Ms-142
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§
Iv[1]Gretl von Ludwig
zu Weihnachten 1936
ein schlechtes Geschenk
Gretl von Ludwig
for Christmas 1936
a bad gift
§
IIr[1]Philosophische Untersuchungen.
Philosophical Investigations.
§
IIr[2]Angefangen anfangs November
1936
Started in early November
1936
§
IIv[1]1 Augustinus sagt (uns), der Mensch lerne seine Muttersprache so:
1 Augustine tells (us) that humans learn their native language like this:
§
1[2]1) Augustinus beschreibt, wie der Mensch die Sprache lernt, so: (Confessiones I/8)
Cum … appellabant rem aliqam et cum secundum eam vocem corpus ad aliquid movebant, videbam, et tenebam hoc ab eis vocari rem illam, quod sonabant, cum eam vellent ostendere. … ita verba in variis sententiis locis suis posita et crebro audita quarum rerum signa essent paulatim colligebam measque iam voluntates edomito … per … in eis signis ore per haec enuntiabam.
Wir erhalten, so scheint es mir, (hier) dieses Bild vom Wesen der Sprache: Ihre Wörter benennen Gegenstände; die Sätze sind Verbindungen solcher Benennungen. Hier ist das Bild, in welchem die Idee der ‘Bedeutung’ der Wörter ihre Wurzeln hat: Denn die Wörter haben Bedeutung, & die Bedeutung des Wortes ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.
Von einem Unterschied der Wortarten spricht Augustinus nicht; bei seiner Beschreibung schweben uns zunächst Hauptwörter vor, wie ‘Tisch’, ‘Brot’, ‘Baum’ & (die) Namen von Personen; die andern Wortarten schließen sich, an, aber gleichsam, gegen den Hintergrund zu.
1) Augustine describes how humans learn language as follows: (Confessiones I/8)
Cum … appellabant rem aliqam et cum secundum eam vocem corpus ad aliquid movebant, videbam, et tenebam hoc ab eis vocari rem illam, quod sonabant, cum eam vellent ostendere. … ita verba in variis sententiis locis suis posita et crebro audita quarum rerum signa essent paulatim colligebam measque iam voluntates edomito … per … in eis signis ore per haec enuntiabam.
We obtain, as it seems to me, (here) this picture of the essence of language: its words name objects; sentences are combinations of such names. Here is the picture in which the idea of the ‘meaning’ of words has its roots: for the words have meaning, & the meaning of the word is the object for which the word stands.
Augustine does not speak of a difference between types of words; in his description, we initially think of nouns, such as ‘table’, ‘bread’, ‘tree’ & (the) names of people; the other types of words are added, as it were, in the background.
§
1[3] &2[1]
2 Stelle Dir nun die folgende Verwendung der Sprache vor: Wir schicken jemand einkaufen. Wir geben ihm einen Zettel mit, auf diesem stehen die Zeichen: “fünf rote Äpfel”. Er trägt den Zettel zum Kaufmann; der öffnet die Lade, auf welcher das Zeichen “Äpfel” steht; dann sucht er in einer Tabelle das Wort “rot” auf & findet ihm gegenüber ein färbiges Täfelchen; nun sagt er die Reihe der Grundzahlwörter – ich nehme an, er weiß sie auswendig – bis zum Worte “fünf” & bei jedem Zahlwort nimmt er einen Apfel aus der Lade, der die Farbe des Täfelchens hat. – So, & ähnlich, operiert man mit Worten. – “Wie weiß er aber, wo & wie er das Wort “rot” nachschlagen soll & was er mit dem Wort “fünf” anzufangen hat?” – Nun, ich nehme eben an, er handelt, wie ich es beschrieben habe. Die Erklärungen haben irgendwo ein Ende. – Was ist aber die Bedeutung des Wortes ‘fünf’? – Von einer solchen war hier gar nicht die Rede; nur davon, wie das Wort “fünf” gebraucht wird.
2 Now imagine the following use of language: we send someone shopping. We give him a note with the signs: “five red apples”. He takes the note to the shopkeeper; the shopkeeper opens the drawer on which the sign “apples” is written; then he looks up the word “red” in a chart and finds a colored sample next to it; now he says the sequence of number words – I assume he knows them by heart – up to the word “five” & with each number word he takes an apple from the drawer that has the color of the sample. – This is how it works with words – and similarly. – “But how does he know where and how to look up the word ‘red’ and what to do with the word ‘five’?” – Well, I simply assume that he acts as I have described. Explanations have to come to an end somewhere. – But what is the meaning of the word ‘five’? – Such a thing was not mentioned here; only how the word “five” is used.
§
2[2] &3[1]
3 Der philosophische Begriff der ‘Bedeutung der Wörter’ ist in einer primitiven Idee vom Funktionieren der Sprache zu Hause
Denken wir uns eine Sprache, für die die Darstellung die Augustinus gegeben hat, gilt: Sie diene der Verständigung eines Bauenden A mit einem Gehilfen B. A führt einen Bau auf aus Bausteinen; es sind Würfel, Säulen, Platten & Balken vorhanden. B hat ihm die Bausteine zuzureichen, wie er sie gerade braucht. Zu dem Zweck bedienen sie sich einer Sprache, bestehend aus den Wörtern: “Würfel”, “Säule”, “Platte”, “Balken”. A ruft sie aus– B bringt den Stein, den er gelernt hat, auf diesen Ruf zu bringen.
Fasse dies als vollständige primitive Sprache auf!
3 The philosophical concept of the ‘meaning of words’ is at home in a primitive idea of how language functions.
Let us imagine a language for which the representation given by Augustine holds true: it serves to communicate between a builder A and an assistant B. A is building a structure from building blocks; there are cubes, columns, slabs and beams available. B has to hand them over to him as needed. To this end, they use a language consisting of the words: “cube”, “column”, “slab”, “beam”. A calls them out – B brings the stone that he has learned to bring when he hears the call.
Let us take this as a complete, primitive language!
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3[2]4 Augustinus beschreibt wohl ein System der Verständigung, eine Sprache; nur ist nicht alles, was wir Sprache nennen, dieses System.
(Und das muß man in so vielen Fällen sagen, wo sich die Frage erhebt: “ist diese Darstellung brauchbar, oder unbrauchbar”. Die Antwort ist (dann): “Ja, brauchbar; aber nur dafür, nicht für das ganze Gebiet, das Du darzustellen vorgabst.”) [Theorien der Nationalökonomiker]
Es ist, als erklärte jemand: “Spielen besteht darin, daß man Dinge, gewissen Regeln gemäß, auf einer Fläche verschiebt …”– und wir ihm antworten: Du denkst da gewiß an die Brettspiele, & auf sie ist Deine Beschreibung auch anwendbar. Aber das sind nicht alle Spiele. Du kannst also Deine Erklärung richtigstellen, indem Du sie ausdrücklich auf diese Spiele einschränkst.
4 Augustine describes, presumably, a system of communication, a language; but not everything that we call language is this system.
(And one must say this in so many cases where the question arises: “Is this representation useful, or is it useless?” The answer is (then): “Yes, it is useful; but only for this, not for the whole area that you intended to represent.”) [Theories of economists]
It is as if someone said: “Playing consists in moving things, according to certain rules, on a surface…” – and we reply to him: You are certainly thinking of board games, & your description is also applicable to them. But these are not all games. So you can correct your explanation by explicitly limiting it to these games.
§
3[3] &4[1]
5 Denke Dir eine Schrift, in welcher Buchstaben zur Bezeichnung von Lauten benützt würden, aber auch zur Bezeichnung der Betonung & ja auch als Interpunktionszeichen. Die Schrift kann man auffassen als eine Sprache zur Beschreibung eines Lautbildes. Denke Dir nun, daß Einer jene Schrift so verstünde, als entspräche einfach jedem Buchstaben ein Laut & als hätten die Buchstaben nicht auch ganz andere Funktionen. – So einer – zu einfachen – Auffassung der Schrift gleicht Augustinus' Auffassung der Sprache.
5 Imagine a script in which letters are used to designate sounds, but also to designate stress and even as punctuation marks. One can conceive of the script as a language for describing a sound image. Now imagine that someone understands this script in such a way that it simply corresponds to a sound for each letter and that the letters do not have entirely different functions. – Such a simple understanding of the script is similar to Augustine's understanding of language.
§
4[2]6 Wenn man das Beispiel (2) betrachtet, so ahnt man vielleicht, inwiefern der allgemeine Begriff der Bedeutung der Worte das Funktionieren der Sprache mit einem Dunst umgibt, so daß es beinahe unmöglich wird es zu verstehen. Darum ist es gut, wenn wir die Vorgänge des Gebrauchs der Sprache an primitiven Verwendungsarten der Sprache betrachten. Solche primitive Formen der Sprache verwendet das Kind, wenn es sprechen lernt. Das Lehren der Sprache ist hier kein Erklären, sondern ein Abrichten.
6 If one considers example (2), one may perhaps guess to what extent the general concept of the meaning of words surrounds the functioning of language with a haze, so that it becomes almost impossible to understand it. Therefore, it is good if we consider the processes of the use of language in primitive forms of language. Such primitive forms of language are used by the child when it learns to speak. The teaching of language here is not an explanation, but a training.
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4[3] &5[1] &
6[1]
7 Wir könnten uns vorstellen, daß die Sprache (3) die ganze Sprache des A und B ist; ja die ganze Sprache eines Stammes. Die Kinder werden dazu erzogen diese Tätigkeiten zu verrichten, diese Wörter dabei zu gebrauchen, & so auf die Worte des Andern zu reagieren. Ein wichtiger Teil der Abrichtung wird darin bestehen, daß der Lehrende auf die Gegenstände weist, die Aufmerksamkeit des Kindes auf sie lenkt, und dabei ein Wort ausspricht; z.B. das Wort ‘Platte’ beim Vorzeigen dieser Form. (Dies will ich nicht ‘hinweisende Erklärung’, oder ‘Definition’, nennen, weil ja das Kind noch nicht nach der Benennung fragen kann. Ich will es ‘hinweisendes Lehren der Wörter’ nennen. – Ich sage, es wird einen wichtigen Teil der Abrichtung bilden, weil es bei Menschen so der Fall ist, nicht, weil es sich nicht anders vorstellen ließe.) Dieses hinweisende Lehren der Wörter, kann man sagen, macht eine assoziative Verbindung zwischen dem Wort & dem Ding. Aber was heißt das? Nun es kann Verschiedenes heißen, – aber man denkt wohl zunächst daran, daß dem Kind das Bild des Dings vor die Seele tritt wenn es das Wort hört. Aber wenn das nun geschieht – ist das der Zweck des Worts? – Ja, es kann der Zweck sein. – Ich kann mir eine solche Verwendung von Wörtern (d.h. also Lautreihen) denken. (Ihr Aussprechen ist gleichsam ein Anschlagen einer Taste auf dem Vorstellungsklavier.) Aber in der Sprache (3) ist es nicht der Zweck der Wörter Vorstellungen zu erwecken. (Es kann freilich auch gefunden werden, daß dies dem eigentlichen Zweck förderlich ist.) Wenn aber das das hinweisende Lehren bewirkt, – soll ich sagen, es bewirkt das Verstehen des Worts? Versteht nicht der den Ruf “Platte!”, der richtig nach ihm handelt? – Aber dies half wohl das hinweisende Lehren herbeiführen, aber doch nur zusammen mit einem bestimmten Unterricht. Mit einem anderen Unterricht hätte dasselbe hinweisende Lehren dieser Wörter ein ganz anderes Verständnis bewirkt. – Davon später mehr. – “Indem ich die Stange durch den Stift mit dem Hebel verbinde, setze ich die Bremse instand.” – Ja – gegeben den ganzen übrigen Mechanismus. Nur mit diesem ist er der Bremshebel; & losgelöst von seiner Stütze ist er nicht einmal Hebel, sondern kann alles mögliche sein, oder nichts.
7 We could imagine that language (3) is the entire language of A and B; yes, the entire language of a tribe. The children are trained to perform these activities, to use these words in doing so, & thus to react to the other's words. An important part of the training will consist in the teacher pointing to the objects, directing the child's attention to them, while uttering a word; e.g., the word ‘slab’ while showing this shape. (I do not want to call this an ‘ostensive explanation’ or ‘definition,’ because the child cannot yet ask about the naming. I want to call it ‘ostensive teaching of the words.’ – I say that this will form an important part of the training, because this is the case with people, not because it cannot be imagined otherwise.) This ostensive teaching of the words, one might say, creates an associative connection between the word & the thing. But what does that mean? Well, it can mean various things – but one probably thinks first of all that the image of the thing comes before the child's mind when it hears the word. But if that happens – is that the purpose of the word? – Yes, it can be the purpose. – I can imagine such a use of words (i.e., of sound sequences). (Their utterance is as if one were striking a key on the keyboard of the imagination.) But in language (3), it is not the purpose of the words to evoke images. (It may, of course, also be found that this is conducive to the actual purpose.) But if this is what the ostensive teaching brings about – shall I say that it brings about the understanding of the word? Doesn't the one who acts correctly in response to the call ‘slab!’ understand? – But this probably helped bring about the ostensive teaching, but only together with a certain instruction. With a different instruction, the same ostensive teaching of these words would have brought about a completely different understanding. – More about this later. – “By connecting the rod to the lever with the pin, I put the brake in order.” – Yes – given the entire remaining mechanism. Only in this context is it the brake lever; & detached from its support, it is not even a lever, but can be anything, or nothing.
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6[2]8 In der Praxis des Gebrauchs der Sprache (3) ruft der eine Teil die Wörter, der andre handelt nach ihnen, im Unterricht der Sprache aber wird sich dieser Vorgang finden: der Lernende benennt die Gegenstände; d.h., er spricht das Wort, wenn der Lehrer auf den Stein zeigt. – Ja, es wird sich hier die noch einfachere Übung finden: Der Schüler spricht die Worte nach, die der Lehrer ihm vorspricht: Beides sprachähnliche Vorgänge. Wir können uns auch vorstellen daß der ganze Vorgang des Gebrauchs der Worte in (3) eines jener Spiele ist, mittels welcher Kinder die Sprache erlernen. Ich will diese “Sprachspiele” nennen, & von einer primitiven Sprache manchmal als von einem “Sprachspiel” reden. Und man könnte die Vorgänge des Benennens der Steine und des Nachsprechens des vorgesagten Wortes auch Sprachspiele nennen. Denke an manchen Gebrauch der von den Worten in Reigenspielen gemacht wird.
8 In the practice of using language (3), one person names the words, the other acts according to them; but in the instruction of language, this process will be found: the learner names the objects; that is, he says the word when the teacher points to the stone. – Yes, here the even simpler exercise will be found: the pupil repeats the words that the teacher says to him: both are language-similar processes. We can also imagine that the whole process of using the words in (3) is one of those games by means of which children learn language. I want to call these “language-games,” and sometimes speak of a primitive language as a “language-game.” And one could also call the processes of naming the stones and repeating the spoken word language-games. Think of some use of the words in building games.
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7[1]9 Sehen wir jetzt eine Erweiterung der Sprache (3) an: Außer den 4 Wörtern “Würfel”, “Säule”, etc. enthalte sie eine Wörterreihe, die verwendet wird, wie der Kaufmann in (2) die Zahlwörter verwendet, sie kann die Reihe der Buchstaben des Alphabets sein; ferner: zwei Wörter, sie mögen “dorthin” & “dieses” lauten, weil dies schon ungefähr ihren Zweck andeutet, – sie werden in Verbindung mit einer zeigenden Handbewegung gebraucht; & endlich: Täfelchen von verschiedenen Farben A gibt nun einen Befehl von der Art: “d Platte dorthin” – dabei läßt er den Gehilfen ein Farbtäfelchen sehen, & beim Worte “dorthin” zeigt er an einen Ort. B nimmt von dem Vorrat der Platten je eine von der Farbe des Täfelchens für jeden Buchstaben des Alphabets bis zum “d” & bringt sie an den Ort den A bezeichnet. – Bei andren Gelegenheiten gibt A den Befehl “dieses dorthin” – bei “dieses” zeigt er auf einen Baustein – u.s.w..
9 Let us now consider an extension of the language (3): in addition to the 4 words “cube,” “pillar,” etc., it contains a series of words that are used as the merchant in (2) uses the number words; it can be the series of letters of the alphabet; furthermore: two words, let them be “thither” & “this,” because this already roughly indicates their purpose, – they are used in conjunction with a pointing gesture; and finally: tablets of various colors. A now gives a command of the kind: “d plate thither” – he shows the assistant a colored tablet, and when he says “thither” he points to a place. B takes from the stock of tablets one of the color of the tablet for each letter of the alphabet up to “d” and brings them to the place that A indicates. – On other occasions, A gives the command “this thither” – at “this” he points to a building block – etc..
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7[2] &8[1]
10 Wenn das Kind diese Sprache lernt, muß es die Reihe der ‘Zahlwörter’ “a, b, c, …” auswendig lernen. – Und es muß ihren Gebrauch lernen: Wird in diesem Unterricht auch ein hinweisendes Lehren der Wörter vorkommen? – Nun, es wird z.B. auf Platten gewiesen & gezählt werden: “a, b, c, Platten”. – Mehr Ähnlichkeit mit dem hinweisenden Lehren im Beispiel (3) hätte das hinweisende Lehren der Zahlwörter, sofern sie nicht zum Zählen dienen, sondern zur Bezeichnung mit dem Auge unterscheidbarer Gruppierungen von Dingen. So lernen ja die Kinder den Gebrauch der Grundzahlwörter von “eins” bis “fünf” oder “sechs”.
Wird auch “dorthin” und “dieses” hinweisend gelehrt? – Stelle Dir vor, wie man ihren Gebrauch etwa lehren könnte! Es wird dabei auf Örter & Dinge gewiesen werden, – aber hier geschieht ja dieses Zeigen auch im Gebrauch der Wörter & nicht nur beim Lernen des Gebrauchs. –
10 If the child learns this language, it must memorize the series of ‘number words’ “a, b, c, …”. – And it must learn their use: will ostensive teaching of the words also occur in this instruction? – Well, for example, tablets will be pointed to and counted: “a, b, c, tablets.” – More similarity with the ostensive teaching in example (3) would be had by the ostensive teaching of the number words, insofar as they do not serve for counting, but for the designation of things distinguishable by eye. This is how children learn the use of the cardinal numbers from “one” to “five” or “six.”
Is “thither” and “this” also taught ostensively? – Imagine how one could teach their use! In doing so, one would point to places & things, – but here this pointing also happens in the use of the words & not only in learning the use.
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8[2] &9[1] &
10[1]
11 Was bezeichnen nun die Wörter dieser Sprache? – Was sie bezeichnen, – wie soll sich das zeigen, – es sei denn in der Art ihres Gebrauchs? Und den haben wir ja beschrieben. Der Ausdruck “dieses Wort bezeichnet das” müßte also ein Teil dieser Beschreibung werden. Oder: die Beschreibung soll auf die Form gebracht werden: “Das Wort … bezeichnet …”. Nun, man kann ja die Beschreibung der Verwendung des Wortes “Platte” dahin abkürzen, daß man sagt, dieses Wort bezeichne diesen Gegenstand. Das wird man tun, wenn es sich z.B. nur mehr darum handelt, das Mißverständnis zu vermeiden, das Wort “Platte” beziehe sich auf die Bausteinform, die wir tatsächlich “Würfel” nennen; die Art & Weise dieses ‘Bezuges’ aber, d.h. der Gebrauch dieser Worte im übrigen, bekannt ist. Und ebenso kann man sagen, die Zeichen a, b, c, etc. bezeichnen Zahlen, wenn dies etwa das Mißverständnis behebt a, b, c spielten in der Sprache die Rolle, die in Wirklichkeit “Würfel”, “Säule”, “Platte” spielen. Und man kann auch sagen ‘C’ bezeichne diese Zahl & nicht jene, – wenn damit etwa erklärt wird, die Buchstaben seien in der Reihenfolge a b c d etc. zu verwenden & nicht a b d c. Aber dadurch, daß man so die Beschreibungen des Gebrauchs der Wörter einander assimiliert, kann doch dieser Gebrauch nicht ähnlicher werden! Denn, wie wir sehen, ist die Art & Weise ihres Gebrauchs ganz & gar verschieden. Denk' an die Werkzeuge in einem Werkzeugkasten: Es ist da ein Hammer, eine Zange, eine Säge, ein Schraubenzieher, ein Maßstab, ein Leimtopf, Leim, Nägel & Schrauben. – So verschieden die Funktionen dieser Werkzeuge, so verschieden sind die Funktionen der Wörter. (Und es gibt Ähnlichkeiten hier & dort.) 12
Denke dir, jemand sagte: “Alle Werkzeuge dienen dazu, etwas zu modifizieren. So der Hammer die Lage des Nagels, die Säge die Form des Brett's, etc.” – Und was modifiziert der Maßstab, der Leimtopf, die Nägel? – “Unser Wissen um die Länge eines Dings, die Temperatur des Leims und die Festigkeit der Kiste.” – Wäre mit dieser Assimilation des Ausdrucks etwas gewonnen? –
11 What do the words of this language designate? – What they designate – how is this to be shown, if not in the manner of their use? And we have, after all, described this use. The statement “this word designates that” would then have to become part of this description. Or: the description should be put in this form: “The word … designates …”. Well, one can shorten the description of the use of the word “plate” to the effect that this word designates this object. One would do this if, for example, it is only a question of avoiding the misunderstanding that the word “plate” refers to the building block that we actually call “cube”; the manner of this ‘reference’, i.e. the use of these words in other respects, is known. And similarly one can say that the signs a, b, c, etc. designate numbers, if this perhaps corrects the misunderstanding that a, b, c play in the language the role that “cube”, “column”, “plate” actually play. And one can also say that ‘C’ designates this number and not that one – if this, for example, explains that the letters are to be used in the order a b c d etc. and not a b d c. But by assimilating the descriptions of the use of the words in this way, can this use become any more similar? For, as we see, the manner of their use is quite different. Think of the tools in a toolbox: there is a hammer, a pair of pliers, a saw, a screwdriver, a standard, a glue pot, glue, nails & screws. – So different are the functions of these tools, so different are the functions of the words. (And there are similarities here and there.) 12
Imagine someone says: “All tools serve to modify something. Thus the hammer modifies the position of the nail, the saw the shape of the board, etc.” – And what does the standard, the glue pot, the nails modify? – “Our knowledge of the length of a thing, the temperature of the glue and the strength of the box.” – Would anything be gained by this assimilation of the expression? –
§
10[2] &11[1]
12 Freilich, was uns verwirrt ist die Gleichförmigkeit ihrer Erscheinung, wenn sie uns gesprochen oder in der Schrift & im Druck entgegentreten. Denn ihre Verwendung ist nicht so klar vor Augen Besonders nicht, wenn wir philosophieren! Wie wenn wir ein Schaltbrett ansehen: wir sehen Handgriffe, die alle mehr oder weniger gleich ausschauen. (Begreiflich; denn sie sollen alle mit der Hand angefaßt werden.) Aber einer ist der Handgriff einer Kurbel, die kontinuierlich verstellt werden kann (sie reguliert etwa die Öffnung eines Ventils); ein andrer ist der Handgriff eines Schalters, der nur zweierlei wirksame Stellungen hat, er ist (entweder) umgelegt, oder aufgestellt; ein dritter ist der Griff eines Bremshebels, je stärker wir ziehen, desto stärker wird gebremst; ein vierter der einer Pumpe, er wirkt nur, solange er hin & her bewegt wird. Wenn wir sagen: “jedes Wort der Sprache bezeichnet etwas”, so ist damit vorerst noch gar nichts gesagt; es sei denn, daß wir genau erklärten, welche Unterscheidung wir zu machen wünschen. (Es könnte ja sein, daß wir die Wörter der Sprache (9) von Wörtern ‘ohne Bedeutung’ unterscheiden wollen, wie sie in Gedichten Lewis Carrolls vorkommen.)
12 Indeed, what confuses us is the uniformity of their appearance, when they are spoken or appear in writing & in print. For their _use</em is not so clearly before our eyes, especially when we are philosophizing! As when we look at a switchboard: we see actions, all of which look more or less the same. (Understandable; because they are all to be touched with the hand.) But one is the action of a crank that can be continuously adjusted (it regulates, for example, the opening of a valve); another is the action of a switch that has only two effective positions, it is (either) flipped or upright; a third is the handle of a brake lever, the harder we pull, the stronger it brakes; a fourth is that of a pump, it only works as long as it is moved back and forth. If we say: “every word in the language designates something”, this does not yet say anything in itself; unless we explain exactly which distinction we wish to make. (It could be that we want to distinguish the words of the language (9) from words ‘without meaning’, as they occur in the poems of Lewis Carroll.)
§
11[2]13 Am besten ist das Wort “bezeichnen” wohl da angewandt, wo das Zeichen auf dem Gegenstand steht, den es bezeichnet. Nimm also an, auf Werkzeugen, die A beim Bauen benützt, stünden Zeichen. Zeigt A dem Gehilfen ein solches Schriftzeichen, so bringt dieser das Werkzeug, das mit diesem Zeichen bezeichnet ist. Auf diese & mehr oder weniger ähnliche Weise bezeichnet ein Name ein Ding, & ist ein Name einem Ding gegeben. (Davon später mehr.) – Es wird sich oft nützlich erweisen, wenn wir uns beim Philosophieren sagen: Etwas benennen, das ist etwas Ähnliches, wie, einem Ding ein Namentäfelchen umhängen. –
13 The word “designate” is probably best applied when the sign is on the object it designates. So assume that on tools that A uses in building, there are signs. If A shows the assistant one of these signs, the latter brings the tool that is designated by this sign. In this and more or less similar ways, a name designates a thing, and a name is given to a thing. (More on this later.) – It will often prove useful if, when philosophizing, we say: to name something is something similar to hanging a name tag around a thing. –
§
11[3]14 Wie ist es mit den Farbmustern, die A dem B zeigt, – gehören sie zur Sprache? Nun, wie man will. Zur Wortsprache gehören sie nicht; aber wenn ich jemandem sagte: “Sage das Wort ‘das’ aus”, so wirst Du doch dieses zweite “‘das’” auch noch zum Satz rechnen. Und doch spielt es eine ganz ähnliche Rolle, wie ein Farbtäfelchen im Sprachspiel (9); es ist nämlich ein Muster dessen, was er sagen soll, wie das Farbtäfelchen ein Muster dessen, was B bringen soll. Es ist das Natürlichste & richtet am wenigsten Verwirrung an, wenn wir die Muster zu den Instrumenten der Sprache rechnen.
14 What about the color samples that A shows to B – do they belong to language? Well, as one wishes. They do not belong to word-language; but if I were to say to someone: “Say the word ‘the’”, surely you would still count this second ‘the’ as part of the sentence. And yet it plays a very similar role to a color chart in the language-game (9); namely, it is a sample of what he is to say, just as the color chart is a sample of what B is to bring. It is the most natural thing, and causes the least confusion, if we count the samples as among the instruments of language.
§
12[1]15 Wir werden sagen können: in der Sprache (9) haben wir verschiedene Wortarten. Denn die Funktion von “Platte” und von “Würfel” ist ähnlicher, als die von “Platte” und von “d”. Wie wir aber die Worte nach Arten zusammenfassen, wird von unserem Zweck abhängen, & von unserer Neigung. Denke an die verschiedenen Weisen, wie man Werkzeuge in Werkzeugarten einteilen könnte. Oder Schachfiguren in Figurenarten.
15 We will be able to say: in language (9), we have different parts of speech. For the function of “plate” and of “cube” is more similar than that of “plate” and of “d”. How we group the words according to types will depend on our purpose, & on our inclination. Think of the different ways in which one could classify tools into types of tools. Or chess pieces into types of pieces.
§
12[2] &13[1]
16 Daß die Sprachen (3) & (9) nur aus Befehlen bestehen, laß dich nicht stören. Willst Du sagen sie sei darum nicht komplett, so frage ich, ob unsere Sprache komplett ist, – ob sie es war, ehe ihr der chemische Symbolismus & die Infinitesimalrechnung einverleibt wurden; denn dies sind, sozusagen, Vorstädte unserer Sprache. (Und mit wieviel Häusern, oder Straßen, fängt eine Stadt an, Stadt zu sein?) Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: ein Wirrwarr von Gäßchen, Plätzen, alten, neuen & unzählige Male renovierten Häusern; & dies umgeben von neuen Vororten mit geraden& regelmäßigen Straßen & mit einförmigen Häusern. Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen, die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht. – Oder eine Sprache, die nur aus Fragen besteht und einem Ausdruck der Bejahung & der Verneinung. Und unzähliges andre. – Und sich eine Sprache vorstellen heißt, (sich) eine Lebensform vorstellen.
16 Do not let the fact that the languages (3) & (9) consist only of commands disturb you. If you want to say that this is why they are not complete, I ask whether our language is complete – whether it was so before the chemical symbolism and the infinitesimal calculus were incorporated into it; for these are, so to speak, suburbs of our language. (And with how many houses, or streets, does a city begin to be a city?) One can think of our language as an old city: a jumble of alleys, squares, old, new, and countless times renovated houses; and this surrounded by new suburbs with straight and regular streets and with monotonous houses. One can easily imagine a language that consists only of commands and reports in battle. – Or a language that consists only of questions and one expression of affirmation and one of negation. And countless other things. – And to imagine a language is to imagine a form of life.
§
13[2] &14[1]
17 Wie ist es aber, ist der Ruf “Platte!” im Beispiel (3) ein Satz, oder ein Wort? – Wenn ein Wort, so hat es doch nicht dieselbe Bedeutung, wie das gleichlautende unserer gewöhnlichen Sprache, denn in der Sprache (3) ist es ja ein Ruf; wenn aber ein Satz, so ist es doch nicht der elliptische Satz “Platte!” unserer Sprache. – Was die erste Frage anbelangt, so kannst Du “Platte!” ein Wort, & auch einen Satz nennen, vielleicht treffend einen ‘degenerierten Satz’ (wie man von einer degenerierten Parabel spricht). Und zwar ist es eben unser ‘elliptischer’ Satz. – Aber der ist doch nur eine Abkürzung des Satzes “Bring mir eine Platte!” & diesen Satz gibt es doch im Beispiel (3) nicht. – Aber warum sollte ich nicht, umgekehrt, den Satz “Bring mir eine Platte!” eine Verlängerung des Satzes “Platte!” nennen? – Weil der, der “Platte!” ruft, eigentlich meint: “Bring mir eine Platte!”. – Aber wie machst Du das, dies meinen, während Du “Platte” sagst? Sprichst Du Dir dabei inwendig den unverkürzten Satz vor? Und warum soll man, um zu sagen, was Du mit dem Ruf “Platte!” meinst, diesen Ausdruck in den andern übersetzen? Und wenn sie das Gleiche bedeuten, – warum soll ich nicht sagen: “Wenn Du ‘Platte!’ sagst, meinst Du ‘Platte!’”? – Oder: Warum sollst Du nicht “Platte!” meinen können, wenn Du “Bring mir die Platte!” meinen kannst? – Aber wenn ich ‘Platte!’ rufe, so will ich doch, er soll mir eine Platte bringen! – Gewiß, – aber besteht ‘dies wollen’ darin, daß Du in irgend einer Form einen andern Satz denkst, als den, den Du sagst? –
17 But how is it, is the cry “Plate!” in example (3) a sentence, or a word? – If a word, then it does not have the same meaning as the identically sounding one in our ordinary language, for in language (3) it is, after all, a cry; but if a sentence, then it is not the elliptical sentence “Plate!” of our language. – Regarding the first question, you can call “Plate!” a word, and also a sentence, perhaps aptly a ‘degenerate sentence’ (as one speaks of a degenerate parabola). And in fact, it is precisely our ‘elliptical’ sentence. – But it is only an abbreviation of the sentence “Bring me a plate!” and this sentence does not exist in example (3). – But why shouldn’t I, conversely, call the sentence “Bring me a plate!” an extension of the sentence “Plate!”? – Because the one who cries “Plate!” actually means: “Bring me a plate!”. – But how do you do that, this meaning, while you say “Plate”? Do you recite the unabbreviated sentence to yourself internally? And why should one, in order to say what you mean by the cry “Plate!”, translate this expression into the other? And if they mean the same thing, why shouldn’t I say: “When you say ‘Plate!’, you mean ‘Plate!’”? – Or: Why shouldn’t you be able to mean “Plate!” when you can mean “Bring me the plate!”? – But when I cry “Plate!”, I do want, I want him to bring me a plate! – Certainly – but does ‘this wanting’ consist in the fact that you think, in some form, another sentence than the one you say?
§
14[2] &15[1]
18 “Aber wenn nun Einer sagt “Bring mir eine Platte!”, so scheint es ja jetzt, als könnte er diesen Ausdruck als ein langes Wort meinen, – entsprechend nämlich dem einen Wort ‘Platte!’” – Kann man also jenen Satz einmal als ein Wort, einmal als vier Wörter meinen? Und wie meint man ihn gewöhnlich? – Ich glaube, wir werden geneigt sein, zu sagen: wir meinen den Satz als einen von vier Wörtern, wenn wir ihn im Gegensatz zu andern Sätzen gebrauchen, wie: “Reich mir eine Platte zu”, “Bring ihm eine Platte”, “Bring zwei Platten”, etc.; also im Gegensatz zu Sätzen, welche die Wörter unseres Befehls in andern Verbindungen gebrauchen. – Aber worin besteht es, einen Satz im Gegensatz zu andern Sätzen gebrauchen? Schweben einem dabei etwa diese Sätze vor? Und alle? Und während man den einen Satz sagt, oder vor-, oder nachher? – Nein! Wenn auch so eine Erklärung einige Versuchung für uns hat, so brauchen wir doch nur einen Augenblick zu bedenken, was wirklich geschieht, um zu sehen, daß wir hier auf falschem Weg sind. Wir sagen, wir gebrauchen den Befehl im Gegensatz zu andern Sätzen, weil unsere Sprache die Möglichkeit zu diesen andern Sätzen enthält. Wer unsere Sprache nicht versteht, ein Ausländer, der öfter gehört hätte, wie jemand den Befehl gibt “Bring mir eine Platte!”, könnte der Meinung sein, diese ganze Lautreihe sei ein Wort & entspräche etwa dem Wort für “Baustein” in seiner Sprache. Wenn er selbst dann diesen Befehl zu geben hätte, würde er ihn vielleicht anders aussprechen, & wir würden sagen: er spricht ihn so sonderbar aus, weil er ihn für ein Wort hält. – Aber geht also nicht, wenn er ihn ausspricht, eben auch etwas anderes in ihm vor, dem entsprechend daß er unsern Satz als ein Wort auffaßt? Es kann das Gleiche in ihm vorgehen, oder auch anderes. Was geht denn in Dir vor, wenn Du so einen Befehl gibst; bist Du Dir bewußt, daß er aus vier Wörtern besteht, während Du ihn aussprichst? Freilich, Du beherrschst diese Sprache – in der es auch jene andern Sätze gibt – aber ist dieses Beherrschen etwas, was Du tust, während Du den einen Satz aussprichst? – Und ich habe ja zugegeben: der Fremde wird den Satz, den er falsch auffaßt, wahrscheinlich anders aussprechen; aber was wir die falsche Auffassung nennen muß nicht in irgend etwas liegen, was das Aussprechen des Befehls begleitet. (Davon später mehr.)
18 “But if someone says ‘Bring me a plate!’, it seems as if he could mean this expression as one long word – corresponding, namely, to the one word ‘Plate!’” – Can one then mean this sentence sometimes as one word, sometimes as four words? And how does one usually mean it? – I think we will be inclined to say: we mean the sentence as one of four words, when we use it in contrast to other sentences, such as: “Hand me a plate,” “Bring him a plate,” “Bring two plates,” etc.; that is, in contrast to sentences which use the words of our command in other combinations. – But what does it consist of, to use a sentence in contrast to other sentences? Does one have these sentences in mind at the same time? And all of them? And while one says the one sentence, or before, or after? – No! Although such an explanation has some appeal for us, we only need to consider for a moment what actually happens, in order to see that we are on the wrong track here. We say that we use the command in contrast to other sentences, because our language contains the possibility of these other sentences. Someone who does not understand our language, a foreigner who has often heard someone give the command “Bring me a plate!,” might believe that this entire sequence of sounds is one word & corresponds to the word for “brick” in his language. If he himself were to have to give this command, he might pronounce it differently, & we would say: he pronounces it so strangely because he thinks it is one word. – But doesn’t something else also happen in him when he pronounces it, something that corresponds to the fact that he regards our sentence as one word? It could be the same thing that happens in him, or something different. What happens in you when you give such a command; are you conscious that it consists of four words, while you are pronouncing it? Of course, you master this language – in which there are also those other sentences – but is this mastery something that you do while you are pronouncing the one sentence? – And I have admitted: the foreigner will probably pronounce the sentence that he misunderstands differently; but what we call the false understanding need not lie in anything that accompanies the pronunciation of the command. (More about this later.)
§
15[2] &16[1]
19 ‘Elliptisch’ ist der Satz nicht, weil er etwas ausläßt, was wir meinen, wenn wir ihn aussprechen, sondern weil er gekürzt ist im Vergleich mit einem bestimmten Standard unserer Grammatik. – Man könnte hier freilich den Einwand machen: “Du gibst zu, daß der verkürzte & der unverkürzte Satz den gleichen Sinn haben. – Welchen Sinn haben sie also? Gibt es denn für diesen Sinn nicht einen Wortausdruck?” Und welcher Satz ist also sein Wortausdruck? – Aber besteht der gleiche Sinn der Sätze nicht in ihrer gleichen Verwendung? – (Im Russischen heißt es “Stein rot”, statt “der Stein ist rot”; – geht ihnen die Kopula im Sinn ab? oder denken sie sie dazu? –)
19 The sentence is not ‘elliptical’ because it omits something that we mean when we pronounce it, but because it is shortened in comparison with a certain standard of our grammar. – One could, of course, raise the objection here: “You admit that the shortened & the unshortened sentence have the same sense. – What sense do they have then? Is there not a verbal expression for this sense?” And which sentence is then its verbal expression? – But does not the same sense of the sentences consist in their same use? – (In Russian, it says “stone red,” instead of “the stone is red”; – do they lack the copula in their sense, or do they think it in? –)
§
16[2] &17[1]
20 Man kann sich auch leicht ein Sprachspiel denken, in dem B dem A auf dessen Frage die Anzahl der Platten oder Würfel in einem Stoß meldet, oder die Farben und Formen der Bausteine die dort und dort liegen. So eine Meldung könnte also lauten: “fünf Platten”. Was ist nun der Unterschied zwischen der Meldung, oder Behauptung, “fünf Platten.” & dem Befehl “fünf Platten!”? – Nun, die Rolle, die das Aussprechen dieser Worte im Sprachspiel spielt. Aber es wird wohl auch der Ton, mit dem sie ausgesprochen werden, ein andrer sein, & die Miene, & noch manches andre. Aber wir können uns auch denken, daß der Ton der gleiche ist – denn ein Befehl & eine Meldung können in mancherlei Ton ausgesprochen werden & mit mancherlei Gebärden, etc., – & daß der Unterschied allein in der Verwendung liegt. – (Freilich könnten wir auch die Worte “Behauptung” und “Befehl” zur Bezeichnung einer grammatischen Satzform & eines Tonfalls gebrauchen, wie man ja den Satz “Ist das Wetter heute nicht herrlich?” eine Frage nennen wird, obwohl er wie eine Behauptung verwendet wird. Wir könnten uns eine Sprache denken, in der alle Behauptungen die Form & den Ton der rhetorischen Frage hätten, oder jeder Befehl in der Form gegeben wird “Möchtest Du das tun?”. Man wird dann vielleicht sagen: “Was er sagt, hat die Form der Frage ist aber eigentlich ein Befehl”, d.h., hat die Funktion des Befehls in der Praxis der Sprache. (Ähnlich sagt man “Du wirst das tun”, nicht als Prophezeiung sondern als Befehl. Was macht es zu dem einen, was zu dem andern?)
20 One can easily imagine a language-game in which B, in response to A’s question, states the number of plates or cubes in a stack, or the colors and shapes of the building blocks lying there and there. Such a statement could, for example, be: “five plates.” What is now the difference between the statement, or assertion, “five plates,” & the command “five plates!”? – Well, the role that the utterance of these words plays in the language-game. But it will probably also be the case that the tone of voice in which they are uttered is different, & the facial expression, & many other things. But we can also imagine that the tone is the same – because a command & a statement can be uttered in many different tones & with many different gestures, etc. – & that the difference lies solely in the use. – (Of course, we could also use the words “assertion” & “command” to designate a grammatical sentence form & a tone of voice, just as we call the sentence “Isn’t the weather lovely today?” a question, even though it is used as an assertion. We could imagine a language in which all assertions have the form & the tone of a rhetorical question, or every command is given in the form “Would you like to do that?” One might then say: “What he says has the form of a question but is actually a command,” i.e., has the function of a command in the practice of language. (Similarly, one says “You will do that,” not as a prophecy but as a command. What makes it the one, what makes it the other?)
§
17[2]21 Frege's Ansicht, daß in einer Behauptung eine Annahme steckt, die dasjenige ist, was behauptet wird, basiert eigentlich auf der Möglichkeit, die es in unserer Sprache gibt, jeden Behauptungssatz in der Form zu schreiben: “Es wird behauptet, daß das & das der Fall ist.” Aber “Daß das & das der Fall ist.” ist eben in unsrer Sprache kein Satz – es ist noch kein Zug in unsrem Sprachspiel. Und schreibe ich statt “Es wird behauptet, daß …”: “Es wird behauptet: das & das ist der Fall”, dann sind hier die Worte “Es wird behauptet” eben überflüssig. Wir könnten sehr gut auch jede Behauptung in Form einer Frage mit nachgesetzter Bejahung schreiben; also, statt “Es regnet”: “Regnet es? Ja!”. Würde das zeigen, daß in jeder Behauptung eine Frage steckt?
21 Frege’s view that an assertion contains an assumption, which is what is asserted, is actually based on the possibility that exists in our language of writing every assertive sentence in the form: “It is asserted that this & that is the case.” But “That this & that is the case” is not a sentence in our language – it is not yet a move in our language-game. And if I write instead of “It is asserted that…”: “It is asserted: this & that is the case,” then the words “It is asserted” are superfluous here. We could very well also write every assertion in the form of a question with a subsequent affirmation; that is, instead of “It is raining”: “Is it raining? Yes!” Would that show that every assertion contains a question?
§
17[3]22 Man hat freilich das Recht ein Behauptungszeichen zu verwenden im Gegensatz z.B. zu einem Fragezeichen. Irrig ist es nur, wenn man meint, daß die Behauptung nun aus zwei Akten besteht, dem Erwägen & dem Behaupten (Beilegen des Wahrheitswerts, oder dergl.) & daß wir diese Akte nach den Zeichen des Satzes ausführen, ungefähr wie wir nach Noten singen. Mit dem Singen nach Noten ist allerdings das laute, oder leise, Lesen nach dem geschriebenen Satz zu vergleichen, aber nicht das ‘Meinen’ (Denken) des gelesenen Satzes.
22 One certainly has the right to use an assertion sign in contrast to, for example, a question mark. It is only wrong if one thinks that the assertion consists of two acts, the consideration & the assertion (attaching a truth value, or something similar), & that we perform these acts according to the signs of the sentence, more or less as we sing according to notes. Singing according to notes is, however, to be compared with reading aloud, or quietly, the written sentence, but not with ‘thinking’ the read sentence.
§
18[1]23 Der wichtige Sinn des Fregeschen Behauptungszeichens wird vielleicht am besten dadurch gefaßt, daß wir sagen: es bezeichnet deutlich den Anfang des Satzes. – Das ist wichtig, denn unsere philosophischen Schwierigkeiten das Wesen der ‘Negation’ & des ‘Denkens’ betreffend rühren, in gewissem Sinn daher, daß wir nicht sehen, daß ein Satz “⊢ ~ p”, oder “⊢ ich denke p”, oder”, mit dem Satz ⊢ p” wohl “p” gemeinsam hat, aber nicht “⊢ p”. (Denn wenn ich jemand sagen höre “es regnet”, so weiß ich nicht was er sagt, wenn ich nicht weiß, ob ich den Anfang des Satzes gehört habe.)
23 The important meaning of Frege’s assertion sign is perhaps best grasped by saying that it clearly designates the beginning of the sentence. – This is important, because our philosophical difficulties concerning the nature of ‘negation’ & ‘thinking’ arise, in a certain sense, from the fact that we do not see that a sentence “⊢ ~ p,” or “⊢ I think p,” or “⊢ p” has “p” in common, but not “⊢ p.” (For if I hear someone say “it is raining,” I do not know what he is saying if I do not know whether I have heard the beginning of the sentence.)
§
18[2] &19[1] &
20[1]
24 Wieviele Arten der Sätze gibt es aber? Etwa: Behauptung, Frage & Befehl? Es gibt unzählige solcher Arten: unzählige verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir ‘Zeichen’, ‘Worte’, ‘Sätze’, nennen. Diese Mannigfaltigkeit ändert sich stetig: neue Typen der Sprachverwendung entstehen, andre veralten & werden vergessen. (Ein ungefähres Bild davon können uns die Wandlungen in der Mathematik geben.) Führe dir die Mannigfaltigkeit der Typen der Sprachverwendung, der “Sprachspiele” – wie wir sagen könnten – vor Augen; denke an diese & andere Beispiele: Befehle geben, & nach Befehlen handeln – Einen Gegenstand ansehen, messen & beschreiben Einen Gegenstand nach einer Beschreibung, oder Zeichnung, herstellen Einen Hergang berichten, den wir gesehen haben Vermutungen über einen Hergang anstellen Eine Geschichte erfinden, oder lesen
Eine Hypothese aufstellen & prüfen
Die Ergebnisse eines Experiments durch Tabellen & Diagramme darstellen
Ein angewandtes Rechnungsexempel lösen.
Bitten, Danken, Fluchen
Grüßen
Rätsel aufgeben & erraten
Einen Witz erzählen
Aus einer Sprache in eine andere übersetzen Theater spielen
etc. etc. etc. etc.
– Es ist interessant die Mannigfaltigkeit der Werkzeuge der Sprache & ihrer Verwendungsweisen – die Mannigfaltigkeit der Wort- & Satzarten – mit dem zu vergleichen, was Logiker über den Bau der Sprache gesagt haben. (Und auch der Verfasser der Log. Phil. Abh..)
24 How many kinds of sentences are there? For example: statement, question, & command? There are countless such kinds: countless different kinds of the use of everything we call ‘signs,’ ‘words,’ ‘sentences.’ This variety is constantly changing: new types of language use emerge, others become obsolete & are forgotten. (An approximate picture of this can be given to us by the changes in mathematics.) Imagine the variety of types of language use, of “language-games” – as we might say –; think of these & other examples: giving orders & acting on orders – Looking at, measuring, & describing an object – Producing an object according to a description or drawing – Reporting an event that we have witnessed – Making guesses about an event – Inventing or reading a story
Formulating & testing a hypothesis
Representing the results of an experiment through tables & diagrams
Solving an applied calculation problem.
Asking, thanking, cursing
Greeting
Posing & solving riddles
Telling a joke
Translating from one language into another – Acting in a play
etc. etc. etc. etc.
– It is interesting to compare the variety of the tools of language & their ways of use – the variety of types of words & sentences – with what logicians have said about the structure of language. (And also the author of the Log. Phil. Abh.)
§
20[2]Das Wort “Sprachspiel” soll hier hervorheben, daß das Sprechen der Sprache ein Teilvorgang ist einer Form der Tätigkeit.
The word “language-game” is meant to emphasize that speaking a language is part of an activity, a form of activity.
§
20[3] &21[1]
25 Wenn wir nicht sehen, daß es eine Menge von Sprachspielen gibt, sind wir etwa geneigt, zu fragen: “Was ist eine Frage?” Ist es die Feststellung, daß ich das & das nicht weiß, oder die Feststellung, daß ich wünsche, der Andre möchte mir sagen …? Oder ist es die Beschreibung meines seelischen Zustandes der Ungewißheit? – Und ist der Ruf “Hilfe!” so eine Beschreibung? Denke daran, wie Verschiedenes “Beschreibung” genannt wird: die Beschreibung der Lage eines Körpers durch seine Koordinaten; die Beschreibung des Verlaufs einer Schmerzempfindung. Man kann freilich statt der gewöhnlichen Form der Frage die der Feststellung oder Beschreibung setzen: “Ich will wissen, ob …”, oder “Ich bin im Zweifel, ob …” – aber damit hat man die verschiedenen Sprachspiele einander nicht näher gebracht. Die Bedeutsamkeit solcher Umformungsmöglichkeiten, z.B. aller Behauptungssätze in Sätze, die mit der Klausel “Ich denke” oder “Ich glaube” anfangen (also sozusagen in Beschreibungen meines Innenlebens) wird sich später noch zeigen.
25 If we do not see that there is a number of language-games, then we are perhaps inclined to ask: “What is a question?” Is it the statement that I do not know this or that, or the statement that I wish the other person to tell me…? Or is it the description of my mental state of uncertainty? – And is the cry “Help!” such a description? Remember how different things are called “description”: the description of the position of a body through its coordinates; the description of the course of a sensation of pain. One can, of course, replace the usual form of a question with that of a statement or description: “I want to know whether…,” or “I am in doubt whether…” – but this does not bring the different language-games any closer to each other. The significance of such possibilities of reformulation, e.g., of all statements in sentences that begin with the clause “I think” or “I believe” (i.e., as it were, in descriptions of my inner life) will become apparent later.
§
21[2] &22[1]
26 Man sagt manchmal: die Tiere sprechen nicht, weil ihnen die geistigen Fähigkeiten fehlen. Das heißt: ‘sie denken nicht, darum sprechen sie nicht’. Aber, sie sprechen eben nicht. Besser: sie verwenden die Sprache nicht. (Außer den primitivsten Formen.) Befehlen, fragen, erzählen, plauschen, sind so natürliche Handlungen, wie gehen, essen, trinken spielen. (Es ist hier gleich, ob mit dem Mund oder den Händen gesprochen wird.) Das hängt wieder damit zusammen, daß man meint, das Lernen der Sprache bestehe darin, daß man Gegenstände benennt; & zwar: Menschen, Formen, Farben, Schmerzen, Stimmungen, Zahlen, etc..–
– Wie gesagt – das Benennen ist etwas Ähnliches, wie, einem Ding ein Namenstäfelchen anheften. Man kann das eine Vorbereitung zum Gebrauch eines Wortes nennen. Aber worauf ist es eine Vorbereitung? “Wir benennen die Dinge & können nun über sie reden. Uns in der Rede auf sie beziehen.” Als ob mit dem Akt des Benennens schon das, was wir weiter tun, gegeben sei. Als ob es nur Eines gebe, was heißt: “von Dingen reden”. Während wir doch das Verschiedenartigste mit unsern Sätzen tun. Denken wir allein an die Ausrufe! Mit ihren ganz verschiedenen Funktionen. Wasser! Fort! Au! Hilfe! Schön! Nicht!
Bist Du nun noch geneigt, diese Wörter “Namen von Gegenständen” zu nennen?
26 One sometimes says: animals do not speak because they lack the mental capacities. That is: ‘they do not think, therefore they do not speak.’ But they simply do not speak. Better: they do not use language. (Except in the most primitive forms.) Giving orders, asking questions, telling stories, chatting are natural actions, just like walking, eating, drinking, & playing. (It is irrelevant here whether one speaks with the mouth or with the hands.) This is again connected with the idea that learning a language consists in naming objects; namely: people, shapes, colors, pains, moods, numbers, etc. –
– As has been said, naming is something similar to attaching a name tag to a thing. One can call this a preparation for the use of a word. But what is it a preparation for? “We name the things & can now talk about them. Refer to them in speech.” As if the act of naming already gave us what we do next. As if there were only one thing called “talking about things.” Whereas we do the most diverse things with our sentences. Let us think only of exclamations! With their very different functions. Water! Away! Ouch! Help! Beautiful! Not!
Are you now still inclined to call these words “names of objects”?
§
22[2] &23[1]
27 In den Sprachen (3) und (9) gab es ein Fragen nach der Benennung nicht. Dies & sein Korrelat, die hinweisende Erklärung, Definition, ist, könnten wir sagen, ein eigenes Sprachspiel. Das heißt eigentlich: wir werden erzogen, abgerichtet, dazu, zu fragen: “Wie heißt das?” – worauf dann das Benennen erfolgt. Und es gibt auch ein Sprachspiel: für etwas einen Namen erfinden. Also, zu sagen: “das heißt …” & nun den neuen Namen zu verwenden. (So benennen Kinder z.B. ihre Puppen & reden dann von ihnen. Dabei bedenke gleich, wie speziell der Gebrauch des Personennamens ist, mit welchem wir den (so) Benannten rufen!) Man kann nun einen Personennamen, ein Farbwort, einen Stoffnamen, ein Zahlwort, den Namen einer Himmelsrichtung, etc. etc. hinweisend definieren. Die Definition der Zwei: “Das heißt ‘zwei’” – wobei man auf zwei Nüsse zeigt – ist vollkommen exakt. – Aber wie kann man denn die Zwei so definieren; der, dem man die Definition gibt, weiß ja dann nicht, was man mit ‘zwei’ benennen will; er wird annehmen, daß Du diese Gruppe von Nüssen ‘zwei’ nennst! – Er kann dies annehmen, – vielleicht nimmt er es aber nicht an. Er könnte ja auch, umgekehrt, wenn ich dieser Gruppe von Nüssen einen Namen beilegen will, ihn als Zahlnamen mißverstehen. Und ebensogut, wenn ich einen Personennamen hinweisend erkläre, diesen als Farbnamen, Bezeichnung der Rasse, ja als Namen einer Himmelsrichtung auffassen. Das heißt, die hinweisende Definition kann immer so & anders gedeutet werden.
27 In languages (3) & (9), there was no question about naming. This & its correlate, the ostensive explanation, definition, could be said to be a language-game in itself. Strictly speaking, this means: we are educated, trained to ask: “What is this called?” – to which the naming then occurs. & there is also a language-game: to invent a name for something. That is, to say: “this is called…” & then to use the new name. (For example, children name their dolls & then talk about them. At the same time, consider how specifically the use of the personal name is, with which we call the (thus) named person!) One can now ostensively define a personal name, a color word, a name for a material, a number word, the name of a point of the compass, etc. etc. The definition of ‘two’: “This is called ‘two’” – while pointing to two nuts – is perfectly exact. – But how can one define ‘two’ in such a way that the person to whom one gives the definition does not know what one wants to name with ‘two’; he will assume that you are calling this group of nuts ‘two’! – He can assume this – perhaps he will not assume it. He could, conversely, if I want to assign a name to this group of nuts, misunderstand it as a number name. & just as easily, if I ostensively explain a personal name, he could understand it as a color name, a designation of race, or even as the name of a point of the compass. That is, the ostensive definition can always be interpreted in this way & in another way.
§
23[2] &24[1]
28 Vielleicht sagst Du: die Zwei kann nur so hinweisend definiert werden: “Diese Zahl heißt ‘zwei’”; denn das Wort “Zahl” zeigt hier an, an welchen Platz der Sprache, der Grammatik, wir das Wort setzen; das heißt aber, es muß das Wort “Zahl” erklärt sein, ehe jene hinweisende Definition verstanden werden kann. – Das Wort “Zahl” in der Definition zeigt allerdings diesen Platz an, den Posten, auf den wir das Wort stellen. Und wir können so Mißverständnisse vermeiden, indem wir sagen “Diese Farbe heißt so & so”, “Diese Länge heißt so & so” u.s.w.. Das heißt: Mißverständnisse werden manchmal so vermieden. Aber läßt sich denn das Wort “Farbe”, oder “Länge” nur so auffassen? – Nun wir müssen sie eben erklären. – Also erklären durch andere Wörter! Und wie ist es mit der letzten Erklärung in dieser Kette?! (Sag' nicht, “Es gibt keine ‘letzte’ Erklärung”; das ist geradeso, als wolltest Du sagen: “Es gibt kein letztes Haus in dieser Straße: man kann immer noch eines dazubauen.”) Ob das Wort “Zahl” in der hinweisenden Definition der Zwei nötig ist, das hängt davon ab, ob er sie ohne dieses Wort anders auffaßt, als ich es wünsche. Und das wird wohl von den Umständen abhängen, unter welchen sie gegeben wird & von dem Menschen, dem sie gegeben wird. Und wie er die Erklärung ‘auffaßt’, zeigt sich darin, wie er von dem erklärten Wort Gebrauch macht.
28 Perhaps you say: the number two can only be defined so ostensively: “This number is called ‘two’”; for the word “number” indicates here what place in language, in grammar, we put the word; but this means that the word “number” must be explained before that ostensive definition can be understood. – The word “number” in the definition certainly indicates this place, the item to which we assign the word. And we can thus avoid misunderstandings by saying “This color is called so & so”, “This length is called so & so” and so on. That is to say: misunderstandings are sometimes avoided in this way. But can the word “color”, or “length” be understood only in this way? – Well, we must explain them. – So, explain them through other words! And what about the last explanation in this chain?! (Don’t say, “There is no ‘last’ explanation”; that is just as if you wanted to say: “There is no last house in this street: one can always add another one.”) Whether the word “number” is necessary in the ostensive definition of two depends on whether he understands it differently without this word than I want him to. And that will probably depend on the circumstances under which it is given & on the person to whom it is given. And how he ‘understands’ the explanation is shown in how he uses the explained word.
§
24[2] &25[1] &
26[1] &
27[1]
29 Man könnte also sagen: die hinweisende Definition erklärt den Gebrauch – die Bedeutung – des Wortes, wenn es schon klar ist, welche Rolle das Wort in der Sprache überhaupt spielen soll. Wenn ich also weiß, daß Einer mir ein Farbwort erklären will, so wird mir die hinweisende Erklärung “Das heißt ‘Sepia’” zum Verständnis des Wortes verhelfen. – Dies können wir sagen, wenn wir (dabei) nicht vergessen, daß sich nun allerlei Fragen an das Wort “wissen”, oder “klar sein” anheften!
Betrachte noch diesen Fall: Ich erkläre jemandem das Schachspiel, & fange damit an, indem ich auf eine Figur zeige & sage: “Das ist der König. – Er kann so & so ziehen, etc. etc.”. Man muß schon etwas wissen, um nach der Benennung fragen zu können. Aber was muß man wissen? Wenn man jemandem die Königsfigur im Schachspiel zeigt & sagt: “Das ist der Schachkönig”, so erklärt man ihm dadurch nicht den Gebrauch dieser Figur, – es sei denn, daß er die Regeln des Spiels schon kennt, bis auf diese letzte Bestimmung: die Gestalt einer Königsfigur. Man kann sich denken, er habe die Regeln des Spiels gelernt, ohne daß ihm je eine wirkliche Spielfigur gezeigt wurde. Die Form der Spielfigur entspricht hier dem Klang oder Aussehen eines Wortes. Man kann sich aber auch denken, Einer habe das Spiel gelernt ohne je Regeln zu lernen, oder zu formulieren. Er hat etwa zuerst durch Zusehen ganz einfache Brettspiele gelernt & ist zu immer komplizierteren vorgeschritten. Auch diesem könnte man die Erklärung geben: “Das ist der König”, wenn man ihm z.B. Schachfiguren von einer ihm ungewohnten Form zeigt. Auch diese Erklärung lehrt ihn den Gebrauch der Figur nur darum, weil, wie wir sagen könnten, der Platz schon vorbereitet war, an den sie gestellt wurde. Oder auch: Wir werden nur dann sagen, sie lehre ihn den Gebrauch, wenn der Platz schon vorbereitet ist. Und er ist es hier nicht dadurch, daß der, dem wir die Erklärung geben, schon Regeln weiß, sondern dadurch, daß er in anderm Sinne schon ein Spiel beherrscht.
Wir können sagen: Nach der Benennung fragt der sinnvoll, der schon etwas mit ihr anzufangen weiß. Wir können uns ja auch denken, daß der Gefragte antwortet: “Bestimm' die Benennung selber” – und nun müßte, der gefragt hat, für alles selber aufkommen.
29 One could therefore say: the ostensive explanation explains the use – the meaning – of the word, if it is already clear what role the word is to play in the language. So, if I know that someone wants to explain a color word to me, the ostensive explanation “This means ‘sepia’” will help me to understand the word. – We can say this, provided that we do not forget that all sorts of questions now attach themselves to the word “know” or “be clear”!
Consider this case as well: I explain chess to someone, and I begin by pointing to a game piece and saying: “This is the king. – It can move like this, etc. etc.” One must already know something in order to ask about the naming. But what must one know? If one shows someone the king game piece in chess and says: “This is the chess king,” this does not explain the use of this game piece to him, unless he already knows the rules of the game, except for this last determination: the shape of a king game piece. One can imagine that he has learned the rules of the game without ever having a real game piece shown to him. The form of the game piece corresponds here to the sound or appearance of a word. One can also imagine that someone has learned the game without ever learning or formulating the rules. He may, for example, have first learned very simple board games by watching, and then progressed to increasingly complicated ones. One could also give him the explanation: “This is the king,” if one shows him chess pieces of an unfamiliar shape. This explanation only teaches him the use of the game piece because, as we might say, the place it will be put has already been prepared. Or also: We will only say that it teaches him the use if the place has already been prepared. And it is not prepared here by the fact that the person to whom we give the explanation already knows the rules, but by the fact that he already masters a game in another sense.
We can say: the one who asks about the naming does so meaningfully, because he already knows what to do with it. We can also imagine that the person asked replies: “Determine the naming yourself” – and now the one who asked would have to come up with everything himself.
§
27[2]30 Wer in ein fremdes Land kommt, wird manchmal die Sprache der dort Einheimischen durch hinweisende Erklärungen lernen, die sie ihm geben, & er wird die Deutung dieser Erklärungen oft raten müssen & manchmal richtig, manchmal falsch, raten. Und nun können wir, glaube ich, sagen: Augustinus beschreibe das Lernen der menschlichen Sprache so, als käme das Kind in ein fremdes Land und verstehe die Sprache des Landes nicht, das heißt, habe bereits eine Sprache, nur nicht diese. Oder auch: – als könne das Kind schon denken, nur noch nicht sprechen. Und ‘denken’ hieße hier etwa: zu sich selbst reden.
30 When someone comes to a foreign country, he will sometimes learn the language of the local people through ostensive explanations that they give him, and he will often have to guess the interpretation of these explanations, and sometimes guess correctly, and sometimes incorrectly. And now, I think, we can say: Augustine describes the learning of human language as if the child came to a foreign country and did not understand the language of the country, that is, has already a language, only not this one. Or also: – as if the child could already think, but not yet speak. And ‘thinking’ would mean here something like: talking to oneself.
§
27[3]– In diesem Fall werden wir sagen: die Worte “Das ist der König” (oder, “Das heißt ‘König’”) sind nur dann eine Worterklärung, wenn der Lernende schon ‘weiß, was eine Spielfigur ist’; wenn er also etwa schon mehrere Spiele gespielt hat, oder dem Spielen Anderer ‘mit Verständnis zugesehen hat’, und dergleichen. Auch nur dann wird er beim Lernen des Spiels relevant fragen können “wie heißt das?” – nämlich, diese Spielfigur.
– In this case, we will say: the words “This is the king” (or, “This is called ‘king’”) are only a word explanation if the learner already ‘knows what a game piece is’; if, for example, he has already played several games, or has ‘watched others play with understanding’, and so on. Only then will he be able to ask, when learning the game, “what is this called?” – namely, this game piece.
§
27[4] &28[1] &
29[1]
31 Wie aber, wenn man einwendete: “Es ist nicht wahr, daß Einer schon ein Sprachspiel beherrschen muß, um eine hinweisende Definition zu verstehen, sondern er muß nur – selbstverständlich – wissen (oder erraten), auf was der Erklärer zeigt! Ob also, z.B., auf die Form des Gegenstandes, oder auf seine Farbe, oder auf die Anzahl, etc., etc..” – Und worin besteht es denn: ‘auf die Form zeigen’, ‘auf die Farbe zeigen’, etc.? Zeige auf ein Stück Papier! – Und nun zeige auf seine Form, – nun auf seine Farbe, – nun auf ‘seine Anzahl’ (das klingt seltsam)! – Nun, wie hast Du es gemacht? – Du wirst sagen, Du habest jedesmal etwas anderes beim Zeigen ‘gemeint’. Und wenn ich frage, wie das vor sich geht, wirst Du sagen, Du habest deine Aufmerksamkeit auf Farbe, Form, etc. konzentriert. Nun aber frage ich noch einmal, wie das vor sich geht. Denke, jemand zeigt auf eine Vase und sagt: “Schau das herrliche Blau an! – auf die Form kommt es nicht an. –” Oder: “Schau die herrliche Form an! – die Farbe ist gleichgültig. –” Es ist zweifellos, Du wirst Verschiedenes tun, wenn Du diesen beiden Aufforderungen nachkommst. Aber tust Du immer das Gleiche wenn Du deine Aufmerksamkeit auf die Farbe richtest? Stelle dir doch verschiedene Fälle vor! Ich will einige andeuten: “Ist dieses Blau das gleiche, wie das? Siehst Du einen Unterschied? –” Du mischst Farben und sagst: “Dieses Blau des Himmels ist schwer zu treffen.” “Schau, wie verschieden diese beiden Blau wirken!” “Siehst Du dort das blaue Buch? Bitte bring es her!” “Es wird schön, man sieht schon wieder blauen Himmel!” “Dieses blaue Lichtsignal bedeutet ….” “Wie heißt nur dieses Blau? – ist es ‘Indigo’ –?”
Die Aufmerksamkeit auf die Farbe richten heißt manchmal, sich die Umrisse der Form mit der Hand weghalten, oder den Blick nicht auf die Kontur des Dinges richten, manchmal, auf den Gegenstand starren & sich zu erinnern trachten, wo man diese Farbe schon gesehen hat. Man richtet seine Aufmerksamkeit auf die Form manchmal, indem man sie nachzeichnet, manchmal indem man blinzelt, um die Farbe nicht deutlich zu sehen, etc., etc. Ich will sagen: dies & ähnliches geschieht während man ‘die Aufmerksamkeit auf das & das richtet’. Aber das ist es nicht allein, was uns sagen läßt, Einer richte seine Aufmerksamkeit auf die Form, die Farbe, etc.. Wie ‘einen Schachzug machen’ nicht allein darin liegt, daß ein Stein so & so auf dem Schachbrett verschoben wird – aber auch nicht in den Gedanken & Gefühlen des Ziehenden, die den Zug begleiten – sondern in den Umständen, die wir nennen “eine Schachpartie spielen”, oder, “ein Schachproblem lösen”, und dergleichen.
31 But what if one were to object: “It is not true that one must already master a language-game in order to understand an ostensive definition; one must only – of course – know (or guess) what the explainer is pointing to! Whether, for example, he is pointing to the shape of the object, or to its color, or to the number, etc., etc.” – And what does it consist of: ‘pointing to the shape’, ‘pointing to the color’, etc.? Point to a piece of paper! – And now point to its shape, – now to its color, – now to ‘its number’ (that sounds odd)! – Well, how did you do it? – You will say that each time you ‘meant’ something different when pointing. And if I ask how that happens, you will say that you concentrated your attention on color, shape, etc. But now I ask once again, how that happens. Imagine someone pointing to a vase and saying: “Look at the magnificent blue! – the shape is irrelevant.” – Or: “Look at the magnificent shape! – the color is irrelevant.” – It is undeniable that you will do different things when you comply with these two requests. But do you always do the same thing when you direct your attention to the color? Just imagine different cases! I want to suggest some: “Is this blue the same as that? Do you see a difference?” – You mix colors and say: “This blue of the sky is difficult to reproduce.” “Look how different these two blues appear!” “Do you see that blue book over there? Please bring it here!” “It will be nice; one can see blue sky again!” “This blue light signal means….” “What is this blue called? – is it ‘indigo’?”
Directing one’s attention to the color sometimes means holding the outlines of the shape away with one’s hand, or not directing one’s gaze at the contour of the thing; sometimes, it means staring at the object and trying to remember where one has seen that color before. One directs one’s attention to the shape sometimes by tracing it, sometimes by blinking so as not to see the color clearly, etc., etc. I want to say: this and similar things happen while one ‘directs one’s attention to this or that’. But that is not all that leads us to say that someone is directing his attention to the shape, the color, etc. Just as ‘making a move in chess’ does not consist only in moving a piece on the chessboard in such and such a way – but also not in the thoughts and feelings of the player that accompany the move – but in the circumstances that we call ‘playing a game of chess’ or ‘solving a chess problem’, and the like.
§
29[2] &30[1]
31 Aber nimm an, Einer sagte: “Ich tue immer das Gleiche, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf die Form richte: ich folge der Kontur mit den Augen & fühle dabei …”. Und nimm an, dieser gibt einem Andern die hinweisende Erklärung: “Das heißt ‘Kreis’”, indem er, mit allen diesen Erlebnissen, auf einen kreisförmigen Gegenstand zeigt; – kann der Andere die Erklärung nicht dennoch anders deuten, auch wenn er sieht, daß der Erklärende der Form mit den Augen folgt & auch wenn er fühlt, was der Erklärende fühlt? Das heißt: diese ‘Deutung’ kann doch darin bestehen, wie er nun von dem erklärten Wort Gebrauch macht, z.B., worauf er zeigt, wenn er nun den Befehl erhält “Zeige auf einen Kreis!”. – Denn weder der Ausdruck, “die Erklärung so & so meinen”, noch der: “die Erklärung so & so deuten”, bezeichnen einen bestimmten Vorgang, der das Geben, & Hören der Erklärung begleitet.
31 But suppose someone said: “I always do the same thing when I direct my attention to the shape: I follow the contour with my eyes and feel….” And suppose this person gives another person the ostensive explanation: “This is called ‘circle’”, by pointing to a circular object with all these experiences; – can the other person not still interpret the explanation differently, even if he sees that the explainer is following the shape with his eyes and even if he feels what the explainer feels? That is, this ‘interpretation’ can still consist in how he now makes use of the explained word, for example, what he points to when he is now given the instruction “Point to a circle!” – Because neither the expression “meaning the explanation in this way” nor the expression “interpreting the explanation in this way” refers to a specific process that accompanies the giving and hearing of the explanation.
§
30[2] &31[1]
32 Es gibt freilich, was man ‘charakteristische Erlebnisse’ für das Zeigen auf die Form (z.B.) nennen kann. Zum Beispiel, das Nachfahren der Kontur mit dem Finger oder mit dem Blick beim Zeigen. – Aber so wenig, wie dies in allen Fällen geschieht, in denen ich ‘die Form meine’, – so wenig geschieht irgend ein anderer charakteristischer Vorgang in allen diesen Fällen. Aber auch, wenn ein solcher sich in ihnen allen wiederholte, so käme es doch auf die Umstände an – d.h., auf das, das was vor & nach dem Zeigen geschieht – ob wir sagen würden: “Er hat auf die Form und nicht auf die Farbe gezeigt”. Denn es werden die Worte “auf die Form zeigen”, “die Form meinen”, etc. nicht so gebraucht, wie die: “auf das Buch zeigen”, “auf den Buchstaben ‘B’, nicht auf den Buchstaben ‘u’ zeigen”, etc..– Denn denke nur, wie anders wir den Gebrauch der Worte lernen: “auf dieses Ding zeigen”, “auf jenes Ding zeigen”, &: “auf die Farbe, nicht auf die Form, zeigen”, “die Farbe meinen”, etc. etc.! Wie gesagt, in gewissen Fällen, besonders beim Zeigen ‘auf die Form’, oder ‘auf die Anzahl’ gibt es charakteristische Erlebnisse & Arten des Zeigens – ‘charakteristisch’, weil sie sich oft, nicht immer wiederholen, wo Form, oder Anzahl, ‘gemeint’ werden: – aber kennst Du auch ein charakteristisches Erlebnis für das Zeigen auf die Spielfigur als Spielfigur?! Und doch kann man sagen: “Ich meine: diese Spielfigur heißt ‘König’, nicht dieses bestimmte Stück Holz, worauf ich zeige”.
32 Of course, there are what one could call ‘characteristic experiences’ for pointing to the shape (e.g.). For example, tracing the contour with a finger or with one’s gaze while pointing. – But just as little as this happens in all cases in which I ‘mean the shape’ – so little does any other characteristic process happen in all these cases. But even if such a process were to repeat itself in all of them, it would still depend on the circumstances – i.e., on what happens before & after the pointing – whether we would say: “He pointed to the shape and not to the color.” Because the words “point to the shape,” “mean the shape,” etc., are not used in the same way as: “point to the book,” “point to the letter ‘B,’ not to the letter ‘u’,” etc. – For just think how differently we learn the use of the words: “point to this thing,” “point to that thing,” & “point to the color, not to the shape,” “mean the color,” etc. etc.! As I said, in certain cases, especially when pointing ‘to the shape’ or ‘to the number,’ there are characteristic experiences & ways of pointing – ‘characteristic’ because they repeat often, not always, where shape or number is ‘meant’: – but do you know of any characteristic experience for pointing to the game piece as a game piece?! And yet one can say: “I mean: this game piece is called ‘king,’ not this particular piece of wood that I am pointing to.”
§
31[2]33 Und wir tun hier, was wir in 1000 anderen Fällen tun: weil wir nicht eine körperliche Handlung angeben können, die wir das Zeigen auf die Form (im Gegensatz z.B. zur Farbe) nennen, so sagen wir, es entspreche diesen Worten eine geistige Tätigkeit. Wo unsere Sprache uns einen Körper vermuten läßt, und wir finden keinen, dort setzen wir einen Geist hin.
33 And we are doing here what we do in 1000 other cases: because we cannot specify one physical action that we call pointing to the shape (in contrast, for example, to the color), we say that there is a mental activity corresponding to these words. Wherever our language leads us to expect a body, and we find none, there we put a mind.
§
31[3] &32[1]
34 “Was ist die Beziehung zwischen Namen & Benanntem?” – Nun was ist sie? Schau auf das Sprachspiel (3), oder ein anderes! dort ist zu sehen, worin diese Beziehung etwa besteht. Diese Beziehung kann, unter vielem andern, auch darin bestehen, daß das Hören des Namens uns das Bild des Benannten vor die Seele ruft, & sie besteht unter anderem auch darin, daß der Name auf das Benannte geschrieben ist, oder daß er beim Zeigen auf das Benannte ausgesprochen wird.
34 “What is the relationship between names & what is named?” – Well, what is it? Look at the language-game (3), or another! There you can see what this relationship might consist of. This relationship can, among many other things, also consist in the fact that hearing the name brings the image of what is named to mind, & it also consists, among other things, in the fact that the name is written on what is named, or that it is spoken while pointing to what is named.
§
32[2] &33[1]
35 Was benennt aber z.B. das Wort “dieses” im Sprachspiel (9), oder das Wort “das” in der hinweisenden Erklärung “Das heißt …”? Nun, wenn Du keine Verwirrung anrichten willst, so ist es am besten, Du sagst gar nicht, daß diese Wörter etwas benennen. – Und merkwürdigerweise wurde von dem Worte “dieses” einmal gesagt, es sei der eigentliche Name. Alles was wir sonst “Namen” nennen, sei dies also nur in einem ungenauen, angenäherten Sinn. Diese seltsame Auffassung rührt von einer Tendenz her, die Logik unserer Sprache zu sublimieren – wie man es nennen könnte. Die eigentliche Antwort darauf ist: “Name” nennen wir sehr Verschiedenes; das Wort “Name” charakterisiert viele verschiedene, miteinander auf viele verschiedene Weisen verwandte, Arten des Gebrauchs eines Worts; – aber unter diesen Arten des Gebrauchs ist nicht die des Wortes “dieses”. Es ist wohl wahr, daß wir oft, z.B. in der hinweisenden Erklärung, auf das Benannte zeigen & dabei den Namen aussprechen. Und ebenso sprechen wir, z.B. in der hinweisenden Definition, das Wort “dieses” aus, indem wir auf ein Ding zeigen. Und das Wort “dieses” & ein Name stehen auch oft im gleichen Satzzusammenhang: wir sagen “Hole dieses!” & auch “Hole den Paul!” – Aber einer der charakteristischsten Züge des Namens ist es gerade, daß er durch das hinweisende “Das ist N” (oder “Das heißt ‘N’”) erklärt wird. Erklären wir aber auch: “Das heißt ‘dieses’”, oder gar, “Dieses heißt ‘dieses’”?
35 What, for example, does the word “this” denote in the language-game (9), or the word “that” in the explanatory “That is to say…”? Well, if you don't want to create confusion, it is best not to say that these words denote anything. – And curiously, it has been said of the word “this” that it is the actual name. Everything else that we call “names” is therefore only so in an imprecise, approximate sense. This curious idea stems from a tendency to abstract the logic of our language – as one might call it. The real answer to this is: we call very different things “names”; the word “name” characterizes many different kinds of use of a word, which are related to each other in many different ways; – but among these kinds of use is not that of the word “this”. It is probably true that we often, for example in the explanatory, point to what is named and say the name. And likewise, we, for example in the explanatory definition, say the word “this” by pointing to a thing. And the word “this” and a name also often occur in the same sentence: we say “Fetch this!” and also “Fetch Paul!” – But one of the most characteristic features of the name is precisely that it is explained by the pointing “That is N” (or “That is called ‘N’”). But do we also explain: “That is called ‘this’”, or even, “This is called ‘this’”?
§
33[2]36 Das hängt mit der Auffassung des Benennens als eines, sozusagen, okkulten Vorgangs zusammen. Das Benennen erscheint als eine seltsame Verbindung eines Wortes mit dem Gegenstand. – Und so eine seltsame Verbindung gibt es wirklich, wenn nämlich der Philosoph, um herauszubringen, was die Beziehung zwischen Namen & Benanntem ist, auf einen Gegenstand vor sich starrt & dabei unzählige Male einen Namen wiederholt, oder auch das Wort “dieses”. Denn die philosophischen Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert. Und dann können wir uns allerdings einbilden, das Benennen sei ein merkwürdiger seelischer Akt, quasi eine Art Taufe eines Gegenstandes. Und wir können so auch das Wort “dieses” gleichsam zu dem Gegenstand sagen, ihn damit ansprechen; ein seltsamer Gebrauch dieses Wortes, der wohl nur beim Philosophieren vorkommt. –
36 This is connected with the idea of naming as a kind of occult process. Naming appears as a strange connection of a word with the object. – And such a strange connection really exists, namely when the philosopher, in order to bring out what the relationship between a name & the named is, stares at an object in front of him & repeats a name countless times, or also the word “this”. For philosophical problems arise when language celebrates. And then we can certainly imagine that naming is a curious mental act, quasi a kind of baptism of an object. And we can thus also say the word “this” as if it were the object, thus addressing it; a strange use of this word, which probably only occurs when philosophizing. –
§
33[3] &34[1]
37 Aber warum kommt man auf die Idee gerade dieses Wort zum Namen machen zu wollen, wo es so offenbar kein Name ist? – Gerade darum; – denn man ist versucht, gegen das, was gewöhnlich “Namen” heißt, einen Einwand zu machen; & den kann man so ausdrücken: daß der Name eigentlich Einfaches bezeichnen soll. Und man könnte dies etwa so begründen: Ein Eigenname im gewöhnlichen Sinn ist etwa das Wort “Nothung”. Das Schwert Nothung aber besteht aus Teilen in einer bestimmten Zusammensetzung. Sind sie anders zusammengesetzt, so existiert Nothung nicht. Nun hat aber offenbar der Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” Sinn, ob Nothung noch ganz ist oder schon zerschlagen. Ist aber “Nothung” der Name eines Gegenstandes, so gibt es diesen Gegenstand nicht mehr, wenn Nothung zerschlagen ist; & da dem Namen dann kein Gegenstand entspräche, so hätte er keine Bedeutung. Dann aber stünde in dem Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” ein Wort, das keine Bedeutung hat & daher wäre der Satz Unsinn. Nun hat er aber Sinn, also muß den Wörtern, aus denen er besteht, immer etwas entsprechen. Also muß das Wort Nothung bei der Analyse des Sinnes verschwinden und statt seiner müssen Wörter eintreten, die Einfaches benennen. Diese Wörter werden wir billigerweise die eigentlichen Namen nennen.
37 But why does one come up with the idea of wanting to make precisely this word a name, when it is so obviously not a name? – Precisely because of that; – for one is tempted to make an objection to what is usually called “names”; & this can be expressed as follows: that the name should actually designate something simple. And one could argue for this as follows: A proper name in the usual sense is, for example, the word “Nothung”. But the sword Nothung consists of parts in a certain composition. If they are put together differently, Nothung does not exist. Now, the sentence “Nothung has a sharp edge” obviously makes sense, whether Nothung is still whole or already broken. But if “Nothung” is the name of an object, then this object no longer exists when Nothung is broken; & since the name would then not correspond to any object, it would have no meaning. Then, however, the sentence “Nothung has a sharp edge” would contain a word that has no meaning & would therefore be nonsense. But it does make sense, so something must always correspond to the words that make it up. Therefore, the word Nothung must disappear in the analysis of meaning, & instead, words that name something simple must be used. We will reasonably call these words the proper names.
§
34[2] &35[1]
38 Las uns zuerst über den Punkt dieses Raisonnements reden: daß das Wort keine Bedeutung hat, wenn ihm nichts entspricht. – Es ist wichtig, festzustellen, daß das Wort “Bedeutung” sprachwidrig gebraucht wird, wenn man damit das Ding bezeichnet, das dem Wort ‘entspricht’. Dies heißt, die Bedeutung eines Namens (zu) verwechseln mit dem Träger des Namens. Wenn Paul stirbt, so sagt man, es sterbe der Träger des Namens, aber niemand sagt, es sterbe die Bedeutung des Namens. Und es wäre unsinnig, so zu reden, denn hörte der Name auf Bedeutung zu haben so hätte es eben keinen Sinn zu sagen “Paul ist gestorben”.
38 Let us first talk about the point of this reasoning: that the word has no meaning if nothing corresponds to it. – It is important to note that the word “meaning” is used in a way that is contrary to language when one uses it to refer to the thing that ‘corresponds’ to the word. This means confusing the meaning of a name with the bearer of the name. When Paul dies, one says that the bearer of the name dies, but no one says that the meaning of the name dies. And it would be nonsense to say so, because if the name ceased to have meaning, then it would not make sense to say “Paul is dead”.
§
35[2] &36[1]
39 In (13) haben wir in die Sprache (9) Eigennamen eingeführt. Nimm nun an, das Werkzeug mit dem Namen “α” sei zerbrochen. A weiß es nicht & gibt dem B das Zeichen “α”: hat dieses Zeichen nun Bedeutung oder hat es keine? – Was soll B tun, wenn er dieses Zeichen erhält? – Wir haben darüber nichts vereinbart. Man könnte fragen: was wird er tun? Nun er wird vielleicht ratlos dastehen, oder A die Stücke zeigen. Man könnte hier sagen: “α” sei bedeutungslos geworden; & dieser Ausdruck würde besagen, daß für das Zeichen “α” in unserm Sprachspiel nun keine Verwendung mehr ist (es sei denn, wir gäben ihm eine neue). “α” könnte auch dadurch bedeutungslos werden, daß man, aus irgend einem Grund, dem Werkzeug eine andere Bezeichnung gibt & das Zeichen “α” im Spiel nicht weiter verwendet. – Wir können uns aber auch eine Abmachung denken, nach der B, wenn ein Werkzeug zerbrochen ist und A das Zeichen dieses Werkzeugs gibt, als Antwort darauf mit dem Kopf zu schütteln hat. – Damit, könnte man sagen, ist der Befehl “α”, z.B., auch wenn dieses Werkzeug nicht mehr existiert, in das Sprachspiel eingereiht worden. Und man kann jetzt sagen, das Zeichen “α” habe Bedeutung, auch wenn sein Träger zu existieren aufhört.
39 In (13) we introduced proper names into the language (9). Now suppose that the tool with the name “α” is broken. A does not know this & gives B the sign “α”: does this sign now have meaning or does it not? – What should B do if he receives this sign? – We have not agreed on anything about this. One could ask: what will he do? Well, he might stand there bewildered, or show A the pieces. One could say here: “α” has become meaningless; & this statement would mean that there is now no longer any use for the sign “α” in our language-game (unless we give it a new one). “α” could also become meaningless if, for some reason, the tool is given a different designation & the sign “α” is no longer used in the game. – But we can also imagine an agreement according to which B, if a tool is broken & A gives the sign of this tool, has to shake his head in response. – With this, one could say, the command “α”, for example, has been incorporated into the language-game, even if this tool no longer exists. And one can now say that the sign “α” has meaning, even if its bearer ceases to exist.
§
36[2]40 Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes “Bedeutung” – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären:
Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Und die Bedeutung eines Namens erklärt man manchmal dadurch, daß man auf seinen Träger zeigt.
40 One can, for a large class of cases in the use of the word “meaning” – although not for all cases of its use – explain this word as follows:
The meaning of a word is its use in language. And the meaning of a name is sometimes explained by pointing to its bearer.
§
36[3]41 “Aber haben etwa auch Namen in jenem Spiel Bedeutung, die nie für ein Werkzeug verwendet worden sind?” Nehmen wir also an, “ξ” sei so ein Zeichen & A gebe dieses Zeichen dem B!” – Nun, es könnten auch solche Zeichen in das Sprachspiel eingereiht werden, & B hätte etwa auch sie mit einem Kopfschütteln zu beantworten. Man könnte sich dies als eine Art Belustigung der Beiden denken.
41 “But do names also have meaning in that language-game, even if they have never been used for a tool?” Suppose “ξ” is such a sign & A gives this sign to B!” – Well, such signs could also be included in the language-game, & B might also answer them with a shake of the head. One could imagine this as a kind of amusement for the two of them.
§
36[4] &37[1]
42 Wir sagten: der Satz, “Nothung” hat eine scharfe Schneide”, habe Sinn, auch wenn Nothung schon zerschlagen ist. Nun, das ist so, weil in diesem Sprachspiel ein Name auch in der Abwesenheit seines Trägers gebraucht wird. Aber wir können uns ein Sprachspiel mit Namen denken (d.h. mit Zeichen, die wir gewiß auch “Namen” nennen werden) in welchem Namen nur in der Anwesenheit des Trägers verwendet werden. Nimm etwa an, wir beobachten eine Fläche, auf der sich Farbflecken bewegen (wie auf der Leinwand im Kino). Es sind drei solche Flecken, die langsam ihre Gestalt & Lage verändern. Ich benenne sie durch hinweisende Erklärung “P”, “Q“, & “R”. Unsere Sprache beschreibt die Veränderungen dieser drei & ich sage Dir Sätze wie: “Siehst Du, wie sich nun P zusammenzieht & sich R nähert?” – In dieser Sprache nun sollen diese Namen als Synonyme gebraucht werden für das Wort “dieses” zusammen mit dem Zeigen auf einen Farbfleck. Verschwindet also einer der drei Flecke, so darf ich nicht sagen “P ist verschwunden” – wie ich auch nicht sagen würde “dieses ist verschwunden” – sondern wir sagen etwa: Der Name ‘P’ scheidet aus dem Gebrauch”. In dieser Sprache, kann man sagen, verliert der Name seine Bedeutung, wenn der Träger aufhört zu existieren & den Wörtern “P”, “Q“ & “R” entspricht immer etwas, so lange sie überhaupt Bedeutung – Verwendung im Sprachspiel haben. (Denn im Satz, “‘P’ scheidet aus” kommt das Zeichen “‘P’” vor, aber nicht “P”; & ich nehme an, daß man über vergangene Vorgänge nicht redet, oder dafür eine andere Ausdrucksweise hat.) In diesem Sprachspiel kann also der Name nicht trägerlos werden; nur ist dies kein Vorzug des Sprachspiels, denn ein Name kann eben auch trägerlos Zweck, Verwendung, d.h., Bedeutung haben. (Und so hat, z.B., der Name “Odysseus” Bedeutung.)
42 We said: the sentence, “Nothung” has a sharp edge,” has sense, even if Nothung has already been broken. Well, that is so because in this language-game a name is also used in the absence of its bearer. But we can imagine a language-game with names (i.e., with signs that we would certainly also call “names”) in which names are used only in the presence of the bearer. Suppose, for example, we observe an area in which patches of color move (as on the screen in the cinema). There are three such patches, which slowly change their shape & position. I name them by ostensive explanation “P”, “Q”, & “R”. Our language describes the changes of these three & I say sentences to you such as: “Do you see how P is now contracting & approaching R?” – In this language, these names are to be used as synonyms for the word “this” together with pointing to a patch of color. If one of the three patches disappears, then I must not say “P has disappeared” – just as I would not say “this has disappeared” – but we say, for example: The name ‘P’ ceases to be in use. In this language, one can say that the name loses its meaning when the bearer ceases to exist & there is always something corresponding to the words “P”, “Q” & “R”, as long as they have any meaning – use in the language-game. (For in the sentence, “‘P’ ceases to be,” the sign “‘P’” appears, but not “P”; & I assume that one does not talk about past events, or has a different way of expressing it.) In this language-game, therefore, the name cannot become bearerless; but this is not an advantage of the language-game, because a name can also have a purpose, use, i.e., meaning, even without a bearer. (And so, for example, the name “Odysseus” has meaning.)
§
37[2] &38[1]
42 Unser Sprachspiel kann uns aber, glaube ich, einen Grund zeigen, warum man das hinweisende Fürwort kann zum Namen machen wollen: Denn das hinweisende “dieses” kann auch nicht trägerlos werden. Man könnte sagen: “Solange es ein dieses gibt, solange hat das Wort ‘dieses’ auch Bedeutung, ob dieses nun einfach oder zusammengesetzt ist. – Aber das macht es eben nicht zu einem Namen. Im Gegenteil, denn ein Name wird nicht mit der hinweisenden Geste verwendet, sondern nur durch sie erklärt.
42 Our language-game can, I believe, show us a reason why one might want to make the demonstrative into a name: For the demonstrative “this” cannot become bearerless either. One could say: “As long as there is a this, as long as the word ‘this’ also has meaning, whether this is simple or composite.” – But that does not make it a name. On the contrary, because a name is not used with the demonstrative gesture, but is only explained by it.
§
38[2] &39[1]
43 Was hat es nun für eine Bewandtnis damit, daß Namen eigentlich das Einfache bezeichnen? – Sokrates (im Theätetus): “Täusche ich mich nämlich nicht, so habe ich von etlichen gehört: für die Urelemente – um mich so auszudrücken – aus denen wir & alles übrige zusammengesetzt sind, gebe es keine Erklärung; denn alles was an & für sich ist, könne man nur mit Namen bezeichnen, eine andere Bestimmung sei nicht möglich, weder die, es sei, noch die, es sei nicht. …. … Was aber an & für sich ist, müsse man, …, ohne alle anderen Bestimmungen benennen. Somit aber sei es unmöglich, von irgendeinem Urelement erklärungsweise zu reden; denn für dieses gebe es nichts als die bloße Benennung; es habe ja nur seinen Namen. Wie aber das, was aus diesen Urelementen sich zusammensetze, selbst ein verflochtenes Gebilde sei, so seien auch seine Benennungen in dieser Verflechtung zur erklärenden Rede geworden; denn deren Wesen sei die Verflechtung von Namen.” Diese Urelemente waren auch Russells ‘Individuals’ & auch meine ‘Gegenstände’ (Log. Phil. Abh.).
43 What is the reason that names actually designate the simple? – Socrates (in the Theaetetus): “If I am not mistaken, I have heard from some that there is no explanation for the elementary parts – to put it that way – out of which we & everything else is composed; for everything that is in itself can only be designated by names, no other determination is possible, neither that it is, nor that it is not. …. … But what is in itself must be named, …, without any other determinations. Thus it is impossible to speak of any elementary part in an explanatory way; for this there is nothing but the mere naming; it only has its name. But just as what is composed of these elementary parts is itself an interwoven structure, so too have its names become part of this interwoven structure in the explanatory discourse; for their essence is the intertwining of names.” These elementary parts were also Russell’s ‘Individuals’ & also my ‘objects’ (Log. Phil. Abh.).
§
39[2] &40[1]
44 Aber welches sind die einfachen Bestandteile der Realität? – Was sind die einfachen Bestandteile eines Sessels? – Die Stücke Holz, aus denen er zusammengefügt ist? Oder die Moleküle, die chemischen Elemente oder die Elektronen? “Einfach” heißt: nicht zusammengesetzt. Und da kommt es darauf an: in welchem Sinne ‘zusammengesetzt’? Es hat gar keinen Sinn von den ‘einfachen Bestandteilen des Sessels, schlechtweg’ zu reden. Oder: Besteht mein Gesichtsbild dieses Baumes, dieses Sessels, aus Teilen? & welches sind seine einfachen Bestandteile? Mehrfarbigkeit ist eine Art der Zusammengesetztheit; eine andere ist, z.B., die jener gebrochenen Kontur aus geraden Stücken. Diese Kurve kann man zusammengesetzt nennen aus einem aufsteigenden & einem absteigenden Ast. Wenn ich jemandem ohne weitere Erklärung sage, “Was ich jetzt vor mir sehe, ist zusammengesetzt”, so wird er mit Recht fragen: “Was meinst Du mit ‘zusammengesetzt’? Das kann ja alles Mögliche bedeuten!” Die Frage, “Ist, was Du siehst, zusammengesetzt?”, hat wohl Sinn, wenn bereits feststeht, um welche Art der Zusammengesetztheit – d.h., um welchen besonderen Gebrauch dieses Wortes – es sich (hier) handeln soll. Wäre also z.B. festgelegt worden, das Gesichtsbild eines Baumes solle “zusammengesetzt” heißen, wenn man nicht nur einen Stamm, sondern auch Äste sieht, so hätte nun die Frage “Ist das Gesichtsbild dieses Baumes einfach oder zusammengesetzt” & die Frage “Welches sind seine einfachen Bestandteile” einen klaren Sinn – eine klare Verwendung. Und auf die zweite Frage ist die Antwort natürlich nicht “Die Äste” (dies wäre eine Antwort auf die grammatische Frage: “Was nennt man hier die ‘einfachen Bestandteile’?”) sondern etwa eine Beschreibung der einzeln Äste.
44 But what are the simple constituents of reality? – What are the simple constituents of a chair? – The pieces of wood from which it is put together? Or the molecules, the chemical elements, or the electrons? “Simple” means: not composed. And then it depends on this: in what sense ‘composed’? It makes no sense to talk about the ‘simple constituents of a chair, as such’. Or: does my visual image of this tree, this chair, consist of parts? & what are its simple constituents? Multi-coloredness is one kind of composition; another is, for example, that of the broken contour made up of straight pieces. This curve can be called composed of an ascending & a descending branch. If I say to someone, without further explanation, “What I see in front of me now is composed,” he will rightly ask: “What do you mean by ‘composed’? That can mean all sorts of things!” The question, “Is what you see composed?” probably makes sense only if it is already established which kind of composition – i.e., which particular use of this word – it is (here) about. So, for example, if it had been established that the visual image of a tree should be called “composed” if one sees not only a trunk, but also branches, then the question “Is the visual image of this tree simple or composed?” & the question “What are its simple constituents?” would have a clear meaning – a clear use. And the answer to the second question is, of course, not “the branches” (this would be an answer to the grammatical question: “What does one call the ‘simple constituents’ here?”) but rather a description of the individual branches.
§
40[2] &41[1]
45 Aber ist z.B. nicht ein Schachbrett offenbar, & schlechtweg, zusammengesetzt? – Du denkst wohl an die Zusammensetzung aus 32 weißen & 32 schwarzen Quadraten; – aber könntest Du z.B. nicht auch sagen, es sei aus den Farben Weiß, Schwarz & dem Schema des Quadratnetzes zusammengesetzt? Und wenn es hier ganz verschiedene Betrachtungsweisen gibt, willst Du dann noch sagen, das Schachbrett sei ‘zusammengesetzt’ schlechtweg? – Der Fehler, wenn man außerhalb eines bestimmten Spiels fragt “Ist dieser Gegenstand zusammengesetzt?” ist ähnlich dem, welchen einmal ein kleiner Junge machte, der angeben sollte, ob das Zeitwort in den & den Sätzen in der aktiven oder in der passiven Form gebraucht sei, & der nun nachdachte, ob z.B. das Zeitwort “schlafen” etwas Aktives oder etwas Passives bedeute. Das Wort “zusammengesetzt” (& also das Wort “einfach”) wird von uns in einer Unzahl verschiedener, in verschiedener Weise mit einander verwandten Arten gebraucht. (Ist die Farbe dieses Schachfeldes einfach, oder besteht sie aus reinem Weiß & reinem Gelb? Und ist das Weiß einfach, oder besteht es aus den Farben des Regenbogens? – Ist diese Strecke von 2 cm einfach, oder besteht sie aus zwei Strecken von je 1 cm? Aber warum nicht aus einem Stück von 3 cm Länge & einem in negativem Sinn angesetzten Stück von 1 cm?!)
45 But isn't, for example, a chessboard obviously, and simply, composed? – You are probably thinking of the composition of 32 white & 32 black squares; – but couldn't you also say that it is composed of the colors white, black, & the pattern of the grid? And if there are quite different ways of looking at it here, do you still want to say that the chessboard is ‘composed’ simply? – The mistake one makes when asking, outside of a specific game, “Is this object composed?” is similar to the one a little boy once made, when he was supposed to say whether the verb in certain sentences was used in the active or passive form, & he then thought about whether, for example, the verb “to sleep” means something active or something passive. The word “composed” (and therefore the word “simple”) is used by us in an infinite number of different, in various ways related, senses. (Is the color of this square simple, or does it consist of pure white & pure yellow? And is the white simple, or does it consist of the colors of the rainbow? – Is this line of 2 cm simple, or does it consist of two lines, each of 1 cm? But why not of a piece of 3 cm in length & a piece of 1 cm set in a negative sense?!)
§
41[2]46 Auf die philosophische Frage: “Ist das Gesichtsbild dieses Baumes zusammengesetzt, und welches sind seine Bestandteile?” ist die richtige Antwort: “Das kommt drauf an, was Du unter ‘zusammengesetzt’ verstehst.” (Und das ist natürlich keine Beantwortung, sondern eine Zurückweisung der Frage.)
46 Regarding the philosophical question: “Is the visual image of this tree composite, & what are its constituent parts?” the correct answer is: “That depends on what you mean by ‘composite.’” (And this is, of course, not an answer, but a rejection of the question.)
§
41[3] &42[1] &
43[1]
47 Laß uns die Methode des Kapitels (3) auf die Darstellung im Theätetus anwenden: Betrachten wir ein Sprachspiel, für das diese Darstellung wirklich gilt. Die Sprache diene dazu Kombinationen farbiger Flecken auf einer Fläche darzustellen. Die Flecke sind Quadrate & bilden einen schachbrettförmigen Komplex. Es gibt rote, grüne, weiße & schwarze Quadrate. Die Wörter der Sprache seien (entsprechend) “r”, “g“, “s“, “w“ und ein Satz ist eine Reihe dieser Wörter. Sie beschreiben eine Zusammenstellung von Farbquadraten in der Reihenfolge
oder
etc.
Der Satz “r r s g g g r w w” beschreibt also z.B. eine Zusammensetzung dieser Art.
Hier ist der Satz ein Komplex von Namen, dem ein Komplex von Elementen entspricht. Die Urelemente sind die färbigen Quadrate. “Aber sind diese einfach?” – Ich wüßte nicht, was ich in diesem Sprachspiel natürlicher das “Einfache” nennen sollte. Unter anderen Umständen aber würde ich ein einfärbiges Quadrat “zusammengesetzt” nennen, etwa aus zwei Rechtecken, oder aus den Elementen Farbe & Form. Aber der Begriff der Zusammensetzung könnte auch so gedehnt werden, daß die kleinere Fläche” zusammengesetzt” genannt wird aus einer größeren & einer von ihr subtrahierten. Vergleiche: ‘Zusammensetzung’ der Kräfte, ‘Teilung’ einer Strecke durch einen Punkt außerhalb ihr; diese Ausdrücke zeigen, daß wir unter Umständen auch geneigt sind, das Kleinere als Resultat der ‘Zusammensetzung’ von Größerem zu betrachten & das Größere als ein Resultat der Teilung des Kleineren. Aber ich weiß nicht, ob ich (nun) sagen soll, die Figur, die unser Satz beschreibt, bestehe aus vier Elementen, oder aus neun! Nun, besteht jener Satz aus vier Buchstaben oder aus neun? – Und welches sind seine Elemente: die Buchstabentypen, oder die Buchstaben? Ist es nicht ganz gleichgültig, welches wir sagen, wenn wir nur im besonderen Fall Mißverständnisse vermeiden!
47 Let us apply the method of chapter (3) to the representation in the Theaetetus: Let us consider a language-game for which this representation is actually valid. Let language serve to represent combinations of colored patches on a surface. The patches are squares & form a chessboard-like complex. There are red, green, white & black squares. The words of the language are (correspondingly) “r”, “g”, “s”, “w” and a sentence is a sequence of these words. They describe an arrangement of colored squares in the sequence
or
etc.
The sentence “r r s g g g r w w” thus describes, for example, an arrangement of this kind.
Here the sentence is a complex of names, to which a complex of elements corresponds. The primitive elements are the colored squares. “But are these simple?” – I would not know what, in this language-game, I should most naturally call the “simple”. Under other circumstances, however, I would call a monochrome square “composite,” perhaps composed of two rectangles, or of the elements color & shape. But the concept of composition could also be extended in such a way that the smaller area is called “composite” from a larger area & one subtracted from it. Compare: ‘composition’ of forces, ‘division’ of a line by a point outside it; these expressions show that, under certain circumstances, we are also inclined to regard the smaller as the result of the ‘composition’ of the larger & the larger as the result of the division of the smaller. But I do not know whether I should now say that the figure that our sentence describes consists of four elements, or of nine! Now, does that sentence consist of four letters or of nine? – And which are its elements: the letter types, or the letters? Isn’t it quite irrelevant which we say, as long as we avoid misunderstandings in the particular case!
§
43[2] &44[1]
48 Was heißt es aber, daß wir diese Elemente nicht erklären – d.h. beschreiben – sondern nur benennen können? Das könnte etwa sagen, daß die Beschreibung eines Komplexes, wenn er, in einem Grenzfall, nur aus einem Quadrat besteht, einfach der Name des Farbquadrates wird. Man könnte hier sagen – obwohl dies leicht zu allerlei philosophischem Aberglauben führt – ein Zeichen “r”, oder “s”, etc., könne einmal Wort, & einmal Satz sein. Ob es aber ‘Wort oder Satz ist’ hängt von der Situation ab, in der es ausgesprochen oder geschrieben wird. Hat z.B. A dem B Komplexe von Farbquadraten zu beschreiben & gebraucht er hier das Wort “r” allein, so werden wir sagen können, das Wort sei hier eine Beschreibung – ein Satz. Memoriert er aber, etwa, die Wörter & ihre Bedeutungen, oder lehrt er einem Andern den Gebrauch der Wörter & spricht sie beim hinweisenden Lehren aus, so werden wir nicht sagen, sie seien hier Sätze. In dieser Situation ist das Wort “r”, z.B., keine Beschreibung, man benennt damit ein Element; – aber darum wäre es hier seltsam zu sagen, das Element könne man nur benennen! Benennen & Beschreiben stehen ja nicht auf einer Ebene: Das Benennen ist eine Vorbereitung zur Beschreibung. Das Benennen ist noch gar kein Zug im Sprachspiel, – sowenig, wie das Aufstellen einer Schachfigur ein Zug im Schachspiel. Man kann sagen: Mit dem Benennen eines Dings ist noch nichts getan. Es hat auch keinen Namen, – außer im Spiel. Das war es auch, was Frege damit meinte: ein Wort habe nur im Satzzusammenhang Bedeutung.
48 What does it mean to say that we cannot explain – i.e., describe – these elements, but can only name them? This might mean that the description of a complex, in a borderline case, if it consists of only one square, is simply the name of the color square. One could say here – although this easily leads to all sorts of philosophical superstition – that a sign “r”, or “s”, etc., can be a word and a sentence at the same time. However, whether it is a ‘word or sentence’ depends on the situation in which it is spoken or written. For example, if A has to describe a series of color squares to B and uses the word “r” alone, then we can say that the word is here a description – a sentence. But if he, for example, memorizes the words and their meanings, or teaches someone else the use of the words and speaks them in the act of teaching, then we would not say that they are sentences here. In this situation, the word “r”, for example, is not a description; one names an element with it – but that doesn't mean that we can only name the element! Naming and describing are not on the same level: naming is a preparation for describing. Naming is not yet a move in the language-game – any more than placing a chess piece on the board is a move in the game of chess. One can say: nothing is achieved by naming a thing. It has no name either – except in the game. That is also what Frege meant by saying that a word only has meaning in the context of a sentence.
§
44[2] &45[1] &
46[1]
49 Was heißt es nun; von den Elementen zu sagen, daß wir ihnen weder Sein noch Nicht-sein beilegen können? – Man könnte so sagen: Wenn alles, was wir “Sein” & “Nicht-sein” nennen, im Bestehen & Nicht-bestehen von Verbindungen zwischen den Elementen liegt, dann hat es keinen Sinn vom Sein (Nichtsein) eines Elements zu sprechen; sowie, wenn alles, was wir “zerstören” nennen, in der Trennung von Elementen liegt, es keinen Sinn hat, vom Zerstören eines Elements zu reden. Aber man möchte sagen: man kann dem Element nicht Sein beilegen, denn wäre es nicht, so könnte man es auch nicht einmal nennen & also gar nichts von ihm aussagen. – Betrachten wir doch einen analogen Fall, der die Sache klarer machen wird: Man kann von einem Ding nicht aussagen es sei 1 m lang, noch, es sei nicht 1 m lang, & das ist das Urmeter in Paris. – Damit haben wir aber diesem natürlich nicht irgend eine merkwürdige Eigenschaft zugeschrieben, sondern nur seine eigenartige Rolle im Spiel des Messens mit dem Metermaß gekennzeichnet. – Denken wir uns auf ähnliche Weise wie das Urmeter auch die Muster von Farben in Paris aufbewahrt. So erklären wir: “Sepia” heiße die Farbe des dort unter Luftabschluß aufbewahrtem Ur-Sepia. Dann wird es keinen Sinn haben, von diesem Muster auszusagen, es habe diese Farbe, noch, zu sagen, es habe sie nicht. Wir können das so ausdrücken: Dieses Muster ist ein Teil der Sprache, mit der wir Farbaussagen machen. Es ist in diesem Spiel nicht Dargestelltes, sondern Mittel der Darstellung. – Und eben das gilt von einem Element im Sprachspiel (47), wenn wir, es benennend, das Wort “r” aussprechen: wir haben damit diesem Ding eine Rolle in unserm Sprachspiel gegeben, es ist nun Mittel der Darstellung. Und zu sagen, wäre es nicht, so könnte es (auch) keinen Namen haben, sagt nun so viel, & so wenig, wie: gäbe es dieses Ding nicht, so könnten wir es in unserem Spiel nicht verwenden. – Was es, scheinbar, geben muß, gehört zur Sprache. Es spielt in unserm Spiel die Rolle des Paradigmas; dessen, womit verglichen wird. Und dies feststellen, kann heißen, eine wichtige Feststellung machen! Aber es ist dennoch eine Feststellung unser Sprachspiel– unsere Darstellungsweise – betreffend.
49 What does it mean to say of the elements that we cannot attribute being or non-being to them? – One could say: If everything that we call “being” and “non-being” lies in the existence and non-existence of connections between the elements, then it makes no sense to speak of the being (or non-being) of an element; and if everything that we call “destroying” lies in the separation of elements, then it makes no sense to speak of destroying an element. But one might say: one cannot attribute being to the element, for were it not, one could not even name it and thus say nothing about it. – Let us consider an analogous case, which will make the matter clearer: One cannot say of one thing that it is 1 m long, nor that it is not 1 m long, and that is the standard metre in Paris. – But with this, we have not attributed any strange property to it, but only characterized its peculiar role in the game of measuring with the metre. – Let us imagine, in a similar way, that the patterns of colors are also kept in Paris. Then we explain: “Sepia” is the name of the color of the original sepia kept there under air exclusion. Then it will make no sense to say of this pattern that it has this color, nor to say that it does not have it. We can express this as follows: This pattern is part of the language with which we make color statements. In this game, it is not something represented, but a means of representation. – And that is precisely what applies to an element in the language-game (47), when, by naming it, we say the word “r”: with this, we have given this thing a role in our language-game; it is now a means of representation. And to say that were it not, it could not have a name, says as much, and as little, as: if this thing did not exist, we could not use it in our game. – What, apparently, must exist belongs to the language. It plays the role of the paradigm in our game; it is what we compare with. And stating this can mean making an important statement! But it is still a statement about our language-game – our way of representing things.
§
46[2]Denken wir uns das Spiel (47) dahin abgeändert, daß in ihm Namen nicht einfärbige Quadrate bezeichnen, sondern Rechtecke, die aus je zwei solchen Quadraten bestehen. Ein solches Rechteck der Form
,
halb rot, halb grün, heiße “u”, eines halb grün, halb weiß, “v” & eines halb weiß, halb schwarz, “w”.
Let us imagine that the game (47) has been modified to the extent that in it, names do not designate single-colored squares, but rectangles consisting of two such squares each. Such a rectangle of the form
,
half red, half green, is called “u”, one half green, half white, “v” & one half white, half black, “w”.
§
46[3] &47[1]
50 In der Beschreibung des Sprachspiels (47) sagte ich, den Farben der Quadrate entsprächen die Wörter “r”, “g“, etc.. Worin aber besteht diese Entsprechung; inwiefern kann man sagen, diesen Zeichen entsprächen gewisse Farben der Quadrate? Die Erklärung in (47) stellte ja nur einen Zusammenhang zwischen diesen Zeichen & gewissen Wörtern unserer Sprache her (unsern Farbnamen). – Nun, es war vorausgesetzt, daß der Gebrauch der Zeichen im Spiel anders & zwar durch Hinweisen auf Paradigmen, gelehrt würde. Wohl, – aber was heißt es nun, zu sagen, in der Praxis der Sprache entsprächen den Zeichen gewisse Elemente? – Liegt es darin, daß der, welcher die Komplexe von Farbquadraten beschreibt, dabei immer “r” sagt, wo ein rotes Quadrat steht; “s”, wo ein schwarzes ist, etc.? Aber wie, wenn er sich bei der Beschreibung irrt, &, fälschlich, “r” sagt, wo er ein schwarzes Quadrat sieht; was ist hier das Kriterium dafür, daß dies ein Fehler war? – Oder besteht, daß “r” ein rotes Quadrat bezeichnet, darin, daß denen, die die Sprache gebrauchen, immer ein solches im Geist vorschwebt, wenn sie das Zeichen “r” gebrauchen? Um klar zu sehen, müssen wir hier, wie in unzähligen ähnlichen Fällen, die Einzelheiten der Vorgänge ins Auge fassen, was vorgeht aus der Nähe betrachten. Wenn ich dazu neige zu glauben, daß eine Maus durch generatio aequivoca aus grauen Fetzen & Staub entsteht, so wird es gut sein, diese Fetzen genau daraufhin zu untersuchen, wie eine Maus sich in ihnen verstecken konnte, wie sie dort hinkommen konnte, etc.. Bin ich aber überzeugt, daß eine Maus aus diesen Dingen nicht entstehen kann, dann wird diese Untersuchung vielleicht überflüssig sein. Was es aber ist, das sich in der Philosophie einer solchen Betrachtung der Einzelheiten entgegensetzt, müssen wir noch verstehen lernen. –
50 In the description of the language-game (47), I said that the colors of the squares corresponded to the words “r”, “g”, etc. But what does this correspondence consist of; in what sense can one say that these signs correspond to certain colors of the squares? The explanation in (47) only established a connection between these signs & certain words in our language (our color names). – Now, it was assumed that the use of the signs in the game would be taught differently, namely by pointing to paradigms. Probably, – but what does it mean to say that, in the linguistic practice, certain elements correspond to the signs? – Does it lie in the fact that the one who describes the complexes of colored squares always says “r” where a red square is, “s” where a black one is, etc.? But what if he makes a mistake in the description, & falsely says “r” where he sees a black square; what is the criterion here for the fact that this was a mistake? – Or does the fact that “r” designates a red square consist in the fact that those who use the language always have such a thing in mind when they use the sign “r”? In order to see clearly, we must, as in countless similar cases, examine the details of the processes, consider what is happening from close up. If I am inclined to believe that a mouse is created by generatio aequivoca from gray rags & dust, then it will be good to examine these rags closely, to see how a mouse could hide in them, how it could get there, etc. But if I am convinced that a mouse cannot arise from these things, then this investigation may be superfluous. What it is that opposes such a close examination in philosophy, we must still learn to understand. –
§
47[2] &48[1]
51 Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten für unser Sprachspiel (47), verschiedene Fälle, in denen wir sagen würden, ein Zeichen benenne in dem Spiel ein Quadrat bestimmter Farbe. Wir würden dies z.B. sagen, wenn wir wüßten, daß Menschen, die diese Sprache gebrauchen, auf eine bestimmte Art den Gebrauch der Zeichen lernten. Oder, wenn es schriftlich, etwa in Form einer Tabelle, niedergelegt wäre, daß diesem Zeichen dieses Element entspricht & wenn diese Tabelle beim Lehren der Sprache benützt & in gewissen Streitfällen zur Entscheidung herangezogen würde. – Wir können uns aber auch denken, daß eine solche Tabelle ein Werkzeug im Gebrauch der Sprache ist. Die Beschreibung eines Komplexes geht dann so vor sich, daß der, welcher beschreibt eine Tabelle mit sich führt, in ihr jedes Element des Komplexes aufsucht & den Übergang zum Zeichen macht. (Und es kann auch der, dem die Beschreibung gegeben wird, die Worte derselben durch eine Tabelle in die Anschauung von Farbquadraten rückübersetzten.) Man könnte sagen, diese Tabelle übernehme hier die Rolle, die in andern Fällen Gedächtnis & Assoziation spielen. (Wir werden den Befehl, “Bring mir eine rote Blume!”, für gewöhnlich nicht so ausführen, daß wir die Farbe Rot in einer Farbentabelle nachschlagen & dann eine Blume bringen von der Farbe, die wir so finden; aber wenn es sich darum handelt, einen bestimmten Ton von Rot zu wählen, oder zu mischen, dann geschieht es, daß wir uns eines Musters oder einer Tabelle bedienen.) Nennen wir eine solche Tabelle den Ausdruck einer Regel des Spiels, so kann man sagen, daß dem, was wir Regel eines Spiels nennen, sehr verschiedene Rollen im Spiel zukommen können.
51 There are now different possibilities for our language-game (47), different cases in which we would say that a sign designates a square of a certain color in the game. We would say this, for example, if we knew that the people who use this language learned the use of the signs in a certain way. Or, if it was laid down in writing, in the form of a table, that this sign corresponds to this element & if this table was used in teaching the language & was used to make decisions in certain disputes. – But we can also imagine that such a table is a tool in the use of the language. The description of a complex then proceeds in such a way that the one who describes carries a table with him, looks up each element of the complex in it & makes the transition to the sign. (And it may also be that the one who is given the description translates the words of it back into the perception of colored squares by means of a table.) One could say that this table takes on the role that memory & association play in other cases. (We usually do not carry out the command, “Bring me a red flower!”, by looking up the color red in a color chart & then bringing a flower of the color that we find; but if it is a question of choosing or mixing a certain shade of red, then it happens that we use a sample or a chart.) If we call such a table the expression of a rule of the game, then one can say that the thing that we call the rule of a game can have very different roles in the game.
§
48[2] &49[1]
52 Denken wir doch daran, in was für Fällen wir sagen, ein Spiel werde nach einer bestimmten Regel gespielt! Die Regel kann ein Behelf des Unterrichts im Spiel sein. Sie wird dem Lernenden mitgeteilt & ihre Anwendung eingeübt. – Oder sie ist ein Werkzeug des Spieles selbst. – Oder: Eine Regel findet weder im Unterricht noch im Spiel selbst Verwendung, noch ist sie in einem Regelverzeichnis niedergelegt. Man lernt das Spiel, indem man zusieht, wie Andere es spielen. Aber wir sagen, es werde nach diesen Regeln gespielt& meinen der Beobachter könne sie aus der Praxis des Spiels ablesen, wie ein Naturgesetz, dem die Spielhandlungen folgen. – Wie aber unterscheidet der Beobachter in diesem Fall zwischen einem Fehler der Spielenden & einer richtigen Spielhandlung? – Nun, es gibt (ja) dafür Merkmale im Benehmen der Spieler. Denke daran, wie man sich korrigiert, wenn man sich versprochen hat. Aber es kann in besonderen Fällen auch der Unterschied zwischen einem Fehler & einer richtigen Spielhandlung gänzlich verschwimmen.
52 Let us consider in what kinds of cases we say that a game is played according to a certain rule! The rule can be an aid in the instruction of the game. It is communicated to the learner & its application is practiced. – Or it is a tool of the game itself. – Or: A rule is neither used in the instruction nor in the game itself, nor is it laid down in a rule book. One learns the game by watching others play it. But we say that it is played according to these rules & the observer can presumably infer them from the way the game is played, just as one can infer a law of nature from the game-actions. – But how does the observer distinguish in this case between a mistake by the players & a correct game-action? – Well, there are (yes) characteristics for this in the behaviour of the players. Think about how one corrects oneself when one has made a mistake. But in special cases, the difference between a mistake & a correct game-action may completely disappear.
§
49[2] &50[1]
53 “Was die Namen der Sprache bezeichnen, muß unzerstörbar sein. Denn man muß den Zustand beschreiben können, in dem alles, was zerstörbar ist, zerstört ist. Und in dieser Beschreibung wird es Wörter geben; & was ihnen entspricht, darf dann nicht zerstört sein, denn sonst hätten die Wörter keine Bedeutung.” Ich darf mir nicht den Ast absägen, auf welchem ich sitze. Man könnte nun freilich gleich einwenden, daß ja die Beschreibung sich selbst von der Zerstörung ausnehmen müsse. – Aber das, was den Wörtern der Beschreibung entspricht & also nicht zerstört sein darf, wenn sie wahr ist, ist, was den Wörtern ihre Bedeutung gibt, ohne dem sie keine Bedeutung hätten. – Aber dieser Mensch ist ja doch in gewissem Sinne das, was seinem Namen entspricht. Er aber ist zerstörbar; & sein Name verliert seine Bedeutung nicht, wenn der Träger zerstört wird. – Das, was dem Namen entspricht, & ohne dem er keine Bedeutung hätte, ist, z.B., ein Paradigma das im Sprachspiel in Verbindung mit dem Namen gebraucht wird.
53 “What the names of a language designate must be indestructible. For one must be able to describe the state in which everything that is destructible has been destroyed. And in this description there will be words; & what corresponds to them must not then be destroyed, because otherwise the words would have no meaning.” I must not cut off the branch on which I am sitting. One could, of course, immediately object that the description itself must exclude itself from destruction. – But what corresponds to the words of the description & must therefore not be destroyed if it is true, is what gives the words their meaning, without which they would have no meaning. – But this person is, in a certain sense, what corresponds to his name. But he is destructible; & his name does not lose its meaning when the bearer is destroyed. – What corresponds to the name & without which it would have no meaning is, for example, a paradigm that is used in the language-game in connection with the name.
§
50[2] &51[1]
54 Aber wie, wenn kein solches Muster zur Sprache gehört, wenn wir uns, z.B., die Farbe, die ein Wort bezeichnet, merken? “Und wenn wir sie uns merken, so tritt sie also vor unser geistiges Auge, wenn wir etwa das Wort aussprechen. Sie muß also an sich unzerstörbar sein, wenn die Möglichkeit bestehen soll, daß wir uns jederzeit an sie erinnern.” Aber was sehen wir denn als Kriterium dafür an, daß wir uns richtig an sie erinnern? – Wenn wir mit einem Muster, statt mit unserm Gedächtnis, arbeiten, so sagen wir unter Umständen, das Muster habe seine Farbe verändert & beurteilen dies mit dem Gedächtnis. Aber können wir nicht auch unter Umständen von einem Nachdunkeln – z.B. – unseres Erinnerungsbildes reden? Sind wir dem Gedächtnis nicht ebenso ausgeliefert wie einem Muster? (Denn es könnte Einer sagen: “Wenn wir kein Gedächtnis hätten, wären wir einem Muster ausgeliefert.”) Oder etwa einer chemischen Reaktion: Denke, Du solltest eine bestimmte Farbe malen, ihr Name ist “φ”, und es ist die Farbe, welche man sieht, wenn der Stoff S sich mit dem Stoff T unter den und den Umständen verbindet. – Nimm an, die Farbe käme Dir an einem Tag heller vor als sonst, würdest Du da nicht vielleicht sagen: “Ich muß mich irren, die Farbe ist gewiß die gleiche wie gestern”? Das zeigt, daß wir uns dessen, was das Gedächtnis sagt, nicht immer als des obersten, inappellablen, Schiedsspruchs bedienen.
54 But how, if no such sample belongs to the language, if we, for example, remember the colour that a word designates? “And if we remember it, then it appears before our mind's eye when we say the word. It must therefore be indestructible in itself if the possibility of remembering it at any time is to exist.” But what do we consider to be the criterion for whether we are remembering it correctly? – If we work with a sample instead of with our memory, we may say that the sample has changed its colour & judge this with our memory. But can we not also, in some cases, speak of a fading – for example – of our memory-image? Are we not just as subject to our memory as we are to a sample? (For one could say: “If we did not have a memory, we would be subject to a sample.”) Or perhaps to a chemical reaction: Suppose you are supposed to paint a certain colour, its name is “φ”, & it is the colour that one sees when substance S combines with substance T under certain conditions. – Suppose the colour seems brighter to you on one day than on another, would you not perhaps say: “I must be mistaken, the colour is certainly the same as yesterday”? This shows that we do not always rely on what the memory says as the ultimate, unappealable, judgment.
§
51[2] &52[1]
55 “Etwas Rotes kann zerstört werden, aber Rot kann nicht zerstört werden, & darum ist die Bedeutung des Wortes ‘rot’ von der Existenz eines roten Dinges unabhängig.” Gewiß, es hat keinen Sinn zu sagen, die Farbe Rot (color nämlich, nicht pigmentum) werde zerrissen, oder zerstampft. Aber sagen wir nicht, “die Röte verschwindet”? und klammre Dich nicht daran, daß wir sie uns vor's geistige Auge rufen können, auch wenn es nichts Rotes mehr gibt! Dies ist nicht anders, als wolltest Du sagen, daß es dann immer noch eine chemische Reaktion gebe, die etwas Rotes (wieder) erzeugt. – Denn wie, wenn Du Dich nicht mehr an die Farbe erinnern kannst? – Wenn wir vergessen, welche Farbe es ist, die das & das Wort bezeichnet so verliert das Wort seine Bedeutung für uns;; d.h., wir können ein bestimmtes Sprachspiel nicht mehr mit ihm spielen. Und die Situation ist dann mit der zu vergleichen, daß das Paradigma, welches ein Mittel unserer Sprache war, verloren gegangen ist.
55 “Something red can be destroyed, but red cannot be destroyed, & therefore the meaning of the word ‘red’ is independent of the existence of a red thing.” Certainly, it makes no sense to say that the color red (color, namely, not pigmentum) is torn or crushed. But don’t we say, “the redness disappears”? And don’t you cling to the fact that we can imagine it, even if there is no longer anything red! This is no different than wanting to say that there is still a chemical reaction that produces something red (again). – But what if you can no longer remember the color? – If we forget what color it is that the word designates, then the word loses its meaning for us; that is, we can no longer play a certain language-game with it. And the situation is then comparable to the fact that the paradigm, which was a means of our language, has been lost.
§
52[2] &53[1]
56 “Ich will ‘Name’ nur das nennen, was nicht in der Verbindung ‘ξ existiert’ stehen kann. – Und so kann man nicht sagen ‘Rot’ existiert’, weil, wenn es Rot nicht gäbe, von ihm überhaupt nicht geredet werden könnte.” Richtiger: Wenn “ξ existiert” so viel besagen soll, wie: “ξ” habe Bedeutung, dann ist es kein Satz, der von ξ handelt, sondern ein Satz über unsern Sprachgebrauch, nämlich den Gebrauch des Wortes “ξ”. Es erscheint uns, als sagten wir damit etwas über die Natur von Rot: daß “Rot existiert” keinen Sinn ergibt. Es existiere eben ‘in sich’. Die gleiche Idee, – daß dies eine meta-physische Aussage über Rot ist, – drückt sich auch darin aus, wenn wir sagen, Rot sei zeitlos & vielleicht noch stärker im Wort “unzerstörbar”. Aber eigentlich wollen wir eben nur “Rot existiert” auffassen, als Aussage: Das Wort “Rot” hat Bedeutung. Oder vielleicht richtiger “Rot existiert nicht” als “‘Rot’ hat keine Bedeutung”. Nur wollen wir nicht sagen, daß er das sagt, sondern daß er das sagen müßte, wenn er einen Sinn hätte. Daß er sich aber beim Versuch, das zu sagen, selbst widerspricht – da eben Rot ‘an & für sich’ sei. Während ein Widerspruch nur etwa darin liegt, daß der Satz aussieht, als rede er von der Farbe, während er etwas über den Gebrauch des Wortes “rot” sagen soll. – In Wirklichkeit aber sagen wir sehr wohl, eine bestimmte Farbe existiere; & das heißt, so viel wie: es existierte etwas, was diese Farbe hat. Und der erste Ausdruck ist nicht (etwa) weniger exakt als der zweite; besonders dort nicht, wo ‘das, was die Farbe hat’ kein Körper ist.
56 “I only want to call ‘Name’ that which cannot stand in the connection ‘ξ exists’. – And so one cannot say ‘Red exists’, because, if there were no red, one could not talk about it at all.” More correctly: If “ξ exists” is meant to assert that “ξ” has meaning, then it is not a sentence about ξ, but a sentence about our linguistic usage, namely the use of the word “ξ”. It seems to us as if we are saying something about the nature of red: that “Red exists” does not make sense. It exists ‘in itself’. The same idea – that this is a meta-physical statement about red – is also expressed when we say that red is timeless & perhaps even more strongly in the word “indestructible”. But actually, we only want to understand “Red exists” as a statement: the word “Red” has meaning. Or perhaps more correctly “Red does not exist” as “'Red' has no meaning”. We just don’t want to say that he says that, but that he would have to say that, if it had any sense. That he contradicts himself in the attempt to say that – because red is ‘in itself’. Whereas a contradiction only lies in the fact that the sentence looks as if it is talking about the color, while it is supposed to say something about the use of the word “red”. – In reality, however, we do say that a certain color exists; & that means about as much as: something existed that had this color. And the first expression is not (necessarily) any less precise than the second; especially not where ‘that which has the color’ is not a body.
§
53[2]57 “Namen bezeichnen nur das, was Element der Wirklichkeit ist. Was sich nicht zerstören läßt, was in allem Wandel gleichbleibt.” Aber was ist das? – Während wir den Satz sagten, schwebte es uns ja schon vor! Wir sprachen schon aus einer ganz bestimmten Vorstellung heraus. Denn die Erfahrung zeigt uns ja diese nicht. Wir sehen Bestandteile von etwas Zusammengesetztem (eines Sessels z.B.). Wir sagen, die Lehne ist ein Teil des Sessels, aber selbst noch zusammengesetzt aus verschiedenen Hölzern; während ein Fuß ein einfacher Bestandteil ist. Wir sehen auch ein Ganzes, was sich ändert (zerstört wird) während seine Bestandteile gleichbleiben. Dies sind die Materialien, aus denen wir jenes Bild (der Wirklichkeit) anfertigen.
57 “Names only designate what is an element of reality. What cannot be destroyed, what remains the same in all change.” But what is that? – While we were saying the sentence, it was already hovering before us! We were already speaking from a very specific image. Because experience does not show us this. We see components of something composite (e.g. a chair). We say that the backrest is part of the chair, but is itself still composed of different pieces of wood; while a leg is a simple component. We also see a whole that changes (is destroyed) while its components remain the same. These are the materials from which we create that image (of reality).
§
53[3] &54[1] &
55[1]
58 Wenn ich nun sage: “Der Besen steht in der Ecke”, ist dies eigentlich eine Aussage über den Stiel & die Bürste? Jedenfalls könnte man doch die Aussage ersetzen durch eine, die die Lage des Stiels & die Lage der Bürste angibt. Und diese Aussage ist doch nun eine weiter analysierte Form der ersten. – Warum aber nenne ich sie “weiter analysiert”? – Nun, wenn der Besen sich dort befindet so heißt das doch, es müssen Stiel & Bürste dort sein & in bestimmter Lage zu einander; und dies war früher gleichsam im Sinn des Satzes verborgen & im analysierten Satz ist es ausgesprochen. Also meint der, der sagt, der Besen stehe in der Ecke, eigentlich, der Stiel sei dort & die Bürste & der Stiel stecke in der Bürste? Wenn wir jemand fragten ob er das meint, würde er wohl sagen, daß er gar nicht an den Besenstiel besonders, oder an die Bürste besonders, gedacht habe. Und das wäre die richtige Antwort, denn er wollte weder vom Besenstiel noch von der Bürste, besonders, reden. Denke, Du sagtest jemandem, statt “Bring mir den Besen”: “Bring mir den Besenstiel & die Bürste, die an ihm steckt!” Ist die Antwort darauf nicht: “Willst Du den Besen haben? Und warum drückst Du das so unsinnig aus?” – Wird er den weiter analysierten Satz also leichter verstehen? – Dieser Satz – könnte man sagen – leistet dasselbe, wie der gewöhnliche, aber auf einem umständlichern Wege. – Denk' Dir ein Sprachspiel, in den jemandem Befehle gegeben werden, gewisse aus mehreren Teilen zusammengefügte Dinge zu bringen, zu bewegen, oder dergleichen. Und zwei Arten, es zu spielen: in der einen a) werden den zusammengesetzten Dingen (Besen, Stühlen, Tischen, etc..) Namen gegeben, wie in (); in der andern b) erhalten nur die Teile Namen & das Ganze wird mit ihrer Hilfe beschrieben. – In wiefern ist denn ein Befehl des zweiten eine analysierte Form eines Befehls des ersten? Steckt denn jener in diesem & wird nun durch Analyse herausgeholt? – Ja, der Besen wird zerlegt, wenn man Stiel & Bürste trennt; aber besteht darum auch der Befehl, den Besen zu bringen, aus entsprechenden Teilen?
58 If I now say: “The broom is in the corner”, is this actually a statement about the handle & the brush? In any case, one could replace the statement with one that indicates the location of the handle & the location of the brush. And this statement is now a further analyzed form of the first. – But why do I call it “further analyzed”? – Well, if the broom is there, then the handle & brush must be there & in a specific relationship to each other; and this was previously, as it were, hidden in the sense of the sentence & in the analyzed sentence it is expressed. So, does the person who says the broom is in the corner actually mean that the handle is there & the brush is there & the handle is in the brush? If we asked someone whether that is what they mean, they would probably say that they didn't think of the broom handle or the brush in particular. And that would be the correct answer, because they didn't want to talk about the broom handle or the brush in particular. Imagine you said to someone, instead of “Bring me the broom”: “Bring me the broom handle & the brush that is attached to it!” Wouldn't the answer to that be: “Do you want the broom? & why are you expressing it in such a nonsensical way?” – Will he understand the further analyzed sentence more easily? – This sentence – one could say – accomplishes the same as the usual one, but in a more cumbersome way. – Imagine a language-game in which someone is given instructions to bring, move, or the like, certain things made up of several parts. & two ways of playing it: in one a) the composite things (brooms, chairs, tables, etc.) are given names, as in (); in the other b) only the parts are given names & the whole is described with their help. – In what way is a command of the second a analyzed form of a command of the first? Does the former lie in this & is it now brought out by analysis? – Yes, the broom is broken down when you separate the handle & the brush; but does this mean that the command to bring the broom consists of corresponding parts?
§
55[2]59 “Aber Du wirst doch nicht leugnen, daß ein bestimmter Befehl in (a) das Gleiche sagt, wie einer in (b)! Und wie willst Du denn den zweiten nennen, wenn nicht eine analysierte Form des ersten.” – Freilich, ich würde auch sagen, ein Befehl in (a) habe den gleichen Sinn, wie einer in (b); oder, wie ich es früher ausgedrückt habe: sie leisten dasselbe. Und das heißt: Wenn mir etwa ein Befehl in (a) gezeigt & die Frage gestellt würde, “Welchem Befehl in (b) ist dieser gleichsinnig?”, oder auch, “Welchen Befehlen in (b) widerspricht er?”, so werde ich die Frage so & so beantworten. Aber damit ist nicht gesagt, daß wir uns über die Verwendung des Ausdrucks “den gleichen Sinn haben”, oder “dasselbe leisten” im Allgemeinen verständigt haben. Es ist nämlich die Frage: In welchen Fällen sagen wir: “das sind nur zwei verschiedene Formen desselben Spiels”?
59 “But you will not deny that a certain command in (a) says the same as one in (b)! & how do you want to call the second one, if not an analyzed form of the first.” – Indeed, I would also say that a command in (a) has the same sense as one in (b); or, as I expressed it earlier: they accomplish the same. & that means: if a command in (a) is shown to me & the question is asked, “To which command in (b) is this equivalent in meaning?”, or even, “To which commands in (b) does it contradict?”, then I will answer the question one way or another. But this does not mean that we have reached an understanding about the use of the expression “to have the same sense”, or “to accomplish the same” in general. It is namely the question: in which cases do we say: “these are just two different forms of the same game”?
§
55[3] &56[1]
60 Denke etwa, der, dem die Befehle in (a) und (b) gegeben werden, habe in einer Tabelle, die Namen Bildern zuordnet, nachzusehen, ehe er das Verlangte bringt: Tut er nun dasselbe, wenn er einen Befehl in (a) & den entsprechenden in (b) ausführt? – Ja & nein. Du kannst sagen: “Der Witz der beiden Befehle ist der gleiche”. Ich würde hier dasselbe sagen. Aber es ist nicht überall klar, was man den ‘Witz’ des Befehls nennen soll! (Ebenso kann man von gewissen Dingen sagen: ihr Zweck ist das & das. Das Wesentliche ist, daß das eine Lampe ist, zur Beleuchtung dient, – daß sie das Zimmer schmückt, einen leeren Raum füllt, etc., ist nicht wesentlich. Aber nicht immer sind wesentlich & unwesentlich klar getrennt.)
60 Imagine, for example, that the person to whom the commands in (a) & (b) are given has to look up in a table that assigns names to images before bringing what is requested: does he then do the same thing when he executes a command in (a) & the corresponding one in (b)? – Yes & no. You can say: “The point of the two commands is the same”. I would say the same here. But it is not always clear what one should call the ‘point’ of the command! (Similarly, one can say of certain things: their purpose is this & that. The essential thing is that it is a lamp, that it serves to provide lighting – that it decorates the room, fills an empty space, etc., is not essential. But it is not always the case that what is essential & what is not is clearly separated.)
§
56[2]61 Der Ausdruck aber, ein Satz in (b) sei eine ‘analysierte’ Form eines in (a) ist leicht irreleitend: es scheint, als sei jene Form die fundamentalere, als zeige sie (erst) was mit der andern, gemeint sei, etc.. Wir denken etwa: Wer nur die unanalysierte Form kennt, dem geht die Analyse verloren; wer aber die analysierte Form kennt, der besitze damit alles. – Aber kann ich nicht sagen, daß diesem ein Aspekt der Sache verloren geht, so wie jenem?
Könnten wir uns nicht Menschen denken, die für solche Farbenkombinationen Namen hätten, aber nicht für die (einzelnen) Farben? Denk' an die Fälle, wenn wir sagen: “diese Farbenzusammenstellung (z.B. die Trikolore) hat einen ganz bestimmten Charakter. Inwiefern müssen die Zeichen dieses Sprachspiels analysiert werden? Ja, inwieweit kann das Spiel durch die analysierte Form (47) ersetzt werden? – Es ist eben ein anderes Sprachspiel; wenn auch mit (47) verwandt.
61 The expression, however, that a sentence in (b) is an ‘analyzed’ form of one in (a) is easily misleading: it seems as if that form were the more fundamental one, as if it showed (only) what is meant by the other, etc. We might think: whoever knows only the unanalyzed form misses the analysis; but whoever knows the analyzed form possesses everything in it. – But can I not say that he misses an aspect of the matter, just as the other does?
Could we not imagine people who have names for such color combinations, but not for the (individual) colors? Think of cases when we say: “this color combination (e.g., the tricolor) has a very specific character.” In what respect must the signs of this language-game be analyzed? Yes, in what respect can the game be replaced by the analyzed form (47)? – It is simply a different language-game; even if it is related to (47).
§
56[3] &57[1]
62 Und hier stoßen wir auf die große Frage, die hinter allen diesen Betrachtungen liegt: Denn man könnte mir nun einwenden: “Du machst Dir's leicht! Du redest von allen möglichen Sprachspielen, hast aber nirgends gesagt, was denn das Wesentliche des Sprachspiels, & d.h. der Sprache, ist. Was allen diesen Vorgängen gemeinsam ist und sie zur Sprache, oder zu Teilen der Sprache, macht. Du schenkst Dir also gerade den Teil der Untersuchung, der Dir selbst seinerzeit das meiste Kopfzerbrechen gemacht hat, nämlich den, die allgemeine Form des Satzes & der Sprache betreffend.” Und das ist wahr. – Statt etwas anzugeben, was allem, was wir Sprache nennen, gemeinsam ist, sage ich, es ist diesen Vorgängen gar nicht Eines gemeinsam, weswegen wir für (sie) alle das gleiche Wort verwenden, – sondern sie sind mit einander in vielen verschiedenen Weisen verwandt. Und dieser Verwandtschaft, oder diesen Verwandtschaften, wegen nennen wir sie alle “Sprachen”. Ich will versuchen, dies zu erklären.
62 And here we come to the great question that lies behind all these considerations: For one could now object to me: “You are making it easy for yourself! You talk about all kinds of language-games, but you have nowhere said what is essential about the language-game, & thus about language. What is common to all these processes and makes them language, or parts of language. You are thus depriving yourself of precisely the part of the investigation that gave you the most headaches at the time, namely, the one concerning the general form of the sentence & of language.” And that is true. – Instead of stating something that is common to everything we call language, I say that there is nothing in common to these processes, which is why we use the same word for (them) all, – but they are related to each other in many different ways. And it is because of this kinship, or these kinships, that we call them all “languages.” I want to try to explain this.
§
57[2] &58[1]
63 Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir “Spiele” nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele u.s.w.. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag' nicht, “es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ‘Spiele’”; sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn Du sie ansiehst so wirst Du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber Du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften sehen, & zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: Denk nicht, sondern schau! – Schau z.B. die Brettspiele an, mit ihren mannigfachen Verwandtschaften. Nun geh zu den Kartenspielen über; hier findest Du viele Entsprechungen zu jener ersten Klasse, aber viele gemeinsame Züge verschwinden, andere treten auf. Wenn Du nun zu den Ballspielen übergehst, so bleibt manches Gemeinsame erhalten, aber manches geht verloren. – Sind sie alle ‘unterhaltend’? Vergleiche Schach dem Mühlfahren. Oder: gibt es überall ein Gewinnen & Verlieren, oder die Konkurrenz von Spielenden? Denke an die Patiencen. In den Ballspielen gibt es Gewinnen & Verlieren, aber wenn ein Kind den Ball an die Wand wirft & wieder auffängt, so ist dieser Zug verschwunden. Schau welche Rolle Geschick & Glück spielen. Und wie verschieden ist Geschick im Schachspiel & Geschick im Tennisspiel. Denk' nun an die Reigenspiele: Hier ist das Element der Unterhaltung, aber wie viele der andern Charakterzüge sind verschwunden! Und so können wir durch die vielen, vielen andern Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen & verschwinden sehen. Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen & kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen & Kleinen.
63 Consider, for example, the processes that we call “games.” I mean board games, card games, ball games, fighting games, etc. What is common to all of these? – Do not say, “there must be something in common to them, otherwise they would not be called ‘games’”; but look to see if they all have something in common. – For if you look at them, you will not see something that is common to all of them, but you will see similarities, kinships, and indeed quite a few. As I said: don't think, but look! – Look, for example, at board games, with their manifold kinships. Now move on to card games; here you will find many correspondences to that first class, but many common features disappear, others emerge. If you now move on to ball games, some common features remain, but some are lost. – Are they all ‘entertaining’? Compare chess to checkers. Or: is there always winning & losing, or the competition of players? Think of solitaire. In ball games there is winning & losing, but if a child throws the ball against the wall & catches it again, that move is gone. See what role skill & luck play. And how different is skill in chess & skill in tennis. Now think of circle games: here is the element of entertainment, but how many of the other features have disappeared! And so we can go through the many, many other groups of games. See similarities emerge & disappear. And the result of this consideration is now: we see a complicated network of similarities that overlap & intersect. Similarities in the large & the small.
§
58[2] &59[1]
64 Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren, als durch das Wort “Familienähnlichkeiten”; denn so übergreifen & kreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten unter den Gliedern einer Familie: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc..– Und ich werde sagen: die ‘Spiele’ bilden eine Familie. Und ebenso bilden z.B. die Zahlenarten eine Familie. Warum nennen wir etwas “Zahl”? Nun etwa, weil es eine – direkte – Verwandtschaft mit etwas hat, was man bisher Zahl genannt hat; & dadurch, kann man sagen, erhält es eine indirekte Verwandtschaft zu anderem, was wir auch so nennen. Und wir dehnen unseren Begriff der Zahl aus, wie wir beim Spinnen eines Fadens Faser an Faser drehen. Und die Stärke des Fadens liegt nicht darin, daß eine Faser durch seine ganze Länge läuft, sondern darin, daß sich viele Fasern übergreifen. Wenn aber Einer sagen wollte: “Also ist allen diesen Gebilden etwas gemeinsam; nämlich die Disjunktion aller dieser Gemeinsamkeiten”, so würde ich antworten: Hier spielst Du nur mit einem Wort. Ebenso könnte man sagen: es läuft etwas durch den ganzen Faden, wenn sich die Fasern einander lückenlos überdecken nämlich, das lückenlose Übergreifen dieser Fasern.
64 I cannot characterize these similarities better than by the word “family resemblances”; for in this way the various similarities among the members of a family overlap & criss-cross: growth, facial features, eye color, gait, temperament, etc. etc. – And I will say: ‘games’ form a family. And similarly, for example, the different kinds of numbers form a family. Why do we call something a “number”? Well, because it has a – direct – kinship with something that has previously been called a number; & through this, one could say, it acquires an indirect kinship to other things that we also call by that name. And we extend our concept of number as we spin a thread, fiber by fiber. And the strength of the thread does not lie in the fact that one fiber runs through its entire length, but in the fact that many fibers overlap. If, however, one were to say: “So all these entities have something in common; namely, the disjunction of all these similarities,” I would reply: Here you are just playing with a word. One could also say: something runs through the entire thread, if the fibers completely cover each other, namely, the complete overlapping of these fibers.
§
59[2] &60[1]
65 “Gut; so ist also der Begriff der Zahl für Dich erklärt als die logische Summe jener einzelnen mit einander verwandten Begriffe: Kardinalzahl, Rationalzahl, reelle Zahl, etc.; & gleicherweise der Begriff des Spiels als logische Summe entsprechender Teilbegriffe.” – Dies muß nicht sein. Denn ich kann so dem Begriff ‘Zahl’ feste Grenzen geben, d.h. das Wort “Zahl” zur Bezeichnung eines fest begrenzten Begriffes gebrauchen, aber ich kann es auch so gebrauchen, daß der Umfang des Begriffes nicht durch eine Grenze abgeschlossen ist. So verwenden wir ja das Wort “Spiel”. Wie ist denn der Begriff des Spiels abgeschlossen? Was ist noch ein Spiel & was ist keines mehr? Kannst Du die Grenzen angeben? Nein. Du kannst welche ziehen; denn es sind noch keine gezogen. (Aber das hat Dich noch nie gestört, wenn Du das Wort “Spiel” angewendet hast.)
“Aber dann ist ja die Anwendung des Wortes nicht geregelt, das ‘Spiel’, was wir mit ihm spielen, ist nicht geregelt.” – Es ist nicht überall von Regeln begrenzt; aber es gibt ja auch keine Regel dafür, wie hoch man z.B. im Tennis den Ball werfen darf, oder wie stark, aber Tennis ist doch ein Spiel, & es hat auch Regeln.
65 “Good; so the concept of number is explained for you as the logical sum of those individual, mutually related concepts: cardinal number, rational number, real number, etc.; & similarly, the concept of game as the logical sum of corresponding partial concepts.” – This does not have to be the case. For I can give the concept ‘number’ fixed limits, i.e., use the word “number” to designate a precisely defined concept, but I can also use it in such a way that the scope of the concept is not bounded by a limit. This is how we use the word “game”. How is the concept of the game defined? What is still a game & what is no longer one? Can you specify the limits? No. You can draw them; because none have been drawn yet. (But that has never bothered you when you have applied the word “game”.)
“But then the application of the word is not regulated, the ‘game’ we play with it is not regulated.” – It is not bounded everywhere by rules; but there is also no rule for how high one may throw the ball in tennis, for example, or how strongly, but tennis is still a game, & it also has rules.
§
60[2] &61[1]
66 Wie würdest Du denn jemandem erklären, was ein Spiel ist? Ich glaube, Du wirst ihm Spiele beschreiben, und Du könntest der Beschreibung hinzufügen: “das, & Ähnliches, nennt man ‘Spiele’”. Und weißt Du selbst denn mehr? Kannst Du etwa nur dem Andern nicht genau sagen, was ein Spiel ist? Aber das ist nicht Unwissenheit. Du kennst die Grenzen nicht, weil keine gezogen sind. Wie gesagt, Du kannst – für einen bestimmten Zweck – eine Grenze ziehen. Machst Du dadurch den Begriff erst brauchbar? Durchaus nicht! es sei denn, für Deinen besondern Zweck. So wenig wie der das Längenmaß ‘ein Schritt’ brauchbar machte, der die Definition gab, “1 Schritt = 75 cm”. Und wenn Du sagen willst: “aber vorher war es doch kein exaktes Längenmaß”, so antworte ich: gut, dann war es ein unexaktes. – Obgleich Du mir noch die Definition der Exaktheit schuldig bist. –
66 How would you explain to someone what a game is? I believe you will describe games to him, & you could add to the description: “that, & similar things, are called ‘games’”. And do you yourself know more? Can you, perhaps, just not tell the other person exactly what a game is? But that is not ignorance. You do not know the boundaries because none have been drawn. As I said, you can – for a specific purpose – draw a boundary. Does this make the concept usable? Not at all! Unless it is for your specific purpose. Just as little as the person who gave the definition “1 step = 75 cm” made the measure ‘one step’ usable. And if you say: “but before that it was not an exact measure of length,” I reply: good, then it was an inexact one. – Although you still owe me the definition of exactness. –
§
61[2]67 “Aber wenn der Begriff ‘Spiel’ auf diese Weise unbegrenzt ist, so weißt Du ja eigentlich nicht, was Du mit “Spiel” meinst.” – Wenn ich die Beschreibung gebe: “Der Boden war ganz mit Kräutern & Pflanzen bedeckt”; willst Du sagen, ich wisse nicht wovon ich rede, ehe ich nicht eine Definition der ‘Kräuter’ geben kann? Sokrates (im ): “Du weißt es & kannst hellenisch reden, also mußt Du es doch sagen können.” – Nein. “Es wissen’ heißt hier eben nicht, es sagen können. Das Kriterium des Wissens ist hier ein anderes. Eine Erklärung dessen, was ich meine, wäre etwa ein gemaltes Bild und die Worte: “So, ungefähr, hat es ausgeschaut”. Ich sage aber vielleicht auch: “genau so hat es ausgesehen”. – Also waren genau diese Gräser & Blätter, in diesen Lagen, dort? Nein, das heißt es nicht. Und kein Bild würde ich, in diesem Sinne, als das genaue anerkennen.
67 “But if the concept of ‘game’ is unlimited in this way, then you don’t actually know what you mean by ‘game’.” – If I give the description: “The ground was completely covered with herbs & plants”; do you want to say that I don’t know what I’m talking about until I give a definition of ‘herbs’? Socrates (in the Theaetetus): “You know it & can speak Greek, so you must be able to say it.” – No. ‘Knowing’ here simply does not mean being able to say it. The criterion of knowledge is different here. An explanation of what I mean would be, for example, a painted picture & the words: “It looked more or less like that.” I might also say: “Exactly like that.” – So were precisely these grasses & leaves, in these positions, there? No, that’s not what it means. And I would not, in this sense, accept any picture as being the exact one.
§
61[3] &62[1]
68 Man kann sagen, der Begriff ‘Spiel’ ist ein Begriff mit verschwommenen Rändern. – “Aber ist ein verschwommener Begriff überhaupt ein Begriff?” – Ist eine unscharfe Photographie überhaupt ein Bild eines Menschen? – Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe oft nicht gerade das, was wir brauchen? Frege vergleicht den Begriff mit einem Bezirk & sagt, einen unklar begrenzten Bezirk könne man überhaupt keinen Bezirk nennen. Das heißt wohl, wir können mit ihm nichts anfangen. Aber ist es sinnlos zu sagen: “Halte Dich ungefähr hier auf!” Denke Dir ich stünde mit einem Andern auf einem Platz & sagte dies. Dabei werde ich nicht einmal irgend eine Grenze ziehen, sondern etwa mit der Hand eine zeigende Bewegung machen – ganz als zeigte ich einen bestimmten Punkt. Und genau so erklärt man etwa, was ein Spiel ist. Man gibt Beispiele, & will, daß sie in gewissem Sinn verstanden werden. – Aber mit diesem Ausdruck meine ich nicht: er solle nun in diesen Beispielen das Gemeinsame sehen, welches ich – aus irgend einem Grunde – nicht aussprechen konnte; sondern: er solle diese Beispiele nun in bestimmter Weise verwenden. Das Exemplifizieren ist hier nicht ein indirektes Mittel der Erklärung, – in Ermangelung eines bessern. – Denn, mißverstanden kann auch jede allgemeine Erklärung werden. So spielen wir eben das Spiel. (Ich meine das Sprachspiel mit dem Worte “Spiel”.)
68 One can say that the concept of ‘game’ is a concept with blurred edges. – “But is a blurred concept even a concept?” – Is an out-of-focus photograph even a picture of a person? – Yes, but can one always replace an out-of-focus picture with a sharp one to one’s advantage? Isn’t the out-of-focus one often precisely what we need? Frege compares the concept with a district & says that one cannot even call an unclearly delimited district a district. That probably means that we cannot do anything with it. But is it senseless to say: “Stay approximately here!” Imagine I am standing with someone else in a place & say this. I won’t even draw any boundary, but perhaps make a pointing motion with my hand – just as if I were pointing to a specific point. And that is precisely how one explains what a game is. One gives examples, & wants them to be understood in a certain sense. – But with this expression I do not mean: that he should now see the common thing in these examples, which I – for some reason – could not express; but: that he should now use these examples in a certain way. The giving of examples is not here an indirect means of explanation – in the absence of a better one. – Because any general explanation can also be misunderstood. That’s how we play the game. (I mean the language-game with the word ‘game’.)
§
62[2] &63[1]
69 Das Gemeinsame sehen: Nimm an – ich zeige jemandem verschiedene bunte Bilder, & sage: “Die Farbe, die Du in allen siehst, heißt ‘Ocker’.” – Das ist eine Erklärung, die verstanden wird, indem der Lernende aufsucht & sieht, was jenen Bildern gemeinsam ist. Er kann dann auf das Gemeinsame blicken, darauf zeigen. Vergleiche damit: Ich zeige ihm Vierecke verschiedener Form, alle in der gleichen Farbe gemalt & sage: “Was diese mit einander gemein haben, heißt ‘Ocker’”. Und vergleiche damit: – Ich zeige ihm Muster verschiedener Schattierungen von Blau & sage: “Die Farbe, die allen gemeinsam ist, nenne ich ‘Blau’”.
69 Seeing the common thing: Suppose – I show someone various colorful pictures, & say: “The color that you see in all of them is called ‘ocher’.” – This is an explanation that is understood by the learner looking for & seeing what those pictures have in common. He can then look at the common thing, point to it. Compare this with: I show him quadrilaterals of different shapes, all painted in the same color & say: “What these have in common is called ‘ocher’.” And compare this with: – I show him samples of different shades of blue & say: “The color that is common to all of them, I call ‘blue’.”
§
63[2] &64[1]
70 Wenn Einer mir die Namen der Farben erklärt, indem er auf Muster zeigt & sagt: “Diese Farbe heißt ‘Blau’, diese ‘Grün’, etc.”, so kann man diesen Fall in vieler Hinsicht dem vergleichen, daß er mir eine Tabelle an die Hand gibt, in der unter den Mustern von Farben die Wörter stehen. – Wenn auch dieser Vergleich in mancher Weise irreführen kann. – Man ist nun geneigt diesen Vergleich auszudehnen: Die Erklärung verstanden haben, heißt, einen Begriff des Erklärten im Geiste besitzen, & das ist ein Muster, oder Bild; zeigt man mir nun verschiedene Blätter & sagt, “Das nennt man ‘Blatt’”, so erhalte ich einen Begriff der Blattform, ein Bild von ihr im Geiste. – Aber wie schaut denn das Bild eines Blattes aus, das keine bestimmte Form zeigt, sondern ‘das, was allen Blattformen gemeinsam ist’? Welche Farbe hat das Muster in meinem Geiste der Farbe Grün, dessen, was allen Tönen von Grün gemeinsam ist? “Aber könnte es nicht solche ‘allgemeine’ Muster geben? Etwa ein Blattschema oder ein Muster von reinem Grün.” – Gewiß! – Aber, daß dieses Schema als Schema verstanden wird & nicht als die Form eines bestimmten Blattes, & daß ein Täfelchen von reinem Grün als Muster alles dessen verstanden wird, was grünlich ist & nicht als Muster für reines Grün: das liegt wieder in der Art der Anwendung dieser Muster. Frage Dich: Welche Gestalt muß das Muster der Farbe Grün haben. Soll es viereckig sein? Oder würde es dann das Muster für grüne Vierecke sein? – Soll es also ‘unregelmäßig’ geformt sein? Und was verhindert uns, es dann nur als Muster der unregelmäßigen Form anzusehen – d.h. zu verwenden?
70 If someone explains the names of colors to me by pointing to samples & saying: “This color is called ‘blue,’ this ‘green,’ etc.,” then one can compare this in many ways to the fact that he gives me a chart in which, under the samples of colors, the words are written. – Although this comparison may be misleading in some ways. – One is now inclined to extend this comparison: To have understood the explanation means to have a concept of the explained in one’s mind, & that is a sample or image; if he now shows me various leaves & says, “That is called ‘leaf,’” then I obtain a concept of the leaf’s shape, an image of it in my mind. – But what does the image of a leaf look like that does not show a specific shape, but ‘that which is common to all leaf shapes’? What color is the sample in my mind of the color green, of that which is common to all shades of green? “But could there not be such ‘general’ samples? Perhaps a leaf schema or a sample of pure green.” – Certainly! – But that this schema is understood as a schema & not as the shape of a specific leaf, & that a small piece of pure green is understood as a sample of everything that is greenish & not as a sample for pure green: that lies again in the way in which these samples are applied. Ask yourself: What shape must the sample of the color green have? Should it be square? Or would that then be the sample for green squares? – Should it therefore be ‘irregularly’ shaped? & what prevents us from then simply seeing it as a sample of the irregular shape – i.e. using it?
§
64[2]71 Hierher gehört auch Gedanke, daß der, welcher dieses Blatt als Muster der Blattform, im allgemeinen, sieht, es anders sieht, als der, welcher es etwa als Muster für diese bestimmte Form sieht. Nun, das könnte ja so sein – obwohl es nicht so ist –, denn es würde nur besagen, daß erfahrungsgemäß der, welcher das Blatt in bestimmter Weise sieht, es dann so & so, oder den und den Regeln gemäß, verwendet. Es gibt natürlich ein so & anders sehen, & es gibt auch Fälle, in denen der, welcher ein Muster so sieht, es im allgemeinen in dieser Weise verwenden wird, & wer es anders sieht, in anderer Weise. Wer, z.B., die Zeichnung
als ebene Figur sieht, bestehend aus einem Quadrat & zwei Rhomben, der wird den Befehl, “Bringe mir so etwas!”, vielleicht anders ausführen, als der, welcher das Bild räumlich sieht.
71 This also includes the thought that the one who sees this leaf as a sample of the leaf shape, in general, sees it differently than the one who sees it as a sample for this specific shape. Now, that could be so – although it is not so – because it would only state that, as a matter of experience, the one who sees the leaf in a certain way then uses it in this way or that, according to certain rules. There is, of course, a way of seeing it, & there are also cases in which the one who sees a sample in one way will, in general, use it in this way, & whoever sees it differently will use it differently. For example, the one who sees the drawing
as a plane figure consisting of a square & two rhombuses will perhaps carry out the command, “Bring me something like that!” differently than the one who sees the image spatially.
§
64[3] &65[1]
72 Was heißt es: wissen, was ein Spiel ist? Was heißt es, es wissen & es nicht sagen können? Ist dieses Wissen das Äquivalent einer unausgesprochenen Definition? So daß, wenn sie ausgesprochen würde, ich sie als den Ausdruck meines Wissens anerkennen würde? Ist nicht mein Wissen, mein Begriff vom Spiel, ganz in den Erklärungen ausgedrückt, die ich geben könnte? nämlich darin, daß ich Beispiele von Spielen verschiedener Art beschreibe; zeige, wie man nach Analogie dieser auf alle möglichen Arten andere Spiele konstruieren könnte; sage, daß ich das & das wohl kaum mehr ein Spiel nennen würde, und dergleichen mehr.
72 What does it mean to know what a game is? What does it mean to know it & not be able to say it? Is this knowledge equivalent to an unspoken definition? So that, if it were spoken, I would recognize it as the expression of my knowledge? Is not my knowledge, my concept of the game, entirely expressed in the explanations that I could give? Namely, in my describing examples of games of various kinds; showing how, by analogy with these, one could construct other games in all possible ways; saying that I would scarcely still call this & that a game, and the like.
§
65[2]73 Zöge Einer eine scharfe Grenze, ich könnte sie sie nicht als die anerkennen, die ich auch schon immer ziehen wollte, oder im Geist gezogen habe. Denn ich wollte gar keine ziehen. Man kann dann sagen: sein Begriff ist nicht der gleiche wie der meine, aber ihm verwandt. Und die Verwandtschaft ist die zweier Bilder, deren eines aus unscharf begrenzten Farbflecken, das andere aus ähnlich geformten & verteilten, aber scharf begrenzten, besteht. Die Verwandtschaft ist dann ebenso unleugbar, wie die Verschiedenheit.
73 If someone were to draw a sharp line, I could not recognize it as the one that I have always wanted to draw, or that I have in mind. For I did not want to draw any line at all. One can then say: his concept is not the same as mine, but it is related. & the relatedness is that of two pictures, one of which consists of vaguely delineated patches of color, the other of similarly shaped & distributed, but sharply delineated, patches. The relatedness is then as undeniable as the difference.
§
65[3] &66[1]
74 Und wenn wir diesen Vergleich noch etwas weiterführen, – so ist es klar, daß der Grad, bis zu welchem das scharfe Bild dem verschwommenen ähnlich sein kann, vom Grade der Unschärfe dieses abhängt. Denn denk Dir, Du solltest zu einem verschwommenen Bild ein ihm ‘entsprechendes’ scharfes entwerfen! In jenem ist ein unscharfes rotes Rechteck; Du setzt dafür ein scharfes. Freilich – es ließen sich ja mehrere solche scharfe Rechtecke ziehen, die dem unscharfen entsprächen. – Wenn aber im Original die Farben ohne die Spur einer Grenze in einander fließen, wird es dann nicht eine hoffnungslose Aufgabe werden, ein dem verschwommenen entsprechendes scharfes Bild zu zeichnen? Wirst Du dann nicht sagen müssen: “Hier könnte ich ebensogut einen Kreis, als ein Rechteck, oder eine Herzform zeichnen; es fließen alle Farben in einander. Es stimmt alles, – & nichts.” – Und in dieser Lage befindet sich z.B. der, der in der Ästhetik oder Ethik Definitionen geben möchte, die unseren Begriffen entsprechen.
Frage Dich in dieser Schwierigkeit immer: “Wie haben wir denn die Bedeutung dieses Wortes – ‘gut’ z.B. – gelernt? An was für Beispielen; in welchen Sprachspielen? Du wirst dann leichter sehen, daß dieses Wort eine Familie von Bedeutungen haben muß.
74 And if we take this comparison a bit further, it is clear that the extent to which the sharp image can resemble the blurred one depends on the degree of blurriness. For imagine that you were to create a sharp image that ‘corresponds’ to a blurred one! In the latter, there is a blurred red rectangle; you substitute a sharp one for it. Of course, one could draw several such sharp rectangles that correspond to the blurred one. But if, in the original, the colors flow into one another without any trace of a boundary, will it not then become a hopeless task to draw a sharp image that corresponds to the blurred one? Will you not then have to say: “Here I could just as easily draw a circle as a rectangle or a heart; all the colors flow into one another. Everything is right, – & nothing.” And in this situation is, for example, the person who wants to give definitions in aesthetics or ethics that correspond to our concepts.
In this difficulty, always ask yourself: “How did we learn the meaning of this word – ‘good’ for example? In this difficulty always ask yourself: “How did we learn the meaning of this word – 'good' for example? From what examples; in what language-games? Then you will more easily see that this word must have a family of meanings.
§
66[2]75 Vergleiche: wissen und sagen, wieviele m hoch der Montblanc ist wie das Wort “Spiel” gebraucht wird wie eine Klarinette klingt.
Wer sich wundert, daß man etwas wissen könne & nicht sagen, denkt wohl an einen Fall, wie den ersten; & gewiß nicht an einen, wie den dritten.
75 Comparisons: knowledge & saying, how high Mont Blanc is, how the word “game” is used, how a clarinet sounds.
Whoever wonders that one can know something & not say it, probably thinks of a case like the first; & certainly not one like the third.
§
66[3] &67[1] &
68[1]
76 Betrachte dieses Beispiel: Wenn man sagt, “Moses hat nicht existiert”, so kann das verschiedenerlei bedeuten. Es kann heißen: die Israeliten haben nicht einen Führer gehabt, als sie von Ägypten ausgezogen sind – oder: ihr Führer hat nicht Moses geheißen – oder: es hat keinen Menschen gegeben, der alles das vollbracht hat, was die Bibel von Moses berichtet – etc., etc..– Nach Russell können wir sagen: der Name “Moses” kann durch verschiedene Beschreibungen definiert werden. Z.B. als: “der Mann, welcher die Israeliten durch die Wüste geführt hat”, “der Mann, welcher zu dieser Zeit & an diesem Ort gelebt hat und damals ‘Moses’ genannt wurde”, “der Mann, welcher als Kind von der Tochter Pharaos aus dem Nil gezogen wurde”, etc.. Und je nachdem wir die eine oder andere Definition annehmen, bekommt der Satz “Moses hat existiert” einen andern Sinn & ebenso jeder andere Satz, der von Moses handelt. – Und wenn man uns sagt, “N hat nicht existiert”, fragen wir auch: “Was meinst Du? Willst Du sagen, daß …, oder daß …, etc.?” Aber wenn ich nun eine Aussage über Moses mache, bin ich immer bereit, irgend eine dieser Beschreibungen statt “Moses” zu setzen? Ich werde etwa sagen: unter “Moses” verstehe ich den Mann, der getan hat, was die Bibel von Moses berichtet, oder doch vieles davon. Aber wievieles? Habe ich mich entschieden, wieviel sich als falsch erweisen muß, damit ich meinen Satz, als falsch aufgebe? Hat also der Name “Moses” für mich einen festen & eindeutig bestimmten Gebrauch in allen möglichen Fällen? – Ist es nicht so, daß ich sozusagen eine ganze Reihe von Stützen in Bereitschaft habe & bereit bin, mich auf diese zu stützen, wenn mir die andere entzogen werden sollte, & umgekehrt? – Betrachte noch einen andern Fall: Wenn ich sage, “N ist gestorben”, so kann es mit der Bedeutung des Namens “N” etwa folgende Bewandtnis haben: Ich glaube, daß ein Mensch gelebt hat, den ich (1.) dort & dort gesehen habe, der (2) so und so ausgeschaut hat (Bilder), (3) das & das getan hat und (4) in der bürgerlichen Welt diesen Namen, “N”, führt. Gefragt, was ich unter “N” verstehe, würde ich Alles das, oder Einiges davon, & bei verschiedenen Gelegenheiten Verschiedenes, aufzählen. Meine Definition von “N” wäre also etwas “der Mann, von dem alles das stimmt”. – Aber wenn sich nun einiges davon als falsch erwiese! – werde ich bereit sein meinen Satz “N ist gestorben” für falsch zu erklären, – auch wenn nur etwas mir (ganz) Nebensächliches sich als falsch herausstellt? Wo aber ist die Grenze des Nebensächlichen? – Hätte ich in so einem Fall eine Erklärung des Namens gegeben, so wäre ich nun bereit, sie abzuändern. Und das kann man so ausdrücken, ich gebrauche den Namen “N” ohne feste Bedeutung. (Aber das tut seiner Verwendung so wenig Eintrag wie dem eines Tisches, daß er auf vier Beinen ruht, statt auf dreien, & daher unter Umständen wackelt.) Soll man sagen, ich gebrauche ein Wort, dessen Bedeutung ich nicht kenne, rede also Unsinn? – Sage was Du willst, solange Dich das nicht hindert, zu sehen, wie es sich verhält. (Und wenn Du das siehst, wirst Du manches nicht sagen.)
76 Consider this example: When one says, “Moses did not exist,” this can mean different things. It can mean: the Israelites did not have a leader when they departed from Egypt – or: their leader was not named Moses – or: there was no person who accomplished everything that the Bible reports about Moses – etc., etc. – According to Russell, we can say: the name “Moses” can be defined by various descriptions. For example, as: “the man who led the Israelites through the wilderness,” “the man who lived at that time and in that place and was called ‘Moses’ at the time,” “the man who, as a child, was drawn from the Nile by the daughter of Pharaoh,” etc. And depending on which definition we adopt, the sentence “Moses existed” has a different meaning, and so does any other sentence that refers to Moses. – And if one tells us, “N did not exist,” we also ask: “What do you mean? Do you mean that …, or that …, etc.?” But when I make a statement about Moses, am I always ready to substitute any of these descriptions for “Moses”? I might say: by “Moses” I mean the man who did what the Bible reports about Moses, or at least much of it. But how much? Have I decided how much would have to be shown to be false in order for me to abandon my statement as false? Does the name “Moses” therefore have a fixed and clearly defined use for me in all possible cases? – Is it not the case that I, as it were, have an entire series of supports ready and am prepared to rely on these supports if the other is withdrawn from me, and vice versa? – Consider another case: If I say, “N is dead,” the meaning of the name “N” might be related in the following way: I believe that a person lived who I (1.) saw there and there, who (2) looked like this (images), who (3) did this and that, and (4) who in the social world bears the name “N.” If asked what I understand by “N,” I would list all of that, or some of it, and on different occasions, different things. My definition of “N” would therefore be something like “the man about whom all of that is true.” – But what if some of that turns out to be false! – Will I be ready to declare my statement “N is dead” to be false, even if only something that seems quite insignificant to me turns out to be false? But where is the limit of what is insignificant? – If I had given an explanation of the name in such a case, I would now be prepared to modify it. And one can express this by saying that I use the name “N” without a fixed meaning. (But this does not diminish its use any more than the fact that a table rests on four legs instead of three and may therefore be unstable.) Should one say that I use a word whose meaning I do not know, and therefore speak nonsense? – Say what you will, as long as it does not prevent you from seeing how it is. (And if you see that, you will not say some things.)
§
68[2] &69[1]
77 Ich sage: “Dort steht ein Sessel”; wie wenn ich hingehe & ihn holen will und er entschwindet plötzlich meinem Blick? – “Also war es kein Sessel, sondern irgend eine Täuschung.” – Aber in ein paar Sekunden sehen wir ihn wieder & können ihn angreifen, etc..– “Also war der Sessel doch da & sein Verschwinden war irgend eine Täuschung.” – Aber nimm an, nach einer Zeit verschwindet er wieder, – oder scheint zu verschwinden. – Was sollen wir nun sagen? Hast Du für solche Fälle Regeln bereit – die sagen, ob man so etwas noch “Sessel” nennen darf? Aber gehen sie uns beim Gebrauch des Wortes “Sessel” ab; & sollen wir sagen, daß wir mit diesem Wort eigentlich keine Bedeutung verbinden, da wir nicht für alle Fälle mit Regeln für seine Anwendung versehen sind?
77 I say: “There is an armchair there”; as if I were to go to it and want to fetch it, and it suddenly disappears from my sight? – “So it was not an armchair, but some kind of illusion.” – But in a few seconds, we see it again and can touch it, etc. – “So the armchair was there after all, and its disappearance was some kind of illusion.” – But suppose that after a while it disappears again – or seems to disappear. – What should we say now? Do you have rules ready for such cases – rules that say whether one is still allowed to call something “an armchair”? But are they useful in the use of the word “armchair”? And should we say that we do not actually associate any meaning with this word, because we do not have rules for its application in all cases?
§
69[2] &70[1]
78 Ramsey hat einmal im Gespräch mit mir betont, die Logik sei eine “normative Wissenschaft”. Die genaue Idee, die ihm dabei vorgeschwebt hat, weiß ich nicht; sie war aber zweifellos eng verwandt mit der, die mir erst später aufgegangen ist: daß wir nämlich in der Philosophie den Gebrauch der Wörter oft mit Spielen, Kalkülen, nach festen Regeln vergleichen, aber nicht sagen können, wer die Sprache gebraucht, müsse ein solches Spiel spielen. – Sagt man (nun) aber, daß unser sprachlicher Ausdruck sich solchen Kalkülen nur nähert, so steht man damit unmittelbar am Rande eines Mißverständnisses. Denn so kann es scheinen, als redeten wir in der Logik von einer idealen Sprache. Als wäre unsre Logik eine Logik, gleichsam, für den luftleeren Raum. Während die Logik doch nicht von der Sprache – beziehungsweise vom Denken – handelt wie eine Naturwissenschaft von einer Naturerscheinung, & man höchstens sagen kann, wir konstruierten ideale Sprachen. Aber hier wäre das Wort ‘ideal’ irreführend. Denn es schiene also, als wären diese Sprachen besser, vollkommener, als unsere Umgangssprache; & als brauchte es den Logiker, damit er den Menschen endlich zeige, wie ein richtiger Satz ausschaut. All das kann aber erst dann im rechten Licht erscheinen, wenn wir über die Ideen des Verstehens, Meinens, & Denkens Klarheit gewonnen haben. Denn dann wird auch klar werden, was dazu verleiten kann – & mich verleitet hat (Log. Phil. Abh.) – zu denken, daß, wer einen Satz ausspricht & meint, oder versteht, damit einen Kalkül nach festen Regeln betreiben muß.
78 Ramsey once emphasized in a conversation with me that logic is a “normative science.” I don't know the precise idea he had in mind; but it was undoubtedly closely related to the one that only occurred to me later: namely, that in philosophy we often compare the use of words with games, calculi, [following] fixed rules, but cannot say that anyone who uses language must play such a game. – But if one says that our linguistic expression only approaches such calculi, then one immediately stands on the threshold of a misunderstanding. For it may seem as if we are talking about an ideal language in logic, as if our logic were a logic, as it were, for the vacuum. Whereas logic does not treat language – or rather, thought – in the same way that a natural science treats a natural phenomenon; and at most one can say that we construct ideal languages. But here the word ‘ideal’ would be misleading, because it would seem as if these languages were better, more perfect than our everyday language; and as if it were up to the logician to finally show people what a proper sentence looks like. But all this can only come into the right light when we have gained clarity about the ideas of understanding, meaning, and thought. For then it will also become clear what can lead one – and led me (Log. Phil. Abh.) – to think that anyone who utters a sentence and means or understands it must be performing a calculus according to fixed rules.
§
70[2] &71[1]
79 Denn was nenne ich die ‘Regel, nach der er vorgeht’? Die Hypothese, die seinen Gebrauch der Worte, den wir beobachten, zufriedenstellend beschreibt, oder die Regel, die er im Gebrauch der Zeichen nachschlägt, oder, die er uns zur Antwort gibt, wenn wir ihn nach seiner Regel fragen? Wie aber, wenn die Beobachtung keine Regel klar erkennen läßt & die Frage keine zu Tage fördert? – Denn er gab mir zwar auf meine Frage, was er unter “N” verstehe, eine Erklärung, war aber bereit, diese Erklärung zu widerrufen & abzuändern. – Wie soll ich also die Regel bestimmen, nach der er spielt? er weiß sie selbst nicht. Oder richtiger: was soll der Ausdruck “Regel, nach welcher er vorgeht” hier noch besagen?
79 For what do I call the ‘rule according to which he proceeds’? The hypothesis that satisfactorily describes his use of the words that we observe, or the rule that he looks up in the use of the signs, or the one that he gives us as an answer when we ask him about his rule? But what if observation does not reveal any rule clearly, and the question does not bring any to light? – For he did give me an explanation of what he understood by “N” when I asked him, but he was willing to withdraw and modify this explanation. – So how am I to determine the rule according to which he plays? He doesn't know it himself. Or rather: what is the expression “rule according to which he proceeds” supposed to mean here?
§
71[2]80 Steckt uns da nicht die Analogie der Sprache mit dem Spiel ein Licht auf? Wir können uns doch sehr wohl denken, daß sich Menschen auf einer Wiese damit unterhielten, mit einem Ball zu spielen, so zwar, daß sie verschiedene bestehende (geregelte) Spiele anfingen, manche nicht zu Ende spielen, dazwischen den Ball planlos in die Höhe würfen, einander im Scherz mit dem Ball nachjagen & bewerfen, etc.. – Und nun sagte Einer: Die ganze Zeit hindurch spielen die Leute ein Ballspiel & richten sich daher bei jedem Wurf nach bestimmten Regeln. Und gibt es nicht auch den Fall, wo wir spielen & ‘make up the rules as we go along’? Ja auch den, in welchen wir sie abändern – as we go along.
80 Doesn't the analogy of language with the game shed light on this for us? We can very well imagine people on a meadow talking to each other while playing with a ball, in such a way that they start various existing (regulated) games, some of which they don't finish, in between they throw the ball aimlessly into the air, they jokingly chase and throw the ball at each other, etc. – And now one says: all the time the people are playing a ball game and therefore, with each throw, they are following certain rules. And is there not also the case where we play and ‘make up the rules as we go along’? Yes, even the case in which we change them – as we go along.
§
71[3] &72[1]
81 Ich sagte in (65) von der Anwendung des Wortes “Spiel”, sie sei nicht ‘überall von Regeln begrenzt’ ; aber wie schaut denn ein Spiel aus, das überall von Regeln begrenzt ist? Dessen Regeln keinen Zweifel eindringen lassen; ihm alle Löcher verstopfen? – Können wir uns nicht eine Regel denken, die die Anwendung einer Regel regelt? und einen Zweifel den jene Regel beseitigt; und so fort? Aber das sagt nicht, daß wir zweifeln, weil wir uns einen Zweifel denken können. Ich kann mir sehr wohl denken, daß jemand jedesmal vor dem Öffnen seiner Haustüre zweifelt, ob sich hinter ihr nicht ein Abgrund aufgetan hat; & daß er sich darüber vergewissert, eh' er durch die Tür tritt (& es kann sich einmal erweisen, daß er recht hatte); aber deswegen zweifle ich im gleichen Falle doch nicht.
81 In (65), I spoke of the application of the word “game,” saying that it is not ‘everywhere limited by rules’; but what does a game look like that is everywhere limited by rules? One in which the rules allow no room for doubt; one that plugs up all the holes? – Can we not imagine a rule that regulates the application of a rule? and a doubt that that rule dispels; and so on? But this does not mean that we doubt because we can imagine a doubt. I can very well imagine someone doubting each time before opening his front door whether an abyss has opened up behind it; and that he makes sure of it before stepping through the door (and it may even turn out that he was right); but that does not mean that I doubt in the same case.
§
72[2]82 Eine Regel steht da, wie ein Wegweiser. Läßt er keinen Zweifel offen über den Weg, den ich zu gehen habe? Zeigt er, in welcher Richtung ich gehen soll, wenn ich an ihm vorbei bin, ob der Straße nach oder dem Feldweg, oder querfeldein? Aber wo steht, in welchem Sinne ich ihm zu folgen habe; ob in der Richtung der Hand oder, z.B., in der entgegengesetzten? – Und wenn statt eines Wegweisers eine geschlossene Kette von Wegweisern da stünden, oder Kreidestriche auf dem Boden liefen; gibt es für sie nur eine Deutung? – Also kann ich sagen, der Wegweiser läßt doch keinen Zweifel offen. Oder vielmehr: Er läßt manchmal einen Zweifel offen, manchmal nicht. Und dies ist nun kein Satz der Philosophie mehr; sondern ein Erfahrungssatz.
82 A rule stands there, like a signpost. Does it leave no room for doubt about the way I have to go? Does it show, when I have passed it, in which direction I should go, whether along the road or the field path, or across the fields? But where does it say in what sense I am to follow it; in the direction of the hand or, for example, in the opposite direction? – And if, instead of a signpost, there were a closed chain of signposts, or chalk marks on the ground; is there only one interpretation for them? – So I can say that the signpost leaves no room for doubt. Or rather: it sometimes leaves room for doubt, sometimes not. And this is now no longer a sentence of philosophy; but an experiential/empirical proposition.
§
72[3] &73[1]
83 Ein Sprachspiel wie (3) werde mit Hilfe einer Tabelle gespielt. Die Zeichen, die A dem B gibt, seien nun Schriftzeichen; B hat eine Tabelle: in der ersten Kolumne stehen die Schriftzeichen, die im Spiel gebraucht werden, in einer zweiten Bilder von Bausteinformen. A zeigt dem B so ein geschriebenes Zeichen (schreibt es etwa auf eine Tafel): B sucht es in der Tabelle auf, blickt auf das gegenüberliegende Bild, etc.. Die Tabelle ist also eine Regel, nach der er sich beim Ausführen der Befehle richtet. – Das Aufsuchen des Bildes in der Tabelle lernt man durch eine Abrichtung & ein Teil dieser Abrichtung wird etwa darin bestehen daß der Schüler lernt, in der Tabelle mit dem Finger horizontal von links nach rechts zu fahren – lernt, sozusagen, eine Reihe horizontaler Striche (zu) ziehen. Denk' Dir, es würden nun verschiedene Arten eingeführt, eine Tabelle zu lesen; nämlich einmal, wie oben, nach dem Schema:
ein andermal nach diesem Schema:
oder diesem:
etc..
So ein Schema wird der Tabelle beigefügt als Regel, wie sie zu gebrauchen sei. Können wir uns nun nicht weitere Regeln zur Erklärung dieser vorstellen? Und war anderseits jene erste Tabelle unvollständig ohne das Schema
?
Und sind es die andern ohne das ihre?
83 A language-game like (3) is played with the help of a table. Let the signs that A gives to B be script; B has a table: in the first column are the script signs that are used in the game, in a second, pictures of building-block shapes. A shows B a written sign (perhaps writes it on a board): B looks it up in the table, looks at the opposite picture, etc. The table is therefore a rule, according to which he orients himself when carrying out the commands. – One learns to find the picture in the table through training, and part of this training consists of the student learning to run a finger horizontally from left to right in the table – learning, as it were, to draw a row of horizontal lines. Now imagine that different ways of reading a table are introduced; namely, first, as above, according to the scheme:
and another time according to this scheme:
or this:
etc.
Such a scheme is attached to the table as a rule for how it is to be used. Can we not imagine further rules for explaining this? And on the other hand, was that first table incomplete without the scheme:
?
And are the others incomplete without theirs?
§
73[2] &74[1]
84 Nimm an, ich erkläre: “Unter ‘Moses’ verstehe ich den Mann, wenn es einen solchen gegeben hat, der die Israeliten aus Ägypten geführt hat, wie immer er damals geheißen hat & was immer er sonst getan oder nicht getan haben mag”: Aber über die Wörter dieser Erklärung sind (ganz) ähnliche Zweifel möglich, wie die über den Namen “Moses” (was nennst Du “Ägypten”, wen “die Israeliten”, etc.). Ja, diese Fragen kommen auch nicht zu einem Ende, wenn wir bei Wörtern wie “rot”, “dunkel”, “süß”, angelangt wären. – “Aber wie hilft mir dann eine Erklärung zum Verständnis, wenn sie doch nicht die letzte ist? Die Erklärung ist dann ja nie beendet; ich verstehe also noch immer nicht, & nie, was er meint!” Als hinge eine Erklärung, gleichsam, in der Luft, wenn nicht eine andere sie stützte. Während eine Erklärung zwar auf einer andern, die man gegeben hat ruhen kann, aber keine einer anderen bedarf, – es sei denn, daß wir sie benötigen, um ein Mißverständnis zu vermeiden. Man könnte sagen, eine Erklärung dient dazu, ein Mißverständnis zu beseitigen, oder zu verhüten, – also eines, was ohne die Erklärung eintreten würde; aber nicht: jedes, welches ich mir vorstellen kann. Es kann leicht so scheinen als zeigte jeder Zweifel nur eine vorhandene schadhafte Stelle im Unterbau; so daß ein sicheres Verständnis nur dann möglich ist, wenn wir zuerst an allem zweifeln, woran gezweifelt werden kann, & dann diese Zweifel beheben.
84 Suppose I explain: “By ‘Moses’ I understand the man, if such a man existed, who led the Israelites out of Egypt, whatever his name was at the time, and whatever else he may or may not have done”: But about the words of this explanation, doubts are possible that are quite similar to those about the name “Moses” (what do you call “Egypt”, who are “the Israelites”, etc.). Yes, these questions also do not come to an end, even if we have arrived at words like “red”, “dark”, “sweet”. – “But how does an explanation help me to understand if it is not the last one? The explanation is then never finished; so I still do not understand, and never will, what he means!” As if an explanation were, as it were, suspended in the air, unless another supported it. While an explanation can rest on another one that has been given, it does not need one – unless we need it in order to avoid a misunderstanding. One could say that an explanation serves to eliminate or prevent a misunderstanding – that is, one that would occur without the explanation; but not: any one that I can imagine. It may easily seem as if every doubt only reveals an existing flaw in the substructure; so that a secure understanding is only possible if we first doubt everything that can be doubted, and then remove these doubts.
§
74[2] &75[1] &
76[1]
85 Der Wegweiser ist in Ordnung, – wenn er, unter normalen Verhältnissen, seinen Zweck erfüllt. Wenn ich Einem sage, wie in (68), “Halte Dich ungefähr hier auf!” – kann denn diese Erklärung nicht vollkommen funktionieren? (Und kann jede andere nicht auch versagen?) “Aber ist die Erklärung nicht doch unexakt?” – Doch; warum soll man sie nicht “unexakt” nennen? Verstehen wir aber nur, was “unexakt” bedeutet! Denn erstens bedeutet es nicht “unbrauchbar”, sonst müßte es heißen: “unexakt für diesen Zweck”; zweitens – überlegen wir uns, was wir im Gegensatz zu dieser unexakten Erklärung eine “exakte” nennen! Etwa die, wenn man auf dem Platz einen Kreidestrich zieht, einen ‘Bezirk’ abgrenzt. – Aber da fällt uns gleich ein, daß ja der Strich eine Breite hat; exakter wäre also eine Farbgrenze. Aber hat denn diese Exaktheit hier noch (irgend) eine Funktion, läuft sie nicht leer? Und wir haben ja auch noch nicht bestimmt, was als Überschreiten dieser scharfen Grenze gelten soll; wie, mit welchen Instrumenten, sie festzustellen ist. Etc. Wir wissen, was es heißt: eine Taschenuhr auf die genaue Stunde stellen, oder – sie richten, daß sie genau geht. Wie aber, wenn man fragte: ist diese Genauigkeit eine ideale Genauigkeit, oder wie weit nähert sie sich ihr? – Wir können freilich von Zeitmessungen reden, bei welchen es eine andere &, wie wir sagen würden, größere Genauigkeit gibt, als bei der Zeitmessung mit der Taschenuhr. Wo die Worte, “die Uhr auf die genaue Stunde stellen”, eine andere, wenn auch verwandte, Bedeutung haben, & die Uhr ablesen ein anderer Prozeß ist, etc.. – Wenn ich nun jemandem sage: “Du solltest pünktlicher zum Essen kommen; Du weißt, daß es genau um 1 Uhr anfängt” – sollte hier von Genauigkeit eigentlich nicht die Rede (sein), – weil man sagen kann: “denk' (nur) an die Zeitbestimmung im Laboratorium, oder auf der Sternwarte, da siehst Du, was ‘Genauigkeit’ heißt”?
Denk' also an die Familie der Verwendungen der Wörter “genau”, “ungenau”. – Ein Ideal der Genauigkeit gibt es nicht. D.h., es ist keins vorgesehen; wir wissen nicht, was wir uns darunter vorstellen sollen – es sei denn, daß Du selbst bestimmst, was so genannt werden soll. Aber Du wirst es schwer finden so eine Bestimmung zu treffen; eine, die Dich befriedigt. “Unexakt”, das ist eigentlich ein Tadel, & “exakt” ein Lob. Und das heißt doch, das Unexakte erreicht das Ziel nicht so vollkommen, wie das Exaktere. Da kommt es also auf das an, was wir “das Ziel” nennen. Ist es unexakt, wenn wir dem Tischler die Breite des Tisches nicht auf 1000stel mm angeben? und den Abstand der Sonne von der Erde nicht auf m?
85 The signpost is in order, – if, under normal circumstances, it fulfills its purpose. If I tell someone, as in (68), “Stay approximately here!” – can this explanation not function perfectly? (And can any other explanation not also fail?) “But is the explanation not imprecise?” – Indeed; why shouldn’t one call it “imprecise”? Let us understand, however, what “imprecise” means! For first, it does not mean “unusable,” otherwise it would have to say: “imprecise for this purpose”; second – let us consider what we call “precise” in contrast to this imprecise explanation! For example, if one draws a chalk line on the ground, delimiting a ‘district’. – But then we immediately realize that the line has a width; a color boundary would therefore be more precise. But does this precision still have (any) function here, or is it merely empty? And we have not yet determined what should be considered as exceeding this sharp boundary; how, with what instruments, it is to be ascertained. Etc. We know what it means to set a pocket watch to the exact time, or – to adjust it so that it runs accurately. But what if one asked: is this accuracy an ideal accuracy, or how closely does it approach it? – We can of course talk about time measurements, in which there is another, as we would say, greater accuracy than in the time measurement with the pocket watch. Where the words, “set the clock to the exact time,” have a different, albeit related, meaning, & reading the clock is a different process, etc.. – If I now say to someone: “You should come to dinner on time; you know that it starts exactly at 1 o’clock” – should one not actually talk about accuracy here, – because one can say: “think (only) of the time determination in the laboratory, or at the observatory, there you will see what ‘accuracy’ means”?
Think, therefore, of the family of uses of the words “accurate,” “inaccurate.” – There is not one ideal of accuracy. That is, none is intended; we do not know what we should imagine by it – unless you yourself determine what is to be called that. But you will find it difficult to make such a determination; one that satisfies you. “Imprecise” is actually a criticism, & “accurate” a praise. And that means that the imprecise does not achieve the goal as completely as the more accurate. It therefore depends on what we call “the goal.” Is it imprecise if we do not specify the width of the table to the carpenter to the 1000th of a mm? and the distance of the sun from the earth to the meter?
§
76[2]86 Wir stehen mit diesen Überlegungen an dem Ort, wo das Problem reift: – Inwiefern ist die Logik etwas Sublimes?
86 We stand with these considerations at the place where the problem matures: – In what respect is logic something sublime?
§
78[4] &79[1] &
80[1]
Denn sieh nur das Unbestimmte in unserer Betrachtung! Ihre Strenge scheint hier aus dem Leim zu gehen! Und was ist sie dann noch?!
Denn es schien, daß ihr eine besondere Tiefe – allgemeine Bedeutung – zukomme. Sie schien irgendwie allen Wissenschaften zu Grunde zu liegen, oder über ihnen zu schweben. Und dies, indem sie die Ordnung aller enthielt, sozusagen den Begriff der Ordnung. Sie will den Dingen auf den Grund sehen, & soll sich nicht um die zufälligen erfahrungsmäßigen Tatsachen kümmern – Sie entspringt nicht einer Neugierde für Tatsachen der Erfahrung, auch nicht dem Bedürfnis kausale Zusammenhänge zu erfassen; sondern einem Streben, das Fundament, – oder Wesen, – aller Erfahrung zu verstehen. Denn dieses scheint wie von einem Nebel verhüllt & wir wünschen es klar zu sehen. – Aber nicht so, als sollten wir dazu neue Tatsachen aufspüren: es ist vielmehr wesentlich daß wir, – in einem gewissen Sinne – gar nichts Neues lernen wollen; sondern wir wollen nur verstehen, was schon offen vor unsern Augen liegt. Denn das scheinen wir, in irgend einem Sinne, nicht zu verstehen. – Darum sagt Augustinus (Confessiones XI/14): “quid est ergo tempus? si nemo ex me quaerat scio; si quaerenti explicare velim, nescio.”– Das könnte man nicht von einer Frage der Naturwissenschaft sagen (etwa von der Frage: wie groß ist das spezifische Gewicht des Wasserstoffs). Das, was man weiß, wenn uns niemand fragt, aber nicht mehr, wenn wir es erklären sollen, ist etwas, worauf man sich besinnen muß. (Und offenbar etwas, worauf man sich, aus irgend einem Grunde schwer besinnt.)
For see the indeterminacy in our consideration! Its strictness seems to be failing here! And what is it then?
For it seemed that it possessed a special depth – general meaning. It seemed, in a way, to underlie all sciences, or to hover above them. And this, by containing the order of everything, as it were, the concept of order. It wants to see to the bottom of things, & should not concern itself with the accidental, empirical facts – it does not arise from a curiosity for the facts of experience, nor from the need to grasp causal connections; but from an endeavor to understand the foundation – or essence – of all experience. For this seems veiled as if in a fog, & we wish to see it clearly. – But not in such a way that we should discover new facts: rather, it is essential that we, in a certain sense, do not want to learn anything new; but we only want to understand what already lies open before our eyes. For this seems to be something that we, in some sense, do not understand. – That is why Augustine (Confessiones XI/14) says: “quid est ergo tempus? si nemo ex me quaerat scio; si quaerenti explicare velim, nescio.” – This could not be said of a question in natural science (e.g., the question: how great is the specific gravity of hydrogen). What one knows when no one asks, but no longer when one wants to explain it, is something upon which one must reflect. (And apparently something upon which one finds it difficult to reflect, for some reason.)
§
80[2] &81[1]
Es ist uns, als müßten wir die Erscheinungen durchschauen: (Das aber worauf wir uns besinnen, sind nicht eigentlich die Erscheinungen, – sondern – wie man sagen könnte – die ‘Möglichkeit’ der Erscheinungen: d.h. wir besinnen uns auf die Art der Aussagen, – auf ihr Zutreffen im gegebenen Augenblick kommt es nicht an – die wir über die Erscheinungen machen. Deshalb besinnt sich auch Augustinus darauf, in welcher Weise er das Wort “Zeit”, die Wörter “zukünftig”, “gegenwärtig”, “vergangen”, verwendet. Unsere Betrachtung ist also eine grammatische; & wenn sie zum Ziele führt, (so) geschieht es indem sie Mißverständnisse beseitigt. Mißverständnisse nämlich den Gebrauch der Worte unsrer Sprache betreffend, & erzeugt durch Analogien zwischen unsern Ausdrucksformen. – Die Mißverständnisse werden dadurch beseitigt, daß Ausdrucksformen durch andere ersetzt werden; & dies kann man ein “Analysieren” unserer Ausdrucksformen nennen, denn dieser Vorgang hat viel Ähnlichkeit mit (dem) einer Zerlegung. Nun aber gewinnt es den Anschein als gäbe es etwas, wie eine letzte Analyse unserer Sprachformen, also eine vollkommen zerlegte Form des Ausdrucks. D.h., als seien unsere gebräuchlichen Ausdrucksformen, wesentlich, noch unanalysiert; als sei in ihnen etwas verborgen, was ans Licht zu befördern ist. Ist dies geschehen, so sei der Ausdruck damit vollkommen geklärt & unsre Aufgabe gelöst Dieses Mißverständnis drückt sich aus in der Frage nach dem Wesen der Sprache, des Satzes, des Denkens. – Denn wenn wir auch wirklich (in einem Sinn) das Wesen der Sprache in unsern Untersuchungen verstehen zu lernen suchen, so ist es doch nicht das, was die Frage anstrebt. Denn sie sieht in dem ‘Wesen’ nicht etwas, was schon offen zu Tage liegt, & was durch Ordnen übersichtlich wird. Sondern etwas, was unter der Oberfläche liegt. Etwas, was im Innern liegt, – was wir sehen, wenn wir die Sache durchschauen & was eine Analyse hervorgraben soll. ‘Das Wesen ist uns verborgen’: Das ist die Form, die unser Problem nun annimmt. Wir fragen: “Was ist die Sprache?”, “Was ist der Satz?”. Die Antwort aber auf unsre Fragen ist ein für allemal zu geben, & unabhängig von künftiger Erfahrung.
It seems to us as if we must penetrate the phenomena: (but what we reflect on are not actually the phenomena, – but – as one might say – the ‘possibility’ of the phenomena: i.e., we reflect on the kind of statements, – it is not important whether they are true at the given moment – that we make about the phenomena. Therefore, Augustine also reflects on the way in which he uses the word “time,” the words “future,” “present,” “past.” Our consideration is therefore a grammatical one; & if it leads to a goal, (it) does so by removing misunderstandings. Namely, misunderstandings concerning the use of the words of our language, & created by analogies between our forms of expression. – The misunderstandings are removed by replacing forms of expression with others; & this one can call an “analysis” of our forms of expression, because this process has much similarity with (the) one of a decomposition. Now, however, it gives the impression that there is something, as it were, a final analysis of our linguistic forms, thus a completely decomposed form of expression. That is to say, as if our customary forms of expression are essentially still unanalyzed; as if something is hidden in them that needs to be brought to light. If this has happened, then the expression is completely clarified by this, & our task is solved. This misunderstanding is expressed in the question of the essence of language, of the sentence, of thinking. – For even if we really (in a sense) seek to learn to understand the essence of language in our investigations, it is not that which the question aims at. Because it sees in the ‘essence’ not something that is already openly visible, & that becomes surveyable by arranging. But something that lies under the surface. Something that lies inside, – that we see when we penetrate the matter & that an analysis is supposed to uncover. ‘The essence is hidden from us’: This is the form that our problem now takes. We ask: “What is language?”, “What is the sentence?”. But the answer to our questions must be given once and for all, & independently of future experience.
§
81[2] &82[1]
Einer könnte sagen: “ein Satz, das ist das Alltäglichste von der Welt”, & der Andre: “Ein Satz – das ist etwas sehr merkwürdiges!” Und er kann nicht: einfach nachschauen, wie denn ein Satz funktioniert, – weil die Formen unserer Ausdrucksweise ihm im Wege stehen. Warum sagen wir, er sei etwas Merkwürdiges? Einerseits, wegen der ungeheuren Bedeutung, die ihm zukommt. Aber anderseits verführt uns diese Bedeutung & Mißverständnisse der Sprachlogik, anzunehmen, der Satz müsse etwas Außerordentliches, ja Einzigartiges, leisten. – Durch ein Mißverständnis erscheint es uns, als tue der Satz etwas Seltsames. “Der Satz, ein merkwürdiges Ding!”: Darin liegt irgendwie schon die Sublimierung der ganzen Darstellung. Die Tendenz, ein ätherisches Mittelwesen anzunehmen zwischen dem Satzzeichen & den Tatsachen, oder auch das Satzzeichen selber quasi reinigen, sublimieren, zu wollen. Denn, daß es mit gewöhnlichen Dingen zugeht, das zu sehen, verhindern uns auf mannigfache Weise unsere Ausdrucksformen, – indem sie uns auf die Jagd nach Chimären schicken. Oder: “Denken muß etwas Einzigartiges sein”. Wenn wir sagen – meinen – daß es sich so & so verhält, so halten wir mit dem, was wir meinen, nicht irgendwo vor der Tatsache; sondern meinen, daß das & das so & so ist. Und man kann dieses Paradox (welches ja die Form einer Tautologie hat) auch so ausdrücken: Man kann denken, was nicht der Fall ist.
One might say: “A sentence is the most commonplace thing in the world,” & the other: “A sentence is something very curious!” And he cannot simply look up how a sentence works, because the forms of our expression get in his way. Why do we say it is something curious? On the one hand, because of the immense meaning it has. But on the other hand, this meaning & misunderstandings of the logic of language lead us to assume that the sentence must achieve something extraordinary, indeed something unique. – Through a misunderstanding, it seems to us as if the sentence does something odd. “The sentence, a curious thing!”: In this lies, in a way, already the sublimation of the whole representation. The tendency to assume an ethereal, intermediate essence between the sentence and the facts, or even to want to purify, sublimate the sentence itself. For, to see that it has to do with ordinary things is prevented in many ways by our forms of expression, – by sending us on a hunt for chimeras. Or: “Thinking must be something unique.” When we say – mean – that it is so & so, we do not hold what we mean somewhere in front of the fact; rather, we mean that this & that is so & so. And one can also express this paradox (which, after all, has the form of a tautology) as follows: One can think what is not the case.
§
82[2] &83[1]
Der besondern Täuschung, von welcher hier die Rede ist, schließen sich von verschiedenen Seiten andere an. Das Denken, die Sprache, erscheint uns nun als das einzigartige Korrelat – oder Bild – der Welt. |Und unsre Untersuchung das Wesen der Sprache betreffend, als eine Untersuchung über das Wesen der Welt.| Das Denken ist mit einem Nimbus, umgeben. Sein Wesen stellt eine Ordnung dar; & zwar die Ordnung der Dinge a priori, d.i. die Ordnung der Möglichkeit, die Welt & Denken gemeinsam sein muß. Diese Ordnung aber, scheint es, muß höchst einfach sein. (Ja ich sagte,, sie dürfe nicht einmal einfach sein.) Sie ist vor aller Erfahrung, sie muß sich durch die ganze Realität hindurchziehen& ihr darf keine erfahrungsmäßige Trübe oder Unsicherheit anhaften. Sie muß vielmehr vom reinsten Kristall sein. Dieser Kristall aber erscheint nicht als eine Abstraktion, sondern als etwas völlig Konkretes – ja als das Konkreteste– gleichsam Härteste. Wir erkennen, sehen es in den Erscheinungen, wenn wir gleichsam durch sie hindurchschauen. Und die logische Analyse ist ein Graben nach dem, was wir schon sehen (gefährliche Art des Irrtums). Die Begriffe des Satzes, der Sprache, des Denkens, der Welt, stehen in einer Reihe hintereinander, jeder dem andern äquivalent. (Wozu aber sind diese Wörter zu brauchen? Es fehlt das Sprachspiel, das mit ihnen zu spielen ist.) Wir sind in der Täuschung, das Besondere, Tiefe, das uns Wesentliche unserer Untersuchung liege darin, daß sie das unvergleichliche Wesen der Sprache zu begreifen trachtet. –
The particular illusion that we are discussing here is accompanied by others from various sides. Thinking, language, now appears to us as the unique correlate – or picture – of the world. |And our investigation concerning the essence of language is, as it were, an investigation of the essence of the world.| Thinking is surrounded by a nimbus. Its essence represents an order; namely, the a priori order of things, i.e., the order of possibility that the world and thinking must share. But this order, it seems, must be extremely simple. (Yes, I said that it should not even be simple.) It is prior to all experience; it must run through the entire reality and no empirical turbidity or uncertainty may adhere to it. Rather, it must be of the purest crystal. But this crystal does not appear as an abstraction, but as something completely concrete – yes, as the most concrete – as it were, the hardest. We recognize, see it in the phenomena when we look through them, as it were. And logical analysis is a digging for what we already see (a dangerous kind of error). The concepts of the sentence, language, thinking, world, stand in a row behind each other, each equivalent to the other. (But what are these words to be used for? What is lacking is the language-game with which to play.) We are under the illusion that the special, the depth, what is essential in our investigation, lies in its striving to grasp the incomparable essence of language.
§
84[1] &85[1]
D.i. die Ordnung, die zwischen den Begriffen des Satzes, Wortes, Schließens, der Wahrheit, Erfahrung, u.s.w. besteht. Und diese Ordnung ist eine Über-Ordnung zwischen – sozusagen – Über-Begriffen. Während die Worte “Sprache”, “Erfahrung”, “Welt”, wenn sie eine Verwendung haben, eine so niedrige haben müssen, wie die Worte “Tisch”, “Lampe”, “Tür”, – und die Tiefe unserer Aufgabe nicht daher rührt, daß das Wesen des Einzigartigen von uns zu erforschen ist sondern daher, daß unsre Rätsel aus der Tiefe unserer Sprache aufsteigen. Einerseits ist klar, daß jeder Satz unsrer Sprache ‘in Ordnung ist’, wie er ist. D.h., daß wir nicht ‘ein Ideal anstreben’. Als hätten unsere gewöhnlichen vagen Sätze noch keinen Sinn, & wir müßten erst zeigen, wie ein richtiger Satz ausschaut. Anderseits scheint es klar: wo Sinn ist, muß vollkommene Ordnung sein. Also muß die vollkommene Ordnung auch im vagsten Satz stecken. Die Idee: das Ideal ‘müsse’ sich in der Realität finden, während man nicht sieht, wie es sich darin findet; & nicht das Wesen dieses “muß” versteht. “Der Sinn des Satzes kann freilich das eine oder andere offen lassen, aber der Satz muß doch einen bestimmten Sinn haben.” Oder auch: “Ein ‘unbestimmter Sinn’, das wäre eigentlich gar kein Sinn”: Das ist, wie wenn man sagt: “eine unscharfe Begrenzung, das ist eigentlich gar keine Begrenzung”. Man denkt da etwa so: Wenn ich sage: “Ich habe diesen Mann fest im Zimmer eingeschlossen – nur eine Tür ist offen geblieben”, – so habe ich ihn eben gar nicht eingeschlossen; er ist nur zum Schein eingeschlossen. Man möchte da sagen: “also hast Du damit gar nichts getan.” Und doch hat er etwas damit getan. Eine Umgrenzung, die ein Loch hat – möchte man sagen ist so gut, wie gar keine. Aber ist denn das wahr?
That is to say, the order that exists between the concepts of sentence, word, inference, truth, experience, etc. And this order is a superordinate order between – so to speak – super-concepts. While the words “language”, “experience”, “world”, when they have a use, must have a use as low as the words “table”, “lamp”, “door”, – and the depth of our task does not stem from the fact that the essence of the unique must be explored by us, but rather from the fact that our puzzles arise from the depth of our language. On the one hand, it is clear that every sentence of our language ‘is in order’ as it is. That is to say, we are not ‘striving for an ideal’. As if our ordinary vague sentences did not yet have any sense, & we would first have to show what a correct sentence looks like. On the other hand, it seems clear: where there is sense, there must be perfect order. Thus, the perfect order must also be contained in the vaguest sentence. The idea: the ideal ‘must’ be found in reality, while one does not see how it is found in it; & one does not understand the nature of this “must”. “The sense of the sentence can indeed leave one thing or another open, but the sentence must still have a certain sense.” Or also: “An ‘indeterminate sense’ would actually be no sense at all”: This is like saying: “an unclear boundary is actually no boundary at all”. One thinks of it something like this: If I say: “I have locked this man firmly in the room – only one door has been left open”, – then I have not locked him at all; he is only locked in appearance. One would like to say: “so you have not done anything with it.” And yet he has done something with it. A boundary that has a hole – one would like to say is as good as no boundary at all. But is that true?
§
85[2] &86[1] &
87[1] &
88[1]
“Die Regeln eines Spiels können wohl eine gewisse Freiheit lassen, – aber sie müssen doch ganz bestimmt sein.” Das wäre, als sagte man: “Du kannst zwar einem Menschen durch die vier Wände eines Zimmers eine gewisse Bewegungsfreiheit lassen, aber die Wände müssen vollkommen starr sein.” Sagst Du nun aber: “Die Wände können wohl elastisch sein, aber dann haben sie eine ganz bestimmte Elastizität” – was heißt das nun noch? Es scheint zu sagen, daß man diese Elastizität nun muß angeben können, – aber das ist wieder nicht wahr. – “Der Stab hat immer eine bestimmte Länge, ob ich sie angeben kann, oder nicht”, das ist eigentlich das Bekenntnis zu einer bestimmten Ausdrucksform. Derjenigen nämlich, die sich der Form eines Ideals der Genauigkeit bedient. Gleichsam als eines Parameters der Darstellung. “Es ist doch kein Spiel, wenn es eine Vagheit in den Regeln gibt.” – Aber ist es dann kein Spiel? – “Ja, vielleicht wirst Du es ‘Spiel’ nennen, aber es ist doch kein reines Spiel”. D.h.: es ist dann ein verunreinigtes Spiel und ich interessiere mich dann für das, was verunreinigt ist. Aber das Ideal ist Deine Ausdrucksform; & Du wendest sie unrichtig an. Es ist, als wenn Du sagtest: “Der Umfang dieses Rades ist wirklich D × Π” (so genau ist es gearbeitet). Das Bekenntnis zu einer Ausdrucksform, wenn es ausgesprochen wird in der Form eines Satzes über den Gegenstand der Betrachtung, muß allerdings ‘a priori’ sein: das heißt, sein Gegenteil wird ja wirklich undenkbar, da ihm eine Denkform (Ausdrucksform) entspricht, die ich eben nicht verwende. (Das ‘a priori’ ist eine Darstellungsform für eine Darstellungsform.) Wie kann ich den Satz jetzt verstehen, wenn die Analyse soll zeigen können, was ich eigentlich verstehe? – Hier spielt die Idee des Verstehens als eines sonderbaren geistigen Vorgangs hinein. Die strengen & klaren Regeln des logischen Satzbaues erscheinen als etwas im Hintergrund; im Medium des Verstehens versteckt. Man kann sagen: “sie müssen da sein”. Ich sehe sie schon jetzt– wie aus der Entfernung– da ich ja das Zeichen verstehe, etwas mit ihm meine. Der ideal strenge Bau scheint also etwas Konkretes. – Ich hatte ein Gleichnis gebraucht, aber durch die grammatische Täuschung, – dem Begriffswort entspräche Eines, das Gemeinsame der Gegenstände, – erschien es nicht als Gleichnis. Wir haben nun eine Theorie (‘dynamische’ Theorie), aber sie erscheint nicht als Theorie.
Wir wollen nicht einfach beschreiben, was schon offen da liegt, sondern ‘ins Innere dringen’: Wir suchen eine Idee. – Schopenhauer: Die Lebenszeit des Menschen ist eigentlich 100 Jahre. – “So muß es sein!” Es ist da, als habe man nun die Absicht, sozusagen eines Schöpfers, verstanden. (“Das ergibt Sinn”, könnte man auch sagen.) Man fragt sich nicht: “Wie lange leben Menschen wirklich?” (Ist es überall gleich? etc. etc..) Das erscheint jetzt beinahe als etwas Oberflächliches; denn man hat etwas tiefer Liegendes verstanden. – Wir sind auf eine Form der Darstellung gekommen, die uns einleuchtet. Aber es ist, als haben wir nun etwas gesehen, was unter der Oberfläche liegt. Diese Tendenz aber scheint in der Logik ihre strenge Berechtigung zu haben; man scheint hier mit voller Berechtigung zu schließen: “Wenn ein Satz ein Bild ist, so muß jeder Satz ein Bild sein, denn sie müssen alle wesensgleich sein. (Jeder Satz sagt: es verhält sich so & so.)” Denn wir sind ja eben in der Täuschung, das Sublime, Wesentliche, unserer Untersuchung liege darin, daß sie ein unvergleichliches Wesen erfaßt. Das Ideal sitzt unverrückbar fest. Du kannst nicht aus ihm heraustreten. Du mußt immer wieder zurück. Es gibt gar kein Draußen; draußen fehlt die Lebensluft. – Woher dieses Erlebnis? – Die Idee scheint unausweichlich: denn sie ist eine Darstellungsform, aber wir sind weit entfernt davon, sie als Darstellungsform zu erkennen. Sie sitzt als Brille auf unsrer Nase & was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie abzunehmen.
“The rules of a game probably allow for a certain amount of freedom, – but they must certainly be quite definite.” That would be like saying: “You can certainly allow a person a certain amount of freedom of movement through the four walls of a room, but the walls must be completely rigid.” If you now say: “The walls can probably be elastic, but then they have a quite definite elasticity” – what does that mean now? It seems to say that one must now be able to specify this elasticity – but that is not true. – “The rod always has a definite length, whether I can specify it or not,” that is essentially a commitment to a particular form of expression. Namely, to those who make use of the form of an ideal of precision, as it were, as a parameter of the representation. “It is not a game if there is vagueness in the rules.” – But is it then not a game? – “Yes, you might call it a ‘game’, but it is not a pure game.” That is to say: it is then an adulterated game, and I am then interested in what is adulterated. But the ideal is your form of expression, & you apply it incorrectly. It is as if you said: “The circumference of this wheel is actually D × Π” (it is made so accurately). The commitment to a form of expression, when expressed in the form of a sentence about the object of consideration, must, however, be ‘a priori’: that is, its opposite would really be unthinkable, since it corresponds to a form of thought (form of expression) that I simply do not use. (The ‘a priori’ is a form of representation for a form of representation.) How can I understand the sentence now, if the analysis is to show what I actually understand? – Here the idea of understanding as a peculiar mental process comes into play. The strict & clear rules of logical sentence construction appear as something in the background; hidden in the medium of understanding. One can say: “they must be there.” I see them already – from a distance – since I understand the sign, I mean something with it. The ideally strict structure seems to be something concrete. – I had used a simile, but through the grammatical illusion – the idea that the concept word corresponds to one thing, the common element of the objects – it did not appear as a simile. We now have a theory (‘dynamic’ theory), but it does not appear as a theory.
We do not simply want to describe what is already openly there, but ‘to penetrate to the inside’: We are looking for an idea. – Schopenhauer: The lifespan of a human being is actually 100 years. – “It must be so!” It is as if one has now understood the intention, as it were, of a creator. (“That makes sense,” one could also say.) One does not ask: “How long do people really live?” (Is it the same everywhere? etc. etc..). That now seems almost something superficial, because one has understood something deeper. – We have arrived at a form of representation that makes sense to us. But it is as if we have now seen something that lies under the surface. This tendency, however, seems to have its strict warrant in logic; one seems to be justified in concluding with full warrant: “If a sentence is a picture, then every sentence must be a picture, because they must all be of the same essence. (Every sentence says: it is the case that so and so.)” Because we are, in fact, under the illusion that the sublime, essential thing of our investigation lies in the fact that it grasps one incomparable essence. The ideal is firmly fixed. You cannot step out of it. You must always return to it. There is no outside; outside, the air of life is lacking. – Where does this experience come from? – The idea seems unavoidable: because it is a form of representation, but we are far from recognizing it as a form of representation. It sits as a pair of glasses on our noses & what we look at, we see through it. We don't even think of taking it off.
§
88[2] &89[1] &
90[1] &
91[1]
Wenn wir nun glauben, jene Ordnung, das Ideal, in der wirklichen Sprache finden zu müssen, kommen wir leicht dazu von einem ‘eigentlichen’ Zeichen zu reden, das eigentliche Zeichen zu suchen, im Gegensatz zu dem, was im gemeinen Sprachgebrauch “das Zeichen” “der Satz” “das Wort”, genannt wird. Denn uns verlangt nach etwas Reinerem, als das Zeichen im Sinne des geschriebenen, oder gedruckten Wortes, etc. ist. Wir suchen nach einem sublimeren Wesen. So kommt man auch dazu, statt des Wortes & Satzes – im gewöhnlichen Sinne – die Vorstellung von Wort & Satz als das wahre Zeichen ansehen zu wollen. Eine ‘vollständige’ Grammatik der Wörter, enthält ‘alle Regeln’, die von ihnen handeln. Es ist, als müßten wir die Sprache selbst erst in Ordnung bringen, & wir werden da von allen (unsern) Hilfsmitteln im Stich gelassen
Wir zerbrechen uns nun über das Wesen des Zeichens den Kopf.
Hier ist es schwer, schrieb ich einmal, gleichsam den Kopf oben zu behalten, – zu sehen, daß wir bei den Dingen des alltäglichen Denkens bleiben müssen & nicht auf den Abweg zu geraten, wo es scheint als müßten wir letzte Feinheiten beschreiben, die wir doch wieder mit unsern Mitteln gar nicht beschreiben könnten. Es ist uns, als sollten wir ein zerstörtes Spinnennetz mit unsern Fingern (wieder) in Ordnung bringen. ←
Wenn wir nun aber den Blick auf die wirkliche Sprache richten, & sie aufmerksam betrachten, – so erkennen wir nach & nach eine seltsame Täuschung. Die Kristallstruktur, die wir in ihr zu sehen schienen, erscheint, wie durch eine optische Täuschung in sie verlegt worden zu sein. – Wenn die Ursachen dieser Täuschung behoben werden, können wir nun die Sprache sehen, wie sie wirklich ist. Je näher wir aber die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der Widerstreit zwischen der Forderung (der Kristallstruktur) & dem, was da ist. Wollen wir sie aufrecht erhalten, so droht sie nun zu etwas Leerem zu werden. Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt, also die Bedingungen in gewissem Sinne ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden! [Aber wie steht es da mit uns?] [Das heißt doch, ich habe mich verleiten lassen in dem Äther zu schweben & habe die Erde unter den Füßen verloren. Also schnell zurück! – Und nun kommt noch ein Einwand.] Hier erkennen wir nun, daß was wir “Satz”, “Sprache”, nennen, eine Familie ist mehr oder weniger mit einander verwandter Gebilde. Was aber wird nun aus der Logik? Ihre Strenge scheint hier aus dem Leim zu gehen. Nun ist es aber nicht so, daß wir uns etwas von jener Kristallreinheit abhandeln lassen können! Das Vorurteil, was in ihr liegt, kann nur so beseitigt werden, daß wir unsere ganze Betrachtung drehen; & dadurch jene Reinheit an einen andern Platz stellen. (Man könnte sagen: Die Betrachtung muß gedreht werden, aber um unser eigentliches Bedürfnis als Angelpunkt.) (Man könnte Π ein Ideal nennen, denn es spielt in einem Sinne die Rolle eines Ideals, aber dieser Ausdruck wäre mit Vorsicht zu gebrauchen: “Wir streben bei der Konstruktion eines Kreises das Ideal an, daß der Umfang D × Π betrage”.) “Die Sprache (oder, das Denken) ist etwas Einzigartiges”, das erweist sich als ein Aberglaube (nicht Irrtum!) hervorgerufen selbst durch grammatische Täuschungen. Und auf diese Täuschungen fällt nun das Pathos zurück. Richtig war, daß unsere Betrachtungen nicht wissenschaftliche Betrachtungen sein durften. Die Erfahrung, “daß etwas sich denken lasse” (was immer das heißen mag) konnte uns nicht interessieren. Alle Erklärung mußte fort – & an ihre Stelle nur Beschreibung treten. Und diese Beschreibung empfing ihr Licht, d.i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst. Und zwar so, daß dieses enthüllt wird: entgegen einer Versuchung es mißzuverstehen. Nicht durch Beibringung neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. [Das Ideal ein Teil der Darstellung. – “Wie bist Du zu diesem Ideal gekommen?” – Warum sitzt es so fest, wie eine fixe Idee? Welche konkrete Vorstellung stand hinter dem Ideal? –]
Now, if we believe that we must find that order, that ideal, in actual language, we easily come to talk about an ‘actual’ sign, to look for the actual sign, in contrast to what is called “the sign,” “the sentence,” “the word” in common linguistic usage. Because we desire something purer than the sign in the sense of the written or printed word, etc. We are looking for a more sublime essence. Thus, one also comes to want to regard the image of word & sentence, in the ordinary sense, as the true sign, instead of the word & sentence. A ‘complete’ grammar of words contains ‘all the rules’ that apply to them. It is as if we must first put language itself in order, & we are let down by all (our) means.
We are now racking our brains over the essence of the sign.
Here it is difficult, I once wrote, as if one had to keep one’s head above water, – to see that we must stay with the things of everyday thinking & not get sidetracked, where it seems as if we must describe ultimate subtleties, which we could not describe with our means. It is as if we should put a destroyed spider's web back in order with our fingers. ←
Now, however, if we turn our gaze to actual language, & examine it closely, we gradually recognize a strange illusion. The crystal structure that seemed to be in it appears, as if it had been optically projected into it. – If the causes of this illusion are eliminated, we can now see language as it really is. But the closer we look at actual language, the stronger the conflict between the demand (for the crystal structure) & what is. If we want to maintain it, it now threatens to become something empty. We have slipped onto the ice, where there is no friction, so the conditions are, in a certain sense, ideal, but we cannot walk because of it. We want to walk; then we need the friction. Back to the rough ground! [But how are we doing?] [That is, I have allowed myself to be tempted to hover in the ether & have lost the ground under my feet. So, quickly back! – And now there is another objection.] Here we now recognize that what we call “sentence,” “language” is a family of more or less related entities. But what about logic? Its rigor seems to be coming unglued here. But it is not so that we can give up something of that crystal purity! The prejudice that lies in it can only be eliminated by turning our entire consideration around; & thereby placing that purity in another place. (One could say: The consideration must be turned, but with our actual need as the pivot.) (One could call Π an ideal, because it plays a role in a sense as an ideal, but this expression would be used with caution: “In the construction of a circle, we aim for the ideal that the circumference is D × Π.”) “Language (or, thinking) is something unique” turns out to be a superstition (not error!) itself caused by grammatical illusions. And this is where pathos comes into play. It was right that our considerations should not be scientific considerations. The experience, “that something can be thought” (whatever that may mean) could not interest us. All explanation had to give way – & be replaced only by description. And this description received its light, i.e., its purpose, from the philosophical problems. These are, of course, not empirical, but they are solved by an insight into the workings of our language. And in such a way that this is revealed: against a temptation to misunderstand it. Not by bringing in new experience, but by putting together what has long been known. [The ideal is part of the depiction. – “How did you come to this ideal?” – Why is it so firmly established, like a fixed idea? What concrete image was behind the ideal?]
§
91[2] &92[1]
Denn es schien, daß ihr eine besondere Tiefe – allgemeine Bedeutung – zukomme. Sie liege, so schien es, am Grunde aller Wissenschaften. – Denn die logische Betrachtung erforscht das Wesen aller Dinge. – Sie will den Dingen auf den Grund sehen, & soll sich nicht um das so oder so des tatsächlichen Geschehens kümmern. Sie entspringt nicht einem Interesse für Tatsachen des Naturgeschehens; noch dem Bedürfnisse, kausale Zusammenhänge zu erfassen. Sondern einem Streben, das Fundament, – oder Wesen, – alles Erfahrungsmäßigen zu verstehen. Aber nicht so, als sollten wir dazu neue Tatsachen aufspüren: es ist vielmehr für unsre Forschung wesentlich, daß wir nichts Neues mit ihr lernen wollen. Wir wollen etwas verstehen, – was schon offen vor unsern Augen liegt. Denn das scheinen wir, in irgend einem Sinne, nicht zu verstehen. Augustinus (Confessiones XI/14): “quid es ergo tempus? si nemo ex me quaerat scio; si quaerenti explicare velim, nescio.” Dies könnte man nicht von einer Frage der Naturwissenschaft sagen (z.B.: wie groß ist das spezifische Gewicht des Wasserstoffes). – Das, was man weiß, wenn uns niemand fragt, aber nicht mehr weiß, wenn wir es erklären sollen, ist etwas, worauf man sich besinnen muß. (Und offenbar etwas, worauf man sich, aus irgend einem Grunde, schwer besinnt.)
For it seemed to have a special depth – a general meaning. It lies, it seemed, at the foundation of all sciences. – For logical consideration explores the essence of all things. – It wants to see to the bottom of things, & should not concern itself with the this or that of actual events. It does not arise from an interest in the facts of natural phenomena; nor from the need to grasp causal connections. But from an endeavor to understand the foundation – or essence – of all that is experiential. But not in such a way that we should uncover new facts with it: rather, it is essential for our investigation that we do not want to learn anything new with it. We want to understand something – which is already openly before our eyes. For this is what, in some sense, we seem not to understand. Augustine (Confessiones XI/14): “What, then, is time? If no one asks me, I know; if I want to explain it to someone who asks, I do not know.” One could not say this of a question in natural science (e.g.: what is the specific gravity of hydrogen). – What one knows when no one asks us, but no longer knows when we are supposed to explain it, is something on which one must reflect. (And apparently something on which it is difficult to reflect, for some reason.)
§
92[2]87 Es ist uns, als müßten wir die Erscheinungen durchschauen: unsere Untersuchung aber richtet sich nicht auf die Erscheinungen, sondern – wie man sagen könnte – auf die ‘Möglichkeiten’ der Erscheinungen: Wir besinnen uns, heißt das, auf die Art der Aussagen, die wir über die Erscheinungen machen. Daher besinnt sich auch Augustinus auf die verschiedenen Aussagen, die man über die Dauer von Ereignissen, über ihre Vergangenheit, Gegenwart, oder Zukunft macht. (Dies sind natürlich nicht philosophische Aussagen über die Zeit, Vergangenheit, Gegenwart & Zukunft.)
87 It seems as if we must look through the phenomena: but our investigation is not directed at the phenomena, but – as one might say – at the ‘possibilities’ of the phenomena: that is to say, we reflect on the nature of the statements that we make about the phenomena. Therefore, Augustine also reflects on the various statements that one makes about the duration of events, about their past, present, or future. (These are of course not philosophical statements about time, past, present & future.)
§
92[3] &93[1]
88 Unsere Betrachtung ist daher eine grammatische. – Wenn sie aber zum Ziele führt, so geschieht dies dadurch, daß sie Mißverständnisse wegräumt. Mißverständnisse nämlich, welche den Gebrauch der Worte (in) unserer Sprache betreffen, & hervorgerufen sind durch Analogien unter unseren Ausdrucksformen Und die Mißverständnisse kann man dadurch beseitigen, daß man gewisse Ausdrucksformen durch andere ersetzt; dies kann man ein “Analysieren” unsrer Ausdrucksformen nennen, denn der Vorgang hat oft Ähnlichkeit mit dem einer Zerlegung.
88 Our investigation is therefore grammatical. – If, however, it leads to its goal, this happens by removing misunderstandings. Namely, misunderstandings which concern the use of words (in) our language, & are caused by analogies among our forms of expression. And one can eliminate these misunderstandings by replacing certain forms of expression with others; one can call this an “analysis” of our forms of expression, because the process often has similarity with a decomposition.
§
93[2]89 Nun aber kann es den Anschein gewinnen, als gäbe es: eine letzte Analyse unserer Sprachformen; also eine vollkommen zerlegte Form des Ausdrucks. D.h.: als seien unsere gebräuchlichen Ausdrucksformen – wesentlich, noch unanalysiert; als sei in ihnen etwas verborgen, was ans Licht zu befördern ist. Ist dies geschehen, – so sei der Ausdruck damit vollkommen geklärt & unsre Aufgabe gelöst. Man kann das auch so sagen: Wir beseitigen Mißverständnisse, indem wir unsern Ausdruck exakter machen: aber es kann nun so scheinen, als ob wir einem bestimmten Zustand, der vollkommenen Exaktheit, zustreben; & als sei das das eigentliche Ziel unsrer Untersuchung.
89 Now, however, it might seem as if there were: a final analysis of our forms of language; that is, a completely decomposed form of expression. In other words: as if our customary forms of expression were essentially still unanalyzed; as if something were hidden within them that needs to be brought to light. Once this has been done, the expression is thus completely clarified, & our task is accomplished. One could also say: we eliminate misunderstandings by making our expression more precise; but now it might seem as if we are striving for a particular state of complete precision, & as if that were the actual goal of our investigation.
§
93[3] &94[1]
90 Dies drückt sich aus in der Frage – nach dem Wesen der Sprache, – des Satzes, – des Denkens. – Denn wenn wir auch, in unsern Untersuchungen, das Wesen der Sprache – ihre Funktion, ihren Bau – zu verstehen trachten, so ist es doch nicht das was diese Frage im Auge hat. Denn sie sieht in dem ‘Wesen’ nicht etwas, was schon offen zutage liegt, – & was durch Ordnen übersichtlich wird. Sondern etwas, was unter der Oberfläche liegt. Etwas, was im Innern liegt, – was wir sehen, wenn wir die Sache durchschauen & was eine Analyse hervorgraben soll. ‘Das Wesen ist uns verborgen’: Das ist die Form, die unser Problem nun annimmt. Wir fragen: ‘Was ist die Sprache?’, ‘Was ist der Satz?’. Und die Antwort auf diese Fragen ist ein für allemal zu geben; & unabhängig von jeder künftigen Erfahrung.
90 This is expressed in the question – concerning the essence of language, – of the sentence, – of thinking. – For even if, in our investigations, we try to understand the essence of language – its function, its structure – it is not that which this question has in mind. For it does not see in the ‘essence’ something that already lies open before us – & which becomes surveyable through ordering. Rather, it sees something that lies under the surface. Something that lies within, – which we see when we look through the matter & which an analysis is supposed to unearth. ‘The essence is hidden from us’: this is the form that our problem now takes. We ask: ‘What is language?’, ‘What is the sentence?’. And the answer to these questions must be given once and for all; & independently of any future experience.
§
94[2]91 Einer könnte sagen: “ein Satz, das ist das Alltäglichste von der Welt”, & der Andre: “Ein Satz – das ist etwas sehr merkwürdiges!” Und dieser kann nicht: einfach nachschauen, wie ein Satz funktioniert, – weil die Formen unserer Ausdrucksweise, die Sätze & das Denken betreffend, ihm im Wege stehen.
91 One could say: “A sentence is the most commonplace thing in the world,” & the other: “A sentence is something very remarkable!” And this one cannot simply examine how a sentence functions, because the forms of our modes of expression, concerning sentences & thinking, stand in the way.
§
94[3]92 Warum sagen wir, der Satz sei etwas Merkwürdiges? Einerseits wegen der ungeheuren Bedeutung, die ihm zukommt. (Und das ist richtig.) Anderseits verführt uns diese Bedeutung & Mißverständnisse der Sprachlogik (dazu), daß wir meinen, der Satz müsse etwas Außerordentliches, ja Einzigartiges, leisten. – Durch ein Mißverständnis erscheint es uns, als tue der Satz etwas Seltsames.
92 Why do we say that a sentence is something remarkable? On the one hand, because of the enormous significance that it has. (And this is correct.) On the other hand, this significance & misunderstandings of the logic of language lead us to believe that a sentence must accomplish something extraordinary, indeed something unique. Through a misunderstanding, it seems to us as if the sentence does something strange.
§
94[4]93 ‘Der Satz, ein merkwürdiges Ding!’: Darin liegt schon die Sublimierung der ganzen Darstellung. – Die Tendenz, ein reines Mittelwesen anzunehmen zwischen dem Satzzeichen & den Tatsachen. Oder auch das Satzzeichen selber reinigen, sublimieren, zu wollen. – Denn, daß es mit gewöhnlichen Dingen zugeht, das zu sehen, verhindern uns auf mannigfache Weise unsere Ausdrucksformen, indem sie uns auf die Jagd nach Chimären schicken.
93 ‘The sentence, a remarkable thing!’: This already contains the sublimation of the entire representation. The tendency to assume a pure intermediary entity between the sentence sign & the facts. Or even to cleanse, sublimate the sentence sign itself. For the fact that ordinary things are involved is prevented in many ways by our forms of expression, by sending us on a hunt for chimeras.
§
95[1]94 Oder: “Denken muß etwas Einzigartiges sein.” Wenn wir sagen – meinen – daß es sich so & so verhält, so halten wir mit dem, was wir meinen, nicht irgendwo vor der Tatsache; sondern meinen, daß das & das so & so ist. – Man kann aber dieses Paradox (welches ja die Form einer Tautologie hat) auch so ausdrücken: Man kann denken, was nicht der Fall ist. Der besondern Täuschung, die hier gemeint ist, schließen sich, von verschiedenen Seiten, andere an. Das Denken, die Sprache, erscheint uns nun als das einzigartige Korrelat – Bild – der Welt. Die Begriffe: Satz, Sprache, Denken, Welt stehen in einer Reihe hintereinander, jeder dem andern äquivalent. (Wozu aber sind diese Wörter nun zu brauchen? Es fehlt das Sprachspiel, das mit ihnen zu spielen ist.)
94 Or: “Thinking must be something unique.” When we say – mean – that it is so & so, we do not hold what we mean anywhere in front of the fact; rather, we mean that this & that is so & so. One can, however, also express this paradox (which has the form of a tautology) as follows: One can think what is not the case. Various other illusions are connected to this particular illusion. Thinking, language, now appears to us as the unique correlate – image – of the world. The concepts: sentence, language, thinking, world, stand in a row, each equivalent to the other. (But what are these words to be used for? What is lacking is the language-game with which to play.)
§
95[2]95 Das Denken ist mit einem Nimbus umgeben. – Sein Wesen – die Logik – stellt eine Ordnung dar & zwar die Ordnung a priori der Welt, d.i. die Ordnung der Möglichkeit, die Welt & Denken gemeinsam sein muß. Diese Ordnung aber, scheint es, muß höchst einfach sein. Sie ist vor aller Erfahrung, muß sich durch die ganze Erfahrung hindurchziehen; ihr selbst darf keine erfahrungsmäßige Trübe oder Unsicherheit anhaften. Sie muß vielmehr vom reinsten Kristall sein. Dieser Kristall aber erscheint nicht als eine Abstraktion, sondern als etwas Konkretes – ja, als das Konkreteste; gleichsam Härteste.
95 Thinking is surrounded by a halo. Its essence – logic – constitutes an order, namely the a priori order of the world, i.e., the order of possibility that the world & thinking must have in common. But this order, it seems, must be very simple. It is prior to all experience; it must run through all experience; no experiential turbidity or uncertainty may adhere to it. Rather, it must be of the purest crystal. But this crystal does not appear as an abstraction, but as something concrete – indeed, as the most concrete thing; as if it were hardest.
§
96[1]96 Wir sind in der Täuschung, das Besondere, Tiefe, das uns Wesentliche unserer Untersuchung liege darin, daß sie das unvergleichliche Wesen der Sprache zu begreifen trachtet: D.i. die Ordnung, die zwischen den Begriffen des Satzes – Wortes – Schließens – der Wahrheit – der Erfahrung u.s.w., besteht. Diese Ordnung ist eine Über-Ordnung zwischen – sozusagen – **Über–**Begriffen. (Während ja die Worte “Sprache”, “Erfahrung”, “Welt”, wenn sie eine Verwendung haben, eine so niedrige haben müssen, wie die Worte “Tisch”, “Lampe” & “Tür”.)
96 We are under the illusion that the special, the profound, the essential thing about our investigation lies in the fact that it strives to grasp the incomparable essence of language: that is, the order that exists between the concepts of sentence, word, inference, truth, experience, etc. This order is a super-order between – as it were – **super–**concepts. (For when the words “language,” “experience,” “world” have a use, they must have as low a level of use as the words “table,” “lamp,” and “door.”)
§
96[2]97 Einerseits ist klar, daß jeder Satz unsrer Sprache ‘in Ordnung ist, wie er ist’. D.h., daß wir nicht ein Ideal anstreben. Als hätten unsere gewöhnlichen, vagen, Sätze noch keinen Sinn, & wir müßten erst zeigen, wie ein richtiger Satz ausschaut. Anderseits scheint es klar: wo Sinn ist, muß vollkommene Ordnung sein. Also muß die vollkommene Ordnung auch im vagsten Satz stecken.
97 On the one hand, it is clear that every sentence in our language ‘is in order as it is.’ That is, we are not striving for an ideal, as if our ordinary, vague sentences did not yet have any meaning, & we would first have to show what a correct sentence looks like. On the other hand, it seems clear: where there is meaning, there must be perfect order. Thus, the perfect order must also be contained in the vaguest sentence.
§
96[3] &97[1]
98 “Der Sinn des Satzes”, möchte man sagen, “kann freilich eines oder das andere offen lassen, aber der Satz muß doch einen bestimmten Sinn haben.” Oder: “Ein ‘unbestimmter Sinn’, das wäre eigentlich gar kein Sinn.” Das ist, wie wenn man sagt: “Eine unscharfe Begrenzung, das ist eigentlich gar keine Begrenzung”. Man denkt da etwa so: Wenn ich sage: “ich habe den Mann fest im Zimmer eingeschlossen– nur eine Tür ist offen geblieben”, so habe ich ihn eben gar nicht eingeschlossen; er ist nur zum Schein eingeschlossen. Man wäre geneigt hier zu sagen: “also hast Du damit gar nichts getan”. Und doch hat er etwas getan. (Eine Umgrenzung, die ein Loch hat – möchte man sagen – ist so gut, wie gar keine. Aber ist denn das wahr?)
98 “The sense of a sentence,” one might say, “can certainly leave one thing or another open, but the sentence must still have one definite sense.” Or: “An ‘indeterminate sense’ would actually be no sense at all.” This is like saying: “An indistinct boundary is actually no boundary at all.” One might think something like this: if I say, “I have locked the man securely in the room – only one door has been left open,” then I have not really locked him in; he is only apparently locked in. One would be inclined to say here: “so you haven’t actually done anything.” And yet he has done something. (A boundary that has a hole in it – one might say – is as good as no boundary.) But is that true?
§
97[2]99 Betrachte auch diesen Satz: “Die Regeln eines Spiels können wohl eine gewisse Freiheit lassen, – aber sie müssen doch ganz bestimmte Regeln sein.” Das wäre (eigentlich), als sagte man: “Du kannst zwar einem Menschen durch vier Wände eine gewisse Bewegungsfreiheit lassen, aber die Wände müssen vollkommen starr sein.” – Sagst Du nun aber: “die Wände können wohl elastisch sein, aber dann haben sie eine ganz bestimmte Elastizität”, – was sagt das nun noch? Es scheint zu sagen, daß man diese Elastizität muß angeben können, – aber das ist wieder nicht wahr. “Das Ding hat immer eine bestimmte Länge (ob ich sie weiß, oder nicht”) : das ist eigentlich das Bekenntnis zu einer bestimmten Ausdrucksform. Derjenigen nämlich, die sich der Form eines Ideals der Genauigkeit bedient. Gleichsam als eines Parameters der Darstellung.
99 Consider also this sentence: “The rules of a game probably allow for a certain freedom, – but they must after all be quite specific rules.” That would be (essentially) like saying: “One can allow a person a certain freedom of movement by means of four walls, but the walls must be completely rigid.” – But if one says: “the walls can probably be elastic, but then they have a quite specific elasticity,” – what does that still say? It seems to say that one must be able to specify this elasticity, – but that is not true either. “The thing always has a specific length (whether I know it or not”): that is essentially a commitment to a specific form of expression. Namely, to those who make use of the form of an ideal of precision. As if it were a parameter of the representation.
§
97[3]100
100
§
97[4] &98[1]
101 “Es ist doch kein Spiel, wenn es eine Vagheit in den Regeln gibt.” – Aber ist es dann kein Spiel? – “Ja, vielleicht wirst Du es ‘Spiel’ nennen, aber es ist doch jedenfalls kein vollkommenes Spiel”. D.h.: es ist dann ein verunreinigtes Spiel & ich interessiere mich für das, was verunreinigt ist. Aber ich will sagen, Du mißverstehst die Rolle, die das Ideal in Deiner Ausdrucksweise spielt. D.h.: auch Du würdest es ein Spiel nennen, nur bist Du vom Ideal geblendet & siehst daher nicht deutlich die wirkliche Anwendung des Wortes “Spiel”. (Es ist ähnlich, als wenn Du sagtest: “Der Umfang dieses Rades ist wirklich D × Π”; so genau ist es gearbeitet.)
101 “It’s not a game if there is vagueness in the rules.” – But is it then no longer a game? – “Yes, perhaps you will call it a ‘game’, but in any case it is not a perfect game.” That is to say: it is then an impure game, & I am interested in what is impure. But I want to say that you misunderstand the role that the ideal plays in your manner of expression. That is to say: you too would call it a game, only you are blinded by the ideal & therefore do not clearly see the actual application of the word “game.” (It is similar to when you say: “The circumference of this wheel is really D × Π”; it is made so precisely.)
§
98[3]100 Das Bekenntnis zu einer Ausdrucksform, wenn es ausgesprochen wird in der Verkleidung als Satz, der von den Gegenständen handelt (statt von dem Zeichen), muß ‘a priori’ sein. Denn sein Gegenteil wird wirklich undenkbar, insofern ihm eine Denkform, Ausdrucksform, entspricht, die wir ausgeschlossen haben.
100 The confession to a form of expression, when it is expressed in the guise of a sentence that deals with the things (instead of with the sign), must be a priori. For its opposite becomes truly unthinkable, insofar as it corresponds to a way of thinking, a form of expression, that we have excluded.
§
98[4] &99[1]
102 Eine Vagheit in der Logik – wollen wir sagen – kann es nicht geben. Wir leben nun in der Idee: das Ideal ‘müsse’ sich in der Realität finden. Während man noch nicht sieht, wie es sich darin findet; & nicht das Wesen dieses “muß” versteht. Wir glauben – es muß in ihr stecken, denn wir glauben es schon in ihr zu sehen. Das Ideal, in unsern Gedanken, sitzt unverrückbar fest. Du kannst nicht aus ihm heraustreten. Du mußt immer wieder zurück. Es gibt gar kein Draußen; draußen fehlt die Lebensluft. – Woher dies? – Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unsrer Nase & was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie abzunehmen.
102 There cannot be any vagueness in logic – let us say. We live now in the idea: the ideal ‘must’ be found in reality. While one does not yet see how it is found in it; & does not understand the essence of this “must.” We believe – it must be in it, because we already believe we see it in it. The ideal, in our thought, is firmly fixed. You cannot step out of it. You must always return to it. There is no outside at all; outside, the air of life is lacking. – Where does this come from? – The idea sits, as it were, as a pair of glasses on our nose & what we see, we see it through it. We do not even have the thought of taking it off.
§
99[2]103 Wie kann ich den Satz jetzt verstehen, wenn die Analyse soll zeigen können, was ich eigentlich verstehe? – Hier spielt die Idee des Verstehens als eines sonderbaren geistigen Vorgangs hinein.
103 How can I understand the sentence now, if the analysis is supposed to be able to show what I actually understand? – Here the idea of understanding as a peculiar mental process comes into play.
§
99[3]104 Die strengen & klaren Regeln des logischen Satzbaues erscheinen uns als etwas im Hintergrund; im Medium des Verstehens versteckt. ich sehe sie schon jetzt (wenn auch durch ein Medium hindurch), da ich ja das Zeichen verstehe, etwas mit ihm meine. Der ideal strenge Bau erscheint mir als etwas Konkretes: Ich hatte ein Gleichnis gebraucht; aber durch die grammatische Täuschung, dem Begriffswort entspräche Eines, das Gemeinsame aller seiner Gegenstände, erschien es nicht als Gleichnis.
104 The strict & clear rules of logical sentence construction appear to us as something in the background, hidden in the medium of understanding. I already see them (though through a medium), because I understand the sign, I mean something by it. The ideally strict structure appears to me as something concrete: I had used a simile; but through the grammatical illusion, the concept that a word corresponds to one thing, to the common element of all its objects, it did not appear as a simile.
§
99[4]105 Wir haben nun eine Theorie (eine ‘dynamische’ Theorie des Satzes, etc.) aber sie erscheint nicht als Theorie. Es ist ja das Charakteristikum einer solchen Theorie, daß sie einen besonderen, klar anschaulichen, Fall ansieht – & sagt: “Das zeigt, wie es sich überhaupt verhält. Dies ist das Urbild aller Fälle.” – “Natürlich! So muß es sein.”, sagen wir, & sind zufrieden. Wir sind auf eine Form der Darstellung gekommen, die uns einleuchtet. Aber es ist, als haben wir nun etwas gesehen, was unter der Oberfläche liegt.
105 We now have a theory (a ‘dynamic’ theory of the sentence, etc.), but it does not appear as a theory. For it is characteristic of such a theory that it considers a particular, clearly understandable case – & says: “This shows how it is in general. This is the archetype of all cases.” – “Of course! That is how it must be,” we say, & are satisfied. We have arrived at a form of representation that makes sense to us. But it is as if we have now seen something that lies beneath the surface.
§
99[5] &100[1]
106 Diese Tendenz nun, den klaren Fall zu verallgemeinern, scheint in der Logik ihre strenge Berechtigung zu haben; man scheint hier mit voller Berechtigung zu schließen: “Wenn ein Satz ein Bild ist, so muß jeder Satz ein Bild sein, denn sie müssen alle wesensgleich sein.” Denn wir sind ja (eben) in der Täuschung, das Sublime, Wesentliche unserer Untersuchung liege darin, daß sie ein allumfassendes Wesen erfasse.
106 This tendency, to generalize from the clear case, seems to have its strict warrant in logic; one seems to be entitled to conclude here with full justification: “If one sentence is a picture, then every sentence must be a picture, because they must all be essentially the same.” For we are (indeed) under the illusion that the sublime, essential thing in our investigation lies in the fact that it captures one all-encompassing essence.
§
100[2] &101[1]
107 Wenn wir aber glauben, jene Ordnung, das Ideal, in der wirklichen Sprache finden zu müssen, kommen wir leicht dahin, von einem ‘eigentlichen’ Zeichen zu reden, das eigentliche Zeichen zu suchen, – hinter dem nämlich, was normalerweise ‘das Zeichen’ genannt wird. Denn uns verlangt nun nach etwas Reinerem. Der Sinn (das Wesen –) unserer Betrachtung verlangt hier etwas Reineres; wovon die strengen Regeln handeln. Die Gesamtheit dieser Regeln bilde die vollständige Grammatik des Zeichens. Der Satz, das Wort, wovon die Logik handelt, muß etwas Klares, Scharfgeschnittenes sein. Wir zerbrechen uns nun über das Wesen des Zeichens den Kopf. – Ja, muß es nicht die Vorstellung des Wortes sein, ja die Vorstellung im gegenwärtigen Augenblick?! Hier ist es schwer, gleichsam den Kopf oben zu behalten, – zu sehen, daß wir bei den Dingen des alltäglichen Denkens bleiben müssen & nicht auf den Abweg zu geraten, wo es scheint, als müßten wir die letzten Feinheiten beschreiben, die wir doch wieder mit unsern Mitteln gar nicht beschreiben könnten. Es ist, als sollten wir ein zerstörtes Spinnennetz mit unsern Fingern in Ordnung bringen. (Auch hier rührt das Problematische nicht daher, daß wir noch nicht auf den Grund der Erscheinungen gekommen wären; sondern daher, daß wir uns in der Grammatik unserer Ausdrucksweise, die Zeichen, die physikalischen Gegenstände betreffend, nicht auskennen.)
107 If, however, we believe that we must find that order, that ideal, in actual language, we easily come to the point of speaking of a ’real’ sign, of seeking the real sign – namely, that which lies behind what is normally called ‘the sign’. For now we desire something purer. The sense (the essence –) of our consideration demands something purer here; this is what the strict rules deal with. The totality of these rules forms the complete grammar of the sign. The sentence, the word, which logic deals with, must be something clear, sharply defined. Now we rack our brains over the essence of the sign. – Yes, mustn’t it be the mental image of the word, yes, the mental image in the present moment?! Here it is difficult, as it were, to keep our heads above water – to see that we must remain with the things of everyday thought & not get sidetracked, where it seems as if we must describe the last subtleties, which we could not describe with our means anyway. It is as if we should try to put a destroyed spider’s web in order with our fingers. (Here, too, the problematic nature does not arise from the fact that we have not yet reached the bottom of the phenomena; but rather from the fact that we are not familiar with the grammar of our mode of expression, with regard to the signs, the physical objects.)
§
101[2]108 Je genauer wir aber die tatsächliche Sprache ansehen, desto stärker wird der Widerstreit zwischen ihr & unsrer Forderung. (Die Kristallreinheit der Logik hatte sich mir ja nicht ergeben, sondern ich hatte sie gefordert.) Der Widerstreit wird unerträglich; die Forderung droht nun zu etwas Leerem zu werden. Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt, also die Bedingungen in gewissem Sinne ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!
108 But the more closely we look at actual language, the stronger the conflict between it & our demand becomes. (The crystal clarity of logic did not emerge for me, but I demanded it.) The conflict becomes unbearable; the demand threatens to become something empty. We have skidded onto the ice, where there is no friction, so that the conditions are, in a certain sense, ideal, but we cannot walk on it. We want to walk; then we need the friction. Back to the rough ground!
§
101[3] &102[1]
109 Hier erkennen wir nun, daß, was wir “Satz”, “Sprache”, nennen, nicht die formelle Einheit ist, die ich mir vorstellte, sondern die Familie mehr oder weniger mit einander verwandter Gebilde.
Was aber wird nun aus der Logik? Ihre Strenge scheint hier aus dem Leim zu gehen. – Verschwindet sie damit aber nicht ganz? – Denn, wie kann die Logik ihre Strenge verlieren?! – Natürlich nicht dadurch, daß man ihr etwas von dieser Strenge abhandelt. – Das Vorurteil der Kristallreinheit kann nur so beseitigt werden, daß wir unsere ganze Betrachtung drehen. Und dadurch jene Reinheit an eine andere Stelle tritt. (Man könnte sagen: Die Betrachtung muß gedreht werden, aber um unser eigentliches Bedürfnis als Angelpunkt.)
109 Here we now recognize that what we call “sentence,” “language” is not the formal unity that I imagined, but rather the family of more or less related entities.
But what will become of logic? Its rigor seems to be falling apart here. – Does it thereby disappear completely? – For how can logic lose its rigor?! – Of course not by taking away some of its rigor. – The prejudice of crystal clarity can only be eliminated by turning our entire consideration around. And thereby that clarity moves to another place. (One could say: The consideration must be turned, but with our actual need as the focal point.)
§
102[2] &103[1] &
104[1]
110 Richtig war, daß unsere Betrachtungen nicht wissenschaftliche Betrachtungen sein durften. Die Erfahrung, ‘daß sich das oder das denken lasse, entgegen unserm Vorurteil’ – (was immer das heißen mag) – konnte uns nicht interessieren. (Die pneumatische Auffassung des Denkens.) – Und wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort & nur Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, d.i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst & zwar so, daß dieses erkannt wird: entgegen einem Trieb es mißzuverstehen. Die Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache. “Die Sprache (oder das Denken) ist etwas Einzigartiges”, das erweist sich als ein Aberglaube (nicht Irrtum!) hervorgerufen selbst durch grammatische Täuschungen. Und (auf diese Täuschungen,) auf die Probleme, fällt nun das Pathos zurück.
110 It was right that our considerations should not be scientific considerations. The experience, ‘that this or that can be thought, contrary to our prejudice’ – (whatever that may mean) – could not interest us. (The pneumatic conception of thinking.) – And we must not set up any theory. There must be nothing hypothetical in our considerations. All explanation must cease & only description must take its place. And this description receives its light, i.e., its purpose, from the philosophical problems. These are, of course, not empirical, but they are solved by an insight into the workings of our language & in such a way that this is recognized: contrary to a tendency to misunderstand it. The problems are solved, not by bringing in new experience, but by assembling what has long been known. Philosophy is a battle against the bewitchment of our intellect by the means of our language. “Language (or thinking) is something unique,” this proves to be a superstition (not a mistake!) itself caused by grammatical illusions. And (on these illusions,) on the problems, the pathos now falls.
§
103[2][Bemerkungen.] [Unverdaute Brocken heißen nichts.]
Wenn ich über die Sprache – Satz, Wort, etc. – rede, muß ich die Sprache des Alltags reden. – Aber gibt es denn eine andere? (Die Frage “Was ist ein Wort?” ist ganz analog der: “Was ist eine Schachfigur?”.) Daß ich bei meinen Erklärungen die Sprache betreffend schon die volle Sprache anwenden muß (nicht etwa eine vorbereitende, vorläufige), zeigt schon, daß ich nur Äußerliches über die Sprache vorbringen kann. ( [Bemerkung: Rechtschreibung des Wortes “Rechtschreibung”.) Ja, aber wie können uns diese Ausführungen dann befriedigen? – Nun, Deine Fragen waren ja auch schon in dieser Sprache abgefaßt; mußten in dieser Sprache ausgedrückt werden, wenn etwas zu fragen war! Und Deine Skrupel sind Mißverständnisse. Deine Fragen beziehen sich auf Wörter, so muß ich von Wörtern reden. Woher nimmt die Betrachtung ihre Wichtigkeit, da sie doch nur alles Interessante, d.h. alles Große & Wichtige, zu zerstören scheint? (gleichsam alle Bauwerke; indem sie nur Steinbrocken & Schutt übrig läßt.)
[Remarks.] [Undigested chunks are meaningless.]
If I speak about language – sentence, word, etc. – I must speak the language of everyday life. – But is there any other? (The question “What is a word?” is entirely analogous to: “What is a chess piece?”) That in my explanations concerning language, I must already use the full language (not some preparatory, provisional one), already shows that I can only bring out something external about language. ( [Remark: Spelling of the word “spelling”.]) Yes, but how can these explanations then satisfy us? – Well, your questions were already formulated in this language; they had to be expressed in this language if there was to be a question! And your scruples are misunderstandings. Your questions refer to words, so I must talk about words. Where does the consideration derive its importance, since it seems only to destroy everything interesting, i.e., everything great & important? (as if destroying all buildings; leaving only rubble.)
§
104[2]111 Die Probleme, die durch ein Mißdeuten unserer Sprachformen entstehen, haben den Charakter der Tiefe. Es sind tiefe Beunruhigungen; sie wurzeln so tief in uns, wie die Formen unserer Sprache & ihre Bedeutung ist so groß, wie die Wichtigkeit unserer Sprache.
111 The problems that arise through a misinterpretation of our forms of language have the character of depth. They are deep disturbances; they are rooted so deeply in us, as the forms of our language are, & their meaning is as great as the importance of our language.
§
104[3] &105[1]
112 Fragen wir uns: Warum empfinden wir einen grammatischen Witz im gewissen Sinne als tief? (Und das ist natürlich die philosophische Tiefe.) (Worin liegt die Tiefe des Witzes: “We called him tortoise because he taught us”? Wir werden plötzlich aufmerksam darauf, daß eine solche Ableitung des Substantivs unmöglich ist. – Warum sollte sie aber so unmöglich sein? Sie ließe sich auch sehr wohl denken (tschechische Zunamen die ein Imperfektum sind). Und nun scheint der Witz seine Tiefe verloren zu haben. Dies kommt aber daher, daß wir unsere Aufmerksamkeit verschoben haben. – Betrachte ein anderes Beispiel: Lichtenberg läßt eine Magd in einem Brief über Literatur die Zahl Hundert so schreiben: 001. Wenn man sich sagt: “nun, es könnte ja auch in der andern Richtung geschrieben werden” – so fühlt man die Tiefe der Komik nicht. Diese liegt glaube ich, in dem Zusammenhang unseres Dezimalsystems, in welchem das Zeichen “001” eine gewisse Stelle hat. Die Tiefe der Absurdität des “001” erscheint erst für den, der, sozusagen, die mathematischen Konsequenzen aus diesem Schreibfehler ziehen kann. Nicht für den, der nur weiß, daß man so nicht ‘hundert’ schreibt. – Man kann, das ‘taught us’ betreffend, sagen: Ein Verbum hat für uns, eine Grundstellung (wie man bei Turnübungen sagt) & dann verschiedene Stellungen verschiedenen Verrichtungen gemäß. Eine beliebige dieser Stellungen als Bezeichnung dessen nehmen, der (z.B.) lehrt, ist so, als nähme man für das Standbild eines Menschen irgend eine Stellung, in der er sich auch einmal befinden kann. Die Grundstellung, könnte man sagen, repräsentiert den Menschen & der Infinitiv das Verbum. Es hätte so für uns nicht das Komische des Substantivs “taught us”, wenn man statt dessen den Infinitiv des Verbs zur Bezeichnung des Lehrenden verwendet hätte. – Die Tiefe der Absurdität liegt hier wieder in Verhältnissen, die einer längeren Erklärung bedürfen, weil sie den eigentümlichen Bau unserer Sprache betreffen. – Wenn wir auf das System unserer Sprache sehen, dann haben wir das Gefühl der Tiefe. Es ist, als sähen wir durch ihr Netz die ganze Welt. (Die Anlage zur Philosophie beruht auf der Fähigkeit, von einer Tatsache der Grammatik einen starken & nachhaltigen Eindruck zu empfangen.)
112 Let us ask ourselves: Why do we experience a grammatical joke, in a certain sense, as deep? (And this is, of course, the philosophical depth.) (What is the depth of the joke: “We called him tortoise because he taught us”? We suddenly become aware that such a derivation of the noun is impossible. – But why should it be so impossible? It could also very well be imagined (Czech surnames that are imperfects). And now the joke seems to have lost its depth. But this is because we have shifted our attention. – Consider another example: Lichtenberg has a maid in a letter about literature write the number one hundred as: 001. If one says: “well, it could also be written in the other direction” – then one does not feel the depth of the humor. This, I believe, lies in the context of our decimal system, in which the sign “001” has a certain position. The depth of the absurdity of “001” only becomes apparent to someone who, as it were, can draw the mathematical consequences from this spelling error. Not for someone who only knows that one does not write ‘one hundred’ like that. – One can say, with regard to ‘taught us’: A verb has, for us, a basic position (as one says in gymnastics) and then various positions according to various activities. To take any of these positions as a designation for the one who (e.g.) teaches, is like taking any one position in which a person can be, as a depiction of the person. The basic position, one might say, represents the person and the infinitive the verb. It would not have had the comical effect of the noun “taught us” if, instead, the infinitive of the verb had been used to designate the person doing the teaching. – The depth of the absurdity again lies in relationships that require a longer explanation because they concern the peculiar structure of our language. – When we look at the system of our language, then we have the feeling of depth. It is as if we see the whole world through its mesh. (The aptitude for philosophy is based on the ability to receive a strong & lasting impression from a fact of grammar.)
§
105[2] &106[1]
113 Die philosophischen Fragen werden gelöst, dadurch, daß der Darstellungsform unserer Sprache der, uns beunruhigende Aspekt genommen wird. Ein Gleichnis, das in die Formen unserer Sprache aufgenommen ist, bewirkt einen falschen Schein: der beunruhigt uns: “Es ist doch nicht so!” – sagen wir. – “Aber es muß doch so sein!” Denk, wie uns das Substantiv “Zeit” ein Medium vorspiegeln kann; wie es uns in die Irre führen kann, daß wir einem Phantom auf & ab nachjagen. (“Aber hier ist doch nichts! – Aber hier ist doch nicht nichts!”) – Oder denke an das Problem: Wir können die Dauer eines Ereignisses messen, & doch ist sie nie gegenwärtig. – Oder an das Problem, das uns daraus entsteht, daß “ist” die Kopula & das Gleichheitszeichen ist. Die Rose ist rot, & ist doch wieder nicht rot. – Und der Satz der Identität sagt doch etwas, – & er sagt doch wieder nichts. Man weiß keinen Ausweg, denn die Sprache scheint uns keinen zu lassen.
113 Philosophical questions are solved by removing the disturbing aspect from the representational form of our language. A simile that has been incorporated into the forms of our language creates a false illusion: this disturbs us: “It is not so!” – we say. – “But it must be so !” Think how the noun “time” can present us with a medium; how it can mislead us, making us chase after a phantom. (“But there is nothing here! – But there is not nothing here!”) – Or think of the problem: We can measure the duration of an event, and yet it is never present. – Or the problem that arises from the fact that “is” is the copula and the sign of equality. The rose is red, and yet it is not red. – And the sentence of identity does say something – and yet it says nothing. One sees no way out, because language seems to offer us none.
§
106[2] &107[1]
114 Wir ändern nun den Aspekt, indem wir unsre Ausdrucksform andere an die Seite setzen. – So kann der Banneiner Analogie gebrochen werden, wenn man uns eine andere anbietet die wir als gleichberechtigt anerkennen. – Wir sind geneigt, den Satz der Identität als Grundgesetz des Seins fallen zu lassen, wenn uns ein System des Ausdrucks gezeigt wird, das diesen Satz mit andern, die uns auf ähnliche Weise beunruhigten, systematisch aus unsrer Notation ausschließt. – Und wir greifen zu der Notation, die das Wort “ist” einmal durch “ε”, einmal durch “ = ” ersetzt & das Problem der ‘Identität in der Verschiedenheit’ verschwindet.
“Ach so –” sagen wir, wenn uns die philosophische Erklärung gegeben wird, & atmen auf. Das Seltsame an der philosophischen Beunruhigung & ihrer Lösung möchte scheinen, daß sie ist, wie die Qual des Asketen, der, eine schwere Kugel stemmend, betäubt unter Stöhnen dastand, & den ein Mann erlöste, indem er ihm sagte: “laß sie fallen”. Man fragt sich: Wenn Dich diese Sätze beunruhigen, Du nichts mit ihnen anzufangen wußtest, warum ließest Du sie nicht schon früher fallen, was hat Dich daran gehindert? – Es war das System des Ausdrucks, welches mich in Bann hielt.
114 Now we change the aspect by placing a different form of expression alongside ours. – Thus, the spell of an analogy can be broken if we are offered another one that we recognize as equally valid. – We are inclined to abandon the sentence of identity as a fundamental law of being if we are shown a system of expression that systematically excludes this sentence, along with others that have similarly disturbed us, from our notation. – And we resort to the notation that replaces the word “is” once with “ε” and once with “=” and the problem of ‘identity in difference’ disappears.
“Ah, I see” – we say when we are given the philosophical explanation, & breathe a sigh of relief. The strangeness of philosophical unease & its solution seems to be, like the agony of the ascetic who, standing numb under groans while holding a heavy ball, was relieved by a man who said: “let it fall.” One wonders: If these sentences disturb you, if you could not find anything to do with them, why did you not drop them earlier, what prevented you? – It was the system of expression that held me captive.
§
107[2]115 Eine Hauptquelle unseres Unverständnisses ist, daß wir den Gebrauch unserer Wörter nicht übersehen. – Unserer Grammatik fehlt es an Übersichtlichkeit. Die übersichtliche Darstellung vermittelt das Verstehen, welches eben darin besteht, daß wir die ‘Zusammenhänge sehen’. Daher die Wichtigkeit des Findens der Zwischenglieder. Der Begriff der übersichtlichen Darstellung ist für uns von grundlegender Bedeutung. Er bezeichnet unsere Darstellungsform, die Art, wie wir die Dinge sehen. (Vielleicht ist dies eine Art der ‘Weltanschauung’. Spengler.)
115 A major source of our misunderstanding is that we do not survey the use of our words. – Our grammar lacks surveyability. A surveyable representation conveys understanding, which consists in seeing the ‘connections.’ Hence the importance of finding the connecting links. The concept of surveyable representation is of fundamental importance to us. It designates our form of representation, the way in which we see things. (Perhaps this is a kind of ‘world-view.’ Spengler.)
§
107[3] &108[1]
116 Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben. Denn sie kann ihn auch nicht begründen. Sie läßt alles wie es ist. Sie läßt auch die Mathematik wie sie ist (jetzt ist) und keine mathematische Entdeckung kann sie weiter bringen. Ein “führendes Problem der mathematischen Logik” (Ramsey) ist ein Problem der Mathematik, wie jedes andere.
116 Philosophy must not interfere with the actual use of language in any way; it can therefore only describe it. For it cannot even justify it. It leaves everything as it is. It also leaves mathematics as it is (now it is) and no mathematical discovery can advance it. A “leading problem of mathematical logic” (Ramsey) is a problem of mathematics, like any other.
§
108[2]117 Ein Gleichnis gehört zu unserem Gebäude; aber wir können auch aus ihm keine Folgen ziehen; es führt uns nicht über sich selbst hinaus, sondern muß als Gleichnis stehen bleiben. – Wir können keine Folgerungen daraus ziehen. So, wenn wir den Satz mit einem Bild vergleichen (wobei ja, was wir unter “Bild” verstehen, schon früher in uns festliegen muß) oder die Anwendung der Sätze, das Operieren mit ihnen, mit einer Anwendung eines Kalküls, z.B. des Multiplizierens. Die Philosophie stellt eben alles bloß hin, & erklärt & folgert nichts. Da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären. Denn, was etwa verborgen ist, interessiert uns nicht.
117 A simile belongs to our structure; but we cannot draw inferences from it either; it does not lead us beyond itself, but must remain a simile. – We cannot draw inferences from it. Thus, if we compare the sentence with a picture (where, of course, what we understand by “picture” must have been fixed in us earlier) or the application of the sentences, the operation with them, with the application of a calculus, e.g. multiplication. Philosophy simply lays everything out, & explains & infers nothing. Since everything lies open, there is also nothing to explain. For what is perhaps hidden does not interest us.
§
108[3] &109[1]
118 ‘Philosophie’ könnte man auch das nennen, was vor allen neuen Entdeckungen & Erfindungen möglich ist. Wenn Einer die Lösung des ‘Problems des Lebens’ gefunden zu haben glaubt, & sich sagen wollte, jetzt ist alles ganz leicht, so brauchte er sich zu seiner Widerlegung nur erinnern, daß es eine Zeit gegeben hat, wo sie nicht gefunden war; aber auch zu der Zeit mußte man leben können, & im Hinblick auf sie erscheint die gefundene Lösung als ein Zufall. Und so geht es in der Logik. Wenn es eine ‘Lösung’ – wie eines mathematischen Problems – der logischen, d.i. philosophischen Probleme gäbe, so müßten wir uns nur vorhalten, daß sie ja einmal nicht gelöst waren (& auch da mußte man leben & denken können).
118 ‘Philosophy’ could also be called what is possible before all new discoveries & inventions. If someone believed he had found the solution to the ‘problem of life’ and wanted to say that now everything is very easy, he would only have to remember that there was a time when it had not been found; but even at that time, one had to be able to live and think. And so it is with logic. If there were a ‘solution’ – as in the case of a mathematical problem – to the logical, i.e. philosophical, problems, then we would only have to remind ourselves that they were once not solved (& even then, one had to be able to live and think).
§
109[2]119 Die Arbeit des Philosophen ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck. Siehe S. 105 unten] Das Lernen der Philosophie ist wirklich ein Rückerinnern. Wir erinnern uns, daß wir die Worte wirklich auf diese Weise gebraucht haben. Wollte man Thesen in der Philosophie aufstellen, es könnte nie über sie zur Diskussion kommen, weil Alle mit ihnen einverstanden wären.
119 The work of the philosopher is a gathering of memories for a specific purpose. See p. 105 below] Learning philosophy is really a recalling. We remember that we really used the words in this way. If one wanted to set up theses in philosophy, it could never be a matter of discussion, because everyone would agree with them.
§
109[3]120 Die philosophisch wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit & Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken, weil man es immer offen vor Augen hat.) (Die eigentlichen Grundlagen seiner Forschung fallen dem Menschen gar nicht auf. Es sei denn, daß ihm dies einmal zum Bewußtsein gekommen ist. – Und das heißt, das in anderm Sinn Auffallendste (Stärkste) fällt ihm nicht auf.)
120 The philosophically most important aspects of things are concealed by their simplicity & everyday nature. (One cannot notice it, because one always has it openly before one’s eyes.) (The actual foundations of his research do not strike people at all. Unless this once comes to their consciousness. – And that means, the most striking (strongest) thing in another sense does not strike them.)
§
109[4] &110[1]
121 Der Philosoph trachtet das erlösende Wort zu finden, das ist das Wort, das uns endlich erlaubt, das zu fassen, was bis dahin, ungreifbar, unser Bewußtsein belastet hat. (Es ist, wie wenn man ein Haar auf der Zunge liegen hat; man spürt es, aber kann es nicht fassen & darum nicht los werden.) Eine unsrer wichtigsten Aufgaben ist es, alle falschen Gedankengänge so charakteristisch auszudrücken, daß der Leser sagt: “Ja, genau so habe ich es gemeint”. Die Physiognomie jedes Irrtums nachzuzeichnen. Wir können auch niemand eines Fehlers überführen, außer wenn er diesen Ausdruck als den eigentlichen Ausdruck seines Gefühls anerkennt. Nämlich nur wenn er ihn als solchen anerkennt, ist er der richtige Ausdruck. (Psychoanalyse.) Was der Andre anerkennt, ist die Analogie, die ich ihm darbiete, als Quelle seines Gedankens.
121 The philosopher strives to find the redemptive word, that is, the word that finally allows us to grasp what, until then, has burdened our consciousness in an elusive way. (It is as if one had a hair on one’s tongue; one feels it, but cannot grasp it & therefore cannot get rid of it.) One of our most important tasks is to express all false lines of thought in such a characteristic way that the reader says: “Yes, that is exactly what I meant.” To trace the physiognomy of each error. We can only convince anyone of an error if he recognizes this expression as the actual expression of his feeling. Namely, only when he recognizes it as such, is it the right expression. (Psychoanalysis.) What the other person recognizes is the analogy that I offer him as the source of his thought.
§
110[2] &111[1] &
112[1]
122 So befreien wir auch vom Bann des Ideals, indem wir es als Bild anerkennen, dessen Ursprung wir angeben. – Wie bist Du zu diesem Ideal gekommen; aus welchem Material hast Du es geformt? Welche konkrete Vorstellung war sein eigentliches Urbild? Dies müssen wir uns fragen, sonst können wir seinen irreführenden Aspekt nicht los werden. (Ästhetik.) Es ist von der größten Bedeutung, daß wir uns zu einem Kalkül der Logik immer ein Beispiel denken, worauf er wirklich anzuwenden ist; & nicht Beispiele geben & sagen: dies seien nicht die idealen, für die der Kalkül wirklich gelte, diese aber hätten wir noch nicht. Das ist das Zeichen einer falschen Auffassung. Kann ich den Kalkül überhaupt verwenden, dann ist das auch die ideale Verwendung & die Verwendung, um die es geht. – Man will nämlich nicht das reale Beispiel als die ideale Verwendung anerkennen, da man in ihm allerlei Verhältnisse sieht, eine Mannigfaltigkeit, die ihn nicht berührt (die er gleichsam übersieht). Aber es ist der wahre Gegenstand, das Material, des Kalküls & er davon hergenommen, & dies ist kein Fehler, keine Unvollkommenheit des Kalküls. Der Fehler lag darin, seine Anwendung in nebelhafter Ferne zu versprechen. Man könnte sich denken, daß jemand sagt: “Wenn man Rutenbündel zählt, – das eigentliche Bündel können ja nicht die Stäbe sein. Denn die Stäbe können abbrechen, & herausfallen, – & doch bleibt das Bündel das Bündel. Die Stäbe: das ist eine unreinliche Angelegenheit, & ich könnte dieses Unklare nicht mit meinen reinen, klaren Zahlen 1, 2, 3,… zählen.” (Aber einmal müßtest Du den Schritt doch machen, vom reinen, Klaren – zum Unreinlichen. Das Reine, Klare aber ist das Spiel der Zeichen.) Nur so nämlich können wir der Ungerechtigkeit – oder Leere unserer Behauptungen entgehen, indem wir das Vorbild als das, was es ist, als Vergleichsobjekt – sozusagen als Maßstab – hinstellen; & nicht als das Vorurteil, dem die Wirklichkeit entsprechen müsse. (Ich denke an die Betrachtungsweise Spenglers.) Hierin nämlich liegt derjenige Dogmatismus, in den unsre Philosophie so leicht verfallen kann. Es ist wahr: eine Maßeinheit ist gut gewählt, wenn sie viele der Längen, die wir mit ihr messen wollen, in ganzen Zahlen ausdrückt. Aber der Dogmatismus behauptet, jede Länge müsse ein ganzes Vielfaches der Maßeinheit sein.
122 Thus, we also free ourselves from the spell of the ideal by recognizing it as an image, the origin of which we indicate. – How did you arrive at this ideal; from what material did you shape it? What concrete image was its actual prototype? This is what we must ask ourselves, otherwise we cannot get rid of its misleading aspect. (Aesthetics.) It is of the greatest importance that we always think of an example in connection with a calculus of logic, to which it can actually be applied; & not give examples & say: these are not the ideal ones, for which the calculus really applies, but we do not yet have these. That is a sign of a false understanding. If I can use the calculus at all, then that is also the ideal use & the use that matters. – One does not want to recognize the real example as the ideal use, because one sees all sorts of relationships in it, a manifold that does not affect it (which it, as it were, overlooks). But it is the true object, the material, of the calculus & it is derived from it, & this is not a mistake, not an imperfection of the calculus. The mistake lay in promising its application in a hazy distance. One might imagine someone saying: “If one counts bundles of rods, – the actual bundle cannot be the rods. Because the rods can break, & fall out, – & yet the bundle remains the bundle. The rods: that is an impure matter, & I could not count this unclear thing with my pure, clear numbers 1, 2, 3,….” (But at some point you would have to take the step from the pure, clear – to the impure. But the pure, clear is the game of signs.) Only in this way can we escape the injustice – or emptiness – of our assertions, by placing the model as what it is, as an object of comparison – as it were, as a standard –; & not as the prejudice to which reality must correspond. (I am thinking of Spengler’s point of view.) For in this lies the dogmatism into which our philosophy so easily falls. It is true: a unit of measurement is well chosen if it expresses many of the lengths that we want to measure with it in whole numbers. But dogmatism asserts that every length must be a whole multiple of the unit of measurement.
§
112[2]123 Ich habe seinerzeit (in der Log. Phil. Abh.) gesagt, der ‘Elementarsatz’ sei eine Verkettung von Namen. Den Namen entsprächen Gegenstände & dem Satz entspreche ein Komplex aus ihnen. Dem Satz, “Die Flasche steht rechts vom Glas”, wenn er wahr ist, entspricht der Komplex bestehend aus der Flasche, dem Glas & der Relation Rechts-Links (oder wie man sie bezeichnen will). Die sprachwidrige Verwendung des Wortes “Gegenstand” & “Komplex”!! Ein Häuserkomplex besteht doch bloß aus den Häusern & aber nicht aus ihnen & ihren gegenseitigen Lagen! Und wenn ich sage, ich sehe drei Gegenstände auf dem Tisch, so meine ich doch nicht: das Glas, die Flasche & ihre räumliche Beziehung!
123 At the time, I said (in the Logical Philosophical Remarks) that the ‘elementary sentence’ is a concatenation of names. The names correspond to objects & the sentence corresponds to a complex composed of them. The sentence, “The bottle is to the right of the glass,” if it is true, corresponds to the complex consisting of the bottle, the glass, & the relation of right and left (or however one wants to designate it). The linguistically improper use of the words “object” & “complex”! A complex of houses consists only of the houses & not of them & their mutual locations! And when I say that I see three objects on the table, I do not mean: the glass, the bottle, & their spatial relation!
§
112[3] &113[1] &
114[1]
124 Aber ich suche, suche krampfhaft, nach einem System, nach einer Einheit aller Sätze. – Und nun werde ich der Gefangene gewisser Ausdrucksformen meiner Sprache, bleibe im Netze der Sprache hängen. Denn, wenn wir statt “die Flasche ist blau” sagen: “die Flasche hat die Eigenschaft Blau”, statt “die Flasche steht auf dem Tisch”: “die Flasche steht zum Tisch in der Beziehung des Daraufstehens”, u.s.f., – so kann es doch wirklich scheinen, als sei jeder solche Satz eine Verbindung von Namen. Denn alle Wörter mit quasi ‘materieller’ Bedeutung erscheinen hier verstreut in einem Netz rein logischer Beziehungen. Man kann, für Andere verständlich, von Kombinationen von Farben mit Formen sprechen (etwa der Farben rot & blau mit den Formen Quadrat und Kreis), ebenso wie von Kombinationen verschiedener Formen oder Körper. Und dies ist die Wurzel des schiefen Ausdrucks, die Tatsache sei ein Komplex von Gegenständen. Zu sagen, ein roter Kreis ‘bestehe aus’ Röte & Kreisförmigkeit, sei ein Komplex aus diesen Bestandteilen, ist ein Mißbrauch dieser Wörter(, & irreführend). (Verwandt mit der Verwechslung von color und pigmentum.) Die Tatsache, daß dieser Kreis rot ist, ‘besteht’ aus gar nichts. (Frege beanstandete meinen Ausdruck, indem er sagte: “der Teil ist doch kleiner als das Ganze.”) Und wieder: Allen Wörtern im Satz entsprechen Gegenstände; denn “Paul” bezeichnet das, “ißt” bezeichnet das, “drei” das & “Äpfel” das. Das Bild hielt mich gefangen. Und heraus konnte ich nicht, denn es lag in meiner Sprache, & sie schien es, nur, unerbittlich zu wiederholen. Um dem Bann der Ausdrucksformen zu entgehen, müssen wir dir Sprache durchpflügen.
124 But I am searching, desperately searching, for a system, for a unity of all sentences. – And now I become the prisoner of certain forms of expression of my language, I remain caught in the net of language. Because, if instead of “the bottle is blue” we say: “the bottle has the property of being blue,” instead of “the bottle is on the table”: “the bottle is in the relation of being on the table to the table,” etc., – then it can really seem as if every such sentence is a combination of names. Because all the words with a quasi ‘material’ meaning appear here scattered in a network of purely logical relations. One can, in a way understandable to others, speak of combinations of colors with shapes (e.g., the colors red & blue with the shapes square & circle), just as one can speak of combinations of different shapes or objects. And this is the root of the misleading expression, the fact is a complex of objects. To say that a red circle ‘consists of’ redness & circularity, is a complex composed of these components, is an abuse of these words (and misleading). (Related to the confusion of color & pigmentum.) The fact that this circle is red ‘consists of’ nothing. (Frege objected to my expression by saying: “the part is smaller than the whole.”) And again: All words in the sentence correspond to objects; because “Paul” designates that, “eats” designates that, “three” designates that, & “apples” designates that. The image held me captive. And I could not get out, because it lay in my language, & it seemed to only, relentlessly, repeat itself. In order to escape the spell of the forms of expression, we must plough through language.
§
114[2] &115[1]
125 “Jeder Satz sagt: Es verhält sich so & so”. Hier ist so eine Form, die uns verführen kann. (Mich verführt hat.) Bei Plato: “Wer Etwas meint, meint doch etwas Seiendes.” (Theätetus S. 204.) Das ist die Art Satz, die man sich unzählige Male wiederholt. Man glaubt, wieder & wieder der Natur nachzufahren, & fährt nur der Form entlang, durch die wir sie betrachten. Denke Dir, die Menschen pflegten auf Gegenstände immer so zu zeigen, indem sie mit dem zeigenden Finger in der Luft gleichsam einen Kreis um den Gegenstand beschrieben. Man könnte sich dann denken, daß ein Philosoph sagen möchte: “Jedes Ding ist doch kreisrund; denn der Tisch sieht so aus, der Ofen so, die Lampe so”, etc., indem er jedesmal einen Kreis um das Ding schlägt. Oder man sagt: “Ich habe doch einen bestimmten Begriff vom Satz! Ein Satz sagt: es ist so & so.” – Oder: “Ich weiß doch, was das Wort ‘Satz’ bedeutet!” Ja, ja – könnte man antworten, aber was heißt denn das? Ich meine, wie wird denn dieser Satz angewandt, daß Du weißt, was das Wort “Satz” bedeutet? Von wem sagt man denn das, & von wem das Gegenteil? Rufe Dir doch die praktische Verwendung dieser Behauptung in die Erinnerung! Wir ziehen immer wieder die Ausdrucksform nach & glauben, wir haben die Sache gezeichnet. – Durch eine optische Täuschung scheinen wir im Innern der Dinge zu sehen, – was auf unsrer Brille gezeichnet ist.
125 “Every sentence says: things are so & so.” Here is a form that can seduce us. (That seduced me.) In Plato: “Whoever means something, means something that exists.” (Theaetetus S. 204.) This is the kind of sentence that one repeats to oneself countless times. One believes that one is again & again following nature, & one only follows along the form through which we look at it. Imagine that people used to always point to objects in this way, by describing with the pointing finger in the air, as it were, a circle around the object. One could then imagine that a philosopher would like to say: “Every thing is circular; because the table looks like this, the stove like this, the lamp like this,” etc., by drawing a circle around each thing. Or one says: “I do have a certain concept of the sentence! A sentence says: things are so & so.” – Or: “I know what the word ‘sentence’ means!” Yes, yes – one could answer, but what does that mean? I mean, how is this sentence applied, so that you know what the word “sentence” means? Of whom is it said, & of whom is the opposite said? Recall the practical use of this assertion! We always repeat the form of expression & believe that we have depicted the matter. – Through an optical illusion, we seem to see into the interior of things, – what is drawn on our glasses.
§
115[2]126 “Es ist doch so–” sagen wir uns wieder & wieder. – Es ist uns, als müßten wir das Wesen der Sache erfassen, wenn wir unsern Blick nur ganz scharf auf dies Faktum einstellen könnten. Denn es scheint eben im Innern der Sache zu liegen. Erst wenn diese optische Täuschung entfernt ist, können wir nun die Sprache einfach sehen, wie sie ist. Der Ausdruck dieser Täuschung aber ist die metaphysische Verwendung unsrer Wörter. Denn man prädiziert nun von der Sache, was in der Darstellungsweise liegt. Die Möglichkeit des Vergleichs, die uns beeindruckt, nehmen wir für die Wahrnehmung einer höchst allgemeinen Sachlage.
126 “It is, after all, like this–” we say to ourselves again & again. – It seems to us as if we must grasp the essence of the matter if we could only focus our gaze very sharply on this fact. For it seems to lie precisely within the matter itself. Only when this optical illusion is removed can we now simply see the language as it is. But the expression of this illusion is the metaphysical use of our words. For one now predicates of the thing what lies in the mode of representation. The possibility of comparison, which impresses us, we take to be the perception of a very general situation.
§
115[3] &116[1]
127 Denn, “Gegenstand” hat man doch nie, z.B., die Lage eines Dinges genannt. Und sagt man denn vom Satz “Es regnet” (z.B.), er sage: es verhält sich so & so? Wie gebraucht man denn diesen Ausdruck in Wirklichkeit? Denn von diesem Gebrauch hast ja Du ihn gelernt! Verwendest Du ihn nun gegen seinen ursprünglichen Gebrauch & denkst, Du spieltest noch das alte Spiel mit ihm, so ist das, als wenn Du mit Schachfiguren Dame spieltest & Dir einbildetest es hafte den Figuren nun doch noch etwas vom Schachspiel an.
127 For, “object” has never, for example, been used to refer to the location of a thing. And does one say of the sentence “It is raining” (for example), that it states: it is the case that so & so? How is this expression actually used in reality? For it is from this use that you have learned it! If you now use it against its original use & think that you are still playing the old game with it, then it is as if you were playing draughts with chess pieces & imagining that something of the chess game still attaches to the pieces.
§
116[2]128 Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück. (Der Mann, der sagte, man könne nicht zweimal in den gleichen Fluß steigen, sagte etwas Falsches; man kann zweimal in den gleichen Fluß steigen. Und ein Gegenstand hört manchmal auf zu existieren, wenn ich aufhöre ihn zu sehen, & manchmal nicht. Und wir wissen manchmal, welche Farbe der Andere sieht, wenn er diesen Gegenstand betrachtet, & manchmal nicht.) Und so sieht die Lösung aller philosophischen Schwierigkeiten aus. Unsere Antworten müssen, wenn sie richtig sind, gewöhnliche & triviale sein. – Denn diese Antworten machen sich gleichsam über die Fragen lustig.
128 We lead the words from their metaphysical use back to their everyday use. (The man who said that one cannot step twice into the same river said something false; one can step twice into the same river. And an object sometimes ceases to exist when I stop looking at it, & sometimes it does not. And we know sometimes what color the other person sees when he looks at this object, & sometimes we do not.) And this is what the solution of all philosophical difficulties looks like. If our answers are correct, they must be ordinary & trivial. – For these answers, as it were, make fun of the questions.
§
116[3] &117[1]
129 Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgend eines schlichten Unsinns, – Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.
129 The results of philosophy are the discovery of some simple nonsense – bumps that the mind has gotten by running into the limits of language. These bumps let us recognize the value of that discovery.
§
117[2]Wenn die Philosophen ein Wort (“Wissen”, “Sein”, “Gegenstand”, “Ich”, etc.) gebrauchen das Wesen zu erfassen suchen, muß man sich immer fragen: wird denn dieses Wort in der Sprache, je tatsächlich so gebraucht? –
When philosophers use a word (“knowledge,” “being,” “object,” “I,” etc.) in order to grasp the essence, one must always ask: is this word actually used in this way in language? –
§
117[3]129 Woher nimmt die Betrachtung ihre Wichtigkeit, da sie doch nur alles Interessante, d.h. alles Große & Wichtige, zu zerstören scheint? (Gleichsam alle Bauwerke; indem sie nur Steinbrocken & Schutt übrig läßt.) Aber es waren nur Luftgebäude, die wir zerstörten; & wir legen den Grund der Sprache frei, auf dem sie standen.
129 From where does the consideration derive its importance, since it seems only to destroy everything interesting, i.e., everything great & important? (As if it were destroying all structures; leaving only rubble & debris.) But these were only castles in the air that we destroyed; & we reveal the foundation of the language on which they stood.
§
117[4] &118[1]
130 Daß ich bei meinen Erklärungen, die Sprache betreffend, schon die volle Sprache (nicht etwa eine vorbereitende, vorläufige) anwenden muß, zeigt schon, daß ich nur Äußerliches über die Sprache vorbringen kann. Ja, aber wie können uns diese Ausführungen dann befriedigen? – Nun, Deine Fragen waren ja auch schon in dieser Sprache abgefaßt; mußten in dieser Sprache ausgedrückt werden, wenn etwas zu fragen war! Und Deine Skrupel sind Mißverständnisse. Deine Fragen beziehen sich auf Wörter, so muß ich von Wörtern reden. (Hierher gehört auch: Wenn die Philosophie vom Gebrauch des Worts “Philosophie” redet, so könnte man glauben, daß es also eine Philosophie zweiter Ordnung geben müsse Aber es ist eben nicht so; sondern der Fall entspricht dem der Rechtschreibelehre, die es auch mit dem Wort “Rechtschreibelehre” zu tun hat, aber dann nicht eine Rechtschreibelehre zweiter Ordnung ist.
130 The fact that in my explanations concerning language, I must already use the full language (not some preparatory, provisional language), shows that I can only bring out external things about language. Yes, but how can these explanations then satisfy us? – Well, your questions were also already formulated in this language; they had to be expressed in this language if there was to be a question! And your scruples are misunderstandings. Your questions refer to words, so I must talk about words. (This also includes: If philosophy talks about the use of the word “philosophy,” one might think that there must therefore be a philosophy of the second order. But that is not the case; rather, the case corresponds to that of orthography, which also has to do with the word “orthography,” but is not a second-order orthography.)
§
118[2] &119[1]
131 Da unser Ziel ist, den Bann von Sprachformen zu brechen, so wollen wir in unserm Wissen vom Gebrauch der Sprache eine Ordnung herstellen, die dies möglich macht. D.i. eine Ordnung zu einem bestimmten Zweck; eine von vielen möglichen Ordnungen. (Keine Über-Ordnung. Wir werden zu diesem Zweck immer wieder Unterscheidungen hervorheben, die unsere gewöhnlichen Sprachformen leicht übersehen lassen. Dadurch kann allerdings der Schein entstehen, als sähen wir es für unsre Aufgabe an, die Sprache zu verbessern. So eine Reform für bestimmte praktische Zwecke, die Verbesserung unserer Terminologie zur Vermeidung von Mißverständnissen im praktischen Gebrauch, ist wohl denkbar. Aber das sind nicht die Fälle, mit denen wir es zu tun haben. Die Konfusionen, die uns beschäftigen, entstehen, gleichsam, wenn die Sprache feiert, nicht wenn sie arbeitet. (Man könnte sagen: “wenn sie leerläuft”.)
131 Since our goal is to break the spell of linguistic forms, we want to establish an order in our knowledge of the use of language that makes this possible. That is, an order for a specific purpose; one of many possible orders. (No overarching order. For this purpose, we will again and again emphasize distinctions that our ordinary linguistic forms easily let us overlook. However, this can give the impression that we consider it our task to improve language. Such a reform for specific practical purposes, the improvement of our terminology to avoid misunderstandings in practical use, is certainly conceivable. But these are not the cases we are dealing with. The confusions that concern us arise, as it were, when language celebrates, not when it works. (One might say: “when it idles.”)
§
119[2]132 Wir wollen nicht das Regelsystem für die Verwendung unserer Worte in unerhörter Weise verfeinern oder vervollständigen. Wie hätten wir uns ein komplettes Regelverzeichnis für die Verwendung eines Worts zu denken? – Was versteht man unter einem kompletten Regelverzeichnis für die Verwendung einer Figur im Schachspiel? Könnten wir uns nicht Zweifelsfälle konstruieren, in denen das normale Regelverzeichnis nicht entscheidet? Denke etwa an so eine Frage: wie ist es festzustellen, wer zuletzt gezogen hat, wenn die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses der Spieler angezweifelt wird? Die Verkehrsregelung in den Straßen erlaubt & verbietet gewisse Handlungen der Fahrer & Fußgänger; aber sie versucht nicht, ihre sämtlichen Bewegungen durch Vorschriften zu regeln. Und es wäre sinnlos, von einer ‘idealen’ Verkehrsordnung zu reden, die das täte; wir wüßten zunächst gar nicht, was wir uns unter diesem Ideal zu denken hätten. Wünscht Einer die Verkehrsordnung in irgendwelchen Punkten strenger zu gestalten, so bedeutet das nicht, er wünsche sie so einem Ideal anzunähern.
132 We do not want to refine or complete the system of rules for the use of our words in an unheard-of way. How would we imagine a complete list of rules for the use of a word? – What does one understand by a complete list of rules for the use of a piece in a game of chess? Could we not construct doubtful cases in which the normal list of rules does not provide a decision? Consider, for example, a question such as: how is it possible to determine who made the last move if the reliability of the players’ memories is doubted? The traffic regulations on the roads allow and prohibit certain actions of drivers and pedestrians; but they do not attempt to regulate all their movements by means of regulations. And it would be senseless to speak of an ‘ideal’ traffic regulation that would do so; we would not even know what to imagine under this ideal. If someone wants to make the traffic regulations stricter in some respects, this does not mean that he wants to bring them closer to such an ideal.
§
119[3] &120[1]
133 Auch sind unsere exakten Sprachspiele nicht Vorstudien zu einer künftigen Reglementierung unserer tatsächlichen Sprache, gleichsam erste Annäherungen, ohne Berücksichtigung der Reibung & des Luftwiderstands. Diese Idee führt zu Ungerechtigkeiten (Nicod & Russell.) Vielmehr stehen die Sprachspiele da als Vergleichsobjekte, die durch Ähnlichkeit & Unähnlichkeit ein Licht in die Verhältnisse unsrer Sprache werfen sollen. Denn die Klarheit, die wir anstreben, ist allerdings eine vollkommene. Aber das heißt nur, daß die philosophischen Probleme vollkommen verschwinden sollen.
133 Our exact language-games are also not preliminary studies for a future regulation of our actual language, as it were, first approximations, without taking into account friction and air resistance. This idea leads to injustices (Nicod & Russell). Rather, the language-games stand there as objects of comparison, which, through similarity and dissimilarity, are intended to shed light on the conditions of our language. For the clarity that we strive for is indeed a complete one. But that only means that the philosophical problems should completely disappear.
§
120[2] &121[1]
134 Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, mit dem Philosophieren aufzuhören, wann ich will. – Die die Philosophie zur Ruhe bringt, so daß sie nicht mehr von Fragen gepeitscht ist, die sie selbst in Frage stellen. – Sondern es wird nun an Beispielen eine Methode gezeigt, & die Reihe dieser Beispiele kann man abbrechen. Es werden Probleme gelöst (Schwierigkeiten beseitigt), nicht ein Problem. Die Unruhe in der Philosophie, könnte man sagen, kommt daher, daß wir die Philosophie falsch ansehen, falsch sehen, nämlich gleichsam in (endlose) Längsstreifen zerlegt, statt in (begrenzte) Querstreifen. Diese Umstellung der Auffassung macht die größte Schwierigkeit. Wir wollen also gleichsam den unbegrenzten Streifen erfassen, & klagen, daß es nicht Stück für Stück möglich ist. Freilich nicht, wenn man unter (einem) Stück einen endlosen Längsstreifen versteht. Wohl aber, wenn man einen Querstreifen als ein Stück ansieht Aber dann kommen wir ja mit unserer Arbeit nie zu Ende! – Freilich nicht, denn sie hat keins. (Statt der turbulenten Mutmaßungen & Erklärungen wollen wir ruhige Erwägung sprachlicher Tatsachen setzen.)
134 The real discovery is the one that makes me capable of stopping philosophizing whenever I want. – The one that brings philosophy to rest, so that it is no longer tormented by questions that itself questions. – Rather, a method is now shown by means of examples, and the series of these examples can be stopped. Problems are solved (difficulties are removed), not one problem. The unrest in philosophy, one could say, comes from the fact that we look at philosophy incorrectly, see it incorrectly, namely as if it were divided into (endless) longitudinal strips, instead of into (limited) transverse strips. This shift in perspective creates the greatest difficulty. We want, as it were, to grasp the unlimited strip and complain that it is not possible piece by piece. Of course not, if one understands (a) piece as an endless longitudinal strip. But if one considers a transverse strip as a piece, then we will never finish our work! – Of course not, because it has no end. (Instead of turbulent conjectures and explanations, we want to put calm reflections on linguistic facts.)
§
121[2] &122[1]
135 Laß uns zu dem Satz zurückkehren: “Jeder Satz sagt: es verhält sich so & so.” – Inwiefern ist denn dies die Form jedes Satzes? – Es ist vor allem selbst ein Satz – ein deutscher Satz – denn es hat Subjekt & Prädikat (ein Verbum). Wie aber wird dieser Satz angewendet – in unsrer alltäglichen Sprache angewendet? denn nur daher habe ich ihn ja genommen. Wir sagen z.B.: Er erklärte mir seine pekuniäre Lage, sagte, es verhält sich so & so, & ich brauche daher einen Vorschuß. Man kann also insofern sagen, jener Satz stünde für irgendwelche Aussagen. Er wird als Satzschema verwendet; aber das nur, weil er den Bau eines deutschen Satzes hat. Man könnte statt seiner ohne weiteres auch sagen: “das & das ist der Fall”, oder “so & so liegen die Sachen”, etc.. Wir könnten uns aber auch leicht vorstellen, daß Leute für diesen Zweck einen ‘sinnvollen’ Satz verwenden – etwa einen sehr abgedroschenen – wie “Der Himmel ist blau”. Und wer in der neuern Logik aufgewachsen ist wird vielleicht sagen: “Er sagte: p & ich brauche daher einen Vorschuß”. Aber den Buchstaben ‘p’ wird doch niemand die allgemeine Form eines Satzes nennen. Wie gesagt: – “Es verhält sich so & so” war dies nur dadurch, daß es selbst das ist, was man einen deutschen Satz nennt. Denn es enthält das Fürwort “es” & das Verbum in der dritten Person der Einzahl. – Aber obschon es ein Satz ist, so hat es doch nur als Satzvariable Verwendung. Zu sagen, dieser Satz stimme mit der Wirklichkeit überein (oder nicht überein) wäre offenbarer Unsinn. Und er illustriert also dies, daß ein Merkmal unseres Satzbegriffes der Satzklang ist – wie wir es nennen könnten. Es wäre mir, z.B., nicht eingefallen, statt jenes Satzschemas die Form “es so” zu setzen, & doch könnte in einer Sprache, die (wie z.B. die russische) keine Kopula verwendet, dies sehr wohl als Satzvariable gebraucht werden.
135 Let us return to the sentence: “Every sentence says: it is the case that so & so.” – In what respect is this the form of every sentence? – It is primarily itself a sentence – a German sentence – because it has a subject & a predicate (a verb). But how is this sentence applied – applied in our everyday language? for only from there did I take it. We say, for example: He explained to me his financial situation, said that it is the case that so & so, & I therefore need an advance. One can therefore say, in so far as, that sentence would stand for any statements. It is used as a sentence schema; but only because it has the structure of a German sentence. One could just as easily say instead of it: “this & that is the case,” or “so & so are the circumstances,” etc. But we could also easily imagine that people would use a ‘sensible’ sentence for this purpose – perhaps a very trite one – such as “The sky is blue.” And someone who has grown up with modern logic will perhaps say: “He said: p & I therefore need an advance.” But no one would call the letter ‘p’ the general form of a sentence. As I said: – “It is the case that so & so” was only this because it is itself what one calls a German sentence. For it contains the pronoun “it” & the verb in the third person singular. – But although it is a sentence, it is only used as a sentence variable. To say that this sentence corresponds to reality (or does not correspond to reality) would be obvious nonsense. And it thus illustrates this, that one characteristic of our concept of a sentence is the sentence sound – as we might call it. For example, it would not have occurred to me to put the form “it so” instead of that sentence schema, & yet in a language that (like, for example, Russian) does not use a copula, this could very well be used as a sentence variable.
§
122[2] &123[1]
136 Ja aber haben wir denn nicht einen Begriff davon, was ein Satz ist, was wir unter “Satz” verstehen? – Doch, – insofern wir auch einen Begriff davon haben, was wir unter Spiel verstehen. Gefragt, was ein Satz ist – ob wir nun einem Andern antworten sollen, oder uns selbst – werden wir Beispiele geben & unter diesen auch, was man induktive Reihen von Sätzen nennen kann; nun, auf diese Weise haben wir einen Begriff vom Satz. (Vergleiche den Begriff des Satzes mit dem Begriff der Zahl!)
136 But do we not have a concept of what a sentence is, of what we understand by “sentence”? – Yes, in so far as we also have a concept of what we understand by “game.” If asked what a sentence is – whether we are to answer another person, or ourselves – we will give examples and include among these what one can call inductive series of sentences; well, in this way we have a concept of the sentence. (Compare the concept of the sentence with the concept of number!)
§
123[2] &124[1]
137 Im Grunde ist die Angabe von “es verhält sich so & so” als der allgemeinen Form des Satzes das Gleiche, wie die Erklärung: ein Satz sei alles, was wahr oder falsch sein könne. Denn statt “es verhält sich …” hätte ich auch sagen können: “das & das ist wahr”. (Aber auch: “das & das ist falsch”.) Nun ist aber p ist wahr = p p ist falsch = nicht-p. Und zu sagen, ein Satz sei alles, was wahr oder falsch sein könne, kommt darauf hinaus zu sagen: einen Satz nennen wir das, worauf wir in unserer Sprache den Kalkül der Wahrheitsfunktionen anwenden. Denn hier ist es nun leicht, in einen Irrtum zu verfallen: Es scheint nämlich, als bestimmte die Erklärung – Satz sei dasjenige, was wahr oder falsch sein könne – was ein Satz ist, indem sie sage: Was zum Begriff ‘wahr’ paßt – oder, worauf der Begriff ‘wahr’ paßt – das ist ein Satz. Es ist also so, als hätten wir einen Begriff von wahr & falsch mit dessen Hilfe wir nun bestimmen können, was ein Satz ist & was keiner. Was in den Begriff der Wahrheit eingreift, wie ein Zahnrad, das ist ein Satz. Aber das ist ein falsches Bild. – Es ist als sagte man: “Schachkönig ist die Figur, der man Schach ansagen kann”. Aber das kann doch nur heißen, daß wir in unserm gebräuchlichen Schachspiel nur dem König Schach geben. So wie der Satz, daß nur ein Satz wahr sein könne, nur sagen kann, daß wir “wahr” & “falsch” nur von dem prädizieren, was wir einen Satz nennen. Und was ein Satz ist, ist in einem Sinne bestimmt durch die Regeln des Satzbaus (der deutschen Sprache, z.B.), in einem andern Sinne durch den Gebrauch des Zeichens im Sprachspiel. Und der Gebrauch der Wörter “wahr” & “falsch” kann auch ein Teil dieses Spiels sein; und dann gehört er für uns zum Satz, aber er ‘paßt’ nicht zu ihm. Wie wir auch sagen können, daß Schachgeben gehöre zu unserm Begriff vom Schachkönig (gleichsam als ein Bestandteil desselben). Zu sagen, das Schachgeben passe nicht auf unsern Begriff vom Bauern würde heißen daß ein Spiel in welchem den Bauern Schach gegeben wird, in welchem etwa der verliert, der seine Bauern verliert, daß ein solches Spiel uninteressant wäre, oder zu kompliziert, oder dergleichen.
137 Basically, stating that “it is the case that such and such” is the general form of a sentence is the same as the explanation: a sentence is everything that can be true or false. For instead of “it is the case that…”, I could also say: “this and that is true.” (But also: “this and that is false.”) Now, p is true = p, p is false = not-p. And to say that a sentence is everything that can be true or false amounts to saying: we call a sentence that which we in our language apply the calculus of truth-functions to. Because here it is now easy to fall into an error: it seems as if the explanation – a sentence is that which can be true or false – determines what a sentence is by saying: what fits the concept of ‘true’ – or, what the concept of ‘true’ fits – that is a sentence. So it is as if we have a concept of true and false with whose help we can now determine what is a sentence and what is not. What intervenes in the concept of truth, like a cog, is a sentence. But that is a false picture. – It is as if one said: “The chess king is the piece to which one can announce check.” But that can only mean that in our usual game of chess, we only give check to the king. Just as the sentence that only a sentence can be true can only say that we predicate “true” and “false” only of what we call a sentence. And what a sentence is is determined in one sense by the rules of sentence construction (of the German language, for example), and in another sense by the use of the sign in the language-game. And the use of the words “true” and “false” can also be a part of this game; and then it belongs to the sentence for us, but it does not ‘fit’ it. Just as we can say that giving check belongs to our concept of the chess king (as if it were a constituent of it). To say that giving check does not fit our concept of the pawn would mean that a game in which the pawn is given check, in which, for example, the player who loses his pawns loses, is an uninteresting game or too complicated, or something like that.
§
124[2] &125[1]
138 Wie ist es denn, wenn wir das Subjekt im Satz bestimmen lernen durch die Frage “Wer oder was …?” – Hier gibt es (ja) doch ein ‘Passen’ des Subjekts zu dieser Frage; denn wie erführen wir sonst durch die Frage, was das Subjekt ist? Nun wir erfahren es in ähnlicher Weise, wie wir erfahren welcher Buchstabe im Alphabet nach dem ‘K’ kommt, indem wir uns das Alphabet bis zum ‘K’ hersagen. Inwiefern paßt nun das ‘L’ zu jener Buchstabenreihe? – Und in sofern könnte man auch sagen “wahr” & “falsch” passe zum Satz, & man könnte ein Kind lehren, Sätze von Ausdrücken zu unterscheiden, die keine Sätze sind, indem man ihm sagt: “Frag' Dich, ob Du danach sagen kannst ‘ist wahr’! Wenn diese Worte passen, so ist es ein Satz.” (Und ebenso hätte man sagen können: Frage Dich, ob Du davor die Worte ‘Es verhält sich so:’ setzen kannst.
138 How is it, then, when we learn to determine the subject in the sentence through the question “Who or what…?” – Here there is (indeed) a ‘matching’ of the subject to this question; for how else do we ascertain through the question what the subject is? Now we ascertain it in a similar way to how we ascertain which letter in the alphabet comes after ‘K’, by reciting the alphabet up to ‘K’. In what way does ‘L’ fit into that series of letters? – And in so far one could also say that “true” & “false” fit the sentence, & one could teach a child to distinguish sentences from expressions that are not sentences by saying: “Ask yourself whether you can say ‘is true’ afterwards! If these words fit, then it is a sentence.” (And similarly, one could have said: Ask yourself whether you can put the words ‘It is the case that so’ before it.
§
125[2]139 Ja aber kann denn nicht die Bedeutung eines Worts, welche ich verstehe, zum Sinn des Satzes, den ich verstehe, passen? Oder die Bedeutung eines Worts zur Bedeutung eines andern Worts? – Freilich, wenn die Bedeutung des Worts der Gebrauch ist, den wir von ihm machen, das Spiel, das wir mit ihm spielen, dann hat es keinen Sinn von so einem Passen zu reden: nun verstehen wir aber doch die Bedeutung eines Wortes, wenn wir es hören, oder aussprechen; wir erfassen sie mit einem Schlage; & was wir so erfassen, ist doch etwas anderes, als der in der Zeit ausgedehnte ‘Gebrauch’!
139 Yes, but can’t the meaning of a word, which I understand, fit the sense of the sentence that I understand? Or the meaning of one word to the meaning of another word? – Of course, if the meaning of the word is the use we make of it, the game we play with it, then it does not make sense to talk about such a fitting: now, however, we do understand the meaning of a word when we hear it or say it; we grasp it in one go; and what we grasp in this way is something different from the ‘use’ extended in time!
§
125[3] &126[1] &
127[1]
140 Wenn mir jemand z.B. das Wort “Würfel” sagt, so weiß ich, was es bedeutet. Aber kann mir denn die ganze Verwendung des Wortes gegenwärtig sein, wenn ich es so verstehe? Ja, wird aber anderseits die Bedeutung des Worts nicht auch durch diese Verwendung bestimmt? Und können sich diese Bestimmungen nun widersprechen? Kann, was wir so mit einem Schlage erfassen, mit einer Verwendung übereinstimmen, zu ihr passen, oder nicht zu ihr passen? Und wie kann das, was uns in einem Augenblick vorschwebt zu einer Verwendung passen?! Was ist es denn eigentlich, was uns vorschwebt, wenn wir ein Wort verstehen? Ist es nicht etwas, wie ein Bild? Kann es nicht ein Bild sein? Nun nimm an, beim Hören des Wortes “Würfel” schwebt Dir ein Bild vor. Etwa das Bild
Inwiefern kann dies Bild zu einer Verwendung des Wortes “Würfel” passen, oder nicht zu ihr passen? Vielleicht sagst Du: “Das ist einfach: wenn mir dieses Bild vorschwebt, & ich zeige z.B. auf ein dreieckiges Prisma & sage, dies sei ein Würfel, so paßt diese Verwendung nicht zum Bild.” – Aber paßt sie nicht? – Ich habe das Beispiel absichtlich so gewählt, daß es ganz leicht ist, sich eine ‘Projektionsmethode’ vorzustellen, nach welcher das Bild nun doch paßt. Das Bild des Würfels legte uns allerdings eine gewisse Verwendung nahe, aber ich konnte es auch anders verwenden.
140 If someone, for example, says the word “cube” to me, then I know what it means. But can I be aware of the entire use of the word when I understand it in this way? Yes, but on the other hand, isn’t the meaning of the word also determined by this use? And can these determinations now contradict each other? Can what we grasp in one go, agree with a use, fit it, or not fit it? And how can what occurs to us in a moment fit a use?! What exactly is it that occurs to us when we understand a word? Isn’t it something like a picture? Can’t it be a picture? Now, suppose that when you hear the word “cube,” a picture comes to mind. Something like the picture
In what way can this picture fit or not fit a use of the word “cube”? Perhaps you say: “It’s simple: if this picture comes to mind, & I point, for example, to a triangular prism & say that this is a cube, then this use does not fit the picture.” – But doesn’t it fit? – I chose the example deliberately so that it is very easy to imagine a ‘method of projection’ according to which the picture does fit. The picture of the cube suggested a certain use to us, but I could also use it differently.
§
127[2] &128[1]
141 Welcher Art war dann aber mein Irrtum; der, welchen man so ausdrücken möchte: ich hätte geglaubt, das Bild zwinge mich nun zu einer bestimmten Anwendung? Wie konnte ich denn das glauben? Was habe ich denn da geglaubt? Gibt es denn ein Bild, oder etwas einem Bild Ähnliches, was uns zu einer bestimmten Anwendung zwingt, & war mein Irrtum also eine Verwechslung? – Denn wir könnten geneigt sein, uns auch so auszudrücken: wir seien höchstens unter einem psychologischen Zwang, aber unter keinem logischen. Und da scheint es ja völlig, als kennten wir zweierlei Fälle. Was tat denn mein Argument? Es machte Dich drauf aufmerksam (erinnerte Dich daran), daß Du unter Umständen bereit wärest, auch einen andern Vorgang “Anwendung des Würfelbildes” zu nennen, als nur den, an welchen Du ursprünglich gedacht hattest. Dein ‘Glauben, das Bild zwinge Dich zu dieser Anwendung’ bestand also darin, daß Dir nur der eine Fall & kein andrer einfiel. “Es gibt auch eine andere Lösung” heißt: “es gibt auch etwas Anderes, was ich bereit bin ‘Lösung’ zu nennen”, worauf ich bereit bin, das & das Bild, die & die Analogie, anzuwenden etc.. Und das Wesentliche ist nun, daß wir sehen, daß uns das Gleiche beim Hören des Wortes vorschweben, & seine Anwendung doch eine andere sein kann. Und hat es dann beidemal die gleiche Bedeutung? Ich glaube, das werden wir verneinen.
141 What, then, was the nature of my mistake; the one that might be expressed as follows: did I believe that the picture now compels me to a specific application? How could I have believed that? What did I believe? Is there a picture, or something similar to a picture, that compels us to a specific application, and was my mistake therefore a confusion? – Because we might be inclined to express ourselves in such a way: we are at most under a psychological compulsion, but not under a logical one. And it seems as if we know of two different cases. What did my argument do? It drew your attention to (reminded you of) the fact that you might be prepared to call another process “application of the cube image,” besides the one you originally had in mind. Your ‘belief that the picture compels you to this application’ therefore consisted in the fact that only the one case occurred to you and no other. “There is also another solution” means: “there is also something else that I am prepared to call ‘solution’,” to which I am prepared to apply this and that picture, this and that analogy, etc. And the essential thing is now that we see that the same thing floats before one when one hears the word, and yet its application can be different. And does it then have the same meaning in both cases? I believe that we will deny this.
§
128[2] &129[1]
142 “Aber wie, wenn uns nicht einfach das Bild des Würfels, sondern dazu auch die Projektionsmethode vorschwebt?” – Wie soll ich mir das denken? –
Ich stelle mir vor: – indem ich ein Schema der Projektionsmethode vor mir sehe. Ein Bild, z.B., das zwei Würfel zeigt durch Projektionsstrahlen miteinander verbunden. – Aber bringt mich denn das wesentlich weiter? Kann ich mir nun nicht auch verschiedene Anwendungen dieses Schemas denken?! Ja aber kann mir denn also nicht eine Anwendung vorschweben? Doch; nur müssen wir uns über unsre Anwendung dieses Ausdrucks klarer werden. Nimm an, ich setze jemandem verschiedene Projektionsmethoden auseinander, damit er sie dann anwendet; & fragen wir uns, in welchem Falle wir hier sagen werden, es schwebe ihm die Projektionsmethode vor, welche ich meine. Wir anerkennen dafür nun offenbar zweierlei Kriterien: einerseits das Bild (welcher Art immer es sei) welches ihm zu irgendeiner Zeit vorschwebt, anderseits die Anwendung, die er – mit der Zeit – von dieser Vorstellung macht. (Und ist es hier nicht klar, daß es durchaus unwesentlich ist, daß dieses Bild ihm im Geiste vorschwebe, & nicht vielmehr als eine Zeichnung vor ihm liegt, oder als Modell oder von ihm hergestellt wird?) Können nun Bild & Anwendung kollidieren? Nun, sie können in so fern kollidieren, als uns das Bild eine andere Anwendung erwarten läßt: – weil die Menschen im allgemeinen von diesem Bild diese Anwendung machen. Ich will sagen: Es gibt hier einen normalen Fall & abnormale Fälle.
142 “But how, if what floats before us is not simply the image of the cube, but also the method of projection?” – How am I supposed to think about that? –
I imagine it: – by seeing a schema of the method of projection before me. An image, for example, that shows two cubes connected by projection lines. – But does that really get me any further? Can I not also think of different applications of this schema?! Yes, but can’t I then also have an application in mind? Of course; only we must become clearer about our application of this expression. Suppose I explain different methods of projection to someone, so that he can then apply them; & let us ask ourselves, in which case we will say here that the method of projection is present in his mind, which I mean. For this, we apparently recognize two criteria: on the one hand, the image (of whatever kind it may be) which floats before him at some point in time, and on the other hand, the application which he makes of this image over time. (And is it not clear here that it is by no means essential that this image floats before him in his mind, and not rather that it lies before him as a drawing, or as a model, or is produced by him?) Can image & application now collide? Well, they can collide in so far as the image leads us to expect a different application: – because people in general make this application from this image. I mean: there is a normal case & abnormal cases here.
§
129[2] &130[1]
143 Betrachten wir zur Klärung unsrer Begriffe diese Art von Sprachspiel: B soll auf den Befehl des A Reihen von Zeichen niederschreiben nach einem bestimmten Bildungsgesetz. Die erste dieser Reihen soll die sein der natürlichen Zahlen im Dezimalsystem. – Wie lernt er dieses System verstehen? – Nun, zunächst werden ihm Zahlenreihen vorgeschrieben & er wird angehalten, sie nachzuschreiben. (Stoße Dich nicht daran, daß ich sage “Zahlenreihen”, statt “Reihen von Zahlzeichen”. Du verstehst mich doch! –) Und schon hier gibt es eine normale & eine abnormale Reaktion des Lernenden. – Wir führen ihm etwa zuerst beim Nachschreiben der Reihe 0 bis 9 die Hand; dann aber wird die Möglichkeit der Verständigung daran hängen, daß er nun selbständig weiterschreibt. – Und hier können wir uns, z.B., denken, daß er nun (zwar) selbständig Ziffern kopiert, aber nicht nach der Reihe, sondern regellos einmal die, einmal die. Und dann hört da die Verständigung auf. – Oder aber er macht ‘Fehler’ in der Reihenfolge. – Der Unterschied zwischen diesem & dem ersten Fall ist offenbar einer der Häufigkeit. – Oder aber: er macht einen ‘systematischen Fehler’, er schreibt z.B. immer nur jede zweite Zahl nach; oder er kopiert die Reihe 0, 1, 2, 3, 4, 5, … so: 1, 0, 3, 2, 5, 4, … Hier werden wir beinahe versucht sein, zu sagen, er habe uns falsch verstanden. Aber merke: Es gibt keine scharfe Grenze zwischen einem regellosen & einem systematischen Fehler. D.h.: zwischen dem, was Du einen “regellosen”, & dem, was Du einen “systematischen Fehler” zu nennen geneigt bist. Man kann ihm nun vielleicht den systematischen Fehler abgewöhnen (wie eine Unart). Oder, man läßt diese Art des Kopierens gelten & trachtet ihm die normale Art als eine Abart, Variation, der seinigen beizubringen. – Und auch hier kann die Lernfähigkeit unseres Schülers abbrechen.
143 In order to clarify our concepts, let us consider this kind of language-game: B is to write down rows of signs at the command of A, according to a certain law of formation. The first of these rows is to be that of the natural numbers in the decimal system. – How does he learn to understand this system? – Now, first of all, he is given rows of numbers and he is asked to copy them. (Don't be put off by the fact that I say “rows of numbers,” instead of “rows of number signs.” You understand me, don't you! –) And even here there is a normal & an abnormal reaction of the learner. – We might first guide his hand when copying the row 0 to 9; but then the possibility of communication will depend on him continuing to write independently. – And here we can, for example, imagine that he now copies the digits independently (admittedly), but not in sequence, but randomly, sometimes this one, sometimes that one. And then there the communication stops. – Or else he makes ‘mistakes’ in the sequence. – The difference between this & the first case is obviously one of frequency. – Or else: he makes a ‘systematic mistake,’ he always copies only every second number; or he copies the row 0, 1, 2, 3, 4, 5, … like this: 1, 0, 3, 2, 5, 4, … Here we are almost tempted to say that he has misunderstood us. But note: there is no sharp boundary between a random & a systematic mistake. That is: between what you are inclined to call a “random” mistake, & what you are inclined to call a “systematic” mistake. One might perhaps be able to discourage him from the systematic mistake (as if it were a bad habit). Or, one lets this kind of copying pass & tries to teach him the normal way as a kind of variant, variation of his own. – And even here the learning ability of our pupil may come to an end.
§
130[2] &131[1]
144 Nun laß mich diese Betrachtung für einen Augenblick unterbrechen & fragen: Was meine ich denn, wenn ich sage: “hier kann die Lernfähigkeit des Schülers abbrechen”? Teile ich das aus meiner Erfahrung mit? Natürlich nicht! (Auch wenn ich so eine Erfahrung gemacht hätte.) Und was tue ich denn mit jenem Satz? Ich möchte doch, daß Du sagst: “Ja, es ist wahr, das könnte man sich auch denken, das konnte auch geschehen!” Aber wollte ich Dich darauf aufmerksam machen, daß Du im Stande bist, Dir dies vorzustellen? ‒ ‒ Ich wollte dies Bild vor Deine Augen stellen, & Deine Anerkennung dieses Bildes besteht darin, daß Du nun geneigt bist, einen gegebenen Fall anders zu betrachten: nämlich ihn mit dieser Bilderreihe zu vergleichen. Ich habe Deine Anschauungsweise geändert. (Ich habe irgendwo gelesen, daß indischen Mathematikern zum Beweis eines Satzes (manchmal) eine geometrische Figur dient mit den Worten: “Sieh' dies an!” Auch dieses Ansehen bewirkt eine Änderung der Anschauungsweise.)
144 Now, let me interrupt this line of thought for a moment & ask: What do I mean when I say: “here the student’s ability to learn may come to an end”? Am I sharing this from my experience? Of course not! (Even if I had such an experience.) & what am I doing with that sentence? I want you to say: “Yes, it is true, one could also think that, that could also have happened!” But did I want to draw your attention to the fact that you are capable of imagining this? ‒ ‒ I wanted to present this picture before your eyes, & your recognition of this picture consists in the fact that you are now inclined to consider a given case differently: namely, to compare it with this series of pictures. I have changed your way of looking at things. (I read somewhere that Indian mathematicians sometimes use a geometric figure to prove a sentence, saying: “Look at this!” This act of seeing also brings about a change in one’s way of looking at things.)
§
131[2] &132[1]
145 Der Schüler schreibe nun die Reihe 0 bis 9 zu unsrer Zufriedenheit. – Und dies wird nur der Fall sein, wenn ihm dies oft gelingt, nicht, wenn er es einmal unter hundert Versuchen richtig macht. (Aber wie oft ist ‘oft’?) Ich führe ihn nun weiter in der Reihe & lenke seine Aufmerksamkeit auf die Wiederkehr der ersten Reihe in den Einern; dann auf diese Wiederkehr in den Zehnern (was nur heißt, daß ich gewisse Betonungen anwende, Zeichen unterstreiche, in der & der Weise untereinander schreibe, u.dgl.). – Und nun setzt er einmal die Reihe selbständig fort, – oder er tut es nicht. – Ja, warum sagst Du das, das ist selbstverständlich! – Freilich! Ich wollte sagen: die Wirkung jeder weiteren Erklärung hänge von seiner Reaktion ab. Aber nehmen wir nun an, er setzt, nach einigen Bemühungen des Lehrers, die Reihe richtig fort, d.h. so, wie Du & ich es tun. Nun können wir also sagen: er beherrscht das System. Aber halt, – wie weit muß er die Reihe richtig fortsetzen, damit wir das mit Recht sagen können? Es ist klar: Du kannst hier keine Grenzlinie angeben.
145 The student now writes the series from 0 to 9 to our satisfaction. – And this will only be the case if he succeeds in doing so often, not if he gets it right once out of a hundred attempts. (But how often is ‘often’?) I now continue with the series & draw his attention to the recurrence of the first series in the units; then to this recurrence in the tens (which simply means that I apply certain emphases, underline signs, write them in this or that way, etc.). – And now he continues the series independently – or he doesn’t. – Yes, why do you say that, that is self-evident! – Of course! I wanted to say: the effect of each further explanation depends on his reaction. But let us now assume that, after some efforts by the teacher, he continues the series correctly, i.e. in the way that you & I do. Now we can say: he has mastered the system. But hold on – how far must he continue the series correctly in order for us to be able to say that? It is clear: you cannot specify a boundary here.
§
132[2] &133[1]
146 Wenn ich nun aber frage: “Hat er das System verstanden, wenn er die Reihe hundert Stellen weit fortsetzt?” Oder – wenn ich in unserm primitiven Beispiel nicht von ‘verstehen’ reden soll: Hat er das System inne, wenn er die Reihe bis dorthin richtig fortsetzt? – Da wirst Du vielleicht sagen: Das System innehaben (oder auch, verstehen) kann nicht darin bestehen, daß man die Reihe bis zu dieser oder bis zu jener Zahl fortsetzt; das ist nur die Anwendung des Verstehens. Das Verstehen selbst ist ein Zustand, woraus die richtige Verwendung entspringt. Und an was denkst Du denn da eigentlich? Denkst Du nicht an das Ableiten einer Reihe aus ihrem algebraischen Ausdruck? Oder doch an etwas dem Analoges? – Aber da waren wir ja schon einmal. Wir können uns ja eben mehr als eine Anwendung eines algebraischen Ausdrucks denken; & jede Anwendungsart kann zwar wieder algebraisch niedergelegt werden, aber dies führt uns, selbstverständlich, nicht weiter. – Die Anwendung bleibt ein Kriterium des Verständnisses.
146 If now I ask: “Has he understood the system if he continues the series a hundred terms further?” Or – if I am not supposed to speak of ‘understanding’ in our primitive example: does he possess the system if he correctly continues the series up to that point? – You will perhaps say: possessing the system (or also, understanding) cannot consist in the fact that one continues the series up to this or up to that number; that is only the application of understanding. Understanding itself is a state, from which the correct use springs. And what are you actually thinking of? Are you not thinking of deriving a series from its algebraic expression? Or perhaps of something analogous? – But we have already been there once. We can indeed think of more than one application of an algebraic expression; & each type of application can, indeed, be represented algebraically, but this does not, of course, take us any further. – The application remains a criterion of understanding.
§
133[2]147 – “Aber wie kann sie das sein? Wenn ich sage, ich verstehe das Gesetz einer Reihe, so sage ich es doch nicht auf Grund der Erfahrung, daß ich bis jetzt den algebraischen Ausdruck so & so angewandt habe! Ich weiß doch von mir selbst jedenfalls, daß ich die & die Reihe meine, gleichgültig, wie weit ich sie tatsächlich entwickelt habe.” – Du meinst also: Du weißt die Anwendung des Gesetzes der Reihe, auch ganz abgesehen von einer Erinnerung an die tatsächlichen Anwendungen auf bestimmte Zahlen. Und Du wirst vielleicht sagen: “Selbstverständlich! denn die Reihe ist ja unendlich & das Reihenstück, das ich entwickeln konnte, endlich.” –
147 – “But how can it be? If I say that I understand the law of a series, I am not doing so on the basis of the experience that I have so far applied the algebraic expression in this way or that! I know for myself that I mean this and that series, regardless of how far I have actually developed it.” – So you mean: you know the application of the law of the series, even completely independently of a memory of the actual applications to specific numbers. And you will perhaps say: “Of course! because the series is infinite & the series segment that I could develop is finite.” –
§
133[3] &134[1]
148 Worin aber besteht dies Wissen? Oder laß mich fragen: Wann weißt Du es? Ich meine: Immer, – Tag & Nacht? oder nur während Du gerade an das Gesetz der Reihe denkst? D.h.: weißt Du sie, wie Du auch das ABC und das Einmaleins weißt & wie Du verschiedene Gedichte & Melodien, etc. auswendig weißt; oder ist das Wissen, wovon Du redest, ein Bewußtheitszustand oder Vorgang, etwa ein An-etwas-Denken oder dergleichen? Denn, wenn Du jetzt verschiedene Melodien auswendig weißt, wie kommt es, daß sie da zusammen nicht einen fürchterlichen Mißklang geben? Wenn Dich jemand fragt: “Weißt Du das ABC?” & Du antwortest mit “ja”, so heißt das doch nicht, daß Du jetzt eben im Geist das ABC durchgehst, oder in einem besondern Geisteszustand bist, der irgendwie dem Hersagen des ABC äquivalent ist.
148 But what does this knowledge consist of? Or let me ask: when do you know it? I mean: always – day & night? Or only while you are thinking about the law of the series? That is to say: do you know it, as you also know the ABCs and the multiplication table, and as you know various poems and melodies by heart; or is the knowledge you are talking about a state of mind or a process, such as thinking about something or the like? For if you now know various melodies by heart, how is it that they do not produce a terrible cacophony when played together? If someone asks you: “Do you know the ABCs?” & you answer with “yes,” this does not mean that you are just now going through the ABCs in your mind, or that you are in a particular state of mind that is somehow equivalent to reciting the ABCs.
§
134[2]149 Wenn man also sagen wollte, das Wissen des ABC sei ein Zustand der Seele, so kann das nur einen Zustand eines hypothetischen Mechanismus bedeuten, etwa einen Zustand unsres Gehirns, mittels welchem wir die Äußerungen dieses Wissens erklären. Einen seelischen Zustand in diesem Sinne will ich eine Disposition nennen.
Die Grammatik des Wortes “wissen” ist offenbar eng verwandt der Grammatik der Worte “können”, “im Stande sein”. (Nichts wäre hier irreführender als der Gebrauch der Wörter “bewußtes” & “unbewußtes” Wissen für jenen Gegensatz. Denn dieses Wortpaar verschleiert einen grammatischen Unterschied für jenen Gegensatz.) Aber auch eng verwandt der des Wortes “verstehen”. Denn ich verstehe – schon seit Jahren – wie eine Dampfmaschine funktioniert, wie ich seit Jahren das ABC weiß, & Schachspielen kann.
149 If one were to say that the knowledge of the ABCs is a state of mind, then this can only mean a state of a hypothetical mechanism, such as a state of our brain, by means of which we explain the utterances of this knowledge. I want to call a mental state in this sense a disposition.
The grammar of the word “to know” is clearly closely related to the grammar of the words “can,” “to be able.” (Nothing could be more misleading here than the use of the words “conscious” & “unconscious” knowledge for this contrast. For this pair of words obscures a grammatical difference for that contrast.) But also closely related to the word “to understand.” For I have – for years – understood how a steam engine works, just as I have known the ABCs for years, & can play chess.
§
134[3] &135[1]
150 [→ 132] Nun gibt es aber auch diese Verwendung des Wortes “wissen”: wir sagen: “Jetzt weiß ich's!” – & ebenso “jetzt kann ich's!” & “jetzt versteh ich's!”. Stellen wir uns dieses Spiel vor: A schreibt Reihen von Zahlen an, B sieht ihm zu & trachtet in der Zahlenfolge ein Gesetz zu finden. Ist es ihm gelungen, so sagt er: “Jetzt kann ich fortsetzen!” – Diese Fähigkeit, dieses Verstehen ist also etwas, was in einem Augenblick eintritt. Schauen wir also doch nach: Was ist es, was hier eintritt? – A habe die Zahlen 1, 5, 11, 19, 29 hingeschrieben; da sagt B, jetzt wisse er weiter. Was geschah da? Es konnte verschiedenerlei geschehen sein; z.B.: Während A langsam eine Zahl nach der andern hinsetzte, ist B damit beschäftigt, verschiedene algebraische Formeln an den angeschriebenen Zahlen zu versuchen. Als A die Zahl 19 geschrieben hatte versuchte B die Formel ; und die nächste Zahl bestätigte seine Annahme.
Oder aber: B denkt nicht an Formeln. Er sieht mit einem gewissen Gefühl von Spannung zu, wie A seine Zahlen hinschreibt; dabei schwimmen ihm allerlei unklare Gedanken im Kopf. Endlich sagt er sich: “Was ist die Reihe der Differenzen?” Er findet: 4, 6, 8, 10 & sagt: “Jetzt kann ich weiter.”
Oder er sieht hin & sagt: “Ja die Reihe kenn' ich”, & setzt sie fort. Wie er's etwa auch getan hätte, wenn A die Reihe 1, 3, 5, 7, 9, 11 hingeschrieben hätte. Oder er sagt gar nichts & schreibt bloß in der Reihe weiter. Vielleicht hatte er eine Empfindung, die man die Empfindung “das ist leicht!” nennen kann. (Eine solche Empfindung ist z.B. die eines leichten, schnellen Einziehens des Atems, ähnlich wie bei einem gelinden Schreck.)
150 [→ 132] Now, however, there is also this use of the word “to know”: we say: “Now I know!” – & likewise “now I can!” & “now I understand!” Let us imagine this game: A writes rows of numbers, B watches him & tries to find a law in the sequence of numbers. If he has succeeded, he says: “Now I can continue!” – This ability, this understanding, is therefore something that occurs in a moment. So let us take a closer look: what is it that happens here? – A has written the numbers 1, 5, 11, 19, 29; then B says that he now knows how to continue. What happened there? Various things could have happened; for example: While A slowly wrote one number after another, B was busy trying various algebraic formulas on the numbers written. When A had written the number 19, B tried the formula ; and the next number confirmed his assumption.
Or, perhaps: B is not thinking about formulas. He watches with a certain feeling of tension as A writes his numbers; various unclear thoughts swim through his head. Finally, he says to himself: “What is the series of differences?” He finds: 4, 6, 8, 10 & says: “Now I can continue.”
Or he looks at it & says: “Yes, this series I know,” & continues it. As he might have done if A had written the series 1, 3, 5, 7, 9, 11. Or he says nothing & simply continues the series. Perhaps he had a sensation that one could call the sensation of “this is easy!” (Such a sensation is, for example, that of a light, quick intake of breath, similar to a mild fright.)
§
136[1]151 Aber sind denn diese Vorgänge, die ich da beschrieben habe, das Verstehen? “B versteht das System der Reihe” heißt doch nicht einfach: B fällt die Formel “” ein! Denn es ist sehr wohl denkbar, daß ihm die Formel einfällt & er doch nicht versteht. “Er versteht”, muß mehr beinhalten als: ihm fällt die Formel ein. Und ebenso auch mehr, als irgend einer jener, mehr oder weniger charakteristischen, Begleitvorgänge (oder Äußerungen) des Verstehens.
Wir versuchen nun, jenen geistigen Vorgang des Verstehens, der sich, scheint es, hinter diesen leichter erkennbaren Begleiterscheinungen verbirgt, zu erfassen. Aber das gelingt nicht. Oder, richtiger gesagt: es kommt gar nie zu einem wirklichen Versuch. Denn auch angenommen, ich hätte etwas gefunden, was in allen jenen Fällen des Verstehens geschähe, – warum sollte das nun das Verstehen sein? Ja wie konnte denn der Vorgang des Verstehens versteckt sein, wenn ich doch sagte, “jetzt verstehe ich”, weil ich wahrnahm, daß ich verstand?! Und wenn ich sage, er ist versteckt, – wie weiß ich denn, wonach ich zu suchen habe? – Ich bin in einem Wirrwarr.
151 But are these processes that I have described actually understanding? “B understands the system of the series” does not simply mean: B remembers the formula “”! For it is quite conceivable that he remembers the formula, and yet does not understand. “He understands” must include more than just remembering the formula. And also more than any one of those, more or less characteristic, accompanying processes (or manifestations) of understanding.
We now try to grasp that mental process of understanding, which, it seems, is hidden behind these more easily recognizable accompanying phenomena. But we do not succeed. Or, more precisely: there is never a real attempt. For even if I were to find something that happens in all those cases of understanding, – why should that then be the understanding? How could the process of understanding be hidden, when I say, “now I understand,” because I perceive that I understand?! And if I say it is hidden – how do I know what to look for? – I am in a muddle.
§
137[1] &138[1]
152 Aber halt! – wenn, “jetzt verstehe ich das System” nicht das Gleiche sagt, wie “mir fällt die Formel … ein” (oder, was auf dasselbe hinauskommt: “ich spreche die Formel aus”, “schreibe sie auf” etc.) – folgt daraus, daß ich den Satz, “jetzt verstehe ich …”, oder “jetzt kann ich fortsetzen”, als Beschreibung eines Vorgangs verwende, der hinter, oder neben, dem des Einfallens der Formel besteht? Wenn etwas ‘hinter dem Aussprechen der Formel’ stehen muß, so sind es gewisse Umstände, – die mich berechtigen, zu sagen, ich könne fortsetzen, wenn mir die Formel einfällt. Denk' doch einmal gar nicht an das Verstehen als ‘seelischen Vorgang’! – Denn das ist die Redeweise, die Dich verwirrt. – sondern frage Dich: in was für einem Fall, unter was für Umständen, sagen wir denn: “jetzt weiß ich weiter” – wenn mir die Formel eingefallen ist? Es ist jene Redeweise, die Dich hindert, die Tatsachen unparteiisch zu sehen. (Betrachte die Aussprache eines Worts durch die Darstellungsform der Schreibung! Wie leicht kann man sich überreden, daß zwei Worte (z.B. “für” & “führ'”) im tatsächlichen Gebrauche doch verschieden klingen, – weil man sie verschieden ausspricht, wenn man sein Augenmerk gerade auf den Unterschied ihrer Schreibung richtet. Damit zu vergleichen: die Meinung ein Violinspieler mit feinem Gehör greife immer etwas höher als . Überlege Dir solche Fälle! So kann das Darstellungsmittel eine Einbildung erzeugen.) Also denk' nicht, Du müßtest einen spezifischen seelischen Vorgang finden, weil das Tätigkeitswort “verstehen” dasteht & weil man sagt, Verstehen sei eine seelische Tätigkeit. Ich wollte also sagen: Wenn er plötzlich weiter wußte, das System verstand, so hatte er allerdings ein besonderes Erlebnis – welches er etwa beschreiben wird, wenn man ihn fragt: “wie war das, was ging da vor, als Du das System plötzlich begriffst?”, ähnlich, wie wir es in (150) beschrieben haben – das aber, was ihn für uns berechtigt, in so einem Fall zu sagen, er verstehe, er wisse weiter, sind die Umstände, unter denen er ein solches Erlebnis hatte. Welche Umstände es sind & welche Rolle sie in der Verwendung der Wörter “verstehen”, “wissen”, etc. spielen, wird aber vielleicht klarer erscheinen, wenn ich die Betrachtung eines andern Wortes hier einschalte, nämlich des Wortes “lesen”.
152 But wait! – if “now I understand the system” does not say the same thing as “the formula occurs to me” (or, what amounts to the same thing: “I utter the formula,” “I write it down,” etc.) – does it follow that I use the sentence, “now I understand…,” or “now I can continue,” as a description of a process that lies behind, or beside, the process of the formula occurring? If something ‘must lie behind the uttering of the formula,’ then it is certain circumstances – which entitle me to say that I can continue if the formula occurs to me. Don’t think of understanding as a ‘mental process’ at all! – because that is the way of speaking that confuses you. – but ask yourself: in what kind of case, under what kind of circumstances, do we say, “now I know what to do” – when the formula has occurred to me? It is that way of speaking that prevents you from seeing the facts impartially. (Consider the pronunciation of a word by the representational form of its spelling! How easily can one be persuaded that two words (e.g., “für” & “führ’”) do indeed sound different in actual use – because one pronounces them differently when one’s attention is directed to the difference in their spelling. Compare this with: the opinion that a violinist with a fine ear always plays slightly higher than . Consider such cases! Thus the means of representation can create an illusion.) So don’t think that you must find a specific mental process because the verb “to understand” is there & because one says that understanding is a mental activity. What I wanted to say was: if he suddenly knew how to continue, understood the system, then he certainly had a special experience – which he might describe if one asked him: “what was it like, what was going on when you suddenly grasped the system?” – similar to how we described it in (150) – but what entitles him for us to say, in such a case, that he understands, that he knows what to do, are the circumstances under which he had such an experience. What these circumstances are & what role they play in the use of the words “to understand,” “to know,” etc., will perhaps become clearer if I introduce the consideration of another word here, namely the word “to read”.
§
138[2] &139[1] &
140[1] &
141[1]
153 Zuerst muß ich bemerken, daß ich zum “Lesen”, in dieser Betrachtung, nicht das Verstehen des Sinns des Gelesenen rechne; sondern Lesen ist hier die Tätigkeit, Geschriebenes oder Gedrucktes in Laute umzusetzen; auch aber, nach Diktat zu schreiben, oder Gedrucktes abzuschreiben, u. dgl.. Der Gebrauch des Wortes “lesen” unter den Umständen unsres gewöhnlichen Lebens ist uns natürlich ungemein wohl bekannt. Die Rolle aber, die das Wort in unserm Leben spielt, & damit das Sprachspiel, in dem wir es verwenden, wäre schwer auch nur in groben Zügen darzustellen. Ein Mensch, sagen wir ein Deutscher, ist in der Schule, oder zu Hause, durch eine der bei uns gebräuchlichen Unterrichtsarten gegangen, er hat in diesem Unterricht seine Muttersprache lesen gelernt; später liest er Bücher, Briefe, die Zeitung u.a.. Was geht nun vor sich, wenn er, z.B., die Zeitung liest? ‒ ‒ Seine Augen gleiten – wie wir sagen – den gedruckten Wörtern entlang, er spricht sie laut aus, – oder sagt sie nur zu sich selbst; & zwar gewisse Wörter, indem er ihre Druckform als Ganzes erfaßt, andere, nachdem sein Auge die ersten Silben erfaßt hat, andere wieder liest er Silbe für Silbe, & das eine oder andre vielleicht Buchstabe für Buchstabe. – Wir würden auch sagen, er habe einen Satz gelesen, wenn er während des Lesens weder laut noch zu sich selbst spricht, aber danach im Stande ist, den Satz wörtlich oder annähernd wiederzugeben. – Er kann auf das achten, was er liest, oder aber – wie wir sagen könnten – als bloße Lesemaschine funktionieren, ich meine, laut & richtig lesen, ohne auf die Worte, die er liest, zu achten, – vielleicht während seine Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes gerichtet ist (so daß er nicht im Stande ist, zu sagen, was er gelesen hat, wenn wir ihn gleich darauf fragen). – Vergleiche nun mit diesem Leser einen Anfänger. Er liest die Wörter, indem er sie, mit Anstrengung, buchstabiert. – Einige Wörter aber errät er aus dem Zusammenhang; oder er weiß das Lesestück vielleicht zum Teil schon auswendig. – Der Lehrer sagt in so einem Fall, daß er die Wörter nicht wirklich liest (& in gewissen Fällen, daß er nur vorgibt, sie zu lesen). Wenn wir an dieses Lesen, an das Lesen des Anfängers, denken, & uns fragen, worin Lesen besteht, werden wir geneigt sein, zu sagen: es sei eine besondere bewußte geistige Tätigkeit. Wir sagen von dem Schüler auch: “Nur er weiß natürlich, ob er wirklich liest, oder die Worte bloß auswendig sagt.” (Über diese Aussagen: “Nur er weiß, …” muß später noch viel geredet werden.) Ich will aber sagen, wir müssen zugeben, daß – was das Aussprechen irgend eines der gedruckten Wörter betrifft – im Bewußtsein des Schülers, der ‘vorgibt’ zu lesen, das Gleiche stattfinden kann, wie im Bewußtsein des geübten Lesers, der es ‘liest’. Das Wort “lesen” wird anders angewandt, wenn wir vom Anfänger – & wenn wir vom geübten Leser sprechen. – – Wir möchten nun freilich sagen: Was im Geiste des Anfängers & was im Geiste des geübten Lesers vorsichgeht, wenn sie das Wort aussprechen, kann nicht dasselbe sein. Und wenn der Unterschied nicht in dem liegt, was ihnen gerade bewußt ist, so liegt er im Unbewußten des Geistes. – Wir möchten also sagen: Hier sind jedenfalls zwei verschiedene Mechanismen! Und was in ihnen vorgeht, unterscheidet Lesen von Nicht-lesen – Aber diese Mechanismen sind doch nur Hypothesen; Modelle zur Erklärung, zur Zusammenfassung dessen, was Du wahrnimmst.
153 First, I must mention that in this context, I do not include understanding the sense of what is read when I speak of “reading”; rather, reading here is the activity of converting written or printed text into sounds; also, writing from dictation, or copying printed text, etc. The use of the word “read” in the circumstances of our ordinary life is, of course, very well known to us. But the role that the word plays in our lives, and thus the language-game in which we use it, would be difficult to represent even in broad strokes. A person, let's say a German, has gone through one of the types of instruction common in our schools, or at home; in this instruction, he learned to read his native language; later he reads books, letters, the newspaper, etc. Now, what happens when he reads the newspaper, for example? – – His eyes glide – as we say – along the printed words, he speaks them aloud, – or says them only to himself; and in some cases, by grasping their printed form as a whole, in other cases, after his eye has grasped the first syllables, in still other cases, he reads syllable by syllable, and perhaps even letter by letter. – We would also say that he has read a sentence if, while reading, he neither speaks aloud nor says it to himself, but is afterwards able to reproduce the sentence literally or approximately. – He can pay attention to what he is reading, or – as we might say – function as a mere reading machine, that is, read aloud and correctly, without paying attention to the words he is reading – perhaps while his attention is directed to something completely different (so that he is unable to say what he has read if we ask him immediately afterwards). – Now compare this reader with a beginner. He reads the words by spelling them out, with effort. – But he guesses some words from the context; or perhaps he already knows some of the text by heart. – The teacher says in such a case that he is not really reading the words (and in some cases, that he is only pretending to read them). If we think of this reading, of the reading of the beginner, and ask ourselves what reading consists of, we will be inclined to say: it is a special conscious mental activity. We also say of the student: “Only he knows, of course, whether he is really reading, or merely repeating the words from memory.” (Much more will have to be said later about these statements: “Only he knows, …”) But I want to say that we must admit that – as far as the pronunciation of any one of the printed words is concerned – the same thing can take place in the consciousness of the student who is “pretending” to read as in the consciousness of the practiced reader who is “reading” it. The word “read” is used differently when we speak of the beginner – and when we speak of the practiced reader. – – We would now like to say: What is going on in the mind of the beginner, and what is going on in the mind of the practiced reader when they pronounce the word, can not be the same. And if the difference does not lie in what is currently conscious to them, then it lies in the unconscious of the mind. – We would therefore like to say: Here, in any case, are two different mechanisms! And what is going on in them distinguishes reading from non-reading – But these mechanisms are only hypotheses; models for the explanation, for the summarization of what you observe.
§
141[2] &142[1]
154 Überlege Dir folgenden Fall: Denke dir, es würden Menschen, oder andere Wesen, von uns als Lesemaschinen benützt. Sie werden zu diesem Zweck abgerichtet. Der, welcher sie abrichtet, sagt von Einigen, sie können schon lesen, – von Andern, sie könnten es noch nicht. Nimm den Fall eines Schülers, der bisher nicht mitgetan hat: zeigt man ihm ein geschriebenes Wort, so wird er manchmal irgendwelche Laute hervorbringen, & hie und da geschieht es dann ‘zufällig’, daß sie ungefähr stimmen. Ein Dritter hört diesen Schüler in so einem Moment & sagt: “Er liest”. Aber der Lehrer sagt: “Nein, er liest nicht; es war nur ein Zufall.” – Nehmen wir aber an, dieser Schüler, wenn ihm nun weitere Wörter vorgelegt werden, reagiert auf sie fortgesetzt richtig. Nach einiger Zeit sagt der Lehrer: “Jetzt kann er lesen!” – Aber wie war es mit jenem ersten Wort? Soll der Lehrer sagen: “Ich hatte mich geirrt, er hat es doch gelesen” – oder: “Er hat erst später angefangen, wirklich zu lesen”? – Wann hat er angefangen, zu lesen? Welches ist das erste Wort, das er gelesen hat? Diese Frage ist hier sinnlos. Es sei denn, wir erklärten: “Das erste Wort, das Einer ‘liest’, ist das erste Wort der ersten Reihe von 50 Wörtern, die er richtig liest” (oder dergl.).
154 Consider the following case: Imagine that people, or other beings, are used by us as reading machines. They are trained for this purpose. The person who trains them says of some that they can already read, and of others, that they cannot yet. Take the case of a student who has not participated so far: if a written word is shown to him, he will sometimes produce some sounds, and now and then it happens ‘by chance’ that they are approximately correct. A third person hears this student at such a moment and says: “He is reading.” But the teacher says: “No, he is not reading; it was just a coincidence.” – But let us assume that this student, when further words are presented to him, reacts correctly to them. After some time, the teacher says: “Now he can read!” – But what about that first word? Should the teacher say: “I was mistaken, he did read it” – or: “He only started to really read later”? – When did he start to read? Which is the first word that he has read? This question is meaningless here. Unless we explain: “The first word that someone ‘reads’ is the first word of the first series of 50 words that he reads correctly” (or something like that).
§
142[2]155 Verwenden wir aber “lesen” um ein gewisses Erlebnis des Lesenden zu bezeichnen beim Übergang vom Zeichen zum gesprochenen Laut, dann hat es wohl Sinn, von einem ersten Wort zu sprechen, das er wirklich gelesen hat. Er kann dann (etwa) sagen: “Bei diesem Worte hatte ich zum ersten Male das Gefühl, ‘jetzt lese ich’.”
155 But if we use “reading” to denote a certain experience of the reader when transitioning from the sign to the spoken sound, then it probably makes sense to speak of a first word that he has really read. He can then (approximately) say: “With this word, I had for the first time the feeling, ‘now I am reading’.”
§
142[3]156 Oder aber in dem hievon verschiedenen Fall einer Lesemaschine, die, etwa nach Art des Pianolas, Zeichen in Laute übersetzt, könnte man sagen: “Erst nachdem dies & dies an der Maschine geschehen war – die & die Teile durch Drähte verbunden worden waren – hat die Maschine gelesen; das erste Zeichen, welches sie gelesen hat, war ….”
156 Or, in the different case of a reading machine, which, for example, like a pianola, translates signs into sounds, one could say: “Only after this and this happened in the machine – the and the parts were connected by wires – did the machine read; the first sign that it read was ….”
§
142[4]157 Im Falle aber der lebenden Lesemaschine hieß “lesen”: so & so auf Schriftzeichen reagieren. Dieser Begriff war also ganz unabhängig von dem eines seelischen, oder andern, Mechanismus. – Der Lehrer kann hier auch vom Abgerichteten nicht sagen: “Vielleicht hat er dieses Wort schon gelesen”. Denn es ist ja kein Zweifel über das, was er getan hat. – Die Veränderung, als der Schüler zu lesen anfing, war eine Veränderung seines Verhaltens; & vom ‘ersten Wort im neuen Zustand’ zu reden, hat hier keinen Sinn.
157 In the case of the living reading machine, however, “reading” meant: reacting in such and such a way to written signs. This concept was therefore completely independent of a mental or other mechanism. – The teacher cannot say to the trained subject: “Perhaps he has already read this word.” Because there is no doubt about what he has done. – The change when the student began to read was a change in his behaviour; and speaking of ‘the first word in the new state’ does not make sense here.
§
142[5] &143[1]
158 Aber liegt dies nicht nur an unserer Unkenntnis der Vorgänge im Gehirn & im Nervensystem? Wenn wir diese genauer kennten, würden wir sehen, welche Verbindungen durch das Abrichten hergestellt worden waren & wir könnten dann, wenn wir ihm ins Gehirn sähen, sagen: ‘Dieses Wort hat er jetzt gelesen, jetzt war die Leseverbindung hergestellt’.” – Und das muß wohl so sein, – denn wie könnten wir sonst so sicher sein, daß es eine solche Verbindung gibt? Das ist wohl a priori so, – oder ist es nur wahrscheinlich? – Und wie wahrscheinlich ist es denn? Frage Dich doch, was weißt Du denn von diesen Sachen?! – Ist es aber a priori, dann heißt das, daß es eine (Dir) sehr einleuchtende Darstellungsform ist.
158 But is this not only due to our ignorance of the processes in the brain and the nervous system? If we knew these more precisely, we would see what connections had been established through the training, and we could then, if we looked into his brain, say: “This word he has now read, now the reading connection has been established.” – And this must probably be the case – because how else could we be so sure that there is such a connection? This is probably a priori – or is it only probable? – And how probable is it? Ask yourself, what do you know about these things?! – But if it is a priori, then that means that it is a (to you) very plausible form of representation.
§
143[2] &144[1]
159 Aber wir sind, wenn wir darüber nachdenken, versucht zu sagen: das einzig wirkliche Kriterium dafür, daß Einer liest, ist der bewußte Akt des Lesens, des Ablesens der Laute von den Buchstaben. “Ein Mensch weiß doch, ob er liest, oder nur vorgibt, zu lesen!” – Angenommen, A will den B glauben machen, er könne kyrillische Schrift lesen. Er lernt einen russischen Satz auswendig & sagt ihn dann, indem er die gedruckten Wörter ansieht als läse er sie. Wir werden hier gewiß sagen, A wisse, daß er nicht liest, & er empfinde, während er zu lesen vorgibt, eben dies. Denn es gibt natürlich eine Menge für das Lesen eines Satzes im Druck mehr oder weniger charakteristischer Empfindungen; es ist nicht schwer, sich solche ins Gedächtnis zu rufen; denke an Empfindungen des Stockens, genaueren Hinsehens, Verlesens, der größeren & geringeren Geläufigkeit der Wortfolgen, u.a.. Und ebenso gibt es charakteristische Empfindungen für das Aufsagen von etwas Auswendiggelerntem. Und A wird in unserm Fall keine von den Empfindungen haben, die für das Lesen charakteristisch sind & er wird etwa eine Reihe von Empfindungen haben, die für das Schwindeln charakteristisch sind.
159 But when we think about it, we are tempted to say that the only real criterion for whether someone is reading is the conscious act of reading, of decoding the sounds from the letters. “A person knows whether they are reading or merely pretending to read!” – Suppose A wants to make B believe that he can read Cyrillic script. He learns a Russian sentence by heart and then recites it, looking at the printed words as if he were reading them. In this case, we would certainly say that A knows that he is not reading, and that he experiences, while pretending to read, precisely this. For there are, of course, a number of more or less characteristic sensations for reading a sentence in print; it is not difficult to recall such sensations; think of sensations of stumbling, of looking more closely, of misreading, of the greater and lesser familiarity of the sequence of words, and so on. And similarly, there are characteristic sensations for reciting something learned by heart. And in our case, A will not have any of the sensations that are characteristic of reading, and he will have a number of sensations that are characteristic of deceiving.
§
144[2]160 Denke Dir aber diesen Fall: Wir geben Einem, der fließend lesen kann, etwas zu lesen, was er nie zuvor gesehen hat. Er liest ihn uns vor; aber mit der Empfindung, als sage er etwas Auswendiggelerntes (dies könnte die Wirkung irgend eines Giftes sein). Würden wir in einem solchen Falle sagen, er läse das Stück nicht wirklich? Würden wir hier also seine Empfindungen als Kriterium dafür gelten lassen, ob er liest oder nicht?
160 Now consider this case: We give someone who can read fluently something to read that he has never seen before. He reads it aloud to us, but with the sensation that he is reciting something he has learned by heart (this could be the effect of some poison). Would we in such a case say that he is not really reading the passage? Would we thus let his sensations serve as a criterion for whether or not he is reading?
§
144[3] &145[1]
161 Oder aber: Wenn man einem Menschen, der unter dem Einfluß eines bestimmten Giftes steht, eine Reihe von Schriftzeichen vorlegt, die aber keinem existierenden Alphabet angehören müssen, so spricht er nach der Anzahl der Zeichen Wörter aus, so als wären die Zeichen Buchstaben, & zwar mit allen äußeren Merkmalen & mit Empfindungen des Lesens. (Solche Erfahrungen haben wir in Träumen; nach dem Aufwachen sagt man dann etwa: “Es kam mir vor, als läse ich die Zeichen, – obwohl es gar keine Zeichen waren.”) In so einem Fall würden Manche geneigt sein, zu sagen, der Mensch lese diese Zeichen; Andere, er lese sie nicht. – Angenommen, er habe auf diese Weise eine Gruppe von vier Zeichen als “OBEN” gelesen (oder gedeutet); nun zeigen wir ihm die gleichen Zeichen in umgekehrter Reihenfolge & er liest “NEBO” & so behält er bei weiteren Versuchen immer die gleiche Deutung bei: hier wären wir wohl geneigt zu sagen, er lege sich ad hoc ein Alphabet zurecht & lese dann danach.
161 Or: If one presents a series of characters to a person who is under the influence of a certain poison, but which do not have to belong to any existing alphabet, he pronounces words according to the number of characters, as if the characters were letters, and with all the external features and with the sensations of reading. (We have such experiences in dreams; upon waking, one then says something like, “It seemed to me as if I were reading the characters, – although they were not characters at all.”) In such a case, some would be inclined to say that the person is reading these characters; others, that he is not reading them. – Suppose he has in this way read (or interpreted) a group of four characters as “ABOVE”; now we show him the same characters in reverse order, and he reads “NEBO,” and in further attempts he always maintains the same interpretation: in this case, we would probably be inclined to say that he is creating an alphabet ad hoc and then reading according to it.
§
145[2]162 Bedenke nun auch, daß es eine kontinuierliche Reihe von Übergängen gibt zwischen dem Falle, in welchem jemand das auswendig hersagt, was er lesen soll & dem, in welchem er jedes Wort Buchstabe für Buchstaben liest ohne jede Hilfe des Erratens aus dem Zusammenhang, oder des Auswendigwissens. Mache diesen Versuch: Sage die Zahlenreihe von 1 bis 12. – Nun schau auf das Zifferblatt Deiner Uhr & lies diese Reihe. – Was hast Du in diesem Falle “lesen” genannt? Das heißt: was hast Du getan, um es zum Lesen zu machen?
162 Also consider that there is a continuous series of transitions between the case in which someone recites from memory what he is supposed to read, and the case in which he reads every word, letter by letter, without any help from guessing from the context or from knowing it by heart. Try this experiment: Say the series of numbers from 1 to 12. – Now look at the dial of your watch and read this series. – What did you call “reading” in this case? That is, what did you do to make it reading?
§
145[3] &146[1]
163 Versuchen wir diese Erklärung: Jemand liest, wenn er seine Reproduktion von der Vorlage ableitet. Und ‘Vorlage’ nenne ich den Text, den er liest, oder abschreibt, oder das Diktat, nach welchem er schreibt, die Partitur, die er spielt, etc. etc..– Wenn wir nun z.B. jemand das kyrillische Alphabet gelehrt hätten und wie jeder Buchstabe auszusprechen sei; wenn wir ihm dann ein Lesestück vorlegen & er liest es, indem er jeden Buchstaben so ausspricht, wie wir es ihn gelehrt haben; dann werden wir wohl sagen, er leite den Klang eines Wortes vom Schriftbild mit Hilfe der Regel, die wir ihm gegeben haben, ab. Und dies ist auch ein klarer Fall des Lesens.) (Wir könnten sagen, wir haben ihn die ‘Regel des Alphabets’ gelehrt.)
Aber warum sagen wir, er habe die gesprochenen Worte von den gedruckten abgeleitet? Wissen wir mehr, als daß wir ihn gelehrt haben, wie jeder Buchstabe auszusprechen sei, & daß er dann die Worte laut gelesen habe? Wir werden vielleicht antworten: Der Schüler zeige –, daß er den Übergang vom Gedruckten zum Gesprochenen mit Hilfe der Regel macht, die wir ihm gegeben haben. – Wie man dies zeigen könne, wird klarer, wenn wir unser Beispiel dahin abändern daß der Schüler, statt den gedruckten Text vorzulesen, ihn abzuschreiben hat, ihn aus der Druckschrift in die Schreibschrift zu übertragen hat; denn in diesem Fall können wir ihm die Regel in Form einer Tabelle geben; in einer Kolumne stehen die Druckbuchstaben, in der andern die Kursivbuchstaben. Und daß er die Schrift vom Gedruckten ableitet, zeigt sich darin, daß er in der Tabelle nachsieht.
163 Let us try this explanation: One reads when one derives one’s reproduction from the template. And by ‘template’ I mean the text that one reads, or copies, or the dictation that one writes down, the score that one plays, etc. etc. – Now, if we had, for example, taught someone the Cyrillic alphabet and how each letter is to be pronounced; if we then give him a reading passage and he reads it by pronouncing each letter as we taught him; then we would probably say that he derives the sound of a word from the written form with the help of the rule that we gave him. And this is also a clear case of reading. (We could say that we taught him the ‘rule of the alphabet’.)
But why do we say that he derives the spoken words from the printed ones? Do we know more than that we taught him how each letter is to be pronounced, and that he then read the words aloud? We might answer: The student shows that he makes the transition from the printed to the spoken with the help of the rule that we gave him. – How one could show this becomes clearer if we modify our example so that the student, instead of reading the printed text, has to copy it, i.e., to transfer it from printed to cursive; for in this case we can give him the rule in the form of a table; in one column are the printed letters, in the other the cursive letters. And that he derives the script from the printed text is shown by the fact that he looks it up in the table.
§
146[2] &147[1]
164 Aber wie, wenn er dies täte, & dabei ein A immer in ein b, ein B in ein c, ein C in ein d umschriebe, u.s.f., & ein Z in ein a? – Auch das würden wir doch ein Ableiten nach der Tabelle nennen. – Er gebraucht sie nun – könnten wir sagen – nach dem Schema
etc. statt nach dem:
Auch das wäre wohl noch ein Ableiten nach der Tabelle, wenn der Gebrauch, den er von ihr macht, durch ein Pfeilschema ohne alle einfache Regelmäßigkeit wiedergegeben ist. – Aber nimm an, er bleibe nicht bei seiner Art des Transkribierens; sondern ändere sie nach einer einfachen Regel: Hat er einmal ein A in ein n umgeschrieben, so schreibt er das nächste A in ein σ, das nächste in ein p um, u.s.w..– Aber wo ist die Grenze zwischen diesem Vorgehen und dem eines regellosen?
164 But what if he did this, and always transcribed an A into a b, a B into a c, a C into a d, and so on, and a Z into an a? – Wouldn’t we still call that deriving from the table? – He is now using it – we could say – according to the scheme
etc. instead of according to the:
That, too, would probably still be deriving from the table, if the way in which he uses it is represented by an arrow scheme without any simple regularity. – But suppose he did not stick to his way of transcribing; but changed it according to a simple rule: if he has once transcribed an A into an n, then he transcribes the next A into a σ, the next into a p, and so on. – But where is the boundary between this procedure and that of one that is without rules?
§
147[2] &148[1]
165 Im Falle (163) stand die Bedeutung des Wortes “ableiten” klar vor uns. – Aber wir sagten uns, dies sei nur ein ganz spezieller Fall des Ableitens; eine ganz spezielle Einkleidung; diese mußte ihm abgestreift werden, wenn wir das Wesen des Ableitens erkennen wollten. Nun streiften wir ihm die besonderen Hüllen ab; aber da zerging das Ableiten selbst. – Wir entkleideten die Artischocke ihrer Blätter, um die eigentliche Artischocke zu finden. Denn es war freilich (163) ein spezieller Fall des Ableitens, aber das Wesentliche des Ableitens war nicht unter dem Äußerlichen dieses Falls versteckt, sondern dieses ‘Äußere’ war ein Glied der Familie der Fälle des Ableitens.
Und so verwenden wir auch das Wort “Lesen” für eine Familie von Fällen. Und wir verwenden unter verschiedenen Umständen verschiedene Kriterien dafür, daß Einer liest.
165 In the case (163), the meaning of the word “deriving” was clear to us. – But we told ourselves that this is only a very special case of deriving; a very special form; this had to be stripped away if we wanted to recognize the essence of deriving. Now we stripped away the special forms; but in doing so, the deriving itself dissolved. – We stripped the artichoke of its leaves in order to find the actual artichoke. For it was indeed (163) a special case of deriving, but the essential thing about deriving was not hidden under the external aspects of this case, but this ‘external’ was a member of the family of cases of deriving.
And so we also use the word “reading” for a family of cases. And we use different criteria for whether someone is reading under different circumstances.
§
148[2] &149[1]
166 “Aber lesen – möchten wir sagen – ist doch ein ganz bestimmter Vorgang! Lies eine Druckseite, dann kannst Du's sehen, es geht da etwas Besonderes & höchst Charakteristisches vor sich.” Nun, was geht denn vor, wenn ich den Druck lese? Ich sehe Wörter im Druck & spreche Wörter aus. Aber das ist natürlich nicht alles, denn ich könnte gedruckte Wörter sehen & Wörter aussprechen & es wäre doch nicht Lesen. Auch dann nicht, wenn die Wörter, die ich spreche, die sind, welche man, nach einem bestehenden Alphabet, von jenen gedruckten ablesen soll. – Und wenn Du sagst, das Lesen sei ein bestimmtes Erlebnis, so spielt es ja gar keine Rolle, ob Du nach einer von Menschen allgemein anerkannten Regel des Alphabets liest oder nicht. – Worin besteht also das Charakteristische am Erlebnis des Lesens? – Da möchte ich sagen: “Das Gesprochene kommt in besonderer Weise.” Nämlich die Wörter, die ich spreche, kommen nicht so, wie sie kämen, wenn ich sie z.B. ersänne. – Sie kommen von selbst. – Aber auch das ist nicht genug; denn es können mir ja Lautzeichen einfallen, während ich auf die gedruckten Worte schaue, & ich habe damit diese doch nicht gelesen. – Da könnte ich noch sagen, daß mir die gesprochenen Wörter auch nicht so einfallen, als erinnerte mich, z.B., etwas an sie. Ich möchte z.B. nicht sagen: das Druckwort “nichts” erinnert mich immer an den Laut “nichts”. – Sondern die gesprochenen Wörter schlüpfen beim Lesen gleichsam herein. Ja, ich kann ein deutsches gedrucktes Wort gar nicht ansehen, ohne einen eigentümlichen Vorgang des innern Hörens des Wortklangs.
166 “But reading – we might say – is after all a quite specific process! Read a printed page, and then you can see that something special & highly characteristic is going on.” Well, what happens when I read the print? I see words in the print & pronounce words. But that is, of course, not all, because I could see printed words & pronounce words & it would not be reading. Not even if the words that I speak are those that, according to an existing alphabet, are to be read off from those printed words. – And if you say that reading is a specific experience, then it makes no difference whether you read according to a generally accepted rule of the alphabet or not. – So what is the characteristic thing about the experience of reading? – I would like to say: “The spoken words come in a special way.” Namely, the words that I speak come in a way that they would not come if, for example, I invented them. – They come of their own accord. – But even that is not enough; because it is possible that sounds occur to me while I look at the printed words, & I have not thereby read them. – I could also say that the spoken words do not occur to me as if something reminded me of them. I would not, for example, say: the printed word “nothing” always reminds me of the sound “nothing.” – Rather, the spoken words, as it were, slip in during reading. Yes, I cannot look at a German printed word without an odd process of inner hearing of the word sound.
§
149[2] &150[1]
167 Ich sagte, die gesprochenen Worte kämen beim Lesen ‘in besonderer Weise’; aber in welcher Weise? Ist dies nicht eine Fiktion? Sehen wir uns einzelne Buchstaben an & geben acht, in welcher Weise der Laut des Buchstabens kommt. Lies den Buchstaben A. Nun, wie kam der Laut? – Wir wissen gar nichts darüber zu sagen. – Nun schreib' ein kleines lateinisches A. – Wie kam die Handbewegung beim Schreiben? anders als der Laut im vorigen Versuch? Ich habe auf den Druckbuchstaben gesehen & schrieb den Kursivbuchstaben; mehr weiß ich nicht. – Nun schau auf das Zeichen
& laß Dir dabei einen Laut einfallen; sprich ihn aus. Mir fiel der Laut ‘U’ ein, aber ich könnte nicht sagen, es war ein wesentlicher Unterschied in der Art & Weise, wie dieser Laut kam. Der Unterschied lag in der etwas andern Situation: ich hatte mir vorher gesagt, ich solle mir einen Laut einfallen lassen; es war eine gewisse Spannung da, ehe der Laut kam. Und ich sagte mir nicht: “Das ist ein ‘U’”, wie beim Anblick des Buchstaben ‘U’. Auch war mir jenes Zeichen nicht vertraut, wie die Buchstaben; ich sah es gleichsam gespannt, mit einem gewissen Interesse für seine Form, an, ich dachte dabei an ein umgekehrtes . ‒ ‒ Stelle Dir vor, Du müßtest nun dieses Zeichen wirklich als Lautzeichen benützen; Du gewöhnst Dich also daran, bei seinem Anblick einen bestimmten Laut auszusprechen, etwa den Laut ‘sch’. Können wir mehr sagen, als daß nach einiger Zeit dieser Laut automatisch kommt, wenn wir das Zeichen sehen? D.h.: ich frage mich bei seinem Anblick nicht mehr: “Was ist das für ein Buchstabe?” – auch sage ich mir natürlich nicht: “Ich will bei diesem Zeichen den Laut ‘sch’ aussprechen” – noch auch: “Dieses Zeichen erinnert mich irgendwie an den Laut ‘sch’”.
167 I said that the spoken words come in reading ‘in a special way’; but in what way? Is this not a fiction? Let us look at individual letters & pay attention to the way in which the sound of the letter comes. Read the letter A. Well, how did the sound come? – We know nothing about it. – Now write a small Latin A. – How did the hand movement come about when writing? different from the sound in the previous attempt? I looked at the printed letter & wrote the italic letter; that is all I know. – Now look at the sign
& let a sound occur to you while doing so; speak it. The sound ‘U’ occurred to me, but I could not say that there was an essential difference in the way in which this sound came. The difference lay in the somewhat different situation: I had previously said to myself that I should let a sound occur to me; there was a certain tension there before the sound came. And I did not say to myself: “This is a ‘U’”, as when looking at the letter ‘U’. Also, that sign was not familiar to me, as the letters are; I looked at it as if in suspense, with a certain interest in its shape, I thought of an inverted . ‒ ‒ Imagine that you now have to really use this sign as a sound sign; you get used to it, so that when you see it, you pronounce a certain sound, for example the sound ‘sch’. Can we say more than that after some time this sound will come automatically when we see the sign? I mean: I no longer ask myself when I see it: “What is this letter?” – nor do I of course say to myself: “I want to pronounce the sound ‘sch’ at this sign” – nor even: “This sign somehow reminds me of the sound ‘sch’.”
§
150[2] &151[1]
168 Was ist nun an dem Satz, das Lesen sei doch ‘ein ganz bestimmter Vorgang’? Das heißt doch wohl, beim Lesen finde immer ein bestimmter Vorgang statt, den wir wiedererkennen. – Aber wenn ich nun einmal einen deutschen Satz lese & einandermal nach Noten Klavier spiele, – findet hier wirklich der gleiche seelische Vorgang statt? ‒ ‒ Dahingegen ist aber freilich eine Gleichförmigkeit im Erlebnis des Lesens einer Druckseite! Denn der Vorgang ist ja ein gleichförmiger. Und es ist ja leicht verständlich, daß sich dieser Vorgang unterscheidet von dem etwa, sechs Wörter beim Anblick beliebiger Striche einfallen zu lassen. – Denn schon der bloße Anblick einer gedruckten Zeile ist (ja) ungemein charakteristisch, d.h., ein ganz spezielles Bild: Die Buchstaben alle von ungefähr der gleichen Größe, auch der Gestalt nach verwandt, immer wiederkehrend; die Wörter, die zum großen Teil sich ständig wiederholen & uns unendlich wohlvertraut sind, ganz wie wohlvertraute Gesichter. – Denke an das Unbehagen, das wir empfinden, wenn die Rechtschreibung eines Wortes geändert wird (auch an die noch tieferen Gefühle, die Fragen der Schreibung von Wörtern aufgeregt haben). Freilich, nicht jede Zeichenform hat sich uns tief eingeprägt. Ein Zeichen, wie Russells “~” für die Verneinung, kann durch ein beliebiges andere ersetzt werden, ohne daß tiefe Gefühle in uns aufgeregt würden. – Bedenke, daß das gesehene Wortbild uns in ähnlicher Weise vertraut ist, wie das gehörte.
168 What is it about the sentence that reading is ‘a completely specific process’? Doesn't that mean that, when reading, a specific process always takes place, which we recognize? – But if I read a German sentence and then play the piano according to musical notation, – does the same mental process really take place here? – – However, there is undoubtedly a uniformity in the experience of reading a printed page! Because the process is indeed uniform. And it is easy to understand that this process differs from, say, letting six words come to mind when looking at arbitrary lines. – For the mere sight of a printed line is (indeed) extremely characteristic, i.e., a very specific image: the letters all of approximately the same size, also related in terms of shape, recurring; the words, most of which are constantly repeated and are infinitely familiar to us, just like familiar faces. – Think of the discomfort we feel when the spelling of a word is changed (and also the even deeper feelings that questions of the spelling of words have aroused). Of course, not every form of writing has been deeply imprinted on us. A sign, such as Russell's “~” for negation, can be replaced by any other without arousing deep feelings in us. – Consider that the seen word image is familiar to us in a similar way to the heard one.
§
151[2] &152[1]
169 Auch gleitet der Blick anders über die gedruckte Zeile, als über eine Reihe beliebiger Haken & Schnörkel. (Ich rede hier aber nicht von dem, was durch Beobachtung der Augenbewegung des Lesenden festgestellt werden kann.) Der Blick gleitet, möchte man sagen, besonders widerstandslos: ohne hängen zu bleiben, – & doch rutscht er nicht. Und dabei geht ein unwillkürliches Sprechen in der Vorstellung vor sich. Und so verhält es sich, wenn ich Deutsch & andere Sprachen lese, gedruckt oder geschrieben, & in verschiedenen Schriftformen. – Was aber von dem allen ist für das Lesen als solches wesentlich? Nicht ein Zug, der in allen Fällen des Lesens vorkäme!
(Vergleiche mit dem Vorgang beim Lesen der gewöhnlichen Druckschrift das Lesen von Worten, die ganz in Großbuchstaben gedruckt sind, wie manchmal die Auflösungen von Rätseln. Welch anderer Vorgang! Oder das Lesen unserer Schrift von rechts nach links.)
169 The eye also glides differently over the printed line than over a series of arbitrary hooks and flourishes. (However, I am not talking about what can be established by observing the eye movements of the reader.) The eye glides, one might say, particularly effortlessly: without lingering, – and yet it does not slip. And at the same time, an involuntary act of speaking takes place in the imagination. And that is how it is when I read German and other languages, printed or written, and in different types of writing. – But what of all this is essential for reading as such? Not a feature that occurs in all cases of reading!
(Compare the process of reading ordinary printed text with reading words that are printed entirely in capital letters, as sometimes happens in the solutions of puzzles. What a different process! Or reading our script from right to left.)
§
152[2] &153[1]
170 Aber empfinden wir nicht, wenn wir lesen, eine Art Verursachung unseres Sprechens durch die Wortbilder? Lies einen Satz! – und nun schau der Reihe
entlang & sprich dabei einen Satz. Ist es nicht klar, daß im ersten Fall das Sprechen mit dem Anblick der Zeichen verbunden war & im zweiten ohne Verbindung neben dem Sehen der Zeichen herläuft? Aber warum sagst Du, wir fühlten eine Verursachung? Verursachung ist doch das, was wir durch Experimente feststellen, indem wir (beiläufig gesprochen) das regelmäßige Zusammentreffen von Vorgängen beobachten. Wie könnte ich denn sagen, daß ich das, was so durch Versuche festgestellt wird, fühle? (Hiervon muß noch später die Rede sein.) Eher noch könnte man sagen, ich fühle, daß die Buchstaben der Grund sind, warum ich so & so lese. Denn, wenn mich jemand fragt: “Warum liest Du so? – so begründe ich es durch die Buchstaben, welche da stehen. Aber was soll es heißen, diese Begründung, die ich ausgesprochen, gedacht, habe, zu fühlen? Ich möchte sagen: ich fühle beim Lesen einen gewissen Einfluß der Buchstaben auf mich, aber nicht einen Einfluß jener Reihe beliebiger Schnörkel auf das, was ich rede. – Vergleichen wir wieder einen einzelnen Buchstaben mit einem solchen Schnörkel. Würde ich auch sagen, ich fühle den Einfluß von ‘i’, wenn ich diesen Buchstaben lese? Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich beim Anblicken von ‘i’ den Laut i sage, oder beim Anblick von ‘ + ’. Der Unterschied ist, daß beim Anblick des Buchstaben das innere Hören des i-Lauts automatisch, ja gegen meinen Willen, vor sich geht; & wenn ich den Buchstaben laut lese, sein Aussprechen anstrengungsloser geschieht, als beim Anblick von ‘ + ’. Das heißt: – es verhält sich so, wenn ich den Versuch mache; – aber natürlich nicht, wenn ich, zufällig auf das Zeichen ‘ + ’ blickend, etwa ein Wort ausspreche, in welchem der i-Laut vorkommt.
170 But don't we experience, when we read, a kind of causation of our speaking by the word images? Read a sentence! – and now look at the series
& say a sentence while doing so. Isn't it clear that in the first case the speaking was connected with the sight of the signs & in the second it runs alongside the seeing of the signs without connection? But why do you say that we feel a causation? Causation is, after all, what we establish through experiments, by (incidentally) observing the regular occurrence of events. How could I say that I feel what is established in this way through experiments? (This will have to be discussed later.) One could rather say that I feel that the letters are the reason why I read in such and such a way. For if someone asks me: “Why do you read like this?” – I justify it by the letters that are there. But what should it mean to feel this justification, which I have expressed, thought? I would like to say: I feel a certain influence of the letters on me when I read, but not an influence of that series of arbitrary flourishes on what I say. – Let us compare again a single letter with such a flourish. Would I also say that I feel the influence of ‘i’ when I read this letter? It is of course a difference whether, when looking at ‘i’, I say the sound i, or when looking at ‘ + ’. The difference is that when looking at the letter, the inner hearing of the i-sound takes place automatically, yes, against my will; & when I read the letter aloud, its pronunciation happens more effortlessly than when looking at ‘ + ’. That is to say: – this is how it is when I make the attempt; – but of course not when, casually looking at the sign ‘ + ’, I happen to say a word in which the i-sound occurs.
§
153[2] &154[1]
171 Wir wären ja nie auf den Gedanken gekommen, wir fühlten einen Einfluß der Buchstaben auf uns beim Lesen, wenn wir nicht den Fall der Buchstaben mit dem beliebiger Striche verglichen hätten. Und hier merken wir allerdings einen Unterschied. Und diesen Unterschied deuten wir als Einfluß – & Fehlen des Einflusses. Und zwar sind wir zu dieser Deutung dann besonders geneigt, wenn wir absichtlich langsam lesen, – etwa um zu sehen, was denn beim Lesen geschieht. Wenn wir uns sozusagen recht absichtlich von den Buchstaben führen lassen. Aber dieses ‘mich führen lassen’ besteht eben nur darin, daß ich mir die Buchstaben gut anschaue, etwa, gewisse andere Gedanken ausschalte. – Wir bilden uns ein, wir nähmen durch ein Gefühl, quasi, einen verbindenden Mechanismus wahr zwischen dem Wortbild & dem Laut, den wir sprechen. Denn wenn ich vom Erlebnis des Einflusses, der Verursachung, des Geführtwerdens rede, so soll das ja heißen, daß ich sozusagen die Bewegung der Hebel fühle, die den Anblick der Buchstaben mit dem Sprechen verbinden.
171 We would never have thought that we feel an influence of the letters on us when reading, if we had not compared the case of the letters with the arbitrary strokes. And here we certainly notice a difference. And we interpret this difference as influence – & the absence of influence. And we are particularly inclined to this interpretation when we read deliberately slowly, – perhaps in order to see what happens when reading. When we, as it were, let ourselves be deliberately guided by the letters. But this ‘letting myself be guided’ consists precisely in the fact that I look closely at the letters, perhaps switching off certain other thoughts. – We imagine that we perceive, through a kind of feeling, a connecting mechanism between the word image & the sound that we speak. For when I speak of the experience of the influence, the causation, the being guided, this is supposed to mean that I, as it were, feel the movement of the levers that connect the sight of the letters with the speaking.
§
154[2] &155[1]
172 Ich hätte mein Erlebnis beim Lesen eines Wortes auf verschiedene Weise treffend in Worte fassen können. [Das Wort “darstellen” ist zu abstrakt] So könnte ich sagen, daß das Geschriebene mir die Laute eingebe. – Aber auch dies: daß Buchstabe und Laut beim Lesen eine Einheit bilden – gleichsam eine Legierung. (Eine ähnliche Verschmelzung gibt es z.B. zwischen den Gesichtern berühmter Männer & dem Klang ihrer Namen. Es kommt uns vor, dieser Name sei der einzig richtige Ausdruck für dieses Gesicht.) Wenn ich diese Einheit fühle, könnte ich sagen: ich sehe, oder höre den Laut im geschriebenen Wort; oder auch: das Aussprechen sei ein Teil der Wahrnehmung des Zeichens. Aber jetzt lies einmal ein paar Sätze im Druck, so wie Du's gewöhnlich tust, wenn Du nicht an den Begriff des Lesens denkst; & dann frage Dich, ob Du beim Lesen solche Erlebnisse der Einheit, des Einflusses, etc., gehabt hast. – Sag nicht, Du habest sie unbewußt gehabt. Auch lassen wir uns nicht durch das Bild verleiten: ‘Beim nähern Hinsehen’ zeigen sich diese Erscheinungen. Wenn ich beschreiben soll, wie ein Gegenstand aus der Ferne ausschaut, so wird diese Beschreibung nicht genauer, dadurch, daß ich sage, was aus der Nähe an ihm zu sehen ist.
172 I could have described my experience when reading a word in various ways. [The word “to depict” is too abstract.] I could say that the written word conveys the sounds to me. – But also this: that letter and sound form a unity when reading – as it were, an alloy. (A similar fusion exists, for example, between the faces of famous men & the sound of their names. It seems to us that this name is the only correct expression for this face.) If I feel this unity, I could say: I see, or hear the sound in the written word; or also: that pronouncing is part of the perception of the sign. But now read a few sentences in print, as you usually do, when you are not thinking about the concept of reading; & then ask yourself whether you had such experiences of unity, of influence, etc., while reading. – Do not say that you had them unconsciously. Also, let us not be misled by the image: ‘Upon closer inspection,’ these phenomena reveal themselves. If I am to describe how an object looks from a distance, this description will not become more precise by saying what can be seen from close up.
§
155[2] &156[1]
173 Denken wir an das Erlebnis des Geführtwerdens! Fragen wir uns: Worin besteht dieses Erlebnis, wenn wir z.B. einen Weg geführt werden? Denke Dir diese Fälle:
Du bist auf einem Spielplatz (vielleicht mit verbundenen Augen) & wirst von jemand an der Hand geleitet, bald links, bald rechts – Du mußt immer des Zuges seiner Hand gewärtig sein & etwa achtgeben, daß Du bei einem unerwarteten Zug nicht stolperst. Oder aber: – Du wirst von jemandem an der Hand mit Gewalt geschleppt, wo Du nicht hin willst. Oder: Du wirst im Tanz von einem Partner geführt; Du stellst Dich so rezeptiv als möglich ein, um seine Absicht zu erraten & dem leisesten Drucke zu folgen. Oder: Jemand führt Dich einen Spazierweg. Ihr geht im Gespräch; wo immer er geht, gehst Du auch. Oder: Du gehst eine Straße entlang (& wirst von ihr geführt). Alle diese Situationen sind einander ähnlich; aber was ist allen den Erlebnissen gemeinsam?
173 Let us think about the experience of being guided! Let us ask ourselves: What is this experience, if we are, for example, led along a path? Consider these cases:
You are on a playground (perhaps with your eyes closed) & are being led by someone by the hand, sometimes to the left, sometimes to the right – you must always be aware of the movement of their hand & perhaps watch out that you do not stumble at an unexpected movement. Or: – You are being dragged by someone by the hand, where you do not want to go. Or: You are being led in a dance by a partner; you make yourself as receptive as possible in order to guess their intention & follow the slightest pressure. Or: Someone is leading you on a walk. You walk while talking; wherever he goes, you go too. Or: You walk along a street (& are being led by it). All these situations are similar to each other; but what is common to all these experiences?
§
156[2] &157[1]
174 Wenn du aber sagst, Geführtwerden sei doch ein bestimmtes Erlebnis, so ist die Antwort: Du denkst jetzt an ein bestimmtes Erlebnis des Geführtwerdens. Wenn ich mir das Erlebnis dessen vergegenwärtigen will, der in (163) durch einen gedruckten Text & eine Tabelle beim Schreiben geführt wird, so stelle ich mir das ‘gewissenhafte’ Nachsehen, etc. vor. Ich nehme dabei sogar einen bestimmten Gesichtsausdruck an (den z.B. eines gewissenhaften Buchhalters). An diesem Bild ist z.B. die Sorgfalt sehr wesentlich; an einem andern wieder das Ausschalten jedes eigenen Willens. (Denke Dir aber, daß jemand das, was der gewöhnliche Mensch mit den Zeichen der Unachtsamkeit tut, mit dem Ausdruck – & warum nicht mit den Empfindungen? – der Sorgfalt begleitet. – Ist er nun sorgfältig? –) Stelle ich mir nun so einen bestimmten Vorgang lebendig vor, so erscheint er mir als das Erlebnis des Geführtwerdens (oder Lesens). Nun aber frage ich mich: “Was tust Du? – Du schaust auf jedes Zeichen, Du machst dieses Gesicht dazu, Du schreibst die Buchstaben langsam (u.dgl.) – Das ist also das Erlebnis des Geführtwerdens?” Da möchte ich sagen. “Nein, das ist es nicht; es ist etwas Innerlicheres, Wesentlicheres.” – Es ist, als ob zuerst all diese mehr oder weniger unwesentlichen Vorgänge in eine bestimmte Atmosphäre gekleidet wären, die sich nun verflüchtigt, wenn ich genau hinschaue.
174 If you say, however, that being guided is a specific experience, the answer is: You are now thinking of a specific experience of being guided. If I want to imagine the experience of the one in (163) who is guided in writing by a printed text & a table, I imagine the ‘conscientious’ re-reading, etc. I even imagine a specific facial expression (e.g. that of a conscientious accountant). In this image, care is very essential; in another, the turning off of all one’s own will. (But imagine that someone accompanies what an ordinary person does with the signs of inattention with the expression – & why not with the sensations? – of care. – Is he now careful? –) If I now imagine such a specific process vividly, it appears to me as the experience of being guided (or reading). Now, however, I ask myself: “What are you doing? – You are looking at each sign, you are making this facial expression, you are writing the letters slowly (etc.) – That is the experience of being guided?” I would like to say: “No, that is not it; it is something more internal, more essential.” – It is as if all these more or less insignificant processes were first clothed in a certain atmosphere, which now disappears when I look closely.
§
157[2]175 Frage Dich, wie Du ‘mit Bedacht’ eine Strecke parallel zu einer gegebenen Strecke ziehst, ein andermal mit Bedacht in einem Winkel zu ihr. Was ist das Erlebnis des Bedachts? Da fällt Dir gleich eine bestimmte Miene, eine Gebärde ein, – & dann möchtest Du sagen: “& es ist eben ein bestimmtes inneres Erlebnis”. (Womit Du natürlich gar nichts mehr gesagt hast.) (Du merkst einen Zusammenhang mit der Frage nach dem Wesen der Absicht, des Willens.)
175 Ask yourself how you ‘deliberately’ draw a line parallel to a given line, and at other times deliberately draw it at an angle to it. What is the experience of deliberation? You immediately think of a specific facial expression, a gesture – & then you would like to say: “& it is indeed a specific inner experience.” (With which you have, of course, said nothing more.) (You notice a connection with the question of the nature of intention, of will.)
§
157[3] &158[1]
176 Mache einen beliebigen Fahrer auf dem Papier
& nun zeichne ihn daneben nach, laß Dich von ihm führen. – Ich möchte sagen: “Gewiß! ich habe mich jetzt führen lassen. Aber was dabei Charakteristisches geschehen ist –? Wenn ich sage, was geschehen ist, so kommt es mir nicht mehr charakteristisch vor.” Aber nun merke ich dies: Während ich mich führen lasse, ist alles ganz einfach, ich merke nichts Besonderes; aber danach, wenn ich mich frage, was damals geschehen ist, so scheint es etwas Unbeschreibbares gewesen zu sein. Danach genügt mir keine Beschreibung. Ich kann, sozusagen, nicht glauben, daß ich bloß hingeschaut, das Gesicht gemacht, den Strich gezogen habe. – Aber erinnere ich mich denn an etwas anderes? Nein; & doch kommt mir vor, als müsse etwas anderes gewesen sein; & zwar dann, wenn ich mir dabei das Wort “führen”, “Einfluß”, & andere, vorsage. ‘Denn ich bin doch geführt worden’, sage ich mir. – Dann erst tritt die Idee jenes ätherischen, ungreifbaren, Einflusses auf.
176 Draw any driver on the paper
& now trace it next to it, let yourself be guided by it. – I would like to say: “Of course! I have now let myself be guided. But what is characteristic about what happened? When I say what happened, it no longer seems characteristic to me.” But now I notice this: While I let myself be guided, everything is quite simple, I don't notice anything special; but afterwards, when I ask myself what happened then, it seems as if something indescribable had happened. Afterwards no description is enough for me. I can, as it were, not believe that I just looked, made the face, drew the line. – But do I remember anything else? No; & yet it seems to me as if something else must have happened; & that is when I think of the word “guidance,” “influence,” & others. ‘Because I was guided,’ I say to myself. – Only then does the idea of that ethereal, elusive influence arise.
§
158[2]177 Ich habe, wenn ich nachträglich über das Erlebnis denke, das Gefühl, daß das Wesentliche an ihm das ‘Erlebnis eines Einflusses’, einer Verbindung ist, im Gegensatz zu irgend einer bloßen Gleichzeitigkeit von Phänomenen: Zugleich aber möchte ich kein erlebtes Phänomen “Erlebnis des Einflusses” nennen. (Hier liegt die Idee: der Wille ist keine Erscheinung.) Ich möchte sagen, ich hätte das ‘Weil’ erlebt; & doch will ich keine Erscheinung “Erlebnis des Weil” nennen.
177 When I think about the experience afterwards, I have the feeling that the essential thing about it is the ‘experience of influence,’ a connection, in contrast to any mere simultaneity of phenomena: at the same time, I would not want to call any experienced phenomenon an ‘experience of influence.’ (Here lies the idea: the will is not a phenomenon.) I would like to say that I experienced the ‘because’; & yet I do not want to call any phenomenon an ‘experience of because.’
§
159[1]178 Vergleiche damit diesen Fall: Jemand soll sagen, was er fühlt, wenn ihm ein Gewicht auf der flachen Hand ruht. – Ich kann mir nun vorstellen, daß hier ein Zwiespalt entsteht: Einerseits sagt er sich, was er fühle sei ein Druck gegen die Handfläche & eine Spannung in den Muskeln seines Arms; anderseits will er sagen: “aber das ist doch nicht alles; ich empfinde doch einen Zug, ein Streben des Gewichts nach unten!” – Empfindet er denn ein solches ‘Streben’? Ja: wenn er nämlich an das ‘Streben’ denkt. Mit dem Wort “Streben” geht hier ein bestimmtes Bild, eine Geste, ein Tonfall; & in diesem siehst Du das Erlebnis des Strebens. (Denke auch daran: manche Leute sagen, von dem & dem ‘gehe ein Fluidum aus’. – Daher fiel uns auch das Wort “Einfluß” ein. –)
178 Compare this with the following case: someone is supposed to say what he feels when a weight rests on the flat of his hand. – I can imagine that this creates a conflict: on the one hand, he says that what he feels is pressure against the palm of his hand and tension in the muscles of his arm; on the other hand, he wants to say: “but that is not all; I feel a pull, a striving of the weight downwards!” – Does he feel such a ‘striving’? Yes: if he thinks about the ‘striving.’ With the word “striving,” a certain image, a gesture, a tone of voice is associated; & in this, you see the experience of striving. (Also, think of this: some people say that a ‘fluid’ emanates from something.’ – That is also why the word “influence” occurred to us. –)
§
159[2] &160[1]
179 Ich möchte sagen: “ich erlebe das Weil” –, aber nicht, weil ich mich an dieses Erlebnis erinnere; sondern, weil ich beim Nachdenken über das, was ich in einem solchen Fall erlebe, dies durch das Medium des Begriffes ‘weil’ (oder ‘Einfluß’, oder ‘Ursache’, oder ‘Verbindung’) anschaue. – Denn es ist freilich richtig, zu sagen, ich habe diese Linie unter dem Einfluß der Vorlage gezogen: dies liegt aber nicht einfach in dem, was ich beim Ziehen der Linie empfinde – sondern auch (z.B.) darin, daß ich sie der andern parallel ziehe – obwohl auch das natürlich für das Geführtwerden nicht allgemein wesentlich ist. –
179 I would like to say: “I experience the ‘because’”—but not because I remember this experience; but because, when I think about what I experience in such a case, I see this through the medium of the concept of ‘because’ (or ‘influence,’ or ‘cause,’ or ‘connection’). – For it is indeed true to say that I drew this line under the influence of the template: this, however, does not simply lie in what I feel when drawing the line—but also (for example) in the fact that I draw it parallel to the other—although that is of course not generally essential for the guidedness. –
§
160[2]180 Wir sagen auch: “Du siehst ja, daß ich mich von ihr führen lasse”; & was sieht der, der das sieht? Wenn ich zu mir selbst sage: “Ich werde doch geführt”, so mache ich etwa eine Handbewegung dazu, die das Führen ausdrückt. – Mache eine solche Handbewegung, gleichsam als leitetest Du jemand entlang, & frage Dich dann, worin das Führende dieser Bewegung besteht. Denn Du hast hier ja doch niemand geführt; – & doch möchtest Du die Bewegung eine ‘führende’ nennen. Also war in dieser Bewegung, & Empfindung, nicht das Wesen des Führens enthalten & doch drängte es Dich diese Bezeichnung zu gebrauchen. Es ist eben eine Erscheinungsform des Führens, die Dir diesen Ausdruck aufdrängt.
180 We also say: “You see that I am letting myself be guided by it”; & what does the one who sees this see? If I say to myself: “I am being guided,” I make a hand movement that expresses the guidance. – Make such a hand movement, as if you were guiding someone along, & then ask yourself what the guiding aspect of this movement consists of. For you have not actually guided anyone here; – & yet you would like to call the movement a ‘guiding’ one. So there was not the essence of guidance in this movement & feeling, & yet it pressed you to use this designation. It is simply a form of appearance of guidance, which gives you this expression.
§
160[3]Es ist klar: wir würden nicht sagen, daß B nun weiter wisse, die Reihe fortsetzen könne, weil ihm die algebraische Formel eingefallen ist, wenn nicht erfahrungsmäßig ein Zusammenhang bestünde zwischen dem Einfallen (Aussprechen, Anschreiben) der Formel & dem tatsächlichen Fortsetzen der Reihe.
It is clear: we would not say that B now knows more, can continue the series, because the algebraic formula occurred to him, if there were not, in experience, a connection between the occurrence (uttering, writing down) of the formula & the actual continuation of the series.
§
160[4] &161[1] &
162[1]
181 Kehren wir zu unserm Fall [→ (150)] [→ 132] zurück. Es ist klar: wir würden nicht sagen, B habe ein Recht, die Worte, “jetzt weiß ich weiter”, zu gebrauchen, wenn ihm die Formel einfällt, – wenn nicht erfahrungsmäßig ein Zusammenhang bestünde zwischen dem Einfallen – Aussprechen, Anschreiben – der Formel & dem tatsächlichen Fortsetzen der Reihe. Und so ein Zusammenhang besteht ja offenbar. – Und nun könnte man meinen, der Satz “ich kann fortsetzen” sage eigentlich: “ich habe ein Erlebnis, welches erfahrungsgemäß zum Fortsetzen der Reihe führt”. Aber meint das B, wenn er sagt “ich kann fortsetzen”? Schwebt ihm jener Satz dabei im Geiste vor, oder ist er bereit, ihn als Erklärung dessen, was er meint, zu geben? Nein. – Die Worte “jetzt weiß ich weiter” waren richtig angewandt, wenn ihm die Formel eingefallen war: nämlich unter gewissen Umständen – z.B., wenn er Algebra gelernt, solche Formeln schon früher benutzt hatte. – Das heißt aber nicht, jene Aussage sei nur eine Abkürzung für die Beschreibung sämtlicher Umstände, die den Hintergrund unseres Sprachspiels bilden. – Denke daran, wie wir jene Ausdrücke, “jetzt weiß ich weiter”, “jetzt kann ich fortsetzen”, u.a., gebrauchen lernen – in welcher Familie von Sprachspielen wir ihren Gebrauch lernen. Wir können uns auch den Fall vorstellen, daß im Geist des B gar nichts anderes vorfiel, als daß er plötzlich sagte: “jetzt weiß ich weiter” – etwa mit einem Gefühl der Erleichterung, & daß er nun die Reihe tatsächlich fortrechnet, ohne die Formel zu benützen. Und auch in diesem Falle würden wir – unter gewissen Umständen – sagen, er habe weiter gewußt. So werden diese Worte gebraucht. Es wäre in diesem letzteren Fall z.B. ganz irreleitend, sie die ‘Beschreibung eines Geisteszustandes’ zu nennen. – Eher könnte man sie hier ein ‘Signal’ nennen; & ob es richtig angewendet war, beurteilen wir nach dem, was er weiter tut.
181 Let us return to our case [→ (150)] [→ 132]. It is clear: we would not say that B has a right to use the words, “now I know how to continue,” if the formula occurred to him, if there were not, in experience, a connection between the occurrence (uttering, writing down) of the formula & the actual continuation of the series. And such a connection evidently exists. – And now one might think that the sentence “I can continue” actually says: “I have an experience which, according to experience, leads to the continuation of the series.” But does B mean that when he says “I can continue”? Does that sentence float before his mind, or is he prepared to give it as an explanation of what he means? No. – The words “now I know how to continue” were rightly used when the formula occurred to him: namely under certain circumstances – e.g., if he had learned algebra, had used such formulas before. – This does not mean, however, that that statement is only an abbreviation for the description of all the circumstances that form the background of our language-game. – Think about how we learn to use these expressions, “now I know how to continue,” “now I can continue,” etc. – in what family of language-games we learn their use. We can also imagine the case that in B’s mind, nothing else occurred than that he suddenly said: “now I know how to continue” – perhaps with a feeling of relief, & that he now actually continues the series, without using the formula. And even in this case, we would – under certain circumstances – say that he knew how to continue. These words are used in this way. In this latter case, it would, for example, be completely misleading to call them ‘a description of a state of mind.’ – Rather, one could call them a ‘signal’ here; & whether it was rightly used, we judge according to what he does next.
§
162[2]182 Um dies zu verstehen, müssen wir uns auch folgendes überlegen: Angenommen B sagt, er wisse weiter – wenn er aber dann fortsetzen will, stockt er & kann es nicht: sollen wir dann sagen, er habe mit Unrecht gesagt, er könne fortsetzen, oder aber: er hätte damals fortsetzen können, nur jetzt könne er es nicht? – Es ist klar, daß wir in verschiedenen Fällen Verschiedenes sagen werden. (Überlege Dir beide Arten von Fällen.)
182 In order to understand this, we must also consider the following: Suppose B says that he knows how to continue – but when he wants to continue, he falters & cannot do it: should we then say that he said it wrongly, that he could not continue, or that he could have continued then, but cannot now? – It is clear that in different cases we will say different things. (Consider both types of cases.)
§
162[3] &163[1]
183 Sollen wir aber nun sagen, daß im Fall (150) der Satz “Jetzt kann ich fortsetzen” dasselbe geheißen habe, wie “Mir ist die Formel eingefallen”, Wir können sagen, daß der zweite Satz, unter diesen Umständen, den gleichen Sinn habe, wie der erste. Aber auch, daß, allgemein, diese beiden Sätze nicht den gleichen Sinn haben. Wir sagen auch: “Jetzt kann ich fortsetzen, – ich meine: ich weiß die Formel”; wie wir sagen: “Ich kann gehen, d.h., ich habe Zeit”; aber auch: “Ich kann gehen, d.h., ich bin schon stark genug”, oder: “Ich kann gehen, was den Zustand meines Beines anbelangt”. Wenn wir nämlich diese Bedingung des Gehens andern Bedingungen entgegensetzen. Hier müssen wir uns aber hüten, zu glauben, es gäbe, entsprechend der Natur des Falles, eine Gesamtheit aller Bedingungen – z.B. dafür, daß einer geht – so daß er, sozusagen, nicht anders als gehen könnte, wenn sie alle erfüllt sind.
183 Should we now say that in case (150) the sentence “Now I can continue” means the same as “The formula occurred to me”? We can say that the second sentence, under these circumstances, has the same sense as the first. But also, that, generally, these two sentences do not have the same sense. We say also: “Now I can continue, – I mean: I know the formula”; as we say: “I can go, i.e., I have time”; but also: “I can go, i.e., I am strong enough,” or: “I can go, as regards the state of my leg.” When we oppose this condition of going to other conditions. Here, however, we must be careful not to believe that, according to the nature of the case, there is a totality of all conditions – e.g., for someone to go – so that he could, as it were, only go if they are all fulfilled.
§
163[2] &164[1]
184 Ich will mich an eine Melodie erinnern & kann's nicht; plötzlich sage ich, “Jetzt weiß ich's!”, & singe sie: Wie war es, als ich sie plötzlich wußte? Sie konnte mir doch nicht in diesem Moment ganz eingefallen sein! – Du sagst vielleicht: “Es ist ein bestimmtes Gefühl, als wäre sie jetzt da” – aber ist sie jetzt da? Wie, wenn Du nun anfängst, sie zu singen & steckenbleibst? – Ja aber konnte ich nicht doch in diesem Moment sicher sein, daß ich sie wüßte? Sie war also eben doch in irgendeinem Sinne da! – Aber in welchem Sinne? Du sagst doch wohl, die Melodie sei da, wenn er sie etwa durchsingt, oder vom Anfang bis zum Ende vor dem innern Ohr hört. Ich leugne natürlich nicht, daß Du der Aussage, die Melodie sei da, auch einen ganz andern Sinn geben kannst – z.B. den, ich hätte einen Zettel, auf dem sie aufgeschrieben steht. – Und worin besteht es denn, daß er sicher ist, er wisse sie? – Du könntest natürlich sagen: Wenn jemand mit Überzeugung sagt, jetzt wisse er die Melodie, so sei in diesem Augenblick (irgendwie) ganz vor seinem Geist; & das ist hier eine Erklärung der Worte: “die Melodie steht ganz vor seinem Geist”.
184 I want to remember a melody & I can’t; suddenly I say, “Now I know it!”, & I sing it: What was it like when I suddenly knew it? It couldn’t have completely occurred to me in that moment! – Perhaps you say: “It is a certain feeling, as if it were now there” – but is it really there now? What if you now start to sing it & get stuck? – But couldn’t I still have been sure in that moment that I knew it? So it was, in some sense, there! – But in what sense? You probably say that the melody is there when he sings it, or hears it from beginning to end in his mind. Of course, I don’t deny that you can give the statement that the melody is there a completely different sense – e.g., that I have a note on which it is written. – And what is it that he is sure that he knows it? – You could, of course, say: If someone says with conviction that he now knows the melody, then at that moment (somehow) it is completely before his mind; & this is an explanation of the words: “the melody is completely before his mind.”
§
164[2] &165[1]
185 Gehen wir nun zu unserm Beispiel (143) zurück. Der Schüler beherrscht jetzt – nach den gewöhnlichen Kriterien beurteilt – die Grundzahlenreihe. Wir lehren ihn nun auch andere Reihen von Kardinalzahlen anschreiben & bringen ihn dahin, daß er z.B. auf Befehle von der Form “ + n” Reihen anschreibt von der Form 0, n, 2n, 3n, etc., auf den Befehl “ + 1” aber die Grundzahlenreihe. – Wir hätten unsre Übungen und Stichproben seines Verständnisses im Zahlenraum bis 1000 gemacht. Wir lassen nun den Schüler einmal eine Reihe (etwa ‘ + 2’) über 1000 hinaus fortsetzen, – da schreibt er:
1000, 1004, 1008, 1012.
Wir sagen ihm: “Schau, was Du machst!” – Er versteht uns nicht. Wir sagen: “Du solltest doch 2 addieren; schau, wie Du die Reihe begonnen hast!” – Er antwortet: “Ja! ist es denn nicht richtig? Ich dachte, so soll ich's machen.” Oder nimm an, er sagte, auf die Reihe weisend: “Ich bin doch auf die gleiche Weise fortgefahren!” – Es würde uns nun nichts nützen, zu sagen: “Aber siehst Du denn nicht …?” – & ihm die alten Erklärungen & Beispiele zu wiederholen. – Wir könnten in so einem Falle etwa sagen: Dieser Mensch versteht von Natur aus jenen Befehl auf unsre Erklärungen hin so, wie wir den Befehl: “Addiere bis 1000 immer 2; bis 2000, 4; bis 3000, 6; etc.!” Dieser Fall hätte eine Ähnlichkeit mit dem, wenn ein Mensch von Natur aus auf eine zeigende Gebärde reagierte, indem er in der Richtung von der Fingerspitze zur Handwurzel blickt, statt umgekehrt. Verstehen ist hier reagieren.
185 Let us now return to our example (143). The student now – judged according to the usual criteria – has mastered the basic number series. We now also teach him to write other series of cardinal numbers & bring him to the point where, for example, he writes series of the form 0, n, 2n, 3n, etc. on the command “+ n,” but the basic number series on the command “+ 1.” – We would have done our exercises and tests of his understanding of the number range up to 1000. Now we let the student once extend a series (e.g., ‘+ 2’) beyond 1000, – and he writes:
1000, 1004, 1008, 1012.
We say to him: “Look what you are doing!” – He doesn’t understand. We say: “You should add 2; look how you started the series!” – He replies: “Yes! Is it not correct? I thought I should do it that way.” Or suppose he said, pointing to the series: “I have continued in the same way!” – It would not be of any use for us to say: “But don’t you see…?” – & to repeat the old explanations & examples to him. – In such a case, we could say, for example: This person naturally understands that command in the light of our explanations in the same way that we understand the command: “Add 2 to 1000, 4 to 2000, 6 to 3000, etc.!” This case would have a similarity to the case where a person naturally reacts to a pointing gesture by looking in the direction from the fingertip to the wrist, instead of the other way around. Understanding here is reacting.
§
165[2] &166[1]
186 “Was Du sagst, läuft also wohl darauf hinaus, es sei zum richtigen Befolgen des Befehls ‘ + n’ auf jeder Stufe eine neue Einsicht – Intuition – nötig.” – Zur richtigen Befolgung! Wie wird denn entschieden, welches an einem bestimmten Punkt der richtige Schritt ist? – “Der richtige Schritt ist der, welcher mit dem Befehl – wie er gemeint war – übereinstimmt.” – Du hast also zur Zeit, als Du den Befehl “ + 2” gabst, gemeint, er solle auf ‘1000’ ‘1002’ schreiben – – & hast Du damals auch gemeint, er solle auf ‘1866’ ‘1868’ schreiben (&) auf ‘100034’ ‘100036’, u.s.f., eine unendliche Anzahl solcher Meinungen? – “Nein; ich habe gemeint: er solle nach jeder Zahl, die er schreibt, die zweitnächste schreiben; & daraus folgen ihres Orts alle jene Sätze.” – Aber es ist ja gerade die Frage, was, an irgend einem Ort, aus jenem Satz folgt. Oder auch: – was wir an irgend einem Ort “Übereinstimmung” mit jenem Satz nennen sollen(& auch mit der Meinung, die Du damals dem Satz gegeben hast, – worin immer diese bestanden haben mag). Richtiger, als zu sagen, es sei an jedem Punkt eine neue Intuition nötig, wäre es, zu sagen: es sei an jedem Punkt eine neue Entscheidung nötig.
186 “So what you are saying probably amounts to the fact that in order to correctly follow the command ‘+ n’ at each stage, a new insight – intuition – is necessary.” – For the correct following! How is it decided what the right step is at a given point? – “The right step is the one that is in agreement with the command – as it was meant.” – So, at the time you gave the command “+ 2,” you meant that he should write ‘1002’ after ‘1000’ – and did you also mean at that time that he should write ‘1008’ after ‘1866’ & ‘100036’ after ‘100034,’ and so on, an infinite number of such opinions? – “No; I meant: he should write the second number after every number he writes; & from this, of course, all those sentences follow.” – But it is precisely the question of what follows from that sentence at any given point. Or also: – what we should call “agreement” with that sentence at any given point (& also with the opinion that you gave the sentence at that time – whatever it may have consisted of). It would be more correct to say that at each point a new decision is necessary, rather than to say that at each point a new intuition is necessary.
§
166[2]187 “Ich habe aber doch auch damals, als ich den Befehl gab, schon gewußt, daß er auf ‘1000’ ‘1002’ schreiben soll!” – Gewiß; & Du kannst sogar sagen, Du habest es damals gemeint; nur sollst Du Dich nicht von der Grammatik der Wörter “wissen” & “meinen” irreführen lassen. Denn Du meinst ja nicht, daß Du damals an den Übergang von 1000 auf 1002 gedacht hast – & wenn auch an diesen Übergang, so doch an andre nicht. Dein “Ich habe damals schon gewußt …” heißt etwa: “Hätte man mich damals gefragt, welche Zahl er nach 1000 schreiben soll, so hätte ich geantwortet, 1002”. Und daran zweifle ich nicht. Es ist das eine Annahme etwa von der Art derjenigen: “Wenn er damals in's Wasser gefallen wäre, so wäre ich ihm nachgesprungen.” – Worin lag nun das Irrige Deiner Idee?
187 “But at that time, when I gave the order, I already knew that he was to write ‘1000’ ‘1002’!” – Certainly; & you can even say that you meant it at the time; only you must not let the grammar of the words “to know” & “to mean” mislead you. For you do not mean that you thought of the transition from 1000 to 1002 at that time – & if you did think of this transition, then not of others. Your “I already knew at that time…” means something like: “If I had been asked at that time what number he was to write after 1000, I would have answered, 1002”. & I do not doubt that. It is an assumption of about the same kind as this: “If he had fallen into the water at that time, I would have jumped in after him.” – What was the mistake in your idea?
§
166[3] &167[1]
188 Da möchte ich zuerst sagen: Deine Idee sei die gewesen, jenes Meinen des Befehls habe auf seine Weise alle die Übergänge doch schon gemacht: Deine Seele fliegt beim Meinen, gleichsam, voraus & macht alle Übergänge, ehe Du körperlich bei dem oder jenem angelangt bist. Du warst also zu Ausdrücken geneigt, wie: “Die Übergänge sind eigentlich schon gemacht; auch ehe ich sie schriftlich, mündlich, oder auch in Gedanken, mache”. Und es schien, als wären sie in einer einzigartigen Weise vorausbestimmt, antizipiert, wie nur das Meinen die Wirklichkeit antizipieren könne. (Und dieser Täuschung werden wir noch öfters begegnen.)
188 I would like to say first: Your idea was that this meaning of the order had, in its own way, already made all the transitions: Your mind, as it were, flies ahead in the meaning, and makes all the transitions before you have physically arrived at one or another. So you were inclined to use expressions like: “The transitions are actually already made; even before I make them in writing, orally, or even in thought”. And it seemed as if they were predetermined, anticipated, in a unique way, as only meaning can anticipate reality. (And we will encounter this illusion again.)
§
167[2]189 “Aber sind die Übergänge also durch die algebraische Formel nicht bestimmt?” – In der Frage liegt ein Fehler.
189 “But are the transitions not determined by the algebraic formula?” – There is a mistake in the question.