Worten das Wissen’ nicht, denn er wird uns etwa sagen, er habe es gewußt auch ehe er's sagte. Er wußte es, seitdem er sich davon überzeugt hatte.

Knowledge is a mental possession. Whoever says “I know that it is so” does not ‘experience the knowledge’ in these words, because he will tell us that he knew it even before he said it. He knew it from the moment he became convinced of it.

§

92a[3]

Jemand könnte das Sprachspiel des Meldens wohl beherrschen, aber den Begriff des ‘Wissens’ nicht gebrauchen. (Ein Kind, z.B..)

Someone could well master the language-game of reporting, but not use the concept of ‘knowledge’. (A child, for example.)

§

92a[4] &
92b[1]

Das Moore'sche Paradox erscheint uns auf den ersten Blick einfach als Widerspruch; dann aber ist es klar, es könne keiner sein, da der eine Satz, sagen wir, vom Wetter handelt, der andere von mir. So erscheint es nun als wäre das Paradox nur eine psychologische Unwahrscheinlichkeit. So etwa, wie wenn Einer sagte “Der Apfel schmeckt sehr gut, aber ich mag ihn nicht.” Aber so ist es in jenem Fall auch nicht. – Es ist als könne ihn die Logik nichts angehen, oder als müsse es (zu unserem Schreck) eine Logik der Behauptung außer der Logik der Sätze geben. Es müsse eine Erweiterung der Logik geben mit Regeln die zwar die Annahme p ∙ ~q gestattet aber, unter gewissen Umständen, nicht die Behauptung. Und wo sollte das hinführen! Man stellt sich nämlich eine Logik nach Art der Aristotelischen vor nur noch komplizierter. Und doch ist schwer vorzustellen, wie so eine Logik begrenzt sein, wie sie die klaren, einfachen Konturen der Aristotelischen haben kann. Es scheint also, die Gesetze der Aristotelischen Logik seien nur eine kleine Zahl logischer Gesetze, eine kleine leicht zu übersehende Gruppe von ihnen.

At first glance, Moore’s paradox seems to us simply a contradiction; but then it becomes clear that it cannot be one, since one sentence, let’s say, is about the weather, while the other is about me. So it now appears as if the paradox is only a psychological improbability. Something like when someone says, “The apple tastes very good, but I don’t like it.” But in that case, it is not so either. – It is as if logic has nothing to do with it, or as if (to our dismay) there must be a logic of assertion in addition to the logic of sentences. There must be an extension of logic with rules that allow the proposition p ∙ ~q, but, under certain circumstances, not the assertion. And where would that lead! One imagines a logic of the kind of Aristotelian logic, only more complicated. And yet it is difficult to imagine how such a logic could be limited, how it could have the clear, simple contours of Aristotelian logic. It seems, then, that the laws of Aristotelian logic are only a small number of logical laws, a small, easily overlooked group of them.

§VB

92b[2]

Farben regen zum Philosophieren an. Vielleicht erklärt das die Leidenschaft Goethes für die Farbenlehre. Die Farben scheinen uns ein Rätsel aufzugeben, ein Rätsel, das uns anregt, – nicht aufregt.

Colors stimulate philosophical thought. Perhaps this explains Goethe’s passion for the theory of colors. Colors seem to pose a riddle to us, a riddle that stimulates us – not agitates us.

§

93a[1]

Der Mooresche Widerspruch ist insofern kein Widerspruch, als er nicht die gleiche Rolle in unsrer Sprache spielt wie p ∙ ~p. Denn eine widerspruchsvolle Behauptung, oder ein Befehl haben ja eine bestimmte Wirkung. Wir sagen hier nicht: “Das ist ja kein Befehl”, sondern etwa: “Was willst Du also?! daß ich ‥‥, oder ‥‥?” Widersprüche werden ja wirklich manchmal aus Nachlässigkeit, manchmal aber absichtlich geschmiedet. – Von dem Satz “Es regnet & ich glaube es nicht” sage ich nur, er sei keine Behauptung; ich wüßte in einem Sprachspiel nichts damit anzufangen, wüßte einfach nicht, was gemeint sei.

Moore’s contradiction is not a contradiction in the sense that it does not play the same role in our language as p ∙ ~p. For a contradictory assertion, or an order, does have a certain effect. We do not say here: “That is not an order,” but rather: “What do you want, then? That I ‥‥, or ‥‥?” Contradictions are sometimes forged out of carelessness, but sometimes deliberately. – Of the sentence “It is raining & I don’t believe it,” I only say that it is not an assertion; I would not know what to do with it in a language-game, would simply not know what is meant.

§

93a[2]

Wie ist so ein Paradox zu behandeln? D.h. wie müssen wir seine Umgebung gestalten, damit es uns nicht mehr paradox vorkommt? Wir müssen die Umgebung anders, als wir's gewohnt sind, ansehen lernen.

How is such a paradox to be treated? That is, how must we shape its environment so that it no longer seems paradoxical to us? We must learn to look at the environment differently than we are used to.

§

93a[3] &
93b[1]

“Es brennt dort, aber ich glaub's nicht” – “Ich glaube Dir, & werde trachten Dich zu überzeugen, daß es brennt, – wie Du gesagt hast. Schau's doch an!” – “Ja, es ist wahr, jetzt seh ich's, daß es brennt.” Man würde in dem Fall sagen, die erste Mitteilung müßte automatisch geschehen sein. D.h., er würde, ehe wir ihn von ihrer Richtigkeit überzeugt haben, handeln wie einer, der sie nicht glaubt.

“It’s burning over there, but I don’t believe it” – “I believe you, & I will try to convince you that it is burning, – as you said. Just look at it!” – “Yes, it’s true, now I see that it’s burning.” In this case, one would say that the first communication must have happened automatically. That is, he would, before we have convinced him of its truth, act as if he does not believe it.

§

93b[2]

Nun ist freilich das “und” oder “aber” im Satze sonderbar.

Now, of course, the “and” or “but” in the sentence is peculiar.

§

93b[3]

“Es drängt mich zu sagen ‘es brennt’, aber ich glaub's nicht.” Es könnte (also) Menschen geben, die uns ‘automatische’ Mitteilungen machen, aber auch solche mit der Intention der Mitteilung. Und solche Menschen könnten also nicht nur den Moore'schen Widerspruch aussprechen, sondern auch p ∙ ~p.

“It urges me to say ‘it is burning,’ but I don’t believe it.” There could (therefore) be people who make ‘automatic’ communications to us, but also those with the intention of communicating. And such people could therefore not only utter Moore’s contradiction, but also p ∙ ~p.

§

93b[4]

Wie aber würde sich eigentlich eine automatische von einer normalen Mitteilung unterscheiden?

But how would an automatic communication actually differ from a normal communication?

§

93b[5] &
94a[1]

In dem Sprachspiel der Meldung gibt es den Fall, daß die Meldung angezweifelt wird, daß man annimmt, der Meldende vermute nur, was er meldet, habe sich nicht überzeugt. Hier sagt er dann etwa: “Ich weiß es”. D.h.: Es ist nicht bloß Vermutung. – Soll ich da sagen, er teile mir die Sicherheit seines Geistes mit? Das möchte ich nicht sagen. Er spielt einfach das Meldungssprachspiel, & das “Ich weiß es” ist die Form einer Meldung.

In the language-game of reporting, there is the case that the report is doubted, that one assumes that the reporter only suspects what he reports, has not convinced himself. Here he then says, for example: “I know it.” That is: It is not just a guess. – Should I say that he is communicating the certainty of his mind to me? I would not want to say that. He is simply playing the reporting language-game, & “I know it” is the form of a report.

§

94a[2]

Heißt “Ich weiß es”: Ich bin davon durchdrungen? Manchmal ja. “Dies ist für mich ein Axiom”. Ich sage etwas über die Art & Weise meines Denkens, über die Einrichtung meines Geistes.

Does “I know it” mean: I am permeated by it? Sometimes yes. “This is an axiom for me.” I am saying something about the nature and manner of my thinking, about the structure of my mind.

§

94a[3]

“Ich zweifle nicht daran.” “Es steht für mich fest.”

“I have no doubt about it.” “It is certain for me.”

§

94a[4]

Kann man nur wissen, was wahr ist? Nun, man sagt ja auch “Ich glaube es zu wissen” & hier kann dem Glauben keine Unsicherheit anhaften. Man könnte nicht sagen: “Ich bin nicht sicher: weiß ich's, oder weiß ich's nicht.”

Can one only know what is true? Well, one also says, “I believe I know it,” & here no uncertainty can attach to the belief. One could not say: “I am not sure: do I know it, or do I not know it?”

§

94a[5] &
94b[1]

Mancher wird sagen, daß mein Reden über den Begriff des Wissens irrelevant sei, da zwar dieser Begriff, wie die Philosophen ihn auffassen, allerdings nicht mit dem der alltäglichen Rede übereinstimmt, aber eben ein wichtiger, interessanter Begriff sei, der durch eine Art Sublimierung aus dem landläufigen & nicht sehr interessanten gebildet sei. Aber jener philosophische Begriff ist durch allerlei Mißverständnisse entstanden & befestigt Mißverständnisse. Er ist durchaus nicht interessant, außer als Exempel, um daran Mißverständnisse aufzuzeigen.

Some might say that my discussion of the concept of knowledge is irrelevant, since, although this concept, as understood by philosophers, does not coincide with that of everyday language, it is nevertheless an important, interesting concept that has been formed through a kind of sublimation from the common and not very interesting concept. But that philosophical concept has arisen through all sorts of misunderstandings and reinforces misunderstandings. It is not interesting at all, except as an example to reveal misunderstandings.

§

94b[2]

Es könnte also Menschen geben, die Sätze sagen, die wir übersetzen müßten: “Es regnet & ich weiß nicht, ob es regnet”, oder auch “Es regnet. Regnet es wirklich?” Und die Antwort wäre dann: “Ja, Dein Unterbewußtes hat ganz recht.” Man wird dann auch sagen können: “Es regnet; & weil ich's sage, wird's wohl wahr sein.”

So, there might be people who say sentences that we would have to translate as: “It is raining, and I don’t know whether it is raining,” or even “It is raining. Is it really raining?” And the answer would then be: “Yes, your subconscious is quite right.” One could also say: “It is raining; and because I say it, it is probably true.”

§

95a[1]

Du darfst wieder nicht vergessen, daß “Ein Widerspruch hat keinen Sinn” nicht heißt: der Sinn des Widerspruchs ist ein Unsinn. – Den Widerspruch schließen wir aus der Sprache aus; wir haben für ihn keine klare Verwendung & wollen ihn nicht verwenden. Und wenn “Es regnet, aber ich glaube es nicht” sinnlos ist, so wieder, weil eine Verlängerung gewisser Linien zu dieser Technik führt. Aber unter andern als den normalen Umständen könnte jener Satz einen klaren Sinn erhalten.

You must not forget that “A contradiction is senseless” does not mean: the sense of the contradiction is nonsense. We exclude the contradiction from the language; we have no clear use for it and do not want to use it. And if “It is raining, but I don’t believe it” is senseless, it is again because the extension of certain lines leads to this technique. But under other than normal circumstances, that sentence could have a clear sense.

§

95a[2]

Wenn es ein ‘automatisches’ Reden gäbe, so könnten wir z.B. nicht mit einer solchen Äußerung streiten, den, der sie ausspricht, nicht eines Irrtums überweisen wollen. Wir würden also nicht die gleichen Sprachspiele mit dem automatischen, wie mit dem normalen Reden spielen.

If there were an ‘automatic’ way of speaking, we could not, for example, argue with such an utterance, we would not want to convince the person who utters it that he is mistaken. So, we would not play the same language-games with the automatic way of speaking as with the normal way of speaking.

§

95a[3] &
95b[1]

Wenn ich ein Reden “automatisch” nenne, so stellt man sich dabei etwas Inflexionsloses, Maschinelles vor. Aber das ist für uns gar nicht wesentlich. Man braucht nur anzunehmen, daß zwei Personen durch den einen Mund reden. Und wir haben dann, was gesagt wurde auch als die Äußerung zweier Menschen zu behandeln. Es könnten also beide Sätze mit der Intention der Mitteilung gesprochen werden. Und es würde sich nur fragen wie ich auf diese Mitteilungen reagieren sollte.

If I call a discourse “automatic,” one imagines something inflexible, mechanical. But that is not at all essential for us. One needs only to assume that two people are speaking through one mouth. And we can then treat what was said as the utterance of two people. So both sentences could be spoken with the intention of communication. And the question would only be how one should react to these communications.

§

95b[2]

Kann “Ich glaube, daß es so ist”, oder “Ich glaube nicht, daß es so ist” einmal gar nicht als Behauptung eines äußeren Faktums, sondern lediglich als Beschreibung meines eigenen Seelenzustandes gebraucht werden? Nun, ich glaube das geschieht manchmal; wie man etwa sagt “Ich lasse die Hoffnung noch immer nicht fahren ‥‥” & damit nur eine Stimmung ausdrücken, & nichts über die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens eines Ereignisses sagen will.

Can “I believe that it is so” or “I do not believe that it is so” ever be used not as an assertion of an external fact, but merely as a description of my own state of mind? Well, I think that happens sometimes; as when one says, “I am not giving up hope yet…” and thereby only expresses a mood, and does not want to say anything about the probability of an event occurring.

§

95b[3]

“Ich wollte Dir nichts mitteilen, es ist das nur so herausgerutscht.” Was herausgerutscht ist, konnte wertlos sein, oder auch höchst wertvoll.

“I didn’t want to tell you anything; it just slipped out.” What slipped out could be worthless, or it could be highly valuable.

§

96a[1]

“Es regnet, aber ich glaube es nicht” könnte sehr wohl dasselbe heißen wie: “Es regnet, aber ich weigre mich es anzuerkennen”.

“It is raining, but I don’t believe it” could very well mean the same as: “It is raining, but I refuse to acknowledge it.”

§

96a[2]

“Ich wollte Dir keine Mitteilung machen; es ist nur so herausgerutscht.” – Wovon benachrichtigt Einen das? Heißt es nicht soviel, wie “Nimm das nicht als Mitteilung auf; reagier darauf nicht als auf eine Mitteilung!”?

“I didn’t want to communicate anything to you; it just slipped out.” What does that inform one about? Doesn’t it mean something like: “Don’t take this as a communication; don’t react to it as a communication!”?

§

96a[3]

“Sagte ich ‘Ulme’? Ich habe die ganze Zeit ‘Esche’ gemeint.” Das heißt: ich wußte, daß der Baum eine Esche war, versprach mich aber irgendwie & sagte “Ulme”. Und hier könnte das Problem auftauchen: Was geht in dem vor der “Ulme” sagt & “Esche” damit meint? – “Nun, er denkt eben dabei an eine Esche.” Und wie tut man das? Meine Aussage bezieht sich auf eine Potenz, auf ein Wissen.

“Did I say ‘elm’? I meant ‘ash’ all along.” That means: I knew that the tree was an ash, but somehow I made a mistake and said “elm.” And here the problem could arise: What is going on in the person who says “elm” and means “ash” by it? “Well, he was just thinking of an ash.” And how does one do that? My statement refers to a potential, to a knowledge.

§

96a[4] &
96b[1]

“Ich weiß, daß es so ist” kann so viel heißen, wie: “Ich habe mich davon überzeugt”, auch “Ich habe keinen Zweifel daran”, auch “Es steht für mich fest”, auch “Es ist keine Vermutung, sondern Sicherheit”, auch “Es ist so”. Was heißt: “Ich habe mich davon überzeugt & seitdem weiß ich's”? Es ist hier als finge der Zustand des Wissens mit dem Überzeugen an. “Ich habe mich davon überzeugt, daß er ehrlich ist, & seitdem weiß ich's” – ist damals eine Veränderung in meiner Seele hervorgerufen worden, die dann angehalten hat? Ist das “seitdem weiß ich's” nicht irreführend? Heißt es im letzten Beispiel nicht einfach: ich habe seitdem nie das Gegenteil angenommen, ich habe seitdem nie wieder daran gezweifelt, es sind mir keine Zweifel aufgestiegen?

“I know that this is the case” can mean as much as: “I have convinced myself of it,” also “I have no doubt about it,” also “It is certain for me,” also “It is not a conjecture, but certainty,” also “It is so.” What does it mean: “I have convinced myself of it & since then I know it”? It is as if the state of knowledge begins with the convincing. “I have convinced myself that he is honest, & since then I know it” – has a change in my mind been brought about, which then has persisted? Isn’t the “since then I know it” misleading? Doesn’t the last example simply mean: I have never since assumed the opposite, I have never since doubted it, no doubts have arisen in me?

§

96b[2] &
97a[1]

12.01.1948

Wohin gehört der Satz, daß grün & rot, hell & dunkel, groß & klein einander ausschließen? Man möchte vielleicht sagen: Wenn die Wörter “grün” & “rot” das bedeuten, diese Farben, so können sie einander nur ausschließen. Man kann die Bedeutungen nicht verstehen, ohne zu sehen, daß sie unvereinbar sind. Und darin ist etwas Wahres & etwas Falsches. – Was man Einem vorführen möchte um ihm die Idee der Unvereinbarkeit zu erklären wäre etwa dies: Man hat einen Streifen rotes Papier; man läßt ihn etwa von links nach rechts langsam grün werden & das Rot weicht vor dem Grün zurück, dann läßt man das Rot Raum gewinnen & das Grün muß weichen. So, sagt man ihm, kann etwas nicht grün & rot zugleich sein; sowie, wo der eine Körper ist, der andre nicht sein kann.

12.01.1948

To what does the sentence belong, that green & red, light & dark, big & small exclude each other? One might perhaps say: If the words “green” & “red” mean these colors, then they can only exclude each other. One cannot understand the meanings without seeing that they are incompatible. And there is something true & something false in this. – What one might demonstrate to someone in order to explain the idea of incompatibility would be something like this: One has a strip of red paper; one lets it slowly turn green from left to right & the red recedes before the green, then one lets the red gain ground & the green must recede. Thus, one says to him, something cannot be green & red at the same time; just as, where one body is, the other cannot be.

§

97a[2]

Aber die Demonstration könnte auch anders ausschauen: Wenn das Grün die rote Fläche insurgiert, sieht man Schwarz, & erklärt: Siehst Du das Rot ist nicht gewichen, es ist da & das Grün ist da, & sie streiten mit einander & dann sieht man sie nicht gut. Sowie man ja auch Leute nicht gut hört, wenn sie zusammen schreien. Aber, wenn man ganz genau hinhört, so geht's; & wenn Du ganz genau auf das Schwarze siehst, kannst Du das Rot drin sehen, wie es mit dem Grün streitet.

But the demonstration could also look different: If the green invades the red area, one sees black, & explains: See, the red has not disappeared, it is there & the green is there, & they are fighting with each other & then one cannot see them well. Just as one also does not hear people well when they shout together. But, if one listens very carefully, it is possible; & if you look very closely at the black, you can see the red in it, as it fights with the green.

§

97a[3]

Einerseits kann man sagen, daß Schwarz & Weiß in Grau koexistieren können; & anderseits wird man sagen: “Aber wo Grau ist, ist natürlich weder Weiß, noch Schwarz. Was grau ist, ist natürlich nicht wirklich weiß.”

On the one hand, one can say that black & white can coexist in gray; & on the other hand, one will say: “But where there is gray, there is naturally neither white, nor black. What is gray is, of course, not really white.”

§

97a[4] &
97b[1]

Ich will doch sagen: Es liegt an den Begriffen; nicht an ‘Gegenständen’ (den Farben) welche unsern Farbwörtern entsprechen. Das heißt: Man könnte sehr wohl unsern Farbbegriffen ähnliche durch hinweisende Erklärungen ganz wie die von “rot”, “weiß”, etc., etc. erklären, & dann doch zulassen, daß rot & weiß zugleich einen Ort einnehmen können. Aber wie ist es mit “hellrot” & “dunkelrot”? Wird man auch sagen wollen, daß diese irgendwo zugleich sind? oder Lila & Violett? – Nun, denk Dir den Fall Hellblau & Dunkelblau & zwar ganz bestimmte Töne umgäben uns ständig & wir können nicht (wie es tatsächlich der Fall ist) leicht beliebige Farbtöne erzeugen. Es wäre aber unter Umständen möglich eine hellblaue Substanz mit einer dunkelblauen zu mischen & dann erhielten wir einen seltenen Farbton, den wir nun auffassen als eine Mischung von Hellblau & Dunkelblau.

I want to say: It depends on the concepts; not on ‘objects’ (the colors) that correspond to our color words. That is: One could very well explain concepts similar to our color concepts by means of ostensive explanations, just like those for “red,” “white,” etc., etc., & then still allow red & white to occupy the same place at the same time. But what about “light red” & “dark red”? Would one also want to say that these are somewhere at the same time? or purple & violet? – Now, imagine the case of light blue & dark blue, & indeed very specific tones constantly surround us & we cannot (as is actually the case) easily create arbitrary color tones. But it would be possible under certain circumstances to mix a light blue substance with a dark blue one & then we would obtain a rare color tone, which we now perceive as a mixture of light blue & dark blue.

§

97b[2]

“Aber wären dann unsre Farbbegriffe die gleichen wie sie heute sind?” Sie wären diesen sehr ähnlich. Ungefähr wie die Zahlbegriffe der Völker, die nur bis 5 zählen können, den unsern.

“But would our color concepts then be the same as they are today?” They would be very similar to them. Approximately like the number concepts of the peoples who can only count to 5, to ours.

§

97b[3] &
98a[1]

Man kann sagen: Wem ein Wort durch Hinweisen auf einen färbigen Fleck erklärt wird, der weiß nur insofern, was gemeint ist, als er weiß, wie das Wort anzuwenden ist. Das heißt: Es gibt hier kein Erfassen des Gegenstandes, außer durch ein Erfassen einer Technik. Anderseits könnte man doch sagen, ein Erfassen, Ergreifen des Gegenstandes vor jedem Erfassen einer Technik sei möglich; denn wir können Einem einfach den Befehl geben “Kopiere dies!” & er kann nun z.B. die Farbe kopieren, oder die Form & Größe, oder nur die Gestalt, oder die Farbe aber nicht den genauen Ton, etc.. Und hier tut das Kopieren, was bei einem Körper etwa ein in die Hand Nehmen tut. – Es ist uns da, als könnten wir, was gemeint ist, die Farbe etwa, mit einer eigenen feinen geistigen Zange anfassen, ohne irgend etwas anderes mit zu ergreifen.

One can say: Whoever has a word explained to him by pointing to a colored spot only knows, what is meant, in that he knows how the word is to be applied. That is: There is no grasping of the object here, except through a grasping of a technique. On the other hand, one could say that a grasping, a seizing of the object before any grasping of a technique is possible; for we can simply give someone the command “Copy this!” & he can now, for example, copy the color, or the shape & size, or only the form, or the color but not the exact tone, etc.. And here, the copying does what, in the case of a body, taking it in the hand does. – It is as if we could grasp, with our own fine mental tongs, what is meant, the color for example, without grasping anything else.

§

98a[2]

Der Geist, sage ich, ergreift den einen Gegenstand; & dann reden wir von ihm & seinen Eigenschaften, seiner Natur, gemäß.

The mind, I say, grasps the one object; & then we talk about it & its properties, its nature, accordingly.

§

98a[3] &
98b[1]

Wie aber weiß ich, daß Dein Geist den gleichen Gegenstand ergreift, wie meiner? Doch eben z.B. dadurch, wie Du auf meinen Befehl, “Kopiere die Farbe” z.B. reagierst. Aber hier, wirst Du sagen, können wir nur das Essentielle dieser Reaktion erkennen, indem wir ihn öfters Farben kopieren heißen. Das heißt wohl, ich werde nach einigen dieser Reaktionen andere vorhersehen können; & dies erkläre ich, indem ich sage: ich weiß nun, ‘was’ er eigentlich kopiert. Also die Farbe, oder die Form z.B. – aber es gibt hier mehr solche was, als wir für gewöhnlich anzunehmen geneigt sind; d.h. man kann auch Begriffe bilden, die uns ganz ungewohnt sind. Es kann auch sein, daß ich allerdings nach einigen Reaktionen des Kopierens andere richtig voraussehen & nun mit ihnen rechnen kann – also sage, wir hätten uns nun verstanden – daß ich aber in einer etwas andern Situation eine Überraschung erlebe. – Und was soll ich nun sagen: Ich hätte ihn die ganze Zeit mißverstanden? oder, ich habe ihn zum Teil mißverstanden? Wenn Du ans Ergreifen eines Gegenstandes denkst, wirst Du vielleicht das erstere sagen, gemäß dem Bild, er habe eben nicht den Gegenstand ergriffen, den ich glaubte. Denken wir aber an Techniken des Gebrauchs von Worten, so werden wir sagen, es seien hier ungleiche, aber ähnliche, Methoden.

But how do I know that your mind grasps the same object as mine? Well, for example, by how you react to my command, “Copy the color,” for instance. But here, you will say, we can only recognize the essential of this reaction by having him copy colors more often. That is, I will probably be able to predict other of these reactions; & I explain this by saying: I now know ‘what’ he is actually copying. So the color, or the shape, for example – but there are more such whats here than we are usually inclined to assume; that is, one can also form concepts that are quite unfamiliar to us. It is also possible that, after some of the copying reactions, I can correctly predict others & now take them into account – so I say, we have now understood each other – that, however, in a slightly different situation, I experience a surprise. – And what should I say now: I have misunderstood him all along? or, I have misunderstood him in part? If you think of grasping an object, you will perhaps say the former, according to the image that he has simply not grasped the object that I thought. But if we think of techniques for the use of words, then we will say that here there are unequal, but similar, methods.

§

99a[1]

Hier ist es nun freilich wichtig, daß eine Technik für uns eine Physiognomie hat. Daß wir z.B. von einer einheitlichen & einer uneinheitlichen Verwendung sprechen können. – Und was bedeutet nun “einheitlich” & “uneinheitlich”? Was teilen wir Einem durch diese Ausdrücke mit?

Here, it is indeed important that a technique has a physiognomy for us. That we can, for example, speak of a uniform & a non-uniform use. – And what does “uniform” & “non-uniform” mean now? What do we communicate to someone with these expressions?

§

99a[2] &
99b[1]

Wir sagen von Einem, der viel weiß, er habe seinen Geist bereichert, & hier denken wir daran, daß er kann, was ein Andrer nicht kann. Er hat sich Fähigkeiten angeeignet. – Wer aber sagt “Ich weiß, daß dieses Holz feucht ist” der will ‘über das Holz reden & nicht über sich’ also nicht, wie der, der sagt “Ich weiß, wie die römischen Kaiser geheißen & wann sie gelebt haben”. Statt dem ersten Satz könnte man sagen “Das Holz ist feucht; verlaß Dich drauf!” Man möchte also sagen, daß “Ich weiß” in einem Falle heißt “Ich kann ‥‥”, im andern Fall aber “Es ist so, ich habe mich davon überzeugt”. Im ersten Falle nun liegt es nahe vom Wissen als einem Zustand des Geistes zu reden, in dem Sinne, in welchem man ‘den Geist durch Lernen bildet.’ Niemand aber wird ausrufen, wenn ich ihm sage “Ich weiß, daß er heute kommt”: “Welches Wissen!” “Etwas wissen” im Sinne von: sich davon überzeugt haben, Zweifel definitiv erledigt haben, ist nicht mit dem gleichen Rechte ein Zustand meines Geistes zu nennen.

We say of someone who knows a lot that he has enriched his mind, & here we think that he can do what another cannot. He has acquired abilities. – But whoever says “I know that this wood is wet” wants to ‘talk about the wood & not about himself,’ not like the one who says “I know how the Roman emperors were called & when they lived.” Instead of the first sentence, one could say “The wood is wet; rely on it!” One would like to say that “I know” in one case means “I can…”, but in the other case it means “It is so, I have become convinced of it.” In the first case, it is obvious to speak of knowledge as a state of the mind, in the sense in which one ‘educates the mind through learning.’ But no one will exclaim, when I say to him, “I know that he is coming today”: “What knowledge!” “To know something” in the sense of: having become convinced of it, having definitively resolved doubts, is not with the same right to be called a state of my mind.

§

99b[2]

Aber es gibt hier auch Grenzfälle, die verwirrend sind. Wissen im ersten Sinn ist ein gelernt & nicht vergessen haben. Es hängt so mit dem Gedächtnis zusammen. – Nun kann ich also sagen: “Ich weiß wieviel 97 × 78 ist” oder “Ich weiß, daß 97 × 78 432 ist.” Im ersten Falle, so wollte ich sagen, teile ich jemand mit, ich könne etwas, habe einen gewissen Besitz; im zweiten versichere ich dem Andern einfach 97 × 78 sei 432. Heißt denn “97 × 78 ist ganz bestimmt 432” nicht, ich wisse, es sei so? Man kann auch so sagen: Der erste Satz ist sicher kein arithmetischer, noch kann ihn ein solcher irgendwie ersetzen; statt des zweiten aber könnte man einen arithmetischen Satz verwenden.

But there are also borderline cases here that are confusing. Knowledge in the first sense is having learned & not forgotten. It is so connected with memory. – Now I can say: “I know how much 97 × 78 is” or “I know that 97 × 78 is 432.” In the first case, I would like to say, I tell someone that I can do something, that I have a certain possession; in the second, I simply assure the other that 97 × 78 is 432. Does “97 × 78 is definitely 432” not mean that I know that it is so? One could also say: The first sentence is certainly not an arithmetic one, nor can an arithmetic sentence replace it; but the second could be replaced by an arithmetic sentence.

§

99b[3] &
100a[1]

Es könnte freilich der Satz “Ich weiß, daß dsinxdx=x ist” auch so gedeutet werden: Ich kenne den Beweis dieses Satzes” – ein Wissen der besitzenden Art.

Of course, the sentence “I know that dsinxdx=x is” could also be interpreted in this way: I know the proof of this sentence – a knowledge of the possessive kind.

§

100a[2]

Der Unterschied ist der: Im Satze “Ich weiß, wie es sich verhält” kann das “Ich weiß” nicht wegbleiben. Den Satz “Ich weiß, daß es sich so verhält” kann man ersetzen durch “Es verhält sich so”.

The difference is this: In the sentence “I know how it is,” the “I know” cannot be omitted. The sentence “I know that it is so” can be replaced by “It is so.”

§

100a[3]

“Es wird regnen”. – “Du glaubst, es wird regnen?” – “Ich weiß, es wird regnen.” Sagt der dritte Satz mehr als der erste? Er ist die Wiederholung des ersten & eine Abwehr des zweiten.

“It will rain.” – “Do you think it will rain?” – “I know it will rain.” Does the third sentence say more than the first? It is a repetition of the first and a rejection of the second.

§

100a[4] &
100b[1]

Aber gibt es nicht ein Phänomen des Wissens, sozusagen ganz abgesehen vom Sinn der Worte “Ich weiß”? Ist es nicht merkwürdig, daß ein Mensch etwas wissen kann, die Tatsache gleichsam in sich selbst haben kann? Aber das ist eben ein falsches Bild. Denn, sagt man, wissen ist es nur, wenn es sich wirklich verhält, wie er sagt. Aber das ist nicht genug. Es darf sich nicht nur zufällig so verhalten. Er muß ja wissen, daß er weiß: das Wissen ist ja sein eigener Seelenzustand; er kann darüber, außer durch eine besondere Verblendung, nicht im Zweifel, oder Unrecht sein. Wenn also das Wissen, daß es so ist, nur ein Wissen ist, wenn es wirklich so ist; & wenn das Wissen in ihm ist, so daß er darüber, daß es ein Wissen ist, unfehlbar ist; dann ist er also auch darüber unfehlbar, daß es ist, wie es das Wissen weiß; & also muß die Tatsache, die er weiß, so wie das Wissen, in ihm sein. Also: Wenn ich, ohne zu lügen, sage “Ich weiß, daß es so ist”, so kann ich nur durch eine besondere Verblendung im Unrecht sein.

But is there not a phenomenon of knowledge, as it were, quite apart from the sense of the words “I know”? Is it not remarkable that a person can know something, can, as it were, have the fact in himself? But that is just a false picture. For, one says, knowledge is only knowledge if it is actually the case, as he says. But that is not enough. It must not only be the case by chance. He must know that he knows: knowledge is, after all, his own state of mind; he cannot, except through some special delusion, be in doubt, or be wrong, about it. If, therefore, the knowledge that it is so is only knowledge if it is actually so; and if the knowledge is in him, so that he cannot, except through some special delusion, be wrong about the fact that it is knowledge; then he is also infallible about the fact that it is as the knowledge knows it; and therefore the fact that he knows must, like the knowledge, be in him. So: if, without lying, I say “I know that it is so,” I can only be wrong through some special delusion.

§

100b[2]

Man ist in der Versuchung zu sagen: “Ich habe jahraus jahrein ein F gesehen, ohne zu wissen, daß ich's in einer bestimmten Weise sehe. Erst seitdem ich's auf eine andere Weise gesehen habe, weiß ich jetzt, daß ich's immer auf besondere Weise sehe.” Ich bin mir jetzt erst meines Kleides bewußt.

One is tempted to say: “I have seen an F year after year, without knowing that I see it in a certain way. Only since I have seen it in another way, do I now know that I have always seen it in a special way.” I am only now conscious of my dress.

§

100b[3] &
101a[1]

Oder soll ich so sagen: Es gibt ein ‘die Figur so auffassen’ (Dauerzustand, Disposition), & ein ‘die Figur so & so ansehen’, & dann auch ein ‘die Figur so sehen’. Wer z.B. sagen würde “Für mich hat dieses F jetzt ein dummes Gesicht, sieht es auf diese Weise. – Sieht er aber auch ein Gesicht als Gesicht? Nein. Man könnte das so erklären: Wenn ich einen Buchstaben, sagen wir, eines Tages als Gesicht sehe, so könnte sich das darin äußern, daß ich den Buchstaben anglotze indem ich sein Gesicht nachmache. Das würde ich aber doch beim Anblick eines wirklichen Gesichts nicht machen.

Or should I say: there is a ‘perceiving the figure in this way’ (a permanent state, a disposition), and a ‘looking at the figure in this way’, and then also a ‘seeing the figure’. Whoever would say “For me, this F now has a silly face,” sees it in this way. – Does he also see a face as a face? No. One could explain it like this: if I see a letter, say, one day as a face, this could manifest itself in the fact that I stare at the letter by imitating its face. But I would not do that when looking at a real face.

§

101a[2]

Auf einen Buchstaben gesichthaft reagieren – könnte man sagen – heißt nicht auf ihn wie auf ein Gesicht reagieren.

To react to a letter in a face-like manner – one could say – is not the same as reacting to it as a face.

§

101a[3]

Heißt ‘das Bild nicht so sehen’: es anders sehen?

Does ‘seeing the picture not so’ mean ‘seeing it differently’?

§

101a[4] &
101b[1]

Denk Dir diesen Fall: Ein Vexierbild wird mir gezeigt; ich sehe darin Bäume, Leute etc.. Ich untersuche es, & plötzlich sehe ich eine Gestalt in den Kronen der Bäume. Wenn ich es danach ansehe, sehe ich jene Striche nicht mehr als Zweige, sondern als Teile der Gestalt. Nun stelle ich das Bild in meinem Zimmer auf & sehe es tagtäglich, & da vergesse ich zumeist ganz die zweite Interpretation & es ist nun einfach ein Wald. Ich sehe es also, wie jedes andere Bild eines Waldes. (Du siehst die Schwierigkeit.) – Ich sage nun von jenem Bild einmal: “Ich hab es schon lange nicht mehr als Vexierbild gesehen, (ja) beinahe vergessen, daß es eins ist.” Da kann man natürlich fragen “Wie hast Du's denn gesehn?” & ich werde sagen “Nun, als Bäume & ‥‥․” & das ist auch ganz richtig; aber hab ich also nicht nur das Bild gesehen & gewußt was es darstellt, sondern es auch immer gemäß einer bestimmten Deutung gesehen? Lieber möchte ich sagen: Für mich waren's jetzt einfach immer Bäume, ich habe nie in anderm Sinne auf das Bild reagiert.

Imagine this case: a reversible figure is shown to me; I see trees, people, etc. in it. I examine it, and suddenly I see a figure in the crowns of the trees. If I look at it afterwards, I no longer see those lines as branches, but as parts of the figure. Now I put the picture in my room and look at it every day, and then I mostly forget the second interpretation and it is now just a forest. I see it, therefore, like any other picture of a forest. (You see the difficulty.) – I now say of that picture: “I have not seen it as a reversible figure for a long time, (yes) I have almost forgotten that it is one.” One can, of course, ask “How did you see it?” and I will say “Well, as trees and….” and that is also quite correct; but have I not only seen the picture and known what it represents, but also always seen it according to a certain interpretation? I would rather say: for me, they were simply always trees, I have never reacted to the picture in any other sense.

§

101b[2]

Ich spreche das Bild nicht immer, wenn ich es sehe, als das & das an; aber gibt es nicht einen Zustand, in welchen der eine Aspekt jedenfalls ausgeschlossen ist, obwohl der andere nicht lebendig ist. Kann man sagen: Wenn ich überhaupt an das Bild als eine Darstellung von etwas denke, so auf diese Weise. Oder: ich bin mir schwach bewußt, daß dort das Bild von Bäumen hängt. Oder sind es die Formen, die räumlichen Formen die ich sehe & die mich dann zu einer Interpretation konditionieren? Das klingt mir nicht ganz wahrscheinlich.

I do not always refer to the picture as this and that when I see it; but is there not a state in which one aspect is in any case excluded, although the other is not vivid? Can one say: if I think of the picture at all as a representation of something, then I do so in this way. Or: I am only weakly aware that the picture of trees is hanging there. Or are they the forms, the spatial forms that I see and that condition me to a certain interpretation? That doesn’t sound quite likely to me.

§

101b[3] &
102a[1]

Ich möchte sagen: “Soweit ich mich überhaupt mit dem Bild beschäftigt habe, so als Bild von Bäumen.” Aber das setzt voraus daß ich es so nur dauernd sehen könnte, wenn ich mich doch etwas mit dem Bild ‘beschäftigte’.

I would like to say: “As far as I have ever concerned myself with the picture, it has been as a picture of trees.” But that presupposes that I could only see it so permanently if I did concern myself with the picture.

§

102a[2]

13.01.1948

Wenn sich ein philosophisches Problem nicht gibt, so muß man sich immer sagen, daß man es falsch angefaßt hat. Daß man noch einen grundlegenden, nicht nur einen oberflächlichen Fehler mache. (Dies ist beinahe auch ein Trost.)

13.01.1948

If a philosophical problem does not exist, one must always say that one has approached it incorrectly. That one is still making a fundamental, not just a superficial, mistake. (This is almost a consolation.)

§

102a[3]

Denk an den Fall der rotierenden Trommel. Du betrachtest sie, sozusagen, gedankenlos. Hast Du nicht den Eindruck sie bewege sich in dieser, nicht in der andern, Richtung? Hast Du nicht diesen Eindruck ebenso dauernd, wie den von ihrer Farbe & Form? Und ist es nun mit den Bäumen in jenem Bild nicht gerade so? Ebenso wie es nichts macht, daß sich die Trommel tatsächlich nicht in der Richtung bewegt wie Du es siehst, ebenso macht es auch nichts, daß das Bild in Wirklichkeit flach ist.

Think of the case of the rotating drum. You look at it, as it were, absentmindedly. Don’t you have the impression that it is moving in this direction, not in the other? Don’t you have this impression as permanently as the impression of its color & form? And isn’t it the same with the trees in that picture? Just as it doesn’t matter that the drum is not actually moving in the direction you see it, it also doesn’t matter that the picture is actually flat.

§

102a[4] &
102b[1]

Lernt das Kind, das den Buchstaben

kennen lernt, ihn, oder diese Form, als ein

auffassen? – Es lernt diese Form so & so gebrauchen. Der Ausdruck “Etwas als ein

auffassen” hat nur Sinn, wenn man die Form nicht für ein

hält. Ein

sehen, heißt nicht, etwas was man sieht als ein

auffassen. (Wie man zwar einen andern Komponisten, aber nicht Beethoven für einen Beethoven halten kann.) – Das heißt: Erst muß es ein

geben, ehe man etwas als ein

auffassen kann.

Does the child, when learning to recognize the letter

, learn to regard it, or this shape, as a

? – It learns to use this shape in this way & that. The expression “to regard something as a

” only has sense if one does not take the shape to be a

. To see a

does not mean to regard what one sees as a

. (Just as one can regard another composer as a composer, but not Beethoven as a Beethoven.) – This means: First, there must be a

, before one can regard something as a

.

§

102b[2] &
103a[1]

Wenn ich einen Gegenstand anschaue, einen Würfel, einen Baum, einen menschlichen Kopf, & man fragt mich, was ich sehe, so kann ich zur Antwort eine Zeichnung anfertigen, oder aber ein Model oder ich kann durch Worte & Gesten eine Beschreibung geben. Ist es ein Gegenstand, der sich für zweierlei halten läßt, etwa das Drahtgestell eines Würfels, so kann ich wieder auf die Frage “Was siehst Du?” mit einer Nachbildung, oder Beschreibung antworten & ich kann dies tun ob ich mir nun der Doppeldeutigkeit des Objekts bewußt bin, oder nicht. Sagt man, ich könne es einmal als das, einmal als jenes sehen, so ist das ‘es’ immer der Gegenstand vor meinen Augen (ob räumlich, oder flach); & das das & jenes bezieht sich auf die Zeichnung, das Modell, die Beschreibung die ich anfertige; sie sind es auf die ich dabei zeige, nicht etwas in mir, oder der Gegenstand, den ich angeschaut habe. Wie vergleicht sich dieser Fall nun mit dem des

,

das man auf zwei Arten sehen kann? – Gefragt, was ich sehe, wird die deutlichste Antwort eine genaue Kopie sein. Diese Darstellung entspricht der im zuerst besprochenen Fall. Während die zwei ‘Arten das

zu sehen’ eine ganz andere Art der Darstellung erfordern. Vor allem ist hier eine andere Beziehung zwischen ‘dafür halten’ & ‘als das sehen’.

When I look at an object, a cube, a tree, a human head, & one asks me what I see, I can answer by producing a drawing, or a model, or I can give a description in words & gestures. If it is an object that can be taken for two different things, for example the wire frame of a cube, then I can again answer the question “What do you see?” with a reproduction or a description, & I can do this whether or not I am conscious of the ambiguity of the object. If one says that I can see it once as this, once as that, then the ‘it’ is always the object before my eyes (whether spatial or flat); & the this & that refers to the drawing, the model, the description that I produce; they are what I am showing, not something in me, or the object that I looked at. How does this case now compare with that of

,

which can be seen in two ways? – Asked what I see, the clearest answer will be an exact copy. This representation corresponds to the one discussed in the first case. Whereas the two ‘ways of seeing the

’ require a completely different kind of representation. Above all, there is a different relationship between ‘taking it for’ & ‘seeing it as’ here.

§

103a[2]

Im ersten Fall konnte ich zur Antwort eine genaue Kopie des Angeschauten anfertigen & auf sie zeigend, sagen “Das ist, was ich dort sehe”. Um aber zu sagen ‘wie’ ich die Figur

sehe, darf ich das nicht tun. Im Gegenteil, ich muß auf andere Formen zeigen.

In the first case, I could create an exact copy of what I was looking at and, pointing to it, say “This is what I see there.” But in order to say ‘how’ I see the figure

, I am not allowed to do that. On the contrary, I must point to other forms.

§

103a[3] &
103b[1]

Nehmen wir nun an, ich habe das F eines Menschen gesehen, welches er so schreibt:

,

& habe es immer für ein Spiegel F gehalten; d.h. ich habe einen gewissen Zusammenhang zwischen seinem Buchstaben & dem regelrecht geschriebenen vermutet. Nun machst Du mich aufmerksam, daß dieser Zusammenhang nicht besteht, sondern ein anderer der der verschobenen Striche). Dies verstehe ich, & sage nun: “Dann sieht es freilich auch anders aus.” “Dann sieht es freilich auch anders aus.” Gefragt “Wie anders?”, sage ich etwa: “Früher sah es ungeschickt aus, jetzt aber kühn & energisch.”

Let us now assume that I have seen a person’s F, which he writes as follows:

,

& I have always considered it to be a mirror image; that is, I have suspected a certain connection between his letter & the one written correctly. Now, you draw my attention to the fact that this connection does not exist, but rather a different one (that of the displaced strokes). I understand this, & now say: “Then it does, of course, also look different.” “Then it does, of course, also look different.” When asked “How different?”, I might say: “Before, it looked awkward, but now it looks bold & energetic.”

§

103b[2]

Denke Dir, es hätte Einer Gesichter immer nur mit einem Ausdruck, sagen wir lächelnd, gesehen. Und nun sieht er zum erstenmal ein Gesicht seinen Ausdruck verändern. Könnte man da nicht sagen, jetzt erst sehe er einen Ausdruck des Gesichts? Erst der Wechsel machte den Ausdruck bedeutsam, früher gehörte er eben zur Anatomie des Gesichts. – Ist es so auch mit dem Aspekt der Buchstaben? Ausdruck, könnte man sagen, gibt es nur, wo es Mienenspiel gibt

Imagine someone who has always only seen faces with one expression, say smiling. And now, for the first time, he sees a face whose expression changes. Could one not say that only now does he see an expression of the face? Only the change made the expression meaningful; previously, it was simply part of the anatomy of the face. – Is it the same with the aspect of letters? One could say that expression only exists where there is a play of facial expressions.

§

103b[3] &
104a[1]

Es ist doch auch etwas anderes, ob z.B. ein Buchstabe so geschrieben ist wie er eben geschrieben sein soll, oder ob ich von dieser Schreibweise weiß, sie sei eine abnormale, & dann kommt es darauf an: in welcher Weise abnormal. Aber diesen Eindruck kann doch nur erhalten, wem nicht nur diese Form gezeigt wird, sondern wer auch das & jenes über sie weiß.

It is also something different whether, for example, a letter is written as it should be, or whether I know that this way of writing it is abnormal, and then it depends: in what way is it abnormal? But this impression can only be obtained by someone who is not only shown this form, but who also knows something about it.

§

104a[2]

Man kann also sagen, es werde der einen Buchstaben anders sehen, der ihn so gelernt hat, als wer in ihm eine bestimmte Abweichung von der Regel erkennt. Der Mund lächelt eben nicht, der immer lächelt. Ich sagte, er wird ihn anders sehen – d.h.: er wird ihm anders vorkommen. Er wird anders auf ihn reagieren.

One can therefore say that the letter will be seen differently by someone who has learned it in this way, than by someone who recognizes a certain deviation from the rule in it. The mouth is not simply smiling; it is always smiling. I said, he will see it differently – that is, it will appear different to him. He will react to it differently.

§

104a[3]

Wie mir ein Buchstabe vorkommt hängt also davon ab, ob er streng nach der Norm gebildet ist, oder ob, & wie er von ihr abweicht. Dann ist auch das begreiflich, daß es einen Unterschied macht, ob wir nur eine, oder zwei Erklärungen der Buchstabenform kennen.

The way a letter appears to me depends on whether it is formed strictly according to the norm, or whether, and how, it deviates from it. It is therefore understandable that it makes a difference whether we know only one or two explanations of the letter form.

§

104b[1]

Wie konnte ich denn sehen, daß diese Stellung zaghaft war, ehe ich wußte, daß sie eine Stellung, & nicht die Anatomie dieses Wesens war.

How could I see that this position was hesitant, before I knew that it was a position, and not the anatomy of this being?

§

104b[2]

Die gleiche Form gehört jedesmal in ein anderes Bereich. Sie assoziiert sich mit Anderem.

The same form belongs each time to a different context. It is associated with something else.

§

104b[3]

Erst jetzt weiß man, sozusagen, daß man Prosa schreibt.

Only now does one know, so to speak, that one is writing prose.

§

104b[4]

Das Sehen des Buchstabens als Spiegel F entspricht einem Gedanken “Das kann ja auch ein Spiegel F sein”. Jeder solche Gedanke “Es kann ja auch so aufgefaßt werden” bringt, sozusagen, einen Aspekt zum Aufleuchten. Zum Aufleuchten & Nachleuchten. Ich will sagen: ohne diesen Gedanken ist ein Aspekt nicht da. Das hieße: die entstehende Auffassung, also das Wechseln der Auffassung, erzeugt das Aufleuchten des Aspekts; d.h.: das Aufleuchten, was wir “Aspekt” nennen. Darum habe ich früher einmal geschrieben, der Aspekt sei der Nachklang eines Gedankens.

Seeing the letter as a mirror F corresponds to a thought “This could also be a mirror F.” Each such thought “It could also be interpreted this way” brings, so to speak, an aspect to light. To light and afterglow. I mean: without this thought, an aspect is not there. This means: the emerging conception, i.e., the changing of the conception, creates the lighting up of the aspect; that is, the lighting up, which we call “aspect.” That is why I once wrote that the aspect is the after-echo of a thought.

§

104b[5] &
105a[1]

Wo ich hier Fehler mache, dort sind es logische Fehler

Where I make mistakes here, they are logical errors.

§

105a[2]

Das Bild der zwei gegen einander rotierenden Räder. Hier hat, was wir Aspekte nennen, nichts mit gewissen Gedanken zu tun. Wir erkennen freilich, daß die verschiedenen Beschreibungen, die wir abwechselnd von unserm Gesichtseindruck geben wollen in einer Beziehung dasselbe Gesichtsbild beschreiben.

The image of two wheels rotating against each other. Here, what we call aspects has nothing to do with certain thoughts. We do, of course, recognize that the different descriptions we alternately want to give of our visual impression describe one and the same visual image in relation to each other.

§

105a[3]

Ist der Aspekt willkürlich, wie ich immer gesagt habe, oder läßt er sich nur oft hervorbringen; durch wechselnde Blickrichtung, z.B.?

Is the aspect arbitrary, as I have always said, or can it only often be brought about; by changing the point of view, for example?

§

105a[4]

Sag Dir, das Dreieck sei umgefallen, & Du siehst es als umgefallenes.

Imagine that the triangle has fallen over, and you see it as an overturned triangle.

§

105a[5]

Du kannst neue Aspekte entdecken, oder erfinden, indem Du eine neue Auffassung der Figur suchst, an eine Dir neue Gruppierung der Striche denkst; & nun wirst Du manchmal diese Gruppierung sehen. Du findest eine neue Interpretation, & als Folge davon siehst Du die Figur in dieser Interpretation.

You can discover or invent new aspects by looking for a new conception of the figure, by thinking of a grouping of the strokes that is new to you; and now you will sometimes see this grouping. You find a new interpretation, and as a result, you see the figure in this interpretation.

§

105b[1]

Die Frage ist nun: Wenn man eine Figur einer Interpretation gemäß sehen kann, sieht man sie immer einer Interpretation gemäß? Und ist da ein scharfer Unterschied zwischen dem Sehen das mit keiner Interpretation verbunden ist & jenem andern?

The question now is: If one can see a figure according to an interpretation, does one always see it according to an interpretation? And is there a sharp distinction between seeing it without any interpretation and seeing it with another?

§

105b[2]

Ich will sagen: Das Sehen einer Figur in dieser Interpretation ist ein Denken an die Interpretation. Denn soll ich sagen es sei möglich dies als ein Spiegel F zu sehen & dabei nicht an die besondere Beziehung zu denken die das Wort Spiegel-F bedeutet? Ich sehe doch eine Deutung & eine Deutung ist ein Gedanke.

I mean: Seeing a figure in this interpretation is thinking about the interpretation. Because should I say that it is possible to see this as a mirror F without thinking about the special relationship that the word mirror-F means? I do see an interpretation, and an interpretation is a thought.

§

105b[3] &
106a[1]

Es muß sich alles darum handeln wie man den Gesichtseindruck, ich meine: das, wovon man sagt, man sehe es, wenn man ein bestimmtes Objekt anschaut – wie man dies darzustellen hat. Wenn ich die rotierende Trommel anschaue, so ist es leicht ein Modell zu machen was zeigt wie ich ihre Bewegung sehe. – Ähnlich auch beim Bild der beiden Räder, obwohl hier der Fall des nicht näher beschreibbaren Zitterns der Speichen ein Problem bildet. – Wie soll ich darstellen was ich im Vexierbild sehe, vor & nach der Lösung? Wenn es z.B. Bäume darstellt, so wäre, was ich sehe durch ein räumliches Modell darzustellen. Daß es aber Bäume sind wird sich darin äußern, wie meine Gedanken diese Bilder umspielen. Sehe ich aber die Auflösung des Bildes, so wäre, was ich sehe, nur durch das Bild eines Menschen darzustellen, wovon man sagt, man sehe so etwas an dieser Stelle des Vexierbildes. Man könnte aber, was man hier sieht, auch dadurch darstellen, daß man das Vexierbild genau kopiert aber die Striche in besonderer Reihenfolge zeichnet, so zwar, daß dadurch z.B. die menschliche Gestalt in den Baumkronen als Einheit zusammengefaßt würde. Oder man könnte das Vexierbild vor & nach der Lösung beiläufig kopieren; & dann würde der Fehler beim kopieren des ersten Aspekts verschieden sein von dem beim kopieren des zweiten. Ich könnte also sagen: “Vor der Lösung sah ich ungefähr das (& zeichne einen Wald)– – nach der Lösung ungefähr das” (& zeichne einen Menschen in den Baumkronen).

It must all be about how one has to represent the visual impression, I mean: that which one says one sees when looking at a particular object – how this can be represented. If I look at the rotating drum, it is easy to create a model that shows how I see its movement. – Something similar applies to the picture of the two wheels, although here the case of the indescribable trembling of the spokes presents a problem. – How am I to represent what I see in the ambiguous figure, before and after the solution? If, for example, it depicts trees, then what I see would be represented by a spatial model. The fact that they are trees will be expressed in how my thoughts play around these images. But if I see the solution to the picture, then what I see can only be represented by a picture of a person, of whom one says one sees something like that in this place in the ambiguous figure. However, what one sees here could also be represented by exactly copying the ambiguous figure, but drawing the lines in a special order, so that, for example, the human figure is combined as a unit in the treetops. Or one could copy the ambiguous figure before and after the solution incidentally; and then the error in copying the first aspect would differ from the error in copying the second. So I could say: “Before the solution, I saw approximately this (& draw a forest) – after the solution, approximately this” (& draw a person in the treetops).

§

106a[2] &
106b[1]

Denk Dir auch ein Vexierbild solcher Art, daß sein erster Anblick kein Bild zeigt, sondern bloß ein Gewirr von Strichen, & man nach der Auflösung eine Gestalt in diesem Gewirr wahrnimmt. Was wäre die Darstellung des ersten Aspekts? Und was ist nun die Darstellung dessen, was man sieht, wenn man sieht, daß dieses Dreieck umgefallen ist?

Also imagine an ambiguous figure of such a kind that its first glance shows no picture, but merely a jumble of lines, and after the solution one perceives a shape in this jumble. What would be the representation of the first aspect? And what is the representation of what one sees when one sees that this triangle has fallen over?

§

106b[2]

Der Beweis, daß meine Fehler logische sind, ist das Vorführen der Erscheinungen, wenn ich über die Philosophie der Begriffe nachdenke.

The proof that my mistakes are logical is the demonstration of the phenomena when I think about the philosophy of concepts.

§

106b[3]

14.01.1948

Es geht doch darum, was alles zum Zustand des Sehens zu rechnen ist.

14.01.1948

It is about what all counts as the state of seeing.

§

106b[4] &
107a[1]

Und es muß da, glaube ich, schon ein Unterschied zwischen dem Sehen von Farben & Formen & dem räumlichen Sehen gemacht werden. Aber nicht, als wäre das letztere eigentlich kein Sehen, sondern ein Deuten, oder dergleichen; aber die Darstellung, oder was wir eben die “Darstellung des Gesehenen” nennen, unterscheidet sich. – Du mußt überlegen, daß was Einer sieht, in der wichtigsten Klasse von Fällen, in einer Meldung über das betrachtete Objekt zum Ausdruck kommt. Und zu dieser Meldung gehört natürlich auch die räumliche Anordnung. – Wie ist es nun, wenn Einer zu melden hat, was er auf einer Fläche sieht & wenn die Zeichnung auf ihr den Charakter des Vexierbildes hat? Erstens, was das Räumliche anbelangt so kann er, was er auf der Fläche sieht auch räumlich beschreiben; ja das ist vielleicht die einzige Art der Beschreibung, die er geben kann.

And I believe there must be a distinction made between seeing colors and shapes and spatial seeing. But not as if the latter were not actually seeing, but rather interpreting, or the like; but the representation, or what we call the “representation of what is seen,” differs. – You have to consider that what one person sees comes to expression in the most important cases in a communication about the object being looked at. And this communication naturally also includes the spatial arrangement. – But how is it when one has to communicate what one sees on a surface, and when the drawing on it has the character of an ambiguous figure? First, as far as the spatial aspect is concerned, one can describe spatially what one sees on the surface; yes, that is perhaps the only kind of description that one can give.

§

107a[2]

Eine wichtige Mitteilung wird z.B. sein: “Es hat sich in dieser ganzen Zeit nichts verändert.” Sie beruht eben auf andauernder Beobachtung.

An important communication will be, for example: “Nothing has changed during this time.” It is based on continuous observation.

§VB

107a[3]

Der Mensch kann alles Schlechte in sich als Verblendung ansehen.

A person can see everything bad in himself as delusion.

§

107a[4] &
107b[1]

Wenn ich die Lösung des Vexierbilds sehe mache ich über das Bild selbst eine Entdeckung. Die Entdeckung z.B., daß durch diese Camouflage ein Schiff verborgen wurde. Ich will Einem etwa geheim mitteilen, wie ein gewisser Mensch ausschaut & verberge meine Mitteilung, nämlich sein Porträt in einem Vexierbild.

When I see the solution to the ambiguous figure, I make a discovery about the picture itself. The discovery, for example, that a ship was hidden by this camouflage. I want to secretly communicate to someone what a certain person looks like and hide my communication, namely his portrait in an ambiguous figure.

§

107b[2]

Ich will sagen, daß jemand, der ein Dreieck, sagen wir, umgefallen, oder in der & der Richtung zeigend, & dergl., sieht, sich mit dem Bild auf diese Weise beschäftigt. Aber welchen Beweis habe ich davon. Denn ich brauche einen Beweis. Angenommen jemand versicherte mich, er sähe das Dreieck in dieser Weise, geradeso, wie er es rot, oder rechtwinklig sieht, – was kann ich dem antworten? Oder warum versteh ich ihn nicht?

I want to say that someone who sees a triangle, let’s say, fallen over, or pointing in this and that direction, etc., is engaged with the picture in this way. But what proof do I have of that? Because I need proof. Suppose someone assures me that he sees the triangle in this way, just as he sees it red or right-angled – what can I say to that? Or why don’t I understand him?

§

107b[3]

Angenommen es wollte Einer erklären: Wenn man das Dreieck so sieht, so sagt man sich eben dabei, es zeige in der Richtung. Aber er möge also diese Worte, “Es zeigt ‥‥․” beim Anschauen der Figur aussprechen, – was nützt das? Warum soll der Klang dieser Worte mehr in sich haben, als die Figur selbst. Das ist wahr, daß ich die Figur so sehe, wenn ich mir dies dabei sage.

Suppose someone wants to explain: When one sees the triangle in this way, one says to oneself that it points in that direction. But if he says these words, “It points ‥‥․,” while looking at the figure, what is the point? Why should the sound of these words contain more than the figure itself? That is true that I see the figure in this way when I say this to myself.

§

107b[4] &
108a[1]

Ich sage: Ich sehe die Figur in allen solchen Fällen in einem bestimmten Zusammenhang. Und kann ich also nicht sagen, daß ich eben dadurch an diesen Zusammenhang denke? Ein ‘Zusammenhang’ ist doch ein Gegenstand des Denkens (was immer das heißen mag).

I say: In all such cases, I see the figure in a certain context. And can I not say that I am thinking about this context? After all, a ‘context’ is an object of thought (whatever that may mean).

§

108a[2]

Es ist ja ganz sicher, daß, wenn ich an die Figur als das oder das denke, ich sie dann (oft wenigstens) so sehe. (Aber diesen Begriff selbst habe ich noch nicht erklärt.) Ja, es ist als hätte der Gedanke eine Glocke angeschlagen, die nun weiter schwinge. (Ich mache noch immer einen schweren logischen Fehler!)

It is quite certain that, if I think of the figure as this or that, I then see it (at least often) in that way. (But I have not yet explained this concept itself.) Yes, it is as if the thought had struck a bell, which now continues to vibrate. (I am still making a serious logical mistake!)

§

108a[3]

Wenn ich ein Dreieck anschaue & es als Berg sehe, – denk ich da nicht eben an einen Berg? Ich könnte doch drauf schauen & dabei über einen Berg nachdenken, wobei ich das Dreieck als eine Illustration verwende. Ich könnte natürlich auch über einen Berg reden & das Dreieck so verwenden. Und kann nun nicht das Reden & auch das Nachdenken wegfallen & das Dreieck für mich dennoch das Bild eines Berges bleiben?

When I look at a triangle & see it as a mountain, don’t I simply think of a mountain? I could look at it & think about a mountain, using the triangle as an illustration. Of course, I could also talk about a mountain & use the triangle in that way. And now, can’t the talking & also the thinking be left out, & the triangle still remain the image of a mountain for me?

§

108a[4]

Wenn ich die Figur eine Gedankenhilfe nennte, so könnte ich sagen ich sehe sie als diese Gedankenhilfe.

If I were to call the figure a tool for thought, I could say that I see it as this tool for thought.

§

108b[1]

Man könnte sagen: es hängen sich Gedanken an die Figur in diesem Aspekt.

One could say: thoughts attach themselves to the figure in this aspect.

§

108b[2]

Es scheint mir ich kann nicht über das Dreieck als das & das denken & es zugleich als etwas anderes sehen: z.B. es als dreieckiges Loch sehen & als dreieckigen Berg darüber denken. Oder sagen wir: es als Illustration in einem Gespräch über einen Berg dieser Form verwenden & es dabei als Loch sehen. (Aber ist das ein Erfahrungssatz?)

It seems to me that I cannot think of the triangle as this and that and at the same time see it as something else: for example, see it as a triangular hole and think of a triangular mountain above it. Or let’s say: use it as an illustration in a conversation about a mountain of this shape and see it as a hole. (But is this an empirical proposition?)

§

108b[3]

Es ist mir als müßte ich eine Anstrengung machen, um einen Aspekt festzuhalten. Als wäre deshalb der Aspekt der Zustand eines Tuns. Als müßte ich also die Glocke immer wieder anschlagen, wenn sie weiterklingen soll. Und wenn ich das sage, so scheint es mir merkwürdigerweise nicht als ein Satz über mich, sondern als ein Satz über den Begriff.

It seems to me as if I must make an effort in order to grasp an aspect. As if, therefore, the aspect were the state of an action. As if I must, therefore, strike the bell again & again if it is to continue ringing. & when I say this, it seems to me, strangely enough, not as a sentence about myself, but as a sentence about the concept.

§

108b[4] &
109a[1]

Wenn ich ein dreieckiges Loch in einem Papier anschaue, so muß ich doch nicht über ein solches nachdenken. Wenn ich aber ein Dreieck willkürlich als ein Loch sehe, so mach ich es zu einem Loch, & das möchte ich “denken” nennen. Ich will also sagen: Ich muß es dazu machen, damit es für mich das sei.

If I look at a triangular hole in a piece of paper, I don't have to think about it. But if I arbitrarily see a triangle as a hole, then I make it into a hole, & I would like to call that “thinking.” So I want to say: I have to make it so that it is that for me.

§

109a[2]

Kann ich jetzt in seinem Gesicht das seines Vaters sehen & doch dabei nicht an seinen Vater denken? In seinem Gesicht das seines Vaters sehen, war doch offenbar eine Art Vorstellen des Gesichts seines Vaters. Und da muß man sich erinnern, daß man die Vorstellung des so & so nicht als die des so & so erkennt.

Can I now see his father’s face in his face, and yet not think of his father? To see his father’s face in his face was, after all, apparently a kind of imagining his father’s face. And one must remember that one does not recognize the image of so-and-so as the image of so-and-so.

§

109a[3]

Wenn ich mir nun N.N. in seinem Garten vorstelle, soll ich da sagen, ich denke an ihn? Nun man sagt es jedenfalls.

If I now imagine N.N. in his garden, should I say that I am thinking of him? Well, one says it in any case.

§

109a[4]

Wenn ich also eine Vorstellung des so & so festhalten kann, warum dann nicht ebenso einen Aspekt?

If I can hold onto an image of so-and-so, why not also an aspect?

§

109a[5] &
109b[1]

Wenn ich nun aber die Figur

erst als Spiegel-F, dann wieder als gewöhnliches F sehe, so stelle ich sie mir doch im zweiten Fall nicht als sich selber vor. Man könnte sagen ich stelle mir das Paradigma F einmal so, einmal anders darin liegend vor.

If I now see the figure

first as a mirror image, and then again as an ordinary figure, then in the second case I do not imagine it as itself. One could say that I imagine the paradigm F lying within it, now this way, now that way.

§

109b[2]

Und so wie ich das Gesicht der Vaters im Gesicht des Sohnes sehen kann, auch wenn der Vater nicht da ist, aber ich ihn eben kenne, so sehe ich in

das Paradigma umgekehrt liegen.

And just as I can see the father’s face in the son’s face, even if the father is not present, but I simply know him, so I see the paradigm in reverse in

§

109b[3]

Wie kann ich das nun auf das HasenEnten Bild anwenden? Ich sage, daß zum Sehen der Aspekte meine Bekanntschaft mit der Hasen- & Entenform nötig ist. Erkenne ich nun die Doppeldeutigkeit nicht & halte es einfach für ein Entenbild, so braucht doch hier von einem Aspekt nicht die Rede sein, sondern erst wenn ich nun dieses Bild auch als Bild des Hasen erkenne. Denn da sehe ich in ihm (nicht im Hasenbild) plötzlich den Hasen.

How can I now apply this to the rabbit-duck picture? I say that seeing the aspects requires my familiarity with the rabbit and duck shapes. If I do not recognize the ambiguity and simply take it as a duck picture, then there is no need to talk about an aspect here, but only when I now also recognize this picture as a picture of a rabbit. For then I suddenly see the rabbit in it (not in the rabbit picture).

§

109b[4] &
110a[1]

Nimm aber an ich hätte das Porträt, die Photographie etwa, eines Menschen & sähe plötzlich das Gesicht seines Vaters im Bild. Nun, ich sagte, ich hätte mir da auf bestimmte Art & Weise seinen Vater vorgestellt; sozusagen mit einer Vorstellungshilfe. Wenn ich mich aber nun daran gewöhnte das Bild als eins des Vaters zu betrachten, & es nun ständig als solches auffaßte, hätte daran die Vorstellung noch Teil?

Suppose I have a portrait, a photograph, of a person, and suddenly I see his father’s face in the picture. Well, I said that I had, in a certain way, imagined his father; as it were, with an aid to imagination. But if I now get used to seeing the picture as one of the father and constantly perceive it as such, does the imagination still play a part in it?

§

110a[2]

Wenn ich ein Bild, welches als das des N.N. gemeint ist, als das des N.N. erkenne, – ist dies Akt der Vorstellung?

If I recognize a picture, which is meant to be that of N.N., as that of N.N., is this the act of imagining?

§

110a[3]

“Aus seinem Gesicht schaut mich das des Vaters an.” “Ich habe einen Moment in seinem Gesicht das Gesicht des Vaters gesehen.” Das heißt mehr, als Ähnlichkeiten erkennen.

“His face looks back at me from his face.” “For a moment, I saw his father’s face in his face.” This means more than recognizing similarities.

§

110a[4]

Ich bin aber noch nicht sicher wie viel ich durch diesen Vergleich vom Sehen des Aspekts mit dem Vorstellen erreicht habe; obwohl er mir wichtig erscheint.

However, I am not yet sure how much I have achieved by applying this comparison of seeing an aspect with imagining; although it seems important to me.

§

110a[5] &
110b[1]

Was für eine seltsame Frage ist es aber ob ich nicht an N.N. gedacht haben müsse, als ich sein Gesicht in dem seines Sohnes sah! Ich wollte natürlich nicht fragen ob ich nicht gleichzeitig mit jenem Vorstellen an ihn gedacht haben müsse, sondern ob das Vorstellen kein Denken war. Wie entscheidet man das aber? Ich sage z.B. “Ich habe gerade daran gedacht, ob er wohl auch in ‥‥ angekommen ist”. Dieser Gedanke drückt sich in einem Satz aus. Jener andere etwa in einem Anruf: “Ach, der N.N.!”.

What a curious question it is, whether I didn’t have to be thinking of N.N. when I saw his face in that of his son! Of course, I didn’t want to ask whether I didn’t have to be thinking of him at the same time as I had that image, but whether that image was not a thought. But how does one decide that? I say, for example, “I was just thinking about whether he has probably arrived in ‥‥.” This thought is expressed in a sentence. That other one, perhaps, in a remark: “Ah, N.N.!”

§VB

110b[2] &
111a[1]

Wenn es wahr ist, wie ich glaube, daß Mahlers Musik nichts wert ist, dann ist die Frage, was er, meines Erachtens, mit seinem Talent hätte tun sollen. Denn ganz offenbar gehörten doch eine Reihe sehr seltener Talente dazu, diese schlechte Musik zu machen. Hätte er z.B. seine Symphonien schreiben & verbrennen sollen? oder hätte er sich Gewalt antun, & sie nicht schreiben sollen? Hätte er sie schreiben & einsehen sollen daß sie sie nichts wert seien? Aber wie hätte er das einsehen können? Ich sehe es, weil ich seine Musik mit der der großen Komponisten vergleichen kann. Aber er konnte das nicht; denn wem das eingefallen ist, der mag wohl gegen den Wert des Produkts mißtrauisch sein, weil er ja wohl sieht, daß er nicht, sozusagen, die Natur der andern großen Komponisten habe, – aber die Wertlosigkeit wird er deswegen nicht einsehen; denn er kann sich immer sagen, daß er zwar anders ist, als die Übrigen (die er aber bewundert) aber in einer anderen Art wertvoll. Man könnte vielleicht sagen: Wenn Keiner, den Du bewunderst, so ist wie Du, dann glaubst Du wohl nur darum an Deinen Wert, weil Du's bist. – Sogar wer gegen die Eitelkeit kämpft, aber darin nicht ganz erfolgreich ist, wird sich immer über den Wert seines Produktes täuschen. Am Gefährlichsten aber scheint es zu sein, wenn man seine Arbeit irgendwie in die Stellung bringt, wo sie, zuerst von einem selbst & dann, von Andern mit den alten großen Werken verglichen wird. An so einen Vergleich sollte man gar nicht denken. Denn wenn die Umstände heute wirklich so anders sind, als die frühern, daß man sein Werk der Art nach nicht mit den früheren Werken vergleichen kann, dann kann man auch den Wert nicht mit dem eines andern vergleichen. Ich selbst mache immer wieder den Fehler, von dem hier die Rede ist. Unbestechlichkeit ist alles.

If it is true, as I believe, that Mahler’s music is worthless, then the question is what he, in my opinion, should have done with his talent. For it is quite clear that a number of very rare talents were involved in producing this bad music. Should he, for example, have written his symphonies & burned them? Or should he have done violence to himself & not written them? Should he have written them & realized that they were worthless? But how could he have realized that? I see it because I can compare his music with that of the great composers. But he could not; for whoever had this idea probably harbored some mistrust regarding the value of the product, because he presumably sees that he does not, as it were, possess the nature of the other great composers – but he will not realize its worthlessness because of this; for he can always tell himself that, although he is different from the others (whom he admires), he is nevertheless valuable in another way. One might perhaps say: if no one you admire is like you, then you probably only believe in your value because you are you. Even someone who fights against vanity, but is not entirely successful in doing so, will always be deluded about the value of his product. But the most dangerous thing seems to be when one puts one’s work in a position where it is, first by oneself & then by others, compared with the old great works. One should not even think about such a comparison. For if the circumstances today are really so different from the past that one cannot compare one’s work in kind with earlier works, then one cannot compare the value with that of another. I myself repeatedly make the mistake that is being discussed here. Impartiality is everything.

§VB

111a[2]

Konglomerat: Nationalgefühl, z.B..

Conglomerate: national feeling, for example.

§

111a[3]

15.01.1948

Man kann in einem aufgehängten Mantel & Hut ihren Besitzer erkennen, sozusagen sehen. Man kann, auf sie deutend sagen “Schaut das nicht ganz aus wie ‥‥․?”

15.01.1948

One can, as it were, see the owner in a coat and hat that is hanging up. One can, pointing at them, say “Doesn’t that look quite like ‥‥?”

§

111a[4] &
111b[1]

Wenn Einer sagt “Ich sehe die Figur jetzt als ‥‥”, so ist natürlich auf die Aussage, er ‘sehe’, nichts zu geben. Könnte er nun nicht ebensogut sagen “Ich denke es mir jetzt als ein ‥‥”? Er kann doch auch sagen “Für mich ist es jetzt ein ‥‥”. Nun, das, was am Ausdruck “denken” nicht paßt, ist, daß es auf etwas wie einen Vorgang eine Überlegung hinzuweisen scheint, nicht auf einen Zustand. Ja; das Wort “sehen” drängt sich uns auf. Aber nicht weniger (eben) (auch) der Ausdruck: es sei nun für mich das, den wir ja auch gebrauchen, wenn wir von einem Bild sagen “Das ist eine Landschaft”, etc..

If someone says “I now see the figure as …”, then of course, nothing needs to be added to the statement that he ‘sees’ it. Couldn’t he just as easily say “I now think of it as a …”? He can also say “For me, it is now a …”. Now, what doesn’t fit with the expression “thinking” is that it seems to point to something like a process, a deliberation, rather than a state. Yes; the word “seeing” suggests itself to us. But no less (indeed, also) the expression: it is now for me that, which we also use when we say of a picture “That is a landscape,” etc.

§

111b[2]

Und “Das ist eine Landschaft”, “Das ist ein Berg” heißt natürlich nicht: Das ist das. – Aber hier muß man unterscheiden: Der Satz kann dem gesagt werden, der das Bild noch nicht sieht, oder aber an den, der es sieht, aber noch nicht als Landschaft erkennt. Das “das” kann heißen “das, was dort hängt”, oder “das was Du jetzt siehst”.

And “That is a landscape,” “That is a mountain” of course does not mean: That is it. But here one must distinguish: The sentence can be said to someone who has not yet seen the picture, or to someone who sees it, but has not yet recognized it as a landscape. “That” can mean “that, which is hanging there,” or “that, which you are now seeing.”

§

111b[3] &
112a[1]

Was erfährt er, wenn ich ihm mitteile “Ich sehe es jetzt als ‥‥”? Wohl, ich sei in einem bestimmten Zustand. In einem Zustand, der manche ähnlichen Folgen hat, wie der: ich betrachte jetzt die & die Form.

What does he learn if I tell him “I see it now as ‥‥”? Well, I am in a certain state. In a state that has some similar consequences to the following: I am now looking at and considering that form.

§

112a[2]

Erinnere Dich daran, daß Du ja auch das Wandern des Blicks durch ein Bild (oder Modell) nicht wiedergeben kannst! Und würde man den Eindruck den es erzeugt nicht sehr natürlich zum Gesichtseindruck rechnen?

Remember that you also cannot reproduce the wandering of the gaze through a picture (or model)! And wouldn't one naturally consider the impression it creates as a visual impression?

§

112a[3]

Ich möchte doch sagen: Ich sehe soviele verschiedene Bilder dieser Figur. Ich sehe sie einmal so zusammengesetzt, einmal so.

I would like to say: I see so many different pictures of this figure. I see it once like this, once like that.

§

112a[4]

Rätselhaft, wie ich immer dasselbe, & immer wieder etwas anderes sehe.

It's puzzling how I always see the same thing, and yet always something different.

§

112a[5] &
112b[1]

Die verschiedenen Beschreibungen die ich von meinen Aspekten gebe, sind tatsächlich verschiedene mögliche Beschreibungen der Figur auf dem Papier. In einem Sinne passen sie alle; sagen dem, dem sie gegeben werden alle dasselbe. Die Meldung, welcher Gegenstand vor meinen Augen sei – das ist die des wichtigsten, ursprünglichen Sprachspiels “Ich sehe” – macht zwischen diesen Ausdrücken keinen Unterschied. Nicht etwas, was ich beobachte, hat sich geändert, wenn der Aspekt sich ändert! Etwas ‘in mir’ hat sich geändert: Ähnlichkeit mit dem Vorstellen.

The various descriptions that I give of my aspects are, in fact, various possible descriptions of the figure on paper. In one sense, they all fit; they all tell the person to whom they are given the same thing. The statement of what object is before my eyes—that is, the statement of the most important, original language-game “I see”—makes no difference between these expressions. It is not something that I observe that has changed, if the aspect changes! Something ‘in me’ has changed: similarity with the imagining.

§

112b[2]

Und beachte das “als” in “Ich sehe es jetzt als ‥‥”! Es ist ja hier doch ein Unterschied im Wortausdruck.

And note the “as” in “I see it now as ‥‥”! There is, after all, a difference in the way the expression is used.

§

112b[3]

Denke nicht an das was ‘sich nicht übermitteln läßt’; sondern an das, was sich mitteilen läßt!

Do not think of what ‘cannot be communicated’; but of what can be communicated!

§

112b[4]

Es wird, oder kann, sich auch der Aspekt in welchem ich eine Figur sehe in der Art & Weise ausdrücken, wie ich sie kopiere, also doch, in einem Sinne, in der Kopie. Ich werde auch ein Gesicht, je nachdem ich's auffasse anders in der Zeichnung wiedergeben, obwohl die Photographie jedesmal das Gleiche zeigt. Also hier wieder ein Grund vom “sehen” zu reden.

It is, or can be, the case that the aspect in which I see a figure is also expressed in the way I copy it, so in a certain sense, in the copy. I will also render a face differently in the drawing, depending on how I perceive it, although the photograph shows the same thing each time. So here again is a reason to talk about “seeing”.

§

112b[5]

“Das Wesentliche ist das, nicht das.”

“The essential is that, not this.”

§

112b[6] &
113a[1]

Daß ich eine andere Kopie (als Resultat) mache, das stimmt mit dem Begriff des Zustands zusammen. Daß ich die gleiche Kopie erzeuge, sie aber anders erzeuge – die Striche in andrer Reihenfolge ziehe – weist auf den Begriff des Denkens.

That I make another copy (as a result), which corresponds to the concept of the state, is correct. That I produce the same copy, but produce it differently – draw the lines in a different order – points to the concept of thinking.

§

113a[2]

Mit welchem Recht gebraucht er da das Wort “sehen”? Oder hat er keine Berechtigung & ist es nur eine Sprachdummheit? Oder liegt die einzige Berechtigung darin, daß ich & andere geneigt sind, zu sagen: einmal “ich sehe es als das”, einmal “ich sehe es als jenes”? Es könnte so sein. Aber ich bin durchaus abgeneigt, das anzunehmen; ich fühle, ich muß sagen “ich sehe etwas”. Was soll das aber heißen? – Ich habe doch das Wort sehen” gelernt. Was paßt ist doch nicht das Wort, sein Klang oder das geschriebene Bild. Der Gebrauch des Worts “sehen” ist es, was mir die Idee aufnötigt, ich sehe dies. Was ich über den Gebrauch des Wortes gelernt habe, muß mich zwingen, es hier zu gebrauchen.

With what warrant does he employ the word “to see” in that way? Or does he have no warrant & is it merely a linguistic absurdity? Or does the only warrant lie in the fact that I & others are inclined to say: sometimes “I see it as this,” sometimes “I see it as that”? It could be so. But I am quite disinclined to accept that; I feel I must say “I see something.” But what is that supposed to mean? – After all, I have learned the word “to see.” It is not the word itself, its sound or the written image, that fits. It is the use of the word “to see” that forces the idea upon me that I see this. What I have learned about the use of the word must compel me to use it here.

§

113a[3]

“Das ist doch: etwas sehen –” möchte ich sagen. Und es ist ja wirklich so: die Situation ist ganz die, in welcher dieses Wort auch sonst gebraucht wird; – nur ist die Technik hier etwas verschieden.

“That is: to see something –” I would like to say. And it is indeed true: the situation is exactly the same as in which this word is otherwise used; – only the technique here is somewhat different.

§VB

113a[4]

Tiere kommen auf den Zuruf ihres Namens. Ganz wie Menschen.

Animals come when called by their name. Just like people.

§

113b[1]

Der Gebrauch des Wortes “sehen” ist ja durchaus kein einfacher. – Man stellt sich ihn manchmal wie den eines Tätigkeitswortes vor, – & es sei nur schwer auf die Tätigkeit geradezu zu deuten. Man stellt sich ihn daher einfacher vor, als er wirklich ist, das Sehen sozusagen als ein Eintrinken mit den Augen. Wenn ich also etwas mit den Augen eintrinke, so kann kein Zweifel mehr bestehen, ich sehe etwas (wenn mich nicht Vorurteile täuschen).

The use of the word “to see” is certainly not straightforward. One sometimes imagines it as that of a verb, & it is only difficult to directly indicate the activity. One therefore imagines it as simpler than it really is, seeing it, so to speak, as a kind of drinking in with the eyes. If I thus drink something in with my eyes, then no doubt can remain, I see something (unless prejudices deceive me).

§

113b[2]

Man könnte sagen: Ich sehe die Figur einmal als den Grenzwert dieser Reihe, einmal als den Grenzwert jener. Dieser Wert könne der Grenzwert verschiedener Funktionen sein.

One could say: I see the figure once as the limit of this series, once as the limit of that one. This value could be the limit of different functions.

§

113b[3] &
114a[1]

Das, als was ich die Figur sehe, das kann sie immer, in einem gewissen Sinne sein. Wenn das auch nicht in anderem Sinne ‘sichtbar’ wäre. Denn eine Figur kann ja ihrem Gebrauch, oder ihrer Entstehungsweise nach Grenzwert verschiedener Reihen sein. Ein Dreieck kann wirklich gebraucht werden, einen Berg darzustellen, oder als Pfeil um in dieser Richtung zu zeigen, etc., etc.. Die Beschreibung des Aspekts ist also immer auch eine richtige Beschreibung der Sehwahrnehmung.

What I see the figure as, it can always be, in a certain sense. Even if it were not ‘visible’ in another sense. For a figure can, in terms of its use or the way it comes about, be at the limit of different series. A triangle can really be used to represent a mountain, or as an arrow to point in this direction, etc., etc. The description of the aspect is therefore always also a correct description of the visual perception.

§

114a[2]

Es kann doch eine Figur, sagen wir ein Schriftzeichen, das korrekt geschriebene, oder, in verschiedenen Weisen, ein fehlerhaft geschriebenes sein. Und diesen Auffassungen der Figur entsprechen Aspekte. – Hier haben wir die größte Ähnlichkeit mit dem Bedeutungserlebnis.

It can be that a figure, let's say a written character, is the correctly written one, or, in various ways, a incorrectly written one. And these perceptions of the figure correspond to aspects. – Here we have the greatest similarity with the experience of meaning.

§

114a[3] &
114b[1]

Man kopiert es anders, – aber die Kopie ist dieselbe. Aber ich will sagen: Wenn etwas anderes gesehen wird, muß die Kopie eine andere sein. Aber muß man sich da nicht daran erinnern, daß ich z.B. ein gemaltes Bild eines Baums eine Kopie dessen nennen würde, was ich von dem & dem Standpunkt bei Betrachtung des Baumes sehe. Und doch schweifen bei dieser Betrachtung meine Blicke in allen Richtungen am Baum umher & dem entspricht nichts in der Kopie. Ich könnte also in der Kopie eines Schriftzeichens die ‘gesehene’ Art der Zusammensetzung anzeigen, obwohl dadurch in einem Sinne die Kopie verfälscht wird. Bedenke auch dies: In einem Sinne ist offenbar eine Zeichnung eine Kopie, sagen wir des gesehenen Gesichts & man kann z.B. in dieser Zeichnung den Ausdruck des Gesichts ausgezeichnet wiedergeben, obwohl doch in andrer Weise die Zeichnung weit entfernt von einer Kopie des Angeschauten ist. – Ich will damit sagen, daß unser Begriff von der Kopie des Gesehenen weniger einfach ist, als ich anzunehmen geneigt bin.

One copies it differently, – but the copy is the same. But I want to say: if something else is seen, the copy must be different. But shouldn’t one remember that, for example, I would call a painted picture of a tree a copy of what I see of the tree from a certain point of view. And yet, in this observation, my glances wander in all directions around the tree, & this is not reflected in the copy. So, in the copy of a written character, I could indicate the ‘seen’ manner of composition, although this, in one sense, distorts the copy. Also, consider this: in one sense, a drawing is obviously a copy, say of the seen face, & one can, for example, excellently reproduce the expression of the face in this drawing, although, in another way, the drawing is far from being a copy of the thing being looked at. – I want to say that our concept of the copy of what is seen is less simple than I am inclined to assume.

§

114b[2]

Was ist z.B. eine Kopie der Figur

zu nennen? Eine Zeichnung, oder ein Körper? Und warum nur das erstere?! Und wenn ein Körper, welcher Körper: ein Raumeck, ein solider Würfel, ein Drahtgestell?

What, for example, would one call a copy of the figure

? A drawing or a body? And why only the former?! And if a body, which body: a cuboid, a solid cube, a wire frame?

§

114b[3]

Wenn ich ihm mitteile: “Ich sehe die Figur jetzt als ‥‥” so mache ich ihm eine Mitteilung in mancher Beziehung ähnlich der einer Gesichtswahrnehmung, aber auch ähnlich der eines Auffassens, oder einer Deutung, oder eines Vergleichens, oder eines Wissens.

If I communicate to him: “I now see the figure as ‥‥”, then I am giving him information that is in some respects similar to that of a visual perception, but also similar to an understanding, or an interpretation, or a comparison, or a knowledge.

§

114b[4] &
115a[1]

“Ich sehe jetzt ein weißes Kreuz auf schwarzem Grunde & dann ein schwarzes Kreuz auf weißem Grunde.” Aber was ist denn das: ein weißes Kreuz auf schwarzem Grunde, erklär es doch! & was ist ein schwarzes Kreuz auf weißem Grunde? Du darfst doch für beide nicht etwa die gleiche Erklärung geben! Und erklärt müssen sie doch werden! Die Erklärung könnte doch ungefähr so lauten: “Ein weißes Kreuz auf schwarzem Grunde das ist so etwas –” & nun folgt eine Figur. Es darf aber natürlich nicht die doppeldeutige sein. Daher kann man dann statt zu sagen “Ich sehe die Figur einmal als ein weißes Kreuz auf ‥‥, einmal als ‥‥․” auch sagen: “Ich sehe die Figur einmal so (folgt eine Figur), einmal so (folgt eine andere Figur). Und war der erste Satz ein erlaubter Ausdruck, so war es dieser auch.

“I now see a white cross on a black background and then a black cross on a white background.” But what is that: a white cross on a black background, explain it! and what is a black cross on a white background? You mustn't give the same explanation for both! And they must be explained! The explanation could be something like this: “A white cross on a black background is like this –” and then follows a figure. But it must of course not be the ambiguous one. Therefore, one can also say instead of saying “I see the figure once as a white cross on ‥‥, once as ‥‥”, “I see the figure once like this (followed by a figure), once like this (followed by another figure). And if the first sentence was a permissible expression, then so was this one.

§

115a[2]

Und heißt das nicht daß nun jene zwei Figuren eine Art von Kopien der zweideutigen Figur waren?

And does that not mean that those two figures were a kind of copies of the ambiguous figure?

§

115a[3] &
115b[1]

Einerseits sind diese beiden Darstellungen Kopien des Gesehenen, anderseits bedarf es auch noch einer begrifflichen Erklärung. – Wenn ich z.B. die Figur einmal als liegendes Kreuz, einmal als stehendes Kreuz einmal als schiefstehendes Diagonalkreuz sehe, – was sind die entsprechenden Kopien? – Für die ersten beiden Aspekte etwa

 &

für den dritten Aspekt etwa ein Gerät, welches normalerweise so steht. Aber zu diesen Illustrationen bedarf es Gedanken, Erklärungen. Ein liegendes Kreuz ist eines das umgelegt worden ist & stehen sollte. Die Kopie wird also etwas sein was Kreuzform hat & wovon wir wissen ob es liegt oder steht. Es wäre daher auch möglich als Kopie ein Bild zu gebrauchen, worin die Kreuzform vorkommt & die oder die Rolle spielt. D.h., es gibt ein Bild welches, was ich als Aspekt sehe, zum Ausdruck bringt. Und das gibt dem Aspekt Ähnlichkeit mit einem durch Sehen Wahrgenommenen.

On the one hand, these two representations are copies of what is seen, on the other hand, a conceptual explanation is also needed. – If, for example, I see the figure once as a lying cross, once as a standing cross, once as a diagonally lying cross, – what are the corresponding copies? – For the first two aspects, perhaps

 &

for the third aspect, perhaps a device that normally stands like this . But these illustrations require thoughts, explanations. A lying cross is one that has been laid down and should be standing. The copy will therefore be something that has a cross shape and of which we know whether it is lying or standing. It would therefore also be possible to use a picture as a copy, in which the cross shape appears and plays that role. That is, there is a picture which expresses what I see as the aspect. And this gives the aspect similarity with something perceived through seeing.

§

115b[2]

Oder: Es gibt ein Bild das für den Aspekt eine ähnliche darstellende Rolle spielt, wie das Bild als Mitteilung des Wahrgenommenen.

Or: there is a picture that plays a similar representative role for the aspect, as the picture does as a communication of what was perceived.

§

115b[3]

“Was ich sehe schaut so aus” & nun folgt das Bild. Dieses “so” charakterisiert den Zustand. Man könnte auf das Bild so lange deuten, als der Zustand währt. Und ebenso könnte man auch die Illustrationen der Aspekte benützen.

“What I see looks like this” and then follows the picture. This “like this” characterizes the state. One could point to the picture as long as the state lasts. And one could also use the illustrations of the aspects in the same way.

§

116a[1]

Denk Dir ein Gemälde, eine Kreuzabnahme etwa; was wäre es nur, wenn wir nicht wüßten welche Bewegungen hier festgehalten wurden. Und das Bild zeigt uns diese Bewegungen & es zeigt sie uns auch nicht. (Das Bild der Kavallerieattacke, wenn der Betrachter nicht weiß, daß die Pferde nicht so stehen.)

Think of a painting, a Deposition, for example; what would it be if we didn't know which movements were captured here. And the picture shows us these movements, and it also doesn't show them. (The picture of the cavalry attack, if the viewer does not know that the horses do not stand like that.)

§

116a[2]

“Was ich sehe schaut so aus”. Denk Dir das sagte jemand der das Bild eines rennenden Pferdes betrachtet & als Kopie davon ein ausgestopftes Pferd benützt, was in laufender Stellung steht! Die richtige Kopie wäre ein laufendes Pferd.

“What I see looks like this.” Imagine someone saying this while looking at the image of a running horse & using a stuffed horse as a copy of it, which is standing in a running posture! The correct copy would be a running horse.

§

116a[3]

Ist mir nun mit dem Aspekt ein Gedanke vor Augen? Ist mir mit dem Gemälde einer vor Augen? (denn die als … gesehene Figur ist ja wie der allein noch sinnlose Bestandteil eines Gemäldes).

Now, does the aspect bring a thought to my mind? Does the painting bring one to my mind? (because the figure seen as… is like the only remaining senseless component of a painting).

§

116a[4] &
116b[1]

Wenn ich das gute Bild eines laufenden Pferdes sehe, – denke ich da an ein laufendes Pferd? Und wie kann ich es denn laufen sehen, für eine Minute etwa laufen sehen? Weiß ich also nur, daß es läuft; & weiß ich nur was bei der Kreuzabnahme vor sich geht?

When I see a good picture of a running horse, – do I think of a running horse? And how can I see it running, see it running for a minute, perhaps? Do I only know that it is running; & do I only know what is happening in the Deposition?

§

116b[2]

Nun, man kann doch ein Gemälde beschreiben, indem man Vorgänge beschreibt; ja so würde man es beinahe immer beschreiben. “Er steht in Schmerz versunken, sie ringt die Hände, ‥‥” Ja, wer es so nicht beschreiben könnte, ob er es auch als Verteilung von Farbflecken auf der Fläche haarscharf beschreiben könnte, verstünde es nicht. [Bild vom Mann der den Berg hinaufgeht.]

Well, one can describe a painting by describing events; yes, one would almost always describe it that way. “He stands absorbed in pain, she wrings her hands, ‥‥” Yes, if someone couldn't describe it like that, even if they could describe it with pinpoint accuracy as a distribution of color patches on the surface, they wouldn't understand it. [Picture of a man walking up a mountain.]

§

116b[3]

Angenommen es gäbe eine Geschichte von einem Reiter, dessen Pferd im Lauf erstarrt ist, & nun macht Einer dazu eine Illustration, – soll er nun einfach ein laufendes Pferd malen?

Suppose there was a story about a rider whose horse froze in mid-run, & now someone makes an illustration of it – should he simply paint a running horse?

§

116b[4]

War es nicht ein grober Fehler, als ich eben sagte ein laufendes Pferd sei die rechte Kopie eines als laufend gemalten Pferdes? Ist nicht eben das laufende Pferd keine Kopie mehr? (Es sei denn eines laufenden Pferdes, oder eines gefilmten.) Es ist mir nicht klar. [Und ob ich wohl je Klarheit darüber erhalten werde?]

Wasn't it a gross mistake when I just said that a running horse is the correct copy of a horse painted as running? Isn't the running horse no longer a copy? (Unless it is a copy of a running horse, or a filmed one.) It's not clear to me. [And will I ever get clarity about this?]

§

116b[5] &
117a[1]

Es ist jedenfalls eines, wenn ich sage ich sehe die Figur

als ‥‥․, & ein andres, zu sagen auf einem Bild einen Menschen dem andern zueilen. Ich will fragen kann man da in gleichem Sinne von einem Aspekt des Gesehenen reden?

It is in any case one thing, when I say I see the figure

as ‥‥․, & another thing to say that in a picture, one person is rushing towards another. I want to ask: can one speak of an aspect of what is seen in the same sense in both cases?

§

117a[2]

Man sagt “In diesem Bild ist eine wilde Bewegung”. Wäre wirklich ein ‘lebendes Bild’ die richtige Kopie so eines Bildes; & nicht vielmehr tatsächliche wilde Bewegung??

One says, “In this picture, there is a wild movement.” Would a ‘living picture’ really be the correct copy of such a picture; & not rather actual wild movement??

§VB

117a[3]

Ich frage unzählige irrelevante Fragen. Möge ich durch diesen Wald mich durchschlagen können!

I ask countless irrelevant questions. May I be able to find my way through this forest!

§

117a[4]

16.01.1948

Du siehst es also so, wie wenn Du das & das davon wüßtest. Und wenn dies eine närrische Ausdrucksweise erscheint, so mußt Du eben im Auge behalten, daß der Begriff des Sehens hier modifiziert wird.

16.01.1948

So you see it as if you knew this & that about it. And if this seems like a foolish way of expressing it, then you must keep in mind that the concept of seeing is being modified here.

§

117a[5] &
117b[1]

Kann ich aber auch sagen: “Er würde das Bild (der Schlacht etwa) anders sehen, wenn er nicht wüßte, was hier vorsichgeht”? Wie würde sich das äußern?! Er würde nicht so über das Bild reden, wie wir; er würde nicht sagen: “Man sieht förmlich wie diese Pferde dahinbrausen” oder “So läuft doch ein Pferd nicht!”, etc.. Er würde Unzähliges nicht aus dem Bild entnehmen was wir daraus entnehmen.

But can I also say: “He would see the picture (of the battle, for example) differently if he didn't know what was happening here”? How would that manifest itself?! He wouldn't talk about the picture the way we do; he wouldn't say: “You can practically see these horses galloping by” or “That’s not how a horse runs!”, etc.. He would not extract countless things from the picture that we extract from it.

§

117b[2]

Wir könnten uns doch entscheiden, das was wir jetzt “die Figur als ‥‥ sehen” nennen, sie als das & das “anfassen” zu nennen. – Hätten wir das nun getan, so wären dadurch die Probleme natürlich nicht zur Seite geschafft; sondern wir würden nun den Gebrauch des “auffassen” studieren & insbesondre die Eigentümlichkeit, daß dieses Auffassen etwas Stationäres ist, ein Zustand, der jetzt anfängt, jetzt endet.

We could decide to call what we now call “seeing the figure as ‥‥,” to call it “grasping.” – If we had done this, it would of course not have eliminated the problems; rather, we would now study the use of “grasping” & in particular the peculiarity that this grasping is something stationary, a state that begins now, ends now.

§

117b[3]

Es ist mir also zumute – könnte ich sagen – als müßte ich im Stande sein, diese Auffassung durch ein Bild der angeschauten Figur wiederzugeben. – Und das ist doch wirklich so: ich kann doch sagen, das Bild das Einer von ihr macht, drücke eine Auffassung des Gegenstands aus. Ganz so, wie man eben sagen kann: Hör dieses Thema so ‥‥ & spiel es entsprechend.

It seems to me – could I say – as if I must be able to reproduce this understanding through a picture of the figure being looked at. – And that is indeed the case: I can say that the picture that one makes of it expresses an understanding of the object. Just as one can say: hear this theme like this ‥‥ & play it accordingly.

§

117b[4] &
118a[1]

Wenn man, in der Mathematik etwa, sagt “Faß diesen Ausdruck jetzt so auf: ‥‥”, so fordert man den Andern nicht dazu auf, ihn so zu sehen. Aber er muß freilich etwas sehen. Man sagt: “Siehst Du: das entspricht dem, das entspricht dem, ‥‥”. Man könnte dem Andern nun freilich durch Klammern, Projektionslinien, u. dergl., helfen; aber er muß doch die Ähnlichkeit des Ausdrucks ohne die Klammern mit dem Ausdruck, in welchem Klammern gesetzt sind, sehen. Ich habe etwa den Ausdruck zweimal, ohne & mit Klammern, geschrieben, & frage ihn: “Sieht Du, daß es beidemale derselbe Ausdruck ist? Um das zu erkennen muß er nun nicht den einen im andern mit einem Blick sehen, sondern er kann die beiden nach & nach vergleichen. So wie in der darstellenden Geometrie man mit & ohne ‘Raumvorstellung’ arbeiten kann, aber mit ihr leichter.

When one says, for example in mathematics, “Now interpret this expression in this way: ‥‥”, one is not asking the other to see it in that way. But he must, of course, see something. One says: “Do you see: this corresponds to that, this corresponds to that, ‥‥”. One could, of course, help the other with parentheses, projection lines, and so on; but he must still see the similarity of the expression without parentheses with the expression in which parentheses are used. I have, for example, written the expression twice, once without & once with parentheses, & I ask him: “Do you see that it is the same expression both times? In order to recognize this, he does not have to see the one in the other at a glance, but he can compare the two gradually. Just as in descriptive geometry one can work with & without ‘spatial imagination,’ but it is easier with it.

§

118a[2]

“Faß diesen Ausdruck jetzt so auf ‥‥‥!” Was hier gefordert wird ist ein Vorgang, kein stationärer Zustand. Man sagt: “Denk Dir das Dreieck umgeklappt”.

“Now conceive of this expression in this way…” What is demanded here is a process, not a static state. One says: “Imagine the triangle turned over.”

§

118b[1]

Wer bemerkt, daß diese Figur in jener enthalten ist, – muß er die enthaltende jetzt anders sehen? Muß er sie nicht zum mindesten anders sehen, während er sie miteinander vergleicht? Es fällt ihm etwa zuerst die Gleichheit eines gewissen Stückes auf. Wenn sie ihm nun auffällt wird etwa der Blick von einer zur andern schweifen; oder er wird doch auf dem besondern Stück ruhen. Und er mußte etwa am Ende sagen: Das ist ja die gleiche Form wie jene dort!” – Dennoch aber scheint mir dies nicht das Phänomen zu sein, wovon ich hier immer spreche. Muß er nämlich das sagen: “Ich sehe es jetzt anders”?

Whoever notices that this figure is contained in that one – must one now see the containing figure differently? Doesn’t one have to see it differently, at the very least, while comparing them? Perhaps one first notices the sameness of a certain part. If one now notices this, one’s gaze will perhaps wander from one to the other; or one will still rest on that particular part. And one would probably end up saying: “This is the same shape as that one over there!” – Nevertheless, it seems to me that this is not the phenomenon of which I am always speaking here. Must one say: “I see it differently now”?

§

118b[2]

Die Situation – & der Gebrauch: das macht hier wieder die Schwierigkeit.

The situation – and the use: that is what makes the difficulty again.

§

118b[3]

Nocheinmal: Wenn Einer sagt “Ich sehe es jetzt so ‥‥․”, – fragt es sich, mit welchem Recht er das sagt; das Wort “sehen” anwendet. (Er könnte ja auch sagen “es ist jetzt für mich ‥‥”.)

Once again: When someone says “I now see it this way…”, – the question arises as to what right he has to say this; to use the word “see”. (He could just as easily say “it is now the case for me…”.)

§

118b[4]

Sagt er “Es ist jetzt für mich ‥‥”, so fragt es sich, was wir davon haben. – Denn es könnte ja bloßer Wahnsinn sein.

If he says “It is now this for me …”, then the question is, what do we gain from that? – Because it could just be pure nonsense.

§

119a[1]

Zu dem ‘die Figur so zusammengesetzt sehen’ gehört doch auch: sie mit diesem Ausdruck (stolz, demütig, dumm, etc.) sehen; & diese Fähigkeit geht mit der zusammen, Formen auf ihren Ausdruck hin miteinander zu vergleichen. (Z.B. die Formen von Fenstern & Türen.) Wer etwa eine Tür so & so sieht, wird sie in seiner Stellung & Gebärde nachahmen können. Also sie doch kopieren.

To ‘see the figure composed in this way’ also includes seeing it with this expression (proud, humble, stupid, etc.); and this ability is connected with the ability to compare shapes with each other according to their expression. (E.g. the shapes of windows and doors.) If someone sees a door in a certain way, he will be able to imitate it in his posture and gestures. So he will copy it.

§

119a[2]

Ich möchte also so sagen: Das Wort “sehen” für den Aspekt ist insofern gerechtfertigt, als es eine Kopie gibt, die zeigt, wie man's sieht.

So, I would like to say so: The use of the word “to see” for the aspect is justified in that it provides a copy showing how one sees it.

§

119a[3]

Sähe mich jemand an & sagte “Jetzt seh ich ihn als den Schwiegerneffen des so & so”, so würde hier das Wort “sehen” für mich unverständlich sein, wie dies mir unverständlich wäre: “Er faßt mich in seinem Porträt von mir als den Schwiegerneffen des N.N. auf”.

If someone looked at me and said “Now I see him as the nephew-in-law of so-and-so,” then the word “see” would be incomprehensible to me, just as this would be incomprehensible to me: “He interprets me in his portrait of me as the nephew-in-law of N.N.”

§

119a[4] &
119b[1]

Ist es wichtig, daß man eine Figur, die man sich vorstellt, in der Phantasie so & anders sehen, den Übergang von einem Aspekt zum andern machen kann.

Is it important that one can see a figure that one imagines in one’s imagination in this way and in another way, can make the transition from one aspect to another.

§

119b[2]

Die Frage “Was habe ich davon?” klingt ganz pragmatisch. Ist es natürlich nicht.

The question “What do I gain from it?” sounds very pragmatic. But it is not.

§

119b[3]

“Ich fasse es als das auf.” “Ich will es so betrachtet wissen.” – Wie betrachtet man es denn so?

“I take it to mean that.” “I want it to be understood in that way.” – How else would one understand it in that way?

§

119b[4]

Es ist ein Sehen, insofern ‥‥․ Es ist ein Sehen nur insofern, als ‥‥․ (Das scheint mir die Lösung.)

It is a seeing, insofar as … It is a seeing only insofar as … (That seems to me to be the solution.)

§

119b[5]

Und inwiefern ist es ein Denken? Ist es eins, da ich erkenne, daß diese Figur so zusammengesetzt werden könnte? Ist es ein Denken, insofern ich an diese Zusammensetzung denken muß? – Aber muß ich über sie nachdenken? Aber ich kann doch auch an jemand denken, ohne über ihn nachzudenken. Oder stelle ich mir ihn dann nur vor? Aber es ist etwas gemeinsam zwischen diesem Vorstellen & dem Denken: die Beziehung auf ein äußeres Objekt; der Ausdruck des Erlebnisses nennt ein äußeres Objekt (einen bestimmten Menschen z.B.).

And in what respect is it thinking? Is it thinking because I recognize that this figure could be composed in this way? Is it thinking insofar as I must think about this composition? – But must I reflect on it? But I can also think of someone without reflecting on him. Or am I merely imagining him then? But there is something in common between this imagining & thinking: the reference to an external object; the expression of experience names an external object (a specific person, for example).

§

120a[1]

Wenn ich mir etwas vorstelle in dem Sinn, in dem ich an etwas denke, so ist das Charakteristikum dafür das, daß ein Bild (gezeichnet, gemalt, etc.) zur Darstellung meines Vorstellens nicht ausreicht. Stelle ich mir N.N. in seinem Garten vor, so würde ein Gemälde, zum Ausdruck meiner Vorstellung nicht genügen. Ich brauche dazu auch die Worte, die den Bezug zum Ausdruck bringen; die Intention der Vorstellung. Aber warum soll das Gemälde das nicht können, warum soll es nicht ebensogut als Zeichen für N.N. stehen können, wie sein Name, den er ja übrigens auch mit Andern teilt? Nun wenn ich Einem mitteilen will, was ich mir vorgestellt habe & mache dazu ein Bild, so kann er, es sei denn, er erkennt es, fragen “Und soll das jemand bestimmter sein?”. Aber auch, wenn mein Bild dem N.N. ganz ähnlich ist & wenn der Andre es zu erkennen glaubt, kann er doch noch fragen, ob es ihn auch vorstellt.

If I imagine something in the sense that I think of something, then the characteristic of this is that a picture (drawn, painted, etc.) is not sufficient to represent my imagination. If I imagine N.N. in his garden, then a painting would not be sufficient to express my imagination. I also need the words that bring the reference into expression; the intention of the imagination. But why shouldn’t the painting be able to do this, why shouldn’t it be just as good a sign for N.N. as his name, which he, incidentally, also shares with others? Now, if I want to communicate to someone what I have imagined & I make a picture for this purpose, then he can, unless he recognizes it, ask “And is this supposed to be someone specific?”. But even if my picture is very similar to N.N. & if the other person believes he can recognize it, he can still ask whether it also represents him.

§

120a[2] &
120b[1]

Insofern aber unterscheiden sich die Aspekte die, sozusagen, gesehene Deutungen der Figur sind, von den Aspekten des räumlichen Sehens. Denn man kann eine Figur für einen Körper halten. Und auch, wenn von einer solchen Täuschung nicht die Rede ist, so teilt, ich sehe diese Figur jetzt als Pyramide, anderes mit, hat andere Konsequenzen als, daß ich die Figur jetzt als schwarzes Kreuz auf weißem Grunde sehe. (Die Konsequenzen des räumlichen Sehens in der Darstellenden Geometrie.) Es scheint aber auch der Zusammenhang des Aspekts mit dem Denken geändert oder gelöst. Denn hier ist die Kopie, die dem Andern zeigt, wie ich die Figur sehe, von anderer Art. Und man darf hier nicht vergessen, daß das Wort “Kopie” in dieser ganzen Betrachtung eine schwankende Bedeutung hat.

In so far as they differ, the aspects, which are, as it were, the seen interpretations of the figure, differ from the aspects of spatial seeing. For one can regard a figure as a body. And even if such an illusion is not in question, the fact that I see this figure now as a pyramid shares something with, but has different consequences than, the fact that I see the figure now as a black cross on a white background. (The consequences of spatial seeing in descriptive geometry.) It seems, however, that the connection between the aspect & thinking has also been changed or dissolved. For here the copy, which shows the other how I see the figure, is of a different kind. & one must not forget that the word “copy” has a fluctuating meaning in this entire consideration.

§

120b[2]

Ich habe das Wort “denken” gelernt, um zu entscheiden, ob dieser Mensch jetzt denkt oder nur redet & sich nicht mit dem beschäftigt worüber er redet, oder ob er darüber nachgedacht hat, oder nicht, und anderes; aber nicht um zu entscheiden ob ein dem normalen Menschen ganz unähnliches Wesen denkt, oder nicht. D.h., ich mag die eine Technik wohl beherrschen, aber nicht die andere.

I learned the word “thinking” in order to determine whether this person is thinking now or merely talking & not engaging with what he is talking about, or whether he has thought about it, or not, and so on; but not in order to determine whether a being that is quite unlike a normal human being is thinking, or not. That is to say, I may probably master the one technique, but not the other.

§

121a[1]

“Es ist als wären unsre Begriffe bedingt durch ein Gerüste von Tatsachen.” Das hieße doch: Wenn Du Dir gewisse Tatsachen anders denkst, sie anders beschreibst, als sie sind, dann kannst Du gewisse Begriffe in dieser andern Welt nicht mehr anwenden. Was ich sage kommt also darauf hinaus: Ein Gesetz wird für Menschen gegeben & ein Jurist mag wohl fähig sein, Konsequenzen für jeden Fall zu ziehen, der ihm gewöhnlich vorkommt, das Gesetz hat also offenbar seine Verwendung, einen Sinn. Trotzdem aber setzt seine Gültigkeit allerlei voraus; & wenn das Wesen, welches er zu richten hat, ganz vom gewöhnlichen Menschen abweicht, dann wird z.B. die Entscheidung, ob er eine Tat mit böser Absicht begangen hat, nicht etwa schwer, sondern unmöglich werden.

“It is as if our concepts are conditioned by a framework of facts.” This would mean: if one were to think of certain facts differently, describe them differently than they are, then one could no longer apply certain concepts in this other world. What I am saying, therefore, comes down to this: a law is given for people, & a jurist may well be capable of drawing conclusions for every case that commonly occurs to him; the law thus clearly has its use, its sense. Nevertheless, its validity presupposes all sorts of things; & if the nature of what he has to judge deviates completely from that of the ordinary person, then, for example, the decision as to whether he committed a deed with bad intention will not merely become difficult, but impossible.

§

121a[2] &
121b[1]

Schach in der Vorstellung spielen – Fußball in der Vorstellung spielen. Zusammenhang mit dem Unterschied zwischen Mathematik & Physik. Man kann im Kopf rechnen, aber nicht im Kopf chemische Experimente machen. Wie grundlegend ist nun der Unterschied im Begriff des Spiels auf diese beiden Spiele angewendet; & wie verhalten sich die Spielregeln zum Spiel?

Playing chess in one’s imagination – playing soccer in one’s imagination. Connection with the difference between mathematics and physics. One can do calculations in one’s head, but one cannot do chemical experiments in one’s head. How fundamental is the difference in the concept of the game when applied to these two games; and how do the rules of the game relate to the game?

§

121b[2]

“Wenn die Menschen nicht im allgemeinen über die Farben der Dinge übereinstimmten, wenn Unstimmigkeiten nicht Ausnahmen wären, könnte es unsre Farbbegriffe nicht geben.” Nein; gäbe es unsern Farbbegriff nicht. Heißt das also: Was als Regel denkbar ist, muß es nicht als Ausnahme sein?

“If people did not generally agree about the colors of things, if discrepancies were not exceptions, then our color concepts could not exist.” No; there would not be our color concept. Does this mean: what is conceivable as a rule does not have to be an exception?

§

121b[3] &
122a[1]

17.01.1948

Denk Dir diesen Fall: Leute haben unsre Farbwörter gelernt & angewandt, wie wir es tun; plötzlich aber – aus welcher Ursache immer – stimmen ihre Farburteile im Allgemeinen nicht mehr überein. So daß, was Einer jetzt rot sieht, der Andre blau sieht, etc. Aber halt, – warum beschreibe ich den Fall so & sage nicht, daß sie die Farben nach wie vor sehen, aber ihre Bezeichnung wechseln? Wie ließen sich diese Fälle unterscheiden? – Man könnte eine Veränderung in ihren Augen gemerkt haben. Es könnte aber auch sein, daß sie bezüglich der Farben gewisser Farbparadigmen übereinstimmten. Werden diese Leute nun unsre Sprachspiele spielen können? Es ist vor allem auch hier nicht klar, daß wir den Fall so beschreiben sollen: diese Leute sähen beim Anblick eines Gegenstandes nicht die gleiche Farbe. Denn dies sagen wir eben jetzt nur unter ganz bestimmten Umständen: wenn nämlich gewisse Reaktionen die Regel, andere die Ausnahme sind.

17.01.1948

Imagine this case: People have learned and apply our color words, as we do; but suddenly – for whatever reason – their color judgments no longer agree in general. So that, what one person now sees as red, the other sees as blue, etc. But wait, – why am I describing the case in this way and not saying that they still see the colors, but their designation changes? How could these cases be distinguished? – One might have noticed a change in their eyes. But it could also be that they agree with regard to the colors of certain color paradigms. Will these people now be able to play our language-games? It is, above all, not clear here either that we should describe the case in such a way: that these people do not see the same color when looking at an object. For we only say this under very specific circumstances: namely, when certain reactions are the rule, others the exception.

§

122a[2]

Ich möchte da natürlich sagen: “Wenn Regel & Ausnahme ihre Plätze wechseln, so würde ich das Sprachspiel nicht mehr so & so nennen.” Aber das genügt doch nicht. Ob ich es noch so nennen möchte darauf kann's nicht ankommen. Ich drücke mich also noch falsch aus.

I would of course like to say: “If rule & exception change places, then I would no longer call the language-game this way.” But that is not enough. Whether I still want to call it that cannot be the deciding factor. So, I am still expressing myself incorrectly.

§

122a[3] &
122b[1]

Der Fall ist doch ähnlich diesem: Ich habe gelernt Versuchsresultate durch eine Kurve darzustellen & werde, wenn die aufgenommenen Punkte so liegen

,

wissen, ungefähr welche Kurve zu ziehen & weitere Schlüsse aus den Experimenten ziehen können. Liegen aber die Punkte so:

,

so wird, was ich gelernt habe mich hier im Stiche lassen; ich weiß gar nicht mehr, welche Linie ich ziehen soll. Und käme ich zu Leuten, die, ohne mir verständlicher Methode & ohne Bedenken eine Kurve durch dies Sternbild legten, so könnte ich diese Technik nicht nachahmen; sollte ich aber sehen, daß bei ihnen irgend eine plausible Linie als die richtige anerkannt wird & diese dann zur Basis von weiteren Folgerungen dient; &, wenn diese Folgerungen, wie wir sagen würden, mit der Erfahrung in Widerspruch kämen, die Leute sich irgendwie darüber hinwegsetzten, – dann würde ich sagen, es sei dies gar nicht mehr die mir bekannte Technik, sondern eine ‘äußerlich’ ähnliche, im Wesen aber ganz verschiedene. Sage ich das aber, so gebe ich mit den Worten “äußerlich” & “Wesen” ein Urteil ab.

The case is similar to this: I have learned to represent experimental results by means of a curve & will, when the recorded points lie like this

,

know approximately which curve to draw & be able to draw further conclusions from the experiments. But if the points lie like this:

,

then what I have learned will fail me here; I no longer know which line I should draw. And if I came to people who, without any understandable method & without hesitation, laid a curve through these points, I could not imitate this technique; but if I saw that in their case some plausible line is recognized as the correct one & this then serves as the basis for further inferences; & if these inferences, as we would say, contradict the experience, the people somehow disregard this, – then I would say that this is no longer the technique I know, but one that is ‘externally’ similar, but different in its essence. But if I say that, then I am making a judgment with the words “external” & “essence”.

§

122b[2] &
123a[1]

Was heißt das: “Das ist doch ein ganz anderes Spiel!” Wie verwende ich diesen Satz? Als Mitteilung? Nun, etwa als Einleitung zu einer Mitteilung, die die Unterschiede angibt & ihre Wichtigkeit erklärt. Aber auch, um auszudrücken, daß ich eben darum hier nicht mehr mittue, oder (doch) eine andere Stellung zu dem Spiel einnehme.

What does it mean: “That is a completely different game!” How do I use this sentence? As a communication? Well, perhaps as an introduction to a communication that indicates the differences & explains their importance. But also, to express that I no longer participate here, or (after all) take a different position in the game.

§

123a[2]

Wenn ich sagte “Ich würde es nicht mehr ‥‥․ nennen” so heißt das eigentlich: die Waage meiner Stellungnahme schlägt um.

If I said “I would no longer call it ‥‥․,” then this actually means: the balance of my statement shifts.

§

123a[3]

Ich könnte doch auch sagen: “Ich kann mich mit diesen Menschen nicht mehr verständigen.”

I could also say: “I can no longer communicate with these people.”

§

123a[4] &
123b[1]

Ich sagte einmal es könnte einen Begriff geben der links von einer gewissen wichtigen Linie unserm ‘Rot’, rechts von ihr unserm ‘Grün’ entspräche. Und es kam & kommt mir vor, als könnte ich mich in so einen Begriff hineindenken; als könnte ich wohl geneigt sein rot auf der einen Seite das Gleiche zu nennen, wie grün auf der andern. (Und zwar geht es mir besonders so mit den Farben Rot & Grün.) Als wäre ich also nicht ungeneigt das Grün nur einen andern Aspekt des Rot zu nennen; als liefe was ich “Farbe” nenne unverändert weiter & nur die ‘Schattierung’ änderte sich. Es besteht also hier die Neigung zu einer Ausdrucksweise, die, unter gewissen Umständen, für Grün & für Rot dasselbe Eigenschaftswort, mit einem Bestimmungswort wie “beschattet” “unbeschattet” verwendet. “Aber willst Du also wirklich sagen, daß hier nicht zwei verschiedene Farben vorliegen?” Ich will sagen: Ich sehe genug Ähnlichkeit in der von mir beschriebenen Ausdrucksweise mit dieser & jener, die wir tatsächlich verwenden, daß ich die ungewöhnliche unter Umständen sehr wohl hinnehmen könnte. Aber würden also die Leute die Ähnlichkeit oder Gleichheit nicht sehen, die wir sehen: nämlich zwischen Grün links & (nach unsrer Ausdrucksweise) Grün rechts? – Wie wenn sie sagten, diese seien ‘äußerlich gleich’. Ich stelle mir die Lage ähnlich vor, wie in der Zeichnung

,

wo ich die Winkel α, β, γ einander gleich, obwohl äußerlich ungleich nennen kann; die Winkel δ & α, so wie ε & γ ungleich aber äußerlich gleich.

I once said that there might be a concept that corresponds to a certain important line on our left as ‘red’ and on our right as ‘green’. And it seems to me that I could think my way into such a concept; that I might be inclined to call red on one side the same as green on the other. (And this is especially true of the colors red and green.) As if I would not be averse to calling green merely another aspect of red; as if what I call ‘color’ continues unchanged, and only the ‘shade’ changes. There is therefore here a tendency towards a way of expressing things that, under certain circumstances, uses the same adjective for green and for red, with a determiner like ‘shaded’ or ‘unshaded’. “But do you really want to say that there aren't two different colors here?” I want to say: I see enough similarity in the way of expression I have described with that which we actually use, that I could very well accept the unusual one under certain circumstances. But would people not see the similarity or sameness that we see: namely, between green on the left and (according to our way of speaking) green on the right? – As if they were to say that these are ‘externally the same’. I imagine the situation to be similar to that in the drawing

,

where I can call the angles α, β, γ equal to one another, although externally unequal; the angles δ and α, and ε and γ, unequal but externally equal.

§

123b[2]

Ich könnte auch sagen: Rot links & Grün rechts sei die gleiche Natur, aber eine andere Erscheinung.

I could also say: Red on the left and green on the right are the same nature, but a different appearance.

§

124a[1]

Bei allem dem habe ich aber doch eine Konfusion angerichtet. Das Wichtige an der Sache war doch, zu zeigen, daß man in einer Reihe so fortfahren kann, daß man, nach unsern Begriffen, sie nach dem alten Gesetz abbricht & nach einem neuen fortsetzt; daß man aber nach einer andern Auffassung ihr Gesetz nicht ändert, die scheinbare Änderung aber durch die Umstände gerechtfertigt wird.

In all of this, however, I have created a confusion. The important thing about it was to show that one can continue in a series in such a way that, according to our concepts, it breaks off according to the old rule and continues according to a new one; that, according to another view, its rule does not change, but the apparent change is justified by the circumstances.

§

124a[2]

Aber das kommt eigentlich darauf hinaus, daß, was das folgerechte Weiterschreibtn in einer Reihe ist, nur durch das Beispiel gezeigt werden kann.

But essentially, what is meant by the logically correct continuation of a sequence can only be shown through an example.

§

124a[3] &
124b[1]

Und hier ist man immer wieder in der Versuchung, weiterzureden, wo man Halt machen sollte; mehr zu reden, als Sinn hat.

And here one is always tempted to go on talking, where one should stop; to say more than makes sense.

§

124b[2]

Und zwar vergißt man immer, wo das Reden noch Mitteilung ist, & wo nicht mehr.

And in doing so, one always forgets where talking is still communication, and where it is no longer.

§

124b[3]

Ich kann Einem sagen: “Diese Zahl ist die folgerechte Fortsetzung dieser Folge”; dadurch kann ich ihn dazu bringen, daß er in Zukunft das “folgerechte Fortsetzung” nennt, was ich so nenne. D.h. ich kann ihn eine Reihe (Grundreihe) fortsetzen lehren, ohne einen Ausdruck des ‘Gesetzes der Reihe’ zu verwenden; ja vielmehr um ein Substrat zu haben für die Bedeutung algebraischer Regeln, oder was ihnen ähnlich ist.

I can say to someone: “This number is the logically consistent continuation of this sequence”; in doing so, I can bring him to the point that in the future he calls the ‘logically consistent continuation’ what I call it. That is, I can teach him to continue a series (basic series) without using an expression of the ‘rule of the series’; indeed, rather to have a substrate for the meaning of algebraic rules, or something similar.

§

124b[4]

Er muß ohne Grund so fortsetzen; aber nicht, weil man ihm den Grund noch nicht begreiflich machen kann, sondern weil es – in diesem System – keinen Grund gibt. (“Die Kette der Gründe hat ein Ende.”) Und das so (in “so fortsetzen”) ist durch eine Ziffer, einen Wert, bezeichnet. Denn auf dieser Stufe wird der Regelausdruck durch die Ziffer erklärt, nicht die Ziffer durch die Regel.

He must continue without reason; but not because one cannot yet make the reason comprehensible to him, but because – in this system – there is no reason. (“The chain of reasons has an end.”) And the way (in “continue in this way”) is indicated by a number, a value. For at this stage, the expression of the rule is explained by the number, not the number by the rule.

§

124b[5] &
125a[1]

Denn dort, wo es heißt “Aber siehst Du denn nicht ‥‥!” nützt ja eben die Regel nichts, sie ist Erklärtes, nicht Erklärendes.

For where it says, “But don’t you see…!” the rule is of no use, it is the explained, not the explaining.

§

125a[2]

“Er erfaßt die Regel intuitiv.” – Warum aber die Regel? & nicht, was er jetzt schreiben soll?

“He grasps the rule intuitively.” – But why the rule? & not what he should write now?

§

125a[3]

“Hat er nur das Richtige gesehen, diejenige der unendlich vielen Beziehungen, die ich ihm nahezubringen trachte, – hat er sie nur einmal erfaßt, so wird er jetzt ohne weiteres die Reihe richtig fortsetzen. Ich gebe zu, er kann diese Beziehung, die ich meine, nur erraten (intuitiv erfassen) – ist es aber gelungen, dann ist das Spiel gewonnen.” – Aber dieses ‘Richtige’ von mir Gemeinte, gibt es gar nicht. Der Vergleich ist falsch. Es gibt hier nicht quasi ein Rädchen, das er erfassen soll, die richtige Maschine, die ihn, einmal gewählt, automatisch weiter bringt. Es könnte ja sein, daß sich in unserm Gehirn soetwas abspielt, aber das interessiert uns nicht.

“If he has only seen the right thing, that of the infinitely many relationships that I am trying to bring him to understand – if he has only grasped it once, then he will now continue the series correctly without further ado. I admit that he can only guess this relationship that I mean (grasp it intuitively) – but if it succeeds, then the game is won.” – But this ‘right’ thing that I mean, it doesn’t exist. The comparison is false. There is not quasi a cog that he has to grasp, the right machine that, once chosen, automatically carries him on. It could be that something like this happens in our brain, but that doesn’t interest us.

§

125a[4]

Könnte man auch so sagen: “Die Zahlen der Kardinalzahlenreihe bestimmen was “gleicher Abstand” heißen soll; nicht umgekehrt”?

Could one also say: “The numbers in the series of cardinal numbers determine what ‘equal distance’ is supposed to mean; not the other way around”?

§

125b[1]

“Tu dasselbe!” Aber dabei muß ich ja auf die Regel zeigen. Die muß er also schon anzuwenden gelernt haben. Denn was bedeutet ihr Ausdruck sonst für ihn?

“Do the same!” But in doing so, I must point to the rule. He must, therefore, have already learned to apply it. Because what else does its expression mean to him?

§

125b[2]

Die Bedeutung der Regel erraten, sie intuitiv zu erfassen, könnte doch nur heißen: ihre Anwendung erraten. Und das kann nun nicht heißen: die Art, die Regel ihrer Anwendung erraten. Und vom Erraten ist hier überhaupt keine Rede.

Guessing the meaning of the rule, grasping it intuitively, could only mean: guessing its application. And that cannot mean: guessing the way, the rule, of its application. And there is no question of guessing here at all.

§

125b[3]

Ich könnte z.B. erraten, welche Fortsetzung dem Andern Freude machen wird (etwa nach seinem Gesicht). Die Anwendung der Regel erraten könnte man nur, sofern man bereits aus verschiedenen Anwendungen wählen kann.

I could, for example, guess which continuation will give the other person pleasure (perhaps by looking at his face). The application of the rule of guessing could only occur if one can already choose from various applications.

§

125b[4]

Man könnte sich ja dann auch denken, daß er, statt die ‘Anwendung der Regel zu erraten’, sie erfindet. Nun, wie sähe das aus? – Soll er etwa sagen: “Der Regel ‘+1’ folgen möge einmal heißen, zu schreiben: 1, 1 + 1, 1 + 1 + 1, u.s.f.”? Aber was meint er damit? Das “u.s.f.” setzt ja eben schon das Beherrschen einer Technik voraus.

One could then also think that, instead of ‘guessing the application of the rule’, he invents it. Well, what would that look like? – Should he say something like: “Following the rule ‘+1’ may mean writing: 1, 1 + 1, 1 + 1 + 1, and so on”? But what does he mean by that? The “and so on” already presupposes the mastery of a technique.

§

126a[1]

Wie kann man denn, was jemand tut, der jene Reihe fortsetzt, beschreiben? – Man kann die Regel angeben; dem nämlich, der sie schon gebrauchen kann. Und wer kann sie gebrauchen? Der, welcher auf 1 + 1 1 + 1 + 1 schreibt, & darauf 1 + 1 + 1 + 1 – Und kann ich jetzt enden “u.s.f.”? Das würde ja heißen: “und überhaupt nach dieser Regel weitergeht”.

How can one describe what someone does when he continues that series? – One can state the rule; namely, to the one who can already use it. And who can use it? The one who writes 1 + 1 1 + 1 + 1, and then 1 + 1 + 1 + 1. – And can I now end with “and so on”? That would mean: “and in general continues according to this rule”.

§

126a[2]

Ich kann nicht beschreiben, wie Regeln (allgemein) zu gebrauchen sind, als indem ich Dich lehre, abrichte, eine Regel zu gebrauchen.

I cannot describe how rules (in general) are to be used, except by teaching, training you to use a rule.

§

126a[3]

Ich kann nun z.B. einen solchen Unterricht im Sprechfilm aufnehmen. Der Lehrer wird manchmal sagen “So ist es recht.” Sollte der Schüler ihn fragen “Warum?”, so wird er nichts, oder doch nichts Relevantes, antworten; auch nicht das: “Nun, weil wir's Alle so machen”; das wird nicht der Grund sein.

I can now, for example, record such an instruction in a talking movie. The teacher will sometimes say “That is correct.” If the student asked him “Why?”, he would not answer anything, or at least nothing relevant; not even: “Well, because we all do it that way”; that would not be the reason.

§

126a[4]

Besteht die Reue nicht aus Gedanken? Und was für Gedanken?

Does regret consist of thoughts? And what kind of thoughts?

§

126a[5] &
126b[1]

18.01.1948

Die Reue (analog jeder andern Gemütsbewegung) bedarf natürlich einer Reue-Situation. Das heißt natürlich nicht, daß, wer sagt, er bereue etwas, sich überlegt, ob die Situation auch vorhanden ist. Er äußert Reue, macht eine Reue-Äußerung, ob es aber wirklich die Äußerung der Reue ist, das beurteilen wir nach der Situation & der sonstigen Umgebung der Äußerung. “Aber nur er kann das doch wissen, & er muß es wissen!” – Wie soll er wissen, ob, was er fühlt, das ist, was wir “Reue” nennen? Ist Reue ein innerer Gegenstand, – wie kann er & wie können wir wissen, daß er ihm den richtigen Namen gegeben hat?

18.01.1948

Repentance (analogous to any other emotion) naturally requires a situation in which one can repent. This naturally does not mean that someone who says he repents something considers whether the situation is actually present. He expresses repentance, makes an utterance of repentance, but whether it is really the utterance of repentance, that we judge according to the situation & the other circumstances surrounding the utterance. “But only he can know that, & he must know it!” – How is he supposed to know whether what he feels is what we call “repentance”? Is repentance an inner object – how can he & how can we know that he has given it the right name?

§

126b[2]

Wer es bereut, der denkt doch daran. Ist also die Reue eine Art von Gedanken. Oder eine Färbung von Gedanken?

The one who regrets is thinking about it. So regret is a kind of thought. Or a coloring of thoughts?

§

126b[3]

Es gibt reuevolle Gedanken, wie es z.B. furchtvolle gibt. Wenn ich aber sage “Ich bereue es”, sage ich, ich habe reuevolle Gedanken? Nein, denn das könnte auch sagen, der es gerade jetzt nicht bereut. Aber könnte ich nicht, statt “Ich bereue es”, sagen: “Ich denke mit Reue daran”?

There are regretful thoughts, as there are, for example, fearful ones. If I say “I regret it”, am I saying that I have regretful thoughts? No, because even the one who is not regretting it right now could say that. But could I not, instead of “I regret it”, say: “I think about it with regret”?

§

126b[4] &
127a[1]

Aber welcher Art sind also reuevolle Gedanken? Oder: Was ist charakteristisch am Ausdruck der Reue? Man bezieht sich auf eine vergangene Tat & drückt Unwillen über sie aus. Wer dies tut von dem werde ich, unter bestimmten Umständen, sagen: er bereue eine Handlung. Die Reue hat einen Gesichtsausdruck, wie die Furcht, die Trauer, der Ekel, etc..– Wem ich nun eine Tat vorhalte & wer ihre Schlechtigkeit einsieht & sie bereut, – wie fängt dessen Reue an? Mit einem Schlage; am Anfang des Ausdrucks eines reuevollen Gedankens, oder in seinem Verlaufe? Es hat, im allgemeinen, keinen Sinn von einem Moment des Anfangs & Endes der Reue zu sprechen. D.h.: Wir wüßten nicht was wir als diesen Moment bezeichnen sollen; & ein solcher interessiert uns nicht. – Aber wenn's auch der Andre nicht sagen kann, & es ihn nicht interessiert, – kann ich's nicht sagen, der die Reue fühlt? Freilich nicht. Ich habe ja eben denselben Begriff wie der Andre. Wer z.B. die Zeichen der Reue in mir (den Gesichtsausdruck, den Ton der Stimme), genau beobachtete, & danach den Anfang der Reue bestimmte, dem bliebe es unbenommen. – Dagegen aber “Mit einem Schlage stand mir das Gräßliche meiner Tat vor Augen.”

But what kind of thoughts are regretful thoughts? Or: What is characteristic of the expression of regret? One refers to a past deed and expresses unwillingness about it. If someone does this, under certain circumstances, I will say that he regrets an action. Regret has a facial expression, as do fear, sadness, disgust, etc. – If I now point out a deed to someone and he recognizes its badness and regrets it, how does his regret begin? In one go; at the beginning of the expression of a regretful thought, or in its course? In general, it doesn't make sense to speak of a moment of the beginning and end of regret. That is, we would not know what to refer to as this moment; and such a thing does not interest us. – But if the other person cannot say it either, and it does not interest him, can I not say it, the one who feels the regret? Of course not. I have, after all, the same concept as the other person. Whoever, for example, carefully observed the signs of regret in me (the facial expression, the tone of voice), and then determined the beginning of the regret, would not be precluded from doing so. – But on the other hand, “In one go, the awfulness of my deed stood before my eyes.”

§

127b[1]

Könnte ich sagen: “Die Reue begleitet Gedanken; Furcht & Freude auch, aber nicht immer”? Die Reue begleitet Erinnerung. Sie ist eine Einstellung zu einer Erinnerung. Es ist doch wahr: wenn man an die Tat nicht denkt, kann man sie nicht bereuen.

Could I say: “Regret accompanies thoughts; fear & joy also, but not always”? Regret accompanies memory. It is an attitude toward a memory. It is true: if one does not think about the deed, one cannot regret it.

§

127b[2]

Was interessiert mich an der Reue des Andern? Seine Einstellung zu der Handlung. Die Zeichen der Reue sind die Zeichen des Widerwillens, der Trauer. Der Ausdruck der Reue bezieht sich auf die Handlung. Man nennt die Reue einen Schmerz der Seele, weil die Zeichen des Schmerzes denen der Reue ähnlich sind. Wollte man aber ein Analogon zum Ort des Schmerzes finden, so wäre es natürlich nicht die Seele (wie ja der Ort des Körperschmerzes nicht der Körper ist), sondern der Gegenstand der Reue.

What interests me about the regret of another? His attitude toward the action. The signs of regret are the signs of reluctance, of sorrow. The expression of regret relates to the action. One calls regret a pain of the mind, because the signs of pain are similar to those of regret. If one wanted to find an analogue to the location of the pain, it would of course not be the mind (just as the location of physical pain is not the body), but the object of the regret.

§

127b[3] &
128a[1]

Wäre es denn nicht denkbar, daß Menschen zwar mit den Zeichen des Absehens an etwas, was sie getan haben, erinnerten, aber keinen Ausdruck wie “Ich bereue ‥‥” hätten, oder lernen könnten. Diese, würde man vielleicht sagen, fühlten Reue, aber hätten nicht ihren Begriff.

Wouldn't it be conceivable that people remember the signs of turning away from something they have done, but do not have, or could not learn, an expression like “I regret ‥‥”. These, one might say, feel regret, but do not have its concept.

§

128a[2]

Die Reue ist eine Art der Niedergeschlagenheit. Und sie ist gerichtet: sie hat einen Grund (im Gegensatz zur Ursache). Ich meine nicht, daß jede Niedergeschlagenheit eines Menschen wegen einer seiner Handlungen Reue ist, aber sie hat die für uns interessantesten Züge der Reue. Wir könnten ja auch einen mehr generellen Ausdruck haben. Wir sagen ja auch: “Es tut mir leid daß ich das getan habe” – & das kann, muß aber nicht, Reue sein.

Regret is a kind of dejection. And it is directed: it has a ground (in contrast to a cause). I do not mean that every human being's dejection because of one of his actions is regret, but it has the most interesting traits of regret for us. We could also have a more general expression. We also say: “I am sorry that I did that” – & this can be, but does not have to be, regret.

§

128a[3]

Warum kann der Hund Furcht, aber nicht Reue empfinden? Wäre es richtig zu sagen “Weil er nicht sprechen kann”?

Why can the dog experience fear, but not regret? Would it be correct to say “Because he cannot speak”?

§

128a[4]

Nur wer über die Vergangenheit nachdenken kann, kann bereuen. Das heißt aber nicht, daß nur so einer erfahrungsgemäß des Gefühls der Reue fähig ist.

Only those who can think about the past can regret. That does not mean, however, that only such a person is capable of the feeling of regret.

§

128a[5] &
128b[1]

Es ist ja auch nichts so Erstaunliches, daß ein Begriff nur auf ein Wesen anwendbar ist, das, z.B., eine Sprache besitzt. (Lächelnder Mund & Gesicht)

It is also nothing so surprising that a concept is only applicable to a being that, for example, has a language. (Smiling mouth & face)

§

128b[2]

Man möchte nun sagen: Einer bereut, wenn er so & so über seine Handlung nachdenkt; aber “Ich bereue es” sagt, so kommt mir vor, doch nicht: “Ich denke reuevoll an diese Handlung.” Das scheint mir aber so, weil der direkte Ausdruck mehr einem Stöhnen des Schmerzes entspricht. Wenn ich sage “Ich denke mit Schmerz an seinen Tod”, – ist dies ein Bericht, oder ein Ausdruck des Schmerzes? Kann es nicht das letztere auch sein? Anders ist es freilich, wenn man sagt “Ich denke manchmal mit Schmerz ‥‥”.

One would like to say: One regrets if one thinks about one's action in such and such a way; but “I regret it” says, as it seems to me, not: “I think regretfully about this action.” This seems to me so because the direct expression corresponds more to a groan of pain. If I say “I think with pain about his death,” is this a report, or an expression of the pain? Can it not also be the latter? It is different, of course, if one says “I sometimes think with pain ‥‥”.

§

128b[3]

Weißt Du aber auch bestimmt, daß Du beim furchtvollen Gedanken dasselbe fühlst, wie bei der Furcht vor Einem, der Dich bedroht?

Do you also certainly feel the same thing when you have the fearful thought as when you are afraid of someone who threatens you?

§VB

128b[4]

Ich möchte eigentlich durch fortwährende Interpunktionszeichen das Tempo des Lesens verzögern. Denn ich möchte langsam gelesen werden. (Wie ich selbst lese.)

I would actually like to slow down the pace of reading through the continuous use of punctuation marks. Because I would like to be read slowly. (As I read myself.)

§

128b[5] &
129a[1]

Die Behandlung aller dieser Erscheinungen des Seelenlebens ist mir nicht darum wichtig weil's mir auf Vollständigkeit ankommt. Sondern weil jede, für mich auf die richtige Behandlung aller ein Licht wirft.

The treatment of all these phenomena of mental life is not important to me because I am concerned with completeness. But because each one sheds light on the correct treatment of all of them.

§

129a[2]

“Ich vertraue ihm unbedingt.” Ich habe keine Zweifel an seiner Ehrlichkeit. Die Frage ist: In welchen Fällen sind wir geneigt zu sagen “Ich muß doch wissen ob ich ‥‥․”. Z.B. “Ich muß doch wissen ob ich Schmerzen habe”. – Denn wenn das auch ein irreführender Ausdruck ist, so charakterisiert er doch eine bestimmte Art der Begriffe. Man wird z.B. nicht sagen “Ich muß doch wissen, ob ich das Gedicht auswendig weiß.”

“I trust him completely.” I have no doubts about his honesty. The question is: In what cases are we inclined to say “I must know whether I ‥‥․”. For example, “I must know whether I am in pain.” – Because even if this is also a misleading expression, it does characterize a certain type of concept. One would not say, for example, “I must know whether I know the poem by heart.”

§

129a[3]

Wie ist es aber, wenn man sagt “Jetzt versteh ich's” (z.B. das Gesetz der Reihe). Ist hier das “Ich muß doch wissen ‥․” am Platz?

But what if one says “Now I understand it” (e.g. the law of the sequence)? Is the “I must know ‥‥” in the right place here?

§

129a[4]

19.01.1948

Die Vermutung eine Einstellung zu nennen geht an; aber den Glauben?

19.01.1948

The assumption that one can name an attitude works; but what about belief?

§

129a[5] &
129b[1]

Soll ich sagen: “Der Wunsch ist kein Phänomen; aber der Ausdruck des Wunsches ist ein Phänomen”? Ist es aber unrichtig zu sagen: die Psychologie studiere Wunsch, Furcht, Glauben, Wollen? – Wie sollte es unrichtig sein? wenn man nur versteht, was damit gemeint ist. Denn es muß ja nicht von vornherein klar sein, was mit dem “Studieren des Wollens”, z.B., gemeint ist. Was tut der experimentierende Psychologe? Er beobachtet Menschen. Ihr Verhalten, also auch was sie gefragt oder ungefragt sagen, unter bestimmten von ihm genau aufgezeichneten Umständen.

Should I say: “Wish is not a phenomenon; but the expression of wish is a phenomenon”? Is it wrong to say that psychology studies wish, fear, belief, will? – How could it be wrong, if one only understands what is meant by it? Because it does not have to be clear from the outset what is meant by “studying the will,” for example. What does the experimenting psychologist do? He observes people. Their behaviour, including what they say, asked or unasked, under certain circumstances that he has carefully recorded.

§

129b[2]

So beobachtet er das Wünschen nicht? – In einem andern Sinne. D.h.: Du mußt nur wissen wie Du die Beobachtung des Wünschens mit der Beobachtung der elektrischen Induktion zu vergleichen hast. – Die Gefahr ist, zu glauben, daß der Psychologe indirekt beobachtet, indem seine Subjekte ihm ihre Beobachtungen, dessen was nur ihnen sichtbar ist, berichten.

So, does he not observe wishing? – In a different sense. That is to say: one must only know how to compare the observation of wishing with the observation of electrical induction. – The danger is to believe that the psychologist observes indirectly, by having his subjects report their observations, of what is only visible to them.

§VB

129b[3] &
130a[1]

Ich glaube, Bacon ist in seiner Philosophie stecken geblieben, & diese Gefahr droht auch mir. Er hatte eine lebhafte Vorstellung eines riesigen Gebäudes, sie entschwand ihm aber doch, wenn er wirklich in's Einzelne gehen wollte. Es war, als hätten Menschen seiner Zeit begonnen, ein großes Gebäude von den Fundamenten aufzuführen; & als hätte er in der Phantasie so etwas Ähnliches, die Erscheinung so eines Gebäudes, gesehen; sie noch stolzer gesehen, als die vielleicht, die am Bau arbeiteten. Dazu war eine Ahnung der Methode nötig, aber durchaus nicht Talent zum Bauen. Das Schlimme aber war, daß er polemisch gegen die eigentlichen Bauleute vorging & seine Grenzen entweder nicht kannte, oder nicht erkennen wollte. Anderseits ist es aber ungeheuer schwierig diese Grenzen zu sehen, & d.h., klar darzustellen. Also, sozusagen, eine Malweise zu finden, dieses Unklare darzustellen. Denn ich möchte mir immer sagen: “Mal wirklich nur, was Du siehst!”

I believe Bacon has remained stuck in his philosophy, & this danger also threatens me. He had a vivid image of a huge building, but it nevertheless disappeared from him when he really wanted to go into the details. It was as if people of his time had begun to erect a large building from the foundations; & as if he had seen something similar in his imagination, the appearance of such a building, seen it even more proudly than perhaps those who were working on the construction. This required a certain inkling of the method, but by no means a talent for building. But the bad thing was that he proceeded polemically against the actual builders & either did not know his own limits, or did not want to recognize them. On the other hand, it is extremely difficult to see these limits, & that is, to clearly represent them. So, as it were, to find a way of painting to represent this obscurity. Because I always want to tell myself: “Only paint what you see!”

§

130a[2] &
130b[1]

Wenn er zuerst die Farbnamen lernt, – was wird ihm beigebracht? Nun, er lernt z.B. beim Anblick von etwas Rotem “Rot” ausrufen. – Ist das eine richtige Beschreibung, oder hätte es heißen sollen: “Er lernt “rot” nennen, was auch wir “rot” nennen”? Beide Beschreibungen sind richtig. Wie unterscheidet sich davon das Sprachspiel “Wie kommt es Dir vor?”? Man könnte Einem doch die Farbwörter beibringen indem man ihn auf weiße Gegenstände durch farbige Brillen schauen läßt. Was ich ihn aber lehre, muß ein Können sein. Er kann also jetzt auf Befehl etwas Rotes bringen; oder Gegenstände nach ihren Farben ordnen. Aber was ist denn etwas Rotes? “Nun das [zeigend].” Oder hätte er sagen sollen: “Das; weil es die meisten von uns “rot nennen”? Oder einfach: “Das nennen die meisten von uns “rot”?

If he first learns the names of colors, – what is he taught? Well, he learns, for example, to say “red” when he sees something red. – Is this a correct description, or should it have said: “He learns to call ‘red’ what we also call ‘red’”? Both descriptions are correct. How does this differ from the language-game “How does it strike you?”? One could teach him the color words by having him look at white objects through colored glasses. But what I teach him must be a skill. He can now, on command, bring something red; or arrange objects according to their colors. But what is something red? “Now this [pointing].” Or should he have said: “This; because most of us call it ‘red’”? Or simply: “Most of us call this ‘red’”?

§

130b[2]

Dieses Auskunftsmittel nützt uns nichts. Die Schwierigkeit, die wir für “rot” hier empfinden, tritt dann bei “gleich” wieder auf.

This means of information does not help us. The difficulty that we feel for “red” here arises again for “equal”.

§

130b[3]

Ich beschreibe eben das Sprachspiel “Bring etwas Rotes” dem, der es schon selbst spielen kann. Den Andern könnt ich's nur lehren. (Relativität.)

I am simply describing the language-game “Bring something red” to someone who can already play it themselves. I could only teach it to the others. (Relativity.)

§

130b[4]

Es ist hier ein tiefer & wichtiger Punkt, den ich gerne ganz klar auszudrücken verstünde. Man täuscht sich irgendwie über die Funktion der Beschreibung. Oder will das Begründen fortsetzen, weil man seine Funktion mißversteht.

Here is a deep and important point that I would like to express very clearly. One is somehow mistaken about the function of description. Or one continues to justify it because one misunderstands its function.

§

130b[5]

Warum lehrt man das Kind nicht zuerst gleich das Sprachspiel “Es scheint mir rot”? Weil es noch nicht im Stande ist, den feineren Unterschied zwischen scheinen & sein zu verstehen?

Why doesn’t one teach the child the language-game “It seems red to me” right away? Because it is not yet able to understand the finer difference between seeming and being?

§

130b[6]

Die rote Gesichtsempfindung ist ein neuer Begriff.

The red facial sensation is a new concept.

§

130b[7] &
131a[1]

Das Sprachspiel, was wir ihm dann beibringen ist: “Mir scheint es ‥‥, Dir scheint es ‥‥” Im ersten Sprachspiel kommt eine Person als wahrnehmendes Subjekt nicht vor.

The language-game that we then teach him is: “It seems to me…, it seems to you…”. In the first language-game, a person does not appear as a perceiving subject.

§

131a[2]

Du gibst dem Sprachspiel ein weiteres Gelenk. Was aber nicht heißt, daß nun davon immer Gebrauch gemacht wird.

You give the language-game another joint. But that does not mean that it is always used.

§

131a[3]

Ist es dasselbe zu sagen “Was glaubst Du, sei vor Dir?” & “Was nimmst Du wahr?”?

Is it the same to say “What do you think is in front of you?” and “What do you perceive?”?

§

131a[4]

Das Sprachspiel: “Was ist das?” – “Ein Sessel.” – ist nicht das gleiche wie: “Wofür hältst Du das?” – “Es dürfte ein Sessel sein.”

The language-game: “What is that?” – “A chair.” – is not the same as: “What do you think that is?” – “It is probably a chair.”

§

131a[5]

Wir lehren das Kind (im Anfang) nicht “Das ist wahrscheinlich ein Sessel”, sondern “Das ist ein Sessel”. Bilde Dir ja nicht ein, man lasse das Wort “wahrscheinlich” aus, weil das Verstehen desselben dem Kind noch zu schwer ist, man vereinfache die Dinge für das Kind; lehre es also etwas, was nicht streng richtig ist.

We do not teach the child (initially) “That is probably a chair,” but rather “That is a chair.” Do not imagine that one omits the word “probably” because the child would find it too difficult to understand, that one is simply simplifying things for the child; rather, one is teaching it something that is not strictly correct.

§

131a[6]

Immerwährender Zweifel wäre nicht Zweifel.

Constant doubt would not be doubt.

§

131b[1]

Ich will nicht irgend eine endgültige Einteilung der psychologischen Begriffe hervorbringen, wohl aber zeigen inwieweit die bestehende zu rechtfertigen ist, & auch, daß jede Einteilung hier Zweifel zuläßt.

I do not want to produce any definitive classification of psychological terms, but rather to show to what extent the existing one can be justified, and also that any classification here allows for doubt.

§

131b[2]

Die Einteilung sollte nur dazu benützt werden, um grobe Unterschiede zwischen den Kategorien zu unterstreichen.

The classification should only be used to emphasize the broad differences between the categories.

§

131b[3]

Die Frage ist: Wie ist man auf den Gedanken gekommen, “ich sehe …” “ich höre …” “ich schmecke” etc. zusammenzunehmen & sie von “ich bin traurig”, “ich bin fröhlich” u.a. abzusondern? Was rechtfertigt die Ansicht: Wollen sei keine Erfahrung?

The question is: how did one come to think of grouping together “I see…” “I hear…” “I taste” etc., & distinguishing them from “I am sad,” “I am happy,” and so on? What justifies the view: that willing is not an experience?

§

131b[4] &
132a[1] &
132b[1]

Ausdruck der Trauer – Ausdruck des Denkens – Ausdruck der Aufmerksamkeit. Der Ausdruck der Trauer ist ein gleichmäßiger; – der Ausdruck des Denkens eine Bewegung, z.B. der Tonfall der Sätze. Was ein Ausdruck der Aufmerksamkeit scheint, würde sich als etwas anderes herausstellen, wenn der Ausdruck starr bliebe. Trauer nennt man einen Zustand, Denken eine Tätigkeit; welcher ist die Aufmerksamkeit? Ein Hund kann Aufmerksamkeit ausdrücken. Einer kann auf Befehl aufmerken. Also: Ähnlichkeit mit einer Handlung. Die Aufmerksamkeit strengt an, man muß sie erhalten. Man folgt einem Vorgang mit Aufmerksamkeit. Man ist also geneigt zu sagen, Aufmerksamkeit sei eine Tätigkeit. Aber was besagt das schließlich? Aufmerksamkeit scheint viel mit einer Tätigkeit gemeinsam zu haben; denn wäre sie schlechthin eine Tätigkeit, so würde ich nicht erst fragen. Von wem soll ich auch erfahren, ob Aufmerksamkeit ein Zustand ist, oder nicht? von dem der aufmerkt, oder von dem der ihn beobachtet? Vergleichen möchte man sie einer immerwährenden kleinen Bewegung, einem Vibrieren, sozusagen. Warum das? Weiß ich wirklich von mir oder Andern, daß sie ein Vibrieren ist? Nein; ich glaube, es ist die Bereitschaft zur Bewegung, das Leben in der Aufmerksamkeit, was man sich so denkt. Man kann auch sagen: Der Aufmerkende darf die Aufmerksamkeit nie einschlafen lassen; er muß sie immer wach erhalten. Und doch sind das alles Bilder. – Ist es nicht ein primitives Zeichen der Aufmerksamkeit, wenn die Augen einer Bewegung folgen? Das Folgen ist hier eine Tätigkeit; aber die Aufmerksamkeit? Wenn die Augen an der Bewegung ‘hängen’ so ist das Hängen keine Bewegung. – Wenn ich ein Gewicht in der Schwebe erhalte, so strengt das an; aber ist es eine Tätigkeit? Nun, wie Du willst – möchte ich sagen.

Expression of grief – expression of thought – expression of attention. The expression of grief is uniform; the expression of thought is a movement, e.g., the tone of the sentences. What appears to be an expression of attention would turn out to be something else if the expression remained static. Grief is called a state, thought an activity; what is attention? A dog can express attention. One can pay attention on command. Therefore: similarity to an action. Attention requires effort; one must maintain it. One follows a process with attention. One is thus inclined to say that attention is an activity. But what does that ultimately mean? Attention seems to have much in common with an activity; for if it were simply an activity, I would not ask the question in the first place. From whom should I learn whether attention is a state, or not? From the one who is attentive, or from the one who observes him? One might compare it to an ever-present small movement, a vibration, so to speak. Why is that? Do I really know, about myself or others, that it is a vibration? No; I believe it is the readiness for movement, the life in attention, what one imagines it to be. One can also say: the attentive person must never let attention fall asleep; he must always keep it awake, maintain it. And yet these are all images. Is it not a primitive sign of attention when the eyes follow a movement? The following is an activity here, but what about attention? When the eyes ‘hang’ on the movement, that hanging is not a movement. If I keep a weight in suspension, that requires effort; but is it an activity? Well, as you wish – I would like to say.

§

132b[2]

“Merk auf! Wende Deine Augen nicht von der Stelle weg; & wenn sich etwas bewegt, so ‥‥․”. Er sieht darauf mit gespannter Aufmerksamkeit hin. Ist in diesem Ausdruck immer Bewegung? Ich weiß es nicht. Aber habe ich Grund anzunehmen, es sei so? Man möchte sagen: “Er darf nicht wie ein Toter dasitzen”. Er darf nicht ausschauen als wäre er so erstarrt; man muß ihm zutrauen, daß er beim geringsten Anlaß sich bewegt. Wohl, aber wer nun ganz stier auf die Stelle schaute, aber immer sogleich reagierte, wenn es erfordert würde, – würden wir von dem nicht sagen, er sei aufmerksam? Vielleicht aber nicht.

“Pay attention! Don’t turn your eyes away from the spot; & if something moves, then…”. He looks at it with tense attention. Is there always movement in this expression? I don’t know. But do I have any reason to assume that this is so? One would like to say: “He must not sit there like a dead man.” He must not look as if he were so stiff; one must trust that he will move at the slightest provocation. Well, but if someone looked quite stiffly at the spot, but always reacted immediately when required, would we not say that he was paying attention? Perhaps not.

§

132b[3] &
133a[1]

Was ist daran, daß der Gedanke eine Bewegung ist? Nun, das Reden ist eine Bewegung. Und auch das Reden in der Vorstellung hat einen zeitlichen Verlauf. Und dem Gedankenblitz folgt der ausgesponnene Gedanke. Der Gedanke ist eben sozusagen eine Bewegung.

What is so strange about the thought being a process? Well, speaking is a process. And even speaking in one’s imagination has a temporal sequence. And the flash of thought is followed by the elaborated thought. The thought is, after all, as it were, a process.

§

133a[2]

20.01.1948

So unendlich vag der Gebrauch des Worts “Gefühl” auch ist, so zieht der Begriff doch gewisse Grenzen. Man spricht von einem Gefühl der Scham, der Reue, der Furcht, der Müdigkeit, der Liebe, der Verzweiflung, der Überzeugung, u.a., aber nicht von einem Gefühl des Wissens, des Denkens, der Absicht.

20.01.1948

However infinitely vague the use of the word “feeling” may be, the concept does draw certain boundaries. One speaks of a feeling of shame, remorse, fear, tiredness, love, despair, conviction, and so on, but not of a feeling of knowledge, thinking, or intention.

§

133a[3]

Man spricht von einem Gefühl der Überzeugung, weil es einen Ton der Überzeugung gibt. Ja das Charakteristikum aller ‘Gefühle’ ist, daß es einen Ausdruck, d.i. eine Miene, Gebärde, des Gefühls gibt.

One speaks of a feeling of conviction because there is a tone of conviction. Yes, the characteristic of all ‘feelings’ is that there is an expression, i.e., a facial expression, gesture, of the feeling.

§

133a[4] &
133b[1]

James sagt man könne sich eine Gemütsbewegung oder Stimmung nicht ohne die entsprechenden (sie zusammensetzenden) Körperempfindungen denken; denke man sich diese hinweg so finde man, daß man dadurch die Evidenz der Gemütsbewegung selbst aufhebe. Das geschieht etwa so: Ich stelle mir mich selbst trauernd vor & nun versuche ich, mich zugleich jubelnd in der Vorstellung zu sehen & zu empfinden. Dazu hole ich etwa tief Atem ahme ein strahlendes Gesicht nach. Und nun kann ich mir allerdings die Trauer nicht gut vorstellen; denn, sie mir vorstellen, hieß, sie spielen. Aber daraus folgt nun nicht, daß, was wir dabei im Körper fühlen, die Trauer, oder etwas ähnliches wie die Trauer ist. – Der Trauernde kann ja allerdings nicht überzeugend lachen & jubeln, & könnte er's, so wäre, was wir einem “Ausdruck der Trauer” nennen, nicht Ausdruck der Trauer, & das Jubeln nicht Ausdruck einer andern Gemütsbewegung. – Wenn der Tod des Freundes & die Genesung des Freundes uns gleichermaßen Jubeln oder – dem Benehmen nach – trauern ließen, so wären diese Arten des Benehmens nicht, was wir den Ausdruck der Freude oder der Trauer nennen. Ist es a priori klar, daß, wer die Freude nachahmt Freude fühlen wird? Kann es nicht sein, daß der bloße Versuch, in der Trauer zu lachen, diese noch ungeheuer verschärft?

James says that one cannot imagine an emotion or mood without the corresponding (constituting) bodily sensations; if one imagines these away, one finds that one thereby suspends the evidence of the emotion itself. This happens something like this: I imagine myself as grieving, and now I try to see and feel myself rejoicing in the imagination at the same time. To do this, I take a deep breath and imitate a radiant face. And now I can indeed not very well imagine the grief; for imagining it would mean playing it. But it does not follow from this that what we feel in the body is the grief, or something similar to the grief. – The grieving person cannot, of course, laugh and rejoice convincingly, and if he could, what we call an “expression of grief” would not be an expression of grief, and the rejoicing would not be an expression of another emotion. – If the death of the friend and the recovery of the friend cause us to rejoice equally, or – in terms of behaviour – to grieve, then these types of behaviour would not be what we call the expression of joy or grief. Is it a priori clear that whoever imitates joy will feel joy? Could it not be that the mere attempt to laugh in grief only intensifies it?

§

133b[2] &
134a[1]

Dabei darf ich aber doch das nicht vergessen, daß Freude mit körperlichen Wohlbefinden zusammengeht & Trauer, oder doch Depression, oft mit körperlichem Unbehagen. – Wenn ich spazieren gehe & mich über alles freue, so ist es wohl wahr, daß dies nicht geschähe, wenn ich unwohl wäre. Wenn ich aber nun meiner Freude Ausdruck gebe, z.B. sage “Wie herrlich ‥‥ ist!”, wollte ich sagen, daß all diese Dinge in mir angenehme körperliche Gefühle hervorrufen? Ja selbst wenn ich meine Freude so ausdrückte “Die Bäume & der Himmel & die Vögel geben mir ein herrliches Gefühl im ganzen Körper” – so wäre hier nicht von Verursachung die Rede, nicht von dem erfahrungsmäßigen Zusammentreffen etc. etc.

However, I must not forget that joy is associated with physical well-being, and grief, or at least depression, is often associated with physical discomfort. – If I go for a walk and am happy about everything, then it is probably true that this would not happen if I were unwell. But if I now express my joy, for example, by saying “How wonderful…”, do I mean to say that all these things evoke pleasant physical sensations in me? Yes, even if I expressed my joy like this: “The trees, the sky, and the birds give me a wonderful feeling throughout my body” – here we would not be talking about causation, not about the experiential coincidence, etc., etc.

§

134a[2]

Man sagt doch “Jetzt, wo er wieder gesund ist, atme ich freier”, holt auch einen tiefen Atemzug der Erleichterung. Es wäre ja möglich, daß man traurig ist, weil man weint, aber natürlich nicht darüber, daß man weint. Es wäre doch möglich, daß Menschen, die man, z.B. mit Hilfe von Zwiebeln, weinen macht, traurig würden; daß sie entweder im allgemeinen deprimiert würden, oder anfingen an bestimmte Geschehnisse zu denken & über sie zu trauern. Aber die Empfindungen des Weinens wären doch damit nicht ein Teil des ‘Gefühls’ der Trauer geworden.

One says, “Now that he is healthy again, I can breathe easier,” and also takes a deep breath of relief. It would be possible for one to be sad because one is crying, but of course not because one is crying. It would also be possible that people, who, for example, are made to cry with the help of onions, would become sad; that they would either become depressed in general, or begin to think about certain events and grieve over them. But the sensations of crying would not thereby become part of the ‘feeling’ of grief.

§

134a[3] &
134b[1] &
135a[1]

Wer sich unter den & den Umständen so & so benimmt, von dem sagen wir, er sei traurig. (Auch vom Hunde.) Insofern kann man nicht sagen, das Benehmen sei die Ursache der Trauer, sie ist ihr Anzeichen. Sie die Wirkung der Trauer zu nennen, wäre auch nicht einwandfrei. – Sagt er's von sich (er sei traurig) so wird er, im Allgemeinen, dafür als Grund nicht sein trauriges Gesicht u.s.w. angeben. Wie aber wäre es, wenn er sagte: “Erfahrung hat mich gelehrt, daß ich traurig werde, sobald ich anfange traurig dazusitzen, etc.”? Das könnte zweierlei heißen. Erstens: “Sobald ich, etwa einer leichten Neigung folgend, es mir gestatte, mich so & so zu halten & zu benehmen, gerate ich in den Zustand, in diesem Benehmen verharren zu müssen.” Es könnte ja sein, daß Zahnschmerzen durch Stöhnen ärger würden. Zweitens aber könnte jener Satz eine Spekulation enthalten über die Ursache(n) der menschlichen Trauer. Etwa des Inhalts, daß, wer im Stande wäre auf irgend eine Weise gewisse Körperzustände hervorzurufen, den Menschen traurig machen würde. Hier ist aber die Schwierigkeit, daß wir einen Menschen der unter allen Umständen traurig aussähe & sich benähme nicht traurig nennen würden. Ja, wenn wir einem solchen den Ausdruck “Ich bin traurig” beibrächten, & er sagte das die ganze Zeit mit dem Ausdruck der Trauer, so hätten diese Worte, so wie die übrigen Zeichen ihren normalen Sinn verloren.

Whoever behaves in such & such a way under these & those circumstances, we say that he is sad. (Also, a dog.) Insofar, one cannot say that the behaviour is the cause of the sadness, it is its sign. To call it the effect of the sadness would also not be beyond reproach. – If he says it about himself (that he is sad), then, in general, he will not cite his sad face, etc. as the reason for it. But what if he said: “Experience has taught me that I become sad as soon as I start sitting around sadly, etc.”? This could mean two things. First: “As soon as I, following a slight inclination, allow myself to behave & conduct myself in such & such a way, I get into the state of having to remain in this behaviour.” It could be that toothache is made worse by groaning. Second, however, this sentence could contain a speculation about the cause(s) of human sadness. For example, of the content that whoever is able to bring about certain bodily states in any way would make people sad. Here, however, the difficulty is that we would not call a person who looks & behaves sad under all circumstances sad. Yes, if we taught such a person the expression “I am sad,” & he said it all the time with the expression of sadness, then these words, like the other signs, would have lost their normal sense.

§

135a[2]

Fast möchte ich sagen: Man fühlt die Trauer so wenig im Körper, wie das Sehen im Auge.

I would almost like to say: One feels grief as little in the body as seeing is felt in the eye.

§

135a[3]

Könnte man einen Menschen das Kopfrechnen lehren, ohne ihn je das schriftliche, oder mündliche gelehrt zu haben, & ohne daß er es könnte. Und ich meine nicht “Gibt es irgendein Mittel ‥‥?”, sondern gibt es Umstände unter denen ich sagen würde, dieser Mensch habe das Kopfrechnen gelernt, ohne ‥‥? Ich könnte mir natürlich einen Menschen denken, der auf eine arithmetische Frage immer, oder oft die richtige Antwort sagen könnte, ohne daß wir wüßten, wie es zugeht. Aber ich wüßte nicht, ob wir von ihm sagen sollten, er rechne im Kopf.

Could one teach a person to do arithmetic in their head without ever having taught them written or spoken arithmetic, and without them being able to do it? And I don't mean, “Is there any way to do that…?”, but are there circumstances under which I would say that this person has learned to do arithmetic in their head, without…? Of course, I could imagine a person who could always, or often, give the correct answer to an arithmetic question, without us knowing how it works. But I wouldn't know if we should say that he is doing arithmetic in his head.

§

135a[4] &
135b[1]

Diese Bemerkung hängt mit dem Vorhergehenden zusammen. Es wird nämlich darauf aufmerksam gemacht, daß ein Mensch traurig, froh, etc. sein kann, ohne es zu zeigen. Und deutet das nicht daraufhin, daß wir einen unrichtigen Akzent auf den Ausdruck der Gemütsbewegung legen? Nein; der Ausdruck der Gemütsbewegung ist eben nicht einfach ein Anzeichen für ihr Vorhandensein, ihre Wirkung, aus der wir auf sie schließen; er gehört zum Begriff der Gemütsbewegung.

This remark is connected with what preceded it. It points out that a person can be sad, happy, etc., without showing it. And doesn't that suggest that we place too much emphasis on the expression of emotion? No; the expression of emotion is not simply a sign of its presence, its effect, from which we infer it; it belongs to the concept of emotion.

§

135b[2]

Einen im Anfang lehren “Das scheint rot” hat ja gar keinen Sinn. Das muß er ja spontan sagen, wenn er einmal gelernt hat, was “rot” heißt, d.i. die Technik der Wortverwendung.

Teaching a child at the beginning “This looks red” makes no sense. He must say it spontaneously, once he has learned what “red” means, i.e., the technique of using the word.

§

135b[3]

Die Grundlage jeder Erklärung ist die Abrichtung. (Das sollten Erzieher bedenken.)

The basis of every explanation is training. (Educators should consider this.)

§

135b[4]

“Nur für den ganzen Menschen gelten also diese Begriffe.” – Nein; denn manche gelten auch für Tiere.

“These concepts only apply to the whole person.” – No, because some also apply to animals.

§

135b[5]

“Wer im allgemeinen so handelt & dann manchmal so handelt, von dem sagen wir ‥‥․” Das ist eine legitime Art der Worterklärung.

“Whoever generally acts this way and then sometimes acts this way, we say…” This is a legitimate form of word explanation.

§

135b[6] &
136b[1]

“Die Gesichtsempfindung, das ist etwas viel Ungreifbareres als die Gesichtswahrnehmung. Dennoch errät das Kind, welche Empfindung wir meinen, wenn es auch noch nicht von ihr reden kann.” Die ganze Funktion der Sprache ist hier mißverstanden. Und zwar darum, weil man immer ans Bezeichnen, an den Bezug der Worte als das Besondere der Sprache denkt.

“The sensation of the face is something much more elusive than the perception of the face. Nevertheless, the child guesses what sensation we mean, even if it cannot yet talk about it.” The whole function of language is misunderstood here. This is because one always thinks of labeling, of the reference of words, as the special thing about language.

§

136a[2]

Wir neigen dazu, uns die Sache so zu denken, als wäre die Gesichtsempfindung ein anderer Gegenstand, den das Kind erkennen lernt, wenn es die ersten primitiven Sprachspiele mit Gesichtswahrnehmungen gelernt hat.

We tend to think of the matter in such a way that the facial sensation is another object that the child learns to recognize when it has learned the first primitive language-games with facial perceptions.

§

136a[3]

“Es scheint mir rot.” – “Und wie ist rot?” – “So.” Dabei muß auf das richtige Paradigma gezeigt werden.

“It seems red to me.” – “And what is red?” – “Like this.” One must point to the correct paradigm.

§

136a[4]

21.01.1948

Ich lehre Einen unter ganz bestimmten Umständen ein Wort so & so gebrauchen. Muß ich diese Umstände beschreiben können? D.h., muß ich im Stande sein, eine Beschreibung zu geben, wenn etwa eine verlangt würde? Wenn ich in einem Zimmer, das so & so eingerichtet ist, eine bestimmte Tätigkeit auszuführen gelernt habe (das Aufräumen des Zimmers etwa) & diese Technik beherrsche, so folgt doch nicht, daß ich bereit sein müsse, die Einrichtung des Zimmers zu beschreiben; auch wenn ich jede Veränderung in ihr gleich merken würde & auch sofort beschreiben könnte.

21.01.1948

I teach someone to use a word in a certain way under very specific circumstances. Must I be able to describe these circumstances? That is, must I be able to give a description if one is requested? If I have learned to perform a certain task in a room that is arranged in a certain way (e.g., tidying up the room) and I master this technique, it does not follow that I must be ready to describe the arrangement of the room, even if I would immediately notice and be able to describe any change in it.

§

136b[1]

Die Abrichtung kann allerdings in einer gewissen Umgebung Erfolg haben, & wenn sich die Umgebung ändert versagen. Aber müssen wir nicht über die Art dieser Umgebung Rechenschaft ablegen können? Müssen wir sie also nicht doch beschreiben können?

The training can indeed be successful in a certain environment, and fail when the environment changes. But must we not be able to account for the nature of this environment? Must we not be able to describe it after all?

§

136b[2]

Man könnte sich doch einen Furchtbegriff, z.B., denken, der nur auf Tiere, also rein das Benehmen betreffend Anwendung fände. – Du willst doch nicht sagen, daß so ein Begriff keinen Nutzen hätte.

One could imagine a concept of fear, for example, that only applies to animals, and therefore only relates to behavior. – Do you want to say that such a concept would be useless?

§

136b[3]

“Dieses Gesetz wurde nicht in Voraussicht solcher Fälle gegeben.” Ist es darum sinnlos?

“This law was not enacted in anticipation of such cases.” Is it therefore meaningless?

§

136b[4]

Könnte man es sich denken, daß Leute nur das Sprachspiel des ‘Vorstellens’, aber nicht das der ‘Wahrnehmung’ beherrschten? Wäre das nicht wie der Fall des Kindes das schon lesen, aber noch nicht sprechen konnte? Ich glaube diese Fälle laufen parallel.

Could one imagine that people only mastered the language-game of ‘imagining,’ but not that of ‘perception’? Wouldn't that be like the case of the child who could already read but could not yet speak? I think these cases run parallel.

§

136b[5] &
137a[1]

Klangfarbe. Warum will man von der Farbe des Klangs der Klarinette oder Flöte reden? Es ist beinahe, als könnte man, wie sie klingen, durch Farben darstellen. Nicht aber, als sei der Unterschied einer, wie zwischen Rot & Gelb etwa, sondern mehr wie der zwischen einer gewissen Art von Rot, Gelb etc. & einer andern Art dieser Farben. Also eher wie der Unterschied zwischen reinen & schmutzigen Farben. – Aber wie es Zwischenglieder, Mischungen solcher Farbarten gibt, so auch der Klangfarben, & wie es dort heller & dunkler gibt so auch hier, & so wie es dort reiner & unreiner gibt, auch hier.

Timbre. Why does one want to talk about the color of the sound of the clarinet or flute? It is almost as if one could represent how they sound through colors. But not as if the difference were one, such as between red and yellow, but more like the difference between a certain kind of red, yellow, etc., and another kind of these colors. So rather like the difference between pure and impure colors. – But just as there are intermediate stages, mixtures of these color types, so too are there timbres, and just as there are lighter and darker colors, so too here, and just as there are purer and more impure colors, so too here.

§VB

137a[2] &
137b[1]

22.01.1948

Der Traum wird bei der Freudschen Analyse sozusagen zersetzt. Er verliert seinen ersten Sinn völlig. Man könnte sich denken daß er auf dem Theater gespielt würde, daß die Handlung des Stücks manchmal etwas unverständlich aber zum Teil auch ganz verständlich wäre, oder auch doch uns schiene, & als würde nun diese Handlung in kleine Teile zerrissen & jedem Teil ein gänzlich andrer Sinn gegeben. Man könnte es sich auch so denken: Es wird auf ein großes Blatt Papier ein Bild gezeichnet & das Blatt nun solcher Art gefältelt, daß im ersten Bild ganz unzusammengehörige Stücke fürs Auge aneinanderstoßen & ein neues, sinnvolles oder sinnloses, Bild entsteht (dies wäre der geträumte Traum, das erste Bild der ‘latente Traumgedanke’). Ich könnte mir nun denken, daß Einer, der das entfaltete Bild sieht, ausriefe “Ja, das ist die Lösung, das ist, was ich geträumt habe, aber ohne Lücken & Entstellungen.” Es wäre dann eben diese Anerkennung, die die Lösung zur Lösung machte. Sowie, wenn Du beim Schreiben ein Wort suchst & nun sagst: “Das ist es, das sagt, was ich wollte!” – Deine Anerkennung, das Wort zum gefundenen, also gesuchten stempelt. (Hier könnte man wirklich sagen: erst wenn man gefunden hat, wisse man, was man gesucht hat – ähnlich wie Russell über das Wünschen redet.)

22.01.1948

In Freudian analysis, the dream is, in a sense, broken down. It loses its initial sense completely. One might imagine that it is being played out in a theater, that the plot of the play is sometimes somewhat incomprehensible, but partly also quite understandable, or at least appears so, and that this plot is now torn into small parts and each part is given a completely different sense. One could also imagine it this way: a picture is drawn on a large sheet of paper, and the sheet is now folded in such a way that in the first picture, completely unrelated pieces come together for the eye and a new, meaningful or senseless, picture emerges (this would be the dreamed dream, the first picture of the ‘latent dream thought’). I could now imagine that someone who sees the unfolded picture exclaims, “Yes, that is the solution, that is what I dreamed, but without gaps & distortions.” It would then be this recognition that makes the solution the solution. As when, while writing, one searches for a word and then says: “That is it, that says what I wanted!” – Your recognition stamps the word as found, therefore sought. (Here one could really say: only when one has found it, does one know what one was looking for – similar to what Russell says about wishing.)

§VB

137b[2] &
138a[1]

Was am Traum intriguiert, ist nicht sein kausaler Zusammenhang mit Geschehnissen meines Lebens, etc., sondern eher dies, daß er wie ein Teil einer Geschichte wirkt, & zwar ein sehr lebendiger wovon der Rest im Dunkeln liegt. (Man möchte sagen: “Woher kam diese Gestalt nur, & was ist aus ihr geworden?”) Ja; auch wenn mir Einer nun zeigt, daß diese Geschichte gar keine richtige Geschichte war; daß in Wirklichkeit eine ganz andere ihr zugrunde lag, so daß ich enttäuscht ausrufen möchte “Ach, so war es?”, so ist mir doch scheinbar etwas gestohlen worden. Freilich, die erste Geschichte zerfällt nun, wie sich das Papier auseinanderfaltet; der Mann, den ich sah, war von da genommen, seine Worte von dort, die Umgebung im Traume wieder von woanders; aber die Traumgeschichte hat dennoch ihren eigenen Reiz, wie ein Gemälde, das uns anzieht & inspiriert. Man kann nun freilich sagen, daß wir das Traumbild inspiriert betrachten, daß wir eben inspiriert sind. Denn, wenn wir einem Andern unsern Traum erzählen, so inspiriert ihn das Bild meistens nicht. Der Traum ist wie eine ausführungsschwangere Idee.

What intrigues one about the dream is not its causal connection with events in one’s life, etc., but rather that it seems like a part of a story, & indeed a very vivid one, of which the rest is obscure. (One might say: “Where did this shape come from, & what became of it?”) Yes; even if someone now shows one that this story was not really a story at all; that in reality a completely different one lay at its foundation, so that one might exclaim in disappointment “Ah, that’s how it was?”, it still seems as if something has been taken away. Of course, the first story now falls apart, as paper unfolds; the man one saw was taken from there, his words from there, the environment in the dream again from elsewhere; but the dream story still has its own appeal, like a painting that attracts & inspires us. One can, of course, say that we view the dream image in an inspired way, that we are simply inspired. For when we tell someone else our dream, the image usually does not inspire him. The dream is like an idea full of expressive potential.

§

138a[2] &
139b[1]

Was ist der Unterschied zwischen einer Gemütsbewegung & einer Stimmung. Die Stimmung ist nicht gerichtet. Man möchte sie mit einer Beleuchtung vergleichen, die auf allem was man tut, oder denkt gleichmäßig liegt. Wie wenn man sagt: “Er arbeitet langsam & unwillig”, oder “Seine Bewegungen sind energisch & sicher”, oder “hastig & zerfahren”. Die Anwendung solcher Bezeichnungen für das Benehmen sollte einem zu denken geben. Ein guter Schauspieler wird auf jede dieser Weisungen wissen, was er zu tun hat & doch vielleicht ganz außer Stande sein, es in kinematischen Begriffen zu beschreiben. Noch kann es nicht unsre Aufgabe sein den Benehmensbegriff kinematisch zu analysieren. Im Gegenteil, uns interessiert es, daß er ohne Analyse im Gebrauch ist.

What is the difference between an emotion & a mood? The mood is not directed. One would like to compare it to an illumination that lies evenly on everything one does or thinks. As when one says: “He works slowly & unwillingly,” or “His movements are energetic & sure,” or “hasty & erratic.” The application of such designations to behaviour should give one pause. A good actor will know what to do for each of these instructions, and yet may be quite incapable of describing it in kinematic terms. Nor can it be our task to analyze the concept of behaviour kinematically. On the contrary, we are interested in the fact that it is in use without analysis.

§

138b[2]

Es kann einem Buch ein Mißverständnis seiner Funktion & Bedeutung zugrunde liegen, auch wenn es sonst keine Mißverständnisse enthält.

A misunderstanding of its function & meaning can underlie a book, even if it contains no other misunderstandings.

§

138b[3]

Warum ist der Wunsch keine Gemütsbewegung? Gemütsbewegung ist eine Art Aufregung. Soll man das lebhafte Verlangen eine Gemütsbewegung nennen? Das also, was sich durch Mienenspiel, Naturlaute, Ausdrucksbewegungen äußert.

Why isn’t a wish a state of mind? A state of mind is a kind of excitement. Should one call a vivid desire a state of mind? That is to say, that which is expressed through facial expressions, natural sounds, and expressive movements.

§

138b[4] &
139a[1]

Kann man sagen, es existiere zwischen der Gemütsbewegung & ihrem Ausdruck eine Ähnlichkeit, insofern z.B. beide aufgeregt seien? (Ähnliches hat, glaube ich, Köhler gesagt.) Und wie weiß man, daß die Gemütsbewegung selbst aufgeregt sei? Der sie hat, merkt es & sagt's. – Und wenn nun Einer einmal das Gegenteil sagte? – “Aber nun sei offen & sag ob Du nicht wirklich die innere Aufregung spürst!” – Wie habe ich nur die Bedeutung des Worts “Aufregung” gelernt?

Can one say that there is a similarity between the emotion & its expression, in that, for example, both are excited? (Köhler, I believe, said something similar.) And how does one know that the emotion itself is excited? The one who has it, notices it & says so. – And if someone said the opposite? – “But now be open & say whether you don’t really feel the inner excitement!” – How did I learn the meaning of the word “excitement”?

§

139a[2]

Die falsche Auffassung, daß das Wort “Aufregung” sowohl etwas Inneres, als etwas Äußeres bedeutet. Und leugnet man dies, so wird es dahin mißverstanden, man leugne die innere Aufregung.

The false conception that the word “excitement” means both something inner, as well as something outer. And if one denies this, it is misunderstood in such a way that one denies the inner excitement.

§

139a[3]

Hat es Sinn, zu sagen “Das ist wahrscheinlich ein Sessel”, wenn man nie sagt “Das ist ein Sessel”?

Does it make sense to say “That is probably a chair” if one never says “That is a chair”?

§

139a[4]

Denke, ein Kind wäre ganz besonders gescheit, so gescheit, daß man ihm gleich die Zweifelhaftigkeit der Existenz aller Dinge beibringen kann. Es lernt also von Anfang: “Das ist wahrscheinlich ein Sessel”.

Imagine a child being exceptionally clever, so clever that one can immediately teach it about the dubiousness of the existence of all things. It thus learns from the beginning: “That is probably a chair.”

§

139a[5]

Und wie lernt es nun die Worte: “Ist das auch wirklich ein Sessel?”?

And how does it now learn the words: “Is that really a chair?”?

§

139a[6] &
139b[1]

Betreibe ich Kinderpsychologie? – Ich bringe den Begriff des Lehrens mit dem Begriff der Bedeutung in Verbindung.

Am I engaging in child psychology? – I am connecting the concept of teaching with the concept of meaning.

§

139b[2]

Einer sei ein überzeugter Realist, der Andre ein überzeugter Idealist, & lehrt seine Kinder dementsprechend. In einer so wichtigen Sache, wie der Existenz oder Nichtexistenz der äußeren Welt wollen sie ihren Kindern nichts falsches beibringen. Was wird man sie nun lehren? Auch dies, zu sagen “Es gibt physikalische Gegenstände”, beziehungsweise das Gegenteil? Wenn Einer an Feen nicht glaubt, so braucht er seine Kinder nicht lehren “Es gibt keine Feen” sondern er kann es unterlassen ihnen das Wort Fee zu lehren. Bei welcher Gelegenheit sollen sie sagen “Es gibt ‥․” oder “Es gibt nicht ‥‥”? Nur wenn sie Leute treffen, die entgegengesetzten Glaubens sind.

Let one be a convinced realist, the other a convinced idealist, and let them teach their children accordingly. In such an important matter as the existence or non-existence of the external world, they do not want to teach their children anything false. What will they teach them? Also, to say “There are physical objects,” or the opposite? If one does not believe in fairies, then one does not need to teach their children “There are no fairies,” but one can simply refrain from teaching them the word “fairy.” On what occasion should they say “There is…” or “There is not…”? Only when they encounter people with opposing beliefs.

§

139b[3]

Aber der Idealist wird den Kindern doch das Wort “Sessel” beibringen, denn er will sie ja lehren Gewisses zu tun, z.B. einen Sessel zu holen. Wo wird sich also, was die idealistisch erzogenen Kinder sagen, von dem, was die realistischen sagen, unterscheiden? Wird der Unterschied nicht nur der der Schlachtrufe sein?

But the idealist will still teach the children the word “chair,” because he wants to teach them to do something, e.g., to fetch a chair. So, in what will what the children raised in an idealist manner say differ from what the children raised in a realist manner say? Will the difference not only be that of battle cries?

§

140a[1]

Fängt denn nicht das Spiel “Das ist wahrscheinlich ein ‥‥” mit der Enttäuschung an? Und kann die anfängliche Einstellung die auf die mögliche Enttäuschung sein?

Does the game “That is probably a…” not begin with disappointment? And can the initial attitude be one of possible disappointment?

§

140a[2]

“So muß man ihm also zuerst eine falsche Sicherheit beibringen?” Es ist bei ihrem Sprachspiel von Sicherheit oder von Unsicherheit noch nicht die Rede. Erinnere Dich: sie lernen ja etwas tun.

“So, one must first teach him a false certainty?” In their language-game, there is not yet any talk of certainty or uncertainty. Remember: they are learning to do something.

§

140a[3]

“Die unbeschreibliche Beleuchtung!” Der Tonfall der Bewunderung. Und wie verständigen wir uns mit ihm?

“The indescribable illumination!” The tone of admiration. And how do we communicate with him?

§

140a[4]

Wie äußert sich denn aber der Zweifel? ich meine: im Sprachspiel, nicht einfach in gewissen Redensarten. Etwa im nähern Hinsehen, also in einer ziemlich komplizierten Tätigkeit. Aber diese Äußerung des Zweifels hat gar nicht immer Sinn, Zweck. Man vergißt eben, daß auch das Zweifeln zu einem Sprachspiel gehört.

But how does doubt manifest itself? I mean: in the language-game, not simply in certain phrases. For example, in closer inspection, i.e., in a rather complicated activity. But this manifestation of doubt does not always have sense, purpose. One simply forgets that doubting is also part of a language-game.

§

140a[5] &
140b[1]

Wie kommt es, daß der Zweifel nicht der Willkür untersteht? – Und wenn es so ist, – könnte nicht ein Kind durch seine merkwürdige Veranlagung an allem zweifeln?

How is it that doubt is not subject to arbitrariness? – And if that is so, could not a child, through its peculiar disposition, doubt everything?

§

140b[2]

Man kann erst zweifeln, wenn man Gewisses gelernt hat; wie man sich erst verrechnen kann, wenn man rechnen gelernt hat. Dann ist es freilich unwillkürlich.

One can only doubt when one has learned something; just as one can only make a mistake in calculation after one has learned to calculate. Then, of course, it is involuntary.

§

140b[3]

23.01.1948

Wenn ich daran zweifle, daß dies ein Sessel ist, – was tue ich? – Ich besehe & befühle ihn von allen Seiten, & dergl.. Ist aber diese Handlungsweise immer der Ausdruck des Zweifels? Nein. Wenn ein Affe oder ein Kind dies täte, wäre es keiner. Zweifeln kann der, der schon einen ‘Grund zum Zweifeln’ kennt.

23.01.1948

If I doubt that this is a chair, what do I do? – I look at it and feel it from all sides, and so on. But is this way of acting always an expression of doubt? No. If an ape or a child did this, it would not be. Only one who already knows a ‘reason to doubt’ can doubt.

§

140b[4] &
141a[1]

Es könnte nun wohl sein, daß ein bestimmtes primitives Benehmen sich später zum Zweifel auswächst. Es gibt z.B. ein primitives Untersuchen. (Ein Affe, der z.B. eine Zigarette zerpflückt. Einen intelligenten Hund sehen wir dergleichen nicht tun.) Das bloße hin & her Wenden & Beschauen eines Gegenstandes ist eine primitive Wurzel des Zweifels. Aber Zweifel ist nur vorhanden, wenn die typischen Antezedenzien & Konsequenzen des Zweifels da sind. Wenn der Zweifel z.B. auf vorhergehender Enttäuschung beruht; wenn er bekämpft werden kann.

It could well be that a certain primitive behavior later develops into doubt. There is, for example, a primitive form of investigation. (An ape, for example, tearing a cigarette apart. We do not see an intelligent dog doing this.) The mere turning and examining of an object is a primitive root of doubt. But doubt only exists when the typical antecedents and consequences of doubt are present. For example, when the doubt is based on previous disappointment; when it can be overcome.

§

141a[2] &
141b[1]

Wenn der Mensch die Sprache lernt, so bereichert sich sein Leben. Aber so richtig, fast selbstverständlich, das klingt, ist es doch sehr unklar. Es verändert sich sein ganzes Leben. Ist die Sprache zum Zweifeln nötig? Ich weiß es nicht. Aber eine gewisse Entwickelung seiner Fähigkeiten ist dazu nötig. Ich könnte mir das Leben eines primitiven nicht sprechenden Menschen so denken daß man zu dessen Beschreibung ohne Bedenken die Begriffe ‘Untersuchen’ & ‘Zweifeln’ verwenden würde. Ich würde aber dennoch von ‘primitiven’ Zweifeln, etc. reden. Die Sprache also, wenn sie auch dazu nicht nötig wäre, wäre doch ein weiterer Schritt in derselben Richtung, wie der vom Affen etwa, zu jenem Waldmenschen. – Ich will also sagen: Erst in einem Leben, welches Mitteilung, Frage, u.a. kennt, tritt der Zweifel (sozusagen in seiner vollen Entwicklung) als eine Erscheinung an diesen Formen des Lebens auf.

When a person learns language, their life is enriched. But even though this sounds so obvious, it is in fact quite unclear. It changes their entire life. Is language necessary for doubt? I don't know. But a certain development of one's abilities is necessary for it. I could imagine the life of a primitive, non-speaking person in such a way that the concepts ‘investigation’ & ‘doubt’ could be used in its description without any hesitation. But I would still speak of ‘primitive’ doubts, etc. Language, therefore, even if it were not necessary for it, would be a further step in the same direction, as from the ape to that forest-dweller. – So, I want to say: Only in a life that knows communication, questioning, etc., does doubt (in a sense, in its full development) emerge as a phenomenon of these forms of life.

§

141b[2]

Kann man sich ein Spiel von der Art des Fußball wie das Schach gespielt denken? So also, daß es rein mathematische Fußballprobleme gäbe. – Dazu gehörte, daß man das Spiel ‘auf dem Papier’ müßte spielen können. Anderseits kann man sich ein Spiel wie das Schach denken, aber so gespielt, daß, wer gewisse Züge machen wollte darum mit dem Gegner ringen müßte. Man könnte dann noch immer Schachprobleme auf dem Papier lösen; wer dies aber noch so gut könnte, würde dadurch nur zeigen, welche Bewegungen anzustreben seien. Und in diesem Sinne gäbe es doch auch Fußballprobleme, sozusagen strategische Probleme.

Can one imagine a game of the kind of football being played like chess? So that there would be purely mathematical football problems. – This would require that the game could be played ‘on paper’. On the other hand, one can imagine a game like chess, but played in such a way that anyone who wants to make certain moves has to struggle with the opponent. One could still solve chess problems on paper; but whoever could still do this so well would only show which moves should be aimed for. And in this sense, there would also be football problems, so to speak, strategic problems.

§

141b[3] &
142a[1]

“Es schmeckt wie Zucker.” Man erinnert sich genau & mit Sicherheit, wie Zucker schmeckt. Ich sage nicht “Ich glaube, so schmeckt Zucker.” Welch merkwürdiges Phänomen. Eben das Phänomen des Gedächtnisses. – Aber ist es richtig, es ein merkwürdiges Phänomen zu nennen? Es ist ja nichts weniger als merkwürdig. Die Sicherheit ist ja nicht nur ein Haar merkwürdiger, als es die Unsicherheit wäre. Was ist denn merkwürdig? das, daß ich mit Sicherheit sage “Das schmeckt wie Zucker, oder, daß es dann wirklich Zucker ist? Oder daß Andere dasselbe finden? Wenn das sichere Erkennen des Zuckers merkwürdig ist, so wäre es also das nicht-Erkennen nicht.

“It tastes like sugar.” One remembers exactly & with certainty how sugar tastes. I don't say “I think sugar tastes like this.” What a remarkable phenomenon. Precisely the phenomenon of memory. – But is it correct to call it a remarkable phenomenon? It is anything but remarkable. The certainty is not even slightly more remarkable than the uncertainty would be. What is remarkable? That I say with certainty “It tastes like sugar,” or that it is really sugar? Or that others find the same? If the certain recognition of sugar is remarkable, then the non-recognition would not be.

§

142a[2]

Wenn Leute (plötzlich) aufhörten in ihren Urteilen über Geschmäcke übereinzustimmen, – würde ich noch sagen: Jeder wisse jedenfalls, was er schmecke? – Würde es dann nicht klar, daß das Unsinn sei?

If people (suddenly) stopped agreeing in their judgments about tastes, – would I still say: everyone knows, after all, what they taste? – Wouldn't it then become clear that that is nonsense?

§

142a[3]

Verwirrung der Geschmäcke: Ich sage “Das ist süß”, der Andre “Das ist sauer” u.s.f.. Jemand kommt daher & sagt: “Ihr habt Alle keine Ahnung, wovon ihr sprecht. Ihr wißt gar nicht mehr, was ihr einmal einen Geschmack genannt habt.” Was wäre das Zeichen dafür, daß wir's noch wissen?

Confusion of tastes: I say “This is sweet,” the other “This is sour,” and so on. Someone comes along & says: “You all have no idea what you're talking about. You don't even know anymore what you once called a taste.” What would be the sign that we still know it?

§

142a[4]

Aber könnten wir nicht auch in dieser ‘Verwirrung’ ein Sprachspiel spielen? – Aber ist es noch das frühere? –

But couldn't we also play a language-game in this ‘confusion’? – But is it still the earlier one? –

§

142b[1]

Aber hier ist doch ein Paradox! Soll denn die Verläßlichkeit meiner Geschmacksäußerung von den Veränderungen in der Außenwelt abhängen? – Es kommt doch hier auf den Sinn des Urteils, nicht auf die Nützlichkeit an. – Wir sehen hier die Verwandtschaft mit dem ursprünglichen Sprachspiel der Wahrnehmungen.

But here is a paradox! Should the reliability of my taste judgment depend on the changes in the external world? – Here, it depends on the sense of the judgment, not on its usefulness. – We see here the kinship with the original language-game of perceptions.

§

142b[2]

24.01.1948

“Es schmeckt genau wie Zucker.” Wie kommt es, daß ich dessen so sicher sein kann? Und zwar auch wenn es sich dann als falsch herausstellt. – Und was erstaunt mich daran? Daß ich den Begriff ‘Zucker’ in eine so feste Verbindung mit dem Geschmack bringe. Daß ich die Substanz Zucker direkt im Geschmack zu erkennen scheine. Aber statt des Ausdrucks “Es schmeckt genau ‥‥” könnte ich ja primitiver den Ausruf “Zucker” verwenden. Und kann man denn sagen, bei dem Wort ‘schwebe mir die Substanz Zucker vor’? Wie täte sie das.

24.01.1948

“It tastes exactly like sugar.” How does it come about that I can be so sure of this? And that even if it turns out to be false. – And what surprises me about that? That I bring the concept ‘sugar’ into such a firm connection with the taste. That I seem to be able to recognize the substance sugar directly in the taste. But instead of the expression “It tastes exactly ‥‥,” I could use a more primitive exclamation, “Sugar.” And can one say that, with the word ‘sugar,’ the substance sugar is present in my mind? How would it do that?

§

142b[3] &
143a[1]

Kann ich sagen, dieser Geschmack brächte gebieterisch das Wort “Zucker” im Gefolge; oder aber das Bild eines Stücks Zucker? Keines von beiden scheint richtig. Ja, gebieterisch ist die Verbindung mit dem Begriff ‘Zucker’ allerdings. Und zwar ebenso wie nach dem Begriff ‘rot’ oder ‘grün’, wenn wir diese zur Beschreibung des Gesehenen verwenden.

Can I say that this taste imperatively brings the word “sugar” in its train; or rather the image of a piece of sugar? Neither of these seems correct. Yes, the connection with the concept ‘sugar’ is certainly imperative. And that is just as true as after the concept ‘red’ or ‘green,’ when we use these to describe what we see.

§

143a[2] &
143b[1]

Ich erinnere mich, daß Zucker so geschmeckt hat. Es kommt mir jenes Erlebnis in mein Bewußtsein zurück. Aber natürlich: Wie weiß ich, daß es das frühere Erlebnis ist? Das Gedächtnis hilft mir da nicht mehr. Nein, diese Worte, das Erlebnis komme zurück …, sind nur eine Umschreibung, keine Erklärung des Erinnerns. Aber wenn ich sage “Es schmeckt genau wie Zucker”, so findet eigentlich gar kein Erinnern statt. Ich erinnere mich weder eines bestimmten Erlebnisses, noch auch in verschwommener Weise einer Menge solcher Erlebnisse. Ich begründe also mein Urteil oder meinen Ausruf, nicht. Wer mich fragt “Was meinst Du mit ‘Zucker’?” – dem werde ich allerdings nun ein Stück Zucker zu zeigen trachten. Und wer fragt “Wie weißt Du, daß Zucker so schmeckt”, werde ich allerdings antworten “Ich habe 1000 mal Zucker gegessen” – aber das ist nicht eine Rechtfertigung, die ich mir selbst gebe.

I remember that sugar tasted like that. That experience comes back into my consciousness. But of course: how do I know that it is the earlier experience? Memory no longer helps me with that. No, these words, that the experience comes back…, are only a paraphrase, not an explanation of remembering. But if I say “It tastes exactly like sugar”, then actually no remembering takes place at all. I remember neither a specific experience, nor even in a vague way a number of such experiences. I therefore do not justify my judgment or my exclamation. Whoever asks me “What do you mean by ‘sugar’?” – I will, however, now try to show him a piece of sugar. And whoever asks “How do you know that sugar tastes like that”, I will, however, answer “I have eaten sugar 1000 times” – but that is not a justification that I give to myself.

§

143b[2] &
144a[1]

Ich sagte: Wenn auch die Geschmäcke sich verwirrten, könne man dennoch ein Sprachspiel spielen. Wir könnten ‘unsere Eindrücke miteinander vergleichen’. – Man könnte dieses Sprachspiel beschreiben. Aber die Umgebung wäre nun eine andere als die des uns geläufigen Sprachspiels. – Wenn wir Leute beobachteten, welche, in der Geschmacksverwirrung, ihre Eindrücke miteinander vergleichen, & sie sprächen eine uns fremde Sprache, – wir wüßten nicht, daß wir gewisse ihrer Wörter in unser “süß”, “sauer” etc. übersetzen sollten. – Und täten wir's auf gut Glück, – dürfte man sagen: ‘wir hätten vielleicht richtig übersetzt, obschon dies sich nicht herausfinden läßt’? Kann das Wort “süß” das richtige Wort für eine Empfindung sein, unter Umständen, die von denen des normalen Sprachspiels ganz verschieden sind? Ich frage nicht “Kann man unter diesen Umständen wissen, ob es das richtige ist”, sondern: Kann man sagen, daß es vielleicht das richtige ist? Aber hier ist noch ein Fehler: Von wem ist denn die Rede? Der das Wort gebraucht, wird, so nehme ich an, dabei bleiben, es sei das richtige. Er wird eben apodiktisch sagen “Das ist süß.” Aber diese Bestimmtheit wird uns doch nur dann einen Eindruck machen, wenn wir sicher sind, er wisse die Bedeutung von “süß”. Und der Fall kann eintreten, wo wir das bezweifeln.

I said: Even if tastes were confused, one could still play a language-game. We could ‘compare our impressions with one another’. – One could describe this language-game. But the environment would now be different from that of the language-game familiar to us. – If we observed people who, in the confusion of tastes, compare their impressions with one another, & they spoke a language foreign to us, – we would not know that we should translate certain of their words into our “sweet”, “sour”, etc. – And if we did so at random, – could one say: ‘we may perhaps have translated correctly, although this cannot be ascertained’? Can the word “sweet” be the right word for a sensation, under circumstances that are quite different from those of the normal language-game? I am not asking “Can one know, under these circumstances, whether it is the right one?”, but: Can one say that it may perhaps be the right one? But there is still another mistake here: Whose tastes are we talking about? The person using the word will, I assume, stick to it, maintaining that it is the right one. He will simply assert apodictically “This is sweet.” But this certainty will only make an impression on us if we are sure that he knows the meaning of “sweet”. And the case may arise where we doubt this.

§

144a[2]

Ich habe kein Recht, der Öffentlichkeit ein Buch zu geben, worin einfach die Schwierigkeiten, die ich empfinde ausgedrückt & durchgekaut sind. Denn diese Schwierigkeiten sind zwar für mich interessant, der in ihnen steckt, aber nicht notwendigerweise für die Menschheit. Denn sie sind Eigentümlichkeiten meines Denkens, bedingt durch meinen Werdegang. Sie gehören, sozusagen, in ein Tagebuch, nicht in ein Buch. Und wenn dies Tagebuch auch einmal für jemand interessant sein könnte, so kann ich's doch nicht veröffentlichen. Nicht meine Magenbeschwerden sind interessant, sondern die Mittel – if any – die ich gegen sie gefunden habe.

I have no right to publish a book that simply expresses & rehashes the difficulties I experience. Because these difficulties are interesting to me, the one who is immersed in them, but not necessarily to humanity. Because they are peculiarities of my thinking, conditioned by my personal history. They belong, so to speak, in a diary, not in a book. And even if this diary could one day be of interest to someone, I cannot publish it. It is not my stomach complaints that are interesting, but the means – if any – that I have found to combat them.

§

144a[3] &
144b[1]

25.01.1948

Die meisten Menschen, welche ein Spiel, ein Kartenspiel z.B., spielen können, sind außer Stande es einem Andern, besonders wenn dieser noch gar keine Ahnung davon hat, zu erklären. Sie sind nicht im Stande ihr Wissen darüber in irgend eine Ordnung zu bringen.

25.01.1948

Most people who can play a game, a card game for example, are unable to explain it to another person, especially if that person has no idea about it. They are unable to bring their knowledge about it into any order.

§

144b[2]

Man meldet “Es dürfte regnen”; gibt es eine Annahme “Angenommen, es dürfte regnen, ‥‥”. Und warum hat das keinen Sinn? Denn welchen Sachverhalt nehme ich an: den, daß ich dies vermute, oder den, daß es wahrscheinlich sei, daß es regne, daß ich also ein Recht zu der Vermutung habe?

One reports “It is likely to rain”; is there an assumption “Suppose it is likely to rain, …”? And why doesn’t that make sense? Because what state of affairs am I assuming: that I suspect this, or that it is probable that it will rain, that I therefore have a right to the suspicion?

§

144b[3]

Heißt nun “Ich vermute ‥‥” & “Ich habe ein Recht zu der Vermutung ‥‥” dasselbe?

Does “I suspect …” and “I have a right to the suspicion …” mean the same thing?

§

144b[4]

“Ich glaube, daß ‥‥” kann eine vorsichtige Form der Meldung sein. Die Annahme aber, ich glaubte, es verhielte sich so, ist nicht, etwa, die Annahme es habe jenen Anschein, sondern die einer, bestimmten, vielleicht ganz unberechtigten Stellungnahme meinerseits.

“I believe that ‥‥” can be a cautious form of statement. But the assumption, that I believed it was the case, is not, for instance, the assumption that it had that appearance, but rather an assumption, a specific, perhaps entirely unjustified statement on my part.

§

144b[5]

“Selbstbeobachtung lehrt mich: ich glaube das; aber Beobachtung der Außenwelt, daß es nicht so ist.”

“Introspection teaches me: I believe that; but observation of the external world, that it is not so.”