Ms-180a
German (epub, pdf) | German/English
Do not quote from or cite this translation!
§
1ar[1]F ꟻ
“Aber wie kann mich eine Regel lehren, was ich an dieser Stelle zu tun habe? – Was immer ich tue ist doch durch irgend eine Deutung mit der Regel zu vereinbaren.” – Nein, so sollte es nicht heißen – sondern so: Jede Deutung hängt, mitsamt dem Gedeuteten, in der Luft. Die Deutung allein bestimmt (daher) die Bedeutung nicht; sie kann ihm nicht als Stütze dienen.
F ꟻ
“But how can a rule teach me what I have to do at this point? – What I do is, after all, always in agreement with some interpretation of the rule.” – No, that’s not how it should be said – but rather like this: Every interpretation, along with what is being interpreted, hangs in the air. The interpretation alone does not (therefore) determine the meaning; it cannot serve as a support for it.
§
1ar[2] &1av[1]
“Also ist, was immer ich tue, mit der Regel vereinbar?” – Laß mich fragen: Was hat der Ausdruck der Regel (der Wegweiser z.B.) mit meinen Handlungen zu tun? Welche Verbindung besteht da? – Etwa die: ich bin zu einem bestimmten Reagieren auf dieses Zeichen abgerichtet worden & nun reagiere ich so.
“So, everything I do is in agreement with the rule?” – Let me ask: What does the expression of the rule (the signpost, for example) have to do with my actions? What connection is there? – Perhaps this: I have been trained to react in a certain way to this sign, and now I react that way.
§
1av[2]Das ist klar: es kann nicht einmal nur jemand einem Wegweiser folgen. Es kann nicht einmal nur in der Geschichte der Menschheit eine Mitteilung gemacht; ein Befehl gegeben; oder verstanden werden. Einer Regel folgen, eine Mitteilung machen, einen Befehl geben, einen Befehl verstehen, eine Schachpartie spielen, sind (menschliche) Gepflogenheiten.
It is clear: it cannot be only once that someone follows a signpost. It cannot be only once that, in the history of mankind, a communication is made, a command is given, or understood. Following a rule, making a communication, giving a command, understanding a command, playing a game of chess are (human) customs.
§
1av[3] &1br[1] &
1bv[1]
Einen Satz verstehen heißt, eine Sprache verstehen. Eine Sprache verstehen heißt eine Technik beherrschen. Es ist freilich denkbar daß in einem Volke, das Spiele nicht kennt, zwei Menschen sich einmal an ein Schachbrett setzen & die Handlungen einer Schachpartie ausführen; ja auch mit allen seelischen Begleiterscheinungen. Und sähen wir dies, so würden wir sagen, sie spielten ein Spiel. Aber nun denk Dir eine Schachpartie in eine Reihe von Handlungen übersetzt, die wir nicht gewöhnt sind mit einem Spiel zu assoziieren etwa ein Ausstoßen von Schreien & Stampfen mit den Füßen. Und jene zwei Leute sollen nun, statt die uns geläufige Form des Schach zu spielen, schreien & stampfen, & zwar so, daß sich dies nach geeigneten Regeln allerdings in eine Schachpartie übersetzen ließe: Wären wir nun noch geneigt zu sagen, sie spielten ein Spiel? Und mit welchem Recht könnte man das sagen?
Understanding a sentence means understanding a language. Understanding a language means mastering a technique. Of course, it is conceivable that in a people that does not know games, two people might sit down at a chessboard & perform the actions of a chess game; yes, even with all the associated mental phenomena. And if we saw this, we would say that they were playing a game. But now imagine a chess game translated into a series of actions that we are not used to associating with a game, such as uttering shouts & stamping with the feet. And those two people, instead of playing the familiar form of chess, should shout & stamp, in such a way that this could, according to appropriate rules, actually be translated into a chess game: would we still be inclined to say that they were playing a game? And on what grounds could one say that?
§
1bv[2]Ich kann ein Spiel erfinden, das dann nie von jemandem gespielt wird. Wäre aber dies denkbar: Die Menschen haben nie Spiele gespielt; einmal aber hat Einer ein Spiel erfunden, das dann freilich nicht gespielt worden ist.
I can invent a game that is never played by anyone. But would it be conceivable that people have never played games, but that one person once invented a game that was then not played?
§
1bv[3] &2ar[1]
Man wird mir nun sagen: “Das ist ja das merkwürdige an der Intention, am seelischen Vorgang, daß er das Bestehen der Gepflogenheit, der Technik, unnötig macht! Es ist sogar denkbar, daß sich, in einer Welt in der sonst niemand spielt, zwei Menschen einmal an ein Schachbrett setzen & nur den Anfang einer Schachpartie spielen; & dann gestört werden.” Das Schachspiel ist doch durch seine Regeln definiert. Wie sind diese Regeln nun im Geist desjenigen vorhanden, der intendiert, Schach zu spielen?
One will now say to me: “This is what is remarkable about intention, about the mental process, that it makes the existence of the custom, the technique, unnecessary! It is even conceivable that in a world in which no one else plays, two people sit down at a chessboard once and play only the beginning of a game of chess, and then are disturbed.” The game of chess is defined by its rules. How are these rules present in the mind of the one who intends to play chess?
§
2ar[2] &2av[1]
Einer Regel folgen, (das) ist analog , einem Befehl folgen. Man wird dazu abgerichtet, & nun reagiert man auf ihn in bestimmter Weise. – Aber wie wenn der Eine so, der Andre anders auf den Befehl & die Abrichtung reagiert? Wer hat dann Recht?
Following a rule is analogous to following a command. One is trained to do this, and now one reacts to it in a certain way. – But what if one person reacts this way, and the other reacts that way to the command and the training? Who is right then?
§
2av[2]Denk Dir, Du kämest als Forscher in ein Land mit einer Dir gänzlich fremden Sprache. Unter welchen Umständen würdest Du sagen, daß die Leute dort Befehle geben, Befehle verstehen, sie befolgen, sich gegen sie auflehnen, etc.
Imagine you come as a researcher to a country with a language that is completely foreign to you. Under what circumstances would you say that the people there give commands, understand commands, obey them, rebel against them, etc.?
§
2av[3] &2br[1]
Nun könnten wir uns denken, daß diese Leute gewöhnliche menschliche Tätigkeiten verrichteten & sich dabei scheinbar einer artikulierten Sprache bedienten. ⋎⋎Sieht man ihrem Leben & Treiben zu, so ist es verständlich, erscheint uns ‘logisch’. Versuchen wir aber, ihre Sprache zu erlernen, so finden wir, daß es unmöglich ist, weil keinerlei regelmäßige Zuordnung zwischen den gesprochenen Lautreihen & den Tätigkeiten der Leute besteht. Anderseits besteht eine kausale Verbindung zwischen Reden & Handlungen; denn, wenn wir, z.B., einen von ihnen knebeln, so hat dies bei ihnen ähnliche Folgen, wie bei uns: ohne jene Laute können sie sich nicht verständlich machen. Sollen wir nun sagen, diese Leute hätten eine Sprache, gäben Befehle, machten Mitteilungen? – Zu dem was wir ‘Sprache’ nennen fehlt es bei ihnen an der Gleichförmigkeit.
Now we could imagine that these people carried out ordinary human activities and apparently used an articulated language in doing so. If one looks at their life and activities, it is understandable and appears ‘logical’ to us. But if we try to learn their language, we find that it is impossible, because there is no regular correspondence between the spoken sequences of sounds and the activities of the people. On the other hand, there is a causal connection between speech and actions; for if we, for example, gag one of them, this has similar consequences for them as it does for us: without those sounds, they cannot make themselves understood. Should we now say that these people have a language, give commands, make communications? – What we call ‘language’ lacks uniformity in them.
§
2bv[1] &3r[1]
So erkläre ich also, was ‘Befehle’ & was ‘Regel’ heißt, durch ‘Gleichförmigkeit’, also durch ‘Regelmäßigkeit’? Wie erkläre ich “gleich”, “gleichförmig”, “regelmäßig”? – Einem, der, z.B., nur Französisch spricht, werde ich diese deutschen Wörter durch die ihnen entsprechenden französischen erklären. Einen aber, der, wie wir sagen könnten, die Begriffe noch nicht hat, werde ich die Worte durch Beispiele & Übung gebrauchen lehren. Und dabei teile ich ihm nicht weniger mit, als ich selbst weiß. Ich werde ihm also in diesem Unterricht gleiche Farben, gleiche Längen, gleiche Figuren zeigen, ihn sie finden, herstellen lassen usw. Ich werde ihn dazu anleiten, Reihen von Figuren (z.B. –...–...–...) auf einen Befehl hin ‘gleichmäßig’ fortzusetzen. Aber auch dazu, die Reihe –․–..–...
auf einen Befehl hin so fortzusetzen: –....–.....–...... Ich mach's ihm vor, er macht es mir nach; und ich beeinflusse ihn durch Äußerungen der Zufriedenheit, & Unzufriedenheit, der Erwartung, Aufmunterung; etc., [unreadable]. Denke, Du wärst Zeuge eines solchen Unterrichts. Es würde darin kein Wort durch sich selbst erklärt, kein logischer Zirkel gemacht.
So, in this way, I explain what ‘commands’ & what ‘rule’ mean by means of ‘uniformity’, that is, by means of ‘regularity’? How do I explain ‘same’, ‘uniform’, ‘regular’? – To someone who, for example, speaks only French, I will explain these German words by means of the corresponding French words. But someone who, as we might say, does not yet have the concepts, I will teach the words by means of examples & practice. And in doing so, I communicate to him no less than I myself know. So, in this instruction, I will show him the same colors, the same lengths, the same figures, let him find them, produce them, etc. I will guide him to continue a series of figures (e.g. –...–...–...) in a ‘uniform’ way upon command. But also to continue the series –․–..–... upon command in this way: –....–.....–...... I demonstrate it to him, he imitates me; and I influence him through expressions of satisfaction & dissatisfaction, expectation, encouragement, etc. [unreadable]. Imagine you are witnessing such an instruction. In it, no word is explained by itself, no logical circle is made.
§
3r[2] &3v[1]
Auch das Wort “und so weiter” wird in diesem Unterricht erklärt werden; und nicht durch sich selbst. Es kann dazu eine Gebärde dienen.
The word “and so on” will also be explained in this instruction; and not by itself. A gesture can serve for this.
§
3v[2]“Aber erklärst Du ihm wirklich, was Du selber verstehst? Läßt Du ihn das Wesentliche nicht erraten? Du gibst ihm eine begrenzte Reihe von Beispielen; er aber soll erraten, wie Du sie meinst, was Deine Absicht ist.”– Eine Erklärung, die ich mir selber geben kann, gebe ich auch ihm. – “Er errät, was ich meine” hieße: ihm schweben mehrere Interpretationen meiner Erklärung vor & er rät auf eine von ihnen. Er könnte in diesem Falle fragen. Und ich könnte & würde ihm antworten.
“But are you really explaining to him what you yourself understand? Are you not letting him guess the essential thing? You give him a limited series of examples; but he is supposed to guess how you mean them, what your intention is.” – I give him an explanation that I can give myself. – “He guesses what I mean” means: he has several interpretations of my explanation in mind & he guesses one of them. In this case, he could ask. And I could & would answer him.
§
4r[2]“Wie immer Du ihn im Fortsetzen der Reihe –...–...–... unterrichtest: wie kann er wissen, wie er sie selbständig fortzusetzen hat?” – Nun, wie weiß ich's selbst? – Wenn das heißt: habe ich Gründe? so ist die Antwort: die Gründe werden mir bald ausgehen. Und ich werde dann, ohne Gründe, handeln. Wenn mir jemand, den ich fürchte den Befehl gibt, die Reihe fortzusetzen, so werde ich schleunig & mit völliger Sicherheit handeln & das Fehlen von Gründen stört mich nicht.
“However you teach him to continue the series –...–...–... how can he know how to continue it independently?” – Well, how do I know it myself? – If that means: do I have reasons? then the answer is: the reasons will soon run out. And then I will act without reasons. If someone whom I fear gives me the command to continue the series, then I will act quickly & with complete certainty & the lack of reasons does not bother me.
§
4r[2] &4v[1]
“Aber dieser Reihenanfang konnte doch verschieden (algebraisch) gedeutet werden & Du mußtest also erst eine solche Deutung wählen.” – Durchaus nicht. Es war, unter Umständen, ein Zweifel möglich. Aber das sagt nicht, daß ich gezweifelt habe, oder auch, daß ich zweifeln konnte.
“But this beginning of the series could be interpreted differently (algebraically) & so you first had to choose one such interpretation.” – Not at all. It was, under certain circumstances, possible to have a doubt. But that does not mean that I doubted, or even that I could doubt.
§
4v[2]Nur eine Intuition konnte diesen Zweifel heben? – Wenn sie eine Art innerer Stimme ist – wie weiß ich, wie ich ihr folgen soll? Und wie, daß sie mich nicht irreleitet?
Only an intuition could remove this doubt? – If it is a kind of inner voice – how do I know how to follow it? And how do I know that it will not mislead me?
§
4v[3] &5r[1]
“So sagst Du also, daß die Übereinstimmung der Menschen entscheide, was richtig & unrichtig ist?” – Richtig & unrichtig gibt es im Denken, also im Ausdruck der Gedanken. In diesem, also in der Sprache, stimmen die Menschen überein. Es ist eine Übereinstimmung der Lebensformen, nicht der Meinungen.
“So, you say that the agreement of people decides what is right & wrong?” – Right & wrong exist in thinking, therefore in the expression of thoughts. In this, i.e. in language, people agree. It is an agreement of forms of life, not of opinions.
§
5r[2] &5v[1]
Wir reden manchmal mit Andern, manchmal aber auch mit uns selbst. Jemand kann sich selbst ermahnen, sich selbst befehlen, gehorchen, tadeln, bestrafen, eine Frage vorlegen & auf sie antworten. Es könnte also Menschen geben, die nur in Monologen sprächen. (Jeder von ihnen könnte daher auch eine andere Sprache besitzen. Wie er sie lernen konnte, ist gleichgültig.) Ein Forscher beobachtet solche Menschen & belauscht sie. Es gelingt ihm, ihre Sprachen in die seine zu übersetzen. Er ist dadurch auch in den Stand gesetzt, Handlungen dieser Leute richtig vorauszusagen; denn er hört sie auch Vorsätze & Entschlüsse fassen.
Sometimes we talk to others, but sometimes we also talk to ourselves. Someone can admonish himself, command himself, obey, reprimand, punish, ask himself a question & answer it. So, there could be people who only speak in monologues. (Each of them could therefore also have a different language. How he could have learned it is irrelevant.) A researcher observes such people & listens to them. He succeeds in translating their languages into his own. He is thereby also in a position to correctly predict the actions of these people; for he also hears them making intentions & decisions.
§
5v[2] &6r[1]
Aber wenn nun ein Mensch, der nur zu sich selbst reden kann sich befiehlt, auf einen Baum zu steigen, & wenn anderseits ich es mir befehle, der ich den Befehl auch einem Andern geben kann – ist der Gedanke der beiden Befehle der gleiche? – Das kann man beantworten, wie man will. Wenn man sich nur unter dem Gedanken nicht etwas vorstellt, was das Sprechen begleitet.
But if a person who can only talk to himself commands himself to climb a tree, & if, on the other hand, I command myself, who can also give the command to another – is the thought of the two commands the same? – One can answer this as one wishes. One should only not imagine something that accompanies speaking under the thought.
§
6r[2] Insofern sich das gedankenlose Sprechen vom nicht gedankenlosen durch etwas unterscheidet, was während des Sprechens stattfindet, so ist dies von der Art dessen, was ausdrucksvolles vom ausdruckslosen Sprechen unterscheidet.
Insofar as thoughtless speaking differs from non-thoughtless speaking in something that takes place during the act of speaking, this is of the same nature as what distinguishes expressive speaking from non-expressive speaking.
§
6r[3] &6v[1] &
7r[1]
Wenn wir sprechen, oder schreiben (nicht gedankenlos), so werden wir, im allgemeinen, nicht sagen, wir dächten schneller als wir sprechen; sondern der Gedanke erscheint uns vom Ausdruck nicht abgelöst. Anderseits aber redet man von der Schnelle des Gedankens & wie ein Gedanke uns blitzartig durch den Kopf geht, wie Probleme uns mit einem Schlage klar werden, etc. Da liegt es nahe, sich zu fragen: geschieht bei dem blitzartigem Denken dasselbe wie beim denkenden Sprechen; nur daß im ersten Fall das mit einem Ruck abschnurrt, das im zweiten, durch die Sprache gehemmt, Schritt für Schritt abläuft. Ich glaube, das wird man nicht sagen wollen.
When we speak or write (not thoughtlessly), we generally do not say that we think faster than we speak; rather, the thought does not appear to us as separate from the expression. On the other hand, one speaks of the speed of thought and how a thought flashes through our minds, how problems become clear to us in an instant, etc. This suggests asking: does the same thing happen in rapid thinking as in thinking while speaking, except that in the first case it happens in a flash, while in the second, it unfolds step by step because it is inhibited by language? I don't think one would want to say that.
§
7r[2]Wie konnte Mozart, wie er schreibt, mit einem Schlage ein ganzes Musikwerk vor sich sehen? Wie wußte er, daß es ein Musikwerk war, was er sah, da er es doch nicht in einem Augenblicke hören konnte?
How could Mozart, as he writes, see an entire piece of music before him in an instant? How did he know that what he saw was a piece of music, since he could not hear it in a single moment?
§
7r[3] &7v[1]
Der blitzartige Gedanke kann sich zum ausgesprochenen verhalten, wie die algebraische Formel zu einer Zahlenfolge, die wir aus ihr entwickeln. Gibst Du mir die Formel, z.B. y = x + x² + x³, so bin ich sicher, ich werde die Folge der y von x = 1 bis x = 100 anschreiben können. Man wird diese Sicherheit ‘wohl begründet’ nennen, denn ich habe gelernt solche Reihen zu entwickeln, etc.. In andern Fällen wird sie nicht begründet sein, aber durch den Erfolg dennoch gerechtfertigt.
The rapid thought can relate to the spoken thought as the algebraic formula relates to a sequence of numbers that we derive from it. If you give me the formula, e.g., y = x + x² + x³, then I am certain that I will be able to write out the sequence of y from x = 1 to x = 100. This certainty will be ‘probably justified’, because I have learned to develop such series, etc. In other cases, it will not be justified, but nevertheless justified by success.
§
7v[2]“Jetzt weiß ich weiter!” ist ein Ausruf. Er entspricht einem Naturlaut, einem freudigen Aufzucken.
“Now I know what to do!” is an exclamation. It corresponds to a natural sound, a joyful surge.
§
7v[3] &8r[1]
Aus dieser Empfindung folgt natürlich nicht, daß ich auch wirklich weiter kann & nicht steckenbleibe, so wie ich versuche weiter zu gehen. Es gibt Fälle, in welchen ich sagen werde: “Als ich sagte, ich könne weiter, da konnte ich's; aber jetzt kann ich's nicht.” Das wird man z.B. sagen, wenn eine unvorhergesehene Störung eingetreten ist. Aber das Unvorhergesehene durfte nicht einfach dies sein, daß ich stecken blieb. Es wäre auch denkbar, daß Einer immer wieder Scheinerleuchtungen hätte & ausriefe “Jetzt hab ich's!” & es dann nie durch die Tat rechtfertigen könnte. Es könnte ihm scheinen, als vergäße er augenblicklich wieder die Bedeutung des Bildes; das ihm vorschwebte.
It does not follow from this sensation that I can actually continue and will not get stuck, as I try to continue. There are cases in which I will say: “When I said that I could continue, I could; but now I can’t.” This will be said, for example, when an unforeseen disturbance has occurred. But the unforeseen must not simply be that I get stuck. It is also conceivable that someone repeatedly has false hopes and exclaims, “Now I’ve got it!” and then never justifies it with a deed. It might seem as if he immediately forgets the meaning of the image that was before him.
§
8r[2] &8v[1]
Jemand könnte sagen, es handle sich hier einfach um Induktion & ich sei so sicher daß ich die Reihe werde fortsetzen können, wie ich es bin, daß dieses Buch zur Erde fallen wird, wenn ich es auslasse; & ich wäre nicht erstaunter, wenn ich plötzlich ohne Ursache im Entwickeln der Reihe steckenbliebe, als ich es wäre, wenn das Buch, statt zu fallen, in der Luft schweben bliebe. Darauf kann man sagen, daß wir eben auch zu dieser Sicherheit keine Gründe bedürfen. Was könnte die Sicherheit mehr rechtfertigen, als der Erfolg?
Someone might say that this is simply a matter of induction, and that I am as certain that I will be able to continue the series as I am that this book will fall to the ground if I let it go; and I would not be more surprised if I suddenly stopped developing the series without a reason than I would be if the book, instead of falling, remained suspended in the air. To this, one can say that we do not need reasons for this certainty either. What could justify the certainty more than success?
§
8v[2] &9r[1]
Wäre nun eine Sprache denkbar, in der Einer, für den eigenen Gebrauch, seine inneren Erlebnisse (seine Gefühle, Stimmungen, etc.) für den eigenen Gebrauch aufschreiben, oder aussprechen könnte? — Können wir denn das in unsern gewöhnlichen Sprachen, im Deutschen oder im Englischen, nicht tun? – Aber so meine ich's nicht. Die Wörter der Sprache sollen sich auf das beziehen, wovon nur ich wissen kann; auf meine unmittelbaren, privaten Empfindungen. Ein Anderer kann diese Sprache natürlich nicht verstehen.
Could there be a language in which one, for one's own use, could write down or speak out one's inner experiences (one's feelings, moods, etc.) for one's own use? — Can we not do that in our ordinary languages, in German or English? — But that is not what I mean. The words of the language should refer to what only I can know; to my immediate, private sensations. Another person could not, of course, understand this language.
§
9r[2] &9v[1]
Wie beziehen sich Wörter auf Empfindungen? – Darin scheint kein Problem zu liegen; denn reden wir nicht täglich von Empfindungen & benennen sie? Z.B. Schmerzen aller Art, Trauer, Freude, etc.– Aber wie wird die Verbindung eines Namens mit dem Benannten hergestellt? Es werden Worte mit dem ursprünglichen, natürlichen, Ausdruck der Empfindung verbunden & an dessen Stelle gesetzt. Ein Kind hat sich verletzt, es schreit, & nun sprechen ihm die Erwachsenen zu & lehren es Ausrufe & Sätze. Sie lehren das Kind ein anderes Schmerzbenehmen.
How do words relate to sensations? — It seems that there is no problem in this; for do we not talk about sensations every day and name them? E.g., all kinds of pains, sadness, joy, etc. — But how is the connection of a name with what is named established? Words are connected with the original, natural expression of the sensation and put in its place. A child has hurt itself, it cries, and now the adults speak to it and teach it exclamations and sentences. They teach the child a different pain-behaviour.
§
9v[2]“So sagst Du also, daß das Wort Schmerz eigentlich das Schreien bezeichnet?” – Im Gegenteil; es dient zum Ersatz, nicht zur Beschreibung, des Schreiens.
“So, you are saying that the word ‘pain’ actually refers to crying?” — On the contrary; it serves as a substitute, not as a description, for the crying.
§
9v[3] &10r[1]
Inwiefern sind nun meine Empfindungen privat? Nun, nur ich kann wissen, ob ich wirklich Schmerzen habe; der Andere kann es nur vermuten. – Das ist in einer Weise falsch, in einer andern unsinnig. Wenn wir das Wort “wissen” gebrauchen, wie es normalerweise gebraucht wird (& wie sollen wir es denn gebrauchen!) dann wissen es Andre sehr oft, wenn ich Schmerzen habe. – Ja, aber doch nicht mit der Sicherheit, mit der ich es selbst weiß! – Von mir kann man überhaupt nicht (außer etwa im Spaß) sagen, ich wisse, daß ich Schmerzen habe. Was soll es denn heißen? außer etwa daß ich Schmerzen habe. Man kann nicht sagen, die Andern lernen meine Empfindung ‘nur’ durch mein Benehmen, denn von mir kann man nicht sagen, ich lernte sie. Ich habe sie. – Das ist richtig: es hat Sinn, von Andern zu sagen, sie seien im Zweifel darüber, ob ich Schmerzen habe, aber nicht, es von mir selbst zu sagen.
In what respect are my sensations private? Well, only I can know whether I really have pain; another can only presume it. – This is, in one sense, wrong, and in another nonsensical. When we use the word “know” in the way we normally use it (and how else should we use it?), then others very often know when I have pain. – Yes, but not with the certainty with which I myself know it! – It cannot be said of me at all (except perhaps in jest) that I know that I have pain. What should it mean? Except perhaps that I have pain. One cannot say that others learn my sensation ‘only’ through my behaviour, because one cannot say that I learn it. I have it. – That is correct: it makes sense to say of others that they are in doubt as to whether I have pain, but not to say it of myself.
§
10v[2] &11r[1] &
11v[1] &
12r[1]
Und wie ist es nun mit dieser Sprache, die meine innern Erlebnisse beschreibt, & nur ich selbst verstehen kann? Wie bezeichne ich meine Empfindungen mit Worten? – So wie wir's für gewöhnlich tun? Sind also meine Empfindungsworte mit meinen natürlichen Empfindungsäußerungen verknüpft? Ja, in diesem Falle ist meine Sprache nicht ‘privat’. Ein Anderer kann sie verstehen, wie ich. – Aber wie, wenn ich keine natürlichen Äußerungen der Empfindung, sondern nur diese selbst besäße? Und nun assoziiere ich einfach Namen mit den Empfindungen & verwende diese Namen in einer Beschreibung.– Nehmen wir einen einfachen Fall an: Ich will (mir) über eine gewisse Empfindung ein Tagebuch anlegen. Dazu assoziiere ich sie mit dem Zeichen “ + ”, & schreibe in einem Kalender zu jedem Tag, an welchem ich die Empfindung habe, ein solches Kreuz. Zuerst muß ich bemerken, daß sich die Definition dieses Zeichens in keiner Weise vermerken läßt. – Aber ich kann mir sie doch selbst als eine Art hinweisende Definition geben. – Wie? Kann ich denn auf die Empfindung zeigen? – Nein; ich spreche oder schreibe das Zeichen & dabei konzentriere ich meine Aufmerksamkeit auf die zu bezeichnende Empfindung. – Aber wozu (dient) diese Zeremonie? denn das scheint es zu sein. Eine Definition dient doch dazu, die Bedeutung eines Zeichens festzulegen. – Nun das geschieht eben durch das Konzentrieren der Aufmerksamkeit; denn dadurch präge ich mir die Verbindung des Zeichens mit der Empfindung ein. – “Ich präge sie mir ein”, das kann doch nur heißen: dieser Vorgang verbürgt mir daß ich mich in Zukunft richtig an die Verbindung erinnere. Aber in unserem Falle habe ich ja kein Kriterium für diese Richtigkeit. Man könnte sagen: richtig ist hier, was immer mir als richtig erscheinen wird – – & das heißt nur, daß man hier von ‘Richtigkeit’ nicht reden kann.
And what about this language that describes my inner experiences, & which only I myself can understand? How do I designate my sensations with words? – Just as we usually do? Are my sensation words then linked to my natural manifestations of sensation? Yes, in this case, my language is not ‘private’. Another person can understand it, just as I do. – But what if I have no natural manifestations of sensation, but only the sensations themselves? And now I simply associate names with the sensations & use these names in a description. – Let's assume a simple case: I want to keep a diary about a certain sensation. To do this, I associate it with the sign “+”, & write in a calendar on each day that I have the sensation, such a cross. First, I must notice that the definition of this sign cannot be marked in any way. – But I can give myself a kind of ostensive definition. – How? Can I point to the sensation? – No; I speak or write the sign & at the same time I concentrate my attention on the sensation to be designated. – But what (purpose) does this ceremony serve? because that seems to be it. A definition is meant to fix the meaning of a sign. – Now this is precisely what happens through the concentration of attention; because in this way I imprint the connection of the sign with the sensation on myself. – “I imprint it on myself,” that can only mean: this process guarantees that in the future I will correctly remember the connection. But in our case, I have no criterion for this correctness. One could say: correct is what always appears to me as correct – – & that simply means that one cannot speak of ‘correctness’ here.
§
12r[2] &12v[1]
Das Konzentrieren der Aufmerksamkeit & Aussprechen eines Wortes verwenden wir allerdings, wenn wir uns die Bedeutung von Wörtern einprägen wollen. Wenn ich z.B. Russisch lerne kann ich meinen Blick im Zimmer herumschweifen lassen & zur Übung jeden Gegenstand benennen den ich ansehe & ich könnte auch meine Aufmerksamkeit auf meine Magenschmerzen lenken & das entsprechende Wort sagen. Und Erfahrung lehrt mich vielleicht, daß ich mir so die Worte & ihre Bedeutung gut einpräge. Aber hier ist das Kriterium dafür, daß ich ein Wort richtig verwende, nicht das, daß ich glaube es richtig zu verwenden.
We do, of course, use the concentration of attention and the utterance of a word when we want to memorize the meaning of words. For example, when I learn Russian, I can let my gaze wander around the room and, for practice, name every object that I see, and I could also direct my attention to my stomach pains and say the corresponding word. And experience may teach me that I can thus memorize the words and their meaning well. But here the criterion for whether I use a word correctly is not that I believe I am using it correctly.
§
12v[2] &13r[1] &
13v[1]
Aber kann ich nicht heute eine Empfindung von gestern wiedererkennen? – Und wie ist es mit dem Erlebnis des Wiedererkennens? Wie erkenne ich das? Die Worte “wiedererkennen”, “Empfindung”, “gleich” sind ja Worte unserer allgemeinen Sprache. Und für das Wiedererkennen, das Vorhandensein einer Empfindung, oder die Gleichheit der Empfindungen gibt es charakteristische Äußerungen & Kriterien. Wer eine Empfindung äußert, benützt kein Kriterium dafür, daß er die Empfindung hat. Seine Äußerung aber wird mit dem Übrigen der Sprache im Leben verwendet. Nicht eine okkulte Beziehung des Meinens macht ein Wort zum Namen einer Empfindung & Sätze zu Sätzen, die von Empfindungen reden. Als wir die Möglichkeit jener privaten, nur dem Sprechenden selbst verständlichen, Sprache ins Auge faßten, da war uns ihre Verwendung eigentlich nebensächlich; & im Vordergrund die Idee, daß wir unsre Empfindungen benennen können. Die Verwendung werde sich von selbst ergeben.
But can I not recognize a sensation from yesterday today? – And what about the experience of recognizing? How do I recognize it? The words “recognize,” “sensation,” “same” are, after all, words from our general language. And for recognizing, the presence of a sensation, or the sameness of sensations, there are characteristic utterances & criteria. Whoever expresses a sensation does not use a criterion for the fact that he has the sensation. But his utterance is used with the rest of the language in life. It is not an occult relationship of meaning that makes a word the name of a sensation & sentences into sentences that talk about sensations. When we considered the possibility of that private language, understandable only to the speaker himself, we actually saw its use as secondary; & in the foreground was the idea that we can name our sensations. The use would arise of itself.
§
13v[2]Es kommt Dir viel zu selbstverständlich vor, daß wir Handlungen mit Worten begleiten.
It seems too obvious to you that we accompany actions with words.
§VB
14v[1]Wenn Leute gestorben sind, so sehen wir ihr Leben in einem versöhnlichen Licht. Sein Leben scheint uns durch einen Dunst abgerundet. Aber für ihn war's nicht abgerundet, sondern zackig & unvollständig. Für ihn gibt es keine Versöhnung; sein Leben ist nackt & elend.
When people have died, we see their life in a conciliatory light. Their life seems to us to be rounded off by a mist. But for him it was not rounded off, but abrupt & incomplete. For him there is no reconciliation; his life is bare & miserable.
§
14v[2] &15r[1] &
15v[1]
In diesem Buche veröffentliche ich philosophische Bemerkungen welche ich im Laufe der letzten 16 Jahre niedergeschrieben habe. Sie betreffen eine große Mannigfaltigkeit von Gegenständen …. Ich hatte in den ersten Jahren dieser Arbeit die Absicht alles das einmal in einem Buche zusammen zu fassen. … Ich machte dann zu verschiedenen Zeiten Versuche solcher Zusammenfassungen. Das Ergebnis war unbefriedigend & ich sah endlich ein daß ein befriedigendes nicht zu erwarten war, da das Buch was ich schreiben konnte immer nur Bemerkungen bleiben würden. Es zeigte sich mir daß meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte …. Die Neigung meine Gedanken zu veröffentlichen hat mich zu verschiedenen Zeiten heftig ergriffen & zwar hauptsächlich darum …. Nach einiger Zeit aber verließ mich immer wieder der Krampf der Eitelkeit & ich fühlte es sei nicht der Mühe wert heute zu veröffentlichen. Vor etwa zwei Jahren nun kann mir mein Buch Log. Phil. Abh. in die Hände & ich las jemand einen Teil desselben vor. Da erschien es mir plötzlich daß ich dies Buch & die neuen Gedanken zusammen veröffentlichen sollte & daß diese nur durch den Kontrast zu & auf dem Hintergrunde der philosophischen Denkungsweise dieses Buchs ihre eigentliche Bedeutung erhalten könnten. Als ich nämlich vor 16 Jahren wieder anfing …
In this book, I publish philosophical remarks which I have written down over the course of the last 16 years. They concern a wide variety of subjects…. In the first years of this work, I had the intention of bringing all of this together in one book. … I then made attempts at such summaries at various times. The result was unsatisfactory & I finally saw that a satisfactory one was not to be expected, since the book that I could write would always only be remarks. It became clear to me that my thoughts soon faded when I tried…. The inclination to publish my thoughts seized me at various times, mainly because…. After some time, however, the cramp of vanity always left me & I felt that it was not worth the effort to publish today. About two years ago, however, my book Log. Phil. Abh. fell into my hands & I read part of it aloud to someone. Suddenly it seemed to me that I should publish this book & the new thoughts together & that these could only gain their true meaning through the contrast with & against the background of the philosophical way of thinking in this book. When, namely, 16 years ago, I started again….
§
15v[2]Daß es ihr, in ihrer Dürftigkeit & der Finsternis dieser Zeit, beschieden sein sollte, Licht in ein, oder das andere Gehirn zu werfen, ist nicht unmöglich; aber auch nicht wahrscheinlich.
That it should be her lot, in her poverty & the darkness of this time, to shed light on one or another mind is not impossible; but also not probable.
§
16r[1]Denken
Glauben
der Meinung sein
Wissen
Hoffen
Erwarten
Sich erinnern
Wünschen
Fürchten
Meinen
Thinking
Believing
Being of the opinion
Knowing
Hoping
Expecting
Remembering
Wishing
Fearing
Meaning
§
16v[1] &17r[1] &
17v[1] &
18r[1] &
18v[1]
Ich kann in einem Gespräch etwas einem Anwesenden sagen & absichtlich nicht auf ihn sehen; es ist vielleicht irgendeine Anspielung auf sein Leben, ich schaue nicht auf ihn aber lächle vielleicht ‘knowingly’, oder mache die Bemerkung absichtlich unschuldig etc. etc. Und nun wird man natürlich sagen ich habe die Bemerkung für seine Ohren gemeint, oder dergleichen. Und willst Du sagen, es gehe immer das gleiche in mir vor, etwa ein bestimmter Gedanke an ihn; daß es nicht eben in der ganzen Situation liegt: daß ich ihn meine? Der Ausdruck ich habe bei meinen Worten an ihn gedacht, auf ihn abgezielt beschrieb eine bestimmte Art der Situation. Aber kann es denn nicht auch nach allen äußeren Anzeichen scheinen als meinte ich ihn, & hab ihn nicht gemeint; ich dachte tatsächlich gar nicht an ihn & es schien nur durch einen Zufall so? Gewiß. – Und so ist es also doch als ob hier die wesentliche Verbindung nicht bestanden hätte, die eben das Meinen ausmacht! Aber welche Verbindung immer ich mir als diese wesentliche vorstelle – was nützt sie (mir)? Was hat sie mit der Funktion des Satzes zu tun? – Denke statt “ich meinte ihn” sagte ich “was ich sagte war mit ihm verbunden” & statt “Ich habe ihn nicht gemeint”: “Als ich sprach bestand keine Verbindung mit ihm”. Das klingt beinahe spiritistisch. Anderseits ist es ganz gewöhnlich zu sagen: “Als ich das sagte, dachte ich an seine Bemerkung.” Nun dann bestand eben darin die Verbindung. Nimm an ich machte eine Bemerkung die ihrem Inhalt nach auf ihn Bezug hatte schaute dabei seitwärts auf ihn. Aber dieser Blick galt nicht ihm; er habe irgendeine andere Ursache; & die Bemerkung war auch nicht auf ihn gemünzt. Die Frage ist nun: Ist hier die Situation des Meinens nicht gegeben. Oder ist es in so einem Fall zweifelhaft ob ich ihn meine, da die Situation verschiedene Auslegungen zuläßt? Offenbar nicht! Also wird man sagen, kann es nicht die Gesamtsituation sein, die bestimmt, was gemeint ist. Ich kann nicht zweifeln, ob ich ihn gemeint habe; bei meiner Aussage ich habe, oder habe ihn nicht, gemeint urteile ich nicht nach der Situation. Und wenn ich nun nicht nach der Situation urteile, wonach urteile ich? Scheinbar nach gar nichts. Denn ich erinnere mich wohl an die Situation, aber deute sie. Ich kann z.B. meinen Seitenblick auf ihn jetzt nachahmen aber das Meinen erscheint als eine ganz ungreifbare, feine Atmosphäre des Handelns. (Ein verdächtiges Bild!) Aber bin ich nun auch bewußt daß ich ihn meine während ich so spreche & auf ihn schaue? Ja, das kommt darauf an – – – ich sage mir dabei nicht, daß ich ihn meine. Das sage ich erst später.
I can say something to someone in a conversation and intentionally not look at them; perhaps it is some kind of allusion to his life, I don't look at him but maybe I smile ‘knowingly’, or I make the remark intentionally innocuous, etc. etc. And now one will naturally say that I intended the remark for his ears, or something similar. And do you want to say that the same thing always happens in me, for example a certain thought about him; that it is not simply a matter of the whole situation: that I am thinking of him? The statement that I had him in mind when I said my words, that I was aiming at him, describes a certain kind of situation. But can it not also, according to all the external signs, seem as if I am thinking of him, and I am not thinking of him; I was not actually thinking of him at all, and it only seemed so by chance? Certainly. – And so it is as if the essential connection did not exist here, which is precisely what constitutes ‘thinking of him’! But whatever connection I imagine as being this essential one – what good is it (to me)? What does it have to do with the function of the sentence? – Instead of saying “I was thinking of him”, I say “what I said was connected with him”, and instead of “I was not thinking of him”: “When I spoke, there was no connection with him”. That sounds almost spiritualistic. On the other hand, it is quite ordinary to say: “When I said that, I was thinking of his remark.” Then the connection consisted precisely in that. Suppose I make a remark that, in its content, refers to him, and I look sideways at him. But this look is not directed at him; it has some other cause; and the remark was not aimed at him either. The question now is: Is the situation of ‘thinking of him’ not given here? Or is it doubtful in such a case whether I am thinking of him, since the situation allows for different interpretations? Apparently not! So one will say, can it not be the whole situation that determines what is meant? I cannot doubt whether I was thinking of him; in my statement that I was, or was not, thinking of him, I am not judging according to the situation. And if I am not judging according to the situation, what am I judging according to? Apparently according to nothing. Because I do remember the situation, but I interpret it. I can, for example, imitate my sideways glance at him now, but the ‘thinking of him’ appears as a completely elusive, subtle atmosphere of action. (A suspicious picture!) But am I also conscious that I am thinking of him while I am speaking like this and looking at him? Yes, that depends – – – I do not tell myself that I am thinking of him. I only say that later.
§
18v[2] &19r[1]
Aber wie wenn man sagte: Die Situation des ‘Ihn-Meinens’ ist eben nicht bloß eine äußere sondern auch eine innere. Wenn Du nur Dein Benehmen & die Umgebung beschreibst, beschreibst Du eben nur einen Teil der Situation. Deine Gedanken & Gefühle aber gehören auch zu ihr. Und wenn das alles gegeben ist, dann gibt es keinen Zweifel was gemeint war.
But what if one said: The situation of ‘thinking of him’ is not just an external one, but also an internal one. If you only describe your behaviour and the environment, you are only describing part of the situation. But your thoughts and feelings are also part of it. And if all of that is given, then there is no doubt about what was meant.
§
19r[2]Wie wenn ich einmal eine scheinbar unschuldige Bemerkung mache, sie aber mit einem verstohlenen Seitenblick auf jemand begleite; ein andermal vor mich hinsehe & offen über den Anwesenden rede, indem ich seine Namen nenne. Denke ich wirklich eigens an ihn wenn ich seinen Namen gebrauche?
As if I once make a seemingly innocuous remark, but accompany it with a furtive sideways glance at someone; at other times I look straight ahead and openly talk about the person present, mentioning his name. Do I really think of him when I use his name?
§
19r[3]Ich ziele mit der Pistole auf ihn, ich töte ihn, ich zeichne ihn nach dem Gedächtnis, ich liebe ihn, ich schreibe es ihm, ich denke an ihn, ich ziele auf ihn ab.
I aim the gun at him, I kill him, I draw him from memory, I love him, I write to him, I think of him, I aim at him.
§
19v[1]Es ist hier ein ähnlicher Fall wie wenn Menschen sich vorstellen man könne nicht einen Satz mit der merkwürdigen Wortstellung der deutschen Sprache einfach denken wie er dasteht. Man müsse ihn erst denken & dann bringt man die Wörter in diese seltsame Ordnung. Ein französischer Staatsmann schrieb einmal es sei eine Besonderheit der französischen Sprache daß in ihr die Worte in der Ordnung folgen in der man sie denkt.
This is a similar case to when people imagine that one cannot simply think a sentence with the strange word order of the German language as it stands. One must first think it and then put the words in this strange order. A French statesman once wrote that it is a characteristic of the French language that in it the words follow the order in which one thinks them.
§
19v[2] &20r[1]
Aber habe ich nicht die Gesamtform des Satzes, z.B. schon an seinem Anfang beabsichtigt? Also war es mir doch schon im Geiste ehe es noch ausgesprochen war! – Wir machen uns hier wieder ein irreführendes Bild vom Beabsichtigen d.h. vom Gebrauch dieses Worts. Das Beabsichtigen liegt zum größten Teil in der Situation & in einer Technik. (Z.B. ohne die Technik des Sprachspiels könnten wir nicht beabsichtigen eine Schachpartie zu spielen.) Das Beabsichtigen dieser Satzform greift in die Technik des Bildens deutscher Sätze ein.
But didn’t I already intend the overall form of the sentence, e.g., at its beginning? So, it was already in my mind before it was even spoken! – We are again creating a misleading picture of intending, i.e., of the use of this word. Intending lies for the most part in the situation & in a technique. (E.g., without the technique of the language-game, we could not intend to play a game of chess.) The intending of this sentential form intervenes in the technique of forming German sentences.
§
20r[2]Aber sagt man nicht auch: “Als ich das sagte, wollte ich nur ihm einen Wink geben”?
But doesn’t one also say: “When I said that, I only wanted to give him a hint”?
§
20r[3] &20v[1]
– – – Es ist hier ähnlich wie wenn ich eine Gleichung aufschreibe & dazufüge sie gelte für alle Werte von x von … bis ….
– – – It is similar here to when I write down an equation & add that it applies to all values of x from … to ….
§
20v[2]Wie kann ich wissen daß ich es nur sagte um ihm einen Wink zu geben. Nun, diese Worte “Ich sagte es nur …” beschreiben eine bestimmte, uns verständliche, Situation. Wie schaut die Situation aus? Um sie zu beschreiben muß ich eine Umgebung beschreiben. “Ich hatte keinen anderen Grund das zu sagen” das liegt in der Geschichte jener Bemerkung.
How can I know that I said it only to give him a hint? Well, these words, “I only said it…”, describe a certain situation that we understand. What does the situation look like? To describe it, I must describe an environment. “I had no other reason to say that”; this lies in the history of that remark.
§
20v[3] &21r[1]
“Ich wollte mit dieser Bemerkung ihn treffen”. Wenn ich das höre, so kann ich mir dazu eine Situation, eine Geschichte, vorstellen. Ich könnte sie auf dem Theater darstellen, mich in den Seelenzustand versetzen in dem ich ‘ihn treffen’ will. – Aber wie ist der Seelenzustand zu beschreiben? Zu identifizieren? – Ich denke mich in die Situation hinein nehme eine gewisse Miene & Stimme an etc.. Was verbindet meine Worte mit ihm? Die Situation & meine Gedanken. Und meine Gedanken nicht anders als Sätze die ich ausspreche.
“I wanted to ‘hit’ him with this remark.” If I hear this, I can imagine a situation, a story. I could depict it in the theater, put myself in the state of mind in which I want to ‘hit’ him. – But how is the state of mind to be described? To be identified? – I imagine myself in the situation, adopt a certain facial expression & voice, etc. What connects my words with him? The situation & my thoughts. And my thoughts, no differently than sentences that I utter.
§
21r[2] &21v[1]
“Ich mußte plötzlich an ihn denken”. Sein Bild schwebte mir etwa plötzlich vor. Wußte ich daß es sein, des N, Bild war? Ich sagte es mir nicht. Worin lag es also daß es das seine war? Vielleicht in dem was ich später sagte & tat.
“I suddenly had to think of him.” His image suddenly floated before me. Did I know that it was his image, of N? I didn’t tell myself. So, what was it that made it his? Perhaps in what I said and did later.
§
21v[2]“Er fiel mir plötzlich ein & ich sagte die Worte indem ich an ihn dachte.” “Er schwebte mir bei diesen Worten vor.” Wie nahe muß der Zusammenhang mit ihm sein?” könnte man fragen.
“He suddenly occurred to me, and I said the words while thinking of him.” “He floated before me as I said these words.” How close must the connection with him be?” one could ask.
§
21v[3]Kann ich sagen: “Hoffen ist Denken & Fühlen”? Warum aber nicht denken fühlen & tun? (Z.B. reden)
Can I say: “Hoping is thinking and feeling”? But why not thinking, feeling, and doing? (E.g., speaking)
§
22r[1]– – – Und wie unterscheidet sich ‘mich an Andre richten’ vom Gegenteil? Nicht in allen Fällen auf gleiche Weise. Ich erwarte die Ankunft eines Freundes. Ich stehe auf dem Bahnsteig unter lauter fremden Menschen. Ich werde meines Freundes gewahr & rufe aus “Da ist er!”; ich will mich dabei aus irgend einem seltsamen Grunde an die Fremden um mich wenden. Stell Dir den Fall vor. – Und jetzt dieses: Ich & eine Gruppe von Leuten die ich kenne erwarten die Ankunft des Freundes. Ich sehe ihn zuerst & rufe “Da ist er!”. Es ist schwer mich nicht dabei an die Andern zu wenden, mich, gänzlich zu isolieren.
– – – And how does ‘addressing others’ differ from its opposite? Not in all cases in the same way. I am expecting the arrival of a friend. I am standing on the platform among a crowd of strangers. I become aware of my friend and exclaim, “There he is!”; I want to turn to the strangers around me for some strange reason. Imagine this case. – And now this: I and a group of people I know are waiting for the arrival of the friend. I see him first and exclaim, “There he is!” It is difficult not to turn to the others, to completely isolate myself.
§
22v[1] &23r[1]
– – – Aber alles das sagt uns ja nicht was glauben ist. Es ist keine Definition des Wortes “glauben”; & ich kann keine geben; weil es keine gibt. Wir haben eben hier eine Familie von Fällen. Sie beschreiben heißt uns die Anwendung des Wortes “glauben” lehren. Nun könnte man aber so sagen: Das Gesicht eines Menschen ist durchaus nicht immer dieselbe Gestalt. Es ändert sich von Minute zu Minute; manchmal wenig manchmal aber äußerst stark. Dennoch ist es möglich das Bild seiner Physiognomie zu geben. Freilich ein Bild auf dem er lächelt zeigt nicht wie er ausschaut wenn er weint. Aber es läßt darauf immerhin Schlüsse zu. Und so wäre es auch möglich eine Art ungefähre Physiognomie des Glaubens, z.B., zu zeichnen.
– – – But all this does not tell us what believing is. It is not a definition of the word “believe”; and I cannot give one; because there is none. We just have here a family of cases. Describing them means teaching us the application of the word “believe.” But one could say: a person’s face is not always the same shape. It changes from minute to minute; sometimes a little, sometimes very much. Nevertheless, it is possible to give a picture of his physiognomy. Of course, a picture of him smiling does not show how he looks when he is crying. But it still allows us to draw conclusions. And so it would also be possible to draw a kind of approximate physiognomy of belief, for example.
§
23r[2]Schachspielen, Regeln folgen ein “Gebrauch”.
Playing chess, following rules is a “use”.
§
23r[4]Es ist mir klar, ich kann das tun. Nun, was ist mir da klar?
It is clear to me; I can do that. Well, what is it that is clear to me?
§
23r[5] &23v[1] &
24r[1]
Eine Königskrönung das Bild der Pracht & Würde. Wir denken uns einige Minuten dieses Vorgangs herausgeschnitten & isoliert. Der König sitzt im golddurchwirkten Krönungsmantel auf seinem Thron. Die Krone wird ihm aufs Haupt gesetzt. Die Goldfaden könnten in einer andern Welt die billigsten sein & die Technik der Herstellung dieses Mantels die billigste. Ein golddurchwirkter Mantel ist das schäbigste Kleidungsstück. Perlen mit denen er besetzt ist sind so billig wie Kieselsteine & es gilt als Schande sie zu tragen, da sie zu nichts nütze sind. Da sie von schleimigen Tieren kommen werden sie mit Ekel & Verachtung betrachtet. Kein anständiger Mensch würde sich abgesondert von andern auf einen hohen Sessel setzen. Dies entspricht unserem an den Pranger gestellt zu werden.
Eine Krone die schwer & zum Schutz des Hauptes unbrauchbar ist ist darum häßlich & es gilt als Schande wenn einem so etwas aufgesetzt wird.
A king’s coronation, the image of splendor & dignity. We imagine a few minutes of this ceremony cut out & isolated. The king sits in his gold-embroidered coronation robe on his throne. The crown is placed on his head. The gold threads could be the cheapest in another world, & the technique of making this robe could be the cheapest. A gold-embroidered robe is the shabbiest piece of clothing. The pearls with which it is adorned are as cheap as pebbles, & it is considered a disgrace to wear them, as they are useless. Since they come from slimy creatures, they are viewed with disgust & contempt. No decent person would sit alone on a high chair. This corresponds to being pilloried.
A crown that is heavy & useless for protecting the head is therefore ugly, & it is considered a disgrace when something like this is put on one’s head.
§
24r[2] &24v[1]
Aber Du sprichst ja, als hoffte ich nicht eigentlich jetzt, da ich zu hoffen meine, als hätte was jetzt geschieht keine tiefe Bedeutung. Was jetzt geschieht hat Bedeutung– in dieser Umgebung. Die Umgebung gibt ihm die Wichtigkeit. Und das Wort “Hoffen” bezieht sich auf ein Phänomen im menschlichen Leben. Ein lächelnder Mund lächelt nur im menschlichen Gesicht.
But you speak as if I didn’t actually hope now, since by hoping I mean that what is happening now has no deep meaning. What is happening now has meaning—in this context. The context gives it its importance. And the word “hope” refers to a phenomenon in human life. A smiling mouth only smiles on a human face.
§
24v[2]– – – daß ich mich ganz in ihm auskenne, mich völlig leicht zurechtfinde an einer Abwesenheit von Suchen & Zweifeln & Verwunderung darin daß ich alles das als “mein Zimmer” in der Rede zusammenfasse.
—that I am completely familiar with it, that I find my way around it completely, without any searching, doubting, or wondering, in that I summarize all of this as “my room” in speech.
§
24v[3] &25r[1]
Nun will ich fragen: Worin besteht es die Figur einmal so einmal anders sehen? – Sehe ich wirklich etwas anderes? Oder deute ich nur was ich sehe auf verschiedene Weise? – Ich bin geneigt das erstere zu sagen. Aber warum?! Nun, einmal kann ich ohne irgend ein Denken einmal den einen einmal den anderen Eindruck hervorrufen; scheinbar indem ich auf verschiedene Teile der Figur schaue.
Kann ich etwas als
deuten wenn es am Anfang des Wortes “Feder” steht, aber ich sehe es nicht als
.
Aber die Beschreibung die ich von diesen Eindrücken gab setzte schon eine Kenntnis des Buchstabens
voraus. In ihr lag also doch mehr als was der Unbefangene an der Figur sehen kann. Nun die Beschreibung der Eindrücke könnte so lauten: Einmal sehe ich die Figur als eine Variation der Figur
einmal als eine von
oder von
.
(Einmal aber auch als das genau richtig geschriebene Zeichen einer fremdartigen Schrift an das ich mich gewöhnen muß.) Du suchst in einem das andere. Daher das Richten des Blicks.
Now I want to ask: In what does it consist to see the figure one way, and another way? Do I really see something different? Or do I only interpret what I see in different ways? I am inclined to say the former. But why? Well, at any given moment I can evoke one or the other impression without any thinking, apparently by looking at different parts of the figure.
Can I interpret something as
when it is at the beginning of the word “Feder,” but I do not see it as
.
But the description that I gave of these impressions already presupposed a knowledge of the letter
. In it, therefore, there was more than what the unbiased person can see in the figure. Now, the description of the impressions could be like this: Sometimes I see the figure as a variation of the figure
, sometimes as one of
or of
.
(Sometimes, however, also as the correctly written sign of a foreign script to which I must accustom myself.) You search for one thing in the other. Hence, the directing of the gaze.
§
25r[2] &25v[1]
Sehe ich nun alles auch noch als etwas? So daß also das ganze Erlebnis nicht vollkommen beschrieben ist wenn ich bloß sage was ich sehe ohne auch noch den feineren Hauch der ‘Auffassung’ wie man es nennen könnte? Was man in zwei Teile zerlegen kann davon muß man nicht sagen es sei aus diesen zusammengesetzt. Was ich zerlegen kann, kann ich auch als ganzes ansehen.
Do I now also see everything as something? So that the whole experience is not completely described if I only say what I see without also including the finer nuance of “perception,” as one might call it? What one can divide into two parts, one does not have to say is composed of these. What I can divide, I can also view as a whole.
§
25v[2] &26r[1]
Ist es Introspektion was mich lehrt ob ich's mit einem echten Sehen zu tun habe oder doch mit einem Deuten? Zuerst einmal muß ich mir klar werden, was ich denn ein Deuten nennen würde; woran sich denn erkennen läßt, ob etwas ein Deuten oder ein Sehen sei.
Is it introspection that teaches me whether I am dealing with genuine seeing or with interpreting? First of all, I must make it clear to myself what I would call interpreting; by what can one recognize whether something is interpreting or seeing.
§
26r[2]Es ist ganz gleichgültig ob ich hier von einem visuellen Deuten oder einem Sehen als … rede.
It is quite immaterial whether I speak of visual interpreting or of seeing as….
§
26r[3] &26v[1]
Wie ist man überhaupt auf diese Begriffe gekommen? Nun, durch verschiedene Reaktionen. Die Reaktionen auf ein Vexierbild z.B.. Die Wortreaktion: Jetzt sehe ich es als F, jetzt als ꟻ; jetzt scheint es nach rechts zu schauen, jetzt nach links. Aber sind für mich selbst die Wortreaktionen, oder andere ihnen entsprechende, nötig? Sehe ich die Figur nicht einmal so, einmal anders, auch wenn ich nicht mit Worten reagiere? Aber “einmal so”, “einmal anders” sind ja Worte & mit welchem Recht gebrauche ich sie hier. Kann ich Dir, oder mir selbst, mein Recht erweisen? (Es sei denn durch eine andere Reaktion.) Aber ich weiß doch daß es zwei Empfindungen sind auch wenn ich's nicht sage! Aber wie weiß ich daß was ich dann sage das ist was ich wußte?
How did one come up with these concepts in the first place? Well, through various reactions. The reactions to an ambiguous figure, for example. The verbal reaction: Now I see it as F, now as ꟻ; now it seems to be looking to the right, now to the left. But are verbal reactions, or other reactions corresponding to them, necessary for myself? Don't I see the figure now one way, now another, even if I don't react with words? But “now one way”, “now another” are just words, and on what basis do I use them here? Can I prove my right to you, or to myself? (Unless through another reaction.) But I do know that they are two sensations, even if I don't say so! But how do I know that what I say then is what I knew?
§
26v[2]– – – Diese Erklärung hängt wirklich in der Luft, da es hier eine Gepflogenheit des Gebrauchs nicht gibt.
– – – This explanation really hangs in the air, because there is no established practice of use here.
§
27r[1]Die eigenen Vorstellungen vergleicht man indem man spricht, die des Andern indem man – – –.
One compares one's own mental images by speaking, the other person's by – – –.
§
27r[2]Was nenne ich meine eigenen Vorstellungen vergleichen? Nun ich sage z.B. ich sehe jetzt das gleiche Rot vor mir wie vorhin. Gut. Wie vergliche ich die beiden? Wie? – Nun, ich richtete meine Aufmerksamkeit auf den Umstand ob sie gleich oder ungleich waren. Aber wie mache ich das?! Ist das nicht bloß Geschwätz? Unter bestimmten Umständen, gefragt z.B. ob es beidemale das gleiche Rot war (& das war das Richten der Aufmerksamkeit) reagiere ich etwa mit Worten.
What do I call comparing my own mental images? Well, I say, for example, that I now see the same red in front of me as before. Good. How do I compare the two? How? – Well, I directed my attention to the fact of whether they were the same or different. But how do I do that?! Isn't that just nonsense? Under certain circumstances, if asked, for example, whether it was the same red in both cases (and that was the directing of attention), I might react with words.
§
27r[3] &27v[1]
Wann vergleiche ich die Vorstellungen? Ist, sie haben, sie vergleichen? Oder ist sie beurteilen, sie vergleichen?
When do I compare mental images? Is it, having them, that they compare? Or is it judging, that they compare?
§
27v[2] &28r[1]
Ein Spiel. Jeder der Spielenden benützt eine Tabelle in der er nachsieht, was für Züge von diesem Feld aus gestaltet sind. Eine Variation dieses Spiels: Jeder Spieler erhält zu seiner Tabelle ein Pfeilschema: Jeder erhält ein anderes. Die Spieler ehe das Spiel anfängt ziehen jeder eine Tabelle & richten sich dann nach ihr. Eine andre Variation: Jeder Spieler legt sein eigenes Pfeilschema an dann richtet er sich nach ihr. Endlich diese Variation: Jeder Spieler hat die gleiche Tabelle aber jeder gebraucht sie zwar gewissenhaft & mit offenbarer Sicherheit aber nicht so daß wir vorhersagen können wie er das nächste mal handeln wird. Aber gebraucht er die Tabelle dann nicht bloß zum Schein? Warum bloß zum Schein. Sie ist ihm nötig zum Fassen seiner Entschlüsse. Und nun könnte man sie eine private Tabelle nennen. Sie schaut aus wie eine Tabelle funktioniert aber nicht wie eine solche.
A game. Each of the players uses a table in which he looks up what moves are possible from this field. A variation of this game: Each player receives a diagram of arrows: each receives a different one. The players each draw a table before the game starts and then follow it. Another variation: Each player places his own diagram of arrows and then follows it. Finally, this variation: Each player has the same table, but each uses it conscientiously and with apparent certainty, but not in such a way that we can predict how he will act next time. But doesn't he then use the table only in appearance? Why only in appearance? It is necessary for him to form his decisions. And now one could call it a private table. It looks like a table, but it doesn't function like one.
§
28r[2] &28v[1] &
29r[1]
Wie vergleicht man Höhen? Mit freiem Auge, mit dem Theodoliten, indem man zwei Menschen aneinander stellt usw.. Wie vergleiche ich eine Vorstellung die ich gestern hatte mit einer die ich heute habe? Was soll ich da sagen? Ich erinnere mich an die gestern. Oder ich habe mir gestern etwas über sie notiert. Wie vergleicht man zwei Träume? – Wie vergleicht man zwei Sinnesdaten im Laufe des Vergleichs zweier Höhen mit dem Theodoliten? Es scheint kein Wie zu geben. Was ich sagen möchte ist: “Ich schaue”, “Ich richte meine Aufmerksamkeit” etc. Aber wenn das alles geschehen ist? Dann sehe ich einfach daß die beiden gleich sind, oder ungleich. Ich ‘sehe also unmittelbar’ daß die Eindrücke gleich sind? Das ist wieder Unsinn. Wenn sie so sind – so, wie ich es Dir zeigen kann, wenn ich erkläre was gleich heißt – so nennen wir sie ‘gleich’. Ich erkenne nicht anders daß sie gleich sind, als daß sie rot sind.
How does one compare heights? With the naked eye, with the theodolite, by placing two people next to each other, etc. How do I compare a mental image I had yesterday with one I have today? What should I say? I remember the one from yesterday. Or I made a note of something about it yesterday. How does one compare two dreams? – How does one compare two sense data in the course of comparing two heights with the theodolite? It seems that there is no how. What I want to say is: “I look”, “I direct my attention”, etc. But if all that has happened? Then I simply see that the two are the same, or different. Do I ‘see immediately’ that the impressions are the same? That is nonsense again. If they are so – so, as I can show you if I explain what same means – then we call them ‘the same’. I don't recognize that they are the same in any other way than that they are red.
§
29r[2]Wie erkenne ich, daß dies rot ist? Ich erkenne es im allgemeinen nicht. Ich sage, es ist rot. Aber kann ich es nicht sagen, auch wenn es mir grün scheint? Freilich. Und das heißt dennoch nicht daß man im ersten Fall von einem Vorgang des Erkennens reden soll. – Aber es war doch zwischen den beiden Fällen ein Unterschied!
How do I recognize that this is red? In general, I don't recognize it. I say, it is red. But can't I say it, even if it seems green to me? Of course. And that still doesn't mean that one should speak of an act of recognition in the first case. – But there was a difference between the two cases!
§
29v[1] &30r[1]
Wir müssen uns über den Gebrauch von “erkennen” klarer werden. Ich gehe auf der Straße. Dies Gesicht kommt mir bekannt vor. Wer ist es nur? – Es ist …. Das ist Erkennen. Aber erkenne ich meinen Freund nicht, den ich täglich sehe? Und geht wenn ich seiner ansichtig werde etwas ähnliches vor? Erkenne ich mein Zimmer nicht? Meinen Tisch, mein Bett? Ich sehe einen Stoff von bestimmter Farbe & sage mir “Wo hab ich ihn nur vor kurzer Zeit gesehen?” Dann erkenne ich ihn; ich sah ihn dort & dort. Ich sage der Himmel ist blau. Erkenne ich die Farbe nicht? Aber was zum Teufel soll man hier einen Vorgang des Erkennens nennen? Soll ich sagen: “Aber ich sehe zuerst, daß er blau ist; dann sag ich's.” Was heißt das nun sehen daß er blau ist. Frage Dich: Unter welchen Umständen sagt der normale Mensch das?
We must become clearer about the use of “recognize”. I am walking down the street. This face seems familiar to me. Now, who is it? – It is …. That is recognition. But don't I recognize my friend, whom I see every day? And when I see him, doesn't something similar happen? Don't I recognize my room? My desk, my bed? I see a piece of fabric of a certain color & say to myself, “Where did I see it just a short time ago?” Then I recognize it; I saw it there & there. I say the sky is blue. Don't I recognize the color? But what the devil should one call a process of recognition here? Should I say: “But I first see that it is blue; then I say it”? What does it mean to see that it is blue? Ask yourself: Under what circumstances does the normal person say that?
§
30r[2] &30v[1]
Wann vergleiche ich zwei Vorstellungen, & wie lange braucht es? Ich frage zwei Leute was sie sich vorgestellt haben; sie antworten mir; ich stelle vielleicht noch weitere Fragen. Nun während das vor sich geht vergleiche ich ihre Vorstellungen. Und nun zu mir selbst. Da gibt es etwa vorbereitende Vorgänge. Aber nun das Vergleichen selbst – geschieht es während ich mir sage die beiden Farben seien gleich? Oder wenn ich's erkenne! Stell Dir wirkliche Fälle vor mit verschiedenen Vorbereitungen dieses Erkennens.
When do I compare two images, & how long does it take? I ask two people what they imagined; they answer me; I may ask further questions. Now, while that is going on, I compare their images. And now to myself. There are perhaps preparatory processes. But now the comparison itself – does it happen while I say that the two colors are the same? Or when I recognize it! Imagine real cases with different preparations for this recognition.
§
30v[2]Was hilft mir das Erkennen des Eindrucks, wenn ich nicht weiß, welches Wort welches Muster ihm gehört?
What helps me to recognize the impression if I don't know which word belongs to which pattern?
§
30v[3]Was heißt es eine Farbe als blau erkennen? Wie verwendet man diesen Ausdruck, wenn man nicht philosophiert?
What does it mean to recognize a color as blue? How is this expression used when one is not philosophizing?
§
31r[1]Aber ich muß doch erst wissen, welche Farbe ich mir vorstelle ehe ich sie benennen kann. Nun, welche ist es? – Welche Art der Antwort hat auf diese Frage Sinn? (Du kannst sie nennen, auf sie zeigen, sie beschreiben etc.) Du steuerst immer wieder auf eine innere hinweisende Erklärung hin!
But I must first know which color I am imagining before I can name it. Well, which is it? – What kind of answer makes sense to this question? (You can name it, point to it, describe it, etc.) You always return to an inner ostensive explanation!
§
31r[2] &31v[1]
Ehe ich urteile daß diese zwei meiner Vorstellungen gleich sind, muß ich sie doch als gleich erkennen. Und wenn das geschehen ist, wie werde ich dann wissen, daß das Wort “gleich” meine Erkenntnis beschreibt. Nur dann wenn ich diese Erkenntnis auf andre Weise ausdrücken kann & ein Andrer mich lehren kann daß hier “gleich” das richtige Wort ist.
Before I judge that these two of my images are the same, I must recognize them as being the same. And when that has happened, how will I then know that the word “same” describes my recognition? Only if I can express this recognition in other ways & another person can teach me that “same” is the right word here.
§
31v[2]Denn brauche ich eine Berechtigung dafür ein Wort zu gebrauchen, dann muß es eine auch für den Andern sein.
For if I need a warrant for using a word, then there must also be one for the other person.
§
31v[3] &32r[1]
Was ist das Kriterium der Gleichheit zweier Vorstellungen? Was ist das Kriterium der Röte einer Vorstellung? Wenn der Andre sie hat was er sagt & sonst tut – wenn ich sie habe: Gar nichts. Und was für rot gilt, gilt auch für gleich.
What is the criterion of the sameness of two images? What is the criterion of the redness of an image? If the other person has what he says & does otherwise – if I have it: nothing. And what applies to red also applies to sameness.
§
32r[2]Die private Tabelle benützen ist eine Art des Nachdenkens vergleichbar dem Zeichnen scheinbar sinnloser Figuren während des Denkens.
Using the private chart is a form of thinking comparable to drawing seemingly senseless figures while thinking.
§
32r[3] &32v[1]
Eine Figur als Variation einer andern gesehen. Man sucht in der Variation nach dem Thema. Man sieht z.B. in der Variation eine bestimmte Gliederung. Und also ist das Phänomen ähnlich dem ∣∣∣∣ als ∣ ∣∣∣ zu sehen. Aber das ist natürlich eine irreführende Beschreibung; denn ich hätte ebenso sagen können: ∣∣∣∣ als
sehen. Oder wir sagen: Wir sehen die Gruppe als 1 + 3. Nun was ist das originale Phänomen? Bei welchen Gelegenheiten zeigt es sich?
A figure is seen as a variation of another. One looks for the theme in the variation. One sees, for example, a certain structure in the variation. And thus, the phenomenon is similar to how ∣∣∣∣ is seen as ∣ ∣∣∣. But that is, of course, a misleading description, because I could equally have said: ∣∣∣∣ is seen as
. Or we say: We see the group as 1 + 3. Now, what is the original phenomenon? On what occasions does it manifest itself?
§
32v[2]Wie erkenne ich, daß dies rot ist? – Eine Antwort wäre: “Ich habe Deutsch gelernt”.
How do I recognize that this is red? – One answer would be: “I have learned German.”
§
32v[3]Wie weißt Du daß diese Worte hier passen? – Nun, ich habe sie gelernt. Und wie weiß ich wie ich diese Lehren hier anzuwenden habe?
How do you know that these words fit here? – Well, I learned them. And how do I know how to apply these teachings here?
§
32v[4] &33r[1]
“Die Lehren lassen mich im Stich; ich muß jetzt einen Sprung machen” heißt: Ein “sehen daß dies rot ist” nützt mich nichts, wenn ich doch erst noch Worte finden muß, die der Situation passen. (Ich will einen Fluß überqueren. Einer sagt: “Ich werde Dich zu einer Brücke führen.” Und er tut es. Aber der Brücke fehlt in der Mitte ein Stück so breit wie dort der Fluß war.)
“The teachings are failing me; I must now make a leap” means: “seeing that this is red” does not help me if I still have to find words that fit the situation. (I want to cross a river. One says: “I will lead you to a bridge.” And he does. But the bridge suddenly comes to an end. And now my friend says: “All you have to do now is find your way home from here.”)
§
33r[2]Aber ist es nicht richtig zu sagen: Ich sehe die Farbe & erkenne sie als rot.
But isn't it correct to say: I see the color & recognize it as red.
§
33r[3]Erkennen. – – –
Recognition. – – –
§VB
33r[4] &33v[1]
(Es ist als hätte ich mich verirrt & fragte jemand um den Weg nach Hause. Er sagt er wird mich ihn führen & geht mit mir einen schönen ebenen Weg. Der kommt plötzlich zu einem Ende. Und nun sagt mein Freund: “Alles was Du zu tun hast ist jetzt noch von hier an den Weg nach Hause finden.”)
(It is as if I had gotten lost & asked someone for the way home. He says he will lead me, & he goes with me on a nice, level path. The path suddenly comes to an end. And now my friend says: “All you have to do now is find your way home from here.”)
§
33v[2]Wenn die Worte der Situation passen, dann muß Jeder beurteilen können, ob sie passen.
If the words fit the situation, then everyone must be able to judge whether they fit.
§
33v[3]Ich sehe, daß es rot ist (ich weiß nicht wie es heißt) ich sehe welche Farbe es ist, daß es diese Farbe ist. Diese? – Welche?
I see that it is red (I don't know what it's called); I see what color it is, that it is this color. This? – Which?
§
34r[1]Ich sehe daß es diese Farbe ist, & nun weiß ich, daß die Farbe so heißt. Diese? – Welche?
I see that it is this color, & now I know that the color is called that. This? – Which?
§
34r[2]Ich sehe einen Menschen auf der Straße. Wenn ich ihn nicht erst erkenne, weiß ich nicht wie er heißt. Als was aber erkenne ich ihn? Als einen Menschen, als den, den ich dort & dort getroffen habe, oder als den der so heißt?
I see a person on the street. If I don't recognize him first, I don't know what his name is. But what do I recognize him as? As a person, as the one I met there and there, or as the one who is called that?
§
34r[3]Ich erkenne es erst als das; & nun erinnere ich mich daran, wie das – genannt wird. Bedenke: In welchen Fällen kann man das wirklich sagen?
I only recognize it as that; & now I remember how that – is called. Consider: In what cases can one really say this?
§
34v[1]Ich erkenne also es ist so. Und nun muß ich zu Worten, oder Handlungen übergehen.
So I recognize it is so. And now I must move on to words or actions.
§
34v[2] &35r[1]
Ich war (früher) in der Schwierigkeit daß eine Regel keine Handlungsweise bestimmen könnte da eine jede mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei. Die Antwort war: Ist jede mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen, dann auch zum Widerspruch. Daher verlören hier “Widerspruch” & “Übereinstimmung” ihren Sinn völlig. Denn ich wollte sagen alles sei durch irgendeine Deutung mit ihr in Übereinstimmung zu bringen, während es hätte heißen sollen alles sei durch oder trotz jeder Deutung in Übereinstimmung oder Widerspruch zu bringen. Das Mißverständnis zeigt sich darin daß wir überhaupt in diesem Gedankengang Deutung hinter Deutung setzen wodurch wir zeigen daß es für uns eine natürliche Auffassung einer Regel gibt die nicht eine Deutung ist, sondern sich von Fall zu Fall darin äußert was wir der Regel folgen & was wir ihr entgegenhandeln nennen als beruhige uns eine jede wenigstens für einen Augenblick bis wir an eine weitere ….
I was (formerly) in the difficulty that a rule could not determine a way of acting, since every action is to be brought into agreement with the rule. The answer was: If every action is to be brought into agreement with the rule, then also into contradiction. Therefore, here “contradiction” & “agreement” completely lose their sense. For I wanted to say that everything is to be brought into agreement with it by some interpretation, while it should have said that everything is to be brought into agreement or contradiction with it through or despite any interpretation. The misunderstanding shows itself in the fact that we set interpretation behind interpretation in this line of thought, whereby we show that for us there is a natural conception of a rule that is not an interpretation, but manifests itself from case to case in what we call following the rule & what we call acting contrary to it, which at least reassures us for a moment until we come to another….
§
35r[2]Das Allgemeine kann das Besondere nicht ersetzen.
The general cannot replace the particular.
§
35r[3]Warum scheinen uns dann hier die Regeln ‘im Stich zu lassen’? Daß ich aber dies sagen wollte zeigt daß ich meinte eine Deutung bestimme jedenfalls vorderhand & bis noch eine andere hinzugedacht wird eine Anwendungsmöglichkeit der Regel.
Why do the rules then seem to ‘let us down’? The fact that I wanted to say this shows that I meant that an interpretation in any case determines, at least for the time being and until another is thought of, a possibility of applying the rule.
§
35v[1]Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von einer Seite & kennst Dich aus; Du kommst von einer andern zur selben Stelle, & kennst Dich nicht mehr aus.
Language is a labyrinth of paths. You come from one side & know your way; you come from another to the same place, & you no longer know your way.
§
35v[2]Man könnte vielleicht sagen: Die Regeln lassen uns im Stich weil es keinen Übergang gibt vom Sehen, daß es so ist zum Sehen daß es rot ist.
One might perhaps say: The rules let us down because there is no transition from seeing that it is so to seeing that it is red.
§
35v[3] &36r[1]
Anderseits aber möchte ich auch so sagen: Die Regeln lassen uns hier im Stich weil es hier keine Technik, keine Institution des Gehens nach der Regel gibt. – Wir fühlen: die Regeln schweben frei im Raume.
On the other hand, I would also like to say: The rules let us down here because there is no technique, no institution of following the rule. – We feel: the rules float freely in space.
§
36r[2] &36r[3]
Kann der Übergang von Schauen zum Wort “rot” nicht unvermittelt gemacht werden, dann auch nicht über Regeln.
Der Übergang von jenem Gesehenen zu den Worten ist ein privater. Darum hängen hier die Regeln in der Luft.
If the transition from looking to the word “red” cannot be made immediately, then it cannot be made by rules either.
The transition from that seen to the words is a private one. That is why the rules hang in the air here.
§
36r[4]Niemand kann mir helfen; kann mir sagen, wie ich den Übergang zu machen habe.
No one can help me; can tell me how to make the transition.
§
36v[1]Darum beziehen sich die Worte, ‘einer Regel folgen’ auf eine Praxis die nicht durch den Schein einer Praxis ersetzt werden kann.
Therefore, the words, ‘following a rule’ refer to a practice that cannot be replaced by the semblance of a practice.
§
36v[2]Dies scheint die Logik aufzuheben; hebt sie aber nicht auf. – Eines ist die Meßmethode festlegen, ein Anderes Messungsergebnisse finden. Aber was wir “messen” nennen ist auch durch eine gewisse Konstanz der Messungsergebnisse bestimmt.
This seems to abolish logic; but it does not abolish it. – One thing is to define a method of measurement, another is to find measurement results. But what we call “measuring” is also determined by a certain constancy of the measurement results.
§
36v[3] &37r[1]
Eine Erklärung ist etwas nur zu einem bestimmten Zweck. Sie füllt eine bestimmte Lücke. Wenn ich z.B. Einem das Sprachspiel (2) erkläre, erkläre ich's dem der schon die Sprache beherrscht. Sage ihm schon daß es so, & nicht so, ist.
An explanation is something only for a certain purpose. It fills a certain gap. If, for example, I explain the language-game (2) to someone, I explain it to someone who already knows the language. I tell him that it is so, & not so.
§
37r[2]Wenn das Todesurteil dieses Menschen unterschrieben wird, so wird er hingerichtet.
If the death sentence of this person is signed, then he will be executed.
§
37r[3] &37v[1]
Eine Meinung haben ein ‘Zustand’. Man sagt jemand ist in diesem Zustand solange er auf gewisse Fragen in gewisser Weise antwortet, wenn man Grund hat zu glauben, er werde so antworten, so reagieren etc. Wenn nichts geschehen ist seine Meinung zu ändern, womit wir gewisse Ereignisse meinen auf die hin seine Reaktionen sich ändern. Es ist eine komplizierte Sache. Während er die Meinung hat gibt es Gedanken, Reaktionen, die für diese Meinung charakteristisch sind.
Having an opinion is a ‘state’. One says someone is in this state as long as he answers certain questions in a certain way, if one has reason to believe that he will answer so, so react, etc. If nothing has happened to change his opinion, which is what we mean by certain events in relation to which his reactions change. It is a complicated matter. While he has the opinion, there are thoughts, reactions that are characteristic of that opinion.
§
37v[2] &38r[1]
Ist es nicht eigentümlich daß ich nicht sollte denken können es werde bald aufhören zu regnen ohne die Existenz der Institution der Sprache & ihrer ganzen Umgebung? Willst Du sagen es ist seltsam daß Du Dir diese Worte nicht sollst sagen können & sie meinen ohne jene Umgebung?
Isn't it strange that I shouldn't be able to think that it will soon stop raining without the existence of the institution of language & its whole environment? Do you want to say that it is strange that you should not be able to say these words & have them mean without that environment?
§
38r[2]Du siehst ein Bild: es stellt einen alten Mann dar, der auf einen Stock gestützt einen steilen Weg aufwärts geht. – Und wie das? Könnte es nicht auch so aussehen, wenn der Mann in dieser Stellung die Straße hinunterrutschte? Ein Marsbewohner würde es vielleicht so beschreiben. Ich brauche nicht zu sagen, warum wir es nicht so beschreiben.
You see a picture: it depicts an old man, leaning on a cane, walking up a steep path. – And how is that? Couldn't it also look like the man is sliding down the street in that position? A Martian might describe it that way. I don't need to say why we don't describe it that way.
§
38r[3] &38v[1] &
39r[1] &
39v[1]
Sind wir nicht zu sagen geneigt: Wenn ich zum Fenster hinaussehe & sage “Es wird bald aufhören zu regnen” so meine ich diesen Satz in bestimmter Weise & er enthält alle seine Bedeutung in sich selbst. So also auch, wenn ich sage “Ich hoffe, er wird kommen” “Ich fürchte, es ist zu spät”, etc.. Wenn die Bedeutung das ist, was ich in einer Definition, z.B., erkläre & sich im Gebrauch des Worts offenbart, dann heißt es nichts zu sagen der ausgesprochene Satz habe alle seine Bedeutung in sich selber. Man könnte dann nur sagen: seine “Bedeutung” sollte man nennen, was der Satz, der Denkakt, in sich selber trägt. Und hier meint man mit Bedeutung eigentlich: das Wichtige, das – außerhalb dem Zeichen des Satzes – was ihm sein Gewicht gibt; die geistige Ladung des Satzes, die dann mit der Außenwelt wieder in einer Art abbildender Beziehung steht. Das heißt eigentlich so viel wie: In einer Betrachtung, in der uns kausale Zusammenhänge nicht interessieren, kommt es nur auf die Gegenwart an. Nun könnte man fragen: Was nennt man hier Gegenwart? – Denn der Satz ist ja ein Vorgang. Und könnte man nicht auch eine ganze Geschichte als einen Gedanken betrachten?
Aren't we inclined to say: When I look out the window and say “It will soon stop raining,” I mean this sentence in a certain way, and it contains all its meaning within itself. So too, when I say “I hope he will come,” “I fear it is too late,” etc. If meaning is what I explain in a definition, for example, and what is revealed in the use of the word, then it means nothing to say that the spoken sentence has all its meaning within itself. One could then only say: its “meaning” should be called what the sentence, the thought, carries within itself. And here, by meaning, one actually means: the important thing, which – outside the sign of the sentence – gives it its weight; the mental charge of the sentence, which then stands in a kind of depictive relationship with the external world. This actually means something like: In a consideration in which we are not interested in causal relationships, only the present matters. Now one could ask: What does one call the present here? – Because the sentence is, after all, a process. And couldn't one also consider an entire story as a thought?
§
39v[2] &40r[1]
Nehmen wir an jemand rufe beim Anblick einer Wiese aus: “Nun beckbeck falala!”. Da wir ihn fragen, was das heißt, sagt er es heiße: “Wie herrlich ist eine grüne Wiese”. Ja er erklärt uns etwa auch was die einzelnen Wörter bedeuten. Plötzlich aber wacht er gleichsam auf & sagt jener Satz sei völliger Unsinn sei ihm aber auf einmal wie der Satz einer ihm geläufigen Sprache erschienen ja wie ein wohlbekanntes Zitat. (Solche Situationen gibt's im Traume.) Was soll ich nun sagen? Hat er diesen Satz nicht verstanden ihn gemeint als er ihn sagte? Trug er nicht seine ganze Bedeutung in sich?
Let's suppose someone, upon seeing a meadow, exclaims: “Now beckbeck falala!” When we ask him what that means, he says it means: “How wonderful is a green meadow.” Yes, he explains to us what the individual words mean. But suddenly, he seems to wake up and says that this sentence is complete nonsense, but that it suddenly appeared to him like a sentence from a language he knows, yes, like a familiar quotation. (Such situations exist in dreams.) What should I say now? Did he not understand this sentence, did he not mean it when he said it? Did it not contain all its meaning within itself?
§
40r[2]Aber worin lag nun diese Bedeutung? Er sprach jenen Unsinn aus, er sprach ihn in enthusiastischer Art; später machte er eine Verbindung zwischen seinen & deutschen Wörtern. Seine Freude an der grünen Wiese war von einer Lautreihe begleitet die sich – sagen wir – so anfühlte, wie die Wörter einer vertrauten Sprache. Aber was in all dem rechtfertigt uns von einer Bedeutung dieser Laute zu reden?
But what was this meaning? He uttered this nonsense, he uttered it in an enthusiastic way; later he made a connection between his and German words. His joy at the green meadow was accompanied by a series of sounds that – let's say – felt like the words of a familiar language. But what in all of this justifies us in speaking of a meaning of these sounds?
§
40r[3] &40v[1]
Wie wenn man antwortete: Eben das, daß er sie mit dem Enthusiasmus, dem Tonfall, der Koordination von Gebärde & Laut aussprach, wie einen Ausruf unserer Sprache.
As if one were to answer: Precisely that, that he uttered them with the enthusiasm, the tone, the coordination of gesture and sound, as an exclamation from our language.
§
40v[2]Man könnte nun sagen: Ist das alles was Bedeutung ist, dann ist sie etwas sehr unwichtiges. Aber muß man den Gesang eines Vogels bedeutungslos nennen? Können uns nicht Laute viel bedeuten auch wenn sie keine Sprache bilden?
One could now say: If this is all that meaning is, then it is something very insignificant. But must one call the song of a bird meaningless? Can sounds not mean a lot to us, even if they do not form a language?
§
40v[3]So sind die Worte “Möchte er doch kommen!” mit meinem Wunsch geladen. Und Worte können sich uns entringen, wie ein Schrei. Und Worte …
Thus, the words “I wish he would come!” are laden with my wish. And words can escape from us, like a cry. And words …