Ts-229

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1139 published remarks, RPP I
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§RPP I

186[1] &
187[1]

699 Überlegen wir uns, was man über ein Phänomen wie dieses sagt: Die Figur 🖵 einmal als ein F, einmal als das Spiegelbild eines F sehen. Ich will fragen: worin besteht es, die Figur einmal so, einmal anders sehen? – Sehe ich wirklich jedesmal etwas anderes; oder deute ich nur, was ich sehe, auf verschiedene Weise? – Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum? Nun, Deuten ist eine Handlung. Es kann z.B. darin bestehen, daß Einer sagt “Das soll ein F sein”; oder daß er's nicht sagt, aber das Zeichen beim Kopieren durch ein F ersetzt; oder sich überlegt: “Was mag das wohl sein? Es wird ein F sein, das dem Schreiber mißglückt ist.” – Sehen ist keine Handlung, sondern ein Zustand. (Grammatische Bemerkung.) Und wenn ich die Figur nie für etwas anderes als ein “F” gehalten, mir nie überlegt habe, was es wohl sein mag, so wird man sagen, ich sehe sie als F; wenn man nämlich weiß, daß sie sich auch anders sehen läßt. Wie ist man denn überhaupt zu dem Begriff des ‘das als das sehen’ gekommen? Bei welchen Gelegenheiten zeigt er sich, ist für ihn ein Bedürfnis? (Sehr häufig, wenn wir über ein Kunstwerk reden.) Dort, z.B., wo es sich um ein Phrasieren durchs Aug oder Ohr handelt. Wir sagen “Du mußt diese Takte als Einleitung hören”, “Du mußt nach dieser Tonart hinhören”, aber auch “Ich höre das französische ‘ne … pas’ als zweiteilige Verneinung, nicht als ‘nicht ein Schritt’” etc. Ist es nun ein wirkliches Sehen oder Hören? Nun: so nennen wir es; mit diesen Worten reagieren wir in bestimmten Situationen. Und auf diese Worte reagieren wir wieder durch bestimmte Handlungen.

699 Let us consider what one can say about a phenomenon such as this: seeing the figure 🖵 sometimes as an F, sometimes as the mirror image of an F. I want to ask: what is it that constitutes seeing the figure one way and another way? – Do I really see something different each time; or do I merely interpret what I see in different ways? – I am inclined to say the former. But why? Well, interpreting is an action. It may consist, for example, in someone saying “This is meant to be an F”; or in not saying it, but replacing the sign with an F when copying; or in thinking: “What could it be? It will be an F that the writer botched.” – Seeing is not an action, but a state (grammatical observation). And if I have never considered the figure to be anything other than an “F,” and have never wondered what it might be, then one will say that I see it as an F; namely, because one knows that it can also be seen differently. How did one come up with the concept of ‘seeing this as that’ in the first place? In what situations does it manifest itself, and when is it a necessity? (Very often, when we talk about a work of art.) There, for example, where it is a matter of phrasing through the eye or the ear. We say “You must hear these measures as an introduction,” “You must listen for this key,” but also “I hear the French ‘ne… pas’ as a two-part negation, not as ‘not a step’” etc. Is it really seeing or hearing? Well: that is what we call it; with these words we react in certain situations. And we react to these words again through certain actions.

§RPP I

187[2]

670 Ist es Introspektion, was mich lehrt, ob ich's mit einem echten Sehen zu tun habe, oder doch mit einem Deuten? Zuerst einmal muß ich mir klar darüber werden, was ich denn ein Deuten nennen würde; woran sich erkennen läßt, ob etwas ein Deuten oder ein Sehen sei. (Einer Deutung entsprechend sehen.)

670 Is it introspection that teaches me whether I am dealing with genuine seeing or with interpreting? First of all, I must be clear about what I would call interpreting; what distinguishes it from seeing. (Seeing in accordance with an interpretation.)

§RPP I

187[3]

671 Ich möchte sagen: “Ich sehe die Figur als das Spiegelbild eines F” sei nur eine indirekte Beschreibung meiner Erfahrung. Es gebe eine direkte; nämlich: Ich sehe die Figur so (wobei ich für mich auf meinen Gesichtseindruck deute). Woher hier diese Versuchung? – Es gibt da ein wichtiges Faktum, nämlich dies, daß wir bereit sind, eine Anzahl verschiedener Beschreibungen unsres Gesichtseindrucks gelten zu lassen; z.B.: “Die Figur schaut jetzt nach rechts, jetzt nach links.”

671 I would like to say: “I see the figure as the mirror image of an F” is only an indirect description of my experience. There is a direct one; namely: I see the figure like this (whereby I interpret my visual impression for myself). Where does this temptation come from? – There is an important fact here, namely that we are willing to accept a number of different descriptions of our visual impression; for example: “The figure looks to the right now, to the left now.”

§RPP I

187[4]

672 Denke, wir fragten jemand: Welche Ähnlichkeit besteht zwischen dieser Figur und einem F? Nun antwortet Einer “Die Figur ist ein umgekehrtes F”, ein Andrer “Sie ist ein F mit zu langen Anstrichen”. Sollen wir sagen “Die beiden sehen die Figur verschieden”?

672 Suppose we ask someone: What similarity is there between this figure and an F? Now one person replies, “The figure is an inverted F,” another replies, “It is an F with strokes that are too long.” Should we say “The two people see the figure differently”?

§RPP I

187[5] &
188[1]

673 Sehe ich die Figur nicht einmal so, einmal anders, auch wenn ich nicht mit Worten oder durch andere Zeichen reagiere? Aber “einmal so”, “einmal anders” sind ja Worte, und mit welchem Recht gebrauche ich sie hier? Kann ich dir, oder mir selbst, mein Recht erweisen? (Es sei denn durch eine andere Reaktion.) Aber ich weiß doch, daß es zwei Eindrücke sind, auch wenn ich's nicht sage! Aber wie weiß ich, daß, was ich dann sage, das ist, was ich wußte?

673 Do I not see the figure one way, another way, even if I do not react with words or through other signs? But “one way,” “another way” are words, and by what right do I use them here? Can I prove my right to you, or to myself? (Unless by another reaction.) But I do know that there are two impressions, even if I don’t say so! But how do I know that what I say is what I knew?

§RPP I

188[2]

674 Das vertraute Gesicht eines Wortes; die Empfindung, es sei gleichsam ein Bild seiner Bedeutung; es habe seine Bedeutung gleichsam in sich aufgenommen – es kann eine Sprache geben, der das alles fremd ist. Und wie drücken sich diese Empfindungen bei uns aus? Darin, wie wir Worte wählen und schätzen.

674 The familiar face of a word; the feeling that it is as if a picture of its meaning; it has as if absorbed its meaning within itself – there can be a language in which all this is foreign. And how are these feelings expressed in us? In how we choose and value words.

§RPP I

188[3]

675 Die Fälle, in denen wir mit Recht sagen, wir deuten, was wir sehen, als das und das, sind leicht zu charakterisieren.

675 The cases in which we can rightly say that we interpret what we see as this or that are easily characterized.

§RPP I

188[4] &
189[1]

676 Wenn wir deuten, stellen wir eine Vermutung an, sprechen eine Hypothese aus, die sich nachträglich als falsch erweisen kann. Sagen wir “Ich sehe diese Figur als ein F”, so kann das so wenig verifiziert oder falsifiziert werden, wie der Satz “Ich sehe ein leuchtendes Rot”. Hier besteht also eine Ähnlichkeit der Verwendungen des Wortes “sehen” im einen und im andern Zusammenhang. (Nicht eine Ähnlichkeit, die Introspektion uns zeigt.)

676 When we interpret, we make an assumption, express a hypothesis that may subsequently turn out to be false. If we say, “I see this figure as an F,” this can be verified or falsified as little as the sentence, “I see a bright red.” Thus, there is a similarity in the uses of the word “see” in these two contexts. (Not a similarity that introspection reveals.)

§RPP I

189[2]

677 An verschieden Stellen eines Buches, eines Lehrbuchs der Physik etwa, sehen wir die Illustration 🖵. Im dazugehörigen Text wird einmal von einem Glaswürfel geredet, einmal von einem Drahtgestell, einmal von einer umgestülpten offenen Kiste, einmal von drei Brettchen, die ein räumliches Eck bilden. Der Text deutet jedesmal die Illustration. Aber wir können auch sagen, daß wir die Illustration einmal als das eine, einmal als das andere Ding sehen. – Wie merkwürdig nun, daß wir die Worte der Deutung auch zur Beschreibung des unmittelbar Wahrgenommenen verwenden können! Da möchten wir zuerst so antworten: Jene Beschreibung der unmittelbaren Erfahrung mittels einer Deutung ist nur eine indirekte Beschreibung. Die Wahrheit ist die: Wir können die Figur einmal die Deutung A, einmal die Deutung B, einmal die Deutung C geben; und es gibt nun auch drei direkte Erfahrungen – Weisen des Sehens der Figur – A', B', C', so daß A' der Deutung A, B' der Deutung B, C' der Deutung C günstig ist. Daher gebrauchen wir die Deutung A als Beschreibung der ihr günstigen Weise des Sehens.

677 In various places in a book, perhaps a physics textbook, we see the illustration 🖵. In the accompanying text, it speaks at one point of a glass cube, at another of a wire frame, at another of an overturned open box, at another of three small boards forming a spatial corner. The text interprets the illustration each time. But we can also say that we see the illustration once as this thing, once as that thing. – How remarkable that we can also use the words of the interpretation to describe the immediately perceived! We would first like to answer as follows: This description of the immediate experience by means of an interpretation is only an indirect description. The truth is: we can give the figure once the interpretation A, once the interpretation B, once the interpretation C; and there are now also three direct experiences – ways of seeing the figure – A', B', C', so that A' is favorable to the interpretation A, B' to the interpretation B, C' to the interpretation C. Therefore, we use the interpretation A as a description of the way of seeing that is favorable to it.

§RPP I

189[3]

678 Aber was heißt es, die Erfahrung A' sei der Deutung A günstig? Welches ist die Erfahrung A'? Wie identifiziert man sie denn?

678 But what does it mean to say that experience A' is favorable to interpretation A? What is experience A'? How does one identify it?

§RPP I

189[4]

679 Nehmen wir an, jemand mache die folgende Entdeckung. Er untersucht die Vorgänge in der Retina der Menschen, die die Figur einmal als Glaswürfel, einmal als Drahtgestell sehen, etc. und er findet, daß diese Vorgänge ähnlich denjenigen sind, welche er beobachtet, wenn das Subjekt einmal einen Glaswürfel anschaut, einmal ein Drahtgestell u.s.f.. [→ ]

679 Let us assume that someone makes the following discovery. He investigates the processes in the retinas of people who see the figure once as a glass cube, once as a wire frame, etc., and he finds that these processes are similar to those he observes when the subject looks at a glass cube, or a wire frame, etc. [→ ]

§RPP I

190[1]

So eine Entdeckung würde man geneigt sein, als Beweis dafür zu betrachten, daß wir die Figur wirklich jedesmal anders sehen. Aber mit welchem Recht? Wie kann denn das Experiment etwas über die Natur der unmittelbaren Erfahrung aussagen? – Es reiht sie in eine bestimmte Klasse von Phänomenen ein.

One would be inclined to regard such a discovery as proof that we really see the figure differently each time. But on what grounds? How can the experiment say anything about the nature of immediate experience? – It arranges it in a certain class of phenomena.

§RPP I

190[2]

680 Wie identifiziert man die Erfahrung A'? Wie kommt es, daß ich überhaupt von dieser Erfahrung weiß? Wie lehrt man jemand den Ausdruck dieser Erfahrung “Ich sehe die Figur jetzt als Drahtgestell”? Viele haben das Wort “sehen” gelernt und nie einen derartigen Gebrauch von ihm gemacht. Wenn ich nun so einem unsre Figur zeige und ihm sage “Jetzt versuch einmal, sie als Drahtgestell zu sehen!” –muß er mich verstehen? Wie, wenn er sagt: “Meinst du etwas anderes als, ich soll dem Text des Buchs, der von einem Drahtgestell redet, an der Hand der Figur folgen?” Und wenn er mich nun nicht versteht, was kann ich machen? Und wenn er mich versteht, wie äußert sich das? Nicht eben dadurch, daß auch er sagt, er sehe jetzt die Figur als Drahtgestell?

680 How does one identify experience A'? How is it that I know about this experience at all? How does one teach someone the expression of this experience, “I now see the figure as a wire frame”? Many have learned the word “see” and never made such a use of it. If I now show this figure to such a person and say, “Now try to see it as a wire frame!” – must he understand me? How, if he says, “Do you mean something other than that I should follow the figure, guided by the text of the book that speaks of a wire frame?” And if he does not understand me, what can I do? And if he understands me, how is that expressed? Not precisely by him saying that he now sees the figure as a wire frame?

§RPP I

190[3]

681 Es ist also die Neigung, jenen Wortausdruck zu gebrauchen, eine charakteristische Äußerung des Erlebnisses. (Und eine Äußerung ist kein Symptom.)

681 It is therefore the tendency to use that word expression that is a characteristic manifestation of the experience. (And a manifestation is not a symptom.)

§RPP I

190[4]

682 Gibt es noch andere Äußerungen dieses Erlebnisses? Wäre nicht dieser Vorgang denkbar: Ich lege Einem ein Drahtgestell, einen Glaswürfel, eine Kiste, etc. vor und frage ihn “Welches dieser Dinge stellt die Figur dar?” Er antwortet “Das Drahtgestell”.

682 Are there other manifestations of this experience? Would not this process be conceivable: I present a wire frame, a glass cube, a box, etc., to someone and ask him, “Which of these things does the figure represent?” He answers, “The wire frame.”

§RPP I

190[5] &
191[1]

683 Sollen wir nun sagen, er habe die Figur als Drahtgestell gesehen, – obwohl er die Erfahrung, sie einmal als das, einmal als etwas andres zu sehen, nicht hatte?

683 Shall we then say that he has seen the figure as a wire frame – even though he did not have the experience of seeing it once as this, once as something else?

§RPP I

191[2]

684 Denken wir, es fragte jemand: “Sehen wir alle ein Druck-F auf die gleiche Weise?” Nun, man könnte folgenden Versuch machen: Wir zeigen verschiedenen Leuten ein F und stellen die Frage “Wohin schaut ein F, nach rechts oder nach links?” Oder wir fragen: “Wenn du ein F mit einem Gesicht im Profil vergleichen solltest, wo wäre vorne, wo hinten?” Mancher aber würde diese Fragen vielleicht nicht verstehen. Sie sind analog Fragen der Art: “Welche Farbe hat für dich der Laut a?” oder “Kommt dir a gelb oder weiß vor?” etc. Wenn Einer diese Frage nicht verstünde, wenn er erklärte, sie sei Unsinn, – könnten wir sagen, er verstehe nicht Deutsch, oder nicht die Bedeutungen der Wörter “Farbe”, “Laut”, etc.? Im Gegenteil: Wenn er diese Worte verstehen gelernt hat, dann kann er auf jene Fragen ‘mit Verständnis’ oder ‘ohne Verständnis’ reagieren.

684 Let us suppose someone asked: “Do we all see a printed ‘F’ in the same way?” Well, one could conduct the following experiment: We show different people an F and ask the question: “Which way does the F face, to the right or to the left?” Or we ask: “If you were to compare an F with a face in profile, where would the front be, and where would the back be?” But some people might not understand these questions. They are analogous to questions of the type: “What color does the sound ‘a’ have for you?” or “Does ‘a’ seem yellow or white to you?” etc. If someone did not understand this question, if he declared that it was nonsense, could we say that he does not understand German, or not the meaning of the words “color,” “sound,” etc.? On the contrary: if he has learned to understand these words, then he can react to these questions ‘with understanding’ or ‘without understanding’.

§RPP I

191[3]

685 “Sehen wir Alle ein F auf die gleiche Weise?” – Das heißt noch gar nichts, solange nicht festgestellt ist, wie wir erfahren, ‘auf welche Weise’ Einer es sieht. Aber wenn ich nun z.B. auch sage “Für mich schaut ein F nach rechts und ein J nach links”, – darf ich sagen: wenn immer ich ein F sehe, schaue es in dieser, oder in irgend einer Richtung? Welchen Grund hätte ich, so etwas zu sagen?!

685 “Do we all see an F in the same way?” – This does not mean anything yet, as long as it is not established how we experience ‘in what way’ one sees it. But if I now say, for example, “For me, an F faces to the right and a J to the left,” – am I allowed to say: whenever I see an F, does it face in this, or in some direction? What reason would I have to say such a thing?!

§RPP I

191[4] &
192[1]

686 Nehmen wir an, die Frage wäre nie gestellt worden “In welcher Richtung schaut ein F?” – sondern nur die: “Wenn du einem F und einem J ein Aug und eine Nase malen solltest, würde es nach rechts oder nach links schaun?” Dies wäre doch auch eine psychologische Frage. Und in ihr wäre von einem ‘so, oder anders, sehen’ nicht die Rede. Wohl aber von einer Neigung, das eine, oder andere zu tun.

686 Let’s suppose the question had never been asked: “In which direction does an F look?” – but only this: “If you were to paint an eye & a nose on an F & a J, would it look to the right or to the left?” This, too, would be a psychological question. And in it, there would be no talk of ‘seeing’ something in one way or another. Rather, it would be about a tendency to do one thing or the other.

§RPP I

192[2]

687 Eine Verwendung des Begriffs ‘in dieser Richtung schauen’ ist z.B. die: Man sagt etwa einem Architekten “Mit dieser Verteilung der Fenster schaut die Fassade dorthin”. Ähnlich verwendet man den Ausdruck: “Dieser Arm unterbricht die Bewegung der Skulptur” oder “Die Bewegung sollte so verlaufen” (dabei macht man etwa eine Geste).

687 An example of the use of the phrase ‘looking in this direction’ is as follows: One might say to an architect, “With this arrangement of windows, the façade looks that way.” Similarly, one uses the expression: “This arm interrupts the movement of the sculpture” or “The movement should proceed in this way” (while perhaps making a gesture).

§RPP I

192[3]

688 Die Frage, ob es sich um ein Sehen oder ein Deuten handelt, entsteht dadurch, daß eine Deutung Ausdruck der Erfahrung wird. Und die Deutung ist nicht eine indirekte Beschreibung, sondern ihr primärer Ausdruck.

688 The question of whether it is a case of seeing or interpreting arises from the fact that an interpretation becomes an expression of experience. And the interpretation is not an indirect description, but its primary expression.

§RPP I

192[4]

689 Warum aber sehen wir das nicht sogleich, sondern denken, es müßte hier einen unmittelbaren Ausdruck geben, und das Phänomen sei nur zu ungreifbar, nicht recht zu beschreiben, und wir müssen jedenfalls zur Verständigung mit Andern zur indirekten Darstellung greifen? Wir sagen uns: Es ist unmöglich, daß wir, ohne in der Phantasie der Figur hinzuzufügen, ein Erlebnis haben, das wesentlich mit Dingen zusammenhängt, die ganz außerhalb der Sphäre der unmittelbaren Wahrnehmung sind. Man könnte z.B. sagen: “Du behauptest, du siehst die Figur als Drahtgestell. Weißt du vielleicht auch, ob es Kupferdraht oder Eisendraht ist? Und warum soll es dann Draht sein? – Das zeigt, daß das Wort “Draht” wirklich nicht unbedingt zur Beschreibung des Erlebnisses gehört.

689 But why do we not see this immediately, but think that there must be an immediate expression here, and that the phenomenon is too elusive, not quite describable, and that we must in any case resort to indirect representation in order to communicate with others? We tell ourselves: It is impossible that we, without adding to the fantasy of the figure, have an experience that is essentially related to things that are entirely outside the sphere of immediate perception. One could, for example, say: “You claim that you see the figure as a wire frame. Do you perhaps also know whether it is copper wire or iron wire? And why should it then be wire?” – This shows that the word “wire” does not necessarily belong to the description of the experience.

§RPP I

192[5] &
193[1]

690 Denken wir uns aber nun diese Art von Erklärung: Wenn man beim Essen die Nase zuhält, verlieren die Speisen jeden Geschmack, außer den der Süße, Bitterkeit, Salzigkeit und Säure. Also, wollen wir einmal sagen, besteht der besondere Geschmack, des Brotes z.B., aus diesem ‘Geschmack’ im engern Sinne und dem Aroma, das eben verloren geht, wenn wir nicht durch die Nase atmen. Warum soll es nun beim Sehen von etwas als etwas nicht ähnlich zugehen. Etwa so: Das Auge unterscheidet nicht die Figur als Drahtgestell von der Figur als Kiste, u.s.w. Das ist sozusagen das Aroma, welches das Gehirn dem Gesehenen hinzufügt. Dagegen unterscheidet auch das Auge verschiedene Aspekte: es phrasiert quasi das Gesichtsbild; und eine Phrasierung ist einer Deutung, die andre der andern gemäßer. (Erfahrungsmäßig gemäßer.) Denk z.B. an gewisse unwillkürliche Deutungen, die wir der einen oder andern Stelle eines Musikstücks geben. Wir sagen: diese Deutung drängt sich uns auf. (Das ist doch ein Erlebnis.) Und die Deutung kann aus gewissen rein musikalischen Beziehungen erklärt werden. – Wohl, aber wir wollen ja nicht erklären, sondern beschreiben.

690 Let us now consider this kind of explanation: If one holds one’s nose while eating, food loses all taste except for sweetness, bitterness, saltiness, and sourness. So, let us say that the particular taste of bread, for example, consists of this ‘taste’ in the narrower sense and the aroma, which is precisely what is lost when we do not breathe through our nose. Why should it not be similar when it comes to seeing something as something? For example: The eye does not distinguish between the figure as a wireframe and the figure as a box, etc. That is, in a sense, the aroma that the brain adds to what is seen. In contrast, the eye also distinguishes between different aspects: it, as it were, phrases the visual image; and one phrasing is one interpretation, the other more appropriate to the other. (Empirically more appropriate.) Think, for example, of certain involuntary interpretations that we give to one or another part of a piece of music. We say: this interpretation forces itself upon us. (This is indeed an experience.) And the interpretation can be explained by certain purely musical relationships. – Yes, but we do not want to explain, but rather describe.

§RPP I

193[2]

691 Sieh das Dreieck so, daß c die Basis und C die Spitze ist; und jetzt so, daß b die Basis und B die Spitze ist. – Was tust du? – Vor allem: – Weißt du, was du tust? Nein. “Nun, vielleicht ist es der Blick, der erst auf der ‘Basis’ haftet, dann zur ‘Spitze’ geht.” Aber kannst du sagen, daß in einem anderen Zusammenhang der Blick nicht ganz ebenso wandern könnte, ohne daß du das Dreieck in dieser Weise gesehen hast? Mach auch diesen Versuch. Sieh das Dreieck so, daß es (wie eine Pfeilspitze) einmal in der Richtung A, einmal in der Richtung B zeigt.

691 Look at the triangle so that c is the base and C is the apex; and now look at it so that b is the base and B is the apex. – What are you doing? – Above all: – Do you know what you are doing? No. “Well, perhaps it is the gaze that first fixes on the ‘base’ and then goes to the ‘apex’.” But can you say that in another context, the gaze could not move in exactly the same way, without you having seen the triangle in this way? Try this too. Look at the triangle so that it (like an arrow tip) points once in the direction A, once in the direction B.

§RPP I

193[3] &
194[1]

692 Von wem sagt man, er sehe das Dreieck als Pfeil, der nach rechts zeigt? Von dem, der es einfach als einen solchen Pfeil zu gebrauchen gelernt und es immer so gebraucht hat? Nein. Daß heißt natürlich nicht, man sage von so einem, er sehe es anders, oder wir wüßten nicht, wie er es sehe. Es ist hier von einem so oder anders sehen noch nicht die Rede. – Wie ist es aber in einem Fall, in welchem ich den Andern korrigiere und sage “Was dort steht, ist nicht ein Pfeil, der nach rechts zeigt, sondern einer, der nach oben zeigt”, und nun setze ich ihm eine praktische Folge dieser Deutung auseinander. Er sagt nun: “Ich habe das Dreieck immer als Pfeil nach rechts aufgefaßt.” – Ist hier von einem Sehen die Rede? Nein; denn es kann ja heißen “Ich bin, wenn ich diesem Zeichen begegnet bin, ihm immer so gefolgt.” Wer das sagt, müßte die Frage “Aber hast du es als Pfeil nach rechts gesehen?” gar nicht verstehen.

692 Of whom does one say that he sees the triangle as an arrow pointing to the right? Of the one who has simply learned to use it as such an arrow and has always used it in that way? No. This does not mean, of course, that one says of such a person that he sees it differently, or that we would not know how he sees it. Here, it is not yet a question of seeing it in one way or another. – But what about a case in which I correct the other and say, “What is there is not an arrow pointing to the right, but one pointing upwards,” and now I explain to him the practical consequence of this interpretation. He says now: “I have always understood the triangle as an arrow pointing to the right.” – Is this a question of seeing? No; because it could also mean “When I encountered this sign, I always followed it in this way.” Whoever says this would not even understand the question, “But did you see it as an arrow pointing to the right?”

§RPP I

194[2]

693 Wir sagen von dem, er sehe das Dreieck einmal so, einmal so, der dies von sich aussagt, der diese Worte mit dem Zeichen des Verständnisses ausspricht, oder hört; aber auch von dem, der etwa sagt “Jetzt zeigt das Dreieck in dieser Richtung, früher hat es in der andern gezeigt”, und der nun auf die Frage, ob das Dreieck seine Form oder Lage geändert habe, antwortet: so sei es nicht. U.s.w.

693 We say of the one who sees the triangle now in one way, now in another, who utters or hears these words with the sign of understanding; but also of the one who perhaps says, “Now the triangle is pointing in this direction, earlier it was pointing in the other direction,” and who, when asked whether the triangle has changed its shape or position, answers: no, it has not. Etc.

§RPP I

194[3]

694 Betrachten wir den Fall des Bildes der gegen einander rotierenden Räder. Erstens kann ich die Bewegung im Bild wieder als eine oder die andere sehen. Zweitens kann ich sie auch für die eine oder die andere halten.

694 Let us consider the case of the image of the wheels rotating against each other. First, I can see the movement in the image as one or the other. Second, I can also take it to be one or the other.

§RPP I

194[4] &
195[1]

695 Das etwas seltsame Phänomen des so oder anders Sehens erscheint doch erst, wenn Einer erkennt, daß das Gesichtsbild in einem Sinne gleichbleibt, und etwas anderes, was man “Auffassung” nennen möchte, sich ändern kann. Halte ich das Bild für dies oder das, sagen wir für zwei gegen einander laufende Räder, so ist doch damit von der Teilung des Eindrucks in Gesichtsbild und Auffassung noch keine Rede. – Soll ich also sagen, die Trennung ist das Phänomen, das mich interessiert? Oder fragen wir so: Welche Reaktion interessiert mich? Die, welche zeigt, daß Einer eine Schale für eine Schale hält (also auch die, daß er eine Schale für etwas anderes hält)? Oder die, daß er einen Wechsel beobachtet und zugleich doch, daß sich am Gesichtsbild nichts geändert hat?

695 The somewhat odd phenomenon of seeing something one way or another only appears when one recognizes that the visual image in one sense remains the same, and something else, which one might call “perception,” can change. If I consider the image to be this or that, let’s say two wheels running in opposite directions, then this does not yet involve any division of the impression into visual image and perception. – Should I therefore say that the separation is the phenomenon that interests me? Or should we ask this: Which reaction interests me? The one that shows that one considers a bowl to be a bowl (and therefore also that one considers a bowl to be something else)? Or the one that shows that one observes a change and at the same time sees that nothing has changed in the visual image?

§RPP I

195[2]

696 Es ist auch möglich, daß ich sage: “Ich habe das immer für eine Schale gehalten; jetzt sehe ich, daß es keine ist” – ohne daß ich mir eines Wechsels des ‘Aspekts’ bewußt bin. Ich meine einfach: ich sehe jetzt etwas anderes, habe jetzt einen anderen Gesichtseindruck. Nehmen wir an, Einer zeigte mir etwas und fragt, was das sei. Ich sage “Es ist ein Würfel”. Darauf er: “Also so siehst du es.” – Müßte ich diese Worte anders verstehen als so: “Also dafür hältst du es”?

696 It is also possible that I say: “I always took this to be a bowl; now I see that it is not” – without being conscious of a change in the ‘aspect’. I simply mean: I now see something different, I now have a different visual impression. Suppose someone shows me something and asks what it is. I say, “It is a cube.” Then he says: “So, that is how you see it.” – Should I understand these words differently than as: “So, that is what you take it to be”?

§RPP I

195[3]

697 Ich bin mir, wenn ich die Gegenstände um mich her betrachte, nicht bewußt, daß es so etwas wie eine visuelle Auffassung gibt.

697 When I look at the objects around me, I am not conscious of the fact that there is such a thing as visual interpretation.

§RPP I

195[4]

698 “Ich sehe diese Figur als räumliches Eck”: warum nimmst du es nicht einfach als wahr hin, – wenn er nämlich Deutsch kann und glaubwürdig ist? – Ich zweifle nicht daran, daß es die Wahrheit ist. Aber, was er sagte, ist ein zeitlicher Satz. Nicht einer über das Wesen dieses Phänomens; sondern, der sagt: das habe stattgefunden.

698 “I see this figure as a spatial corner”: why don’t you simply take it as true – if he can speak German and is credible? – I have no doubt that it is the truth. But what he said is a temporal sentence. Not one about the nature of this phenomenon; but one that says: this has taken place.

§RPP I

196[1]

699 Die Äußerung des Erlebnisses ist: “Ich sehe das jetzt als Pyramide; jetzt als Quadrat mit den Diagonalen.” – Was ist nun das ‘das’, welches ich einmal so, einmal so sehe? Ist es die Zeichnung? Und wie weiß ich, daß es beidemale dieselbe Zeichnung ist? Weiß ich es nur, oder sehe ich's auch? – Wie wäre es, wenn nachgewiesen würde, die Zeichnung habe sich immer ein wenig geändert, wenn man sie als etwas anderes sieht; oder das Gesichtsbild sei dann ein wenig anders. Es sehe, z.B., dann eine Linie und ein weniges stärker, oder dünner aus, als früher.

699 The expression of the experience is: “I now see it as a pyramid; now as a square with its diagonals.” – What, then, is the ‘it’ that I see sometimes in one way, sometimes in another? Is it the drawing? And how do I know that it is the same drawing both times? Do I only know it, or do I also see it? – What if it were shown that the drawing always changes a little when one sees it as something else; or that the visual image is then a little different. It looks, for example, then like a line and a little thicker, or thinner than before.

§RPP I

196[2]

700 Soll ich sagen, die verschiedenen Aspekte der Figur seien Assoziationen? Und was hilft es mir?

700 Should I say that the different aspects of the figure are associations? And what does that help me?

§RPP I

196[3]

701 Es scheint sich hier etwas am Gesichtsbild der Figur zu ändern; und ändert sich doch wieder nichts. Und ich kann nicht sagen “Es fällt mir immer wieder eine neue Deutung ein”. Ja, es ist wohl das, aber sie verkörpert sich auch gleich im Gesehenen. Es fällt mir immer wieder ein neuer Aspekt der Zeichnung ein – die ich gleichbleiben sehe. Es ist, als ob ihr immer wieder ein neues Kleid angezogen würde, und als ob doch jedes Kleid wieder gleich sei dem andern. Man könnte auch sagen: “Ich deute die Figur nicht nur, sondern ich ziehe ihr auch die Deutung an.”

701 It seems that something is changing in the visual image of the figure; and yet nothing is changing. And I cannot say, “A new interpretation always occurs to me.” Yes, that is probably it, but it also immediately embodies itself in what is seen. A new aspect of the drawing always occurs to me – which I see as remaining the same. It is as if it is always being given a new dress, and yet every dress is still the same as the other. One could also say: “I do not only interpret the figure, but I also put on the interpretation.”

§RPP I

197[1]

702 Ich sage mir: “Was ist das? Was sagt nur diese Phrase? Was drückt sie nur aus?” – Es ist mir, als müßte es noch ein viel klareres Verstehen von ihr geben, als das, was ich habe. Und dieses Verstehen würde dadurch erreicht, daß man eine Menge über die Umgebung der Phrase sagt. So als wollte man eine ausdrucksvolle Geste in einer Zeremonie verstehen. Und zur Erklärung müßte ich die Zeremonie gleichsam analysieren. Z.B. sie abändern und zeigen, wie das die Rolle jener Geste beeinflussen würde.

702 I say to myself: “What is that? What does this phrase mean? What does it express?” – It seems to me that there must be a much clearer understanding of it than the one I have. And this understanding would be achieved by saying a lot about the environment of the phrase. As if one wanted to understand an expressive gesture in a ceremony. And to explain it, I would have to analyze the ceremony, as it were, and show how it would influence the role of that gesture.

§RPP I

197[2]

703 Ich könnte auch sagen: Mir ist, als müßte es zu diesem musikalischen Ausdruck Parallelen auf anderen Gebieten geben.

703 I could also say: It seems to me that there must be parallels on other areas to this musical expression.

§RPP I

197[3]

704 Die Frage ist eigentlich: Sind diese Töne nicht der beste Ausdruck für das, was hier ausgedrückt ist? Wohl. Aber das heißt nicht, daß sie nicht durch ein Bearbeiten ihrer Umgebung zu erklären sind.

704 The question is actually: Are these tones not the best expression for what is expressed here? Probably. But that does not mean that they cannot be explained by a modification of their environment.

§RPP I

197[4]

705 Ist es ein Widerspruch, wenn ich sage: “Dies ist schön und dies ist nicht schön” (wobei ich auf verschiedene Gegenstände zeige)? Und soll man sagen, es sei kein Widerspruch, weil die beiden Wörter “dies” verschiedenes bedeuten? Nein; die beiden “dies” haben die gleiche Bedeutung. “heute” hat heute die gleiche Bedeutung, wie es gestern hatte, “hier” die gleiche Bedeutung hier und dort. Es ist hier nicht wie im Satz “Herr Weiß wurde weiß”. “Dies ist schön und dies ist nicht schön” ist ein Widerspruch, aber er hat eine Verwendung.

705 Is it a contradiction if I say: “This is beautiful and this is not beautiful” (while pointing to different objects)? And should one say that it is not a contradiction because the two words “this” have different meanings? No; the two “this” have the same meaning. “today” has the same meaning today as it had yesterday, “here” the same meaning here and there. It is not like in the sentence “Mr. White became white.” “This is beautiful and this is not beautiful” is a contradiction, but it has a use.

§RPP I

197[5]

706 Das Grundübel der Russellschen Logik sowie auch der meinen in der L. Ph. Abh. ist, daß, was ein Satz ist, mit ein paar gemeinplätzigen Beispielen illustriert, und dann als allgemein verstanden vorausgesetzt wird.

706 The fundamental problem of Russellian logic, as well as my own in the Tractatus Logico-Philosophicus, is that what a sentence is is illustrated with a few commonplace examples, and then it is assumed to be understood in a general way.

§RPP I

198[1]

707 Aber ist es nicht klar, daß die beiden “dies” verschiedene Bedeutungen haben, da ich sie doch durch verschiedene Eigennamen ersetzen kann? – Ersetzen? “Dies” heißt ja nicht einmal A, das andere mal B. – Freilich nicht allein; aber zusammen mit der zeigenden Gebärde. – Wohl; aber das sagt nur, daß ein Zeichen, bestehend aus dem Wort “dies” und einer Gebärde, eine andere Bedeutung hat, als ein Zeichen, bestehend aus “dies” und einer anderen Gebärde. Aber das ist ja bloße Wortklauberei: Du sagst ja also, daß Dein Satz “Dies ist schön und dies ist nicht schön” kein vollständiger Satz ist, weil zu den Worten hier noch Gebärden gehören. – Aber warum ist es dann kein vollständiger Satz? Es ist ein Satz einer andern Art als etwa “Die Sonne geht auf”, die Art seiner Verwendung ist sehr verschieden. Aber solche Verschiedenheiten gibt es eben in Hülle und Fülle im Reich der Sätze.

707 But is it not clear that the two “this” have different meanings, since I can replace them with different proper names? – Replace? “This” does not even mean A one time and B the other time. – Certainly not only that; but together with the pointing gesture. – True; but that only says that a sign, consisting of the word “this” and a gesture, has a different meaning than a sign, consisting of “this” and another gesture. But that is just mere quibbling: You are saying that your sentence “This is beautiful and this is not beautiful” is not a complete sentence because gestures also belong to the words here. – But why is it then not a complete sentence? It is a sentence of a different kind than, for example, “The sun rises,” the kind of its use is very different. But there are precisely countless such differences in the realm of sentences.

§RPP I

198[2]

708 “A. Schweitzer ist kein Schweizer.” Wenn ich das sage, meine ich das erste S. als Eigenname, das zweite als Gattungsname. So geht Verschiedenes in meinem Geiste vor, wenn ich die beiden Wörter “S.” ausspreche? – Das Wort funktioniert im Satz beide Male in verschiedener Weise. Das hieße, das Wort mit einem Maschinenteil vergleichen und den Satz mit der Maschine. Ganz unzutreffend. Eher könnte man sagen: die Sprache ist die Maschine, der Satz der Maschinenteil. Das wäre dann etwa so: Diese Kurbel hat zwei Löcher von gleicher Größe. Mit dem einen sitzt sie auf der Welle, in dem anderen steckt der Kurbelzapfen.

708 “A. Schweitzer is not Swiss.” If I say that, I mean the first S. as a proper name, the second as a generic name. Does something different happen in my mind when I pronounce the two words “S.”? – The word functions in the sentence in different ways both times. That would be like comparing the word with a part of a machine and the sentence with the machine. Completely inaccurate. One could rather say: language is the machine, the sentence is the part of the machine. That would then be something like this: This crank has two holes of the same size. With one, it sits on the shaft, in the other, the crank pin is inserted.

§RPP I

198[3]

709 Versuche, das erste “S.” als Gattungsnamen, das zweite als Eigennamen zu meinen! Wie machst Du den Versuch?

709 Try to mean the first “S.” as a generic name, the second as a proper name! How do you make the attempt?

§RPP I

199[1]

710 “Der Begriff S. ist kein S.” Ist das Unsinn? Nun, ich weiß nicht, was jemand, der das sagt, damit sagen will: d.h. wie er diesen Satz verwenden will. Ich kann mir manche naheliegende Verwendung für ihn ausdenken. – “Aber du kannst ihn eben nicht so verwenden, oder auch nur so denken, daß mit den Worten “der Begriff S.” und mit dem zweiten “S.” das Gleiche gemeint ist, was Du gewöhnlich mit diesen Worten meinst.” Hier steckt der Irrtum. Man denkt hier, als schwebte einem dieser Vergleich vor: Die Worte im Satz passen zusammen, d.h. man kann die sinnlose Wortfolge hinschreiben, aber die Bedeutung jedes Worts ist ein unsichtbarer Körper, und diese Bedeutungskörper passen nicht zusammen. ((“Das Meinen gibt dem Satz eine weitere Dimension.”))

710 “The concept of S. is not S.” Is that nonsense? Well, I don’t know what someone who says that wants to say with it: i.e. how he wants to use this sentence. I can think of some obvious uses for it. – “But you cannot use it in such a way, or even think of it in such a way, that with the words “the concept of S.” and with the second “S.” the same is meant as you usually mean with these words.” Here lies the mistake. Here one thinks as if this comparison were before one: The words in the sentence fit together, i.e. one can write down the nonsensical sequence of words, but the meaning of each word is an invisible body, and these bodies of meaning do not fit together. ((“The meaning gives the sentence another dimension.”))

§RPP I

199[2]

711 Daher die Idee, man kann den Satz nicht denken; denn im Gedanken müßte ich nun die Bedeutungen der Worte zu einem Sinn zusammenstellen, und das geht nicht. (jigsaw puzzle).

711 Hence the idea that one cannot think the sentence; because in thought I would now have to put the meanings of the words together into a sense, and that is not possible. (jigsaw puzzle).

§RPP I

199[3]

712 Aber ist der Widerspruch nicht durch das Gesetz vom Widerspruch verboten? – “~ (p ∙ ~ p)” verbietet jedenfalls nichts. Es ist eine Tautologie. Verbieten wir aber einen Widerspruch, so schließen wir Widerspruchsformen aus unserer Sprache aus. Wir beseitigen diese Formen.

712 But is not the contradiction forbidden by the law of contradiction? – “~ (p ∙ ~ p)” certainly forbids nothing. It is a tautology. But if we forbid a contradiction, then we exclude contradictory forms from our language. We eliminate these forms.

§RPP I

199[4] &
200[1]

713 Man kann denken: “Wie merkwürdig, daß die eine Bedeutung des Wortes “empfinden” (und der anderen psychologischen Verben) zusammengesetzt ist aus den heterogenen Bestandteilen, den Bedeutungen der ersten und der dritten Person.” Aber was kann verschiedener sein, als das Profil und das en face eines Gesichts; und doch sind die Begriffe unserer Sprache so gebildet, daß das eine nur als Variation des anderen erscheint. Und es ist natürlich leicht, Gründe dieser Begriffsbildung aufzuzeigen. (Heterogene: der Pfeifenkopf und das Pfeifenrohr.)

713 One can think: “How remarkable that the one meaning of the word “to feel” (and other psychological verbs) is composed of the heterogeneous components, the meanings of the first and third person.” But what could be more different than the profile and the full-face view of a face; and yet the concepts in our language are formed in such a way that the one appears only as a variation of the other. And it is, of course, easy to point out the reasons for this formation of concepts. (Heterogeneous: the pipe bowl and the pipe stem.)

§RPP I

200[2]

714 Wenn die Begriffsbildung sich aus Naturtatsachen (psychologischen und physikalischen) begründen läßt, ist dann die Beschreibung unserer Begriffsbildungen nicht eigentlich eine verkappte Naturwissenschaft; sollten wir uns dann nicht, statt für die Grammatik, für das interessieren, was sie in der Natur rechtfertigt? Uns interessiert allerdings auch die Entsprechung unserer Grammatik und allgemeiner (selten ausgesprochener) Naturtatsachen. Aber unser Interesse fällt nun nicht auf diese möglichen Ursachen zurück. Wir betreiben keine Naturwissenschaft: unser Ziel ist nicht, etwas vorher zu sagen. Ja wir betreiben auch nicht Naturgeschichte, da wir naturgeschichtliche Tatsachen für andere Zwecke auch erdichten.

714 If the formation of concepts can be grounded in facts of nature (psychological and physical), is the description of our concept formations not actually a disguised natural science? Should we not, instead of being interested in grammar, be interested in what justifies it in nature? We are, of course, also interested in the correspondence between our grammar and general (rarely expressed) facts of nature. But our interest does not fall back on these possible causes. We are not engaged in a natural science: our goal is not to predict something. Yes, we are not even engaged in natural history, since we also invent natural historical facts for other purposes.

§RPP I

200[3] &
201[1]

715 Es interessiert uns etwa, festzustellen, daß in unserer Umgebung gewisse Formen nicht an gewisse Farben gebunden sind. Daß wir z.B. nicht grün immer in Verbindung mit der Kreisform, rot mit der Quadratform sehen. Stellt man sich eine Welt vor, in der Formen und Farben immer in solcher Weise mit einander verknüpft sind, so fände man ein Begriffssystem verständlich, in welchen die grundlegende Einteilung – Form und Farbe – nicht bestünden. Noch einige Beispiele:

Es ist z.B. wichtig, daß wir gewohnt sind, mit Stift, Feder, oder dergleichen zu zeichnen, und daß daher die Elemente unserer Darstellung Striche und Punkte (im Sinne von “Pünktchen”) sind. Hätten die Menschen nicht gezeichnet, sondern immer gemalt (spielte also der Begriff der Kontur der Formen keine große Rolle), gebe es ein gebräuchliches Wort, sagen wir “Linie”, bei dem niemand an Strich, also an etwas sehr dünnes dächte, sondern immer nur an die Grenze zweier Farben, und dächte man bei “Punkt” nie an etwas winziges, sondern nur an den Schnitt zweier Farbgrenzen, so wäre vielleicht manche Entwicklung der Geometrie unterblieben. Sähen wir eine unserer primären Farben, sagen wir rot, nur äußerst selten, nur in winzigen Ausmaßen, könnten wir Malfarben nicht herstellen, käme rot nur in bestimmten Verbindungen mit andern Farben vor, etwa nur an der Spitzen der Blätter gewisser Bäume die sich im Herbst nach und nach aus grün in rot verwandeln, so wäre nichts natürlicher als Rot ein degeneriertes Grün zu nennen. Denke an die Umstände, unter denen uns Weiß und Schwarz als Farben und anderseits als das Fehlen einer Farbe erscheinen. Denke es ließen sich alle Farben wegwaschen und der Grund wäre dann immer weiß, und es gäbe keine weiße Malfarbe. Es ist uns leichter ein reines Rot, Grün, etc. aus dem Gedächtnis zu reproduzieren und wiederzuerkennen, als einen Ton von Braunrot etwa.

715 We are interested, for example, in establishing that in our environment certain forms are not bound to certain colors. That, for example, we do not always see green in connection with the circular form, red with the square form. If one were to imagine a world in which forms and colors are always connected in this way, one would find a system of concepts understandable, in which the basic division – form and color – would not exist. Here are a few more examples:

It is important, for example, that we are accustomed to drawing with a pen, pencil, or the like, and that therefore the elements of our representation are lines and dots (in the sense of “small dots”). If people had not drawn but always painted (so that the concept of the contour of forms did not play a major role), there would be a common word, let us say “line,” which no one would associate with a stroke, i.e., something very thin, but always only with the boundary of two colors, and one would never think of “dot” as something tiny, but only as the intersection of two color boundaries, then perhaps some developments of geometry would have been prevented. If we saw one of our primary colors, let us say red, only very rarely, only in tiny amounts, if we could not make paints, if red only occurred in certain compounds with other colors, for example only at the tips of the leaves of certain trees that gradually turn from green to red in autumn, then it would be most natural to call red a degraded green. Think of the circumstances under which white and black appear to us as colors and, on the other hand, as the absence of color. Suppose all colors could be washed away, and the background would then always be white, and there would be no white paint. It is easier for us to reproduce and recognize a pure red, green, etc. from memory than a shade of brownish-red.

§RPP I

201[2] &
202[1]

716 Ich sage aber nicht: Wären die Naturtatsachen anders, so hätten wir andere Begriffe. Dies ist eine Hypothese. Ich habe für sie keine Verwendung und sie interessiert mich nicht. Ich sage nur: Wenn Du glaubst, unsere Begriffe seien die richtigen, die intelligenten Menschen gemäßen, wer andere hätte, sähe eben etwas nicht ein was wir einsehen, dann stelle Dir gewisse allgemeine Naturtatsachen anders vor, als sie sind, und andere Begriffsbildungen als die unseren werden Dir natürlich scheinen.

716 But I am not saying: If the facts of nature were different, we would have different concepts. This is a hypothesis. I have no use for it, and it does not interest me. I only say: If you believe that our concepts are the right ones, the ones appropriate for intelligent people, that anyone else would have different ones would simply not understand what we understand, then imagine certain general facts of nature differently than they are, and other concept formations will seem natural to you.

§RPP I

202[2]

717 ‘Natürlich’, nicht ‘notwendig’. Ist denn alles was wir tuen zweckmäßig? Ist alles, was nicht zweckmäßig genannt werden kann, zweckwidrig?!

717 “Natural,” not “necessary.” Is everything we do purposeful? Is everything that cannot be called purposeful also counterproductive?!

§

202[3]

718 Das vertraute Gesicht eines Wortes; die Empfindung, ein Wort sei so gleichsam ein Bild seiner Bedeutung; es habe seine Bedeutung gleichsam in sich aufgenommen – es kann eine Sprache geben, der das alles fremd ist. Und wie drücken sich diese Empfindungen bei uns aus? Darin, wie wir Worte wählen und schätzen. ((Goethe über Personennamen. If-Feeling.))

718 The familiar face of a word; the sensation that a word is, as it were, a picture of its meaning; that it has, as it were, absorbed its meaning within itself – there could be a language in which all of this is foreign. And how are these sensations expressed in us? In the way we choose and value words. ((Goethe on personal names. If-feeling.))

§

202[4]

719 Die Fälle, in denen wir mit Recht sagen, wir deuten, was wir sehen als das und das, sind leicht zu charakterisieren.

719 The cases in which we can rightly say that we interpret what we see as this and that are easy to characterize.

§RPP I

202[5]

720 Wenn man erklärt “Ich assoziiere diesen Gegenstand mit der Figur”, so wird dadurch nichts deutlicher.

720 If one explains, “I associate this object with the figure,” this does not make anything clearer.

§RPP I

202[6] &
203[1]

721 Wie wird “wollen” wirklich gebraucht? Man ist sich in der Philosophie nicht dessen bewußt, daß man einen ganz neuen Gebrauch des Wortes für sie erfunden hat, indem man ihn dem das Wort des “Wünschen”, z.B., angeglichen hat. Es ist interessant, daß man für die Philosophie eigens Wortverwendungen konstruiert, indem man Worten, die uns wichtig erscheinen, einen weiter ausgebauten Gebrauch vindizieren will, als sie haben. “Wollen” wird manchmal in der Bedeutung von “Versuchen” verwendet. “Ich wollte aufstehen, war aber zu schwach.” Anderseits will man sagen, daß, wo immer eine willkürliche Bewegung gemacht wird, gewollt werde. Wenn ich also gehe, spreche, esse, etc. etc., so soll ich nun eben das tun wollen. Und hier kann es nun nicht versuchen heißen. Denn wenn ich gehe, so heißt das nicht, ich versuche zu gehen und es gelinge. Vielmehr gehe ich für gewöhnlich, ohne es zu versuchen. Man kann natürlich auch sagen “Ich gehe weil ich gehen will”, wenn das dem gewöhnlichen Fall des Gehens von dem unterscheidet, in welchem ich geschoben werde, oder elektrische Ströme meine Beinmuskeln bewegen.

721 How is “to want” actually used? In philosophy, one is not conscious of the fact that one has invented an entirely new use for the word by adapting it to the word “to wish,” for example. It is interesting that one constructs word uses specifically for philosophy by wanting to claim a more elaborate use for words that seem important to us than they actually have. “To want” is sometimes used in the meaning of “to try.” “I wanted to get up, but I was too weak.” On the other hand, one wants to say that whenever an arbitrary movement is made, it is willed. So, if I walk, speak, eat, etc., then I should now want to do that. And here it cannot mean “to try.” For when I walk, it does not mean that I am trying to walk and succeeding. Rather, I usually walk without trying. One can, of course, also say, “I walk because I want to walk,” if this differs from the usual case of walking, in which I am pushed, or electrical currents move my leg muscles.

§RPP I

203[2]

722 Die Philosophie hat sich einen Gebrauch des Wortes zurecht gelegt, der gleichsam eine konsequentere Durchführung gewisser Züge des gewöhnlichen Gebrauchs darstellt.

722 Philosophy has devised a use of the word that represents, as it were, a more consistent implementation of certain features of the ordinary use.

§RPP I

203[3]

723 “Das Wort ‘x’ hat zwei Bedeutungen” heißt: es hat zwei Arten der Verwendung. Soll ich sagen: “Wenn Du die Verwendung dieses Wortes in unserer Sprache beschreibst, wirst Du sehen, daß es zwei Verwendungen und nicht nur eine hat”?

723 “The word ‘x’ has two meanings” means: it has two types of use. Should I say: “If you describe the use of this word in our language, you will see that it has two uses and not just one”?

§RPP I

203[4]

724 Könnten wir uns nicht denken, daß Leute erklärten, das Wort “Bank” habe immer dieselbe Bedeutung. Eine Bank sei immer soetwas: 🖵

Daß sie aber das Wort dennoch auch für ein Geldinstitut verwendeten; davon aber sagen, weil es eine Bank sei, so sei es eben doch etwas von der Art unserer Abbildung.

724 Could we not imagine that people would claim that the word “bank” always has the same meaning. A bank is always something like this: 🖵

But that they also use the word for a financial institution; and say that, because it is a bank, it is, after all, something of the kind of our depiction.

§RPP I

203[5] &
204[1]

725 Haben die Worte “gehen” und “ging” die gleiche Bedeutung? Haben die Worte “gehen” und “gehst” die gleiche Bedeutung? Hat das Wort “go” in “I go” und in “you go” die gleiche Bedeutung?

725 Do the words “go” and “went” have the same meaning? Do the words “go” and “goes” have the same meaning? Does the word “go” in “I go” and in “you go” have the same meaning?

§RPP I

204[2]

726 Soll ich sagen: “Zu zwei verschiedenen Bedeutungen gehören zwei verschiedene Erklärungen der Bedeutung”?

726 Should I say: “Two different meanings belong to two different explanations of the meaning”?

§RPP I

204[3]

727 Denk Dir in einer Sprache eine Gruppe von Sätzen von je drei Zeichen. Die Sätze beschreiben die Arbeit, die ein bestimmter Mensch ausführt. Das erste Zeichen (von links nach rechts) ist der Name des Menschen, das zweite bezeichnet eine Tätigkeit (wie sägen, bohren, feilen) das dritte bezeichnet das Werkstück. So ein Satz könnte nun lauten “a a a”. Wenn nämlich “a” der Name einer Person, eines Werkstücks und einer Tätigkeit ist.

727 Imagine a language with a group of sentences, each of three signs. The sentences describe the work that a particular person performs. The first sign (from left to right) is the name of the person, the second designates an activity (like sawing, drilling, filing), and the third designates the workpiece. Such a sentence could now be “a a a,” namely if “a” is the name of a person, a workpiece, and an activity.

§RPP I

204[4]

728 Was heißt es nun: “Das Zeichen ‘a’ hat eine andere Bedeutung in ‘x a y’ und in ‘a x y’”? Man könnte auch sagen, es habe verschiedene Bedeutung je nach seiner Stelle. (Wie eine Ziffer im Dezimalsystem.) Denk Dir das Schachspiel mit lauter gleichgestalteten Steinen gespielt. Man müßte sich dann immer erinnern, wo ein bestimmter Stein am Anfang des Spiels gestanden hatte. Und man könnte sagen: “Dieser Stein und jener haben verschiedene Bedeutungen”; ich kann mit dem einen nicht so ziehen wie mit dem andern. Ebenso entnehme ich dem “a” an der ersten Stelle, das von diesem Menschen (ich zeige etwa auf ihn) die Rede ist, dem “a” an der zweiten Stelle, daß er diese Arbeit macht; etc. Das “a” könnte etwa in drei Tabellen stehen, die es gewissen Bildern, die seine Bedeutung erklären, zuordnen. Und ich würde dann zur Deutung des Satzes je nach der Stellung des “a” in einer anderen Tabelle nachsehen.

728 What does it mean to say: “The sign ‘a’ has a different meaning in ‘x a y’ and in ‘a x y’”? One could also say that it has different meanings depending on its position. (Like a digit in the decimal system.) Imagine a game of chess played with uniformly shaped pieces. One would then always have to remember where a particular piece stood at the beginning of the game. And one could say: “This piece and that piece have different meanings”; I cannot move the one in the same way as I can move the other. Similarly, I infer from the “a” in the first position that the sentence is about this person (I point to him), from the “a” in the second position that he is doing this work; etc. The “a” could be in three tables that assign it to certain pictures, which explain its meaning. And I would then look up the interpretation of the sentence in a different table, depending on the position of the “a”.

§RPP I

204[5]

729 Was heißt es: “untersuchen ob ‘f(f)’ Sinn hat, wenn ‘f’ an beiden Stellen die gleiche Bedeutung hat”?

729 What does it mean: “to investigate whether ‘f(f)’ has sense, when ‘f’ has the same meaning in both places”?

§RPP I

205[1]

730 Man sucht, hat noch nicht gefunden, aber man weiß, was man sucht. – Aber es kann auch sein, daß man suchend um sich schaut und nicht sagen kann, was man sucht; endlich ergreift man etwas und sagt “Das wollte ich haben”. Man kann das “suchen” nennen “ohne zu wissen, was man sucht”.

730 One searches, has not yet found, but one knows what one is looking for. – But it can also be that one looks around without knowing what one is looking for; finally, one picks up something and says “That is what I wanted”. One could call this “searching without knowing what one is looking for”.

§RPP I

205[2]

731 Man könnte von “funktionalen Zuständen” reden. (Z.B.: Ich bin heute sehr reizbar. Wenn man mir heute das und das sagt, reagiere ich immer so und so. Dem entgegengesetzt: Ich habe den ganzen Tag Kopfschmerzen.)

731 One could talk about “functional states”. (E.g.: Today I am very irritable. If someone says something to me today, I always react in the same way. In contrast: I have had a headache all day.)

§RPP I

205[3]

732 Wie ist man je dazu gekommen, einHYie “ich glaube ‥‥” zu gebrauchen? Ist man etwa plötzlich auf ein Phänomen, das des Glaubens, aufmerksam geworden?

732 How did one ever come to use the phrase “I believe ‥‥”? Did one suddenly become aware of a phenomenon that involves belief?

§RPP I

205[4]

733 Hatte man sich beobachtet und fand so dies Phänomen?

733 Did one observe oneself and thus discover this phenomenon?

§RPP I

205[5]

734 Hatte man sich selbst und die andern Menschen beobachtet und fand so die Erscheinung des Glaubens?

734 Did one observe oneself and other people and thus discover the phenomenon of belief?

§RPP I

205[6] &
206[1]

735 Es könnte in der Sprache eines Stammes ein Pronomen geben, wie wir es nicht besitzen, und wofür wir keine praktische Verwendung haben, ein Pronomen, das sich auf das Satzzeichen ‘bezieht’, worin es steht. Ich will es so schreiben: îĉĥ. Der Satz “îĉĥ bin 10 Zentimeter lang” wird also auf seine Wahrheit geprüft, indem man das Satzzeichen mißt. Der Satz “îĉĥ enthalte vier Wörter” z.B. ist wahr, der Satz “îĉĥ enthalte nicht vier Wörter” auch. “ich bin falsch” entspricht dem Paradox vom kretischen Lügner. – Die Frage ist: Wozu verwenden die Leute dies Fürwort? Nun, der Satz “îĉĥ bin 10 cm. lang” könnte als Maßstab dienen; der Satz “îĉĥbin schön geschrieben” als Paradigma der schönen Schrift. Was uns interessiert ist: Wie wird das Wort “îĉĥ” in einem Sprachspiel verwendet. Denn paradox ist der Satz nur, wenn wir von seiner Verwendung absehen. So könnte ich mir denken, daß der Satz “îĉĥ bin falsch” in der Kinderstube verwendet wird. Wenn Kinder ihn lesen, fangen sie an zu schließen: “Wenn das falsch ist, so ist so ist es wahr, also ist es falsch, etc. etc.”. Die Menschen haben vielleicht gefunden, daß dies Schließen eine zuträgliche Übung für Kinder ist.

735 In the language of a tribe, there might be a pronoun that we do not have and for which we have no practical use, a pronoun that refers to the sentence, as it is written. I will write it like this: îĉĥ. The sentence “îĉĥ am 10 centimeters long” would therefore be tested for its truth by measuring the sentence. The sentence “îĉĥ contains four words,” for example, is true, and the sentence “îĉĥ does not contain four words” is also true. “I am false” corresponds to the paradox of the Cretan liar. The question is: what do people use this pronoun for? Well, the sentence “îĉĥ am 10 cm long” could serve as a standard; the sentence “îĉĥ is beautifully written” as a paradigm of beautiful writing. What interests us is: how is the word “îĉĥ” used in a language-game? For the sentence is only paradoxical if we disregard its use. I could imagine that the sentence “îĉĥ am false” is used in a nursery. When children read it, they begin to reason: “If that is false, then it is true, so it is false, etc. etc.” People may have found that this reasoning is a beneficial exercise for children.

§RPP I

206[2]

736 Wie würden sich Menschen, die ein Dreieck nicht, wie wir einmal so, einmal so sehen könnten, von uns unterscheiden? – Wenn wir zu einem Stamm kämen, der diese Erlebnisse nicht hat, wie würden wir es merken? Wie würden wir es merken, wenn die Leute Tiefe nicht sehen könnten? Wenn sie also so wären, wie Berkeley glaubte, daß wir seien.

736 How would people who do not see a triangle in the same way that we do, differ from us? – If we came to a tribe that does not have these experiences, how would we notice it? How would we notice if people could not see depth? That is, if they were the way Berkeley believed we are.

§RPP I

206[3]

737 Wie viele Quadrate 🖵 gehen in ein Quadrat 🖵 wenn der Maßstab, in welchem das kleine Quadrat aufzufassen ist nicht bestimmt wurde? Wenn nun Einer daher käme und sagte: man kann zwar nicht mit Sicherheit sagen, wie viele hineingehen, aber man kann es immerhin schätzen!

737 How many squares 🖵 fit into a square 🖵 if the standard in which the small square is to be understood has not been determined? If someone then came and said: one cannot say with certainty how many fit in, but one can at least estimate it!

§RPP I

206[4]

738 “Der Ausdruck ähnlich dem Gefühl” – die bittere Speise ähnlich dem bittern Gram. “Zum Verwechseln ähnlich” – wie wäre es wenn sie nicht nur ähnlich, sondern gleich wären?

738 “The expression is similar to the feeling” – the bitter dish is similar to bitter grief. “Similar to the point of being indistinguishable” – what if they were not just similar, but identical?

§RPP I

206[5]

739 “Gram und Sorge sind ähnliche Gefühle”: ist das eine Erfahrungstatsache?

739 “Grief and worry are similar feelings”: is this an empirical fact?

§RPP I

206[6] &
207[1]

740 Soll ich sagen: “Ein Hase kann ausschauen wie eine Ente”? Wäre es denkbar, daß jemand, der einen Hasen, aber keine Ente kennt, sagte: “Ich kann die Zeichnung als Hasen sehen und auch noch anders, obwohl ich für den zweiten Aspekt kein Wort habe”? Später lernt er eine Ente kennen und sagt: “Als das habe ich damals die Zeichnung gesehen!” – Warum ist das nicht möglich?

740 Should I say: “A rabbit can look like a duck”? Would it be conceivable that someone who knows a rabbit but not a duck, said: “I can see the drawing as a rabbit and also in another way, even though I have no word for the second aspect”? Later, he gets to know a duck and says: “I saw the drawing as that back then!” – Why is this not possible?

§RPP I

207[2]

741 Oder denk, jemand sagte “Dieser Hase hat einen selbstgefälligen Ausdruck”. – Wenn nun Einer von einem selbstgefälligen Ausdruck nicht wüßte, – könnte ihm da etwas auffallen, und er später, wenn er Selbstgefälligkeit kennen gelernt hat, sagen, ihr Ausdruck sei es gewesen, der ihm damals aufgefallen war?

741 Or imagine someone says, “This rabbit has a smug expression.” – If someone didn’t know what a smug expression is, could something strike him, and later, when he has learned about smugness, say that it was its expression that struck him back then?

§RPP I

207[3]

742 Das treffende Wort. Wie wird es gefunden? Beschreibe es! Als Gegensatz dazu: Ich finde die richtige Bezeichnung für eine Kurve, nachdem ich bestimmte Messungen an ihr vorgenommen habe.

742 The apt word. How is it found? Describe it! In contrast: I find the right designation for a curve after I have made certain measurements on it.

§RPP I

207[4]

743 Ich sehe, daß das Wort treffend ist, noch ehe ich weiß, und auch wenn ich niemals weiß, warum es treffend ist.

743 I see that the word is apt, even before I know, and even if I never know, why it is apt.

§RPP I

207[5]

744 Ich würde den nicht verstehen, der sagte: er hätte das Bild als das eines Hasen gesehen, dies aber nicht sagen können, da er damals von der Existenz eines solchen Wesens nichts gewußt habe.

744 I would not understand someone who said that he saw the picture as that of a rabbit, but could not say so, because he knew nothing of the existence of such a being at that time.

§RPP I

207[6]

745 Soll ich also sagen: “Der Bildhase und die Bildente schauen ganz gleich aus”?! – Dagegen sträubt sich etwas. – Aber kann ich denn nicht sagen: Sie schauen ganz gleich aus, nämlich so – – und nun mache ich die doppeldeutige Zeichnung? (der Müller mahlt, der Maler malt auch). Wenn ich aber nun Gründe gegen diese Ausdrucksweise angeben wollte, – was müßte ich sagen? Daß man das Bild jedesmal anders sieht, wenn es einmal eine Ente und einmal eine Hase ist – oder, daß bei der Ente das der Schnabel ist, was beim Hasen die Ohren sind, etc.?

745 Should I say: “The picture-rabbit and the picture-duck look exactly alike”?! – Something resists this. – But can I not say: They look exactly alike, namely like this – – and now I create the ambiguous drawing? (the miller grinds, the painter also paints). If I were to give reasons against this way of expressing myself, what would I have to say? That one sees the picture differently each time, when it is once a duck and once a rabbit – or that in the case of the duck that is the beak, which in the case of the rabbit are the ears, etc.?

§RPP I

207[7]

746 Denk Dir das doppeldeutige Bild in einer Bildergeschichte verwendet: Dann ist es, z.B., nicht möglich, daß ein anderes Tier der Ente begegnet und sie für einen Hasen hält; aber das wäre möglich, daß Einer die Ente im Profil im Halbdunkel für einen Hasen hält.

746 Imagine the ambiguous picture used in a comic strip: Then it is, for example, not possible that another animal encounters the duck and mistakes it for a rabbit; but it would be possible that someone mistakes the duck in profile in the dim light for a rabbit.

§RPP I

208[1]

747 “Ich kann so wenig zugleich den Hasen und die Ente sehen, wie zugleich die Worte ‘Weiche Wotan weiche!’ in ihren beiden Bedeutungen meinen.” – Aber das wäre nicht richtig; wohl aber, daß es uns nicht natürlich ist, diese Worte auszusprechen um Wotan zu sagen, er solle weichen, und ihm dabei mitzuteilen, daß wir weiche Eier vorziehen. Und doch könnte man sich eine solche Verwendung von Worten vorstellen.

747 “I can see the rabbit and the duck at the same time as little as I can mean the words ‘Wotan, go away!’ in both of their meanings.” – But that would not be correct; rather, it is not natural for us to utter these words in order to tell Wotan to go away, and at the same time inform him that we prefer soft eggs. And yet one could imagine such a use of words.

§RPP I

208[2]

748 Die Fakten der menschlichen Naturgeschichte, die auf unser Problem Licht werfen, sind uns schwer zu finden, denn unsere Sprache geht an ihnen vorbei,– sie ist mit andern Dingen beschäftigt. (So sagen wir Einem “Geh ins Geschäft und kauf ‥‥” –nicht: “Setz den linken Fuß von den rechten Fuß etc. etc., dann leg Geld auf den Schalter, etc. etc.)

748 The facts of human natural history, which shed light on our problem, are difficult for us to find, because our language passes them by – it is occupied with other things. (So we tell someone “Go to the store and buy ‥‥” – not: “Put your left foot in front of your right foot, etc. etc., then put money on the counter, etc. etc.”)

§RPP I

208[3]

749 Glaube ich nicht an einen inneren Zustand des Sehens und der Andere sagt “Ich sehe ‥‥”, so glaube ich, daß er nicht Deutsch kann, oder lügt.

749 If I don’t believe in an internal state of seeing, and the other says “I see ‥‥”, then I believe that he does not know German, or is lying.

§RPP I

208[4]

750 Was hat der gesagt, der behauptet, wer die Zeichnung einmal als Hasen und einmal als Ente sieht, habe ganz verschiedene visuelle Erlebnisse? Die Neigung, das zu sagen, wird sehr groß, wenn man z.B. einen Strich in der Zeichnung macht, der etwa dem Mund des Hasen betont, und dann sieht, wie dieser Strich nun eine ganz andere Rolle im Entenbild spielt. – – Oder denk an das Sehen des Gesichtsausdrucks des Hasen, der im andern Bild gänzlich verschwindet. Ich sehe z.B. zuerst ein hochmütiges Gesicht und dann sehe ich kein hochmütiges Gesicht. Und was tut der, der zugibt, daß ich jedesmal etwas ganz verschiedenes sehe?

750 What did he say, who claims that whoever sees the drawing once as a rabbit and once as a duck has completely different visual experiences? The inclination to say that becomes very strong if one, for example, makes a line in the drawing that emphasizes the rabbit's mouth, and then sees how this line now plays a completely different role in the duck image. – Or think about seeing the facial expression of the rabbit, which completely disappears in the other image. I, for example, first see a haughty face and then I see no haughty face. And what does the one do who admits that I see something completely different each time?

§RPP I

208[5]

751 “Wie weiß ich, daß ich über diesen Gesichtsausdruck lächle?”

751 “How do I know that I am smiling about this facial expression?”

§RPP I

208[6] &
209[1]

752 Ich habe einen ganz bestimmten Gesichtsausdruck, den ich den des Hasen nenne, und einen ganz andern den ich den der Ente nenne.” Laß mich ihn einmal bloß A und den andern B nennen: Wie könnte ich nun, ohne auf einen Hasen und eine Ente Bezug zu nehmen, Einem die Bedeutung von A und B erklären? Es wäre z.B. so möglich: Ich sagte ihm “A” und ahme dabei mit meinem Gesicht das Gesicht eines Hasen nach, etc.

752 I have a very specific facial expression that I call the rabbit's, and a completely different one that I call the duck's.” Let me just call one A and the other B: How could I now, without referring to a rabbit and a duck, explain the meaning of A and B to someone? It would be possible, for example, like this: I say “A” and imitate the face of a rabbit with my face, etc.

§RPP I

209[2]

753 “‘Das sehen’ heißt nicht: so reagieren, – denn ich kann sehen, ohne zu reagieren.” Natürlich. Denn weder heißt “ich sehe”: ich reagiere, noch “er sieht”: er reagiert, noch “ich sah”: ich reagierte, etc. Und wenn ich auch immer, wenn ich sehe, sagte ich sehe”, so würden diese Worte doch nicht sagen: “ich sage ‘ich sehe’”.

753 “‘Seeing that’ does not mean: reacting in this way – because I can see without reacting.” Of course. Because neither does “I see” mean: I react, nor does “he sees” mean: he reacts, nor does “I saw” mean: I reacted, etc. And even if I always say “I see” when I see, these words would not say: “I say ‘I see’.”

§RPP I

209[3]

754 Ich deute auf einen bestimmten Fleck des Bildes und sage “das ist das Auge des Hasen oder der Ente”. Wie kann denn etwas in dieser Zeichnung ein Auge sein?

754 I point to a specific spot in the picture and say “that is the eye of the rabbit or the duck.” How can something in this drawing be an eye?

§RPP I

209[4]

755 “Kann man Tiefe wirklich sehen?” – “Warum soll man nicht Tiefe sehen können, wenn man Farben und Formen sieht?! Daß das Netzhautbild zweidimensional ist ist kein Grund für das Gegenteil.” – – Gewiß nicht; aber die Antwort trifft das Problem nicht. Das Problem entsteht dadurch, daß die Beschreibung des Gesehenen, das, was wir die “Beschreibung des Gesehenen” nennen, von anderer Art ist, wenn ich einmal Farbe und Form, etwa durch ein Transparent, beschreibe, einmal die Tiefendimension durch eine Gebärde, oder eine Seitenansicht darstelle.

755 “Can one really see depth?” – “Why shouldn’t one be able to see depth if one sees colors and shapes?! The fact that the retinal image is two-dimensional is no reason for the contrary.” – – Certainly not; but the answer does not address the problem. The problem arises because the description of what is seen, that is, what we call the “description of what is seen,” is of a different nature when I describe color and shape, perhaps through a transparent material, and when I represent the depth dimension through a gesture or a side view.

§RPP I

209[5]

756 Eine Bemerkung, daß die Anordnung in der Tiefendimension eine Eigenschaft des ‘Gesehenen’ ist, wie jede andere, hilft nicht.

756 A remark that the arrangement in the depth dimension is a property of “what is seen,” just like any other, does not help.

§RPP I

209[6] &
210[1]

757 Was heißt es, daß die Höhlung des Zahns die der Zahnarzt untersucht, sich dem Patienten viel größer anfühlt, als sie ist. Ich zeige z.B. mit den Fingern und sage, ich hätte geglaubt, sie sei so groß. Wonach bemesse ich die Distanz der Finger? – Bemesse ich sie überhaupt? Kann man sagen: “Ich weiß zuerst, wie groß mir die Höhlung vorkommt, dann zeige ich es mit den Fingern”? Nun, in manchen Fällen könnte man es sagen; wenn ich mir z.B. denke, die Höhlung sei 5 mm weit und dies Einem durch ein Zeigen der Entfernung erkläre. – Wie, wenn man mich fragte:” Wußtest Du, ehe Du's zeigtest, wie groß Dir der Durchmesser vorkam?” – Da könnte ich antworten: “Ja. Denn hättest Du mich früher gefragt, so hätte ich Dir auch diese Antwort gegeben.” – Etwas wissen ist eben nicht: einen Gedanken denken.

757 What does it mean that the cavity of the tooth that the dentist is examining feels much larger to the patient than it is? I, for example, point with my fingers and say that I thought it was this big. According to what do I measure the distance of the fingers? – Do I measure it at all? Can one say: “I first know how big the cavity seems to me, then I show it with my fingers”? Well, in some cases one could say it; if, for example, I think that the cavity is 5 mm wide and explain this to someone by showing the distance. – How, if one asked me: “Did you know, before you showed it, how big the diameter seemed to you?” – I could answer: “Yes. Because if you had asked me earlier, I would have given you the same answer.” – To know something is not the same as having a thought.

§RPP I

210[2]

757 Wenn ich sage, was ich weiß, – wie sage ich das, was ich weiß?

757 When I say what I know, how do I say that which I know?

§RPP I

210[3]

758 Was ist die Beschreibung dessen, was ich sehe? (Das heißt nicht nur: Mit welchen Worten soll ich das beschreiben, was ich sehe? – sondern auch: “Wie schaut das aus: eine Beschreibung dessen, was ich sehe? Was soll ich so nennen?”)

758 What is the description of what I see? (This does not only mean: With what words should I describe what I see? – but also: “What does a description of what I see look like? What should I call it?”)

§RPP I

210[4]

759 Das eigentümliche Gefühl, welches uns das Wiederkehren eines Refrains gibt. Ich möchte eine Geste machen. Aber die Geste ist eigentlich garnicht charakteristisch für gerade das Wiederkehren eines Refrains. Vielleicht könnte ich ein Wort finden, das die Situation besser charakterisiert; aber es würde auch nicht erklären, warum der Refrain mir wie ein Witz vorkommt, warum seine Wiederkehr ein Lachen, oder Grinsen, bei mir hervorruft. Wenn ich zu der Musik tanzen könnte, so könnte ich am allerbesten ausdrücken, gerade wie mich der Refrain berührt. Ja, einen besseren Ausdruck könnte es gewiß nicht geben. Ich könnte z.B. vor den Refrain die Worte “wie gesagt” setzen. Und das wäre gewiß treffend; aber es erklärt nicht, warum der Refrain mir einen stark komischen Eindruck macht. Denn ich lache doch nicht immer, wenn ein “wie gesagt” am Platz ist.

759 The peculiar feeling that the recurrence of a refrain gives us. I would like to make a gesture. But the gesture is not really characteristic of the recurrence of a refrain. Perhaps I could find a word that better characterizes the situation; but it would not explain why the refrain seems like a joke to me, why its recurrence evokes laughter or a grin in me. If I could dance to the music, I could best express just how the refrain affects me. Yes, there could certainly be no better expression. I could, for example, put the words “as I said” before the refrain. And that would certainly be apt; but it does not explain why the refrain makes such a strong comic impression on me. Because I don't always laugh when “as I said” is in the right place.

§RPP I

211[1]

760 Der ‘Inhalt’ der Erfahrung, des Erlebnisses: – Ich weiß, wie Zahnschmerzen sind, ich kenne Zahnschmerzen, I know what it's like to see red, green, blue, yellow, I know what it's like to feel sorrow, hope, fear, joy, affection, to wish to do something, to remember having done something to intend doing something, to see a drawing alternately as the head of a rabbit and of a duck, to take a word in one meaning and not in another, etc. Ich weiß, wie es ist, wenn es Laut a grau zu sehen und den Laut ü dunkelviolett. – Ich weiß auch, was es heißt, sich diese Erlebnisse vorführen. Wenn ich sie mir vorführe, so führe ich mir nicht Arten des Benehmens, oder Situationen vor. – – So weiß ich also, was es heißt, sich diese Erlebnisse vorführen? Und was heißt es? Wie kann ich's einem Andern, oder mir selbst, erklären?

760 The ‘content’ of experience, of lived experience: – I know what toothache is, I am familiar with toothache, I know what it is like to see red, green, blue, yellow, I know what it is like to feel sorrow, hope, fear, joy, affection, to want to do something, to remember having done something, to intend doing something, to see a drawing alternately as the head of a rabbit and of a duck, to take a word in one meaning and not in another, etc. I know what it is like to see the sound a as gray and the sound ü as dark violet. – I also know what it means to imagine these experiences. When I imagine them, I am not imagining types of behaviour, or situations. – – So, I do know what it means to imagine these experiences? And what does it mean? How can I explain it to someone else, or to myself?

§RPP I

211[2]

761 Der Begriff ‘Wort’ in der Linguistik. Wie gebraucht man “dasselbe Wort”?

‘“habe” und “hatte” sind dasselbe Wort.’ ‘Er sagte zweimal dasselbe Wort, einmal laut, einmal leise.’ ‘Sind “Bank” (“die Banken”) und “Bank” (“die Bänke”) das gleiche Wort?’ ‘Sie sind etymologisch das gleiche Wort.’ ‘Ist es beidemal das gleiche Wort “habe”, wenn man sagt “ich habe ein Haus” und “ich habe ein Haus gebaut”?’

761 The concept of ‘word’ in linguistics. How is “the same word” used?

‘“have” and “had” are the same word.’ ‘He said the same word twice, once loudly, once softly.’ ‘Are “bank” (“the banks”) and “bank” (“the benches”) the same word?’ ‘They are etymologically the same word.’ ‘Is it the same word “have” in both cases when one says “I have a house” and “I have built a house”?’

§RPP I

211[3] &
212[1]

762 Betrachtung: Ein Stamm, den wir unterjocht haben, den wir etwa zu einem Sklavenstamm machen wollen. Das Benehmen, Verhalten, dieser Leute ist uns eben deshalb interessant. Wir wollen es beschreiben, verschiedene Aspekte dieses Benehmens beschreiben. Wir betrachten und beobachten z.B. Schmerzbenehmen, Freudebenehmen, etc. Zu ihrem Benehmen gehört auch der Gebrauch einer Sprache. Und überhaupt auch solches Benehmen, welches erlernt ist, nicht minder, als das, welches nicht erlernt ist, wie das Schreien eines Kindes. Ja, sie haben nicht nur eine Sprache, sondern auch, in ihr, psychologische Ausdrucksformen. – Frage Dich: Wie werden diese den Kindern dieses Stammes beigebracht? – Ich nehme nun an, daß die Leute Ausdrücke besitzen wie die folgenden: “Ich habe schwarzes Haar”, “Er hat schwarzes Haar”, “Ich habe Geld”, “Er hat Geld”, “Ich habe eine Wunde”, “Er hat eine Wunde”. Und nun benützen sie diese grammatische Konstruktion in psychologischen Aussagen.

762 Consideration: A tribe that we have subjugated, that we want to make into a slave tribe. The behaviour, conduct of these people is of interest to us precisely for this reason. We want to describe it, describe various aspects of this behaviour. We observe and study, for example, pain-behaviour, pleasure-behaviour, etc. Their behaviour also includes the use of language. And also behaviour that is learned, as well as that which is not learned, such as the crying of a child. Yes, they not only have a language, but also psychological forms of expression within it. – Ask yourself: How are these taught to the children of this tribe? – Now, I assume that the people have expressions such as the following: “I have black hair,” “He has black hair,” “I have money,” “He has money,” “I have a wound,” “He has a wound.” And now they use this grammatical construction in psychological statements.

§RPP I

212[2]

763 “Als ich ‘Bank’ hörte, schwebte mir die Bedeutung Geldbank vor.” Es ist, als wäre ein Keim der Bedeutung erlebt, und dann interpretiert worden. Nun, ist das ein Erlebnis? Man könnte geradezu sagen: “Ich hatte ein Erlebnis, das der Keim zu dieser Verwendung war”. Das könnte die uns natürliche Ausdrucksweise sein.

763 “When I heard ‘bank,’ the meaning of money-bank floated before me.” It is as if a germ of meaning was experienced, and then interpreted. Well, is this an experience? One could even say: “I had an experience that was the germ of this use.” That might be the natural way we express ourselves.

§RPP I

212[3]

764 Vorlieb nehmen ist auch etwas, was man lernen kann.

764 Taking a liking to something is also something that can be learned.

§RPP I

212[4] &
213[1]

765 Ein Stamm, den wir versklaven wollen. Die Regierung und die Wissenschaftler geben aus, daß die Leute dieses Stammes keine Seelen haben; man könne sich also ohne Skrupel zu jedem beliebigen Zweck gebrauchen. Natürlich interessiert uns dennoch ihre Sprache; denn wir müssen ihnen ja z.B. Befehle geben und Berichte von ihnen erhalten. Auch wollen wir wissen, was sie unter einander sprechen, da dies mit ihrem übrigen Verhalten zusammenhängt. Aber auch, was bei ihnen unsern ‘psychologischen Äußerungen’ entspricht, muß uns interessieren, denn wir wollen sie arbeitsfähig erhalten, darum sind uns ihre Äußerungen des Schmerzes, des Unwohlseins, er Depression, der Lebenslust, etc. etc. von Wichtigkeit. Ja, wir haben auch gefunden, daß man diese Leute mit gutem Erfolg als Versuchsobjekte in physiologischen und psychologischen Laboratorien verwenden kann, da ihre Reaktionen – auch die Sprachreaktionen – ganz die der seelenbegabten Menschen sind. Ich nehme an, man habe auch gefunden, daß man diesen Automaten, durch eine Methode, die sehr ähnlich unserm ‘Unterricht’ ist, unsere Sprache statt der ihrigen beibringen kann.

765 A tribe that we want to enslave. The government and the scientists declare that the people of this tribe have no minds; one can therefore use them for any purpose without scruples. Of course, their language is still of interest to us, because we must, for example, give them commands and receive reports from them. We also want to know what they say to each other, as this is related to their other behaviour. But also, what in them corresponds to our ‘psychological utterances’ must be of interest to us, because we want to keep them capable of working, therefore their utterances of pain, discomfort, depression, zest for life, etc., etc. are of importance to us. Yes, we have also found that these people can be used with good success as test subjects in physiological and psychological laboratories, as their reactions – including the language reactions – are exactly the same as those of mind-endowed people. I assume that it has also been found that these automata, through a method that is very similar to our ‘instruction,’ can be taught our language instead of theirs.

§RPP I

213[2]

766 Diese Wesen lernen nun z.B. rechnen, schriftlich oder mündlich rechnen. Wir bringen sie aber, irgendwie, dahin, daß sie uns das Ergebnis einer Multiplikation sagen können, nachdem sie, ohne zu schreiben oder zu sprechen, eine Weile stille gesessen sind. Dabei liegt das Bild nahe, der Prozeß des Rechnens sei gleichsam untergetaucht und gehe nun unter dem Wasserspiegel vor sich. (Denke an den Sinn, in welchem Wasser aus H und O ‘besteht’.) Wir müssen natürlich für verschiedene Zwecke einen Befehl haben der Art: “Rechne dies im Kopf!”; eine Frage “Hast Du es gerechnet?”; ja auch “Wie weit bist Du gekommen?”. Eine Aussage des Automaten “Ich habe ‥‥ gerechnet”; etc. etc. Kurz: alles, was wir, unter uns, über das Kopfrechnen sagen, hat auch Interesse für uns, wenn sie's sagen. Und was für's Kopfrechnen gilt, gilt auch für andere Formen des Denkens. – – Äußert etwa jemand bei uns die Meinung, diese Wesen müßten doch irgendeine Art von Seele haben, in der dies und jenes vor sich ginge, so lachen wir ihn aus. Und wenn es gar vorkommt, daß die Sklaven spontan den Ausdruck bilden, in ihnen sei dies oder jenes vorgegangen, so kommt uns das besonders komisch vor.

766 These beings now learn, for example, to do arithmetic, either written or oral. We somehow bring them to the point where they can tell us the result of a multiplication after sitting quietly for a while without writing or speaking. Here, the image suggests that the process of calculation is, as it were, submerged and now takes place under the water. (Think of the sense in which water ‘consists’ of H and O.) We must, of course, have a command for various purposes of the kind: “Calculate this in your head!”; a question “Have you calculated it?”; yes, also “How far have you gotten?” An utterance of the automaton “I have calculated ‥‥”; etc., etc. In short: everything that we, among ourselves, say about mental arithmetic is also of interest to us if they say it. And what applies to mental arithmetic also applies to other forms of thought. If someone among us expresses the opinion that these beings must have some kind of mind in which this and that is going on, we laugh at him. And if it happens that the slaves spontaneously form the expression in which this or that is going on, it seems particularly strange to us.

§RPP I

213[3]

767 Wir spielen auch mit diesen Wesen das Spiel “Denk Dir eine Zahl! – Multiplizier sie mit 5! – ‥‥․” – Beweist das, daß doch etwas in ihnen vorgegangen ist? –

767 We also play the game “Think of a number! – Multiply it by 5! – ‥‥․” with these beings. Does this prove that something is after all going on in them?

§RPP I

214[1]

768 Und nun beobachten wir ein Phänomen, – das wir als den Ausdruck des Erlebnisses interpretieren könnten; eine Figur einmal als das, einmal als jenes sehen. Wir zeigen ihnen nun z.B. ein Fixierbild. Sie finden die Lösung; und dann sagen sie etwas, zeigen auf etwas, zeichnen etwas, etc., und wir können ihnen unsern Ausdruck beibringen “Ich sehe das Bild nun immer so”. Oder sie haben unsere Sprache und den gewöhnlichen Gebrauch des Wortes “sehen” gelernt und bilden jene Form nun spontan.

768 And now we observe a phenomenon – which we could interpret as the expression of the experience; seeing a figure now as this, now as that. We show them, for example, a fixation image. They find the solution; and then they say something, point to something, draw something, etc., and we can teach them our expression “I now always see the image this way.” Or they have learned our language and the usual use of the word “see” and now spontaneously form this expression.

§RPP I

214[2]

769 Welches Interesse, welche Wichtigkeit hat dieses Phänomen, diese Reaktion? Sie mag ganz unwichtig, ganz uninteressant sein, oder auch wichtig und interessant. Manche Leute assoziieren mit unsern Vokalen gewisse Farben; Manche können die Frage beantworten, welche Wochentage fett und welche mager sind. Diese Erfahrungen spielen in unserm Leben eine sehr untergeordnete Rolle; ich kann mir aber leicht Umstände ausdenken, in denen, was uns unwichtig ist, große Wichtigkeit erhielte.

769 What interest, what importance does this phenomenon, this reaction have? It may be completely unimportant, completely uninteresting, or it may also be important and interesting. Some people associate certain colours with our vowels; some can answer the question which days of the week are fat and which are lean. These experiences play a very minor role in our lives; but I can easily imagine circumstances in which what is unimportant to us would become very important.

§RPP I

214[3] &
215[1]

770 Die Sklaven sagen auch: “Als ich das Wort ‘Bank’ hörte, bedeutete es für mich ‥‥․”. Frage: Auf dem Hintergrund welcher Sprachtechnik sagen sie das? Denn darauf kommt alles an. Was hätten wir sie gelehrt, welche Benützung des Wortes “bedeuten”? Und was, wenn überhaupt irgendetwas, entnehmen wir ihrer Äußerung? Denn wenn wir garnichts mit ihr anfangen können, so könnte sie uns als Kuriosität interessieren. Denken wir uns nur Menschen, die keine Träume kennen, und die unsere Traumerzählungen hören. Denk Dir, Einer von uns käme zu diesem nicht-träumenden Stamm und lernte nach und nach sich mit den Leuten verständigen. – Vielleicht denkst Du, sie würden nun das Wort “träumen” nie verstehen. Aber sie fänden bald eine Verwendung dafür. Und die Ärzte des Stammes könnten sich sehr wohl für unser Träumen interessieren und wichtige Schlüsse aus den Träumen des Fremden ziehen. – – Auch kann man nicht sagen, daß für diese Leute das Verbum “träumen” nichts anderes bedeuten könnte, als: einen Traum erzählen. Denn der Fremde würde ja beide Ausdrücke gebrauchen: “träumen” und “einen Traum erzählen”, und die Leute unseres Stammes dürften nicht “ich träumte ‥‥” mit “ich erzählte den Traum ‥‥․” verwechseln.

770 The slaves also say: “When I heard the word ‘bank,’ it meant to me ‥‥․.” Question: Against the background of which linguistic technique do they say this? Because everything depends on that. What would we have taught them, what use of the word “mean”? And what, if anything, do we glean from their utterance? Because if we can’t do anything with it, it could be of interest to us as a curiosity. Let’s imagine people who have no dreams and who hear our dream narratives. Imagine one of us comes to this non-dreaming tribe and gradually learns to communicate with the people. – Perhaps you think they would never understand the word “dream.” But they would soon find a use for it. And the tribe’s doctors might very well be interested in our dreaming and draw important conclusions from the stranger’s dreams. – – One also cannot say that for these people the verb “to dream” could mean nothing other than: to tell a dream. Because the stranger would use both expressions: “to dream” and “to tell a dream,” and the people of our tribe would probably not confuse “I dreamed ‥‥” with “I told the dream ‥‥.”

§RPP I

215[2]

771 Wir fragen uns: “Was interessiert uns an den psychologischen Äußerungen der Menschen?” – Sieh's nicht als so selbstverständlich an, daß uns diese Wortreaktionen interessieren.

771 We ask ourselves: “What interests us about people’s psychological utterances?” – Don’t take it for granted that we are interested in these word reactions.

§RPP I

215[3]

772 Warum interessiert uns die chemische Formel einer Substanz? “Nun, natürlich weil uns ihre Zusammensetzung interessiert.” – Hier haben wir einen ähnlichen Fall. Die Antwort hätte auch sein können: “Weil uns eben ihre innere Natur interessiert.”

772 Why are we interested in the chemical formula of a substance? “Well, of course, because we are interested in its composition.” – Here we have a similar case. The answer could also have been: “Because we are interested in its inner nature.”

§RPP I

215[4]

773 “Du wirst doch nicht leugnen, daß Rost und Wasser und Zucker eine innere Natur haben!” “Wenn man's nicht schon wüßte, so hätte es doch die Wissenschaft unwiderleglich gezeigt.”

773 “You won’t deny that rust, water, and sugar have an inner nature!” “If one didn’t already know, science would have irrefutably shown it.”

§RPP I

215[5] &
216[1]

774 Ist nun das Hören oder Denken eines Worts in der über der Bedeutung eine echte Erfahrung? – Wie ist das zu beurteilen? – – Was spricht dagegen? Nun, daß man keinen Inhalt dieser Erfahrung entdecken kann. Es ist, als äußerte man eine Erfahrung, könne sich dann aber nicht besinnen, was die Erfahrung eigentlich war. Als könnte man sich zwar manchmal auf eine Erfahrung besinnen, die mit der, die wir suchen, gleichzeitig ist, aber was wir zu sehen kriegen ist nur (wie) ein Gewand, und wo das Bekleidete sein sollte, sehen wir eine Leere. Und dann ist man geneigt zu sagen: “Du darfst eben nicht nach einem andern Inhalt ausschauen.” Der Inhalt der Erfahrung ist eben nur durch den spezifischen Ausdruck (der Erfahrung) zu beschreiben. Aber auch das befriedigt nicht. Denn warum fühlen wir dennoch, daß eben kein Inhalt da ist? Und ist es so nur mit der Erfahrung des Meinens? Nicht auch, z.B., mit der des Erinnerns? Wenn man mich fragt, was ich in den letzten zwei Stunden getan habe, so antwortete ich geradewegs und lese die Antwort nicht von Einer Erfahrung ab. Und doch sagt man, ich habe mich erinnert, und dies sei ein seelischer Vorgang.

774 Is the hearing or thinking of a word an actual experience in addition to its meaning? – How is this to be judged? – – What speaks against it? Well, that one cannot discover any content in this experience. It is as if one were to express an experience, but then be unable to recall what the experience actually was. As if one could sometimes recall an experience that is simultaneous with the one we are looking for, but what we get to see is only (as) a garment, and where the clothed thing should be, we see emptiness. And then one is inclined to say: “You simply must not look for another content.” The content of the experience is only to be described by the specific expression (of the experience). But even this does not satisfy. For why do we still feel that there is no content there? And is this only the case with the experience of meaning? Not also, for example, with the experience of remembering? If I am asked what I have done in the last two hours, I answer immediately and do not read the answer from an experience. And yet one says that I have remembered, and this is a mental process.

§RPP I

216[2]

775 Es könnte einem fast Wunder nehmen, daß man die Frage “Was hast Du heute morgen getan” beantworten kann – ohne historische Spuren meiner Tätigkeit aufzusuchen, oder dergleichen. Ja, ich antworte, und wüßte nicht einmal, daß dies nur durch einen besonderen seelischen Vorgang, das Erinnern, möglich ist, wenn es mir nicht gesagt würde.

775 One could almost be amazed that one can answer the question “What did you do this morning” – without searching for historical traces of my activity, or the like. Yes, I answer, and would not even know that this is only possible through a special mental process, remembering, if I were not told.

§RPP I

216[3]

776 Aber es gibt natürlich ein “Ich glaube mich daran zu erinnern”, ob nun richtig oder falsch – und hier kommt das Subjektive des Psychologischen zum Vorschein.

776 But of course there is a “I believe I remember,” whether true or false – and here the subjective element of the psychological comes to the fore.

§RPP I

216[4]

777 Sage ich nun, das Erlebnis des Erinnerns und das Erlebnis der Schmerzen, z.B., sind von verschiedener Art, so ist das irreleitend, da man bei “Erlebnissen verschiedener Art” vielleicht an eine Verschiedenheit wie der eines Schmerzes, eines Kitzels, und eines Gefühls der Übligkeit denkt. Während die Verschiedenheit, von der wir reden, eher vergleichbar ist der der Zahlen 1 und i.

777 If one now says that the experience of remembering and the experience of pain, for example, are of a different kind, then this is misleading, since when one speaks of “experiences of different kinds,” one might think of a difference such as that of a pain, a tickle, and a feeling of familiarity. Whereas the difference of which we are speaking is more comparable to that of the numbers 1 and i.

§RPP I

216[5]

778 Woher nimmt man nun den Begriff des ‘Inhalts’ eines Erlebnisses. Nun, der Inhalt des Erlebnisses ist das private Objekt, das Sinnesdatum, der ‘Gegenstand’, den ich unmittelbar mit dem geistigen Auge, Ohr, etc. etc. erfasse. Das innere Bild. – Aber wo hat man diesen Begriff nötig?

778 From where does one derive the concept of the ‘content’ of an experience? Well, the content of the experience is the private object, the sense-datum, the ‘object’ that I grasp immediately with the mental eye, ear, etc., etc. The inner image. – But where is this concept necessary?

§RPP I

216[6]

779 Warum, wenn ich meine subjektive Erinnerung mitteile, bin ich nicht geneigt, zu sagen, ich hätte den Inhalt meines Erlebnisses beschrieben?

779 Why, when I communicate my subjective memory, am I not inclined to say that I have described the content of my experience?

§RPP I

217[1]

780 Ja, wenn ich sage “Erinnerungen an jene Tage tauchten in mir auf”, so scheint es anders. Da bin ich geneigt von einem Inhalt der Erfahrung zu reden, und denke mit etwas wie Worte und Bilder, die vor meiner Seele auftauchen.

780 Yes, if I say “Memories of those days arose in me,” then it seems different. Then I am inclined to speak of a content of the experience, and think of something like words and images that appear before my mind.

§RPP I

217[2]

781 Ich kann Einem zeigen, wie ein bestimmter Schmerz, ein Jucken, ein Bremseln, etc. ist, indem das Gefühl bei ihm hervorrufe und seine Reaktion, die Beschreibung, die er davon gibt, etc. beobachte. Aber kann ich so etwas im Fall des Erinnerungserlebnisses tun? – So nämlich, daß er nun sagen kann: “Ja, jetzt weiß ich, wie es ist ‘sich an etwas erinnern’.” Ja ich kann ihm natürlich beibringen, was wir “sich an etwas erinnern” nennen; ich kann ihn den Gebrauch dieser Worte lehren. Aber kann er dann sagen: “Ja, jetzt hab ich's erfahren, wie das ist!” ((“Ja, jetzt weiß ich was Gruseln ist!”)) Wenn er es sagte, so würden wir uns wundern, und denken: Was mag er nur fühlen? Denn wir fühlen nichts besonderes

781 I can show someone what a certain pain, an itch, a tingling, etc., is by evoking the feeling in him and observing his reaction, the description he gives of it, etc. But can I do something similar in the case of the experience of remembering? – In such a way that he can now say: “Yes, now I know what it is ‘to remember something.’” Yes, I can, of course, teach him what we call “to remember something”; I can teach him the use of these words. But can he then say: “Yes, now I have experienced what that is!” (“Yes, now I know what it is to be frightened!”) If he said that, we would be surprised, and think: What can he possibly be feeling? Because we do not feel anything special.

§RPP I

217[3]

782 Wenn Einer sagt “Jetzt weiß ich, was Bremseln ist”, so wissen wir, daß er's weiß, durch den ‘Ausdruck der Empfindung’: er zuckt zusammen, bringt einen bestimmten Laut hervor, sagt, was wir auch in diesem Fall sage, findet die gleiche Beschreibung treffend, wie wir.

782 When someone says “Now I know what tingling is,” we know that he knows it through the ‘expression of the sensation’: he twitches, makes a certain sound, says what we also say in this case, finds the same description appropriate, as we.

§RPP I

217[4]

783 Und so könnte man auch wirklich von einem Gefühl “Lang, lang ist's her!” sprechen, und diese Worte sind ein Ausdruck der Empfindung, aber nicht die: “ich erinnere mich daran, ihn oft begegnet zu haben”.

783 And so one could also really speak of a feeling of “long, long ago,” and these words are an expression of the sensation, but not the: “I remember having met him often.”

§RPP I

217[5]

784 “Wenn sie vergeht, dann war es nicht die rechte Liebe.” Warum war sie es dann nicht? Ist es unsere Erfahrung, daß nur dieses Gefühl und nicht jenes von Dauer ist? Oder gebrauchen wir ein Bild: wir prüfen die Liebe auf ihre innere Beschaffenheit, die das unmittelbare Gefühl nicht offenbart. Aber dieses Bild ist uns wichtig. Die Liebe, also das Wichtige, ist nicht ein Gefühl, sondern etwas tieferes, das nur in dem Gefühl sich äußert. Wir haben das Wort “Liebe” und geben diesen Titel nun dem Wichtigsten. (Wie wir den Titel “Philosophie” einer bestimmten geistigen Tätigkeit verleihen.)

784 “If it passes, then it was not true love.” Why was it not? Is it our experience that only this feeling and not that one is lasting? Or do we use an image: we test the love for its inner nature, which the immediate feeling does not reveal. But this image is important to us. Love, therefore, what is important, is not a feeling, but something deeper, which only manifests itself in the feeling. We have the word “love” and now give this title to the most important thing. (As we give the title “philosophy” to a particular mental activity.)

§RPP I

218[1]

785 Wir verleihen Wörter, wie wir, bereits vorhandene, Titel verleihen.

785 We give words, as we give already existing titles.

§RPP I

218[2]

786 “Ein neugeborenes Kind hat keine Zähne.” – “Eine Gans hat keine Zähne.” – “Eine Rose hat keine Zähne.” Das Letztere ist doch offenbar wahr! Sicherer sogar, als daß eine Gans keine hat. Und doch ist es nicht so klar. Denn wo sollte eine Rose Zähne haben? Die Gans hat keine in ihrem Kiefer. Und sie hat natürlich auch keine in den Flügeln, aber das meint niemand, der sagt, sie habe keine Zähne. Ja wie, wenn man sagte: Die Kuh kaut Gras mit ihren Zähnen und düngt dann die Rose damit, also hat die Rose Zähne im Mund eines Tiers. Das ist darum nicht absurd, weil man von vornherein garnicht wüßte, wo man nach Zähnen bei der Rose zu suchen hat. ((Dies hängt irgendwie mit dem Problem zusammen, daß der Satz “Die Erde hat mehr als 100.000 Jahre existiert” einen klareren Sinn hat als der “die Erde hat in den letzten 5 Minuten existiert”. Denn, wer dies sagte, den würde ich fragen: “Auf welche Beobachtungen beziehst Du Dich? Was für Beobachtungen würden Deinem Satz entgegenstehen?” Während ich wohl weiß, zu welchem Gedankenkreis, zu welchen Beobachtungen der erste Satz gehört.))

786 “A newborn child has no teeth.” – “A goose has no teeth.” – “A rose has no teeth.” The latter is obviously true! Even more certain than that a goose has none. And yet it is not so clear. Because where should a rose have teeth? The goose has none in its jaw. And it certainly has none in its wings, but that is not what anyone means when they say it has no teeth. Yes, how would it be if one said: the cow chews grass with its teeth and then fertilizes the rose with it, so the rose has teeth in the mouth of an animal. This is not absurd because one would not know from the outset where to look for teeth on the rose. ((This is somehow connected to the problem that the sentence “The Earth has existed for more than 100,000 years” has a clearer sense than the sentence “The Earth has existed in the last 5 minutes.” Because, whoever said the latter, I would ask: “What observations are you referring to? What kind of observations would contradict your statement?” Whereas I probably know what sphere of thought, what observations the first sentence belongs to.))

§RPP I

218[3]

787 “Siehst Du, so ist das, wenn man sich an etwas erinnert.” So? Wie? – – Kann man sich denken, daß Einer sagte: “Ich werde diese Erfahrung (nämlich das Erinnern) nie vergessen!”?

787 “You see, that’s what it’s like when you remember something.” Is that so? How? – – Can one imagine that someone said: “I will never forget this experience (namely, the act of remembering)!”?

§RPP I

218[4] &
219[1]

785 Ist die Erinnerung eine Erfahrung? Was erfahre ich? Und ist es eine Erfahrung, wenn das Wort “Bank” das eine, oder andere für mich bedeutet? Wieder: Was erfahre ich? – Man ist geneigt zu antworten: Ich habe das und das vor mir gesehen, mir vorgestellt. So sag ich es also nur – daß das Wort dies für mich bedeutet hat – und es ist nichts geschehen? Es waren bloße Worte? – Bloße Worte nicht; und man kann auch sagen, daß etwas geschehen ist, was ihnen entsprach – aber man kann, daß es nicht bloße Worte waren, nicht damit erklären, daß etwas vor sich ging was ihnen entsprach. Denn die beiden Ausdrücke bedeuten einfach dasselbe.

785 Is remembering an experience? What do I experience? And is it an experience if the word “bank” means one thing or another to me? Again: What do I experience? – One is inclined to answer: I have this and that in front of me, I imagine it. So I just say that the word has this meaning for me – and nothing has happened? Were they just words? – Not just words; and one can also say that something has happened that corresponds to them – but one cannot explain that they were not just words by saying that something happened that corresponded to them. Because the two expressions simply mean the same thing.

§RPP I

219[2]

786 Das Gefühl, man sei schon früher einmal in eben derselben Situation gewesen. Ich habe dieses Gefühl nie gehabt. Wenn ich einen guten Bekannten sehe, so ist mir sein Gesicht wohl bekannt; es ist mir viel vertrauter, als wenn es mir bloß ‘bekannt vorkommt’. Aber worin besteht die Wohlvertrautheit? Habe ich, während ich ihn sehe die ganze Zeit das Gefühl der Wohlvertrautheit? Und warum will man das nicht sagen? Man möchte sagen: “Ich habe garkein besonderes Gefühl der Vertrautheit, kein Gefühl, das meiner Vertrautheit mit ihm entspricht.” Wenn ich sage, er sei mir äußerst wohl bekannt, da ich ihn unzählige Male gesehen und mit ihm gesprochen habe, so solle das kein Gefühl beschreiben. Und worin liegt es, daß dies kein Gefühl beschreibt? – Wenn etwa Einer behauptete, er habe so ein Gefühl die ganze Zeit, während er den ihm wohlvertrauten Gegenstand sieht – oder wenn er sagt, er glaube, er habe so ein Gefühl, – soll ich einfach sagen, ich glaube es nicht? – Oder soll ich sagen ich wisse nicht, was das für ein Gefühl sei? Ich sehe einen guten Bekannten, und jemand fragt mich, ob mir sein Gesicht bekannt vorkommt. Ich werde sagen: nein. Das Gesicht sei das eines Menschen, den ich tausendmal gesehen habe. “Und da hast du nicht das Erlebnis der Bekanntheit – wenn Du es sogar bei einem Dir kaum bekannten Gesicht hast?!” Wie zeigt es sich, daß ich kein Gefühl ausdrücke, wenn ich sage: freilich sei mir das Gesicht bekannt, ja so wohlbekannt wie nur möglich?

786 The feeling that one has been in exactly the same situation before. I have never had this feeling. When I see a good acquaintance, his face is certainly familiar to me; it is much more familiar than if it merely ‘seems familiar’ to me. But what is the basis for this familiarity? Do I have the feeling of familiarity the whole time while I am looking at him? And why wouldn’t one say that? One would like to say: “I don’t have any particular feeling of familiarity, no feeling that corresponds to my familiarity with him.” If I say that he is extremely familiar to me, because I have seen him and spoken to him countless times, that should not describe a feeling. And what is the reason that this does not describe a feeling? – If, for example, someone claimed that he has this feeling all the time while he is looking at the familiar object – or if he says that he believes he has such a feeling – should I simply say that I do not believe it? – Or should I say that I do not know what kind of feeling it is? I see a good acquaintance, and someone asks me if his face seems familiar to me. I will say: no. That face is that of a person I have seen a thousand times. “And don’t you have the experience of familiarity – even when it’s a face that’s barely familiar to you?!” How does it show that I am not expressing a feeling when I say: of course, the face is familiar to me, yes, as familiar as possible?

§RPP I

219[3]

787 Warum ist es lächerlich, hier von einem fortwährendem Gefühl der Wohlvertrautheit zu reden? – “Nun, weil Du keines spürst.” Aber ist das die Antwort?

787 Why is it ridiculous to talk about a continuous feeling of familiarity here? – “Well, because you don’t feel it.” But is that the answer?

§RPP I

219[4]

788 Ein Gefühl der Wohlvertrautheit, das wäre so etwas ähnliches, wie ein Gefühl des Wohlbehagens. Warum scheint es richtig, hier von einem Gefühl zu reden, und nicht dort? – Da fällt mir der besondere Ausdruck des Wohlbehagens ein. Das Schnurren der Katze etwa.

788 A feeling of familiarity would be something similar to a feeling of well-being. Why does it seem right to talk about a feeling here, and not there? – This makes me think of the special expression of well-being. The purring of a cat, for example.

§RPP I

220[1]

789 Und kann ich mir nicht auch einen Fall vorstellen, in dem ich sagen würde, es hat Einer ein ständiges Gefühl der Wohlvertrautheit mit einem Objekt? Denke, es geht Einer in dem Zimmer umher worin er lange nicht war, und freut sich der Wohlvertrautheit aller Gegenstände. Könnte man hier nicht von einem Gefühl der Wohlvertrautheit reden? Und warum? – Erkenne ich in mir dieses Gefühl? Finde ich darum daß es hier Sinn hat von dem Gefühl zu reden?

789 And can I not also imagine a case in which I would say that someone has a constant feeling of familiarity with an object? Suppose someone walks around in a room he has not been in for a long time, and enjoys the familiarity of all the objects. Could one not speak of a feeling of familiarity here? And why? – Do I recognize this feeling in myself? Do I find that it makes sense to speak of this feeling?

§RPP I

220[2]

790 Ich denke mir, daß alle seine Handlungen einen vertrauten Ton haben. – Aber wie werde ich das wissen? – Nun dadurch, daß er mir es sagt. Er muß also gewisse Worte gebrauchen, z.B. sagen “Alles fühlt sich so vertraut an”, oder einen anderen, spezifischen, Ausdruck des Gefühls von sich geben.

790 I think that all his actions have a familiar tone. – But how will I know that? – Well, by him telling me. He must therefore use certain words, for example, say “Everything feels so familiar,” or give some other, specific, expression of the feeling.

§RPP I

220[3]

791 Gefühl der Unwirklichkeit der Umgebung. Dies Gefühl habe ich einmal gehabt, und Viele haben es vor dem Ausbruch von Geisteskrankheiten. Alles scheint irgendwie nicht real; aber nicht, als sähe man die Dinge unklar, oder verschwommen; es sieht alles ganz so aus wie gewöhnlich. Und wie weiß ich, daß ein Andrer gefühlt hat, was ich gefühlt habe? Weil er die gleichen Worte gebraucht, die auch ich treffend finde. Aber warum wähle ich gerade das Wort “Unwirklichkeit” zum Ausdruck? Wegen seines Klangs doch nicht. (Ein Wort mit sehr ähnlichem Klang aber anderer Bedeutung würde es nicht tun.) Ich wähle es wegen seiner Bedeutung. Aber ich habe doch nicht gelernt, dies Wort in der Bedeutung eines Gefühls zu gebrauchen! Nein; aber ich habe es in einer bestimmten Bedeutung gelernt und nun verwende ich es spontan so. Man könnte sagen – obwohl das irreführen kann –: Wenn ich das Wort in seiner gewöhnlichen Bedeutung gelernt habe, so wähle ich sie nun zum Gleichnis für mein Gefühl. Aber es handelt sich hier natürlich nicht um ein Gleichnis, um einen Vergleich des Gefühls mit etwas anderem.

791 A feeling of unreality in the environment. I once had this feeling, and many have it before the outbreak of mental illnesses. Everything seems somehow not real; but not as if one saw things unclearly, or blurred; everything looks just as usual. And how do I know that another person has felt what I have felt? Because he uses the same words that I also find fitting. But why do I choose the word “unreality” to express it? Not because of its sound. (A word with a very similar sound but a different meaning would not do.) I choose it because of its meaning. But I did not learn to use this word in the meaning of a feeling! No; but I learned it in a certain meaning and now I use it spontaneously like this. One could say – although this can be misleading –: If I learned the word in its usual meaning, then I now choose it as a simile for my feeling. But here it is not, of course, a simile, a comparison of the feeling with something else.

§RPP I

220[4] &
221[1]

792 Die Tatsache ist einfach, daß ich ein Wort, den Träger einer bestimmten Technik, als Gefühlsausdruck gebrauche. In einer neuen Art gebrauche. Und worin besteht diese neue Art der Verwendung? Nun, eines ist, daß ich sage: ich habe ein ‘Gefühl der Unwirklichkeit’ – nachdem ich nämlich die Verwendung des Worts “Gefühl” auf die gewöhnliche Weise gelernt habe. Auch: das Gefühl ist ein Zustand.

792 The fact is simply that I use a word, the carrier of a certain technique, as an expression of feeling, in a new way. And what is this new way of using it? Well, one thing is that I say: I have a ‘feeling of unreality’ – after having learned the use of the word “feeling” in the usual way. Also: the feeling is a state.

§RPP I

221[2]

793 Zorn. “Ich hasse ‥‥” ist offenbar der Ausdruck des Hasses, “Ich bin zornig” selten der Ausdruck des Zorns. Ist Zorn ein Gefühl? Und warum ist es keins? – Vor allem: Was tut Einer, wenn er zornig ist? Wie benimmt er sich? Mit andern Worten: Wann sagt man, Einer sei zornig? Nun und in solchen Fällen lernt er den Ausdruck gebrauchen: “Ich bin zornig”. Ist es der Ausdruck eines Gefühls? – Und warum sollte es der Ausdruck eines Gefühls, oder von Gefühlen, sein?

793 Anger. “I hate ‥‥” is obviously the expression of hatred, “I am angry” is rarely the expression of anger. Is anger a feeling? And why is it not one? – Above all: What does one do when one is angry? How does one behave? In other words: When does one say that someone is angry? And in such cases, one learns to use the expression: “I am angry.” Is it the expression of a feeling? – And why should it be the expression of a feeling, or of feelings?

§RPP I

221[3]

794 So ist also der Zorn kein Erlebnis? – Ist es eins, wenn ich, sagen wir, meine Faust balle, oder einen Satz ausspreche, oder niederschreibe?

794 Is anger not an experience? – Is it one when I, say, clench my fist, or utter a sentence, or write it down?

§RPP I

221[4]

795 Nimm die verschiedenen psychologischen Phänomene: Denken, Schmerz, Zorn, Freude, Wunsch, Furcht, Absicht, Erinnerung, etc. – und vergleich das Benehmen, das jedem entspricht. – Aber was gehört hier zum Benehmen? Nur das Spiel des Gesichtsausdrucks und die Gebärden? oder auch die Umgebung, sozusagen der Anlaß dieses Ausdrucks? Und wenn man nun auch die Umgebung einbezieht, – wie ist dann das Verhalten beim Zorn und beim Erinnern, z.B., zu vergleichen?

795 Take the different psychological phenomena: thinking, pain, anger, joy, wish, fear, intention, memory, etc. – and compare the behaviour that corresponds to each. – But what belongs to the behaviour here? Only the play of facial expression and the gestures? Or also the environment, so to speak, the cause of this expression? And if one now also includes the environment, – how is the behaviour in anger and in remembering, for example, to be compared?

§RPP I

221[5]

796 Ist das nicht, als sagte man: “Vergleiche verschiedene Zustände des Wassers” – und meint damit seine Temperatur, die Geschwindigkeit, mit der es fließt, die Farbe etc.?

796 Is this not as if one said: “Compare different states of water” – and meant by that its temperature, the speed at which it flows, the colour, etc.?

§RPP I

221[6] &
222[1]

797 Zu dem Benehmen der Menschen gehört natürlich nicht nur, was sie tun, ohne je ein Benehmen gelernt haben, sondern auch, was sie tun (also z.B. sagen) nachdem sie eine Abrichtung erhalten haben. Und dies Benehmen hat seine Wichtigkeit im Bezug auf die besondere Abrichtung. – Hat z.B. Einer gelernt – die Worte “ich freue mich” zu verwenden, wie ein Anderer die Worte “ich fürchte mich”, so werden wir hier aus dem gleichen Benehmen ungleiche Schlüsse ziehen.

797 Human behaviour, of course, includes not only what people do without ever having learned a behaviour, but also what they do (i.e., for example, say) after they have undergone training. And this behaviour derives its significance from the particular training. – For example, if one person has learned to use the words “I am happy” in the same way that another uses the words “I am afraid,” then we will draw different conclusions from the same behaviour.

§RPP I

222[2]

798 “Aber kann er sich nicht fürchten, auch wenn er's nie äußert?” – Was bedeutet dieses “kann”? Soll es heißen: “Kommt es vor, daß Einer sich fürchtet, ohne es je zu sagen?” – Nein. Eher: “Hat es Sinn, z.B. diese Frage zu stellen?” Oder: hat es Sinn, wenn uns ein Novellist erzählt, jemand habe sich gefürchtet, es aber nie geäußert? Nun, es hat Sinn. Aber welchen? Ich meine: – Wo und wie wird so ein Satz verwendet? Wenn ich frage “Welchen Sinn hat es?” – so will ich nicht, daß mir mit einem Bild, oder einer Reihe von Bildern geantwortet wird – sondern mit der Beschreibung von Situationen.

798 “But can’t he be afraid, even if he never expresses it?” – What does this “can” mean? Does it mean: “Does it happen that someone is afraid without ever saying so?” – No. Rather: “Does it make sense to ask this question?” Or: does it make sense when a novelist tells us that someone was afraid but never expressed it? Well, it makes sense. But what kind of sense? I mean: – Where and how is such a sentence used? When I ask “What sense does it make?” – I don’t want to be answered with a picture, or a series of pictures, but with a description of situations.

§RPP I

222[3]

799 “Aber Depression ist doch ein Gefühl; Du willst doch nicht sagen, daß Du bedrückt bist und es nicht spürst? Und wo spürst du es?” Da kommt es drauf an, was man “spüren” nennt. Richte ich meine Aufmerksamkeit auf meine Körpergefühle, so merke ich einen sehr leichten Kopfschmerz, ein leichtes Unbehagen in der Magengegend; vielleicht eine gewisse Müdigkeit. Aber meine ich das, wenn ich sage, ich sei schwer bedrückt? – Und doch sage ich wieder: “Ich fühle ein Gewicht auf meiner Seele lasten”. “Nun, ich kann es nicht anders ausdrücken!” – Aber wie merkwürdig, daß ich es so sage und nicht anders ausdrücken kann!

799 “But depression is a feeling; you surely don’t mean to say that you are depressed and don’t feel it? And where do you feel it?” It depends on what one calls “feeling.” If I direct my attention to my bodily sensations, I notice a very slight headache, a slight discomfort in my stomach; perhaps a certain tiredness. But do I mean that when I say that I am deeply depressed? – And yet I say again: “I feel a weight on my mind.” “Well, I can’t express it any other way!” – But how remarkable that I say it this way and cannot express it any other way!

§RPP I

222[4]

800 Meine Schwierigkeit ist ganz ähnlich der eines Menschen, der einen neuen Kalkül erfindet (die Differentialrechnung etwa) und einen Symbolismus sucht.

800 My difficulty is very similar to that of a person who invents a new calculus (such as differential calculus) and seeks a symbolism.

§RPP I

222[5]

801 Die Depression ist kein Körpergefühl: Denn wir lernen den Ausdruck “ich fühle mich bedrückt” nicht unter den Umständen, die ein bestimmtes Körpergefühl kennzeichnen.

801 Depression is not a bodily feeling: because we learn the expression “I feel depressed” not under the circumstances that characterize a particular bodily feeling.

§RPP I

222[6]

802 “Aber die Bedrückung, der Zorn, ist doch ein bestimmtes Gefühl!” – Was für ein Satz ist das? Wo wird er verwendet?

802 “But depression, anger, is a specific feeling!” – What kind of sentence is that? Where is it used?

§RPP I

222[7] &
223[1]

803 Die Unsicherheit: ob ein Mensch wirklich dies Gefühl hat, oder sich nur so stellt. Aber natürlich ist es auch unsicher, ob er sich nicht nur so stellt, als verstelle er sich. Nur ist diese Verstellung seltener und hat nicht so leicht verständliche Gründe. – Worin besteht aber diese Unsicherheit? Bin ich wirklich immer im Ungewissen darüber, ob Einer wirklich zornig, traurig, froh etc. etc. ist? Nein. So wenig, wie darüber, daß ich ein Schreibbuch vor mir und eine Feder in der Hand habe, oder darüber, daß das Buch fallen wird, wenn ich es auslasse, oder darüber, daß ich mich nicht verrechnet habe wenn ich sage 25 × 25 sei 125. Aber das ist wahr: Ich kann nicht Kriterien angeben, die das Vorhandensein der Empfindung außer Zweifel setzen; und das heißt: es gibt solche Kriterien nicht. – Was ist das aber für eine Tatsache? Ist es eine psychologische, die Empfindungen betreffend? Man wird sagen wollen, es liege im Wesen der Empfindung, oder des Ausdrucks der Empfindung. Ich könnte sagen: es ist eine Eigentümlichkeit unseres Sprachspiels. – Aber wenn das auch wahr ist, so übergeht es doch eine Hauptsache: In gewissen Fällen bin ich in Unsicherheit darüber, ob der Andere Schmerzen hat oder nicht, ich ruhe z.B. nicht sicher in meinem Mitleid mit ihm, und keine Äußerung kann diese Unsicherheit beheben. – Ich sage dann etwa: “Er könnte sich ja doch auch jetzt verstellen”. Aber warum soll es notwendig sein, daß er sich verstellt; denn Verstellung ist ja nur ein ganz spezieller Fall davon, daß Einer Schmerz äußert und nicht fühlt. Ein bestimmtes Gift könnte ihn in einen Zustand versetzen, in welchem er ‘als Automat handelt’, sich nicht verstellt, aber nichts fühlt, obgleich er Gefühle äußert. Ich denke mir etwa, dies Gift bewirke es, daß er einige Zeit nach einer wirklichen Krankheit alle Handlungen seiner Krankheitszeit genau, der Reihe nach, wiederholt, während die objektive Krankheit, die Schmerzursachen z.B., aufgehört haben zu existieren. Wir haben dann mit ihm so wenig Mitleid, wie mit Einem unter Narkose. Wir sagen, er wiederhole alle Äußerungen des Schmerzes etc. rein automatisch, verstelle sich dabei natürlich nicht.

803 The uncertainty: whether a person really has this feeling, or is only pretending. But, of course, it is also uncertain whether he is only pretending to pretend. Only, this pretense is rarer and has more easily understandable reasons. – But what is this uncertainty? Am I really always in doubt as to whether someone is really angry, sad, happy, etc.? No. Just as little as I am in doubt that I have a writing book in front of me and a pen in my hand, or that the book will fall if I let it go, or that I have not miscalculated when I say that 25 × 25 is 125. But this is true: I cannot give criteria that would eliminate all doubt as to the presence of the sensation; and that means: such criteria do not exist. – But what is that fact? Is it a psychological one, concerning sensations? One would like to say that it lies in the nature of the sensation, or of the expression of the sensation. I could say: it is a peculiarity of our language-game. – But even if that is true, it still overlooks a main point: in certain cases, I am in doubt as to whether the other person is in pain or not; for example, I do not feel completely secure in my sympathy for him, and no utterance can resolve this uncertainty. – I then say, for example: “He could still be pretending.” But why must it be necessary that he is pretending; because pretense is only a very special case of someone expressing pain and not feeling it. A certain poison could put him in a state in which he ‘acts like an automaton’, does not pretend, but feels nothing, although he expresses feelings. I imagine that this poison causes him, after a real illness, to repeat all the actions of his illness exactly, in order, while the objective illness, the causes of pain, for example, has ceased to exist. We then feel as little sympathy for him as for someone under anesthesia. We say that he repeats all the expressions of pain, etc., purely automatically, without pretending.

§RPP I

223[2] &
233[1]

804 “Ich kann nie wissen, was in ihm vorgeht; er weiß es immer.” Ja, wenn man philosophisch denkt, möchte man das sagen. Aber welcher Sachlage entspricht diese Aussage? Wir hören täglich, daß der Eine vom Andern sagt, er habe Schmerzen, sei traurig, lustig, etc., ohne die Spur des Zweifels; und verhältnismäßig selten, daß man nicht wisse, was in ihm vorgeht. So ist es also nicht so schlimm mit der Ungewißheit. Und es kommt auch vor, daß man sagt: “Ich weiß, daß Du damals so gefühlt hast, auch wenn Du's jetzt nicht wahr haben willst.”

804 “I can never know what is going on in him; he always knows it.” Yes, if one thinks philosophically, one would like to say that. But what situation does this statement correspond to? We hear daily that one person says of another that he is in pain, is sad, is happy, etc., without the slightest doubt; and relatively rarely that one does not know what is going on in him. So it is not so bad with the uncertainty. And it also happens that one says: “I know that you felt that way then, even if you don’t want to admit it now.”

§RPP I

224[2]

805 Das Bild “Er weiß es, – ich weiß es nicht” ist eins, das die Unwissenheit in einem besonders irritierenden Licht erscheinen läßt. Es ist ähnlich, wie wenn man einen Gegenstand in verschiedenen Laden sucht, und sich dabei sagt, Gott wisse die ganze Zeit, wo er wirklich ist, und daß wir ganz vergebens diese Lade durchsuchen.

805 The picture “He knows it – I do not know it” is one that makes ignorance appear in a particularly irritating light. It is similar to when one searches for an object in different shops, and says to oneself that God knows all the time where it really is, and that we are searching these shops in vain.

§RPP I

224[3]

806 “Jeder Mensch weiß, daß er Schmerzen hat” – und weiß er auch ganz genau, wie stark seine Schmerzen sind?

806 “Every person knows that he has pain” – and does he also know exactly how strong his pain is?

§RPP I

224[4]

807 Die Unsicherheit der Aussage “Er hat Schmerzen” könnte man eine konstitutionelle nennen.

807 One could call the uncertainty of the statement “He has pain” a constitutional one.

§RPP I

224[5]

808 Das Kind, das sprechen lernt, lernt den Gebrauch der Worte “Schmerzen haben” und lernt auch, daß man Schmerzen heucheln kann. Dies gehört zu dem Sprachspiel, daß es lernt. Oder auch: Es lernt nicht nur den Gebrauch von “Er hat Schmerzen”, sondern auch von “Ich glaube, er hat Schmerzen”. (Aber natürlich nicht von “Ich glaube, ich habe Schmerzen”.)

808 The child who learns to speak learns the use of the words “to have pain” and also learns that one can feign pain. This is part of the language-game that it learns. Or: It does not only learn the use of “He has pain,” but also of “I think he has pain.” (But of course not of “I think I have pain.”)

§RPP I

224[6]

809 “Er kann auch Schmerzen heucheln” – das heißt doch: er kann sich benehmen, als hätte er sie; ohne sie zu haben. Gewiß; und so ein Satz unterstreicht natürlich ein bestimmtes Bild; aber wird dadurch die Verwendung von “Er hat Schmerzen” beeinflußt?

809 “He can also feign pain” – that is, he can behave as if he has it; without actually having it. Certainly; and such a sentence naturally emphasizes a certain picture; but is the use of “He has pain” thereby influenced?

§RPP I

224[7]

810 Wie aber, wenn Einer sagen würde: “Schmerzen haben und Schmerzen heucheln sind von einander sehr verschiedene Zustände der Seele, die den gleichen Ausdruck im Benehmen haben können”?

810 But what if someone were to say: “Having pain and feigning pain are very different states of the mind, which may have the same expression in behaviour”?

§RPP I

224[8]

811 So hat also geheuchelter Schmerz und wahrer Schmerz den gleichen Ausdruck? Und wie unterscheidet man sie also? Wie weiß ich, daß das Kind, welchem ich den Gebrauch des Wortes “Schmerz” lehre, mich nicht mißversteht und also immer das “Schmerz” nennt, was ich “geheuchelter Schmerz” nenne?

811 So, feigned pain and real pain have the same expression? And how does one distinguish them? How do I know that the child, to whom I teach the use of the word “pain,” does not misunderstand me and always calls “pain” what I call “feigned pain”?

§RPP I

224[9] &
225[1]

812 Angenommen, es erklärt Einer das Lehren des Gebrauchs des Wortes “Schmerz” in dieser Weise: Wenn das Kind sich bei bestimmten Anlässen so und so benimmt, denke ich, es fühle, was ich in solchen Fällen fühle; und wenn ich mich darin nicht irre, so assoziiert das Kind das Wort mit seinem Gefühl und gebraucht das Wort, wenn das Gefühl wieder auftritt. – Diese Erklärung ist wohl richtig; aber was erklärt sie? Oder: Welche Art der Unwissenheit behebt sie? – Sie sagt uns z.B., daß der Mensch dies Wort nicht mit einem Benehmen, oder einem ‘Anlaß’ assoziiert. Wer also nicht wüßte, ob das Wort “Schmerz” ein Gefühl oder ein Benehmen bezeichnet, den würde die Erklärung belehren. Sie sagt auch, daß das Wort nicht einmal für das eine, einmal für das andere Gefühl verwendet wird, – wie es ja auch sein könnte.

812 Suppose someone explains the teaching concerning the use of the word “pain” in this way: when, on certain occasions, the child behaves in such and such a way, I think it feels what I feel in such cases; and if I am not mistaken, the child associates the word with its feeling and uses the word when the feeling occurs again. – This explanation is probably correct; but what does it explain? Or: what kind of ignorance does it remedy? – It tells us, for example, that a person associates this word not with a behaviour, or with an ‘occasion’. So, whoever did not know whether the word “pain” denotes a feeling or a behaviour would be enlightened by this explanation. It also says that the word is not sometimes used for one feeling, sometimes for another, – as it could be.

§RPP I

225[2]

813 Die Erklärung sagt, daß ich das Wort falsch gebrauche, wenn ich es später für ein anderes Gefühl gebrauche. Eine ganze Wolke von Philosophie kondensiert zu einem Tröpfchen symbolischer Praxis.

813 The explanation says that I use the word incorrectly if I later use it for a different feeling. A whole cloud of philosophy condenses into a drop of symbolic practice.

§RPP I

225[3]

814 Warum sollten die Worte “Ich glaube, er hat Schmerzen” nicht bloßer Wahnsinn sein? Etwa als sagte Einer “Ich glaube meine Zähne sind in seinem Mund”.

814 Why should the words “I believe he is in pain” not be mere nonsense? As if one said, “I believe my teeth are in his mouth.”

§RPP I

225[4]

815 Ein Stamm: Die Leute verstellen sich oft, liegen auf einem Weg anscheinend krank und in Schmerzen; kommt man ihnen zu Hilfe, so fallen sie den Helfenden an. Für dies Verhalten hat der Stamm ein bestimmtes Wort.

815 A tribe: The people often pretend, lying on a path as if they were sick and in pain; if one comes to their aid, they attack the helper. The tribe has a specific word for this behaviour.

§RPP I

225[5]

816 Statt “Es ist unsicher, ob er Schmerzen hat” könnte man auch sagen: “Sei gegen seine Schmerzäußerungen mißtrauisch!” – Und wie macht man das?

816 Instead of “It is uncertain whether he is in pain,” one could also say: “Be suspicious of his expressions of pain!” – And how does one do that?

§RPP I

225[6]

817 Glauben, daß der Andere Schmerzen hat, zweifeln, ob er sie hat, sind so viele natürliche Arten des Verhaltens zu den andern Menschen; und unsere Sprache ist nur ein Hilfsmittel und ein weiterer Ausbau dieses Verhaltens. Ich meine: unser Sprachspiel ist ein Ausbau des primitiveren Benehmens. (Denn unser Sprachspiel ist Benehmen.)

817 Believing that the other person is in pain, doubting whether he is in pain, are so many natural ways of behaving towards other people; and our language is only a tool and a further development of this behaviour. I mean: our language-game is a development of more primitive behaviour. (For our language-game is behaviour.)

§RPP I

225[7] &
226[1]

818 “Ich bin nicht sicher, ob er Schmerzen hat.” – Wenn sich nun Einer immer, wenn er dies sagt, mit einer Nadel stäche, um die Bedeutung des Wortes Schmerz lebhaft vor der Seele zu haben und zu wissen, worüber er beim Andern im Zweifel ist! Wäre nun der Sinn seiner Aussage gesichert, dadurch daß er sich Schmerz zufügt, während er sie macht? Er wüßte doch jetzt, was er beim Andern bezweifelt! – Aber wie wird er, was er nun fühlt, beim Andern bezweifeln? Wie wird er den Zweifel an sein Gefühl anknüpfen? Ja, was ist der Weg von seinem Schmerz zum Andern? Ja, kann er wirklich den Schmerz des Andern besser bezweifeln, wenn er selbst dabei Schmerz fühlt? Muß ich, um Zweifeln zu können, ob Einer eine Kuh hat, selbst eine haben?

818 “I am not sure if he is in pain.” – If now, whenever one says this, one were to prick oneself with a needle, in order to have the meaning of the word “pain” vividly present to the mind & to know what one is doubting in the other! Would the sense of one’s statement now be secured by the fact that one inflicts pain on oneself while making it? One would now know what one is doubting in the other! – But how can one doubt what one is now feeling in the other? How can one attach the doubt to one’s own feeling? Yes, what is the way from one’s own pain to the other? Yes, can one really doubt the other’s pain better if one feels pain oneself? Must one, in order to be able to doubt whether someone has a cow, have one oneself?

§RPP I

226[2]

819 Er hat also den wahren Schmerz; und der Besitz dessen ist es, was er beim Andern bezweifelt. – Aber wie macht er das nur? – Es ist, als sagte ich Einem: “Hier hast Du einen Sessel; siehst Du ihn? Und nun übersetze ihn ins Französische!”.

819 So he has the real pain; and the possession of that is what he doubts in the other person. – But how does he do that? – It is as if I said to someone: “Here, you have a chair; do you see it? And now translate it into French!”

§RPP I

226[3]

820 Er hat also den wahren Schmerz – und nun weiß er, was er beim Andern bezweifeln soll. Er hat den Gegenstand vor sich; und es ist kein ‘Benehmen’, oder dergleichen. (Aber jetzt!) Zum Bezweifeln, ob der Andere jetzt Schmerz fühlt muß ich den Begriff des Schmerzes haben; nicht Schmerzen. Und es ist wohl wahr, daß man mir diesen Begriff mitteilen könnte, indem man mir Schmerz zufügt.

820 So he has the real pain – and now he knows what he should doubt in the other person. He has the object before him; and it is not ‘behaviour’, or anything of the sort. (But now!) To doubt whether the other person is now feeling pain, one must have the concept of pain; not pain itself. And it is probably true that one could communicate this concept to me by inflicting pain on me.

§RPP I

226[4]

821 Es wäre eben so unrichtig, den Begriff des Verstehens der Bedeutung durch ein Erlebnis der Bedeutung zu erklären, wie den der Wirklichkeit und Unwirklichkeit durch das Erlebnis der Unwirklichkeit; oder den Begriff der Gegenwart eines Menschen durch das Gefühl einer Gegenwart. Ebensogut könnte man, was Schach ist, durch ein Schachgefühl erklären wollen.

821 It would be just as incorrect to explain the concept of understanding meaning through an experience of meaning, as to explain the concept of reality and unreality through the experience of unreality; or the concept of a person’s presence through the feeling of a presence. Just as one could try to explain what chess is by means of a ‘chess feeling’.

§RPP I

226[5] &
227[1]

822 “Aber man kann doch die Figur als Pfeil und als Vogelfuß sehen, auch wenn man es nie jemandem mitteilt.” Und das wieder heißt: es hat Sinn, zu sagen: jemand sähe die Figur einmal so, einmal so, ohne es je jemandem mitzuteilen. – Ich will nicht sagen, es habe keinen Sinn, aber der Sinn ist nicht so ohne weiteres klar. – Ich weiß z.B., daß Leute von einem Gefühl der Unwirklichkeit reden, sie sagen es scheine ihnen alles unwirklich; und nun sagt man: es könnte den Menschen alles unwirklich vorkommen, auch wenn sie's nie jemand mitgeteilt hätten. Wie weiß man so ohne weiteres, daß es Sinn hat zu sagen “es kommt diesem Menschen vielleicht alles unwirklich vor, obwohl er nie davon spricht”. Ich habe hier natürlich mit Absicht ein sehr seltenes Erlebnis gewählt. Denn weil es nicht eins von den alltäglichen Erlebnissen ist, sieht man schärfer auf den Gebrauch der Worte. – Ich möchte sagen: Es hat mit knapper Not Sinn, auszurufen “Es ist alles unwirklich!” – und schon weiß man, daß auch jene andere Aussage Sinn hat! – Oder auch so: Es sagt mir Einer “Mir erscheint alles unwirklich”. Ich weiß kaum, was das heißt – und doch weiß ich schon, daß es Sinn hätte, zu sagen, etc. etc. Nun, das liegt natürlich daran, daß er ein Erlebnis mit dem Satz beschreibt; d.h., daß es eine psychologische Aussage ist.

822 “But one can see the figure as an arrow and as a bird’s foot, even if one never tells anyone.” And this again means: it has sense to say: someone sees the figure one way, then another, without ever telling anyone. – I don’t want to say it has no sense, but the sense is not immediately clear. – I know, for example, that people talk about a feeling of unreality; they say that everything seems unreal to them; and now one says: it could happen that everything seems unreal to people, even if they never told anyone. How does one know so readily that it has sense to say “it may be the case that everything seems unreal to this person, even though he never talks about it”? I have of course chosen a very rare experience here. Because it is not one of the everyday experiences, one looks more closely at the use of the words. – I would like to say: it has, at best, sense to exclaim “It’s all unreal!” – and then one already knows that that other statement also has sense! – Or also like this: Someone says to me, “Everything seems unreal to me.” I hardly know what that means – and yet I already know that it would have sense to say, etc. etc. Well, this is of course because he is describing an experience with the sentence; that is to say, it is a psychological statement.

§RPP I

227[2]

823 D.h.: wenn Einer einen Seelenzustand äußert, so kann er ihn auch gehabt haben, ohne ihn zu äußern. Das ist eine Rede. Aber was ist der Zweck eines Satzes, der sagt, N. habe vielleicht das Erlebnis E. gehabt, aber es nie geäußert? Nun, eine Anwendung des Satzes kann man sich jedenfalls denken. Angenommen z.B. man fände eine Spur des Erlebnisses im Gehirn und sagt nun, es zeige sich, er habe vor seinem Tode noch das und das gedacht, oder gesehen, etc. Man könnte eine solche Anwendung für künstlich und weithergeholt halten; es ist aber wichtig, daß sie möglich ist.

823 That is to say: if someone expresses a state of mind, he could also have had it without expressing it. This is a statement. But what is the purpose of a sentence that says that N. may have had the experience E, but never expressed it? Well, one can certainly imagine an application of the sentence. Suppose, for example, one found a trace of the experience in the brain and now says that it shows that he was thinking or seeing something just before he died, etc. One could consider such an application artificial and far-fetched; but it is important that it is possible.

§RPP I

227[3]

824 Wenn es eine Versuchung gibt, die Differentialrechnung als Kalkül mit unendlich kleinen Größen anzusehen, so ist es begreiflich, daß in einem andern Fall eine analoge Versuchung noch viel mächtiger sein kann, – wenn sie nämlich von unsern Sprachformen rundherum genährt wird; und man kann sich denken, daß sie unwiderstehlich wird.

824 If there is a temptation to see differential calculus as a calculus with infinitely small quantities, then it is understandable that in another case an analogous temptation can be much more powerful – namely, when it is thoroughly nourished by our forms of language; and one can imagine that it becomes irresistible.

§RPP I

227[4] &
228[1]

825 “Ich habe Zahnschmerzen gehabt” – wenn ich das sage, so erinnere ich mich nicht an mein Benehmen, sondern an meinen Schmerz. Und wie geschieht das? Es schwebt einem wohl ein mattes Bild des Schmerzes vor? – Ist es also, als hätte man sehr schwache Schmerzen? “Nein; es ist eine andere Art von Bild; etwas Spezifisches.” Ist es also so, als hätte Einer nie ein gemaltes Bild gesehen, sondern immer nur Büsten, und man sagte ihm “Nein, ein Gemälde ist ganz anders als eine Büste, es ist eine ganz andere Art von Bild.” Es wäre etwa möglich, daß man es weit schwieriger fände einem Blinden begreiflich zu machen, was ein Gemälde, als was eine Büste ist.

825 “I had toothache” – if I say that, I don’t remember my behaviour, but my pain. And how does that happen? Does one have a faint image of the pain before him? – Is it then as if one had very weak pain? “No; it is a different kind of image; something specific.” Is it then as if someone had never seen a painted picture, but always only busts, and one said to him, “No, a painting is quite different from a bust; it is a completely different kind of image.” It would perhaps be possible that one would find it much more difficult to explain what a painting is to a blind person than what a bust is.

§RPP I

228[2]

826 Aber das Wort “spezifisch” (oder ein analoges), das man hier gern verwenden möchte, hilft nicht. Es ist so wenig ein Auskunftsmittel, wie das Wort “undefinierbar”, wenn Einer sagt, die Eigenschaft “gut” sei undefinierbar. Was wir wissen, übersehen wollen, ist der Gebrauch des Wortes “gut”, und ebenso der des Wortes “erinnern”. Denn man kann nicht sagen: “Du kennst doch das spezifische Erinnerungsbild”. Ich kenne es nicht. – Ich kann freilich sagen: “Ich kann Herrn N. nicht beschreiben, aber ich kenne ihn”; aber das heißt, daß ich ihn wiedererkenne, nicht, daß ich ihn wieder zu erkennen glaube.

826 But the word “specific” (or an analogous one), which one likes to use here, does not help. It is as little an aid to understanding as the word “indefinable,” when someone says that the property “good” is indefinable. What we want to overlook is the use of the word “good,” and also the use of the word “remember.” For one cannot say: “You know the specific memory-image.” I do not know it. – I can, of course, say: “I cannot describe Mr. N., but I know him”; but that means that I recognize him, not that I believe that I can recognize him again.

§RPP I

228[3]

827 Daß es Sinn hat, zu sagen, Einer habe ein Gefühl gehabt, ohne es je mitzuteilen, hängt damit zusammen, daß es Sinn hat, zu sagen: “Ich habe damals das gefühlt; ich erinnere mich daran”. Den Zusammenhang könnte man so erklären: Man wird doch nicht sagen: “Wenn ich nie gesagt hätte, daß ich damals Schmerzen hatte, so hätte ich auch keine gehabt”.

827 That it makes sense to say that someone had a feeling without ever communicating it is connected to the fact that it makes sense to say: “I felt that back then; I remember it.” One could explain this connection as follows: One would not say: “If I had never said that I was in pain back then, then I would not have been in pain.”

§RPP I

228[4]

828 “Ich weiß doch, was es heißt ‘Er hat Schmerzen’.” Heißt das, daß ich mir's vorstellen kann? Und worin läge die Wichtigkeit des Vorstellens? Daß ich zur Erklärung dieses Satzes jederzeit zur Erinnerung an meine eigenen Schmerzen, oder dazu übergehen kann, in mir jetzt Schmerzen hervorzurufen, etc., ist allerdings wichtig.

828 “I know what it means to say ‘He is in pain.’” Does this mean that I can imagine it? And what would be the importance of imagining it? It is certainly important that I can, at any time, refer to my own pain in order to explain this sentence, or that I can proceed to induce pain in myself now, etc.

§RPP I

228[5] &
229[1]

829 Wie lernt Einer, ein Stück Zucker “Zucker” benennen? Wie, der Aufforderung “Gib mir ein Stück Zucker” folgen? Wie, die Worte “Bitte um ein Stück Zucker” – also den Ausdruck des Wunsches?! Wie, den Befehl “Wirf!” verstehen; und wie den Ausdruck der Absicht “Ich werde jetzt werfen”? Wohl, – die Erwachsenen mögen es dem Kind vormachen, das Wort aussprechen und gleich darauf werfen, – aber nun muß das Kind das nachmachen. (“Aber das ist doch nur der Ausdruck der Absicht, wenn das Kind wirklich die Absicht im Geiste hat.” – Aber wann sagt man denn, dies sei der Fall?) Und wie lernt es, den Ausdruck gebrauchen “Ich war damals im Begriffe zu werfen”? Und wie weiß man, daß es damals wirklich in jenem Seelenzustand war, den ich “im Begriffe sein ‥‥” nenne? Nachdem ihm die und die Sprachspiele beigebracht wurden, gebraucht es bei den und den Anlässen die Worte, die die Erwachsenen in solchen Fällen ausgesprochen haben, oder es gebraucht eine primitivere Ausdrucksweise, die die wesentlichen Beziehungen auf das früher Gelernte enthält, und die Erwachsenen ersetzen die primitivere durch die regelrechte Ausdrucksweise.

829 How does one learn to name a piece of sugar “sugar”? By following the instruction “Give me a piece of sugar”? By uttering the words “Please, a piece of sugar” – that is, the expression of a wish?! By understanding the command “Throw!” and the expression of intention “I will throw now”? Presumably, adults demonstrate this to the child, uttering the word and then immediately throwing, but now the child must do it. (“But that is only the expression of intention if the child actually has the intention in mind.” – But when does one say that this is the case?) And how does it learn to use the expression “I was about to throw back then”? And how does one know that it was actually in that state of mind that I call “being about to…”? After the child has been taught certain language-games, it uses the words in the relevant situations, as the adults have spoken them in such cases, or it uses a more primitive expression that contains the essential relationships to what was learned earlier, and the adults replace the more primitive expression with the correct one.

§RPP I

229[2]

830 Das Neue (Spontane, ‘Spezifische’) ist ein Sprachspiel.

830 The new (spontaneous, ‘specific’) is a language-game.

§RPP I

229[3]

831 “Aber hat es denn alle diese Erscheinungen – des Schmerzes, des Wunsches, der Absicht, der Erinnerung, usf. – nicht gegeben, ehe es eine Sprache gab?” – Welches ist die Erscheinung des Schmerzes? – “Was ist ein Tisch?” – “Nun das z.B.!” Und das ist freilich eine Erklärung; aber was sie lehrt ist die Technik des Gebrauchs des Wortes “Tisch”. Und nun ist die Frage: Welche Erklärung entspricht ihr im Falle einer ‘Erscheinung’ des Seelenlebens? Nun es gibt hier keine Erklärung, die man ohne weiteres als die homologe anerkennen kann.

831 “But did all these phenomena – of pain, wish, intention, memory, etc. – not exist before there was language?” – What is the phenomenon of pain? – “What is a table?” – “Well, that for example!” And that is certainly an explanation; but what it teaches is the technique of using the word “table.” And now the question is: What explanation corresponds to it in the case of a ‘phenomenon’ of mental life? Now, there is no explanation here that one could readily recognize as analogous.

§RPP I

229[4]

832 Man kann fragen: Schwebt mir denn immer, wenn ich ein Wort verstehe, etwas bei dem Wort vor?! (Ähnlich ist: “Findet stets, wenn ich einen wohlbekannten Gegenstand ansehe , ein Wiedererkennen statt?”)

832 One can ask: Does something always float before my mind when I understand a word?! (Similarly: “Does a recognition always take place whenever I look at a well-known object?”)

§RPP I

229[5]

833 Es gibt aber das Phänomen, daß ein außer jedem Zusammenhang gehörtes Wort – z.B. – für ein flüchtigen Augenblick die eine, gleich darauf aber die andere Bedeutung hat; daß, wenn man das Wort ein paarmal nacheinander ausspricht, es jede ‘Bedeutung’ verliert; und dergleichen. Und hier handelt sich's um ein Vorschweben.

833 There is, however, the phenomenon that a word, detached from all context – for example – has one meaning for a fleeting moment, but the next moment has a different meaning; that, when one utters the word several times in succession, it loses all ‘meaning’; and so on. And here it is a matter of having something in mind.

§RPP I

229[6]

834 Was würden wir vom Menschen sagen, die die Worte “Ich sehe diese Figur jetzt als ‥‥, jetzt als ‥‥” nicht verstünden? Würde ihnen ein wichtiger Sinn fehlen; ist es ähnlich, als wären sie blind; oder farbenblind; oder ohne absolutes Gehör?

834 What would we say about a person who does not understand the words “I see this figure now as ‥‥, now as ‥‥”? Would they lack an important sense; is it similar to being blind, or colorblind, or having no absolute pitch?

§RPP I

230[1]

835 Nun, es ist leicht sich Menschen zu denken, die Zeichnungen nicht so und so ‘phrasieren’ können; aber würden sie nicht dennoch eine Zeichnung einmal für das, einmal für etwas anderes halten? Oder soll ich annehmen, daß sie in diesem Falle nicht sagen würden, das Gesichtsbild sei sich in einem wesentlichen Sinne gleich geblieben? Würden sie also, wenn ihnen die schematische Darstellung eines Würfels einmal so, einmal so erscheint, glauben, die Striche hätten ihre Lage verändert?

835 Well, it is easy to imagine people who cannot ‘phrase’ drawings in this way or that; but would they not still consider a drawing to be that one time and something else another time? Or should I assume that in this case they would not say that the visual image has remained essentially the same? Would they, therefore, believe that the lines have changed their position if a schematic representation of a cube appears to them now in this way and now in that way?

§RPP I

230[2]

836

Denk Dir jemanden, der eine Zeichnung, oder Photographie ungerne sähe, weil er sagt, daß ein farbloser Mensch häßlich sei. Oder es könnte jemand finden, daß winzige Menschen, Häuser, etc., wie sie auf Bildern sind, unheimlich oder lächerlich, etc. seien. Dies wäre gewiß ein sehr seltsames Verhalten. (‘Du sollst Dir kein Bild machen.’) Denk an unsere Reaktion gegen eine gute Photographie, gegen den Gesichtsausdruck der Photographie. Es könnte Menschen geben, die in einer Photographie höchstens eine Art von Diagramm sähen, wie wir etwa eine Landkarte betrachten; wir können daraus verschiedenes über die Landschaft entnehmen, aber nicht, z.B., die Landschaft beim Ansehen der Karte bewundern, oder ausrufen “Welche herrliche Aussicht!” Der ‘Gestaltblinde’ muß abnorm in dieser Art sein.

836

Imagine someone who dislikes looking at a drawing or photograph because they say that a colorless person is ugly. Or perhaps someone might find miniature people, houses, etc., as depicted in pictures, to be eerie or ridiculous. This would certainly be very odd behaviour. (“You shall not make for yourself an idol.”) Think of our reaction to a good photograph, to the facial expression in the photograph. There might be people who see in a photograph at most a kind of diagram, as we look at a map; we can derive various things from it about the landscape, but not, for example, admire the landscape while looking at the map, or exclaim, “What a magnificent view!” The ‘shape-blind’ person must be abnormal in this way.

§RPP I

230[3]

837 Wie kann das Ausbleiben eines Erlebnisses beim Hören des Wortes das Rechnen mit Worten hindern, oder beeinflussen?

837 How can the absence of an experience when hearing the word hinder or influence the use of words?

§RPP I

230[4] &
231[1]

838 Denk Dir Leute, die nur laut denken und nur zeichnend vorstellen. Oder vielleicht wäre es richtiger, zu sagen: die dort zeichnen, wo wir uns etwas vorstellen. Der Fall, wo ich mir meinen Freund N vorstelle entspricht dann nicht dem, daß der Andere ihn zeichnet; sondern er muß ihn zeichnen und dazu sagen, oder schreiben, daß das sein Freund N ist. – Wenn er aber zwei Freunde hat, die einander ähnlich sind und den gleichen Namen haben? und ich frage ihn “Welchen hast Du gemeint; den gescheiten, oder den dummen?” – Darauf könnte er nicht antworten. Wohl aber auf die Frage “Welchen von ihnen stellt das vor?” – In diesem Falle ist die Antwort einfach eine weitere Benützung des Bildes, nicht die Aussage über ein Erlebnis.

838 Imagine people who only think aloud and only imagine while drawing. Or perhaps it would be more accurate to say: they draw where we imagine something. The case where I imagine my friend N does not correspond to the other person drawing him; rather, he must draw him and say, or write, that this is his friend N. – But if he has two friends who are similar and have the same name, and I ask him, “Which one did you mean, the clever one, or the stupid one?” – he could not answer that. But he could answer the question, “Which of them is this?” – In this case, the answer is simply a further use of the image, not a statement about an experience.

§RPP I

231[2]

839 Vergleiche James' Idee, der Gedanke sei schon bei Beginn des Satzes fertig, mit der der Blitzesschnelligkeit des Gedankens und dem Begriff der Absicht, das und das zu sagen. Der Gedanke sei schon am Anfang des Satzes fertig (und warum nicht zu Anfang des hervorgehenden?) heißt dasselbe wie: Wenn Einer nach dem ersten Wort unterbrochen wird und Du fragst ihn dann “Was wolltest Du damals sagen”, so kann er – wenigstens oft – die Frage beantworten. Aber auch hier sagt James etwas, was wie eine psychologische Aussage klingt und keine ist. Denn, ob der Gedanke schon zu Anfang des Satzes fertig war, das müßte doch durch die Erfahrung der einzelnen Menschen bewiesen werden.

839 Compare James' idea that the thought is already complete at the beginning of the sentence with the notion of the lightning speed of thought and the concept of intention, that is, to say this and that. The thought is already complete at the beginning of the sentence (and why not at the beginning of the subsequent one?) means the same as: If someone is interrupted after the first word and you ask him then, “What did you want to say at that time?”, he can – at least often – answer the question. But even here, James says something that sounds like a psychological statement but is not. Because whether the thought was already complete at the beginning of the sentence should be proven by the experience of individuals.

§RPP I

231[3]

840 Nun können wir aber auch oft die Frage nicht beantworten, was wir damals hatten sagen wollen. Aber in diesem Falle sagen wir, wir hätten es vergessen. Wäre es nun denkbar, daß Leute in solchen Fällen antworteten: “Ich habe nur diese Worte gesagt; wie soll ich wissen, was danach gekommen wäre?” –

840 Now, however, we often cannot answer the question of what we wanted to say at that time. But in this case, we say that we have forgotten it. Would it be conceivable that people in such cases would answer: “I only said these words; how should I know what would have come next?” –

§RPP I

231[4]

841 Wer sagt “Als ich das Wort hörte, bedeutete es für mich ‥‥”, bezieht sich damit auf einen Zeitpunkt und auf eine Verwendung des Worts. — Das Merkwürdige daran ist natürlich die Beziehung auf den Zeitpunkt. Die würde der ‘Bedeutungsblinde’ verlieren.

841 Whoever says, “When I heard the word, it meant for me ‥‥” refers to a point in time and to a use of the word. – The remarkable thing about it is, of course, the reference to the point in time. This is what the ‘meaning-blind’ person would lose.

§RPP I

231[5]

842 Und wer sagt “Ich wollte damals fortsetzen: ‥‥” – der bezieht sich auf einen Zeitpunkt und auf eine Handlung.

842 And whoever says, “At that time, I wanted to continue: ‥‥” – refers to a point in time and to an action.

§RPP I

231[6]

843 Wenn ich von den wesentlichen Bezügen der Äußerung rede, so geschieht es, weil dadurch die uns wesentlichen besondern Ausdrücke unserer Sprache in den Hintergrund treten. Und der Äußerung wesentlich sind die Bezüge, wenn sie uns veranlassen würden, einen uns im übrigen ungewohnten Ausdruck in den gebräuchlichen zu übersetzen.

843 When I speak of the essential relations of the utterance, it is because this makes the particular expressions of our language that are essential to us recede into the background. And the relations are essential to the utterance when they would lead us to translate an expression that is otherwise unfamiliar to us into the usual one.

§RPP I

232[1]

844 Wie, wenn nun Einer nie sagte “Ich wollte damals dies tun” und man ihn auch nicht lehren könnte, so einen Ausdruck zu gebrauchen? Es ist doch klar, daß Einer viel denken kann, ohne das zu denken. Er kann ein großes Gebiet der Sprache beherrschen, ohne dies zu beherrschen. Ich meine nun: er erinnert sich an seine Äußerungen, auch etwa daran, das und das zu sich selbst gesagt zu haben. Er wird also z.B. sagen “Ich sagte zu mir selbst ‘ich will dorthin gehen’”, auch vielleicht “Ich stellte mir das Haus vor und ging den Weg, der dazu führt”. Das Charakteristische ist hier, daß er seine Intentionen in der Form von Gedanken oder Bildern hat und sie daher immer ersetzbar wären durch das Aussprechen eines Satzes, oder Sehen eines Bildes. Die ‘Blitzesschnelle’ des Gedankens fehlt ihm. – – Soll das aber nun heißen, daß er sich oft wie ein Automat bewegt; etwa auf der Straße geht und Einkäufe macht; wenn man ihn aber trifft und fragt “Wohin gehst Du?” – daß er einen dann anstarrt, als wäre er im Schlaf gegangen? – Er wird auch nicht antworten “Ich weiß nicht”. Oder wird ihm, oder uns, sein Handeln planlos vorkommen? Ich sehe nicht ein, warum! Wenn ich etwa zum Bäcker gehe, so sage ich mir vielleicht “Ich brauche Brot” und gehe den gewohnten Weg. Fragt man ihn “Wohin gehst Du?”, so will ich annehmen, er antwortet mit dem Ausdruck der Absicht, so wie wir. – Wird er aber auch sagen “Als ich vom Hause wegging, wollte ich zum Bäcker gehen, jetzt aber ‥‥”? Nein; aber sollen wir sagen, daß er deshalb gleichsam schlafwandelnd sich auf den Weg gemacht hat?

844 How, if someone never said, “At that time, I wanted to do this,” and one could not teach him to use such an expression? It is clear that one can think a great deal without thinking that. He can master a large area of language without mastering this. I mean: he remembers his utterances, also, for example, that he said this and that to himself. He will therefore say, for example, “I said to myself, ‘I want to go there,’” perhaps even, “I imagined the house and walked the path that leads to it.” The characteristic thing here is that he has his intentions in the form of thoughts or images, and they are therefore always replaceable by uttering a sentence or seeing an image. He lacks the ‘lightning-fast’ quality of thought. – – But does this mean that he often acts like an automaton, for example, walking down the street and doing errands; and when one meets him and asks, “Where are you going?” – that he stares at one as if he had been sleepwalking? – He will also not answer, “I don’t know.” Or will his actions seem aimless to him or to us? I do not see why! If I go to the baker, for example, I might say to myself, “I need bread,” and walk the usual way. If one asks him, “Where are you going?” I want to assume that he answers with the expression of an intention, just as we do. – But will he also say, “When I left the house, I wanted to go to the baker, but now…”? No; but should we say that he therefore, as it were, sleepwalked onto the road?

§RPP I

232[2]

845 Ist es aber nicht sonderbar, daß wir solchen Menschen dann nicht begegnen, bei der großen Varietät der Menschen? Oder finden sich diese Leute eben unter den Geistesschwachen; und es wird nur nicht genügend beobachtet, welcher Sprachspiele diese fähig sind und welcher nicht?

845 But isn’t it strange that we don’t encounter such people, given the great variety of people? Or are these people to be found among the mentally deficient, and is it simply not observed sufficiently which language-games they are capable of and which they are not?

§RPP I

232[3] &
233[1]

846 Plato sagte, das Denken sei ein Gespräch. Wäre es wirklich ein Gespräch, so könnte man nur die Worte des Gesprächs berichten und die äußern Umstände, unter denen es geführt wurde, aber nicht auch die Meinung, die diese Worte damals für den Sprecher hatten. Sagte Einer zu sich selbst (oder laut) “Ich hoffe bald den N zu sehen.”, so hätte es keinen Sinn zu fragen: “Und welchen Menschen dieses Namens hast Du damals gemeint?” Er hat eben nur diese Worte gesagt. Aber könnte ich mir nicht denken, daß er nun dennoch auf bestimmte Weise fortsetzen will, so daß ich ihn fragen kann “Und meinst Du nun jemand mit diesem Namen, und wen?” Und angenommen, er könnte nun für gewöhnlich fortsetzen, seine Worte erklären, – worin läge der Unterschied zwischen ihm und uns? – Er könnte jeden Gedanken wörtlich berichten. Wenn er also sagte “Ich habe gerade an N gedacht” und wir ihn fragten “Wie hast Du an ihn gedacht?”, so kann er das immer beantworten, es sei denn, er sagt, er habe es vergessen.

846 Plato said that thinking is a conversation. If it were really a conversation, then one could only report the words of the conversation & the external circumstances under which it was conducted, but not also the opinion that these words had for the speaker at that time. If someone said to himself (or aloud) “I hope to see N soon,” then it would not make sense to ask: “& which person with this name did you mean at that time?” He has only said these words. But couldn’t I imagine that he now nevertheless wants to continue in a certain way, so that I can ask him “& do you now mean someone with this name, & who?” & suppose that he could now usually continue, explain his words – what would be the difference between him & us? – He could report every thought literally. If he said, “I have just thought of N” & we asked him “How did you think of him?” then he can always answer that, unless he says that he has forgotten it.

§RPP I

233[2]

847 Jemand, der mir sagt “N hat mir geschrieben”, kann ich doch fragen “Welchen N meinst Du?” – und muß er, um mir antworten zu können, sich auf ein Erlebnis beziehen beim Aussprechen des Namens? – Und wenn er nun bloß den Namen N ausspräche – vielleicht als Einleitung zu einer Aussage über N –, kann ich ihn nicht ebenso fragen “Wen meinst Du?” und er ebenso antworten?

847 Someone who tells me “N wrote to me” – I can ask him, “Which N do you mean?” – and must he, in order to answer me, refer to an experience when uttering the name? – And if he merely utters the name N – perhaps as an introduction to a statement about N – can I not ask him the same question, “Who do you mean?” and he answer in the same way?

§RPP I

233[3]

848 Man spricht ja wirklich oft bloß den Namen eines Menschen aus, etwa in einem Seufzer. Und der Andere fragt nun “Wen hast Du gemeint?” Und wie wird nun unser Bedeutungsblinder handeln? Wird er nicht so seufzen; oder nichts auf die Frage antworten können; oder antworten “Ich meine …”, statt “Ich habe … gemeint”?

848 One really does often just utter the name of a person, for example, in a sigh. And the other person then asks, “Who did you mean?” And how will our “meaning-blind” person act? Will he not sigh; or be unable to answer the question; or answer, “I mean…,” instead of “I meant…”?

§RPP I

233[4]

849 Stellen Dir einen Deiner Bekannten vor? Nun sag, wer es war! – Manchmal kommt das Bild zuerst und der Name später. Aber heißt das, daß ich den Namen nach der Ähnlichkeit des Bilds errate? – Und wenn nun der Name erst später folgt, soll ich sagen, die Vorstellung des Bekannten war schon mit dem Bild da, oder sie war erst mit dem Namen komplett? Ich habe ja auf den Namen nicht aus der Ähnlichkeit des Bildes geschlossen; und eben darum kann ich sagen, die Vorstellung wäre schon mit dem Bild da gewesen.

849 Imagine one of your acquaintances? Now say, who was it! – Sometimes the image comes first and the name later. But does that mean that I guess the name based on the similarity of the image? – And if the name only follows later, should I say that the image of the acquaintance was already there with the image, or was it only complete with the name? I didn't infer the name from the similarity of the image; and that is precisely why I can say that the image was already there with the image.

§RPP I

234[1]

850 “Ich muß zur Bank gehen und Geld holen.” – Wie hast Du diesen Satz verstanden? Muß diese Frage etwas anderes heißen als: “Wie würdest Du diesen Satz erklären, welche Handlung auf ihn erwarten, etc.? Wenn der Satz unter verschiedenen Umständen ausgesprochen wird, so daß das Wort “Bank” einmal offenbar das, einmal etwas anderes bedeutet, – muß da etwas besonderes beim Hören des Satzes vorgehen, damit Du ihn verstehst? Werden hier nicht alle Erlebnisse des Verstehens vom Gebrauch, von der Praxis des Sprachspiele zugedeckt? Und das heißt nur: Solche Erlebnisse interessieren uns hier garnicht.

850 “I have to go to the bank to get money.” – How did you understand this sentence? Must this question mean something different from: “How would you explain this sentence, what action do you expect from it, etc.?” If the sentence is uttered under different circumstances, so that the word “bank” clearly means that in one case and something else in another, – must something special happen when hearing the sentence in order for one to understand it? Are not all the experiences of understanding covered up by the use, by the practice of the language-game? And this simply means: such experiences do not interest us here at all.

§RPP I

234[2]

851 Wenn ich den Milchmann kommen sehe, hole ich meinen Krug und gehe ihm entgegen. Erlebe ich ein Beabsichtigen? Nicht daß ich wußte. (So wenig vielleicht, wie ich versuche zu gehen, um zu gehen.) Wenn ich aber aufgehalten und gefragt würde “Wohin wolltest Du mit dem Krug?”, würde ich meine Absicht aussprechen.

851 When I see the milkman coming, I get my jug and go to meet him. Do I experience an intention? Not that I knew. (Perhaps as little as I try to go in order to go.) But if I were stopped and asked, “Where did you want to go with the jug?” I would express my intention.

§RPP I

234[3]

852 Wenn ich nun z.B. sage “Ich bin aufgestanden, um zum Milchwagen zu gehen”, – soll man das die Beschreibung eines Erlebnisses des Beabsichtigens nennen? Und warum ist das irreleitend? Darum, weil es hier keinen ‘Ausdruck’ eines Erlebnisses gab?

852 If I now say, for example, “I got up to go to the milk truck,” – should one call that the description of an experience of intending? And why is that misleading? Because there was no ‘expression’ of an experience here?

§RPP I

234[4]

853 Wenn ich aber sage “Ich bin aufgestanden, um ‥‥, dann aber besann ich mich und ‥‥” – wo liegt hier das Erlebnis, und wann geschah es? War das Erlebnis nur das ‘sich besinnen’, ‘sich anders entscheiden’?

853 If, however, I say, “I got up to… then I thought again and…” – where is the experience here, and when did it happen? Was the experience only ‘thinking again,’ ‘deciding differently’?

§RPP I

234[5]

854 Ich nehme den Milchkrug, gehe ein paar Schritte, dann sehe ich, daß er nicht rein ist, sage “Nein!” und gehe zur Wasserleitung. Dann beschreibe ich, was vorging, und nenne meine Absichten. Hatte ich sie nun nicht? Freilich! Aber nochmals: ist es nicht irreführend, sie “Erlebnisse” zu nennen? wenn man nämlich, was ich zu mir selbst sagte, mir vorstellte, etc. auch so nennt! (Es wäre eben auch irreführend, die Absicht ein “Gefühl” zu nennen.)

854 I take the milk jug, walk a few steps, then I see that it is not clean, say “No!” and go to the water tap. Then I describe what happened and mention my intentions. Did I not have them? Of course! But again: is it not misleading to call them “experiences”? if one also calls what I imagined, what I said to myself, etc., “experiences”! (It would also be misleading to call intention a “feeling”.)

§RPP I

235[1]

855 Und es fragt sich nun, ob, aus dem selben Grunde, es nicht gänzlich irreführend war, von ‘Gestaltblindheit’ oder ‘Bedeutungsblindheit’ zu reden (so also redete man von ‘Willensblindheit’, wenn Einer sich passiv verhält). Denn blind ist eben der, der eine Empfindung nicht hat. (Den Schwachsinnigen – z.B. – kann man nicht mit dem Blinden vergleichen.)

855 And it remains to be seen whether, for the same reason, it was not completely misleading to speak of ‘blindness to form’ or ‘blindness to meaning’ (so one also spoke of ‘blindness to will’ when someone behaves passively). For blind is precisely the one who does not have a sensation. (One cannot compare a mentally deficient person – e.g. – with a blind person.)

§RPP I

235[2]

856 Als ich das erste 🖵 zeichnete, war es die Hälfte eines Kreises, das zweite war die Hälfte einer S-Linie; das dritte war ein Ganzes.

856 When I drew the first 🖵, it was half a circle, the second was half an S-curve; the third was a whole.

§RPP I

235[3]

857 “Ich zweifle nicht, daß das oft geschieht” – Wenn Du das in einem Gespräch sagst, kannst Du wirklich glauben, daß Du beim Reden zwischen den Bedeutungen der Wörter ‘daß’ und ‘das’ unterscheidest?

857 “I have no doubt that this often happens” – If you say that in a conversation, can you really believe that you distinguish between the meanings of the words ‘that’ and ‘this’ while speaking?

§RPP I

235[4]

858 Gegen die Fiktion von Menschen die nur laut denken können, könnte man diesen Einwand machen wollen: Angenommen, so einer sagte “Als ich vom Hause wegging, sagte ich mir ‘ich muß zum Bäcker gehen’” – könnte man ihn denn nicht fragen: “Hast Du aber diese Worte wirklich gemeint? Du konntest sie ja auch als Sprachübung, oder als Zitat oder zum Spaß, oder um jemand irrezuführen gesagt haben.” – Das ist wahr. Aber lag also, welches er tat, in dem Erlebnis, das die Worte begleitete? Was spricht für so eine Behauptung? Wohl, daß der Gefragte antworten kann “Ich habe den Satz so gemeint”, ohne dies aus äußern Umständen zu schließen.

858 Against the fiction of people who can only think aloud, one could raise this objection: Suppose someone says, “When I left the house, I said to myself, ‘I must go to the baker’s’”—could one not ask him: “Did you really mean these words? You could also have said them as a language exercise, or as a quotation, or for fun, or to mislead someone.” — That is true. But was what he did actually in the experience that accompanied the words? What supports such an assertion? Presumably, that the person questioned can answer, “I meant the sentence in this way,” without inferring this from external circumstances.

§RPP I

235[5]

859 Man will freilich sagen, wer sich daran erinnert, diese Worte gemeint zu haben, erinnere sich an das Erlebnis einer gewissen Tiefe, einer Resonanz. (Hätte er's nicht gemeint, so hätte er diese Resonanz nicht gehabt.) Aber ist das nicht bloß eine Täuschung (ähnlich der, wenn Einer glaubt, er spüre das Denken im Kopf)? Man macht sich ein Bild der Vorgänge mittels ungeeigneter Begriffe. (Vergl. James.)

859 One will, of course, say that whoever remembers having meant these words remembers the experience of a certain depth, a resonance. (Had he not meant it, he would not have had this resonance.) But is this not merely an illusion (similar to the one when one believes one feels thinking in one's head)? One forms a picture of the processes by means of inappropriate concepts. (Cf. James.)

§RPP I

235[6] &
236[1]

860 Mach diesen Versuch: Sag Dir ein mehrdeutiges Wort (“sondern”). Wenn Du es nun z.B. als Verbum erlebst, so versuch, dies Erlebnis festzuhalten, daß es andauert. – Sagst Du das Wort öfter vor Dich hin, so verliert es seine Bedeutung für Dich; und nun frag Dich, ob, wenn Du's im gewöhnlichen Sprechen als Verbum gebrauchst, das Wort sich nicht vielleicht so anfühlt, wie wenn es beim öftern Wiederholen seine Bedeutung verloren hat. – Aus der Erinnerung kannst Du gewiß nicht das Gegenteil bezeugen. Sondern man findet nur, daß es a priori nicht anders sein könne.

860 Try this experiment: Say an ambiguous word (“but”) to yourself. If you now experience it, for example, as a verb, try to hold on to this experience, so that it continues. – If you say the word to yourself repeatedly, it loses its meaning for you; and now ask yourself whether, when you use the word as a verb in ordinary speech, it doesn't perhaps feel like it did when it lost its meaning through repeated repetition. – You certainly cannot testify to the contrary from memory. Rather, one finds that it could not be otherwise a priori.

§RPP I

236[2]

861 Es ist ganz gleichgültig, ob man sagt, man projiziere erst später die Deutung von “sondern” in das Erlebnis während des Aussprechens. Denn es ist hier zwischen Projizieren und Beschreiben kein Unterschied.

861 It is quite irrelevant whether one says that one projects the interpretation of “but” onto the experience during the act of speaking only later. For here there is no difference between projecting & describing.

§RPP I

236[3]

862 Man kann eine Zeichnung für einen wirklichen Würfel halten; aber auch, im selben Sinne, ein Dreieck für liegend oder stehend? – “Als ich näher kam, sah ich, daß es nur eine Zeichnung war.” Aber nicht: “Als ich genauer hinblickte, sah ich, daß dies die Grundlinie und dies die Spitze war.”

862 One can take a drawing for a real cube; but also, in the same sense, a triangle for lying or standing? – “As I got closer, I saw that it was only a drawing.” But not: “As I looked more closely, I saw that this was the base and this was the apex.”

§RPP I

236[4]

863 Meine Worte, “Als Du zu reden anfingst, dachte ich, Du meintest …” knüpfen an den Anfang seiner Rede an und an eine Vorstellung, die ich dabei hatte. – Und es ist natürlich möglich, daß jemand so etwas nie tut. Ich nehme aber an, er könne am Ende die Frage “Von welchem N habe ich geredet?” beantworten. Und es ist natürlich möglich, daß er sie anders beantwortet hätte, wenn ich die Frage schon nach den ersten Worten meiner Erzählung gestellt hätte. Soll er also die Frage nicht verstehen: Hast Du gleich im Anfang gewußt, von wem ich redete?” – Und wenn er nun so eine Frage nicht versteht, werden wir ihn nicht einfach für etwas geistesschwach halten? Ich meine: werden wir nicht einfach annehmen, daß sein Denken nicht recht deutlich sei, oder daß er sich an das, was er damals dachte, – wenn er überhaupt etwas dachte, nicht mehr erinnere? Das heißt, wir werden hier für gewöhnlich ein anderes Bild gebrauchen, als das, welches ich vorschlage.

863 My words, “When you began to speak, I thought you meant…” refer back to the beginning of his speech and to an image I had at the time. – And it is, of course, possible that someone never does something like that. But I assume that he could, in the end, answer the question “Which N was I talking about?” And it is, of course, possible that he would have answered it differently if I had asked the question after the first few words of my account. So, should he not understand the question: “Did you know from the beginning who I was talking about?” – And if he doesn’t understand such a question, will we simply consider him mentally deficient? I mean: will we not simply assume that his thinking is not quite clear, or that he no longer remembers what he thought at the time – if he thought anything at all? That is to say, in this case, we will usually use a different image than the one I propose.

§RPP I

236[5] &
237[1]

864 Aber es ist wahr: wir haben bei Geistesschwachen oft das Gefühl, als redeten sie mehr automatisch als wir. Und wenn Einer das wäre, was wir ‘bedeutungsblind’ nannten, so würden wir uns vorstellen, er müsse einen weniger lebendigen Eindruck machen als wir, mehr ‘wie ein Automat’ handeln. (Man sagt auch: “Weiß Gott, was in seinen Geist vorgeht!” und denkt an etwas Undeutliches, Unordentliches.)

864 But it is true: with the mentally deficient, we often have the feeling that they speak more automatically than we do. And if someone were what we call ‘meaning-blind,’ we would imagine that he must make a less vivid impression than we do, acting more ‘like a machine.’ (One also says: “God knows what’s going on in his mind!” and thinks of something vague, something chaotic.)

§RPP I

237[2]

865 Es könnte sein, daß Menschen, wenn man ihnen ein isoliertes Wort sagt, gleich irgend einen Satz mit diesem Wort bildeten, und daß andere es nicht täten; daß jenes ein Zeichen von Intelligenz, dieses von Stumpfheit wäre.

865 It might be the case that, when presented with an isolated word, some people immediately construct a sentence containing that word, while others do not; and that the former would be a sign of intelligence, while the latter would be a sign of dullness.

§RPP I

237[3]

866 Was läßt sich gegen den Ausdruck “spezifische psychologische Erscheinung”, oder “unreduzierbares Phänomen” vorbringen? Sie sind irreführend; aber woher sind sie genommen? Man will sagen: “Wer süß, bitter, rot, grün, Töne und Schmerzen nicht kennte, dem kann man, was diese Worte bedeuten, nicht begreiflich machen”. Wer dagegen noch keinen sauren Apfel gegessen hat, dem kann man, was gemeint ist, erklären. Rot ist eben dies, und bitter dies, und Schmerz dies. Aber wenn man das sagt, muß man nun wirklich demonstrieren, was diese Worte meinen; d.h. etwas rotes zeigen, etwas bitteres kosten, oder kosten lassen, sich oder dem Andern Schmerz zufügen, etc. Nicht denken, man könne privat in sich auf den Schmerz zeigen. Wie wird man aber dann, was “vorstellen”, “erinnern”, “beabsichtigen”, “glauben” heißt, vorführen? Der Ausdruck “spezifische psychologische Erscheinung” entspricht aber dem der privaten hinweisenden Definition.

866 What objections can be raised against the expression “specific psychological phenomenon” or “irreducible phenomenon”? They are misleading; but where do they come from? One wants to say: “Someone who didn't know what sweet, bitter, red, green, sounds, and pain are, cannot be made to understand what these words mean.” But one can explain to someone who has not yet eaten a sour apple what is meant. Red is simply this, and bitter this, and pain this. But if one says that, one must really demonstrate what these words mean; that is, show something red, let someone taste something bitter, or let them taste it, inflict pain on oneself or the other, etc. Don't think one can privately point to the pain within oneself. But how is one then supposed to demonstrate what “imagine,” “remember,” “intend,” or “believe” means? The expression “specific psychological phenomenon” corresponds, however, to that of the private, indicative definition.

§RPP I

237[4]

867 Ist das (am Ende) eine Täuschung, wenn ich glaubte, die Worte des Andern hätten damals diesen Sinn für mich gehabt? Freilich nicht! So wenig, wie es eine Täuschung ist zu glauben, daß man vor dem Aufwachen etwas geträumt habe!

867 Is it (in the end) an illusion if I believed that the other person’s words had this sense for me at the time? Certainly not! Just as little as it is an illusion to believe that one has dreamed something before waking up!

§RPP I

237[5] &
238[1]

868 Als ich den Fall eines ‘Bedeutungsblinden’ annahm, war es, weil das Erleben der Bedeutung im Gebrauch der Sprache keine Wichtigkeit zu haben scheint. Weil es also scheint, als könne dem Bedeutungsblinden nicht viel verloren gehen. Damit aber ist in Konflikt, daß wir manchmal äußern, in einer Mitteilung habe ein Wort für uns eines bedeutet, bis wir gesehen hätten, es bedeute etwas anderes. Erstens aber fühlen wir in diesem Falle nicht, das Erleben der Bedeutung habe beim Hören des Wortes stattgefunden. Zweitens könnte man hier eher von einem Erleben des Sinnes des Satzes reden, als von dem einer Wortbedeutung.

868 When I assumed the case of a “meaning-blind” person, it was because the experience of meaning in the _use</em of language does not seem to have any importance. Because it thus seems as if the meaning-blind person could not lose much. But this is in conflict with the fact that we sometimes say that in a communication, a word has one meaning for us until we see that it means something else. First, however, we do not feel that the experience of meaning took place when hearing the word. Second, one could rather speak of an experience of the sense of the sentence here, than of that of a word-meaning.

§RPP I

238[2]

869 Das Bild, das man etwa mit dem Aussprechen des Satzes “die Bank ist weit weg” verbindet, ist nun eine Illustration zu ihm und nicht zu einem seiner Worte.

869 The image that one connects with saying the sentence “the bank is far away,” for example, is now an illustration to it and not to one of its words.

§RPP I

238[3]

870 Wenn Einer fest darauf bestünde, er erlebe meist gar nichts, wenn er einen Befehl, eine Mitteilung, usw. hört , mindestens nichts, was für ihn den Sinn der Worte bestimme, – könnte dieser nicht doch, in irgend einer Form, sagen, die ersten Worte des Satzes hätte er so aufgefaßt und später seine Auffassung geändert? – Aber zu welchem Zweck würde er das sagen?? Es könnte eine bestimmte Reaktion seinerseits erklären. Er hörte z.B., N sei gestorben, und glaubte, sein Freund N sei gemeint, dann kommt er drauf, daß es nicht so ist. Er schaut erst bestürzt; dann erleichtert. – Und, was so eine Erklärung für ein Interesse haben kann, ist leicht zu sehen.

870 If someone insisted that he mostly experiences nothing at all when he hears a command, a communication, etc., at least nothing that determines the sense of the words for him, – could he not, in some form, say that he initially understood the first words of the sentence in this way and later changed his understanding? – But to what end would he say that? It could explain a certain reaction on his part. He hears, for example, that N is dead, and believes that his friend N is meant, then he realizes that this is not the case. He first looks dismayed; then relieved. – And what interest such an explanation can have is easy to see.

§RPP I

238[4]

871 Was soll ich nun sagen: – daß der Bedeutungsblinde nicht im Stande ist, so zu reagieren? oder daß er bloß nicht behauptet, er hätte damals die Bedeutung erlebt, – daß er also nur ein besonderes Bild nicht gebraucht?

871 What should I say now: – that the meaning-blind person is not able to react in this way? or that he simply does not claim that he experienced the meaning at that time – that he only did not use a particular image?

§RPP I

238[5]

872 Ist der Bedeutungsblinde also der, der nicht sagt: “Der ganze Gedankengang stand mit einem Schlag vor mir”? Ist damit aber gesagt, daß er nicht sagen kann “Jetzt hab ich's!” –

872 Is the meaning-blind person then the one who does not say: “The whole line of thought came to me all at once”? Does this mean that he cannot say “Now I understand!” –

§RPP I

238[6] &
239[1]

873 “Es war dort kein Baum und kein Strauch” – wie funktioniert dieser Satz? Nun, “Baum” steht für ein Ding, das so ausschaut. Gewiß ja: so schaut ein Baum aus; aber ist die Idee der Vertretung des Dings durch das Wort wirklich so leicht zu verstehen? Wenn ich einen Garten plane, so kann ich einen Baum dort durch einen Pflock vertreten lassen. Wo der Pflock jetzt steht, wird später der Baum gesetzt werden. – Man könnte aber doch sagen, das Wort “Baum” im Satz verträte dort das Bild eines Baums (und als solches kann natürlich auch ein Baum verwendet werden). Den an die Stelle des Wortes “Baum” könnte man in einer Bildersprache das Bild setzen, und das Wort “Baum” wird in jedem Fall durch die hinweisende Definition mit dem Bild verbunden. Dann ist es also die hinweisende Definition, die bestimmt, was das Wort ‘vertritt’. Und nun wende dies auf das Wort “Schmerz”, z.B., an. – Aber vertritt nicht auf einem Plan das Zeichen 🖵 ein Haus? Doch nur insofern, als ein Haus auch als Zeichen dienen könnte! Aber das Zeichen vertritt doch nicht das Haus wofür es steht. – “Nun, es entspricht ihm.” – Wenn ich also mit dem Plan in der Hand gehe und komme zu diesem Haus, zeige ich auf die Stelle im Plan und sage “Das ist ein Haus”. – “Das Zeichen vertritt das Haus” hieße: “weil ich das Haus nicht selbst in den Plan setzen kann, setze ich statt seiner dies Zeichen.” Aber was täte denn das Haus selbst im Plan! Eine Vertretung ist etwas Vorläufiges, aber wenn das Zeichen dem Haus entspricht, so ist hier nichts Vorläufiges; es wird ja, wenn wir zum Haus kommen, nicht durch das Haus ersetzt. Und da das Zeichen nie durch seinen Träger ersetzt wird, könnte man fragen: Wie kann denn ein Tintenstrich ein Haus ersetzen? Nein: der Pflock ersetzt den Baum, das Bild kann den Menschen ersetzen, wenn man lieber ihn sähe, aber mit dem Bild vorlieb nehmen muß; aber schon das Zeichen auf der Landkarte ersetzt nicht den Gegenstand, den es bedeutet.

873 “There was no tree and no bush there” – how does this sentence work? Well, “tree” stands for a thing that looks like this. Certainly: that is what a tree looks like; but is the idea of representing the thing by the word really so easy to understand? If I am planning a garden, I can let a tree be represented by a stake. Where the stake is now, the tree will later be planted. – But one could still say that the word “tree” in the sentence represents the image of a tree (and as such, a tree can of course also be used). In place of the word “tree,” one could put the image in a picture language, and the word “tree” is in any case connected with the image by the ostensive definition. Then it is the ostensive definition that determines what the word ‘represents’. And now apply this to the word “pain,” for example. – But doesn’t the sign 🖵 represent a house in a plan? Yes, but only insofar as a house could also serve as a sign! But the sign does not represent the house for what it stands. – “Well, it corresponds to it.” – So, if I go along with the plan in my hand and come to this house, I point to the place in the plan and say “This is a house.” – “The sign represents the house” would mean: “Because I cannot put the house itself in the plan, I put this sign in its place.” But what would the house itself do in the plan! A representation is something provisional, but if the sign corresponds to the house, then there is nothing provisional here; when we come to the house, it will not be replaced by the house. And since the sign is never replaced by its bearer, one could ask: How can an ink stroke replace a house? No: the stake replaces the tree, the image can replace the person if one would rather see him but has to make do with the image; but even the sign on the map does not replace the object it signifies.

§RPP I

239[2]

874 Fühle ich, während ich schreibe, etwas in der Hand, oder im Handgelenk? Im allgemeinen nicht. Würde es sich aber nicht doch anders anfühlen, wenn meine Hand anästhesiert wäre? Ja. Und ist das nun ein Beweis dafür, daß ich dennoch etwas spüre, wenn ich normalerweise die Hand bewege? Ich glaube: nein.

874 When I write, do I feel something in my hand, or in my wrist? Not usually. But wouldn’t it feel different if my hand were anesthetized? Yes. And is this now proof that I nevertheless feel something when I normally move my hand? I think: no.

§RPP I

239[3] &
240[1]

875 “Ich schenke Dir mein volles Vertrauen.” Wenn, der das sagt, nach dem Wort “Dir” aussetzt, bin ich vielleicht im Stande fortzusetzen; die Situation ergibt, was er sagen will. Aber wenn er nun zu meiner Überraschung fortsetzt “eine goldene Uhr” und ich sage “Ich war auf etwas anderes gefaßt” – heißt das: ich habe während seiner ersten Worte etwas erlebt, was man diese Auffassung der Worte nennen kann?? Ich glaube, das kann man nicht sagen.

875 “I give you my full trust.” If the person saying this pauses after the word “you,” I may be able to continue; the situation gives what he wants to say. But if he unexpectedly continues with “a golden watch,” and I say “I was expecting something else,” – does this mean that during his first words I experienced something that can be called this understanding of the words? I think you cannot say that.

§RPP I

240[2]

876 Oder denk Dir dieses Gespräch: Er: “Ich schenke Dir –” Ich: “Ich weiß. Aber in diesem Fall vertraust Du mir doch nicht.” – Ich habe ihn unterbrochen, weil ich wußte, was er sagen wollte. Aber habe ich mir die Fortsetzung notwendigerweise in Gedanken ergänzt? (Ergänze ich eine Skizze in der Vorstellung?)

876 Or imagine this conversation: He: “I give you –” I: “I know. But in this case, you don’t really trust me.” – I interrupted him because I knew what he wanted to say. But did I necessarily complete the continuation in my thoughts? (Do I complete a sketch in my imagination?)

§RPP I

240[3]

877 “I found myself going ‥‥” “saying ‥‥” etc. Diese Beschreibung trifft nicht immer zu, wenn ich etwas sage, einen Weg mache, etc.

877 “I found myself going ‥‥” “saying ‥‥” etc. This description does not always apply when I say something, take a step, etc.

§RPP I

240[4]

878 Introspektion kann nie zu einer Definition führen. Sie kann nur zu einer psychologischen Aussage über den führen, der introspiziert. Sagt z.B. Einer: “Ich glaube beim Hören eines Wortes, das ich verstehe, immer etwas zu fühlen, was ich nicht fühle, wenn ich das Wort nicht verstehe” – so ist das eine Aussage über seine besondern Erlebnisse. Ein Anderer erlebt vielleicht etwas ganz anderes; und wenn Beide das Wort “verstehen” richtig gebrauchen, so liegt in diesem Gebrauch das Wesen des Verstehens, und nicht in dem, was sie über ihre Erfahrungen sagen können.

878 Introspection can never lead to a definition. It can only lead to a psychological statement about the person who introspects. If, for example, someone says: “When I hear a word that I understand, I always feel something that I do not feel when I do not understand the word,” this is a statement about his particular experiences. Another person may experience something completely different; and if both use the word “understand” correctly, then this use contains the essence of understanding, and not what they can say about their experiences.

§RPP I

240[5]

879 Wie müßte man denn den nennen, der den Begriff ‘Gott’ nicht verstehen kann, nicht sehen, wie ein vernünftiger Mensch dies Wort im Ernst gebrauchen kann? Sollen wir denn sagen, er leide an einer Blindheit?

879 How would one describe someone who cannot understand the concept of ‘God’, who cannot see how a reasonable person can seriously use this word? Should we say that he suffers from a kind of blindness?

§RPP I

240[6] &
241[1]

880 Man versteht plötzlich, wiederholt plötzlich ein Wort, das der Andere gesagt hat. Er sagt mir “Es ist sieben Uhr”; ich reagiere zuerst nicht; plötzlich rufe ich “Sieben Uhr! Da bin ich ja schon zu spät ‥‥” Es kam mir erst zum Bewußtsein, was er gesagt hatte. Aber was geschah nun, als ich die Worte “Sieben Uhr” wiederholte? Darauf kann ich nichts antworten, was von Interesse wäre. Nur wieder: Ich hätte erst begriffen, was er gesagt hat, und dergleichen; und das bringt uns nicht weiter. Auf diesem “Nur wieder” beruht natürlich das Reden von einem ‘spezifischen Vorgang’. (Der Zerstreute, der auf den Befehl “Rechtsum!” linksum macht ‥‥․)

880 One suddenly understands, suddenly repeats a word that the other person has said. He says to me, “It’s seven o’clock”; I don’t react at first; suddenly I exclaim, “Seven o’clock! I’m already late ‥‥” It only just occurred to me what he had said. But what happened when I repeated the words “Seven o’clock”? I cannot give any answer to that which would be of interest. Only again: I had only just understood what he said, and so on; and that doesn’t get us anywhere. This “only again” naturally underlies the talk of a ‘specific process’. (The absent-minded person, who, when given the command “Turn right!”, turns left ‥‥․)

§RPP I

241[2]

881 Geschieht etwas, wenn ich das Wort verstehe, das und das intendiere? Geschieht nichts? – Aber in wie fern ist, was geschieht, interessant?!

881 Does something happen when I understand the word, when I intend this and that? Does nothing happen? – But in what way is what happens interesting?!

§RPP I

241[3]

882 Ein Schwachsinniger wird gewiß nicht sagen: “Als Du zu reden anfingst, dachte ich, Du meintest ‥‥” – Nun wird man fragen: Ist das, weil er immer gleich richtig versteht? Oder weil er sich nie korrigiert? Oder geht in ihm vor, was auch in mir vorgeht, und er kann es nur nicht ausdrücken?

882 An imbecile certainly will not say: “When you started talking, I thought you meant ‥‥” – Now one will ask: Is this because he always understands correctly right away? Or because he never corrects himself? Or is something happening in him that also happens in me, and he just cannot express it?

§RPP I

241[4]

883 “Als Du zu reden anfingst dachte ich, Du wolltest ‥‥ Darum habe ich auch die Bewegung gemacht ‥‥” Man erklärt also, was man tat, mit dem Gedanken, den man damals hatte. Denke ich mir nun diese Erklärung wirklich erst im Nachhinein aus? Habe ich nicht wirklich diese Bewegung gemacht, weil ich dachte …? – – Was ist das für eine Frage? Das “weil” bezieht sich ja nicht auf eine Ursache.

883 “When you started talking, I thought you meant ‥‥ That’s why I also made that movement ‥‥” So one explains what one did with the thought one had at the time. Am I really only coming up with this explanation afterward? Did I not really make this movement because I thought …? – – What kind of question is that? The “because” does not refer to a cause.

§RPP I

241[5]

884 “Ich werde Dir erklären, warum ich aufgestanden bin; ich dachte nämlich, Du meintest ‥‥” – Ja, jetzt versteh ich's! – Aber worin liegt die Wichtigkeit dieses Verstehens? Nun, z.B.: Wäre die Erklärung eine andere gewesen, so müßte ich nun anders mit Worten, oder Handlungen reagieren. Sein Gedanke ist in so fern wie eine Handlung, oder ein Vorgang in seinem Körper. Der Bericht über seinen Gedanken, wie der über solche Vorgänge. – – Welches Interesse haben die Worte “Ich dachte zuerst, Du meintest ‥‥”– Oft gar keins. Man kann sagen, sie enthüllen uns seine Gedankenwelt. Aber wozu das? Warum ist diese Enthüllung nicht leeres Gerede, oder bloße Phantasterei?

884 “I will explain to you why I got up; I thought you meant ‥‥” – Yes, now I understand! – But what is the importance of this understanding? Well, for example: If the explanation had been different, I would now have to react differently with words or actions. His thought is, in that sense, like an action, or a process in his body. The account of his thought, as is the account of such processes. – – What interest do the words “I thought at first that you meant ‥‥” have? – Often none at all. One can say that they reveal his world of thoughts to us. But what for? Why is this revelation not just empty talk, or mere fantasy?

§RPP I

242[1]

885 Man könnte (natürlich) den Bericht über so eine Auffassung den Bericht über eine Tendenz nennen. (James). Aber hier darf man nicht das Erlebnis einer Tendenz unter dem Bild eines nicht ganz fertigen Erlebnisses sehen! Als gäben die Erlebnisse ein farbiges Bild, und gewisse Farben darauf wären in ihrer vollen Stärke aufgetragen, andere nur angedeutet, d.h. viel zarter hingesetzt. An sich aber ist eine zarte Farbe nicht die Andeutung einer stärkeren.

885 One could (of course) call the account of such a perception the account of a tendency. (James). But here one must not see the experience of a tendency as the experience of something that is not quite complete! As if the experiences gave a colorful picture, and some of the colors on it were applied in their full strength, others only hinted at, i.e., applied much more delicately. But in itself, a delicate color is not the hint of a stronger one.

§RPP I

242[2]

886 Ein Ereignis läßt eine Spur im Gedächtnis: das denkt man sich manchmal, als bestünde es darin, daß es im Nervensystem eine Spur, einen Eindruck, eine Folge hinterläßt. So als könnte man sagen: auch die Nerven haben ein Gedächtnis. Aber wenn sich nun jemand an ein Ereignis erinnert, so müßte er es nun aus diesem Eindruck, dieser Spur, erschließen. Was immer das Ereignis im Organismus zurückläßt, es ist nicht die Erinnerung. Der Organismus mit einer Diktaphonrolle verglichen; der Eindruck, die Spur, ist die Veränderung die die Stimme auf der Rolle zurückläßt. Kann man sagen, das Diktaphon (oder die Rolle) erinnere sich wieder des Gesprochenen, wenn es das Aufgenommene wiedergibt?

886 An event leaves a trace in memory: that is what one sometimes thinks, as if it consists in the fact that it leaves a trace, an impression, a consequence in the nervous system. As if one could say: the nerves also have a memory. But if someone now remembers an event, he must now infer it from this impression, this trace. Whatever the event leaves in the organism, it is not the memory. The organism compared to a dictaphone roll; the impression, the trace, is the change that the voice leaves on the roll. Can one say that the dictaphone (or the roll) remembers what was spoken when it reproduces what was recorded?

§RPP I

242[3] &
243[1]

887 Das Gefühl der Abhängigkeit. Wie kann man fühlen, man sei abhängig? Wie kann man fühlen: ‘Es hängt nicht von mir ab’. Aber was ist das überhaupt für ein seltsamer Ausdruck eines Gefühls! Aber wenn man z.B. jeden Morgen zuerst Schwierigkeiten hätte, gewisse Bewegungen zu machen, den Arm zu heben, u. dergl., und warten müßte, bis die Lähmung vergeht, und das brauchte manchmal lange, manchmal kurze Zeit, und man könnte es nicht vorhersehen und kein Mittel einnehmen, es zu beschleunigen, – würde uns das nicht eben ein Bewußtsein der Abhängigkeit geben? Ist es nicht das Ausbleiben des Regelmäßigen, oder die lebhafte Vorstellung davon, was dem Bewußtsein zu Grunde liegt? Es ist doch das Bewußtsein: “Es müßte nicht so gehen!” Wenn ich von dem Sessel aufstehe, sage ich mir für gewöhnlich nicht “Also ich kann aufstehen.” Ich sage es vielleicht nach einer Krankheit. Wer es sich aber für gewöhnlich sagte, oder wer danach sagte “Also es ist diesmal gegangen”, von dem könnte man sagen, er habe eine besondere Einstellung zum Leben.

887 The feeling of dependence. How can one feel that one is dependent? How can one feel: “It does not depend on me.” But what is this at all, this strange expression of a feeling? But if, for example, one had difficulty every morning making certain movements, raising one’s arm, and so on, and had to wait until the paralysis subsided, and this sometimes took a long time, sometimes a short time, and one could not predict it and could not take any medicine to speed it up, would that not give one a consciousness of dependence? Is it not the absence of the regular, or the vivid image of it, that underlies consciousness? It is, after all, the consciousness: “It shouldn’t be this way!” When I get up from the armchair, I usually don’t say “Well, I can get up.” I might say it after an illness. But whoever says it usually, or whoever says after it “Well, it worked this time,” one could say that he has a special attitude towards life.

§RPP I

243[2]

888 Warum sagt man “Er weiß, was er meint”? Woher weiß man, daß er's weiß? Wenn er es weiß, ich aber nicht weiß, was er meint, – wie wäre es, wenn ich's wüßte? Ja, wenn ich's wüßte und er nicht? Wie müßte sich Einer benehmen, damit wir sagen würden: “Er weiß, was der Andere erlebt”? Muß es aber einen Fall geben, den wir, konsequenterweise, so beschreiben würden? Es ist nicht einmal klar, daß irgendeine Erscheinung mit den Worten beschrieben werden müßte “A hat Schmerzen im Körper des B”. D.h.: man kann zwar sagen “Wäre das nicht eine folgerechte Anwendung dieses Ausdrucks?” aber ich mag, oder mag nicht geneigt sein, sie folgerecht zu nennen.

888 Why does one say “He knows what he means”? How does one know that he knows it? If he knows it, but I don’t know what he means, how would it be if I knew it? Yes, if I knew it and he didn’t? How would someone have to behave so that we would say: “He knows what the other is experiencing”? But must there be a case that we would, consistently, describe in this way? It is not even clear that any phenomenon would have to be described with the words “A has pain in B’s body.” That is: one can say “Wouldn’t that be a logical application of this expression?” but I may, or may not, be inclined to call it logical.

§RPP I

243[3]

889 Erinnere Dich besonders des Ausdrucks in der Traumerzählung: “Und ich wußte, daß ‥‥” Man könnte denken: Es ist doch merkwürdig, daß man träumen kann, man habe gewußt. Man sagt auch: “und ich wußte im Traum, daß …”

889 Remember especially the expression in the dream narration: “And I knew that ‥‥” One could think: It is rather strange that one can dream that one knew. One also says: “and I knew in the dream that…”

§RPP I

243[4]

890 Nicht alles, was ich tue, tue ich mit einer Absicht. (Ich pfeife vor mich hin, etc. etc.) Wenn ich aber jetzt aufstünde und aus dem Haus vorträte, dann wieder zurück käme, und auf die Frage “Warum hast Du das getan” antwortete “Aus garkeinem besonderen Grund”, oder “Nur so –”, so fände man das seltsam und jemand, der oft so etwas täte ohne besondere Absicht, würde sehr von der Norm abweichen. Müßte er das sein was man “geistesschwach” nennt?

890 Not everything that I do, I do with an intention. (I whistle to myself, etc. etc.) But if I were now to get up and go out of the house, then come back again, and in answer to the question “Why did you do that” I answered “For no particular reason,” or “Just like that,” then that would seem strange, and someone who did something like that often without a particular intention would deviate greatly from the norm. Would he have to be what one calls “mentally deficient”?

§RPP I

243[5] &
244[1]

891 Denke Dir nun Einen, von dem man sagen würde: er könne sich nie an eine Absicht erinnern, außer dadurch, daß er sich an die Äußerung einer Absicht erinnert. Einer könnte, was wir normalerweise ‘mit bestimmter Absicht’ tun, ohne eine solche tun, es erwiese sich aber dennoch nützlich. Und wir würden vielleicht in so einem Falle sagen, er habe mit unbewußter Absicht gehandelt. Er steigt z.B. plötzlich auf einen Stuhl und dann wieder herunter. Auf die Frage “warum” hat er keine Antwort; dann aber berichtet er, er habe vom Stuhl aus das und das bemerkt, daß es scheint, als wäre er, um dies zu beobachten hinaufgestiegen. Könnte nun ein ‘Bedeutungsblinder’ sich nicht ähnlich verhalten?

891 Now think of someone of whom one would say that he can never remember an intention except by remembering the expression of an intention. Someone might do what we normally do ‘with a specific intention’ without having such an intention, but it would still turn out to be useful. And we might in such a case say that he acted with unconscious intention. For example, he suddenly climbs onto a chair and then climbs down again. To the question “why” he has no answer; but then he reports that from the chair he noticed this and that, that it seems as if he climbed up to observe this. Could a ‘meaning-blind’ person not behave similarly?

§RPP I

244[2]

892 “Als ich sagte ‘Er ist ein Esel’, meinte ich‥‥” Was für eine Verbindung haben jene Laute mit diesem Menschen? – Gefragt, “Wen meinst Du?”, werde ich seinen Namen nennen, ihn beschreiben, seine Photographie zeigen, etc. Ist sonst noch eine Verbindung da? Eine, die insbesondere zur Zeit des Aussprechens bestand? Aber während des ganzen Satzes, oder nur während ich “er” sagte? Keine Antwort!

892 “When I said ‘He is an ass,’ I meant ‥‥” What kind of connection is there between those sounds and this person? – Asked, “Who do you mean?”, I will name his name, describe him, show his photograph, etc. Is there any other connection there? One that existed especially at the time of utterance? But during the whole sentence, or only during the time I said “he”? No answer!

§RPP I

244[3]

893 Das Erlebnis während jener Worte – möchte ich sagen – wächst natürlich zu dieser Erklärung heran.

893 The experience during those words – I would like to say – naturally grows into this explanation.

§RPP I

244[4]

894 Aber es ist doch so: Ich werde manchmal, im Gespräch etwa, sagen “Er ist ein Esel”, und wenn man mich fragte “Hättest Du etwas anderes während dieser Worte erlebt wenn wir vom N statt von M geredet hätten” werde ich zugeben müssen, dies müsse nicht der Fall sein. Anderseits aber scheint es mir manchmal, als hätte ich während des Aussprechens ein Erlebnis, das unzweideutig ihm angehört. Die Erlebnisse beim Sprechen scheinen eindeutig ihm verbunden zu sein.

894 But it is the case: I will sometimes, in conversation for example, say “He is an ass,” and if I were asked, “Would you have experienced something different during those words if we had spoken of N instead of M,” I would have to admit that this need not be the case. On the other hand, it sometimes seems to me that during the utterance I had an experience that unambiguously belongs to him. The experiences during speaking seem to be clearly connected to him.

§RPP I

244[5]

895 “Freilich dachte ich an ihn: Ich hab ihn vor mir gesehen!” – aber nicht nach seinem Bild erkannt.

895 “Of course, I was thinking of him: I had him in front of me!” – but not recognizing him from his picture.

§RPP I

244[6] &
245[1]

896 Ich sage plötzlich “Er ist ein Esel”. A: “Wen hast Du gemeint?” Ich: “Den N”. A: “Hast Du an ihn gedacht, während Du den Satz sagtest, oder erst, als Du die Erklärung gabst?” – Ich könnte nun antworten, daß meine Worte das Ende eines längeren Gedankenzuges gewesen seien. Ich hätte schon die ganze Zeit an N gedacht. Und könnte ich nun sagen: die Worte selbst seien durch kein besonderes Erlebnis an ihn geknüpft gewesen, wohl aber der ganze Gedankengang? Ich hätte also mit jenen Worten wohl auch jemand andern meinen können, und auf wen sie sich bezogen lag in dem, was ihnen vorausging. Muß ich aber, um sagen zu können ich hätte von ihm geredet, ihn gemeint, an ihn gedacht, – mich wirklich an ein Erlebnis erinnern können, das unbedingt mit ihm zusammenhängt? Könnte es mir also nicht vielleicht immer so vorkommen, als wäre während meiner Worte nichts geschehen, das sich nur auf ihn deuten ließe? Ich denke mir also, ich sei mir immer bewußt, daß meine Vorstellungsbilder vieldeutig sind. Dabei aber – so nehme ich an – sage ich dennoch “Ich habe den … gemeint”. Aber ist dies nicht eine widersprechende Annahme? Nein; so verhält es sich ja wirklich. Ich sage “Ich habe den … gemeint”: so setze ich fort.

896 I suddenly say, “He is an ass.” A: “Who did you mean?” I: “N.” A: “Were you thinking of him while you said the sentence, or only when you gave the explanation?” – I could now answer that my words were the end of a longer train of thought. I had been thinking of N all along. And could I now say that the words themselves were not connected to him by any particular experience, but rather the entire train of thought? So, with those words, I could probably have meant someone else, and to whom they referred depended on what preceded them. But must I, in order to be able to say that I was talking about him, have meant him, have thought of him – be able to remember an experience that is absolutely connected with him? Couldn’t it perhaps always seem to me as if, during my words, nothing happened that could only be interpreted as referring to him? So, I imagine that I am always conscious that my mental images are ambiguous. But – I assume – I still say, “I meant him.” But isn’t this a contradictory assumption? No; that is really how it is. I say, “I meant him”: thus I continue.

§RPP I

245[2]

897 Ich sprach zu meinem Nachbarn über ihren Doktor; dabei schwebte mir ein Bild dieses Menschen vor – ich hatte ihn aber nie gesehen, kannte nur seinen Namen, und machte mir vielleicht nach diesem ein Bild von ihm. Wie kann nun dieses Bild charakteristisch dafür sein, daß ich von ihm rede? – Und doch kam es mir so vor, bis ich mich daran erinnerte, daß ich garnicht weiß, wie dieser Mann ausschaut. Sein Bild repräsentiert ihn für mich also um kein Haar besser, als sein Name.

897 I spoke to my neighbor about her doctor; at the same time, I had an image of this person in mind – but I had never seen him, only knew his name, and perhaps I formed an image of him based on that. How can this image be characteristic of the fact that I am speaking of him? – And yet it seemed to me that way, until I remembered that I don't even know what this man looks like. So, his image represents him to me by not a hair better than his name.

§RPP I

245[3]

898 Wenn ich das Vorschweben der Bedeutung mit einem Traum vergleiche, so ist also unser Reden für gewöhnlich traumlos. Der ‘Bedeutungsblinde’ wäre also einer, der immer traumlos reden würde.

898 If I compare the occurrence of the meaning with a dream, then our speech is usually dreamless. The ‘meaning-blind’ person would therefore be one who always speaks dreamlessly.

§RPP I

245[4]

899 Und man kann wirklich fragen: Was gehen mich seine Träume an? Warum muß mich interessieren, was er träumt und ob er träumt, während er zu mir spricht, oder mich hört? – Das heißt natürlich nicht, daß diese Träume mich nie interessieren können. Aber warum sollen sie das Wichtigste im sprachlichen Verkehr sein?

899 And one can really ask: What do his dreams have to do with me? Why should I be interested in what he dreams and whether he dreams while he is speaking to me or listening to me? – This does not, of course, mean that these dreams can never interest me. But why should they be the most important thing in linguistic communication?

§RPP I

246[1]

900 Die Verwendung des Begriffs ‘Traum’ hier ist nützlich; aber nur, wenn man sieht, daß sie noch einen Fehler in sich birgt.

900 The use of the term ‘dream’ here is useful; but only if one sees that it still contains an error.

§RPP I

246[2]

901 “Ich habe die ganze Zeit gedacht, Du redetest von ‥‥” – Wie war das nur? – – Doch nicht anders, als wenn er wirklich von diesem Menschen geredet hätte. Daß ich später darauf komme, ihn falsch verstanden zu haben, ändert doch nichts an dem, was beim Verstehen geschah. – Ist also der Satz “Ich glaubte damals, Du meintest ‥‥” der Bericht eines ‘Traumes’, so heißt das, daß ich immer ‘träume’ wenn ich einen Satz verstehe.

901 “I thought all along that you were talking about ….” – How was that? – – But not any different than if he had actually been talking about that person. The fact that I later realize that I misunderstood him does not change what happened during the understanding. – So, is the sentence “I thought at the time that you meant ….” the report of a ‘dream,’ does this mean that I always ‘dream’ when I understand a sentence?

§RPP I

246[3]

902 Man sagt auch: “Ich habe angenommen, Du redest von ‥‥” und das klingt schon weniger wie der Bericht eines Erlebnisses.

902 One also says: “I assumed that you were talking about …,” and that already sounds less like the report of an experience.

§RPP I

246[4]

903 “Ich dachte, Du redetest vom ‥‥ und habe mich gewundert, daß Du von ihm sagst ‥‥” – Dieses Wundern ist wieder in einem ähnlichen Fall: Auch hier wieder das Gefühl, als hätte man mit dem Aussprechen dieses Gedankens das rudimentäre Erlebnis erst ergänzt.

903 “I thought you were talking about … and was surprised that you say … about him.” – This surprise is again in a similar case: here again the feeling as if one only completed the rudimentary experience by uttering this thought.

§RPP I

246[5]

904 Nun, es ist aber doch wahr! Denn manchmal, wenn ich sage “Ich dachte…” kann ich berichten, daß ich mir damals eben diese Worte laut oder im Stillen gesagt hatte; oder daß ich damals nicht diese, aber andere Worte gebraucht habe, wovon die gegenwärtigen eine sinngemäße Wiedergabe sind. Das kommt doch manchmal vor! Im Gegensatz dazu aber ist der Fall, in welchem mein gegenwärtiger Ausdruck nicht die Wiedergabe von etwas ist. Denn ‘Wiedergabe’ ist er nur, wenn er es nach Regeln der Abbildung ist.

904 Now, it is indeed true! For sometimes, when I say “I thought…,” I can report that I actually said those words aloud or to myself at the time; or that I didn’t use these words then, but other words, of which the present ones are a faithful rendering. This happens sometimes! In contrast, however, is the case in which my present expression is not the reproduction of something. For it is only a reproduction if it is a reproduction according to the rules of depiction.

§RPP I

246[6]

905 Wer nicht im Stande wäre, zu sagen das Wort “sondern” könne ein Zeitwort und ein Bindewort sein, oder Sätze zu bilden in denen es das eine oder das andere ist, der könnte einfache Schulübungen nicht bewältigen. Aber das wird von einem Schüler nicht verlangt; das Wort außerhalb einem Zusammenhang so und so aufzufassen, oder zu berichten, wie er's aufgefaßt hat.

905 Anyone who would not be able to say that the word “but” can be a verb and a conjunction, or to form sentences in which it is one or the other, could not cope with simple school exercises. But that is not what is required of a student; to understand the word in a certain context and to report how he understood it.

§RPP I

247[1]

906 Ich möchte sagen: das Gespräch, die Anwendung und Ausdeutung der Worte fließt dahin, und nur im Fluß hat das Wort seine Bedeutung. “Er ist abgereist.” – “Warum?” Was meintest Du, als Du das Wort “Warum” aussprachst? Woran dachtest Du?

906 I would like to say: the conversation, the application, and the interpretation of the words flow along, and only in that flow does the word have its meaning. “He has left.” – “Why?” What did you mean when you uttered the word “Why?” What were you thinking about?

§RPP I

247[2]

907 “Ich dachte, Du meintest den” – Nun, das heißt nicht dasselbe, wie “Ich denke, Du hast den gemeint”. Laß Dich den Vergleich mit einem andern Gebrauch der Vergangenheit nicht irre machen!

907 “I thought you meant that” – Now, that doesn’t mean the same as “I think you meant that.” Don’t let the comparison with another use of the past tense mislead you!

§RPP I

247[3]

908 Wir spielen dieses Spiel: Es sind Bilder da und Worte werden ausgesprochen und wir müssen auf das Bild zeigen, das dem Wort entspricht. Unter den Worten sind auch mehrdeutige. Mir fällt bei dem Wort ‥‥ erst eine Bedeutung ein und ich zeige auf ein Bild, später erst eine andere und ich zeige auf ein anderes. Wird der Bedeutungsblinde dies tun können? Freilich. – Aber wie ist es damit? Ein Wort wird genannt, mir fällt eine seiner Bedeutungen ein. Ich sage sie nicht, suche aber nach dem Bild. Ehe ich es gefunden habe, fällt mir noch eine Bedeutung des Worts ein; ich sage: “Mir ist gerade eine zweite Bedeutung eingefallen.” Und dann erkläre ich: “Erst ist mir diese Bedeutung eingefallen, nachher die.” Kann das der Bedeutungsblinde? – Kann er nicht sagen, er wisse die Bedeutung des Worts, sage sie aber nicht? Oder kann er nicht sagen, sie sei ihm jetzt eingefallen er sage sie aber nicht? – Mir kommt vor, beides könne er sagen. Dann aber doch auch: “Als Du das Wort sagtest, fiel mir diese Bedeutung ein.” Und warum nun nicht: “Als ich das Wort sagte meinte ich's zuerst in dieser Bedeutung”?

908 We are playing this game: there are pictures and words are spoken, and we have to point to the picture that corresponds to the word. Among the words, there are also ambiguous ones. At first, when I hear the word ..., only one meaning occurs to me, and I point to a picture; later, another meaning occurs to me, and I point to a different picture. Will the person who is blind to meaning be able to do this? Of course. – But what about this? A word is named, and one of its meanings occurs to me. I don’t say it, but I look for the picture. Before I have found it, another meaning of the word occurs to me; I say: “A second meaning has just occurred to me.” And then I explain: “First, this meaning occurred to me; later, that one.” Can the person who is blind to meaning do that? – Can he not say that he knows the meaning of the word, but doesn’t say it? Or can he not say that it has just occurred to him, but he doesn’t say it? – It seems to me that he can say both. Then surely also: “When you said the word, this meaning occurred to me.” And why not: “When I said the word, I first meant it in this meaning”?

§RPP I

247[4] &
248[1]

909 Es ist, als hätte das Wort, das ich verstehe, ein bestimmtes leichtes Aroma, das dem Verständnis entspricht. Als unterschieden sich zwei mir wohlbekannte Wörter nicht bloß durch ihren Klang, oder ihr Ansehen, sondern, auch wenn ich mir nichts bei ihnen vorstelle, noch durch eine Atmosphäre. – Aber erinnere Dich daran, wie die Namen berühmter Dichter und Komponisten eine eigene Bedeutung in sich aufgesogen zu haben scheinen. So daß man also sagen kann: die Namen “Beethoven” und “Mozart” klingen nicht nur verschieden, sondern es begleitet sie auch ein anderer Charakter. Wenn Du aber nun diesen Charakter näher beschreiben solltest, – würdest Du ihre Bilder zeigen, oder ihre Musik? Und nun wieder der Bedeutungsblinde: Er würde nicht empfinden, daß die Namen sich beim Hören oder Ansehen durch ein unwägbares Etwas unterscheiden. Und was hätte er nun dadurch verloren? – Und doch, wenn er einen Namen hört, kann ihm erst ein Träger und später ein anderer einfallen. –

909 It is as if the word that I understand has a certain light aroma that corresponds to the understanding. As if two words that are quite familiar to me differ not only in their sound or their appearance, but also, even if I don’t associate anything with them, in their atmosphere. – But remember how the names of famous poets and composers seem to have absorbed a meaning of their own. So that one can say: the names “Beethoven” and “Mozart” not only sound different, but they are also accompanied by a different character. If you were to describe this character more closely, would you show their pictures, or play their music? And now, the meaning-blind person: he would not perceive that the names differ in some imponderable way when he hears or sees them. And what would he have lost by that? – And yet, when he hears a name, first one bearer and later another might occur to him. –

§RPP I

248[2]

910 Ich sagte, die Worte “Jetzt kann ich's!” drücken kein Erlebnis aus. Nun, so wenig, wie die: “Jetzt werde ich den Arm heben”. – – Warum aber drücken sie kein Erlebnis, kein Gefühl, aus? – Wie werden sie denn gebraucht? Beide, z.B., als Einleitung zu einer Handlung. Die Tatsache, daß eine Aussage auf einen Zeitpunkt Bezug nimmt, in welchem aber nichts in der Außenwelt geschieht, was sie meint, wovon sie spricht, zeigt uns nicht, daß sie von einem Erlebnis sprach.

910 I said that the words “Now I can!” do not express an experience. Well, no more than the words: “Now I will raise my arm.” – – But why don’t they express an experience, a feeling? – How are they used? Both, for example, as an introduction to an action. The fact that a statement refers to a point in time, in which, however, nothing happens in the external world that it means, of which it speaks, does not show us that it speaks of an experience.

§RPP I

248[3]

911 Denk an das ‘Aufzeigen’ der Schüler, wenn sie eine Antwort wissen. Muß einer sich die Antwort im Stillen vorgesagt haben, um mit Sinn aufzeigen zu können? Und was muß in ihm dazu vorgegangen sein? – Nichts. Aber es ist wichtig, daß er für gewöhnlich eine Antwort gab, wenn er aufgezeigt hat; und das ist das Kriterium dafür, daß er das Aufzeigen versteht.

911 Consider the ‘pointing’ of students when they know an answer. Must one have silently rehearsed the answer in order to be able to point with sense? And what must have occurred in him beforehand? – Nothing. But it is important that he usually gave an answer when he pointed; & that is the criterion for whether he understands the pointing.

§RPP I

248[4]

912 “Die Worte ‘die Rose ist rot’ sind sinnlos, wenn das Wort ‘ist’ die Bedeutung vom ‘ist gleich’ hat.” Wir haben die Idee, daß der Wer versuchte, die Worte “die Rose ist rot” mit diesen Bedeutungen der Worte auszusprechen beim Denken steckenbleiben müßte. (Wie auch, daß man einen Widerspruch nicht denken kann, weil der Gedanke einem sozusagen zerbricht.) Man möchte sagen: “Du kannst diese Worte nicht so meinen und noch einen Sinn mit dem Ganzen verbinden.”

912 “The words ‘the rose is red’ are senseless if the word ‘is’ has the meaning of ‘is equal to’.” We have the idea that whoever tried to utter the words “the rose is red” with these meanings of the words must get stuck in his thinking. (Just as one cannot think a contradiction, because the thought, as it were, breaks one.) One would like to say: “You cannot mean these words in this way and still connect sense with the whole.”

§RPP I

248[5] &
249[1]

913 Könnte man sagen, die Bedeutungsblindheit würde sich darin äußern, daß man diesem Menschen nicht mit Erfolg sagen kann: “Du mußt das Wort als ‥‥ hören, dann wirst Du den Satz richtig sprechen”. Das ist die Anweisung die man einem beim Spielen eines Musikstücks gibt. “Spiel das als ob es die Antwort wäre”– und man macht etwa eine Gebärde dazu. Aber wie übersetzt Einer nun diese Gebärde in das Spiel? Wenn er mich versteht, spielt er es nun meinem Wunsch gemäßer. Aber könntest Du so eine Anweisung nicht auch mit Hilfe von “stärker”, “schwächer”, “schneller”, “langsamer”, geben? Nein; ich könnte es nicht. Denn wenn er nun auch diesen Ton stärker, jenen leiser spielt, so weiß ich's nicht einmal. So kann ich ihm auch sagen “Mach ein verschmitztes Gesicht” und wüßte, wenn er eins gemacht hat, ohne die geometrischen Veränderungen des Gesichts vorher, oder nachher, beschreiben zu können.

913 Could one say that meaning-blindness manifests itself in the fact that one cannot successfully say to this person: “You must hear the word as ‥‥, then you will speak the sentence correctly.” This is the instruction one gives to someone when playing a piece of music. “Play it as if it were the answer” – and one makes a gesture to that effect. But how does one translate this gesture into the play? If he understands me, he now plays it according to my wish. But couldn’t you also give such an instruction with the help of “louder,” “softer,” “faster,” “slower”? No; I could not. For if he now plays this note louder, that one softer, then I don’t even know it. So I could also say to him “Make a mischievous face” and know, when he has made one, without being able to describe the geometrical changes of the face beforehand, or afterward.

§RPP I

249[2]

914 Wenn man fragt “Ist das Erleben einer Bedeutung analog dem Erleben eines Vorstellungsbildes”, so meint man: ist der Unterschied nicht einfach der eines andern Inhalts? Nun, welcher ist der Inhalt des Vorstellungserlebnisses? “Es ist dieser” – aber dabei muß ich auf ein Bild, oder eine Beschreibung zeigen. – “Man erlebt hier und dort” (möchte man sagen). “Nur etwas Anderes. Ein anderer Inhalt wird dem Bewußtsein dargeboten – steht vor ihm.” Und das ist natürlich ein sehr irreführendes Bild. Denn es ist die Illustration zu einer Redewendung und sie erklärt nichts. Ebenso könnte man, um den chemischen Symbolismus einer Strukturformel zu erklären, Bilder entwerfen in denen die Elemente als Menschen dargestellt wären, die sich die Hände reichen. (Illustrationen der Alchemisten).

914 If one asks “Is the experience of meaning analogous to the experience of a mental image,” does one mean: is the difference not simply that of a different content? Well, what is the content of the experience of an image? “It is this” – but in doing so, one must point to a picture, or a description. – “One experiences here and there” (one would like to say). “Only something else. A different content is presented to consciousness – stands before it.” And that is, of course, a very misleading picture. For it is the illustration of an idiom, and it explains nothing. Similarly, to explain the chemical symbolism of a structural formula, one could devise pictures in which the elements are represented as people shaking hands. (Illustrations by the alchemists).

§RPP I

249[3]

915 Wenn jemand sagt, er habe das Vorstellungsbild von einer goldglänzenden Kugel gehabt, so werden wir das verstehen, aber nicht, wenn er sagt, diese Kugel sei hohl gewesen. Im Traum aber könnte man eine Kugel sehen und wissen, sie sei hohl.

915 If someone says that he had the mental image of a gold-glowing sphere, we will understand that, but not if he says that this sphere was hollow. But in a dream, one could see a sphere and know that it was hollow.

§RPP I

249[4]

916 Die Weisung “Wie aus weiter Ferne” bei Schumann. Muß Jeder eine solche Weisung verstehen? Jeder, z.B., der die Weisung “Nicht zu geschwind” verstünde? Ist nicht die Fähigkeit, die dem Bedeutungsblinden abgehen soll, von dieser Art?

916 The instruction “As if from a great distance” in Schumann. Must everyone understand such an instruction? Everyone, for example, who understands the instruction “Not too fast”? Is not the ability that the meaning-blind are said to lack of this kind?

§RPP I

249[5]

917 Kann man das Verstehen einer Bedeutung festhalten, so wie ein Vorstellungsbild? Wenn mir also plötzlich eine Bedeutung des Worts einfällt, – kann sie mir auch vor der Seele stehen bleiben?

917 Can one capture the understanding of a meaning, just as one captures a mental image? If, therefore, a meaning of the word suddenly occurs to me, can it also remain before my mind?

§RPP I

250[1]

918 “Der ganze Plan stand mir mit einem Schlage von der Seele und blieb so eine Minute lang stehen.” Da möchte man meinen, daß, was stehen blieb, nicht dasselbe sein könne, wie das, was aufblitzte. (Wie man einen Diphthong nicht dehnen kann.)

918 “The whole plan suddenly occurred to me all at once, and remained so for a minute.” One would like to say that what remained was not the same as what flashed. (Just as one cannot prolong a diphthong.)

§RPP I

250[2]

919 Geschah nämlich dies, daß ich sagte “Jetzt hab ich's!” (also das Aufzucken), so kann man freilich nicht davon reden, daß das stehen bleibt.

919 Namely, if this happened, that I said “Now I’ve got it!” (i.e., the sudden occurrence), then one can certainly not talk about it remaining.

§RPP I

250[3]

920 “Ja, ich weiß das Wort. Es liegt mir auf der Zunge. –” Hier drängt sich einem die Idee von dem Spalt (gap) auf, von dem James spricht, in welchem nur dieses Wort hineinpaßt usw. – Man erlebt irgendwie schon das Wort, obwohl es noch nicht da ist. – – Man erlebt ein wachsendes Wort. – Und ich könnte natürlich auch sagen, ich erlebte eine wachsende Bedeutung, oder wachsende Erklärung der Bedeutung. – Seltsam ist es nur, daß wir nicht sagen wollen, es sei etwas da gewesen, was dann zu dieser Erklärung herangewachsen ist. Denn wenn Du ‘aufzeigst’, sagst Du, Du wissest es schon. – Wohl, aber Du könntest auch sagen “Jetzt kann ich's sagen” und ob sich das Können zu einem Sagen auswächst, das weißt Du nicht. Und wie, wenn man nun sagte: “Das Sagen ist dann die Frucht dieses Könnens, wenn es aus diesem Können gewachsen ist.”

920 “Yes, I know the word. It’s on the tip of my tongue.” Here, the idea of the gap, of which James speaks, in which only this word fits, etc., forces itself upon one. One somehow already experiences the word, even though it is not yet there. One experiences a growing word. And, of course, I could also say that I experienced a growing meaning, or a growing explanation of the meaning. The only odd thing is that we do not want to say that something was there, which then grew into this explanation. For if you ‘point it out’, you say that you already know it. Well, but you could also say, “Now I can say it,” and whether this ability grows into a saying, you do not know. And how if one were to say: “The saying is then the fruit of this ability, when it has grown out of this ability.”

§RPP I

250[4]

921 Als ich es sagen wollte, sagen konnte, hab ich es ja nicht gesagt.

921 When I wanted to say it, when I could say it, I did not say it.

§RPP I

250[5]

922 Natürlich ist auch an der Erklärung, die Bedeutung oder ihre Erklärung sei aus einem gewissen Keim gewachsen, etwas nicht in Ordnung. Tatsächlich nehmen wir auch so ein Wachsen nicht wahr; oder doch nur in ganz seltenen Fällen. Und diese Erklärung entspringt eben aus der Tendenz, zu erklären, statt bloß zu beschreiben.

922 Of course, there is also something wrong with the explanation that the meaning or its explanation has grown out of a certain seed. In fact, we do not perceive such a growth; or only in very rare cases. And this explanation arises precisely from the tendency to explain, rather than simply to describe.

§RPP I

250[6]

923 Das bloße Beschreiben ist so schwer, weil man glaubt, zum Verständnis der Tatsachen diese ergänzen zu müssen. Es ist, als sähe man eine Leinwand mit verstreuten Farbflecken, und sagte: so wie sie da sind, sind sie unverständlich; sinnvoll werden sie erst, wenn man sie sich zu einer Gestalt ergänzt. – – – Während ich sagen will: Hier ist das Ganze. (Wenn Du es ergänzt, verfälscht Du es.)

923 The mere description is so difficult, because one believes that one must supplement the facts in order to understand them. It is as if one saw a canvas with scattered patches of color, and said: as they are, they are incomprehensible; they only become meaningful if one completes them into a shape. – – – Whereas I want to say: Here is the whole. (If you complete it, you distort it.)

§RPP I

251[1]

924 Freilich ist mir die Bedeutung damals eingefallen! Nicht zu der Zeit, da ich es berichte, noch in der Zwischenzeit. Das ist es eben, was man so nennt: das ist eben der Gebrauch der Worte “Mir ist die Bedeutung eingefallen”. (“in this so called twentieth century”).

924 Of course, the meaning occurred to me then! Not at the time when I report it, nor in the meantime. That is precisely what is meant when we say: that is what is meant by the use of the words “The meaning occurred to me.” (“in this so-called twentieth century”).

§RPP I

251[2]

925 “Die Bedeutung ist doch nicht etwas, was man erleben kann!” – Warum nicht? – Die Bedeutung ist kein Sinneseindruck. Aber was sind Sinneseindrücke? So etwas, wie ein Geruch, ein Geschmack, ein Schmerz, ein Klang, etc. etc.. Aber was ist ‘so etwas wie’ alle diese Dinge? Was ist ihnen gemeinsam? Diese Frage ist natürlich nicht dadurch zu beantworten, daß man sich in diese Sinneseindrücke vertieft. Man könnte aber so fragen: “Unter was für Umständen würden wir sagen, jemand habe eine Art von Sinneseindrücken, die uns fehlen?” – Wir sagen z.B. von Tieren, sie hätten ein Organ, womit sie das und das wahrnehmen, und so ein Sinnesorgan muß nicht einem der unsern ähnlichen sein.

925 “The meaning is not something that one can experience!” – Why not? – The meaning is not a sense impression. But what are sense impressions? Something like a smell, a taste, a pain, a sound, etc., etc. But what is ‘something like’ all these things? What do they have in common? This question cannot, of course, be answered by delving into these sense impressions. But one could ask: “Under what circumstances would we say that someone has a kind of sense impression that we lack?” – We say, for example, that animals have an organ with which they perceive this and that, and such a sensory organ does not have to be similar to one of ours.

§RPP I

251[3]

926 Könnte man sich eine Sinneswahrnehmung denken, durch welche wir die Form eines soliden Körpers erfaßten, die ganze Form, nicht nur das, was sich von einem Standpunkt aus sehen ließe? So ein Mensch würde z.B. im Stande sein, einen Körper in Ton zu modellieren, ohne um ihn herumzugehen, oder zu greifen.

926 Could one imagine a sensory perception by which we grasp the shape of a solid body, the whole shape, not only what can be seen from one point of view? Such a person would, for example, be able to model a body in clay without going around it or touching it.

§RPP I

251[4]

927 Ist es die Vielfältigkeit der möglichen Erklärungen einer Bedeutung, die am Grunde davon ist, daß man eine Bedeutung nicht ‘im gleichen Sinne’ erlebt, wie ein Gesichtsbild?

927 Is it the diversity of the possible explanations of a meaning that lies at the bottom of the fact that one does not experience a meaning ‘in the same sense’ as a visual image?

§RPP I

251[5] &
252[1]

928 Was macht meine Vorstellung von ihm zu einer Vorstellung von ihm? – Was macht sein Portrait zu seinem Portrait? Die Intention des Malers? Und heißt das: sein Seelenzustand? – Und was macht eine Photographie zu seinem Bildnis? Die Absicht des Photographen? Und angenommen ein Maler hätte die Absicht den N nach dem Gedächtnis zu zeichnen, aber geleitet von Kräften im Unbewußten, zeichnet er ein ausgezeichnetes Bildnis des M, – würden wir es nun ein schlechtes Bildnis des N nennen? Und denk Dir Leute, die zum Zeichnen von Bildnissen abgerichtet wären, und ‘mechanisch’ den vor ihnen sitzenden Menschen abzeichnen. (Menschliche Lesemaschinen). Und nun, was macht meine Vorstellung von ihm zu meiner Vorstellung von ihm? – Nichts von dem, was für das Portrait gilt, gilt von der Vorstellung. Die Frage macht einen Fehler.

928 What makes my image of him an image of him? – What makes his portrait a portrait of him? The painter’s intention? And does that mean: his state of mind? – And what makes a photograph a portrait of him? The photographer’s intention? And suppose a painter intended to draw N from memory, but guided by forces in the unconscious, and he draws an excellent portrait of M – would we then call it a bad portrait of N? And imagine people who are trained to draw portraits and ‘mechanically’ reproduce the person sitting in front of them. (Human copying machines). And now, what makes my image of him my image of him? – Nothing of what applies to the portrait applies to the image. The question makes a mistake.

§RPP I

252[2]

929 Wem die Bedeutung einfiel, und wer sie nicht wieder vergaß, kann nun das Wort in dieser Weise anwenden. Wem die Bedeutung einfiel, der weiß sie nun, und der Einfall war einfach der Anfang des Wissens. Hier ist keine Analogie mit dem Erleben eines Vorstellungsbildes

929 Whoever had the meaning in mind, and did not forget it again, can now use the word in that way. Whoever had the meaning in mind, now knows it, and the occurrence was simply the beginning of the knowledge. There is no analogy here with experiencing a mental image.

§RPP I

252[3]

930 Wie ist aber, wenn ich zu mir selbst sage, ich möchte dies (wobei ich etwa auf eine bestimmte Figur schaue) so und so (‘x’) nennen? Ich kann mir die hinweisende Definition “Das heißt ‘x’” auch laut vorsagen. Aber ich muß sie doch auch selber verstehen! Ich muß also wissen, wie, welcher Technik gemäß, ich das Zeichen “x” zu gebrauchen gedenke. – Fragt man mich etwa “Weißt Du auch, wie Du das Wort gebrauchen wirst?”, so werde ich antworten: ja.

930 But what if I say to myself, I would like to call this (while perhaps looking at a particular figure) so and so (‘x’)? I can also say the ostensive definition “This is called ‘x’” aloud. But I must also understand it myself! I must therefore know how, according to which technique, I intend to use the sign “x”. – If one asks me, “Do you also know how you will use the word?”, I will answer: yes.

§RPP I

252[4]

931 Wie aber, wenn die Religion lehrt, die Seele könne bestehen, wenn der Leib zerfallen ist? Verstehe ich, was sie lehrt? Freilich versteh ich's – – ich kann mir dabei manches vorstellen. (Man hat ja auch Bilder von diesen Dingen gemalt. Und warum sollte so ein Bild nur die unvollkommene Wiedergabe des ausgesprochenen Gedankens sein? Warum soll es nicht den gleichen Dienst tun, wie das, was wir sagen?) Und auf den Dienst kommt es an.

931 But what if religion teaches that the soul can exist when the body decays? Do I understand what it teaches? Of course, I understand it – I can imagine many things about it. (One has also painted pictures of these things. And why should such a picture only be an imperfect representation of the expressed thought? Why shouldn’t it serve the same purpose as what we say?) And it is the purpose that matters.

§RPP I

252[5]

932 Aber bist Du kein Pragmatiker? Nein. Denn ich sage nicht, der Satz sei wahr, der nützlich ist. Der Nutzen, d.h. Gebrauch, gibt dem Satz seinen besondern Sinn, das Sprachspiel gibt ihm ihn. Und insofern, als eine Regel oft so gegeben wird, daß sie sich nützlich erweist, und mathematische Sätze ihrem Wesen nach mit Regeln verwandt sind, spiegelt sich in mathematischen Wahrheiten Nützlichkeit.

932 But aren’t you a pragmatist? No. Because I am not saying that the sentence is true if it is useful. The usefulness, i.e., the use, gives the sentence its special meaning; the language-game gives it that meaning. And insofar as a rule is often given in such a way that it proves useful, and mathematical sentences are related to rules in their nature, utility is reflected in mathematical truths.

§RPP I

253[1]

933 Der seelenvolle Gesichtsausdruck. Man muß sich daran erinnern, daß man ein Gesicht mit seelenvollem Ausdruck malen kann um zu glauben, daß es bloß Farben und Formen sind, die so wirken. Es ist nicht zu glauben, daß es die bloßen Augen – Augapfel, Lider, Wimpern, etc. – eines Menschen sind, in deren Anblick man sich verlieren kann, in die man mit Staunen und Entzücken sehen kann. Und doch wirken eben die Augen eines Menschen so. “Woraus Du sehen kannst ‥‥․”

933 The soul-filled facial expression. One must remember that one can paint a face with a soul-filled expression in order to believe that it is only colors and shapes that have this effect. It is not to be believed that it is simply the eyes – eyeball, eyelids, eyelashes, etc. – of a person, in whose gaze one can lose oneself, in which one can look with wonder and delight. And yet, it is precisely the eyes of a person that have this effect. “From which you can see ‥‥․”

§RPP I

253[2]

934 Glaube ich an eine Seele im Andern, wenn ich mit Staunen und Entzücken in seine Augen schaue?

934 Do I believe in a soul in the other person when I look with wonder and delight into his eyes?

§RPP I

253[3]

935 Der Satz “wenn p, so q”, wie z.B. “wenn er kommt, wird er mir etwas mitbringen”, ist nicht der gleiche wie “p ⊂ q”. Denn der Satz “Wenn …, so …” läßt den Konjunktiv zu, der Satz “p ⊂ q” nicht. – Wer Einem auf den Satz “Wenn er kommt, ‥‥” antwortet “Das ist nicht wahr”, der will nicht sagen: “Er kommt, und wird nichts mitbringen”, sondern: “Er mag kommen und nichts mitbringen”. Aus “p ⊂ q” folgt nicht “Wenn p, so q”; denn ich kann sehr wohl den ersten Satz behaupten (ich weiß z.B., daß p & q der Fall ist) und den zweiten Satz leugnen.

935 The sentence “if p, then q”, such as “if he comes, he will bring me something”, is not the same as “p ⊂ q”. For the sentence “If …, then …” allows for the subjunctive, the sentence “p ⊂ q” does not. – If one answers the sentence “If he comes, ‥‥” with “That is not true”, he does not want to say: “He comes, and will bring nothing”, but: “He may come and bring nothing”. From “p ⊂ q” it does not follow that “If p, then q”; for I can very well assert the first sentence (I know, for example, that p & q is the case) and deny the second sentence.

§RPP I

253[4]

936 Soll ich nun sagen, der Satz “Wenn …, so …” sei entweder wahr, oder falsch, oder unentschieden? (Das Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten gelte also nicht?)

936 Should I now say that the sentence “If …, then …” is either true, or false, or indeterminate? (Does the law of excluded third not apply?)

§RPP I

253[5]

937 Man gibt auch auf die Aussage “Wenn er kommt, wird er etwas mitbringen” die Antwort “Nicht unbedingt.” – Auch: “Das folgt nicht.” – Man kann auch sagen: “Dieser Zusammenhang besteht nicht.” – – Russell sagte, wenn man behauptet “Wenn …, so …”, so meine man für gewöhnlich nicht die materielle sondern die formale Implikation; aber auch das ist nicht richtig. “Wenn …, so …” läßt sich nicht in Ausdrücken der Russellschen Logik wiedergeben.

937 One can also answer the statement “If he comes, he will bring something” with “Not necessarily.” – Also: “That does not follow.” – One can also say: “This connection does not exist.” – – Russell said that when one asserts “If …, then …”, one usually does not mean the material, but the formal, implication; but that is not correct either. “If …, then …” cannot be expressed in terms of Russellian logic.

§RPP I

253[6] &
254[1]

938 Man kann sehr wohl sagen, der Satz “Wenn …, so …” sei entweder wahr, oder er sei falsch, oder unentschieden. – Aber bei welcher Gelegenheit wird man das sagen? Ich denke: als Einleitung zu einer weiteren Auseinandersetzung. Man bespricht die Sache unter diesen drei Gesichtspunkten (headings). Ich teile das Feld der Möglichkeiten in drei Teile. Man wird nun vielleicht sagen: ein Satz teile es in zwei Teile. Aber warum? Es sei denn, das gehöre zur Definition eines Satzes. Warum soll ich nicht auch etwas einen Satz nennen, was eine Dreiteilung macht?

938 One can very well say that the sentence “If …, then …” is either true, or it is false, or indeterminate. – But on what occasion will one say that? I think: as an introduction to a further discussion. One discusses the matter under these three headings. I divide the field of possibilities into three parts. One might now say: a sentence divides it into two parts. But why? Unless that belongs to the definition of a sentence. Why shouldn’t I also call something a sentence that makes a threefold division?

§RPP I

254[2]

939 Nimm nun eine Zweiteilung: Ich sage: Kann ich nun diese Betrachtungsart nicht auf den Satz “Wenn ‥‥ und ‥‥ sich treffen, wird es zu einer Explosion kommen” nicht anwenden? Hat Einer z.B. diese Behauptung gemacht, – kann ich nicht erwidern: “Entweder Du hast darin recht, oder nicht: Ist es, wie Du sagst, dann ‥‥ ist es nicht so, dann ‥‥”?

939 Now take a twofold division: I say: Can I not apply this mode of consideration to the sentence “If ‥‥ and ‥‥ meet, an explosion will occur”? If someone, for example, has made this assertion, can I not reply: “Either you are right in that, or you are not: if it is as you say, then ‥‥ if it is not so, then ‥‥”?

§RPP I

254[3]

940 Das Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten sagt nicht, wie seine Form vorspiegelt: Es gibt nur die beiden Möglichkeiten Ja und Nein, und keine Dritte. Sondern: “Ja” und “Nein” teilen das Feld der Möglichkeiten in zwei Teile. – Und das muß natürlich nicht so sein. (“Hast Du aufgehört, Deine Frau zu schlagen?”)

940 The law of the excluded middle does not say, as its form suggests: there are only the two possibilities, yes and no, and no third. But: “Yes” and “No” divide the field of possibilities into two parts. – And that does not necessarily have to be so. (“Have you stopped beating your wife?”)

§RPP I

254[4]

941 ‘Der Wunsch ist ein Verhalten des Geistes, der Seele, zu einem Gegenstand.’ ‘Der Wunsch ist ein Seelenzustand, der sich auf einen Gegenstand bezieht.’ Um sich das begreiflicher zu machen, denkt man etwa an die Sehnsucht und daran, daß der Gegenstand unserer Sehnsucht vor unsern Augen ist und wir ihn sehnend betrachten. Steht er nicht vor uns, so vertritt ihn etwa sein Bild, und ist kein Bild da, dann eine Vorstellung. Und der Wunsch ist also ein Verhalten der Seele zu einer Vorstellung. Aber man denkt eigentlich immer an ein Verhalten des Körpers zu einem Gegenstand. Das Verhalten der Seele zur Vorstellung ist ganz das, was man auf einem Bild zur Darstellung bringen könnte: Die Seele des Menschen, wie sie sich mit verlangender Gebärde zu dem Bild (dem wirklichen Bild) eines Gegenstands hinneigt.

941 ‘A wish is a behaviour of the mind, of the soul, towards an object.’ ‘A wish is a state of mind that relates to an object.’ To make this more comprehensible, one might think of longing and that the object of our longing is before our eyes and we gaze at it longingly. If it is not before us, then its picture represents it, and if there is no picture, then an image. And the wish is therefore a behaviour of the soul towards an image. But one usually thinks of a behaviour of the body towards an object. The behaviour of the soul towards the image is precisely what could be depicted in a picture: the soul of the human being, as it leans with a longing gesture towards the picture (the real picture) of an object.

§RPP I

254[5]

942 Und man könnte auf diese Weise freilich auch darstellen, wie ein Mensch in seiner Miene dem Wunsch keinerlei Ausdruck gibt, und doch seine Seele nach ihm verlangt.

942 And one could, in this way, certainly also depict how a person gives no expression in his mien to a wish, and yet his soul longs for it.

§RPP I

255[1]

943 “Der Satz ‘Wenn er nur käme!’ kann mit unserer Sehnsucht geladen sein.” – Womit war er da geladen? Es ist, als ob ihm ein Gewicht von unserm Geiste aufgeladen würde. Ja, alles das möchte ich sagen. Und ist es denn gleichgültig, daß ich das sagen will?

943 “The sentence ‘If only he would come!’ can be charged with our longing.” – With what was it charged? It is as if a weight from our mind were placed on it. Yes, I would like to say all of that. And is it irrelevant that I want to say that?

§RPP I

255[2]

944 Ist es denn gleichgültig, daß ich das sagen will? Ist es nicht wichtig? Ist es nicht wichtig, daß mir die Hoffnung in der Brust lebt? Ist das nicht ein Bild irgendeines wichtigen menschlichen Verhaltens? Warum glaubt ein Mensch, ein Gedanke komme ihm in den Kopf? – Oder richtiger: Er glaubt es nicht; er erlebt es. Denn er greift sich etwa dabei an den Kopf, schließt die Augen, um im Kopf mit sich allein zu sein. Lehnt den Kopf zurück und macht eine Handbewegung zum Zeichen, daß nichts den Vorgang im Kopfe stören soll. – Nun, sind das nicht wichtige Arten des Verhaltens?

944 Is it irrelevant that I want to say that? Is it not important? Is it not important that hope lives in my breast? Is that not a picture of some important human behaviour? Why does a person believe that a thought comes into his head? – Or rather: he does not believe it; he experiences it. For he perhaps touches his head, closes his eyes in order to be alone with himself in his head. Leans his head back and makes a hand gesture to indicate that nothing should disturb the process in his head. – Well, are those not important kinds of behaviour?

§RPP I

255[3]

945 Und wenn sich uns das Bild vom Gedanken im Kopf aufdrängen kann, warum dann nicht noch viel mehr das, vom Gedanken in der Seele.

945 And if the image of the thought in the head can be imposed on us, why then not even more so the one of the thought in the soul.

§RPP I

255[4]

946 Welches bessere Bild des Glaubens könnte es geben, als der Mensch, der mit dem Ausdruck des Glaubens sagt “ich glaube ‥‥”?

946 What better picture of belief could there be than the person who, with an expression of belief, says “I believe ‥‥”?

§RPP I

255[5]

947 Der Mensch ist das beste Bild der menschlichen Seele.

947 Man is the best picture of the human mind.

§RPP I

255[6]

948 Es ist natürlich wichtig, daß man das Verlangen nach einem Apfel leicht bildlich darstellen kann, ohne dem Verlangenden Worte in den Mund zu legen, – daß sich aber die Überzeugung, daß etwas so und so sei, nicht so darstellen läßt. Wichtig, weil es den Unterschied, den Wesensunterschied, zwischen den psychologischen Erscheinungen zeigt, und die Art und Weise, wie er zu beschreiben ist.

948 It is, of course, important that one can easily represent the desire for an apple in a picture, without putting words into the mouth of the person desiring it – but that the conviction that something is so and so cannot be represented in the same way. Important, because it shows the difference, the difference in essence, between the psychological phenomena, and the way in which it can be described.

§RPP I

255[7]

949 Warum sagte ich “Wesensunterschied”? Ist es ein Unterschied, wie zwischen Kohlenstoff, Gravitation, Lichtgeschwindigkeit und ultravioletten Strahlen? Welches alles ‘Gegenstände’ sind, von denen die Naturwissenschaft handelt. –

949 Why did I say “difference in essence”? Is it a difference like that between carbon, gravity, the speed of light, and ultraviolet rays? Which are all ‘objects’ that natural science deals with. –

§RPP I

256[1]

950 Denke, wir reden von Erscheinungen beim Sprechen der Menschen. Es könnte uns interessieren: die Geschwindigkeit des Sprechens, der Wechsel der Intonation, die Gebärden, die Länge oder Kürze der Sätze, etc. etc. – Wenn man nun von einem Menschen sagt, er habe ein Seelenleben: er denke, wünsche, fürchte, glaube, zweifle, habe Vorstellungen, sei traurig, lustig etc., – ist das analog dem: er ißt, trinkt, spricht schreibt, läuft, – oder analog dem: er bewegt sich bald schnell, bald langsam, bald auf ein Ziel zu, bald ohne Ziel, bald stetig, bald ruckweise?

950 Suppose we are talking about phenomena when people speak. It might interest us: the speed of speech, the change in intonation, the gestures, the length or shortness of the sentences, etc. etc. – Now, if we say that a person has a mental life: he thinks, wishes, fears, believes, doubts, has images, is sad, cheerful, etc. – is that analogous to: he eats, drinks, speaks, writes, runs – or analogous to: he sometimes moves quickly, sometimes slowly, sometimes towards a goal, sometimes without a goal, sometimes steadily, sometimes jerkily?

§RPP I

256[2]

951 Denk an das, was man den Charakter einer Linie nennen kann, und daran, was alles eine Beschreibung ihres Charakters genannt werden muß. Was kann man alles fragen, wenn man sich für den Charakter einer Linie interessiert?

951 Think of what one might call the character of a line, and of all the things that must be called a description of its character. What can one ask about when one is interested in the character of a line?

§RPP I

256[3]

952 Denk Dir, wir beobachteten die Bewegung eines Punktes, etwa eines schwarzen Punktes auf einer weißen Papierfläche. Alle möglichen Schlüsse könnten aus dem Charakter dieser Bewegung gezogen werden. Aber was können wir alles beobachten? – Ob der Punkt sich gleichförmig, oder ungleichförmig bewegt; ob sich seine Geschwindigkeit periodisch ändert; ob sie sich stetig oder sprungweise ändert; ob der Punkt eine geschlossene Linie beschreibt; wie nahe sie einem Kreis kommt; ob der Punkt eine Wellenlinie beschreibt und welches ihre Amplitude und Wellenlänge ist; und unzähliges andere. Und jedes dieser Fakten könnte uns das allein interessierende sein. Es könnte uns z.B. alles an dieser Bewegung gleichgültig sein, außer die Zahl der Ecken der Bahn in einer bestimmten Zeit. Und das heißt, wenn uns nun nicht nur eine Eigenschaft dieser Bewegung interessiert, sondern viele, eine jede von ihnen uns einen besondern, von allen andern gänzlich verschiedenen Aufschluß geben kann. Und so ist es mit dem Benehmen der Menschen, mit den verschiedenen Charakteristiken dieses Benehmens, die wir beobachten.

952 Suppose we were observing the movement of a point, for example a black point on a white surface. All kinds of conclusions could be drawn from the character of this movement. But what can we observe? – Whether the point moves uniformly or non-uniformly; whether its speed changes periodically; whether it changes steadily or abruptly; whether the point describes a closed line; how close it comes to a circle; whether the point describes a wave line and what its amplitude and wavelength are; and countless other things. And each of these facts could be the only thing that interests us. It could, for example, make us indifferent to everything else about this movement, except for the number of corners of the path in a given time. And that means that if we are not only interested in one property of this movement, but in many, each of them can give us a particular insight that is completely different from all the others. And so it is with the behaviour of people, with the various characteristics of this behaviour that we observe.

§RPP I

256[4] &
257[1]

953 So handelt die Psychologie (etwa) vom Benehmen, nicht von den Seelenzuständen des Menschen? Wer einen psychologischen Versuch macht, – was wird der berichten? – Was das Subjekt sagt, was es tut, was ihm in der Vergangenheit geschehen ist und wie es darauf reagiert hat. – Und nicht: was das Subjekt denkt, was es sieht, fühlt, glaubt, empfindet? – – Wer ein Gemälde beschreibt, beschreibt der die Anordnung der Pinselstriche auf der Leinwand – und nicht, was der Betrachter sieht? Aber wie ist es nun damit: Der Beobachter im Experiment wird manchmal sagen: “Das Subjekt sagte “Ich empfinde ‥‥”, und ich hatte den Eindruck, dies sei wahr.” – Oder man sagt: “Das Subjekt schien müde” Ist das nun eine Aussage über sein Benehmen? Man möchte vielleicht sagen: Freilich, was soll es denn sein? – – Man kann auch berichten: “Das Subjekt sagte ‘ich bin müde’” – aber für die Auswertung dieser Worte wird es sich darum handeln, ob sie glaubwürdig sind, ob sie einem andern nachgesprochen, wurden, ob sie eine Übersetzung aus dem Französischen waren, etc. Denke nun daran: Ich erzähle “Er machte einen verstimmten Eindruck”. Man fragt mich: “Was war es, daß Dir diesen Eindruck gemacht hat?”. Ich sage “Ich weiß es nicht.” – Kann man nun sagen, ich habe sein Benehmen beschrieben?? Kann man denn nicht sagen, ich hätte sein Gesicht beschrieben, wenn ich sage “Er machte ein trauriges Gesicht”? Auch wenn ich nicht angeben kann welche räumlichen Veränderungen im Gesicht diesen Eindruck machten? Man wird vielleicht erwidern: “Hättest Du genauer zugesehen, so könntest Du die charakteristischen Farben – und Ortsveränderungen beschreiben.” Aber wer sagt das, daß ich, oder irgend Einer es könnte?

953 So, does psychology (roughly) deal with behaviour, not with the states of mind of a person? If one conducts a psychological experiment – what will one report? – What the subject says, what it does, what happened to it in the past and how it reacted to it. – And not: what the subject thinks, what it sees, feels, believes, experiences? – – If one describes a painting, does one describe the arrangement of the brushstrokes on the canvas – and not what the viewer sees? But how is it now: The observer in the experiment will sometimes say: “The subject said ‘I feel…’, and I had the impression that this was true.” – Or one says: “The subject seemed tired.” Is this now a statement about its behaviour? One might say: Of course, what else could it be? – – One can also report: “The subject said ‘I am tired’” – but for the evaluation of these words, it will be a matter of whether they are credible, whether they were said by someone else, whether they were a translation from French, etc. Now think about this: I say “He made a displeased impression.” I am asked: “What was it that gave you this impression?” I say “I don’t know.” – Can one now say that I have described his behaviour? Can one not say that I have described his face if I say “He had a sad face”? Even if I cannot specify which spatial changes in the face made this impression? One might reply: “If you had looked more closely, you could have described the characteristic colours and changes in location.” But who says that I, or anyone else, could do that?

§RPP I

257[2]

954 Noch einmal: Wenn ich berichte “Er war verstimmt”, berichte ich Benehmen, oder einen Seelenzustand? (Wenn ich sage “Der Himmel sieht drohend aus”, rede ich von der Gegenwart, oder der Zukunft?) Beides; aber nicht nebeneinander; sondern in einem Sinne eines, in einem andern das andere. Was aber heißt das? (Ist das nicht Mythologie? Nein.)

954 Once again: If I report “He was displeased,” am I reporting behaviour, or a state of mind? (If I say “The sky looks ominous,” am I talking about the present, or the future?) Both; but not side by side; but in one sense one, in another the other. But what does that mean? (Is this not mythology? No.)

§RPP I

257[3] &
258[1]

955 Es ist hier ganz wie mit dem Reden über physikalische Gegenstände und Sinneseindrücke. Wir haben hier zwei Sprachspiele, und ihre Beziehungen zueinander sind kompliziert. Will man diese Beziehungen in einfacher Weise beschreiben, so geht man fehl.

955 Here it is just as it is with talking about physical objects and sense impressions. We have here two language-games, and their relationships to each other are complicated. If one wants to describe these relationships in a simple way, one will fail.

§RPP I

258[2]

956 Denke, ich beschreibe ein psychologisches Experiment: den Apparat, die Fragen des Experimentators, die Antworten und Handlungen des Subjekts. Und dann sage ich: das alles sei eine Szene in dem und dem Theaterstück. Nun hat sich alles geändert. Man wird also sagen: Wenn in einem Buch über Psychologie dieses Experiment in gleicher Weise beschrieben wäre, so würde eben die Beschreibung des Benehmens des Subjekts als Ausdruck des Seelenzustandes verstanden, weil man voraussetzt, das Subjekt rede die Wahrheit, halte uns nicht zum Besten, habe die Antworten nicht auswendig gelernt. – Wir machen also eine Voraussetzung?

956 Suppose I describe a psychological experiment: the apparatus, the questions of the experimenter, the answers and actions of the subject. And then I say: all of this is a scene in that and that play. Now everything has changed. So one will say: If this experiment were described in the same way in a book about psychology, then the description of the subject’s behaviour would be understood as an expression of the state of mind, because one assumes that the subject is telling the truth, that it is not trying to deceive us, that it has not learned the answers by heart. – So we are making an assumption?

§RPP I

258[3]

957 Die Krankenschwester sagt dem Arzt “Er stöhnt” – einmal will sie sagen “Er hat starke Schmerzen”; einmal “Er stöhnt – obwohl ihm nichts fehlt”; einmal “Er stöhnt; ob er Schmerzen hat, oder bloß diesen Laut von sich gibt, weiß ich nicht.” Wir machen eine Voraussetzung? – Wir benützen die Aussage jedesmal anders.

957 The nurse says to the doctor “He is groaning” – sometimes she wants to say “He is in great pain”; sometimes “He is groaning – even though he has nothing wrong with him”; sometimes “He is groaning; whether he is in pain or is only making this sound, I do not know.” Do we make an assumption? – We use the statement differently each time.

§RPP I

258[4]

958 “Freilich berichtet der Psychologe die Worte, das Benehmen des Subjekts, aber doch nur als Zeichen seelischer Vorgänge.” – Das ist richtig. Wenn die Worte und das Benehmen, z.B. eingelernt sind, so interessieren sie den Psychologen nicht. Und doch ist der Ausdruck “als Zeichen seelischer Vorgänge” irreführend, weil wir gewöhnt sind, von der Gesichtsfarbe als Zeichen des Fiebers zu reden. Und jede schlechte Analogie wird nun mit einer weiteren schlechten erklärt, sodaß wir den Unstimmigkeiten nur endlich durch die Ermüdung erlöst werden.

958 “Of course, the psychologist reports the words, the behaviour of the subject, but only as signs of mental processes.” – That is correct. If the words and the behaviour, for example, are learned, then they are not of interest to the psychologist. And yet the expression “as signs of mental processes” is misleading, because we are used to talking about the colour of the face as a sign of fever. And every bad analogy is now explained with another bad analogy, so that we are finally relieved of the inconsistencies only by fatigue.

§RPP I

258[5] &
259[1]

959 Denk dir, man sagte: jedes uns wohlbekannte Wort habe schon einen Dunstkreis, einen ‘Hof’ schwach angedeuteter Verwendungen um sich. So, als hätte man auf einem Gemälde die Hauptfiguren umgeben mit zarten, nebelhaften Bildern von Vorgängen, an denen diese Figuren einen Anteil haben. – Nun, machen wir nur Ernst mit dieser Annahme! – Da zeigt es sich, daß sie die Intention nicht zu erklären vermag. Wenn es nämlich so ist, daß die Möglichkeiten der Verwendung eines Ausdrucks uns beim Hören oder Sprechen in Halbtönen vorschweben, – wenn es so ist, so gilt das also für uns. Aber wir verständigen uns mit Andern, ohne sie je gefragt zu haben, ob auch sie diese Erlebnisse haben.

959 Imagine someone saying: every word we are familiar with already has a sphere of association, a ‘halo’ of faintly indicated uses around it. As if, in a painting, the main figures were surrounded by delicate, hazy images of events in which these figures have a part. – Well, let us simply take this assumption seriously! – It turns out that it is unable to explain the intention. For if it is indeed the case that the possibilities of the use of an expression float before us in half-tones when we hear or speak it – if this is the case, then it applies to us. But we communicate with others without ever asking them whether they have these experiences.

§RPP I

259[2]

960 Und wie ist es nun mit dem fortwährenden Werden und Vergehen im Bereich unseres Bewußtseins? Nun, wie ist es: ist das eine Erfahrung, oder kann man sich's anders garnicht vorstellen? Hier ist eine Unklarheit.

960 And what about the constant becoming and perishing within the realm of our consciousness? Well, what is it like: is it an experience, or can one not imagine it any other way? Here there is an ambiguity.

§RPP I

259[3]

961 Ich kenne mich in einem Zimmer aus: d.h., ich kann, ohne einen Augenblick nachsinnen zu müssen, die Tür finden, sie öffnen und schließen, jedes Möbelstück gebrauchen, ich muß den Tisch, die Bücher, die Laden nicht suchen und nicht nachdenken, was man mit ihnen machen kann. Daß ich mich auskenne wird sich in der Freiheit zeigen mit welcher ich mich im Zimmer bewege. Es wird sich auch in einer Abwesenheit des Staunens und Zweifelns äußern. Was soll ich nun auf die Frage antworten: ob dies Mich-in-diesemZimmer-auskennen ein Zustand meiner Seele sei?

961 I know my way around a room: that is, I can, without having to think for a moment, find the door, open and close it, use every piece of furniture; I don't have to look for the table, the books, the cupboard, and I don't have to think about what can be done with them. The fact that I know my way around will be shown in the freedom with which I move about in the room. It will also be expressed in an absence of wonder and doubt. What should I answer to the question: is this knowing-my-way-around-in-this-room a state of my mind?

§RPP I

259[4]

962 Ich bin im Stande, auf die Frage “Wozu dient ein Thermometer” sogleich und ohne jede Schwierigkeit mit einer langen Reihe von Sätzen zu antworten. Und ebenso kann ich der Aufforderung folgen: “Erkläre die Anwendung des Wortes ‘Buch’”.

962 I am able, in response to the question “What is a thermometer used for?” to answer immediately and without any difficulty with a long series of sentences. And likewise I can follow the instruction: “Explain the application of the word ‘book’”.

§RPP I

259[5]

963 Man kann das Sich-Auskennen ein Erlebnis nennen, und auch wieder nicht.

963 One can call knowing one's way around an experience, and also not.

§RPP I

259[6]

964 Die Verwendung gewisser Wörter dem Satzrhythmus zuliebe. Dieser könnte uns viel wichtiger sein, als er uns tatsächlich ist.

964 The use of certain words for the sake of sentence rhythm. This might be much more important to us than it actually is.

§RPP I

259[7]

965 “Was für eine Art von Erlebnis ist‥‥?” Man wird nicht fragen “Wie ist es, wenn Du's hast?” – denn darauf könnte der Eine so, der Andere so antworten. Man wird sie nicht nach einer Beschreibung des Erlebnisses fragen sondern zusehen, wie die Menschen das Wort handhaben, das das Erlebnis bezeichnet.

965 “What kind of experience is…?” One does not ask “What is it like to have it?” – because one person could answer in one way, another in another. One does not ask them for a description of the experience, but rather observes how people handle the word that designates the experience.

§RPP I

260[1]

966 Ich sage das Wort “Baum”, dann sag ich ein Unsinnwort. Sie fühlen sich verschieden an. In wie fern? – Mir werden zwei Gegenstände gezeigt: der eine ist ein Buch, der andere ein mir unbekanntes Ding von sonderbarer Form. Ich sage: sie schauen nicht bloß verschieden aus, sondern ich habe auch ein anderes Gefühl bei ihrem Anblick. Das eine Ding ‘verstehe’ ich, das andere verstehe ich nicht. “Ja, aber es ist nicht nur der Unterschied zwischen Wohlbekanntheit und Fremdheit.” Nun, ist nicht auch ein Unterschied zwischen Arten der Wohlbekanntheit und Fremdheit? Ein fremder Mensch tritt in mein Zimmer, aber es ist ein Mensch, das sehe ich sofort. Etwas Vermummtes tritt in mein Zimmer, ich weiß nicht, ist es Mensch oder Tier. Ich sehe einen mir unbekannten Gegenstand auf meinem Tisch, einen gewöhnlichen Feldstein, aber ich habe ihn nie auf meinem Tisch gesehen. Ich sehe einen Stein am Weg; ich bin nicht erstaunt, obgleich ich mich nicht erinnere, gerade ihn schon gesehen zu haben. Ich sehe ein seltsam geformtes Objekt von mir unbekanntem Zweck auf meinem Tisch und bin nicht überrascht: es ist schon immer dort gelegen, ich habe nie gewußt was es ist und mich nie dafür interessiert, es ist mir wohlvertraut.

966 I say the word “tree”, then I say a nonsense word. They feel different. In what way? – I am shown two objects: one is a book, the other is an unfamiliar object of strange shape. I say: they not only look different, but I also have a different feeling when I look at them. I ‘understand’ one object, I do not understand the other. “Yes, but it is not just the difference between familiarity and unfamiliarity.” Well, is there not also a difference between kinds of familiarity and unfamiliarity? A stranger enters my room, but it is a human being, I see that immediately. Something disguised enters my room, I don't know if it is a human being or an animal. I see an unfamiliar object on my desk, an ordinary field stone, but I have never seen it on my desk before. I see a stone on the road; I am not surprised, although I don't remember ever having seen it before. I see a strangely shaped object of unknown purpose on my desk and am not surprised: it has always been there, I have never known what it is and have never been interested in it, it is familiar to me.

§RPP I

260[2]

967 “Nun, hast Du das Wort ‘Baum’ nicht verstanden, wie Du's gehört hast? – – Dann ist eben etwas in Dir vorgegangen!” – Und zwar was? – Daß ich's verstand. – Die Frage ist nur: Soll ich vom Verstehen sagen, es sei in mir vorgegangen? Dagegen wehrt sich etwas; und das kann nur bedeuten, daß wir durch diesen Ausdruck das Verstehen mit andern Erscheinungen zusammenstellen und einen Unterschied verwischen, den wir betonen wollen. Aber welchen Unterschied? – In welchen Fällen weigern wir uns denn nicht, zu sagen: es sei etwas beim Hören des Worts in uns vorgegangen?

967 “Well, didn’t you understand the word ‘tree’ when you heard it? – – Then something happened inside you!” – And what, precisely? – That I understood it. – The question is only: should I say that understanding is something that happens inside me? Something resists that; and that can only mean that, with this expression, we connect understanding with other phenomena and blur a distinction that we want to emphasize. But what distinction? – In what cases do we not resist saying that something happened inside us when we hear a word?

§RPP I

260[3] &
261[1]

968 Was müßten wir denn Einem sagen, der uns mitteilte, bei ihm sei das Verstehen ein innerer Vorgang? – – Was würden wir ihm erwidern, wenn er sagte bei ihm sei Schachspielenkönnen ein innerer Vorgang? – Etwa, daß nichts, was in ihm vorgeht, uns interessiert, wenn wir wissen wollen ob er Schach spielen kann. Und wenn er nun darauf antwortet, es interessiere uns eben doch, was in ihm vorgehe, nämlich: ob er Schach spielen könne – so könnten wir ihm nun widersprechen, indem wir ihn an die Kriterien erinnerten, die uns seine Fähigkeit beweisen würden

968 What would we have to say to someone who tells us that, in him, understanding is an internal process? – What would we reply if he said that, in him, being able to play chess is an internal process? – Something like, that nothing that happens inside him interests us if we want to know whether he can play chess. And if he replies that it does interest us what happens inside him, namely: whether he can play chess – then we could contradict him by reminding him of the criteria that would prove his ability.

§RPP I

261[2]

969 Um Dich in einer Umgebung auszukennen, mußt Du nicht nur den richtigen Weg von einer Ortschaft zur andern kennen, sondern auch wissen, wohin Du gerietest, wenn Du diese falsche Wendung nähmst. Dies zeigt, wie ähnlich unsere Betrachtungen Wanderungen in einer Landschaft sind zum Zweck des Anlegens einer Karte. Und es ist nicht unmöglich, daß eine solche für die Gebiete, die wir begehen, einmal angelegt werden wird.

969 In order to get around in an environment, you must not only know the correct way from one place to another, but also know what will happen if you take that wrong turn. This shows how similar our investigations are to wandering around in a landscape for the purpose of drawing a map. And it is not impossible that such a map will one day be drawn for the areas we explore.

§RPP I

261[3]

970 Angenommen, Du hast eine besondere Erfahrung beim Verstehen, wie kannst Du wissen, daß es die ist, die wir “verstehen” nennen? – Nun, wie weißt denn Du, daß die Erfahrung, die Du hast, die ist, die wir “Schmerz” nennen? – Das ist etwas anderes – – ich weiß es, weil mein spontanes Benehmen in gewissen Situationen das ist, was man den Ausdruck des Schmerzes nennt.

970 Suppose you have a particular experience when you understand something; how can you know that it is the one that we call “understanding”? – Well, how do you know that the experience you have is the one that we call “pain”? – That is something else – I know it because my spontaneous behaviour in certain situations is what is called the expression of pain.

§RPP I

261[4]

971 Wenn man das Wort “Schmerz” gebrauchen lernt, so geschieht es nicht dadurch, daß man errät für welchen der inneren Vorgänge, beim Hinfallen z.B., dies Wort gebraucht wird. Es könnte ja dann auch das Problem entstehen: welcher meiner Empfindungen wegen ich schreie, wenn ich mich verletze. Und dabei denke ich mir, daß man nach innen zeigt und sich fragt: “Ist es nun diese Empfindung, oder diese?”

971 When one learns to use the word “pain,” it does not happen by guessing for which of the internal processes, when falling, for example, this word is used. It could then also create the problem: which of my sensations is the reason I cry when I hurt myself. And in this, I think to myself, one points inward and asks: “Is it now this sensation, or this?”

§RPP I

261[5] &
263[1]

972 “Gleichgültig, ob ich der Empfindung den richtigen Namen beigelegt habe, – ich habe ihr eben einen Namen beigelegt!” – Aber wie legt man denn etwas, z.B. einer Empfindung, einen Namen bei? Kann man in sich einer Empfindung einen Namen beilegen? Was geschieht da; und was ist das Resultat dieser Handlung? ((Vergl. Bemerkung über das Anhängen einer Namenstafel.)) Wenn man im Geiste eine Tür zuschließt, ist sie dann zugeschlossen? Und welche Konsequenz hat es? Kann dann, im Geiste, niemand herein?

972 “Even if I have given the sensation the right name – I have at least given it a name!” – But how does one give something, e.g. a sensation, a name? Can one give a sensation a name within it? What happens there; and what is the result of this action? ((Compare remark about attaching a nameplate.)) If one closes a door in one’s mind, is it then closed? And what consequence does it have? Can then, in one’s mind, no one come in?

§RPP I

262[2]

973 “Wie weißt denn Du, daß die Erfahrung, die Du hast, dasjenige ist, was wir ‘Schmerz’ nennen?” – Die Erfahrung, die ich habe? Welche? Wie spezifiziere ich sie: für mich, und (für) einen Andern.

973 “How do you know that the experience you have is the one that we call ‘pain’?” – The experience that I have? Which one? How do I specify it: for myself, and (for) another.

§RPP I

262[3]

974 Denke, wir könnten lernen, was man eine Empfindung, etwa einen ‘Schmerz’, nennt, und dann lehrte man uns, diese Empfindung auszudrücken. Was für eine Verbindung müßte diese Tätigkeit mit der Empfindung haben, um ihr ‘Ausdruck’ heißen zu können?!

974 Suppose we could learn what one calls a sensation, for example a ‘pain,’ and then we were taught to express this sensation. What kind of connection would this activity have to have with the sensation in order to be called its ‘expression’?

§RPP I

262[4]

975 Denke, Einer wüßte, erriete, daß ein Kind Empfindungen hätte, aber keinen Ausdruck für sie. Und nun wollte er das Kind den Ausdruck für die Empfindungen lehren. Wie muß er eine Handlung mit einer Empfindung verbinden, damit sie ihr Ausdruck wird?

975 Suppose someone knows, guesses, that a child has sensations, but no expression for them. And now he wants to teach the child the expression for the sensations. How must he connect an action with a sensation so that it becomes its expression?

§RPP I

262[5]

976 Kann er das Kind lehren: “Siehst Du, so drückt man etwas aus – das ist z.B. ein Ausdruck von dem – und nun drück Deinen Schmerz aus!”

976 Can he teach the child: “See, that’s how you express something – that is, for example, an expression of that – and now express your pain!”

§RPP I

262[6]

977 “Verstehen” wird eben nicht so gebraucht, wie ein Empfindungswort.

977 “Understanding” is simply not used in the same way as a word for a sensation.

§RPP I

262[7]

978 Das verwirrende Bild ist dies: daß wir eine Substanz beobachten, – ihre Veränderungen, Zustände, Bewegungen; gleich Einem, der die Veränderungen und Bewegungen in einem Schmelzofen beobachtet. Während wir das Verhalten und Benehmen der Menschen beobachten und vergleichen.

978 The confusing picture is this: that we observe a substance, its changes, states, movements; much like someone observing the changes and movements in a crucible. While we observe and compare the behaviour and conduct of people.

§RPP I

262[8]

979 Das primitive Schmerzbenehmen ist ein Empfindungsbenehmen; es wird ersetzt durch einen sprachlichen Ausdruck. “Das Wort ‘Schmerz’ bezeichnet eine Empfindung” heißt so viel wie: “‘Ich habe Schmerzen’ ist eine Empfindungsäußerung.”

979 Primitive pain-behaviour is a sensation-behaviour; it is replaced by a linguistic expression. “The word ‘pain’ denotes a sensation” means something like: “‘I am in pain’ is a sensation-utterance.”

§RPP I

262[9] &
263[1]

979 Formen des Benehmens können inkommensurabel sein. Und das Wort “Benehmen”, wie ich es gebrauche, ist überhaupt irreführend, denn es schließt in seiner Bedeutung auch die äußern Umstände – des Benehmens in engern Sinne – ein. Kann ich denn von einem Benehmen des Zorns, z.B., und von einem andern der Hoffnung reden? (Es ist leicht, sich einen Orang Utan zornig vorzustellen – aber hoffend? Und warum ist es so?)

979 Forms of behaviour can be incommensurable. And the word “behaviour,” as I use it, is misleading, because its meaning also includes the external circumstances – of behaviour in a narrower sense. Can one speak of a behaviour of anger, for example, and of another of hope? (It is easy to imagine an orangutan being angry – but hopeful? And why is it so?)

§RPP I

263[2]

981 Wenn mir jemand sagt “Ich sehe jetzt diesen Punkt als Spitze des Dreiecks”, so verstehe ich ihn. Aber was mache ich mit diesem Verständnis? Nun, ich kann ihm, z.B., sagen: “Kommt Dir das Dreieck jetzt vor, als wäre es umgefallen, als stünde es normalerweise auf der Grundlinie a? Oder erscheint es Dir jetzt als Berg mit B als Spitze? Oder als Keil? Oder als ‘schiefe Ebene’? Oder als Kegel?” Du kannst nun fragen “Worin besteht es: die Figur so sehen?” – und sozusagen Hypothesen über das machen, was dabei vorgeht. Z.B., Augenbewegungen, oder Vorstellungen, mit denen man das Gesehene supplementiert – man stellt sich etwa einen Körper vor, der auf der schiefen Ebene heruntergleitet – etc. Alles das kann geschehen, muß aber nicht geschehen; und wenn mir jemand mitteilt, er sehe das Dreieck als Keil, z.B., so sagt er mir nicht, wie sich seine Augen bewegt haben, etc. – Nein; nicht, was da geschieht, ist die Frage, sondern: wie man jene Aussage verwenden kann. Wozu mir z.B. das Verstehen der Mitteilung verhilft. Eine Anwendung wäre die: Man kann Einem sagen “Schau das Dreieck als Keil an; dann wirst Du Dich über … nicht mehr wundern.” Und sagt darauf vielleicht: “Ja, so kommt es mir natürlicher vor.” – Ich habe ihn also durch meine Erklärung beruhigt; oder ihm dazu verholfen, daß er nun eine Aufgabe schneller lösen kann.

981 If someone tells me “I now see this point as the apex of the triangle,” I understand him. But what do I do with this understanding? Well, I can, for example, say to him: “Does the triangle now seem to you as if it has fallen over, as if it normally stands on the base line a? Or does it now appear to you as a mountain with B as the apex? Or as a wedge? Or as an ‘inclined plane’? Or as a cone?” You can now ask “What is it: seeing the figure like that?” – and, as it were, formulate hypotheses about what is going on in his mind. For example, eye movements, or mental images with which one supplements what one sees – one imagines, for example, a body sliding down the inclined plane – etc. All this can happen, but does not have to happen; and if someone tells me that he sees the triangle as a wedge, for example, he is not telling me how his eyes have moved, etc. – No; the question is not what is happening there, but: how can one use that statement. What, for example, does understanding the statement help me with. One application would be: One can say to someone “Look at the triangle as a wedge; then you will no longer be surprised about…” And he might reply: “Yes, that seems more natural to me now.” – So I have reassured him through my explanation; or helped him to solve a problem more quickly.

§RPP I

263[3]

982 Die Ähnlichkeit eines Gesichts mit einem andern sehen, die Analogie einer mathematischen Form mit einer andern, eine menschliche Gestalt in den Linien eines Fixierbildes, eine Raumform in einer schematischen Zeichnung, “pas” in “ne ‥‥ pas” in der Bedeutung von “Schritt” hören oder aussprechen ‥‥ alle diese Erscheinungen sind irgendwie ähnlich, aber doch auch wieder sehr verschieden. (Eine Gesichtswahrnehmung, eine Gehörwahrnehmung, eine Geruchswahrnehmung, eine Bewegungswahrnehmung.)

982 Seeing the similarity of one face to another, the analogy of one mathematical form to another, a human shape in the lines of a photograph, a spatial form in a schematic drawing, hearing or uttering “pas” in “ne ‥‥ pas” in the sense of “step” ‥‥ all these phenomena are in some way similar, but also very different. (A visual perception of a face, an auditory perception, an olfactory perception, a perception of movement.)

§RPP I

264[1]

983 In allen jenen Fällen kann man sagen, man erlebe einen Vergleich. Denn der Ausdruck des Erlebnisses ist, daß wir zu einem Vergleich geneigt sind. Zu einer Paraphrase. Es ist ein Erlebnis, dessen Ausdruck ein Vergleich ist. Aber worum ein ‘Erlebnis’? Nun, unser Ausdruck ist ein Erlebnisausdruck. – Weil wir sagen “ich sehe es als …”, “ich höre es als …”? Nein; obwohl diese Ausdrucksweise damit zusammenhängt. Sie ist aber berechtigt, weil das Sprachspiel den Ausdruck zu dem eines Erlebnisses macht.

983 In all these cases, one can say that one experiences a comparison. For the expression of the experience is that we are inclined to a comparison. To a paraphrase. It is an experience whose expression is a comparison. But what is an ‘experience’? Well, our expression is an expression of an experience. – Because we say “I see it as…”, “I hear it as…?” No; although this way of expressing it is connected with it. But it is justified because the language-game makes the expression into one of an experience.

§RPP I

264[2]

984 Ein Erlebnis, das sich in einem Vergleich äußert. – Um z.B. “Je ne sais pas” auf die bewußte Art zu hören muß Einer andere Ausdrücke, wie “not a thing”, kennen. Der Ausdruck des Erlebnisses durch den Vergleich ist eben der Ausdruck, der unmittelbare Ausdruck. Ja, das Phänomen, das wir beobachten und das uns interessiert.

984 An experience that expresses itself in a comparison. – In order to hear “Je ne sais pas” in a conscious way, one must know other expressions, such as “not a thing.” The expression of the experience through the comparison is precisely the expression, the immediate expression. Yes, the phenomenon that we observe and that interests us.

§RPP I

264[3]

985 Wenn nun Einer “pas” nicht so hören, erleben, könnte, wenn er nicht verstünde was wir meinen, wenn wir von einem ‘so-hören’ reden, – würde der uns auch nicht verstehen, wenn wir ihm erklären, daß “pas” auch in der Verneinung so viel wie “Schritt” geheißen habe, und wenn wir sagten es sei analog dem Wort “bißchen”, “bit”, “thing” etc.? Aber was sieht der ein, der einsieht, der Gebrauch des Wortes … sei dem des Wortes … analog?

985 If someone could not hear or experience “pas” in that way, if he did not understand what we mean when we talk about “hearing it in that way,” would he also not understand us if we explained to him that “pas” also meant “step” in negation, and if we said it was analogous to the word “little,” “bit,” “thing,” etc.? But what does he see when he realizes that the use of the word … is analogous to the use of the word … analog?

§RPP I

264[4]

986 Nun, wozu zeige ich Einem so eine Analogie? Was erwarte ich mir davon? Welche Wirkung hat es? – Es scheint doch eine Erklärung zu sein. Es ist eine Art der Erklärung. Man sagt ja auch: “Ja, jetzt versteh ich den Gebrauch dieses Wortes.” Man sagt aber auch: “Ich weiß was Du meinst, aber ich kann es nicht so hören.”

986 Now, why do I show someone such an analogy? What do I expect from it? What effect does it have? – It does seem to be an explanation. It is a kind of explanation. One also says: “Yes, now I understand the use of this word.” But one also says: “I know what you mean, but I cannot hear it in that way.”

§RPP I

264[5]

987 “So, wie wir auch heute noch ‥‥, so haben diese Leute ‥‥” Wir können diesen Gebrauch im Lichte jenes betrachten. Dies kann, z.B., als heuristisches Prinzip dienen.

987 “Just as we still do today ‥‥, so these people ‥‥” We can consider this use in the light of that one. This can, for example, serve as a heuristic principle.

§RPP I

265[1]

988 Jedes Wort – möchte man sagen – kann zwar in verschiedenen Zusammenhängen verschiedenen Charakter haben, aber es hat doch immer einen Charakter – ein Gesicht. Es schaut uns doch an. – – Man könnte sich ja wirklich denken jedes Wort sei ein kleines Gesicht, das Schriftzeichen könnte ein Gesicht sein. Und man könnte sich auch denken, daß der ganze Satz eine Art Gruppenbild wäre, so daß der Blick der Gesichter eine Beziehung zwischen ihnen hervorbrächte und das Ganze also eine sinnvolle Gruppe wäre. Aber worin besteht die Erfahrung, daß eine Gruppe sinnvoll ist? Und wäre es zum Verwenden des Satzes notwendig, daß man ihn so als sinnvoll empfindet?

988 One could say that every word – in various contexts – can have a different character, but it always has one character – a face. It looks at us. – One could indeed think that every word is a small face, and that the written character could be a face. And one could also think that the whole sentence would be a kind of group portrait, so that the gaze of the faces would create a relationship between them, and the whole would therefore be a meaningful group. But what is the experience that a group is meaningful? And would it be necessary to use the sentence that one perceives it as meaningful?

§RPP I

265[2]

989 Ist es denn auch gewiß, daß ein Jeder, der unsere Sprache versteht, geneigt wäre, zu sagen, jedes Wort habe ein Gesicht? Und– das Wichtigste – welcher allgemeinen Tendenz in uns entspricht es, diese Neigung zu haben?

989 Is it certain that everyone who understands our language would be inclined to say that every word has a face? And – most importantly – to what general tendency in us does this inclination correspond?

§RPP I

265[3]

990 Erstens ist klar, daß die Tendenz, das Wort als etwas intimes, seelenvolles, zu betrachten, nicht immer da ist, oder im gleichen Maße da ist. Das Gegenteil des seelenvollen aber ist das maschinenhafte. Wer einen Robot darstellen will, – wie weicht sein Benehmen von unserm gewöhnlichen ab? Dadurch, z.B., daß unsere gewöhnlichen Bewegungen sich nicht, auch nur annähernd, mittels geometrischer Begriffe beschreiben lassen.

990 First, it is clear that the tendency to regard the word as something intimate, soulful, is not always present, or present to the same extent. The opposite of the soulful, however, is the mechanical. If one wants to depict a robot, how does its behaviour differ from our usual behaviour? For example, by the fact that our usual movements cannot be described, even approximately, by means of geometrical concepts.

§RPP I

265[4]

991 Würde man z.B. von Sätzen in Telegrammstil auch den Eindruck des Gruppenbildes erhalten?

991 Would one also get the impression of a group portrait from sentences in telegraph style?

§RPP I

265[5]

992 Der Gefangene hat eine Nummer als Namen. Von ihr würde niemand sagen, was Goethe von Personennamen sagt.

992 The prisoner has a number as a name. No one would say of it what Goethe says about personal names.

§RPP I

265[6]

993 Man hat die Idee, es sei der Sinn des Satzes, zusammengesetzt aus den Bedeutungen seiner Wörter. (Gruppenbild). Wie ist z.B. der Sinn “Ich habe ihn noch immer nicht gesehen” aus den Bedeutungen der Wörter zusammengesetzt?

993 One has the idea that the sense of the sentence is composed of the meanings of its words. (Group portrait). How, for example, is the sense of “I have not seen him yet” composed of the meanings of the words?

§RPP I

265[7] &
266[1]

994 Auch das Wort “habe” hat ein Gesicht; denn das Wort “die Habe” hat jedenfalls ein anderes Gesicht. Es fühlt sich anders an; also mußte sich “habe” auch irgendwie anfühlen. – Aber muß sich “Habe” anders ‘anfühlen’ als “habe”? Wie, wenn jemand mich versicherte, ihm fühlten sich diese beiden Wörter ganz gleich an? Er sagt z.B.: Ja, das Bindewort und das Zeitwort “sondern”, die fühlen sich verschieden an; aber nicht “Habe” und “habe”. Dürften wir ihm das nicht glauben? Was wie eine ganz selbstverständliche Äußerung erschien, die an das Verstehen der Worte gebunden ist, (das) erscheint hier im Licht einer rein persönlichen Äußerung. Nicht anders, als sagte Einer, die Vokale a und e haben für ihn dieselbe Farbe. Kann ich dem nun sagen: “Du spielst unser Spiel nicht”?

994 Even the word “have” has a face; for the word “the possessions” certainly has a different face. It feels different; so “have” must also feel somehow different. – But must “possessions” feel different than “have”? What if someone assured me that these two words feel exactly the same to him? He says, for example: Yes, the conjunction and the verb “but,” they feel different; but not “possessions” and “have.” Should we not believe him? What appeared to be a perfectly obvious statement, tied to the understanding of the words, (that) now appears in the light of a purely personal statement. It is as if someone said that the vowels a and e have the same color for him. Can I now say to him: “You are not playing our game”?

§RPP I

266[2]

995 Wird hier von dem Feinfühligen angenommen, er fühle in allen Zusammenhängen die beiden Wörter “sondern” verschieden? Nein. Nur wenn man sie, experimentell, ausspricht, erwartet man das.

995 Is it assumed here that the sensitive person feels the two words “but” differently in all contexts? No. Only when they are pronounced experimentally does one expect that.

§RPP I

266[3]

996 Denk Dir Menschen, die mit ‘äußerst komplizierten’ Zahlzeichen rechnen. Diese stellen sich aber dar als Figuren, welche entstehen, wenn man unsere Zahlzeichen aufeinander schreibt. Sie schreiben z.B. 🖵 bis zur fünften Stelle so: Wer ihnen zusähe, fände es schwer, zu erraten, was sie tun. Und sie könnten es vielleicht selbst nicht erklären. Es kann ja dieses Zahlzeichen, in etwas anderer Schrift geschrieben, seine Erscheinung (für uns) zur Unkenntlichkeit ändern. Und was die Leute täten, erschiene uns rein intuitiv.

996 Imagine people calculating with ‘extremely complicated’ numerical signs. However, these are presented as figures that arise when one writes our numerical signs on top of each other. For example, they might write 🖵 up to the fifth position like this: Someone looking at them would find it difficult to guess what they are doing. And they themselves might not be able to explain it. This numerical sign, when written in somewhat different script, can change its appearance (for us) to the point of being unrecognizable. And what the people are doing would appear to us purely intuitively.

§RPP I

266[4]

997 Ich sage also: man schätzt das psychologische Interesse der Wenn-Empfindung falsch ein, wenn man sie als selbstverständliches Korrelat der Bedeutung des Wortes ansieht; sie muß viel mehr in einem anderen Zusammenhang gesehen werden, im Zusammenhang der speziellen Umstände unter welchen sie auftritt.

997 I say, therefore, that one misjudges the psychological interest of the if-sensation when one regards it as a matter of course, a correlate of the meaning of the word; it must rather be seen in a different context, in the context of the specific circumstances under which it occurs.

§RPP I

266[5] &
267[1]

998 Sag: “Es ist schwer, die beiden Dinge zu sondern” und sprich das letzte Wort mit dem Gefühl des Bindeworts aus! Üb Dich etwa darin im gewöhnlichen Sprechen, ein Wort mit doppelter Bedeutung mit dem unpassenden Gefühl auszusprechen! (Wenn es nicht mit einem unpassenden Ausdruck der Stimme verbunden ist, so schadet es Verständigung nicht.)

998 Say: “It is difficult to separate the two things” and pronounce the last word with the feeling of the conjunction! Practice, for example, in ordinary speech, pronouncing a word with double meaning with the inappropriate feeling! (If it is not associated with an inappropriate expression of the voice, it does not harm communication.)

§RPP I

267[2]

999 Jetzt sag Dir: das Bindewort “sondern” sei eigentlich dasselbe wie das Zeitwort (so wie weg = Weg und trotz = Trotz) und sprich den Satz “Es ist nicht besser, sondern schlechter geworden” mit “sondern” in der Bedeutung des Zeitworts aus!

999 Now tell yourself: the conjunction “sondern” is actually the same as the verb (just as weg = Weg & trotz = Trotz) & pronounce the sentence “It has not become better, sondern worse” with “sondern” in the meaning of the verb!

§RPP I

267[3]

1000 Bist Du auch sicher, daß es ein Wenn-Gefühl gibt? Nicht vielleicht mehrere? Hast Du versucht, das Wort in sehr verschiedenen Zusammenhängen auszusprechen? (Wenn es z.B. den Hauptton des Satzes trägt, und wenn ihn das nächste Wort trägt.)

1000 Are you also sure that there is a if-feeling? Not perhaps several? Have you tried pronouncing the word in very different contexts? (For example, when it carries the main stress of the sentence, and when the next word carries it.)

§RPP I

267[4]

1001 Hat Einer die Wenn-Empfindung je, wenn er das Wort “wenn” nicht ausspricht? Es wäre doch jedenfalls merkwürdig, wenn nur diese Ursache die Empfindung hervorrufen sollte. Hat sich James einmal gefragt, ob, und wo, man sie sonst noch hat? – Und so ist es überhaupt mit der ‘Atmosphäre’ eines Worts: – warum sieht man es als so selbstverständlich an, daß nur dies Wort diese Atmosphäre hat?

1001 Does anyone ever have the if-sensation when he does not pronounce the word “if”? It would certainly be remarkable if only this cause should produce the sensation. Has James ever asked himself whether, and where, one might have it elsewhere? – And this is true in general of the ‘atmosphere’ of a word: – why does one regard it as so self-evident that only this word has this atmosphere?

§RPP I

267[5]

1002 Der Namenszug Goethes mutet mich goethisch an. Insofern ist er wie ein Gesicht, denn vom Gesicht Goethes könnte ich dasselbe sagen. Es ist wie eine Spiegelung. Gehört dieses Phänomen zu dem: “ich wäre schon einmal in derselben Situation”? Oder ‘identifiziere’ ich die Unterschrift mit der Person, indem ich, z.B., die Unterschrift des geliebten Menschen anzuschauen liebe, oder die Unterschrift des Bewunderten eingerahmt auf meinen Schreibtisch stelle? (Magie, die mit Bildern, Haaren, etc. getrieben wird.)

1002 Goethe’s signature looks Goethean to me. In that sense, it is like a face, for I could say the same about Goethe’s face. It is like a reflection. Does this phenomenon belong to the: “I have already been in the same situation”? Or do I ‘identify’ the signature with the person by, for example, loving to look at the signature of the person I love, or by placing the signature of the person I admire framed on my desk? (Magic that is driven by pictures, hair, etc.)

§RPP I

267[6] &
268[1]

1003 Die vom Ding unlösliche Atmosphäre, – sie ist also keine Atmosphäre. Was mit einander innig assoziiert ist, assoziiert wurde, das scheint zusammen zu passen . Aber wie scheint es das? wie äußert sich's, daß es zu passen scheint? Etwa so: Wir können uns nicht denken, daß der Mann, der so geheißen so ausgeschaut, sich so unterschrieben hat, nicht diese Werke, sondern etwa ganz andere (die eines andern großen Mannes) hervorgebracht hat? Wir können uns das nicht denken? Versuchen wir's denn? –

1003 The atmosphere that is inseparable from the thing – it is therefore not an atmosphere. What is intimately associated with each other, what was associated, seems to fit together. But how does it seem to fit together? How is it expressed that it seems to fit? Perhaps like this: We cannot imagine that the man who was named this way, looked this way, signed his name this way, did not produce these works, but perhaps quite different ones (the works of another great man)? Can we not imagine that? Let us try. –

§RPP I

268[2]

1004 Es könnte so sein: Denk Dir, ein Maler wollte ein Bild entwerfen: “Beethoven beim Schreiben der neunten Symphonie”. Ich könnte mir leicht vorstellen, was etwa auf so einem Bild zu sehen wäre. Aber wie, wenn Einer darstellen wollte, wie Goethe ausgesehen hätte beim Schreiben der neunten Symphonie? Da wüßte ich mir nichts vorzustellen, was nicht höchst unpassend und lächerlich wäre.

1004 It could be like this: Imagine that a painter wanted to design a picture: “Beethoven writing the Ninth Symphony.” I can easily imagine what might be seen in such a picture. But what if someone wanted to depict what Goethe would have looked like while writing the Ninth Symphony? Then I could not imagine anything that would not be highly inappropriate and ridiculous.

§RPP I

268[3]

1005 Schau ein altbekanntes Möbelstück, am alten Platz, in Deinem Zimmer an! “Es ist ein Teil eines Organismus” möchtest Du sagen. Oder: “Nimm es heraus, und es ist gar nicht mehr dasselbe” und dergleichen. Und natürlich denkt man da an keine kausale Abhängigkeit eines Teils von den übrigen. Eher ist es so: ich könnte diesem Ding einen Namen geben und von ihm etwa aussagen, daß es von seiner Stelle gerückt ist, einen Fleck hat, staubig ist, etc.; wollte ich es aber ganz aus seinem jetzigen Zusammenhang nehmen, so würde ich sagen, es habe aufgehört zu existieren, und ein anderes sei an seine Stelle getreten.

1005 Look at an old, familiar piece of furniture, in its usual place, in your room! “It is part of an organism,” you might say. Or: “Take it away, and it is no longer the same,” and so on. And of course, one does not think of any causal dependence of a part on the rest. Rather, it is like this: I could give this thing a name and say something about it, such as that it has moved from its place, has a stain, is dusty, etc.; but if I wanted to take it completely out of its present context, I would say that it has ceased to exist, and that something else has taken its place.

§RPP I

268[4]

1006 Ja, man könnte auch so fühlen: “Es gehört alles zu allem.” (Interne und Externe Relation.) Verrücke ein Stück und es ist nicht mehr, was es war. Dieser Tisch ist dieser Tisch nur in dieser Umgebung. Alles gehört zu allem. Hier haben wir die untrennbare Atmosphäre. Und was sagt, der das sagt? Was für eine Darstellungsweise schlägt er vor? – Ist es nicht die des gemalten Bildes? – Wenn z.B. der Tisch sich verschoben hat, malst Du ein neues Bild vom Tisch mit seiner Umgebung.

1006 Yes, one could also feel this way: “Everything belongs to everything else.” (Internal and external relation.) Move a piece, and it is no longer what it was. This table is this table only in this environment. Everything belongs to everything else. Here we have the inseparable atmosphere. And who says that? What kind of representation does he propose? – Isn't it that of the painted picture? – If, for example, the table has moved, you paint a new picture of the table with its environment.

§RPP I

268[5]

1007 “Ein ganz bestimmter Ausdruck” – dazu gehört auch, daß, wenn man das Kleinste an dem Gesicht ändert, sich sogleich der Ausdruck ändert.

1007 “A quite specific expression” – it also includes the fact that if you change the smallest thing on the face, the expression immediately changes.

§RPP I

269[1]

1008 Sein Name scheint auf seine Werke zu passen. – Wie scheint er zu passen? Nun, ich äußere mich etwa so. – Aber ist das alles? – Es ist, als bildete der Name mit diesen Werken ein Ganzes. Sehen wir ihn, so kommen uns die Werke in den Sinn, und denken wir an die Werke, so der Name. Wir sprechen den Namen mit Ehrfurcht aus. Der Name wird zu einer Geste; zu einer architektonischen Form.

1008 Its name seems to fit its works. – How does it seem to fit? Well, I might express myself like this. – But is that all? – It is as if the name, together with these works, forms a whole. If we see it, the works come to mind, and if we think of the works, then the name. We pronounce the name with reverence. The name becomes a gesture; an architectural form.

§RPP I

269[2]

1009 Wer das nicht verstünde, den würden wir etwa als ‘prosaisch’ bezeichnen wollen. Und ist das, was der ‘Bedeutungsblinde’ wäre?

1009 Anyone who could not understand this would probably want to describe him as “prosaic.” And is that what the “meaning-blind” person would be?

§RPP I

269[3]

1010 Jede andere Zusammenstellung würde uns unrichtig erscheinen. Durch unsere Gewohnheit werden diese Formen zu einem Paradigma; sie erhalten sozusagen Gesetzeskraft (‘die Macht der Gewohnheit’?)

1010 Any other combination would seem wrong to us. Through our habit, these forms become a paradigm; they acquire, as it were, the force of law (“the power of habit”?)

§RPP I

269[4]

1011 Wer die Worte “das Zeichen als Pfeil sehen” nicht verstehen und gebrauchen lernen kann, den nenne ich “bedeutungsblind”. Es wird keinen Sinn haben, ihm zu sagen “Du mußt versuchen, es als Pfeil zu sehen” und man wird ihm so nicht helfen können.

1011 Whoever cannot understand and learn to use the words “to see the sign as an arrow” I call “meaning-blind.” It would not make sense to tell him “You must try to see it as an arrow,” and he could not be helped in this way.

§RPP I

269[5]

1012 Wie ist es aber mit so einem Ausdruck: “Als Du es sagtest, verstand ich es in meinem Herzen”? Dabei deutet man auch auf's Herz. Und meint man diese Gebärde etwa nicht?! Freilich meint man sie. Oder ist man sich bewußt, nur ein Bild zu gebrauchen? Gewiß nicht!

1012 But what about such an expression: “When you said it, I understood it in my heart”? One also points to the heart. And does one not mean this gesture?! Of course one does. Or is one conscious of only using a picture? Certainly not!

§RPP I

269[6]

1013 Wenn das Kind sprechen lernt, wann entwickelt es da das ‘Bedeutungsgefühl’? Interessiert man sich dafür, wenn man es sprechen lehrt, wenn man seine Fortschritte im Sprechen beobachtet?

1013 When the child learns to speak, when does it develop the “feeling for meaning”? When teaching it to speak, when observing its progress in speaking, is one interested in this?

§RPP I

269[7] &
270[1]

1014 Man kann auch, wenn man ein Tier beobachtet, z.B. einen Affen, der einen Gegenstand untersucht und zerpflückt, sagen: “Man sieht, es geht etwas in ihm vor.” Wie merkwürdig ist das! Aber nicht merkwürdiger, als daß wir sagen: die Liebe, die Überzeugung sei in unserem Herzen!

1014 One can also say, when observing an animal, for example, a monkey examining and tearing apart an object: “One can see that something is happening in it.” How strange that is! But not stranger than that we say: love, conviction is in our heart!

§RPP I

270[2]

1015 Wann und womit fängt es also an, daß der Mensch Bedeutungsgefühle äußert? In welchem Spielen wird es sich zeigen?

1015 When and with what does man begin to express feelings for meaning? In which games will it show itself?

§RPP I

270[3]

1016 Ist nicht die Neigung, einen Bedeutungskörper zu denken ähnlich der, einen Ort des Denkens zu denken? Müßte jeder Mensch die Neigung haben, zu sagen, er denke im Kopf? – Es wird ihm dieser Ausdruck als Kind beigebracht. (“ Kopfrechnen”) Aber daraus entwickelt sich jedenfalls die Neigung (oder aus ihr entstand der Ausdruck). Jedenfalls– die Neigung ist dann vorhanden. Und so auch die, von einem Bedeutungskörper zu reden (oder dergl.), wie immer sie entstanden ist.

1016 Is the inclination to think of a “body of meaning” not similar to the inclination to think of a place of thinking? Must every person have the inclination to say that he thinks in his head? – This expression is taught to him as a child. (“Mental arithmetic”.) But from this, at any rate, the inclination develops (or from it the expression originated). At any rate – the inclination is then present. And so is the inclination to speak of a body of meaning (or the like), however it may have originated.

§RPP I

270[4]

1017 Reden wir nun auch von einem ‘Gefühl’ des Denkens im Kopf? Wäre dies nicht ähnlich, wie das ‘Bedeutungsgefühl’? Auch: Kann der nicht denken, der dies Gefühl nicht hätte? Ja; wer philosophiert oder psychologiert wird vielleicht sagen: “Ich fühle, ich denke im Kopf”. Aber was das nun heißt, das wird er nicht sagen können. Er wird nämlich nicht sagen können, was das nun für ein Gefühl ist; sondern einfach den Ausdruck gebrauchen: er ‘fühle’; als sagte er nämlich “Ich fühle diesen Stich hier”. Er ist sich also nicht bewußt, daß hier noch zu untersuchen ist, was sein Ausdruck “ich fühle” hier bedeutet, d.h., welche Konsequenzen wir aus dieser Äußerung ziehen dürfen. Ob z.B. die, die wir aus der Äußerung “Ich fühle den Stich hier” ziehen würden.

1017 Shall we now also speak of a ‘feeling’ of thinking in one’s head? Wouldn’t this be similar to the ‘feeling of meaning’? Also: can someone who doesn’t have this feeling think? Yes; someone who philosophizes or does psychology might say: “I feel, I think in my head.” But he will not be able to say what that means. He will not be able to say what this feeling is; rather, he will simply use the expression: he ‘feels’; as if he were saying “I feel this pang here.” He is therefore not conscious of the fact that there is still something to be investigated here, namely what his expression “I feel” means here, i.e., what consequences we can draw from this utterance. Whether, for example, the same consequences that we would draw from the utterance “I feel the pang here.”

§RPP I

270[5]

1018 Man könnte nämlich auch sagen: “Ich fühle das Steigen der Preise im Kopf”. Und ist das Unsinn? In welches Kapitel der Psychologie aber gehörte dieses Gefühl? Nicht in das von den Sinnesempfindungen, – es sei denn, Einer sagte “Wenn ich diesen Schmerz im Kopf spüre, steigen immer die Preise”.

1018 One could also say: “I feel the rising prices in my head.” And is this nonsense? To which chapter of psychology would this feeling belong? Not to the one on sensory impressions, unless one were to say, “Whenever I feel this pain in my head, prices always rise.”

§RPP I

270[6] &
271[1]

1019 Könnte nicht Einer sagen: “Ich habe ein Gefühl des Ortes beim Denken Ich kann z.B. den Gedanken ‥‥einmal im Kopf und einmal im Herzen denken.” – Und würde das zeigen, daß ein Gedanke einen Ort hat? Ich meine: würde es das Erlebnis des Denkens näher beschreiben? Nicht viel mehr ein neues Erlebnis? “Ich möchte sagen: ‘ich habe im Kopf gedacht’”.

1019 Could one not say: “I have a feeling of place when thinking. I can, for example, think the thought once in my head and once in my heart.” – And would this show that a thought has a place? I mean: would it describe the experience of thinking more closely? Or would it be just a new experience? “I would like to say: ‘I thought it in my head.’”

§RPP I

271[2]

1020 Man kann den Befehl befolgen “Denk an gar nichts!”, “make your mind a blank!”

1020 One can obey the command “Think of nothing!”, “make your mind a blank!”

§RPP I

271[3]

1021 So wie man die Redensart “im Kopf”, in Verbindung mit dem Denken, gelernt hat, so auch die: “das Wort hat diese (‘eine’) Bedeutung”, und alle Phrasen, die damit verwandt sind. Auch die Ausdrucksweise: “diese beiden Wörter klingen nur gleich, haben aber sonst nichts mit einander zu tun” und viele ähnliche. Und das Bedeutungserlebnis folgt eigentlich genau diesen Redewendungen. (Die doch auch eine gänzlich andere Form haben könnten das französische “vouloir dire” z.B.)

1021 Just as one has learned the expression “in one’s head,” in connection with thinking, so too has one learned: “the word has this (‘a’) meaning,” and all the phrases that are related to it. Also, the way of speaking: “these two words only sound alike, but otherwise have nothing to do with each other,” and many similar expressions. And the experience of meaning actually follows these expressions very closely. (Which could, of course, have a completely different form, such as the French “vouloir dire.”)

§RPP I

271[4]

1022 Ist also das Bedeutungserlebnis nur eine Einbildung? Nun, wenn es auch eine Einbildung ist, so ist das Erlebnis dieser Einbildung dadurch nicht weniger interessant.

1022 Is the experience of meaning then just an illusion? Well, if it is an illusion, then the experience of this illusion is no less interesting.

§RPP I

271[5]

1023 Es ist übrigens merkwürdig, daß das Wort “Association” in meinen Betrachtungen eine so geringe Rolle spielt. Ich glaube, daß dieses Wort in äußerst vager, verschwommener Weise verwendet wird, und für ganz unähnliche Erscheinungen.

1023 It is, by the way, remarkable that the word “association” plays such a small role in my considerations. I believe that this word is used in a very vague, blurred way, and for quite dissimilar phenomena.

§RPP I

271[6] &
272[1]

1024 Über einen feinen ästhetischen Unterschied läßt sich eine Menge sagen – das ist sehr wichtig. D.h., die erste Äußerung ist freilich bloß “Dies Wort paßt, dies nicht”, oder dergleichen; aber nun können noch alle weit verzweigten Zusammenhänge erörtert werden, die jedes dieser Wörter schlägt. Das heißt, es ist eben nicht mit jenem ersten Urteil abgetan, sondern es ist das Feld jedes Wortes, worauf's ankommt.

1024 A great deal can be said about a subtle aesthetic difference – this is very important. That is, the first utterance is, of course, merely “this word fits, that one doesn’t,” or something of the sort; but now all sorts of far-reaching connections can be discussed that each of these words brings to mind. That is to say, it is not simply settled with that first judgment, but rather, it is the field of each word, that is what matters.

§RPP I

272[2]

1025 Warum soll denn das Bedeutungserlebnis wichtig sein?! Er sagt das Wort, sagt, er habe es jetzt in dieser Bedeutung gesagt; dann in jener. Ich sage das gleiche. Mit dem gewöhnlichen und wichtigen Gebrauch des Ausdrucks “Ich habe mit dem Wort das gemeint” hat das offenbar nichts zu tun. Was ist also das Merkwürdige? Daß wir so etwas sagen? Das ist natürlich interessant. Aber das Interesse liegt hier nicht auf dem Begriff der ‘Bedeutung’ eines Wortes, sondern auf der Reihe ähnlicher psychologischer Erscheinungen, die, im Allgemeinen, mit Wortbedeutung nichts zu tun haben.

1025 Why should the experience of meaning be important?! He says the word, says that he has now used it in this meaning; then in that. I say the same. This apparently has nothing to do with the ordinary and important use of the expression “I meant that by the word.” So what is the remarkable thing? That we say something like that? That is, of course, interesting. But the interest does not lie in the concept of the ‘meaning’ of a word, but in the series of similar psychological phenomena, which, in general, have nothing to do with word-meaning.

§RPP I

272[3] &
273[1]

1026 Es sagt jemand, etwa im Sprachunterricht, “Reden wir über das Wort ‘Weiche’”. Ich frage: “Meinst Du das Zeitwort, das Eigenschaftswort, oder das Hauptwort?” – Er: “Ich meine das Hauptwort.” – Muß er da, oder muß ich, ein Bedeutungserlebnis gehabt haben? Nein. Aber, daß uns Vorstellungen bei diesem Gespräch vorgeschwebt haben, ist wahrscheinlich. Sie würden etwa die Rolle spielen, wie ein Kritzeln während des Sprechens. Wer etwa gewöhnt wäre, beim Gespräch auf einem Papier zu kritzeln, der würde vielleicht einmal eine Weiche zeichnen, einmal ein Ei, einmal das Wort “Weiche!” schreiben. Und wenn von einer Weiche die Rede wäre und er zeichnete dabei ein Ei, so könnte ihn das vom Gespräch abziehen; zeichnet er aber Schienen, so bliebe er bei der Sache.

1026 Someone says, perhaps in language instruction, “Let’s talk about the word ‘weiche’”. I ask: “Do you mean the verb, the adjective, or the noun?” – He: “I mean the noun.” – Did he, or did I, have to have an experience of meaning in order for this to happen? No. But, it is probably the case that we had images in mind during this conversation. They would play a role something like that of doodling while speaking. Someone who is used to doodling on a piece of paper during a conversation might, for example, draw a railway switch, an egg, or write the word “weiche!” And if a railway switch were being discussed and he drew an egg, that might distract him from the conversation; but if he drew rails, he would stay with the subject.

§RPP I

273[2]

1027 Inwiefern kann man ‘kritzeln’ mit dem Spiel der Vorstellungen vergleichen? – Denk Dir Menschen, die von Kind auf bei allen Gelegenheiten, wo wir sagen würden, sie stellen sich etwas vor, Zeichnungen ausführen. Gibt man ihnen dann einen Stift in die Hand, so zeichnen sie mit großer Geschwindigkeit. Aber tut denn der gewöhnliche Mensch nicht etwas ganz Ähnliches? Er zeichnet zwar nicht, aber ‘beschreibt seine Vorstellung’, d.h., statt zu zeichnen, spricht er. Oder er gebraucht Gebärden, um z.B. einen Menschen, den er sich vorstellt, darzustellen! Muß ich denn annehmen, daß er diese Beschreibung, diese Gebärden von etwas abliest?! Was spricht dafür? – Nun, er sagt etwa “Ich sehe ihn vor mir!” und dann stellt er ihn dar. Aber hätte ich ihn, statt diesen Ausdruck zu sagen gelehrt “Jetzt weiß ich, wie er aussieht”, oder “Jetzt kann ich sagen, wie er aussieht”, oder “Jetzt werde ich Dir sagen, wie er aussieht”, – so wäre das gefährliche Bild eliminiert. (Tennis ohne Ball.)

1027 In what way can one compare ‘doodling’ with the play of images? – Imagine people who, from childhood on, in all situations where we would say they are imagining something, produce drawings. If you then give them a pen, they draw with great speed. But doesn’t the ordinary person do something very similar? He doesn’t draw, but ‘describes his image,’ i.e., instead of drawing, he speaks. Or he uses gestures to represent, for example, a person he is imagining! Must I assume that he ‘reads’ this description, these gestures from something?! What speaks for it? – Well, he says something like “I see him in front of me!” and then he represents him. But if, instead of saying this expression, I had taught him to say “Now I know what he looks like,” or “Now I can say what he looks like,” or “Now I will tell you what he looks like,” – then the dangerous image would be eliminated (Tennis without a ball).

§RPP I

273[3]

1028 Um in die Tiefe zu steigen, braucht man nicht weit zu reisen; ja, Du brauchst dazu nicht Deine nächste und gewöhnliche Umgebung verlassen.

1028 To go into the depth, one doesn’t need to travel far; indeed, you don’t need to leave your immediate and ordinary environment.

§RPP I

274[1]

1029 Wie finde ich das ‘richtige’ Wort? Es ist allerdings, als vergliche ich Worte nach feinen Geschmacksunterschieden. Dies ist zu sehr ‥‥, dies zu sehr …; das ist das Richtige. Aber ich muß nicht immer beurteilen, erklären, warum dies oder dies Wort nicht stimmt. Es stimmt einfach noch nicht. Ich suche eben weiter, bin nicht befriedigt. Endlich komme ich zur Ruhe, bin befriedigt. So schaut eben das Suchen aus; und so das Finden.

1029 How do I find the ‘right’ word? It is, admittedly, as if I were comparing words according to subtle differences in taste. This is too much …; this too much …; that is the right one. But I don’t always have to judge, explain, why this or that word doesn’t fit. It simply doesn’t fit yet. I am just searching, not satisfied. Finally, I come to rest, am satisfied. That is what searching looks like; and that is what finding looks like.

§RPP I

274[2]

1030Ich entwickle was in ihm steckt.” – Wie weiß ich, daß das in ihm war? – So ist es nicht. Man kann auch nicht fragen: “Wie weiß ich, daß ich das wirklich geträumt habe?” – Es steckt in ihm, weil ich sage, daß es in ihm steckt. Oder besser: weil ich geneigt bin, zu sagen‥‥ – Und was ist das für ein seltsames Erlebnis: geneigt sein, zu sagen ‥‥? Gar keins.

1030I develop what is in him.” – How do I know that it was in him? – It is not like that. One cannot ask: “How do I know that I really dreamed it?” – It is in him because I say that it is in him. Or better: because I am inclined to say… – And what is this strange experience: being inclined to say…? No experience at all.

§RPP I

274[3] &
275[1]

1031 Wenn ich aber gestorben wäre, noch ehe ich das Alles entwickeln konnte, – wäre es dann nicht in meinem Erlebnis enthalten gewesen? – Die Antwort “Nein” auf diese Frage ist falsch; die Antwort “Ja” muß es auch sein. “Nein” würde heißen: Wenn Einer einen Traum nicht erzählt, ist es falsch zu sagen, er habe ihn gehabt. Es wäre unrichtig zu sagen: “Ich weiß nicht, ob er geträumt hat; er hat nichts darüber gesagt.” “Ja” würde heißen: Er mag wohl geträumt haben, auch wenn er es nicht berichtet. Aber das soll doch keine psychologische Aussage sein! Also, eine logische.

1031 But if I had died before I could develop all this, – would it then not have been contained in my experience? – The answer “No” to this question is wrong; the answer “Yes” must also be the case. “No” would mean: If one does not tell a dream, it is wrong to say that one had it. It would be incorrect to say: “I don’t know if he dreamed; he said nothing about it.” “Yes” would mean: He may well have dreamed, even if he does not report it. But this is not supposed to be a psychological statement! So, a logical one.

§RPP I

275[2]

1032 “Kann einer nicht träumen, und es doch niemandem mitteilen?” – Gewiß: er kann ja träumen und es jemandem mitteilen.

1032 “Can someone not dream, and not communicate it to anyone?” – Certainly: he can dream and communicate it to someone.

§RPP I

275[3]

1033 Wir lesen in einer Erzählung, jemand habe einen Traum gehabt und ihn niemandem mitgeteilt. Wir fragen nicht, wie der Autor das erfahren konnte. – Verstehen wir es nicht, wenn Strachey Vermutungen darüber anstellt, was die Königin Victoria knapp vor ihrem Tode vor sich gesehen haben mag? Freilich – aber verstanden Leute nicht auch die Frage, wie viele Seelen auf einer Nadelspitze Platz hätten? D.h.: die Frage, ob man das nicht versteht, hilft uns hier nicht; wir müssen fragen, was wir mit einem solchen Satz anfangen können. – Daß wir den Satz verwenden, ist klar; wie wir ihn verwenden, ist die Frage.

1033 We read in a story that someone had a dream and didn’t tell anyone about it. We don’t ask how the author could have known that. – Do we not understand it when Strachey makes conjectures about what Queen Victoria may have seen shortly before her death? Of course – but did people not also understand the question of how many minds could fit on the tip of a needle? That is to say: the question of whether we don’t understand something doesn’t help us here; we must ask what we can do with such a sentence. – That we use the sentence is clear; how we use it is the question.

§RPP I

275[4]

1034 Daß wir den Satz verwenden, sagt uns noch nichts, weil wir die gewaltigen Verschiedenheiten der Verwendung erkennen. Wir sehen also das Problem im Wie.

1034 The fact that we use the sentence does not tell us anything, because we recognize the tremendous differences in use. So, we see the problem in the how.

§RPP I

275[5] &
276[1]

1035 Nun noch einmal: – Menschen teilen uns nach dem Erwachen eine Erzählung mit; wir lehren sie darauf den Ausdruck “Mir hat geträumt‥‥” und nun folgt die Erzählung. Ich frage sie dann manchmal: “Hast Du heute nacht etwas geträumt?” und erhalte manchmal eine bejahende, manchmal eine verneinende Antwort, manchmal eine Traumerzählung, manchmal keine. Das ist das Sprachspiel. (Ich habe jetzt angenommen, daß ich selbst nicht träume. Aber ich habe ja auch kein Gefühl einer unsichtbaren Gegenwart und Andere haben es, und ich kann sie über ihre Erfahrungen befragen.) Muß ich nun in diesem Falle eine Annahme darüber machen, ob diese Leute ihr Gedächtnis getäuscht hat oder nicht; ob sie wirklich während des Schlafs diese Bilder vor sich gesehen haben oder ob es ihnen nach dem Erwachen so vorkommt? Und welchen Sinn hat diese Frage? – Und welches Interesse?! Fragen wir uns das je, wenn uns Einer einen Traum erzählt und wenn nicht, – ist es, weil wir sicher sind, sein Gedächtnis werde ihn nicht getäuscht haben? (Und angenommen, er wäre ein Mensch mit ganz besonders schlechtem Gedächtnis!)

1035 Now once again: – People tell us after waking up a story; we teach them the expression “I dreamed…” and then comes the story. I sometimes ask them: “Did you dream anything last night?” and sometimes receive an affirmative, sometimes a negative answer, sometimes a dream narrative, sometimes none. That is the language-game. (I am now assuming that I myself do not dream. But I also have no feeling of an invisible presence, and others do, and I can ask them about their experiences.) Must I now make an assumption in this case about whether these people have deceived their memory or not; whether they really saw these images before them during sleep or whether it seems to them that way after waking up? And what is the meaning of this question? – And what is the interest?! Do we ever ask ourselves this, when someone tells us a dream, and if not, is it because we are sure that his memory will not deceive him? (And assume he is a person with a very bad memory!)

§RPP I

276[2]

1036 Und heißt das nun, es sei unsinnig, je die Frage zu stellen: ob in der Nacht wirklich der Traum vor sich gegangen sei, oder ob der Traum wirklich ein Gedächtnisphänomen des Erwachten sei? Es kommt darauf an was wir damit meinen, d.h.: welche Verwendung wir von dieser Frage machen. Denn machen wir uns dies Bild vom Traum: daß vor des Schlafenden Seele ein Bild schwebt (wie es etwa auf einem Gemälde dargestellt wäre), dann hat es natürlich Sinn, diese Frage zu stellen. Man fragt damit: Ist es so, oder so – – und jedem “so” entspricht ein anderes Bild.

1036 Does this now mean that it is nonsensical to ask whether the dream actually took place during the night, or whether the dream is actually a memory phenomenon of the awakened person? It depends on what we mean by that, i.e., which use we make of this question. For if we form this picture of the dream – that an image hovers before the sleeping mind (as it might be depicted on a painting) – then it naturally makes sense to ask this question. One is asking: is it so, or so – and each “so” corresponds to a different picture.

§RPP I

277[1]

1037 Denke, jemand fragte: Ist die Struktur des Wassers 🖵 oder 🖵? Hat es Sinn? – Wenn Du ihm Sinn gibst, hat es Sinn.

1037 Imagine, someone asks: Is the structure of water 🖵 or 🖵? Does it make sense? – If you give it meaning, it makes sense.

§RPP I

277[2]

1038 Zurück zu dem Sprachspiel von der Traumerzählung: Einer sagt mir einmal “Was ich heute nacht geträumt habe, werde ich niemandem erzählen.” Nun, hat das Sinn? Warum nicht?! Soll ich, nach dem, was ich über den Ursprung des Sprachspiels mitgeteilt habe, sagen, es habe keinen Sinn – da ja das ursprüngliche Phänomen eben die Traum-Erzählung war? Durchaus nicht!

1038 Back to the language-game of the dream narrative: Someone says to me once, “What I dreamed last night, I will not tell anyone.” Well, does that make sense? Why not?! Should I, after what I have communicated about the origin of the language-game, say that it has no meaning – since the original phenomenon was precisely the dream narrative? Not at all!

§RPP I

277[3]

1039 Eine Eisenbahnstation mit allen ihren Einrichtungen, Telegraphenstangen und Telegraphendraht, bedeutet für uns ein weitverzweigtes Verkehrssystem. Aber auf dem Mars findet sich dieses Gebäude mit allem Drum und Dran, auch mit einem Stück Geleise, und bedeutet dort nichts dergleichen.

1039 A railway station with all its facilities, telegraph poles and telegraph wire, means for us a far-reaching system of communication. But on Mars, this building with everything around it, including a piece of track, means nothing of the sort.

§RPP I

277[4]

1040 “Es scheint, der Geist kann dem Wort Bedeutung geben” – ist das nicht, als sagte ich; “Es scheint, daß in Benzol die C-Atome an den Ecken eines Sechsecks liegen”? Das ist doch kein Schein; es ist ein Bild.

1040 “It seems that the mind can give meaning to the word” – is this not the same as saying: “It seems that in benzene the C atoms lie at the corners of a hexagon”? This is not an appearance; it is a picture.

§RPP I

277[5] &
278[1]

1041 Ich will freilich nicht eine Definition des Worts “Traum” geben, aber doch etwas tun, was dem ähnlich ist: den Gebrauch des Wortes beschreiben. Meine Frage lautet also ungefähr so: “Wenn ich zu einem fremden Stamm mit mir unbekannter Sprache käme, und die Leute hätten einen Ausdruck, der unserm “ich träume”, “er träumt”, etc. entspricht, – wie fände ich heraus, daß es so ist; wie wüßte ich, welche Ausdrücke ihrer Sprache ich in diese Ausdrücke der unsern übersetzen soll? Denn dies Herausfinden ist ja eben ähnlich dem, heraus zu finden, welches ihrer Worte ich in unser Wort “Tisch” übersetzen soll. Ich frage mich da freilich nicht “Wie nennen sie dies?” – Indem ich auf etwas zeige. Obwohl ich auch das fragen könnte und dabei etwa auch eine symbolische Darstellung des Traumes, oder eines Träumenden deuten könnte.

1041 I certainly do not want to give a definition of the word “dream,” but rather do something similar: describe the use of the word. So my question is roughly as follows: “If I were to come to a foreign tribe with a language unknown to me, and the people had an expression corresponding to our “I dream,” “he dreams,” etc., – how would I find out that this is the case; how would I know which expressions in their language I should translate into these expressions of ours? Because this finding out is precisely similar to finding out which of their words I should translate into our word “table.” In this, I am certainly not asking, “What do they call this?” – by pointing at something. Although I could ask that too, and perhaps also indicate a symbolic representation of the dream or of a dreamer.

§RPP I

278[2]

1042 Auch das ist zu sagen: daß das Kind nicht unbedingt so den Gebrauch des Worts “träumen” lernen muß, daß es zuerst bloß eine Begebenheit beim Erwachen berichtet und wir ihm dann die Worte “Mir hat geträumt” beibringen. Es ist ja auch so möglich, daß das Kind den Erwachsenen sagen hört, er habe geträumt und nun von sich das Gleiche sage und einen Traum erzählt. Ich sage nicht: daß das Kind errät, was der Erwachsene meint; genug: es gebraucht eines Tages das Wort und gebraucht es unter den Umständen, unter denen wir's gebrauchen.

1042 It must also be said that the child does not necessarily have to learn the use of the word “dream” in such a way that he first reports an event upon waking, and then we teach him the words “I had a dream.” It is also possible that the child hears adults say that they dreamed and then says the same about himself and tells a dream. I am not saying that the child guesses what the adult means; it is enough that he one day uses the word and uses it under the circumstances under which we use it.

§RPP I

278[3]

1043 Die Frage ist also eigentlich nicht: “wie lernt er die Verwendung des Worts” – sondern “Wie zeigt sich's, daß er es verwendet, wie wir?

1043 The question is actually not: “How does he learn the use of the word?” – but “How does it show that he uses it the way we do?”

§RPP I

278[4] &
279[1]

1044 “Ewiges Düstre steigt herunter” – kann man sagen: “Nun, es scheint, als ob es herunterstiege”? Haben wir denn eine Halluzination von etwas Düstrem etc.? – Was macht also diese Worte treffend? – “Wir verstehen sie.” Wir sagen, z.B.: “Ja, ich weiß genau, wie das ist” und nun können wir unsere Gefühle und unser Benehmen beschreiben.

1044 “Eternal gloom descends” – can one say: “Well, it seems as if it is descending”? Do we have a hallucination of something gloomy, etc.? – What makes these words apt? – “We understand them.” We say, for example: “Yes, I know exactly what that is like,” and now we can describe our feelings and our behaviour.

§RPP I

279[2]

1045 “Wenn Du vom Traum, vom Denken, von der Empfindung redest, – scheinen nicht alle diese Dinge das Geheimnisvolle zu verlieren, was ihr wesentliches Merkmal zu sein scheint?” Warum soll der Traum geheimnisvoller sein als der Tisch. Warum sollen sie nicht beide gleich geheimnisvoll sein?

1045 “When you talk about dreams, about thinking, about sensation, – do not all these things seem to lose the mysterious quality that appears to be their essential characteristic?” Why should a dream be more mysterious than a table? Why shouldn’t they both be equally mysterious?

§RPP I

279[3] &
280[1]

1046 “Das Phänomen, 🖵 als Pfeil, oder anders zu sehen, ist doch ein wahrhaftes visuelles Phänomen; auch wenn es nicht so greifbar ist wie das der Form und Farbe”. Wie sollte es kein visuelles Phänomen sein?! – Wer, der davon spricht (außer wenn er Philosophie oder Psychologie treibt), zweifelt daran? Fragen wir nicht einen Menschen danach und erzählen ihm davon, wie von jedem andern Gesichtsphänomen? Ich will sagen: Reden wir davon etwa mehr zaghaft, mit dem Verdacht, was wir sagen, habe vielleicht keinen klaren Sinn? Gewiß nicht. Aber nun sind dennoch Unterschiede vorhanden. Die, welche wir durch den Ausdruck “weniger handgreiflich” andeuten. Nur ist es so: Wenn ich Einem zwei Substanzen vorlege, so kann ich sagen: “Fühl diese hier an! Findest Du nicht auch, daß sie sich weicher angreift?” Und bejaht er es, so sage ich etwa: “Ja, das fühle ich auch. Es ist also ein Unterschied zwischen ihnen” (D.h.: ich habe es mir nicht bloß eingebildet.) – Anders ist es aber mit den psychologischen Phänomenen. Wenn ich sage: “Dies ist weniger handgreiflich als jenes” – nämlich als zeitloser Satz – so beruht dies nicht auf einem Consensus der Urteile, nicht darauf, daß wir Alle das auch fühlen (wenn wir das Erlebnis ‘betrachten’).

1046 “The phenomenon, 🖵 as an arrow, or seen in some other way, is indeed a true visual phenomenon; even if it is not as tangible as that of form and colour.” How could it not be a visual phenomenon? – Who, when speaking of it (except when engaging in philosophy or psychology), doubts that? Do we not ask a person about it and tell him about it, just as we would about any other visual phenomenon? I mean, do we talk about it more cautiously, with the suspicion that what we say may not have a clear sense? Certainly not. But there are still differences. The ones we indicate with the expression “less tangible.” Only it is this way: if I present two substances to someone, I can say: “Feel this! Don’t you also find that it feels softer?” And if he affirms it, then I say something like: “Yes, I feel that too. There is therefore a difference between them” (i.e., I did not just imagine it). – But it is different with psychological phenomena. If I say: “This is less tangible than that” – namely, as a timeless sentence – then this is not based on a consensus of judgments, not on the fact that we all feel that too (when we ‘consider’ the experience).

§RPP I

280[2]

1047 Steckt das Phänomen nicht in die falsche Lade. In ihr schaut es geisterhaft, ungreifbar, befremdend aus. Richtig betrachtet, kommt uns seine ‘Ungreifbarkeit’ so wenig zum Bewußtsein, wie die der Zeit, wenn wir hören: “Es ist Zeit zum Mittagessen.” (Die Beunruhigung der schlechtsitzenden Einteilung.)

1047 Does the phenomenon not end up in the wrong drawer? In it, it looks ghostly, intangible, alien. When viewed correctly, its ‘intangibility’ is no more apparent to us than that of time when we hear: “It is time for lunch.” (The unease of an ill-fitting arrangement.)

§RPP I

280[3]

1048 “Dieser Kaffee hat garkeinen Geschmack”. “Dies Gesicht hat gar keinen Ausdruck.” – Der Gegensatz dazu ist “Es hat einen ganz bestimmten Ausdruck” (obwohl ich nicht sagen könnte, welchen). An einen starken Ausdruck könnte sich z.B. gleich eine Geschichte knüpfen. Oder das Suchen nach einer Geschichte. Wenn man vom rätselhaften Lächeln der Mona Lisa spricht, so heißt das doch wohl, daß man sich fragt: In welcher Situation, in welcher Geschichte, könnte man so lächeln? Und es wäre also denkbar, daß jemand eine Lösung fände, daß er eine Geschichte erzählte, und wir uns sagten: “Ja, das ist der Ausdruck, den dieser Charakter hier angenommen hätte”.

1048 “This coffee has absolutely no taste.” “This face has no expression.” – The opposite of this is “It has a very distinct expression” (although I couldn’t say what it is). A strong expression could, for example, immediately give rise to a story. Or to the search for a story. When one speaks of the enigmatic smile of the Mona Lisa, doesn’t that probably mean that one is asking: In what situation, in what story, could one smile like that? And it would therefore be conceivable that someone finds a solution, that he tells a story, & we would say: “Yes, that is the expression that this character here would have adopted”.

§RPP I

280[4]

1049 Sich an ein bestimmtes kinästhetisches Gefühl erinnern – sich an das Gesichtsbild einer Bewegung erinnern. – Mach die gleiche Bewegung mit dem rechten und dem linken Daumen, und urteile, ob die kinästhetischen Empfindungen dieselben sind! – Hast Du ein Erinnerungsbild der kinästhetischen Empfindung beim Gehen? – Wenn Du müde bist, oder Schmerzen hast, Muskelschmerzen, oder ein Brennen der Haut, – sind die Empfindungen beim Bewegen des Gliedes die gleichen, wie in einem andern Zustand? Aber bist Du dann manchmal im Zweifel, ob Du jetzt wirklich das Bein gehoben hast, weil das Gefühl so ganz anders ist? – Lokalisierst Du wirklich die Empfindungen bei der Bewegung in den Gelenken?

1049 Remembering a specific kinesthetic feeling – remembering the visual image of a movement. – Make the same movement with the right and left thumb, and judge whether the kinesthetic sensations are the same! – Do you have a memory-image of the kinesthetic sensation when walking? – When you are tired, or in pain, muscle pain, or a burning sensation in the skin, – are the sensations when moving the limb the same as in another state? But are you sometimes in doubt whether you really lifted your leg, because the feeling is so completely different? – Do you really localize the sensations during the movement in the joints?

§RPP I

281[1]

1050 Du hörst manchmal Einen sagen “Ich stell mir seine Haltung lebhaft vor”, oder “seine Stimme” – – aber jemals: “Ich stelle mir die Empfindung bei dieser Handbewegung lebhaft vor”?! Und warum nicht? Stellt man sich's vor und sagt's nur nicht?

1050 You sometimes hear someone say “I vividly imagine his posture,” or “his voice” – but never: “I vividly imagine the sensation in this hand movement”?! And why not? Does one imagine it and just not say it?

§RPP I

281[2]

1052 Was sollen wir antworten, wenn uns jemand entgegnet: “Wenn Du einem Menschen bei einer Bewegung die Hand (z.B.) führst, so zeigst Du ihm eben damit ein bestimmtes kinästhetisches Gefühl, welches er dann reproduziert, wenn er die Bewegung nun auf Befehl wiederholt”? Und kann man sagen, daß er wohl von dem Gesichtsbild der Bewegung in dieser Weise geleitet werden könne, aber nicht von einem kinästhetischen Bild?

1052 What should we answer if someone says to us: “When you guide a person’s hand during a movement (e.g.), you are simply showing him a certain kinesthetic sensation, which he then reproduces when he repeats the movement on command”? And can one say that he is presumably guided in this way by the visual image of the movement, but not by a kinesthetic image?

§RPP I

281[3]

1053 Wie wichtig ist es, daß es eine bildliche Darstellung der visuellen Bewegung gibt und nichts ihr entsprechendes für die ‘kinästhetische Bewegung’? “Mach eine Bewegung, die so ausschaut!” – “Mach eine Bewegung, die diesen Klang erzeugt!” – Mach eine Bewegung, die dieses kinästhetische Gefühl erzeugt!” Das kinästhetische Gefühl richtig kopieren, würde in diesem Fall heißen, die Bewegung dem Augenschein nach richtig wiederholen.

1053 How important is it that there is a pictorial representation of visual movement and nothing that corresponds to it for ‘kinesthetic movement’? “Make a movement that looks like this!” – “Make a movement that produces this sound!” – Make a movement that produces this kinesthetic feeling!” To correctly copy the kinesthetic feeling would, in this case, mean repeating the movement correctly according to visual appearance.

§RPP I

281[4]

1054 Denk Dir die Bewegung sehr schmerzhaft, so daß der Schmerz jede andere leise Empfindung an dieser Stelle übertäubte.

1054 Imagine the movement as very painful, so that the pain drowns out every other faint sensation in that place.

§RPP I

281[5]

1055 Mach eine Bewegung (etwa wie beim Klavierspielen) mit den Fingern; wiederhole sie, aber mit geringerem Ausschlag. Erinnerst Du dich, welche der beiden Gefühle Du gestern bei der ersten Bewegung hattest? Man sagt etwa: “Nein, diese Bewegung hat gestern etwas anders ausgesehen” – aber auch: Die Bewegung ist nicht ganz die gleiche – ich hatte nicht genau dieses kinästhetische Gefühl”?

1055 Make a movement (e.g. like when playing the piano) with your fingers; repeat it, but with a smaller range of motion. Do you remember which of the two sensations you had yesterday during the first movement? One might say: “No, this movement looked a little different yesterday” – but also: The movement is not quite the same – I did not have exactly this kinesthetic sensation.”

§RPP I

281[6]

1056 Denn wir haben natürlich Bewegungsgefühle und wir können sie auch reproduzieren. Besonders, wenn wir eine Bewegung unter den gleichen Umständen, nach nur kurzen Pausen, wiederholen. Man lokalisiert auch die Empfindungen, aber beinahe nie in den Gelenken, zumeist in der Haut. (Blase die Backen auf! wo tust Du's, und wo spürst Du's?)

1056 For we naturally have feelings of movement and we can also reproduce them. Especially when we repeat a movement under the same circumstances, after only short pauses. One also localizes the sensations, but almost never in the joints, mostly in the skin. (Blow out your cheeks! Where do you do it, and where do you feel it?)

§RPP I

282[1]

1057 Man könnte das Wachstum der Analyse wirklich mit dem Wachsen eines Keims vergleichen. Und in diesem Falle zu sagen “Es steckte schon alles in der Empfindung”, oder “es wuchs aus ihr als aus einem Keim heraus”, kommt auf's selbe hinaus. Wieviel ist nun (wahr) daran, daß man zwar eine Armbewegung (z.B.) manchmal nach einem Gesichtsbild reproduziert, aber nicht nach einem kinästhetischen Bild?

1057 One could really compare the growth of the analysis to the growth of a seed. And in this case, to say “It was all already contained in the sensation,” or “it grew out of it as from a seed,” comes to the same thing. How much truth is there in the fact that one sometimes reproduces an arm movement (for example) according to a visual image, but not according to a kinesthetic image?

§RPP I

282[2]

1058 Lenkt man den Arm wirklich manchmal nach einer Gesichtsvorstellung? Ich kann nur sagen: Wenn ich nicht sähe, daß mein Arm sich bewegt hat, nachdem ich, bei abgewandtem Gesicht, überzeugt war, ihn bewegt zu haben, wäre ich verwirrt und würde wohl meinen Augen trauen. Das Sehen kann mich jedenfalls lehren, ob ich die intendierte Bewegung genau ausgeführt habe, z.B., die Stellung erreicht habe, die ich erreichen wollte; das Gefühl konnte das nicht. Ich fühle wohl, daß ich mich bewege, kann auch ungefähr nach dem Gefühl urteilen, wie, – aber ich weiß einfach welche Bewegung ich gemacht habe, ohne daß man von einem Sinnesdatum der Bewegung reden könnte, von einem unmittelbaren innern Bild der Bewegung. Und wenn ich sage “Ich weiß einfach ‥‥”, so heißt hier “wissen” so etwas wie “sagen können” und ist nicht etwa wieder eine Art inneres Abbild.

1058 Does one actually sometimes guide the arm according to a visual image? I can only say: If I didn’t see that my arm had moved after I, with my face turned away, was convinced that I had moved it, I would be confused and would probably trust my eyes. Seeing can certainly teach me whether I executed the intended movement accurately, e.g., whether I reached the position that I wanted to reach; the feeling could not do that. I certainly feel that I am moving, and I can also judge approximately, from the feeling, how, but I simply know what movement I made, without it being possible to speak of a sense-datum of the movement, of an immediate inner image of the movement. And when I say “I simply know…”, here “knowing” means something like “being able to say” and is not, perhaps, another kind of inner depiction.

§RPP I

282[3] &
283[1]

1059 “Um sagen zu können, das Gefühl lehre mich, wo jetzt mein Arm steht, oder wie weit ich ihn bewege, müßte man Gefühle und Bewegungen einander zugeordnet haben. Man müßte sagen können: ‘Wenn ich das Gefühl ‥‥ habe, dann steht mein Arm erfahrungsgemäß dort’. Oder auch: Man müßte ein Kriterium der Identität der Gefühle haben noch außer denjenigen der ausgeführten Bewegung.” Aber ist diese Bedingung, wenn sie überhaupt Sinn hat, für das Sehen erfüllt? Nun, man kann ein Gesichtsbild, z.B., zeichnerisch darstellen. Aber Einem, oder sich selbst, das Gefühl geben, das für's Beugen des Arms um 30˚ charakteristisch sein soll, ohne eben den Arm zu beugen, das kann man nicht. Beuge den Arm ein wenig! Was spürst Du? – Eine Spannung, oder dergleichen, hier und dort, und hauptsächlich das Reiben meines Ärmels. – Tu's noch einmal! War das Gefühl das Gleiche? Ungefähr. Ungefähr an den gleichen Stellen. Begleitet dieses Gefühl immer diese Bewegung, kannst Du's sagen? Nein. Und doch paßt mir an diesem Argument etwas noch nicht.

1059 “In order to be able to say that the feeling teaches me where my arm is now, or how far I am moving it, one would have to have associated feelings and movements with each other. One would have to be able to say: ‘If I have this feeling…, then my arm is, according to experience, there’. Or also: One would have to have a criterion for the identity of the feelings in addition to the one of the executed movement.” But is this condition fulfilled for seeing, if it has any meaning at all? Well, one can represent a visual image, e.g., graphically. But one cannot give someone, or oneself, the feeling that is supposed to be characteristic of bending one's arm by 30˚, without actually bending one's arm. Bend your arm a little! What do you feel? – A tension, or something similar, here and there, and mainly the rubbing of my sleeve. – Do it again! Was the feeling the same? Approximately. Approximately in the same places. Does this feeling always accompany this movement, can you say? No. And yet, something about this argument still doesn’t quite sit right with me.

§RPP I

283[2]

1060 Denk Dir, gewisse Bewegungen erzeugten Töne und man sagte nun, wir erkennen, wie weit wir den Arm bewegt haben, am Ton der erklingt. Das wäre doch möglich. (Spielen einer Skale am Klavier.) Aber was für Voraussetzungen müssen dazu erfüllt sein? Es würde z.B. dazu nicht genügen, daß Töne die Bewegungen begleiten; auch nicht, daß sie oft für ähnliche Bewegungen ähnlich sind. Es wäre auch nicht genügend, zu sagen: der Ton müßsse eben doch für gleiche Bewegungen eine gleiche Qualität haben, da er das einzige Sinnesdatum sei, woran wir die Größe der Bewegung erkennen können.

1060 Imagine that certain movements produce sounds and we now say that we recognize how far we have moved our arm by the sound that rings out. That would be possible. (Playing a scale on the piano.) But what prerequisites would have to be met for this? It would not be enough, for example, that sounds accompany the movements; nor would it be enough that they are similar for similar movements. It would also not be enough to say: the sound must have the same quality for the same movements, since it is the only sense-datum by which we can recognize the size of the movement.

§RPP I

283[3]

1061 Aber gibt es für Bewegungsgefühle und dergleichen nicht doch eine Art private hinweisende Definition? Ich beuge z.B. einen Finger, und merke mir die Empfindung. Jemand sagt mir nun “Ich werde in Deinem Finger auf die und die Weise, aber ohne daß er sich bewegt, gewisse Empfindungen hervorrufen, sag mir, wenn es die ist, die Du jetzt beim Beugen des Fingers hast.” Könnte ich nun nicht, für meinen eigenen Gebrauch, diese Empfindung “E” nennen, als Kriterium der Identität mein Gedächtnis gebrauchen und nun sagen “Ja, das ist wieder E” etc.?

1061 But isn’t there, after all, a kind of private ostensive definition for movements and the like? I bend a finger, for example, and remember the sensation. Someone now tells me, “I will produce certain sensations in your finger in a certain way, but without it moving; tell me when it is the one you are having now when you bend your finger.” Could I not, for my own use, call this sensation “E,” use my memory as a criterion for identity, and now say “Yes, that is E again,” etc.?

§RPP I

283[4]

1062 Es wäre dann auch denkbar, daß ich die Empfindung wiedererkennte, und daß sie aufträte ohne die Begleitung der Überzeugung: die Bewegung habe statt gefunden – ohne den Bewegungssinn.

1062 It would then also be conceivable that I recognize the sensation, and that it occurs without the accompaniment of the conviction: that the movement has taken place – without the sense of movement.

§RPP I

283[5]

1063 Ich kann gewiß, z.B., mein Knie mehrere Male hintereinander heben und sagen, ich habe jedes Mal die gleiche Empfindung dabei gehabt: Nicht, als hätte ich diese Empfindung immer, wenn ich das Knie hebe, noch auch, als könne ich die Bewegung an der Empfindung erkennen, sondern bloß: Ich habe in dieser Reihe von Kniebewegungen drei mal die gleiche, durch die Bewegung hervorgerufene, Empfindung gehabt. Gleich sein heißt natürlich hier dasselbe, wie gleich scheinen.

1063 I can certainly, for example, raise my knee several times in a row and say that I had the same sensation each time: not as if I have this sensation every time I raise my knee, nor as if I can recognize the movement by the sensation, but merely: I had the same sensation, produced by the movement, three times in this series of knee movements. “The same” here, of course, means the same as “appearing the same.”

§RPP I

284[1]

1064 “Ich habe drei mal die gleiche Empfindung gehabt” das beschreibt einen Vorgang in meiner privaten Welt. Aber wie weiß der Andere was ich meine? Was ich in so einem Falle als “gleich” bezeichne? Er verläßt sich darauf, daß ich das Wort hier so wie immer gebrauche? Aber was ist in diesem Falle der, dem gewöhnlichen, analoge Gebrauch? Nein, diese Schwierigkeit ist nicht eine Künstelei; er weiß wirklich nicht, kann nicht wissen, was in diesem Falle gleiche Gegenstände sind.

1064 “I have had the same sensation three times” – this describes a process in my private world. But how does the other person know what I mean? What do I mean by “same” in such a case? Does he rely on the fact that I use the word here as I always do? But what is, in this case, the usual, analogous use? No, this difficulty is not a mere quibble; he doesn't really know, cannot know, what the same objects are in this case.

§RPP I

284[2]

1065 Das Beispiel von der Motorwalze mit dem Motor in der Walze ist wirklich noch viel besser und tiefer, als ich erklärt habe. Denn, als mir jemand die Konstruktion vorlegte, sah ich wohl gleich, daß sie nicht funktionieren konnte, da man ja die Walze von außen her rollen konnte, auch wenn der ‘Motor’ nicht in Tätigkeit war; aber das sah ich nicht, daß es eine starre Konstruktion und überhaupt keine Maschine war. Und hier ist nun eine enge Analogie mit dem Fall der privaten hinweisenden Definition. Denn auch da gibt es, sozusagen, einen direkten und einen indirekten Weg, die Unmöglichkeit einzusehen.

1065 The example of the motor roller with the motor in the roller is really much better and deeper than I explained. Because, when someone presented the design to me, I immediately saw that it could not work, because one could roll the roller from the outside, even if the ‘motor’ was not in operation; but I didn't see that it was a rigid construction and not a machine at all. And here there is a close analogy to the case of the private indicative definition. For also in that case there is, as it were, a direct and an indirect way of realizing the impossibility.

§RPP I

284[3]

1066 Ich benannte diese Bewegungsempfindung mit “E”. Für den Andern ist sie nun die, welche ich bei dieser Bewegung gehabt habe. Aber für mich? bedeutet “E” nun etwas anderes? – Nun, für mich bedeutet es diese Empfindung. – Aber welche ist dies? denn ich habe vor einer Minute auf meine Empfindung gezeigt, – wie kann ich jetzt wieder auf sie zeigen?

1066 I named this sensation of movement with “E.” For the other person, it is now the one I had during this movement. But for me? Does “E” now mean something else? – Well, for me it means this sensation. – But which one is this? because I pointed to my sensation a minute ago – how can I now point to it again?

§RPP I

284[4]

1067 Aber nimm doch den Fall an, Einer machte eine Reihe von Armbewegungen und sagte dabei: “Die Empfindung die ich jetzt im Bein habe, nenne ich ‘E1’” u.s.f. Später bei verschiedenen Anlässen sagt er: “Jetzt habe ich E3”. U.s.f. – Solche Äußerungen könnten wichtig sein; wenn wir z.B. gewisse physiologische Korrelate zu den Empfindungen beobachten und so aus seinen Äußerungen Schlüsse ziehen könnten.

1067 But suppose, for example, that someone makes a series of arm movements and says, “The sensation I have in my leg now, I call it ‘E1’,” and so on. Later, on various occasions, he says, “Now I have E3.” And so on. – Such utterances could be important; if, for example, we observe certain physiological correlates to the sensations and can thus draw conclusions from his utterances.

§RPP I

284[5] &
285[1]

1068 Wenn das wahr ist, daß wir die Art und Größe der Bewegung eines Glieds nicht durch das Gefühl beurteilen, – wie würde sich ein Mensch von uns unterscheiden, bei dem es doch der Fall wäre? Nun, das ließe sich leicht vorstellen, daß Einer etwa bei verschiedenen Bewegungen verschieden starke, oder verschiedenartige, Schmerzempfindungen hätte. Er würde also etwa sagen: “Dieses Stechen empfinde ich, wenn ich den Arm um circa 90˚ beuge.”

1068 If it is true that we do not judge the type and size of a limb's movement by the feeling, how would a person differ from us in whom it is the case? Well, one could easily imagine that someone has different strengths or different types of sensations of pain with different movements. He would, for example, say, “I feel this stabbing pain when I bend my arm at about 90˚.”

§RPP I

285[2]

1069 Denk Dir Einen, der mit der Wünschelrute, und zwar nach dem Zug, den sie ausübt, die Tiefe einer Quelle bestimmen kann. Er hat das so gelernt: Er ist über Quellen verschiedener Tiefe gegangen und hat sich den Zug gemerkt. (Dies hätte man etwa an einer Federwaage feststellen können.) Er hat den Zug mit der Tiefe assoziiert und schließt nun vom Zug auf die Tiefe. Das könnte so geschehen, daß er den Zug etwa in kg – angibt und dann auf die Tiefe übergeht, vielleicht sogar nach einer Tabelle. Es kann aber auch sein, daß er kein anderes Maß des Zuges kennt, als die Tiefe der Quelle. Nach einigem Üben kann er die Tiefe richtig ansagen. Übt man auf die Rute, etwa durch Gewichte einen Zug aus, so wird er nun auch sagen “Das zieht, wie eine so und so tiefe Quelle”.

1069 Imagine someone who can determine the depth of a spring with the dowsing rod, and according to the force it exerts. He learned it this way: He walked over springs of different depths and memorized the force. (This could have been determined with a spring scale.) He associated the force with the depth and now infers the depth from the force. This could happen in such a way that he indicates the force in kg, for example, and then goes over to the depth, perhaps even according to a table. But it is also possible that he knows no other measure of the force than the depth of the spring. After some practice, he can correctly state the depth. If a force is exerted on the rod, for example, by weights, he will now also say, “This pulls like a spring of such and such depth.”

§RPP I

285[3]

1070 Es könnte nun aber doch sein, daß er zwar im Stande wäre, die Tiefe einer Quelle den Zug der Rute richtig anzugeben, nicht aber, den Zug der Rute richtig abzuschätzen. Ich meine das so: Es könnte sein, daß Wasser in verschiedenen Tiefen unter verschiedenen Umständen gleich stark zieht; und dieser Rutengänger sagt nun z.B.: “Diese Quelle ist tiefer als die vorige, sie zieht schwächer” – und er hat recht: die Quelle liegt wirklich tiefer, aber der Zug, gemessen mit der Federwaage, war der gleiche und er hatte sich ihn nicht richtig gemerkt. – – Soll ich nun in diesem Falle sagen, er beurteile die Tiefe nach dem Zug?

1070 But it could be that he is able to correctly indicate the depth of a spring by the force of the rod, but not to correctly estimate the force of the rod. I mean this: it could be that water at different depths under different circumstances exerts the same force; and this dowser now says, for example, “This spring is deeper than the previous one, it pulls more weakly” – and he is right: the spring is indeed deeper, but the force, measured with the spring scale, was the same, and he had not correctly memorized it. – – Should I then say in this case that he judges the depth according to the force?

§RPP I

285[4]

1071 Er wird vielleicht sagen: “Dieser Zug ist der einer Quelle in der Tiefe‥‥”, indem er diesen Zug gleichsam studiert – wie man ein Gewicht auf der Hand abwägt. Vielleicht aber sagt er “Den Zug kann ich nicht beurteilen – das Wasser ist in der Tiefe …” In diesem (letzteren) Fall wird man nicht sagen, er beurteile die Tiefe nach dem Zug. (Wenigstens nicht ‘bewußt’).

1071 He will perhaps say: “This move is that of a spring at a certain depth…”, by studying this move, as one weighs a weight in one’s hand. Perhaps, however, he says: “I cannot judge this move; the water is at a certain depth…” In this (latter) case, one would not say that he judges the depth according to the move. (At least not ‘consciously’.)

§RPP I

285[5] &
286[1]

1072 Angenommen nun es sagte Einer er beurteile, wie weit er seinen Arm gebogen habe, an der Stärke einer Druckempfindung im Ellbogen. Das heißt doch: Wenn sie eine gewisse Stärke erreicht, so erkennt er daran, daß der Arm bis zu dem Grad gebogen ist. Oder was soll es sonst heißen: er beurteile den Grad der Beugung nach dem der Druckempfindung?

1072 Suppose one says that he judges how much he has bent his arm by the strength of a pressure sensation in his elbow. This means: When it reaches a certain strength, he recognizes from it that the arm is bent to that degree. Or what else should it mean: that he judges the degree of the bend according to the degree of the pressure sensation?

§RPP I

286[2]

1073 Ich will sagen: Wie weiß Einer, daß er etwas nach diesem Gefühl beurteilt? – Ist es dazu genug, daß er beim Schätzen seine Aufmerksamkeit auf das Gefühl richtet?

1073 I mean: How does one know that one is judging something according to this sensation? – Is it enough for this that when estimating, one directs his attention to the sensation?

§RPP I

286[3]

1074 Wenn Du nun sagst, es ist dafür notwendig, daß Einer angeben könne: “Wenn der Druck so stark ist, dann ist mein Arm um 90˚ gebeugt” – dann muß sich das ‘so’ der Stärke angeben lassen. Andernfalls heißt, daß man die Beugung nach der Druckempfindung beurteilt, höchstens, daß man die Beugung nicht beurteilen kann, wenn man keine (oder nur eine ungemein schwache) Druckempfindung spürt. (Also etwa, wenn man anästhesiert ist.)

1074 If you now say that it is necessary for this that one can indicate: “If the pressure is so strong, then my arm is bent by 90˚” – then the ‘so’ must be specifiable with respect to the strength. Otherwise, it means that one judges the bending based on the sensation of pressure, at most that one cannot judge the bending if one feels no (or only a very weak) sensation of pressure. (For example, if one is anesthetized.)

§RPP I

286[4]

1075 Es gibt also verschiedene Fälle. Es kann Einer sagen, er beurteile die Beugung nach der Druck- oder Schmerzempfindung, und dabei sozusagen auf diese Empfindung hinhorchen; aber im übrigen den Grad der Empfindung in keiner Weise angeben können. – Oder es kann zwei unabhängige Angaben des Grades der Empfindung und der Beugung geben.

1075 There are therefore different cases. One can say that one judges the bend according to the pressure or pain sensation, and in a way listens to this sensation; but otherwise, one cannot specify the degree of the sensation in any way. – Or there can be two independent statements of the degree of the sensation and the bend.

§RPP I

286[5]

1076 “Wenn ich den Druck so stark spüre, dann ‥‥” – Hat denn das keinen Sinn? Es könnte sogar jemand sagen, er habe eine ganze Skala von Druckempfindungen. Ich kann mir das wohl denken. Nur wäre das so wenig eine wirkliche Skala, wie das Bild eines Thermometers ein Thermometer ist. Obwohl es doch in mancher Beziehung große Ähnlichkeit mit ihm hat.

1076 “If I feel the pressure so strongly, then…” – Doesn’t that make sense? Someone might even say that he has an entire scale of pressure sensations. I can imagine that. Only, that would be as little a real scale as the picture of a thermometer is a thermometer. Although it does have considerable similarity with it in some respects.

§RPP I

286[6] &
287[1]

1077 Ich gebe die Regeln eines Spiels. Der Andere macht, diesen Regeln ganz entsprechend, einer Zug, dessen Möglichkeit ich nicht vorausgesehen hatte, und der das Spiel stört, so wie ich's nämlich wollte. Ich muß nun sagen: “Ich habe schlechte Regeln gegeben”; ich muß meine Regeln ändern, oder vielleicht ergänzen. So habe ich also schon zum Voraus ein Bild des Spiels? In gewissem Sinne: ja! Es war doch z.B. möglich, daß ich nicht voraussah, daß eine quadratische Gleichung nicht reelle Lösungen haben muß. Die Regel führt mich also zu etwas, wovon ich sage: “dieses Bild hatte ich nicht erwartet; ich stellte mir eine Lösung immer so vor: ‥‥”

1077 I give the rules of a game. The other person, in complete accordance with these rules, makes a move whose possibility I had not foreseen, and which disrupts the game in the way that I wanted it to. I must now say: “I gave bad rules”; I must change my rules, or perhaps supplement them. So, did I already have an image of the game in advance? In a certain sense: yes! It was, for example, possible that I did not foresee that a quadratic equation does not have to have real solutions. The rule therefore leads me to something, about which I say: “I did not expect this image; I always imagined a solution like this:…”

§RPP I

287[2]

1078 Wie wäre es, wenn man sagte: “Nicht jedes System von Regeln bestimmt einen Kalkül”. Als Beispiel gäbe man die Division durch 0. Denken wir uns nämlich eine Arithmetik, in der sie erlaubt wäre und daher bewiesen werden könnte, jede Zahl sei gleich der andern.

1078 How would it be if one said: “Not every system of rules determines a calculus”? As an example, one would give division by 0. Suppose we imagine an arithmetic in which it is allowed and from which it can be proven that every number is equal to the other.

§RPP I

287[3]

1079 Wenn Kinder Eisenbahn spielen, – soll ich sagen, ein Kind, das die Lokomotive nachahmt, werde von einem Andern als Lokomotive gesehen? Es wird im Spiel als Lokomotive aufgefaßt. Denk Dir, ich hätte einen Erwachsenen die Form 🖵 gezeigt, und gefragt “Woran erinnert sie Dich”, und er hätte geantwortet “An eine Lokomotive” – heißt das, er hat sie als Lokomotive gesehen? Ich nehme nämlich das als das typische Spiel des “Etwas als Etwas sehen” an, wenn jemand sagt “Jetzt sehe ich es als dies, jetzt als das”. Wenn er also verschiedene Aspekte kennt und zwar unabhängig von irgend einer Verwendung des Angeschauten. Ich möchte also so sagen: ich sehe keine Verwendung des Bilds als Zeichen dafür an, daß es so, oder so gesehen wird.

1079 When children play trains, – should I say, when a child imitates the locomotive, is it seen as a locomotive by another child? In the game, it is taken as a locomotive. Imagine I showed an adult the shape 🖵, and asked “What does it remind you of,” and he answered “A locomotive” – does that mean he saw it as a locomotive? I take that as the typical game of “seeing something as something,” when someone says “Now I see it as this, now as that.” When he knows different aspects, and that independently of any use of the thing being looked at. So, I would like to say that I do not consider the use of the picture as a sign that it is seen in this way or that way.

§RPP I

287[4]

1080 Verstünde ein Kind, was es heißt, den Tisch ‘als Tisch’ sehen? Es lernt: “Dies ist ein Tisch, dies eine Bank” etc., und es beherrscht vollkommen ein Sprachspiel, ohne eine Andeutung davon, daß es sich dabei um einen Aspekt handelt.

1080 Would a child understand what it means to see the table ‘as a table’? It learns: “This is a table, this is a bench,” etc., and it completely masters a language-game without the slightest hint that this involves an aspect.

§RPP I

287[5]

1081 “Ja, ein Kind analysiert eben nicht, was es tut.” – Nochmals: von einer Analyse dessen, was geschieht, ist hier nicht die Rede. Bloß von einer Analyse – und dieses Wort ist sehr irreführend – unserer Begriffe. Und unsere Begriffe sind komplizierter als die des Kindes; insofern nämlich, als unsere Worte eine kompliziertere Verwendung haben als die seinen.

1081 “Yes, a child does not analyze what it is doing.” – Again: we are not talking about an analysis of what is happening, but only of an analysis – and this word is very misleading – of our concepts. And our concepts are more complicated than those of the child; in so far as our words have a more complicated use than his.

§RPP I

287[6] &
288[1]

1082 “Ich sehe es aber doch so, auch während ich's nicht ausdrücke.” Das würde heißen, was ich sehe ändert sich nicht, wenn ich's ausdrücke. Wenn man fragte: “Hat der Körper dies Gewicht nur so lange er gewogen wird?” – so hieße das: “Ändert sich sein Gewicht, wenn wir ihn auf die Waage legen?” Und das ist es natürlich garnicht, was wir fragen möchten.

1082 “But I do see it in that way, even when I don't express it.” That would mean that what I see does not change when I express it. If one asked: “Does the body have this weight only as long as it is being weighed?” – then this would mean: “Does its weight change when we put it on the scales?” And that is of course not at all what we want to ask.

§RPP I

288[2]

1083 Erst durch das Phänomen des Wechsels des Aspekts scheint der Aspekt vom übrigen Sehen abgelöst zu werden. Es ist, als könnte man nach der Erfahrung des Aspektwechsels sagen: “Es gab also da einen Aspekt!”

1083 Only through the phenomenon of the change of aspect does the aspect seem to be detached from other ways of seeing. It is as if, after the experience of the aspect-switch, one could say: “So there was an aspect!”

§RPP I

288[3]

1084 Wenn man den Anstrich eines Dings abkratzt, kann man sagen “Es war also da ein Anstrich” – – Wenn aber die Farbe eines Körpers wechselt, – kann ich sagen “Er hatte also eine Farbe!” – als wäre mir dies erst jetzt aufgefallen? Kann man das sagen: Es kam mir erst zum Bewußtsein, daß das Ding eine Farbe hatte, als sich die Farbe änderte?

1084 If one scrapes away the paint of a thing, one can say “So there was paint” – – But if the color of an object changes, can I say “It had a color!” – as if this had only just occurred to me? Can one say: It only became conscious to me that the thing had a color when the color changed?

§RPP I

288[4]

1085 Denk nicht, daß es etwas Seltsames ist, daß Du ein Bild an der Wand räumlich siehst. Es ist – möchte ich sagen – so gewöhnlich wie es scheint. (Und dies könnte ich zu vielem sagen).

1085 Don’t think that it is something strange that you see a picture on the wall spatially. It is – I would like to say – as ordinary as it seems. (And this I could say of many things).

§RPP I

288[5]

1086 Denk Dir, die Dinge in unserer Umgebung – Tisch, Bücher, Stühle etc., – änderten periodisch sprungweise ihre Farben; ihre Formen blieben gleich. Könnte man da sagen, daß wir uns so erst der Farbe, als eines besondern Bestandteils unseres Seherlebnisses, bewußt würden?

1086 Imagine that the things in our environment – table, books, chairs, etc. – periodically and abruptly changed their colors; their shapes remained the same. Could one then say that we only become conscious of color as a particular component of our visual experience?

§RPP I

288[6]

1087 Wenn ich Feld- und Gartenblumen miteinander vergleiche, so kann ich mir des Unterschieds des Charakters bewußt werden; aber das sagt nicht, daß ich auch schon früher außer der Blume ihren Charakter wahrgenommen habe, oder daß ich sie doch in irgendeinen Charakter habe wahrnehmen müssen.

1087 If I compare field and garden flowers, I can become conscious of the difference in character; but this does not mean that I had previously perceived the character of the flower, or that I had to perceive it in some character.

§RPP I

288[7]

1088 Muß ich denn wissen, daß ich mit zwei Augen sehe? Gewiß nicht. Habe ich etwa zwei Gesichtseindrücke beim gewöhnlichen Sehen, so daß ich merke, mein dreidimensionaler Gesichtseindruck setzt sich aus zwei Gesichtsbildern zusammen? Gewiß nicht. – Ich kann also die Dreidimensionalität nicht vom Sehen trennen.

1088 Must I know that I see with two eyes? Certainly not. Do I have two visual impressions in ordinary seeing, so that I notice that my three-dimensional visual impression is composed of two visual images? Certainly not. – So I cannot separate three-dimensionality from seeing.

§RPP I

288[8] &
289[1]

1089 Wenn ich Einen frage “In welcher Richtung schaut für Dich ein ‘F’ und in welcher ein ‘I’?” und er antwortet, ein F schaue für ihn immer nach rechts, ein I nach links – so heißt das natürlich nicht, daß er beim Anblick eines F immer eine Empfindung der Richtung hat. Das wird klarer, wenn man so fragt: “Wo würdest Du einen F ein Aug und eine Nase malen?” – Wenn man aber nun sagte: “So schaut es also für Dich nur so lange in dieser Richtung, als Du dies denkst, oder sagst” – ist das nicht, als fragte man: “Würdest Du dem F die Nase dann dorthin malen, wenn Du sie malst?” –

1089 If I ask someone, “In what direction does an ‘F’ face, and in what direction does an ‘I’ face?” and he answers that an F always faces to the right, and an I to the left – then this certainly does not mean that when he looks at an F, he always has a sensation of direction. This becomes clearer if one asks this: “Where would you paint an eye and a nose on an F?” – But if one then said: “So it only looks in that direction for you as long as you think or say this” – is that not the same as asking: “Would you paint the nose on the F in that direction if you were to paint it?”

§RPP I

289[2]

1090 Sehe ich ein Gesicht immer ‘als Gesicht’? Ich habe hier Bücher vor mir: Sehe ich sie die ganze Zeit ‘als Bücher’? Ich meine: Sehe ich sie die ganze Zeit als Bücher, wenn ich sie nicht gerade als etwas anderes sehe? Oder sehe ich oft, oder für gewöhnlich, nur Farben und Formen, ohne besondern Aspekt? (offenbar nein!) Wir sagen Einem: “Wenn das die Grundlinie ist, so ist das die Spitze und das die Höhe.” Oder er muß die Frage beantworten: “Welches ist die Höhe des Dreiecks, wenn dies die Grundlinie ist?” Aber wir dringen nicht drauf, daß er das Dreieck so und so sehe. – Man sagt wohl manchmal “Denk es Dir umgelegt!” (oder dergleichen) und man könnte auch sagen “Sieh es umgelegt” und diese Bemerkung könnte helfen; so nämlich, wie auch eine zeichnerische Ergänzung des Bildes helfen könnte, die diesen Aspekt nahe legte.

1090 Do I always see a face ‘as a face’? I have books in front of me: Do I see them all the time ‘as books’? Do I mean: Do I see them all the time as books, when I am not currently seeing them as something else? Or do I often, or usually, only see colors and shapes, without a particular aspect? (apparently not!) We say to someone: “If this is the base, then this is the apex and this is the height.” Or he has to answer the question: “Which is the height of the triangle, if this is the base?” But we do not insist that he sees the triangle in this way. – One sometimes says “Imagine it turned around!” (or something similar), and one could also say “See it turned around,” and this remark could help; in the same way that a graphic addition to the picture could also help, suggesting this aspect.

§RPP I

289[3]

1091 Kann ich z.B. sagen: ich sehe den Sessel als Gegenstand, als Einheit? So wie ich sage, ich sehe jetzt das schwarze Kreuz auf weißem Grund, jetzt aber das weiße Kreuz auf schwarzem? Wenn man mich fragt “Was hast Du da vor Dir?” Werde ich freilich antworten “Einen Sessel”, werde ihn also als Einheit behandeln. Aber kann man nun sagen, ich sähe ihn als Einheit? Und kann ich die Kreuzfigur anschauen, ohne sie so oder so zu sehen?

1091 Can I, for example, say: I see the armchair as an object, as a unit? Just as I say, I now see the black cross on a white background, but now the white cross on a black background? If someone asks me “What do you have in front of you?” will I of course answer “An armchair,” and thus treat it as a unit. But can one now say that I see it as a unit? And can I look at the cross-shaped figure without seeing it in one way or another?

§RPP I

289[4]

1092 Wenn ich Einen frage “Was siehst Du vor Dir?” und er sagt “Was ich vor mir habe, sieht so aus”, und nun zeichnet er die Kreuzfigur, – muß er sie in irgend einem Aspekt gesehen haben? Hat er sie nicht gesehen, wenn er sie nur zeichnerisch beschreiben kann?

1092 If I ask someone “What do you see in front of you?” and he says “What I have in front of me looks like this,” and now he draws the cross-shaped figure – does he have to have seen it in some aspect? Has he not seen it if he can only describe it graphically?

§RPP I

289[5] &
290[1]

1093 Kann ein Kind Dir mitteilen, es sehe dreidimensional? Und denk Dir, es würde Dir sagen “Ich sehe alles eben”, – was würde Dir das sagen? Es könnte ja alles eben sehen, und durch eine Intuition wissen, daß es nicht eben ist, und sich dementsprechend benehmen!

1093 Can a child communicate to you that it sees in three dimensions? And imagine it tells you “I see everything flat” – what would that tell you? It could see everything flat, and through an intuition know that it is not flat, and behave accordingly!

§RPP I

290[2]

1094 Wenn das Kind dieses Bild für das und das hält und ich folgere nun “Also sieht es das Bild so” – was für eine Folgerung ziehe ich? Was sagt mir diese Folgerung? Man würde etwa sagen, ich schließe auf die Art des Sinnesdatums, oder Gesichtsbilds; so, als lautete der Schluß: “Also ist das Bild in seinem Geiste so”; und nun müßte man es etwa plastisch darstellen.

1094 If the child takes this picture for this and that, and I conclude “So it sees the picture like this” – what kind of conclusion am I drawing? What does this conclusion tell me? One might say that I am inferring the type of sense-datum, or visual image; as if the conclusion were: “So the picture is like this in its mind”; and now one would have to represent it plastically.

§RPP I

290[3]

1095 Ist es denn so: “Ich habe das Zeichen ‘🖵’ immer als ein Sigma gelesen; nun sagt mir Einer, es könnte auch ein umgelegtes M sein, und ich kann es jetzt auch so sehen; – daher habe ich es also früher immer als Sigma gesehen”? Ich habe also, hieße das, nicht nur die Figur gesehen und sie so gelesen, sondern ich habe sie auch als das gesehen!

1095 Is it like this: “I have always read the sign ‘🖵’ as a sigma; now someone tells me that it could also be an inverted M, and I can now see it like that; – therefore, I have always seen it as a sigma”? So, am I saying, I have not only seen the figure and read it like that, but I have also seen it as that!

§RPP I

290[4]

1096 “Aber wie konnte ich wissen, daß ich so reagiert hätte wenn Du mich gefragt hättest?” – Wie? Es gibt kein Wie. Aber es gibt Anzeichen dafür, daß ich darin recht habe, es zu sagen.

1096 “But how could I know that I would have reacted in that way if you had asked me?” – How? There is no how. But there are signs that I am right to say it.

§RPP I

290[5] &
291[1]

1097 Ich will beschreiben, was ich sehe; ich fertige dazu ein Transparent an. Aber nun fragt man mich noch “Ist dies vorn und dies hinten?” Also beschreibe ich durch Worte, oder durch ein Modell, was ich vorn, was hinten sehe. Und nun fragt man mich noch “Und siehst Du diesen Punkt als Spitze des Dreiecks?” und ich muß auch das noch beantworten. – Aber muß ich darauf eine Antwort haben? – Nimm an, obwohl es nicht wahr ist, daß die Blickrichtung den Aspekt bestimmt. Und in einem Fall ist mein Blick stets auf den gleichen Punkt des Bilds gerichtet, in einem andern Fall bewegt er sich regelmäßig nach einem einfachen Gesetz, in einem dritten wandert er regellos über das Objekt hin und her. Wenn wir nun statt einer Beschreibung des Aspekts die der Blickrichtung setzen, wäre es keine Beschreibung, zu sagen, die Blickrichtung sei regellos, oder unbestimmt? Und das könnte sogar der gewöhnliche Fall sein. – Auf die Frage also “Sahst Du diesen Punkt als Spitze des Dreiecks?” kann die Antwort sein “Ich kann keinen bestimmten Aspekt nennen”, oder etwa “Ich hab es jedenfalls nicht so gesehen”.

1097 I want to describe what I see; I make a transparent sheet for that purpose. But now I am asked “Is this in front and this behind?” So I describe in words, or with a model, what I see in front, what I see behind. And now I am asked “And do you see this point as the apex of the triangle?” and I have to answer that too. – But must I have an answer to that? – Suppose that it is not true that the viewing direction determines the aspect. And in one case my gaze is always directed at the same point of the picture, in another case it moves regularly according to a simple rule, and in a third case it wanders randomly over the object. If we now substitute a description of the viewing direction for a description of the aspect, would it be a description to say that the viewing direction is random or undefined? And that could even be the usual case. – So the answer to the question “Did you see this point as the apex of the triangle?” can be “I cannot name a specific aspect,” or perhaps “I didn’t see it like that in any case.”

§RPP I

291[2]

1098 Was tat übrigens die Hypothese von der Wichtigkeit der Blickrichtung für uns? – Sie lieferte uns ein Bild von bestimmter Mannigfaltigkeit.

1098 What, incidentally, did the hypothesis of the importance of the direction of gaze do for us? – It provided us with a picture of a certain manifold.

§RPP I

291[3]

1099 Eigentlich aber ist so eine Theorie die Konstruktion eines psychologischen Modells einer psychologischen Erscheinung. Und daher eines psychologischen Modells. Die Theorie sagt eigentlich: “Es könnte so sein: ‥‥” Und der Nutzen der Theorie ist, daß sie einen Begriff illustriert. Sie kann ihn aber besser und schlechter illustrieren; mehr, oder weniger zutreffend. Die Theorie ist also sozusagen eine Notation für diese psychologische Erscheinung.

1099 Actually, however, such a theory is the construction of a psychological model of a psychological phenomenon. And therefore a psychological model. The theory actually says: “It could be like this: ‥‥” And the use of the theory is that it illustrates a concept. But it can illustrate it better or worse; more or less accurately. So the theory is, as it were, a notation for this psychological phenomenon.

§RPP I

291[4]

2000 Wenn wir also die ‘Erklärung fallen lassen’ – wenn wir sagen, daß uns ja schließlich die Erklärung gleichgültig ist – so bleibt eine grammatische Feststellung übrig. Sie betrifft den Gebrauch der Aussage “Ich sehe nun einen bestimmten Gesichtsausdruck im Bild.”

2000 If we therefore ‘drop the explanation’ – if we say that the explanation is ultimately irrelevant to us – then a grammatical statement remains. It concerns the use of the statement “I now see a certain facial expression in the picture.”

§RPP I

291[5]

2001 Weist das Thema auf nichts außer sich? Oh ja! Das heißt aber: – Der Eindruck, den es mir macht, hängt mit Dingen in seiner Umgebung zusammen – z.B. mit der Existenz unserer Sprache und ihrer Intonation, das heißt aber, mit dem ganzen Feld unserer Sprachspiele. Wenn ich z.B. sage: Es ist, als ob hier ein Schluß gezogen würde, oder, als ob hier etwas bekräftigt würde, oder, als ob dies eine Antwort auf das Frühere wäre, – so setzt mein Verständnis eben die Vertrautheit mit Schlüssen, Bekräftigungen, Antworten, voraus.

2001 Does the topic point to anything other than itself? Oh yes! But that means: – the impression it makes on me is related to things in its environment – e.g. to the existence of our language and its intonation, which means, to the entire field of our language-games. For example, if I say: It is as if a conclusion is being drawn here, or as if something is being emphasized, or as if this is an answer to what came before, – then my understanding presupposes familiarity with conclusions, emphases, answers.

§RPP I

291[6]

2002 Ein Thema hat nicht weniger einen Gesichtsausdruck, als ein Gesicht.

2002 A topic has no less of a facial expression than a face.

§RPP I

291[7] &
292[1]

2003 “Die Wiederholung ist notwendig”. In wiefern ist sie notwendig? Nun, singe es, so wirst Du sehen, daß ihm erst die Wiederholung seine große Kraft gibt. – Ist es uns denn nicht, als müsse hier eine Vorlage für das Thema in der Wirklichkeit existieren, und das Thema käme ihr nur dann nahe, entspräche ihr nur, wenn dieser Teil wiederholt würde? Oder soll ich die Dummheit sagen: “Es klingt eben schöner mit der Wiederholung”? Und doch ist da eben kein Paradigma außerhalb des Themas. Und doch ist auch wieder ein Paradigma außerhalb des Themas: nämlich der Rhythmus unserer Sprache, unseres Denkens und Empfindens. Und das Thema ist auch wieder ein neuer Teil unserer Sprache, es wird in sie einverleibt; wir lernen eine neue Gebärde.

2003 “Repetition is necessary.” In what sense is it necessary? Well, sing it, and you will see that it is only repetition that gives it its great power. – Isn’t it as if there must be a template for the topic in reality, and the topic only comes close to it, only corresponds to it, if this part is repeated? Or should I say the silly thing: “It just sounds better with repetition”? And yet there is no paradigm outside the topic. And yet there is also a paradigm outside the topic: namely the rhythm of our language, our thinking and feeling. And the topic is again a new part of our language; it is incorporated into it; we learn a new gesture.

§RPP I

292[2]

2004 Das Thema ist in Wechselwirkung mit der Sprache.

2004 The topic is in interaction with the language.

§RPP I

292[3]

2005 “Eine ganze Welt des Schmerzes liegt in diesen Worten.” Wie kann sie in ihnen liegen? – Sie hängt mit ihnen zusammen. Die Worte sind wie die Eichel aus der ein Eichbaum wachsen kann. Aber wo ist das Gesetz niedergelegt, wonach aus der Eichel der Baum wächst? Nun, das Bild ist durch die Erfahrung unserem Denken einverleibt.

2005 “A whole world of pain lies in these words.” How can it lie in them? – It is connected with them. The words are like the acorn from which an oak tree can grow. But where is the law laid down according to which the tree grows from the acorn? Well, the picture is incorporated into our thinking through experience.

§RPP I

292[4]

2006 “Wo spürst Du den Kummer?” – In der Seele. – – Und wenn ich hier einen Ort angeben müßte, würde ich in die Magengegend zeigen. Bei der Liebe auf die Brust und bei einem Einfall auf den Kopf.

2006 “Where do you feel the sadness?” – In the mind. – – And if I had to indicate a place here, I would point to the stomach area. For love, I would point to the chest, and for an idea, to the head.

§RPP I

292[5]

2007 “Wo spürst Du den Kummer?” – In der Seele. – – Was heißt das nur? – – Was für Konsequenzen ziehen wir aus dieser Ortsbestimmung? Eine ist, daß wir nicht von einem körperlichen Ort des Kummers reden. Aber wir deuten doch auf unsern Leib, als wäre der Kummer in ihm. Ist das, weil wir ein körperliches Unbehagen spüren? Ich weiß die Ursache nicht. Aber warum soll ich annehmen, sie sei ein leibliches Unbehagen?

2007 “Where do you feel the sadness?” – In the mind. – – What does that mean? – – What consequences do we draw from this localization? One is that we are not talking about a physical location of sadness. But we do point to our body, as if the sadness were in it. Is this because we feel a physical discomfort? I don’t know the cause. But why should I assume that it is a physical discomfort?

§RPP I

292[6]

2008 Denk Dir folgende Frage: Kann man sich einen Schmerz, etwa von der Qualität des rheumatischen Schmerzes, denken, aber ohne Örtlichkeit? Kann man sich ihn vorstellen? Wenn Du anfängst, darüber nachzudenken, so siehst Du wie sehr Du das Wissen um den Ort des Schmerzes in ein Merkmal des Gefühlten verwandeln möchtest, in ein Merkmal eines Sinnesdatums, des privaten Objekts, das vor meiner Seele steht.

2008 Consider the following question: Can one think of a pain, for example of the quality of rheumatic pain, but without location? Can one imagine it? If you start thinking about it, you will see how much you want to transform the knowledge of the location of the pain into a characteristic of the felt, into a characteristic of a sense-datum, the private object that stands before my mind.

§RPP I

293[1]

2009 Ich sage, dem Kummervollen scheine die ganze Welt grau. – Aber was vor seiner Seele stünde, wäre dann nicht Kummer, sondern eine graue Welt; gleichsam die Ursache des Kummers.

2009 I say that to the sorrowful person, the whole world appears gray. – But what would be before his mind would then not be sorrow, but a gray world; as if it were the cause of the sorrow.

§RPP I

293[2]

2010 Etwas als Farbverschiedenheit – und anderseits als Schatten bei gleicher Farbe wahrnehmen. Ich frage “Hast Du die Farbe des Tisches vor Dir wahrgenommen, den Du die ganze Zeit anschaust?” Er sagt “Ja”. Aber er hätte den Tisch als “Braun” beschrieben, und hat nicht bemerkt, daß sich in seiner glänzenden Platte der grüne Vorhang spiegelt. – Hat er nun nicht den grünen Gesichtseindruck gehabt? “Ist die Wand vor Dir gleichmäßig gelb?” – “Ja”. Aber sie ist teils beschattet und schaut beinahe grau aus. Was sah nun der, der die Wand anschaute? Soll ich sagen, eine gleichmäßig gelbe Fläche, die freilich unregelmäßig beschattet ist? Oder: gelbe und graue Flecken?

2010 To perceive something as a difference in color – and on the other hand, as a shadow with the same color. I ask, “Have you perceived the color of the table in front of you, the one you have been looking at the whole time?” He says, “Yes.” But he could have described the table as “brown,” and he did not notice that the green curtain is reflected in its shiny surface. – Did he not have the green visual impression? “Is the wall in front of you uniformly yellow?” – “Yes.” But it is partially in shadow and looks almost gray. What did the person who was looking at the wall see? Should I say, a uniformly yellow surface, which is, of course, irregularly shaded? Or: yellow and gray patches?

§RPP I

293[3]

2011 Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß wir uns so gut wie nie der Undeutlichkeit der Peripherie unseres Gesichtsfeldes bewußt sind. Wenn Leute z.B. vom Gesichtsbild reden, denken sie zumeist nicht daran; und wenn man von einer Darstellung des Gesichtseindrucks durch ein Bild redet, so sieht man hierin keine Schwierigkeit. Das ist sehr wichtig.

2011 It is a remarkable fact that we are hardly ever conscious of the indistinctness of the periphery of our visual field. When people, for example, talk about a visual image, they mostly do not think about it; and when one talks about a representation of the visual impression through a picture, one sees no difficulty in this. That is very important.

§RPP I

293[4]

2012 “Was ich wahrnehme, ist dies –” und nun folgt eine Form der Beschreibung. Dies könnte man auch so erklären: Denken wir uns eine direkte Übertragung des Erlebnisses! – Aber was ist nun unser Kriterium dafür, daß das Erlebnis wirklich übertragen wurde? “Nun, er hat einfach dasselbe, was ich habe.” – Aber wie ‘hater es?

2012 “What I perceive is this –” and then follows a form of description. One could also explain this as follows: Let us imagine a direct transmission of the experience! – But what is our criterion for the fact that the experience has actually been transmitted? “Well, he simply has the same thing that I have.” – But how does he have it?

§RPP I

293[5]

2013 Denk an die Mannigfaltigkeit der physikalischen Experimente. Wir messen z.B. die Temperatur; aber nur in einer bestimmten allgemeinen Technik ist dieses Experiment eine Messung der Temperatur. – Interessierte uns also die Mannigfaltigkeit der (physikalischen) Messungen, ich meine der Messungsarten, so interessierte uns die Mannigfaltigkeit der Methoden, der Begriffe.

2013 Think of the variety of physical experiments. We measure, for example, the temperature; but only in a certain general technique is this experiment a measurement of the temperature. – If we were interested in the variety of (physical) measurements, i.e., the types of measurement, then we would be interested in the variety of methods, of concepts.

§RPP I

293[6] &
294[1]

2014 Wie kannst Du den Kummer betrachten? Indem Du kummervoll bist? Indem Du Dich durch nichts von Deinem Kummer ablenken läßt? Beobachtest Du also das Gefühl, indem Du es hast? Und wenn Du jede Ablenkung fern hältst, – beobachtest Du dann eben diesen Zustand? oder den andern, in dem Du vor der Beobachtung warst. Beobachtest Du also Dein Beobachten?

2014 How can you look at sorrow? By being sorrowful? By not letting anything distract you from your sorrow? So do you observe the feeling by having it? And if you keep every distraction away, do you then observe this state? or the other one, in which you were before the observation. So are you observing your observing?

§RPP I

294[2]

2015 Denk, jemand fragte “Was wird alles in der Physik gemessen?” Nun könnte man aufzählen: Längen, Zeiten, Lichtstärken, Gewichte, etc. Aber könnte man nicht sagen: Du erfährst mehr, wenn Du fragst “Wie wird gemessen?”, statt “Was wird gemessen?” Tut man dies, mißt man so, so mißt man die Temperatur, – tut man jenes, mißt man so: eine Stromstärke.

2015 Suppose someone asks, “What is measured in physics?” Then one could list: lengths, times, light intensities, weights, etc. But could one not say: You learn more if you ask “How is it measured?” instead of “What is measured?” If this is done, if it is measured in this way, then it is the temperature; if that is done, it is measured in that way: an electric current.

§RPP I

294[3]

2016 Aber besteht nicht der Kummer aus allerlei Gefühlen? Ist er nicht ein Konglomerat von Gefühlen? Könnte man also sagen, er besteht aus den Gefühlen A, B, C, etc. – wie Granit aus Feldspat, Glimmer und Quartz? – So sage ich also von dem, er sei kummervoll, der die Gefühle‥‥ hat? Und wie weiß ich, daß er sie hat? Teilt er sie uns mit?

2016 But is sorrow not made up of all sorts of feelings? Is it not a conglomerate of feelings? Could one therefore say that it consists of the feelings A, B, C, etc. – just as granite consists of feldspar, mica, and quartz? – So do I say of someone that he is sorrowful if he has the feelings… and how do I know that he has them? Does he tell us?

§RPP I

294[4]

2017 Der Kummer ist doch ein seelisches Erlebnis. Man sagt, man erlebe Kummer, Freude, Enttäuschung. Und dann scheinen diese Erlebnisse wirklich zusammengesetzt und über den ganzen Körper verteilt. Das Hochaufatmen der Freude, das Lachen, Jubeln, die Gedanken an das Glück, – ist nicht das Erleben alles dessen die Freude? Weiß ich also, daß er sich freut, weil er mir mitteilt, er fühle sein Lachen, fühle und höre sein Jubeln, etc., – oder weil er lacht und jubelt? Sage ich “Ich bin glücklich”, weil ich alles das fühle?

2017 Sorrow is, after all, a mental experience. One says that one experiences sorrow, joy, disappointment. And then these experiences seem to be actually composed and distributed over the whole body. The deep sigh of joy, the laughter, the cheering, the thoughts of happiness – is not the experience of all of that the joy? Do I know that he is joyful because he tells me that he feels his laughter, feels and hears his cheering, etc., – or because he laughs and cheers? Do I say “I am happy” because I feel all of that?

§RPP I

294[5]

2018 Die Worte “Ich bin glücklich” sind ein Freude-Benehmen.

2018 The words “I am happy” are a joy-behaviour.

§RPP I

294[6]

2019 Und wie kommt es, daß ich – wie James sagt – eine Freude-Empfindung habe, wenn ich bloß ein freudiges Gesicht mache; eine Gramempfindung, wenn ein grämliches? Daß ich also diese Empfindungen hervorrufen kann, indem ich ihren äußern Ausdruck nachahme? Zeigt das, daß die Muskelempfindungen der Gram, oder ein Teil des Grams sind?

2019 And how does it come about that I – as James says – have a feeling of joy when I merely make a joyful face; a feeling of sadness when I make a sad one? That I can therefore produce these feelings by imitating their external expression? Does this show that the muscular sensations are part of sadness, or a part of the feeling of sadness?

§RPP I

295[1]

1120 Denk, Einer sagte: “Heb Deinen Arm, und Du wirst fühlen, daß Du Deiner Arm hebst”. Ist das ein Satz der Erfahrung? Und ist es einer, wenn man sagt “Mach ein trauriges Gesicht und Du wirst Dich traurig fühlen”? Oder wollte es heißen: “Fühle, daß Du ein trauriges Gesicht machst und Du wirst Traurigkeit fühlen”? und ist das ein Pleonasmus?

1120 Suppose someone says: “Lift your arm, and you will feel that you are lifting your arm.” Is this a statement of experience? And is it one if one says, “Make a sad face and you will feel sad”? Or did he mean: “Feel that you are making a sad face and you will feel sadness”? And is that a pleonasm?

§RPP I

295[2]

1121 Denk, ich sage: “Ja, es ist wahr: wenn ich ein freundlicheres Gesicht mache, fühle ich mich gleich besser”. – Ist das, weil die Gefühle im Gesicht angenehmer sind? oder weil es Folgen hat, dies Gesicht zu machen? (man sagt “Kopf hoch!”)

1121 Suppose I say: “Yes, it is true: when I make a friendlier face, I feel better immediately.” Is that because the feelings in the face are more pleasant? Or because it has consequences to make this face? (One says, “Keep your chin up!”)

§RPP I

295[3]

1122 Sagt man: “Ich fühle mich jetzt viel besser: das Gefühl in den Gesichtsmuskeln und um die Mundwinkel herum ist gut”? Und warum klingt das lächerlich, außer etwa wenn man früher Schmerzen in diesen Teilen hatte?

1122 Does one say: “I feel much better now: the feeling in the facial muscles and around the corners of the mouth is good”? And why does that sound ridiculous, except perhaps if one previously had pain in these parts?

§RPP I

295[4]

1123 Vergleicht man auf die gleiche Weise mein Gefühl in den Mundwinkeln und seines – und meinen Gemütszustand und seinen? Wie vergleiche ich z.B. meine Druckempfindungen mit den seinen? Wie lerne ich sie vergleichen? Wie vergleiche ich unsere kinästhetischen Empfindungen, wie setze ich sie zueinander in Beziehung? Und wie die Gefühle der Trauer, Freude, etc.?

1123 Does one compare my feeling in the corners of the mouth with his in the same way – and my state of mind with his? How, for example, do I compare my sensations of pressure with his? How do I learn to compare them? How do I compare our kinesthetic sensations, how do I relate them to each other? And how about the feelings of sadness, joy, etc.?

§RPP I

295[5]

1124 Nun zugegeben – obwohl es höchst zweifelhaft ist – daß das Muskelgefühl des Lächelns ein Bestandteil des Glücksgefühls ist; – aber wo sind die übrigen Komponenten? – Nun, in der Brust, im Bauch, etc.! – Aber fühlst Du sie wirklich, oder schließt Du nur, sie müssen dort sein? Bist Du Dir wirklich dieser lokalisierten Gefühle bewußt? – Und wenn nicht, – warum sollen sie dann überhaupt da sein? Warum sollst Du sie meinen, wenn Du sagst, Du fühlst Dich glücklich?

1124 Now, granted – although it is highly doubtful – that the muscular feeling of smiling is a component of the feeling of happiness; – but where are the other components? – Well, in the chest, in the stomach, etc.! – But do you really feel them, or do you only conclude that they must be there? Are you really conscious of these localized feelings? – And if not, – why should they be there at all? Why should you mean them when you say you feel happy?

§RPP I

295[6]

1125 Was erst durch einen Akt des Schauens festgestellt werden müßte, das hast Du jedenfalls nicht gemeint. So wird eben “Trauer”, “Freude”, etc. nicht verwendet.

1125 What would have to be established through an act of observation, you certainly did not mean that. This is how “sadness,” “joy,” etc. are not used.

§RPP I

295[7] &
296[1]

1126 Warum klingt es seltsam: “Er fühlte für eine Sekunde tiefen Kummer”? Weil das so selten vorkommt? Und wie, wenn wir uns Leute dächten, die dieses Erlebnis oft haben? Oder solche die oft stundenlang abwechselnd für eine Sekunde schweren Kummer und inniges Glück empfinden.

1126 Why does it sound strange: “He felt deep sadness for a moment”? Because it happens so rarely? And what if we imagined people who have this experience often? Or those who often experience, for hours, alternating for a moment of deep sadness and intense happiness.

§RPP I

296[2]

1127 “Fühlst Du nicht jetzt den Kummer‥‥” – ist das, als fragte man: “Spielst Du nicht jetzt Schach?” Eigentlich aber war die Frage eine persönliche und zeitliche, keine philosophische.

1127 “Don’t you feel the sadness now…” – is that the same as asking: “Are you not playing chess now?“ In fact, however, the question was personal and temporal, not philosophical.

§RPP I

296[3]

1128 “‘Ich hoffe‥‥’ – die Beschreibung meines Seelenzustands”: Das klingt, als schaute ich meine Seele an und beschriebe sie (wie man eine Landschaft beschreibt). Wenn ich nun sage: “Ich hoffe immer wieder, er werde noch zu mir kommen” – ist das ein Hoffnungsbenehmen? Ist es nicht ebensowenig ein Hoffnungsbenehmen, wie die Worte: “Ich hoffte damals, er werde kommen”? – Soll ich also nicht sagen, es gebe zwei Arten des Präsens vom “hoffen”? Die eine, gleichsam, der Ausruf, die andere der Bericht?

1128 “‘I hope… – the description of my state of mind’”: That sounds as if I were looking at my soul and describing it (as one describes a landscape). If I now say: “I keep hoping that he will come to me” – is that a hoping behavior? Isn’t it just as much a hoping behavior as the words: “I hoped then that he would come”? – Should I therefore not say that there are two kinds of present tense of “hoping”? One, as it were, an exclamation, the other a report?

§RPP I

296[4]

1129 Aber wenn ich nun jemandem sage “Ich hoffe sehr, er wird zu unserer Versammlung kommen” – fragt er mich: “Was war das: ein Bericht, oder ein Ausruf?” – Versteht er mich nicht, wenn er das nicht weiß? Und doch ist es eines, zu sagen “Ich hoffe, er wird kommen” und ein anderes, zu sagen: “Ich verliere die Hoffnung nicht, daß er kommen wird”. Oder denke an diesen Ausdruck: “Ich hoffe und bete, daß er kommen möge.”

1129 But if I now say to someone, “I very much hope that he will come to our meeting” – he asks me: “What was that: a report, or an exclamation?” – Doesn’t he understand me if he doesn’t know that? And yet, it is one thing to say “I hope he will come” and another to say: “I do not lose hope that he will come.” Or think of this expression: “I hope and pray that he may come.”

§RPP I

296[5]

1130 “Ich hoffe, er wird kommen” – könnte man sagen – bedeutet manchmal so viel wie der Ausruf “Er wird kommen!”, in hoffnungsvollem Ton gesprochen. Aber von diesem Ausruf muß es kein Perfektum geben. Könnte man sich nicht eine Sprache denken, in der es wohl ein Äquivalent dieses Ausrufs der Hoffnung gibt, aber nicht die übrigen Formen des Verbums? In der die Menschen, wenn sie doch von der vergangenen Hoffnung reden wollen, sich selbst zitieren; etwa sagen: “Ich sagte ‘Er wird gewiß kommen!’”

1130 “I hope he will come” – one could say – sometimes means as much as the exclamation “He will come!”, spoken in a hopeful tone. But there need not be a perfect tense form of this exclamation. Couldn’t one imagine a language in which there is an equivalent to this exclamation of hope, but not the other forms of the verb? In which, when people do want to talk about past hope, they quote themselves; for example, saying: “I said, ‘He will certainly come!’”

§RPP I

296[6] &
297[1]

1131 Man könnte sagen: Die Aussage sagt etwas über den Geisteszustand, aus der ich auf den Geisteszustand schließen kann. (Das klingt dümmer, als es ist.) Wenn es so ist, dann sagt der Ausdruck des Wunsches “Gib mir diesen Apfel!!” etwas über meinen Geisteszustand. Und ist dieser Satz also eine Beschreibung dieses Zustands? Das wird man nicht sagen wollen. (“off with his head!”)

1131 One could say: The statement says something about the state of mind, from which one can infer the state of mind. (This sounds sillier than it is.) If this is so, then the expression of the wish “Give me this apple!!” says something about my state of mind. And is this sentence therefore a description of this state? One would not want to say that. (“Off with his head!”)

§RPP I

297[2]

1132 Ist der Ruf “Hilfe!” eine Beschreibung meines Geisteszustands? Und ist er nicht der Ausdruck eines Wunsches? Ist er es nicht so sehr, wie irgend einer?

1132 Is the cry “Help!” a description of my state of mind? And is it not the expression of a wish? Is it not so much so, as any other?

§RPP I

297[3]

1133 Ich sage zu mir selbst: “Ich hoffe und hoffe immer noch, obwohl‥‥” –dabei schüttle ich gleichsam über mich selbst den Kopf. Das heißt etwas ganz anderes als einfach “Ich hoffe ‥‥!” (Der Unterschied im Englischen zwischen “I am hoping” und “I hope”.)

1133 I say to myself: “I hope and I still hope, although…” – and I shake my head, as it were, at myself. This means something quite different from simply “I hope…!” (The difference in English between “I am hoping” and “I hope”.)

§RPP I

297[4]

1134 Und was beobachtet, der die eigene Hoffnung beobachtet? Was würde er berichten? Verschiedenes. “Ich hoffte täglich, ‥‥ Ich stellte mir vor ‥‥ Ich sagte mir jeden Tag ‥‥ Ich seufzte‥‥․ Ich ging jeden Tag diesen Weg, in der Hoffnung ‥‥”

1134 And what does the one who observes his own hope observe? What would he report? Various things. “I hoped daily, … I imagined … I said to myself every day … I sighed … I walked this path every day, hoping…”

§RPP I

297[5]

1135 Das Wort “beobachten” ist hier schlecht angebracht. Ich versuche mich an dies und das zu erinnern.

1135 The word “observe” is poorly placed here. I am trying to remember this and that.

§RPP I

297[6]

1136 Wer sich seiner Hoffnung erinnert, erinnert sich übrigens deshalb nicht an ein Benehmen, auch nicht notwendigerweise an Gedanken. Er sagt – er weiß – er habe damals gehofft.

1136 The one who remembers his hope, by the way, does not remember behavior, nor necessarily thoughts. He says – he knows – that he hoped at that time.

§RPP I

297[7]

1137 Der Satz “Ich wünsche Wein zu trinken” hat ungefähr den gleichen Sinn wie “Wein her!” Niemand wird dies eine Beschreibung nennen; Ich kann daraus aber entnehmen, daß, der es sagt, darauf erpicht ist, Wein zu trinken, daß er jeden Augenblick zu Tätlichkeiten übergehen kann, wenn man ihm seinen Wunsch verweigert – und dies wird man einen Schluß auf seinen Seelenzustand nennen.

1137 The sentence “I wish to drink wine” has approximately the same sense as “Wine, please!” No one would call this a description; but I can infer from it that the person saying it is eager to drink wine, that he can at any moment resort to violence if his wish is denied – and this one would call an inference to his state of mind.

§RPP I

297[8]

1138 Ist “Ich glaube‥‥” eine Beschreibung meines Seelenzustands?? – Nun, was ist eine solche Beschreibung? Etwa: “Ich bin traurig”, “Ich bin guter Stimmung”, vielleicht “Ich habe Schmerzen”.

1138 Is “I believe…” a description of my state of mind? – Well, what is such a description? Something like: “I am sad,” “I am in a good mood,” perhaps “I am in pain.”

§RPP I

297[9]

1139 Es wäre verhängnisvoll das Moore'sche Paradox für etwas zu halten, was nur im Bereich des Seelischen vorkommen kann.

1139 It would be disastrous to regard Moore’s paradox as something that can only occur in the realm of the mental.

§RPP I

298[1]

1140 Ich will zuerst sagen, daß man mit der Behauptung “Es wird regnen” dem Glauben daran ebenso ausdrückt, wie den Wunsch, Wein zu kriegen, mit den Worten “Wein her!” Man könnte auch so sagen: “Ich glaube, p” heißt ungefähr dasselbe wie “P”; und daß im ersten Satz das Verbum “glaube” und das Pronomen “Ich” stehen, darf uns nicht irren. Wir sehen daraus nur klar, daß die Grammatik von “Ich glaube” sehr verschieden ist von der von “Ich schreibe”. Aber wenn ich das sage, sage ich damit nicht, daß hier nicht auch große Ähnlichkeiten bestehen können; und ich sage nicht, welcher Art die Verschiedenheiten sind. ((reelle und imaginäre Einheit.)) Bedenk nämlich, daß es sich um Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten von Begriffen, nicht von den Phänomenen handelt.

1140 I want to say first that with the assertion “It will rain,” one expresses belief in it just as much as one expresses the wish for wine with the words “Wine, please!” One could also say: “I believe p” means approximately the same as “p”; and that in the first sentence the verb “believe” and the pronoun “I” stand, should not mislead us. It only clearly shows that the grammar of “I believe” is very different from that of “I write.” But if I say that, I do not thereby say that there cannot also be great similarities; and I do not say what kind the differences are. ((real and imaginary unit.) Indeed, remember that it concerns similarities and differences of concepts, not of the phenomena.

§RPP I

298[2]

1141 Man kann das Seltsame sagen: “Ich glaube, es wird regnen” heißt etwas Ähnliches, wie “Es wird regnen”, aber “Ich glaubte damals, es werde regnen” nicht etwas Ähnliches wie “Es hat damals geregnet”. Aber was heißt das nun, der erste Satz habe ungefähr den gleichen Sinn wie der zweite? Heißt es, die beiden brächten in meinem Geist den gleichen Gedanken hervor? (das gleiche Gefühl?) –

1141 One can say the following odd thing: “I believe it will rain” means something similar to “It will rain,” but “I used to believe that it would rain” does not mean something similar to “It rained back then.” But what does it mean that the first sentence has approximately the same sense as the second? Does it mean that both evoke the same thought in my mind? (the same feeling?) –

§RPP I

298[3]

1142 “Ich will so denken, und nicht so”. Und ‘so’ und ‘das’ sind, so seltsam das klingen mag, nicht scharf voneinander geschieden.

1142 “I want to think like this, and not like that.” And ‘this’ and ‘that’ are, however strange it may sound, not sharply separated.

§RPP I

298[4]

1143 Wie Du das Wort “Gott” verwendest, zeigt nicht, wen Du meinst, sondern was Du meinst.

1143 How you use the word “God” does not show who you mean, but what you mean.

§RPP I

298[5]

1144 “Aber es muß doch ‘Ich glaubte’ eben das in der Vergangenheit heißen, was ‘Ich glaube’ in der Gegenwart heißt!” Es muß doch i eben das für ‒ 1 bedeuten, was 🖵 für 1 bedeutet! Das heißt garnichts.

1144 “But it must be that ‘I used to believe’ means that in the past, just as ‘I believe’ means in the present!” It must be that i means the same for ‒ 1 as 🖵 means for 1! That means nothing.

§RPP I

298[6]

1145 Was heißt es “Ich glaube, p” sage ungefähr dasselbe, wie “P”? Wenn Einer den ersten und zweiten Satz sagt, reagieren wir ungefähr in der gleichen Weise; wenn ich den ersten Satz sage und Einer verstünde die Worte “Ich glaube” nicht, würde ich den Satz in der zweiten Form wiederholen, usf. Wie ich auch “Ich wünsche, daß Du dort hingehst” mit “Geh dort hin!” erklären würde.

1145 What does it mean that “I believe p” says approximately the same as “P”? If someone says the first and second sentences, we react in approximately the same way; if I say the first sentence and someone does not understand the words “I believe,” I would repeat the sentence in the second form, and so on. Just as I would explain “I wish that you go there” with “Go there!”

§RPP I

299[1]

1146 Moores Paradox kann man so aussprechen: “Ich glaube p” sagt ungefähr dasselbe wie “P”; aber “Angenommen, ich glaube p …” sagt nicht ungefähr dasselbe wie “Angenommen p ‥‥” Kann man die Annahme, ich wünsche etwas, verstehen, ehe man die Äußerung des Wunsches versteht? – Das Kind lernt zuerst, den Wunsch äußern, und später erst, annehmen, es wünsche das und das.

1146 Moore’s paradox can be expressed thus: “I believe p” says approximately the same as “P”; but “Suppose I believe p…” does not say approximately the same as “Suppose p ‥‥.” Can one understand the assumption that I wish for something before understanding the utterance of the wish? – The child first learns to express the wish, and only later to assume that it wishes for this and that.

§RPP I

299[2]

1147 “Angenommen, ich habe Schmerzen‥‥”– das ist keine Schmerzäußerung und also kein Schmerzbenehmen. Das Kind, das das Wort “Schmerz” als Ausruf lernt, das dann anfängt von einem vergangenen Schmerz zu erzählen, – es kann eines schönen Tages erzählen “Wenn ich Schmerzen habe, kommt der Arzt”. Hat nun in diesem Prozeß des Lernens das Wort “Schmerz” seine Bedeutung geändert? Es hat seine Verwendung geändert; aber man muß sich sehr hüten davor, diesen Wechsel zu deuten als einen Wechsel des Gegenstands, der nun dem Wort entspricht.

1147 “Suppose I am in pain ‥‥” – this is not an utterance of pain and therefore not pain-behaviour. The child who learns the word “pain” as an exclamation, and then begins to talk about past pain – it may one day say “If I have pain, the doctor will come.” Has the meaning of the word “pain” changed in this process of learning? Its use has changed; but one must be very careful not to interpret this change as a change of the object, to which the word now corresponds.

§RPP I

299[3]

1148 Denk Dir, “Ich glaube‥‥” durch eine Malerei dargestellt. Wie könnte ich mir das vorstellen? Das Bild würde etwa mich zeigen und irgendein Bild in meinem Kopf. Es kommt nicht darauf an, welchen Symbolismus es verwendet. Das Bild dessen, was ich glaube, z.B., daß es regnet – wird darin vorkommen. Meine Seele wird vielleicht dieses Bild ergreifen, festhalten, und dergleichen. – Und nun nehmen wir an, dieses Bild würde als die Behauptung “Es regnet” verwendet. Nun, darin ist noch nichts Seltsames. Soll ich sagen, es sei nun viel an dem Bild überflüssig? Das möchte ich nicht sagen.

1148 Imagine “I believe ‥‥” represented by a painting. How could I imagine that? The picture would show me and some image in my mind. It does not matter what symbolism it uses. The image of what I believe, e.g., that it is raining – will be in it. My mind will perhaps grasp this image, hold onto it, and so on. – And now let us assume that this image is used as the assertion “It is raining.” Well, there is nothing strange about that. Should I say that there is now much in the picture that is superfluous? I would not want to say that.

§RPP I

299[4]

1149 “Im Grunde genommen beschreibe ich mit diesen Worten den eigenen Geisteszustand, – aber diese Beschreibung ist hier indirekt eine Behauptung des geglaubten Tatbestandes selbst.” – – Wie ich, unter Umständen, eine Photographie beschreibe, um so das zu beschreiben, wovon die Photographie eine Aufnahme ist.

1149 “In essence, with these words I describe my own state of mind – but this description is here indirectly an assertion of the believed fact itself.” – – Just as I might, under certain circumstances, describe a photograph in order to describe what the photograph is a recording of.

§RPP I

300[1]

1150 Aber wenn diese Analogie Stich hielte, müßte ich noch sagen können, daß diese Photographie (der Eindruck auf meinem Geist) verläßlich ist. Ich müßte also sagen können: “Ich glaube, daß es regnet, und mein Glaube ist verläßlich, also verlasse ich mich auf ihn.” So, als wäre mein Glaube eine Art Sinneseindruck.

1150 But if this analogy held, I would still have to be able to say that this photograph (the impression on my mind) is reliable. I would therefore have to be able to say: “I believe that it will rain, and my belief is reliable, so I rely on it.” So, as if my belief were a kind of sense impression.

§RPP I

300[2]

1151 Sagst Du etwa: “Ich glaube es, und da ich zuverlässig bin, wird es auch so sein”? Das wäre, als sagte man: “Ich glaube es – also glaub ich's.”

1151 Are you saying: “I believe it, and since I am reliable, it will also be so”? That would be as if one said: “I believe it – therefore I believe it.”

§RPP I

300[3]

1152 Wie man durch die gleiche Tätigkeit bald die Länge des Tisches messen, bald den Maßstab nachprüfen, bald den Messenden auf seine Genauigkeit beim Messen prüfen kann, so kann eine Behauptung mir dazu dienen, mich über ihren Inhalt zu informieren, oder über den Charakter, oder den Seelenzustand des Behauptenden.

1152 Just as one can, through the same activity, measure the length of the table, check the standard, or test the person measuring for accuracy in measuring, so a sentence can serve me to inform myself about its content, or about the character, or the state of mind of the one making the assertion.

§RPP I

300[4]

1153 Man könnte wohl sagen: “Er kommt, aber ich kann es noch immer nicht glauben!” – “Er kommt! Ich kann's nicht glauben!”

1153 One could say: “He is coming, but I still cannot believe it!” – “He is coming! I cannot believe it!”

§RPP I

300[5]

1154 Denk Dir einen Ausrufer in einer Station, der plangemäß einen Zug ankündigt, aber – vielleicht ohne Grund überzeugt ist, daß er nicht eintreffen wird. Er könnte ankündigen: “Der Zug № ‥‥ wird um ‥‥․ Uhr einfahren. Ich persönlich glaube es nicht.”

1154 Imagine an announcer at a station who, according to schedule, announces an arriving train, but – perhaps without reason – is convinced that it will not arrive. He could announce: “Train No. ‥‥ will arrive at ‥‥․ o’clock. I personally do not believe it.”

§RPP I

300[6]

1155 Wie wäre es, wenn ein Soldat militärische Meldungen machte, die auf Grund der Beobachtungen berechtigt wären; er fügt ihnen aber bei, er glaube, sie seien unrichtig. – Fragen wir uns nicht, was im Geiste dessen, der so spricht, vor sich gehen kann, sondern, ob Andere etwas mit dieser Meldung anfangen können, und was.

1155 What if a soldier made military reports that, based on the observations, would be justified; but he added that he believes they are incorrect? – Let us not ask what is going on in the mind of the one who speaks like this, but rather whether others can make something of this report, and what.

§RPP I

300[7] &
301[1]

1156 Die Meldung ist ein Sprachspiel mit diesen Worten. Es würde Verwirrung erzeugen, wenn wir sagten: Die Worte der Meldung, der gemeldete Satz habe einen bestimmten Sinn, und das Melden, die ‘Behauptung’, füge diesem noch einen hinzu. So, als ob der Satz, von einem Grammophon ausgesprochen, der reinen Logik angehörte, als ob er hier den rein logischen Sinn hätte, als ob wir hier den Gegenstand vor uns hätten, den Logiker in die Hand nehmen und betrachten, – während der behauptete, gemeldete Satz das Ding im Handel ist. Wie man sagen kann: der Botaniker betrachtet eine Rose als Pflanze, nicht als Schmuck des Kleides, oder Zimmers oder als zarte Aufmerksamkeit. Der Satz, will ich sagen, hat keinen Sinn außerhalb des Sprachspiels. Das hängt damit zusammen, daß er nicht eine Art Name ist. So daß man sagen könnte: “‘Ich glaube …’ – das ist so” wobei man (in sich etwa) auf das deutet, was dem Satz seine Bedeutung gibt.

1156 The report is a language-game with these words. It would create confusion if we said: the words of the report, the reported sentence, have a certain meaning, and that the reporting, the ‘assertion,’ adds something to it. As if the sentence, spoken by a gramophone, belonged to pure logic, as if it had the purely logical meaning here, as if we had the object before us that the logician can take into his hand and examine – while the asserted, reported sentence is the thing in commerce. As one can say: the botanist considers a rose as a plant, not as an adornment of a dress or room, or as a delicate gesture. The sentence, I want to say, has no meaning outside of the language-game. This is connected with the fact that it is not a kind of name. So that one could say: “‘I believe…’ – that is so” whereby one (in oneself, roughly) points to what gives the sentence its meaning.

§RPP I

301[2]

1157 Ist es eine Tautologie, zu melden: “Die Reiter werden sofort eintreffen; und ich glaube es”?

1157 Is it a tautology to report: “The cavalry will arrive immediately; and I believe it”?

§RPP I

301[3]

1158 Das Paradox ist dies: Die Annahme kann man so ausdrücken: “Angenommen, es ginge das in mir und das außerhalb mir vor” – – die Behauptung aber, es gehe das in mir vor, sagt: es gehe das außerhalb mir vor. In der Annahme sind die beiden Sätze über das Innere und das Äußere ganz unabhängig, in der Behauptung aber nicht.

1158 The paradox is this: the assumption can be expressed as: “Suppose, this is happening in me and that outside of me” – – but the assertion, that this is happening in me, says: it is happening outside of me. In the assumption, the two sentences about the inside and the outside are completely independent; in the assertion, however, they are not.

§RPP I

301[4]

1159 Liegt nun das im Wesen des Begriffs “glauben”? Gewiß.

1159 Is this in the essence of the concept “believe”? Certainly.

§RPP I

301[5]

1160 Denk Dir, Einer sagte “Ich wünsche”, – will aber nicht, daß mein Wunsch befriedigt werde. – (Lessing: “Wenn Gott in seiner Rechten ‥‥”) Kann man also Gott bitten, den Wunsch zu geben, und ihn nicht zu erfüllen?

1160 Imagine someone saying, “I wish,” – but does not want his wish to be fulfilled. – (Lessing: “If God had in his right hand ‥‥”) Can one therefore ask God to grant the wish, and not to fulfill it?

§RPP I

301[6]

1161 Da scheint es ja also, als wäre die Behauptung “Ich glaube…” nicht die Behauptung dessen, was die Annahme “ich glaube” annimmt!

1161 It seems as though the assertion “I believe…” is not the assertion of what the assumption “I believe” assumes!

§RPP I

301[7]

1162 Sieh's nicht als selbstverständlich an, sondern als etwas sehr Bemerkenswertes, daß die Verben “glauben”, “hoffen”, “wünschen”, “beabsichtigen” u.s.w., alle die grammatischen Formen aufweisen, die “essen”, “reden”, “schneiden” auch haben.

1162 Do not take it for granted, but as something very remarkable, that the verbs “believe,” “hope,” “wish,” “intend,” etc., all have the grammatical forms that “eat,” “talk,” “cut” also have.

§RPP I

301[8] &
302[1]

1163 Denk, ich wäre das Zwitterwesen, das aussprechen könnte “Ich glaube nicht, daß es regnet; und es regnet”. – Aber wozu dienen nun diese Worte? Welche Verwendung denke ich mir von ihnen gemacht? “Er kommt. Ich persönlich glaube es nicht, aber laß dich das nicht beirren.” – “Er kommt, verlaß Dich drauf. Ich glaube es nicht; aber laß dich das nicht beirren.” Das klingt, als ob zwei Personen aus mir sprächen; oder als ob eine Instanz in mir dem Andern die Mitteilung machte, er komme, und diese Instanz wünscht, der Andere solle dementsprechend handeln, – während eine andere Instanz im gewissen Sinne mein eigenes Verhalten ankündigt. Es ist so, als sagte man: “Ich weiß, daß diese Handlungsweise falsch ist, weiß aber, daß ich so handeln werde.” “Er kommt, aber ich glaube es nicht”, kann also in einem Sprachspiel vorkommen. Oder besser: “Es läßt sich ein Sprachspiel ausdenken, worin diese Worte uns nicht absurd vorkämen.”

1163 Suppose I were the hybrid being that could utter, “I do not believe it is raining; and it is raining.” – But what is the use of these words now? What use do I imagine them having? “He is coming. I personally do not believe it, but do not let that deter you.” – “He is coming, you can rely on it. I do not believe it; but do not let that deter you.” This sounds as if two people were speaking from within me; or as if one instance within me communicated to the other that he is coming, and this instance wishes the other to act accordingly, – while another instance, in a certain sense, announces my own behaviour. It is as if one said: “I know that this way of acting is wrong, but I know that I will act this way.” “He is coming, but I do not believe it” can therefore occur in a language-game. Or rather: “One can imagine a language-game in which these words would not seem absurd to us.”

§RPP I

302[2]

1164 Ein Voltmeter, statt die Spannung durch Zeiger und Zifferblatt anzuzeigen, könnte sie mit Hilfe einer Grammophonplatte aussprechen. Das Instrument sagt etwa, wenn man einen Knopf drückt (es befragt) “Die Spannung beträgt ‥‥” Könnte es nun auch Sinn haben, das Voltmeter sagen zu lassen: “Ich glaube, die Spannung beträgt ‥‥”? – So einen Fall kann man sich schon denken. Soll ich nun sagen, das Instrument sage etwas über sich selbst aus, – oder über die Spannung? Soll ich sagen, das Instrument sage immer etwas über sich selbst aus? Und wenn es z.B. eine höhere Ablesung der Spannung wiederholen kann: es habe geglaubt, die Spannung sei ‥‥ gewesen?

1164 A voltmeter, instead of indicating the voltage by means of a pointer and dial, could express it by means of a gramophone record. The instrument says, for example, when one presses a button (it asks), “The voltage is ‥‥” Could it also make sense for the voltmeter to say: “I believe the voltage is ‥‥”? – One can certainly imagine such a case. Should I then say that the instrument is saying something about itself, – or about the voltage? Should I say that the instrument always says something about itself? And if it, for example, can repeat a higher reading of the voltage: has it believed that the voltage was ‥‥?

§RPP I

302[3]

1165 Oder sagen wir's so: Soll ich sagen, ein Voltmeter zeigt etwas über sich selbst an, oder die Spannung? Kann ich nicht beides sagen? Nämlich jedes unter verschiedenen Umständen?

1165 Or let us put it this way: Should I say that a voltmeter indicates something about itself, or about the voltage? Can I not say both? Namely, each under different circumstances?

§RPP I

303[1]

1166 Haben “Hilfe!” und “Ich brauche Hilfe” verschiedenen Sinn; ist es nur eine Rohheit unserer Auffassung, daß wir sie als gleichbedeutend betrachten? Heißt es immer, etwas zu sagen: “Genau genommen war, was ich meinte, nicht “Hilfe!”, sondern ‘Ich wünsche Hilfe’”. Der schlimmste Feind unseres Verständnisses ist hier die Idee, das Bild, eines ‘Sinnes’ dessen was wir reden, in unserm Geiste.

1166 Do “Help!” and “I need help” have different sense; is it only a crudeness of our perception that we regard them as synonymous? Does it always mean saying something: “Strictly speaking, what I meant was not ‘Help!’, but ‘I want help.’” The worst enemy of our understanding is here the idea, the image, of a ‘sense’ of what we are saying in our mind.

§RPP I

303[2]

1167 Die Behauptung “Er wird kommen” spielt nicht auf den Behauptenden an. Aber auch nicht auf die Worte der Behauptung, während “‘er wird kommen’ ist ein wahrer Satz” auf die Worte anspielt und den gleichen Sinn hat wie der Satz, der dies nicht tut.

1167 The assertion “He will come” does not refer to the person making the assertion. But neither does it refer to the words of the assertion, while “‘he will come’ is a true sentence” refers to the words and has the same sense as the sentence that does not.

§RPP I

303[3]

1168 Könnte man von dem Sinn der Worte “daß er kommen wird” reden? Denn diese Worte sind recht eigentlich die Frege'sche ‘Annahme’. Nun, könnte ich Einem nicht erklären, was dieser Wortausdruck bedeutet? Doch wohl, in dem ich ihm erkläre, oder zeige, wie er verwendet wird.

1168 Could one speak of the sense of the words “that he will come”? For these words are, in fact, the Fregean ‘assumption’. Now, could I not explain to someone what this expression means? Yes, by explaining, or showing, how it is used.

§RPP I

303[4]

1169 Die Schwierigkeit wird unüberwindlich, wenn Du denkst, der Satz “Ich glaube ‥‥” sage etwas über den Zustand meiner Seele aus. Wäre es so, so müßte man das Mooresche Paradox reproduzieren können, wenn man statt über den Zustand der eigenen Seele, etwas über den Zustand des Gehirns etwa aussagte. Der Witz ist aber eben, daß keine Behauptung über den Zustand meines Gehirns (oder wessen immer) der Behauptung, die ich glaube– “Er wird kommen” z.B.– gleichkommt.

1169 The difficulty becomes insurmountable if you think that the sentence “I believe ‥‥” says something about the state of my mind. If this were so, then one would have to be able to reproduce the Moorean paradox if one said something about the state of the brain, for example, instead of about the state of one's own mind. But the point is precisely that no assertion about the state of my brain (or anyone else) is equivalent to the assertion that I believe – “He will come,” for example.

§RPP I

303[5] &
304[1]

1170 Fassen wir aber nun dennoch die Behauptung Er glaubt p) als Aussage über seinen Zustand auf, aus der jedenfalls hervorgeht, wie er sich unter gegebenen Umständen verhalten wird! Gibt es denn nun zu so einer Aussage keine erste Person des Präsens? Kann ich denn also nicht von mir selbst aussagen, ich sei jetzt in einem Zustand, in welchem die und die sprachlichen, und anderen, Reaktionen wahrscheinlich sind? Ähnlich ist es jedenfalls, wenn ich sage, “Ich bin jetzt sehr irritabel.” Ähnlich könnte ich auch sagen “Ich glaube jetzt jede schlimme Nachricht sehr leicht.”

1170 But let us nevertheless take the assertion “He believes p” as an assertion about his state, from which it certainly emerges how he will behave under given circumstances! Is there then no first person present in such an assertion? Can I not then say of myself that I am now in a state in which the one or the other linguistic, and other, reaction is likely? It is certainly similar when I say, “I am very irritable now.” Similarly, I could also say “I now believe any bad news very easily.”

§RPP I

304[2]

1171 Würde nun ein Satz, welcher aussagt, ich – oder mein Gehirn – sei jetzt in einem so gearteten Zustand, daß ich auf die Frage “Wird er kommen” mit “Ja” antworte, und die und die anderen Reaktionen aufweise, – würde so ein Satz der Behauptung gleichkommen “Er wird kommen”?

Man könnte hier fragen: “Wie denkst Du Dir denn, daß ich über diesen meinen Zustand unterrichtet bin? – Durch Erfahrung etwa? Will ich also, aus der Erfahrung, voraussagen, ich werde jetzt so eine Frage immer so beantworten, etc.?” Ist es so und mache ich in diesem Sinne die Aussage “ich glaube, er wird kommen” und füge hinzu “und er wird nicht kommen”, so ist das nur insofern ein Widerspruch wie etwa dies einer ist: “Ich kann kein viersilbiges Wort aussprechen”, oder dies: “Ich kann keinen einzigen deutschen Satz sagen.” Wenn dies letztere eine Art Widerspruch ist, so ist es doch nicht die Annahme: “Angenommen ich könnte keinen einzigen deutschen Satz sagen”.

1171 Would a sentence, which asserts that I – or my brain – am now in such a state that I would answer the question “Will he come?” with “Yes,” and exhibit the one and the other reactions, be equivalent to the assertion “He will come”?

One might ask here: “How do you imagine that I am informed about this state of mine? – Through experience, perhaps? Do I want to predict, from experience, that I will always answer such a question in this way, etc.?” If this is the case, and if I make the statement “I believe that he will come” and add “and he will not come,” then this is only a contradiction in the same way as, for example, this is a contradiction: “I cannot pronounce a four-syllable word,” or this: “I cannot say a single German sentence.” If the latter is a kind of contradiction, then it is not the assumption: “Assume that I could not say a single German sentence.”

§RPP I

304[3]

1172 Daß er das und das glaubt, ergibt sich für uns aus der Beobachtung seiner Person, aber die Aussage “Ich glaube ‥‥” macht er nicht auf Grund der Selbstbeobachtung. Und darum kann “Ich glaube p” äquivalent sein der Behauptung von “p”. Darum auch die Frage “Ist es so?” Dem Satz “Ich möchte wissen, ob es so ist.”

1172 The fact that he believes this and that emerges for us from the observation of his person, but he does not make the statement “I believe ‥‥” on the basis of self-observation. And therefore, “I believe p” can be equivalent to the assertion of “p.” Therefore also the question “Is this so?” is equivalent to the sentence “I would like to know whether this is so.”

§RPP I

304[4] &
305[1]

1173 “Dies Gesicht hat einen ganz bestimmten Charakter –” heißt eigentlich: es ließe sich viel darüber sagen. Wann sagt man dies? Was berechtigt einen dazu? Ist es eine bestimmte Erfahrung? Weiß man schon, was man sagen wird; hat man sich's schon im Stillen vorgesagt? Ist die Situation nicht ähnlich wie die: “Jetzt weiß ich weiter!”

1173 “This face has a very specific character” actually means: one could say a lot about it. When does one say this? What justifies one in doing so? Is it a certain experience? Does one already know what one will say; has one already imagined it in silence? Is the situation not similar to this: “Now I know what to do!”

§RPP I

305[2]

1174 Wir kennen Alle den Vorgang des momentanen Wechsels des Aspekts; – aber wie, wenn man nun fragte: Hat A den Aspekt a nun fortwährend vor Augen – wenn nämlich kein Aspektwechsel eingetreten ist? Kann der Aspekt nicht, so zu sagen, frischer oder unbestimmter werden? – Und wie seltsam, daß ich das frage!

1174 We all know the process of the momentary change of aspect; but how, if one were to ask: Has A the aspect a continuously before him – if, namely, no change of aspect has occurred? Can the aspect not, so to speak, become fresher or more indefinite? – And how strange that I ask this!

§RPP I

305[3]

1175 Es gibt so etwas, wie ein Aufflackern des Aspekts. So, wie man etwas mit intensiverem und weniger intensiven Ausdruck spielen kann. Mit stärkerer Betonung des Rhythmus und der Struktur, oder weniger starkem.

1175 There is such a thing as a fleeting aspect. Just as one can play something with more or less intense expression. With stronger emphasis on rhythm and structure, or less strong emphasis.

§RPP I

305[4]

1176 Das als eine Variante von dem sehen, hören. Da ist also der Moment, wo ich beim Anblick von A an B denke, wo dieses Sehen, so zu sagen, akut ist, und dann die Zeit, in der es chronisch ist.

1176 To see that as a variation of this. So there is the moment when, upon seeing A, I think of B, where this seeing is, so to speak, acute, and then the time when it is chronic.

§RPP I

305[5]

1177 Das psychologische Phänomen nicht erklären, sondern hinnehmen, ist das schwere. –

1177 It is difficult not to explain the psychological phenomenon, but to accept it.

§RPP I

305[6]

1178 “F” als Variation verschiedener Figuren. Wenn ich mir denke, daß in meinem Geist das Paradigma, als dessen Variante ich das Objekt sehe, irgendwie beim Sehen gegenwärtig ist, dann könnte es (doch) bald deutlicher, bald undeutlicher gegenwärtig sein, und es könnte auch ganz verschwinden.

1178 “F” as a variation of different figures. If I think that the paradigm, as a variation of which I see the object, is somehow present in my mind while seeing it, then it could be present more clearly or less clearly, and it could also disappear completely.

§RPP I

306[1]

1179 Denk dir zwei Leute: der eine hat in der Jugend das “F” so gelernt 🖵, – der Andere, wie wir 🖵. Wenn nun die Beiden das Wort “Figur” lesen, – muß ich sagen, habe ich Grund zu sagen, sie sähen Jeder das “F” anders? Offenbar nein. Und könnte es nicht doch sein, daß der Eine von ihnen, wenn er hört, wie der Andere diesen Buchstaben schreiben und lesen gelernt hat, sagt: “So hab ich ihn nie angesehen, sondern immer so”? Und ferner wird es wohl Situationen geben, in denen ich, was einer dieser Leute tut, oder sagt, so erklären werde: “Er betrachtet nämlich diesen Buchstaben als Variante von ‥‥”

1179 Imagine two people: one learned “F” like this 🖵 in his youth – the other, as we do 🖵. If the two of them now read the word “figure,” must I say that I have reason to say that they each see the “F” differently? Apparently not. And could it not also be that one of them, when he hears how the other person learned to write and read this letter, says: “I have never seen it like that, but always like this”? And furthermore, there will probably be situations in which I will explain what one of these people does or says in this way: “He is, namely, considering this letter as a variation of ‥‥”

§RPP I

306[2]

1180 Das ist sicher, daß man sagen kann: “Ich habe das noch nie so gesehen”. Hier ist das “nie” unzweifelhaft. – Sagst Du aber “Ich habe das immer so gesehen”, so ist dies “immer” nicht gleichermaßen sicher. Und daran ist natürlich garnichts Merkwürdiges, wenn man statt “gesehen” “aufgefaßt” sagt.

1180 It is certain that one can say: “I have never seen that before.” Here, “never” is undoubtedly true. – But if you say “I have always seen it like this,” then this “always” is not equally certain. And there is, of course, nothing strange about this if one says “understood” instead of “seen.”

§RPP I

306[3]

1181 Denke, Du wüßtest, daß das Zeichen 🖵 eine Kombination eines 🖵 mit einem 🖵 ist. – – Das erinnert an das Traumphänomen, das man in einer Traumerzählung mit den Worten beschreibt: “und ich wußte, daß …”. Und es hat auch Ähnlichkeit mit dem, was man “Halluzination” nennt.

1181 Suppose you knew that the sign 🖵 is a combination of a 🖵 with a 🖵. – – This reminds one of the dream phenomenon, which one describes in a dream narrative with the words: “and I knew that …”. And it also has similarity with what one calls “hallucination”.

§RPP I

307[1]

1182 Es ist, als wäre in meinem Geist ein Paradigma, eine Vorlage gegenwärtig, wenn ich das Zeichen sehe. Aber was für eine Vorlage?? wie sieht sie aus? Doch nicht eben, wie das Zeichen selbst! – Also wie das Zeichen, so gesehen? – Aber wie gesehen? Wie soll ich den Aspekt notieren? Nun, wie notieren wir ihn denn; wie verständigen wir uns über ihn? Ich sage etwa: “Das Zeichen, wie ich's sehe, schaut nach rechts”. Ich könnte sogar von einer Art visuellem Schwerpunkt reden, – sagen: Der Schwerpunkt des Zeichens 🖵 befindet sich hier. Kann ich erklären, was ich damit meine? Nein. – Aber diese meine Reaktion kann ich mit Reaktionen Anderer vergleichen.

1182 It is as if a paradigm, a template, is present in my mind when I see the sign. But what kind of template? What does it look like? But not exactly like the sign itself! – So like the sign, seen in that way? – But how seen? How should one note the aspect? Well, how do we note it; how do we communicate about it? I might say: “The sign, as I see it, looks to the right.” I could even speak of a kind of visual focal point, – say: The focal point of the sign 🖵 is located here. Can I explain what I mean by that? No. – But I can compare this reaction of mine with the reactions of others.

§RPP I

307[2]

1183 Bin ich mir stets der Verschwommenheit der Ränder meines Gesichtsfelds bewußt? Soll ich sagen: “Fast nie”, oder “Nie”?

1183 Am I always conscious of the blurriness of the edges of my field of vision? Should I say: “Almost never”, or “Never”?

§RPP I

307[3]

1184 In einem andern Gedankenraum – möchte man sagen – schaut das Ding anders aus.

1184 In another space of thought – one might say – the thing looks different.

§RPP I

307[4]

1185 Man könnte sich in der Musik eine Variation auf ein Thema denken, die, etwa ein wenig anders phrasiert, als eine ganz andere Art der Variation des Thema aufgefaßt werden kann. (Im Rhythmus gibt es solche Mehrdeutigkeiten.) Ja, was ich meine, findet sich wahrscheinlich überhaupt immer, wenn eine Wiederholung das Thema in ganz anderem Licht erscheinen läßt.

1185 One could imagine a variation on a theme in music, which, if phrased slightly differently, can be understood as a completely different type of variation of the theme. (There are such ambiguities in rhythm.) Yes, what I mean can probably always be found, when a repetition makes the theme appear in a completely different light.

§RPP I

308[1]

1186 Kein Aspekt, der nicht (auch) Auffassung ist.

1186 No aspect that is not (also) perception.

§RPP I

308[2]

1187 Angenommen Einer sagte mir: “Es hat sich jetzt etwas an dem Bild verändert – ich kann's nicht anders ausdrücken – obwohl die Form die gleiche ist wie früher. Ich kann nur sagen: früher war es eine Art 🖵, jetzt ist es eine Art 🖵”. Wenn er das sagte, könnte ich nicht doch bezweifeln, daß er die Figur immer, ununterbrochen, so gesehen und sie nicht nur nie anders aufgefaßt hat?

1187 Suppose someone said to me: “Something has now changed in the picture – I cannot express it any other way – although the form is the same as before. I can only say: before it was a kind of 🖵, now it is a kind of 🖵”. If he said that, could one not still doubt that he has always, continuously, seen the figure in that way and has not only never understood it differently?

§RPP I

308[3]

1188 Denk Dir, das Kind, wenn es den Buchstaben “R” gelernt hat, sagte uns: “Ich sehe es immer als ein ‘R’”. Was könnte uns das mitteilen?? – Ja, auch wenn es uns sagte, “Ich sehe es immer als er ein ‘P’ mit einer schiefen Stütze”, würde uns das nur sagen: so faßt das Kind es auf, so erklärt es sich den Buchstaben, und dergleichen. Erst wenn es vom Wechseln des Aspekts spräche, würden wir sagen, nun sei es jenes Phänomen …

1188 Imagine the child, when it has learned the letter “R”, says to us: “I always see it as an ‘R’”. What could this communicate to us? – Yes, even if it said to us, “I always see it as a ‘P’ with a slanted support,” that would only tell us: that is how the child understands it, that is how it explains the letter to itself, and so on. Only when it speaks of a change of aspect would we say, now it is that phenomenon…

§RPP I

308[4]

1189 Sagt Einer “Ich sehe es immer so”, so muß er das “So” angeben. Angenommen, er täte das, indem er den Strichen der Figur einer bestimmten Reihenfolge, oder in einem bestimmten Rhythmus nachführe. Das wäre ähnlich, als sagte er uns: “Ich folge der Figur mit den Augen immer so”. Und da könnte es natürlich sein, daß ihn sein Gedächtnis täuscht.

1189 If someone says “I always see it like this”, then he must specify the “like this”. Suppose he does this by following the lines of the figure in a certain sequence, or in a certain rhythm. That would be similar to saying: “I always follow the figure with my eyes like this”. And in that case, of course, it could be that his memory deceives him.

§RPP I

309[1]

1190 Sagt er “Ich sehe (jetzt) die Figur so” und fährt ihr in bestimmter Weise nach, – so müßte das nicht sowohl eine Beschreibung sein, als, sozusagen, dies Sehen selbst. Sagt er aber “Ich habe sie immer so gesehen”, so heißt das, er habe sie nie anders gesehen, und da mag er sich täuschen.

1190 If he says “I see (now) the figure like this” and follows it in a certain way, then that must be not only a description, but, as it were, the seeing itself. But if he says “I have always seen it like that”, that means that he has never seen it differently, and in that he may be mistaken.

§RPP I

309[2]

1191 Nein, das Paradigma schwebte mir nicht ständig vor – – aber wenn ich den Wechsel des Aspekts beschreibe, dann beschreibe ich ihn mittels der Paradigmen.

1191 No, the paradigm was not constantly present in my mind – – but when I describe the change of aspect, then I describe it by means of paradigms.

§RPP I

309[3]

1192 “Ich habe es immer so gesehen” – damit will man eigentlich sagen: “Ich habe es immer so aufgefaßt, und dieser Wechsel des Aspekts hat nie stattgefunden.”

1192 “I have always seen it like this” – with this one actually wants to say: “I have always understood it like this, and this change of aspect has never taken place.”

§RPP I

309[4]

1193 “Ich habe es nie so gesehen, sondern immer so.” Nur ist daraus allein noch kein Satz. Das Feld fehlt ihm noch.

1193 “I have never seen it like this, but always like this.” But from that alone, there is still no sentence. The field is still missing.

§RPP I

309[5] &
310[1]

1194 “Ich habe es immer mit diesem Gesicht gesehen”. Aber Du mußt noch sagen, mit welchem. Und sowie Du das dazu sagst, ist es nicht mehr als hättest Du's immer getan. “Ich habe diesen Buchstaben immer mit einem grämlichen Gesicht gesehen”. Da kann man fragen: “Bist Du sicher, daß es immer war?” D.h.: ist Dir die Grämlichkeit immer aufgefallen?

1194 “I have always seen it with this visual image.” But you must also say, with which one. And as soon as you add that, it is no longer as if you had always done so. “I have always seen this letter with a grumpy visual image.” One can ask: “Are you sure that it was always so?” I.e.: Was the grumpiness always striking to you?

§RPP I

310[2]

1195 Und wie ist es mit dem ‘Auffallen’? Findet das in einem Moment statt, oder dauert es an?

1195 And what about the ‘being struck’? Does this happen in a moment, or does it last?

§RPP I

310[3]

1196 “Wenn ich ihn ansehe, sehe ich immer das Gesicht seines Vaters.” Immer? – Aber doch nicht nur auf Augenblicke! Dieser Aspekt kann andauern.

1196 “When I look at it, I always see the visual image of his father.” Always? – But not just for moments! This aspect can last.

§RPP I

310[4]

1197 Denk Dir, man sagte: “Ich sehe es jetzt immer in diesem Zusammenhang.” –

1197 Imagine someone said: “I now always see it in this context.” –

§RPP I

310[5]

1198 Absolutes und relatives Gehör: Hier ist etwas Ähnliches: Ich höre den Übergang von einem Ton zum andern. Aber nach kurzer Zeit kann ich einen Ton nicht mehr als den höheren oder tieferen jener beiden erkennen. Und es müßte auch keinen Sinn haben, von einem solchen “Erkennen” zu reden; wenn es nämlich kein Kriterium des richtigen Erkennens gäbe.

1198 Absolute and relative pitch: Here is something similar: I hear the transition from one tone to another. But after a short time, I can no longer recognize a tone as being higher or lower than those two. And it should also make no sense to speak of such a “recognition”; if there is no criterion for correct recognition.

§RPP I

310[6]

1199 Es ist beinahe, als ob das ‘Sehen des Zeichens in diesem Zusammenhang’ ein Nachhallen eines Gedankens wäre.

1199 It is almost as if ‘seeing the sign in this context’ were an echo of a thought.

§RPP I

310[7] &
311[1]

1200 Von einem wirklichen oder gemalten Gesicht zu sagen “Ich habe es immer als Gesicht gesehen”, wäre seltsam; aber nicht: “Es war für mich immer ein Gesicht, und ich habe es nie als etwas anderes gesehen.”

1200 To say of a real or painted visual image “I have always seen it as a visual image” would be odd; but not: “It was always a visual image for me, and I never saw it as something else.”

§RPP I

311[2]

1201 Wenn ich z.B. das 🖵 einmal als ein T mit einem hinzugefügten Strich sehe, so ist es, als ob die Gruppierung sich änderte. Fragt man mich aber: “Du hast also früher diese Figur immer mit der Gruppierung eines F gesehen?” so könnte ich nicht sagen, es sei so.

1201 If I, for example, once see the 🖵 as a T with an added stroke, then it is as if the grouping has changed. But if I am asked: “So, before, you always saw this figure with the grouping of an F?” then I could not say that it was so.

§RPP I

311[3]

1202 Wenn Einer sagt: “Ich rede von einem visuellen Phänomen, in welchem sich wirklich das Gesichtsbild, nämlich seine Organisation ändert, obwohl Formen und Farben die gleichen bleiben” – dann kann ich ihm antworten: “Ich weiß, wovon Du redest; ich möchte auch das sagen, was Du sagst.” – Ich sage also nicht: “Ja, das Phänomen, wovon wir beide reden, ist wirklich ein Wechsel der Organisation ‥‥”, sondern “Ja, dies Reden von dem Wechsel der Organisation, etc. ist die Äußerung des Erlebnisses, das auch ich meine.

1202 If someone says: “I am talking about a visual phenomenon in which the visual image, namely its organization, actually changes, although the shapes and colors remain the same,” then I can answer him: “I know what you are talking about; I also want to say what you are saying.” – So I am not saying: “Yes, the phenomenon that we are both talking about is really a change in the organization ‥‥”, but “Yes, this talk of the change in the organization, etc., is the manifestation of the experience that I also mean.

§RPP I

311[4]

1203 “Die Organisation des Gesichtsbilds ändert sich.” – “Ja, das möchte ich auch sagen.” Das ist analog dem, wenn Einer sagte, “Alles um mich kommt mir unwirklich vor” – und ein Anderer erwidert: “Ja, ich kenne dieses Phänomen. Ganz so möchte ich's auch ausdrücken.”

1203 “The organization of the visual image changes.” – “Yes, I also want to say that.” This is analogous to when someone says, “Everything around me seems unreal” – and another replies: “Yes, I know this phenomenon. I would also like to express it in the same way.”

§RPP I

311[5] &
312[1]

1204 “Die Organisation des Gesichtsbilds ändert sich” hat eben nicht die gleiche Art der Anwendung, wie: “Die Organisation dieses Vereins ändert sich”. Hier kann ich beschreiben, wie das ist, wenn sich die Organisation unseres Vereins ändert.

1204 “The organization of the visual image changes” does not have the same kind of application as: “The organization of this association changes.” Here I can describe how it is when the organization of our association changes.

§RPP I

312[2]

1205 “Es ist mir nie aufgefallen, daß man die Figur so sehen kann”: folgt daraus, daß es mir aufgefallen ist, oder daß ich wußte, daß man sie so sehen konnte, wie ich sie immer gesehen habe?

1205 “It never occurred to me that one could see the figure like that”: does that mean that it did occur to me, or that I knew that one could see it like that, as I have always seen it?

§RPP I

312[3]

1206 Ich höre einen Ton – höre ich also nicht, wie laut er ist? – – Ist es richtig, zu sagen: wenn ich den Ton höre, müsse ich mir des Grades seiner Lautheit bewußt sein? – Anders ist es, wenn seine Stärke sich ändert.

1206 I hear a tone – so am I not hearing how loud it is? – Is it correct to say: if I hear the tone, I must be conscious of its degree of loudness? – It is different when its strength changes.

§RPP I

312[4]

1207 Es würde auf dem ersten Blick so erscheinen: Jemand kommt darauf, daß man ein F auch als T mit einem Anhängsel sehen kann; er sagt “Jetzt sehe ich's als T, etc., jetzt wieder als F.” Daraus scheint zu folgen, daß er's das zweite mal so sieht, wie er es vor seiner Entdeckung immer gesehen hat. – Daß also, wenn es Sinn hatte zu sagen, “Jetzt sehe ich's wieder als F”, es auch Sinn gehabt hätte vor dem Wechsel des Aspekts zu sagen “Ich sehe den Buchstaben F immer als F”.

1207 At first glance, it would seem so: Someone realizes that one can also see an F as a T with an appendage; he says “Now I see it as a T, etc., now again as an F.” From this, it seems to follow that he sees it the second time as he always saw it before his discovery. – That if it made sense to say, “Now I see it again as an F,” it would also have made sense before the change of aspect to say “I always see the letter F as an F.”

§RPP I

312[5] &
313[1]

1208 Wenn ich einen Satz in einem und demselben Tonfall gehört hätte (und oft gehört hätte), wäre es richtig, zu sagen, ich müsse mir natürlich des Tonfalls bewußt gewesen sein? Wenn das eben dasselbe heißt wie, ich habe ihn in diesem Tonfall gehört und spreche ihn auch immer in diesen Tonfall nach, – dann bin ich mir des Tonfalls bewußt. Ich muß aber nicht wissen, daß es so etwas gibt, wie einen ‘Tonfall’, der Tonfall braucht mir nie aufgefallen zu sein, ich brauche auf ihn gelauscht zu haben. Der Begriff Tonfall mag mir ganz unbekannt sein. Die ‘Trennung’ des Tonfalls vom Satz braucht sich für mich nicht vollzogen zu haben. Ich habe also kein Sprachspiel mit dem Wort “Tonfall” gelernt.

1208 If I had heard a sentence in the same tone of voice (and heard it often), would it be correct to say that I must have been conscious of the tone of voice? If that is the same as saying that I heard it in that tone of voice and always repeat it in that tone of voice, then I am conscious of the tone of voice. But I don’t have to know that there is such a thing as a ‘tone of voice’; it never has to have occurred to me, I don’t have to have listened to it. The concept of tone of voice may be completely unfamiliar to me. The ‘separation’ of the tone of voice from the sentence doesn’t have to be complete for me. So, I haven’t learned a language-game with the word “tone of voice”.

§RPP I

313[2]

1209 Wenn das Kind die Buchstaben lernt, lernt es ja nicht, sie so und nicht anders sehen. Soll ich nun sagen, der Mensch komme später beim Wechsel des Aspekts drauf, daß er einen Buchstaben, z.B. ein R, immer in der gleichen Weise gesehen habe? – Nun, so könnte es sein, ist aber nicht so. Nein, das sagen wir nicht. Sogar, wenn Einer so etwas sagte wie, für ihn habe der Buchstabe … immer das und das Gesicht gehabt, würde er zugeben, daß er in vielen Fällen beim Anblick des Buchstabens nicht an ein Gesicht ‘gedacht’ habe.

1209 When a child learns the letters, it doesn’t learn to see them in this way and not in another. Should I then say that later, when the aspect changes, a person realizes that he has always seen a letter, e.g., an R, in the same way? Well, it could be the case, but it isn’t. No, we don’t say that. Even if someone said something like, for him, the letter has always had this and that appearance, he would admit that in many cases, when he looks at the letter, he doesn’t ‘think’ of an appearance.

§RPP I

313[3]

1210 Soll ich nun sagen: eine ‘Art des Sehens’ assoziiere sich für uns mit einem Buchstaben? Gewiß nicht; außer es heißt etwas ähnliches wie: ein Gesicht assoziiere sich mit einem Buchstaben.

1210 Should I then say: a ‘way of seeing’ is associated with a letter for us? Certainly not; unless it means something similar to: an appearance is associated with a letter.

§RPP I

313[4]

1211 Denk an den Begriff “Schreibweise”. Man kann sagen “Das ist eine interessante Schreibweise des Buchstaben …” – aber versteht also jeder, was “Schreibweise” heißt, der einen Buchstaben schreiben gelernt hat? Ich meine: Kann Einer die Schreibweise des S beachten, der garnicht weiß, daß es verschiedene Schreibweisen eines Buchstaben gibt? – Oder spiele ich hier nur mit Worten? Du darfst nur nicht einen zu engen Begriff des ‘Erlebens’ haben. Frag Dich etwa: Kann der eine Aussprache als vulgär empfinden, der etwa nie andere Beispiele vor sich hatte?

1211 Think of the concept of “handwriting”. One can say, “This is an interesting handwriting of the letter…” – but does everyone understand what “handwriting” means, who has learned to write a letter? Do I mean: can someone pay attention to the handwriting of an S, who doesn’t even know that there are different handwritings of a letter? Or am I just playing with words here? You must only not have too narrow a concept of ‘experience’. Ask yourself: can someone find an pronunciation vulgar, who has never had other examples before him?

§RPP I

313[5] &
316[1]

1212 “Diese Schrift ist mir unsympathisch.” Kann dem, der gerade lesen und schreiben lernt, eine Schrift ‘unsympathisch’ sein? – Sie kann ihn vielleicht in irgend einem Sinne abstoßen. Nur von dem hat es Sinn zu sagen, eine Schrift sei ihm unsympathisch, der sich bereits allerlei Gedanken über eine Schrift machen kann.

1212 “This script is unappealing to me.” Can a script be ‘unappealing’ to someone who is just learning to read and write? It may perhaps repel him in some sense. Only for someone who can already have all sorts of thoughts about a script does it make sense to say that a script is unappealing to him.

§RPP I

314[2]

1213 Wäre es denkbar, daß über zwei identischen Abschnitten eines Musikstücks Anweisungen stünden, die uns aufforderten, es beim ersten mal so, beim zweiten mal so zu hören, ohne daß dies auf den Vortrag irgendeinen Einfluß ausüben sollte. Es wäre etwa das Musikstück für eine Spieluhr geschrieben und die beiden gleichen Abschnitte wären in der gleichen Stärke und dem gleichen Tempo zu spielen – nur jedesmal anders aufzufassen. Nun, wenn auch ein Komponist so eine Anweisung noch nie geschrieben hat, könnte nicht ein Kritiker sie schrieben? Wäre so eine Anweisung nicht vergleichbar mit einer Überschrift der Programmusik (“Tanz der Landleute”)?

1213 Would it be conceivable that instructions could be given for two identical sections of a piece of music, instructing us to listen to it in one way the first time, and in another way the second time, without this having any influence on the performance? The piece of music could be written for a music box, and the two identical sections would be played at the same strength and tempo – only to be understood differently each time. Well, even if a composer has never written such an instruction, could not a critic write it? Wouldn’t such an instruction be comparable to a title of program music (“Dance of the Peasants”)?

§RPP I

314[3]

1214 Nur freilich, wenn ich Einem “Höre es so”, so muß er nun sagen können: “Ja, jetzt versteh ich's; jetzt hat es wirklich Sinn!” (Etwas muß einschnappen.)

1214 Only, of course, if I say to someone, “Listen to it like this,” he must now be able to say: “Yes, now I understand; now it really makes sense!” (Something must click.)

§RPP I

314[4]

1215 Welchen Begriff von der Gleichheit, Identität, haben wir? Du kennst die Verwendungen des Wortes “gleich”, wenn es sich in gleiche Farben, gleiche Klänge, gleiche Formen, gleiche Längen, gleiche Gefühle handelt, und Du entscheidest, ob nun der und der Fall in diese Familie aufgenommen werden soll, oder nicht.

1215 What concept of sameness, identity, do we have? You know the uses of the word “equal” when it involves the same colors, the same sounds, the same shapes, the same lengths, the same feelings, and you decide whether this and that case should be included in this family or not.

§RPP I

314[5]

1216 Was ist an der Idee abstoßend, daß wir den Gebrauch eines Wortes studieren, Fehler in der Beschreibung dieses Gebrauch's aufzeigen, usw.? Vor allem fragt man sich: Wie könnte das uns so wichtig sein? Es kommt drauf an, ob man ‘falsche Beschreibung’ die nennt, die nicht mit dem sanktionierten Sprachgebrauch übereinstimmt, – oder die, die nicht mit der Praxis des Beschreibenden übereinstimmt. Nur im zweiten Fall entsteht ein philosophischer Konflikt.

1216 What is so repulsive about the idea that we study the use of a word, point out errors in the description of this use, etc.? Above all, one asks: how could that be so important to us? It depends on whether one calls a ‘false description’ one that does not correspond to the sanctioned linguistic usage—or one that does not correspond to the practice of the describer. Only in the second case does a philosophical conflict arise.

§RPP I

314[6] &
315[1]

1217 Weniger abstoßend ist die Idee: wir machen uns, vom Denken z.B., ein falsches Bild. Denn hier sagt man sich: wir haben es doch mindestens mit dem Denken, nicht mit dem Worte “denken”, zu tun. Also, wir machen uns vom Denken ein falsches Bild. – Aber wovon machen wir uns ein falsches Bild; wie weiß ich, z.B., daß du Dir von dem ein falsches Bild machst, wovon auch ich mir ein falsches Bild mache? Nehmen wir an, unser Bild des Denkens wäre ein Mensch, der den Kopf in die Hand stützt und zu sich selber redet. Unsere Frage ist nicht “Ist das ein richtiges Bild?” sondern: “Wie wird dies Bild als Bild des Denkens verwendet?” Nicht: “Wir haben uns ein falsches Bild gemacht” – sondern: “Wir kennen uns im Gebrauch unseres Bildes, oder unserer Bilder, nicht aus”! Und also nicht im Gebrauch unseres Wortes.

1217 Less repulsive is the idea: we create a false image of thinking, for example. For here one says: we are dealing with thinking at least, not with the word “thinking.” So, we create a false image of thinking. – But of what do we create a false image; how do I know, for example, that you are creating a false image of that of which I also create a false image? Suppose our image of thinking is a person who rests his head in his hand and talks to himself. Our question is not “Is this a correct image?” but: “How is this image used as an image of thinking?” Not: “We have created a false image” – but: “We are not familiar with the use of our image, or our images”! And therefore not familiar with the use of our word.

§RPP I

315[2]

1218 Wohl, – aber dies Wort ist doch nur insofern interessant, als es tatsächlich für uns einen ganz bestimmten Gebrauch besitzt, also sich bereits auf eine gewisse Erscheinung bezieht! – Das ist wahr. Und das heißt: wir haben es nicht mit einer Verbesserung der grammatischen Konventionen zu tun. – Aber was heißt das: “Wir wissen Alle, auf welche Erscheinung sich das Wort ‘denken’ bezieht”? Heißt es nicht eben: wir können Alle das Sprachspiel mit dem Wort “denken” spielen? Nur erzeugt es Unklarheit, das Denken eine ‘Erscheinung’ zu nennen; und weitere Unklarheit, zu sagen “wir machen uns von dieser Erscheinung ein falsches Bild”. (“Einen falschen Begriff” könnte man schon eher sagen.)

1218 Well, – but this word is only interesting insofar as it actually has a quite specific use for us, i.e., it already refers to a certain phenomenon! – That is true. And that means: we are not dealing with an improvement of the grammatical conventions. – But what does it mean: “We all know to what phenomenon the word ‘thinking’ refers”? Does it not simply mean: we can all play the language-game with the word “thinking”? Only it creates ambiguity to call thinking a ‘phenomenon’; and further ambiguity to say “we are creating a false image of this phenomenon.” (“A false concept” one could more easily say.)

§RPP I

315[3]

1219 Haben wir es mit dem Gebrauch des Wortes “fünf” zu tun, so haben wir es, in gewissem Sinne, mit dem zu tun was dem Worte ‘entspricht’; nur ist diese Ausdrucksweise primitiv, setzt eine primitive Auffassung vom Gebrauch eines Wortes voraus.

1219 If we are dealing with the use of the word “five,” then, in a certain sense, we are dealing with what corresponds to the word; only this way of expressing it is primitive, presupposes a primitive understanding of the use of a word.

§RPP I

315[4]

1220 Ein ‘Sprachspiel’: Man läßt Einen ein Aroma, z.B. das des Kaffee's nach einer Zeichnung wählen. Man sagt ihm: “Kaffee riecht so: 🖵” und nun befiehlt man ihm diejenige Flüssigkeit zu bringen, die so riecht. – Ich nehme nun an, er brächte wirklich die richtige. Ich hätte also ein Mittel, durch etwas Zeichenartiges einem Menschen Befehle zu erteilen. ((Zusammenhang mit dem Wesen der Regel, der Technik, der Mathematik, – der reellen Zahlen z.B.)) Dies hängt auch damit zusammen: (“Die Henne ‘ruft’ die Küchlein zu sich.”)

1220 A ‘language-game’: One lets someone choose an aroma, e.g., that of coffee, according to a drawing. One says to him: “Coffee smells like this: 🖵” and now one orders him to bring the liquid that smells like that. – I now assume that he would actually bring the right one. So I would have a means of giving people commands by means of something like a sign. ((Connection with the nature of the rule, the technique, mathematics, e.g., real numbers)) This also has to do with: (“The hen ‘calls’ the chicks to her.”)

§RPP I

316[1]

1221 “Man kann das Aroma des Kaffee's nicht beschreiben.” Aber könnte man sich nicht denken, daß man's könnte? Und was muß man sich dazu vorstellen? Wer sagt “Man kann das Aroma nicht beschreiben”, den kann man fragen: “Womit willst Du's beschreiben? Mit Hilfe welcher Elemente?”

1221 “One cannot describe the aroma of coffee.” But could one not imagine that one could? And what must one imagine for that? One can ask someone who says “One cannot describe the aroma”: “With what do you want to describe it? With the help of which elements?”

§RPP I

316[2]

1222 Wir sind auf die Aufgabe garnicht gefaßt, den Gebrauch des Wortes “Denken”, z.B., zu beschreiben. (Und warum sollten wir's sein? Wozu ist so eine Beschreibung nütze?) Und die naive Vorstellung, die man sich von ihm macht, entspricht garnicht der Wirklichkeit. Wir erwarten uns eine glatte, regelmäßige Kontur, und kriegen eine zerfetzte zu sehen. Hier könnte man wirklich sagen, wir hätten uns ein falsches Bild gemacht. Es ist das beinahe, als gäbe es ein Substantiv, sagen wir “Riese”, mit Hilfe dessen man all das ausdrückt, was wir mit dem Adjektiv “groß” sagen. Das Bild, das uns beim Worte “Riese” in den Sinn käme, wäre das eines Riesen. Und nun sollte man unsere seltsame Verwendung des Wortes “groß”, mit diesem Bild vor unsern Augen, beschreiben.

1222 We are not prepared for the task of describing the use of the word “thinking,” for example. (And why should we be? What is the use of such a description?) And the naive idea that one has of it does not correspond to reality. We expect a smooth, regular contour, and we get to see a ragged one. Here one could indeed say that we have created a false image. It is almost as if there were a noun, let us say “giant,” with the help of which one expresses all that we say with the adjective “large.” The image that comes to our mind when we hear the word “giant” would be that of a giant. And now one should describe our strange use of the word “large,” with this image before our eyes.

§RPP I

316[3]

1223 Macaulay sagt, die Dichtkunst sei eine “nachahmende Kunst” und gerät natürlich sogleich in die größten Schwierigkeiten mit diesem Begriff. Er will beschreiben; aber jedes Bild, das sich ihm darbietet, ist unzutreffend, so offenbar richtig es auch auf den ersten Blick scheint; und so seltsam es auch scheint, daß man nicht sollte beschreiben können, was man so genau kennt. Hier sagt man sich: “Es muß eben so sein! – auch wenn ich nicht gleich alle Einwände beiseite schieben kann.”

1223 Macaulay says that poetry is an “imitative art,” and naturally he immediately runs into the greatest difficulties with this concept. He wants to describe it; but every image that presents itself to him is inappropriate, however obviously correct it may seem at first glance; and it seems so strange that one should not be able to describe what one knows so well. Here one says to oneself: “It must be so! – even if I cannot immediately dismiss all objections.”

§RPP I

316[4]

1224 Es wäre doch sehr wohl denkbar, daß Einer sich genau in einer Stadt auskennt, d.h., von jedem Ort der Stadt zu jedem andern mit Sicherheit den kürzesten Weg fände, – und dennoch ganz außer Stande wäre, einen Plan der Stadt zu zeichnen. Daß er, sobald er es versucht, nur gänzlich Falsches hervorbringt. (Unser Begriff vom ‘Instinkt’.)

1224 It is quite conceivable that someone knows a city well, i.e., can find the shortest route from every place in the city to every other place with certainty, – and yet is quite unable to draw a map of the city. The moment he tries, he only produces complete nonsense. (Our concept of ‘instinct’.)

§RPP I

317[1]

1225 Vor allem fehlt dem, der die Beschreibung versucht, nun jedes System. Die Systeme, die ihm in den Sinn kommen, sind unzureichend; und er scheint plötzlich sich in einer Wildnis zu befinden, statt in dem wohlangelegten Garten, den er so gut kannte. Es kommen ihm wohl Regeln in den Sinn, aber die Wirklichkeit zeigt nichts als Ausnahmen.

1225 Above all, the one who attempts the description now lacks any system. The systems that occur to him are inadequate; and he suddenly finds himself in a wilderness instead of in the well-laid-out garden that he knew so well. Rules do occur to him, but reality shows nothing but exceptions.

§RPP I

317[2]

1226 Und die Regeln des Vordergrunds machen es uns unmöglich, die Regeln im Hintergrund zu erkennen. Denn, wenn wir ihm mit dem Vordergrund zusammenhalten, sehen wir nur widerliche Ausnahmen, also Unregelmäßigkeit.

1226 And the rules of the foreground make it impossible for us to recognize the rules in the background. For if we stick to the foreground, we only see repulsive exceptions, i.e., irregularity.

§RPP I

317[3]

1227 Sagen wir, es denke jeder, der sinnvoll spricht? Z.B. der Bauende im Sprachspiel № 2? Könnten wir uns nicht das Bauen und Rufen der Wörter, etc., in einer Umgebung denken, in der wir es mit einem Denken nicht in Zusammenhang brächten? Denn “denken” ist verwandt mit “überlegen”.

1227 Let us say that everyone who speaks meaningfully thinks? E.g. the builder in language-game No. 2? Could we not imagine the building and the uttering of words, etc., in an environment in which we would not associate it with thinking? For “thinking” is related to “considering.”

§RPP I

317[4]

1228 “Eine Multiplikation mechanisch ausführen” (ob nun auf dem Papier oder im Kopfe) sagen wir wohl – – aber “sich etwas mechanisch überlegen” das enthält für uns einen Widerspruch.

1228 “To perform a multiplication mechanically” (whether on paper or in one’s head) we say – – but “to consider something mechanically” contains for us a contradiction.

§RPP I

317[5]

1229 Der Ausdruck, das Benehmen, des Überlegens. Wovon sagen wir: Es überlege sich etwas? Vom Menschen, manchmal vom Tier. (Nicht vom Baum, oder vom Stein.) Ein Zeichen des Überlegens ist ein Zögern im Handeln. (Köhler.) (Nicht jedes Zögern.)

1229 The expression, the behaviour, of considering. Of what do we say: It is considering something? Of the human being, sometimes of the animal. (Not of the tree, or the stone.) A sign of considering is a hesitation in action. (Köhler.) (Not every hesitation.)

§RPP I

317[6]

1230 Denke vom ‘Überlegen’ an das ‘Versuchen’. An das ‘Untersuchen’, an den Ausdruck des Staunens; des Mißlingens und Gelingens.

1230 Thinking of ‘considering’ leads to ‘trying’. To ‘investigating’, to the expression of wonder; of failure and success.

§RPP I

317[7]

1231 Was muß der Mensch nicht alles tun, damit wir sagen, er denke!

1231 What does a human being not have to do, so that we say he thinks!

§RPP I

317[8]

1232 Er kann nicht wissen, ob ich denke, aber ich weiß es. Was weiß ich? Daß das, was ich jetzt tue, denken ist? Und womit vergleich ich's, um das zu wissen? Und kann ich mich darin nicht irren? Also bleibt nur übrig: ich wisse, daß ich tue, was ich tue. –

1232 He cannot know whether I am thinking, but I know it. What do I know? That what I am doing now is thinking? And with what do I compare it, in order to know this? And cannot I be mistaken about it? So all that remains is: I know that I am doing what I am doing.

§RPP I

318[1]

1233 Aber es hat doch Sinn, zu sagen “Er weiß nicht, was ich dachte, denn ich habe es ihm nicht gesagt”! Ist ein Gedanke auch dann ‘privat’, wenn ich ihn laut im Selbstgespr äußere, wenn mich niemand hört? “Meine Gedanken kenne nur ich allein.” Das heißt doch ungefähr: “Ich kann sie beschreiben, ausdrücken, wenn ich will.”

1233 But it does make sense to say “He doesn’t know what I was thinking, because I didn’t tell him”! Is a thought also ‘private’ when I express it aloud in a soliloquy, when no one is listening? “Only I know my thoughts.” That means something like: “I can describe them, express them, if I want to.”

§RPP I

318[2]

1234 “Meine Gedanken kenne nur ich allein.” – Woher weißt Du das? Erfahrung hat es Dich nicht gelehrt. – Was teilst Du uns dadurch mit? – Du mußt Dich schlecht ausdrücken. “Nicht doch! Ich denke mir jetzt etwas; sag mir, was es ist!” So war es also doch ein Erfahrungssatz? Nein; denn sagte ich Dir, was Du Dir denkst, so hätte ich's doch nur erraten. Ob ich's richtig erraten habe, wie läßt sich das entscheiden? Durch Dein Wort, und gewisse Umstände: Also vergleiche ich dieses Sprachspiel mit einem andern, bei welchem die Mittel der Entscheidung (Verifikation) anders aussehen.

1234 “Only I know my thoughts.” – How do you know that? Experience has not taught you this. – What are you telling us by this? – You must be expressing yourself badly. “No! I am thinking something now; tell me what it is!” So it was after all an experiential proposition? No; for if I told you what you are thinking, I would only be guessing. How can it be decided whether I have guessed correctly? By your word, and certain circumstances: so I compare this language-game with another, in which the means of decision (verification) are different.

§RPP I

318[3]

1235 “Ich kann hier nicht‥‥” – Wo kann ich denn? In einem andern Spiel. (Ich kann hier – im Tennis nämlich – den Ball nicht durch's Tor schießen.)

1235 “I cannot do it here…” – Where can I do it? In another game. (I cannot shoot the ball through the goal in tennis.)

§RPP I

318[4] &
319[1]

1236 Aber ist nicht ein Zusammenhang zwischen dem grammatischen ‘privat sein’ der Gedanken und der Tatsache, daß wir im allgemeinen die Gedanken des Andern nicht erraten können, ehe er sie ausspricht. Es gibt doch ein Gedankenerraten in dem Sinne, daß Einer mir sagt: “Ich weiß, was Du jetzt gedacht hast” (oder “woran Du jetzt gedacht hast”) und ich zugeben muß, er habe meine Gedanken richtig erraten. Und dies kommt doch tatsächlich sehr selten vor. Ich sitze oft, ohne zu reden, mehrere Minuten lang in meiner Klasse, und Gedanken gehen mir durch den Kopf; aber keiner meiner Hörer könnte wohl erraten, was ich bei mir gedacht habe. Es wäre aber doch auch möglich, daß sie Einer erriete und aufschriebe, so als hätte ich sie ausgesprochen. Und zeigte er mir das Geschriebene, so müßte ich sagen “Ja, ganz das habe ich mir gedacht.” – Und hier wäre z.B. die Frage unentscheidbar: ob ich mich auch nicht irre; ob ich wirklich das gedacht hatte, oder nur, von seiner Niederschrift beeinflußt, mir nun fest einbilde, gerade dies gedacht zu haben. Und das Wort “unentscheidbar” gehört zur Beschreibung des Sprachspiels.

1236 But isn't there a connection between the grammatical ‘being private’ of thoughts and the fact that, in general, we cannot guess another's thoughts before he expresses them? There is, after all, a kind of guessing of thoughts in the sense that one says to me, “I know what you were thinking now” (or “what you were thinking about right now”), and I have to admit that he has correctly guessed my thoughts. And this actually happens very rarely. I often sit in my class, without speaking, for several minutes, and thoughts go through my head; but none of my students could probably guess what I was thinking. But it would also be possible for them to guess and write it down, as if I had expressed it. And if he showed me what he wrote, I would have to say, “Yes, that is exactly what I was thinking.” – And here, for example, the question would be undecidable: whether I am not also mistaken; whether I really had that thought, or only, influenced by his writing, now firmly imagine that I had that thought. And the word “undecidable” belongs to the description of the language-game.

§RPP I

319[2]

1237 Und wäre nicht auch dies denkbar: Ich sage Einem “Du hast Dir jetzt gedacht ‥‥” – Er verneint es. Aber ich bleibe fest bei meiner Behauptung, und endlich sagt er: “Ich glaube, Du hast recht; ich werde mir das gedacht haben; mein Gedächtnis wird mich täuschen.” Und denke nun, daß dies ein ganz gewöhnliches Vorkommnis wäre!

1237 And wouldn't it also be conceivable that: I say to someone, “You were just thinking…,” – he denies it. But I insist on my assertion, and finally he says, “I believe you are right; I must have been thinking that; my memory is deceiving me.” And suppose this were a quite ordinary occurrence!

§RPP I

319[3]

1238 “Gedanken und Gefühle sind privat” heißt ungefähr das gleiche wie “Es gibt Verstellung”, oder “Man kann seine Gedanken und Gefühle verschweigen; ja lügen und sich verstellen”. Und es ist die Frage, was dieses “Es gibt” und “Man kann” bedeutet.

1238 “Thoughts and feelings are private” means approximately the same as “There is pretense,” or “One can conceal one's thoughts and feelings; yes, lie and pretend.” And it is the question of what this “There is” and “One can” means.

§RPP I

319[4]

1239 Unter welchen Umständen, bei welchen Anlässen, sagt man denn: “Meine Gedanken kenne nur ich”? – Wenn man auch hätte sagen könnte: “Meine Gedanken werde ich Dir nicht sagen”, oder “Meine Gedanken halte ich geheim”, oder “Meine Gedanken könnt Ihr nicht erraten”.

1239 Under what circumstances, on what occasions, does one say, “Only I know my thoughts”? – When one could also say, “I will not tell you my thoughts,” or “I keep my thoughts secret,” or “You cannot guess my thoughts.”

§RPP I

319[5]

1240 Wovon sagt man denn, man kenne es? und in wiefern kenne ich meine Gedanken? Sagt man nicht von dem, man kenne es, was man richtig beschreiben kann? Und kann man das von den eigenen Gedanken sagen? Wenn Einer die Worte die “Beschreibung” des Gedankens nennen will, statt den “Ausdruck” des Gedankens, frage er sich, wie man einen Tisch beschreiben lernt. Und das heißt nur: er sehe zu, wie man die Beschreibung eines Tisches, und wie man die Beschreibung der Gedanken als richtig oder falsch beurteilt; er möge also diese Sprachspiele in allen ihren Situationen ins Auge fassen.

1240 About what does one say that one knows it? and in what sense do I know my thoughts? Doesn't one say of something that one knows it, that one can describe it correctly? And can one say that of one's own thoughts? If someone wants to call the words the “description” of the thought, instead of the “expression” of the thought, let him ask himself how one learns to describe a table. And that means only: one looks at how one describes a table, and how one judges the description of a table, and the description of thoughts, as correct or incorrect; let him consider these language-games in all their situations.

§RPP I

319[6]

1241 “Die Tatsache ist doch, daß der Mensch nur seine eigenen Gedanken kennt.” (“Die Tatsache ist doch, daß von meinem eigenen Denken nur ich weiß.”) “Und auch ich nicht” könnte man sagen.

1241 “The fact is that man knows only his own thoughts.” (“The fact is that only I know my own thinking.”) “And not even I” one could say.

§RPP I

320[1]

1242 “Dem Menschen hat es die Natur gegeben, daß er im Geheimen denken kann.” Denk Dir man sagt: “Die Natur hat es dem Menschen gegeben, daß er hörbar, aber auch unhörbar, in seinem Geiste, reden kann.” Er kann also, heißt das, dasselbe auf zwei Arten tun. (Als könnte er sichtbar verdauen und unsichtbar verdauen.) Nur ist beim Reden im Geiste das Reden besser verborgen, als ein Vorgang im Innern des Körpers sein kann. – Wie wäre es aber, wenn ich redete und alle Andern taub wären? Wäre da mein Reden nicht ebensogut verborgen? “Im tiefsten Geheimnis des Geistes geht etwas vor sich.”

1242 “Nature has given man the ability to think in secret.” Imagine one says, “Nature has given man the ability to speak audibly, but also inaudibly, in his mind.” So he can, that is, do the same thing in two ways. (As if he could digest visibly and invisibly.) Only, in speaking in one's mind, the speaking is better concealed than a process in the interior of the body can be. – But how would it be if I spoke and everyone else were deaf? Wouldn't my speaking be just as well concealed? “Something is going on in the deepest secret of the mind.”

§RPP I

320[2]

1243 Wer mir sagt, was er gedacht hat, – hat mir der wirklich gesagt: was er gedacht hat? Mußte nicht das eigentliche geistige Ereignis unbeschrieben bleiben? – – War nicht er das Geheime, – wovon ich in der Rede dem Andern nur ein Bild gebe?

1243 If someone tells me what he has thought, – has he really told me what he thought? Didn’t the actual mental event have to remain undescribed? – – Wasn’t he the secret, of which I only give the other person a picture in my speech?

§RPP I

320[3]

1244 Wenn ich Einem sage, was ich denke, – kenne ich da meinen Gedanken besser, als meine Worte ihn darstellen? Ist es, als kennte ich einen Körper und zeigte dem Andern nur eine Photographie?

1244 When I tell someone what I think, do I then know my thought better than my words represent it? Is it as if I know a body & only show the other person a photograph?

§RPP I

320[4]

1245 “Dem Menschen ist es gegeben in voller Abgeschlossenheit mit sich selbst zu reden; in einer Absonderung, die weit vollkommener ist, als die eines Einsiedlers.” Wie weiß ich, daß dem N. dies gegeben ist? – Weil er's sagt und zuverlässig ist? – Und doch sagen wir: “Ich wüßte gerne, was er jetzt bei sich denkt”; ganz so, wie wir sagen könnten: “Ich wüßte gerne, was er jetzt in sein Notizbuch schreibt”. Ja, man könnte eben das sagen und es, sozusagen, als selbstverständlich ansehen, daß er bei sich das denkt, was er ins Notizbuch einträgt.

1245 “Man is given to converse in complete solitude with himself; in a seclusion that is far more perfect than that of a hermit.” How do I know that this is given to N.? – Because he says so and is reliable? – And yet we say: “I would like to know what he is thinking right now”; just as we might say: “I would like to know what he is writing in his notebook right now.” Yes, one could indeed say that and, as it were, take it for granted that he is thinking what he writes in his notebook.

§RPP I

320[5]

1246 Würden nun Leute, die regelmäßig – etwa durch Beobachten des Kehlkopfs eines Menschen – seine Gedanken ‘lesen’ könnten, – würden die auch von der gänzlichen Einsamkeit des Geistes mit sich selbst zu sprechen geneigt sein? – Oder: Wären auch sie geneigt, das Bild von der ‘gänzlichen Angeschlossenheit’ zu gebrauchen?

1246 Would people who could ‘read’ thoughts – regularly, for example, by observing a person's larynx – also be inclined to talk about the complete solitude of the mind in conversing with itself? – Or would they also be inclined to use the image of ‘complete detachment’?

§RPP I

321[1]

1247 “Ich möchte wissen, worauf er sinnt!” Aber nun stell Dir diese – scheinbare irrelevante – Frage: “Was ist daran überhaupt Interessantes, was ‘in ihm’, in seinem Geiste, vorgeht – angenommen, daß etwas vorgeht?” (Hol's der Teufel, was in ihm vorgeht!)

1247 “I would like to know what he is thinking!” But now consider this – seemingly irrelevant – question: “What is it that is actually interesting about what is going on ‘in him,’ in his mind – assuming that something is going on?” (The devil knows what is going on in him!)

§RPP I

321[2]

1248 Der Vergleich des Denkens mit einem Vorgang in der Verborgenheit ist, in der Philosophie, irreführend. So irreführend etwa, wie der Vergleich des Suchens nach dem treffenden Ausdruck mit den Bemühungen dessen, der eine nur ihm sichtbare Linie genau nachzeichnen will.

1248 The comparison of thinking with a process taking place in secret is misleading in philosophy. So misleading as, for example, the comparison of searching for the appropriate expression with the efforts of someone who wants to trace a line that is only visible to him.

§RPP I

321[3]

1249 Was uns verwirrt, ist, daß die Gedanken des Andern zu kennen, von einer Seite besehen, logisch unmöglich, und von einer andern gesehen, psychologisch und physiologisch unmöglich ist.

1249 What confuses us is that knowing the thoughts of another is, from one point of view, logically impossible, and, from another point of view, psychologically and physiologically impossible.

§RPP I

321[4]

1250 Ist es nun richtig, zu sagen: daß diese beiden ‘Unmöglichkeiten’ so miteinander zusammenhängen, daß die psychologische Unmöglichkeit (hier) das Bild liefert das uns (dann) zum Abzeichnen des Begriffs ‘denken’ wird?

1250 Is it correct to say that these two ‘impossibilities’ are so connected that the psychological impossibility (here) provides the image that (then) leads us to delineate the concept of ‘thinking’?

§RPP I

321[5]

1251 Man kann nicht sagen: das Schreiben in's Notizbuch, oder das monologische Sprechen, sei dem Stummen Denken ‘ähnlich’; wohl aber kann der eine Vorgang den andern (das Rechnen im Kopf das schriftliche Rechnen, z.B.) für gewisse Zwecke ersetzen.

1251 One cannot say that writing in a notebook, or monological speech, is ‘similar’ to silent thinking; but one process can, for certain purposes, replace the other (calculating in one's head can replace written calculation, for example).

§RPP I

321[6]

1252 Könnte es Leute geben, die beim Denken immer zu sich selbst murmeln, deren Denken also für Andere zugänglich ist? – “Ja, aber wir könnten doch nicht wissen, ob sie nicht, außerdem, stumm bei sich selber denken!” – Könnte es denn aber nicht sein, daß dies anzunehmen, ebenso sinnlos wäre, wie anzunehmen, die Haare dieser Leute dächten, oder ein Stein dächte? Müßten wir, heißt das, wenn dies so wäre, auch nur auf den Gedanken kommen, Einer dächte, hätte Gedanken, in seinem Geist verborgen?

1252 Could there be people who always mutter to themselves while thinking, so that their thinking is thus accessible to others? – “Yes, but we could not know whether they are not, in addition, silently thinking to themselves!” – But couldn’t it also be that assuming this is just as senseless as assuming that the hair of these people is thinking, or that a stone is thinking? Does that mean that, if this were the case, we would only have to consider that someone is thinking, has thoughts, hidden in his mind?

§RPP I

321[7]

1253 “Ich weiß nicht, was Du Dir denkst. Sag, was Du Dir denkst!” – Das heißt etwa: “Rede!”

1253 “I don't know what you are thinking. Tell me what you are thinking!” – That is, roughly: “Speak!”

§RPP I

322[1]

1254 Ist es also irreführend, von der Seele des Menschen, oder von seinem Geist zu reden? So wenig, daß es ganz verständlich ist, wenn ich sage: “Meine Seele ist müde, nicht bloß mein Verstand.” Aber sagst Du nicht doch, daß alles, was man durch das Wort “Seele” ausdrücken kann, irgendwie auch durch Worte für Körperliches sich ausdrücken läßt? Ich sage es nicht. Aber wenn es auch so wäre, – was würde es besagen? Die Worte, so wie auch das, worauf wir bei ihrer Erklärung weisen, sind ja nur die Instrumente, und nun kommt's auf ihren Gebrauch an.

1254 Is it therefore misleading to talk about the soul of a person, or about his mind? So little, that it is quite understandable when I say: “My soul is tired, not just my intellect.” But don't you also say that everything that can be expressed by the word “soul” can somehow also be expressed by words for the physical? I don't say it. But even if that were the case, what would it imply? The words, as well as what we point to in their explanation, are only the instruments, and now it depends on their use.

§RPP I

322[2]

1255 Unsere Kenntnis vieler Sprachen läßt uns die Philosophie, die in den Formen einer jeden niedergelegt sind, nicht recht ernst nehmen. Dabei sind wir aber blind dafür, daß wir (selbst) starke Vorurteile für, wie gegen, gewisse Ausdrucksformen haben; daß eben auch diese Übereinanderlagerung mehrerer Sprachen für uns ein bestimmtes Bild ergibt. Daß wir, sozusagen, nicht beliebig die eine Form durch eine andere überdecken.

1255 Our knowledge of many languages does not allow us to take the philosophy that is contained in the forms of each language very seriously. However, we are blind to the fact that we (ourselves) have strong prejudices for and against certain forms of expression; that this very juxtaposition of several languages also gives us a certain picture. That we, as it were, cannot arbitrarily overlay one form with another.

§RPP I

322[3] &
323[1]

1256 Du mußt bedenken, daß es ein Sprachspiel geben kann, ‘eine Reihe von Ziffern fortsetzen’, in dem keine Regel, kein Regelausdruck je gegeben wird, sondern das Lernen nur durch Beispiele geschieht. So daß die Idee eine Rechtfertigung durch ein Bild, das uns zwingt, so vorzugehen, diesen Leuten ganz fremd wäre.

1256 You must consider that there might be a language-game, ‘continuing a series of numbers,’ in which no rule, no rule expression, is ever given, but learning takes place only through examples. So that the idea of a justification through a picture, which forces us to proceed in this way, would be completely foreign to these people.

§RPP I

323[2]

1257 Beispiel von den Namen, die nur in Begleitung ihrer Träger Bedeutung haben, d.h. nur so verwendet werden. Sie dienen also nur zur Vermeidung des steten Zeigens. Das Beispiel, das mir immer wieder vorschwebt, ist die Bezeichnung von Linien, Punkten, Winkeln, in geometrischen Figuren, mit A, B, C, … a, b, … etc.

1257 Consider the example of names that only have meaning in conjunction with their bearers, i.e., only when used in that way. They therefore serve only to avoid constantly pointing. The example that constantly occurs to me is the designation of lines, points, and angles in geometric figures with A, B, C, … a, b, … etc.

§RPP I

323[3]

1258 Beim Lesen: Sehen des Wortbilds: “Ich habe das Wort flüchtig gesehen” – das ist ein besonderes Erlebnis, läßt sich nicht durch einen Film darstellen.

1258 When reading: seeing the word image: “I saw the word in passing” – this is a special experience and cannot be represented by a film.

§RPP I

323[4]

1259 Denk Dir eine Geisteskrankheit, in welcher man Namen nur in Anwesenheit ihrer Träger gebrauchen und verstehen kann.

1259 Imagine a mental illness in which one can only use and understand names in the presence of their bearers.

§RPP I

323[5]

1260 Es könnte von Zeichen ein Gebrauch gemacht werden solcher Art, daß die Zeichen nutzlos werden (daß man sie vielleicht vernichtete), sobald der Träger aufhörte zu existieren. In diesem Sprachspiel müßte sozusagen der Name den Gegenstand an einer Schnur haben; und hört der Gegenstand auf zu existieren, so kann man den Namen, der mit ihm zusammen gearbeitet hat, wegwerfen.

1260 The use of signs could be of such a kind that the signs become useless (perhaps they are destroyed) as soon as the bearer ceases to exist. In this language-game, the name would, as it were, have the object tied to it with a string; and when the object ceases to exist, one can throw away the name that was associated with it.

§RPP I

323[6] &
324[1]

1261 “Ich beabsichtige dorthin zu gehen”: Beschreibung eines Seelenzustands, oder Äußerung? – Wenn man sich ein Modell der Seele vorstellt, so könnte der Satz eine Beschreibung des Modells im gegenwärtigen Zustand sein. Der Mensch schaut seine Seele an und sagt: ‥‥‥ Ist es ein gutes, oder ein schlechtes Modell? – wie wäre das zu entscheiden? Die Frage ist: Wie würde es als Zeichen verwendet?

1261 “I intend to go there”: description of a state of mind, or utterance? – If one imagines a model of the mind, then the sentence could be a description of the model in its current state. The person looks at their mind & says: ‥‥‥ Is it a good, or a bad model? – how would one decide that? The question is: how would it be used as a sign?

§RPP I

324[2]

1262 “Ich beabsichtige ‥‥” könnte man als Aussage verwenden: “Ich tue etwas, was dieser Absicht gemäß ist” z.B.: ich packe für die Reise, bereite mich so oder so, durch Überlegungen oder Handlungen, auf die Reise vor. So könnte man ein Verbum verwenden. Etwa entsprechend dem Ausdruck “Ich handle in der Absicht ‥‥”

1262 “I intend to ‥‥” could be used as a statement: “I am doing something that is in accordance with this intention,” e.g.: I am packing for the trip, preparing myself in one way or another, through considerations or actions, for the trip. This is how one could use a verb. Something similar to the expression “I act with the intention ‥‥”

§RPP I

324[3]

1263 Beschreibung meiner Seelenzustände: des Wechsels von Furcht und Hoffnung z.B. “Am Vormittag war ich voller Hoffnung, dann ‥․” Jeder würde das eine Beschreibung nennen. Aber es ist charakteristisch dafür, daß dieser Beschreibung parallel eine meines Benehmens gehen könnte.

1263 Description of my states of mind: the change from fear to hope, for example: “In the morning I was full of hope, then ‥․” Everyone would call this a description. But it is characteristic that there could be a parallel description of my behaviour.

§RPP I

324[4]

1264 Vergleiche den Ausdruck der Furcht und Hoffnung mit dem des ‘Glaubens’, das und das werde geschehen. – Man nennt darum auch Hoffnung und Furcht “Gemütsbewegungen”, den Glauben (oder das Glauben) aber nicht.

1264 Compare the expression of fear and hope with that of ‘belief,’ that this and that will happen. – This is why hope and fear are also called “emotions,” but belief (or believing) is not.

§RPP I

325[1]

1265 Wenn ich sage: “Die Absicht, es zu tun, wurde von Stunde zu Stunde stärker” – dies wird man Beschreibung nennen. Aber dann doch auch dies: “Ich beabsichtigte die ganze Zeit ‥․” Vergleiche nun “Ich glaubte die ganze Zeit an's Gravitationsgesetz” mit “Ich glaubte die ganze Zeit, ein leises Flüstern zu hören”. Im ersten Fall ist “Glauben” ähnlich verwendet, wie “Wissen”. (‘Hätte man mich gefragt, so hätte ich gesagt ‥‥’). Im zweiten Fall haben wir eine Tätigkeit, ein Vermuten, Lauschen, Zweifeln, etc. Und bezeichnet auch “glauben” nicht diese Tätigkeit, so ist es doch sie, die uns sagen läßt, wir beschrieben hier einen Seelenzustand oder eine seelische Tätigkeit. – Wir könnten das auch so sagen: Wir machen uns ein Bild des Menschen, der die ganze Zeit glaubt, ein leises Geräusch zu hören. Aber nicht eines des Menschen, der an die Richtigkeit des Gravitationsgesetzes glaubt.

1265 If I say: “The intention to do it grew stronger from hour to hour” – this one would call a description. But then also this: “I intended it all along ‥․” Now compare “I believed in the law of gravity all along” with “I believed all along that I was hearing a faint whisper.” In the first case, “believing” is used similarly to “knowing.” (‘If one had asked me, I would have said ‥‥’). In the second case, we have an activity, a conjecturing, listening, doubting, etc. And even if “believing” does not denote this activity, it is nevertheless it that makes us say that we are describing here a state of mind or a mental activity. – We could also put it this way: We form a picture of the person who believes all along that he is hearing a faint sound. But not of the person who believes in the correctness of the law of gravity.

§RPP I

325[2]

1266 Ich beabsichtige (könnte man sagen) heißt nicht: “Ich bin dabei, zu beabsichtigen”, oder “Ich bin beim Beabsichtigen” (wie man sagt, ich bin beim Zeitunglesen). Wohl aber: “Ich bin dabei, meine Reise zu planen” etc. Wir haben kein einzelnes Verbum, könnten es aber haben (und vielleicht existiert es wirklich in einer wenig bekannten Sprache), das ausdrückt; “handeln mit der Absicht, das und das zu tun” .

1266 I intend (one might say) does not mean: “I am in the process of intending,” or “I am intending” (as one says, I am in the process of reading the newspaper). Rather: “I am in the process of planning my trip,” etc. We do not have a single verb for this, but we could have one (and perhaps it really exists in a little-known language) that expresses: “acting with the intention to do this and that.”

§RPP I

326[1]

1267 “Ich beabsichtige ‥‥” ist nie eine Beschreibung, aber unter gewissen Umständen läßt sich eine Beschreibung daraus entnehmen.

1267 “I intend to…” is never a description, but under certain circumstances, a description can be derived from it.

§RPP I

326[2]

1268 Zu sich selbst reden. “Was geschieht da?” Falsche Frage! Nicht nur kann man nicht sagen, was geschieht – auch nicht: man wisse nicht, was geschieht – auch nicht, man wisse nur das und das darüber! Aber auch das ist falsch zu sagen: Es ist eben ein spezifischer Vorgang, der sich mit nichts beschreiben läßt, als eben mit diesen Worten. – Die Begriffe ‘Beschreibung’ und ‘Bericht’. Man sagt: Einer berichtet, er habe zu sich selbst gesagt ‥‥․ In wie fern ist das zu vergleichen dem ‘Bericht’, er habe z.B. gesagt ‥‥? Vergegenwärtigen wir uns, daß Beschreiben ein sehr spezielles Sprachspiel ist. – Wir müssen diese harte Unterlage unserer Begriffe umgraben.

1268 Talking to oneself. “What is happening here?” Wrong question! Not only can one not say what is happening, but also: one does not know what is happening, or one knows only this and that about it! But it is also wrong to say: It is simply a specific process that cannot be described with anything other than these words. – The concepts of ‘description’ and ‘report’. One says: Someone reports that he said to himself… In what way is this comparable to the ‘report’ that he said, for example…? Let us realize that describing is a very specific language-game. – We must dig up this hard foundation of our concepts.

§RPP I

326[3]

1269 Begriffe können einen Unfug erleichtern, oder erschweren; begünstigen, oder hemmen.

1269 Concepts can either facilitate or hinder nonsense; favor or inhibit it.

§RPP I

326[4]

1270 Es ist ganz richtig: man kann sich nicht eine Erklärung vom ‘rot’, oder ‘Farbe’ vorstellen. Aber nicht, weil das Erlebte etwas Spezifisches ist, sondern weil das Sprachspiel es ist.

1270 It is perfectly correct: one cannot imagine an explanation of ‘red’ or ‘color’. But not because the experienced thing is something specific, but because it is the language-game.

§RPP I

326[5] &
327[1]

1271 “Man kann einem Menschen nicht erklären, was Rot ist.” – Wenn man es nun dennoch könnte, – ist es dann nicht, was wir “rot” nennen? Denken wir uns Menschen, die eine Zwischenfarbe, von Rot und Gelb z.B., durch eine Art binären Dezimalbruch so ausdrücken: R,LLRL u. dergl., wo auf der rechten Seite z.B. Gelb steht, auf der linken Rot. – Diese Leute lernen schon im Kindergarten, Farbtöne in dieser Weise beschreiben, nach solchen Beschreibungen Farben auswählen, zu mischen, etc. Sie verhielten sich zu uns ungefähr, wie Leute mit absolutem Gehör zu Leuten, denen dies fehlt. Sie könnten tun, was wir nicht können.

1271 “One cannot explain to a person what red is.” – If one could, wouldn’t it then be what we call “red”? Let us imagine people who express an intermediate color, between red and yellow, for example, through a kind of binary decimal fraction like this: R,LLRL, etc., where yellow is on the right side, and red on the left. – These people already learn in kindergarten to describe color tones in this way, to select colors according to these descriptions, to mix them, etc. Their behavior toward us would be approximately the same as that of people with perfect pitch toward people who lack it. They could do what we cannot do.

§RPP I

327[2]

1272 Und hier möchte man sagen: “Ist das denn aber auch vorstellbar? Ja, das Benehmen wohl! aber auch der innere Vorgang, das Farberlebnis?” Und was man auf so eine Frage sagen soll, ist schwer zu sehen. Hätten die, die kein absolutes Gehör haben, vermuten können, es müsse auch Leute mit absolutem Gehör geben?

1272 And here one would like to say: “Is that imaginable? Yes, the behavior probably! But also the inner process, the color experience?” And what one should say in response to such a question is difficult to see. Could those who do not have perfect pitch have suspected that there might also be people with perfect pitch?

§RPP I

327[3] &
328[1]

1273 Wenn Einer sagte “Rot ist zusammengesetzt” – so könnten wir nicht erraten, worauf er damit anspielt, was er mit diesem Satz wird anfangen wollen. Sagt er aber: “Dieser Sessel ist zusammengesetzt”, so mögen wir zwar nicht gleich wissen, von welcher Zusammensetzung er spricht, können aber gleich an mehr als einen Sinn für seine Aussage denken. Was für eine Art von Faktum ist nun dies, worauf ich aufmerksam machte? Jedenfalls ist es ein wichtiges Faktum. – Uns ist keine Technik geläufig, auf die dieser Satz anspielen könnte.

1273 If someone said, “Red is composite,” we could not guess what he is alluding to, what he intends to do with this sentence. But if he says: “This armchair is composite,” we may not immediately know what kind of composition he is talking about, but we can immediately think of more than one sense for his statement. What kind of fact is this that I have pointed out? In any case, it is an important fact. – We are not familiar with any technique to which this sentence could refer.

§RPP I

328[2]

1274 Wir beschreiben hier ein Sprachspiel, welches wir nicht lernen können.

1274 We are describing here a language-game that we cannot learn.

§RPP I

328[3]

1275 “Dann muß etwas ganz anderes in ihm vorgehen, etwas, was wir nicht kennen.” – Das zeigt uns, wonach wir bestimmen, ob ‘im Andern’ etwas anderes als, oder dasselbe wie, in uns stattfindet. Das zeigt uns, wonach wir die inneren Vorgänge beurteilen.

1275 “Then something completely different must be going on in him, something we do not know.” – This shows us what we determine when we ask whether something different or the same as in us is taking place in the other. This shows us what we judge the inner processes by.

§RPP I

328[4]

1276 “Rot ist nicht zusammengesetzt” – und was ist Rot?! – Da möchten wir einfach auf etwas Rotes zeigen; und wir vergessen, daß, wenn jene Aussage einen Sinn haben soll, uns mehr gegeben sein muß, als die hinweisende Definition. Wir verstehen noch garnicht, was der Sinn eines Satzes von der Form “X ist nicht zusammengesetzt” ist, wenn für X ein Wort gesetzt wird, welches den Gebrauch unserer Farbwörter hat.

1276 “Red is not composite” – and what is red?! – We simply want to point to something red; and we forget that, if that statement is to have any sense, we must be given more than just the ostensive definition. We do not yet understand what the sense of a sentence of the form “X is not composite” is, if a word is substituted for X that has the use of our color words.

§RPP I

328[5]

1277 Es ist Tatsache: “Rot” wird einem nicht durch Worte ohne Bezug auf ein Farbmuster erklärt. Sollte das nicht wichtig sein?

1277 It is a fact: “Red” is not explained to one through words without reference to a color sample. Shouldn’t that be important?

§RPP I

328[6] &
329[1]

1278 “Wie könnte man Rot Einem erklären wollen, da es doch ein bestimmter Sinneseindruck ist, und nur der ihn kennt, der ihn hat (oder gehabt hat) – und erklären nur heißen kann: ihn im Andern erzeugen!” –

1278 “How could one explain red to someone, since it is a specific sense impression, and only the one who has it (or has had it) knows it – and to explain can only mean: to produce it in the other!” –

§RPP I

329[2]

1279 “Wer absolutes Gehör hat, muß ein anderes Tonerlebnis haben, als ich.” – Und Jeder, der absolutes Gehör hat, das gleiche? Und wenn das nicht, – warum muß es ein anderes sein, als das meine?

1279 “Whoever has absolute pitch must have a different tonal experience than I do.” – And does everyone who has absolute pitch have the same experience? And if not, why must it be different from mine?

§RPP I

329[3]

1280 Denk Dir, um Einem ‘Rot’ zu erklären, zeigen wir ihm ein etwas Rötliches Schwarzbraun, und sagen: “Diese Farbe besteht aus Gelb (wir zeigen reines Gelb), Schwarz (wir zeigen es) und noch einer Farbe, die “rot” heißt. Darauf sei er nun imstande, aus einer Anzahl von Farbmustern das reine Rot auszuwählen.

1280 Imagine, in order to explain ‘red’ to someone, we show him a somewhat reddish brownish black, and say: “This color consists of yellow (we show pure yellow), black (we show it), and another color that is called ‘red’.” Let him now be able to select pure red from a number of color samples.

§RPP I

329[4]

1281 Und merke wohl: man zeigt nicht auf Rot, sondern etwas Rotes. d.h. natürlich: der Begriff ‘Rot’ ist durch's Zeigen nicht bestimmt, und es ist nicht nur möglich “Rot” nun als Namen einer Form, z.B. zu deuten, sondern auch als Begriffswort, das einem Farbwort viel näher steht.

1281 And note well: one does not point to red, but to something red. That is, of course: the concept ‘red’ is not determined by pointing, and it is not only possible to interpret “red” as the name of a form, for example, but also as a concept word that is much closer to a color word.

§RPP I

329[5]

1282 Die Verwendung eines Wortes ist nicht: etwas zu bezeichnen.

1282 The use of a word is not: to designate something.

§RPP I

329[6]

1283 Kannst Du Dir vorstellen, was der rot-grün Blinde sieht? Kannst Du das Bild des Zimmers malen, wie er es sieht?

1283 Can you imagine what the red-green blind person sees? Can you paint the picture of the room as he sees it?

§RPP I

329[7] &
330[1]

1284 “Wer alles nur grau, schwarz und weiß sähe, dem müßte etwas gegeben werden, damit er wüßte, was Rot, Grün, etc. ist.” Und was müßte ihm gegeben werden? Nun, die Farben. Also z.B. dies, und dies, und dies. (Denk Dir, z.B., daß farbige Vorbilder in sein Gehirn eingeführt werden müßten, zu den bloß grauen und schwarzen.) Aber müßte das geschehen als Mittel zum Zweck des künftigen Handelns? Oder schließt eben dies Handeln diese Vorbilder ein? Will ich sagen: “Es müßte ihm etwas gegeben werden, denn es ist klar, er könnte sonst nicht ‥‥” – oder: Sein sehendes Benehmen enthält neue Bestandteile? Auch: was würden wir eine “Erklärung des Sehens” nennen? Soll man sagen: Nun, Du weißt doch sonst, was “Erklärung” heißt; verwende diesen Begriff also auch hier!

1284 “Whoever saw everything only in gray, black, and white would have to be given something so that he would know what red, green, etc., is.” And what would have to be given to him? Well, the colors. So, for example, this, and this, and this. (Imagine, for example, that colored models had to be introduced into his brain, next to the merely gray and black ones.) But must this happen as a means to the end of future action? Or does this very action include these models? Do I want to say: “Something would have to be given to him, because it is clear that otherwise he could not ‥‥” – or: His seeing behaviour contains new components? Also: what would we call an “explanation of seeing”? Should one say: Well, you know what “explanation” means; so use this concept here as well!

§RPP I

330[2]

1285 Kann ich sagen: “Schau es an! so wirst Du sehen, daß es sich nicht erklären läßt.” – Oder: “Trinke die Farbe Rot ein, so wirst Du sehen, daß nicht durch etwas anderes darzustellen ist!” – – Und wenn der Andere nun mir beistimmt, zeigt es, daß er dasselbe eingetrunken hat, wie ich? – Und was bedeutet nun unsere Geneigtheit, dies zu sagen? Rot erscheint uns isoliert dazustehen. Warum? Was ist dieser Schein, diese Geneigtheit wert?

1285 Can I say: “Look at it! then you will see that it cannot be explained.” – Or: “Drink in the color red, so you will see that it cannot be represented by anything else!” – And if the other person agrees with me, does that show that he has imbibed the same thing as I have? – And what does our inclination to say this mean? Red seems to stand isolated. Why? What is this appearance, this inclination worth?

§RPP I

330[3]

1286 Denke an den Satz “Rot ist keine Mischfarbe” und an seine Funktion. Das Sprachspiel mit den Farben ist eben durch das charakterisiert, was wir tun können und was wir nicht tun können.

1286 Think of the sentence “Red is not a composite color” and its function. The language-game with colors is characterized precisely by what we can do and what we cannot do.

§RPP I

331[1]

1287 Rot ist etwas Spezifisches; aber das sehen wir nicht, wenn wir etwas Rotes anschauen. Sondern (wir sehen) die Phänomene, die wir durch das Sprachspiel mit dem Wort “rot” abgrenzen.

1287 Red is something specific; but we do not see this when we look at something red. Rather, (we see) the phenomena that we delineate through the language-game with the word “red”.

§RPP I

331[2]

1288 “Rot ist etwas Spezifisches”, das müßte soviel heißen wie: “Das ist etwas Spezifisches” – wobei man auf etwas Rotes deutet. Aber damit das verständlich wäre, mußte man schon unsern Begriff ‘rot’, den Gebrauch jenes Musters, meinen.

1288 “Red is something specific” would have to mean: “This is something specific” – while one points to something red. But in order for that to be understandable, one would already have to mean our concept ‘red’, the use of that sample.

§RPP I

331[3]

1289 Wenn Du Dich über diese Dinge wunderst, wundere Dich erst über etwas anderes! Nämlich darüber, was denn Beschreibung und Bericht überhaupt leisten. Konzentrierst Du darauf Dein Verwundern, so werden jene andern Probleme verblassen.

1289 If you are wondering about these things, first wonder about something else! Namely, what description and report actually achieve. If you concentrate your wondering on that, these other problems will fade away.

§RPP I

331[4]

1290 Primäre Farben. Wenn bei anderen Menschen Farben, die wir Mischfarben nennen, die Rolle unserer primären Farben spielten, würden wir sagen, ihre primären Farben seien z.B. dieses Orange, dieses Blaurot, dieses Blaugrün, etc.? Heißt also der Satz “Rot ist eine primäre Farbe” soviel wie: Rot spielt bei uns die und die Rolle; wir reagieren auf Rot, Gelb etc. so und so? – Man denkt meistens nicht so: d.h., “Rot ist eine reine Farbe” ist ein Satz über das ‘Wesen’ von Rot, die Zeit tritt in ihn nicht ein; man kann sich nicht denken, daß diese Farbe nicht einfach sein könnte.

1290 Primary colors. If, for other people, colors that we call mixed colors played the role of our primary colors, would we say that their primary colors were, for example, this orange, this blue-red, this blue-green, etc.? Does the sentence “Red is a primary color” mean something like: Red plays this and that role for us; we react to red, yellow, etc., in this and that way? – One usually doesn't think of it that way: that is, “Red is a pure color” is a sentence about the ‘essence’ of red; time does not enter into it; one cannot imagine that this color could not be simple.

§RPP I

332[1]

1291 Der Farbenkreis: Die gleichen Abstände der primären Farben sind willkürlich. Ja, die Übergänge würden uns vielleicht einen gleichförmigeren Eindruck machen, wenn, z.B., der Punkt des reinen Blau dem des reinen Grün näher wäre, als dem des reinen Rot. Es wäre sehr merkwürdig, wenn die Gleichheit der Abstände in der Natur der Dinge läge.

1291 The color wheel: The equal distances of the primary colors are arbitrary. Yes, the transitions might give us a more uniform impression if, for example, the point of pure blue were closer to the point of pure green than to the point of pure red. It would be very strange if the equality of the distances lay in the nature of things.

§RPP I

332[2]

1292 “Ein rötliches Grün gibt es nicht” ist den Sätzen verwandt, die wir als Axiome in der Mathematik gebrauchen.

1292 “A reddish green does not exist” is related to the sentences that we use as axioms in mathematics.

§RPP I

332[3]

1293 Die Menschen zählen und rechnen: Beschreibe, was sie da tun! Sollen in dieser Beschreibung auch Sätze vorkommen, wie der: “Er verstand nun, wie er die Reihe fortzusetzen hatte” – oder: “Er ist nun imstande, jede beliebige Multiplikation aufzuführen”? Und ist der Satz zuzulassen: “Er sah nun im Geist die ganze Zahlenreihe vor sich”? Solche Sätze können in der Beschreibung vorkommen; aber können wir nicht verlangen, daß ihr Gebrauch uns erklärt werde; damit uns keine falschen, oder irrelevanten Vorstellungen unterlaufen? Es ist hier die Frage, für wen wir die Beschreibung geben. Von wem sagen wir, er sei imstande, beliebige Multiplikationen auszuführen? Wie kommt man überhaupt zu diesem Begriff? Und für wen, unter welchen Umständen, wird diese Beschreibung wichtig sein?

1293 People count and calculate: Describe what they are doing! Should sentences such as this also appear in this description: “He now understood how to continue the series” – or: “He is now able to perform any multiplication”? And is this sentence permissible: “He now saw the entire number sequence in his mind”? Such sentences may occur in the description; but can we not demand that their use be explained to us, so that no false or irrelevant notions arise? Here the question is, for whom are we giving the description? Of whom do we say that he is able to perform any multiplication? How does one come to this concept at all? And for whom, under what circumstances, will this description be important?

§RPP I

333[1]

1294 ‘Rot ein degeneriertes grün.’ Wenn man ein Blatt von grün ins rote spielen sieht, sagt man, das grün sei kränklich und im Roten ganz degeneriert. Man schneidet etwa, wenn man die rote Farbe sieht, immer ein Gesicht. Konnte man nun nicht Rot erklären als die äußerste Degeneration von grün?

1294 ‘Red is a degenerate green.’ If one sees a leaf from green playing into red, one says that the green is sickly and completely degenerated in the red. One always, as it were, cuts out a face when one looks at the red color. Could one not explain red as the ultimate degeneration of green?

§RPP I

333[2]

1295 Man kann niemandem erklären, was Rot ist!” – Wie kommt man überhaupt auf die Idee; bei welchem Anlaß sagt man das?

1295 One cannot explain to anyone what red is!” – How does one come up with the idea at all; on what occasion does one say that?

§RPP I

333[3]

1296 “Farben sind etwas Spezifisches. Durch nichts anderes zu erklären.” Wie gebraucht man dieses Instrument? – Beschreibe das Spiel mit Farben! Das Benennen von Farben, das Vergleichen von Farben, das Erzeugen von Farben, den Zusammenhang zwischen Farbe und Licht und Beleuchtung, den Zusammenhang der Farbe mit dem Auge, der Töne mit dem Ohr, und unzähliges andere. Wird sich hier nicht das ‘Spezifische’ der Farbe zeigen? Wie zeigt man Einem eine Farbe; und wie einen Ton?

1296 “Colors are something specific. Not to be explained by anything else.” How is this instrument used? – Describe the game with colors! The naming of colors, the comparing of colors, the creation of colors, the connection between color and light and illumination, the connection of color with the eye, tones with the ear, and countless other things. Will not the ‘specificity’ of color show itself here? How does one show a color to someone; and how a tone?

§RPP I

333[4]

1297 Wenn wir in Gedanken zu uns selber reden: “Es geschieht etwas; das ist sicher.” Aber der Nutzen dieser Worte ist uns in Wirklichkeit ebenso unklar, wie der besondern psychologischen Sätze, die wir erklären wollen.

1297 When we think to ourselves: “Something is happening; that is certain.” But the use of these words is in reality as unclear to us as the particular psychological sentences that we want to explain.

§RPP I

333[5]

1298 Statt des Unzerlegbaren, Spezifischen, Undefinierbaren: die Tatsache, daß wir so und so handeln, z.B., gewisse Handlungen strafen, den Tatbestand so und so feststellen, Befehle geben, Berichte erstatten, Farben beschreiben, uns für die Gefühle der Andern interessieren. Das hinzunehmende, gegebene – könnte man sagen – seien Tatsachen des Lebens.

1298 Instead of the irreducible, specific, indefinable: the fact that we act in this and that way, e.g., certain actions punish, the state of affairs is established in this and that way, give commands, give reports, describe colors, are interested in the feelings of others. What is to be accepted, given – one might say – are the facts of life.

§RPP I

333[6] &
334[1]

1299 Wir beurteilen das Motiv einer Tat nach dem, was der Mensch, der sie verübt hat, uns sagt, nach dem Bericht von Augenzeugen, nach der Vorgeschichte. So beurteilen wir die Motive eines Menschen. Aber das scheint uns nicht auffallend,, daß es so etwas wie die ‘Beurteilung der Motive’ gibt. Daß dies ein ganz eigentümliches Sprachspiel ist – daß der Tisch und der Stein keine Motive haben. Daß es zwar auch die Frage gibt: “Ist das eine zuverlässige Art, die Motive eines Menschen zu beurteilen?” – aber uns schon bekannt sein muß, was denn überhaupt die “Beurteilung von Motiven” heißt. Es muß schon eine Technik geben, an die wir hier denken, damit wir von einer Abänderung dieser Technik reden können, die wir als zuverlässigere Beurteilung eines Motivs bezeichnen.

1299 We judge the motive of an act according to what the person who committed it tells us, according to the account of eyewitnesses, according to the background. Thus, we judge the motives of a person. But it doesn't seem odd to us that there is something like the ‘judgment of motives’. That this is a quite peculiar language-game – that the table and the stone do not have motives. That there is also the question: “Is this a reliable way to judge a person’s motives?” – but we must already know what “judgment of motives” means. There must already be a technique that we have in mind, so that we can speak of a modification of this technique, which we call a more reliable judgment of a motive.

§RPP I

334[2]

1300 Man beurteilt die Länge eines Stabes, und man kann eine Methode suchen und finden, um sie genauer, richtiger, zu beurteilen. Also – sagst Du – ist, was wir hier beurteilen von der Methode des Beurteilens unabhängig, man kann, was Länge ist, nicht mit Hilfe der Methode der Längenbestimmung erklären. Aber wer so denkt, macht einen Fehler. Was für einen Fehler? – Wie seltsam wäre es, zu sagen: “Die Höhe des Himalaya hängt davon ab, wie man ihn ersteigt.” “Die Länge immer genauer messen”, das möchte man damit vergleichen, näher und näher an ein Objekt heranzukommen. Aber es ist eben nicht in allen Fällen klar, was es heiße “näher und näher an die Länge des Stabes herankommen”. Und man kann nicht sagen: “Du weißt doch, was die Länge eines Stabes ist; und Du weißt, was ‘sie bestimmen’ heißt; darum weißt Du, was es heißt ‘die Länge immer genauer bestimmen’.” Was es heißt, eine genauere Bestimmung der Länge des Stabes zu suchen, ist unter gewissen Umständen klar, und unter gewissen Umständen nicht klar und bedarf einer neuen Bestimmung. Was “die Länge bestimmen” heißt, lernt man nicht dadurch, daß man lernt was die Länge ist und was bestimmen ist; sondern die Bedeutung des Wortes Länge lernt man u.a. dadurch, daß man lernt, was Längenbestimmung ist. ‘Die Längenbestimmung Verfeinern’ ist eine neue Technik, die unserem Längenbegriff modifiziert.

1300 One judges the length of a rod, and one can look for and find a method to judge it more accurately, more correctly. So – you say – what we are judging here is independent of the method of judging; one cannot explain what length is with the help of the method of determining length. But whoever thinks this is making a mistake. What kind of mistake? – How odd it would be to say: “The height of the Himalayas depends on how one climbs it.” “Measuring the length ever more accurately,” one would like to compare that with getting closer and closer to an object. But it is not clear in all cases what it means to “get closer and closer to the length of the rod.” And one cannot say: “You know what the length of a rod is; and you know what ‘determining it’ means; therefore you know what it means to ‘determine the length ever more accurately’.” What it means to seek a more accurate determination of the length of the rod is clear under certain circumstances, and under certain circumstances it is not clear and requires a new determination. One does not learn what “determining the length” means by learning what length is and what determining is; rather, one learns the meaning of the word length, among other things, by learning what determining length is. ‘Refining the determination of length’ is a new technique that modifies our concept of length.

§RPP I

334[3]

1301 Wenn man einfache Sprachspiele beschreibt zur Illustration, sagen wir, dessen was wir das ‘Motiv’ einer Handlung nennen, dann werden einem immer wieder verwickeltere Fälle vorgehalten, um zu zeigen, daß unsere Theorie den Tatsachen noch nicht entspricht. Während verwickeltere Fälle eben verwickeltere Fälle sind. Handelte es sich nämlich um eine Theorie, so könnte man allerdings sagen: Es nützt nichts diese speziellen Fälle zu betrachten, sie geben keine Erklärung gerade der wichtigsten Fälle. Die einfachen Sprachspiele dagegen spielen eine ganz andere Rolle. Sie sind Pole einer Beschreibung, nicht der Grundstock einer Theorie.

1301 When one describes simple language-games for illustration, say, of what we call the ‘motive’ of an action, then one is always presented with more and more complicated cases in order to show that our theory does not yet correspond to the facts. Whereas more complicated cases are simply more complicated cases. For if it were a theory, one could indeed say: It is useless to consider these specific cases; they do not provide an explanation of precisely the most important cases. The simple language-games, on the other hand, play a completely different role. They are poles of a description, not the foundation of a theory.

§RPP I

335[1]

1302 “Wie kommt es, daß es uns scheint, daß dieser Farbeindruck, den ich jetzt habe, von mir als das Spezifische, Unzerlegbare erkannt wird?” – – Frage stattdessen, wie es kommt, daß wir dies sagen wollen. Und die Antwort darauf ist nicht schwer zu finden. Und es ist ja auch eine seltsame Frage: warum es uns so ‘scheine’, als ‥‥ Denn schon in diesem Ausdruck liegt ein Mißverständnis.

1302 “How does it come about that it seems to us that this colour impression, which I have now, is recognized by me as something specific, something indivisible?” – – Instead, ask how it comes about that we want to say this. And the answer to that is not difficult to find. And it is also an odd question: why it ‘seems’ to us as ‥‥ For already in this expression lies a misunderstanding.

§RPP I

335[2]

1303 Denke, Du solltest beschreiben, wie Menschen das Zählen (im Dezimalsystem z.B.) lernen. Du beschreibst, was der Lehrer sagt und tut, und wie der Schüler darauf reagiert In dem, was der Lehrer sagt und tut, werden sich z.B. Worte und Gebärden finden, die den Schüler zum Fortsetzen einer Reihe aufmuntern sollen; auch Worte wie “Er kann jetzt zählen”. Soll nun die Beschreibung, die ich von dem Vorgang des Lehrens und Lernens gebe, außer den Worten des Lehrers auch mein eigenes Urteil enthalten: der Schüler könne jetzt zählen, oder: der Schüler habe nun das System der Zahlworte verstanden? Wenn ich so ein Urteil nicht in die Beschreibung aufnehme, – ist sie dann unvollständig? Und wenn ich es aufnehme, gehe ich über die bloße Beschreibung hinaus? – Kann ich mich jener Urteile enthalten mit der Begründung: “Das ist alles was geschieht!”

1303 Imagine that you should describe how people learn to count (in the decimal system, for example). You describe what the teacher says and does, and how the student reacts. In what the teacher says and does, one will find, for example, words and gestures that are intended to encourage the student to continue a series; also words such as “He can now count.” Should the description that I give of the process of teaching and learning include, in addition to the teacher’s words, my own judgment as well: that the student can now count, or: that the student has now understood the system of number words? If I do not include such a judgment in the description, is it then incomplete? And if I include it, do I go beyond mere description? – Can I refrain from making those judgments with the justification: “That is all that happens!

§RPP I

335[3]

1304 Muß ich nicht vielmehr fragen: “Was tut die Beschreibung überhaupt? wozu dient sie?” – Was eine vollständige und eine unvollständige Beschreibung ist, wissen wir allerdings in anderem Zusammenhang. Frage Dich: Wie verwendet man die Ausdrücke “vollständige” und “unvollständige Beschreibung”? Eine Rede vollständig (oder unvollständig) wiedergeben. Gehört dazu auch die Wiedergabe des Tonfalls, des Minenspiels, der Echtheit oder Unechtheit der Gefühle, der Absichten des Redners, der Anstrengung des Redens? Ob das oder jenes für uns zur vollständigen Beschreibung gehört, wird vom Zweck der Beschreibung abhängen, davon, was der Empfänger mit der Beschreibung anfängt.

1304 Must I not rather ask: “What does the description actually do? What is its purpose?” – What constitutes a complete and an incomplete description, we certainly know in another context. Ask yourself: How are the expressions “complete” and “incomplete description” used? To reproduce a speech completely (or incompletely). Does this also include reproducing the tone of voice, the facial expression, the genuineness or inauthenticity of the feelings, the intentions of the speaker, the effort of speaking? Whether this or that belongs to the complete description will depend on the purpose of the description, on what the recipient does with the description.

§RPP I

335[4]

1305 Der Ausdruck “Das ist alles, was geschieht” grenzt ab, was wir “geschehen” nennen.

1305 The expression “That is all that happens” limits what we call “happening.”

§RPP I

336[1]

1306 Mein Urteil “Der Schüler kann jetzt zählen” gebe ich zu gewissen Zwecken ab. Man gibt ihm daraufhin etwa eine Anstellung. Sagst Du “So ist also dies Urteil kein Teil der Beschreibung des Lernens, sondern eine Vorhersage” – so antworte ich: “Du kannst es so oder so auffassen”. Du kannst sagen, Du beschriebest den Zustand des Schülers. –

1306 I give my judgment “The student can now count” for certain purposes. One then gives him, for example, a job. If you say “So this judgment is not part of the description of the learning, but a prediction,” I reply: “You can regard it that way or another.” You can say that you are describing the student’s state. –

§RPP I

336[2]

1307 Denk Dir Rot als den Gipfel aller Farben angesehen. Die besondere Rolle des Dreiklangs in unserer Musik. Unser Unverständnis für die alten Kirchentonarten.

1307 Imagine red as the peak of all colors. The special role of the triad in our music. Our incomprehension of the old church modes.

§RPP I

336[3]

1308 Unter welchen Umständen würde man sagen, diese Menschen fassen alle Farben als Gerade einer Eigenschaft auf?

1308 Under what circumstances would one say that these people perceive all colors as simply one property?

§RPP I

336[4]

1309 Kannst Du Dir denken, daß wir Blau und Rot immer als die beiden äußersten Pole einer Veränderung von Violett ansähen? Man könnte dann Rot ein ganz hohes Violett und Blau ein ganz tiefes Violett nennen.

1309 Can you imagine that we always saw blue and red as the two extreme poles of a change from violet? One could then call red a very high violet and blue a very deep violet.

§RPP I

336[5]

1310 Oder denk Dir eine Welt, in welcher Farben beinahe immer in regenbogenartigen Übergängen vorkämen. So daß man etwas eine grüne Fläche, wenn sie ausnahmsweise einmal vorkommt als Modifikation eines Regenbogens auffaßt.

1310 Or imagine a world in which colors almost always occur in rainbow-like transitions. So that one perceives something, a green area, if it occurs exceptionally, as a modification of a rainbow.

§RPP I

336[6]

1311 Kann ich denn aber nun sagen, daß wenn dies die Tatsachen wären, die Menschen diese Begriffe hätten? Doch gewiß nicht. Wohl aber dies: Denke nicht, daß unsere Begriffe die einzig möglichen, oder vernünftigen sind; wenn Du Dir ganz andere Tatsachen, als die, die uns ständig umgeben, vorstellst, so werden Dir andere Begriffe als die unsern natürlich erscheinen.

1311 Can I then say that if these were the facts, people would have these concepts? Certainly not. But this much: do not think that our concepts are the only possible, or reasonable ones; if you imagine quite different facts than those that constantly surround us, then other concepts will naturally seem right to you.

§RPP I

336[7]

1312 Glaub doch nicht, daß Du den Begriff der Farbe in Dir hältst, weil Du auf ein färbiges Objekt schaust, wie immer Du schaust. (So wenig, wie Du den Begriff der negativen Zahl besitzt, dadurch, daß Du Schulden hast.)

1312 Do not believe that you hold the concept of color in you because you look at a colored object, however you look at it. (Just as little as you possess the concept of a negative number by having debts.)

§RPP I

336[8] &
337[1]

1313 Angenommen, wir kennten ein Volk, welches eine gänzlich andere Form der Farbaussagen hätte, als die unsere: wir nehmen dann meistens an, daß es ein Leichtes ist, diese Leute unsere Ausdrucksform zu lehren. Und daß, wenn sie beide Ausdrucksformen beherrschen, sie deren Unterschied als unwesentlich anerkennen werden. (Das Geschlecht unserer Hauptworte). Ist das so? Muß es so sein? Denken wir uns, Leute hätten für zwei Abschattungen von Blau zwei verschiedene einfache Namen, und für sie wären die Farben sehr verschieden, die es für uns nicht sind. Wie würde sich das äußern? Und denken wir uns auch das Umgekehrte: daß für ein Volk Rot und Blau nur ‘dem Grade nach’ verschieden wären, nicht ‘gänzlich verschiedene Farben’. Und was wären hierfür die Kriterien? Wir sagen, in der Tonleiter kehre nach je 7 Tönen der gleiche Ton wieder. Was heißt es: “Wir empfinden ihn als den gleichen”? Ist, daß wir ihn den gleichen nennen, nur ein sprachlicher Zufall?

1313 Suppose we know of a people who have a completely different form of color statements than ours: then we usually assume that it is easy to teach these people our form of expression. And that, if they master both forms of expression, they will recognize their difference as insignificant. (The genus of our main words). Is that so? Must that be so? Let us imagine that people have two different simple names for two shades of blue, and for them the colors are very different, which they are not for us. How would this manifest itself? And let us also imagine the opposite: that for a people, red and blue would only differ ‘in degree’, not ‘completely different colors’. And what would be the criteria for this? We say that in the musical scale, after every 7 notes, the same note is repeated. What does it mean: “We perceive it as the same”? Is the fact that we call it the same just a linguistic coincidence?

§RPP I

337[2]

1314 Den Schwachsinnigen stellt man sich unter dem Bild des Degenerierten, wesentlich Unvollständigen, gleichsam Zerlumpten vor. Also unter dem der Unordnung, statt der primitiveren Ordnung (welches eine weit produktivere Anschauungsart wäre).

1314 One imagines the mentally deficient person as a degenerate, essentially incomplete, as if tattered. Thus, under the guise of disorder, rather than a more primitive order (which would be a much more productive way of conceiving it).

§RPP I

337[3]

1315 Zählen, Rechnen, etc., in einem abgeschlossenen System, so wie eine Melodie abgeschlossen ist. Die Leute zählen etwa mit Hilfe der Töne einer besonderen Melodie; am Ende der Melodie kommt die Zahlenreihe zu einem Ende. – Soll ich sagen: Es gibt natürlich noch weitere Zahlen, nur erkennen diese Leute sie nicht? Oder soll ich sagen: Es gibt noch ein anderes Zählen – das, was wir tun – und das kennen (tun) jene Leute nicht.

1315 Counting, calculating, etc., in a closed system, just as a melody is closed. People count, for example, with the help of the notes of a particular melody; at the end of the melody, the series of numbers comes to an end. – Should I say: There are, of course, other numbers, only these people do not recognize them? Or should I say: There is another kind of counting – the one we do – and those people don't know (do) it.

§RPP I

337[4]

1316 Der Begriff des Erlebnisses: Ähnlich dem des Geschehens, des Vorgangs, des Zustands, des Etwas, der Tatsache, der Beschreibung und des Berichts. Hier meinen wir, stehen wir auf dem harten Urgrund, und tiefer als alle speziellen Methoden und Sprachspiele. Aber diese höchst allgemeinen Wörter haben eben auch eine höchst verschwommene Bedeutung. Sie beziehen sich in der Tat auf eine Unmenge spezieller Fälle, aber das macht sie nicht härter sondern es macht sie eher flüchtiger.

1316 The concept of experience: similar to that of an event, a process, a state, something, a fact, a description and a report. Here we think that we are standing on the hard foundation, and deeper than all special methods and language-games. But these most general words also have a very vague meaning. They actually refer to a multitude of specific cases, but this does not make them more precise, but rather makes them more fleeting.

§RPP I

338[1]

1317 Das Rechnen im Kopf ist vielleicht der einzige Fall, in welchem von der Vorstellung ein regelmäßiger Gebrauch im Alltagsleben gemacht wird. Darum hat es besonderes Interesse. “Aber ich weiß, daß etwas in mir vorgegangen ist!” Und was? War es nicht, daß Du im Kopf gerechnet hast? – So ist also das Kopfrechnen doch etwas Spezifisches! Überlege Dir erst: Wie gebraucht man überhaupt die Beschreibung “Er rechnet im Kopf”, “Ich rechne im Kopf”. Die Schwierigkeit, auf die man stößt ist eine Vagheit in den Kriterien für das Stattfinden des geistigen Vorgangs. Ließe sich die beseitigen?

1317 Calculating in one's head is perhaps the only case in which a regular use of imagination is made in everyday life. That is why it is of particular interest. “But I know that something has happened in me!” And what? Was it not that you calculated in your head? – So, mental calculation is indeed something specific! First consider: How is the description “He calculates in his head,” “I calculate in my head” used at all? The difficulty one encounters is a vagueness in the criteria for the occurrence of the mental process. Could this be eliminated?

§RPP I

338[2]

1318 Kann man sich das Kopfrechnen vorstellen?

1318 Can one imagine mental calculation?

§RPP I

338[3]

1319 Man kann wahrnehmbar rechnen und im Kopf rechnen: Könnte man im Kopf auch etwas tun, was man wahrnehmbar nicht tun kann, wofür es kein wahrnehmbares Äquivalent gibt? Wie wäre es, wenn Leute für das Kopfrechnen eine Bezeichnung hätten, die es nicht unter die Tätigkeiten einreihte und schon erst recht nicht unter die des Rechnens? Sie bezeichnen es etwa als ein Können. Ich nehme an, sie gebrauchen radikal von dem unsern verschiedene Bilder.

1319 One can calculate perceptibly and calculate in one's head: could one also do something in one's head that one cannot do perceptibly, for which there is no perceptible equivalent? What if people had a designation for mental calculation that did not classify it among the activities and certainly not among those of calculation? They designate it, for example, as a skill. I assume they use images that are radically different from ours.

§RPP I

338[4]

1320 Wenn aber nun Einer sagte: “So ist alles, was geschieht, doch, daß er so und so reagiert, sich benimmt” – so ist hier wieder ein großes Mißverständnis. Denn hat also der, welcher erzählte “Ich habe die Multiplikation ohne zu schreiben, etc., in irgend einem Sinn gerechnet” – hat dieser Unsinn geredet, oder etwas Falsches berichtet? Es ist eine andere Sprachverwendung, als die der Beschreibung eines Benehmens. Aber man könnte allerdings fragen: Worin besteht die Wichtigkeit dieser neuen Sprachverwendung? Worin besteht z.B. die, der Äußerung der Intention? –

1320 If now one says: “In fact, everything that happens is that he reacts, behaves in such and such a way” – then there is again a great misunderstanding. For has the one who said “I did the multiplication without writing, etc.” in any sense calculated – has this person spoken nonsense, or reported something false? It is a different use of language than that of describing behaviour. But one could certainly ask: In what consists the importance of this new use of language? In what, for example, does the expression of intention consist? –

§RPP I

339[1]

1321 “Wie, wenn Einer Vorstellungsbilder hätte von der Intensität, Deutlichkeit, von Nachbildern z.B.; wären das Vorstellungen, oder wären es Halluzinationen, – auch wenn er sich der Unwirklichkeit des Gesehenen voll bewußt ist?” Vor allem: Wie weiß ich, daß er Bilder von dieser Deutlichkeit sieht? Er sagt es etwa. Ein Unterschied wäre der, daß seine Bilder von ihm ‘unabhängig’ sind. Was heißt das? – Er könnte sie nicht durch Gedanken verscheuchen. Stelle ich mir z.B. den Tod meines Freundes vor, so kann man mir sagen “Denk nicht daran, denk an etwas anderes”; aber das würde man mir nicht sagen, wenn ich das Ereignis z.B. im Film vor mir sähe. Und so würde ich dem, der mir in dem angenommenen Fall sagte, denk nicht daran, antworten: “Ich mag daran denken oder nicht, – ich sehe es.”

1321 “How, if one had mental images of intensity, clarity, of afterimages, for example; would these be images, or would they be hallucinations, – even if he is fully conscious of the unreality of what he sees?” Above all: How do I know that he sees images of this clarity? He says so, perhaps. One difference would be that his images are ‘independent’ of him. What does that mean? – He couldn't dispel them through thought. If, for example, I imagine the death of my friend, one could say to me, “Don't think about it, think about something else”; but one wouldn't say that to me if I saw the event, for example, in a film. And so I would answer the one who, in the assumed case, said to me, “Don't think about it”: “I may or may not want to think about it, – I see it.”

§RPP I

339[2]

1322 Nimm den Gebrauch des englischen “this”, “that”, “these”, “those”, “will”, “shall”: Regeln für den Gebrauch dieser Wörter zu geben, wäre schwer. Es ist aber möglich ihn zu verstehen, sodaß Du dann geneigt wärst, zu sagen: “Wenn man einmal das richtige Gefühl für den Sinn dieser Wörter hat, dann kann man sie auch anwenden.” Man könnte also auch diesen Wörtern eine eigentümliche Bedeutung in der englischen Sprache zuschreiben. Wir sehen in dem Gebrauch des Wortes eine Physiognomie.

1322 Take the use of the English words “this,” “that,” “these,” “those,” “will,” “shall”: it would be difficult to give rules for the use of these words. But it is possible to understand it, so that you would then be inclined to say: “Once one has the right feeling for the sense of these words, one can also apply them.” One could therefore also ascribe a peculiar meaning to these words in the English language. We see in the use of the word a physiognomy.

§RPP I

339[3] &
340[1]

1323 Kopfrechnen auf Befehl. Laß Dich durch die Kombination bekannter Wörter nicht hindern, das Sprachspiel von Grund auf zu untersuchen. Bedenke, daß man Einem das Kopfrechnen lehrt, indem man ihm befiehlt zu rechnen! Aber müßte das sein? Könnte es nicht sein, daß ich ihm, um ihn zum Kopfrechnen zu bringen, nicht sagen dürfte “Rechne!”, sondern vielleicht: “Tu etwas anderes, aber finde das Resultat”. Oder: “Schließ den Mund und die Augen und rühr Dich nicht, und Du wirst die Antwort lernen.” Ich will doch sagen, daß man das Kopfrechnen nicht aus dem Gesichtspunkt des Rechnens betrachten muß, obwohl es wesentlich mit dem Rechnen zusammenhängt. Ja auch nicht unter dem Gesichtspunkt des ‘Tuns’. Denn Tun ist etwa, was man Einem vormacht.

1323 Mental calculation on command. Don't let yourself be hindered by the combination of familiar words from investigating the language-game from the ground up. Consider that one teaches someone mental calculation by commanding him to calculate! But must that be the case? Couldn't it be that, in order to get him to do mental calculation, I shouldn't say “Calculate!”, but perhaps: “Do something else, but find the result.” Or: “Close your mouth and eyes and don't move, and you will learn the answer.” I want to say that one does not have to consider mental calculation from the point of view of calculation, although it is essentially connected with calculation. Nor from the point of view of ‘doing’. For doing is something that one pretends to do.

§RPP I

340[2]

1324 Ich will sagen: Es ist nicht notwendig, Reaktionen, die von den unsern verschieden sind, und daher vielleicht anderen Begriffsbildungen günstig sind, als Folgen, unser Äußerungen, ihrer Natur nach verschiedener (innerer) Vorgänge zu deuten. Es ist nicht notwendig, zu sagen: Hier handelt es sich um verschiedene innere Vorgänge.

1324 I want to say: It is not necessary to interpret reactions that are different from ours, and therefore perhaps conducive to different concept formations, as consequences of our utterances, and in terms of their nature as different (internal) processes. It is not necessary to say: Here we are dealing with different internal processes.

§RPP I

340[3]

1325 Wir haben einerseits seine Fähigkeit, ohne wahrnehmbares Rechnen Stufen der Rechnung mitzuteilen – anderseits die Äußerungen, die er zu machen geneigt ist; wie etwa die: “Ich habe in meinem Inneren gerechnet”. Die Erscheinungen der ersten Art könnten uns zu einer bildhaften Beschreibung bringen”. Es ist, als rechnete er irgendwie und irgendwo, und teilte uns Stufen dieser Rechnung mit”. Das, was er zu sagen geneigt ist, können wir als Ausdrucksweise unserer Sprache annehmen, oder auch nicht. Wir könnten ihm z.B. sagen: “Du rechnest doch nicht ‘in Deinem Innern’! Du rechnest uneigentlich.” Und nun sagt er in Zukunft dies.

1325 On the one hand, we have his ability to communicate stages of calculation without perceptible calculation – on the other hand, the utterances he is inclined to make; such as the one: “I calculated in my mind.” The phenomena of the first kind could lead us to a pictorial description.” It is as if he were somehow calculating somewhere, and communicating stages of this calculation to us.” What he is inclined to say, we can take as a way of expressing our language, or not. We could, for example, say to him: “You don't really calculate ‘in your mind’! You calculate improperly.” And now he says this in the future.

§RPP I

340[4]

1326 “Aber ich weiß doch, daß ich wirklich rechne – wenn auch nicht für den Andern wahrnehmbar!” Dies könnte man als typische Äußerung eines geistig Zurückgebliebenen auffassen.

1326 “But I know that I really calculate – even if it is not perceptible to others!” This could be seen as a typical utterance of a mentally retarded person.

§RPP I

340[5]

1327 Aber wenn wir so mit dem innern Vorgang aufräumen, – bleibt nun nur noch der äußere? – Es bleibt nicht das Sprachspiel der Beschreibung des äußern Vorgangs allein, sondern auch das, welches von der Äußerung ausgeht. Wie immer auch unsere Ausdrucksweise lautet; wie immer z.B. sie die Beziehung zum ‘äußern’ Rechnen macht.

1327 But if we eliminate the internal process in this way, – does only the external remain? – It is not just the language-game of describing the external process, but also the one that stems from the utterance. However our way of expressing ourselves may be; however it makes the relationship to ‘external’ calculation.

§RPP I

341[1]

1328 Wenn Dir plötzlich ein Thema, eine Wendung, etwas sagt, so brauchst Du Dir's nicht erklären zu können. Es ist Dir plötzlich auch diese Geste zugänglich.

1328 If a topic, a turn of phrase, something suddenly strikes you, you don't have to be able to explain it. You can suddenly also access this gesture.

§RPP I

341[2]

1329 Vergleich vom körperlichen Vorgängen in Zuständen, wie Verdauung, Atmung, etc., mit geistigen, wie Denken, Fühlen, Wollen etc. Was ich betonen will, ist gerade die Unvergleichbarkeit. Eher, möchte ich sagen, wären die vergleichbaren Körperzustände: Geschwindigkeit der Atmung, Unregelmäßigkeit des Herzschlags, Zuverlässigkeit der Verdauung, und dergleichen. Und freilich könnte man sagen, daß diese alle das Verhalten des Körpers charakterisieren.

1329 Comparison of physical processes in states such as digestion, respiration, etc., with mental ones, such as thinking, feeling, wanting, etc. What I want to emphasize is precisely the incomparability. Rather, I would say that the comparable bodily states would be: speed of respiration, irregularity of the heartbeat, reliability of digestion, and the like. And of course, one could say that all of these characterize the behaviour of the body.

§RPP I

341[3]

1330 Denk Dir einen Stamm von Leuten, die nicht sagen “er hat Schmerzen”, “wir haben Schmerzen”, “in ihm geht das Gleiche vor wie in mir”, “diese Leute haben das gleiche seelische Erlebnis” etc.; sondern man redet wohl von einer Seele und von Vorgängen in der Seele, sagt aber, man wisse absolut nichts darüber, ob zwei Leute, von denen wir etwa sagen, sie hätten Schmerzen, wirklich dasselbe haben, oder etwas ganz anderes; und man sagt daher bei ihnen, die Menschen haben etwas Unbekanntes und nun folgt in ihrer Ausdrucksweise eine Bestimmung, die unserem “sie haben Schmerzen” gleichkommt. Diese Leute werden dann auch nicht sagen: “Wenn ich glaube, jemand habe Schmerzen, so glaube ich, es gehe in ihm etwas bestimmtes vor”, und dergleichen. Muß man es aber überhaupt so ansehen, daß das Schmerzsignal und die Beschreibung des Schmerzbenehmens eine begriffliche Einheit geben? Ich will fragen: “Wo liegt hier das Begriffliche und wo das Phänomenale?” Muß die Sprache eine Schmerzäußerung enthalten? Denken wir uns Leute mit einer Fingersprache. Oder Leute, die nur schreiben, nicht sprechen. Müßten die den Begriff ‘Schmerz’ besitzen?

1330 Imagine a tribe of people who do not say “he is in pain,” “we are in pain,” “the same thing is happening in him as in me,” “these people have the same mental experience,” etc.; instead, they talk about a mind and about processes in the mind, but say that they absolutely know nothing about whether two people, of whom we might say that they are in pain, really have the same thing, or something completely different; and they therefore say that these people have something unknown, and then in their way of expressing themselves, there follows a determination that is equivalent to our “they are in pain.” These people would then also not say: “If I believe that someone is in pain, then I believe that something specific is happening in him,” and the like. Must one view it in such a way that the pain signal and the description of pain-behaviour constitute a conceptual unity? I want to ask: “Where is the conceptual element here, and where is the phenomenal element?” Must the language contain a pain utterance? Let us imagine people with a finger language. Or people who only write, and do not speak. Would they have to possess the concept of “pain”?

§RPP I

342[1]

1331 Ist es aber leichter, sich vorzustellen, daß Leute unsern Begriff des Schmerzes nicht haben, als dies, daß sie den Begriff des physikalischen Körpers nicht haben?

1331 Is it easier to imagine that people do not have our concept of pain than that they do not have the concept of the physical body?

§RPP I

342[2]

1332 Es ist eine wichtige Tatsache, daß wir annehmen, es sei immer möglich, Menschen, die eine andere Sprache als die unsere besitzen, unsere zu lehren. Darum sagen wir, ihre Begriffe seien die gleichen, wie unsere.

1332 It is an important fact that we assume that it is always possible to teach people who have a language other than our own to speak ours. Therefore, we say that their concepts are the same as ours.

§RPP I

342[3]

1333 “Du beginnst einen Satz, an dessen letztem Ende das Verbum steht; Du wirst mir doch nicht sagen, daß Du den Satz zu sprechen anfingst, ohne eine Ahnung davon, was das Verbum sein werde!” – Und worin besteht die Ahnung? Und wenn nun Einer wirklich keine Ahnung davon hätte und doch fließend Deutsch spräche! Wie wird man erfahren, ob er diese Ahnung hatte?

1333 “You begin a sentence in which the verb is at the very end; you will not tell me that you began to speak the sentence without having an idea of what the verb will be!” – And what does the idea consist of? And what if someone really had no idea about it and yet spoke fluent German! How would one find out whether he had this idea?

§RPP I

342[4]

1334 Inwiefern untersuchen wir den Gebrauch von Wörtern? – Beurteilen wir ihn nicht auch? Sagen wir nicht auch, dieser Zug sei wesentlich, jener unwesentlich?

1334 In what way do we investigate the use of words? – Do we not also judge it? Do we not also say that this move is essential, that one is inessential?

§RPP I

342[5]

1335 Man kann das Messen mit dem Meterstab beschreiben; wie kann man es begründen? Ist der Begriff ‘Schmerz’ ein Instrument, das der Mensch gemacht hat; und wozu dient es?

1335 One can describe measuring with a meter stick; how can one justify it? Is the concept of “pain” an instrument that man has created; and what is it used for?

§RPP I

342[6]

1336 Ja – wie kann man Einem befehlen, die und die Worte so zu meinen? Es sei denn, daß man ihm befiehlt, sie so zu verwenden. –

1336 Yes – how can one command someone to mean the such and such words in this way? Unless one commands him to use them in this way.

§RPP I

342[7] &
343[1]

1337 Denke, Du müßtest eine Entscheidung treffen und zwar, indem Du auf einen von einer Anzahl von Knöpfen drückst. Die Entscheidung, die Du damit triffst, ist durch ein Wort gekennzeichnet, das auf dem Knopf steht. Es ist dann natürlich gänzlich gleichgültig, was Du beim Anblick dieses Worts erlebst. Ist das Wort z.B. “weiche”, so kannst Du es als Adjektiv, Substantiv, oder Verbum meinen, die Entscheidung wird dadurch nicht geändert. Und ebenso, wenn Du das Wort als Entscheidung aussprichst. Es teilt doch jedenfalls dem Andern dasselbe mit, der auf die Entscheidung wartet.

1337 Suppose you have to make a decision, namely, by pressing one of a number of buttons. The decision that you make in this way is indicated by a word that is on the button. It is then, of course, completely irrelevant what you experience when you see this word. If the word is, for example, “soft,” you can mean it as an adjective, a noun, or a verb; the decision is not changed by this. And likewise, if you utter the word as a decision. It does, in any case, communicate the same thing to the other person who is waiting for the decision.

§RPP I

343[2]

1338 Wie ist es aber, wenn die Entscheidung zweier Deutungen fähig ist, und der sie hört, gibt ihr nun eine von ihnen? Er kann das entweder durch sein Handeln tun, oder, sozusagen, in Gedanken. Wäre aber auf die Entscheidung nicht gleich zu handeln, so könnte er sie auch hören und vorläufig gar nicht deuten. Anderseits aber könnte er auf eine Frage mit einer Deutung antworten. Dies wäre eine vorläufige Reaktion.

1338 But what if the decision is capable of two interpretations, and the person who hears it gives it one of them? He can do this either through his actions, or, in a way, in thought. If one did not have to act on the decision immediately, he could also hear it and, for the time being, not interpret it. On the other hand, he could answer a question with an interpretation. This would be a preliminary reaction.

§RPP I

343[3]

1339 Es ist eben möglich, die Worte einer bestimmten Situation gemäß und also in der und der Bedeutung auszusprechen, und dabei doch eine andere Bedeutung zu denken. So daß die Worte für mich also, dem Andern unbewußt, eine eigene Bedeutung haben.

1339 It is indeed possible to utter the words of a certain situation in accordance with it and, therefore, with a certain meaning, and yet to think of a different meaning. So that the words, for me, have a meaning of their own, unconscious to the other person.

§RPP I

343[4]

1340 Gefragt, werde ich vielleicht diese Bedeutung erklären, und die Erklärung hatte mir doch nicht vorgeschwebt. Was hatte also mein Geisteszustand, als ich das doppelsinnige Wort aussprach, mit den Worten der Erklärung zu tun? Inwiefern können diese Worte ihm entsprechen? Es gibt hier offenbar nicht ein Passen der Erklärung zur Erscheinung.

1340 If asked, I might explain this meaning, and the explanation was not what I had in mind. So what did my state of mind, when I uttered the ambiguous word, have to do with the words of the explanation? In what way can these words correspond to it? There is obviously no fitting of the explanation to the phenomenon.

§RPP I

343[5] &
344[1]

1341 Man kann auch einen Ausdruck, während man ihn ausspricht, auf eine Weise meinen und gleich darauf retrospektiv auf eine andere.

1341 One can also mean an expression in one way while uttering it and then, retroactively, in another.

§RPP I

344[2]

1342 Es ist uns, als gehörten zu dem Wort in seinen zwei Bedeutungen verschiedene Illustrationen; und man könne dem Wort nun wohl eine aus den beiden zusammengesetzte Illustration geben, dann sei es aber eben nicht eine der beiden dem Worte gemäßen, oder gewohnten. Das heißt aber natürlich nicht, daß immer, wenn man von dem Wort Verwendung macht, eine der beiden Illustrationen anwesend sein muß, sondern nur, daß, wenn wir das Wort illustrieren, eine der beiden und nicht beide Bilder zu ihm gehören.

1342 It seems to us as if different illustrations belong to the word in its two meanings; and one could give the word an illustration composed of the two, but then it would not be one of the two illustrations appropriate to the word, or usual. But this, of course, does not mean that whenever one uses the word, one of the two illustrations must be present, but only that, if we illustrate the word, one of the two images, and not both, belongs to it.

§RPP I

344[3]

1343 ‘Hättest Du mich gefragt, so hätte ich Dir die Antwort gegeben.’ Das bezeichnet einen Zustand; aber nicht eine ‘Begleitung’ meiner Worte.

1343 ‘If you had asked me, I would have given you the answer.’ This describes a state; but not a ‘correlation’ of my words.

§RPP I

344[4]

1344 Denke Dir, Leute hätten die Gewohnheit, während des Sprechens zu kritzeln; warum sollte, was sie auf diese Weise während des Redens hervorbringen, weniger interessant sein, als begleitende Vorgänge in ihrem Geist, und warum soll das Interesse an diesen von anderer Art sein? Warum scheint einer dieser Vorgänge den Worten das ihnen eigene Leben zu geben?

1344 Imagine people have the habit of doodling while speaking; why should what they produce in this way while talking be any less interesting than accompanying processes in their mind, and why should the interest in these be of a different kind? Why does one of these processes seem to give the words their own life?

§RPP I

345[1]

1345 Je nachdem er das Wort so oder so gemeint hat, hat er die eine, oder andere Absicht ausgesprochen. Die eine oder andere Absicht gehabt. Und mehr kann man doch über die Wichtigkeit dieses Meinens nicht sagen. Und da scheint es wieder, daß es weniger wichtig ist, was beim Aussprechen des einzelnen Worts (“Bank” z.B.), als was beim, und vor dem, ganzen Satz vor sich gegangen ist. Gleichsam, wie das Gemüt den ganzen Satz illustriert hat, nicht notwendigerweise das eine Wort. Und doch, so müssen wir uns gleich gestehen, muß auch die Illustration nicht wichtig sein. Warum soll denn soviel auf sie ankommen? Und wie kann sie dem Satz ein bestimmtes Leben geben, wenn die Sprache es ihm nicht gibt? Warum soll sie eindeutiger sein, als die Wortsprache?

1345 Depending on whether he meant the word in this way or that way, he expressed one intention or another. He had one intention or another. And one can hardly say anything more about the importance of this meaning. And here it seems again that it is less important what happened when uttering the individual word (“bank” for example) than what happened in, and before, the entire sentence. As if the mood illustrated the entire sentence, not necessarily the one word. And yet, we must immediately confess to ourselves, the illustration does not have to be important. Why should so much depend on it? And how can it give the sentence a specific life if language does not give it one? Why should it be more unambiguous than word-language?

§RPP I

345[2]

1346 Nun, das ist das Entscheidende, daß ich nicht nur nach dem Zusammenhang die Bedeutung beurteilen kann, sondern daß man nach ihr fragen kann und der Antwortende die Bedeutung nicht aus dem Zusammenhang entnimmt.

1346 Now, the crucial thing is that I can not only judge the meaning according to the context, but one can also ask about it and the person answering does not derive the meaning from the context.

§RPP I

345[3] &
346[1]

1347 Ist es denn eine Selbstverständlichkeit, daß, wer die Sprache gebrauchen kann, imstande ist die Wörter, die er versteht, deren Verwendung er versteht, zu erklären? Wir würden freilich sehr erstaunt sein, wenn jemand zwar das Wort “Bank” versteht, aber auf die Frage “was ist eine Bank” uns nicht antworten könnte. Ist es nicht eines, den Satz zu verstehen “Gehen wir ein bißchen an die Sonne” – und ein anderes, das Wort “Sonne” erklären zu können? – Aber muß der, der diesen Satz versteht, nicht wissen, wie die Sonne ausschaut? So wie er, welcher den Satz “Ich habe keine Schmerzen” versteht, z.B. wissen muß, wie man sich Schmerzen zufügen kann, und wie sich Einer, der Schmerzen hat, benimmt, etc. –

1347 Is it a matter of course that someone who can use the language is able to explain the words that he understands, whose use he understands? We would, of course, be very surprised if someone understands the word “bank” but cannot answer the question “what is a bank”. Is it not one thing to understand the sentence “Let’s go out a bit in the sun” – and another to be able to explain the word “sun”? – But must the person who understands this sentence not know what the sun looks like? Just as someone who understands the sentence “I have no pain” must, for example, know how to inflict pain, and how someone who is in pain behaves, etc. –

§RPP I

346[2]

1348 Ferner: wenn es möglich ist, dem doppeldeutigen Wort durch öfteres Wiederholen jede ‘Bedeutung’ zu nehmen, warum sollten nicht manche Menschen, die es ohne Zusammenhang aussprechen, dies für gewöhnlich ohne ein Gefühl einer Bedeutung tun? Oder warum sollten die Menschen so ein Wort nicht mit einer Art Zitternder Bedeutung aussprechen, wo kein Zusammenhang sie festhält?

1348 Furthermore: if it is possible to strip the ambiguous word of any ‘meaning’ by repeating it many times, why should not some people, who utter it without context, usually do so without a feeling of meaning? Or why should people not utter such a word with a kind of trembling meaning, where no context holds it?

§RPP I

346[3]

1349 “Was tust Du aber, wenn Du dem Befehl folgst ‘Sag ‥‥ und meine damit ‥‥’?” – Du tust nicht etwas Anderes. Aber auch nicht: etwas Spezifisches.

1349 “But what do you do when you obey the command ‘Say ‥‥ and by that I mean ‥‥’?” – You do not do something else. But also not: something specific.

§RPP I

346[4] &
347[1]

1350 Jedenfalls ist das kein Sprachspiel, das man sehr viel lernt: ein Wort, isoliert, in der und der Bedeutung aussprechen. Die Grundlage ist offenbar, daß Einer sagt, er kann das Wort ‥‥ aussprechen und dabei eine oder die andere seiner Bedeutungen meinen. Das geht leicht, wenn das Wort zwei Bedeutungen hat; aber kannst Du auch das Wort “Apfel” aussprechen und Tisch damit meinen? – Ich könnte doch eine Geheimsprache benützen, in der es diese Bedeutung hat.

1350 In any case, this is not a language-game that one learns very much: to pronounce a word, in isolation, with a specific meaning. The basis is obviously that someone says that he can pronounce the word ‥‥ and, in doing so, intends one or the other of its meanings. This is easy if the word has two meanings; but can you also pronounce the word “apple” and mean “table” by it? – I could, after all, use a code in which it has this meaning.

§RPP I

347[2]

1351 “Gib ihm diesen Befehl und mein' damit ‥‥․!” “Sag ihm das und mein' damit ‥‥․!” Das wäre ein merkwürdiger Befehl, den man für gewöhnlich nicht gibt. Oder ich sage Einem “Richte diese Botschaft aus” – und frage ihn nachher “Hast Du sie auch so und so gemeint?”.

1351 “Give him this command and by it mean ‥‥․!” “Tell him that and by it mean ‥‥․!” That would be a remarkable command, which one does not usually give. Or I say to someone “Convey this message” – and then ask him “Did you mean it this way too?”.

§RPP I

347[3]

1352 Aber ist dann die Vergangenheitsform der Frage gerechtfertigt? Doch; denn ich setze eine Änderung der Gesinnung einem Gleichbleiben entgegen. Ich will wirklich nicht nur wissen, was er jetzt meint, sondern auch, was er gemeint hat. – Man könnte etwa fragen “Was meinst Du? und hast Du Deine Gesinnung geändert?” Wenn auf diese Frage Nein zur Antwort kommt, dann hat er, was die Erklärung angibt, auch früher gemeint. Ich will sagen: Die Kriterien für das Geschehen in der Vergangenheit sind hier andere, als etwa für das Auftauchen eines Bildes.

1352 But is the past tense of the question then justified? Yes, because I oppose a change of attitude to a constancy. I really don’t just want to know what he means now, but also what he meant. – One could, for example, ask “What do you mean? and have you changed your mind?” If the answer to this question is “No”, then he also meant it earlier, according to the explanation. I want to say: the criteria for what happened in the past are different here than, for example, for the appearance of a picture.

§RPP I

347[4] &
348[1]

1353 Wie soll ich also dieses psychologische Phänomen beschreiben? Daß man ein Wort auf Befehl so und so meinen kann? daß man sich einbildet, es so oder so zu meinen? Soll ich sagen, daß das Wort “meinen” hier in einem anderen Sinne gebraucht wird; daß man eigentlich ein anderes Wort gebrauchen sollte? Soll ich so ein Wort in Vorschlag bringen? – Oder ist das gerade das Phänomen, daß wir hier das Wort “meinen” gebrauchen, welches wir für einen anderen Zweck gelernt haben?

1353 How am I to describe this psychological phenomenon? That one can, on command, mean something in a particular way by a word? that one imagines oneself to mean it in one way or another? Should I say that the word “mean” is used here in a different sense; that one should actually use a different word? Should I propose such a word? – Or is this precisely the phenomenon that we are using the word “mean” here, which we have learned for another purpose?

§RPP I

348[2]

1354 Ist es ein sehr primitives Sprachspiel, in dem man sagt: “Bei diesem Wort ist mir ‥‥ eingefallen”?

1354 Is it a very primitive language-game in which one says: “This word made me think of ‥‥”?

§RPP I

348[3]

1355 Statt “Ich habe das mit dem Wort gemeint” könnte man auch sagen “Das Wort stand für ‥‥”. Und wie konnte denn das Wort, als ich es aussprach, für dies, und nicht für jenes, stehen?! Und doch hat es gerade diesen Anschein. Ist also das gleichsam eine optische Täuschung? (So, als spiegelte das Wort den Gegenstand, den die Erklärung ihm zuordnet.) Und wenn das eine optische Täuschung ist, was verlieren Leute, die diese Täuschung nicht kennen? Sie sollten sehr wenig verlieren.

1355 Instead of “I meant that with the word”, one could also say “The word stood for ‥‥”. And how could the word, when I pronounced it, stand for this, and not for that?! And yet, it has precisely this appearance. Is this, then, a kind of optical illusion? (So, as if the word reflected the object that the explanation assigns to it.) And if this is an optical illusion, what do people lose who are not familiar with this illusion? They should lose very little.

§RPP I

348[4]

1356 Das besondere Erlebnis der Bedeutung ist charakterisiert dadurch, daß wir mit einer Erklärung und der Vergangenheitsform reagieren: gerade so, als erklärten wir die Bedeutung eines Worts für praktische Zwecke.

1356 The particular experience of meaning is characterized by the fact that we react with an explanation and the past tense: just as if we were explaining the meaning of a word for practical purposes.

§RPP I

348[5]

1357 Die Intention mag sich ändern und zugleich auch ein Erlebnisinhalt, aber die Intention war kein Erlebnis.

1357 The intention may change, and at the same time also a content of experience, but the intention was not an experience.

§RPP I

348[6] &
349[1]

1358 Einer der Grundsätze des Beobachtens müßte doch sein, daß ich das Phänomen, das ich beobachte, durch meine Beobachtung nicht störe. D.h., meine Beobachtung muß brauchbar sein, anzuwenden auf die Fälle, in denen nicht beobachtet wird.

1358 One of the principles of observation must be that I do not disturb the phenomenon I am observing through my observation. That is, my observation must be useful, applicable to the cases in which no observation is made.

§RPP I

349[2]

1359 Also entspricht diesem Aufzucken “Jetzt weiß ich's!” kein besonderes Erlebnis? Nein. – Denk Dir den, der immer auffährt “Jetzt hab ich's!” wenn er nichts hatte; – was sollen wir von ihm sagen? Welches Erlebnis hatte er? Nicht der besondere ‘Erlebnisinhalt’ beim Aufzucken gibt ihm sein besonderes Interesse, und wenn Einer sagt, er habe in diesem Augenblick alles verstanden, so ist das nicht die Beschreibung eines Erlebnisinhalts. – Aber warum nicht? – Ich will unterscheiden zwischen einer Aussage, die “Ich habe die Formel in diesem Augenblick vor mir gesehen” und einer, wie “Ich habe in diesem Augenblick die Methode erfaßt”. Aber nicht, als wollte ich sagen – “weil man eine Methode nicht in einem Augenblick erfassen kann”. Man kann es wohl, es geschieht sehr oft. – Ich will sagen: “‘Jetzt verstehe ich's’ ist ein Signal, nicht eine Beschreibung”. Und was ist damit getan, daß ich dies sage? Nun, die Aufmerksamkeit wird damit auf den Ursprung so eines Signals gerichtet; die Frage “Wie lernt Einer die Worte ‘Jetzt verstehe ich's’ und wie, z.B., die der Beschreibung einer Vorstellung?” tritt in den Vordergrund. Denn das Wort “Signal” weist auf einen Vorgang hin, der signalisiert wird.

1359 Does this sudden realization, “Now I know it!” really correspond to a particular experience? No. – Imagine someone who always exclaims, “Now I’ve got it!” when they haven’t grasped anything; – what should we say about him? What experience did he have? It is not the particular ‘content of the experience’ during the realization that gives it its special interest, and when one says that they understood everything at that moment, that is not a description of the content of an experience. – But why not? – I want to distinguish between a statement that “I saw the formula before me at that moment” and one such as “I grasped the method at that moment.” But not as if I wanted to say – “because one cannot grasp a method in a single moment.” One can, in fact, and it happens very often. – I want to say: “‘Now I understand’ is a signal, not a description.” And what is achieved by me saying this? Well, attention is thereby directed to the origin of such a signal; the question “How does one learn the words ‘Now I understand’ and how, for example, the description of an image?” comes to the fore. For the word “signal” points to a process that is being signaled.

§RPP I

349[3] &
350[1]

1360 Es ist freilich die Unbestreitbarkeit, die das Bild begünstigt: es wäre hier etwas beschrieben, was nur wir sehen und nicht der Andere sieht, was also uns nahe und immer zugänglich, für den Andern aber verborgen ist, also etwas, was in uns selbst liegt und wir durch Schauen in uns selbst gewahr werden. Und die Psychologie ist nun die Lehre von diesem Innern.

1360 It is indeed its undeniable nature that favors the image: it would describe something that only we see and the other does not see, something that is therefore close to us and always accessible, but hidden from the other, something that lies within us and we become aware of by looking within ourselves. And psychology is now the doctrine of this inner world.

§RPP I

350[2]

1361 Wenn ich also sagen will, daß unsere ‘Äußerungen’, mit denen es die Psychologie zu tun hat, durchaus nicht alle Beschreibungen von Erlebnisinhalten seien, so muß ich sagen, daß, was man Beschreibungen von Erlebnisinhalten nennt, nur eine kleine Gruppe jener ‘unbestreitbaren’ Äußerungen sind. Aber durch welche grammatischen Züge ist diese Gruppe charakterisiert?

1361 If I want to say that our ‘utterances’, with which psychology deals, are by no means all descriptions of the content of experiences, then I must say that what one calls descriptions of the content of experiences is only a small group of those ‘unquestionable’ utterances. But what grammatical features characterize this group?

§RPP I

350[3]

1362 Ein Erlebnisinhalt, das ist das, was ein Bild wiedergeben kann; ein Bild in seiner subjektiven Bedeutung, wenn es besagt: “Das sehe ich, – was immer der Gegenstand sein mag, der diesen Eindruck hervorbringt.” Denn der Erlebnisinhalt ist der private Gegenstand. – Aber wie kann dann der Schmerz einen solchen Inhalt bilden? – Eher noch die Temperaturempfindung. Und der Gehörsinn ist dem Gesicht noch näher verwandt;– aber auch schon ganz verschieden.

1362 The content of an experience is what a picture can reproduce; a picture in its subjective meaning, when it says: “This is what I see, – whatever the object may be that produces this impression.” For the content of the experience is the private object. – But how can pain then form such a content? – Rather, the sensation of temperature. And the sense of hearing is even more closely related to sight; – but already quite different.

§RPP I

350[4] &
351[1]

1363 Es ist uns förmlich, als hätte der Schmerz einen Körper, als wäre er ein Ding, ein Körper mit Form und Farbe. Warum? Hat er die Form des schmerzenden Körperteils? Man möchte z.B. sagen: “Ich könnte den Schmerz beschreiben, wenn ich nur die nötigen Worte und Elementarbedeutungen dazu hätte.” Man fühlt: es fehlt einem nur die notwendige Nomenklatur. (James.) Als könnte man die Empfindung sogar malen, wenn nur der Andere diese Ausdrucksweise verstünde. – Und man kann den Schmerz ja wirklich räumlich und zeitlich beschreiben.

1363 It almost seems as if pain has a body, as if it were a thing, a body with shape and color. Why? Does it have the shape of the painful part of the body? One might say, for example, “I could describe the pain if I only had the necessary words and elementary meanings for it.” One feels that one only lacks the necessary nomenclature. (James.) As if one could even paint the sensation, if only the other understood this mode of expression. – And one can indeed describe the pain spatially and temporally.

§RPP I

351[2]

1364 Wäre die Schmerzäußerung nur ein Schreien und dessen Stärke abhängig nur von dem vorrätigen Atem, aber nicht von der Verletzung, – wären wir dann auch geneigt, den Schmerz als etwas Beobachtetes aufzufassen?

1364 If the expression of pain were only a scream and its intensity depended only on the available breath, but not on the injury, – would we then also be inclined to regard the pain as something observed?

§RPP I

351[3]

1365 Warum denkst Du, daß des Andern Schmerz ähnlich ist, wie seine Gesichtsempfindung? – Oder so: Warum gruppieren wir Gesicht, Gehör und Tastempfindung zusammen? Weil wir durch sie ‘die Außenwelt kennen lernen’? Der Schmerz könnte ja als eine Art Tastempfindung aufgefaßt werden.

1365 Why do you think that the pain of the other is similar to his sensation of sight? – Or like this: Why do we group sight, hearing, and tactile sensation together? Because we ‘learn about the external world’ through them? Pain could be understood as a kind of tactile sensation.

§RPP I

351[4]

1366 Wie ist es aber mit meiner Idee, daß wir die Stellungen und die Bewegungen unserer Glieder nicht wirklich nach den Gefühlen beurteilen, die diese Bewegungen uns geben? Und warum sollten wir die Oberflächenbeschaffenheit der Körper so beurteilen, wenn man das von unseren Bewegungen nicht sagen kann? – Was ist überhaupt das Kriterium dafür, daß unser Gefühl uns dies lehrt?

1366 But what about my idea that we do not really judge the positions and movements of our limbs according to the feelings that these movements give us? And why should we judge the surface texture of objects in this way, if one cannot say the same of our movements? – What is the criterion for the fact that our feeling teaches us this?

§RPP I

351[5]

1367 Wie beurteilt man, ob die Müdigkeit (z.B.) ein unklar lokalisiertes Körpergefühl ist?

1367 How does one determine whether fatigue (for example) is an unclearly localized bodily feeling?

§RPP I

352[1]

1368 Man möchte sagen “Ich glaube …” kann nicht eigentlich das Präsens vom “Ich glaubte” sein. Oder: man müßte ein Verbum so gebrauchen können, daß sein Präteritum den Sinn von “ich glaubte” hat, sein Präsens aber einen andern Sinn, als unser “ich glaube”. Oder auch so: Es müßte ein Verbum geben, dessen dritte Person in der Gegenwart den Sinn “er glaubt” hat, dessen erste Person aber einen andern als “ich glaube”. Aber soll es dann auch ein Verbum geben, dessen erste Person sagt “ich glaube”, dessen dritte aber nicht das, was wir mit “er glaubt” meinen? Die dritte Person müßte also auch unbestreitbar sein?

1368 One might say that “I believe…” cannot actually be the present tense of “I believed.” Or: one would have to be able to use a verb in such a way that its past tense has the sense of “I believed,” while its present tense has a different sense than our “I believe.” Or also like this: there would have to be a verb whose third person in the present tense has the sense of “he believes,” but whose first person has a different sense than “I believe.” But if this is the case, should there also be a verb whose first person says “I believe,” but whose third person does not mean what we mean by “he believes”? So the third person would also have to be beyond dispute?

§RPP I

352[2]

1369 Wie, wenn Einer sagte: “Ich weiß, es wird nicht regnen, aber ich glaube, es werde regnen”?

1369 What if someone said: “I know that it will not rain, but I believe that it will rain”?

§RPP I

352[3]

1370 Was ist den Sinneserlebnissen gemeinsam? – Die Antwort, daß sie uns die Außenwelt kennen lehren, ist eine falsche und eine richtige. Sie ist richtig, sofern sie auf ein logisches Kriterium deuten soll.

1370 What do sensory experiences have in common? The answer that they teach us about the external world is both false and correct. It is correct insofar as it is supposed to indicate a logical criterion.

§RPP I

352[4] &
353[1]

1371 Ließe sich ein “Ich habe gelogen” denken, das ich aus der Beobachtung meines Benehmens erschließe? Nur dann, wenn auch der Andere nicht das Geständnis “Ich habe gelogen” machen kann. Beschreibt “Ich habe nicht gelogen” ein Erlebnis, oder “Ich habe dieser Aussage im guten Glauben gemacht”? – Du mußt daran denken, daß ich seinen guten Glauben nicht nur aus dem und jenem Benehmen erschließe, sondern auch sein Wort dafür annehme, welches er nicht auf Selbstbeobachtung stützt.

1371 Could one conceive of an “I have lied” that I derive from observing my behaviour? Only if the other person also cannot make the confession “I have lied.” Does “I have not lied” describe an experience, or “I made this statement in good faith”? – You must remember that I do not derive his good faith only from this or that behaviour, but also assume his word for it, which he does not base on self-observation.

§RPP I

353[2]

1372 Wie kommt es, daß ich aus meiner Aussage “Es wird regnen” nicht entnehmen kann, daß ich dies glaube? Kann ich denn gar keine interessanten Schlüsse daraus ziehen, daß ich dies gesagt habe? Sagt der Andere es, so schließe ich etwa, er werde einen Schirm mitnehmen. Warum nicht in meinem eigenen Fall? Natürlich, die Versuchung ist hier, zu sagen: Im eigenen Falle brauche ich diesen Schluß nicht aus meinen Worten zu ziehen, weil ich ihn aus meinem Seelenzustand, aus meinem Glauben selbst ziehen kann.

1372 How is it that I cannot infer from my statement “It will rain” that I believe this? Can I not draw any interesting conclusions from the fact that I said this? If the other person says it, then I conclude, for example, that he will take an umbrella. Why not in my own case? Of course, the temptation here is to say: in my own case, I do not need to draw this conclusion from my words, because I can draw it from my state of mind, from my belief itself.

§RPP I

353[3]

1373 Warum schließe ich nie von meinen Worten auf meine wahrscheinlichen Handlungen? Aus demselben Grunde, aus welchem ich nicht von meinem Gesichtsausdruck auf mein wahrscheinliches Benehmen schließe. – Denn nicht das ist das Interessante, daß ich nicht aus meinem Ausdruck der Gemütsbewegung auf meine Gemütsbewegung schließe, sondern, daß ich aus jenem Ausdruck auch nicht auf mein späteres Verhalten schließe, wie dies doch die Andern tun, die mich beobachten.

1373 Why do I never infer from my words about my probable actions? For the same reason that I do not infer from my facial expression about my probable behaviour. – Because the interesting thing is not that I do not infer my emotional state from my expression of emotion, but that I also do not infer my later behaviour from that expression, as others do who observe me.

§RPP I

353[4]

1374 Wer philosophiert, macht oft zu einem Wortausdruck die falsche, unpassende, Geste.

1374 When one philosophizes, one often makes the wrong, inappropriate gesture with a word.

§RPP I

354[1]

1375 Wenn Einer mich auf der Straße trifft und fragt “Wohin gehst Du?” und ich antworte “Ich weiß es nicht”, so nimmt er an, ich habe keine bestimmte Absicht; nicht, ich wisse nicht, ob ich meine Absicht werde ausführen können. (Hebel.)

1375 If someone meets me on the street and asks, “Where are you going?” and I answer, “I don’t know,” he assumes that I have no specific intention; not that I do not know whether I will be able to carry out my intention. (Hebel.)

§RPP I

354[2]

1376 Mein Über-Ich könnte von meinem Ich sagen: “Es regnet, und das Ich glaubt es” und könnte fortfahren: “Ich wird also wahrscheinlich einen Schirm mitnehmen”. Und wie geht nun das Spiel weiter?

1376 My super-ego could say of my ego: “It is raining, and the ego believes it,” and could continue: “So it will probably take an umbrella.” And how does the game continue?

§RPP I

354[3]

1377 Betrachte auch die Aussage: “Ich werde wahrscheinlich ‥‥” – wo das, was folgt, eine willkürliche, keine unwillkürliche Handlung ist.

1377 Also consider the statement: “I will probably ‥‥” – where what follows is an arbitrary, not an involuntary action.

§RPP I

354[4]

1378 Man sagt etwa: “Die Überzeugung fühlt man, man schließt auf sie nicht aus den eigenen Worten, oder ihrem Tonfall. Aber was heißt es: man fühle die Überzeugung? Wahr ist: Man schließt nicht aus den eigenen Worten auf die eigene Überzeugung; oder auf die Handlungen, die dieser entspringen.

1378 One says, for example: “One feels conviction; one does not infer it from one’s own words, or their tone.” But what does it mean to feel conviction? It is true: one does not infer one’s own conviction from one’s own words; or from the actions that spring from it.

§RPP I

354[5] &
355[1]

1379 Auf die Frage “Warum schließe ich nicht aus meinen Reden auf meine wahrscheinlichen Handlungen” könnte man sagen, es ist hier so, wie ich als Beamter in einem Ministerium auf die wahrscheinlichen Entschlüsse desselben nicht aus den offiziellen Äußerungen schließe, da mir ja der Ursprung, die Genesis dieser Äußerungen und der Entschlüsse bekannt ist. – Zu vergleichen wäre dieser Fall dem, daß ich Selbstgespräche führe, vielleicht sogar schriftlich, die mich zu meinen lauten Äußerungen im Gespräch mit Andern führen; und nun sage ich: ich werde doch auf mein künftiges Verhalten nicht aus diesen Äußerungen schließen, sondern aus den viel verläßlicheren Dokumenten meines Innenlebens.

1379 To the question “Why don’t I infer my likely actions from my words?” one could say that it is as if, as an official in a ministry, I do not infer the likely decisions of the ministry from its official utterances, because I am familiar with the origin, the genesis of these utterances and the decisions. – This case could be compared to the one where I have internal monologues, perhaps even in writing, which lead to my spoken utterances in conversation with others; and now I say: I will not infer my future behaviour from these utterances, but from the much more reliable documents of my inner life.

§RPP I

355[2]

1380 Ich weiß doch, wenn ich zornig bin, ich brauche es doch nicht aus meinem Benehmen lernen. – Aber schließe ich aus meinem Zorn auf eine wahrscheinliche Handlung? Man könnte das, glaube ich, auch so sagen: Ich verhalte mich zu meinen Handlungen nicht beobachtend.

1380 If I am angry, I don’t need to learn about it from my behaviour. – But do I infer a likely action from my anger? One could, I think, also say: I do not observe my actions.

§RPP I

355[3]

1381 Wenn ich Einem sage “Ich weiß, daß Du so handeln wirst”, so ist das beste Mittel, um diese Vorhersage wahr zu machen, das, den Andern zu der Handlung zu überreden.

1381 If I tell someone “I know that you will act that way,” then the best way to make this prediction come true is to persuade the other person to perform the action.

§RPP I

355[4]

1382 Wenn ich Einem sage “Du wirst jetzt Deine Hand heben”, so kann diese Voraussage Grund genug dafür sein, daß sie nicht in Erfüllung geht; es sei denn, sie sei ein Befehl und der Andere respektiere ihn.

1382 If I tell someone “You will now raise your hand,” then this prediction can be a sufficient reason for it not to come true; unless it is a command and the other person respects it.

§RPP I

355[5] &
356[1]

1383 “Es regnet und ich glaube, daß es regnet.” – Zum Wetter gewendet sage ich, daß es regnet; dann, zu mir selbst gewendet, daß ich dies glaube. – Aber was tue ich denn, wenn ich mich zu mir wende, was beobachte ich? Denk Dir, ich sage “Es regnet und ich glaube, daß es bald aufhören wird”– wende ich mich denn beim zweiten Teil der Aussage zu mir selbst? – ja, wenn ich herausfinden will, ob er das glaubt, dann muß ich mich zu ihm wenden, ihn beobachten. Und wenn ich, was ich glaube, durch Beobachtung erfahren wollte, müßte ich meine Handlungen beobachten, ganz wie im anderen Fall die seinen. Warum nun beobachte ich sie nicht? Sind sie für mich nicht interessant? Sie sind es scheinbar nicht. Ich frage einen Andern, der mich beobachtet hat, fast nie, ob er den Eindruck hat, ich glaube das und das: nämlich um auf diese Weise auf meine Handlungen in der Zukunft schließen zu können. Warum sollte denn ein wirklich guter Beobachter aus meinen Reden und Handlungen nicht mein Verhalten richtiger voraussagen können, als ich es vermag? Aber vielleicht werde ich nur dann so handeln, wie er's voraussieht, wenn er's mir nicht voraussagt.

1383 “It is raining and I believe that it is raining.” – If I turn to the weather, I say that it is raining; then, if I turn to myself, that I believe this. – But what do I do when I turn to myself, what do I observe? Imagine, I say “It is raining and I believe that it will soon stop” – do I turn to myself in the second part of the statement? – Yes, if I want to find out whether he believes it, then I must turn to him, observe him. And if I wanted to ascertain what I believe through observation, I would have to observe my actions, just as in the other case I observe his. Why then do I not observe them? Are they not interesting to me? They apparently are not. I almost never ask another person, who has observed me, whether he has the impression that I believe this and that: namely, in order to be able to infer my actions in the future in this way. Why shouldn’t a really good observer be able to predict my behaviour more accurately from my words and actions than I can myself? But perhaps I will only act as he predicts if he does not predict it to me.

§RPP I

356[2]

1384 Wenn ich sage “Ich erinnere mich, ich glaubte ‥‥”, so frag Dich nicht “An welche Tatsache, an welchen Vorgang hat er sich erinnert?” (das wurde schon festgestellt) – sondern frag: “Was ist der Zweck dieser Rede, wie wird sie verwendet?”

1384 If I say “I remember, I believed ‥‥”, then do not ask “To what fact, to what event did he refer?” (this has already been established) – but ask: “What is the purpose of this statement, how is it used?”

§RPP I

356[3]

1385 Der Gesichtssinn, der Gehörsinn, der Tastsinn können auslassen, so daß ich blind, taub, etc. bin; aber was entspräche dem im Bereich der Intention? Und wie benähme sich ein Mensch ohne Vorstellung? Oder einer, der nicht traurig und lustig sein kann?

1385 The sense of sight, the sense of hearing, the sense of touch can fail, so that I am blind, deaf, etc.; but what would be the equivalent in the area of intention? And how would a person without imagination behave? Or one who cannot be sad and cheerful?

§RPP I

357[1]

1386 “Die Hoffnung ist auf die Zukunft gerichtet” – aber gibt es ein Gefühl, das mit dem der Hoffnung identisch, aber auf die Gegenwart oder Vergangenheit gerichtet ist? Sozusagen dieselbe seelische Bewegung, aber mit einem andern Gegenstand? Frage Dich: was wäre hier als das Kriterium der Gleichheit der Seelenbewegungen anzusehen? Damit verbunden: “Ist das Aufschrecken ‘Jetzt kann ich's’ ein besonderes, spezifisches, Aufschrecken?”

1386 “Hope is directed towards the future” – but is there a feeling that is identical with the feeling of hope, but directed towards the present or the past? As it were, the same mental movement, but with a different object? Ask yourself: what would be regarded as the criterion for the sameness of mental movements here? Connected with this: “Is the exclamation ‘Now I can do it’ a special, specific exclamation?”

§RPP I

357[2]

1387 Auch wenn ich zugäbe, daß ich mehr von meinem eigenen Glauben weiß, als von dem des Andern, so müßte ich dann doch sagen, daß ich eben das von mir wissen kann, was ich vom Andern weiß, wenn auch noch viel mehr. – So müßte ich also, wenn es auch überflüssig wäre, ein Verbum auf mich so anwenden können, wie das Wort “glauben” auf den Andern. Was hindert mich daran?

1387 Even if I grant that I know more about my own belief than about that of the other person, I must still say that I can know precisely that about myself, which I know about the other person, although much more besides. – So, I should, even if it were superfluous, be able to apply a verb to myself in the same way as the word “believe” to the other person. What prevents me from doing so?

§RPP I

357[3]

1388 Der Begriff der Welt des Bewußtseins. Wir bevölkern einen Raum mit Eindrücken.

1388 The concept of the world of consciousness. We populate a space with sensations.

§RPP I

357[4]

1389 “Die ideale Uhr würde einfach immer auf die Zeit ‘jetzt’ zeigen.” Hängt auch mit der Sprache zusammen, die nur meine Eindrücke im gegenwärtigen Augenblick beschreibt. Verwandt der Uraussage, die nur ein unartikulierter Laut ist. (Driesch.) Der ideale Name, der das Wort “dieses” ist.

1389 “The ideal clock would simply always show the time ‘now’.” This is also connected with language, which only describes my impressions in the present moment. Related to the original statement, which is only an unarticulated sound. (Driesch.) The ideal name, which is the word “this.”

§RPP I

358[1]

1390 Ich möchte von einem Stammbaum der psychologischen Begriffe reden. (Ist hier eine Ähnlichkeit mit einem Stammbaum der verschiedenen Zahlbegriffe?)

1390 I would like to talk about a family tree of psychological concepts. (Is there a similarity here with a family tree of different number concepts?)

§RPP I

358[2]

1391 Die Schwierigkeit des Verzichtens auf jede Theorie: Man muß das und das, was so offenbar unvollständig erscheint, als etwas Vollständiges auffassen.

1391 The difficulty of giving up every theory: One must consider this and that, which seems so incomplete, as something complete.

§RPP I

358[3]

1392 Die Angst borgt die Bilder der Furcht. “I have the feeling of impending doom.”

1392 Fear borrows the images of dread. “I have the feeling of impending doom.”

§RPP I

358[4]

1393 Was ist aber der Inhalt, der Bewußtseinsinhalt der Angst? Die Frage ist falsch gestellt.

1393 But what is the content, the content of consciousness of fear? The question is wrongly formulated.

§RPP I

358[5]

1394 “Ein Bild (Vorstellungsbild, Erinnerungsbild) der Sehnsucht”. Man denkt, man habe schon alles damit getan, daß man von einem ‘Bild’ redet; denn die Sehnsucht ist eben ein Bewußtseinsinhalt, und dessen Bild ist etwas, was ihm (sehr) ähnlich ist, wenn auch undeutlicher als das Original. Und man könnte ja wohl von Einem, der die Sehnsucht auf dem Theater spielt, sagen, er erlebe, oder habe, ein Bild der Sehnsucht: nämlich nicht als Erklärung seines Handelns, sondern zu seiner Beschreibung.

1394 “A picture (mental image, memory-image) of longing.” One thinks one has already done enough by talking about a ‘picture’; because longing is precisely a content of consciousness, and its image is something that is (very) similar to it, albeit more indistinct than the original. And one could certainly say of someone who is playing longing in the theater that he experiences, or has, an image of longing: namely not as an explanation of his actions, but as a description of them.

§RPP I

358[6] &
359[1]

1395 Würde ich aber nicht doch sagen, daß der Schauspieler etwas der wirklichen Sehnsucht Ähnliches erlebt? Ist eben nicht doch etwas an dem, was James sagt: daß die Gemütsbewegung aus den Gefühlen des Körpers besteht, und daher, wenigstens teilweise, durch willkürliche Bewegungen reproduziert werden kann?

1395 But would I not still say that the actor experiences something similar to real longing? Is there not something to what James says: that the emotional movement consists of the feelings of the body, and therefore can, at least partially, be reproduced through voluntary movements?

§RPP I

359[2]

1396 Ist, die Mundwinkel hinunterziehen, so unangenehm, so traurig, und sie hinaufziehen, so angenehm? Was ist es, was so schrecklich an der Furcht ist? Das Zittern, der schnelle Atem, das Gefühl in den Gesichtsmuskeln? – Wenn Du sagst: “Diese Furcht, diese Ungewißheit ist schrecklich!” – könntest Du fortsetzen: “Wenn nur dieses Gefühl im Magen nicht wäre!”?

1396 Is pulling down the corners of the mouth so unpleasant, so sad, and pulling them up so pleasant? What is it that is so terrible about fear? The trembling, the rapid breathing, the feeling in the facial muscles? – If you say, “This fear, this uncertainty is terrible!” – could you continue: “If only there wasn’t this feeling in my stomach!”?

§RPP I

359[3]

1397 Der Ausdruck “Diese Angst ist schrecklich!” ist ähnlich einem Aufstöhnen, einem Schrei. Gefragt “Warum schreist Du?” – würden wir aber nicht auf den Magen, die Brust, etc. zeigen, wie im Falle des Schmerzes; sondern vielleicht auf das, was die Angst hervorruft.

1397 The expression “This fear is terrible!” is similar to a groan, a scream. If asked, “Why are you screaming?” – would we not point to the stomach, the chest, etc., as in the case of pain; but perhaps to what the fear provokes.

§RPP I

359[4]

1398 Wenn die Angst furchtbar ist, und wenn ich in ihr mir meiner Atmung bewußt bin und einer Spannung in meinen Gesichtsmuskeln, – sagt das, daß diese Gefühle mir furchtbar sind? Könnten sie nicht sogar eine Linderung bedeuten?

1398 If fear is terrible, and if I am conscious of my breathing and a tension in my facial muscles, – does that mean that these feelings are terrible to me? Could they not even mean a relief?

§RPP I

359[5]

1399 Vergleiche Furcht und Angst mit Sorge.

1399 Compare fear and anxiety with worry.

§RPP I

359[6] &
360[1]

1400 Und was ist das für eine Beschreibung: “Ewiges Düstere steigt herunter ‥‥”? So könnte man einen Schmerz beschreiben; ja sogar malen.

1400 And what is that for a description: “Eternal gloom descends…”? One could describe a pain in this way; yes, even paint it.

§RPP I

360[2]

1401 Ist nicht der ‘Inhalt’ das, womit man den Empfindungsraum bevölkert? Das, was in Raum und Zeit sich wandelt, vorgeht. Wenn man etwa zu sich selbst spricht, so wären es die vorgestellten Laute (und etwa Gefühle im Kehlkopf, oder dergleichen).

1401 Isn't the ‘content’ what populates the space of sensation? What changes, proceeds in space and time. If one speaks to oneself, then it would be the imagined sounds (and perhaps feelings in the throat, or the like).

§RPP I

360[3]

1402 Ist Lügen ein bestimmtes Erlebnis? Nun, kann ich denn jemandem sagen “Ich werde Dich jetzt anlügen” und es dann tun?

1402 Is lying a specific experience? Well, can I say to someone, “I am going to lie to you now,” and then do it?

§RPP I

360[4]

1403 Inwiefern ist mir die Lüge bewußt, während ich lüge? Nur insofern, als sie mir nicht später erst zum Bewußtsein kommt, und ich doch später weiß, daß ich gelogen habe. Das Sich-der-Lüge-bewußt-sein ist ein Können. Dem widerspricht nicht, daß es charakteristische Gefühle des Lügens gibt.

1403 In what way am I conscious of the lie while I am lying? Only insofar as it does not only come to my consciousness later, and I later know that I lied. Being conscious of the lie is a capability. This does not contradict the fact that there are characteristic feelings of lying.

§RPP I

360[5]

1404 Das Wissen wird eben nicht in Worte übersetzt, wenn es sich äußert. Die Worte sind keine Übersetzung eines Andern, das vor ihnen da war.

1404 Knowledge is not simply translated into words when it is expressed. The words are not a translation of something else that was there before them.

§RPP I

360[6] &
361[1]

1405 Man sagt “Ich merke an seinem Ton, daß er nicht glaubt, was er spricht”, oder ich nehme es an, weil er sich im allgemeinen als unzuverlässig erwiesen hat. Wie kann ich das auf mich anwenden? Kann ich z.B. aus meinem Ton schließen, daß ich wahrscheinlich nicht meinen Worten gemäß handeln werde? (Und doch tut's der Andere.) Oder kann ich es aus meiner früheren Unzuverlässigkeit schließen? Das Letztere schon eher. Aber ich beurteile den Ton meiner Stimme garnicht, wie den des Andern. Ja, wenn ich mich später, etwa in einem Sprechfilm, sehen könnte, würde ich vielleicht sagen “Ich traue mir nicht recht.”

1405 One says, “I can tell from his tone that he doesn't believe what he is saying,” or I assume it because he has generally proven to be unreliable. How can I apply this to myself? Can I, for example, conclude from my tone that I will probably not act according to my words? (And yet the other person does.) Or can I conclude it from my past unreliability? The latter is more likely. But I don't judge the tone of my voice the same way I judge the tone of the other person. Yes, if I could see myself later, perhaps in a talking film, I might say, “I’m not quite sure of myself.”

§RPP I

361[2]

1406 Vor allem aber: ich scheine doch einen Ersatz für alle solche Konjekturen zu haben, einen, der sicherer ist als sie. Ich weiß doch, daß ich nicht glaube, was ich sage, und das gibt mir doch den besten Grund – möchte ich sagen – zur Annahme, daß ich nicht meinen Worten gemäß handeln werde. Ja; ich habe eben eine Absicht meine Handlungen betreffend.

1406 Above all, however: don't I have a substitute for all such conjectures, one that is more reliable than they are? I know that I don't believe what I say, and that gives me the best reason – would I say – to assume that I will not act according to my words. Yes; I simply have an intention regarding my actions.

§RPP I

361[3]

1407 “Ich weiß doch, daß ich lüge! Was brauche ich aus meinem Ton, etc., Schlüsse zu ziehen?” – Aber so ist es nicht. Denn die Frage ist; Kann ich aus jenem ‘Wissen’ die gleichen Schlüsse, auf die Zukunft z.B., ziehen, kann ich von ihm die gleiche Anwendung machen, wie von den beobachteten Zeichen?

1407 “I know that I am lying! Why do I need to draw conclusions from my tone, etc.?” – But that is not the case. For the question is: Can I draw the same conclusions from this ‘knowledge,’ for example, about the future, can I make the same application of it, as from the observed signs?

§RPP I

361[4]

1408 Und ist denn die Absicht immer ganz klar? Ich sage z.B. “Es wird schon werden” – halb, weil ich es glaube, halb, weil ich den Andern trösten will.

1408 And is the intention always completely clear? I say, for example, “It will probably work out” – partly because I believe it, partly because I want to comfort the other person.

§RPP I

361[5]

1409 Hintergedanken. “Ich kenne die meinen, vermute die seinen.” Aber welches Interesse, welche Wichtigkeit, haben seine Hintergedanken für mich? (Nun, überlege es Dir.) Und das ‘Wissen’ meiner Hintergedanken spielt nun wirklich dieselbe Rolle für mich, wie die Vermutung der seinen für ihn.

1409 Hidden motives. “I know my own, I suspect his.” But what interest, what importance, do his hidden motives have for me? (Well, consider it.) And the ‘knowledge’ of my own hidden motives now plays exactly the same role for me, as the assumption of his hidden motives does for him.

§RPP I

362[1]

1410 ‘Nach sich selbst urteilen.’ Das gibt's natürlich. Und ich schließe auch manchmal, daß der Andere Schmerzen hat, weil er sich so benimmt, wie ich in diesem Falle.

1410 ‘Judging oneself.’ That of course exists. And I sometimes conclude that the other person is in pain because he behaves as I would in that case.

§RPP I

362[2]

1411 Man könnte sagen: Sage ich Dir meine Hintergedanken, so teile ich Dir gerade das mit, was Du vermutest, wenn Du die Hintergedanken vermutest. D.h.: wenn Du die Hintergedanken, sozusagen, als aktives Prinzip vermutest, und ich äußere sie, so kannst Du meine Äußerung unmittelbar zur Beschreibung jenes Agens gebrauchen. Meine Äußerung erklärt gerade das, was er erklären will.

1411 One could say: If I tell you my hidden motives, then I am telling you precisely what you would suspect if you were suspecting the hidden motives. That is: if you suspect the hidden motives, as it were, as an active principle, and I express them, then you can use my utterance directly to describe that agent. My utterance explains precisely what he wants to explain.

§RPP I

362[3]

1412 “Wozu soll ich denn aus meinen eigenen Worten auf mein Verhalten schließen, wenn ich ohnehin weiß, was ich glaube?” Und wie äußert sich's, daß ich weiß, was ich glaube? Äußert es sich nicht dahin: daß ich eben von meinen Worten nicht auf mein Verhalten schließe? Das ist die Tatsache.

1412 “Why should I draw conclusions about my behaviour from my own words, when I know anyway what I believe?” And how does it manifest that I know what I believe? Doesn't it manifest in the fact that I don't draw conclusions about my behaviour from my words? That is the fact.

§RPP I

362[4]

1413 Warum schließe ich nicht aus meinem Ton darauf, daß ich nicht wirklich von dem überzeugt bin, was ich sage? oder auf all das, worauf man aus diesem Letzteren schließt? – Und antwortet man “Weil ich meine Überzeugung kenne” – so ist die Frage “Wie zeigt sich das?” Soll ich nun sagen: “Darin, daß ich nicht daran zweifele, was sie ist”?

1413 Why don't I conclude from my tone that I don't really believe what I'm saying? or about all the things one concludes from that latter? – And if one answers, “Because I know my conviction,” then the question is, “How does that show itself?” Should I say: “In the fact that I don't doubt what it is”?

§RPP I

362[5]

1414 Die Kenntnis des Metrums. Wer das Metrum kennt, hört es anders.

1414 The knowledge of the meter. Whoever knows the meter hears it differently.

§RPP I

363[1]

1415 Es gibt sorgenvolle Gedanken, aber nicht zahnschmerzvolle.

1415 There are worrying thoughts, but not toothache-inducing ones.

§RPP I

363[2]

1416 Ich pfeife jetzt einen Ton, aber auch jetzt eine Melodie.

1416 I am whistling a note now, but also a melody now.

§RPP I

363[3]

1417 Wir sagen nicht: “Ich sehe wütend aus; ich hoffe nur, ich werde keine Gewalttat begehen.” Die Frage ist aber nicht: “Wie kommt das?”

1417 We don't say: “I look angry; I just hope I don't commit an act of violence.” But the question is not: “How does that come about?”

§RPP I

363[4]

1418 Die Psychologie des Urteils. Denn auch das Urteil hat seine Psychologie. Es ist wichtig, daß man sich denken kann, daß jedes Urteil mit dem Worte “Ich” beginnt. “Ich urteile, daß ‥‥” So ist also jedes Urteil eines über den Urteilenden? Insofern nicht, als ich nicht will, daß die Hauptkonsequenzen über mich gezogen werden, sondern über den Gegenstand des Urteils. Sage ich “Es regnet”, so will ich im allgemeinen nicht, daß man antworte “Also so scheint es Dir.” “Wir reden vom Wetter”, könnte ich sagen, “nicht von mir.”

1418 The psychology of judgment. For judgment also has its psychology. It is important that one can imagine that every judgment begins with the word “I.” “I judge that ‥‥” So is every judgment then about the one who is judging? Not in so far as I do not want the main consequences to be drawn about myself, but about the object of the judgment. If I say, “It is raining,” I generally do not want one to respond, “So it seems to you.” “We are talking about the weather,” I could say, “not about me.”

§RPP I

363[5]

1419 “Warum aber ist die Verwendung des Zeitworts ‘glauben’, seine Grammatik, in so seltsamer Weise zusammengesetzt?” Nun, sie ist nicht seltsam zusammengesetzt. Seltsam nur, wenn man sie mit der des Wortes “essen” etwa vergleicht.

1419 “But why is the use of the verb ‘to believe,’ its grammar, in so strange a way composed?” Well, it is not strangely composed. It is only strange if one compares it with the grammar of the word “to eat,” for example.

§RPP I

363[6] &
364[1]

1420 “Was er wohl jetzt tun wird” sage ich, indem ich ihm zusehe. Betrachte ich mich, und sage “Was ich wohl jetzt tun werde”?

1420 “What will he probably do now,” I say, while watching him. If I consider myself, and say, “What will I probably do now?”

§RPP I

364[2]

1421 Denke, ich bewegte mich in einem Zimmer, und hätte einen Lichtschirm vor meinen Augen, auf welchem ich mich sehe, wie ein Beobachter mich sehen würde. Ich schaue, während ich mich in dem Zimmer bewege, stets nur auf den Schirm und beobachte auf ihm mein Tun. – Was wäre nun der Unterschied zwischen den beiden Fällen: a) Ich werde durch das, was ich auf dem Lichtschirm sehe, gelenkt, wie durch das normale Sehen meiner Umgebung – – b) Ich bewege mich unwillkürlich und beobachte mich wie einen Fremden. Aber fühle ich meine Bewegungen nicht? – Aber geschieht mir dies Gefühl nicht, wie jeder andere Sinneseindruck?

1421 Suppose I move in a room and have a light screen in front of my eyes, on which I see myself, as an observer would see me. While I move around the room, I always look only at the screen and observe my actions on it. – What would then be the difference between the two cases: a) I am guided by what I see on the light screen, as by normal seeing of my surroundings – – b) I move involuntarily and observe myself as if I were a stranger. But don’t I feel my movements? – But isn’t this feeling happening to me, just like any other sense impression?

§RPP I

364[3]

1422 Nun gut: das kinästhetische ist ein anderes, ein besonderes Gefühl. – Aber so ist Geruch, Gehör, etc. – Warum macht das einen solchen Unterschied? “Innervationsgefühl” – das drückt aus, was man sagen möchte: Daß es wie ein Impuls ist. Aber ein Gefühl wie ein Impuls?! Was ist denn ein Impuls? Ein physikalisches Bild. Das Bild eines Stoßes.

1422 Very well: the kinesthetic is something different, a special feeling. – But so are smell, hearing, etc. – Why does this make such a difference? “Feeling of innervation” – that expresses what one wants to say: that it is like an Impuls. But a feeling like an impulse?! What is an impulse? A physical picture. The picture of a shock.

§RPP I

364[4] &
365[1]

1423 Was ist der Unterschied zwischen diesen Beiden: Einer Linie unwillkürlich folgend – – Einer Linie mit Absicht folgend. Was ist der Unterschied zwischen diesen Beiden: Eine Linie mit Bedacht und großer Aufmerksamkeit nachziehen – – Aufmerksam beobachten, wie meine Hand einer Linie folgt.

1423 What is the difference between these two: Following a line involuntarily – – Following a line with intention. What is the difference between these two: Tracing a line carefully and with great attention – – Attentively observing how my hand follows a line.

§RPP I

365[2]

1424 Gewisse Unterschiede sind leicht anzugeben. Einer liegt im Voraussehen dessen, was die Hand tun wird.

1424 Certain differences are easy to indicate. One lies in the anticipation of what the hand will do.

§RPP I

365[3]

1425 Ist “Ich tue mein Möglichstes” die Äußerung eines Erlebnisses? – Ein Unterschied: Man sagt “Tue dein Möglichstes!”

1425 Is “I do my best” the expression of an experience? – One difference: One says, “Do your best!”

§RPP I

365[4]

1426 Sagt man: “Gib Dir dieses Muskelgefühl!”? Und warum nicht? – “Dieses”? – Welches? – – Aber kann ich mir nicht ein bestimmtes Muskelgefühl geben, indem ich eben meinen Arm bewege? – Versuch's! Beweg Deinen Arm, – und frag Dich, welches Gefühl Du Dir hervorgerufen hast. Sagte mir Einer “Beug Deinen Arm und ruf Dir das charakteristische Gefühl hervor” und ich beuge meinen Arm, so müßte ich ihn nun fragen: “Welches hast Du gemeint? Eine leichte Spannung im Bizeps, oder ein Gefühl in der Haut an der Innenseite des Ellenbogengelenks?” Ja, ich könnte, wenn mir Einer eine Bewegung befiehlt, sie machen, und dann die Empfindungen, das sie hervorbringt, und ihren besonderen Ort beschreiben (der beinahe nie das Gelenk wäre). Und ich müßte oft auch sagen, ich habe nichts empfunden. Nur darf man das nicht mit der Aussage verwechseln, es sei gewesen, als wäre mein Glied gefühllos.

1426 Does one say, “Give yourself this muscular feeling!”? And why not? – “This”? – Which one? – – But can’t I give myself a specific muscular feeling by simply moving my arm? – Try it! Move your arm, and ask yourself what feeling you have evoked. If someone were to say to me, “Bend your arm and evoke the characteristic feeling,” and I bend my arm, then I would have to ask him: “Which one did you mean? A slight tension in the biceps, or a feeling in the skin on the inside of the elbow joint?” Yes, I could, if someone were to command me to do a movement, do it, and then describe the sensations it brings about and their particular location (which would almost never be the joint). And I would also often have to say that I have felt nothing. One must only not confuse this with the statement that it was as if my limb were numb.

§RPP I

366[1]

1427 Liest Du die Seite willkürlich? Und worin besteht hier der Akt? – Es kann Einer auf Befehl lesen, und zu lesen aufhören. Man kann sich auch auf Befehl etwas vorstellen. Sich z.B. in der Vorstellung ein Gedicht aufsagen, eine Rechnung machen. Fühlst Du's, beim Vorstellen, ob Du Dir etwas willkürlich oder unwillkürlich vorstellst? Man kann sich auf Befehl Gedanken hervorrufen, Vorstellungen hervorrufen, – aber auch, und das ist etwas anderes, auf Befehl etwas denken, sich etwas vorstellen.

1427 Do you read the page arbitrarily? And what is the act here? – Someone can read on command and stop reading. One can also imagine something on command. For example, recite a poem in one’s imagination, do a calculation. Do you feel, when imagining, whether you are imagining something arbitrarily or involuntarily? One can evoke thoughts on command, evoke images – but also, and this is something else, think something on command, imagine something.

§RPP I

366[2]

1428 Vorstellungen, könnte man sagen, sind willkürlich, Nachbilder unwillkürlich.

1428 Images, one could say, are voluntary; afterimages are involuntary.

§RPP I

366[3]

1429 Unwillkürlich ist, z.B. die Bewegung, die man nicht hindern kann; oder die, von der man nichts weiß; oder, die geschieht, wenn man seine Muskeln geflissentlich schlaff läßt, um die Bewegung nicht zu beeinflussen.

1429 Involuntary is, e.g., the movement that one cannot prevent; or the one of which one knows nothing; or the one that occurs when one deliberately relaxes one’s muscles in order not to influence the movement.

§RPP I

366[4]

1430 Frage ich mich, wenn ich, z.B., den Andern essen sehe, ob er es willkürlich oder unwillkürlich tut? Man sagt vielleicht, ich nehme eben an, daß es willkürlich geschieht. Was nehme ich an; daß er es fühlt? Und auf bestimmte Weise fühlt?

1430 When I see the other person eating, do I ask myself whether he is doing it voluntarily or involuntarily? One might say that I simply assume that it is happening voluntarily. What do I assume; that he feels it? And that he feels it in a certain way?

§RPP I

366[5]

1431 Wie weiß ich, ob das Kind willkürlich oder nicht willkürlich ißt, trinkt, geht, etc.? Frage ich es, was es fühlt? Nein; essen, wie Jeder ißt, ist willkürlich.

1431 How do I know whether the child is eating, drinking, walking, etc. voluntarily or involuntarily? Do I ask him what he feels? No; eating, as everyone eats, is voluntary.

§RPP I

367[1]

1432 Wenn Einer uns nun sagte, er esse unwillkürlich, – welche Evidenz würde mich dies glauben machen?

1432 If someone were to tell us, he is eating involuntarily, – what evidence would make me believe this?

§RPP I

367[2]

1433 Wenn ich, um mein Aug zu schützen, die Hand plötzlich hebe, – ist die Bewegung willkürlich? – und fühle ich sie anders, als eine willkürliche?

1433 If I suddenly raise my hand to protect my eye, – is the movement voluntary? – and do I feel it differently than a voluntary one?

§RPP I

367[3]

1434 Der Begriff der ‘Anstrengung’. Fühlst Du die Anstrengung? Freilich fühlst Du sie. Aber machst Du sie nicht auch? – Was sind die Zeichen der Anstrengung? Ich hebe ein schweres Gewicht mit großer Anstrengung. Meine Muskeln sind gespannt, mein Gesicht zusammengekniffen, mein Atem angehalten – – aber tue ich das; geschieht es mir nicht bloß? Wie wär's, wenn es mir nun geschähe? Wie unterschiede sich der Fall von dem des Wollens? Würde ich etwa anders reden? Würde ich sagen: “Ich weiß nicht, was mit mir geschieht: meine Muskeln sind gespannt, mein Gesicht etc. etc.”? Und sagte ich: “Nun, so entspann Deine Muskeln”, so würde er antworten “Ich kann nicht”. Aber wie, wenn mir Einer sagte: “Ich fühle, daß ich tun muß, was immer ich tue”, und daß er sich dabei benimmt, wie jeder Andere?

1434 The concept of ‘effort’. Do you feel the effort? Of course, you feel it. But don’t you also make it? – What are the signs of effort? I lift a heavy weight with great effort. My muscles are tense, my face is contorted, my breath is held – – but do I do this; or is it simply happening to me? What if it were to happen to me now? How would that differ from the case of willing? Would I speak differently? Would I say: “I don’t know what’s happening to me: my muscles are tense, my face etc. etc.”? And if I said: “Well, relax your muscles,” he would reply, “I can’t.” But what if someone said to me: “I feel that I must do whatever I do,” and that he behaves like anyone else?

§RPP I

367[4]

1435 Ist nicht, zu sagen, das kinästhetische Gefühl zeige mir die gemachte Bewegung an, analog der Ansicht, ein Merkmal des Schmerzes zeige mir seinen Ort an?

1435 Isn’t it the case that saying that the kinesthetic sensation shows me the movement that is being made is analogous to the view that a characteristic of pain shows me its location?

§RPP I

368[1]

1436 Wenn Einer den Schmerz durch ein Farbenbild darstellen wollte, – würde er in das Bild ein vokales Zeichen aufnehmen? Und weshalb nicht?

1436 If someone wanted to represent pain through a color image, – would he include a vocal sign in the image? And why not?

§RPP I

368[2]

1437 Ist nicht die Empfindung das Maß der Anstrengung? D.h.: Wenn ich sage “Ich ziehe jetzt stärker”, merke ich das am Grad der Empfindung? Und was ist dagegen zu sagen? Man sagt Einem “Streng Dich mehr an!” – nicht, damit er mehr empfindet, sondern mehr leistet.

1437 Isn’t sensation the measure of effort? That is, when I say “I am pulling harder now,” do I notice it in the degree of sensation? And what is to be said against this? One says to someone “Exert yourself more!” – not in order for him to feel more, but to achieve more.

§RPP I

368[3]

1438 Warum fühlt man, man könne eine Tastempfindung (ihren Inhalt) beschreiben, malen, nicht aber eine Bewegungs- oder Positionsempfindung?

1438 Why does one feel that one can describe a tactile sensation (its content), paint it, but not a movement or position sensation?

§RPP I

368[4]

1439 Kannst Du z.B. sagen, Deine Positionsempfindung sei schwach oder stark? Und Deine Empfindungen bei der Bewegung eines Gliedes können zwar stärker oder schwächer (oder abwesend) sein, aber das ist keine Wahrnehmung der Bewegung.

1439 Can you, for example, say that your position sensation is weak or strong? And your sensations during the movement of a limb may be stronger or weaker (or absent), but that is not a perception of the movement.

§RPP I

368[5]

1440 Bewegungsempfindungen, – das sind Empfindungen, die durch Bewegungen hervorgerufen werden – können z.B. Schmerzen sein. Wie weiß man, daß es nicht diese Bewegungsempfindungen sind, die uns lehren, wie wir uns bewegen? Was wäre ein Zeichen dafür, daß es so ist?

1440 Movement sensations – these are sensations that are caused by movements – can, for example, be pain. How does one know that it is not these movement sensations that teach us how to move? What would be a sign that this is the case?

§RPP I

369[1]

1441 Ist es nicht eine wichtige Tatsache, daß das Theater uns Farben und Töne vorführt, aber nicht Tastempfindungen? Man könnte sich etwa die Verwendung von Gerüchen und von Temperaturempfindungen vorstellen, aber nicht die von Tastempfindungen.

1441 Isn’t it an important fact that the theater shows us colors and sounds, but not tactile sensations? One could imagine the use of smells and temperature sensations, but not the use of tactile sensations.

§RPP I

369[2]

1442 Einer, der mit augenscheinlicher Aufmerksamkeit eine Nadel einfädelt und uns sagt, er tue es unwillkürlich. Wie könnte er diese Aussage rechtfertigen?

1442 Someone, who with apparent attention threads a needle and tells us that he is doing it involuntarily. How could he justify this statement?

§RPP I

369[3]

1443 Was man wissen kann, davon kann man überzeugt sein, – und das kann man auch vermuten. (Grammatische Bemerkung.)

1443 One can be convinced of what one knows – and one can also guess it. (Grammatical remark.)

§RPP I

369[4]

1444 Willkürlich sind gewisse Bewegungen mit ihrer normalen Umgebung von Absicht, Lernen, Versuchen, Handeln. Bewegungen, von denen es Sinn hat, zu sagen, sie seien manchmal willkürlich, manchmal unwillkürlich, sind Bewegungen in einer speziellen Umgebung.

1444 Certain movements, with their normal environment, are associated with intention, learning, trying, and acting. Movements for which it makes sense to say that they are sometimes voluntary and sometimes involuntary are movements in a specific environment.

§RPP I

369[5]

1445 Eine Kategorie psychologischer Erscheinungen (Tatsachen) wären die ‘Keime’. Aber dies Wort kann ebenso leicht der Ausdruck eines Mißverständnisses sein, wie das Wort “Tendenzerlebnis” (James.). Das Wort “Brettspiel-Zug” charakterisiert auch nicht eine Art der Bewegung.

1445 A category of psychological phenomena (facts) would be ‘germs’. But this word can just as easily be the expression of a misunderstanding as the word “tendency experience” (James). The word “board game move” also does not characterize a type of movement.

§RPP I

369[6] &
370[1]

1446 Übersetzen von einer Sprache in die andere ist eine mathematische Aufgabe und das Übersetzen eines lyrischen Gedichts z.B. in eine fremde Sprache ist ganz analog einem mathematischen Problem. Denn man kann wohl das Problem stellen “Wie ist dieser Witz (z.B.) durch einen Witz in der andern Sprache zu übersetzen,” d.h. zu ersetzen; und das Problem kann auch gelöst sein; aber eine Methode, ein System, zu seiner Lösung gab es nicht.

1446 Translating from one language to another is a mathematical task, and translating a lyrical poem, for example, into a foreign language is analogous to a mathematical problem. One can, after all, pose the problem of “How is this joke (for example) to be translated into a joke in the other language,” i.e., to be replaced; and the problem can also be solved; but there was no method, no system, for solving it.

§RPP I

370[2]

1447 Du weißt, daß Du lügst; Du weißt es, wenn Du lügst. Eine innere Stimme, ein Gefühl, sagt es mir? Könnte dies Gefühl mich nicht täuschen? Sagt es mir immer eine Stimme? Und wann spricht sie? Die ganze Zeit? – Und wie weiß ich, daß ich ihr trauen kann?

1447 You know that you are lying; you know it when you lie. An inner voice, a feeling, tells me this? Couldn’t this feeling deceive me? Does it always tell me with a voice? And when does it speak? All the time? – And how do I know that I can trust it?

§RPP I

370[3]

1448 Eine Lüge hat eine besondere Umgebung. Es gibt da vor allem ein Motiv. Eine Veranlassung.

1448 A lie has a special environment. There is, above all, a motive. An inducement.

§RPP I

370[4]

1449 Das Bewußtsein des Lügens ist von der Kategorie des Bewußtseins der Absicht.

1449 The consciousness of lying is of the same category as the consciousness of intention.

§RPP I

370[5]

1450 Vergiß nicht: Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, etc., sind Empfindungen nur, weil diesen Begriffen etwas gemeinsam ist – – wie man Bohrer, Meißel, Axt, Knallgasgebläse, zusammennehmen könnte, weil ihnen gewisse Funktionen gemeinsam sind.

1450 Don’t forget: sight, hearing, smell, taste, etc., are only sensations because these concepts have something in common – – just as one could group together drills, chisels, axes, and gas-powered blowtorches, because they have certain functions in common.

§RPP I

370[6] &
371[1]

1451 “Der Schmerz, der Ton, der Geschmack, Geruch, hat eine bestimmte Farbe.” Was heißt das? (Qualität. Eigenschaftswort.) Eine Farbe kann grünlich sein, oder bläulich – es gibt ein Gemisch von Farben; und so auch ein Gemisch von Gerüchen, Klängen, Geschmäcken; qualitative Zwischenstufen. Wie unterscheidet man qualitative von quantitativen Zwischenstufen, ich meine, von Stufen der ‘Intensität’!? Noch auszuhalten – nicht mehr auszuhalten, das sind z.B. Grade der Intensität. Denke, jemand fragte: “Wie kann ich wissen, was, was ich als verschiedene Grade, der Lautheit z.B., empfinde, der Andere nicht als verschiedene Qualitäten, vergleichbar verschiedenen Farben, empfindet?” – Vergleiche die Reaktion zu einer Änderung der Stärke mit der zu einer Änderung der Qualität.

1451 “Pain, tone, taste, smell, has a specific color.” What does that mean? (Quality. Adjective.) A color can be greenish or blueish – there is a mixture of colors; and so also a mixture of smells, sounds, tastes; qualitative intermediate stages. How does one distinguish qualitative from quantitative intermediate stages, I mean, from stages of ‘intensity’!? Still bearable – no longer bearable, these are, for example, degrees of intensity. Consider, someone asked: “How can I know whether what I experience as different degrees, of loudness for example, the other person experiences as different qualities, comparable to different colors?” – Compare the reaction to a change in intensity with the reaction to a change in quality.

§RPP I

371[2]

1452 Ich fühle meinen Arm und, seltsamerweise, möchte ich nun sagen: ich fühle ihn im Raum in bestimmter Lage; als wäre nämlich das Körpergefühl in einem Raum in der Form des Arms verteilt, so daß ich, um es darzustellen, den Arm, etwa in Gips, in seiner richtigen Lage darstellen müßte.

1452 I feel my arm, and, strangely enough, I would now like to say: I feel it in space in a certain position; as if the body sensation were distributed in space in the form of the arm, so that, in order to represent it, I would have to represent the arm, for example in plaster, in its correct position.

§RPP I

371[3]

1453 Denk Dir, eine Bleistiftspitze würde an irgendeiner Stelle mit meiner Haut in Berührung gebracht, so kann ich sagen, ich fühle, wo sie ist. Aber fühl' ich, wo ich sie fühle? “Wie weißt Du, daß die Spitze jetzt Deinen Schenkel berührt?” – “Ich fühle es”. Dadurch, daß ich die Berührung fühle, weiß ich ihren Ort; aber soll ich darum von einem Ortsgefühl reden? Und wenn es kein Ortsgefühl gibt, warum soll es ein Gefühl der Lage geben?

1453 Imagine that a pencil tip is brought into contact with my skin at some point; I can then say that I feel where it is. But do I feel where I feel it? “How do you know that the tip is now touching your thigh?” – “I feel it.” By feeling the touch, I know its location; but should I therefore speak of a sense of location? And if there is no sense of location, why should there be a feeling of position?

§RPP I

372[1]

1454 Ja, es ist seltsam. Mein Unterarm liegt jetzt horizontal und ich möchte sagen, daß ich das fühle; aber nicht so, als hätte ich ein Gefühl, das immer mit dieser Lage zusammengeht (als fühlte man etwa Blutleere, oder Plethora) – sondern, als wäre eben das ‘Körpergefühl’ des Arms horizontal angeordnet oder verteilt, wie etwa ein Dunst oder Staubteilchen an der Oberfläche meines Armes so im Raume verteilt sind. Es ist also nicht wirklich, als fühlte ich die Lage meines Arms, sondern als fühlte ich meinen Arm, und das Gefühl hätte die und die Lage. D.h. aber nur: ich weiß einfach, wie er liegt – ohne es zu wissen, weil ‥‥ Wie ich auch weiß, wo ich den Schmerz empfinde – es aber nicht weiß, weil ‥‥

1454 Yes, it is odd. My forearm is now lying horizontally, and I would like to say that I feel this; but not in such a way that I have a feeling that always goes together with this position (as if one were feeling, for example, a lack of blood or plethora) – but as if the ‘body sensation’ of the arm were arranged or distributed horizontally, like a mist or dust particles distributed in space on the surface of my arm. So it is not really as if I feel the position of my arm, but as if I feel my arm, and the feeling has this or that position. That is to say: I simply know how it lies – without knowing it, because… How I also know where I feel the pain – but do not know it, because

§RPP I

372[2]

1455 Betrachte: – “Es ist nicht wahr, daß ich immer das Falsche glaube. Z.B. es regnet jetzt, und ich glaube es.” Man könnte von ihm sagen: Er spricht wie zwei Menschen.

1455 Consider: – “It is not true that I always believe the wrong thing. For example, it is raining now, and I believe it.” One could say of him: He speaks as two people.

§RPP I

372[3]

1456 Warum habe ich Zweifel über seine Absicht, aber nicht über die meine? Inwiefern kenne ich unzweifelhaft meine Absicht? Was ist, sozusagen, der Nutzen davon, daß ich meine Absicht weiß? Was nämlich ist der Nutzen, die Funktion, der Absichtsäußerung? Wann, nämlich, ist es eine Absichtsäußerung? Doch, wenn die Tat ihr folgt, wenn sie eine Vorhersage ist. Ich mache die Vorhersage, dieselbe, die der Andere aus der Beobachtung meines Verhaltens macht, ohne diese Beobachtung.

1456 Why do I have doubts about his intention, but not about my own? In what way do I know my intention beyond any doubt? What is, so to speak, the use of me knowing my intention? What, namely, is the use, the function, of the expression of intention? When, namely, is it an expression of intention? Indeed, when the deed follows it, when it is a prediction. I make the prediction, the same prediction that the other makes from observing my behaviour, without this observation.

§RPP I

373[1]

1457 Wenn es sich um ein ‘Gefühl der Unwirklichkeit’ handelt, sind wir geneigt, zu sagen: “Alles, was ich weiß, ist, daß Menschen oft unter gewissen Umständen sagen, sie fühlten, es sei alles um sie ‘unwirklich’. Wir wissen natürlich auch, wie der Gebrauch dieses Wortes im übrigen konditioniert wurde, und noch einiges über ihre anderweitigen Äußerungen. Mehr wissen wir nicht.” – Warum reden wir nicht auch so, wenn es sich um die Äußerung der Lust, der Überzeugung, der Willkürlichkeit und Unwillkürlichkeit von Bewegungen handelt?

1457 If it is a matter of a ‘feeling of unreality’, we are inclined to say: “All I know is that people often say, under certain circumstances, that they feel that everything around them is ‘unreal’. We also know, of course, how the use of this word has been conditioned, and also something about their other utterances. That is all we know.” – Why don’t we also speak like this when it comes to the utterance of pleasure, conviction, the arbitrariness and involuntariness of movements?

§RPP I

373[2]

1458 Was sollte ich Einem antworten, der mir sagt, er fühle die Lage und Bewegung seiner Glieder, ihm sage ein Gefühl ihre Stellung und Bewegung? Soll ich sagen, er lüge, oder er irre sich, oder soll ich ihm glauben? Ich möchte ihn fragen, wie ihn ein Gefühl diese Lage, z.B., lehrt. Oder besser: wie er weiß, daß sein Gefühl ihn das lehre.

1458 What should I reply to someone who tells me that he feels the position and movement of his limbs, that he has a feeling of their position and movement? Should I say that he is lying, or that he is mistaken, or should I believe him? I would like to ask him how a feeling teaches him this position, for example. Or better: how he knows that his feeling teaches him this.

§RPP I

373[3]

1459 (Man sagt das Gewöhnliche, – mit der falschen Gebärde.)

1459 (One says the usual thing – with the wrong gesture.)

§RPP I

373[4] &
374[1]

1460 Erinnere Dich hier wieder an das Gefühl ohne Rechtfertigung und, dem Anscheine nach, ohne Grund eine gewisse Ortschaft müsse in der Richtung liegen. Würde uns dies Gefühl nicht zumeist täuschen, so würde man hier von einem gefühlsmäßigen Wissen reden. Und die Quellen dieses Gefühls lassen sich nur vermuten, oder erfahrungsmäßig feststellen.

1460 Remember here again the feeling, without justification and, on the surface, without reason, that a certain location must be in that direction. If this feeling did not mostly deceive us, one would speak of a feeling-based knowledge here. And the sources of this feeling can only be conjectured, or established empirically.

§RPP I

374[2]

1461 Das Allerwichtigste ist hier, daß man sich eines Unterschieds, der ein kategorischer ist, bewußt sein kann, ohne sagen zu können, worin der Unterschied besteht. Das ist der Fall, in dem man gewöhnlich sagt, man erkenne den Unterschied eben durch Introspektion.

1461 The most important thing here is that one can be aware of a difference, which is a categorical one, without being able to say in what the difference consists. This is the case in which one usually says that one recognizes the difference through introspection.

§RPP I

374[3]

1462 Und doch klingt es zuviel wie ein Appell an die Introspektion, wollte ich sagen, “Prüfe dich doch – ob Du wirklich die Lage Deiner Glieder nach Gefühlen in ihnen bestimmst!” – Und es wäre auch falsch, denn die Frage ist eben: Wie würde sich das zeigen, wenn Einer es täte? Denn wenn er nach einer Selbstprüfung mir versicherte, es sei so, oder es sei nicht so, – wie weiß ich, ob ich ihm trauen darf; ich meine, ob er mich auch richtig verstanden hat. Oder auch: Wie prüfe ich, ob ich ihn verstehe?

1462 And yet it sounds too much like an appeal to introspection if I were to say, “Try it – see if you really determine the position of your limbs by feelings in them!” – And it would also be wrong, because the question is: How would that show itself if someone did it? Because if, after a self-examination, he assured me that it was so, or that it was not so – how do I know whether I can trust him; I mean, whether he also understood me correctly. Or also: How do I test whether I understand him?

§RPP I

374[4]

1463 Es sagt mir Einer: “Ich weiß nicht, wie ich meine Finger bewege, aber ich weiß, wenn ich sie spreize durch das Gefühl in meinen Schwimmhäuten.” Hier müßte man fragen: Kannst Du also den Befehl “Spreiz Deine Finger” mit geschlossenen Augen nicht ohne weiteres ausführen?

1463 Someone says to me: “I do not know how I move my fingers, but I know that I spread them through the feeling in my interdigital membranes.” Here one would have to ask: Can you not simply carry out the command “Spread your fingers” with your eyes closed?

§RPP I

375[1]

1464 Wir fühlen unsere Bewegungen. Ja, wir fühlen sie wirklich; die Empfindung ist nicht ähnlich einer Geschmacksempfindung, oder einer Hitzeempfindung, sondern einer Tastempfindung: der Empfindung, wenn Haut und Muskeln gedrückt, gezogen, verschoben werden.

1464 We feel our movements. Yes, we really feel them; the sensation is not like a sensation of taste or heat, but rather like a sensation of touch: the sensation when skin and muscles are pressed, pulled, or shifted.

§RPP I

375[2]

1465 Wie kann ich bei meinen Bewegungen die Leitung des Bewegungsgefühls brauchen? denn wie kann ich, ehe die Bewegung angefangen hat, aus all den Muskeln die aussuchen, die mir das richtige Bewegungsgefühl geben werden? – Wenn es ein Problem ist “Wie weiß ich, wenn ich die Bewegung nicht sehe, daß sie, und wie weit sie, stattgefunden hat?” – warum ist es dann kein Problem: “Wie weiß ich überhaupt, wie die, sagen wir, befohlene Bewegung einzuleiten ist? (Russell machte darüber einmal eine falsche Bemerkung.)

1465 How can I make use of the sensation of movement in my movements? For how can I, before the movement has begun, select from all the muscles those that will give me the correct sensation of movement? – If it is a problem “How do I know, if I cannot see the movement, that it has taken place, and how far it has?” – why is it not a problem: “How do I know how to initiate the movement in the first place?” (Russell once made a false remark about this.)

§RPP I

375[3]

1466 Ich kann z.B. sagen, daß ich jetzt weiß, daß mein Finger gebogen ist, daß ich aber keinerlei Gefühl in ihm habe; jedenfalls aber keines, das ich besonders mit dieser Stellung assoziiere. Wenn man mich also fragte: “Spürst Du irgend etwas, wovon Du sagen willst, Du würdest es in der gestreckten Lage nicht fühlen; oder geht Dir ein Gefühl ab, welches in der andern Lage vorhanden wäre?” – so müßte ich mit Nein antworten.

1466 I can, for example, say that I now know that my finger is bent, but that I have no sensation in it; in any case, not one that I particularly associate with this position. If one were to ask me: “Do you feel anything that you would not feel in the extended position; or are you missing a sensation that would be present in the other position?” – then I would have to answer no.

§RPP I

375[4] &
376[1]

1467 “Ist Vergnügen eine Empfindung?” (I.A. Richards). Das heißt also etwa: Ist Vergnügen so etwas, wie ein Ton, oder ein Geruch? – Aber ist ein Ton so etwas wie ein Geruch? Inwiefern?

1467 “Is pleasure a sensation?” (I.A. Richards). That is, is pleasure something like a tone or a smell? – But is a tone something like a smell? In what respect?

§RPP I

376[2]

1468 Wer fragt, ob Vergnügen eine Empfindung ist, unterscheidet wahrscheinlich nicht zwischen Grund und Ursache, denn sonst fiele ihm auf, daß man, an etwas Vergnügen hat, was nicht heißt, daß dies Etwas eine Empfindung in uns verursacht.

1468 Whoever asks whether pleasure is a sensation probably does not distinguish between ground and cause, for otherwise he would realize that one has pleasure in something, which does not mean that this something causes a sensation in us.

§RPP I

376[3]

1469 Aber Vergnügen geht doch jedenfalls mit einem Gesichtsausdruck zusammen, und den sehen wir zwar nicht an uns selbst, aber spüren ihn doch. Und versuch einmal über etwas sehr Trauriges nachzudenken mit dem Gesichtsausdruck strahlender Freude!

1469 But pleasure certainly goes hand in hand with a facial expression, and although we do not see it on ourselves, we do feel it. And try thinking about something very sad with a radiant expression of joy!

§RPP I

376[4]

1470 Es ist ja möglich, daß die Drüsen des Traurigen anders sezernieren, als die des Fröhlichen; auch, daß diese Sekretion die, oder eine, Ursache der Trauer ist. Aber folgt daraus, daß die Trauer eine durch diese Sekretion hervorgerufene Empfindung ist?

1470 It is possible that the glands of the sad person secrete differently than those of the happy person; also, that this secretion is the, or one of the, causes of sadness. But does it follow that sadness is a sensation caused by this secretion?

§RPP I

376[5] &
377[1]

1471 Aber der Gedanke ist hier: “Du fühlst doch die Trauer – – also mußt Du sie irgendwo fühlen; sonst wäre sie eine Chimäre.” Aber wenn Du das denken willst, rufe Dir nur die Verschiedenheit von Sehen und Schmerz ins Gedächtnis. Ich fühle den Schmerz in der Hand – – und die Farbe im Auge? So wie wir hier ein Schema verwenden wollen, statt bloß das wirklich Gemeinsame zu notieren, sehen wir alles falsch vereinfacht.

1471 But the thought here is: “You feel sadness – so you must feel it somewhere; otherwise, it would be a chimera.” But if you want to think this, just recall the difference between seeing and pain. I feel the pain in my hand – and the color in my eye? In the way we want to use a schema here, instead of simply noting what is actually similar, we see everything simplified incorrectly.

§RPP I

377[2]

1472 Ein Geruch kann höchst angenehm sein. Ist das Angenehme an ihm nur eine Empfindung? Dann würde also die Empfindung der Annehmlichkeit den Geruch begleiten. Wie aber würde sie sich auf ihn beziehen? Freilich, der Ausdruck der Annehmlichkeit ist seiner Art nach ähnlich dem Ausdruck einer Empfindung, insbesondere des Schmerzes. Aber Freude hat keinen Ort; es gibt freudige Gedanken, aber nicht zahnschmerzliche. Aber – möchte man sagen – ob Freude eine Empfindung sei, oder was sie sei, muß man doch merken, wenn man sie hat! – (Und warum besonders, wenn man sie hat, und nicht, wenn man sie nicht hat?) Merkst Du auch das Wesen der Eins, wenn Du einen Apfel ißt, und das Wesen der Null, wenn Du keinen ißt?

1472 A smell can be very pleasant. Is the pleasantness of it merely a sensation? Then the sensation of pleasantness would accompany the smell. But how would it relate to it? Certainly, the expression of pleasantness is similar in kind to the expression of a sensation, especially pain. But joy has no location; there are joyful thoughts, but not toothache. But – one might say – whether joy is a sensation or what it is, one must notice when one has it! – (And why especially when one has it, and not when one does not have it?) Do you also notice the essence of one when you eat an apple, and the essence of zero when you eat none?

§RPP I

377[3]

1473 Willkürlichkeit hängt mit Absichtlichkeit zusammen. Und daher auch mit Entschluß. Man entschließt sich nicht zu einem Herzkrampf und hat ihn nun.

1473 Arbitrariness is connected with intention. And therefore also with resolve. One does not resolve to have a heart cramp and then have it.

§RPP I

377[4]

1474 Man ruft sich ein Niesen, oder einen Hustenanfall hervor, aber nicht eine willkürliche Bewegung. Und der Wille ruft das Niesen nicht hervor und auch nicht das Gehen.

1474 One can induce a sneeze or a coughing fit, but not an arbitrary movement. And the will does not induce sneezing, nor does it induce walking.

§RPP I

378[1]

1475 Empfindung, das ist das, was man für unmittelbar gegeben und konkret hält, was man nur anzuschauen braucht, um es zu erkennen; das, was wirklich da ist. (Die Sache, nicht ihr Abgesandter.)

1475 Sensation, that is what one considers to be immediately given and concrete, what one only needs to look at in order to recognize it; what is actually there. (The thing, not its representative.)

§RPP I

378[2]

1476 “Ich weiß, ob ich meiner Überzeugung gemäß, oder ihr entgegen rede.” So ist die Überzeugung das Wichtige. Im Hintergrund meiner Äußerungen. Welches starke Bild. Man könnte Überzeugung und Rede malen. (“aus der tiefsten Brust”). Und doch, wie wenig zeigt dieses Bild!

1476 “I know whether I am speaking in accordance with my conviction, or contrary to it.” Thus, the conviction is the important thing. In the background of my utterances. What a powerful image. One could paint conviction and speech. (“from the deepest breast”). And yet, how little does this image show!

§RPP I

378[3]

1477 “Der Geruch ist herrlich!” Ist ein Zweifel darüber, daß der Geruch es ist, der herrlich ist? So ist es eine Eigenschaft des Geruches? – Warum nicht? Es ist eine Eigenschaft der Zehn durch Zwei teilbar zu sein, und auch, die Zahl meiner Finger zu sein. Es könnte aber eine Sprache geben, in der die Leute nur die Augen schließen und sagen “Oh, dieser Geruch!” und es keinen Subjekt-Prädikat-Satz gibt, der dem äquivalent ist. Das ist eben eine ‘spezifische’ Reaktion.

1477 “The smell is wonderful!” Is there any doubt that it is the smell that is wonderful? So is it a property of the smell? – Why not? It is a property that ten is divisible by two, and also, that it is the number of my fingers. But there could be a language in which people simply close their eyes and say “Oh, this smell!” and there is no subject-predicate sentence that is equivalent to it. That is simply a ‘specific’ reaction.

§RPP I

378[4]

1478 Ist das, wovon er sagt, er habe es, und wovon ich sage, ich habe es, ohne daß wir dies aus irgendeiner Beobachtung erschließen, – ist es dasselbe, wie das, was wir aus der Beobachtung des Benehmens des Andern und aus seiner Überzeugungsäußerung entnehmen?

1478 Is what he says he has, & what I say I have, without our inferring this from any observation, the same as what we infer from observing the other’s behaviour & from his expression of conviction?

§RPP I

379[1]

1479 Kann man sagen: Ich schließe, daß er handeln wird, wie er zu handeln beabsichtigt?

1479 Can one say: I infer that he will act as he intends to act?

§RPP I

379[2]

1480 Ich schließe auf die Folgen seiner Überzeugung aus dem Ausdruck seiner Überzeugung; aber nicht auf die Folgen meiner Überzeugung aus ihrem Ausdruck.

1480 I infer the consequences of his conviction from the expression of his conviction; but not the consequences of my conviction from its expression.

§RPP I

379[3]

1481 Denk Dir einen Beobachter, der, gleichsam automatisch, seine Beobachtungen ausspricht. Ja, er hört sich reden, nimmt aber sozusagen keine Notiz davon. Er sieht, daß der Feind herannaht und meldet es, beschreibt es, aber wie eine Maschine. Wie wäre das? Nun, er handelt nicht seiner Beobachtung gemäß. Man könnte von ihm sagen, er spreche aus, was er sieht, aber er glaube es nicht. Es dringe, sozusagen, in ihn nicht ein.

1481 Imagine an observer who, as if automatically, utters his observations. Yes, he hears himself speak, but he does not, as it were, take note of it. He sees that the enemy is approaching and reports it, describes it, but like a machine. How would that be? Well, he does not act according to his observation. One could say that he expresses what he sees, but he does not believe it. It does not, as it were, penetrate him.

§RPP I

379[4]

1482 Warum schließe ich aus meinen eigenen Worten nicht auf einen Zustand, aus dem Worte und Handlungen entspringen? Ich schließe, vor allem, aus meinen Worten nicht auf meine wahrscheinlichen Handlungen.

1482 Why do I not infer a state from my own words, from which words and actions spring? Above all, I do not infer my probable actions from my words.

§RPP I

379[5]

1483 Gefragt “Wirst Du so handeln?”– überlege ich mir Gründe und Gegengründe.

1483 Asked “Will you act that way?” – I consider reasons and counter-reasons.

§RPP I

379[6] &
380[1]

1484 Aber bedenke: “Ich nehme doch manchmal des Andern Wort, – so müßte ich doch zum mindesten manchmal auch das meine dafür nehmen, daß ich der und der Überzeugung bin. Wenn ich aber, quasi automatisch, meine Beobachtung berichte, so hat dieser Bericht mit meiner Überzeugung garnichts zu tun. Wohl aber könnte ich mir, oder meinem beobachtenden Ich, ebenso vertrauen, wie das ein Anderer tut. Ich könnte also sagen: “Ich sage ‘es regnet’, da wird es wohl so sein”. Oder: “Der Beobachter in mir sagt ‘es regnet’, und ich bin geneigt, ihm zu glauben.” – Ist es denn nicht so – oder ähnlich – wenn ein Mensch sagt, Gott habe zu ihm, oder durch seinen Mund, gesprochen?

1484 But consider: “I sometimes take the other person's word – so I must at least sometimes also take my own for it, that I have this or that conviction. But if, as it were automatically, I report my observation, then this report has nothing to do with my conviction. However, I could trust myself, or my observing self, just as much as another person does. I could therefore say: “I say ‘it is raining’, so it probably is”. Or: “The observer in me says ‘it is raining’, and I am inclined to believe him.” – Is it not so – or similar – when a person says that God has spoken to him, or through his mouth?

§RPP I

380[2]

1485 Die wichtige Einsicht ist, daß es ein Sprachspiel gibt, in welchem ich, automatisch, eine Mitteilung mache, die von den Andern ganz so behandelt werden kann, wie eine nicht automatische – – nur daß hier von einem ‘Lügen’ nicht die Rede sein wird – eine Mitteilung, die ich selbst wie die eines Dritten empfangen kann. Die ‘automatische’ Aussage, Meldung, etc., könnte man auch ein ‘Orakel’ nennen. – Das heißt aber freilich, daß sich das Orakel nicht der Worte “ich glaube …” bedienen dürfte.

1485 The important insight is that there is a language-game in which I, automatically, make a communication, which can be treated by others in exactly the same way as a non-automatic one – only that here there will be no talk of ‘lying’ – a communication that I myself can receive as if it came from a third party. One could also call the ‘automatic’ statement, message, etc., an ‘oracle’. – This means, of course, that the oracle should not use the words “I believe …”.

§RPP I

380[3]

1486 Wo steht denn in der Logik, daß eine Behauptung nicht im Trance gemacht werden darf?!

1486 Where in logic does it say that an assertion is not allowed to be made in a trance?!

§RPP I

380[4]

1487 “Schaue ich hinaus, so sehe ich, daß es regnet; schaue ich in mich, so sehe ich, daß ich's nicht glaube.” Und was soll man nun mit dieser Mitteilung anfangen?

1487 “If I look out, I see that it is raining; if I look into myself, I see that I do not believe it.” And what are we to do with this communication?

§RPP I

381[1]

1488 “Angenommen, es regnet und ich glaube es nicht” – wenn ich das, was diese Annahme annimmt, behaupte, – so spaltet sich, sozusagen, meine Persönlichkeit. “Dann spaltet sich meine Persönlichkeit” heißt: Dann spiele ich nicht mehr das gewöhnliche Sprachspiel, sondern ein anderes.

1488 “Let’s assume it’s raining, and I don’t believe it” – if I assert what this assumption assumes, then, as it were, my personality splits. “Then my personality splits” means: then I’m no longer playing the usual language-game, but another one.

§RPP I

381[2]

1489 Die Worte ‘Es regnet’ sind in seine Seele geschrieben” – dies soll so viel heißen wie (d.h. ersetzbar sein durch) “Er glaubt, daß es regnet”. “Die Worte ‘Es regnet’ sind in meine Seele geschrieben” – heißt etwa soviel wie: “Ich kann mich von dem Glauben nicht befreien, daß ‥‥”, “Die Idee hat von mir Besitz ergriffen, daß ‥‥”. Bedenke nämlich, daß die Worte “Ich glaube, es regnet” und “Es dürfte regnen” das gleiche sagen können: insofern nämlich, als es in gewissen Zusammenhängen keinen Unterschied macht, welchen der beiden Sätze wir verwenden. (Und befreie Dich von der Idee, daß den Einen ein anderer geistiger Vorgang begleitet, als den anderen!) Die beiden Sätze können das Gleiche sagen, obwohl dem ersten ein “Ich glaube‥‥” und “Er glaubt‥‥” etc. entspricht, dem zweiten nicht. Der erste ist eben mit einem andern Begriff gebildet. D.h.: um zu sagen, daß es vielleicht regnet, brauchen wir den Begriff “glauben” nicht, obschon wir ihn dazu verwenden können. Der Begriff, ein Satz sei Einem ‘in die Seele geschrieben’ ist nun ein dritter Begriff, der sich in der Anwendung zum Teil mit den andern deckt, zum Teil nicht. Ich will sagen, daß man zur Bildung der Aussage “Es dürfte …” den ‘seltsamen’ Begriff ‘glauben’ nicht braucht, obwohl man ihn dazu gebrauchen kann.

1489 The words “It is raining” are written in his mind – this is meant to mean (i.e., to be replaceable by) “He believes that it is raining.” “The words ‘It is raining’ are written in my mind” – this means something like: “I cannot rid myself of the belief that …,” “The idea has taken possession of me, that ….” Note that the words “I believe it is raining” and “It probably is raining” the same can say: insofar as, in certain contexts, it makes no difference which of the two sentences we use. (And free yourself from the idea that one is accompanied by a different mental process than the other!) The two sentences can say the same thing, although the first corresponds to “I believe …,” “He believes …,” etc., while the second does not. The first is simply formed with a different concept. That is: in order to say that it might be raining, we do not need the concept “believe,” although we can use it for that purpose. The concept that a sentence is ‘written in one’s mind’ is now a third concept, which in its application partially overlaps with the others, and partially does not. I mean that to form the statement “It probably is …,” one does not need the ‘strange’ concept ‘believe,’ although one can use it.

§RPP I

381[3]

1490 Bedenke auch: ‘Es dürfte regnen und es regnet’ heiß nichts, und ebenso ‘Es dürfte regnen und es regnet nicht’. Dagegen kann man sagen ‘Es scheint zu regnen und es regnet’ und auch ‘Es scheint‥‥und es regnet nicht’. Und ‘Es scheint zu regnen’ kann den gleichen Sinn haben, wie ‘Es dürfte regnen’.

1490 Also consider: “It probably is raining and it is raining” means nothing, and likewise “It probably is raining and it is not raining”. On the other hand, one can say “It seems to be raining and it is raining” and also “It seems to be raining and it is not raining”. And “It seems to be raining” can have the same sense as “It probably is raining”.

§RPP I

382[1]

1491 Wie weiß ich, ich sei im Glauben; ‥‥? Schaue ich in mich? Ja, nützt es mir irgendetwas, wenn ich mich beobachte? Nun, ich könnte mich etwa fragen: “Um wieviel würde ich in diesem Falle wetten?”

1491 How do I know that I am in a state of belief; …? Do I look into myself? Yes, does it help me in any way if I observe myself? Well, I could ask myself: “How much would I bet in this case?”

§RPP I

382[2]

1492 Verstellung. Schmerzen heucheln. Es besteht nicht einfach darin, daß man die Äußerung des Schmerzes von sich gibt, ohne Schmerzen zu haben. Es muß ein Motiv des Heuchelns da sein, also eine Situation, die nicht einfach zu beschreiben ist. Sich krank und schwach stellen, um den Helfenden dann zu überfallen. – “Aber es ist doch da ein innerer Unterschied!” Natürlich; nur ist “innerer” hier eine gefährliche Metapher. – Aber der ‘Beweis’, daß ein innerer Unterschied vorliegt, ist ja, daß ich gestehen kann, ich habe geheuchelt. Ich gestehe eine Absicht. ‘Folgt’ daraus, daß die Absicht etwas Inneres war?

1492 Pretending. Feigning pain. It does not simply consist of uttering an expression of pain without actually feeling pain. There must be a motive for the pretense, i.e., a situation that is not simply describable. Pretending to be sick and weak in order to then attack the person who is trying to help. – “But there is an inner difference!” Of course; only “inner” is here a dangerous metaphor. – But the ‘proof’ that there is an inner difference is that I can confess that I pretended. I confess an intention. Does it ‘follow’ from this that the intention was something inner?

§RPP I

382[3]

1493 Das ‘wirklich Unendliche’ ist ein ‘bloßes Wort’. Besser wäre, zu sagen: dieser Ausdruck schafft vorläufig bloß ein Bild, – das noch in der Luft hängt; dessen Anwendung Du uns noch schuldig bist.

1493 The ‘truly infinite’ is a ‘mere word’. It would be better to say: this expression provisionally creates only a picture – which is still in the air; the application of which you still owe us.

§RPP I

382[4]

1494 Eine unendlich lange Kugelreihe, ein unendlich langer Stab. Denk Dir, davon sei in einer Art Märchen die Rede. Welche Anwendung könnte man, wenn auch nur fiktiv, von diesem Begriff machen? Die Frage sei jetzt nicht: Kann es so etwas geben? Sondern: Was stellen wir uns vor? Laß also Deiner Einbildung wirklich die Zügel schießen! Du kannst es jetzt haben, wie Du willst. Du brauchst nur zu sagen, wie Du's willst. Mach also nur ein Wortbild; illustrier es, wie Du willst – durch Zeichnungen, durch Vergleiche, etc.! Du kannst also, gleichsam, eine Werkzeichnung anfertigen. Und nun ist noch die Frage, wie nach ihr gearbeitet werden kann.

1494 An infinitely long row of spheres, an infinitely long rod. Imagine, let us say, that this is the subject of a kind of fairy tale. What application, even if only fictional, could one make of this concept? The question now is not: can such a thing exist? But: what do we imagine? So let your imagination really run wild! You can have it now, however you want. You only need to say how you want it. So just create a word picture; illustrate it however you want – with drawings, with comparisons, etc.! You can, as it were, draw up a blueprint. And now the question is, how can we work according to it.

§RPP I

382[5] &
383[1]

1495 “Wie aber kann der menschliche Geist der Wirklichkeit voranfliegen, und selbst das Unverifizierbare denken?” – Warum sollen wir nicht das Unverifizierbare reden? Wir machten es ja selbst unverifizierbar. Es wird ein falscher Schein erzeugt? Und wie kann es auch nur so scheinen? Willst Du denn nicht sagen, daß dies So auch nicht einmal eine Beschreibung ist? Nun, dann ist es also kein falscher Schein, sondern vielmehr einer, der uns der Orientierung beraubt. So daß wir eben fragen: Wie ist es möglich?

1495 “But how can the human mind outstrip reality, and even think about what is unverifiable?” – Why shouldn’t we talk about what is unverifiable? We ourselves made it unverifiable. Does it create a false appearance? And how can it even seem to do so? Do you want to say that this state of affairs is not even a description? Well, then it is not a false appearance, but rather one that deprives us of our orientation. So that we ask: How is it possible?

§RPP I

383[2]

1496 So wie das Wort ausgesprochen war, wünschte ich, ich hätte es nicht gesagt. – Wie bezog sich mein Wunsch auf das ausgesprochene Wort? Ich fühlte, daß das Wort unpassend war, sobald ich es ausgesprochen hatte. Aber die Zeichen, an die ich mich erinnere, waren nur wie leise Andeutungen. Kleinigkeiten, aus denen ich die Absicht, den Wunsch, etc., etwa hätte erraten können. Es gibt Schamanlässe – Situationen – und Schambenehmen. Sowie es Erwartungsanlässe und Erwartungsbenehmen gibt.

1496 As soon as the word was spoken, I wished I hadn’t said it. – How did my wish relate to the spoken word? I felt that the word was inappropriate as soon as I had spoken it. But the signs that I remember were only like faint hints. Small things from which I could perhaps have guessed the intention, the wish, etc. There are shamanic occasions – situations – and shameful behaviour. As there are occasions for expectations and behaviours related to expectations.

§RPP I

383[3]

1497 Wenn eine Katze vor dem Mauseloch lauert – nehme ich an, sie denke an die Maus? Wenn ein Räuber auf sein Opfer wartet, – gehört dazu, daß er an diesen Menschen denkt? Muß er sich dabei dies und jenes überlegen? Vergleiche den, der dies zum ersten mal tut, mit Einem, der es schon unzählige male getan hat! (lesen)

1497 If a cat is lurking in front of the mouse hole – do I assume that it is thinking about the mouse? If a robber is waiting for his victim, – does it involve him thinking about that person? Must he think about this and that? Compare the one who does this for the first time with one who has done it countless times! (read)

§RPP I

383[4]

1498 Es könnte ein Verbum geben, welches bedeutet: die Absicht durch Worte, oder andere Zeichen, laut, oder in Gedanken, aussprechen. Dies Zeitwort wäre nicht gleichbedeutend unserem “beabsichtigen”. Es könnte ein Verbum geben, welches bedeutet: Einer Absicht gemäß handeln; und dieses wäre auch nicht gleichbedeutend mit “beabsichtigen”. Wieder ein anderes könnte bedeuten: über eine Absicht brüten: oder, sie im Kopfe hin und her wälzen.

1498 There could be a verb that means: to express the intention through words, or other signs, aloud, or in thought. This verb would not be synonymous with our “to intend.” There could be a verb that means: to act according to an intention; and this would also not be synonymous with “to intend.” Another one could mean: to brood over an intention: or, to mull it over in one’s head.

§RPP I

384[1]

1499 Wenn ich meinen Kaffee bereite, so beabsichtige ich, ihn zu trinken. Wenn ich ihn nun ohne diese Absicht bereitete – müßte da eine Begleitung dieser Handlung fehlen? Geht während des normalen Tuns irgendetwas vor sich, was es als Tun in dieser Absicht charakterisiert? Wenn man mich aber fragte, ob ich ihn zu trinken beabsichtige, und ich antwortete “ja freilich!” – würde ich etwas über meinen gegenwärtigen Zustand aussprechen? So reagiere ich in diesem Falle; und das läßt sich aus meiner Reaktion entnehmen.

1499 When I prepare my coffee, I intend to drink it. If I were to prepare it now without this intention – would there be something missing from this action? Is there something happening during the normal course of doing it that characterizes it as an action done with this intention? But if one were to ask me whether I intend to drink it, and I answered “yes, of course!” – would I be saying something about my current state? So I react in this case; and that can be inferred from my reaction.

§RPP I

384[2]

1500 Man kann einen Glauben, Wunsch, eine Furcht, Hoffnung, Zuneigung einen Zustand des Menschen nennen; wir können auf diesen Zustand bei unserm Betragen gegen diesen Menschen rechnen, aus seinem Zustand auf seine Reaktionen schließen. Und sagt Einer “Ich war all diese Zeit im Glauben ‥‥”, “Ich hegte Zeit meines Lebens den Wunsch ‥‥”, etc., so berichtet er von einem Zustand, einer Einstellung. – Sagt er aber “Ich glaube, er kommt” (oder einfach “Da kommt er”) oder “Ich wünsche, daß Du kommst” (oder einfach “Bitte komm!”) dann handelt er, spricht er, _jenem Z_ustand gemäß, berichtet nicht, er befinde sich in ihm. Aber wenn das richtig wäre, dann sollte es doch eine gegenwärtige Form jener Berichte geben, also einerseits, z.B., die Äußerung “Ich glaube ‥‥”, anderseits einen Bericht “Ich bin im Glauben ‥‥” Und Ähnliches für den Wunsch, die Absicht, Furcht, etc.

1500 One can call a belief, a wish, a fear, a hope, an affection a state of a person; one can rely on this state in one’s behavior towards this person, draw conclusions about their reactions from their state. And if someone says “I have been in this belief all this time ‥‥”, “I have harbored this wish throughout my life ‥‥”, etc., then he is reporting on a state, an attitude. – But if he says “I believe he is coming” (or simply “There he comes”) or “I wish you would come” (or simply “Please come!”) then he is acting, speaking, in accordance with that state, and is not reporting that he is in it. But if that were correct, then there should be a present form of those reports, that is, on the one hand, e.g., the utterance “I believe ‥‥”, on the other hand, a report “I am in the belief ‥‥”. And similarly for the wish, the intention, fear, etc.

§RPP I

384[3]

1501 Jemand könnte erzählen: “Ich erinnere mich meines Zustands in jenen Jahren sehr genau; wenn immer man mich fragte‥‥, antwortete ich‥‥; das war meine Einstellung.”

1501 Someone could say: “I remember my state in those years very precisely; whenever I was asked…, I answered…; that was my attitude.”

§RPP I

384[4]

1502 Es gibt eine Ekelreaktion, in mir und im Andern, es gibt auch Ekelgefühle. Und darin gleichen sich Ekel, Furcht, Zuneigung, u.a.; aber nicht Hoffnung, Glaube, u.a.

1502 There is a disgust reaction, in me & in the other; there are also disgust feelings. And in this respect, disgust, fear, affection, etc. are similar; but not hope, faith, etc.

§RPP I

385[1]

1503 Gram wiederholt sich unablässig dem traurigen Gedanken. Ein Gedanke kann traurig, ekelerregend, entzückend sein, etc.; wie aber zeigt der Ausdruck, daß es dieser Gedanke ist, auf den wir so reagieren? Wie wehrt man einen Gedanken ab?

1503 Gram repeatedly dwells on the sad thought. A thought can be sad, disgusting, delightful, etc.; but how does the expression show that it is this thought to which we react in this way? How does one ward off a thought?

§RPP I

385[2]

1504 Soll ich den ganzen Bereich des Psychologischen den des ‘Erlebens’ nennen? Also etwa alle psychologischen Verben ‘Erlebnisverben’. (‘Erlebnisbegriffe’) Ihr Charakteristikum ist dies, daß ihre dritte Person auf Grund von Beobachtungen ausgesprochen wird, nicht aber die erste. Jene Beobachtung ist Beobachtung des Benehmens. Eine Unterklasse der Erlebnisbegriffe sind die ‘Erfahrungsbegriffe’. ‘Erfahrungen’ haben Dauer, einen Verlauf; sie können gleichförmig, oder ungleichförmig verlaufen. Sie haben Intensität. Sie sind nicht Charaktere von Gedanken. Vorstellung ist Erfahrung. Eine Unterklasse der ‘Erfahrungen’ sind die ‘Eindrücke’. Eindrücke haben räumliche und zeitliche Beziehungen zueinander. Es gibt Mischeindrücke. Z.B. Gemische von Gerüchen, Farben, Klängen. ‘Gemütsbewegungen’ sind ‘Erlebnisse’, aber sind nicht ‘Erfahrungen’. (Beispiele: Trauer, Freude, Gram, Entzücken.) Und man könnte unterscheiden ‘gerichtete Gemütsbewegungen’ und ‘ungerichtete Gemütsbewegungen’. Die Gemütsbewegung hat Dauer; sie hat keinen Ort; sie hat charakteristische Erfahrungen und Gedanken; sie hat einen charakteristischen mimischen Ausdruck. Denken ist Reden unter bestimmten Umständen, und anderes, was ihm entspricht. Gemütsbewegungen färben Gedanken. Eine Unterklasse der ‘Erlebnisse’ sind die Formen der ‘Überzeugung’. (Glauben, Gewißheit, Zweifel, etc.) Ihr Ausdruck ist ein Ausdruck von Gedanken. Sie sind nicht ‘Färbungen’ von Gedanken. Die gerichteten Gemütsbewegungen könnte man auch “Stellungnahmen” nennen. Auch Überraschung und Schreck sind Stellungnahmen, und auch Bewunderung, Genuß.

1504 Should one call the entire area of the psychological the area of ‘experience’? So, for example, all psychological verbs are ‘experience verbs’. (‘experience concepts’.) Their characteristic is that their third person is expressed on the basis of observations, but not the first person. This observation is an observation of behaviour. A subclass of experience concepts are the ‘experience concepts’. ‘Experiences’ have duration, a course; they can proceed uniformly or nonuniformly. They have intensity. They are not characteristics of thoughts. Imagination is experience. A subclass of ‘experiences’ are ‘impressions’. Impressions have spatial and temporal relationships to each other. There are mixed impressions. For example, mixtures of smells, colours, sounds. ‘Moods’ are ‘experiences’, but are not ‘experiences’. (Examples: sorrow, joy, grief, delight.) And one could distinguish between ‘directed moods’ and ‘undirected moods’. The mood has duration; it has no location; it has characteristic experiences and thoughts; it has a characteristic mimic expression. Thinking is speaking under certain circumstances, and other things corresponding to it. Moods colour thoughts. A subclass of ‘experiences’ are the forms of ‘conviction’. (Belief, certainty, doubt, etc.) Their expression is an expression of thoughts. They are not ‘colourings’ of thoughts. One could also call the directed moods ‘statements’. Surprise and fright are also statements, as are admiration, enjoyment.

§RPP I

385[3] &
386[1]

1505 Wohin gehört aber Erinnerung und wohin Aufmerksamkeit? Man kann sich in einem Augenblick einer Situation, oder Begebenheit erinnern. Insofern ist also der Begriff des Erinnerns ähnlich dem des augenblicklichen Verstehens, sich Entschließens.

1505 But to what does memory and attention belong? One can remember a situation or event in an instant. In this respect, the concept of remembering is similar to that of immediate understanding, of deciding.

§RPP I

386[2]

1506 Mein Benehmen ist eben manchmal Gegenstand meiner Beobachtung aber doch selten. Und das hängt damit zusammen, daß ich mein Benehmen beabsichtige. Selbst wenn der Schauspieler im Spiegel seine eigenen Minen beobachtet, oder der Musiker genau auf jeden Ton seines Spiels merkt und ihn beurteilt, so geschieht es doch, um seine Handlung danach zu richten.

1506 My behaviour is sometimes the object of my observation, but nevertheless rarely. And this is connected with the fact that I intend my behaviour. Even when the actor in the mirror observes his own expressions, or the musician pays close attention to every note of his playing and judges it, it is still done in order to direct his action accordingly.

§RPP I

386[3]

1507 Was heißt es z.B., daß Selbstbeobachtung mein Handeln, meine Bewegungen, unsicher macht? Ich kann mich nicht unbeobachtet beobachten. Und ich beobachte mich nicht zu dem gleichen Zweck, wie den Andern.

1507 What does it mean, for example, that self-observation makes my actions, my movements, uncertain? I cannot observe myself unobserved. And I do not observe myself for the same purpose as I observe others.

§RPP I

386[4]

1508 Wenn ein Kind im Zorn mit den Füßen stampft und heult, – wer würde sagen, es täte dies unwillkürlich? Und warum? Warum nimmt man an, es täte dies nicht unwillkürlich? Was sind die Zeichen des willkürlichen Handelns? Gibt es solche Zeichen? – Was sind denn die Zeichen der unwillkürlichen Bewegung? Sie folgt Befehlen nicht, wie die willkürliche Handlung. Es gibt ein “Komm her!”, “Geh dort hin!”, “Mach diese Armbewegung!”; aber nicht “Laß Dein Herz schnell gehen!”

1508 When a child stamps his feet and howls in anger, who would say that he does this involuntarily? And why? Why does one assume that he does not do this involuntarily? What are the signs of voluntary action? Are there such signs? – What are the signs of involuntary movement? It does not follow commands, as voluntary action does. There is a “Come here!”, “Go there!”, “Make this arm movement!”; but not “Let your heart beat fast!”

§RPP I

386[5]

1509 Es gibt ein bestimmtes Zusammenspiel von Bewegungen, Worten, Minen, wie den Äußerungen des Unwillens, oder der Bereitschaft, die die willkürlichen Bewegungen des normalen Menschen charakterisieren. Wenn man das Kind ruft, so kommt es nicht automatisch: Es gibt da, z.B. die Gebärde “Ich will nicht!” Oder das freudige Kommen, den Entschluß zu kommen, das Fortlaufen mit dem Zeichen der Furcht, die Wirkungen des Zuredens, alle die Reaktionen des Spiels, die Zeichen des Überlegens und seine Wirkungen.

1509 There is a certain interplay of movements, words, expressions, such as the expressions of unwillingness or willingness, which characterizes the voluntary movements of a normal person. When one calls the child, it does not come automatically: there are, for example, the gesture “I don’t want to!” Or the joyful coming, the decision to come, the running away with the sign of fear, the effects of persuasion, all the reactions of the game, the signs of consideration and its effects.

§RPP I

386[6] &
387[1]

1510 Eine Melodie ging mir durch den Kopf. War es willkürlich, oder unwillkürlich? Eine Antwort wäre: Ich hätte es auch lassen können, sie mir innerlich vorzusingen. Und wie weiß ich das? Nun, weil ich mich für gewöhnlich unterbrechen kann, wenn ich will.

1510 A melody went through my head. Was it voluntary or involuntary? One answer would be: I could have stopped it, could have sung it internally. And how do I know that? Well, because I can usually interrupt myself when I want to.

§RPP I

387[2]

1511 Wie könnte ich mir beweisen, daß ich meinen Arm willkürlich bewegen kann? Etwa, indem ich mir sage “Ich werde ihn jetzt bewegen” und er sich nun bewegt? Oder soll ich sagen “Einfach, indem ich ihn bewege”? Aber wie weiß ich, daß ich's getan habe und er sich nicht nur durch Zufall bewegt hat? Fühle ich's am Ende doch? Und wie, wenn mich meine Erinnerung an frühere Gefühle täuschte, und es also garnicht die richtigen maßgebenden Gefühle waren?! (Und welches sind die richtigen?) Und wie weiß denn der Andere, ob ich den Arm willkürlich bewegt habe? Ich werde ihm vielleicht sagen “Befiehl mir, welche Bewegung Du willst, und ich werde sie machen, um Dich zu überzeugen”. – Und was fühlst Du denn in Deinem Arm? “Nun, das Gewöhnliche.” Es ist nichts Ungewöhnliches an den Gefühlen, der Arm ist z.B. nicht gefühllos (wie wenn er ‘eingeschlafen’ wäre).

1511 How could I prove to myself that I can move my arm voluntarily? Perhaps, by saying to myself “I will move it now” and then it moves? Or should I say “Simply, by moving it”? But how do I know that I have done it and that it didn’t just move by chance? Do I feel it in the end? And what if my memory of past feelings deceives me, and so it wasn’t the right, decisive feelings at all?! (And which are the right ones?) And how does the other person know whether I moved my arm voluntarily? I might tell him: “Tell me what movement you want, and I will make it, to convince you.” – And what do you feel in your arm? “Well, the usual.” There is nothing unusual about the feelings; the arm is not, for example, numb (as if it had ‘fallen asleep’).

§RPP I

387[3]

1512 Eine Bewegung meines Körpers, von der ich nicht weiß, daß sie stattfindet, oder stattgefunden hat, wird man unwillkürlich nennen. – Wie ist es aber, wenn ich bloß versuche ein Gewicht zu heben, eine Bewegung also nicht stattfindet? Wie wäre es, wenn Einer sich unwillkürlich anstrengte ein Gewicht zu heben? Unter welchen Umständen würde man dies Verhalten ‘unwillkürlich’ nennen?

1512 A movement of my body, of which I am not aware that it is happening, or has happened, will be called involuntary. – But what if I simply try to lift a weight, so that the movement does not actually take place? What if someone strained involuntarily to lift a weight? Under what circumstances would one call this behaviour ‘involuntary’?

§RPP I

387[4]

1513 Kann nicht die Ruhe ebenso willkürlich sein, wie Bewegung? Kann das Unterlassen der Bewegung nicht willkürlich sein? Welch besseres Argument gegen ein Innervationsgefühl?

1513 Can not rest be just as voluntary as movement? Can the omission of movement be voluntary? What a better argument against an innervation feeling?

§RPP I

387[5]

1514 “Dieser Blick war nicht beabsichtigt” heißt manchmal: “Ich wußte nicht, daß ich so geschaut habe”, oder “Ich wollte nichts damit sagen”.

1514 “This look was not intended” sometimes means: “I didn’t know that I was looking like that,” or “I didn’t mean anything by it.”

§RPP I

388[1]

1515 Es sollte uns nicht so selbstverständlich vorkommen, daß uns das Gedächtnis den vergangenen innern Vorgang ebenso zeigt, wie den vergangenen äußern.

1515 It should not seem so obvious to us that memory shows us the past inner process in the same way as it shows us the past outer process.

§RPP I

388[2]

1516 Vorstellung ist willkürlich, Erinnerung unwillkürlich, sich etwas ins Gedächtnis rufen aber willkürlich.

1516 Imagination is voluntary, memory is involuntary, but recalling something to memory is voluntary.

§RPP I

388[3]

1517 Was für ein merkwürdiger Begriff ‘versuchen’, ‘trachten’ ist; was man alles ‘zu tun trachten’ kann! (Sich erinnern, ein Gewicht heben, aufmerken, an nichts denken.) Aber dann könnte man auch sagen: Was für ein merkwürdiger Begriff ‘tun’ ist! Welches sind die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen ‘Reden’ und ‘Denken’, zwischen ‘Reden’ und ‘zu sich selbst reden’. (Vergleiche die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Zahlenarten.)

1517 What a remarkable concept ‘trying’, ‘endeavouring’ is; what one can ‘try to do’! (Remember, lift a weight, pay attention, think of nothing.) But then one could also say: what a remarkable concept ‘doing’ is! What are the kinship relations between ‘speaking’ and ‘thinking’, between ‘speaking’ and ‘talking to oneself’? (Compare the kinship relations between the types of numbers.)

§RPP I

388[4]

1518 Man zieht ganz andere Schlüsse aus der unwillkürlichen Bewegung, als aus der willkürlichen: das charakterisiert die willkürliche Bewegung.

1518 One draws quite different conclusions from involuntary movement than from voluntary movement: this characterizes voluntary movement.

§RPP I

388[5]

1519 Aber wie weiß ich, daß diese Bewegung willkürlich war? – Ich weiß es nicht, ich äußere es.

1519 But how do I know that this movement was voluntary? – I don’t know it, I express it.

§RPP I

388[6]

1520 “Ich ziehe so stark, als ich kann.” Wie weiß ich das? Sagt es mir mein Muskelgefühl? Die Worte sind ein Signal; und sie haben eine Funktion. Aber erlebe ich denn nichts? Erlebe ich denn nicht etwas? etwas Spezifisches? Ein spezifisches Gefühl der Anstrengung und des Nicht-weiter-könnens, des Anlangens an der Grenze? Freilich, aber diese Ausdrücke sagen nicht mehr, als “Ich ziehe so stark, als ich kann.”

1520 “I pull as hard as I can.” How do I know that? Does my muscle feeling tell me? The words are a signal; and they have a function. But do I not experience anything? Do I not experience something? something specific? A specific feeling of exertion and of not being able to go any further, of reaching the limit? Of course, but these expressions say no more than “I pull as hard as I can.”

§RPP I

388[7] &
389[1]

1521 Es ist aber doch wichtig, daß es alle diese Paraphrasen gibt! Daß man die Sorge mit den Worten beschreiben kann “Ewiges Düstere steigt herunter”. Ich habe vielleicht die Wichtigkeit dieses Paraphrasierens nie genügend betont. Man stellt die Freude dar durch ein lichtumflossenes Gesicht, durch Strahlen, die von ihm ausgehen. Natürlich heißt das nicht, daß Freude und Licht einander ähnlich sind; aber wir assoziieren – gleichgültig warum – die Freude mit dem Licht. Es könnte ja sein, daß diese Assoziation dem Kind, wenn es sprechen lernt, beigebracht wird, daß sie nicht natürlicher ist, als der Klang der Wörter selbst – – genug, daß sie besteht. (“Beethoven” und Beethoven's Werke.)

1521 But it is important that all these paraphrases exist! That one can describe the worry with the words “Eternal gloom descends.” I may never have emphasized enough the importance of this paraphrasing. One depicts joy through a face illuminated by light, through rays emanating from it. Of course, that does not mean that joy and light are similar; but we associate – regardless of why – joy with light. It could be that this association is taught to the child when it learns to speak, that it is not more natural than the sound of the words themselves – – enough, it exists. (“Beethoven” and Beethoven’s works.)

§RPP I

389[2]

1522 Die Trauer dem bleigrauen Himmel ähnlich?! Und wie kann man das herausfinden? Indem man dem Trauernden und den Himmel betrachtet? Oder sagt es der Trauernde? Und ist es dann nur für seine Trauer wahr, oder für die Trauer eines Jeden?

1522 Is grief similar to lead-gray skies?! And how can one find that out? By looking at the grieving person and the sky? Or does the grieving person say it? And is it then only true for his grief, or for the grief of everyone?

§RPP I

389[3]

1523 Wenn aber nun Einer sagt, seine Trauer gleiche einer grauen Wolke, – soll ich es glauben, oder nicht? – Man könnte ihn fragen, ob sich die beiden in etwas gleichen, in einer bestimmten Hinsicht. (Wie z.B. zwei Gesichter; oder wie ein plötzlicher starker Schmerz einem Aufflammen.) Man kann Beziehungen – interne Beziehungen und Zusammenhänge – dessen angeben, was man bei verschiedenen Eindrücken ‘Intensitäten’ nennt.

1523 If now someone says that his grief is like a gray cloud, – should I believe it, or not? – One could ask him whether the two are similar in something, in a certain respect. (As, for example, two faces; or as a sudden, intense pain is to a flash of pain.) One can indicate relationships – internal relationships and connections – of what one calls ‘intensities’ in different sensations.

§RPP I

389[4]

1524 ‘a ist zwischen b und c, und dem b näher als dem c’ dies ist eine charakteristische Relation zwischen Empfindungen gleicher Art. D.h., es gibt z.B. ein Sprachspiel mit dem Befehl “Erzeuge eine Empfindung zwischen dieser und dieser, und der ersten näher als der zweiten!” Und auch: “Nenne zwei Empfindungen, zwischen welchen diese liegt”.

1524 ‘a is between b and c, and closer to b than to c’ this is a characteristic relation between sensations of the same kind. That is, there is, for example, a language-game with the command “Create a sensation between this and this, and closer to the first than to the second!” And also: “Name two sensations, between which this lies.”

§RPP I

389[5]

1525 Und da ist es wichtig, daß man z.B. bei Grau “Schwarz und Weiß” zur Antwort kriegen wird; bei Violett “Blau und Rot”, bei Rosa “Rot und Weiß”, etc.; aber nicht bei Olivengrün “Rot und Grün”.

1525 And it is important that, for example, with gray one will get “black and white” as an answer; with violet “blue and red”, with pink “red and white”, etc.; but not with olive green “red and green”.

§RPP I

389[6] &
390[1]

1526 Woran erkennt man, daß der Ausdruck der Freude nicht der Ausdruck eines Körperschmerzes ist? (Eine wichtige Frage.)

1526 How does one recognize that the expression of joy is not the expression of bodily pain? (An important question.)

§RPP I

390[2]

1527 Woher weiß man, daß der Ausdruck des Genusses nicht der einer Empfindung ist?

1527 How does one know that the expression of pleasure is not the expression of a sensation?

§RPP I

390[3]

1528 Eine Figur als dies oder als jenes ansprechen. Sprichst Du die Figur immer, während Du sie siehst, als dies oder das an? Freilich: gefragt, was diese Figur vorstellt, würde ich immer sagen: “Einen Hasen”; aber ich bin mir dessen so wenig ständig bewußt, wie dessen, daß dies hier ein wirklicher Tisch ist. Denn spreche ich ein Bild immer als das Bild dieses Gegenstandes an, dann auch jeden Gegenstand als Ding dieses bestimmten Gebrauches, etc.

1528 To address a figure as this or as that. Do you always address the figure, while you see it, as this or that? Of course: if asked what this figure represents, I would always say: “A rabbit”; but I am so little constantly conscious of it, as of the fact that this here is a real table. For if I always address a picture as the picture of this object, then also every object as a thing of this particular use, etc.

§RPP I

390[4]

1529 Wenn Einer zum ersten mal merkt, daß das Bild doppeldeutig ist, könnte er etwa mit dem Ausruf reagieren: “Ah, ein Hase!” etc.; aber er würde doch wenn er nun das Bild dauernd in einem Aspekt sieht nicht ununterbrochen ausrufen wollen “Ah, ein …!”

1529 If someone notices for the first time that the picture is ambiguous, he might react with the exclamation: “Ah, a rabbit!” etc.; but if he now sees the picture constantly in one aspect, he would not want to exclaim without interruption “Ah, a …!”

§RPP I

390[5]

1530 Ich will sagen, daß der natürliche, primitive, Ausdruck des Erlebnisses des Aspekts so ein Ausruf wäre, es könnte auch ein Aufleuchten der Augen sein. (Es fällt mir etwas auf!)

1530 I want to say that the natural, primitive expression of the experience of the aspect would be such an exclamation; it could also be a lighting up of the eyes. (Something strikes me!)

§RPP I

390[6]

1531 Wenn ich sage, ich sehe diese Figur dauernd rot, so heißt das, daß die Beschreibung, sie sei rot – die Beschreibung in Worten oder durch ein Bild – dauernd, ohne Änderung, richtig ist; im Gegensatz also zu dem Falle in welchem sich die Figur ändert. – Die Versuchung ist ja eben, den Aspekt mit den Worten zu beschreiben “Ich sehe es so” ohne auf etwas zu zeigen. Und wenn man ein Gesicht mit seiner Blickrichtung als Pfeil beschreibt, so will man sagen: “Ich sehe dies: und nicht dies:🖵”.

1531 If I say that I see this figure constantly red, this means that the description, that it is red – the description in words or through a picture – is constantly, without change, correct; in contrast, therefore, to that case in which the figure changes. – The temptation is indeed to describe the aspect with the words “I see it like this” without pointing to anything. And if one describes a face with its direction of gaze as an arrow, then one wants to say: “I see this: and not this: 🖵”.

§RPP I

390[7] &
391[1]

1532 Dem dauernden Sehen als 🖵 entspricht dann, daß diese Beschreibung, ohne Änderung, die richtige ist und das heißt nur, daß der Aspekt nicht gewechselt wurde.

1532 To the constant seeing as 🖵 corresponds then the fact that this description, without change, is the correct one and that means only that the aspect has not changed.

§RPP I

391[2]

1533 Talk of hallucination! – Was könnte es seltsameres geben, als daß uns der Punkt, das Auge, Richtung zu haben scheint!

1533 Talk of hallucination! – What could be stranger than that the point, the eye, seems to have a direction!

§RPP I

391[3]

1534 Wenn ich über den Gesichtsausdruck dieser Figur nachdenke, – wie mache ich's, über den Ausdruck von 🖵 und nicht von 🖵 nachzudenken?

1534 When I think about the facial expression of this figure, – how do I do it, in order to think about the expression of 🖵 and not of 🖵?

§RPP I

391[4]

1535 Wenn ich über den Gesichtsausdruck dieser Figur nachdenke, ihn betrachte – wie mach ich's: den Ausdruck von 🖵 zu betrachten, nicht den von 🖵? Und dieser Symbolismus hat, glaube ich, schon alles in sich.

1535 When I think about the facial expression of this figure, I look at it – how do I do it: to look at the expression of 🖵, not that of 🖵? And this symbolism, I think, already contains everything.

§RPP I

391[5]

1536 Es ist doch, als sähe man das Bild: einmal, zusammen mit einer Gruppe von Bildern, ein andermal mit einer andern. Was heißt hier: “Es ist als sähe man”? Dies heißt etwas Ähnliches wie: dieser Vorgang könnte den tatsächlichen vertreten, hätte die rechte ‘Multiplizität’.

1536 It is as if one were seeing the picture: sometimes together with one group of pictures, at other times with another. What does it mean to say “It is as if one were seeing”? This means something similar to: this process could represent the actual one, were it to have the right ‘multiplicity’.

§RPP I

391[6]

1537 Es ist – im Gegensatz zu Köhler – gerade eine Bedeutung, die ich sehe.

1537 It is – in contrast to Köhler – precisely a meaning that one sees.

§RPP I

391[7]

1538 Man könnte sagen, man erlebe die Bereitschaft zu einer bestimmten Gruppe von Gedanken. (Den Keim zu ihnen.)

1538 One could say that one experiences the readiness for a certain group of thoughts. (The seed of them.)

§RPP I

391[8]

1539 Es ist, als käme das Bild in einer Lage (oder in einer andern) zur Ruhe. Als könnte es in der Tat fluktuieren, und dann mit bestimmten Akzenten zur Ruhe kommen. Man sagt: “Ich sehe es jetzt (oder, meistens) als das.” Es ist uns wirklich, als wären nun die Striche zu dieser und nicht einer andern Form zusammengeschlossen. Oder als wären sie in diese und nicht in die andere Hohlform gefallen. Und doch muß es sich uns nur darum handeln, den tatsächlichen Ausdruck unseres Erlebnisses, den ich ja mit allen diesen Bildern nur paraphrasiere, zu beschreiben; zu sagen, was das Wesentliche dieses Ausdrucks ist.

1539 It is as if the picture comes to rest in one position (or another). As if it could indeed fluctuate, and then come to rest with certain accents. One says: “I see it now (or, mostly) as this.” It is really as if the lines were now joined together in this form, and not in another. Or as if they had fallen into this and not the other hollow. And yet it must only be a matter of describing the actual expression of our experience, which I am only paraphrasing with all these pictures; to say what the essential thing about this expression is.

§RPP I

392[1]

1540 Könnte einer die Figur so, oder so sehen, der nicht von ihr zu Erklärungen etc. fortschreiten könnte? Könnte sie also jemand so und so sehen, der nicht wüßte, wie Tierköpfe ausschauen, was ein Auge ist, etc.? Und damit meine ich natürlich nicht: “Wäre ein solcher im Stande, das zu tun, würde es ihm gelingen?” Sondern: “Bedarf es dazu nicht dieser Begriffe?”

1540 Could someone see the figure this way, or that way, without being able to proceed from it to explanations, etc.? Could someone see it this way and that way, without knowing what animal heads look like, what an eye is, etc.? And by this I do not mean: “Would such a person be able to do this, and would it succeed?” But: “Does it not require these concepts?”

§RPP I

392[2]

1541 Ich sehe das Bild eines Pferdes: ich weiß nicht nur, es sei ein Pferd, sondern auch, daß das Pferd läuft. Ich kann also nicht nur das Bild räumlich verstehen, sondern ich weiß auch, was das Pferd jetzt im Begriffe ist zu tun. Denk Dir, Einer sähe ein Bild einer Reiterattacke, wüßte aber nicht, daß die Pferde nicht in ihren diversen Stellungen stehen bleiben! Es handelt sich mir aber nicht um eine Erklärung dieses Verstehens, etwa dadurch, daß man behauptet, der Betrachtende mache kleine Laufbewegungen, oder fühle Laufinnervationen. Welchen Grund hat man zu Annahmen dieser Art, außer den, es ‘müsse’ so sein?

1541 I see the picture of a horse: I know not only that it is a horse, but also that the horse is running. So I can not only understand the picture spatially, but I also know what the horse is about to do. Imagine someone seeing a picture of a cavalry charge, but not knowing that the horses do not remain in their various positions! I am not concerned with an explanation of this understanding, for example, by claiming that the observer makes small running movements, or feels running innervations. What reason does one have for making such assumptions, other than the assumption that it ‘must’ be so?

§RPP I

392[3]

1542 Wie aber, wenn man sagt “Man sieht dieses gemalte Pferd laufen!” – Damit will ich doch nicht nur sagen “Ich weiß, daß dies ein laufendes Pferd vorstellt”. Man will damit etwas anderes sagen. Denk Dir, jemand reagierte auf so ein Bild mit einer Handbewegung und dem Ausrufe “Hui!”. Sagt das nicht ungefähr dasselbe wie: er sähe das Pferd laufen? Er könnte auch ausrufen “Es läuft!” und das wäre nicht die Feststellung, es laufe, noch die, es scheine zu laufen. So wie man sagt: “Sieh, wie er läuft!” – nicht, um den Andern eine Mitteilung zu machen, sondern es ist eine Reaktion, in der sich die Leute finden.

1542 But if one says “One sees this painted horse running!” – I do not only want to say “I know that this represents a running horse.” One wants to say something else with this. Imagine someone reacting to such a picture with a hand movement and the exclamation “Hui!”. Does that not say roughly the same thing as: he sees the horse running? He could also exclaim “It is running!” and that would not be the statement that it is running, nor that it seems to be running. Just as one says: “Look how it runs!” – not to communicate something to the other, but it is a reaction in which people find themselves.

§RPP I

393[1]

1543 Verstehen ist ähnlich dem Weiterwissen, also einem Können: aber “Ich verstehe”, so wie “Ich weiß weiter”, ist eine Äußerung, ein Signal.

1543 Understanding is similar to knowing something further, thus a skill: but “I understand”, just like “I know more”, is an utterance, a signal.

§RPP I

393[2]

1544 Ich kann ein Wort adjektivisch, oder substantivisch erleben. Weiß ich, ob Jeder, ob Viele, mit denen ich rede, diese Erlebnisse haben? Wäre es wichtig, um zu wissen, was sie meinen?

1544 I can experience a word adjectivally, or substantively. Do I know whether everyone, whether many, with whom I talk, have these experiences? Would it be important in order to know what they mean?

§RPP I

393[3]

1545 Es war mir nicht aufgefallen, daß in beiden Bildern die gleiche Kontur vorkam, denn ich hatte sie in einem Bild so aufgefaßt, im andern so🖵. Erst auf dem Umweg einer Überlegung sah ich ein, daß es die gleiche Kontur war. – Ist das ein Beweis: ich hätte jedes Mal etwas Anderes gesehen? – Es ist wichtig, daß die beiden Aspekte mit einander unverträglich sind.

1545 I had not noticed that the same contour appeared in both pictures, because I had conceived of it in one picture this way, in the other that way 🖵. Only by a detour of thought did I realize that it was the same contour. – Is this proof: that each time I saw something different? – It is important that the two aspects are incompatible with each other.

§RPP I

393[4]

1546 Ist denn der Gesichtsausdruck etwas Optisches? Ich könnte mir ein Bild denken, dessen Ausdruck doppeldeutig wäre. Und daß ich etwa deshalb in einer anderen Umgebung nicht wiedererkennen würde. Ich sage dann etwa: “Ach ja, das sind dieselben Linien; aber sie sehen hier ganz anders aus.” Und ich sehe ja wirklich, daß das Bild 🖵 und das Bild das gleiche ist. Ich erkenne es nicht nur, sagen wir, durch Messung!

1546 Is the facial expression something visual? I could imagine a picture, the expression of which would be ambiguous. And that I would therefore not recognize it in a different environment. I might say something like: “Oh yes, these are the same lines; but they look quite different here.” And I really see that the picture 🖵 and the picture are the same. I don’t just recognize it, let’s say, by measurement!

§RPP I

394[1]

1547 Ich sehe, sagst Du, zwei verschiedene Gesichtsobjekte, die nur etwas miteinander gemeinsam haben. Denn Du betonst damit nur gewisse Analogien auf Kosten anderer. Aber dieses Betonen muß nun noch grammatisch gerechtfertigt werden.

1547 I see, you say, two different facial objects that only have something in common. Because you are thus emphasizing certain analogies at the expense of others. But this emphasis must now be grammatically justified.

§RPP I

394[2]

1548 Wie ist es möglich, daß das Auge, dieser Punkt, in einer Richtung blickt? – “Sieh, wie er blickt!” (Und dabei ‘blickt’ man selbst.) Aber man sagt und tut das nicht in einem fort, während man das Bild betrachtet. Und was ist nun dieses “Sieh, wie er blickt!” – ist es der Ausdruck einer Empfindung?

1548 How is it possible that the eye, this point, looks in one direction? – “Look how it looks!” (And in doing so, one ‘looks’ oneself.) But one does not say and do this continuously while looking at the picture. And what is this “Look how it looks!” – is it the expression of a sensation?

§RPP I

394[3]

1549 Ich hätte nie daran gedacht, die beiden Bilder so zur Deckung zu bringen, sie so zu vergleichen. Denn sie legen eine andere Vergleichsweise nahe. Das Bild 🖵 hat mit dem Bild 🖵 auch nicht die leiseste Ähnlichkeit, möchte man sagen – – obwohl sie kongruent sind.

1549 I would never have thought of bringing the two pictures like this into alignment, of comparing them like this. Because they suggest a different way of comparison. The picture 🖵 also has not the slightest similarity with the picture 🖵, one might say – – although they are congruent.

§RPP I

394[4]

1550 “Jetzt weiß ich weiter” – ich sehe, daß das eine Stirn ist und das ein Schnabel. Diese Linie ist stirnhaft, dieser Punkt augenhaft. Aber wie kann der Gesichtseindruck einer Linie stirnhaft sein? Und was ist es, das mich sagen läßt, der Gesichtseindruck selber sei es, der diese Eigenschaft hat? – Nun, daß es kein Gedanke, keine Deutung ist, daß es dauerhaft, wie der Gesichtseindruck.

1550 “Now I understand more” – I see that this is a forehead and that is a beak. This line is forehead-like, this point eye-like. But how can the visual impression of a line be forehead-like? And what is it that makes me say that the visual impression itself has this property? – Well, that it is not a thought, not an interpretation, that it is lasting, like the visual impression.

§RPP I

395[1]

1551 Versuchen wir zu beschreiben, daß Menschen Absichten haben! Wie sähe so eine Beschreibung aus? Für wen wäre es eine Beschreibung? Frage Dich dies: Welchem Zweck soll sie dienen?

1551 Let’s try to describe that people have intentions! What would such a description look like? For whom would it be a description? Ask yourself this: What purpose should it serve?

§RPP I

395[2]

1552 Man kann sehr ‘deutlich’ zu sich selber in der Vorstellung reden, wenn man dabei die Information der Rede durch Summen (bei geschlossenen Lippen) wiedergibt. Auch Kehlkopfbewegungen helfen. Aber das Merkwürdige ist ja eben, daß man die Rede dann in der Vorstellung hört, und nicht bloß, sozusagen ihr Skelett, im Kehlkopf fühlt.

1552 One can very ‘clearly’ talk to oneself in one’s imagination, if one reproduces the information of speech by humming (with closed lips). Movements of the larynx also help. But the remarkable thing is that one then hears the speech in one’s imagination, and not just, as it were, feels its skeleton in the larynx.

§RPP I

395[3]

1553 Es ist dem ‘Vorstellen’ wesentlich, daß zu seiner Äußerung die Begriffe der Sinneswahrnehmung verwendet werden. (Der Satz “Ich höre und ich höre nicht ‥‥” könnte als Ausdruck der Gehörsvorstellung gebraucht werden. Eine Verwendung für die Form des Widerspruchs.) Ein Hauptmerkmal, das Vorstellung vom Sinneseindruck und von der Halluzination unterscheidet, ist dies, daß der Vorstellende sich zur Vorstellung nicht beobachtend verhält, also dies, daß die Vorstellung willkürlich ist.

1553 It is essential for ‘imagining’ that the concepts of sensory perception are used in its expression. (The sentence “I hear and I do not hear ‥‥” could be used as an expression of auditory imagination. A use for the form of contradiction.) A main characteristic that distinguishes imagination from sensory impression and from hallucination is this, that the one who imagines does not relate to the imagination in an observing manner, i.e., that the imagination is arbitrary.

§RPP I

395[4]

1554 Stelle Dir ein Gespräch vor, dessen einer Partner Du selbst bist, so zwar, daß Du selbst in der Vorstellung redest. Was Du selbst sprichst, wirst Du wahrscheinlich in Deinem Körper (Kehlkopf, Brust) spüren. Das aber beschreibt nur, definiert nicht, die Tätigkeit des Redens in der Vorstellung.

1554 Imagine a conversation, one of whose partners is yourself, so that you yourself speak in the imagination. What you yourself say, you will probably feel in your body (larynx, chest). But that only describes, does not define, the activity of speaking in the imagination.

§RPP I

396[1]

1555 Das Gefühl des Unheimlichen. Wie zeigt es sich? Die Dauer so eines ‘Gefühls’. Wie, z.B., sieht eine Unterbrechung des Gefühls aus? Wäre es, z.B., möglich, abwechselnd eine Sekunde es zu haben, und wieder nicht zu haben? Ist nicht unter seinen Merkmalen auch eine charakteristische Art des Verlaufs (Beginns und Endes), die es z.B. von einer Sinneswahrnehmung unterscheidet?

1555 The feeling of uncanniness. How does it manifest itself? The duration of such a ‘feeling’. What does an interruption of the feeling look like? Would it be possible, for example, to alternate having it for one second, and not having it? Is not one of its characteristics also a characteristic type of course (beginning and end), which distinguishes it, for example, from a sensory perception?

§RPP I

396[2]

1556 Das Sprechen der Musik. Vergiß nicht, daß ein Gedicht, wenn auch in der Sprache der Mitteilung abgefaßt, nicht im Sprachspiel der Mitteilung verwendet wird. Könnte man sich nicht denken, daß Einer, der Musik nie gekannt hat und zu uns kommt und jemand einen nachdenklichen Chopin spielen hört, daß der überzeugt wäre, dies sei eine Sprache und man wolle ihm nur den Sinn geheimhalten. In der Wortsprache ist ein starkes musikalisches Element. (Ein Seufzer, der Tonfall der Frage, der Verkündigung, der Sehnsucht, alle die unzähligen Gesten des Tonfalls.)

1556 Speaking the music. Don't forget that a poem, even if written in the language of communication, is not used in the language-game of communication. Couldn't one imagine that someone who has never known music and comes to us and hears someone play a thoughtful Chopin piece would be convinced that this is a language and that one is only keeping the sense secret from him. In word-language, there is a strong musical element. (A sigh, the tone of voice of the question, the announcement, the longing, all the countless gestures of the tone.)

§RPP I

396[3]

1557 “Man suche nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre.” (Goethe.)

1557 “One should seek nothing behind the phenomena; they themselves are the teaching.” (Goethe.)

§RPP I

396[4] &
397[1]

1558 Ich beobachte sein Gesicht genau. Warum? Was lehrt es mich? Ob er traurig, oder fröhlich, z.B. Aber warum interessiert mich das? Nun, wenn ich seine Stimmung kennen lerne, so ist es, wie wenn ich den Zustand eines Körpers (seine Temperatur, z.B.) kennen lernte; ich kann mancherlei Schlüsse daraus ziehen. Und darum beobachte ich im gleichen Fall mein eigenes Gesicht nicht. Beobachtete ich mich, so wäre mein Gesicht nicht mehr ein verläßlicher Index; und ich könnte auch, wenn es dies für einen Andern wäre, keine Schlüsse aus ihm ziehen.

1558 I observe his face closely. Why? What does it teach me? Whether he is sad or happy, for example. But why does that interest me? Well, if I get to know his mood, it's as if I were getting to know the state of a body (its temperature, for example); I can draw all sorts of conclusions from that. And that is why, in the same case, I do not observe my own face. If I observed myself, then my face would no longer be a reliable index; and I could not draw any conclusions from it, even if it were for another person.

§RPP I

397[2]

1559 Sich eines Gedankens schämen. Schämt man sich dessen, daß man den und den Satz zu sich selbst in der Vorstellung gesprochen hat? Die Sprache hat eben eine vielfache Wurzel; sie hat Wurzeln, nicht eine Wurzel.

1559 Being ashamed of a thought. Is one ashamed of having spoken this or that sentence to oneself in one's imagination? Language simply has multiple roots; it has roots, not one root.

§RPP I

397[3]

1560 “Der Gedanke stand in diesem Augenblick vor meiner Seele.” – Und wie? – “Ich hatte dieses Bild.” – So war das Bild der Gedanke? Nein; denn hätte ich Einem bloß das Bild mitgeteilt, so hätte er nicht den Gedanken erhalten.

1560 “The thought stood before my mind at this moment.” – And how? – “I had this image.” – So was the image the thought? No, because if I had only communicated the image to someone, he would not have received the thought.

§RPP I

397[4]

1561 Das Bild war der Schlüssel. Oder es erschien doch als Schlüssel.

1561 The image was the key. Or it appeared as the key.

§RPP I

397[5] &
398[1]

1562 Wie unterscheiden sich Gesichtseindrücke von Gehörseindrücken? – Soll ich antworten: “Das läßt sich nicht sagen; aber wer sieht und hört, weiß, daß sie total verschieden sind”? Könnte man sich denken, daß bei einem Menschen ein bestimmter Gesichtseindruck derselbe wäre, wie ein bestimmter Gehörseindruck? so daß er diesen einen Eindruck durchs Auge und durch's Ohr erhalten könnte? Würde dieser etwa auf ein Bild zeigen und einen Ton am Klavier anschlagen und uns sagen, diese beiden seien identisch? Und würden wir ihm das glauben? Und warum nicht? Würden wir ihm glauben, daß die ‘Affektion der Seele’ in beiden Fällen dieselbe sei? Und wenn wir's glaubten, wie könnten wir das Faktum verwenden?

1562 How do visual impressions differ from auditory impressions? – Should I answer: “It cannot be said; but whoever sees and hears knows that they are totally different”? Could one imagine that in a person one particular visual impression would be the same as one particular auditory impression? so that he could receive this one impression through the eye and through the ear? Would he perhaps point to a picture and strike a note on the piano and tell us that these two are identical? And would we believe him? And why not? Would we believe him that the ‘affection of the mind’ is the same in both cases? And if we believed it, how could we use this fact?

§RPP I

398[2]

1563 Der Stammbaum der psychologischen Phänomene: Nicht Exaktheit strebe ich an, sondern Übersichtlichkeit.

1563 The family tree of psychological phenomena: I am not striving for exactness, but for surveyability.

§RPP I

398[3] &
399[1]

1564 Was das Bündel der ‘Sinneseindrücke’ zusammenhält, sind ihre Relationen zu einander. Das, was ‘rot’ ist, ist auch ‘süß’ und ‘hart’ und ‘kalt’, und ‘klingt’, wenn man es anschlägt. In dem Sprachspiel mit diesen Wörtern heißt es ursprünglich nicht “Dies scheint rot”, sondern “Dies ist rot” (hart, etc.). Unsere Übereinstimmung ist dem Sprachspiel wesentlich. Anders ist es aber mit “angenehm”, “unangenehm”, “schön”, “häßlich”. Schmerz ist in mancher Weise analog den übrigen Sinneseindrücken, in mancher Weise verschieden. Es gibt einen Gesichtsausdruck, Ausrufe, Gebärden des Schmerzes (wie der Freude), Zeichen der Ablehnung, einen Empfang, der für den Schmerz, aber nicht einen, der für die rote Farbe charakteristisch ist. Bitterkeit ist darin dem Schmerz verwandt. Man könnte sich einen Druck ohne Sinnesorgan denken. Es könnte Einer hören, und so ziemlich alle Sprachspiele mit den Wörtern für Gehörseindrücke lernen, ohne Ohren zu haben, und ohne daß man weiß ‘womit’ er hört. Daß man mit den Ohren hört, zeigt sich ja verhältnismäßig sehr selten. Ja es könnte sein, daß Einer hört, wie wir Alle, und man erst später darauf kommt, daß seine Ohren taub sind. Der Inhalt der Erlebnisse. Man möchte sagen “So sehe ich Rot”, “So höre ich den Ton, den Du anschlägst”, “So fühle ich Vergnügen”, “So empfinde ich Trauer”, oder auch “Das empfindet man, wenn man traurig ist; das, wenn man sich freut”, etc. Man möchte eine Welt, analog der physikalischen, mit diesen So und Das bevölkern. Das hat aber nur dort Sinn, wo es ein Bild des Erlebten gibt, worauf man bei diesen Aussagen zeigen kann.

1564 What holds the bundle of ‘sensory impressions’ together are their relations to one another. What is ‘red’ is also ‘sweet’ and ‘hard’ and ‘cold’, and ‘sounds’ when struck. In the language-game with these words, it does not originally mean “This seems red,” but “This is red” (hard, etc.). Our agreement is essential to the language-game. But it is different with “pleasant,” “unpleasant,” “beautiful,” “ugly.” Pain is in some ways analogous to the other sensory impressions, in some ways different. There is a facial expression, exclamations, gestures of pain (as of joy), signs of rejection, a reception that is characteristic of pain, but not one that is characteristic of the color red. Bitterness is related to pain in this respect. One could imagine a pressure without a sensory organ. One could imagine someone hearing and, as a result, learning almost all the language-games with the words for auditory impressions, without having ears, and without one knowing ‘what’ he hears with. The fact that one hears with the ears is only shown in a relatively small number of cases. Yes, it could be that someone hears as we all do, and only later one realizes that his ears are deaf. The content of the experiences. One would like to say “Thus I see red,” “Thus I hear the sound that you strike,” “Thus I feel pleasure,” “Thus I experience sorrow,” or also “That is what one experiences when one is sad; that, when one is happy,” etc. One would like to populate a world, analogous to the physical one, with these Thus and That. But this only makes sense where there is a picture of the experienced thing, to which one can point in these statements.

§RPP I

399[2]

1565 Wenn nur Einer einmal eine Körperbewegung gemacht hätte, – könnte die Frage sein, ob sie willkürlich oder unwillkürlich war?

1565 If only one person had ever made a bodily movement, – could the question be whether it was voluntary or involuntary?

§RPP I

399[3]

1566 “Wenn ich mich anstrenge, tue ich doch etwas, habe doch nicht bloß eine Empfindung.” Und so ist es auch; denn man befiehlt Einem: “Streng Dich an!” und er kann die Absicht äußern “Ich werde mich jetzt anstrengen”. Und wenn er sagt “Ich kann nicht mehr!” – so heißt das nicht “Ich kann das Gefühl in meinen Gliedern – den Schmerz, z.B., – nicht länger ertragen”. – Anderseits aber leidet man unter der Anstrengung, wie unter Schmerzen. “Ich bin gänzlich erschöpft” – wer das sagte, sich aber so frisch bewegte, wie je, den würde man nicht verstehen.

1566 “When I exert myself, I do something; I don't just have a sensation.” And that is the case; for one tells someone: “Exert yourself!” and he can express the intention “I will now exert myself.” And when he says “I can't anymore!” – that does not mean “I can no longer endure the feeling in my limbs – the pain, for example.” – On the other hand, one suffers from the exertion, as from pain. “I am completely exhausted” – if someone said that, but moved as briskly as ever, one would not understand him.

§RPP I

400[1]

1567 Der Aspekt ist dem Willen unterworfen. Ich kann etwas nicht rot sehen, wenn es mir blau erscheint, und es hat keinen Sinn, zu sagen “Sieh dies rot”, wohl aber “Sieh dies als ‥‥”. Und daß der Aspekt (wenigstens bis zu einem gewissen Grade) willkürlich ist, scheint ihm wesentlich zu sein, wie auch der Vorstellung, daß sie es ist. Ich meine: die Willkürlichkeit scheint mir (aber warum?) nicht nur eine Zutat zu sein; als sagte man “Diese Bewegung läßt sich, erfahrungsgemäß, auch so hervorbringen”. D.h.: Es ist wesentlich, daß man sagen kann “Sieh es jetzt so an!” und “Stell Dir vor ‥‥!” Denn das hängt damit zusammen, daß uns der Aspekt nichts über die ‘äußere Welt lehrt’. Man kann die Worte “rot” und “blau” lehren, indem man sagt “Dies ist rot und nicht blau”; aber man kann Einem nicht die Bedeutung von “Figur” und “Grund” lehren, indem man auf eine doppeldeutige Figur zeigt.

1567 The aspect is subject to the will. I cannot see something as red if it appears blue to me, and it makes no sense to say “See this as red,” but rather “See this as ‥‥.” And that the aspect (at least to a certain extent) is arbitrary seems to be essential to it, as is the idea that it is. I mean: the arbitrariness does not seem to me (but why?) to be merely an addition; as if one said, “This movement can, as a matter of experience, also be brought about in this way.” That is: it is essential that one can say “See it now in this way!” and “Imagine ‥‥!” For that is connected with the fact that the aspect tells us nothing about the ‘external world’. One can teach the words “red” and “blue” by saying “This is red and not blue”; but one cannot teach someone the meaning of “figure” and “ground” by pointing to a figure that is ambiguous.

§RPP I

400[2]

1568 Wir lernen nicht Vorstellungen kennen und später erst, sie mit unserm Willen zu lenken. Und natürlich ist es überhaupt ganz falsch zu denken, wir lenkten sie, sozusagen, mittels unseres Willens. Als regierte der Wille sie, wie Befehle Menschen regieren könnten. Als wäre also der Wille ein Einfluß, eine Kraft, oder auch: eine primäre Handlung, die dann die Ursache der wahrnehmbaren äußeren Handlungen ist.

1568 We do not learn to know images and only later learn to guide them with our will. And, of course, it is completely false to think that we guide them, as it were, by means of our will. As if the will governed them, as commands might govern people. As if the will were an influence, a force, or also: a primary action, which is then the cause of the perceptible external actions.

§RPP I

400[3] &
401[1]

1569 Ist es richtig, zu sagen: was eine Handlung zu einer willkürlichen macht, sind die psychischen Erscheinungen, in denen sie eingebettet liegt? (Die psychologische Umgebung.) Sind, z.B., meine normalen Gehbewegungen “willkürlich” in einem nicht-potentiellen Sinn?

1569 Is it correct to say: what makes an action voluntary are the psychological phenomena in which it is embedded? (The psychological environment.) Are, for example, my normal walking movements “voluntary” in a non-potential sense?

§RPP I

401[2]

1570 Ein Kind stampft mit den Füßen im Zorn: ist es nicht willkürlich? Und weiß ich irgendetwas von seinen Bewegungsempfindungen, wenn es dies tut? Im Zorn stampfen ist willkürlich. Kommen, wenn man gerufen wird, in der gewöhnlichen Umgebung, ist willkürlich. Unwillkürliches Gehen, Spazierengehen, Essen, Sprechen, Singen wäre (ein) Gehen, Essen, Sprechen, etc. in einer abnormalen Umgebung. Z.B., bewußtlos: wenn man im übrigen handelt, wie in der Narkose; oder wenn die Bewegung vor sich geht, und man weiß nichts von ihr, sobald man die Augen schließt; oder wenn man die Bewegung nicht einstellen kann, so sehr man sich auch bemüht; etc.

1570 A child stamps its feet in anger: is this not voluntary? And do I know anything about its movement sensations when it does this? Stamping in anger is voluntary. Coming when one is called, in ordinary circumstances, is voluntary. Involuntary walking, strolling, eating, speaking, singing would be (a) walking, eating, speaking, etc. in abnormal circumstances. For example, unconscious: when one acts as in a trance; or when the movement takes place, and one knows nothing about it as soon as one closes one's eyes; or when one cannot stop the movement, no matter how hard one tries; etc.

§RPP I

401[3] &
402[1]

1571 Keine Annahme scheint mir natürlicher, als daß dem Assoziieren, oder Denken, kein Prozeß im Gehirn zugeordnet ist; so daß es also unmöglich wäre, aus Gehirnprozessen Denkprozesse abzulesen. Ich meine das so: Wenn ich rede, oder schreibe, so geht, nehme ich an, ein meinem gesprochenen oder geschriebenen Gedanken zugeordnetes System von Impulsen von meinem Gehirn aus. Aber warum sollte das System sich weiter in zentraler Richtung fortsetzen? Warum soll nicht, sozusagen, diese Ordnung aus dem Chaos entspringen? Der Fall wäre ähnlich dem– daß sich gewisse Pflanzenarten durch Samen vermehrten, so daß ein Same immer dieselbe Pflanzenart erzeugt, von der er erzeugt wurde, – daß aber nichts in dem Samen der Pflanze, die aus ihm wird, entspricht; so daß es unmöglich ist, aus den Eigenschaften, oder der Struktur des Samens auf die der Pflanze, die aus ihm wird, zu schließen, – daß man dies nur aus seiner Geschichte tun kann. So könnte also auch aus etwas ganz Amorphem ein Organismus, sozusagen ursachelos, werden; und es ist kein Grund, warum sich dies nicht mit unserem Gedanken, also mit unserem Reden oder Schreiben etc. wirklich so verhalten sollte.

1571 No assumption seems more natural to me than that associating, or thinking, has no process in the brain associated with it; so that it would be impossible to infer thinking processes from brain processes. I mean this: when I speak, or write, I assume that there is a system of impulses emanating from my brain that is associated with my spoken or written thought. But why should this system continue further in a central direction? Why shouldn't this order, as it were, emerge from chaos? The case would be similar to that of – certain species of plants reproducing by seeds, so that a seed always produces the same species of plant from which it was produced, – but that nothing in the seed of the plant that grows from it corresponds to it; so that it is impossible to infer the properties, or structure of the plant that grows from it from the properties, or structure of the seed – that one can only do this from its history. Thus, from something completely amorphous, an organism could, as it were, come into being without a cause; and there is no reason why this should not also be the case with our thought, i.e. with our speaking or writing etc. actually.

§RPP I

402[2]

1572 Es ist also wohl möglich, daß gewisse psychologische Phänomene physiologisch nicht untersucht werden können, weil ihnen physiologisch nichts entspricht.

1572 It is therefore quite possible that certain psychological phenomena cannot be investigated physiologically because nothing corresponds to them physiologically.

§RPP I

402[3]

1573 Ich habe diesen Mann vor Jahren gesehen; nun sehe ich ihn wieder, erkenne ihn, erinnere mich seines Namens. Und warum muß es nun für dies Erinnern eine Ursache in meinem Nervensystem geben? Warum muß irgendetwas, was immer, in irgendeiner Form dort aufgespeichert worden sein? Warum muß er eine Spur hinterlassen haben? Warum soll es keine psychologische Gesetzmäßigkeit geben, der keine physiologische entspricht? Wenn das unsere Begriffe von der Kausalität umstößt, dann ist es Zeit, daß sie umgestoßen werden.

1573 I saw this man years ago; now I see him again, recognize him, remember his name. And why must there now be a cause for this remembering in my nervous system? Why must something, whatever it may be, in some form have been stored there? Why must he have left a trace? Why shouldn't there be a psychological regularity to which no physiological one corresponds? If this upsets our concepts of causality, then it is time for them to be upset.

§RPP I

402[4] &
403[1]

1574 Das Vorurteil für den psycho-physischen Parallelismus ist auch eine Frucht der primitiven Auffassung der Grammatik. Denn, wenn man Kausalität zwischen psychologischen Erscheinungen zuläßt, die nicht physiologisch vermittelt ist, so denkt man damit das Eingeständnis eines nebelhaften Seelenwesens zu machen.

1574 The prejudice for psycho-physical parallelism is also a fruit of the primitive conception of grammar. For if one allows for causality between psychological phenomena that is not physiologically mediated, one is, in effect, admitting a nebulous mental essence.

§RPP I

403[2]

1575 Muß das Verbum “ich glaube” eine Vergangenheitsform haben? Nun, wenn wir statt “Ich glaube, er kommt” immer sagten “Er dürfte kommen” (oder dergleichen), aber dennoch sagten “Ich habe geglaubt ‥‥” – so hätte das Verbum “glauben” keine Gegenwart. Es ist charakteristisch für die Art und Weise, wie wir gewohnt sind, die Sprache zu betrachten, daß wir glauben, es müsse am Ende doch Gleichförmigkeit, Symmetrie, bestehen; statt, umgekehrt, dafür zu halten, sie könne nicht bestehen.

1575 Must the verb “I believe” have a past tense? Well, if instead of “I believe he is coming” we always said “He probably is coming” (or something similar), but still said “I used to believe…” – then the verb “to believe” would have no present. It is characteristic of the way we are accustomed to look at language that we believe that in the end there must be uniformity, symmetry; instead of, conversely, assuming that it cannot exist.

§RPP I

403[3] &
404[1]

1576 Denk Dir diese Erscheinung: Wenn ich will, daß jemand sich einen Text merkt, den ich ihm vorspreche, so daß er ihn mir später wiederholen kann, muß ich ihm ein Papier und einen Bleistift geben; und während ich spreche, schreibt er Striche, Zeichen auf das Papier; soll er später den Text reproduzieren, so folgt er jenen Strichen mit den Augen und sagt den Text her. Ich nehme aber an, seine Aufzeichnung sei keine Schrift, sie hänge nicht durch Regeln mit den Worten des Textes zusammen; und doch kann er ohne diese Aufzeichnung den Text nicht reproduzieren; und wird an ihr etwas verändert, wird sie zum Teil zerstört, so bleibt er beim ‘Lesen’ stecken, oder spricht den Text unsicher, oder unzuverlässig, oder kann die Worte überhaupt nicht finden. – Das ließe sich doch denken! – Was ich die ‘Aufzeichnung’ nannte, wäre dann keine Wiedergabe des Textes, nicht eine Übersetzung sozusagen in einen anderen Symbolismus. Der Text wäre nicht in der Aufzeichnung niedergelegt. Und warum sollte er in unserm Nervensystem niedergelegt sein?

1576 Imagine this phenomenon: If I want someone to remember a text that I read aloud to them, so that they can repeat it to me later, I must give them a piece of paper and a pencil; and while I speak, they write lines, signs on the paper; if they are to reproduce the text later, they follow those lines with their eyes and say the text. But I assume that their record is not writing; it is not connected to the words of the text by rules; and yet they cannot reproduce the text without this record; and if something is changed in it, or if it is partially destroyed, they get stuck in ‘reading’, or speak the text uncertainly, or unreliably, or cannot find the words at all. – But that could be conceived! – What I called the ‘record’ would then not be a reproduction of the text, not a translation into another symbolism. The text would not be laid down in the record. And why should it be laid down in our nervous system?

§RPP I

404[2]

1576 Warum soll nicht ein Naturgesetz einen Anfangs- und einen Endzustand eines Systems verbinden, den Zustand zwischen beiden aber übergehen? (Nur denke man nicht an Wirkung!)

1576 Why shouldn’t a law of nature connect the initial and final states of a system, while allowing the state in between to pass by? (But let us not think of effect!)

§RPP I

404[3]

1577 Was man eine Änderung im Denken nennt, ist natürlich nicht nur eine Änderung im Reden, sondern auch eine im Tun.

1577 What one calls a change in thinking is, of course, not only a change in speaking, but also a change in doing.

§RPP I

404[4]

1578 Die Terminologie sieht man, die Technik ihrer Anwendung sieht man nicht.

1578 One sees the terminology, but not the technique of its application.

§RPP I

404[5]

1579 Man sagt “Er scheint furchtbare Schmerzen zu haben”, auch wenn man keinerlei Zweifel hat, daß der Schein nicht trügt. Warum sagt man nun nicht “Ich scheine furchtbare Schmerzen zu haben”, denn dies müßte zu mindestens auch Sinn haben? Bei einer Theaterprobe könnte ich das sagen; und ebenso “Ich scheine die Absicht zu haben ‥‥”, etc. etc. Jeder wird sagen: “Natürlich sage ich das nicht; weil ich weiß, ob ich Schmerzen habe.” Es interessiert mich für gewöhnlich nicht, ob ich Schmerzen zu haben scheine; denn die Schlüsse, die ich aus diesem Eindruck beim Andern ziehe, ziehe ich für mich selbst nicht. Ich sage nicht: “Ich stöhne furchtbar, ich muß zum Arzt gehen”; wohl aber “Er stöhnt furchtbar, er muß ‥‥”.

1579 One says “He seems to be in terrible pain,” even if one has no doubt that the appearance is not deceptive. Why doesn’t one say “I seem to be in terrible pain,” because this, at least, ought to make sense? I could say that during a rehearsal; and also “I seem to have the intention to ‥‥,” etc. Everyone will say: “Of course, I don’t say that, because I know whether I am in pain.” It usually doesn’t interest me whether I seem to be in pain; because the conclusions that I draw from this impression in the other, I do not draw for myself. I don’t say: “I am groaning terribly, I must go to the doctor”; but rather “He is groaning terribly, he must ‥‥”.

§RPP I

404[6] &
405[1]

1580 Wenn dies keinen Sinn hat: “Ich weiß, daß ich Schmerzen habe” – noch dies: “Ich fühle meine Schmerzen”, – dann hat es auch keinen Sinn zu sagen: “Ich kümmere mich nicht um mein eigenes Stöhnen, weil ich weiß, daß ich Schmerzen habe” – oder “weil ich meine Schmerzen fühle.” Wohl aber ist es wahr: “Ich kümmere mich nicht um mein Stöhnen.”

1580 If this makes no sense: “I know that I am in pain” – or this: “I feel my pain” – then it also makes no sense to say: “I don’t care about my own groaning, because I know that I am in pain” – or “because I feel my pain.” But it is true: “I don’t care about my groaning.”

§RPP I

405[2]

1581 Ich schließe aus der Beobachtung seines Benehmens, daß er zum Arzt muß; aber ich ziehe diesen Schluß für mich nicht aus der Beobachtung meines Benehmens. Oder viel mehr: ich tue auch dies manchmal, aber nicht in analogen Fällen.

1581 I conclude from the observation of his behaviour that he must go to the doctor; but I do not draw this conclusion for myself from the observation of my own behaviour. Or rather: I do sometimes do this, but not in analogous cases.

§RPP I

405[3]

1582 Es hilft hier, wenn man bedenkt, daß es ein primitives Verhalten ist, die schmerzende Stelle des Andern zu pflegen, zu behandeln, und nicht nur die eigene – also auf des Andern Schmerzbenehmen zu achten, wie auch, auf das eigene Schmerzbenehmen nicht zu achten.

1582 It helps here if one considers that it is a primitive behaviour to care for the painful spot of the other, to treat it, and not only one’s own – i.e. to pay attention to the other’s pain-behaviour, as well as not to pay attention to one’s own pain-behaviour.

§RPP I

405[4]

1583 Was aber will hier das Wort “primitiv” sagen? Doch wohl, daß die Verhaltungsweise vorsprachlich ist: daß ein Sprachspiel auf ihr beruht, daß sie das Prototyp einer Denkweise ist und nicht das Ergebnis des Denkens.

1583 But what does the word “primitive” mean here? Well, that the way of behaving is pre-linguistic: that a language-game is based on it, that it is the prototype of a way of thinking and not the result of thinking.

§RPP I

405[5]

1584 “Falsch aufgezäumt” kann man von einer Erklärung sagen, wie dieser: wir pflegten den Andern, weil wir nach Analogie des eigenen Falles glaubten, auch er habe ein Schmerzerlebnis. – Statt zu sagen: Lerne also aus diesem besondern Kapitel unseres Betragens – aus diesem Sprachspiel – welche Funktion in ihm “Analogie” und “Glauben” haben.

1584 One can say that an explanation is “incorrectly harnessed” in the following way: we cared for the other because, by analogy with our own case, we believed that he also had a painful experience. – Instead of saying: Learn from this particular chapter of our conduct – from this language-game – what function “analogy” and “belief” have in it.

§RPP I

405[6] &
406[1]

1585 “Wie kommt es, daß ich den Baum aufrecht sehe, auch wenn ich meinen Kopf zur Seite neige, und also das Netzhautbild das eines schiefstehenden Baums ist?” Wie kommt es also, daß ich den Baum auch unter diesen Umständen als einen aufrechten anspreche? – “Nun, ich bin mir der Neigung meines Kopfes bewußt, und bringe also die nötige Korrektur an der Auffassung meiner Gesichtseindrücke an.” – Aber heißt das nicht, Primäres mit Sekundärem verwechseln? Denk Dir, wir wüßten gar nichts von der innern Beschaffenheit des Auges, – würde dies Problem überhaupt auftauchen? Wir bringen ja hier, in Wahrheit keine Korrekturen an, dies ist ja bloß eine Erklärung. Wohl – – aber da nun die Struktur des Auges einmal bekannt ist, – wie kommt es, daß wir so handeln, so reagieren? Aber muß es hier ein physiologische Erklärung geben? Wie, wenn wir sie auf sich beruhen lassen würden? – Aber so würdest Du doch nicht sprechen, wenn Du das Verhalten einer Maschine prüftest! – Nun, wer sagt, daß in diesem Sinne das Lebewesen, der tierische Leib, eine Maschine ist? –

1585 “How is it that I see the tree upright, even when I tilt my head to the side, and thus the image on my retina is of a slanted tree?” How is it, then, that I still call the tree upright under these circumstances? – “Well, I am conscious of the tilt of my head, and therefore make the necessary correction to my perception of my visual impressions.” – But doesn’t this mean confusing the primary with the secondary? Imagine that we knew absolutely nothing about the internal structure of the eye – would this problem even arise? We are not actually making any corrections here; this is merely an explanation. Indeed – but now that the structure of the eye is known, – how is it that we act this way, that we react this way? But must there be a physiological explanation here? How, if we were to rely on it? – But that is not how you would speak if you were testing the behaviour of a machine! – Well, who says that in this sense the living being, the animal body, is a machine? –

§RPP I

406[2]

1586 Man kann eine Veränderung eines Gesichts merken und mit den Worten beschreiben, das Gesicht habe einen härteren Ausdruck angenommen, – und doch nicht im Stande sein, die Änderung mit räumlichen Begriffen zu beschreiben. Dies ist ungeheuer wichtig. – Vielleicht sagt nun jemand: wer das tut, beschreibe eben nicht die Veränderung des Gesichts, sondern nur der Wirkung auf ihn selbst; aber warum sollte dann eine Beschreibung durch Form- und Farbbegriffe nicht auch dies sein?

1586 One can notice a change in a face and describe it in words, saying that the face has taken on a harder expression, – and yet be unable to describe the change in spatial terms. This is immensely important. – Perhaps someone will say: when one does this, one is not describing the change in the face, but only the effect on oneself; but why shouldn't a description in terms of shape and color also be this?

§RPP I

406[3]

1587 Man kann auch sagen “Er machte dieses Gesicht”, oder “Sein Gesicht veränderte sich so”, indem man's nachmacht, – und ist wieder nicht im Stande, die Veränderung anders zu beschreiben. ((Es gibt eben viel mehr Sprachspiele, als Carnap und Andere sich träumen lassen.))

1587 One can also say “He made that face” or “His face changed like this,” by imitating it – and still be unable to describe the change in any other way. ((There are, after all, far more language-games than Carnap and others can imagine.))

§RPP I

406[4]

1588 Das Bewußtsein, daß ‥‥, kann mich in der Arbeit stören; das Wissen nicht.

1588 Being conscious that ‥‥ can disturb me in my work; knowing does not.

§RPP I

406[5]

1589 Wie weiß ich, daß ein Hund etwas dauernd hört, dauernd einen Gesichtseindruck empfängt, Freude, Furcht, Schmerz empfindet? Was weiß ich von den ‘Erlebnisinhalten’ eines Hundes?

1589 How do I know that a dog hears something constantly, constantly receives visual impressions, experiences joy, fear, pain? What do I know about the ‘content of experience’ of a dog?

§RPP I

407[1]

1590 Sind die Farben wirklich Geschwister? Sind sie nur der Farbe nach verschieden, nicht auch der Art nach? Sind Gesicht, Gehör, Geschmack wirklich Geschwister? Suche nicht nur nach Ähnlichkeiten um einen Begriff zu rechtfertigen, sondern auch nach Zusammenhängen. Der Vater überträgt seinen Namen auf den Sohn, auch wenn dieser ihm ganz unähnlich ist.

1590 Are colors really siblings? Are they only different in color, and not also in kind? Are sight, hearing, and taste really siblings? Don't just look for similarities in order to justify a concept, but also for connections. The father passes on his name to his son, even if the latter is very different from him.

§RPP I

407[2]

1591 Vergleiche einen furchtbaren Schreck und einen plötzlichen heftigen Schmerz. Es ist die Schmerzempfindung, die furchtbar ist, – aber ist es die Schreckempfindung? Wenn jemand in meiner Gegenwart hinstürzt, – ist das nur die Ursache einer höchst unangenehmen augenblicklichen Empfindung in mir? Und wie läßt sich diese Frage beantworten? Klagt der, der den schrecklichen Vorfall berichtet, über die Empfindungen, das Stocken des Atems, etc.? Wenn man Einem über den Schreck hinweghelfen will, – behandelt man den Körper? Beruhigt man den Erschrockenen nicht viel mehr über das Ereignis, die Veranlassung?

1591 Compare a terrible fright and a sudden, sharp pain. It is the sensation of pain that is terrible – but is it the sensation of fright? If someone collapses in my presence – is that just the cause of a highly unpleasant momentary sensation in me? And how can this question be answered? Does the person who reports the terrible event complain about the sensations, the stopping of breath, etc.? If one wants to help someone get over the fright – does one treat the body? Isn’t one more likely to calm the frightened person by talking about the event, the cause?

§RPP I

407[3]

1592 Wer im Studierzimmer sich die Trauer vormacht, der wird sich allerdings leicht der Spannungen in seinem Gesicht bewußt werden. Aber trauere wirklich, oder folge einer traurigen Handlung im Film, und frag Dich, ob Du Dir Deines Gesichts bewußt warst.

1592 Someone who pretends to be sad in his study will certainly easily become conscious of the tensions in his face. But really grieve, or follow a sad scene in a film, and ask yourself whether you were conscious of your face.

§RPP I

407[4]

1593 Ein Zusammenhang zwischen den Stimmungen in Sinneseindrücken ist, daß wir die Stimmungsbegriffe zur Beschreibung von Sinneseindrücken und Vorstellungen benützen. Wir sagen von einem Thema, einer Landschaft, sie seien traurig, fröhlich, etc. Aber viel wichtiger ist es natürlich, daß wir das menschliche Gesicht, die Handlung, das Benehmen, durch alle Stimmungsbegriffe beschreiben.

1593 A connection between the moods in sensory impressions is that we use mood terms to describe sensory impressions and images. We say that a theme, a landscape, is sad, cheerful, etc. But much more important is, of course, that we describe the human face, the action, the behaviour, through all the mood terms.

§RPP I

407[5] &
408[1]

1594 Das Bewußtsein in der Andern Gesicht. Schau ins Gesicht des Andern und sieh das Bewußtsein in ihm und einen bestimmten Bewußtseinston. Du siehst auf ihm, in ihm, Freude, Gleichgültigkeit, Interesse, Rührung, Dumpfheit, usf. Das Licht im Gesicht des Andern. Schaust Du in Dich, um den Grimm in seinem Gesicht zu erkennen? Er ist dort so deutlich, wie in Deiner eigenen Brust. (Und was will man nun sagen? Daß das Gesicht des Andern mich zur Nachahmung anregt, und daß ich also kleine Bewegungen und Muskelspannungen im eigenen empfinde, und die Summe dieser meine? Unsinn. Unsinn, – denn Du machst Annahmen, statt bloß zu beschreiben. Wem hier Erklärungen im Kopfe spuken, der vernachlässigt es, sich auf die wichtigsten Tatsachen zu besinnen.)

1594 Consciousness in the other face. Look at the face of the other and see the consciousness in it and a certain tone of consciousness. You see in it, in him, joy, indifference, interest, emotion, dullness, etc. The light in the face of the other. Do you look in yourself to recognize the anger in his face? It is there just as clearly as in your own breast. (And what does one want to say now? That the face of the other stimulates me to imitate, & that I therefore feel small movements & muscle tensions in myself, & that the sum of these is mine? Nonsense. Nonsense, – for you are making assumptions instead of merely describing. Whoever has explanations swirling around in his head neglects to focus on the most important facts.)

§RPP I

408[2]

1595 Das Wissen, die Meinung haben keinen Gesichtsausdruck. Es gibt wohl einen Ton, eine Gebärde der Überzeugung, aber nur, wenn etwas in diesem Ton, mit dieser Gebärde, gesagt wird.

1595 Knowledge and having an opinion do not have a facial expression. There is probably a tone, a gesture of conviction, but only if something is said in this tone, with this gesture.

§RPP I

408[3]

1596 “Das Bewußtsein ist so deutlich in seinem Gesicht und Benehmen, wie in mir selbst.”

1596 “Consciousness is so clearly present in their face and behaviour, as it is in myself.”

§RPP I

408[4]

1597 Was hieße es, mich darin irren, daß er eine Seele, Bewußtsein, habe? und was hieße es, daß ich mich irre und selbst keines habe? Was hieße es, zu sagen “Ich bin nicht bei Bewußtsein.” – – Aber weiß ich nicht doch, daß Bewußtsein in mir ist? – So weiß ich's also, und doch hat die Aussage, es sei so, keinen Zweck? Und wie merkwürdig, daß man lernen kann, sich in dieser Sache mit andern Leuten zu verständigen!

1597 What would it mean to be mistaken in the fact that they have a mind, consciousness? and what would it mean that I am mistaken and have none myself? What would it mean to say “I am not conscious.” – – But don't I still know that consciousness is in me? – So I know it, and yet the statement that it is so has no purpose? And how remarkable that one can learn to communicate about this matter with other people!

§RPP I

408[5]

1598 Einer kann sich bewußtlos stellen; aber auch bewußt?

1598 One can pretend to be unconscious; but also conscious?

§RPP I

408[6] &
409[1]

1599 Wie wäre es, wenn mir jemand allen Ernstes sagte, er wisse wirklich nicht, ob er träume oder wache? – Kann es diese Situation geben: Einer sagt “Ich glaube, ich träume jetzt”; wirklich wacht er bald danach auf, erinnert sich an jene Äußerung im Traum und sagt “So hatte ich wirklich recht!” – – Diese Erzählung kann doch nur heißen: Einer habe geträumt, er hätte gesagt, er träume. Denke, ein Bewußtloser sagte (etwa in der Narkose) “Ich bin im Bewußtsein” – würden wir sagen “Er muß es wissen”? Und wenn Einer im Schlaf spräche “Ich schlafe”, – würden wir sagen “Er hat ganz recht”? Spricht Einer die Unwahrheit, der mir sagt: “Ich bin nicht bei Bewußtsein”? (Und die Wahrheit, wenn er's bewußtlos sagt? Und wie, wenn ein Papagei sagte “Ich verstehe kein Wort”, oder ein Grammophon “Ich bin bloß eine Maschine”?)

1599 What if someone seriously told me that they really don't know whether they are dreaming or awake? – Can this situation exist: someone says “I think I am dreaming now”; they soon wake up afterwards, remember that utterance in the dream, and say “So I was really right!” – – This narrative can only mean: someone dreamed that they said they were dreaming. Imagine, someone unconscious says (perhaps during anesthesia) “I am in consciousness” – would we say “They must know”? And if someone speaks in their sleep, saying “I am sleeping” – would we say “They are quite right”? Does someone tell an untruth when they say to me: “I am not conscious”? (And what about the truth, if they say it while unconscious? And what if a parrot said “I don't understand a word” or a gramophone said “I am just a machine”?)

§RPP I

409[2]

1600 Denke, in einem Tagtraum ließe ich mich sprechen “Ich phantasiere bloß”, wäre das wahr? Denke, ich schreibe so eine Phantasie, oder Erzählung, einen phantasierten Dialog, und in ihm sage ich “Ich phantasiere” – – aber, wenn ich es aufschreibe, – wie zeigt sich's daß diese Worte Worte der Phantasie sind und daß ich nicht aus der Phantasie herausgetreten bin? Wäre es nicht wirklich möglich, daß der Träumende, sozusagen aus dem Traum heraustretend, im Schlaf spräche “Ich träume”? Es wäre wohl denkbar, daß so ein Sprachspiel existierte. Dies hängt mit dem Problem des ‘Meinens’ zusammen. Denn ich kann im Dialog schreiben “Ich bin gesund” und es nicht meinen, obwohl es wahr ist. Die Worte gehören zu diesem und nicht zu jenem Sprachspiel.

1600 Imagine, in a daydream, I have myself say “I am just fantasizing”; would that be true? Imagine, I write such a fantasy, or narrative, a fantasized dialogue, and in it I say “I am fantasizing” – – but when I write it down, – how does it show that these words are words of fantasy and that I have not stepped out of the fantasy? Wouldn't it really be possible that the dreamer, as it were, stepping out of the dream, speaks in their sleep, saying “I am dreaming”? It would probably be conceivable that such a language-game existed. This is connected with the problem of ‘meaning’. Because in a dialogue, I can write “I am healthy” and not mean it, even though it is true. The words belong to this language-game and not to that one.

§RPP I

409[3]

1601 ‘Wahr’ und ‘Falsch’ im Traum. Ich träume, daß es regnet und daß ich sage “Es regnet” – – anderseits: Ich träume, daß ich sage “Ich träume”.

1601 ‘True’ and ‘False’ in a dream. I dream that it is raining and that I say “It is raining” – – on the other hand: I dream that I say “I am dreaming”.

§RPP I

409[4]

1602 Hat das Verbum “träumen” eine Gegenwartsform? Wie lernt diese der Mensch gebrauchen?

1602 Does the verb “to dream” have a present tense? How does one learn to use this?

§RPP I

409[5]

1603 Ein Sprachspiel analog einem Fragment eines andern. Ein Raum in begrenzte Stücke eines Raums projiziert.

1603 A language-game analogous to a fragment of another. A space projected into limited pieces of a space.

§RPP I

409[6] &
410[1]

1604 Angenommen, ich hätte eine Erfahrung, ähnlich einem Erwachen, befände mich dann in einer ganz andern Umgebung, mit Leuten, die mir versichern, ich habe geschlafen. Angenommen ferner, ich bliebe dabei, ich habe nicht geträumt, sondern auf irgendeine Weise außer meinem schlafenden Körper gelebt. Welche Funktion hat diese Behauptung?

1604 Suppose I had an experience, similar to waking up, and found myself in a completely different environment, with people assuring me that I had been asleep. Suppose further that I insist that I did not dream, but in some way lived outside my sleeping body. What is the function of this assertion?

§RPP I

410[2]

1605 “‘Ich habe Bewußtsein’, das ist eine Aussage, an der kein Zweifel möglich ist.” Warum soll das nicht das Gleiche sagen wie dies: “‘Ich habe Bewußtsein’ ist kein Satz”? Man könnte auch so sagen: Was schadet es, daß Einer sagt, “Ich habe Bewußtsein” sei eine Aussage, die keinen Zweifel zulasse? Wie komme ich mit ihm in Widerspruch? Nimm an, jemand sagte mir dies, – warum soll ich mich nicht gewöhnen, ihm nichts darauf zu antworten, statt etwa einen Streit anzufangen? Warum soll ich seine Worte nicht behandeln, wie sein Pfeifen oder Summen?

1605 “‘I am conscious,’ this is a statement for which no doubt is possible.” Why shouldn’t this say the same thing as this: “‘I am conscious’ is not a sentence”? One could also say: What is the harm in someone saying that “I am conscious” is a statement that allows no doubt? How do I contradict him? Suppose someone said this to me – why shouldn’t I get used to not answering him, instead of perhaps starting an argument? Why shouldn’t I treat his words as I would his whistling or humming?

§RPP I

410[3]

1606 “Nichts ist so gewiß, wie, daß mir Bewußtsein eignet.” Warum soll ich es dann nicht auf sich beruhen lassen? Diese Gewißheit wie eine große Kraft, deren Angriffspunkt sich nicht bewegt, die also keine Arbeit leistet.

1606 “Nothing is as certain as that I am conscious.” Why then shouldn’t I just leave it at that? This certainty, like a great force whose point of application does not move, which therefore does no work.

§RPP I

410[4]

1607 Einer wirft im Würfelspiel etwa 5, dann 4 und sagt “Hätte ich bloß statt der 5 eine 4 geworfen, so hätte ich gewonnen”! Die Bedingtheit ist nicht physikalisch, sondern nur mathematisch, denn man könnte antworten: “Hättest Du zu erst 4 geworfen, – wer weiß, was Du danach geworfen hättest!”

1607 In a game of dice, someone rolls a 5, then a 4, and says “If only I had rolled a 4 instead of the 5, I would have won!” The condition is not physical, but only mathematical, for one could reply: “If you had rolled a 4 first, who knows what you would have rolled afterward!”

§RPP I

410[5]

1608 Sagst Du nun “Die Verwendung des Konjunktivs beruht auf dem Glauben an ein Naturgesetz” – so kann man entgegnen: “Sie beruht nicht auf diesem Glauben; sie und dieser Glaube stehen auf gleicher Stufe.”

1608 If you now say “The use of the subjunctive is based on the belief in a law of nature” – then one can reply: “It is not based on this belief; it and this belief are on the same level.”

§RPP I

410[6]

1609 Das Schicksal steht im Gegensatz zum Naturgesetz. Das Naturgesetz will man ergründen, und verwenden, das Schicksal nicht.

1609 Fate is in contrast to the law of nature. One wants to understand the law of nature and use it; one does not want to understand fate.

§RPP I

411[1]

1610 Der Begriff des ‘Fragments’. Es ist nicht leicht, die Verwendung dieses Worts auch nur beiläufig zu beschreiben.

1610 The concept of the ‘fragment’. It is not easy to describe the use of this word, even in a casual way.

§RPP I

411[2]

1611 Wenn wir den Gebrauch eines Wortes beschreiben wollen, – ist es nicht ähnlich, wie wenn man ein Gesicht porträtieren will? Ich sehe es deutlich; der Ausdruck dieser Züge ist mir wohl bekannt; und sollte ich's malen, ich wüßte nicht, wo anfangen. Und mache ich wirklich ein Bild, so ist es gänzlich unzulänglich.– Hätte ich eine Beschreibung vor mir, ich würde sie erkennen; vielleicht auch Fehler in ihr merken. Aber, daß ich das kann, sagt nicht, daß ich die Beschreibung selber hätte geben können.

1611 If we want to describe the use of a word, is it not similar to wanting to paint a portrait of a face? I see it clearly; the expression of these features is well known to me; and if I were to paint it, I would not know where to begin. And if I actually make a picture, it is completely inadequate. If I had a description in front of me, I would recognize it; I might also notice errors in it. But the fact that I can do that does not mean that I could have given the description myself.

§RPP I

411[3]

1612 Zwei Gegenstände ‘gehören zusammen’. Man lehrt ein Kind, Dinge ‘ordnen’, man begleitet die Tätigkeit mit den Worten “Diese gehören zusammen”. Das Kind lernt diesen Ausdruck auch. Es könnte die Dinge auch mit Hilfe dieser Worte und gewisser Gebärden ordnen. Die Worte können aber auch bloße Begleitung des Tuns sein. Ein Sprachspiel. Denk Dir ein solches Spiel ohne Worte, aber mit der Begleitung einer zu den Handlungen passenden Musik gespielt

1612 Two objects ‘belong together’. One teaches a child to ‘arrange’ things, and accompanies the activity with the words “These belong together”. The child also learns this expression. The child could also arrange the things with the help of these words and certain gestures. But the words can also be merely an accompaniment to the action. A language-game. Imagine such a game without words, but with the accompaniment of music that is appropriate to the actions.

§RPP I

411[4]

1613 “Leg es hier hin” – wobei ich mit dem Finger den Platz bezeichne – – dies ist eine absolute Ortsangabe. Und, wer sagt, der Raum sei absolut, möchte als Argument dafür sagen: “Es gibt doch einen Ort: Hier.”

1613 “Put it here” – indicating the place with my finger – this is an absolute indication of location. And, whoever says that the space is absolute would like to say as an argument for this: “There is indeed a place: here.”

§RPP I

411[5]

1614 Das ‘Erleben der Ähnlichkeit’. Denke an das Sprachspiel: “Ähnlichkeiten erkennen”, oder “Ähnlichkeiten angeben”, oder “Dinge nach ihrer Ähnlichkeit ordnen”. Wo ist hier das besondere Erlebnis? der besondere Erlebnisinhalt, nach dem man fahndet?

1614 ‘Experiencing similarity’. Think of the language-game: “Recognizing similarities,” or “Indicating similarities,” or “Arranging things according to their similarities.” Where is the special experience here? The special content of the experience that one is looking for?

§RPP I

412[1]

1615 Die Dauer der Empfindung. Vergleiche die Dauer einer Tonempfindung mit der Dauer der Tastempfindung, die Dich lehrt, daß Du eine Kugel in der Hand hältst; und mit dem “Gefühl” das Dich lehrt, daß Deine Knie gebogen sind. Und hier haben wir wieder einen Grund, warum wir von der Empfindung der Positur sagen möchten, sie habe keinen Inhalt.

1615 The duration of sensation. Compare the duration of a tonal sensation with the duration of the tactile sensation that teaches you that you are holding a ball in your hand; and with the “feeling” that teaches you that your knees are bent. And here we have another reason why we might say that the sensation of posture has no content.

§RPP I

412[2]

1616 Philosophische Untersuchungen: begriffliche Untersuchungen. Das Wesentliche der Metaphysik: daß ihr der Unterschied zwischen sachlichen und begrifflichen Untersuchungen nicht klar ist. Die metaphysische Frage immer dem Anscheine nach eine sachliche, obschon das Problem ein Begriffliches ist.

1616 Philosophical Investigations: conceptual investigations. The essence of metaphysics: that it does not have a clear distinction between factual and conceptual investigations. The metaphysical question is always, in appearance, a factual one, even though the problem is a conceptual one.

§RPP I

412[3]

1617 Was aber tut eine begriffliche Untersuchung? Ist sie eine der Naturgeschichte der menschlichen Begriffe? – Nun, Naturgeschichte beschreibt, sagen wir, Pflanzen und Tiere. Aber könnte es nicht sein, daß Pflanzen in allen Einzelheiten beschrieben worden wären, und nun erst jemand daherkäme, der Analogien in ihrem Baue sieht, die man früher nicht gesehen hatte? Daß er also eine neue Ordnung in diesen Beschreibungen herstellt. Er sagt z.B.: “Vergleiche nicht diesen Teil mit diesem; sondern vielmehr mit jenem!” (Goethe wollte so etwas tun.) und dabei spricht er nicht notwendigerweise von Abstammung; dennoch aber könnte die neue Anordnung auch der wissenschaftlichen Untersuchung eine neue Richtung geben. Er sagt “Sieh es so an!” – und das kann nun verschiedenerlei Vorteile und Folgen haben.

1617 What does a conceptual investigation do? Is it one of the natural histories of human concepts? Well, natural history describes, say, plants and animals. But could it not be that plants have been described in every detail, and now someone comes along who sees analogies in their structure that one had not seen before? That he thus creates a new order in these descriptions. He says, for example: “Do not compare this part with this; but rather with that!” (Goethe wanted to do something like this.) And in doing so, he does not necessarily speak of descent; nevertheless, the new arrangement could also give scientific investigation a new direction. He says “Look at it this way!” – and this can have various advantages and consequences.

§RPP I

412[4]

1618 Warum zählen wir? Hat es sich als praktisch erwiesen? Haben wir unsere Begriffe, z.B. die psychologischen, weil es vorteilhaft ist? – Und doch haben wir gewisse Begriffe eben deswegen, haben sie deswegen eingeführt.

1618 Why do we count? Has it proven practical? Do we have our concepts, e.g., the psychological ones, because it is advantageous? – And yet we have certain concepts precisely for this reason, we have introduced them for this reason.

§RPP I

413[1]

1619 Man sollte nicht glauben, es sei eine Vereinfachung, das Sehen mit einem Auge in Betracht zu ziehen, statt des Sehens mit beiden Augen; wenn man nämlich darüber klar ist, daß man das Sehen nicht in den Augen spürt. Die Idee des visuellen Gegenstands ist viel schwerer für das zweiäugige Sehen durchzuführen. Denn was ist das zweiäugige ‘Gesichtsbild’? ‘Das Portrait dessen, was man wirklich sieht’ ‘des visuellen Eindrucks selbst’.

1619 One should not think that it is a simplification to consider seeing with one eye instead of seeing with both eyes; if one is clear that one does not feel seeing in the eyes. The idea of the visual object is much more difficult to carry out for two-eyed seeing. Because what is the two-eyed ‘visual image’? ‘The portrait of what one really sees’ ‘the visual impression itself’.

§RPP I

413[2]

1620 Es kommt einem vor: Wenn ich nur die rechten Farben und Dinge zur Verfügung hätte, könnte ich genau darstellen, was ich sehe. Und so ist es ja bis zu einem Punkt wirklich. Und jener Bericht dessen, was ich vor mir habe, und die Beschreibung dessen, was ich sehe, haben die gleiche Form. – Aber sie lassen z.B. ganz das Wandern des Blicks aus. Aber auch z.B. das Lesen einer Schrift im Gesichtsfeld und jedem Aspekt des Gesehenen.

1620 It seems to one: if I only had the right colors and things at my disposal, I could exactly represent what I see. And in a way, this is true to a certain extent. And that report of what I have in front of me, and the description of what I see, have the same form. – But they leave out, for example, the wandering of the gaze. But also, for example, the reading of a script in the field of vision and every aspect of what is seen.

§RPP I

413[3]

1621 Ist nun, was Du anschaust, eine große Tafel, oder ebene Wand mit einer Figur darauf, so wird als eine genaue Beschreibung ein Bild dieser Figur gelten können. Ist die Figur z.B. F, was kann man mehr wollen, als daß sie genau abgezeichnet wird; und doch gibt es noch eine ganz andere Beschreibung, die in dem Abzeichnen nicht steckt. So auch, wenn die Figur ein Gesicht ist.

1621 If what you are looking at is a large panel, or a flat wall with a figure on it, then a picture of this figure can be considered an accurate description. If the figure is, for example, F, what more can one want than that it be accurately drawn; and yet there is still a quite different description that is not contained in the drawing. So also, if the figure is a face.

§RPP I

413[4]

1622 Was in einem Sinne eine geringe Ungenauigkeit der Beschreibung ist, ist in einem andern Sinne eine große.

1622 What is, in one sense, a slight inaccuracy in the description, is, in another sense, a large one.

§RPP I

413[5]

1623 Aktiv und Passiv. Kann man es befehlen, oder nicht? Dies scheint vielleicht eine weithergeholte Unterscheidung, ist es aber nicht. Es ist ähnlich wie: “Kann man sich (logische Möglichkeit) dazu entschließen, oder nicht?” – Und das heißt: Wie ist es von Gedanken, Gefühlen, etc. umgeben?

1623 Active and passive. Can one command it, or not? This may seem like a far-fetched distinction, but it is not. It is similar to: “Can one (logical possibility) decide to do it, or not?” – And that means: how is it surrounded by thoughts, feelings, etc.?

§RPP I

413[6] &
414[1]

1624 Wie würde eine Gesellschaft von lauter tauben Menschen aussehen? Wie, eine Gesellschaft von ‘Geistesschwachen’? Wichtige Frage! Wie, also, eine Gesellschaft, die viele unserer gewöhnlichen Sprachspiele nie spielte?

1624 What would a society of all deaf people look like? What, a society of ‘feebleminded’ people? Important question! How, then, is a society that has never played many of our usual language-games?

§RPP I

414[2]

1625 Sich einer Gleichheit von Farben in einem Bild bewußt sein, oder dessen, daß diese Farbe dunkler ist als jene. Bin ich mir beim Hören dieses Stücks die ganze Zeit bewußt, daß es von ‥‥ ist? Wann ist man sich einer Tatsache bewußt?

1625 To be conscious of a sameness of colors in a picture, or that this color is darker than that one. Am I conscious all the time, while listening to this piece, that it is by ‥‥? When is one conscious of a fact consciously?

§RPP I

414[3]

1626 Liebe ist kein Gefühl. Liebe wird erprobt, Schmerzen nicht.

1626 Love is not a feeling. Love is tested, pain is not.

§RPP I

414[4]

1627 Ich sehe etwas in verschiedenen Zusammenhängen. (Ist dies dem Vorstellen nicht verwandter als dem Sehen?)

1627 I see something in various contexts. (Is this more related to imagining than to seeing?)

§RPP I

414[5]

1628 Es ist, als hätte man an das Gesehene einen Begriff herangebracht, den man nun mitsieht. Der zwar selbst kaum sichtbar ist, aber doch einen ordnenden Schleier über die Gegenstände breitet.

1628 It is as if one had applied a concept to what one sees, and now sees it along with that concept. This concept, which is hardly visible in itself, nevertheless spreads an ordering veil over the objects.

§RPP I

414[6]

1629 “Was siehst Du?” (Sprachspiel) – – “Was siehst Du wirklich?”

1629 “What do you see?” (language-game) – – “What do you really see?”

§RPP I

414[7]

1630 Stellen wir uns das Sehen rätselhaft vor! ohne jederlei physiologische Erklärung. –

1630 Let us imagine seeing as something mysterious, without any physiological explanation.

§RPP I

414[8]

1631 Auf die Frage “Was siehst Du?” kommen verschiedenerlei Beschreibungen zur Antwort. – Wenn Einer nun sagt: “Ich sehe doch den Aspekt, die Organisation, ebenso gut wie Formen und Farben” – was soll es heißen? Daß man das alles zum ‘Sehen’ rechnet? oder, daß hier doch die größte Ähnlichkeit besteht? – Und was kann ich dazu sagen? Ich kann Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten aufzeigen.

1631 To the question “What do you see?”, various descriptions are given as answers. – If someone now says: “I see the aspect, the organization, just as well as the shapes and colors” – what is meant by this? That one includes all of this in ‘seeing’? or that there is a great similarity here? – And what can I say about that? I can point out similarities and dissimilarities.

§RPP I

414[9] &
415[1]

1632 Könnte man es nicht für Wahnsinn halten, wenn ein Mensch eine Zeichnung als Portrait des N.N. erkennt und ausruft “Das ist Herr N.N.!” – “Er muß verrückt sein”, sagt man von ihm, “Er sieht ein Stück Papier mit schwarzen Strichen darauf und hält das für einen Menschen!”

1632 Could one not consider it madness if a person recognizes a drawing as a portrait of N.N. and exclaims, “That is Mr. N.N.!” – “He must be crazy,” one says of him, “He sees a piece of paper with black lines on it and thinks it is a person!”

§RPP I

415[2]

1633 Das ‘Sehen der Figur als ‥‥’ hat etwas Okkultes, etwas Unbegreifliches. Man möchte sagen: “Es hat sich etwas geändert und es hat sich nichts geändert.” – – Aber versuche es nicht zu erklären! Betrachte lieber das übrige Sehen auch als okkult.

1633 ‘Seeing the figure as ‥‥’ has something occult, something incomprehensible about it. One would like to say: “Something has changed and nothing has changed.” – – But do not try to explain it! Rather, consider the rest of seeing as occult as well.

§RPP I

415[3]

1634 Der Ausdruck jener Erfahrung ist und bleibt: “Ich sehe es als Berg”, “Ich sehe es als Keil”, “Ich sehe es mit dieser Basis und dieser Spitze, aber umgefallen”, etc. Und die Wörter “Berg”, “Keil”, “Basis”, “umgefallen”, sind ja auch nur Striche, oder Laute – mit einer Verwendung.

1634 The expression of that experience is and remains: “I see it as a mountain,” “I see it as a wedge,” “I see it with this base and this point, but overturned,” etc. And the words “mountain,” “wedge,” “base,” “overturned” are also just strokes or sounds – with a use.

§RPP I

415[4]

1635 Denk an eine Darstellung eines Gesichts von vorn und im Profil zugleich wie in manchen modernen Bildern. Eine Darstellung in die eine Bewegung, eine Änderung, ein Schweifen des Blicks miteinbezogen ist. Stellt so ein Bild das, was man sieht, nicht eigentlich dar?

1635 Think of a depiction of a face from the front and in profile at the same time, as in some modern pictures. A depiction in which a movement, a change, a shifting of the gaze is included. Does such a picture not actually depict what one sees?

§RPP I

415[5]

1636 “Ich verzeihe Dir.” Kann man sagen “Ich bin damit beschäftigt, Dir zu verzeihen”? Nein. Aber das heißt nicht, daß es nicht einen Vorgang gibt, den man auch “verzeihen” nennen könnte – aber nicht so nennt – ich meine, das Austragen des innern Streites der zum Verzeihen führen kann.

1636 “I forgive you.” Can one say “I am busy forgiving you”? No. But that does not mean that there is not a process that one could also call “forgiving” – but does not call it that – I mean, the resolving of the inner conflict that can lead to forgiving.

§RPP I

415[6]

1637 Ich möchte sagen: Es gibt Aspekte, die hauptsächlich von Gedanken und Assoziationen bestimmt sind, und andere, die ‘rein optisch’ sind, und automatisch eintreten und wechseln, beinahe wie Nachbilder.

1637 I would like to say: there are aspects that are mainly determined by thoughts and associations, and others that are ‘purely visual’ and occur automatically and change, almost like afterimages.

§RPP I

415[7]

1638 Das, was Köhler nicht behandelt ist die Tatsache, daß man die Figur 🖵 so oder so ansehen kann, daß der Aspekt, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, dem Willen untersteht.

1638 What Köhler does not address is the fact that one can look at the figure 🖵 one way or another, that the aspect, at least to a certain extent, is subject to the will.

§RPP I

416[1]

1639 Ich kann auf den Verlauf meiner Schmerzen achten; aber nicht ebenso auf den meines Glaubens, oder Wissens.

1639 I can pay attention to the course of my pain; but not in the same way to the course of my belief or knowledge.

§RPP I

416[2]

1640 Das Beobachten der Dauer kann ununterbrochen, oder unterbrochen sein. Wie beobachtest Du Dein Wissen, Deine Meinungen? und andererseits, ein Nachbild, einen Schmerz? Gibt es ein ununterbrochenes Beobachten meiner Fähigkeit, die Multiplikation ‥‥ auszuführen?

1640 The observation of duration can be uninterrupted or interrupted. How do you observe your knowledge, your opinions? and on the other hand, an afterimage, a pain? Is there an uninterrupted observation of my ability to perform the multiplication ‥‥?

§RPP I

416[3]

1641 [→ ))] Das könnte man daraus erklären, daß der Aspekt mit der Augenbewegung zusammenhängt.

1641 [→ ))] One could explain this by saying that the aspect is related to the movement of the eyes.

§RPP I

416[4]

1642 Analogie zum Gegensatz von ‘Wert’ und ‘Grenzwert’ einer Funktion. ((wichtig))

1642 Analogy to the contrast between ‘value’ and ‘limit value’ of a function. ((important))

§RPP I

416[5]

1643 Daß der Aspekt dem Willen untersteht, ist nicht eine, sein Wesen selbst nicht berührende, Tatsache. Denn wie wäre es, wenn wir Dinge willkürlich rot oder grün sehen könnten? Wie würde man dann die Wörter “rot” und “grün” anwenden lernen? Es gäbe dann vor allem nicht einen ‘roten Gegenstand’, höchstens einen, den man leichter rot als grün sieht.

1643 That the aspect is subject to the will is not a fact that does not touch its very essence. For what if we could see things arbitrarily as red or green? How would one then learn to use the words “red” and “green”? There would then be, above all, not a ‘red object,’ at most one that one sees more easily as red than as green.

§RPP I

416[6] &
417[1]

1644 Ist nicht, was Köhler sagt, ungefähr: “Man könnte etwas nicht für das oder das halten, wenn man es nicht als das oder das sehen könnte”? Beginnt ein Kind damit, etwas so oder so zu sehen, ehe es lernt, es für das oder das zu halten? Lernt es zuerst die Frage beantworten “Wie siehst Du das?” und dann erst “Was ist das?” –

1644 Isn't what Köhler says approximately: “One could not consider something to be this or that if one could not see it as this or that”? Does a child begin by seeing something in a certain way before learning to consider it as this or that? Does it first learn to answer the question “How do you see this?” and only then “What is this?” –

§RPP I

417[2]

1645 Kann man sagen, es muß imstande sein, den Sessel visuell als Ganzes aufzufassen, um ihn als Ding erkennen zu können? – Fasse ich jenen Sessel visuell als Ding auf, und welche meiner Reaktionen zeigen das? Welche Reaktionen eines Menschen zeigen, daß er etwas als Ding erkennt, und welche, daß er etwas als ein Ganzes, dinglich, sieht?

1645 Can one say that one must be able to visually grasp the armchair as a whole in order to recognize it as a thing? – Do I visually grasp that armchair as a thing, and which of my reactions show that? Which reactions of a person show that he recognizes something as a thing, and which show that he sees something as a whole, as a thing?

§RPP I

417[3]

1646 Man könnte es sich so vorstellen: Man prüft, in welcher Weise ein Kind ebene Figuren abbildet, wenn man es keine Abbildungsart gelehrt hat, und wenn es räumliche Gegenstände noch nie gesehen hat.

1646 One could imagine it as follows: One examines in what way a child depicts plane figures, if one has not taught it any type of depiction, and if it has never seen spatial objects.

§RPP I

417[4]

1647 Ich lerne beschreiben, was ich sehe; und da lerne ich alle möglichen Sprachspiele. –

1647 I learn to describe what I see; and in doing so, I learn all kinds of language-games. –

§RPP I

417[5]

1648 Nicht “Wie kann ich, was ich sehe, beschreiben?” – sondern: “Was nennt man ‘Beschreibung des Gesehenen’?” Und die Antwort auf diese Frage ist: Sehr Verschiedenes.”

1648 Not “How can I describe what I see?” – but: “What does one call ‘a description of what one sees’?” And the answer to this question is: Very different things.”

§RPP I

417[6] &
418[1]

1649 Köhler sagt, nur sehr wenige Menschen sähen von selbst die Ziffer 4 in der Zeichnung 🖵 und das ist gewiß wahr. Wie unterschiede sich nun ein Mensch von den normalen Menschen, der in seiner Beschreibung ebener Figuren, oder wenn er sie kopiert, darin radikal von der Norm abweicht, daß er beim Kopieren und Beschreiben andere ‘Einheiten’ verwendet? D.h., wie wird sich dieser auch noch in anderen Dingen von den normalen Menschen unterscheiden?

1649 Köhler says that only very few people spontaneously see the figure 4 in the drawing 🖵 and this is certainly true. How does a person differ from normal people, who in his description of plane figures, or when he copies them, deviates radically from the norm in that he uses different ‘units’ when copying and describing? I.e., how will this person also differ from normal people in other things?

§RPP I

418[2]

1650 Ein Mensch könnte hohe zeichnerische Begabung haben, ich meine die Begabung, Gegenstände, ein Zimmer z.B., sehr genau abzuzeichnen, und könnte dabei doch immer wieder kleine Fehler gegen den Sinn machen; so daß man sagen könnte “Er faßt einen Gegenstand nicht als Gegenstand auf”. Er würde z.B. nie einen Fehler machen, wie den des Malers Klecksel, der zwei Augen im Profil malt. Sein Wissen würde ihn verführen.

1650 A person could have a high talent for drawing, I mean the talent to draw objects, a room, for example, very accurately, and could still repeatedly make small errors against the sense; so that one could say “He does not grasp an object as an object.” He would, for example, never make a mistake, such as the painter Klecksel, who paints two eyes in profile. His knowledge would mislead him.

§RPP I

418[3]

1651 Der verführerische Begriff ist: “die vollständige Beschreibung dessen, was man sieht”.

1651 The seductive concept is: “the complete description of what one sees.”

§RPP I

418[4]

1652 Eliminiere Dir immer das private Objekt, indem Du annimmst: Es ändere sich fortwährend; Du merkst es aber nicht, weil Dich Dein Gedächtnis fortwährend täuscht.

1652 Always eliminate the private object by assuming: it changes constantly; but you don't notice it because your memory constantly deceives you.

§RPP I

418[5]

1653 “Wer etwas sieht, sieht irgendetwas Bestimmtes” – aber das heißt eben nichts. Es ist, als wollte man sagen: Wenn auch keine Darstellung dem Gesichtseindruck gleicht, so gleicht er doch sich selber.

1653 “Whoever sees something, sees something specific” – but that doesn't mean anything. It is as if one wanted to say: If no depiction resembles the visual impression, it does resemble itself.

§RPP I

418[6]

1654 Es könnte doch Einer auf die Frage “Was siehst Du hier?” die Figur richtig nachzeichnen, auf die Frage aber “Siehst Du eine 4” mit Nein antworten, obwohl er sie doch selbst beim Nachzeichnen gebildet hat.

1654 It could be that someone, when asked “What do you see here?” correctly redraws the figure, but answers “No” to the question “Do you see a 4”, even though he himself formed it when redrawing.

§RPP I

419[1]

1655 Was teile ich dem mit, dem ich die Mitteilung mache, ich sehe das Ornament jetzt so? (Seltsame Frage.) – Das heißt doch: “In welchem Sprachspiele findet dieser Satz Verwendung?” – “Was fangen wir mit diesem Satz an?”

1655 What do I communicate to the person to whom I make the communication that I now see the ornament like this? (Strange question.) – That is, “In which language-game is this sentence used?” – “What do we do with this sentence?”

§RPP I

419[2]

1656 Nehmen wir an, gewisse Aspekte wären durch die Augenbewegung erklärbar: Dann möchte man sagen, diese wären rein optischer Natur; und es müßte also für sie eine Beschreibung geben, die sich nicht der Analogien aus anderen Gebieten bedienen müßte. Dann müßte man also den Befehl “Sieh dies als ‥‥!” durch den ersetzen können: “Laß den Blick so und so wandern”, oder einen ähnlichen.

1656 Let us assume that certain aspects can be explained by eye movement: Then one would like to say that these are purely optical in nature; and there must therefore be a description of them that does not have to make use of analogies from other fields. Then one must be able to replace the command “See this as ‥‥!” with: “Let the gaze wander so and so,” or something similar.

§RPP I

419[3]

1657 Aber es ist eben nicht wahr, daß eine Erfahrung, die nachweisbar mit der Augenbewegung zusammenhängt, von ihr erzeugt werden kann, darum durch eine Folge von Gesichtsbildern beschrieben werden kann. (Etwa so wenig, wie der, welcher sich einen Ton vorstellt, sich eine Folge von Luftstößen vorstellt.)

1657 But it is not true that an experience that can be demonstrably related to eye movement can be generated by it, and therefore can be described by a sequence of visual images. (About as much as the person who imagines a tone also imagines a sequence of air vibrations.)

§RPP I

419[4]

1658 Halte die Zeichnung eines Gesichts verkehrt und Du kannst den Ausdruck des Gesichts nicht erkennen. Vielleicht kannst Du auch sehen, daß es lacht, aber doch nicht genau, wie es lacht. Du könntest das Lachen nicht nachahmen, oder seinen Charakter genauer beschreiben. Und doch kann das umgekehrte Bild den Gegenstand höchst genau darstellen.

1658 Hold a drawing of a face upside down, & you cannot recognize the expression of the face. Perhaps you can also see that it is laughing, but not exactly how it is laughing. You could not imitate the laugh, or describe its character more precisely. And yet, the inverted image can represent the object very accurately.

§RPP I

420[1]

1659 Man muß da bedenken, daß das So-Sehen eine ähnliche Wirkung haben kann wie ein Verändern des Gesehenen, z.B. durch ein Setzen von Klammern, ein Unterstreichen, Zusammenfassen auf die oder jene Art, etc., und daß das So-Sehen in dieser Weise wieder mit dem Vorstellen Ähnlichkeit hat. Niemand wird doch leugnen, daß ein Unterstreichen, ein Setzen von Klammern, dem Erkennen einer Ähnlichkeit günstig sein kann.

1659 One must bear in mind that seeing something in a certain way can have a similar effect to changing what is seen, e.g., by using parentheses, underlining, summarizing it in one way or another, etc., & that seeing it in this way is similar to imagining. Surely no one will deny that underlining, using parentheses can be helpful in recognizing a similarity.

§RPP I

420[2]

1660 Es ist doch klar, daß nur der, welcher das doppeldeutige Bild als Hasen sieht, den Gesichtsausdruck des Hasen wird nachahmen können. Sieht er das Bild also auf diese Weise, so wird ihm dies ermöglichen eine gewisse Ähnlichkeit zu beurteilen.

1660 It is clear that only the one who sees the ambiguous image as a rabbit will be able to imitate the facial expression of the rabbit. If he sees the image in this way, then this will enable him to judge a certain similarity.

§RPP I

420[3]

1661 Man wird auch gewisse Dimensionen nur dann richtig schätzen, wenn man das Bild auf diese Weise sieht.

1661 One will also only correctly estimate certain dimensions if one sees the image in this way.

§RPP I

420[4]

1662 Bedenke, daß man sagen kann: “Du mußt diese Melodie so hören, und dann auch entsprechend spielen.”

1662 Consider that one can say: “You must hear this melody in this way, & then also play it accordingly.”

§RPP I

420[5]

1663 Könnte es nicht Menschen geben, die nicht im Kopf rechnen und nicht leise lesen lernen können, dabei aber sonst intelligente Menschen wären und in keinem Sinne ‘schwachsinnig’?

1663 Could there not be people who cannot do mental arithmetic & cannot learn to read silently, but who are otherwise intelligent people & in no way ‘mentally deficient’?

§RPP I

420[6]

1664 Es ist kein Zweifel, daß man einen Aspekt oft durch eine Augenbewegung, durch eine Bewegung des Blicks, hervorruft.

1664 There is no doubt that one often evokes an aspect through an eye movement, through a movement of the gaze.

§RPP I

421[1]

1665 Aber wie seltsam! möchte man sagen – wenn man eine Art der Zusammensetzung entdecken kann, – wie ist es möglich, sie auch zu sehen! – – Wie ist es möglich, mit einem Schlage zu wissen, was man sagen will? Ist dies nicht ebenso merkwürdig?

1665 But how strange! one might say – if one can discover a kind of composition – how is it possible to also see it! – – How is it possible to know what one wants to say at a glance? Is this not just as remarkable?

§RPP I

421[2]

1666 Ist denn die Erscheinung des Aspekts seltsamer, als meine Erinnerung an eine bestimmte wirkliche Person, von der ich ein Erinnerungsbild habe? Ja, es ist sogar eine Ähnlichkeit zwischen beiden. Denn man fragt sich auch hier: Wie ist es möglich, daß ich von ihm ein Vorstellungsbild habe und es keinen Zweifel daran gibt, daß es sein Bild sei?

1666 Is the appearance of the aspect stranger than my memory of a particular real person, of whom I have a memory-image? Yes, there is even a similarity between the two. For one also asks here: How is it possible that I have a mental image of him, & there is no doubt that it is his image?

§RPP I

421[3]

1667 Die Philosophie löst ein Problem oft nur, indem sie sagt: Hier ist so wenig eine Schwierigkeit, wie da. Nur also, indem sie ein Problem heraufbeschwört, wo früher keines war. Sie sagt: “Ist es nicht ebenso merkwürdig, daß ‥‥” und läßt es dabei bewenden.

1667 Philosophy often solves a problem only by saying: Here there is as little difficulty as there. Only by conjuring up a problem where there was none before. It says: “Is it not just as remarkable that ‥‥” & leaves it at that.

§RPP I

421[4]

1668 Wie befolgt man den Befehl “Stell Dir Herrn N vor!”? Wie weiß man, daß der Befehl befolgt wurde? Wie weiß Einer, daß er ihn befolgt hat? Wozu ist der Zustand der Vorstellung hier nütze? – Ich will sagen, es verhalte sich ähnlich beim Sehen eines Aspekts.

1668 How does one follow the command “Imagine Mr. N!”? How does one know that the command has been followed? How does one know that one has followed it? What is the state of the imagination useful for here? – I mean, it is similar when seeing an aspect.

§RPP I

421[5] &
422[1]

1669 Ich sehe es (das Schachbrett) jetzt so. Es ist, als hättest Du mir diese schematische Zeichnung gegeben. Z.B. 🖵 Die Figur als welche ich die andere sehe, ist doch nicht eindeutig bestimmt.

1669 I see it (the chessboard) like this now. It is as if you had given me this schematic drawing. E.g. 🖵 The figure as which I see the other is not uniquely determined.

§RPP I

422[2]

1670 Denk Dir ein Dreieck im Film um den Punkt schwingend dargestellt 🖵 und dann stehen bleibend. Und nun könnte es sein, als wirke diese zeitliche Umgebung noch im Bild des zur Ruhe gekommenen Dreiecks. “Hängend” möchte ich sagen. Aber entspricht dem nichts? Doch gewiß! Aber das heißt nur, daß ich nicht lüge, und daß der Ausdruck des Aspekts eine Verwendung hat. “Welche Anwendung?!” mußt Du Dich immer fragen.

1670 Imagine a triangle in the film, shown rotating around a point 🖵 & then coming to a stop. And now it could be as if this temporal environment still affects the image of the triangle that has come to rest. “Hanging,” I would say. But does this correspond to something? Certainly! But that only means that I am not lying, & that the expression of the aspect has a use. “What application?!” you must always ask.

§RPP I

422[3]

1671 Man könnte die Schachbrettzeichnung als Werkzeichnung betrachten, nach welcher Stücke herzustellen sind, die das Schachbrett ergeben. Man kann diese Zeichnung nun auf verschiedene Weise verwenden; und man kann sie auch auf verschiedene Weise, solchen Verwendungen entsprechend, sehen.

1671 One could consider the chessboard drawing as a technical drawing, according to which pieces are to be manufactured, which will produce the chessboard. One can now use this drawing in various ways; & one can also see it in various ways, according to such uses.

§RPP I

422[4]

1672 Denke, man erklärte das so, daß der Aspekt durch verschiedene, dem visuellen Bild superponierte Vorstellungen und Erinnerungen entstehe. Natürlich interessiert mich diese Erklärung nicht als Erklärung, sondern als logische Möglichkeit, also begrifflich (mathematisch).

1672 Suppose one explained it in such a way that the aspect arises through various images and memories superimposed on the visual image. Of course, I am not interested in this explanation as an explanation, but as a logical possibility, i.e., conceptually (mathematically).

§RPP I

422[5]

1673 “Das Grüne, was ich dort sehe, ist blatthaft. Diese Dinge dort augenhaft.” (Welche Dinge sind es?)

1673 “The green I see there is leaf-like. These things there are eye-like.” (Which things are they?)

§RPP I

423[2]

1674 Es scheint hier das Objekt des Sehens zu sein, was nicht Objekt des Sehens sein kann. Als sagte man, man sehe Töne. (Aber man sagt ja wirklich, man sehe einen Vokal gelb, oder braun.)

1674 It seems that here the object of seeing is what cannot be an object of seeing. As if one said that one sees sounds. (But one does indeed say that one sees a vowel as yellow or brown.)

§RPP I

423[3]

1675 Wie könnte denn Assoziation ein Dauerzustand sein? Wie könnte ich denn fünf Minuten lang diese Art von Gegenstand mit diesen Linien assoziieren?

1675 How could association be a permanent state? How could I associate this kind of object with these lines for five minutes?

§RPP I

423[4]

1676 Was überzeugt mich denn, daß der Andere ein gewöhnliches Bild dreidimensional sieht? – Daß er's sagt? Unsinn – – Wie weiß ich denn, was er mit dieser Versicherung meint? Nun, daß er sich darin auskennt; die Ausdrücke auf das Bild verwendet, die er auf den Raum anwendet; sich vor einem Landschaftsbild benimmt, wie vor einer Landschaft, etc. etc.

1676 What convinces me that the other person sees the ordinary picture in three dimensions? – That he says so? Nonsense. How do I know what he means by this assurance? Well, that he knows what he is talking about; that he uses the expressions relating to the picture in the same way he uses them relating to space; that he behaves in front of a landscape picture as he would behave in front of a landscape, etc., etc.

§RPP I

423[5]

1677 Ich kann von ihm nie wissen, ob er wirklich sieht. Nun, dann kann ich's von mir natürlich auch nicht wissen. Denn wie weiß ich, daß ich jetzt das Gleiche so nenne, wie früher, und daß ich das Gleiche “gleich” nenne?

1677 I can never know whether he really sees. Well, then I cannot know it about myself either. For how do I know that I am now calling the same thing by the same name as I did before, and that I am calling the same thing “the same”?

§RPP I

423[6]

1678 Nun, wie sieht es alles in der dritten Person aus? Und was für die dritte Person gilt, gilt dann, so seltsam das scheinen mag, auch für die erste.

1678 Now, how does it all look from the third-person perspective? And what applies to the third person applies, however strange it may seem, also to the first.

§RPP I

423[7] &
424[1]

1679 Denk Dir eine physiologische Erklärung dafür, daß ich eines (A) als Variation des andern (B) sehe. Es könnte sich zeigen, daß, wenn ich A als B sehe, auf meiner Retina gewisse Vorgänge stattfinden, die sich sonst zeigen, wenn ich wirklich B sehe. Und dies könnte nun manches in meinem Benehmen erklären. Man könnte z.B. sagen, daß ich mich darum beim Anblick von A benehme, als sähe ich B, wie ich's gewöhnlich nicht tue, wenn ich A nicht als B sehe. Aber diese Erklärung meines Benehmens ist für uns überflüssig. Ich nehme das Benehmen eben so hin, wie einen Vorgang auf der Retina, oder im Gehirn. Ich will sagen: Die physiologische Erklärung ist zuerst scheinbar eine Hilfe, zeigt sich aber dann gleich als bloßer Katalysator der Gedanken. Ich führe sie nur ein, um sie gleich wieder loszuwerden.

1679 Suppose one were to devise a physiological explanation for the fact that I see one (A) as a variation of the other (B). It could turn out that when I see A as B, certain processes take place in my retina that would otherwise occur when I really see B. And this could explain many things about my behaviour. One could, for example, say that I behave when looking at A as if I were seeing B, in a way that I would not ordinarily do if I did not see A as B. But this explanation of my behaviour is superfluous for us. I simply accept the behaviour as I accept a process on the retina or in the brain. I mean: the physiological explanation is initially apparently a help, but then turns out to be nothing more than a catalyst for thought. I only introduce it in order to get rid of it immediately.

§RPP I

424[2]

1680 Denk nur ja nicht, Du wüßtest im Vorhinein, was “Zustand des Sehens” in diesem Falle bedeutet! Laß Dich die Bedeutung durch den Gebrauch lehren.

1680 Do not think that you know in advance what “state of seeing” means in this case! Let the meaning be taught to you by the use.

§RPP I

424[3]

1681 Hätte ich mir das Phänomen der Vorstellung erklären können, wenn mir gesagt worden wäre: es sähe Einer mit offenen Augen etwas, was nicht vor ihm ist, und zugleich doch, was vor ihm ist, und es wären die beiden Gesichtsobjekte einander nicht im Wege?!

1681 Could I have explained the phenomenon of imagination if I had been told: that someone with open eyes sees something that is not in front of him, and at the same time sees what is in front of him, and that the two visual objects do not get in each other's way?!

§RPP I

424[4]

1682 Und es wäre nun natürlich ganz falsch, zu sagen: “Und doch geschieht das Seltsame” oder “das Unglaubliche”. Vielmehr ist eben, was geschieht, nicht seltsam und nur falsch als Seltsames gesehen.

1682 And it would of course be quite wrong to say: “And yet the strange thing happens” or “the incredible thing”. Rather, what happens is not strange and is only falsely seen as strange.

§RPP I

425[1]

1683 Die alte Ansicht von der Rolle der Anschauung in der Mathematik. Ist diese Anschauung eben das Sehen der Komplexe in verschiedenen Aspekten?

1683 The old view of the role of intuition in mathematics. Is this intuition simply the seeing of complexes in different aspects?

§RPP I

425[2]

1684 Muß man unter den Aspekten nicht rein optische von andern unterscheiden? Daß sie untereinander sehr verschieden sind, ist klar: Es tritt z.B. in ihre Beschreibung manchmal die Tiefendimension ein, manchmal nicht; manchmal ist der Aspekt eine bestimmte ‘Gruppierung’, wenn man aber Striche als Gesicht sieht, so hat man sie nicht nur visuell zu einer Gruppe zusammengefaßt; man kann die schematische Zeichnung eines Würfels als offene Kiste, oder als soliden Körper sehen, auf der Seite liegend, oder stehend; die Figur 🖵 kann nicht nur auf zwei, sondern auf sehr viele verschiedene Arten gesehen werden.

1684 Must one not distinguish purely optical aspects from other aspects? That they differ greatly from each other is clear: the depth dimension, for example, sometimes enters into their description, sometimes it does not; sometimes the aspect is a certain ‘grouping’, but when one sees lines as a face, one has not only visually grouped them together; one can see the schematic drawing of a cube as an open box or as a solid body, lying on its side or standing; the figure 🖵 can be seen in not only two, but in very many different ways.

§RPP I

425[3]

1685 Man hängt Bilder, Photographien auf von Landschaften, Innenräumen, Menschen, und betrachtet sie nicht, wie Werkzeichnungen. Man liebt, sie anzusehen, wie die Gegenstände selbst; man lächelt die Photographie an wie den Menschen, den sie zeigt. Wir lernen nicht, eine Photographie verstehen, wie eine Blaupause. – Es wäre freilich möglich, daß wir eine Abbildungsart erst mit Mühe verstehen lernen müssen, um sie später als natürliches Bild gebrauchen zu können. Dies mühsame Lernen wäre später nur noch Geschichte, und das Bild würden wir nun ebenso betrachten, wie jetzt unsere Photographie.

1685 One hangs pictures and photographs of landscapes, interiors, people, and does not look at them as technical drawings. One likes to look at them as the objects themselves; one smiles at the photograph as one smiles at the person it depicts. We do not learn to understand a photograph as one learns to understand a blueprint. – Of course, it would be possible that we first have to learn with difficulty to understand a certain type of depiction in order to be able to use it later as a natural image. This laborious learning would then only be a matter of history, and we would now look at the image in the same way as we look at our photograph now.

§RPP I

426[1]

1686 Es könnte doch auch Menschen geben, die Photographie nicht, wie wir, verstünden, sähen; die zwar verstünden, daß auf diese Weise ein Mensch dargestellt werden kann, die seine Formen auch ungefähr nach einer Photographie beurteilen könnten, die aber das Bild doch nicht als Bild sähen. Wie würde sich das äußern? Was würden wir als Äußerung dessen betrachten?? Das ist vielleicht nicht leicht zu sagen. Diese Leute hätten vielleicht nicht Freude an Photographien wie wir. Sie würden nicht sagen “Schau, wie er lächelt!” und dergleichen; sie würden eine Person oft nicht gleich nach dem Bild erkennen; müßten die Photographie lesen lernen und lesen; sie hätten Schwierigkeiten, zwei gute Aufnahmen desselben Gesichts als Bilder etwas verschiedener Stellungen zu erkennen.

1686 There could also be people who do not understand or see photographs in the same way we do; people who understand that a person can be depicted in this way, who could also judge its forms approximately according to a photograph, but who do not see the image as an image. How would that manifest itself? What would we consider an utterance of this? That is perhaps not easy to say. These people might not have the same enjoyment of photographs as we do. They would not say “Look how he smiles!” and the like; they would often not immediately recognize a person from the image; they would have to learn to read the photograph and read it; they would have difficulties in recognizing two good photographs of the same face as images of somewhat different positions.

§RPP I

426[2]

1687 Wenn mir Einer sagte, er habe die Figur eine halbe Stunde lang ohne Unterbrechung als umgekehrtes F gesehen, so müßte ich annehmen, er habe fortwährend an diese Interpretation gedacht, sich damit beschäftigt.

1687 If someone told me that he had been looking at the figure for half an hour without interruption as an inverted F, then I would have to assume that he had been constantly thinking about this interpretation, engaging with it.

§RPP I

426[3]

1688 Es ist, als wäre der Aspekt etwas, was nur aufleuchtet, aber nicht stehen bleibt; und doch muß dies eine begriffliche Bemerkung sein, keine psychologische.

1688 It is as if the aspect is something that only flashes up, but does not remain; and yet this must be an intelligible observation, not a psychological one.

§RPP I

426[4] &
427[1]

1689 Beim Umschnappen des Aspekts erlebt man die zweite Phase in akuter Weise (entsprechend etwa dem Ausruf “Ach, es ist ein ‥‥!” und hier beschäftigt man sich ja mit dem Aspekt. Im chronischen Sinne ist er nur die Art und Weise, wie wir die Figur wieder und wieder behandeln.

1689 When the aspect changes, one experiences the second phase in an acute way (corresponding to, for example, the exclamation “Oh, it is an…!” and here one is engaging with the aspect. In a chronic sense, it is only the way we treat the figure again and again.

§RPP I

427[2] &
428[1]

1690 ‘Ding’ und ‘Hintergrund’ sind visuelle Begriffe, wie rot und rund – will Köhler sagen. Die Beschreibung des Gesehenen schließt die Angabe, was Ding und was Hintergrund ist, nicht weniger ein, als die Angabe der Farbe und der Form. Und die Beschreibung ist ebenso unvollständig, wenn nicht gesagt wird, was Ding, was Grund ist, wie sie es ist, wenn Farbe oder Form nicht angegeben wurden. Ich sehe das eine ebenso unmittelbar, wie das andere – will er sagen. Und was ist dagegen einzuwenden? Zuerst: wie sich das erkennen läßt, – ob durch Introspektion, und ob Alle darin übereinstimmen müssen. Denn es handelt sich offenbar um die Beschreibung des subjektiv Gesehenen. Aber wie lernt man nur, das Subjektive durch Worte wiedergeben? Und was können uns diese Worte bedeuten? Denk, statt um Worte handelte sich's um zeichnerische Wiedergabe; und den Wörtern “dinglich” und dergleichen entspräche in dieser Wiedergabe die Reihenfolge, Ordnung, in der wir die Zeichnung anfertigen. (Ich nehme an, wir könnten außerordentlich rasch zeichnen.) Und nun sagte jemand: “Zur Darstellung des Gesehenen gehört die Reihenfolge ebenso, wie Farben und Formen.” – Was hieße das? Man kann wohl sagen: Es gibt Gründe, zum zeichnerischen Beschreiben des Gesehenen nicht nur das gezeichnete Bild, sondern auch die Phrasierung beim Zeichnen zu rechnen. Es gehörten diese Reaktionen des Beschreibenden irgendwie zusammen. In gewisser Beziehung gehören sie zusammen, in anderer nicht.

1690 “Thing” and “background” are visual terms, like red and round – is that what Köhler wants to say? The description of what is seen includes the specification of what is thing and what is background, just as much as the specification of the color and the shape. And the description is just as incomplete if it does not say what is thing, what is ground, as it is if color or shape is not specified. I see one thing just as directly as the other – is he saying. And what is wrong with that? First: how can one recognize it – whether through introspection, and whether everyone must agree on it. For it is obviously about the description of what is subjectively seen. But how does one learn to reproduce the subjective through words? And what can these words mean to us? Imagine that instead of words, it was about graphic representation; and that to the words “thingly” and the like, in this representation, there corresponded the sequence, the order, in which we produce the drawing. (I assume that we could draw extraordinarily quickly.) And now someone says: “In the representation of what is seen, the sequence is as important as colors and shapes.” – What would that mean? One can certainly say: There are reasons to include in the graphic description of what is seen not only the drawn image, but also the phrasing in the drawing. These reactions of the describer would somehow belong together. In one respect they belong together, in another they do not.

§RPP I

428[2]

1691 Denkt man an Ströme in der Netzhaut (oder dergleichen), so möchte man sagen: “Also ist der Aspekt so gut ‘gesehen’, wie Form und Farbe.” Aber wie konnte uns denn so eine Hypothese zu dieser Überzeugung helfen? Nun, sie kommt der Tendenz entgegen, hier zu sagen, wir sähen zwei verschiedene Gebilde. Aber diese Tendenz, wenn sie zu begründen ist, muß ihren Grund woanders haben.

1691 If one thinks of currents in the retina (or something similar), one would like to say: “So the aspect is ‘seen’ as well as form and color.” But how could such a hypothesis help us to this conviction? Well, it goes against the tendency to say that we see two different entities here. But this tendency, if it is to be justified, must have its reason elsewhere.

§RPP I

428[3]

1692 Der Ausdruck des Aspekts ist der Ausdruck einer Auffassung (also einer Behandlungsweise, einer Technik); aber gebraucht als Beschreibung eines Zustands.

1692 The expression of the aspect is the expression of a way of seeing (that is, a way of acting, a technique); but used as a description of a state.

§RPP I

428[4]

1693 Wenn es scheint, es wäre für eine solche logische Form kein Platz, so mußt Du sie in einer andern Dimension aufsuchen. Wenn hier kein Platz ist, so ist er eben in einer andern Dimension.

1693 If it seems as though there is no place for such a logical form, then one must look for it in another dimension. If there is no place for it here, then it is simply in another dimension.

§RPP I

428[5] &
429[1]

1694 In diesem Sinne ist auch auf der Zahlenlinie nicht für imaginäre Zahlen Platz. Und das heißt doch: Die Anwendung eines imaginären Zahlbegriffs ist grundverschieden von der einer Anzahl etwa; verschiedener, als die mathematischen Operationen allein es offenbaren. Man muß also, um Platz für sie zu gewinnen, zu ihrer Anwendung hinuntersteigen und dann finden sie einen sozusagen ungeahnt verschiedenen Platz.

1694 In this sense, there is also no room for imaginary numbers on the number line. And that means: the application of the concept of an imaginary number is fundamentally different from that of a number, for example; more different than the mathematical operations alone would reveal. One must therefore, in order to make room for them, descend to their application and then find that they occupy a kind of unexpected different place.

§RPP I

429[2]

1695 Wenn diese Konstellation für mich stets und ständig ein Gesicht ist, dann habe ich damit keinen Aspekt bezeichnet. Denn das hieße, daß ich ihr immer als Gesicht begegne, sie als Gesicht behandle; während das Eigentümliche des Aspekts ist, daß ich etwas in ein Bild hineinsehe. So daß man sagen könnte: ich sehe etwas, was garnicht da ist, was nicht in der Figur liegt, so daß es mich überrascht, daß ich's sehen kann (mindestens, wenn ich später darüber reflektiere).

1695 If this configuration is constantly and continuously a face for me, then I have not described an aspect with it. For that would mean that I always encounter it as a face, treat it as a face; whereas the peculiar thing about the aspect is that I see something into a picture. So that one could say: I see something that is not there, that is not in the figure, so that it surprises me that I can see it (at least, if I reflect on it later).

§RPP I

429[3]

1696 Wenn das Sehen eines Aspekts einem Gedanken entspricht, dann kann es nur in einer Welt von Gedanken ein Aspekt sein.

1696 If the seeing of an aspect corresponds to a thought, then it can only be an aspect in a world of thoughts.

§RPP I

429[4]

1697 Wenn ich einen Aspekt beschreibe, so setzt die Beschreibung Begriffe voraus, die nicht zur Beschreibung der Figur selbst gehören.

1697 When I describe an aspect, the description presupposes concepts that do not belong to the description of the figure itself.

§RPP I

429[5]

1698 Ist es nicht merkwürdig, daß man bei der Beschreibung eines Gesichtseindrucks so ungemein selten das Wandern des Blicks in die Beschreibung einbezieht?! Es wird so gut wie nie einbezogen, wenn der Gegenstand klein, z.B. ein Gesicht ist; obgleich doch auch da der Blick fortwährend in Bewegung ist.

1698 Is it not remarkable that in the description of a visual impression, one so rarely includes the wandering of the gaze in the description?! It is hardly ever included, if the object is small, e.g. a face; although even there the gaze is constantly in motion.

§RPP I

429[6] &
430[1]

1699 Der Aspekt kann plötzlich wechseln und es folgt dem Wechsel dann ein neues Betrachten. Man ist sich, z.B., des Gesichtsausdrucks bewußt, betrachtet ihn.

1699 The aspect can suddenly change, and a new seeing follows the change. One becomes, for example, conscious of the facial expression, one observes it.

§RPP I

430[2]

1700 Ich kann z.B. eine Photographie anschauen und mich mit dem Ausdruck des Gesichts beschäftigen, ihn mir sozusagen zu Gemüt führen, ohne mir, oder einem Andern, dabei etwas zu sagen. Ich lasse die Augen der Photographie zu mir sprechen. Ich sehe das Bild vielleicht zum ersten mal, als wirkliches Gesicht. ‘Gehe auf den Ausdruck ein’. Frage nicht “Was geht dabei vor?”, sondern “Was tut man mit dieser Äußerung?”

1700 I can, for example, look at a photograph and occupy myself with the expression of the face, let it, as it were, sink in, without saying anything about it to myself, or to another. I let the eyes of the photograph speak to me. I perhaps see the picture for the first time, as a real face. ‘Engage with the expression’. Do not ask “What is going on here?”, but “What does one do with this expression?”

§RPP I

430[3]

1701 Wir werden uns des Aspekts nur im Wechsel bewußt. Wie wenn sich Einer nur des Wechselns der Tonart bewußt ist, aber kein absolutes Gehör hat.

1701 We become conscious of the aspect only in the change. As if one is only conscious of the change in key, but has no absolute pitch.

§RPP I

430[4]

1702 Wenn man das Mittelmeer auf der Karte bei anderer Kolorierung nicht erkennt, so zeigt das nicht, daß hier wirklich ein anderer visueller Gegenstand vorliegt. (Köhler's Beispiel) Es könnte das höchstens einen plausiblen Grund für eine bestimmte Ausdrucksweise abgeben. Es ist eben nicht das Gleiche, zu sagen “Das zeigt, daß hier wirklich zweierlei gesehen wird” – und “Unter diesen Umständen wäre es besser von ‘zwei verschiedenen Gesichtsobjekten’ zu reden”.

1702 If one does not recognize the Mediterranean on the map when it is colored differently, then that does not show that there is really a different visual object here. (Köhler's example). It could at most provide a plausible reason for a certain way of expression. It is not the same to say “This shows that two different things are really being seen” – and “Under these circumstances it would be better to speak of ‘two different visual objects’”.

§RPP I

430[5]

1703 Daß man einen Aspekt durch Gedanken hervorrufen kann, ist äußerst wichtig, obwohl es das Hauptproblem nicht löst. Ja, es ist, als wäre der Aspekt ein unartikulierter Fortklang eines Gedankens.

1703 That one can evoke an aspect through thoughts is extremely important, although it does not solve the main problem. Yes, it is as if the aspect is an unarticulated after-effect of a thought.

§RPP I

430[6] &
431[1]

1704 Ich höre zwei Leute reden, verstehe nicht, was sie sagen, höre aber das Wort “Bank”. Nun nehme ich an, sie sprächen von Geld. (Das kann sich als richtig oder unrichtig herausstellen.) Habe ich damit das Wort “Bank” in der Bedeutung gehört? Anderseits: Es spricht Einer in einer Art Spiel doppeldeutige Wörter ohne Zusammenhang; ich höre “Bank” und höre es in jener Bedeutung. Es ist beinahe, als wäre dies letztere ein wertloses Überbleibsel des ersten Vorgangs.

1704 I hear two people talking, do not understand what they are saying, but hear the word “bank”. Now I assume they are talking about money. (This may turn out to be correct or incorrect.) Have I then heard the word “bank” in that meaning? On the other hand: one person speaks in a kind of game, using ambiguous words without connection; I hear “bank” and I hear it in that meaning. It is almost as if the latter is a worthless residue of the first process.

§RPP I

431[2]

1705 Warum soll nicht die überwältigende Neigung, ein gewisses Wort in unserer Äußerung zu gebrauchen, bestehen? Und warum sollte dies Wort nicht dennoch irreführend sein, wenn wir über unser Erlebnis nachdenken? Ich meine: Warum sollen wir nicht “sehen” sagen wollen, obwohl der Vergleich mit dem Sehen in mancher Weise nicht stimmt. Warum sollen wir nicht von einer Analogie beeindruckt sein, zum Nachteil aller Verschiedenheiten. Aber darum kann man sich auch nicht auf die Worte der Äußerung berufen. Die physiologische Betrachtung verwirrt hier nur. Weil sie von dem logischen, begrifflichen Problem ablenkt.

1705 Why shouldn't there be an overwhelming tendency to use a certain word in our utterance? And why shouldn't that word nevertheless be misleading when we think about our experience? I mean: Why shouldn't we want to say “see,” even though the comparison with seeing is not entirely accurate in some ways? Why shouldn't we be impressed by an analogy, to the detriment of all the differences? But one cannot appeal to the words of the utterance for this either. Physiological consideration only confuses things here because it distracts from the logical, conceptual problem.

§RPP I

431[3]

1706 Die Verwirrung in der Psychologie ist nicht damit zu erklären, daß sie eine “junge Wissenschaft” ist. Ihr Zustand ist mit dem der Physik, z.B., in ihrer Frühzeit garnicht zu vergleichen. Eher mit dem gewisser Zweige der Mathematik. (Mengenlehre). Es besteht da nämlich einerseits eine gewisse experimentelle Methode, anderseits Begriffsverwirrung, so wie in manchen Teilen der Mathematik Begriffsverwirrung und Beweismethoden. Während man aber in der Mathematik ziemlich sicher sein kann, daß ein Beweis von Wichtigkeit sein wird, auch wenn er noch nicht recht verstanden ist, ist man in der Psychologie der Fruchtbarkeit der Experimente durchaus nicht sicher. Vielmehr besteht in ihr Problematisches, – und Experimente, die man für die Methode der Lösung der Probleme ansieht, auch wenn sie an dem, was uns beunruhigt, ganz vorbeigehen.

1706 The confusion in psychology cannot be explained by the fact that it is a “young science.” Its state is not at all comparable to that of physics, for example, in its early days. Rather, it is more like certain branches of mathematics (set theory). There is, on the one hand, a certain experimental method, and on the other hand, conceptual confusion, just as there is conceptual confusion and methods of proof in some parts of mathematics. However, while in mathematics one can be quite sure that a proof will be important, even if it is not yet fully understood, in psychology one is by no means sure of the fruitfulness of the experiments. Rather, its problematic aspects consist of experiments that one considers to be the method of solving the problems, even if they completely miss what is bothering us.

§RPP I

431[4] &
432[1]

1707 Man könnte dazu verführt werden zu glauben, es gäbe eine bestimmte Art und Weise, wie man Jahreszahlen ausspricht, einen bestimmten Tonfall oder dergleichen. Denn eine Zahl, etwa eine Hausnummer, wie 1854 kann für mich etwas Jahreszahlhaftes an sich haben. Man könnte glauben, unser Erlebnis sei das einer bestimmten Einstellung des Geistes, die ihn für eine bestimmte Tätigkeit bereit macht; zu vergleichen also der Stellung des Körpers vor dem Sprung. Hier ist ein sehr verlockender Irrtum. Es ist Erfahrungstatsache, daß diese Stellung eine häufige, oder zweckmäßige Vorbereitung für diese Tätigkeit ist. Wir aber haben nicht gelernt, daß dies Gefühl, diese Erfahrung, eine zweckdienliche Vorbereitung der und der Anwendung der Figur, Zahl, etc. ist. Ausdrücke wie “Es ist, als zitterte in dem Erlebnis bereits die künftige Verwendung”, “Es ist, als innervierten wir schon die Muskeln zu dieser bestimmten Tätigkeit”, etc. etc. sind nur paraphrasierte Äußerungen des Erlebnisses. (Als sagte man “Die Liebe zu … glüht mir im Herzen.”) – Hier haben wir übrigens eine Andeutung des Ursprungs der Innervationsempfindung, die das Bewußtsein des Willensakts ausmachen soll.

1707 One could be tempted to believe that there is a certain way of pronouncing dates, a certain tone of voice, or something similar. For a number, such as a house number like 1854, can have a certain “date-like” quality in itself for me. One might believe that our experience is that of a certain state of mind that prepares it for a certain activity; compare this to the position of the body before a jump. Here is a very tempting mistake. It is an empirical fact that this position is a frequent, or appropriate, preparation for this activity. But we have not learned that this feeling, this experience, is a useful preparation for the application of that figure, number, etc. Expressions such as “It is as if the future use is already trembling in the experience,” “It is as if we are already tensing the muscles for this specific activity,” etc., etc. are only paraphrased utterances of the experience (as if one said, “The love for … is glowing in my heart.”) – Here, by the way, we have a hint of the origin of the innervation sensation, which is supposed to constitute the consciousness of the act of will.

§RPP I

432[2]

1708 Ich sage beim Erkennen eines Menschen: “Jetzt seh ich's – es sind dieselben Züge, nur ‥‥” – und es folgt eine Beschreibung der tatsächlichen Veränderungen. – Denk Dir, ich sagte “Das Gesicht ist runder, als es war” – soll ich sagen, es ist eine Eigentümlichkeit des Gesichtsbildes, des Gesichtseindrucks, die mir das zeigt? Freilich, man wird sagen: “Nein; hier kommt ein Gesichtsbild in eine Erinnerung zusammen.” Aber wie kommen diese zusammen? Ja – es ist als ob hier zwei Bilder verglichen würden. Aber es werden nicht zwei Bilder verglichen; und würden sie's, so müßte man noch immer eines als das des früheren Gesichts anerkennen.

1708 I say when recognizing a person: “Now I see – it is the same features, only ‥‥” – and there follows a description of the actual changes. – Imagine I said, “The face is rounder than it was” – should I say that it is a peculiarity of the visual image, of the visual impression, that shows this to me? Of course, one would say: “No; here a visual image merges with a memory.” But how do these merge? Yes – it is as if two images were being compared here. But two images are not being compared; and even if they were, one would still have to recognize one of them as the face from before.

§RPP I

432[3] &
433[1]

1709 Ich kann doch sagen: Ich sehe, daß diese Figur in jener enthalten ist, kann sie aber nicht darin sehen. Diese Beschreibung paßt wohl für diese Figur, aber doch kann ich die Figur nicht der Beschreibung gemäuß sehen. Und “sehen” heißt hier auch nicht “auf einen Schlag erkennen”. Denn es könnte wohl sein, daß jemand nicht im Stande wäre, auf den ersten Blick die eine Figur in der andern zu sehen, daß er dies aber könnte, nachdem er das Enthaltensein, sozusagen stückweise, erkannt hätte.

1709 I can say: I see that this figure is contained in that one, but I cannot see it in it. This description is probably suitable for this figure, but still I cannot see the figure according to the description. And “see” here does not mean “recognize at a glance” either. For it could very well be that someone is not able to see one figure in the other at first glance, but that they could, after they have recognized the containment, as it were, piece by piece.

§RPP I

433[2]

1710 Teile ich ihm mittels der beiden Bilder mit, die eine Figur sei in der andern enthalten, oder, ich erkenne, daß es so sei, so teile ich ihm damit nicht mit, ich sehe die eine in der andern. Worin liegt der Unterschied der beiden Mitteilungen? (Ihr Wortausdruck muß sich nicht unterscheiden.)

1710 If I communicate to him by means of the two pictures that one figure is contained in the other, or, I recognize that this is so, am I not communicating that I see the one in the other? What is the difference between the two communications? (Their verbal expression need not differ.)

§RPP I

433[3]

1711 Ich kann die Figur 🖵 nicht als Vereinigung von 🖵 und 🖵 sehen, die zusammengeschoben sind, daß sie sich halb überdecken, so daß das mittlere Feld gleichsam doppelt gilt. Wenn nun Einer sagte, er könne die Figur so sehen, könnte ich es nicht verstehen? Könnte ich es glauben? Sollte ich sagen, dies sei möglich – auch wenn mir derlei noch nie vorgekommen ist? Müßte ich sagen “Du meinst eben mit ‘so-sehen’ etwas anderes als ich”? – Und wenn ich es annähme, was wüßte ich nun, was könnte ich damit anfangen? (Eine physiologische Verwendung ist natürlich wieder vorstellbar.)

1711 I cannot see the figure 🖵 as a combination of 🖵 and 🖵, pushed together so that they partially overlap, so that the middle field, as it were, counts double. If someone were to say that he can see the figure in this way, could I understand it? Could I believe it? Should I say that this is possible – even if such a thing has never occurred to me? Would I have to say, “You just mean something else by ‘seeing it this way’ than I do”? – And if I assumed it, what would I now know, and what could I do with it? (Of course, a physiological application is conceivable.)

§RPP I

433[4]

1712 Hierher gehört die Frage “Was würde mir Einer mitteilen, der sagte, er könne ein regelmäßiges 50-Eck als solches sehen”? Wie würde man seine Aussage prüfen? Was als Prüfung gelten lassen? Mir scheint, es könnte nun sein, daß man gar nichts als Bestätigung dieser Aussage annehmen würde.

1712 This leads to the question, “What would someone communicate to me who said that he could see a regular 50-sided polygon as such”? How would one test his statement? What would be accepted as a test? It seems to me that it could now be the case that one would accept nothing as confirmation of this statement.

§RPP I

433[5] &
434[1]

1713 “Für mich ist es jetzt dieses Ornament.” Das “dieses” muß erklärt werden durch Hinweis auf eine Klasse von Ornamenten. Man kann etwa sagen “Es sind weiße Bänder auf etwas Schwarzem”. Ja – anders ist es nicht zu erklären. Obgleich man sagen möchte: “Es muß doch einen einfacheren Ausdruck für das geben, was ich sehe!” Und vielleicht gibt es ihn auch. Denn von allem könnte man den Ausdruck “hervortreten” benützen. Man kann sagen “Diese Teile treten hervor”. Und nun kann man sich ja eine primitive Reaktion eines Menschen denken, der dies nicht durch Worte ausdrückt, sondern etwa auf die “hervortretenden” Teile mit dem Finger und einer besondern Gebärde deutet. Aber dieser primitive Ausdruck wäre damit noch nicht äquivalent dem Wortausdruck “weißes Bandornament”.

1713 “For me, it is now this ornament.” This “this” must be explained by reference to a class of ornaments. One could, for example, say, “It is white bands on something black.” Yes – there is no other way to explain it. Although one might want to say: “There must be a simpler expression for what I see!” And perhaps there is. Because one could use the expression “stand out” for everything. One can say “These parts stand out.” And now one can imagine a primitive reaction of a person who does not express this in words, but perhaps points to the “prominent” parts with a finger and a special gesture. But this primitive expression would not yet be equivalent to the verbal expression “white band ornament.”

§RPP I

434[2]

1714 Es wäre aber auch das möglich: daß eine große Menge von Ausdrücken, Begriffen für jemand in diesem Fall ganz gleichbedeutend wären. Und sollte man in diesem Fall sagen, der beschreibende Aspekt sei rein optisch?

1714 But it would also be possible that a large number of expressions, concepts, would be completely synonymous for someone in this case. And should one say in this case that the descriptive aspect is purely visual?

§RPP I

434[3]

1715 Es ist aber die Frage: warum die primitive Reaktion des Deutens mit dem Finger ein Ausdruck des so-Sehens genannt werden soll. Ohne weiteres wird man sie doch so nicht nennen können. Nur wenn sie sich mit andern Ausdrücken vereinigt.

1715 But the question is: why should the primitive reaction of pointing with a finger be called an expression of seeing it in this way? One would not be able to call it that without further ado. Only if it is combined with other expressions.

§RPP I

434[4]

1716 Denke, es drückte Einer das so-Sehen immer durch eine Erinnerung aus! Er sagte z.B., jetzt erinnere ihn die Figur an dies jetzt an jenes, was er einmal gesehen habe. Was könnte ich mit dieser Mitteilung anfangen? Kann mich etwas eine halbe Stunde lang an diesen Gegenstand erinnern? Es sei denn, daß ich mich mit dieser Erinnerung beschäftige.

1716 Suppose someone always expresses seeing it in this way through a memory! He says, for example, that the figure now reminds him of this, now of that, which he once saw. What could I do with this communication? Can something remind me of this object for half an hour? Unless I am occupied with this memory.

§RPP I

434[5]

1717 Wenn es sich nun so verhält, daß es ein Bedeutungserlebnis zwar gibt, dies aber etwas Nebensächliches ist, – wie kann es dann so sehr wichtig scheinen? Kommt das daher, daß dies Phänomen einer gewissen primitiven Deutung unserer Grammatik (Sprachlogik) entgegenkommt? So wie man sich oft vorstellt , es müsse die Erinnerung an ein Ereignis ein inneres Bild sein, und wie ja so ein Bild manchmal wirklich existiert.

1717 If it is now the case that there is a meaning experience, but this is something secondary, how can it seem so important? Does this come from the fact that this phenomenon corresponds to a certain primitive interpretation of our grammar (logic of language)? Just as one often imagines that the memory of an event must be an inner image, and that such an image sometimes really exists.

§RPP I

435[1]

1718 Wie verschwommen auch mein Gesichtsbild sein mag, so muß es doch eine bestimmte Verschwommenheit haben, so muß es doch ein bestimmtes Gesichtsbild sein. Das heißt wohl, es muß einer genau passenden Beschreibung fähig sein, wobei eben die Beschreibung die gleiche Vagheit haben müsse, wie das Beschriebene. – Aber nun wirf einen Blick auf das Bild und gib eine in diesem Sinne passende Beschreibung! Diese Beschreibung sollte eigentlich ein Bild, eine Zeichnung sein! Aber hier handelt sich's eben nicht um eine verschwommene Kopie eines verschwommenen Bildes. Was wir sehen, ist in ganz anderm Sinne unklar. Und ich glaube, die Lust, von einem privaten Gesichtsobjekt zu reden, könnte einem vergehen, wenn man öfter an dies Bild dächte. Die Abbildungsweise, die sonst möglich ist, ist eben hier nicht möglich.

1718 However blurred my visual image may be, it must nevertheless have a certain degree of blurriness; it must be a specific visual image. This probably means that it must be capable of a precise description, whereby the description itself would have to have the same vagueness as what it describes. – But now, take a look at the image and give a description that fits in this sense! This description should actually be an image, a drawing! But here, it is not a matter of a blurred copy of a blurred image. What we see is unclear in a completely different sense. And I think that one might lose the desire to talk about a private visual object if one thought about this image more often. The mode of depiction that is otherwise possible is simply not possible here.

§RPP I

435[2]

1719 Wenn ich sage “Er hat sich im Park auf die Bank gesetzt”, so ist es freilich schwierig, dabei an eine Geldbank zu denken, sich eine vorzustellen; aber das beweist nicht, daß man sich sonst eine andere Bank vorgestellt hätte. Es könnte uns z.B. leicht fallen, während des Redens gewisse Bilder zu zeichnen, die der Rede entsprechen, und sehr schwer, dabei Bilder zu zeichnen, die der Absicht, oder dem Zusammenhang der Rede zuwider sind. Aber das würde nicht beweisen, daß wir beim Reden immer zeichnen.

1719 If I say “He sat down on the bench in the park,” it is certainly difficult to think of a money bench, to imagine one; but that does not prove that one would otherwise have imagined a different kind of bench. It might be easy for us, for example, to draw certain images that correspond to the speech while we are speaking, and very difficult to draw images that contradict the intention or the context of the speech. But that would not prove that we always draw images when we speak.

§RPP I

435[3] &
436[1]

1720 Wenn ich jetzt beim Überlegen dieser Frage allein den Satz ausspreche “Du mußt das Geld in die Bank legen” und ihn so und so meine, – heißt das, daß in mir beim Aussprechen des Satzes das Gleiche vorgeht, wie wenn ich den Satz bei einer wirklichen Gelegenheit jemand in dieser Bedeutung sage? Was könnte so eine Annahme rechtfertigen?? Höchstens, daß ich danach sage “Ich habe das Wort … jetzt in der Bedeutung … gemeint”. Und hier handelt sich's doch um eine Art optischer Täuschung! Denn, was mich im praktischen Gebrauche zu dieser Feststellung berechtigt, ist ja nicht ein das Sprechen begleitender Vorgang. Wenn auch Vorgänge das Sprechen begleiten können, die auf diese Bedeutung hinweisen. (Die Richtung des Blicks z.B.)

1720 If I now, while considering this question, simply utter the sentence “You must put the money in the bank” and mean it in such and such a way, – does this mean that the same thing happens in me when I utter the sentence as when I say the sentence in a real situation, with that meaning? What could justify such an assumption? At most, that I then say “I meant the word … now with the meaning …”. And here, it is a kind of optical illusion! For what justifies me in practical use to make this statement is not a process that accompanies the speaking. Although processes that accompany the speaking can indicate that meaning. (The direction of the gaze, for example.)

§RPP I

436[2]

1721 Die Schwierigkeit ist, sich unter den Begriffen der ‘psychologischen Erscheinungen’ auszukennen. Sich unter ihnen zu bewegen, ohne immer wieder gegen ein Hindernis anzurennen. D.h., man muß die Verwandtschaften und Unterschiede der Begriffe beherrschen. Wie Einer den Übergang von jeder Tonart in jede beherrscht, von der einen in die andere moduliert.

1721 The difficulty is to be familiar with the concepts of ‘psychological phenomena’. To be able to move among them without constantly running up against an obstacle. That is, one must master the relationships and differences of the concepts. Just as one masters the transition from any key to any other, modulating from one to the other.

§RPP I

436[3]

1722 “Ich habe jetzt das Wort … in der Bedeutung … ausgesprochen” – Wie weißt Du, daß Du's getan hast? Wie, wenn Du Dich geirrt hast? Wie hast Du denn gelernt, es in der Bedeutung auszusprechen? Wer sagt “Ich habe jetzt das Wort in der Bedeutung isoliert gesprochen”, der spielt ein gänzlich anderes Sprachspiel, als der, welcher mir mitteilt, er habe mit dem Wort in jenem Bericht, oder Befehl, das gemeint. Und nun ist es also wesentlich, oder unwesentlich, daß er auch im ersten Falle das Wort “meinen” gebraucht. Ist es wesentlich, dann ist dies erste Sprachspiel sozusagen eine Spiegelung des zweiten. Etwa, wie die Schachpartie auf der Bühne eine Spiegelung einer wirklichen Schachpartie genannt werden könnte.

1722 “I have now uttered the word … with the meaning …” – How do you know that you have done it? How, if you have made a mistake? How did you learn to utter it with that meaning? Whoever says “I have now spoken the word in that meaning in isolation” is playing a completely different language-game than the one who tells me that he meant that in that report or command. And now, is it essential or inessential that he also uses the word “mean” in the first case? If it is essential, then this first language-game is, as it were, a reflection of the second. Something like the chess game on stage, which could be called a reflection of a real chess game.

§RPP I

436[4] &
437[1]

1723 Schach in der Vorstellung mit dem Andern spielen: Beide Spieler spielen in der Vorstellung und stimmen miteinander darin überein, dieser habe gewonnen, dieser verloren. Sie können dann Beide aus dem Gedächtnis die Partie übereinstimmend reproduzieren, sie aufschreiben, erzählen. – Denke Tennis so gespielt. Es wäre möglich. Nur natürlich keine Übung für die Muskeln. (Obwohl sich auch das denken ließe.) Wichtig ist, daß man auch beim ‘Tennis in der Vorstellung’ wird sagen können “Es ist mir gelungen, den Ball ‥‥”.

1723 Playing chess in one’s imagination with another: both players play in their imagination and agree that this one has won, and that one has lost. They can then both reproduce the game from memory, writing it down, telling it. – Think of tennis played in this way. It would be possible. Of course, it would not be a good exercise for the muscles. (Although one could imagine that too.) The important thing is that one can also say, even when “playing tennis in one’s imagination,” “I succeeded in hitting the ball ‥‥”.

§RPP I

437[2]

1724 Ich könnte doch von einer Schachpartie träumen, der Traum hat mir aber vielleicht nur einen Zug des Spiels gezeigt. Dennoch hätte ich geträumt: ich habe eine Schachpartie gespielt. Man wird dann sagen “Du hast sie nicht wirklich gespielt, Du hast es geträumt”. Warum sollte man nicht auch sagen “Du hast das Wort nicht wirklich so gemeint, Du hast es nur geträumt”?

1724 I could dream about a chess game, but the dream may have only shown me one move of the game. Nevertheless, I would have dreamt: I played a game of chess. One will then say, “You didn’t really play it, you just dreamt it.” Why shouldn’t one also say, “You didn’t really mean the word in that way, you only dreamt it”?

§RPP I

437[3]

1725 Vor Gericht, z.B. könnte es sich darum fragen, wie Einer ein Wort gemeint habe, und es kann auch aus gewissen Tatsachen geschlossen werden, er habe es so gemeint. Es ist eine Frage der Absicht könnte aber auch jenes andere geträumte meinen diese Wichtigkeit haben?

1725 In court, for example, one might ask how one intended a word, & it can also be inferred from certain facts that one intended it so. Is it a question of intention, but could that other, imagined meaning also have this importance?

§RPP I

437[4]

1726 Aber wie ist es: Wenn ich ein Gedicht, oder ausdrucksvolle Prosa lese, besonders wenn ich sie laut lese, so geht doch beim Lesen etwas vor, was nicht vorgeht, wenn ich die Sätze nur ihrer Information wegen lese. Ich kann doch, z.B., einen Satz mehr, oder weniger eindringlich lesen. Ich bemühe mich den Ton genau zu treffen. Dabei sehe ich oft ein Bild, gleichsam eine Illustration, vor mir. Ja ich kann auch einem Wort einen Ton verleihen, der seine Bedeutung, beinahe als wäre das Wort ein Bild, hervortreten läßt. . Man könnte sich selbst eine Schreibweise denken, in der gewisse Wörter durch bildliche Zeichen ersetzt und so hervorgehoben werden. Ja dies geschieht manchmal, wenn wir ein Wort unterstreichen, oder es im Satz förmlich auf ein Postament stellen. ((“‥‥ there lay a something ‥‥”))

1726 But what is it like: When I read a poem, or expressive prose, especially when I read it aloud, something happens during the reading that does not happen when I read the sentences only for their information. I can, for example, read a sentence more or less emphatically. I try to get the tone exactly right. In doing so, I often see a picture, as it were an illustration, before me. Yes, I can even give a tone to a word that brings out its meaning, as if the word were a picture. One could imagine a way of writing in which certain words are replaced by pictorial signs and thus highlighted. Yes, this sometimes happens when we underline a word, or formally place it on a pedestal in the sentence. ((“‥‥ there lay a something ‥‥”))

§RPP I

437[5] &
438[1]

1727 Wenn ich beim ausdrucksvollen Lesen dies Wort ausspreche, so ist es sozusagen mit seiner Bedeutung gefüllt. Und nun könnte man fragen: “Wie kann das sein?”

1727 When I pronounce this word when reading expressively, it is, as it were, filled with its meaning. And now one could ask: “How can this be?”

§RPP I

438[2]

1728 “Wie kann das sein, wenn Bedeutung das ist, was Du glaubst?” Der Gebrauch eines Wortes kann das Wort nicht begleiten, oder anfüllen. Und nun kann ich antworten: Mein Ausdruck war bildlich gebraucht. – Aber das Bild drängte sich mir auf. Ich will sagen: Das Wort war von seiner Bedeutung erfüllt. Wie ich dazu komme, das sagen zu wollen, ließe sich vielleicht erklären. Warum aber soll ich dann nicht auch ‘sagen wollen’: ich habe das Wort (isoliert) in dieser Bedeutung ausgesprochen?

1728 “How can that be, if meaning is what you believe?” The use of a word cannot accompany the word or fill it out. And now I can answer: My expression was used figuratively. – But the image forced itself upon me. I want to say: The word was filled with its meaning. How I come to want to say that might perhaps be explained. But why should I not also ‘want to say’: I uttered the word (in isolation) in this meaning?

§RPP I

438[3]

1729 Warum soll mich eine bestimmte Technik der Verwendung der Worte “Bedeutung”, “meinen” und anderer nicht dazu führen, diese Worte sozusagen in einem bildlichen, uneigentlichen Sinne zu gebrauchen? (So wie ich sage, der Laut e ist gelb.) Ich meine aber nicht; es sei ein Irrtum, ich habe das Wort nicht wirklich in dieser Bedeutung ausgesprochen, sondern mir's nur eingebildet. Nicht so ist es. Ich bilde mir ja auch nicht bloß ein, es werde im “Nathan” Schach gespielt.

1729 Why should a certain technique of using the words “meaning,” “to mean,” and others not lead me to use these words, as it were, in a figurative, improper sense? (Just as I say that the sound e is yellow.) But I do not mean that; it is not a mistake; I did not actually utter the word in this meaning, but merely imagined it. It is not like that. I also do not merely imagine that chess is being played in “Nathan.”

§RPP I

438[4]

1730 Das Denken in den Begriffen physiologischer Vorgänge ist für die Klarstellung der begrifflichen Probleme in der Psychologie höchst gefährlich. Das Denken in physiologischen Hypothesen spiegelt uns manchmal falsche Schwierigkeiten, manchmal falsche Lösungen vor. Die beste Kur dagegen ist der Gedanke daß ich garnicht weiß, ob die Menschen, die ich kenne, wirklich ein Nervensystem haben.

1730 Thinking in terms of physiological processes is highly dangerous for clarifying the conceptual problems in psychology. Thinking in physiological hypotheses sometimes presents us with false difficulties, sometimes false solutions. The best cure for this is the thought that I don’t even know if the people I know actually have a nervous system.

§RPP I

438[5] &
439[1]

1731 Der Fall der ‘erlebten Bedeutung’ ist verwandt dem des Sehens einer Figur als dies, oder jenes. Wir müssen diese begriffliche Verwandtschaft beschreiben; daß eigentlich beide male das Gleiche vorliege, sagen wir nicht.

1731 The case of ‘experienced meaning’ is related to that of seeing a figure as this or that. We must describe this conceptual relatedness; we don’t say that in both cases the same thing is actually present.

§RPP I

439[2]

1732 “Wenn Du Dein F so schreibst 🖵, meinst Du es als ‘verschobenes’ F, oder als Spiegel-F? – Willst Du, daß es nach rechts, oder daß es nach links schaue? – Die zweite Frage bezieht sich offenbar nicht auf einen Vorgang, der das Schreiben begleitet. Bei der ersten Frage könnte man an so einen Vorgang denken.

1732 “If you write your F like this 🖵, do you mean it as a ‘displaced’ F, or as a mirror-image F? – Do you want it to face to the right, or to the left? – The second question obviously does not refer to a process that accompanies the writing. In the case of the first question, one might think of such a process.

§RPP I

439[3]

1733 “Ich sehe, daß das Kind den Hund anrühren will, sich aber nicht recht traut.” Wie kann ich das sehen? – Ist diese Beschreibung des Gesehenen auf gleicher Stufe mit einer Beschreibung sich bewegender Formen und Farben? Liegt ein Deuten vor? Nun, bedenke, daß Du ja auch einen Menschen nachmachen kannst, der etwas angreifen möchte, sich aber nicht traut! Und was Du nachmachst ist doch ein Benehmen. Aber Du wirst dies Benehmen charakteristisch vielleicht nur in einem weiteren Zusammenhang nachahmen können.

1733 “I see that the child wants to touch the dog, but doesn’t quite dare.” How can I see that? – Is this description of what is seen on the same level as a description of moving shapes and colors? Is there an interpretation involved? Well, consider that one can also imitate a person who wants to touch something, but doesn’t dare! And what one imitates is behaviour. But one will probably only be able to imitate this behaviour in a broader context.

§RPP I

439[4]

1734 Man wird auch sagen können: Was diese Beschreibung sagt, wird sich irgendwie in der Bewegung und dem übrigen Benehmen des Kindes, aber auch in der räumlichen und zeitlichen Umgebung ausdrücken.

1734 One can also say: what this description says will somehow express itself in the child’s movements and other behaviour, but also in the spatial and temporal environment.

§RPP I

439[5]

1735 Soll ich nun aber sagen, daß ich die Furchtsamkeit in diesem Benehmen – oder den Gesichtsausdruck – eigentlich ‘sehe’? Warum nicht? Aber damit ist ja der Unterschied zweier Begriffe des Wahrgenommenen nicht geleugnet. Ein Bild des Gesichts könnte die Gesichtszüge sehr genau, den Ausdruck aber nicht richtig wiedergeben; es könnte aber auch der Ausdruck ähnlich sein und die Züge nicht gut getroffen. “Ähnlicher Ausdruck” faßt Gesichter ganz anders zusammen, als “ähnliche Anatomie”.

1735 Should I now say that I actually ‘see’ the timidity in this behaviour – or in the facial expression? Why not? But this does not deny the difference between two concepts of what is perceived. A picture of the face could reproduce the facial features very accurately, but not the expression correctly; but it could also be that the expression is similar and the features are not well captured. “Similar expression” brings faces together in a completely different way than “similar anatomy”.

§RPP I

440[1]

1736 Die Frage ist natürlich nicht: “Ist es richtig, zu sagen ‘ich sehe sein schlaues Blinzeln’?” Was sollte daran richtig oder falsch sein, außer der Gebrauch der deutschen Sprache? Wir werden auch nicht sagen: “Der naive Mensch hat ganz recht, wenn er sagt, er sähe den Gesichtsausdruck”!

1736 The question, of course, is not: “Is it correct to say ‘I see his cunning wink’?” What should be right or wrong about that, other than the use of the German language? We will also not say: “The naive person is quite right when he says that he sees the facial expression”!

§RPP I

440[2]

1737 Anderseits möchte man aber sagen: Wir können doch den Ausdruck, die Schüchternheit des Benehmens, etc. nicht in demselben Sinne ‘sehen’, wie die Bewegung, die Formen und Farben. Was ist nun daran? (Physiologisch ist die Frage natürlich nicht zu beantworten.) Nun, man sagt eben von der Bewegung und auch von der Freude des Hundes, man sähe sie. Schließt man die Augen, so kann man weder das eine noch das andere sehen. Sagt man aber von dem, er habe alles gesehen, was zu sehen ist, der die Bewegung des Hundes auf irgendeine Weise genau im Bilde wiedergeben könnte, dann müßte der die Freude des Hundes nicht erkennen. Ist also die ideale Darstellung des Gesehenen die photographisch (metrisch) genaue Wiedergabe im Bild, dann könnte man sagen wollen: “Ich sehe die Bewegung, und merke irgendwie die Freude.” Aber bedenke doch, in welcher Bedeutung wir das Wort “sehen” gebrauchen lernen. Wir sagen doch gewiß, wir sehen diesen Menschen, diese Blume, während unser Gesichtsbild – die Farben und Formen – sich stetig und zwischen den weitesten Grenzen ändern. Nun, so gebrauchen wir eben das Wort “sehen”. (Glaub nicht, Du kannst einen bessern Gebrauch dafür finden, – einen phänomenologischen!)

1737 On the other hand, one might say: Can we really ‘see’ the expression, the shyness of the behaviour, etc., in not in the same sense as we see movement, shapes and colours? What is the reason for this? (Of course, this question cannot be answered physiologically.) Well, one simply says that one sees movement, and also the dog’s joy. If one closes one’s eyes, one cannot see either the one or the other. But if one says that he has seen everything there is to see, that he could reproduce the dog’s movement in some way exactly in the picture, then he would not have to recognise the dog’s joy. If the ideal representation of what is seen is the photographically (metrically) accurate reproduction in the picture, then one could say that one wants to say: “I see the movement, and somehow I notice the joy.” But consider what meaning we learn to use the word “to see” in. Surely we say that we see this person, this flower, while our visual image – the colours and shapes – is constantly changing and within the widest limits. Well, that is simply how we use the word “to see”. (Do not believe that you can find a better use for it – a phenomenological one!)

§RPP I

441[1]

1738 Lerne ich nun die Bedeutung des Wortes “traurig” – auf's Gesicht angewendet – ganz so, wie die Bedeutung von “rund” oder “rot”? Nein, nicht ganz so, aber doch ähnlich. (Ich reagiere ja auch anders auf die Traurigkeit des Gesichts, als auf die Röte.)

1738 Do I now learn the meaning of the word “sad” – when applied to a face – in exactly the same way as the meaning of “round” or “red”? No, not quite the same, but similar. (I also react differently to the sadness of the face than to the redness.)

§RPP I

441[2]

1739 Schau eine Photographie an; frag Dich, ob Du nur die Verteilung von dunklern und hellern Flecken, oder auch den Gesichtsausdruck siehst! Frag Dich, was Du siehst: Wie wäre es leichter darzustellen: durch eine Beschreibung jener Verteilung von Flecken, oder durch die Beschreibung eines menschlichen Kopfes; und wenn Du nun vom Gesicht sagst, es lächle, – ist es leichter, die entsprechende Lage und Form der Gesichtsteile zu beschreiben, oder selbst zu lächeln?

1739 Look at a photograph; ask yourself whether you see only the distribution of darker and lighter spots, or also the facial expression! Ask yourself what you see: would it be easier to depict it by a description of that distribution of spots, or by the description of a human head; and if you now say that the face is smiling, is it easier to describe the corresponding position and shape of the facial parts, or to smile yourself?

§RPP I

441[3]

1740 “Was ich sehe, kann nicht der Ausdruck sein, weil das Erkennen des Ausdrucks von meinem Wissen, meiner Kenntnis des menschlichen Benehmens im allgemeinen, abhängt.” Aber ist dies nicht bloß eine geschichtliche Feststellung?

1740 “What I see cannot be the expression, because the recognition of the expression depends on my knowledge, my knowledge of human behaviour in general.” But isn’t this just a historical statement?

§RPP I

441[4]

1741 “Ist es hier, als nähme ich eine ‘vierte Dimension’ wahr? Nun, ja und nein. Seltsam ist es aber eben nicht. Woraus Du lernen sollst, daß das nicht seltsam ist, was einem beim Philosophieren so vorkommt. Wir nehmen an: das Wort ‥‥ müßte doch eigentlich so gebraucht werden (dieser Gebrauch fällt uns als Prototyp ein) und dann finden wir den normalen Gebrauch höchst seltsam.”

1741 “Is it here, as if I were perceiving a ‘fourth dimension’? Well, yes and no. But it is not actually odd. From which you should learn that what occurs to one while philosophizing is not necessarily odd. We assume: the word ‥‥ should actually be used like this (this use strikes us as a prototype), and then we find the normal use to be quite odd.”

§RPP I

442[1]

1742 “Was ich eigentlich sehe, muß doch das sein, was in mir durch Einwirkung des Objekts zustandekommt.” – Das, was in mir zustandekommt, ist dann so etwas wie ein Abbild, etwas, was man selbst wieder anschauen, vor sich haben könnte. Beinahe so etwas wie eine Materialisation. Und diese Materialisation ist etwas Räumliches und muß sich ganz in räumlichen Begriffen beschreiben lassen. Sie kann dann zwar lächeln, aber der Begriff der Freundlichkeit gehört nicht zu ihrer Darstellung, sondern ist dieser Darstellung fremd (wenn er ihr auch dienen kann).

1742 “What I actually see must be what is brought about in me by the action of the object.” – What is brought about in me is then something like a copy, something that one could again look at, have before one. Almost like a materialization. And this materialization is something spatial and must be describable entirely in spatial terms. It may indeed smile, but the concept of friendliness does not belong to its depiction, but is foreign to it (even if it can serve it).

§RPP I

442[2]

1743 Wer z.B. imstande wäre, dieses Bildnis genau zu kopieren, – sollte ich von dem nicht sagen, er sähe alles, was ich sehe? Und er müßte den Kopf garnicht als Kopf, oder als etwas Räumliches ansprechen; und wenn auch das, so brauchte ihm der Ausdruck nichts zu sagen. Und wenn dieser nun zu mir spricht, – sollte ich sagen, ich sehe mehr, als der Andere? Ich könnte es sagen.

1743 If someone were able to copy this picture exactly, – should I say that he does not see everything that I see? And he doesn't even need to refer to the head as a head, or as something spatial; and if he does, the expression need not mean anything to him. And if he now speaks to me, – should I say that I see more than the other person? I could say so.

§RPP I

442[3]

1744 Aber ein Maler kann doch ein Auge malen, daß er starrt; so muß also sein Starren sich durch die Verteilung der Farbe auf der Fläche beschreiben lassen. Aber wer es malt, muß diese Verteilung nicht beschreiben können.

1744 But a painter can paint an eye that stares; so his staring must be describable by the distribution of color on the surface. But whoever paints it does not have to be able to describe this distribution.

§RPP I

442[4] &
443[1]

1745 Verstehen eines Musikstücks – Verstehen eines Satzes. Man sagt, ich verstehe eine Redeweise nicht wie ein Einheimischer, wenn ich zwar ihren Sinn kenne, aber, z.B., nicht weiß, was für eine Klasse von Leuten sie verwenden würde. Man sagt in so einem Falle, ich kenne die genaue Schattierung der Bedeutung nicht. Wenn man aber nun dächte, man empfände beim Aussprechen des Wortes etwas anderes, wenn man diese Schattierung kennt, so wäre dies wieder unrichtig. Aber ich kann z.B. unzählige Übergänge machen, die der Andere nicht machen kann.

1745 Understanding a piece of music – understanding a sentence. One says that I do not understand an idiom like a native if I know its meaning, but, for example, do not know what kind of people would use it. In such a case, one says that I do not know the exact nuance of the meaning. But if one were to think that one experiences something different when uttering the word if one knows this nuance, then this would again be incorrect. But I can, for example, make countless transitions that the other person cannot make.

§RPP I

443[2]

1746 Man möchte doch sagen: “Das Seelenleben des Menschen läßt sich garnicht beschreiben; es ist so ungemein kompliziert und voll von kaum greifbaren Erlebnissen. Es gleicht großenteils einem Brauen farbiger Nebel, in dem jede Form nur Durchgang zu anderen Formen, zu anderen Durchgängen ist. – Ja, nimm nur das visuelle Erlebnis! Dein Blick wandert beinahe unaufhörlich: wie könntest Du es beschreiben?” – Und doch beschreibe ich's! – “Aber das ist nur eine ganz rohe Beschreibung, sie beschreibt Dein Erlebnis eigentlich nur in den gröbsten Zügen.” – Aber ist dies eben nicht, was ich Beschreibung meines Erlebnisses nenne? Wie komme ich denn zum Begriff einer Art Beschreibung, die ich unmöglich geben kann?

1746 One would like to say: “The mental life of a person cannot be described; it is so incredibly complicated and full of hardly graspable experiences. For the most part, it resembles the brewing of colored mists, in which every form is only a transition to other forms, to other transitions. – Yes, take, for example, visual experience! Your gaze wanders almost incessantly: how could you describe it?” – And yet, I do describe it! – “But this is only a very crude description; it actually describes your experience only in its broadest outlines.” – But is this not what I call a description of my experience? How do I come to the concept of a kind of description that I cannot possibly give?

§RPP I

443[3] &
444[1]

1747 Denk, Du blickst auf strömendes Wasser. Das Bild der Oberfläche ändert sich fortwährend. Lichte und Dunkelheiten tauchen überall auf und verschwinden. Was würde ich eine ‘genaue Beschreibung’ dieses Gesichtsbildes nennen? Ich würde nichts so nennen. Sagt Einer, es läßt sich nicht beschreiben, so kann man antworten: Du weißt nicht, was eine Beschreibung zu nennen wäre. Denn die genaueste Photographie z.B., würdest Du nicht als genaue Darstellung Deines Erlebnisses anerkennen. Genauigkeit gibt es in diesem Sprachspiel nicht. (Nämlich so, wie ein Rössel nicht im Damespiel.)

1747 Imagine you are looking at flowing water. The image of the surface changes constantly. Lights and darks appear everywhere and disappear. What would I call a ‘precise description’ of this visual image? I would call nothing that. If one says that it cannot be described, one can reply: You do not know what would be called a description. Because even the most accurate photograph, for example, you would not recognize as an accurate depiction of your experience. Accuracy does not exist in this language-game. (Just as a knight does not exist in the game of checkers).

§RPP I

444[2]

1748 Die Beschreibung des Erlebnisses beschreibt nicht einen Gegenstand. Sie kann sich der Beschreibung eines Gegenstands bedienen. Und dieser Gegenstand ist manchmal der, welchen man anschaut, manchmal (Photographie) nicht. Der Eindruck – möchte ich sagen – sei kein Gegenstand.

1748 The description of the experience does not describe an object. It can make use of the description of an object. And this object is sometimes the one that one looks at, sometimes (photograph) not. The impression – I would like to say – is not an object.

§RPP I

444[3]

1749 Wir lernen Gegenstände beschreiben, und dadurch, in anderm Sinne, unsere Empfindungen.

1749 We learn to describe objects, and thereby, in another sense, our sensations.

§RPP I

444[4]

1750 Ich schaue in das Okular eines Instruments und zeichne, oder male ein Bild dessen, was ich sehe. Wer es ansieht, kann sagen: “Also so schaut es aus” – aber auch “Also so erscheint es Dir”. Ich konnte das Bild einer Beschreibung des angeschauten, aber auch eine Beschreibung meines Gesichtseindrucks nennen.

1750 I look into the eyepiece of an instrument and draw, or paint a picture of what I see. Whoever looks at it can say: “So that’s what it looks like” – but also “So that’s what it appears to you to be.” I could call the picture a description of what is being looked at, but also a description of my visual impression.

§RPP I

444[5]

1751 “Der Eindruck ist verschwommen”– ‘also ist der Gegenstand in meinem Bewußtsein verschwommen’.

1751 “The impression is blurred” – ‘so the object is blurred in my consciousness’.

§RPP I

444[6]

1752 Den Eindruck kann man nicht betrachten, darum ist er kein Gegenstand. (Grammatisch.) Denn man betrachtet den Gegenstand nicht, um ihn zu ändern. (Das ist eigentlich, was Leute damit meinen: die Gegenstände existierten ‘unabhängig von uns’.)

1752 One cannot examine the impression; therefore, it is not an object. (Grammatically.) For one does not examine the object in order to change it. (This is, in fact, what people mean by saying that objects exist ‘independently of us’.)

§RPP I

445[1]

1753 “Der Sessel ist der gleiche, ob ich ihn betrachte oder nicht” – das müßte nicht wahr sein. Menschen werden oft verlegen, wenn man sie anschaut. “Der Sessel fährt fort zu existieren, ob ich ihn anschaue oder nicht.” Das könnte ein Erfahrungssatz, oder es könnte grammatisch aufzufassen sein. Man kann aber auch einfach an dem begrifflichen Unterschied zwischen Sinneseindruck und Objekt dabei denken.

1753 “The armchair is the same, whether I look at it or not” – that doesn’t have to be true. People often become embarrassed when one looks at them. “The armchair continues to exist, whether I look at it or not.” That could be an experiential proposition, or it could be understood grammatically. But one can also simply consider the conceptual difference between sense impression and object.

§RPP I

445[2]

1754 Deutsche Hauptwörter in kleinem Druck bei gewissen modernen Dichtern. Ein deutsches Hauptwort in kleinem Druck sieht fremdartig aus, man muß es aufmerksam lesen, um es zu erkennen. Es soll uns neu vorkommen, als hätten wir es jetzt zum ersten Mal gesehen. – Was aber interessiert mich daran? Dies, daß der Eindruck zuerst nicht genauer beschrieben werden kann, als durch Worte wie “seltsam”, “ungewohnt”. Später erst folgen sozusagen Analysen des Eindrucks. (Die Reaktion des Zurückschreckens vor dem seltsam geschriebenen Wort.)

1754 German nouns in small type in certain modern poems. A German noun in small type looks strange; one must read it attentively in order to recognize it. It is meant to seem new to us, as if we were seeing it for the first time. – But what is interesting about that? This, that the impression cannot at first be described more precisely than by words like “strange,” “unfamiliar.” Only later do, as it were, analyses of the impression follow. (The reaction of shrinking back from the strangely written word.)

§RPP I

445[3] &
446[1]

1755 Wir lehren Einen die Bedeutung des Wortes “unheimlich”, indem wir es mit einem gewissen Benehmen in gewissen Situationen in Zusammenhang bringen (aber nicht: das Benehmen so nennen). Er sagt nun in solchen Situationen, es sei ihm unheimlich; und einmal auch, das Wort “ghost” habe etwas Unheimliches. – Inwiefern war das Wort “unheimlich” von Haus aus die Bezeichnung eines Gefühls? Wenn Einer davor zurückscheut, in ein dunkles Zimmer zu gehen, warum soll ich dies und Ähnliches die Äußerung eines Gefühls nennen? Denn “Gefühl” läßt uns ja doch an Empfindung und Sinneseindruck denken, und dies wieder sind die Gegenstände, die unsere Seele unmittelbar vor sich hat. ((Ich will hier einen logischen Schritt machen, der mir sehr schwer fällt.))

1755 We teach someone the meaning of the word “uncanny” by associating it with a certain behaviour in certain situations (but not by calling the behaviour that). He now says in such situations that he feels uncanny; and also that the word “ghost” has something uncanny about it. – In what sense was the word “uncanny” originally the designation of a feeling? If someone shrinks back from going into a dark room, why should I call this and the like an expression of a feeling? For “feeling” does, after all, make us think of sensation and sense impression, and these again are the objects that our mind has directly before it. ((I want to make a logical step here, which is very difficult for me.))

§RPP I

446[2]

1756 “Was weiß ich von den Gefühlen des Andern, und was weiß ich von den Meinen?” heißt, daß die Erfahrung, als Gegenstand aufgefaßt, aus der Betrachtung herausfiele.

1756 “What do I know about the feelings of others, and what do I know about my own?” means that the experience, when understood as an object, falls outside the scope of consideration.

§RPP I

446[3]

1757 Kann denn etwas merkwürdiger sein, als daß der Rhythmus des Satzes für sein genaues Verständnis von Wichtigkeit sein soll!

1757 Can anything be more curious than that the rhythm of the sentence should be of importance for its exact understanding!

§RPP I

446[4]

1758 Es ist, als teilte uns der etwas mit, der den Satz als Mitteilung ausspricht, aber auch der Satz als bloßes Beispiel.

1758 It is as if someone were telling us something, who utters the sentence as a communication, but also as a mere example.

§RPP I

446[5]

1759 Es ist ja klar, daß die Beschreibungen der Eindrücke die Form der Beschreibung ‘äußerer’ Gegenstände haben – mit gewissen Abweichungen. (Einer gewissen Vagheit, z.B.) Oder auch: Soweit die Beschreibung des Eindrucks der Beschreibung eines Gegenstandes gleichsieht, ist sie eine Beschreibung eines Gegenstands der Wahrnehmung. (Darum sollte die Betrachtung des zweiäugigen Sehens den einigermaßen beunruhigen, der vom visuellen Gegenstand redet.)

1759 It is clear that the descriptions of impressions have the form of descriptions of ‘external’ objects – with certain deviations. (With a certain vagueness, for example.) Or also: insofar as the description of the impression resembles the description of an object, it is a description of an object of perception. (Therefore, the consideration of binocular vision should make one somewhat uneasy who speaks of the visual object.)

§RPP I

446[6] &
447[1]

1760 “Das Denken ist ein rätselhafter Vorgang, von dessen vollem Verständnis wir noch weit entfernt sind.” Und nun stellt man Experimente an. Offenbar, ohne sich bewußt zu sein, worin das Rätselhafte des Denkens für uns liegt. Die experimentelle Methode tut etwas; daß sie das Problem nicht löst, schiebt man darauf, daß sie noch in ihren Anfängen liegt. Es ist, als wollte man durch chemische Experimente feststellen, was Materie, und was Geist ist.

1760 “Thinking is a mysterious process, of whose full understanding we are still far from achieving.” And now experiments are carried out. Apparently, without being consciously aware of what the mysteriousness of thinking consists of for us. The experimental method does something; the fact that it does not solve the problem is attributed to the fact that it is still in its early stages. It is as if one wanted to determine by chemical experiments what is matter and what is mind.

§RPP I

447[2]

1761 Wer den Gesichtseindruck beschreibt, beschreibt die Ränder des Gesichtsfelds nicht. Ist dies eine Unvollkommenheit unserer Beschreibungen? Schließe ich das linke Auge und drehe dann die Augen, soweit ich nur kann nach rechts, so sehe ich ‘aus dem Augenwinkel’ noch einen Gegenstand aufglänzen. Ja, ich könnte eine beiläufige Beschreibung von diesem Eindruck geben. Ich könnte auch eine Zeichnung von ihm herstellen, und sie würde vielleicht Dunkelheiten und einen dunkeln, verlaufenden Rand zeigen: aber richtig verstehen, verwenden könnte nur der dies Bild, der weiß, in welcher Situation es zu verwenden ist. D.h.: er könnte nun auch ein Auge schließen, soweit wie möglich nach rechts schauen, und sagen, auch er sehe es so, oder in dieser oder jener Weise abweichend.

1761 Whoever describes the visual impression does not describe the edges of the field of vision. Is this an imperfection of our descriptions? If I close my left eye and then turn my eyes as far to the right as I can, I can still see an object ‘out of the corner of my eye’. Yes, I could give an incidental description of this impression. I could also make a drawing of it, and it might show darkness and a dark, fading edge: but only the person who knows in what situation it is to be used could properly understand and apply it. That is to say: he could now also close one eye, look as far as possible to the right, and say that he too sees it in this way, or differs in this or that way.

§RPP I

447[3]

1762 Daß wir mit gewissen Begriffen rechnen, mit andern nicht, zeigt nur, wie verschiedener Art die Begriffswerkzeuge sind (wie wenig Grund wir haben, hier ja Einförmigkeit anzunehmen.)

1762 The fact that we deal with certain concepts, but not with others, merely shows how different the conceptual tools are (and how little reason we have to assume uniformity here).

§RPP I

448[1]

1763 Turing's ‘Maschinen’. Diese Maschinen sind ja die Menschen, welche kalkulieren. Und man könnte, was er sagt, auch in Form von Spielen ausdrücken. Und zwar wären die interessanten Spiele solche, bei denen man gewissen Regeln gemäß zu unsinnigen Anweisungen gelangt. Ich denke an Spiele ähnlich dem “Wettrennspiel”. Man erhielte etwa den Befehl “Setze auf die gleiche Art fort”, wenn dies keinen Sinn ergibt, etwa, weil man in einen Zirkel gerät; denn jener Befehl hat eben nur an gewissen Stellen Sinn. (Watson.)

1763 Turing's ‘machines’. These machines are the people who calculate. And what he says could also be expressed in the form of games. In fact, the interesting games would be those in which one arrives at nonsensical instructions according to certain rules. I am thinking of games similar to the “racing game”. One might, for example, receive the instruction “Continue in the same way,” when this makes no sense, because one is caught in a circle; for this instruction only makes sense in certain places. (Watson.)

§RPP I

448[2]

1764 Eine Variante des Cantor'schen Diagonalbeweises:

N = F (k,n) sei die Form der Gesetze für die Entwicklung von Dezimalbrüchen. N ist die n-te Dezimalstelle der k-ten Entwicklung. Das Gesetz der Diagonale ist dann: N=F(n,n)=DefinitionF'(n). Zu beweisen ist, daß F'n nicht eine der Regeln F(k,n) sein kann. Angenommen, es sei die 100ste. Dann lautet die Regel zur Bildung

von F ( 1 ) F ( 1 , 1 ) von F ( 2 ) F ( 2 , 2 ) etc.

aber die Regel zur Bildung der 100sten Stelle von F'(n) wird F(100,100); d.h., sie sagt uns nur, daß die 100ste Stelle sich selber gleich sein soll, ist also für n = 100 keine Regel. Die Spielregel lautet “Tu das Gleiche, wie ‥‥!” – und im besondern Fall wird sie nun “Tu das Gleiche, wie das, was Du tust!”

1764 A variant of Cantor's diagonal proof:

Let N = F(k,n) be the form of the laws for the development of decimal fractions. N is the n-th decimal place of the k-th development. The law of the diagonal is then: N=F(n,n)=DefinitionF'(n). It must be proven that F'n cannot be one of the rules F(k,n). Suppose it is the 100th. Then the rule for the formation is

von F ( 1 ) F ( 1 , 1 ) von F ( 2 ) F ( 2 , 2 ) etc.

but the rule for the formation of the 100th place of F'(n) is F(100,100); that is, it only tells us that the 100th place is equal to itself, and is therefore for n = 100 not a rule. The rule of the game is “Do the same as ‥‥!” – and in the specific case it now becomes “Do the same as what you are doing!”

§RPP I

449[1]

1765 Der Begriff des ‘Ordnens’ der Rationalzahlen z.B. und der ‘Unmöglichkeit’ die Irrationalzahlen so zu ordnen. Vergleiche das mit dem, was man ‘Ordnen’ von Ziffern nennt. Gleichermaßen der Unterschied zwischen dem ‘Zuordnen’ einer Ziffer (oder Nuss) zu einer andern und dem ‘Zuordnen’ aller ganzer Zahlen zu den geraden Zahlen; etc. Überall Begriffsverschiebungen.

1765 The concept of the ‘ordering’ of rational numbers, for example, and the ‘impossibility’ of ordering irrational numbers in the same way. Compare this with what one calls ‘ordering’ digits. Likewise, the difference between ‘assigning’ a digit (or nut) to another and ‘assigning’ all integers to even numbers; etc. Everywhere, shifts in concepts.

§RPP I

449[2]

1766 Die Beschreibung des subjektiv Gesehenen ist nahe oder entfernt verwandt der Beschreibung eines Objekts, aber funktioniert nicht als Beschreibung eines Gegenstands. Wie vergleicht man Gesichtsempfindungen? Wie vergleiche ich meine mit des Andern Gesichtsempfindungen?

1766 The description of what is subjectively seen is closely or remotely related to the description of an object, but it does not function as a description of an object. How does one compare visual sensations? How do I compare my visual sensations with those of another?

§RPP I

449[3]

1767

Das menschliche Auge sehen wir nicht als Empfänger, es scheint nicht etwas einzulassen, sondern auszusenden. Das Ohr empfängt; das Auge blickt. (Es wirft Blicke, es blitzt, strahlt, leuchtet.) Mit dem Auge kann man schrecken, nicht mit dem Ohr, der Nase. Wenn Du das Aug siehst, so siehst Du etwas von ihm ausgehen. Du siehst den Blick des Auges.

1767

We do not see the human eye as a receiver; it does not seem to let something in, but rather to emit. The ear receives; the eye looks. (It throws glances, it flashes, radiates, shines.) One can frighten with the eye, not with the ear or the nose. When you see the eye, you see something emanating from it. You see the eye's gaze.

§RPP I

449[4] &
450[1]

1768

“Wenn Du nur von Deinen physiologischen Vorurteilen wegkommst, wirst Du garnichts daran finden, daß das Blicken des Auges auch gesehen werden kann.” Ich sage ja auch, ich sehe den Blick, den Du dem Andern zuwirfst. Und wollte man mich verbessern und sagen, ich sähe ihn eigentlich nicht, so hielte ich das für eine Dummheit. Anderseits habe ich mit meiner Redeweise nicht etwas zugegeben, und ich widerspreche dem, der mir sagt, ich sähe den Blick ‘geradeso’ wie den Gestalt und Farbe des Auges. Denn das ‘naive Sprechen’, d.h. unsere naive, normale, Ausdrucksweise, enthält ja keine Theorie des Sehens – zeigt Dir keine Theorie, sondern nur einen Begriff des Sehens.

1768

“If you only get rid of your physiological prejudices, you will find nothing wrong with the fact that the eye's gaze can also be seen.” I also say that I see the gaze that you cast on another. And if one wanted to correct me and say that I don't actually see it, I would consider that foolish. On the other hand, with my way of speaking, I have not conceded something, and I contradict the person who tells me that I see the gaze ‘just as’ the shape and color of the eye. For ‘naive speech,’ i.e., our naive, normal way of expressing ourselves, does not contain a theory of seeing – it does not show you a theory, but only a concept of seeing.

§RPP I

450[2] &
451[1]

1769 Und wenn Einer sagt “Ich sehe eigentlich nicht das Blicken, sondern nur Formen und Farben”, – widerspricht der der naiven Ausdrucksweise? Sagt er, der war im Unrecht, der sagte, er habe meinen Blick wohl gesehen, gesehen, daß dieses Menschen Augen starren, ins Leere blicken, etc.? Doch gewiß nicht. Was wollte also der Purist tun? Will er sagen, es sei richtiger, hier ein anderes Wort statt des Wortes “sehen” zu gebrauchen? Ich glaube, er will nur auf eine Scheide zwischen Begriffen aufmerksam machen. Wie stellt denn das Wort “sehen” die Wahrnehmungen zusammen? Ich meine: es kann sie zusammennehmen als Wahrnehmungen mit dem Auge; denn wir spüren ja das Sehen nicht im Auge. Aber eigentlich scheint der, der auf der Richtigkeit unserer normalen Ausdrucksweise besteht, zu sagen: daß im Gesichtseindruck das alles enthalten sei; daß das subjektive Auge sowohl Form als Farbe, als Bewegung, als Ausdruck und Blick (Richtung nach außen) habe. Daß man den Blick, sozusagen, nicht woanders spürt. Aber das heißt nicht: ‘woanders als in den Augen’, sondern: woanders als im Gesichtsbild. Aber wie wäre es denn, wenn's anders wäre? Etwa so, daß ich sagte: “Ich sehe in diesem Auge die und die Formen, Farben, Bewegungen, – das heißt, es blickt jetzt freundlich”, als zöge ich also einen Schluß. – Man könnte also sagen: Der Ort des wahrgenommenen Blickes ist das subjektive Auge, das Gesichtsbild des Auges, selber.

1769 And if one says, “I don’t actually see the looking, but only shapes and colors,” – does this contradict the naive way of expressing oneself? Does it say that he was wrong who said that he saw my gaze, saw that this person’s eyes were staring, looking into the void, etc.? But certainly not. So what did the purist want to do? Does he want to say that it would be more correct to use a different word here instead of the word “to see”? I believe he only wants to draw attention to a distinction between concepts. How does the word “to see” combine the perceptions? I mean: it can combine them as perceptions with the eye; for we do not feel seeing in the eye. But actually, the one who insists on the correctness of our normal way of expressing ourselves seems to say: that everything is contained in the visual impression; that the subjective eye has both form and color, as well as movement, as expression and gaze (direction outward). That one doesn’t feel the gaze, as it were, elsewhere. But that doesn’t mean: ‘elsewhere than in the eyes’, but: elsewhere than in the visual image. But what if it were different? Perhaps like this: that I say: “I see in this eye the and the shapes, colors, movements – that is, it is now looking friendly,” as if I were drawing a conclusion. – One could therefore say: The location of the perceived gaze is the subjective eye, the visual image of the eye, itself.

§RPP I

451[2]

1770 Vor allem kann ich mir sehr wohl jemand denken, der zwar ein Gesicht höchst genau sieht, es z.B. genau portraitieren kann, aber seinen lächelnden Ausdruck nicht als Lächeln erkennt. Zu sagen, sein Sehen sei mangelhaft, fände ich absurd. Und zu sagen, daß sein subjektiver Gesichtsgegenstand eben nicht lächle, obwohl er alle Farben und Formen des meinen hat, ebenso absurd.

1770 Above all, I can very well imagine someone who sees a face very accurately, who can, for example, accurately portray it, but does not recognize its smiling expression as a smile. To say that his seeing is deficient would be absurd. And to say that his subjective visual object does not smile, even though it has all the colors and shapes of mine, is equally absurd.

§RPP I

451[3]

1771 D.h.: wir ziehen hier eine begriffliche Grenze (und sie hat mit physiologischen Meinungen nichts zu tun).

1771 That is, we draw a conceptual boundary here (and it has nothing to do with physiological opinions).

§RPP I

451[4]

1772 Der Glanz, oder die Spiegelung: Wenn ein Kind malt, so wird es diese nie malen. Ja es ist beinahe verblüffend, daß sie durch die gewöhnlichen Öl- oder Wasserfarben dargestellt werden können.

1772 The sheen or reflection: When a child paints, he will never paint this. In fact, it is almost astonishing that they can be depicted with ordinary oil or watercolor paints.

§RPP I

451[5]

1773 Wer sieht, daß jemand die Hand ausstreckt, um etwas zu berühren, sich aber davor scheut, der sieht doch, in einem gewissen Sinne, dasselbe wie Einer, der die Bewegung der Hand in allen Einzelheiten nachahmen, oder durch Zeichnungen darstellen kann, sie aber nicht so zu deuten vermag.

1773 Whoever sees that someone is reaching out their hand to touch something, but refrains from doing so, surely sees, in a certain sense, the same thing as someone who can accurately imitate the movement of the hand in all its details, or depict it in drawings, but cannot interpret it in the same way.

§RPP I

451[6] &
452[1]

1774 Wenn jemand sagt: Die Form, die Farbe, die Organisation, der Ausdruck, sind doch alle, offenbar, (für jeden Unvoreingenommenen) Eigenschaften, Züge, des subjektiv Gesehenen, des unmittelbaren Gesichtsobjekts, – so verrät ihn hier das Wort “offenbar”. “Offenbar” ist es darum, weil's Jeder zugibt; und er gibt es nur durch den Sprachgebrauch zu. Man begründet also hier einen Satz durch ein Bild.

1774 If someone says: The form, the color, the organization, the expression, are all, evidently, (for everyone with an open mind) properties, features of the subjectively seen, of the immediate visual object, – then the word “evidently” betrays him. It is “evidently” because everyone admits it; and he admits it only through linguistic usage. One is thus grounding a sentence by means of an image.

§RPP I

452[2]

1775 Jenes Bild ist ja nur eine Illustration zur Methodologie unserer Sprache. Wenn wir wirklich Alle geneigt sind, dies Bild treffend zu finden, so hat dies etwa psychologisches Interesse, ersetzt aber eine begriffliche Untersuchung nicht.

1775 That image is merely an illustration of the methodology of our language. If we are all really inclined to find this image fitting, then this may be of psychological interest, but it does not replace a conceptual investigation.

§RPP I

452[3]

1776 “Methodologie” kann man zweierlei nennen: Eine Beschreibung der Tätigkeiten, die man, z.B., “Messen” nennt, einen Zweig der menschlichen Naturgeschichte, der uns die Begriffe des Messens, der Genauigkeit, etc. in ihren Varianten verständlich machen wird; oder aber einen Zweig der angewandten Physik, die Lehre davon, wie man am besten (genauesten, bequemsten, etc.) das und das unter den und den Umständen mißt.

1776 One can call “methodology” two things: A description of the activities that one calls “measuring,” a branch of natural history that will make the concepts of measuring, accuracy, etc., understandable in their various forms; or a branch of applied physics, the doctrine of how to best (most accurately, conveniently, etc.) measure this and that under these and those circumstances.

§RPP I

452[4]

1777 Ich sage ihm “Ändere Deine Einstellung so: ‥‥” – er tut es; und nun hat sich etwas in ihm geändert. ‘Etwas’? Seine Einstellung hat sich geändert; und diese Änderung kann man nun beschreiben. Die Einstellung ‘etwas in ihm’ zu nennen, ist irreführend. Es ist, als könnten wir nun dunkel ein Etwas sehen, oder fühlen, was sich geändert hat und “die Einstellung” genannt wird. Während alles klar zutage liegt, – die Worte “eine neue Einstellung” aber eben nicht eine Empfindung bezeichnen.

1777 I say to him, “Change your attitude like this: ‥‥” – he does it; and now something has changed in him. ‘Something’? His attitude has changed; and this change can now be described. Calling the attitude ‘something in him’ is misleading. It is as if we can now dimly see or feel something that has changed and is called ‘the attitude.’ Whereas everything is clearly in view, – but the words “a new attitude” do not denote a sensation.

§RPP I

452[5] &
453[1]

1778 Wie sieht die Beschreibung einer ‘Einstellung’ aus? Man sagt z.B.: “Sieh von diesen Flecken ab und auch von dieser kleinen Unregelmäßigkeit, und schau es als Bild eines ‥‥ an!” “Denk Dir das weg! Wär's Dir auch ohne dieses ‥‥ unangenehm?” Man wird doch sagen, ich ändere mein Gesichtsbild – wie durch Blinzeln, oder Weghalten eines Details. Dieses “Absehen von …” spielt doch eine ganz ähnliche Rolle, wie etwa die Anfertigung eines neuen Bildes.

1778 What does the description of an ‘attitude’ look like? One says, for example: “Look away from these spots and also from this small irregularity, and look at it as an image of ‥‥!” “Imagine that away! Would you also feel uncomfortable without this ‥‥?” One would surely say that I am changing my visual image – as if by blinking or ignoring a detail. This “looking away from …” plays a very similar role to, for example, creating a new image.

§RPP I

453[2]

1779 Nun wohl, – und das sind gute Gründe dafür, zu sagen, wir hätten durch unsre Einstellung unsern Gesichtseindruck geändert. D.h., es sind (dies) gute Gründe, den Begriff ‘Gesichtseindruck’ so zu begrenzen.

1779 Now then, – and these are good reasons for saying that we have changed our visual impression through our attitude. That is, these are good reasons for limiting the concept of ‘visual impression’ in this way.

§RPP I

453[3]

1780 Das Wort “Organisation” verträgt sich sehr gut mit dem Begriff ‘Zusammengehörigkeit’. Es scheint hier eine Reihe einfacher Modifikationen des Gesichtseindrucks zu geben, die alle eigentlich ‘optisch’ sind. Man kann aber eben in verschiedenen Aspekten noch ganz andere Dinge tun, als Teile trennen und zusammennehmen, oder unterdrücken und hervorheben.

1780 The word “organization” goes very well with the concept of ‘belonging together.’ There seems to be here a series of simple modifications of the visual impression, which are all actually ‘optical.’ But one can, in different aspects, do quite different things than separating and combining parts, or suppressing and emphasizing.

§RPP I

453[4]

1781 Ich kann doch etwas bestimmtes eine bestimmte Eigentümlichkeit des Vorgangs des Kopierens einer Zeichnung “zusammenfassen” nennen. Ich kann dann sagen, Einer fasse bei der zeichnerischen Wiedergabe – oder bei der Beschreibung, die Figur so zusammen, organisiere sie so. (Freilich hätte es damit in manchen Fällen Schwierigkeiten; z.B. im Fall Hase-Ente.)

1781 I can ‘sum up’ a certain peculiarity of the process of copying a drawing. I can then say that one, in the graphic reproduction – or in the description, organizes the figure in this way. (Of course, this would be difficult in some cases; e.g., in the case of the hare-duck.)

§RPP I

453[5]

1782 Man sage nun: Ich kann Striche beim Kopieren zusammennehmen, aber auch bloß durch die Aufmerksamkeit. Ähnlich, wie ich im Kopfe, so wie auf dem Papier, rechnen kann.

1782 One can now say: I can combine strokes when copying, but also simply through attention. Similarly, I can calculate in my head, just as I can on paper.

§RPP I

453[6] &
454[1]

1783 Kann die Gestaltpsychologie die verschiedenen Organisationen, die sich ins unorganisierte Gesichtsbild einführen lassen, klassifizieren; kann sie die möglichen Arten der Modifikationen, die die Gestaltungsfähigkeit unseres Nervensystems hervorrufen kann, ein für alle mal angeben? Wenn ich den Punkt als Auge sehe, das in dieser Richtung schaut, – in welches System von Modifikationen paßt dieser Aspekt? (System von Formen und Farben.)

1783 Can Gestalt psychology classify the different organizations that can be introduced into the unorganized visual image; can it definitively state the possible types of modifications that our nervous system is capable of producing? If I see the dot as an eye looking in this direction, – to which system of modifications does this aspect belong? (System of shapes and colors.)

§RPP I

454[2]

1784 Es ist z.B. irreführend, glaube ich, wenn Köhler die spontanen Aspekte der Figur 🖵 damit beschreibt: die Striche, die in einem Aspekt zum gleichen Arm gehören, gehören nun zu verschiedenen Armen. Das klingt, als handelte es sich hier wieder um ein Zusammennehmen dieser Radien. Während doch die Radien, die früher zusammengehörten, auch jetzt zusammengehören; nur umgrenzen sie einmal einen ‘Arm’ einmal einen Zwischenraum.

1784 I believe it is misleading, for example, when Köhler describes the spontaneous aspects of the figure 🖵 by saying: the strokes that in one aspect belong to the same arm now belong to different arms. This sounds as if it were once again a matter of bringing these radii together. Whereas the radii that belonged together before still belong together now; only now they outline one ‘arm’ or a space between them.

§RPP I

454[3]

1785 Ja, Du kannst wohl sagen: Zur Beschreibung dessen, was Du siehst, Deines Gesichtseindrucks, gehört nicht bloß, was die Kopie zeigt, sondern auch die Angabe z.B., Du sähest dies ‘solid’, das andere ‘als Zwischenraum’. Es kommt eben hier darauf an, was wir wissen wollen, wenn wir Einen fragen, was er sieht.

1785 Yes, you can say: the description of what you see, of your visual impression, does not consist only of what the copy shows, but also of the statement, for example, that you see this ‘solidly’ and the other ‘as a space.’ The point here is what we want to know when we ask someone what he sees.

§RPP I

454[4]

1786 “Aber ich kann doch offenbar im Sehen Elemente (Striche z.B.) zusammennehmen!” Aber warum nennt man es “zusammennehmen”? Warum braucht man hier ein Wort – wesentlich – das schon eine andere Bedeutung hat? (Es ist hier natürlich wie im Fall des Wortes “Kopfrechnen”.)

1786 “But I can obviously ‘bring together’ elements (strokes, for example) in seeing!” But why does one call it “bringing together”? Why does one need a word here – essentially – that already has a different meaning? (It is, of course, the same as in the case of the word “mental arithmetic**”**.)

§RPP I

454[5]

1787 Wenn ich Jemandem sage: “Nimm diese Striche (oder anderes) zusammen!” was wird er tun? Nun, Verschiedenes, je nach den Umständen. Vielleicht soll er sie zu zwei und zwei zählen, oder in eine Lade legen, oder anblicken, etc.

1787 If I say to someone: “Bring these strokes (or something else) together!” what will he do? Well, various things, depending on the circumstances. Perhaps he should count them in pairs, or put them in a drawer, or look at them, etc.

§RPP I

454[6]

1788 Ist denn die Zeichnung selber, die Du ansiehst, organisiert? Und wenn Du sie so und so ‘organisiert’ siehst, siehst Du da mehr, als vorhanden ist?

1788 Is the drawing itself, which you are looking at, organized? And if you see it ‘organized’ in this way, do you see more than is actually present?

§RPP I

454[7] &
455[1]

1789 “Organisiere diese Dinge!” – Was heißt das? Etwa: “ordne sie”. Es könnte heißen: bring Ordnung in sie, – oder auch: lern Dich unter ihnen auskennen, lerne sie beschreiben; lerne sie durch ein System, durch eine Regel, beschreiben.

1789 “Organize these things!” – What does that mean? For example: “arrange them.” It could mean: bring order into them, or also: learn to familiarize yourself with them, learn to describe them; learn to describe them through a system, through a rule.

§RPP I

455[2]

1790 Die Frage ist wieder: Was teile ich Einem durch die Worte mit “Ich nehme jetzt die Striche mit dem Blick so zusammen”? Man kann auch so fragen : Zu welchem Zweck sage ich Einem “Nimm diese Striche mit dem Blick so zusammen!” – Es ist hier wieder eine Ähnlichkeit mit der Aufforderung “Stell Dir das vor!”

1790 The question is again: what do I communicate to someone by saying “I now bring the strokes together in this way with my gaze”? One can also ask: for what purpose do I say to someone “Bring these strokes together with your gaze in this way!” – There is again a similarity with the request “Imagine that!”

§RPP I

455[3]

1791 Jedem Denken kleben die Eierschalen seines Ursprungs an. Man kennt es Dir an, im Kampf womit Du aufgewachsen bist. Welche Anschauungen die Deinen bezeugt; von welchen Du Dich dann hast losmachen müssen.

1791 The eggshells of its origin stick to every thought. You can tell by the way someone argues what he has grown up with. What views he has held, from which he then had to break away.

§RPP I

455[4]

1792 Das Bild 🖵 organisiert sich unter unserm Blick nicht.

1792 The picture 🖵 does not organize itself under our gaze.

§RPP I

455[5]

1793 Es ist vielleicht wichtig, zu bedenken, daß ich eine Figur heute so sehen, auffassen, kann, morgen anders, und kein ‘Umschnappen’ stattgefunden haben muß. Ich könnte z.B. eine Illustration in einem Buch heute so auffassen und gebrauchen, morgen der gleichen Illustration auf einer späteren Seite begegnen wo sie anders aufzufassen ist, ohne daß ich merke, daß es wieder die gleiche Figur ist.

1793 It is perhaps important to remember that I can see, grasp, a figure today in one way, tomorrow in another, and no ‘switch’ need have taken place. For example, I might perceive and use an illustration in a book today in one way, and tomorrow encounter the same illustration on a later page where it is to be understood differently, without me realizing that it is the same figure again.

§RPP I

455[6]

1794 Könnte Einer seine Zuverlässigkeit dartun, indem er sagte: “Es ist wahr; und sieh, ich glaube es!”

1794 Could one demonstrate one’s reliability by saying: “It is true; and look, I believe it!”

§RPP I

455[7]

1795 Könnte man sagen: es spiegelt sich eine Auffassung, eine Technik, im Erleben? Was doch nur heißt: Wir verwenden den Ausdruck, den wir für eine Technik gelernt haben, in einem Erlebnisausdruck (nicht: als Bezeichnung eines Erlebnisses).

1795 Could one say: an understanding, a technique, is reflected in experience? Which only means: we use the expression that we have learned for a technique in an expression of experience (not: as a designation of an experience).

§RPP I

455[8]

1796 Warum soll denn eine Sprechweise nicht für ein Erlebnis verantwortlich sein?

1796 Why should a way of speaking not be responsible for an experience?

§RPP I

456[1]

1797 Hätte es einen Sinn, einen Komponisten zu fragen, ob man eine Figur so oder so hören soll, wenn das nicht auch heißt, ob man sie auf diese, oder jene Weise spielen soll?

1797 Would it make sense to ask a composer whether one should hear a figure this way or that way, if that does not also mean whether one should play it in this way or that way?

§RPP I

456[2]

1798 Erinnerung: “Ich sehe uns noch an jenem Tisch sitzen”. – Aber habe ich wirklich das gleiche Gesichtsbild– oder eines von denen, welche ich damals hatte? Sehe ich auch gewiß den Tisch und meinen Freund vom gleichen Gesichtspunkt wie damals, also mich selbst nicht? – – Mein Erinnerungsbild ist nicht Evidenz jener vergangenen Situation; wie eine Photographie es wäre, die, damals aufgenommen, mir jetzt bezeugt, daß es damals so war. Das Erinnerungsbild und die Erinnerungsworte stehen auf gleicher Stufe.

1798 Memory: “I can still see us sitting at that table.” – But do I really have the same visual image—or one of those I had at the time? Do I also certainly see the table and my friend from the same point of view as at the time, and therefore not myself? – My memory-image is not evidence of that past situation; it is not like a photograph that, taken at the time, now testifies to me that it was like that at the time. The memory-image and the memory-sentences are on the same level.

§RPP I

456[3]

1799 Warum sollte man nicht sich selbst widersprechende Sätze ausschließen: nicht, weil sie sich selbst widersprechen, sondern weil sie nutzlos sind? Oder so: Darum, weil sie sich selbst widersprechen, braucht man sie ja nicht wie etwas Unreines scheuen; man schließe sie aus, weil sie zu nichts zu brauchen sind.

1799 Why shouldn’t one exclude sentences that contradict themselves: not because they contradict themselves, but because they are useless? Or like this: Because they contradict themselves, one doesn’t need to shun them as something impure; one excludes them because they are of no use.

§RPP I

456[4]

1800 Du mußt mit der Vorstellung Ernst machen, daß es ja wirklich in einer Sprache ein Wort geben könnte, welches Schmerzbenehmen, und nicht Schmerz, bezeichnet.

1800 You must take the image seriously, that in a language there might actually be a word that designates pain-behaviour, and not pain.

§RPP I

456[5]

1801 Er fragt “Was hast Du mit dem Wort gemeint?” – Ich beantworte die Frage und setze hinzu: “Hättest Du mich früher gefragt, so hätte ich das gleiche geantwortet; meine Antwort war nicht eine Deutung, die mir jetzt eingefallen ist.” So war sie mir schon früher eingefallen? Nein. – Und wie konnte ich dann sagen: “Hättest Du mich früher gefragt, so hätte ich ‥‥ ”? Woraus schloß ich das? Aus garnichts. Was teile ich ihm mit, wenn ich diesen Konditional ausspreche? Etwas, was manchmal von Wichtigkeit sein kann.

1801 He asks, “What did you mean by that word?” – I answer the question and add: “If you had asked me earlier, I would have given the same answer; my answer was not an interpretation that just occurred to me.” Did it occur to me earlier? No. – And how could I then say: “If you had asked me earlier, I would have ‥‥”? What did I conclude from? From nothing. What do I communicate to him when I utter this conditional? Something that can sometimes be important.

§RPP I

457[1]

1802 Er weiß z.B. jetzt, daß keine Sinnesänderung in mir vorgegangen ist. Es macht auch einen Unterschied, ob ich antworte, ich hätte die Worte ‘nur so vor mich hin gesagt’, ohne etwas mit ihnen zu meinen; oder, ich habe den und den mit ihnen gemeint. Es hängt manches davon ab. Es ist auch nicht gleichgültig ob jemand mir sagt “Ich liebe sie”, weil ihm die Worte eines Gedichts im Kopf herumgehen, oder ob er's sagt, mir seine Liebe zu gestehen.

1802 He now knows, for example, that no change in my senses has taken place. It also makes a difference whether I answer that I just said the words to myself, without meaning anything by them; or, I meant the one thing or the other by them. Much depends on it. It is also not the same if someone says to me, “I love her,” because the words of a poem are going around in his head, or if he says it to confess his love to me.

§RPP I

457[2]

1803 Ist es aber nicht sonderbar, daß es so eine Reaktion so ein Geständnis der Intention gibt? Ist es nicht ein höchst merkwürdiges Sprachinstrument? Was ist eigentlich merkwürdig daran? Nun, – es ist schwer vorstellbar, wie der Mensch diesen Wortgebrauch lernt. Er ist gar so subtil.

1803 But isn’t it remarkable that there is such a reaction, such a confession of intention? Isn’t it a most remarkable linguistic instrument? What is actually remarkable about it? Well, it is difficult to imagine how a person learns this use of words. It is so subtle.

§RPP I

457[3]

1804 Aber ist er wirklich subtiler, als der der Worte “Ich habe mir ihn vorgestellt”, z.B.? Ja, merkwürdig, sonderbar, ist jede solche Sprachverwendung, wenn man nur auf die Betrachtung der Beschreibungen physikalischer Gegenstände eingestellt ist.

1804 But is it really more subtle than that of the words “I imagined it,” for example? Yes, remarkable, curious, is any such use of language, if one is only attuned to the consideration of descriptions of physical objects.