Ts-232

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738 published remarks, RPP II, Z
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§RPP II

600[1]

01 ‘Überraschung’ und die Empfindung des raschen Einziehens des Atems.

01 ‘Surprise’ and the sensation of a rapid intake of breath.

§RPP II

600[2]

02 “Ich hoffe unentwegt, …” im Gegensatz zu “Ich hoffe, du wirst kommen!”. Dies heißt ungefähr das Gleiche wie: “Du wirst doch kommen!”.

02 “I hope endlessly, …” in contrast to “I hope you will come!”. This means approximately the same as: “You will come, after all!”.

§RPP II

600[3]

03 Man sagt “Ich wünsche …” normalerweise gewiß nicht auf Grund einer Selbstbeobachtung – es ist eben Wunschäußerung – es kann aber doch vorkommen, daß man einen Wunsch durch Beobachtung der eigenen Reaktionen erkennt, entdeckt. Wenn du nun fragst “Erkennst du in so einem Fall dasselbe, was du im andern durch die Äußerung ausdrückst?” – so liegt in der Frage ein Fehler. (Als fragte man: Ist es der selbe Sessel, den ich sehen kann und auf dem ich sitzen kann?)

03 One says “I wish…” normally, certainly not on the basis of self-observation – it is simply a statement of wish – but it may happen that one recognizes a wish through observation of one’s own reactions, discovers it. If you now ask “In such a case, do you recognize the same thing that you express in the other case through the utterance?” – then there is an error in the question. (As if one were asking: Is it the same armchair that I can see and sit on?)

§RPP II

600[4]

04 Ich sage “Ich hoffe, du wirst kommen”, aber nicht “Ich glaube: ich hoffe, du wirst kommen”; Wohl aber wäre es möglich zu sagen: “Ich glaube, ich hoffe noch immer, er werde kommen”.

04 I say “I hope you will come”, but not “I believe: I hope you will come”; but it would be possible to say: “I believe I still hope that he will come”.

§RPP II

600[5]

05 “Aber erlebt man nicht die Bedeutung?” “Aber hört man nicht das Klavier?” Jede der beiden Fragen kann sachlich und begrifflich gemeint sein, d.h.: gebraucht werden. (Zeitlich, oder zeitlos.)

05 “But does one not experience the meaning?” “But does one not hear the piano?” Each of the two questions can be meant literally and conceptually, i.e.: can be put to use. (Temporally, or timelessly.)

§RPP II

600[6] &
601[1]

06 Er sagt “Ich will jetzt ausgehen”, plötzlich sagt er “Nein” und tut etwas anderes. Als er “Nein” sagte, fiel ihm plötzlich ein, er wolle zuerst … – er sagte “Nein”; aber dachte er auch “Nein”? Dachte er eben nicht an jene andere Angelegenheit? Man kann sagen, er dachte an sie. Er mußte dazu aber weder laut noch im Stillen einen Gedanken aussprechen. – Er könnte freilich später die Absicht in einen Satz kleiden. Zur Zeit des Wechsels mochte ihm ein Bild vorgeschwebt haben, oder aber er sagte nicht nur “Nein”, sondern irgend ein Wort, das Äquivalent eines Bildes. Wollte er etwa zuerst den Schrank zuschließen, so sagte er vielleicht “Der Schrank!”; wollte er erst die Hände waschen, so sah er sie etwa an und verzog das Gesicht. “Aber ist das Denken?” – Ich weiß es nicht. Sagt man denn in so einem Falle nicht, Einer habe sich etwas ‘überlegt’, er habe sich anders ‘besonnen’? Aber muß er zu diesem Denken unbedingt eine Sprache beherrschen lernen? Könnte nicht ein ‘intelligentes’ Tier so handeln? Man hat es abgerichtet, einen Gegenstand von dort und dort zu holen und ihn dorthin zu bringen. Es geht nun, ohne den Gegenstand dem Ziele zu, kehrt plötzlich um (als hätte es gesagt “Ach, ich habe …vergessen!”) und holt den Gegenstand, etc. Sähen wir so etwas, so würden wir sagen: es sei in ihm, in seinem Geiste, damals etwas vorgefallen. Und was ist denn in mir vorgefallen, wenn ich so handle? “Nicht gar viel” möchte ich sagen. Und was innen vorgeht, ist nicht wichtiger, als was äußerlich, durch Sprechen, Zeichnen, etc. vorgehen kann. ((Woraus du lernen kannst, wie das Wort “denken” gebraucht wird.))

06 He says “I want to go out now”, suddenly he says “No” and does something else. When he said “No”, it suddenly occurred to him that he wanted to do something else first – he said “No”; but did he also think “No”? Was he not thinking about that other matter? One can say that he thought about it. But he did not have to express the thought aloud or silently. – Of course, later he could put the intention into a sentence. At the time of the change, an image may have occurred to him, or he may not only have said “No”, but some one word that is equivalent to an image. If he wanted to close the cupboard first, he might have said “The cupboard!”; if he wanted to wash his hands first, he might have looked at them and made a face. “But is that thinking?” – I do not know. Does one not say in such a case that someone has ‘thought about’ something, that he has ‘reconsidered’? But does he necessarily have to learn to master a language in order to do this thinking? Could not an ‘intelligent’ animal act in this way? It has been trained to fetch an object from here and there and bring it there. It now goes, without taking the object to the goal, suddenly turns around (as if it had said “Oh, I forgot!”) and fetches the object, etc. If we were to see something like that, we would say that something had happened in it, in its mind. And what happens in me when I act in this way? “Not much,” I would say. And what happens inside is not more important than what happens externally, through speaking, drawing, etc. ((From which you can learn how the word “think” is used.))

§RPP II

601[2] &
602[1]

07 Denk dir nun, Einer habe einen Bau aufzuführen, mit Bausteinen, oder ‘Mechano’. Er probiert nun, verschiedene Stücke, versucht sie, zusammen zu fassen, macht vielleicht eine Skizze, etc. etc. Nun sagt man, er habe bei dieser Tätigkeit gedacht! – Gewiß, man unterscheidet so dies Tun von einem sehr anders gearteten. Aber ist es eine gute Beschreibung dieses Unterschieds: in einem Falle gehe mit dem manuellen Tun noch etwas anderes einher? Könnte man etwa dieses Andere isolieren, und es geschehen lassen, ohne die übrige Tätigkeit? Es ist nicht wahr, daß Denken eine Art Sprechen ist, wie ich einmal sagte. Der Begriff ‘denken’ ist vom Begriff ‘sprechen’ kategorisch verschieden. Aber natürlich ist das Denken keine Begleitung des Sprechens, noch sonst irgend eines Vorgangs. Das heißt: man kann z.B. den ‘Denkvorgang’ nicht unbegleitet vor sich gehen lassen. Er hat auch nicht Abschnitte, die den Abschnitten der andern Tätigkeit (des Redens z.B.) entsprechen. D.h.: wenn man von einem ‘Denkvorgang’ redet, so ist er so etwas wie das Operieren (schriftlich oder mündlich) mit Zeichen. Das Schließen und Rechnen könnte man einen ‘Denkvorgang nennen.

07 Imagine that someone has to build a structure, with building blocks, or ‘Mechano’. He now tries different pieces, attempts to put them together, perhaps makes a sketch, etc. etc. Now one says that he has thought during this activity! – Certainly, one distinguishes this action from a very different kind. But is it a good description of this difference: in one case, something else also accompanies the manual action? Could one perhaps isolate this other thing and let it happen without the rest of the activity? It is not true that thinking is a kind of speaking, as I once said. The concept of ‘thinking’ is categorically different from the concept of ‘speaking’. But of course, thinking is not an accompaniment of speaking, nor of any other process. That is to say: one cannot let the ‘thinking process’ take place unaccompanied. It also does not have sections that correspond to the sections of the other activity (speaking, for example). That is to say: when one speaks of a ‘thinking process’, it is something like operating (in writing or orally) with signs. One could call closing and calculating a ‘thinking process’.

§RPP II

602[2]

08 Es wäre auch nicht ganz falsch, das Sprechen ‘das Instrument des Denkens’ zu nennen. Aber man kann nicht sagen, der Sprechvorgang sei ein Instrument des Denkvorgangs; oder die Sprache gleichsam der Träger des Gedankens, wie etwa die Töne eines Lieds die Träger der Worte genannt werden können.

08 It would not be entirely wrong to call speaking ‘the instrument of thinking’. But one cannot say that the act of speaking is an instrument of the act of thinking; or that language is, as it were, the carrier of thought, just as the notes of a song can be said to be the carriers of the words.

§RPP II

602[3]

09 Man kann das Wort “denken” so verwenden, daß es, beiläufig gesprochen, ein Reden zu einem Zweck bezeichnet, d.h. also, ein Sprechen oder Schreiben, ein Sprechen in der Vorstellung, so zu sagen ein ‘Kopfsprechen’.

09 One can use the word “thinking” in such a way that, when used casually, it refers to talking for a purpose, i.e., speaking or writing, speaking in one’s imagination, so to speak, a ‘thinking aloud’.

§RPP II

602[4] &
603[1]

010 Man sagt “Überleg dir, was du sagen willst, ehe du sprichst”. Eine Form dies zu tun, ist: sich die Rede leise vorsagen oder aufschreiben und Korrekturen anbringen. Man sagt sich etwa einen Satz vor, schüttelt den Kopf, sagt “das ist zu lang” etc.; sagt den Satz wieder in einer anderen Form.

010 One says, “Think about what you want to say before you speak.” One way to do this is to rehearse the speech quietly or write it down and make corrections. One might, for example, say a sentence to oneself, shake one’s head, say “that is too long,” etc.; say the sentence again in a different form.

§RPP II

603[2]

011 Man könnte etwa, was Denken ist, beschreiben, indem man den Unterschied zwischen einem Geistesschwachen und einem normalen Kind, das zu denken anfängt, beschreibt. Wollte man die Tätigkeit angeben, die der Normale lernt, der Geistesschwache nicht lernen kann, man könnte sie nicht aus ihrem Benehmen herausklauben.

011 One could, for example, describe what thinking is by describing the difference between a mentally deficient person and a normal child who is beginning to think. If one wanted to specify the activity that the normal person learns and the mentally deficient person cannot learn, one could not extract it from their behaviour.

§RPP II

603[3]

012 Das Wort “Denken” wird in gewisser Weise sehr anders gebraucht als zum Beispiel “Schmerzen haben”, “traurig sein”, etc.: Man sagt nicht “Ich denke” als Äußerung eines Seelenzustands. Höchstens “Ich denke nach”. “Laß mich in Ruh; ich denke über … nach”. Und damit meint man natürlich nicht “Laß mich in Ruh; ich benehme mich jetzt so und so.” Also ist “Denken” kein Benehmen.

012 The word “thinking” is used in a certain way that is very different from, for example, “having pain,” “being sad,” etc.: One does not say “I think” as an expression of a state of mind. At most, “I am thinking.” “Let me be; I am thinking about…” And by that one certainly does not mean “Let me be; I am behaving in such and such a way.” Thus, “thinking” is not behaviour.

§RPP II

603[4]

013 “Ich dachte ‘der Stab ist zu lang, ich muß einen Andern probieren’.” – Als ich das dachte, sagte ich mir vielleicht gar nichts, – vielleicht ein oder zwei Worte. Und doch ist der Bericht nicht unwahr (oder kann doch wahr sein). Er hat eine Verwendung. Man sagt z.B. “Ja, ich hab dir zugeschaut und hab mir gedacht, daß du dir das gedacht hast”.

013 “I thought, ‘the stick is too long; I must try another one.’” – When I thought that, I perhaps didn’t say anything to myself – perhaps one or two words. And yet the account is not untrue (or it can be true). It has a use. One might say, for example, “Yes, I watched you and thought that you were thinking that.”

§RPP II

603[5] &
604[1]

014 “Der Mensch denkt, fühlt, wünscht, glaubt, will, weiß.” Das klingt wie ein vernünftiger Satz. So wie: “Der Mensch zeichnet, malt, modelliert.” Oder: “Der Mensch kennt Saiteninstrumente, Blasinstrumente …” Der erste Satz ist eine Aufzählung alles dessen, was der Mensch mit seinem Geiste tut. Aber so wie man zum Satz über die Instrumente die Frage stellen kann “Und kennt der Mensch nicht auch Instrumente, die aus quiekenden Mäusen bestehen?” und die Antwort darauf wäre; Nein – – so müßte es zu der Aufzählung der Geistestätigkeiten auch eine Frage geben der Art: “Und können die Menschen nicht auch …?”

014 “Man thinks, feels, wishes, believes, wills, knows.” This sounds like a reasonable sentence. Just like: “Man draws, paints, sculpts.” Or: “Man knows stringed instruments, wind instruments…” The first sentence is a list of everything that man does with his mind. But just as one can ask about the sentence about the instruments, “And doesn’t man also know instruments made of squeaking mice?” and the answer to that would be, No – – so there must also be a question about the list of mental activities of the kind: “And can people not also…?”

§RPP II

604[2]

015 Jemand sagt: “Der Mensch hofft.” Wie hätte man das naturgeschichtliche Phänomen zu beschreiben? – Man könnte ein Kind beobachten und warten, bis es eines Tages Hoffnung äußert; und man könnte dann sagen: “heut hat es zum ersten Mal gehofft”. Aber das klingt doch seltsam! Obwohl es ganz natürlich wäre zu sagen “Heut hat es zum ersten Mal gesagt ‘ich hoffe’”. Und warum seltsam? Man sagt doch nicht von einem Säugling, er hoffe …, und man sagt es doch vom Erwachsenen. – Nun, das tägliche Leben wird nach und nach zu dem, worin für Hoffnung Raum ist.

015 Someone says, “Man hopes.” How would one describe this natural history phenomenon? – One could observe a child and wait until one day it expresses hope; and one could then say, “Today it hoped for the first time.” But that sounds strange! Although it would be quite natural to say, “Today it said ‘I hope’ for the first time.” And why strange? One does not say of an infant that it hopes…, and one does say it of the adult. – Well, daily life gradually becomes what provides scope for hope.

§RPP II

604[3]

016 Ich habe in diesem Fall den Ausdruck “eingebettet” gebraucht, gesagt, die Hoffnung, der Glaube, etc. sei im menschlichen Leben in allen den Situationen und Reaktionen die das menschliche Leben ausmachen, eingebettet. Das Krokodil hoffe nicht, der Mensch hofft. Oder: Vom Krokodil kann man nicht sagen, es hofft; aber vom Menschen. Wie aber müßte sich ein Mensch verhalten, von dem man sagen würde: er hoffe nie? – Die erste Antwort ist: Ich weiß es nicht. Eher könnte ich schon sagen, wie ein Mensch sich benehmen müßte, der sich nie nach irgend etwas sehnt; oder der sich nie über irgend etwas freut; oder der nie erschrickt, oder sich vor nichts fürchtet.

016 In this case, I have used the expression “embedded,” saying that hope, faith, etc., is embedded in human life in all the situations and reactions that make up human life. The crocodile does not hope; man hopes. Or: One cannot say that the crocodile hopes; but one can say it of man. But how would a person have to behave, of whom one would say that he never hopes? – The first answer is: I do not know. Rather, I could say how a person would have to behave who never longs for anything; or who never rejoices in anything; or who never gets frightened, or is afraid of anything.

§RPP II

604[4] &
605[1]

017 Furchtbenehmen bei Furchtanlässen (etc.) ist ein Phänomen unseres Lebens. Aber Furcht? – Nun, man könnte sagen, statt “ich fürchte mich”: “Das Phänomen der Furcht zeigt sich in mir”; wobei man nicht an das eigene Benehmen denkt. Könnte man dann aber im gleichen Sinne sagen: “Das Phänomen der Furcht zeigt sich in ihm”?

017 Behaviour in fearful situations (etc.) is a phenomenon of our lives. But fear? – Well, one could say, instead of “I am afraid”: “The phenomenon of fear shows itself in me”; without thinking about one’s own behaviour. But could one then say, in the same sense, “The phenomenon of fear shows itself in him”?

§RPP II

605[2]

018 Wenn ich jemandem sage: “Die Menschen denken, fühlen, …”, so mache ich ihm, scheint es, eine naturgeschichtliche Mitteilung. Sie soll ihm etwa den Unterschied des Menschen von den Tierarten zeigen. Kann er sie aber exemplifizieren, in dem er sagt “Ja; ich selbst z.B. sehe jetzt”? Ist denn “Ich sehe …” eine naturgeschichtliche Mitteilung über mich? Würde es nämlich nicht ebenso gut sein, wenn ich sagte “Ich sehe nicht”?

018 When I say to someone: “People think, feel…”, it seems as though I am making a natural-historical communication to him. It is supposed to show him the difference between human beings and the species of animals. But can he exemplify it by saying, “Yes, I myself, for example, see now”? Is “I see…” a natural-historical communication about myself? Wouldn't it be just as good if I said, “I don't see”?

§RPP II

605[3]

019 “Der Mensch denkt, fürchtet sich, etc. etc.”: das könnte man etwa Einem antworten, der gefragt hat, welche Kapitel ein Buch über Psychologie enthalten soll.

019 “Human beings think, are afraid, etc.”: one could say this, for example, in answer to someone who has asked what chapters a book on psychology should contain.

§RPP II

605[4]

020 Woher nehmen wir den Begriff ‘denken’, den wir hier betrachten wollen? Aus der Alltagssprache. Was unsrer Aufmerksamkeit zuerst ihre Richtung gibt, ist das Wort “denken”. Aber der Gebrauch dieses Worts ist verworren. Und wir können es nicht anders erwarten. Und das läßt sich natürlich von allen psychologischen Verben sagen. Ihre Verwendung ist nicht so klar, und so leicht zu übersehen, wie die der Wörter der Mechanik z.B.

020 Where do we get the concept of ‘thinking’, which we want to examine here? From everyday language. What first gives direction to our attention is the word “thinking”. But the use of this word is confused. And we cannot expect anything else. And this can naturally be said of all psychological verbs. Their use is not as clear and easy to grasp as that of the words of mechanics, for example.

§RPP II

605[5]

021 Es ist mit den psychologischen Wörtern etwa so, wie mit denen, die aus der Sprache des Alltags in die der Mediziner übergehen. (“Shock”).

021 It is as with the psychological words as with those that pass from the language of everyday life into that of doctors. (“Shock”).

§RPP II

605[6] &
606[1]

022 Ich sage Einem: “Die Menschen denken.” Er fragt mich: “Was ist Denken?” – Nun erkläre ich ihm den Gebrauch dieses Worts. Aber ist danach jener erste Satz noch eine Mitteilung? ((Könnte nicht eine Ameise so zu einer Ameise sprechen?))

022 I say to someone: “People think.” He asks me: “What is thinking?” – Well, I explain to him the use of this word. But is that first sentence still a communication afterwards? ((Couldn't an ant speak to an ant in this way?))

§RPP II

606[2]

023 “Die Menschen denken, die Heuschrecken nicht.” Das heißt etwa: Der Begriff ‘denken’ bezieht sich auf das Leben der Menschen, nicht der Heuschrecken. – Und diese Mitteilung könnte man Einem machen, der das deutsche Wort “denken” nicht versteht und etwa irrtümlich glaubt, es beziehe sich auf etwas, was Heuschrecken tun.

023 “People think, grasshoppers do not.” This means something like: The concept ‘thinking’ refers to the life of human beings, not of grasshoppers. – And one could make this communication to someone who does not understand the German word “thinking” and perhaps mistakenly believes that it refers to something that grasshoppers do.

§RPP II

606[3]

024 “Heuschrecken denken nicht.” Wohin gehört das? – Ist es ein Glaubensartikel, oder gehört es in die Naturgeschichte? Wenn das letztere, so sollte es etwa ein Satz sein wie: “Heuschrecken können nicht lesen und schreiben.” Dieser Satz hat einen klaren Sinn, und wenn er vielleicht auch nie verwendet wird, so ist es doch leicht, sich eine Verwendung für ihn vorzustellen.

024 “Grasshoppers do not think.” Where does that belong? – Is it an article of faith, or does it belong in natural history? If the latter, then it should be something like: “Grasshoppers cannot read and write.” This sentence has a clear sense, and even if it may never be used, it is still easy to imagine a use for it.

§RPP II

606[4]

025 “Eine Dampfmaschine hat einen Kreuzkopf, eine Dampfturbine nicht.” Wem, in welchem Zusammenhang, würde man das sagen?

025 “A steam engine has a crosshead, a steam turbine does not.” To whom, in what context, would one say that?

§RPP II

606[5] &
607[1]

026 “Kann ein Mensch verstehen, was ‘lesen’ ist, es sei denn, er könne selber lesen; kann er verstehen, was ‘fürchten’ ist, ohne Furcht zu kennen; u.s.w.?” Nun, ein Analphabet kann doch gewiß sagen, er könne nicht lesen, aber sein Sohn habe es gelernt. Ein Blinder kann sagen, er sei blind und die Leute um ihn seien sehend. “Ja, aber meint er nicht doch etwas anderes mit den Worten ‘blind’ und ‘sehend’, als der Sehende?” Worauf beruht es, daß man das sagen will? Nun, wenn Einer nicht wüßte wie ein Leopard ausschaut, so könnte er doch sagen und verstehen “Dieser Ort ist sehr gefährlich, es gibt Leoparden dort”. Man würde aber doch vielleicht sagen, er weiß nicht, was ein Leopard ist, also nicht, oder nur unvollständig, was das Wort “Leopard” bedeutet, bis man ihm einmal ein solches Tier zeigt. Nun kommt es uns mit dem Blinden ähnlich vor. Sie wissen, so zu sagen, nicht, wie sehend ist. – Ist nun ‘Furcht nicht kennen’ analog dem ‘nie einen Leoparden gesehen haben’? Das will ich natürlich verneinen.

026 “Can a person understand what ‘reading’ is, unless he can read himself; can he understand what ‘being afraid’ is, without knowing fear; etc.”? Well, an illiterate person can certainly say that he cannot read, but his son has learned it. A blind person can say that he is blind and that the people around him are seeing. “Yes, but doesn't he mean something else with the words ‘blind’ and ‘seeing’ than the person who can see?” On what does the claim that one wants to make this statement rest? Well, if someone didn't know what a leopard looks like, he could still say and understand, “This place is very dangerous; there are leopards here.” But one might still say that he doesn't know what a leopard is, and therefore does not, or only incompletely, know what the word “leopard” means, until someone shows him such an animal. Now it seems similar with the blind person. He doesn't, so to speak, know what it is to see. – Is ‘not knowing fear’ analogous to ‘never having seen a leopard’? I certainly want to deny that.

§RPP II

607[2]

027 Die Frage ist: Was für Sprachspiele kann, der die Furcht nicht kennt, eo ipso, nicht spielen? Man könnte da z.B. sagen: er würde einer Tragödie ohne Verständnis zuschauen. Und man könnte das so erklären: Wenn ich den Andern in einer furchtbaren Lage sehe, auch wenn ich selbst gar nichts zu fürchten habe, so kann ich schaudern, aus Mitgefühl schaudern. Wer aber die Furcht nicht kennte, täte das nicht. Wir fürchten uns mit ihm, auch wenn wir nichts zu fürchten haben; und das ist es, was jener nicht kann. Wie ich mein Gesicht schmerzlich verziehe, wenn man dem Andern Schmerz zufügt.

027 The question is: what language-games can someone who knows no fear, eo ipso, not play? One could say, for example, that he would watch a tragedy without understanding. And one could explain this as follows: if I see another in a terrible situation, even if I myself have nothing to fear, I can shudder, shudder out of compassion. But someone who did not know fear would not do that. We fear with him, even if we have nothing to fear; and that is what the other cannot do. Just as I grimace when someone else is caused pain.

§RPP II

607[3]

028 Gut; aber wäre es nicht denkbar, daß Einer, der den Schmerz nie gefühlt hat, ihn in der Form des Mitleids dennoch empfände? Er würde also, was immer ihm geschähe, nicht stöhnen, wohl aber, wenn einem Andern Schmerz zugefügt wird. Aber ob wir nun von Diesem sagen würden, er habe Mitleid? Ob wir nicht sagen würden: “Es ist eigentlich kein Mitleid, weil er ja eigenen Schmerz gar nicht kennt”. –? Oder man könnte sich in so einem Fall denken, daß die Leute sagten, diesem Menschen habe Gott ein Gefühl für das Leid, die Furcht des Andern gegeben. So etwas würde man vielleicht eine Intuition nennen.

028 Good; but wouldn’t it be conceivable that someone who had never felt pain might still experience it in the form of compassion? So, whatever happened to him, he would not groan, but he would, if pain were inflicted on another. But would we then say that he has compassion? Or would we not say: “It is not really compassion, because he doesn’t know his own pain at all.” –? Or one might imagine that in such a case people would say that God had given this person a feeling for the suffering, the fear of others. One might perhaps call such a thing an intuition.

§RPP II

607[4] &
608[1]

029 “Die Menschen denken manchmal.” Wie habe ich gelernt, was “denken” heißt? – Es scheint, ich kann nur gelernt haben, indem ich mit Menschen lebte. – Man könnte sich freilich denken, daß Einem das Leben der Menschen im Film vorgeführt würde, oder daß er das Leben nur beobachten dürfte, ohne mitzutun. Er würde ihr Leben dann etwa verstehen wie wir das Leben der Fische verstehen oder gar der Pflanzen. Von Lust und Leid etc. der Fische können wir nicht reden.

029 “People sometimes think.” How did I learn what “thinking” means? – It seems that I could only have learned it by living with people. – One could, of course, imagine that someone is shown the lives of people in a film, or that he is only allowed to observe life without participating. He would then understand their life in a way similar to how we understand the life of fish or even plants. We cannot talk about the joy and suffering, etc., of fish.

§RPP II

608[2]

030 Ich meine aber natürlich nicht: Er kann es, erfahrungsgemäß, nicht verstehen, wenn er das Leben nicht mitlebt (als sagte man: man kann Rudern nicht lernen indem man bloß Andern beim Rudern zuschaut) – sondern gemeint ist: Ich würde von mir nicht (noch vom Andern) sagen, wir verstünden die Lebensäußerungen, die uns fremd sind. Und hier gibt es natürlich Grade.

030 Of course, I don't mean: he cannot understand it, based on experience, if he doesn't live life with others (as if one said: one cannot learn to row by merely watching others row) – but what is meant is: I would not say of myself (or of others) that we understand the life manifestations that are foreign to us. And there are, of course, degrees to this.

§RPP II

608[3]

031 Das Denken kann man keine Erscheinung nennen; wohl aber kann man von ‘Erscheinungen des Denkens’ reden, und Jeder wird wissen was für Erscheinungen da gemeint sind.

031 One cannot call thinking a phenomenon; but one can talk about ‘phenomena of thinking’, and everyone will know what phenomena are meant by that.

§RPP II

608[4]

032 Man kann offenbar sagen: “Denk an Zornanlässe und Zornerscheinungen (Zornbenehmen). Nenne ich aber den Zorn eine Erscheinung, so muß ich meinen Zorn, meine Zornerfahrung eine Erscheinung nennen. (Eine Erscheinung meines Innenlebens etwa.)

032 One can obviously say: “Think of anger triggers and anger manifestations (anger behaviour). If I call anger a phenomenon, then I must call my anger, my anger experience a phenomenon. (A phenomenon of my inner life, for example.)

§RPP II

608[5] &
609[1]

033 Sieh es einmal rein behaviouristisch an: Jemand sagt: Der Mensch denkt, wünscht, freut sich, ist zornig, etc. Denk, es sei hier nur von gewissen Formen des Verhaltens bei gewiß Anlässen die Rede. Man könnte sich vorstellen, wer so vom Menschen redet, habe diese Verhaltungsweisen zuerst bei andern Wesen beobachtet und sage nun, beim Menschen ließen sich diese Erscheinungen auch beobachten. Das wäre also, wie wenn wir dies von einer Tierart sagten. – – –

033 Let's look at it purely behaviouristically: Someone says: Humans think, wish, rejoice, are angry, etc. Suppose that here it is only about certain forms of behaviour in certain situations. One could imagine that someone who talks about humans in this way first observed these behaviours in other creatures and now says that these phenomena can also be observed in humans. This would be, as it were, as if we said this of a species of animal. – – –

§RPP II

609[2]

034 Plötzlich lächle ich und sage … Als ich lächelte, war mir der Gedanke gekommen. Worin bestand er? Er bestand in gar nichts; denn das Bild, oder Wort, etc. das etwa auftauchte, war nicht der Gedanke.

034 Suddenly I smile and say… When I smiled, the thought occurred to me. What was it? It was nothing; for the picture, or word, etc. that perhaps appeared, was not the thought.

§RPP II

609[3]

035 Ich würde gerne sagen: Die Psychologie hat es mit bestimmten Aspekten des menschlichen Lebens zu tun. Oder auch: mit gewissen Erscheinungen – aber die Wörter “denken”, “fürchten”, etc. etc. bezeichnen nicht diese Erscheinungen.

035 I would like to say: psychology deals with certain aspects of human life. Or also: with certain phenomena – but the words “thinking,” “fearing,” etc., do not refer to these phenomena.

§RPP II

609[4]

036 “Wie ist es aber möglich, daß man ein Ding einer Deutung gemäß sieht?” – Die Frage stellt diese als ein seltsames Faktum da; als wäre hier etwas in eine Form gezwängt worden, was eigentlich nicht hineinpaßt. Aber es ist hier kein Drücken und Zwängen geschehen.

036 “But how is it possible to see a thing according to an interpretation?” – The question presents this as a strange fact; as if something had been forced into a form that actually doesn't fit. But there is no forcing or squeezing happening here.

§RPP II

609[5]

037 Und nun ist das Merkwürdige, daß man so zu sagen nicht weiß, was man tut, wenn man die Figur einmal als das, einmal als das ansieht, oder sieht. Das heißt, man ist geneigt, zu fragen “Wie mache ich das?”, “Was sehe ich eigentlich anderes?” – Und darauf erhält man keine relevante Erklärung zur Antwort.

037 And now, the remarkable thing is that, so to speak, one doesn't know what one is doing when one looks at the figure sometimes as this, sometimes as that, or sees it. That is to say, one is inclined to ask, “How do I do this?”, “What exactly do I see differently?” – And one receives no relevant explanation in answer.

§RPP II

609[6] &
610[1]

038 Denn nicht das ist die Frage: was ich mache, wenn … (dies könnte nur eine psychologische Frage sein) – sondern, welche Bedeutung die Äußerung hat, was sich aus ihr entnehmen läßt, welche Folgen sie hat.

038 For it is not the question: what I do when… (this could only be a psychological question) – but, what meaning the utterance has, what can be inferred from it, what consequences it has.

§RPP II

610[2]

039 Wer den Aspektwechsel nicht empfände, wäre nicht geneigt zu sagen: “Jetzt sieht es ganz anders aus!” oder “Es ist als hätte sich das Bild verändert, und hat sich doch nicht verändert!” oder “Die Form ist gleich geblieben und doch hat sich etwas verändert; etwas, was ich die Auffassung nennen möchte und was man sieht!” –

039 Whoever did not experience the change of aspect would not be inclined to say: “Now it looks quite different!” or “It is as if the picture has changed, and yet it has not changed!” or “The shape has remained the same, and yet something has changed; something that I would like to call the perception, and which one sees!” –

§RPP II

610[3]

040 Etwas einmal als das, einmal als das sehen, könnte ein bloßes Spiel sein. Man redet zum Kind einmal in dieser Weise – etwa: “Jetzt ist es …! jetzt …!” – und es reagiert; ich meine, es lacht, macht nun verschiedene solche Übungen (so, als hätte man es darauf aufmerksam gemacht, daß die Vokale Farben haben). Ein anderes Kind empfindet weder diese Farben, noch versteht es was mit jener Änderung gemeint ist.

040 Seeing something sometimes as this, sometimes as that, could be merely a game. One speaks to the child in this way – for example: “Now it is…! now…!” – and it reacts; I mean, it laughs, makes various such exercises (as if one had drawn its attention to the fact that the vowels have colors). Another child neither perceives these colors, nor understands what is meant by that change.

§RPP II

610[4]

041 Wie aber, wenn man diesem Kind die Aufgabe stellte, die Gestalt 4 in der Figur 🖵 aufzusuchen? (Dies könnte eine Aufgabe im ersten Unterricht der Kinder sein.) Könnte es die Aufgabe nicht lösen (oder die, eine Reihe verschiedener Gestalten in jener Figur zu finden), wenn es sich einer Aspektänderung nicht bewußt wird, nicht sagen möchte die Figur ändere sich irgendwie, werde zu einem anderen Gebilde, oder dergleichen?

041 But what if one were to give this child the task of finding the shape 4 in the figure 🖵? (This could be a task in the children's first instruction.) Couldn't it fail to solve the task (or the task of finding a series of different shapes in that figure) if it does not become conscious of a change in aspect, does not want to say that the figure changes in some way, becomes another formation, or something like that?

§RPP II

610[5] &
611[1]

042 Du sagst, der normale Mensch sähe die Figur 🖵 als zwei Kreise von einer Geraden durchschnitten. Aber wie zeigt sich das? Wenn er die Figur etwa kopiert, soll ich sagen, es zeige sich darin, wie er's tut? Wenn er die Figur mit Worten beschreibt, zeigt es sich darin, welche Beschreibung er wählt? Diese Wahl könnte durch die Bequemlichkeit der Darstellung bestimmt sein. Ja, wenn das Kind auf verschiedene Arten der zeichnerischen Wiedergabe (Reihenfolge der Striche) käme, wäre das unser Kriterium für den Wechsel des Aspekts? – Wenn es aber sagt “Jetzt ist es … – jetzt …”, wenn es redet, als sähe es jedes Mal einen anderen Gegenstand, dann werden wir sagen, es sieht die Figur auf verschiedene Weisen.

042 You say that the normal person would see the figure 🖵 as two circles intersected by a straight line. But how does that manifest itself? If he copies the figure, should I say that it shows itself in how he does it? If he describes the figure with words, does it show itself in which description he chooses? This choice could be determined by the convenience of the representation. Yes, if the child were to come up with different ways of graphically representing it (sequence of strokes), would that be our criterion for the change in aspect? – But if it says “Now it is … – now …,” if it speaks as if it sees a different object each time, then we will say that it sees the figure in different ways.

§RPP II

611[2]

043 Das Wesentliche am Sehen ist, daß es ein Zustand ist und ein solcher in einen anderen umschlagen kann. Aber wie weiß ich, daß er in einem solchen Zustand ist? nicht also in einem der einer Disposition vergleichbar ist, wie das Wissen, das Verstehen oder eine Auffassung. Was ist das logische Charakteristikum so eines Zustands?

043 The essential thing about seeing is that it is a state, and such a state can turn into another. But how do I know that it is in such a state? not, therefore, in one comparable to a disposition, such as knowledge, understanding, or a perception. What is the logical characteristic of such a state?

§RPP II

611[3]

044 Denn, sagen, man erkenne ihn eben als solchen, wenn man ihn habe, ist Unsinn. Denn woran erkennt man ihn? (Das Kriterium der Identität.)

044 For, to say that one recognizes it as such when one has it, is nonsense. For by what does one recognize it? (The criterion of identity.)

§RPP II

611[4] &
612[1]

045 Ich will von einem ‘Bewußtseinszustand’ reden, und das Sehen eines bestimmten Bildes, das Hören eines Tons, eine Schmerzempfindung, Geschmacksempfindung, etc. so nennen. Ich will sagen: Glauben, Verstehen, Wissen, Beabsichtigen, u.a. seien nicht Bewußtseinszustände. Wenn ich diese Letzteren für einen Augenblick “Dispositionen” nenne, so ist ein wichtiger Unterschied zwischen Dispositionen und Bewußtseinszuständen, daß eine Disposition durch eine Unterbrechung des Bewußtseins, oder eine Verschiebung der Aufmerksamkeit nicht unterbrochen wird. (Und das ist natürlich keine kausale Bemerkung.) Man sagt wohl überhaupt kaum, man habe etwas seit gestern “ununterbrochen” geglaubt, oder verstanden, Eine Unterbrechung des Glaubens wäre aber eine Periode des Unglaubens, nicht z.B. die Abwendung der Aufmerksamkeit von dem Geglaubten, oder z.B. der Schlaf. (Der Unterschied zwischen ‘knowing’ und ‘being aware of’.)

045 I want to talk about a ‘state of consciousness’ and call seeing a certain picture, hearing a sound, a sensation of pain, a taste sensation, etc. I want to say: believing, understanding, knowing, intending, etc. are not states of consciousness. If I call these latter for a moment “dispositions,” then an important difference between dispositions and states of consciousness is that a disposition is not interrupted by an interruption of consciousness or a shift of attention. (And this is of course not a causal remark.) One hardly ever says that one has “uninterruptedly” believed or understood something since yesterday. An interruption of belief, however, would be a period of disbelief, not, for example, turning one's attention away from what one believes, or, for example, sleep. (The difference between ‘knowing’ and ‘being aware of’.)

§RPP II

612[2]

046 Das ist wohl der Punkt, an dem man sagt, man könne dem Andern eben nur die Form mitteilen, nicht aber den Inhalt. – So redet man also zu sich selbst über den Inhalt! und was heißt das? (Wie ‘beziehen’ sich meine Worte auf den mir bewußten Inhalt? und zu welchem Zweck?)

046 That is probably the point at which one says that one can only communicate the form to the other, but not the content. – So one talks to oneself about the content! and what does that mean? (How do my words relate to the content that is conscious to me? and for what purpose?)

§RPP II

612[3]

047 Wir ziehen in diesen Betrachtungen oft, was man ‘Hilfslinien’ nennen kann. Wir machen Konstruktionen wie die des ‘seelenlosen Stamms’ – die am Schluß aus der Betrachtung herausfallen. Daß sie herausfielen, mußte gezeigt werden.

047 In these considerations, we often introduce what one can call ‘auxiliary lines’. We make constructions such as that of the ‘soulless trunk’ – which at the end falls out of the consideration. That they fall out had to be shown.

§RPP II

612[4]

048 “Schmerz ist ein Bewußtseinszustand, Verstehen nicht.” – “Nun, ich fühle eben das Verstehen nicht.” – Aber diese Erklärung tut's nicht. Es wäre auch keine Erklärung zu sagen: Was man in irgend einem Sinne fühlt, ist ein Bewußtseinszustand. Das hieße ja nur: Bewußtseinszustand = Gefühl. (Man hätte nur ein Wort durch ein anderes ersetzt.)

048 “Pain is a state of consciousness, understanding is not.” – “Well, I simply don’t feel understanding.” – But this explanation doesn’t work. It wouldn’t be an explanation to say: What one in some sense feels is a state of consciousness. That would just mean: State of consciousness = feeling. (One would only have replaced one word with another.)

§RPP II

612[5]

049 Beobachte dich beim Schreiben und wie die Hand die Buchstaben formt, ohne daß du es eigentlich veranlaßt. Du fühlst wohl etwas in deiner Hand, allerlei Spannungen und Drucke, aber daß die dazu nötig sind, diese Buchstaben zu erzeugen, davon weißt du nichts.

049 Observe yourself while writing & how the hand forms the letters, without you actually intending it. You probably feel something in your hand, all sorts of tensions & pressures, but that they are necessary to produce these letters, you have no idea.

§RPP II

613[1]

050 Wo es echte Dauer gibt, da kann man Einem sagen: “Merk auf und gib mir ein Zeichen, wenn das Bild, das Geräusch, etc. sich ändert. Es gibt da überhaupt ein Aufmerken. Während man nicht das Vergessen des Gewußten, u. dergl., mit der Aufmerksamkeit verfolgen kann.

050 Where there is genuine duration, one can tell someone: “Pay attention and give me a sign when the picture, the sound, etc. changes.” There is indeed an act of paying attention. Whereas one cannot observe the forgetting of what one knows, and so on, with attention.

§RPP II

613[2]

051 Denk an das Sprachspiel: Bestimm mit der Stoppuhr, wie lange der Eindruck dauert. Man könnte so nicht die Dauer des Wissens, Könnens, Verstehens bestimmen.

051 Think of the language-game: determine with the stopwatch how long the impression lasts. One could not determine the duration of knowledge, skill, or understanding in this way.

§RPP II

613[3]

052 “Aber die Verschiedenheit von Wissen und Hören liegt doch nicht einfach in so einem Merkmal, wie die Art ihrer Dauer. Sie sind doch ganz und gar grundverschieden!” Freilich. Aber man kann eben nicht sagen: “Wisse und höre, und du wirst den Unterschied merken!”

052 “But the difference between knowing and hearing does not simply lie in such a characteristic as the nature of their duration. They are quite fundamentally different!” Indeed. But one cannot simply say: “Know and hear, and you will notice the difference!”

§RPP II

613[4]

053 Man kann nicht das Wissen und das Hören betrachten und sehen, wie verschieden sie sind. Wie man nicht Fichtenholz und einen Tisch betrachten kann, um einen Eindruck von ihrer Verschiedenheit zu kriegen.

053 One cannot look at knowing and hearing and see how different they are. As one cannot look at fir wood and a table in order to get an impression of their difference.

§RPP II

613[5] &
614[1]

054 Wenn ich, um mir den Unterschied der Begriffe Wissen und Sehen vorzuführen, das Sprachspiel mit der Stoppuhr z.B. anwende, so macht dies allerdings den Eindruck als zeigte ich eine sehr schmächtige Unterscheidung, wo die Wirkliche doch unermeßlich groß ist. Aber dieser enorme Unterschied liegt eben darin (so möchte ich immer sagen), daß die beiden Begriffe ganz anders in unsern Sprachspielen eingebettet sind. Und der Unterschied auf den ich aufmerksam machte, war eben nur ein Hinweis auf diese durchgehende Verschiedenheit.

054 If I, in order to demonstrate the difference between the concepts of knowing and seeing, apply the language-game with the stopwatch, for example, this admittedly creates the impression that I am showing a very weak distinction, whereas the real one is immeasurably great. But this enormous difference lies precisely in the fact (this is what I would always like to say) that the two concepts are embedded in our language-games in completely different ways. And the difference to which I drew attention was only a pointer to this consistent difference.

§RPP II

614[2]

055 Das Kind lernt “Ich weiß das jetzt” und “Ich höre das jetzt”; aber Gott! wie verschieden die Anlässe, die Anwendung, Alles! Wie kann man den Gebrauch überhaupt vergleichen? Es ist schwer zu sehen, wie man sie zusammenstellen soll, um Unterschiede anzugeben. Wo der Unterschied so groß ist, da ist es schwer auf eine Unterscheidung hinzuweisen.

055 The child learns “I know that now” and “I hear that now”; but good heavens! how different the occasions, the application, everything! How can one compare their use at all? It is difficult to see how one should put them together in order to indicate differences. Where the difference is so great, it is difficult to point to a distinction.

§RPP II

614[3]

056 Ich kann sagen “So und ähnlich wird dieses Wort verwendet, so und ähnlich jenes.” Die Vergleichbarkeit ist schwer zu sehen; nicht der Unterschied.

056 I can say “This word is used in this way and in that way.” The comparability is difficult to see; not the difference.

§RPP II

614[4]

057 Der gemeinsame Unterschied aller Bewußtseinszustände von den Dispositionen scheint mir zu sein, daß man sich nicht durch Stichproben überzeugen muß, ob sie noch andauern.

057 The common difference between all states of consciousness and dispositions seems to me to be that one does not have to convince oneself by means of samples whether they are still present.

§RPP II

614[5]

058 Man muß daran denken, daß es einen Zustand der Sprache geben kann (und wohl gegeben hat) in welchem sie den allgemeinen Begriff der Sinnesempfindung nicht besitzt, aber doch Wörter entsprechend unserem “sehen”, “hören”, “schmecken”.

058 One must remember that there can be (and probably has been) a state of language in which it does not possess the general concept of sensory perception, but does have words corresponding to our “seeing,” “hearing,” “tasting.”

§RPP II

614[6]

059 Sinneswahrnehmungen nennen wir Sehen, Hören, … Zwischen diesen Begriffen bestehen Analogien und Zusammenhänge, sie sind unsere Rechtfertigung für diese Zusammenfassung.

059 We call sensory perceptions seeing, hearing, … There are analogies and connections between these concepts; they are our justification for this summarization.

§RPP II

615[1]

060 Man kann also fragen: Was für Zusammenhänge und Analogien bestehen zwischen Sehen und Hören? Zwischen Sehen und Greifen? Zwischen Sehen und Riechen? –

060 One can therefore ask: What connections and analogies exist between seeing and hearing? Between seeing and touching? Between seeing and smelling? –

§RPP II

615[2]

061 Und fragt man das, so rücken die Sinne so zu sagen gleich weiter auseinander, als sie auf den ersten Blick zu liegen scheinen.

061 If one asks this, then the senses, so to speak, immediately move further apart than they seem to at first glance.

§RPP II

615[3]

062 Die Begriffe der Psychologie sind eben Begriffe des Alltags. Nicht von der Wissenschaft zu ihren Zwecken neu gebildete Begriffe, wie die der Physik und Chemie. Die Psychologischen Begriffe verhalten sich etwa zu denen der strengen Wissenschaften wie die Begriffe der wissenschaftlichen Medizin zu denen von alten Weibern die sich mit der Krankenpflege abgeben.

062 The concepts of psychology are simply concepts of everyday life. Not concepts newly formed by science for its own purposes, like those of physics and chemistry. Psychological concepts relate to those of the exact sciences in much the same way as the concepts of scientific medicine relate to those of old women who engage in nursing.

§RPP II

615[4] &
616[1] &
617[1]

063 Plan zur Behandlung der psychologischen Begriffe. Psychologische Verben charakterisieren dadurch, daß die dritte Person des Präsens durch Beobachtung zu identifizieren ist, die erste Person nicht. Satz in der dritten Person Präsens: Mitteilung, in der ersten Person Präsens Äußerung. ((Stimmt nicht ganz.)) Sinnesempfindungen: ihre inneren Zusammenhänge und Analogien.

Alle haben echte Dauer. Möglichkeit der Angabe des Anfangs und Endes. Möglichkeit der Gleichzeitigkeit, des zeitlichen Zusammenfallens. Alle haben Grade und qualitative Mischungen. Grad: kaum merkbar – nicht auszuhalten. In diesem Sinne gibt es nicht Lage– oder Bewegungsempfindung. Ort der Empfindung am Leib: unterscheidet Sehen und Hören von

Druck-, Temperatur-, Geschmacks- und Schmerzempfindung. (Wenn Empfindungen die Lage der Glieder und die Bewegungen charakterisieren, so ist ihr Ort jedenfalls nicht das Gelenk.) Die Lage der Glieder und ihre Bewegungen weiß man. Man kann sie z.B. angeben, wenn man gefragt wird. So wie man auch den Ort einer Empfindung (Schmerz) am Leibe weiß. Reaktionen des Berührens der schmerzhaften Stelle. Kein lokales Merkmal an der Empfindung. So wenig wie ein zeitliches am Erinnerungsbild. (Zeitliche Merkmale an der Photographie.) Schmerz von andern Sinnesempfindungen unterschieden durch charakteristischen Ausdruck. Dadurch verwandt der Freude (die keine Sinnesempfindung). “Sinnesempfindungen lehren uns die Außenwelt kennen.” Vorstellung: Gehörsvorstellung, Gesichtsvorstellung, wie unterscheiden sie sich von den Empfindungen? Nicht durch “Lebhaftigkeit”. Vorstellungen belehren uns nicht über die Außenwelt, weder richtig noch falsch. (Vorstellungen sind nicht Halluzinationen, auch nicht Einbildungen.) Während ich einen Gegenstand sehe, kann ich ihn mir nicht vorstellen. Verschiedenheit der Sprachspiele: “Schau die Figur an!” und “Stell dir die Figur vor!” Vorstellung dem Willen unterworfen. Vorstellung nicht Bild. Welchen Gegenstand ich mir vorstelle, ersehe ich nicht aus der Ähnlichkeit des Vorstellungsbildes mit ihm. Auf die Frage “Was stellst du dir vor” kann man mit einem Bild antworten.

063 Plan for the treatment of psychological concepts. Psychological verbs are characterized by the fact that the third-person singular present tense can be identified through observation, while the first person cannot. Sentence in the third-person present tense: communication; in the first-person present tense: utterance. ((Not quite correct.)) Sensations: their inner connections and analogies.

All have genuine duration. Possibility of specifying the beginning and end. Possibility of simultaneity, temporal coincidence. All have degrees and qualitative mixtures. Degree: barely noticeable – unbearable. In this sense, there is no sensation of location or movement. Location of the sensation on the body: distinguishes seeing and hearing from

pressure, temperature, taste, and pain sensations. (If sensations characterize the location of the limbs and their movements, then their location is not, in any case, the joint.) One knows the location of the limbs and their movements. One can, for example, specify them when asked. Just as one also knows the location of a sensation (pain) on the body. Reactions to touching the painful spot. No local characteristic in the sensation. As little as a temporal one in the memory-image. (Temporal characteristics in the photograph.) Pain is distinguished from other sensations by its characteristic expression. In this way, it is related to joy (which is not a sensation). “Sensations teach us about the external world.” Image: auditory image, visual image, how do they differ from sensations? Not through “vividness.” Images do not inform us about the external world, neither correctly nor incorrectly. (Images are not hallucinations, nor are they fantasies.) While I am seeing an object, I cannot imagine it. Difference between language-games: “Look at the figure!” and “Imagine the figure!” Image subject to the will. Image is not a picture. I do not infer which object I am imagining from the similarity of the mental image to it. To the question “What are you imagining?” one can answer with a picture.

§RPP II

617[2]

064 Man möchte sagen: Der vorgestellte Klang sei in einem andern Raum als der gehörte. (Frage – Warum?)

064 One would like to say: The imagined sound is in a different space than the heard sound. (Question – Why?)

§RPP II

617[3]

065 Ich lese ein Buch und stelle mir während des Lesens, also während des aufmerksamen Schauens alles Mögliche vor.

065 I read a book and, while reading, i.e., while attentively looking, I imagine all sorts of things.

§RPP II

617[4]

066 Es könnte Leute geben, die nie den Ausdruck gebrauchen “etwas vor dem inneren Auge sehen”, oder einen ähnlichen; und diese könnten doch im Stande sein, ‘aus der Vorstellung’, oder Erinnerung zu zeichnen, zu modellieren, das charakteristische Benehmen Anderer nachzuahmen, etc. Sie mögen auch, ehe sie etwas aus der Erinnerung zeichnen, die Augen schließen, oder wie blind vor sich hinstarren. Und doch könnten sie leugnen, daß sie dann vor sich sehen, was sie später zeichnen.

066 There might be people who never use the expression “to see something before the inner eye,” or a similar one; and these people might nevertheless be capable of ‘drawing from imagination,’ or memory, of modeling, of imitating the characteristic behaviour of others, etc. They might also, before drawing something from memory, close their eyes, or stare blankly ahead as if blind. And yet they might deny that they then see before them what they later draw.

§RPP II

617[5]

067 “Siehst du sie, wie sie zur Tür hereinkommt?” – und nun macht man's nach.

067 “Do you see her as she comes in through the door?” – and now one imitates it.

§RPP II

617[6]

068 ‘Sehen’ ist nämlich mit ‘Schauen’ unzertrennlich verbunden. ((D.h., das ist eine Art der Begriffsbestimmung, die eine Physiognomie ergibt.)) Die Wörter, die beschreiben, was man sieht, sind Eigenschaften der Dinge, man lernt ihre Bedeutung nicht im Zusammenhang mit dem Begriff des ‘inneren Sehens’.

068 ‘Seeing’ is, namely, inextricably linked with ‘looking.’ ((That is, this is one kind of definition, which yields a physiognomy.)) The words that describe what one sees are properties of things; one does not learn their meaning in connection with the concept of ‘inner seeing.’

§RPP II

617[7] &
618[1]

069 Fragt man aber: “Was ist der Unterschied zwischen einem Gesichtsbild und einem Vorstellungsbild?” – so könnte die Antwort lauten: Die gleiche Beschreibung kann darstellen, was ich sehe, und was ich mir vorstelle. Zu sagen, es sei ein Unterschied zwischen Gesichtsbild und Vorstellungsbild, heißt: man stellt sich etwas anders vor als es ausschaut.

069 If one asks: “What is the difference between a visual image and a mental image?” – then the answer could be: The same description can represent what I see and what I imagine. To say that there is a difference between a visual image and a mental image means: one imagines something differently than it looks.

§RPP II

618[2]

070 Ich hätte früher auch sagen können: Der Zusammenhang zwischen Vorstellen und Sehen ist eng; eine Ähnlichkeit aber gibt es nicht.

070 I could have said earlier: The connection between imagining & seeing is close; but there is no similarity.

§RPP II

618[3]

071 Die Sprachspiele mit den beiden Begriffen sind grundverschieden, – hängen aber zusammen.

071 The language-games with the two concepts are fundamentally different, but they are related.

§RPP II

618[4]

072 Unterschied: ‘trachten, etwas zu sehen’ – ‘trachten, sich etwas vorzustellen’. Im ersten Fall sagt man etwa “Schau genau hin!, im zweiten “Schließ die Augen!”

072 Difference: ‘trying to see something’ – ‘trying to imagine something’. In the first case, one says something like “Look closely!”, in the second, “Close your eyes!”

§RPP II

618[5]

073 So weißt du also nicht, ob Gesehenes (z.B. ein Nachbild) und eine Vorstellung im Übrigen nicht ganz gleich ausschauen? (Oder soll es heißen: sind?) – – – Diese Frage könnte nur eine empirische sein und etwa heißen: “kommt es vor, oder gar oft vor, daß Einer eine Vorstellung längere Zeit ungestört vor der Seele erhalten, und sie so in allen Einzelheiten beschreiben kann, wie etwa ein Nachbild?”

073 So you don’t know whether what you see (e.g., a copy) and an image don’t, in fact, look exactly alike? (Or should it be: are?) – – – This question could only be an empirical one, and might be something like: “Does it happen, or even happen often, that someone has an image preserved in the mind for a long time, undisturbed, and can describe it in all its details, as one might describe a copy?”

§RPP II

618[6]

074 “Kannst du den Vogel jetzt noch sehen?” – “Ich bilde mir ein, ich kann ihn noch sehen.” Das heißt nicht: Ich stelle ihn mir vielleicht vor.

074 “Can you still see the bird now?” – “I imagine that I can still see it.” This does not mean: I am perhaps imagining it.

§RPP II

618[7] &
619[1]

075 “Sehen und Vorstellen sind verschiedene Phänomene.” – Die Wörter “sehen” und “vorstellen” werden ungleich verwendet. “Ich sehe” wird anders verwendet als “Ich stelle mir vor”; “Sieh!” wird anders verwendet als “Stell dir vor!”; “Ich versuche, es zu sehen” anders als “Ich versuche, mir's vorzustellen”. – – –“Aber die Phänomene sind eben: daß die Menschen sehen und daß wir uns Dinge vorstellen.” Ein Phänomen ist etwas, das man beobachten kann: Wie beobachtet man nun, daß die Menschen sehen? Ich kann z.B. beobachten, daß die Vögel fliegen oder Eier legen. Ich kann Einem sagen: “Siehst du, diese Geschöpfe fliegen. Schau, wie sie mit den Flügeln schlagen und sich in die Luft erheben.” Ich kann auch sagen: “Siehst du, dieses Kind ist nicht blind; es sieht. Schau, wie es der Kerzenflamme folgt.” Aber kann ich mich so zu sagen davon überzeugen, daß Menschen sehen? “Menschen sehen.” – Im Gegensatz wozu? Dazu etwa, daß alle blind sind?

075 “Seeing & imagining are different phenomena.” – The words “to see” & “to imagine” are used differently. “I see” is used differently than “I imagine”; “Look!” is used differently than “Imagine!”; “I am trying to see it” differently than “I am trying to imagine it.” – – –“But the phenomena are simply: that people see & that we imagine things.” A phenomenon is something that one can observe: how does one observe that people see? I can, for example, observe that the birds fly or lay eggs. I can say to someone: “Look, these creatures are flying. Look how they beat their wings & rise into the air.” I can also say: “Look, this child is not blind; it sees. Look how it follows the flame of the candle.” But can I, in this way, convince myself that people see? “People see.” – In contrast to what? To the fact, perhaps, that everyone is blind?

§RPP II

619[2]

076 Kann ich mir den Fall vorstellen, daß ich sagte: “Ja, du hast Recht: die Menschen sehen, so wie ich auch.”

076 Can I imagine the case that I say: “Yes, you are right: people see, just like I do.”

§RPP II

619[3]

077 “Sehen und Verstehen sind verschiedene Phänomene.” – Die Wörter “sehen” und “verstehen” haben verschiedene Bedeutungen! Ihre Bedeutungen beziehen sich auf eine Menge wichtiger Arten und Weisen menschlichen Verhaltens, auf Phänomene des menschlichen Lebens. Die Augen schließen um sich etwas vorzustellen ist ein Phänomen; mit verkniffenen angestrengt schauen, ist ein Anderes; einem Ding in Bewegung mit den Augen folgen, wieder eins. Denk, Einer sagte: “Der Mensch kann sehen oder blind sein”! “Sehen”, “Vorstellen”, “Hoffen” sind eben nicht Phänomenwörter, könnte man sagen. Das heißt aber natürlich nicht, daß der Psychologe nicht Phänomene beobachtet.

077 “Seeing and understanding are different phenomena.” – The words “see” and “understand” have different meanings! Their meanings relate to a lot of important kinds and ways of human behaviour, to phenomena of human life. Closing one’s eyes to imagine something is a phenomenon; staring intently with narrowed eyes is another; following a moving thing with one’s eyes is yet another. Imagine someone saying: “Humans can see or be blind!” “Seeing,” “imagining,” “hoping” are not, one might say, words for phenomena. That does not, of course, mean that the psychologist does not observe phenomena.

§RPP II

620[1]

078 Der Ausdruck, das Vorstellen unterstehe dem Willen kann irreführen, weil er den Schein erweckt, als wäre der Wille eine Art Motor und die Vorstellungen mit diesem im Zusammenhang, so daß er sie hervorrufen, bewegen, abstellen könnte.

078 The expression that imagining is subject to the will can be misleading, because it gives the impression that the will is a kind of engine and that the images are related to this, so that it can produce, move, or stop them.

§RPP II

620[2]

079 Aber wäre es nicht denkbar, daß bei einem Menschen das gewöhnliche Sehen dem Willen unterworfen wäre – Würde ihn das Sehen dann über die Außenwelt belehren? Hätten denn die Dinge Farben, wenn wir sie sehen könnten, wie wir wollen?

079 But wouldn’t it be conceivable that in a person ordinary seeing would be subject to the will? Would seeing then inform him about the external world? Would things have colors if we could see them as we want?

§RPP II

620[3]

080 Weil die Vorstellung dem Willen untertan ist unterrichtet sie uns eben nicht über die Außenwelt. Insofern – aber nicht in anderer Weise – ist sie einer Tätigkeit wie dem Zeichnen verwandt. Und doch ist es nicht leicht, das Vorstellen eine Tätigkeit zu nennen.

080 Because the image is subject to the will, it does not inform us about the external world. In this respect – but not in any other way – it is related to an activity such as drawing. And yet, it is not easy to call imagining an activity.

§RPP II

620[4]

081 Wie ist es aber, wenn ich dir sage: “Stell dir eine Melodie vor”? Ich muß sie mir ‘innerlich vorsingen’. Das wird man ebenso eine Tätigkeit nennen wie das Kopfrechnen.

081 But what if I tell you: “Imagine a melody”? I must ‘internally sing’ it. This would be called an activity just as much as doing mental arithmetic.

§RPP II

620[5]

082 Denk auch daran, daß man Einem befehlen kann “Zeichne den N.N. nach der Vorstellung” und daß, ob er dies tut, oder nicht, nicht nach der Ähnlichkeit des Bildnisses entschieden wird. Und dem ist analog, daß ich mir den N.N. vorstelle, auch wenn ich ihn mir falsch vorstelle.

082 Also remember that one can command someone, “Draw N.N. from imagination,” and whether he does so or not is not decided by the similarity of the picture. And this is analogous to the fact that I imagine N.N., even if I imagine him incorrectly.

§RPP II

620[6] &
621[1]

083 Wenn ich sage, die Vorstellung sei dem Willen unterworfen, so heißt das nicht, sie sei gleichsam eine willkürliche Bewegung im Gegensatz zu einer unwillkürlichen. Denn die selbe Bewegung des Armes etwa, die jetzt willkürlich ist, könnte auch unwillkürlich sein. – Ich meine: Es hat Sinn einen Befehl zu geben: “Stell dir das vor”, oder auch “Stell dir das nicht vor.”

083 When I say that the image is subject to the will, this does not mean that it is, as it were, an arbitrary movement in contrast to an involuntary one. For the same movement of the arm, which is now voluntary, could also be involuntary. – I mean: It makes sense to give the command: “Imagine this,” or even “Don’t imagine this.”

§RPP II

621[2]

083 Aber betrifft die Verbindung mit dem Willen nicht nur, so zu sagen, die Maschinerie, durch die die Vorstellung (das Vorstellungsbild) erzeugt, geändert wird? – Es wird hier kein Bild erzeugt; es sei denn, Einer fertige ein Bild, ein wirkliches Bild, an.

083 But does the connection with the will not only concern, so to speak, the machinery through which the image (the mental image) is produced, changed? – No image is produced here; unless someone creates a real image.

§RPP II

621[3]

084 Der Dolch, den Macbeth vor sich sieht, ist kein vorgestellter Dolch. Eine Vorstellung kann man nicht für Wirklichkeit halten, noch Gesehenes für Vorgestelltes; aber nicht, weil sie einander so unähnlich sind.

084 The dagger that Macbeth sees before him is not an imagined dagger. One cannot take an image to be reality, nor seeing to be imagining; but not because they are so dissimilar.

§RPP II

621[4]

085 Gegen die Willkürlichkeit der Vorstellung kann man sagen, daß Vorstellungen oft gegen unsern Willen sich uns aufdrängen und bleiben, sich nicht verscheuchen lassen Doch aber kann der Wille gegen sie ankämpfen. Ist aber, sie willkürlich zu nennen, nicht, als nennte ich eine Armbewegung willkürlich, zu der ein Anderer meinen Arm gegen meinen Willen zwingt?

085 One can argue against the arbitrariness of the image that images often force themselves upon us against our will and remain, and cannot be driven away. But the will can fight against them. But is calling it arbitrary not the same as calling an arm movement arbitrary, to which another person forces my arm against my will?

§RPP II

621[5] &
622[1]

086 Sag dir wieder, wenn Einer darauf besteht, was er “Gesichtsvorstellung” nennt, sei ähnlich dem Gesichtseindruck: daß er sich vielleicht irrt! Oder: Wie, wenn er sich darin irrte? Das heißt: was weißt du von der Ähnlichkeit seines Gesichtseindrucks und seiner Gesichtsvorstellung?! (Ich rede vom Andern, weil, was von ihm gilt, auch von mir gilt.) Was weißt du also von dieser Ähnlichkeit? Sie äußert sich nur in den Ausdrücken, die er zu gebrauchen geneigt ist; nicht in dem, was er mit diesen Ausdrücken sagt. “Es ist gar kein Zweifel: die Gesichtsvorstellung und der Gesichtseindruck sind von der selben Art!” Das mußt du aus deiner eigenen Erfahrung wissen; und dann ist es also etwas, was für dich stimmen mag und für Andere nicht. (Und das gilt natürlich auch für mich, wenn ich es sage.) Nichts ist schwerer, als den Begriffen vorurteilslos gegenüber stehen. (Und das ist die Hauptschwierigkeit der Philosophie.)

086 I repeat, if someone insists that what he calls “visual imagination” is similar to visual impression: that he is perhaps mistaken! Or: What if he was mistaken? That is: what do you know about the similarity of his visual impression and his visual imagination?! (I am speaking of the other person, because what applies to him also applies to me.) So what do you know about this similarity? It is only expressed in the expressions that he is inclined to use; not in what he says with these expressions. “There is no doubt: visual imagination and visual impression are of the same kind!” You must know this from your own experience; and then it is something that may be true for you and not for others. (And this naturally also applies to me, if I say it.) Nothing is more difficult than to stand unbiased towards concepts. (And that is the main difficulty of philosophy.)

§RPP II

622[2]

087 Sich etwas vorstellen, ist zu vergleichen mit einer Tätigkeit. (Schwimmen) Wenn wir uns etwas vorstellen, beobachten wir nicht. Daß die Bilder kommen und vergehen geschieht uns nicht. Wir sind nicht überrascht von diesen Bildern und sagen “Sieh da! …”

087 Imagining something is comparable to an activity. (Swimming.) When we imagine something, we do not observe. The fact that the images come and go happens to us. We are not surprised by these images and say “Look there!…”

§RPP II

622[3]

088 Wir verscheuchen nicht Gesichtseindrücke, aber Vorstellungen.

088 We do not drive away visual impressions, but images.

§RPP II

622[4]

089 Könnten wir die Eindrücke verscheuchen und vor unsere Seele rufen, sie könnten uns nicht über die Wirklichkeit informieren. – So unterschieden sich Eindrücke von Vorstellungen nur dadurch, daß wir diese bewegen können und jene nicht? So ist also der Unterschied empirisch! So ist es eben nicht.

089 If we could drive away the impressions and summon them before our mind, they could not inform us about reality. – Are impressions and images different only in that we can move these and not those? So is the difference empirical? It is not.

§RPP II

623[1]

090 Aber ist es denn undenkbar, daß Gesichtseindrücke sich verscheuchen, oder zurückrufen ließen? Ja, ist es nicht wirklich möglich? Wenn ich meine Hand ansehe und dann bewege ich sie aus dem Gesichtsfeld, habe ich ihren Gesichtseindruck nicht willkürlich abgebrochen? – Aber, wird man mir sagen, so etwas nennt man doch nicht “das Bild der Hand verscheuchen”! Freilich nicht; aber wo ist der Unterschied? Man möchte sagen: der Wille bewegt die Vorstellungen unmittelbar. Denn, wenn ich meinen Gesichtseindruck willkürlich ändere, so folgen die Dinge meinem Willen.

090 But is it inconceivable that visual impressions could be dismissed or recalled? Yes, isn’t it actually possible? When I look at my hand and then move it out of my field of vision, haven’t I arbitrarily terminated its visual impression? – But, one might say, one doesn’t call that “dismissing the image of the hand”! Of course not; but what is the difference? One might say: the will moves the images directly. For if I arbitrarily change my visual impression, the things follow my will.

§RPP II

623[2]

091 Wie aber, wenn die Gesichtseindrücke sich eben unmittelbar regieren ließen? Soll ich sagen: “Dann gäbe es keine Eindrücke, sondern nur Vorstellungen”? Und wie wäre das? Wie erführe ich z.B., daß der Andere eine bestimmte Vorstellung hätte? Er würde es mir sagen. – Aber wie würde er die dazu nötigen Worte lernen – sagen wir; “rot” und “rund”? Denn ich könnte sie ihn doch nicht lehren, indem ich auf etwas Rotes und Rundes zeige. Ich könnte mir nur die Vorstellung hervorrufen, daß ich auf etwas derartiges zeige. Und ich könnte ihn natürlich auch nicht sehen, sondern ihn mir nur vorstellen. Ist die Annahme nicht überhaupt so wie die, es gäbe in der Welt nur Dichtung und nicht Wahrheit?

091 But how if the visual impressions could simply be governed directly? Should I say: “Then there would be no impressions, but only images”? And what would that be like? How would I, for example, find out that the other person has a certain image? He would tell me. – But how would he learn the necessary words for this – let’s say “red” & “round”? Because I couldn’t teach them to him by pointing to something red & round. I could only evoke the image that I am pointing to something of that sort. & I couldn’t, of course, see him, but only imagine him. Isn’t the assumption in any case like the one that there is only fiction in the world & not truth?

§RPP II

623[3] &
624[1]

092 Und ich selbst könnte natürlich auch keine Beschreibung meiner Vorstellungen lernen, noch sie auch selbst erfinden. Denn was hieße es, z.B., daß ich mir ein rotes Kreuz auf weißem Grunde vorstelle? Wie sieht denn ein rotes Kreuz aus? So?? – Aber könnte nicht ein höheres Wesen durch Intuition wissen, was ich mir vorstelle, und dies in seiner Sprache beschreiben, wenn sie mir auch unverständlich wäre? – Angenommen, dies höhere Wesen sagte “ich weiß, was sich dieser Mensch jetzt vorstellt; es ist dies: …” – Aber wie konnte ich das “wissen” nennen? Es ist ja ganz anders, als das, was wir nennen “wissen”, was sich der Andere vorstellt”. Wie vergleicht man denn den gewöhnlichen Fall mit jenem erdichteten? Wenn ich mich in diesem Fall als Dritten denke, so wüßte ich gar nicht, was das höhere Wesen damit meint: Es wisse, welche Vorstellung der Mensch hat, der nur Vorstellungen und keine Eindrücke hat.

092 And I myself could of course not learn a description of my images, nor could I invent them myself. For what would it mean, for example, that I imagine a red cross on a white background? What does a red cross look like? Like this?? – But couldn’t a higher being know, through intuition, what I am imagining, and describe it in its language, even if it were incomprehensible to me? – Suppose this higher being said, “I know what this person is imagining now; it is this:…” – But how could I call that “knowing”? It is quite different from what we call “knowing” what the other person is imagining. How does one compare the ordinary case with that invented one? If I think of myself as the third person in this case, then I wouldn’t even know what the higher being means: it knows what image the person has who has only images and no impressions.

§RPP II

624[2]

093 “Aber kann ich mir nicht doch so einen Fall vorstellen?” Vor Allem kannst du über ihn reden. Aber das zeigt nicht, daß du ihn ganz durchdacht hast. (5 Uhr auf der Sonne.)

093 “But can’t I imagine such a case?” Above all, you can talk about it. But that doesn’t show that you have thought it through completely. (5 o’clock on the sun.)

§RPP II

624[3]

094 Man möchte davon reden, wie ein Gesichtseindruck und wie eine Vorstellung ausschauen. Und etwa fragen: “Könnte nicht etwas so ausschauen, wie z.B. mein gegenwärtiger Gesichtseindruck, sich aber im Übrigen benehmen wie eine Vorstellung?” Und hier ist offenbar ein Fehler.

094 One would like to talk about what a visual impression and an image look like. And perhaps ask: “Couldn’t something look like, for example, my present visual impression, but otherwise behave like an image?” And here there is obviously a mistake.

§RPP II

624[4] &
625[1]

095 Aber denk dir dies: Wir lassen jemand durch ein Loch in eine Art Guckkasten schauen, und in diesem bewegen wir nun verschiedene Gegenstände, Figuren, und zwar, durch Zufall oder mit Absicht so, daß die Bewegung gerade die ist, die der Beobachter wollte; so daß er sich einbildet, was er sieht, gehorche seinem Willen. – Konnte der sich nun täuschen; glauben, seine Gesichtseindrücke seien Vorstellungen? Das klingt ganz absurd. Ich brauche ja den Guckkasten gar nicht, sondern muß nur, wie oben, meine Hand betrachten und sie bewegen. Könnte ich aber auch den Vorgang dort drüben willkürlich bewegen, oder zum Verschwinden bringen, so würde ich das doch nicht als einen Vorgang in meiner Fantasie deuten.

095 But imagine this: we let someone look through a hole in a kind of viewing box, and in this we now move various objects, figures, and that, either by chance or intentionally, so that the movement is exactly what the observer wanted; so that he imagines that what he sees obeys his will. – Could he then be mistaken; believe that his visual impressions are images? That sounds absurd. I don’t even need the viewing box, but just have to, as above, look at my hand and move it. But if I could also move the process over there arbitrarily, or make it disappear, wouldn’t I interpret that as a process in my fantasy?

§RPP II

625[2]

096 Ich kann eben von Haus aus einen Eindruck nicht für eine Vorstellung halten. Aber was heißt das? Könnte ich mir denn einen Fall denken, daß ein Anderer das täte? Wie kommt es, daß das nicht denkbar ist?

096 I can’t, by its very nature, take an impression for an image. But what does that mean? Could I imagine a case in which another person would do that? How is it that this is unthinkable?

§RPP II

625[3]

097 Wenn Einer wirklich sagte “Ich weiß nicht, sehe ich jetzt einen Baum, oder stelle ich mir einen vor”, so würde ich zunächst glauben, er meine: “oder bilde ich mir nur ein, es stehe dort einer”. – Meint er das nicht, so könnte ich ihn überhaupt nicht verstehen – wollte mir aber jemand diesen Fall erklären und sagte “Er hat eben so außergewöhnlich lebhafte Vorstellungen, daß er sie für Sinneseindrücke halten kann” – verstünde ich's jetzt?

097 If someone were to say, “I really don’t know if I’m now seeing a tree or just imagining one,” I would initially assume that he means: “or am I just imagining that there is one there.” – If he doesn’t mean that, then I wouldn’t be able to understand him at all. But if someone were to explain this case to me & said, “He simply has such extraordinarily vivid images that he can mistake them for sensory impressions,” would I understand it now?

§RPP II

625[4] &
626[1]

098 Denk dir aber nun dennoch einen Menschen, der sagte “Meine Vorstellungen sind heute so lebhaft, wie wirkliche Gesichtseindrücke”, – müßte freilich erst von ihm erfahren, wie sich denn dies zeigt. Sagte er mir aber “Ich weiß oft nicht, ob ich etwas sehe, oder es mir nur vorstelle”, so würde ich das nicht einen Fall überlebhafter Vorstellung nennen.

098 But suppose one imagines a person who says, “My images are so vivid today, just like real visual impressions.” Of course, one would first have to learn from him how this manifests itself. But if he said to me, “I often don’t know whether I am seeing something or just imagining it,” I wouldn’t call that a case of vivid imagination.

§RPP II

626[2]

099 Muß man aber hier nicht unterscheiden: sich, sagen wir, das Gesicht eines Freundes vorstellen, aber nicht im Raum der mich umgibt – und andrerseits: sich an dieser Wand dort ein Bild etwa vorstellen? Man könnte z.B. auf die Aufforderung “Stell dir dort drüben einen runden Fleck vor” sich einbilden, wirklich einen dort zu sehen.

099 Must one not distinguish here: imagining, let’s say, the face of a friend, but not in the space around me, and, on the other hand: imagining a picture on this wall over there? For example, one could imagine actually seeing a round spot there in response to the request, “Imagine a round spot over there.”

§RPP II

626[3]

100 Freilich, wenn ich sage “Ist dort nicht wirklich ein Fleck?” Und also etwas genauer hinschaue, so gehorcht, was ich hier Vorstellung nenne, nicht meinem Willen. Und eine Einbildung gehorcht ja nicht meinem Willen.

100 Indeed, if I say “Isn’t there really a spot there?” & so look at it a little more closely, then what I call an image does not obey my will. And an imagination certainly does not obey my will.

§RPP II

626[4]

101 Man darf nicht vergessen, daß die materielle Implikation tatsächlich auch ihre Verwendung, ihre praktische Verwendung, hat; wenn sie auch nicht häufig vorkommt.

101 One must not forget that material implication actually also has its use, its practical use, even if it does not occur frequently.

§RPP II

626[5]

102 Wer den Satz “Wenn p, so q” verneint, verneint einen Zusammenhang. Er sagt: “Es muß nicht so sein.” Und das Wort “muß” deutet auf den Zusammenhang.

102 Whoever denies the sentence “If p, then q” denies a connection. He says: “It does not have to be the case.” And the word “must” points to the connection.

§RPP II

626[6] &
627[1]

103 Aus “nicht p & und q” folgt nicht “Wenn p, so q”. Es ist nicht aus “nicht p & q” zu erschließen. Der Sinn von “Wenn p, so q” ist von dem des Satzes “p impliziert q” grundverschieden. Wenn auch ein Zusammenhang besteht. Dieser: “p & q”, welches die Implikationen wahr macht, tut dies auch für den Satz “ …so …”, oder spricht doch für seine Wahrheit. “p & nicht q widerspricht der Implikation und auch dem Wenn-so-Satz, oder ist seiner Wahrheit nicht günstig. “nicht p & q” und “nicht p & nicht q” bewahrheiten die Implikation und entscheiden nichts über die Wahrheit von “Wenn …, so …”.

103 From “not p & and q” it follows that it is not the case that “If p, then q”. It cannot be inferred from “not p & q”. The sense of “If p, then q” is fundamentally different from that of the sentence “p implies q”. Although a connection exists. This is: “p & q”, which makes the implications true, also does so for the sentence “... therefore ...”, or at least argues in favor of its truth. “p & not q” contradicts the implication and also the if-then sentence, or is not conducive to its truth. “not p & q” and “not p & not q” confirm the implication and say nothing about the truth of “If ..., then ...”.

§RPP II

627[2]

104 “Wenn dies eintrifft, so wird das eintreffen. Habe ich Recht, so zahlst du mir einen Schilling, habe ich Unrecht, so zahle ich dir einen, bleibt es unentschieden, so zahlt keiner.” Das könnte man auch so ausdrücken: Der Fall, in welchem die Prämisse nicht eintrifft, interessiert. uns nicht, wir reden nicht von ihnen. Oder auch: es ist uns hier nicht natürlich, die Wörter “ja” und “nein” so zu gebrauchen, wie in dem Falle (und solche Fälle gibt es) in welchem uns die materielle Implikation interessiert. Mit “Nein” wollen wir hier sagen “p & nicht q”, mit “Ja” nur “p & q”.

104 “If this holds true, then that will hold true. If I am right, you pay me a shilling; if I am wrong, I pay you one; if it remains undecided, then neither of us pays.” One could also express this as follows: The case in which the premise does not hold true does not interest us; we are not talking about it. Or also: it is not natural for us here to use the words “yes” & “no” in the way we do in the case (and such cases exist) in which we are interested in material implication. With “no,” we want to say “p & not q”; with “yes,” only “p & q.”

§RPP II

627[3] &
628[1]

105 Es ist z.B. ganz gewöhnlich auf die Wahrheit einer Vorhersage zu wetten. Wetten wir nun auf die Behauptung “Wenn p eintrifft, so wird q eintreffen”, so wird man zwar auch sagen “Wenn du Recht hast, zahle ich dir …, wenn nicht …”; aber beim Nicht–eintreffen von p wird die Wette nicht gelten. Es handelt sich doch hier um zwei verschiedene Arten der Verwendung der Verneinung eines Satzes. Und so, wie “nicht nicht p” nicht p ist, wenn die Verdopplung der Verneinung eine Verstärkung der Verneinung bedeutet, so ist auch “p ⌵ nicht p”, wie wir die Verneinung gebrauchen, nicht unbedingt eine Tautologie. In dem obigen Fall sollte die Behauptung, der Bedingungssatz sei wahr oder aber falsch, eigentlich das unbedingte Eintreffen des Ereignisses behaupten. Denn jene Behauptung ist ja, der Bedingungssatz werde nicht unentschieden bleiben.

105 For example, it is quite common to wager on the truth of a prediction. If we now bet on the assertion “If p occurs, then q will occur”, one will also say “If you are right, I will pay you…, if not…”; but if p does not occur, the bet will not be valid. Here, we are dealing with two different kinds of uses of the negation of a sentence. And just as “not not p” is not p, if the doubling of the negation means an intensification of the negation, so “p ⌵ not p”, as we use the negation, is not necessarily a tautology. In the above case, the assertion that the conditional sentence is either true or false should actually assert the unconditional occurrence of the event. For that assertion is, after all, that the conditional sentence will not remain undecided.

§RPP II

628[2]

106 Der Satz “Die Vorstellung ist dem Willen unterworfen” ist kein Satz der Psychologie.

106 The sentence “The image is subject to the will” is not a sentence of psychology.

§RPP II

628[3]

107 Ich lerne den Begriff ‘sehen’ in Verbindung mit ‘schauen’. Die Verwendung des einen Worts verbunden mit der des andern.

107 I learn the concept of ‘seeing’ in connection with ‘looking’. The use of one word connected with the use of the other.

§RPP II

628[4]

108 Wenn man sagt “der Erlebnisinhalt des Sehens und des Vorstellens sei wesentlich der Selbe”, so ist das wahr daran, daß ein gemaltes Bild wiedergeben kann, was man sieht und wiedergeben kann, was man sich vorstellt. Nur darf man sich nicht vom Mythus des inneren Bildes täuschen lassen.

108 When one says “the experiential content of seeing & imagining is essentially the same,” there is truth in the idea that a painted picture can reproduce what one sees & can reproduce what one imagines. One must, however, not be misled by the myth of the inner picture.

§RPP II

628[5]

109 Das ‘Vorstellungsbild’ tritt nicht dort ins Sprachspiel ein, wo man es vermuten möchte.

109 The ‘mental image’ does not enter the language-game where one might expect it to.

§RPP II

628[6]

110 Ich lerne den Begriff ‘sehen’ mit dem Beschreiben dessen, was ich sehe, Ich lerne beobachten und das Beobachtete beschreiben. Ich lerne den Begriff ‘vorstellen’ in einer gänzlich andern Verbindung. Die Beschreibungen des Gesehenen und des Vorgestellten sind allerdings von der selben Art, und eine Beschreibung könnte sowohl das Eine, wie auch das Andere sein; aber sonst sind die Begriffe durchaus verschieden. Der Begriff des Vorstellens ist eher wie der eines Tuns, als eines Empfangens. Das Vorstellen könnte man einen schöpferischen Akt nennen. (Und nennt es ja auch so.

110 I learn the concept of ‘seeing’ with the description of what I see. I learn to observe and describe what is observed. I learn the concept of ‘imagining’ in a completely different connection. The descriptions of what is seen and what is imagined are, however, of the same kind, and a description could be both the one and the other; but otherwise, the concepts are quite different. The concept of imagining is more like that of an action than of a reception. One could call imagining a creative act. (And indeed, one does call it that.)

§RPP II

628[7] &
629[1]

111 “Ja, aber die Vorstellung selbst, so wie der Gesichtseindruck, ist doch das innere Bild und du redest nur von den Verschiedenheiten der Erzeugung, Entstehung, Behandlung des Bildes.” Die Vorstellung ist nicht ein Bild, noch ist der Gesichtseindruck eines. Weder ‘Vorstellung’ noch ‘Eindruck’ ist ein Bildbegriff, obwohl in beiden Fällen ein Zusammenhang mit einem Bild statt hat, und jedes Mal ein Anderer.

111 “Yes, but the image itself, just like the visual impression, is the inner picture, and you are only talking about the differences in the generation, origin, treatment of the image.” The image is not a picture, nor is the visual impression one. Neither ‘image’ nor ‘impression’ is a picture concept, although in both cases there is a connection with a picture, and each time it is a different one.

§RPP II

629[2]

112 “Aber könnte ich mir nicht einen Erlebnisinhalt denken von der Art der visuellen Vorstellung, aber dem Willen nicht unterworfen, in dieser Beziehung wie der Gesichtseindruck?” Hier ist das Irreführende das Reden vom Erlebnisinhalt. Wenn wir von Einem fürs visuelle Vorstellen typischen Erlebnisinhalt reden, so muß der Inhalt in mir mit dem Inhalt in dir verglichen werden können. Und, so seltsam es klingt, müßte man, glaube ich, sagen, der Erlebnisinhalt – wenn man überhaupt diesen Begriff hier gebrauchen will – sei für visuelle Vorstellung und visuellen Eindruck der Gleiche. Und das klingt paradox, weil Jeder ausrufen möchte: Du willst mir doch nicht sagen, daß man je diese beiden, Vorstellung und Eindruck, mit einander verwechseln könnte! – So wenig, könnte ich antworten, wie z.B. Zeichnen und Sehen. Aber was gezeichnet und was gesehen wird, mag doch das Selbe sein. Vorstellung und Eindruck ‘schauen’ eben nicht verschieden ‘aus’.

112 “But couldn’t I think of an experiential content of the kind of visual imagining, but not subject to the will, in this respect like the visual impression?” Here, the misleading thing is talking about the experiential content. If we talk about an experiential content typical of visual imagining, then the content in me must be comparable to the content in you. And, however strange it may sound, I think one must say that the experiential content – if one even wants to use this concept here – is the same for visual imagining and visual impression. And that sounds paradoxical, because everyone would like to exclaim: You can’t be serious, are you suggesting that one could ever confuse these two, imagining and impression! – No more, I could answer, than, for example, drawing and seeing. But what is drawn and what is seen can still be the same. Imagining and impression do not ‘look’ different.

§RPP II

629[3] &
630[1]

113 Man könnte aber auch sagen, daß “Erlebnisinhalt” für Vorstellung und Eindruck nicht die gleiche Bedeutung hat, sondern nur verwandte Bedeutungen. Wenn ich mir z.B. ein Gesicht ganz genau so vorstelle, wie es ausschaut, wenn ich's später sehe, hatte mein Eindruck und meine Vorstellung den gleichen Erlebnisinhalt. Man kann nicht sagen, es sei nicht der Gleiche, da Vorstellung und Eindruck nie gleich aussähen. Der Inhalt der Beiden ist also dies – (indem ich etwa auf ein Bild zeige). Aber ich müßte nicht beide Male (den Inhalt) nennen.

113 One could also say that “content of experience” does not have the same meaning for image & impression, but only related meanings. If, for example, I imagine a face very precisely as it will look when I see it later, then my impression & my image have the same content of experience. One cannot say that it is not the same, since image & impression never look the same. The content of both is therefore this – (by, for example, pointing to a picture). But I do not have to name (the content) both times.

§RPP II

630[2]

114 Vorstellung und Intention. Auch insofern ist vorstellen dem schaffen eines Bildes zu vergleichen, als ich mir nicht den vorstelle, dem mein Vorstellungsbild ähnlich ist, sondern den, den ich mir vorstellen will.

114 Imagining and intention. Also, in that respect, imagining is comparable to creating an image, in that I do not imagine the one that is similar to my mental image, but the one that I want to imagine.

§RPP II

630[3]

115 Ich glaube, wenn man Vorstellen mit einer Körperbewegung vergleicht, wie das Atmen, das man manchmal willkürlich, manchmal unwillkürlich geschieht, so darf man den Sinneseindruck gar nicht mit einer Bewegung vergleichen. Nicht so kann der Unterschied gefaßt werden, daß das Eine geschieht, ob wir's wollen oder nicht, während wir das andere regieren. Vielmehr ist der eine Begriff dem einer Handlung ähnlich, der andre nicht. Der Unterschied ist eher wie der zwischen Sehen, daß meine Hand sich bewegt – und Wissen (ohne sie zu sehen) daß ich sie bewege.

115 I think that if one compares Vorstellung with a bodily movement, such as breathing, which sometimes happens voluntarily and sometimes involuntarily, then one must not compare the sense impression at all with a movement. The difference cannot be conceived in such a way that one happens whether we want it or not, while we control the other. Rather, one concept is similar to that of an action, and the other is not. The difference is more like the difference between seeing that my hand is moving – and knowing (without seeing it) that I am moving it.

§RPP II

630[4]

116 “Wenn ich die Augen schließe, steht er vor mir”. – Man könnte sich denken, daß solche Ausdrücke nicht gelernt, sondern poetisch spontan gebildet sind. Daß sie uns also ‘treffend scheinen’

116 “When I close my eyes, it is before me.” – One might think that such expressions are not learned, but poetically spontaneously formed. That is to say, they ‘seem fitting’ to us.

§RPP II

630[5]

117 “Ich sehe ihn deutlich vor mir!” – Nun, vielleicht steht er wirklich vor dir. – “Nein, dazu ist mein Bild zu wenig lebhaft.” –

117 “I can clearly see it before me!” – Well, perhaps it is really before you. – “No, my image is not vivid enough for that.” –

§RPP II

631[1]

118 Könnten wir uns nicht diese Erscheinung denken: Wir seien im Stande, indem wir einen Lichtschirm anschauen, auf ihm nach Willkür, ‘durch den bloßen Willen’, Bilder zu erzeugen, zu bewegen, verschwinden zu lassen, etc., Bilder, die nicht bloß der, der sie erzeugt, sondern auch der Andere sieht. – Wäre, was ich auf diesem Schirm sehe so etwas wie eine Vorstellung? Oder vielleicht richtiger gefragt: Hieße “ich sehe … auf dem Schirm” etwas Ähnliches wie: “Ich stelle mir … vor”? – oder soll ich sagen, der Satz “Auf dem Schirm zeigt sich jetzt …” entspreche dem “Ich stelle mir … vor”? – Nein; so ist es nicht. Die Schwierigkeit ist hier, daß ich keinen klaren Begriff davon habe: ‘die Bilder durch den Willen zu erzeugen’ etc. Denn eigentlich ist ja der Fall nicht ganz fantastisch: Ich kann mir ja wirklich auf einer fleckigen Wand alles Mögliche vorstellen; und wenn der Andere, wenn er auf die Wand schaut, immer wüßte, was ich mir vorstelle, so wäre der Fall nun ähnlich dem eben beschriebenen. ((Könnte man aber nicht auch von dem sagen, er erzeuge Bilder auf der Wand durch den bloßen Willen, der sie auf die Wand zeichnet?)) “Durch den bloßen Willen bewegen” was heißt es? Etwa, daß die Bilder meinem Willen immer genau folgen, während meine zeichnende Hand, mein Bleistift, das nicht tut? Immerhin wäre es ja dann doch möglich zu sagen: “Für gewöhnlich stelle ich mir ganz genau vor, was ich will; heute ist es anders ausgefallen.” Gibt es denn ein ‘Mißlingen der Vorstellung’?

118 Could we not think of this phenomenon: that we are capable, by looking at a screen, of creating images on it at will, of moving them, of making them disappear, etc., images that are not only seen by the person who creates them, but also by others. – Would what I see on this screen be something like an image or an imagination? Or perhaps, more precisely, does “I see … on the screen” mean something similar to: “I imagine …”? – Or should I say that the sentence “Now … appears on the screen” corresponds to “I imagine …”? – No; so it is not. The difficulty here is that I don't have a clear concept of “creating the images through will” etc. Because actually, the case is not entirely fantastic: I can really imagine all sorts of things on a spotted wall; and if the other person, when he looks at the wall, always knew what I was imagining, then the case would now be similar to the just described one. ((But could one not also say that he creates images on the wall through mere will, by drawing them on the wall?)) “Moving through mere will” – what does that mean? Does it mean that the images always follow my will exactly, while my drawing hand, my pencil, does not? At any rate, it would then still be possible to say: “Usually I imagine very precisely what I want; today it turned out differently.” Is there such a thing as a “failure of the imagination”?

§RPP II

631[2] &
632[1]

119 Wenn nicht, so will man das etwa so erklären, daß das Vorstellungsbild masselos ist. und dem Willen keinen Trägheits- oder andern Widerstand entgegensetzt. Nein; “ich sehe auf dem Schirm …” kann nicht meinem Vorstellen entsprechen. Auch nicht “ich produziere auf dem Schirm …” – denn dann könnte es gelingen und mißlingen. Eher noch das: “Für mich ist, was auf diesem Schirm ist, jetzt ein Bild von …

119 If not, then one might explain it in such a way that the mental image is without limits and does not offer the will any resistance or other opposition. No; “I see on the screen …” cannot correspond to my imagining. Nor does “I produce on the screen …” – for then it could succeed or fail. Rather, it is: “For me, what is on this screen is now an image of …

§RPP II

632[2]

120 Es gibt freilich ein Sprachspiel mit dem Befehl “Stell dir … vor!” – aber ist es denn wirklich ohne Weiteres gleich zu setzen dem “Dreh deinen Kopf nach rechts!”? Oder auch so: Hat es denn ohne Weiteres Sinn, zu sagen, Gesichtsbilder, innere Bilder, folgten meinem Willen? (Wohlgemerkt: nicht “meinem Wunsch”.)

120 There is, of course, a language-game with the command “Imagine …!” – but is it really to be equated with “Turn your head to the right”? Or also: does it make sense to say that visual images, inner images, follow my will? (Note: not “my wish”.)

§RPP II

632[3]

121 Denn das, wovon man normaler Weise sagt, es folge, oder folge nicht, dem Willen, sind nicht ‘innere Bilder’. Es ist also nicht klar, daß man den Begriff dieses Folgens ohne Weiteres auf die andere Kategorie anwenden kann.

121 For what one normally says follows, or does not follow, the will, are not ‘inner images’. It is therefore not clear that one can apply the concept of this following without further ado to the other category.

§RPP II

632[4]

121 (Daß man nämlich die ‘Willkürlichkeit’ der Vorstellung nicht mit der der Bewegung den Körpern vergleichen kann, ist klar; denn, ob die Bewegung stattgefunden hat, das zu beurteilen sind auch Andere befähigt; während es bei der Bewegung meiner Vorstellungen immer nur darauf ankäme, was Ich zu sehen behaupte, – was immer irgend ein Anderer sieht. Es würden also die sich bewegenden wirklichen Gegenstände aus der Betrachtung herausfallen, da es auf sie gar nicht ankäme.)

121 (That one cannot compare the ‘arbitrariness’ of the image with that of the movement of bodies is clear; for whether the movement has taken place is something that others are also able to judge; while in the case of the movement of my images, it always depends only on what I claim to see – whatever someone else may see. The moving, real objects would therefore fall out of consideration, since they are not relevant.)

§RPP II

632[5] &
633[1]

123 Sagte man also: “Vorstellungen sind innere Bilder, ähnlich, oder ganz so, wie meine Gesichtsempfindungen, nur meinem Willen untertan” – so hätte das bis auf Weiteres noch keinen Sinn. Denn wenn Einer zu berichten gelernt hat, was er dort sieht oder was ihm dort zu sein scheint, so ist es doch nicht klar, was der Befehl bedeute, er solle jetzt das dort sehen, oder es solle ihm jetzt das dort zu sein scheinen.

123 If one were to say: “Images are inner images, similar to, or exactly like, my visual impressions, only subject to my will,” then that would not make sense until further notice. For if someone has learned to report what he sees there or what seems to be there, it is not clear what the command would mean, that he should now see that there, or that that should now seem to be there to him.

§RPP II

633[2]

124 Es ist freilich eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem Vorstellen und einer Handlung, die sich eben in der Möglichkeit des Befehls ausdrückt; aber der Grad dieser Verwandtschaft muß erst untersucht werden.

124 There is, of course, a certain kinship between imagining and an action, which is expressed in the possibility of a command; but the degree of this kinship must first be investigated.

§RPP II

633[3]

125 “Bewege dein inneres Bild!” könnte heißen: bewege den Gegenstand.

125 “Move your inner image!” could mean: move the object.

§RPP II

633[4]

126 “Bewege, was du siehst”. Es könnte auch heißen: Nimm etwas ein, was deine Gesichtseindrücke beeinflußt.

126 “Move what you see.” It could also mean: take in something that influences your visual impressions.

§RPP II

633[5]

127 Welches merkwürdige Phänomen, das ein Kind wirklich die menschliche Sprache lernen kann! Daß ein Kind, ohne irgend etwas zu wissen, anfangen kann und, auf sicherem Wege, diese ungeheuer komplizierte Technik erlernt. Dieser Gedanke kam mir, als mir, in einem bestimmten Fall, zum Bewußtsein kam, wie ein Kind mit nichts anfängt, und eines Tages die Negation gebraucht wie wir!

127 What a remarkable phenomenon that a child can actually learn human language! That a child, without knowing anything, can start and, in a sure way, learns this extremely complicated technique. This thought occurred to me when, in a particular case, I became conscious of how a child starts with nothing, and one day uses negation as we do!

§RPP II

633[6]

128 Mit dem Satz “Vorstellungen sind willkürlich, Empfindungen nicht” unterscheidet man nicht Empfindungen von Vorstellungen, sondern die Sprachspiele, in denen wir's mit diesen Begriffen zu tun haben.

128 With the sentence “Images are arbitrary, sensations are not,” one does not distinguish sensations from images, but rather the language-games in which we deal with these concepts.

§RPP II

633[7] &
634[1]

129 Es gibt, was man Erscheinungen des Sehens und Erscheinungen des Vorstellens nennen kann; und den Begriff des Sehens und den Begriff der Vorstellung. Man kann von ‘Unterschieden’ innerhalb dieser Paare reden.

129 There are what one can call phenomena of seeing and phenomena of imagining; and the concept of seeing and the concept of imagining. One can talk about ‘differences’ within these pairs.

§RPP II

634[2]

130 Wenn man sagt “die Vorstellung hat es mit dem Willen zu tun”, so meint man die selbe Art des Zusammenhangs, die man mit dem Satz meint “Die Vorstellung hat es nicht mit der Beobachtung zu tun”.

130 If one says “imagining has to do with the will,” one means the same kind of connection that one means with the sentence “Imagining has nothing to do with observation.”

§RPP II

634[3]

131 Ich sagte, es gäbe Phänomene des Sehens, – was meinte ich damit? Nun etwa Alles das, was sich auf Bildern darstellen läßt und mit “sehen” beschreiben würde. Das genaue Beobachten; das Anschauen einer Landschaft; ein Mensch vom Licht geblendet; der freudig überraschte Blick; das Wegwenden um sich sehen zu müssen. Alle die Arten des Benehmens, die den sehenden Menschen vom Blinden unterscheiden. (Es hat doch einen Grund, warum mir gerade diese Bilder aus dem menschlichen Leben hier einfallen

131 I said that there are phenomena of seeing – what did I mean by that? Well, everything that can be depicted in pictures and would be described with “seeing.” The precise observation; looking at a landscape; a person blinded by the light; the joyfully surprised look; turning away in order to see. All the kinds of behaviour that distinguish the seeing person from the blind person. (There is, after all, a reason why precisely these images from human life occur to me here.)

§RPP II

634[4]

132 Phänomene des Sehens, – das ist, was der Psychologe beobachtet.

132 Phenomena of seeing – that is what the psychologist observes.

§RPP II

634[5] &
635[1]

133 Einer sagt: “Ich sehe ein Haus mit grünen Fensterläden”. Und du: “Er sieht es nicht, er stellt es sich nur vor. Er schaut ja gar nicht; siehst du, wie er vor sich hinstarrt?” – Man könnte sich sehr beiläufig auch so ausdrücken: “So sieht es nicht aus, wenn jemand etwas sieht; sondern wenn er sich etwas vorstellt.” Hier vergleichen wir Erscheinungen des Sehens mit Erscheinungen des Vorstellens. So auch, wenn wir zwei Leute eines fremden Stammes beobachteten, die während einer bestimmten Tätigkeit ein Wort gebrauchen, welches wir für ein Äquivalent unseres “Sehen” erkannt haben. Und wie wir nun ihren Gebrauch jenes Worts bei dieser Gelegenheit verfolgen, schließen wir, es müßte hier “vor dem innern Auge sehen” bedeuten. (Ebenso könnte man auch zu dem Schluß kommen, das Wort müsse hier Verstehen bedeuten.)

133 One says: “I see a house with green shutters.” And you: “He doesn’t see it, he just imagines it. He isn’t even looking; see how he stares blankly.” – One could also express oneself very casually like this: “That’s not what it looks like when someone sees something; but when he imagines something.” Here we compare phenomena of seeing with phenomena of imagining. Also, when we observe two people from a foreign tribe who, during a certain activity, use a word that we have recognized as an equivalent of our “seeing.” And as we now follow their use of that word on this occasion, we conclude that it must mean “seeing with the inner eye.” (One could also come to the conclusion that the word must mean understanding here.)

§RPP II

635[2]

134 Was heißt es z.B., daß “sehen” mit “beobachten” zusammenhängt? – Wenn wir “sehen” gebrauchen lernen, so lernen wir es zugleich und in Verbindung mit “schauen” gebrauchen, mit “beobachten”, etc.

134 What does it mean, for example, that “seeing” is related to “observing”? – When we learn to use “seeing,” we learn it at the same time and in connection with using “looking,” “observing,” etc.

§RPP II

635[3]

135 Wie wir den Schachkönig in Verbindung mit dem Bauern gebrauchen lernen und das Wort “König” zusammen mit dem Wort “Schachmatt”.

135 As we learn to use the chess king in connection with the pawn, and the word “king” together with the word “checkmate.”

§RPP II

635[4]

136 Ein Sprachspiel umfaßt ja doch den Gebrauch mehrerer Wörter.

136 A language-game does, after all, encompass the use of several words.

§RPP II

635[5]

137 Nichts kann falscher sein, als zu sagen, Sehen und Vorstellen seien verschiedene Tätigkeiten. Das ist, als sagte man, im Schach ziehen und verlieren seien verschiedene Tätigkeiten.

137 Nothing could be more false than to say that seeing and imagining are different activities. That is like saying that making a move in chess and losing are different activities.

§RPP II

635[6] &
636[1]

138 Die Worte “Vorstellen ist willkürlich, sehen nicht”, oder ähnliche, können Einen irreleiten. Wenn wir als Kinder lernen, die Worte “sehen”, “schauen”, “vorstellen” gebrauchen, so spielen dabei Willenshandlungen, Befehle hinein. Aber in anderer Weise für jedes der drei Wörter. Das Sprachspiel mit dem Befehl “Schau!” und mit dem Befehl “Stell dir … vor!” – wie soll ich sie nur vergleichen? – Wenn wir jemand abrichten wollen, daß er auf den Befehl “schau …!” reagiert und wenn wir ihn dazu abrichten wollen, daß er den Befehl “Stell dir … vor!” versteht, so müssen wir ihn doch offenbar ganz Anderes lehren. Reaktionen, die zu diesem Sprachspiel gehören, gehören zu jenem nicht. Ja, ein enger Zusammenhang der Sprachspiele ist natürlich da, aber eine Ähnlichkeit? – Stücke des Einen sind Stücken des Andern ähnlich, aber die ähnlichen Stücke sind nicht homolog.

138 The words “imagining is arbitrary, seeing is not,” or similar, can mislead one. When, as children, we learn to use the words “see,” “look,” “imagine,” actions of the will and commands play a role. But in a different way for each of the three words. How should one compare the language-game involving the command “Look!” and the command “Imagine…!”? If we want to train someone to react to the command “look…!” and if we want to train him to understand the command “Imagine…!”, then we must apparently teach him something completely different. Reactions that belong to this language-game do not belong to that one. Yes, there is of course a close connection between the language-games, but a similarity? – Pieces of one are similar to pieces of the other, but the similar pieces are not homologous.

§RPP II

636[2]

139 Ich könnte mir etwas Ähnliches für wirkliche Spiele denken. Es könnte etwa in zwei wesensverschiedenen Spielen – Spielen, die in wichtigem Sinne einander viel unähnlicher wären als Dame und Schach – ein und dasselbe Brett mit den selben Zügen vorkommen, nur, wenn ich so sagen darf, in einer andern Stellung. Im einen Spiel könnte es z.B. die Aufgabe sein, dem Andern nachzusetzen; im andern wäre der ganze Verlauf des Nachsetzens im Voraus gegeben, und die beiden Spieler hätten mit Bezug auf ihn eine Aufgabe ganz anderer Art. Es wären den Spielern z.B. zwei Wege des Nachsetzens gegeben und sie müßten die Beiden in psychologischer Hinsicht vergleichen. So gibt es ein Spiel: ein Kreuzworträtsel auflösen, und ein anderes: mehrere mir gegebene Auflösungen eines Kreuzworträtsels in irgend einem Sinne auf ihre Güte zu prüfen.

139 I could imagine something similar for real games. There could, for example, be two completely different games – games that would be much more dissimilar in an important sense than checkers and chess – in which the same board and the same moves occur, only, if I may say so, in a different arrangement. In one game, for example, the task might be to pursue the other; in the other, the entire sequence of the pursuit would be given in advance, and the two players would have a task of a completely different kind in relation to it. For example, two ways of pursuing would be given to the players, and they would have to compare them psychologically. Thus, there is a game: solving a crossword puzzle, and another: evaluating several given solutions to a crossword puzzle in some sense for their quality.

§RPP II

636[3]

140 Das Sehen untersteht dem Willen in anderer Weise als das Vorstellen. Oder: ‘sehen’ und ‘vorstellen’ haben zum ‘wollen’ verschiedene Beziehungen.

140 Seeing is subject to the will in a different way than imagining. Or: ‘seeing’ and ‘imagining’ have different relationships to ‘willing’.

§RPP II

636[4] &
637[1]

141 Nun scheint es aber doch, als wären Vorstellungen matte Spiegelungen der Sinneseindrücke. Wann scheint es so, und wem? Es gibt natürlich ein klar und unklar in den Vorstellungen. Und wenn ich sage “Mein Vorstellungsbild von ihm ist viel unbestimmter als mein Gesichtseindruck, wenn ich ihn sehe,”, so ist das wahr, denn ich kann ihn aus der Vorstellung auch nicht annähernd so genau beschreiben, als wenn ich ihn vor mir habe. Es kann aber doch geschehen, daß eines Menschen Gesicht sich so trügt, daß er einen Andern viel unschärfer sieht, als er sich ihn vorstellen kann.

141 Now it seems that images are, after all, dim reflections of sensory impressions. When does it seem so, and to whom? There is of course a clear and unclear in the images. And if I say “My mental image of him is much more vague than my visual impression when I see him,” then that is true, because I cannot describe him from the image nearly as accurately as when I have him in front of me. But it can still happen that a person’s face is so deceptive that he sees another much more vaguely than he can imagine him.

§RPP II

637[2]

142 Wenn ich mir, und ein Anderer sich, einen Schmerz vorstellen kann, oder wir doch sagen, daß wir's können, – wie kann man herausfinden, ob wir ihn uns richtig vorstellen, und wie genau?

142 If I and another person can imagine pain, or if we say that we can, – how can one find out whether we are imagining it correctly, and how accurately?

§RPP II

637[3]

143 Könnte es nicht Leute geben, die die Züge eines Menschen aus dem Gedächtnis höchst genau beschreiben könnten, ja, die auch sagen, jetzt wüßten sie plötzlich, wie er ausschaut, – die aber die Frage, ob sie den Menschen in jenem Augenblick in irgendeinem Sinn ‘vor sich sähen’ (oder dergleichen) unbedingt verneinten? Leute also, denen der Ausdruck “ich sehe ihn vor mir” durchaus nicht passend vorkäme? Dies scheint mir eine sehr wichtige Frage. Oder auch: die wichtige Frage ist, ob diese Frage Sinn hat. – Denn, was für einen Grund habe ich, zu glauben, daß das nicht unser Aller Fall ist? Oder, wie kann ich die Frage entscheiden, ob der Andere (ich nehme mich einstweilen aus) sich jemand wirklich ‘visuell vorstellt’, oder nur im Stande ist, ihn visuell zu beschreiben zu zeichnen, etc.) – plus dem Faktum, daß er, wenn ich so sagen darf, eine ‘Erleuchtung’ kennt, oder einen Zustand der Erleuchtung, ähnlich dem ‘Jetzt weiß ich's’. ((Echte Dauer)).

143 Could there not be people who could describe a person’s features from memory very accurately, yes, who could even say that they suddenly know what he looks like – but who would absolutely deny the question of whether they ‘see’ the person in that moment in some sense (or something similar)? People, then, for whom the expression “I see him in front of me” would not seem appropriate at all? This seems to me a very important question. Or rather: the important question is whether this question makes sense. – Because, what reason do I have to believe that this is not the case for all of us? Or, how can I decide the question of whether the other person (I will leave myself out for the moment) really ‘imagines’ someone visually, or is only able to describe him visually, draw him, etc.) – plus the fact that he, if I may say so, knows ‘an insight’ or a state of insight, similar to ‘Now I know’. ((True duration)).

§RPP II

638[1]

144 Die visuelle Vorstellung ist eben nicht nur durch das Zeichnen – können und dergleichen charakterisiert, sondern auch durch feinere Abschattungen des Benehmens. In dem Sprachspiel mit “vorstellen” gehört jedenfalls die Beschreibung der Vorstellung. (Das heißt nicht, daß in Grenzfällen eine Äußerung vorkommen kann: “Ich kann mir's genau vorstellen aber absolut nicht beschreiben.” Ein Spiel läßt Grenzfälle zu – eine Regel-Ausnahme. Aber Ausnahme und Regel könnten nicht ihre Rolle vertauschen, ohne das Spiel zu vernichten. (Der ‘Übergang von der Quantität zur Qualität’?)

144 The visual image is not only characterized by drawing – the ability to draw and the like, but also by finer nuances of behaviour. In the language-game with “imagine,” the description of the image is in any case included. (This does not mean that in borderline cases an utterance can occur: “I can imagine it exactly but absolutely cannot describe it.” A game allows for borderline cases – an exception to the rule. But exception & rule could not reverse their roles without destroying the game. (The ‘transition from quantity to quality’?)

§RPP II

638[2]

145 “Wenn Ausnahme und Regel ihre Rolle vertauschen, so ist es eben nicht mehr dasselbe!” – Aber was heißt das? Etwa daß sich dann mit einem Schlage unsere Einstellung zu dem Spiel ändern wird? Ist es, als kippte nach einem allmählichen Beschweren der einen und Erleichtern der andern Schale der Waagebalken, nicht allmählich um?

145 “If exception and rule exchange their roles, then it is simply something else!” – But what does that mean? Does it mean that our attitude to the game will change abruptly? Is it as if, after a gradual increase in one scale and decrease in the other, the scales of the balance not gradually tip?

§RPP II

638[3]

146 Wie könnte nun die Beschreibung der Vorstellung einer Bewegungsempfindung ausschauen?

146 What might the description of the image of a sensation of movement look like?

§RPP II

638[4] &
639[1] &
640[1]

147 Fortsetzung der Klassifizierung der psychologischen Begriffe. Gemütsbewegungen. Ihnen gemeinsam echte Dauer, ein Verlauf. (Zorn flammt auf läßt nach, verschwindet; ebenso: Freude, Depression, Furcht.) Unterschied von den Empfindungen: sie sind nicht lokalisiert (auch nicht diffus!). Gemeinsam: sie haben ein charakteristisches Ausdrucksbenehmen. (Gesichtsausdruck.) Und daraus folgt schon: auch charakteristische Empfindungen. So geht die Trauer oft mit dem Weinen einher, und mit ihm charakteristische Empfindungen. (Die Tränenschwere Stimme.) Aber die Empfindungen sind nicht die Gemütsbewegungen. (In dem Sinne, wie die Ziffer 2 nicht die Zahl 2 ist.) Unter den Gemütsbewegungen könnte man gerichtete von ungerichteten unterscheiden. Furcht vor etwas, Freude über etwas. Dies Etwas ist das Objekt, nicht die Ursache der Gemütsbewegung. Das Sprachspiel “Ich fürchte mich” enthält schon das Objekt. Angst könnte man ungerichtete Furcht nennen, insofern ihre Äußerungen verwandt mit denen der Furcht sind. Der Inhalt einer Gemütsbewegung – darunter stellt man sich so etwas vor wie ein Bild, oder etwas, wovon ein Bild gemacht werden kann. (Die Finsternis der Depression, die sich auf Einen herniedersenkt, die Flammen des Zornes.) Man könnte auch das menschliche Gesicht ein solches Bild nennen und den Verlauf der Leidenschaft durch seine Veränderungen darstellen. Zum Unterschied von den Empfindungen: sie unterrichten uns nicht über die Außenwelt. (Grammatische Bemerkungen.) Liebe und Haß könnte man Gemütsdispositionen nennen; auch Furcht in einem bestimmten Sinne. Es ist Eines, akute Furcht empfinden, und ein anderes, jemand ‘chronisch’ fürchten. Aber Furcht ist keine Empfindung. ‘Schreckliche Furcht’: sind es die Empfindungen, die so schrecklich sind? Typische Ursachen des Schmerzes einerseits, der Depression, Trauer, Freude anderseits. Ursache dieser zugleich ihr Objekt. Das Benehmen des Schmerzes und das Benehmen der Traurigkeit. – Man kann diese nur mit ihren äußeren Anlässen beschreiben. (Wenn die Mutter das Kind allein läßt, mag es vor Trauer weinen; wenn es hinfällt, vor Schmerz.) Benehmen und Art des Anlasses gehören zusammen.

147 Continuation of the classification of psychological terms. Emotional states. They all share a genuine duration, a course. (Anger flares up, subsides, disappears; likewise: joy, depression, fear.) Difference from sensations: they are not localized (not even diffusely!). Commonality: they have a characteristic expressive behaviour. (Facial expression.) And from this, it already follows: also characteristic sensations. For example, grief often goes hand in hand with weeping, and with it, characteristic sensations. (The heavy voice of tears.) But the sensations are not the emotional states. (In the sense that the digit 2 is not the number 2.) Among the emotional states, one could distinguish between directed and undirected ones. Fear of something, joy about something. This something is the object, not the cause of the emotional state. The language-game “I am afraid” already contains the object. One could call anxiety undirected fear, insofar as its manifestations are related to those of fear. The content of an emotional state – this is what one imagines as something like a picture, or something of which a picture can be made. (The darkness of depression that descends upon one, the flames of anger.) One could also call the human face such a picture and represent the course of the passion through its changes. In contrast to sensations: they do not teach us about the external world. (Grammatical remarks.) Love and hate could be called emotional dispositions; also fear in a certain sense. It is one thing to experience acute fear, and another to ‘chronically’ fear someone. But fear is not a sensation. ‘Terrible fear’: are it the sensations that are so terrible? Typical causes of pain on the one hand, and of depression, grief, joy on the other. The cause is also the object of these. The behaviour of pain and the behaviour of grief. – One can only describe these with their external triggers. (If the mother leaves the child alone, it may cry from grief; if it falls, from pain.) Behaviour and the type of trigger belong together.

§RPP II

640[2]

148 Vielleicht wird man sagen: Wie kann man den Begriff ‘Schmerz’ durch die Schmerzanlässe charakterisieren? Schmerz ist doch was er ist – was immer ihn veranlaßt! – Frage jedoch: Wie identifiziert man Schmerz? Der Anlaß bestimmt den Nutzen des Schmerzsignals.

148 Perhaps one will say: How can one characterize the concept of ‘pain’ through the causes of pain? Pain is, after all, what it is – whatever causes it! – But the question is: How does one identify pain? The trigger determines the purpose of the pain signal.

§RPP II

640[3]

149 Der Schmerzbegriff ist eben auf eine bestimmte Weise in unserm Leben eingebettet. Ist es charakterisiert durch ganz bestimmte Zusammenhänge. Wie es einen Zug mit dem Schachkönig nur in einem bestimmten Zusammenhang gibt. Er läßt sich aus diesem Zusammenhang nicht lösen. – Denn dem Begriff entspricht eine Technik. (Das Auge lächelt nur in einem Gesicht.)

149 The concept of pain is embedded in our lives in a certain way. It is characterized by very specific connections. As there is a move with the chess king only in a specific context. It cannot be detached from this context. – Because the concept corresponds to a technique. (The eye only smiles in a face.)

§RPP II

640[4]

150 Nur inmitten gewisser normaler Lebensäußerungen gibt es eine Schmerzäußerung. Nur inmitten von noch viel weitgehender bestimmten Lebensäußerung und Ausdruck der Trauer, oder der Zuneigung. U.s.f.

150 Only within certain normal life manifestations does an utterance of pain occur. Only within an even more far-reaching determination of life manifestations and expression of sorrow, or of affection, etc.

§RPP II

640[5]

151 Gemütseinstellungen (Liebe z.B.) kann man prüfen, Gemütsbewegungen nicht.

151 One can test emotional states (love, for example), but not emotional movements.

§RPP II

640[6] &
641[1]

152 Ich möchte sagen: Gemütsbewegungen können die Gedanken färben; der Schmerz nicht. Und darum rede man von traurigen Gedanken, nicht aber in analoger Weise vom zahnschmerzlichen. Es ist, als könnte man sagen; Furcht, oder gar Hoffnung, könne geradezu aus Gedanken bestehen, aber doch nicht Schmerz. Nun, Schmerz hat vor allem die Merkmale der Empfindung und Furcht nicht. Furcht hängt mit Befürchtungen zusammen, und Befürchtungen sind Gedanken.

152 I would like to say: emotional movements can color thoughts; pain does not. And that is why one speaks of sad thoughts, but not in an analogous way of toothache-ridden thoughts. It is as if one could say: fear, or even hope, can almost consist of thoughts, but not pain. Now, pain primarily has the characteristics of sensation and not of fear. Fear is connected with apprehensions, and apprehensions are thoughts.

§RPP II

641[2]

153 Die Hoffnung kann man eine Gemütsbewegung nennen. D.h., sie mit Furcht Zorn, Freude, zusammenstellen. Sie ist verwandt mit dem Glauben, der keine Gemütsbewegung ist. Es gibt keinen typischen Körperausdruck des Glaubens. Vergleiche die Bedeutung von “ununterbrochener Schmerz” mit: “ununterbrochener Zorn”, Jubel, Trauer, Freude, Furcht, und anderseits “ununterbrochener Glaube” oder “ununterbrochene Hoffnung”. Aber auch Furcht, Hoffnung, Sehnsucht, Erwartung sind schwer mit einander zu vergleichen. Die Sehnsucht ist eine Beschäftigung im Gedanken mit einem bestimmten Objekt. Die Furcht vor einem Ereignis (apprehension) scheint von ähnlicher Art zu sein; nicht aber die Furcht vor dem Hund, der mich anbellt. Es könnten hier zwei verschiedene Worte gebraucht werden. Ebenso kann “erwarten” bedeuten: glauben, das und das werde geschehen – aber auch: die Zeit mit erwartenden Gedanken und Tätigkeiten hinbringen, also harren.

153 One can call hope an emotional movement. That is, one can put it together with fear, anger, joy. It is related to belief, which is not an emotional movement. There is no typical bodily expression of belief. Compare the meaning of “uninterrupted pain” with: “uninterrupted anger,” jubilation, sorrow, joy, fear, and on the other hand “uninterrupted belief” or “uninterrupted hope.” But also fear, hope, longing, and expectation are difficult to compare with each other. Longing is an activity in thought with a specific object. The fear of an event (apprehension) seems to be of a similar nature; but not the fear of the dog that is barking at me. Two different words could be used here. Likewise, “to expect” can mean: to believe that something will happen – but also: to spend time with expectant thoughts and activities, that is, to wait.

§RPP II

641[3] &
642[1]

154 Der Glaube ist keine Beschäftigung mit dem Gegenstand des Glaubens. Die Furcht aber, die Sehnsucht, die Hoffnung beschäftigen sich mit ihrem Objekt. Wir sagen in einer wissenschaftlichen Untersuchung alles Mögliche, machen viele Aussagen, deren Rolle wir in der Untersuchung nicht verstehen. Denn wir sagen ja nicht etwa alles mit einem bewußten Zweck, sondern unser Mund geht eben. Wir gehen durch herkömmliche Gedankenbewegungen, machen automatisch Gedankenübergänge gemäß den Formen, die wir gelernt haben. Und nun müssen wir erst, was wir gesagt haben, sichten. Wir haben eine ganze Menge unnütze, ja zweckwidrige Bewegungen gemacht, müssen nun unsere Gedankenbewegungen philosophisch klären.

154 Belief is not an activity with the object of belief. But fear, longing, and hope are activities with their object. In a scientific investigation, we say all sorts of things, make many statements, the role of which we do not understand in the investigation. Because we do not say everything with a conscious purpose, but our mouth just moves. We go through conventional thought movements, make automatic transitions of thought according to the forms we have learned. And now we must first sort out what we have said. We have made a whole lot of useless, indeed counterproductive, movements; now we must clarify our thought movements philosophically.

§RPP II

642[2]

155 Wenn ich erzähle “Ich habe mich den ganzen Tag vor seinem Kommen gefürchtet” – da könnte ich doch ins Einzelne gehen: Ich habe gleich beim Erwachen gedacht … Dann überlegte ich mir … Ich sah immer wieder zum Fenster hinaus, etc. etc. Das könnte man einen Bericht über die Furcht nennen. Wenn ich aber damals zu jemand sprach “Ich fürchte mich …” – ist das gleichsam ein Stöhnen der Furcht, oder eine Betrachtung über meinen Zustand? – Es könnte das Eine, oder auch das andere sein: Es mag einfach ein Stöhnen der Furcht sein; es mag aber auch sein, daß ich dem Andern berichten will, wie ich den Tag verbracht habe. Wenn ich ihm nun sagte: “Ich habe den ganzen Tag in Furcht verbracht (nun folgen vielleicht Einzelheiten) und auch jetzt bin ich voll Angst” – was sollen wir nun über dieses Gemisch von Bericht und Äußerung sagen – nun was sollen wir sagen, als daß wir hier die Verwendung des Wortes “Furcht” vor uns sehen.

155 If I tell the story, “I was afraid all day of his coming” – then I could go into detail: I thought as soon as I woke up… Then I thought about… I kept looking out the window, etc. etc. One could call that a report about fear. But if I spoke to someone at the time and said, “I am afraid…” – is that a groan of fear, or a reflection on my state? – It could be one or the other: It may simply be a groan of fear; but it may also be that I want to tell the other person how I spent the day. If I said to him: “I spent the whole day in fear (perhaps followed by details) and even now I am full of fear” – what should we say about this mixture of report and utterance – what should we say, except that we see here the use of the word “fear.”

§RPP II

642[3] &
643[1]

156 Wenn es Leute gäbe, die in den Fällen, wo wir Befürchtungen mit Angstgefühlen aussprechen, einen stechenden Schmerz in der linken Seite empfinden, – würde dies Stechen bei ihnen den Platz unsres Furchtgefühls einnehmen? – Wenn wir also diese Leute beobachteten und, sooft sie eine Befürchtung aussprächen, d.h., etwas sagten, was bei uns jedenfalls eine Befürchtung wäre, und sie zuckten dabei zusammen und hielten sich die linke Seite, – würden wir sagen: Diese Leute empfinden ihre Furcht als stechenden Schmerz? Offenbar nicht. –

156 If there were people who, in the cases where we express apprehensions with feelings of fear, experience a sharp pain in the left side – would this stabbing pain take the place of our feeling of fear in them? – So if we observed these people and, whenever they expressed an apprehension, i.e., said something that in our case would certainly be an apprehension, and they twitched and held their left side, – would we say: These people experience their fear as a stabbing pain? Apparently not.

§RPP II

643[2]

157 Warum verwendet man aber das Wort “Leiden” für die Furcht und auch für den Schmerz? Nun, es sind ja Verbindungen genug. –

157 Why does one use the word “suffering” for fear and also for pain? Well, there are certainly enough connections. –

§RPP II

643[3]

158 Denke, man sagte: Fröhlichkeit wäre ein Gefühl, und Traurigkeit bestünde darin, daß man nicht fröhlich ist. – Ist denn die Abwesenheit eines Gefühls ein Gefühl?

158 Imagine one said: Cheerfulness is a feeling, and sadness consists in the fact that one is not cheerful. – Is the absence of a feeling a feeling?

§RPP II

643[4]

159 Wenn ich sage “Ich habe immer mit Furcht daran gedacht” – hat die Furcht meine Gedanken begleitet? – Wie stellt man sich die Trennung des Begleitenden von der Begleitung vor? Man könnte fragen: Wie durchdringt die Furcht den Gedanken? Denn sie scheint nicht nur mit ihm einherzugehen. Wenn ich sage “Ich denke mit Beklemmung daran”, so könnte es allerdings so scheinen, als ob der Gedanke, etwa die Worte, mit einem besonderen Gefühl in der Brust einhergingen und darauf angespielt würde. Aber die Verwendung dieses Satzes ist eben anders. Man sagt auch: “Es beklemmt mir den Atem, daran zu denken” und meint nicht nur, daß erfahrungsgemäß die und die Empfindung und Reaktion diesen Gedanken begleiten.

159 If I say “I have always thought of it with fear” – has the fear accompanied my thoughts? – How does one imagine the separation of the accompanying thing from the thing being accompanied? One could ask: How does fear permeate the thought? Because it doesn’t seem merely to accompany it. If I say “I think of it with distress,” then it could indeed seem as if the thought, for example the words, went hand in hand with a particular feeling in the chest and was related to it. But the use of this sentence is different. One also says: “It makes me feel distressed to think about it,” and does not merely mean that, by experience, this and that sensation and reaction accompany the thought.

§RPP II

643[5] &
644[1]

160 Auf die Äußerung “Ich kann nicht ohne Furcht daran denken …” antwortet man etwa: “Es ist kein Grund zur Furcht, denn … Das ist jedenfalls ein Mittel, Furcht zu beseitigen, im Gegensatz zu Schmerzen. Ist Ekel eine Empfindung? – Hat er einen Ort? – Und er hat einen Gegenstand, wie die Furcht. Und es gibt hier charakteristische Empfindungen.

160 In response to the utterance “I cannot think about it without fear…” one might say: “There is no reason to fear, because…” This is in any case a means of eliminating fear, in contrast to pain. Is disgust a sensation? – Does it have a location? – And it has an object, as does fear. And there are characteristic sensations here.

§RPP II

644[2]

161 Ja, du mußt dich immer fragen: Was wird durch diese Sätze den Andern mitgeteilt? und das heiß: welche Verwendung kann er nun davon machen?

161 Yes, one must always ask: What is being communicated to others through these sentences? and that is: what use can he now make of it?

§RPP II

644[3]

162 Ich konstatiere ich habe Furcht. – besinne ich mich dazu meiner Gedanken in der letzten halben Stunde, oder lasse ich mir rasch einen Gedanken an den Zahnarzt durch den Kopf gehen, um zu sehen, wie er mich affiziert; oder konnte mir ein Zweifel kommen, ob es wirklich Furcht vor dem Zahnarzt ist und nicht ein anderes organisches Unwohlgefühl?

162 I state that I have fear. – Do I reflect on my thoughts of the last half hour, or do I quickly let a thought of the dentist pass through my mind to see how it affects me; or could I have a doubt as to whether it is really fear of the dentist and not some other organic discomfort?

§RPP II

644[4]

163 Oder ist das Konstatieren, ich hätte Furcht wie ein äußerst gemildetes Stöhnen der Furcht? Nein; denn mit dem Stöhnen will ich dem Andern nicht unbedingt das mitteilen. Die Konstatierung ist, so zu sagen, ein Teil eines Gesprächs.

163 Or is the statement that I have fear like an extremely mild groan of fear? No, because with the groan I do not necessarily want to communicate this to the other person. The statement is, so to speak, part of a conversation.

§RPP II

644[5]

164 Kann man sagen: “Ich fürchte mich vor der Operation nur, während ich gerade an sie denke”? Und heißt das: während ich über sie nachdenke? Kann mir nicht vor etwas grauen, auch während ich nicht, sozusagen, ausdrücklich darüber nachdenke. Kann ich Einem nicht sagen “mir graut vor diesem Zusammentreffen” obwohl ich das Ereignis sozusagen nur aus dem Augenwinkel sehe.

164 Can one say: “I only fear the operation while I am actually thinking about it”? And does that mean: while I am thinking about it? Can one not feel dread about something even while not, as it were, explicitly thinking about it. Can one not say to someone “I dread this meeting” even though one only sees the event, as it were, from the corner of one’s eye.

§RPP II

644[6] &
645[1]

165 Vergessen wir doch einmal ganz, daß uns der Seelenzustand des Fürchtenden interessiert. Gewiß ist, daß uns auch sein Benehmen unter gewissen Umständen als Anzeichen für künftiges Verhalten interessieren kann. Warum sollten wir also nicht dafür ein Wort haben. Es kann dies ein Verbum oder Adjektiv sein. Man könnte nun fragen, ob dies Wort sich wirklich einfach auf das Benehmen, einfach auf die Veränderungen des Körpers bezögen. Und das wollen wir verneinen. Es liegt uns ja nichts daran, den Gebrauch dieses Worts derart zu vereinfachen. Es bezieht sich auf das Benehmen unter gewissen äußeren Umständen. Wenn wir diese und jenes beobachten, sagen wir, Einer sei … Wenn das Wort in der ersten Person gebraucht wird, ist die Analogie mit dem Gebrauch in der dritten Person die selbe wie die zwischen “ich schiele” und “er schielt”.

165 Let us once again forget that we are interested in the state of mind of the person who is afraid. It is certain that we are also interested in his behaviour under certain circumstances as an indication of future behaviour. Why shouldn’t we therefore have a word for it? It can be a verb or an adjective. One could now ask whether this word really simply refers to the behaviour, simply to the changes in the body. And we want to deny that. We are not interested in simplifying the use of this word in such a way. It refers to the behaviour under certain external circumstances. When we observe this and that, we say that someone is… When the word is used in the first person, the analogy with its use in the third person is the same as between “I squint” and “he squints.”

§RPP II

645[2]

166 Ich will nun sagen, daß Menschen, welche einen solchen Begriff gebrauchen, seinen Gebrauch nicht müßten beschreiben können. Und sollten sie's versuchen, so könnten sie eine ganz unzulängliche Beschreibung geben, (Wie die meisten, wenn sie versuchen wollten, die Verwendung des Papiergelds richtig zu beschreiben.)

166 I now want to say that people who employ such a concept should not be able to describe its use. And if they were to try, they could only give a very inadequate description (as most people would if they were to try to describe the use of paper money correctly).

§RPP II

645[3]

167 Es ist z.B. möglich, daß sie diese Aussage von einem Menschen machen, ohne doch recht sagen zu können, welches Benehmen in ihm sie dazu veranlaßt. Sie könnten sagen “Ich sehe es; aber ich weiß nicht genau, was ich sehe.” Wie wir sagen: “Es hat sich etwas an ihm verändert, aber ich weiß nicht genau, was”. Die künftige Erfahrung mag ihnen Recht geben.

167 It is, for example, possible that they make this statement about a person, without being able to say correctly which behaviour in them causes it. They might say, “I see it, but I don’t know exactly what I see.” As we say, “Something has changed in him, but I don’t know exactly what.” Future experience may prove them right.

§RPP II

645[4] &
646[1]

168 Es könnte nun sein, daß Leute ein Verbum hätten, dessen dritte Person sich genau mit unserem “Er fürchtet sich” deckt; dessen erste Person aber nicht mit unserem “Ich fürchte mich”. Denn die Behauptung in der ersten Person würde sich auf Selbstbeobachtung stützen. Sie wäre nicht die Äußerung der Furcht, und es gäbe ein “Ich glaube, ich …”, “Es kommt mir vor, ich …”. Diese erste Person hätte nun, so scheint es mir, keine, oder eine sehr seltene Verwendung. Würde mein Benehmen in einer bestimmten Situation gefilmt, so könnte ich, wenn mir der Film vorgeführt wird, sagen: “Mein Benehmen macht den Eindruck …”

168 It could now be the case that people have a verb whose third person corresponds exactly with our “He is afraid”; but whose first person does not correspond with our “I am afraid.” For the assertion in the first person would be based on self-observation. It would not be the utterance of fear, and there would be a “I think I…”, “It seems to me that I…”. This first person, it seems to me, has now no, or a very rare, use. If my behaviour in a certain situation were filmed, then I could, when the film is shown to me, say: “My behaviour gives the impression…”

§RPP II

646[2]

169 Das “Ich glaube, er fühlt, was ich unter solchen Umständen fühle” gibt es hier noch nicht: Die Interpretation, daß ich in mir etwas sehe, was ich in ihm vermute.

Denn in Wahrheit ist das eine rohe Interpretation. Ich vermute – im Allgemeinen – die Furcht nicht in ihm, – ich sehe sie. Es ist mir nicht, als schlösse ich aus einem Äußeren auf die wahrscheinliche Existenz eines inneren; sondern als sei das menschliche Gesicht quasi durchscheinend, und ich sähe an ihm nicht reflektiertes, sondern eigenes Licht.

169 The statement “I believe he feels what I feel under such circumstances” does not yet exist here: the interpretation that I see something in myself that I suspect in him.

For in truth, this is a crude interpretation. I do not, in general, suspect fear in him – I see it. It is not as if I were inferring the probable existence of an inner state from an external one; rather, it is as if the human face were almost transparent, and I were seeing not reflected, but its own light.

§RPP II

646[3] &
647[1]

170 “Mir graut davor.” – Das ist nicht eine Abbildung von etwas, was ich sehe. Ja, so wie ich schaue, sehe ich nichts, oder nicht eigentlich, was ich meinte. Es ist dann, als wäre dies ein so feiner Schleier, daß man von ihm wissen, aber ihn nicht eigentlich sehen könnte. Als wäre das Grauen ein ganz feines dunkles Geräusch neben den Tagesgeräuschen, das ich nur merken und nicht eigentlich hören könnte. Denk dir ein Kind, das lange nicht recht sprechen lernen konnte, gebrauche plötzlich den Ausdruck, den es von den Erwachsenen gehört hatte, “Mir graut vor …”. Und sein Gesicht und die Umstände und was folgt lassen uns sagen: Es hat wirklich gemeint. (Man könnte ja immer sagen: “Eines schönen Tages gebraucht nun das Kind das Wort.”) Ich habe den Fall des Kindes gewählt, weil hier, was in ihm vorgeht, uns noch fremder erscheint als im Erwachsenen. Was weiß ich – so möchte ich sagen – von einem Hintergrund der Worte “Mir graut …? Läßt das Kind nicht plötzlich in sich hineinschauen?

170 “It fills me with dread.” – This is not a depiction of something that I see. Yes, in the way that I look, I see nothing, or not exactly what I mean. It is as if this were such a fine veil that one could know about it, but not actually see it. As if the dread were a very fine, dark sound next to the everyday sounds, that I can only notice and not actually hear. Imagine a child who has not been able to learn to speak properly for a long time, suddenly using the expression that it has heard from adults, “It fills me with dread…”. And its face and the circumstances and what follows let us say: It really meant it. (One could always say: “One day the child suddenly used the word.”) I have chosen the case of the child because what is happening in it seems even stranger to us than in the adult. What do I know – this is what I would like to say – about a background to the words “It fills me with dread…?” Does it not suddenly allow the child to look into itself?

§RPP II

647[2]

171 Diese Sache erinnert auch an das Hören eines Geräusches aus einer bestimmten Richtung. Es ist beinahe, als fühlte man die Beschwerde in der Magengegend aus der Richtung der Furcht. D.h. eigentlich, daß “Mir ist schlecht vor Furcht” nicht eine Ursache der Furcht angibt.

171 This matter also brings to mind the experience of hearing a noise from a particular direction. It is almost as if one feels the discomfort in the stomach area coming from the direction of fear. That is to say, it actually means that “I feel nauseous from fear” does not indicate a cause of fear.

§RPP II

647[3]

172 Gibt es psychologische Konglomerate; und ist das Erwarten eines? Vielleicht das Harren, aber nicht das Erwarten.

172 Are there psychological conglomerates; and is expectation one? Perhaps the waiting, but not the expecting.

§RPP II

647[4]

173 Daß es ein Furchtkonglomerat, z.B., gibt, heißt nicht, daß Furcht ein Konglomerat ist.

173 The fact that there is a fear conglomerate, for example, does not mean that fear is a conglomerate.

§RPP II

647[5] &
648[1]

174 Sage ich “Ich erwarte sehnsüchtig sein Kommen”, so heißt das: ich beschäftige mich mit seinem Kommen (in Gedanken, und man kann auch sagen: in Gedanken und Handlungen) Den Zustand des sehnsüchtigen Erwartens kann man also ein Konglomerat nennen. Aber es ist nicht, so zu sagen, ein Konglomerat von Handlungen einer bestimmten Art, sondern es geht um die Intention der Handlungen, also um ein Motiv, nicht eine Ursache.

174 If I say “I eagerly await his arrival,” this means: I am concerned with his arrival (in thought, and one can also say: in thoughts & actions). The state of eager anticipation can therefore be called a conglomerate. But it is not, so to speak, a conglomerate of actions of a certain kind, but rather it is about the intention of the actions, i.e., about a motive, not a cause.

§RPP II

648[2]

175 Wenn ich sage, ich verwende die Worte “Ich habe Schmerzen”, “Ich sehne mich nach ihm”, etc. etc. als Mitteilung, nicht als Naturlaut, so charakterisiert dies meine Intention. Ich will z.B., daß der Andere darauf in bestimmter Weise reagiere. Hier bin ich aber noch die Erklärung des Begriffs der Intention schuldig, und die Intention ist nun nicht etwa eine Art Empfindung, auf die ich Alles reduzieren will; der ich so zu sagen, alles in die Schuhe schiebe. (Denn die Intention ist keine Empfindung.)

175 If I say that I use the words “I am in pain,” “I long for him,” etc., etc., as a communication, not as a natural exclamation, then this characterizes my intention. For example, I want the other person to react in a certain way. Here, however, I still owe the explanation of the concept of intention, and intention is not some kind of sensation to which I want to reduce everything; to which, so to speak, I attribute everything. (Because intention is not a sensation.)

§RPP II

648[3]

176 Wenn wir Furcht, Trauer, Freude, Zorn, etc. Seelenzustände nennen, so heißt das, daß der Furchtvolle, Trauervolle, etc. die Mitteilung machen kann: “Ich bin im Zustand der Furcht”, etc., daß diese Mitteilung – ganz wie die primitive Äußerung – nicht auf einer Beobachtung beruht.

176 If we call fear, sadness, joy, anger, etc., states of the mind, this means that the fearful, sad, etc., person can make the communication: “I am in a state of fear,” etc., that this communication – just like the primitive utterance – is not based on observation.

§RPP II

648[4]

177 Absicht, Intention, ist weder Gemütsbewegung, Stimmung, noch Empfindung, oder Vorstellung. Sie ist kein Bewußtseinszustand. Sie hat nicht echte Dauer. Die Absicht kann man eine seelische Disposition nennen. Dieser Ausdruck ist insofern irreführend, als man eine solche Disposition in sich nicht durch Erfahrung wahrnimmt. Die Neigung zur Eifersucht dagegen ist eine Disposition im eigentlichen Sinne. Erfahrung lehrt mich, daß ich sie habe.

177 Intention is neither an emotional movement, a mood, nor a sensation or imagination. It is not a state of consciousness. It does not have real duration. One can call intention a mental disposition. This expression is misleading in so far as one cannot perceive such a disposition in oneself through experience. The tendency towards jealousy, on the other hand, is a disposition in the proper sense. Experience teaches me that I have it.

§RPP II

648[5] &
649[1]

178 “Ich beabsichtige” ist nicht die Äußerung eines Erlebnisses. Es gibt keinen Schrei der Absicht, so wenig wie des Wissens, oder Glaubens. Wohl aber könnte man den Entschluß, mit welchem oft eine Absicht beginnt, ein Erlebnis nennen.

178 “I intend” is not the utterance of an experience. There is no cry of intention, as little as there is of knowledge or belief. However, one could call the resolve, with which intention often begins, an experience.

§RPP II

649[2]

179 Ist Entschluß ein Gedanke? Er kann das Ende eines Gedankenganges sein.

179 Is resolve a thought? It can be the end of a train of thought.

§RPP II

649[3]

180 Einer sagt mir etwas; ich schaue ihn erstaunt an; er erklärt …Mein fragender Blick war gleichbedeutend der Frage: “Wieso?” oder “Was meinst du?” oder “Warum?” oder “Das willst du tun? wo du doch immer …?” – Der plötzliche Gedanke.

180 Someone says something to me; I look at him in amazement; he explains… My questioning look was equivalent to the question: “How come?” or “What do you mean?” or “Why?” or “That is what you want to do, when you have always…?” – The sudden thought.

§RPP II

649[4]

181 Absichtlich – unabsichtlich. Willkürlich – unwillkürlich. Was ist der Unterschied zwischen einer Handbewegung ohne besondere Absicht und der gleichen Handbewegung, die ich als ein Zeichen meine?

181 Intentional – unintentional. Voluntary – involuntary. What is the difference between a hand movement without any particular intention and the same hand movement that I use as a sign?

§RPP II

649[5] &
650[1]

182 Denken wir uns, daß Einer eine Arbeit verrichtet, in der es ein Vergleichen, Versuchen, Wählen gibt. Er stellt etwa einen Gebrauchsgegenstand aus gewissen Materialstücken mit gegebenen Werkzeugen her. Immer wieder entsteht das Problem “Soll ich dies Stück dazu nehmen?” Das Stück wird verworfen, ein anderes versucht. Stücke werden versuchsweise zusammengestellt, auseinandergenommen; es wird nach einem Passenden gesucht, etc. etc. Ich denke mir nun diesen ganzen Hergang gefilmt. Der Arbeitende gibt etwa auch Laute von sich, wie “Hm” oder “Ha!” Sozusagen, Laute des Zögerns, des plötzlichen Findens, des Entschlusses, der Zufriedenheit, der Unzufriedenheit. Aber kein Wort wird geredet. Jene Laute mögen im Film aufgenommen werden. Der Film wird mir vorgeführt; und ich erfinde nun ein Selbstgespräch des Arbeitenden, welches zu seiner Arbeitsweise, dem Rhythmus seiner Arbeit, seinem Mienenspiel, seinen Gebärden und Naturlauten paßt, welches all dem entspricht. Ich lasse ihn also manchmal sagen “Nein, das Stück ist zu lang, vielleicht paßt ein anderes besser.” – Oder “Was soll ich jetzt tun? – Ich hab's!” – Oder “Das ist ganz gut.” etc. Wenn der Arbeitende reden kann, – wäre es eine Verfälschung des wirklichen Vorgangs, wenn er ihn genau beschriebe und etwa sagte: “Dann dachte ich: Nein, das geht nicht; ich muß es anders versuchen.” usw. – obwohl er während der Arbeit nicht gesprochen, und sich auch diese Worte nicht vorgestellt hatte? Ich will sagen: Kann er nicht seine wortlosen Gedanken später in Worten wiedergeben? So zwar, daß wir, die den Arbeitsvorgang sähen, mit dieser Wiedergabe einverstanden sein könnten? – Umso mehr, wenn wir dem Mann nicht nur einmal, sondern öfters bei der Arbeit zugesehen hätten?

182 Let us imagine that someone is doing a job that involves comparisons, trials, and choices. He is, for example, making a useful object from certain pieces of material with the available tools. Again and again, the problem arises: “Should I add this piece?” The piece is discarded, another one is tried. Pieces are tentatively put together, taken apart; a suitable one is sought, etc., etc. I now imagine this whole process filmed. The worker also makes sounds, such as “Hm” or “Ha!” So to speak, sounds of hesitation, sudden discovery, decision, satisfaction, or dissatisfaction. But no words are spoken. These sounds may be recorded in the film. The film is shown to me; and I now invent a soliloquy of the worker, which corresponds to his way of working, the rhythm of his work, his facial expressions, his gestures and natural sounds, which corresponds to all of this. So I sometimes let him say “No, this piece is too long, maybe another one would be better.” – Or “What should I do now? – I’ve got it!” – Or “That’s quite good.” etc. If the worker could speak, would it be a falsification of the real process if he described it accurately and said, for example, “Then I thought: No, that won’t work; I have to try it differently.” etc. – even though he did not speak during the work and did not even imagine these words? I mean: can he not reproduce his wordless thoughts later in words? So that we, who saw the work process, could agree with this reproduction? – All the more so if we had observed the man at work several times?

§RPP II

650[2]

183 Wir könnten natürlich sein ‘Denken’ von der Tätigkeit nicht trennen. Das Denken ist eben keine Begleitung der Arbeit; so wenig, wie der denkenden Rede.

183 We could, of course, not separate ‘thinking’ from the activity. Thinking is simply not an accompaniment to work; just as little as is thinking speech.

§RPP II

650[3]

184 Denk dir, Einer pausiert in der Arbeit, blickt wie nachdenkend vor sich hin in einer Situation, in der wir uns eine Frage vorlegen, Möglichkeiten erwägen würden, – würden wir von ihm unbedingt sagen, er überlege? Ist dazu nicht auch nötig, daß er eine Sprache beherrscht, also nötigenfalls die Überlegung auch aussprechen könnte?

184 Imagine, someone takes a break from work, gazes thoughtfully ahead in a situation where we would pose a question, consider possibilities – would we necessarily say that he is reflecting? Isn’t it also necessary for this that he master a language, so that he could also express the reflection if necessary?

§RPP II

650[4] &
651[1]

185 Nun, wenn wir Wesen bei der Arbeit sähen, deren Arbeitsrhythmus, deren Mienenspiel, etc. dem unsern ähnlich wäre, nur daß diese Leute nicht sprächen, dann würden wir vielleicht sagen, sie dächten, überlegten, machten Entscheidungen. Das heißt: es wäre eben in so einem Falle viel dem der gewöhnlichen Menschen ähnlich. Und es ist nicht klar, wieviel ähnlichen sein muß, damit wir den Begriff ‘denken’, der in unserm Leben zu Hause ist, auch bei ihnen anzuwenden ein Recht hätten.

185 Now, if we were to observe the rhythmus of their work, their facial expressions, etc., and find it similar to our own, except that these people do not speak, then perhaps we would say that they are thinking, deliberating, making decisions. That is to say: in such a case, much would be similar to that of ordinary people. And it is not clear how much similarity is necessary in order for us to have the right to apply the concept of ‘thinking,’ which is at home in our lives, to them as well.

§RPP II

651[2]

186 Und wozu sollen wir auch diese Entscheidung fällen? Wir werden einen wichtigen Unterschied machen zwischen Wesen, die eine Arbeit, selbst eine komplizierte, “mechanisch” zu verrichten lernen können, und solchen, die bei der Arbeit probieren, vergleichen. – Was aber “probieren” und “vergleichen” zu nennen ist, kann ich nur wieder an Beispielen erklären, und diese Beispiele werden unserm Leben, oder einem, das dem unsern ähnlich ist, entnommen sein.

186 And why should we make this distinction at all? We will make an important distinction between beings who can learn to perform a task, even a complicated one, “mechanically,” and those who try, compare while working. – But what is meant by “trying” and “comparing” can only be explained again by examples, and these examples will be taken from our lives, or one similar to ours.

§RPP II

651[3]

187 Nehme nun das Probieren, gar die Form an des Herstellens einer Art von Modell (oder gar einer Zeichnung), so würden wir ohne zu zweifeln sagen, diese Wesen dächten. Freilich könnte man hier auch von einem Operieren mit Zeichen reden.

187 Now, take trying, even in the form of creating a kind of model (or even a drawing), we would say without a doubt that these beings are thinking. Of course, one could also speak here of an operation with signs.

§RPP II

651[4]

188 “Aber könnte nicht das Operieren mit Zeichen auch mechanisch sein?” – Freilich; d.h., auch dies muß in einer bestimmten Umgebung sein, damit man sagen könne, es sei nicht mechanisch.

188 “But could not the operation with signs also be mechanical?” – Of course; that is, this must also be in a certain environment in order to say that it is not mechanical.

§RPP II

651[5] &
652[1]

189 Es ist also, als wären unsere Begriffe, als wäre die Verwendung unserer Worte, bedingt durch ein Gerüst von Tatsächlichem. Aber wie kann das sein?! Wie könnten wir denn das Gerüst beschreiben, wenn wir nicht die Möglichkeit von etwas Anderem zuließen? – Du machst ja, möchte man sagen, Unsinn aus jeder Logik!

189 So it is as if our concepts, as if the use of our words, were conditioned by a framework of facts. But how can this be?! How could we describe the framework if we did not allow for the possibility of something else? – One might say that you are making nonsense out of every logic!

§RPP II

652[2]

190 Das Problem, das uns hier beunruhigt, ist das Gleiche wie das in der Betrachtung: “Du kannst Menschen zählen lehren, wenn die Dinge in ihrer Umgebung nicht in fortwährendem schnellen Entstehen und Vergehen begriffen sind.”

190 The problem that concerns us here is the same as in the consideration: “You can teach people to count if the things in their environment are not in a state of constant rapid change and decay.”

§RPP II

652[3]

191 Du kannst doch auch sagen: “Hast du keine Stäbchen, Steinchen, etc. zur Hand, so kannst du einem nicht Rechnen lehren.” Ganz so wie: “Hast du keine Schreibfläche noch Schreibmaterial zur Hand, so kannst ihn die Differentialrechnung nicht lehren” (oder: so kannst du die Division 76570 : 319 nicht ausführen).

Man sagt vom Tisch und Stuhl nicht, daß sie denken, auch von der Pflanze nicht, auch vom Fisch nicht, kaum vom Hund; aber vom Menschen. Und auch nicht von allen Menschen. Wenn ich aber sage “ein Tisch denkt nicht”, so ist das nicht ähnlich einer Aussage wie “Ein Tisch wächst nicht”. Denn ich wüßte gar nicht, ‘wie das wäre, wenn’ ein Tisch dächte. Und hier gibt es offenbar einen graduellen Übergang zu dem Fall des Menschen.

191 You can also say: “If you don't have sticks, stones, etc., at hand, you can't teach someone arithmetic.” Just as: “If you don't have a writing surface or writing material at hand, you can't teach him differential calculus” (or: you can't perform the division 76570 : 319).

One does not say that the table and chair think, nor the plant, nor the fish, hardly the dog; but of the human being. And not of all human beings. If I say “a table does not think,” that is not similar to a statement like “A table does not grow.” For I would not even know what it would be like if a table thought. And here there is obviously a gradual transition to the case of the human being.

§RPP II

652[4] &
653[1]

192 “Denken ist eine geistige Tätigkeit.” – Denken ist keine körperliche Tätigkeit. Ist Denken eine Tätigkeit? Nun, man kann Einem befehlen “denk darüber nach!”. Wenn aber nun Einer in Befolgung dieses Befehls zu sich selbst oder auch zum Andern spricht, verrichtet er da zwei Tätigkeiten? Also ist Denken doch wieder nicht recht einer Tätigkeit zu vergleichen Denn man kann auch nicht sagen, Denken sei: in der Vorstellung sprechen. Dies kann man tun, auch ohne zu denken.

192 “Thinking is a mental activity.” – Thinking is not a physical activity. Is thinking an activity? Well, one can command someone “think about it!” But if someone, in obedience to this command, speaks to himself or to another, is he performing two activities? So thinking is, after all, not quite comparable to an activity. For one cannot say that thinking is: speaking in one’s imagination. This can be done even without thinking.

§RPP II

653[2]

193 Man darf nie vergessen, daß “denken” ein Wort der Alltagssprache ist, so wie auch alle andern psychologischen Bezeichnungen. Es ist von diesem Wort nicht zu erwarten, daß es eine einheitliche Verwendung habe; es ist viel mehr zu erwarten, daß es sie nicht habe.

193 One must never forget that “thinking” is a word from everyday language, just like all other psychological designations. It is not to be expected that this word has a uniform use; rather, it is to be expected that it does not.

§RPP II

653[3]

194 Wenn Einer über ein Problem nachdenkt und ich zeige ihm plötzlich eine gewisse Zeichnung, so wird er vielleicht ausrufen “Ach, so ist es!” oder “Jetzt weiß ich's.” Und gefragt, was dabei in ihm vorgegangen ist, wird er in diesem Falle wohl einfach sagen “Ich habe die Zeichnung gesehen”. Ich beschreibe diesen Fall, um einen Vorgang in der Vorstellung durch einen des Sehens zu ersetzen. Wird er nun sagen: “In dem Augenblick, als ich die Zeichnung sah, stand mir die ganze Lösung vor Augen”? Er könnte auch, wenn ich ihm mit der Zeichnung zu Hilfe komme, sagen: “Ja, jetzt ist es leicht!”

194 If someone is thinking about a problem and I suddenly show him a certain drawing, he may exclaim, “Ah, that’s how it is!” or “Now I understand it.” And when asked what happened to him, in this case he will probably simply say, “I saw the drawing.” I describe this case in order to replace a process in the imagination with one of seeing. Will he now say: “In the moment that I saw the drawing, the entire solution appeared before my eyes”? He could also, if I help him with the drawing, say: “Yes, now it’s easy!”

§RPP II

653[4] &
654[1]

195 “Mir stand die Benützung des Wortes vor der Seele” – wird man das auch dann sagen, wenn Einem mit dem Wort ein für seine Bedeutung charakteristisches Bild gezeigt wird? ((Das Bedeutungserlebnis scheint hier vom Gesehenen übertönt zu werden.))

195 “The use of the word was before my mind” – would one also say this if one were shown an image characteristic of its meaning? ((The experience of meaning seems to be drowned out here by what is seen.))

§RPP II

654[2]

196 Wir sagen: Gras ist grün, Kreide ist weiß, Kohle schwarz, Blut rot, etc. – Wie wäre es in einer Welt, in der also die übrigen Eigenschaften eines Dings mit seiner Farbe nicht zusammenhingen? Dies ist, ob richtig oder falsch gestellt, eine wichtige Frage, und nur ein Exempel unzähliger ähnlicher Fragen.

196 We say: grass is green, chalk is white, coal is black, blood is red, etc. – What would it be like in a world in which the other properties of a thing are not related to its color? This is an important question, whether it is stated correctly or incorrectly, and it is only one example of countless similar questions.

§RPP II

654[3]

197 Denk dir, ich käme in ein Land, wo die Farben der Dinge, wie ich sagen würde, unaufhörlich wechselten, etwa durch eine Eigenheit der Atmosphäre. Die Einwohner sehen nie ruhige Farben. Ihr Gras sieht bald grün, bald rot, etc. aus. Könnten diese Leute ihren Kindern die Farbwörter beibringen? ‒ ‒ Vor Allem einmal könnte es sein, daß ihrer Sprache die Farbwörter fehlten. Und wenn wir dies fänden, so würden wir's vielleicht damit erklären, daß die für gewisse Sprachspiele wenig, oder keine Verwendung hätten.

197 Imagine I come to a country where the colors of things, as I would say, constantly change, perhaps due to a peculiarity of the atmosphere. The inhabitants never see stable colors. Their grass looks green, then red, etc. Could these people teach the color words to their children? – First of all, it could be that their language lacks the color words. And if we were to find this, we might explain it by saying that they have little, or no, use in certain language-games.

§RPP II

654[4] &
655[1]

198 Wie könnten denn Leute, in einem Land, wo Alles nur eine Farbe hätte, den Gebrauch der Farbworte lernen? Kann ich aber nun sagen: “Nur weil in unserer Umgebung Dinge verschiedener Farbe existieren und weil …, können wir Farbnamen gebrauchen.”?? Es wird hier zwischen logischer und physischer Möglichkeit der Unterschied nicht gesehen. – Nicht das interessiert uns: unter welchen Umständen das Sprachspiel mit den Farbnamen physisch nicht möglich – also eigentlich, nicht wahrscheinlich ist. Ohne Schachfiguren kann man nicht Schach spielen – das ist die Unmöglichkeit, die uns interessiert.

198 How could people in a country where everything has only one color learn the use of color words? Can I now say: “Only because things of different colors exist in our environment and because …, can we use color names”? The difference between logical and physical possibility is not seen here. – It is not what interests us: under what circumstances the language-game with color names is physically impossible – that is, actually, not probable. One cannot play chess without chess pieces – this is the impossibility that interests us.

§RPP II

655[2]

199 Man lernt das Wort “denken”, d.i. seinen Gebrauch, unter gewissen Umständen, die man aber nicht beschreiben lernt.

199 One learns the word “thinking,” that is, its use, under certain circumstances, which, however, one does not learn to describe.

§RPP II

655[3]

200 Man lernt es etwa nur vom Menschen sagen, es von ihm behaupten, oder leugnen. Die Frage “Denkt ein Fisch”” existiert unter seinen Sprachanwendungen nicht, wird nicht gestellt. (Was kann natürlicher sein, als so ein Zustand; als so eine Sprachverwendung!)

200 One learns to say it only of humans, to assert it of them, or to deny it. The question “Does a fish think?” does not exist in their applications of language, it is not asked. (What could be more natural than such a state; than such a use of language!)

§RPP II

655[4]

201 “An diesen Fall hat niemand gedacht” kann man sagen. Ich kann zwar nicht die Bedingungen aufzählen, unter denen das Wort “denken” zu gebrauchen ist, – aber, wenn ein Umstand den Gebrauch zweifelhaft macht, so kann ich's sagen, und auch, wie die Lage von der gewöhnlichen abweicht.

201 “No one has thought of this case,” one can say. I cannot enumerate the conditions under which the word “thinking” is to be used, – but if a circumstance makes its use doubtful, then I can say it, and also how the situation deviates from the usual one.

§RPP II

655[5]

202 Und hier müßte man etwas über mein Sprachspiel № 2 sagen. – Unter welchen Umständen würde man die Laute des Bauenden, etc., wirklich eine Sprache nennen? Unter allen? Gewiß nicht! – – War es nun falsch, ein Sprachrudiment zu isolieren und es Sprache zu nennen? Soll man etwa sagen, daß dies Rudiment nur in der Umgebung des Ganzen, was wir unsere Sprache zu nennen gewohnt sind, ein Sprachspiel ist??

202 And here one would have to say something about my language-game No. 2. – Under what circumstances would one really call the sounds of the builder, etc., a language? Under all? Certainly not! – Was it wrong to isolate a rudimentary language and call it language? Should one say that this rudiment is only a language-game in the environment of what we are used to calling our language?

§RPP II

655[6]

203 Nun, vor Allem ist die Umgebung nicht die geistige Begleitung des Sprechens, nicht das ‘Meinen’ und ‘Verstehen’, das man sich als der Sprache wesentlich vorzustellen geneigt ist.

203 Well, first of all, the environment is not the mental accompaniment of speaking, not the ‘meaning’ and ‘understanding’ that one is inclined to imagine as being essential to language.

§RPP II

655[7] &
656[1]

204 Gefährlich wäre es mir nur, wenn Einer sagte: “Du setzt eben stillschweigend schon voraus, daß diese Menschen denken; daß sie in dieser Beziehung den uns bekannten Menschen gleichen; daß sie jenes Sprachspiel nicht rein mechanisch betreiben. Denn stelltest du dir vor, sie täten's so würdest du's selbst nicht ein Sprechen nennen.” Was soll ich nun dem antworten? Es ist natürlich wahr, daß das Leben jener Menschen dem unsern in vieler Beziehung gleichen muß und daß ich über diese Ähnlichkeiten nichts gesagt habe. Das wichtige aber ist eben, daß ich mir ihre Sprache, wie auch ihr Denken primitiv vorstellen kann; daß es ein ‘primitives Denken’ gibt, welches durch ein primitives Verhalten zu beschreiben ist.

204 It would only be dangerous if someone said: “You are simply tacitly assuming that these people think; that in this respect they are like people as we know them; that they do not perform this language-game purely mechanically. For if you were to imagine that they do, you would not call it ‘thinking’.” What should I answer to that? It is, of course, true that the lives of those people must be similar to ours in many respects, and that I have said nothing about these similarities. But what is important is that I can imagine their language, as well as their thinking, as being primitive; that there is a ‘primitive thinking’ which can be described by a primitive behaviour.

§RPP II

656[2]

205 Ich sage von Jemandem: er vergleicht zwei Gegenstände, Ich weiß, wie das ausschaut, wie man das macht. Ich kann es Einem vorführen. Aber was ich so vorführe, würde ich dennoch nicht unter allen Umständen ein ‘Vergleichen’ nennen. Ich kann mir nur etwa Fälle vorstellen, in welchen ich nicht geneigt wäre zu sagen, daß verglichen wird; aber die Umstände, unter welchen dies ein Vergleichen ist, beschreiben, das könnte ich nicht. – Aber ich kann einen Menschen den Gebrauch des Wortes lehren! denn dazu ist ein Beschreiben jener Umstände nicht nötig.

205 I say of someone: he makes a comparison between two objects, I know what that looks like, how one does it. I can demonstrate it to someone. But what I demonstrate in this way, I would not, nevertheless, call a ‘comparison’ in all circumstances. I can only imagine cases in which I would not be inclined to say that a comparison is being made; but to describe the circumstances under which this is a comparison, I could not do that. – But I can teach a person the use of the word! because describing those circumstances is not necessary for that.

§RPP II

656[3]

206 Ich lehre ihn eben das Wort unter bestimmten Umständen.

206 I teach him the word under certain circumstances.

§RPP II

656[4] &
657[1]

207 Manchmal ist es wirklich, als ob ein Denken neben dem Reden (Lesen z.B.) einherliefe. Nicht aber, daß man's dann von dem Lesen isolieren könnte.. Viel mehr ist, was die Worte begleitet, wie eine Reihe kleiner Nebenbewegungen. Es ist, als werde man eine Straße entlang geführt, würfe aber Blicke rechts und links in alle Nebengäßchen.

207 Sometimes it really seems as if thinking goes along with speaking (reading, for example). But not as if one could isolate it from the reading. Rather, what accompanies the words is like a series of small accompanying movements. It is as if one were being led along a street, but casting glances right and left into all the side streets.

§RPP II

657[2]

208 Denk dir, ich zeigte jemand eine Liste von den Gängen, Besorgungen, die er für mich zu machen hat. Wir kennen uns gut und er braucht nur Andeutungen, um zu wissen, was er zu tun hat. Die Liste enthält nun lauter solche Andeutungen. Er liest sie durch und sagt nach jeder solchen Andeutung “Ich verstehe”. Und er versteht; er könnte jeden dieser Punkte erklären, wenn er gefragt würde. Ich könnte ihn dann fragen: “Hast du alles verstanden?” Oder: “Geh die Liste genau durch und sieh, ob du alles verstehst.” Oder: “Weißt du, was du hier zu machen hast?” – Was hätte er zu tun, um sich davon zu überzeugen, daß er die Andeutungen verstanden hat? Ist es hier, als müßte er bei jedem Punkt eine Kopfrechnung machen? Wäre das nötig, so könnte er später von der Rechnung laut Rechenschaft geben und man würde sehen, ob er richtig gerechnet hat. – Aber das ist im Allgemeinen nicht nötig. Wir schreiben also nicht vor, was der Andere beim verständnisvollen Durchgehen der Liste zu tun hat; und ob er wirklich verstanden hat, ersehen wir aus dem, was er später tut, oder aus der Erklärung, die wir etwa von ihm verlangen.

208 Imagine, I show someone a list of the tasks, errands that he has to do for me. We know each other well, and he only needs hints to know what he has to do. The list now contains all such hints. He reads through it and after each such hint says “I understand.” And he understands; he could explain any of these points if he were asked. I could then ask him: “Have you understood everything?” Or: “Go through the list carefully and see if you understand everything.” Or: “Do you know what you have to do here?” – What would he have to do to convince himself that he has understood the hints? Is it as if he has to do a mental calculation for each point? If that were necessary, he could later give an account of the calculation, and one would see whether he had calculated correctly. – But that is generally not necessary. So we do not prescribe what the other person has to do when going through the list in an understanding way; and we see whether he has really understood it from what he does later, or from the explanation that we perhaps ask of him.

§RPP II

657[3] &
658[1]

209 Wir könnten nun sagen: wer sich so prüft, ob er verstanden habe, geht immer ein Stück Weges der Straße nach, die er später gehen soll. Und das könnte ja so sein. Obwohl kein Grund ist, anzunehmen, daß es so ist. Denn, wenn er doch nur ein Stück des Weges geht, – warum soll er dann nicht ohne zu gehen erkennen können, daß er weiß welchen Weg er zu gehen hat? Damit ist aber nicht gesagt, daß nicht wirklich die Wege ein Stück gegangen werden. Aber es kommt auch vor, daß, was wir später als den ‘Keim’ des Gedankens oder der Tat ansehen, dies, seiner Natur nach, nicht ist.

209 We could now say: whoever tests himself in this way to see if he has understood, always goes a bit of the way along the road that he will later have to go. And that may indeed be so. Although there is no reason to assume that this is the case. For, if he only goes a bit of the way, – why should he not be able to recognize without walking that he knows which way he has to go? But this does not mean that the ways are not actually gone a bit. But it also happens that what we later see as the ‘seed’ of the thought or the deed is not, by its nature, that.

§RPP II

658[2]

210 Wenn nun Einer sagte: Das heißt eben nur, daß “denken” das heißt, was einen bestimmten Enderfolg hat, einen bestimmten Zweck erfüllt. Wie Jeder es macht, und ob heute so wie das vorige Mal, ist gleichgiltig. – So könnte ich antworten: Und wenn es zum richtigen Enderfolg führt, gar nichts zu tun, so bestünde also hier das Denken darin, daß Einer nichts tut. Man sagt: “Überzeug dich, daß du jeden Punkt verstehst!” Wenn ich nun fragte: “Wie soll ich mich überzeugen?” Welchen Rat würde man mir geben? Man würde mir sagen: “Frag dich, ob …”

210 If someone said: that just means that ‘thinking’ means having a certain end result, fulfilling a certain purpose. How one does it, and whether today as the last time, is irrelevant. – I could answer: and if it leads to the right end result to do nothing, then thinking would consist in someone doing nothing. One says: “Convince yourself that you understand every point!” If I now asked: “How should I convince myself?” What advice would one give me? One would tell me: “Ask yourself whether…”

§RPP II

658[3]

211 Ist es hier nicht wie beim Kunstrechner? – Er hat richtig gerechnet, wenn das Richtige herauskam. Was in ihm vorging, kann er vielleicht selbst nicht sagen. Und hörten wir's, so erschiene es vielleicht wie ein seltsames Zerrbild einer Rechnung.

211 Is this not like the case of the calculating machine? – It has calculated correctly if the right result comes out. What is going on in it, it may not even be able to say itself. And if we were to hear it, it might seem like a strange caricature of a calculation.

§RPP II

658[4]

212 Wenn einer sagt “Man kann auch wortlos denken”, so ist das irreleitend. Es handelt sich hier nicht darum, daß man im Stande ist, etwas Bestimmtes zu tun, ohne dabei das und das Andere zu tun; Wie z.B. “Man kann auch lesen, ohne die Lippen zu bewegen”.

212 If one says “One can also think without using words”, that is misleading. It is not about one being able to do something without doing something else; for example, “One can read without moving one’s lips”.

§RPP II

658[5] &
659[1]

213 Wenn es z.B. nur ganz wenige Menschen gäbe, die die Antwort auf eine Rechenaufgabe finden könnten, ohne zu sprechen, oder zu schreiben, könnte man diese nicht zum Zeugnis dafür anführen, daß man auch ohne Zeichen rechnen könnte. Weil es nämlich nicht klar wäre, daß diese Leute überhaupt ‘rechnen’. Ebenso kann auch das Zeugnis des Ballard (bei James) Einen nicht davon überzeugen, daß man denken könne ohne Sprache. Ja, warum soll man, wo keine Sprache gebraucht wird, vom ‘denken’ reden? Tut man's, so zeigt das eben etwas über den Begriff des Denkens.

213 If, for example, there were only a few people who could find the answer to a calculation without speaking or writing, one could not use them as testimony that one can calculate without using signs. Because it would not be clear that these people are ‘calculating’ at all. Similarly, the testimony of Ballard (in James) cannot convince one that one can think without language. Yes, why should one speak of ‘thinking’ when no language is used? If one does, it just shows something about the concept of thinking.

§RPP II

659[2]

214 Man könnte z.B. zwei (oder mehr als zwei) verschiedene Wörter besitzen: eines fürs ‘laute Denken’, eines fürs denkende Sprechen in der Vorstellung, eines fürs Innehalten, wobei irgend etwas uns vorschwebt (oder auch nicht) woraufhin wir aber die Antwort mit Sicherheit geben können. Wir könnten zwei Wörter haben: eines für den Gedanken, der im Satz ausgedrückt ist; eines für den Gedankenblitz, den ich später ‘in Worte kleiden’ kann.

214 One could, for example, have two (or more than two) different words: one for ‘thinking aloud’, one for thinking while speaking in one’s imagination, one for pausing while something hovers before us (or not), after which we can give the answer with certainty. We could have two words: one for the thought expressed in the sentence; one for the flash of thought that I can later ‘put into words’.

§RPP II

659[3]

215 Wenn man auch das denkende Arbeiten, ohne alles Reden, in unserer Betrachtung einbezieht, so sieht man, daß unser Begriff ‘denken’ ein weit verzweigter ist. Wie ein weit verzweigtes Verkehrsnetz, das viele entlegene Orte mit einander verbindet. In allen diesen weit entlegenen Fällen reden wir von einem ‘Denken’.

215 If one also includes thinking while working, without any talking, in our consideration, one sees that our concept of ‘thinking’ is far-reaching. Like a far-reaching network of roads that connects many remote places. In all these widely separated cases, we speak of ‘thinking’.

§RPP II

659[4]

216 In allen diesen Fällen sagen wir, der Geist sei nicht untätig, es gehe etwas in ihm vor; und unterscheiden sie dadurch von einem Zustand der Dumpfheit, des mechanischen Tuns.

216 In all these cases, we say that the mind is not idle, that something is going on in it; and this is what distinguishes it from a state of dullness, of mechanical action.

§RPP II

659[5] &
660[1]

217 ‘Denken’, ein weit verzweigter Begriff. Könnte man dasselbe nicht auch vom ‘glauben’, ‘tun’, ‘sich freuen’, sagen? Und wo gehört die Bemerkung eigentlich hin, dieser Begriff sei weit verzweigt? – Nun, man wir sie dem sagen, der darangeht, sich die Verzweigungen dieses Begriffs zu überlegen.

217 ‘Thinking’, a far-reaching concept. Could one not say the same about ‘believing’, ‘doing’, ‘being happy’? And where does this remark actually belong, that this concept is far-reaching? – Well, one can say it to someone who is about to consider the branches of this concept.

§RPP II

660[2]

218 Es ist doch sehr merkwürdig, daß man keinerlei Schwierigkeit hat in einer Figur wie dieser 🖵 ein Gesicht zu sehen, obwohl doch die Unähnlichkeit des einen Winkels mit einer Nase des Andern mit einer Stirn etc. unglaublich groß ist, oder eine Ähnlichkeit kaum vorhanden. Man hat – wie gesagt – keinerlei Schwierigkeit, in diesen Strichen ein menschliches Gesicht zu sehen; man möchte sagen: “So ein Gesicht gibt es”. Oder auch: “Es ist dies zwar die Karikatur eines menschlichen Gesichts, aber eben eines in der Wirklichkeit möglichen.” – Ganz so, wie man keine Schwierigkeit hat, im Grau und Weiß der Photographie das menschliche Gesicht zu sehen. ‒ ‒ Und was heißt das? Nun, wir betrachten z.B. einen Film und folgen allen Vorgängen mit Anteilnahme; als hätten wir wirkliche Menschen vor uns.

218 It is very curious that one has no difficulty in seeing a face in a figure like this 🖵, although the dissimilarity of one angle to a nose, of the other to a forehead, etc., is incredibly great, or there is hardly any similarity. As I said, one has no difficulty in seeing a human face in these lines; one would say: “Such a face exists”. Or also: “It is true that this is a caricature of a human face, but it is still one that is possible in reality.” – Just as one has no difficulty in seeing the human face in the gray and white of a photograph. – – And what does that mean? Well, we watch a film, for example, and follow all the events with interest, as if we had real people in front of us.

§RPP II

660[3]

219 ‘Denken’, ein weitverzweigter Begriff. Ein Begriff, der viele Lebensäußerungen in sich begreift. Die Denkphänomene liegen weit auseinander.

219 “Thinking,” a far-reaching concept. A concept that encompasses many manifestations of life. The phenomena of thinking are widely divergent.

§RPP II

660[4]

220 Und willst du nicht sagen, du sähest doch ein Gesicht in allen diesen Wortverwendungen, einen echten Begriff? – Aber was will das sagen? Kann nicht Gewohnheit all das zusammenschweißen?

220 And don’t you want to say that you see one face in all these uses of the word, one real concept? – But what is that supposed to mean? Can not habit weld all of that together?

§RPP II

660[5] &
661[1]

221 Wer mir etwa irgend einen Vorfall erzählt, oder eine gewöhnlich Frage an mich richtet (wieviel Uhr es ist, z.B.), den werde ich nicht fragen, ob er dabei gedacht habe. Oder so: Es wäre nicht ohne Weiteres klar, unter welchen Umständen man gesagt hätte, er hätte dies ohne zu denken getan– obwohl sich solche Umstände ausdenken lassen. (Hier ist eine Verwandtschaft mit der Frage, was eine ‘willkürliche’ Handlung zu nennen sei.)

221 If someone tells me about some event, or asks me an ordinary question (such as what time it is), I will not ask him whether he was thinking at the time. Or rather: it would not be immediately clear under what circumstances one could say that he did this without thinking – although such circumstances can be imagined. (Here there is a kinship to the question of what one should call a ‘voluntary’ action.)

§RPP II

661[2]

222 Der denkende Gesichtsausdruck, der Gesichtsausdruck des Idioten. Das Stirnrunzeln des Nachdenkens, der Aufmerksamkeit.

222 The thinking facial expression, the facial expression of the idiot. The furrowing of the brow of reflection, of attention.

§RPP II

661[3] &
662[1]

223 Nun denke dir einen Menschen, oder einen von Köhlers Affen, der eine Banane von der Decke holen will, sie nicht erreichen kann, auf Mittel und Wege sinnt, endlich zwei Stöcke aneinander setzt, etc. Denk, man fragte “Was muß dazu in ihm vorgehen?” – Die Frage scheint irgendeinen Sinn zu haben. Und es könnte vielleicht Einer antworten, der Affe, wenn er nicht durch Zufall, oder aus einem Instinkt heraus handelte, müsse den Vorgang vor dem geistigen Auge gesehen haben. Aber das wäre nicht genug, und anderseits wieder zu viel. Ich will, der Affe solle sich etwas überlegen. Zuerst bringt und langt er vergebens nach der Banane, dann gibt er's auf und ist etwa niederschlagen – aber diese Phase kann wegbleiben. Wie kann er nun innerlich dazu kommen, überhaupt einen Stock zu ergreifen? Es könnte ihm ja ein Bild gezeigt werden, das so etwas darstellt, und er könnte daraufhin so handeln; oder so ein Bild könnte ihm einfach vorschweben. Aber das wäre doch wieder Zufall. Er hätte dieses Bild nicht durch Nachdenken gewonnen. Und hilft es uns, wenn wir sagen, er brauche nur seinen Arm und den Stock irgendwie als eine Einheit gesehen haben? Aber nehmen wir doch einmal einen günstigen Zufall an! Die Frage ist dann: wie kann er aus dem Zufall lernen? Vielleicht hatte er also den Stock zufällig in der Hand und berührte mit ihm zufällig die Banane. – Und was muß nun weiter in ihm vorgehen? Er sagt sich, gleichsam, “So geht's!” und tut es nun mit dem Zeichen des vollen Bewußtseins. ‒ ‒ Hat er etwa spielend eine Kombination gemacht, und verwendet sie nun als Methode, das und jenes zu tun, so werden wir sagen, er denke. – Beim Überlegen würde er Mittel und Wege an seinem geistigen Auge vorbeiziehen lassen. Aber dazu muß er schon welche im Vorrat haben. Das Denken gibt ihm die Möglichkeit zur Vervollkommnung seiner Methoden. Oder vielmehr: Er ‘denkt”, wenn er in bestimmter Art und Weise seine Methoden vervollkommnet.

223 Now imagine a person, or one of Köhler’s apes, who wants to get a banana from the ceiling, cannot reach it, thinks of ways and means, finally puts two sticks together, etc. Suppose one asks, “What must be going on in him?” – The question seems to have some sense. And perhaps one could answer that, if the ape did not act out of chance or instinct, he must have had the process before his mind’s eye. But that would not be enough, and on the other hand, it would be too much. I want the ape to be considering something. First, he reaches for the banana in vain and then gives up and is perhaps dejected – but this phase may be absent. How can he now internally come to pick up a stick at all? He could be shown a picture that depicts something like this, and he could then act accordingly; or such a picture could simply float before him. But that would be chance again. He would not have obtained this image through thinking. And does it help us if we say that he only needs to have seen his arm and the stick in some way as a unit? But let us assume a favorable chance! The question is then: how can he learn from chance? Perhaps he had the stick in his hand by chance and accidentally touched the banana with it. – And what must now happen in him? He says to himself, as it were, “That’s how it’s done!” and now does it with the consciousness. If he has playfully combined something and now uses it as a method to do this and that, then we will say that he is thinking. – In considering, he would let the means and ways pass before his mind’s eye. But for this, he must already have some in stock. Thinking gives him the possibility of perfecting his methods. Or rather: He ‘thinks’ when he perfects his methods in a certain way.

§RPP II

662[2]

224 Man könnte auch sagen: er denkt, wenn er in bestimmter Weise lernt.

224 One could also say: he thinks when he learns in a certain way.

§RPP II

662[3]

225 Und auch dies könnte man sagen: Wer bei der Arbeit denkt der wird Hilfstätigkeiten in sie einschalten. Das Wort “denken” nun bezeichnet nicht diese Hilfstätigkeiten, wie Denken ja auch nicht Reden ist. Obwohl der Begriff ‘denken’ nach Art einer imaginären Hilfstätigkeit gebildet ist. (So wie man sagen könnte, der Begriff des Differentialquotienten sei nach Art eines imaginären Quotienten gebildet.)

225 And also this could be said: Whoever thinks while working will include auxiliary activities in it. The word “thinking” does not denote these auxiliary activities, just as thinking is not speaking. Although the concept of ‘thinking’ is formed in the manner of an imaginary auxiliary activity. (Just as one could say that the concept of the differential quotient is formed in the manner of an imaginary quotient.)

§RPP II

662[4]

226 Diese Hilfstätigkeiten sind nicht das Denken; aber man stellt sich das Denken vor, als das jenige, was unter der Oberfläche dieser Hilfsmittel strömen muß, wenn sie nicht doch nur mechanische Handlungen sein sollen.

226 These auxiliary activities are not the thinking; but one imagines thinking as that which must flow beneath the surface of these aids, if they are not to be mere mechanical actions.

§RPP II

662[5] &
663[1]

227 Denken ist die imaginäre Hilfstätigkeit; der unsichtbare Strom, der alle diese Arten des Handelns trägt und verbindet. – Die Grammatik von “denken” aber gleicht sich der von “Sprechen” an.

227 Thinking is the imaginary auxiliary activity; the invisible stream that carries and connects all these kinds of actions. – But the grammar of “thinking” is similar to that of “speaking.”

§RPP II

663[2]

228 Man könnte also zwei Schimpansen mit Bezug auf ihre Arbeitsweise unterscheiden, und vom einen sagen, er denkt, vom andern, er denke nicht.

228 So one could distinguish two chimpanzees with respect to their way of working, and say of one that he thinks, of the other that he does not think.

§RPP II

663[3]

229 Aber hier hätten wir freilich nicht die volle Verwendung von “Denken”. Das Wort bezöge sich auf ein Benehmen. Die Bedeutung der seelischen Tätigkeit erhält es erst durch die besondere Verwendung in der ersten Person.

229 But here, of course, we would not have the full use of “Thinking.” The word would refer to a behaviour. The meaning of the mental activity is only obtained through the particular use in the first person.

§RPP II

663[4]

230 Es ist, glaube ich, wichtig, zu bemerken, daß das Wort eine erste Person der Gegenwart (in der Bedeutung, auf die es uns ankommt) nicht hat. Oder soll ich sagen: daß seine Verwendung in der Gegenwart nicht mit der z.B. des Verbums “Schmerz fühlen” parallel läuft?

230 I believe it is important to notice that the word does not have a first person of the present (in the meaning that concerns us). Or should I say: that its use in the present does not run parallel to that of, for example, the verb “to feel pain”?

§RPP II

663[5]

231 “Ich dachte …” kann man sagen, wenn man den Ausdruck der Gedanken wirklich gebraucht hat; aber auch, wenn diese Worte gleichsam die Entwicklung aus einem Denkkeim sind.

231 “I thought…” one can say, if one has actually employed the expression of the thought; but also, if these words are, as it were, the development from a seed of thought.

§RPP II

663[6]

232 Nur unter ganz speziellen Umständen tritt die Frage auf, ob denkend geredet wurde, oder nicht.

232 Only under very specific circumstances does the question arise as to whether one was thinking or not.

§RPP II

663[7] &
664[1]

233 Die Verwendung so eines Wortes wie “denkend” ist eben viel erratischer als es zuerst den Anschein hat. Man kann das auch so sagen: der Ausdruck dient einem viel spezielleren Zweck als man's seiner Form ansieht. Denn diese ist eine einfache, regelmäßige Bildung: Wenn das Denken oft, oder zumeist, mit dem Reden zusammengeht, so ist natürlich die Möglichkeit vorhanden, daß es einmal nicht mit ihm geht.

233 The use of such a word as “thinking” is simply much more erratic than it appears at first. One could also say: the expression serves a much more specific purpose than one might think from its form. Because it is a simple, regular formation: If thinking often, or mostly, goes together with speaking, then of course the possibility exists that it does not go together with it at some point.

§RPP II

664[2] &
665[1]

234 Ich lerne eine fremde Sprache und lese Satzbeispiele in einem Übungsbuch. “Meine Tante hat einen schönen Garten.” Er hat ein Übungsbuch-Aroma. Ich lese ihn und frage mich Wie heißt ‘schön’ auf …?” dann denke ich an den Kasus. – Nun, wenn ich Jemandem mitteile, meine Tante habe …, so denke ich an diese Dinge nicht. Der Zusammenhang, in dem der Satz stand, war ein ganz anderer. – Aber konnte ich nicht jenen Satz im Übungsbuch lesen und bei ihm trotzdem an den Garten meiner Tante denken? Gewiß. Und soll ich nun sagen, die Denkbegleitung ist jedesmal eine andere, je nachdem ich den Satz einmal als reine Übung sehe, einmal als Übung mit dem Gedanken an einen Garten, einmal wenn ich ihn jemand einfach als Mitteilung sage? ‒ ‒ Und ist es unmöglich, daß mir Einer mitten im Gespräch diese Mitteilung macht und in ihm ganz das Gleiche stattfindet wie wenn er den Satz als Sprachübung behandelt? Kommt es mir denn darauf an, was in ihm geschieht? Erfahre ich's denn? Und wie kann ich denn überhaupt mit irgendwelcher Sicherheit darüber schreiben, denn, während ich dies tue, lerne ich ja keine Sprache und mache niemand jene Mitteilung. Wie kann ich dann also wissen, was in einem solchen Falle in Einem vorgeht? Erinnere mich denn jetzt an das, was in diesen Fällen in mir vorging? Nichts dergleichen. Ich glaube nur, mich jetzt in diese Lage hineindenken zu können. Aber da mag ich doch ganz und gar irre gehen. Und dies ist ja die Methode, die man in solchen Fällen immer anwendet! Was man dabei an sich erfährt, ist charakteristisch nur für die Situation des Philosophierens.

234 I am learning a foreign language and reading example sentences in a workbook. “My aunt has a beautiful garden.” It has a workbook aroma. I read it and ask myself, “How does one say ‘beautiful’ in…?” then I think about the case. – Now, if I communicate to someone that my aunt has…, I do not think about these things. The context in which the sentence stood was quite different. – But could I not read that sentence in the workbook and still think of my aunt's garden? Certainly. And should I now say that the accompanying thought is different each time, depending on whether I see the sentence once as a mere exercise, once as an exercise with the thought of a garden, once when I simply say it to someone as a communication? ‒ ‒ And is it impossible that someone makes this communication to me in the middle of a conversation, and in him, exactly the same thing happens as when he treats the sentence as a language exercise? Does it matter to me what happens in him? Do I know it? And how can I possibly write about it with any certainty, because while I am doing this, I am learning a language and not making that communication to anyone. How can I then know what is going on in someone in such a case? Do I remember what went on in me in these cases? Nothing of the sort. I just believe that I can now think myself into this situation. But I may be completely wrong. And this is the method that one always applies in such cases! What one learns about oneself in the process is characteristic only of the situation of philosophizing.

§RPP II

665[2]

235 Was weiß ich von den inneren Vorgängen eines, der mit Aufmerksamkeit einen Satz liest? Und kann er mir sie beschreiben, nachdem er's getan hat, und ist, was er etwa beschreibt eben der charakteristische Vorgang der Aufmerksamkeit?

235 What do I know about the internal processes of someone who reads a sentence with attention? And can he describe them to me after he has done so, and is what he describes the characteristic process of attention?

§RPP II

665[3]

236 Welche Wirkung will ich denn erzielen, wenn ich Einem sage “Lies aufmerksam!”? Etwa, daß ihm das und jenes auffällt, er davon berichten kann. – Wieder könnte man, glaube ich, sagen, daß, wer einen Satz mit großer Aufmerksamkeit liest, dann von Vorgängen in seinem Geist, Vorstellungen etwa, im Allgemeinen wird berichten können. Aber das heißt nun nicht, daß diese Vorgänge die Aufmerksamkeit ausmachten.

236 What effect do I want to achieve when I say to someone, “Read carefully!”? Perhaps that he notices this and that, and can report on it. – Again, I believe one could say that whoever reads a sentence with great attention will generally be able to report on processes in his mind, for example, images. But that does not mean that these processes constitute the attention.

§RPP II

665[4] &
666[1]

237 Was tue ich mit einer Mitteilung, er habe beim Lesen des Satzes an etwas ganz Anderes gedacht? Welche Schlüsse, die mich interessieren, kann ich aus so einer Mitteilung ziehen? Nun, etwa, daß ihn jene Sache beschäftigt; daß ich nicht zu erwarten habe, er wisse, wovon das Gelesene gehandelt hat; daß ihm das Gelesene keinen Eindruck irgend welcher Art gemacht hat; und dergleichen. Darum hätte es ja auch keinen Sinn, wenn jemand, der mit mir ein angenehmes Gespräch gehabt hatte, mir danach versicherte, er habe ganz ohne zu denken geredet. Und zwar nicht, weil es aller Erfahrung widerspricht, daß Einer, der so reden kann, es ohne die Begleitvorgänge des Denkens tue. Sondern, weil es sich hier zeigt, daß uns die Begleitungsvorgänge überhaupt nicht interessieren und nicht das Denken ausmachen. Wir kümmern uns den Teufel um seine Begleitvorgänge, wenn er mit uns ein Gespräch in normaler Weise führt.

237 What do I do with the communication that, while reading the sentence, he thought of something completely different? What conclusions, which interest me, can I draw from such a communication? Well, for example, that he was preoccupied with that matter; that I cannot expect him to know what the reading was about; that the reading did not make any impression on him; and so on. Therefore, it would also not make sense if someone, after having had a pleasant conversation with me, assured me that he had spoken without thinking. And not because it contradicts all experience that someone who can speak like that does so without the accompanying processes of thinking. But because it shows here that we are not interested in the accompanying processes at all, and that they do not constitute the thinking. We don't give a damn about his accompanying processes when he has a conversation with us in a normal way.

§RPP II

666[2]

238 “Es zuckte mir durch den Sinn: … Nun, diesen Ausdruck lernt der Mensch gebrauchen. Fast nie fragt man Einen “Wie zuckte es dir durch den Sinn? Hast du dir gewisse Worte gesagt, hast du etwas in der Vorstellung vor dir gesehen; kannst du überhaupt sagen, was in dir vorging?”

238 “It occurred to me: …” Well, a person learns to use this expression. Almost never does one ask someone, “How did it occur to you? Did you say certain words to yourself, did you see something in your imagination; can you at all say what was going on inside you?”

§RPP II

666[3]

239 Wenn man erkennen will, wie Verschiedenes “Gedanke” heißt, braucht man ja nur einen Gedanken der reinen Mathematik mit einem Nicht-Mathematischen vergleichen. Denk nur, was alles “Satz” heißt!

239 If one wants to understand how different things are called “thought,” one only needs to compare a thought from pure mathematics with a non-mathematical one. Just think of everything that “sentence” means!

§RPP II

666[4]

240 Das Kind muß nicht zuerst einen primitiven Ausdruck gebrauchen, den wir dann durch den gebräuchlichen ersetzen. Warum soll es nicht sogleich den Ausdruck der Erwachsenen gebrauchen, den es öfters gehört hat. Wie es “errät”, daß dies der richtige Ausdruck ist, oder wie es darauf kommt, ihn zu gebrauchen, ist ja gleichgiltig. Hauptsache ist: es gebraucht ihn – nach welchen Präliminarien immer – so, wie die Erwachsenen ihn gebrauchen: d.h., bei den selben Anlässen, in der gleichen Umgebung. Er sagt auch: der Andere habe gedacht …

240 The child doesn’t have to first use a primitive expression, which we then replace with the common one. Why shouldn't it immediately use the expression of adults, which it has often heard? How it “guesses” that this is the right expression, or how it comes to use it, is irrelevant. The main thing is: it uses it – after whatever preliminaries – in the same way as adults use it: that is, on the same occasions, in the same environment. It also says: the other person thought…

§RPP II

666[5]

241 Wie wichtig ist das Erleben der Bedeutung im sprachlichen Verkehr? Was wichtig ist, ist, daß wir beim Aussprechen eines Worts intendieren. Ich sage z.B. “Bank!” und will damit jemand erinnern, er solle auf die Bank gehen, und ich meine dabei in der einen, und nicht in der andern Bedeutung. – Aber die Intention ist eben kein Erlebnis.

241 How important is the experience of meaning in linguistic communication? What is important is that we intend something when we utter a word. For example, I say “Bank!” and want to remind someone to go to the bank, and I mean it in one meaning, and not in the other. – But intention is not an experience.

§RPP II

666[6] &
667[1]

242 Was unterscheidet sie aber vom Erlebnis? – Sie hat kein Nun, sie hat keinen Erlebnisinhalt. Denn die Inhalte, (Vorstellungen z.B.), die mit ihr oft Hand in Hand gehen, sind nicht die Intention selbst. – Und doch ist sie auch nicht eine Disposition, wie das Wissen. Denn die Intention war vorhanden, als ich es sagte; sie ist jetzt nicht mehr vorhanden; aber ich habe sie nicht vergessen.

242 What distinguishes it from experience? – It has no now, it has no experiential content. Because the contents (images, for example) that often go hand in hand with it are not the intention itself. – And yet, it is not a disposition, like knowledge. Because the intention was present when I said it; it is no longer present now; but I have not forgotten it.

§RPP II

667[2]

243 Es ist wahr: ich konnte mich mehr, oder weniger intensiv mit dem beschäftigen, was ich sagte. Und hier handelt sich's offenbar nicht um bestimmte Erlebnisse während des Aussprechens der Worte. D.h., man könnte nicht sagen “Beim Aussprechen des Wortes ‘Bank’ mußte das und das vor sich gehen, wenn es wirklich so gemeint war”.

243 It is true: I could have concerned myself more or less intensely with what I said. And here, it is obviously not about specific experiences during the utterance of the words. That is, one could not say, “When uttering the word ‘bank,’ this and that had to happen if it was really meant that way.”

§RPP II

667[3]

244 Daß man nun doch das Wort isoliert, fern von jeder Intention, ‘einmal mit einer, einmal mit einer andern Bedeutung aussprechen’ kann, das ist ein Phänomen, das nicht auf das Wesen der Bedeutung reflektiert; so daß man sagen könnte “Siehst du, auch dies kann man mit einer Bedeutung machen”. ‒ ‒ So wenig, wie man sagen könnte: “Schau, was man mit einem Apfel alles machen kann: man kann ihn essen, sehen, zu haben wünschen, sich vorzustellen versuchen.” So wenig wie es für den Begriff ‘Nadel’ und ‘Seele’ charakteristisch ist, daß wir fragen können, wieviele Seelen auf einer Nadelspitze Platz haben. – Es handelt sich hier, so zu sagen, um einen Auswuchs des Begriffs.

244 The fact that one can now isolate the word, apart from any intention, and ‘pronounce it once with one meaning and another time with a different meaning’ is a phenomenon that does not reflect the essence of meaning; so that one could say, “See, one can also do this with meaning.” – – Just as little as one could say: “Look at all the things one can do with an apple: one can eat it, see it, wish to have it, try to imagine it.” Just as little as it is characteristic of the concept of ‘needle’ and ‘soul’ that we can ask how many souls can fit on the head of a needle. – This is, so to speak, an extension of the concept.

§RPP II

667[4] &
668[1]

245

Statt “Auswuchs des Begriffes” hätte ich auch sagen können “Anbau an den Begriff”. ‒ ‒ In dem Sinne, in welchem es auch nicht zu dem Wesen des Personennamens gehört, daß er die Eigenschaften seines Trägers zu haben scheint. – ((Zitat aus Grillparzer)).

245

Instead of “an extension of the concept,” I could also have said “an addition to the concept.” – – In the sense in which it is also not part of the essence of a personal name that it seems to have the properties of its bearer. – ((Quote from Grillparzer)).

§RPP II

668[2]

246 Wie kann man den Geisteszustand dessen, der einen Befehl halb automatisch gibt, von dem unterscheiden, in er mit Nachdruck, eindringlich, gegeben wird? “Es geht in dieses Menschen Geist etwas anderes vor.” Denke an den Zweck der Unterscheidung. Was sind die Zeichen des Nachdrucks?

246 How can one distinguish the state of mind of someone who gives a command half-automatically from the one in which it is given with emphasis, emphatically? “Something else is going on in this person’s mind.” Consider the purpose of the distinction. What are the signs of emphasis?

§RPP II

668[3]

247 Wenn ein sonst normaler Mensch unter den und den normalen Umständen ein normales Gespräch führt, und ich gefragt würde, wie sich in so einem Falle der Denkende vom Nichtdenkenden unterschiede, – ich wüßte nicht zu antworten. Und ich könnte gewiß nicht sagen, daß der Unterschied in etwas liegt, was während des Sprechens vor sich ginge, oder nicht vor sich ginge.

247 If an otherwise normal person is conducting a normal conversation under normal circumstances, and I were asked how the person who is thinking differs from the person who is not, I wouldn’t know how to answer. And I certainly couldn’t say that the difference lies in something that is happening during the speaking, or not happening.

§RPP II

668[4]

248 Die Grenzlinie zwischen ‘denken’ und ‘nicht denken’, die hier gezogen würde, liefe zwischen zwei Zuständen, die sich durch nichts einem Spiel der Vorstellungen auch nur Ähnliches unterschieden. Denn das Spiel der Vorstellungen bleibt ja doch das, was man sich als das Charakteristikum des Denkens denkt.

248 The dividing line between ‘thinking’ and ‘not thinking’ that would be drawn here would run between two states that differ in nothing that is even remotely similar to a play of images. For the play of images remains what one imagines to be the characteristic of thinking.

§RPP II

668[5]

249 “Ich habe diese Worte gesagt, aber mir gar nichts bei ihnen gedacht”, das ist eine interessante Äußerung, weil die Folgen interessant sind. Du kannst dir aber immer denken, daß, wer dies sagte, sich bei der Introspektion geirrt hat; aber das würde nichts machen.

249 “I said these words, but I didn’t have any thought about them,” that is an interesting utterance, because the consequences are interesting. One can always think that whoever said this made a mistake in introspection; but that wouldn’t matter.

§RPP II

668[6] &
669[1]

250 Was aber soll ich nun sagen: Ist dem, der gedankenlos geredet hat, ein Erlebnis abgegangen? Waren es z.B. Vorstellungen? ‒ ‒ Aber wenn ihm die abgegangen wären, hätte das für uns dasselbe Interesse wie dies, daß er ohne zu denken gesprochen hat? Sind es die Vorstellungen, die uns in diesem Falle interessieren? Haben wir in seiner Äußerung nicht eine Art Signal von ganz anderer Bedeutung?

250 But what am I supposed to say now: Was an experience lacking in the one who spoke thoughtlessly? Were they, for example, images? – – But if they were lacking, would that be of the same interest to us as this, that he spoke without thinking? Are it the images that interest us in this case? Don’t we have in his utterance a kind of signal of quite another meaning?

§RPP II

669[2]

251 Soll ich sagen: “Wenn du nicht automatisch gesprochen hast (was immer das heißen mag) und wenn du deine Absicht nicht erst später erhalten, oder geändert hast, so hattest du sie, als du sprachst”?

251 Should I say: “If you did not speak automatically (whatever that may mean) and if you did not receive or change your intention later, then you had it when you spoke”?

§RPP II

669[3]

252 “Ich habe mit dem Satz nichts gemeint, ich hab ihn nur vor mich hin gesagt.” Wie merkwürdig, daß ich damit auf kein Erlebnis während des Sprechens anspiele, und daß ich trotzdem nichts Bezweifelbares ausspreche. Es ist sehr merkwürdig, daß die Vorgänge beim Denken uns so gut wie nie interessieren. (Aber natürlich sollte ich nicht sagen, es sei merkwürdig.)

252 “I didn’t mean anything by this sentence; I just said it to myself.” How strange that I am not referring to any experience during the act of speaking, and that I am nevertheless not making any doubtful statement. It is very strange that the processes involved in thinking are of so little interest to us. (But, of course, I should not say that it is strange.)

§RPP II

669[4]

253 Die Frage “Was hast du gemeint” und ähnliche können in zweifacher Weise verwendet werden. In einem Fall wird einfach eine Sinn– oder Bedeutungserklärung verlangt, damit man mit dem Sprachspiel fortfahren kann. Im andern Fall interessiert uns etwas, was zur Zeit, als der Satz gesprochen wurde, geschah. Im ersten Falle würde uns ein psychologischer Bericht wie dieser “Zuerst sagte ich's nur zu mir selbst, dann wendete ich mich an dich und wollte dich erinnern …” nicht interessieren.

253 The question “What did you mean?” and similar questions can be used in two ways. In one case, a sense or meaning explanation is simply requested, so that one can continue with the language-game. In the other case, we are interested in something that happened at the time when the sentence was spoken. In the first case, a psychological report like this, “First I said it only to myself, then I turned to you and wanted to remind you…”, would not interest us.

§RPP II

669[5]

254 Hast du das gemeint? Ja, es war der Anfang dieser Bewegung.

254 Did you mean that? Yes, it was the beginning of this movement.

§RPP II

669[6] &
670[1] &
671[1]

‒ ‒255 Denken wir uns diesen Fall: Ich soll um 12 Uhr jemand daran erinnern, er solle auf die Bank gehen, Geld holen. Mein Blick fällt um 12 Uhr auf die Uhr und ich sage “Bank!” (Zu ihm gewendet, oder auch nicht) vielleicht mache ich eine Gebärde, die man manchmal macht, wenn man sich plötzlich einer Sache, die zu tun ist, entsinnt. – Gefragt “meinst du die …bank”? werde ich's bejahen. – Gefragt “Hast du beim Sprechen die …bank gemeint”, auch. – Wie, wenn ich das Letztere verneinte? Was würde das dem Andern mitteilen? Etwa daß ich beim Sprechen den Satz anders gemeint, ihn aber dann doch für diesen Zweck verwenden wollte. Nun, das kann vorkommen. Es könnte auch sein, daß ich, als mein Blick auf die Uhr fiel, in seltsamer automatischer Weise das Wort “Bank” ausspreche, so daß ich dann berichte “ich hörte mich plötzlich das Wort sagen, ohne mit ihm irgend eine Bedeutung zu verbinden. Erst nach einigen Sekunden erinnerte ich mich daran, daß du zur Bank solltest.” – Die Antwort, ich hätte zuerst das Wort anders gemeint, bezog sich offenbar auf die Zeit des Sprechens; und ich hätte mich auch so ausdrücken können: “Ich habe beim Sprechen an diese Bank gedacht, nicht an …”. – Die Frage ist nun: ist dieses ‘Denken an …’ ein Erlebnis? Es geht häufig, vielleicht immer, mit einem Erlebnis zusammen, möchte man sagen. Zu sagen, man habe damals an diese Sache gedacht, auf die man nun zeigen, die man beschreiben kann, etc., ist förmlich als sagte man: Dieses Wort, dieser Satz, war der Anfang von diesem Gedankengang, von dieser Bewegung. Nicht aber so, als ob ich dies durch nachträgliche Erfahrung wüßte; Sondern die Äußerung “Ich habe bei diesen Worten an … gedacht” knüpft eben selber an jenen Zeitpunkt an. Und wenn ich sie in der Gegenwart statt in der Vergangenheit machte, hieße sie etwas anderes.

‒ ‒255 Let us imagine this case: I am supposed to remind someone at 12 o'clock that they should go to the bank to get money. At 12 o'clock, my gaze falls on the clock and I say “Bank!” (Either directed to him or not), perhaps I make a gesture that one sometimes makes when one suddenly remembers something that needs to be done. – If asked, “Did you mean the … bank?”, I will affirm it. – If asked, “Did you have the … bank in mind when speaking?”, also. – What if I denied the latter? What would that communicate to the other person? Perhaps that when speaking, I had a different meaning for the sentence, but then I still wanted to use it for this purpose. Well, that can happen. It could also be that, when my gaze fell on the clock, I pronounce the word “Bank” in a strange, automatic way, so that I then report: “I suddenly heard myself say the word, without associating any meaning with it. Only after a few seconds did I remember that you were supposed to go to the bank.” – The answer, that I first had a different meaning for the word, apparently referred to the time of speaking; and I could also have expressed it like this: “When speaking, I was thinking of this bank, not of …”. – The question now is: is this ‘thinking of …’ an experience? It often, perhaps always, involves an experience, one might say. To say that one thought of this thing at that time, to which one can now point, which one can describe, etc., is almost as if one said: this word, this sentence, was the beginning of this train of thought, of this movement. But not as if I knew this through subsequent experience; rather, the statement “I thought of … in these words” is itself connected to that moment. And if I made it in the present instead of the past, it would mean something else.

§RPP II

671[2]

256 Warum aber will ich sagen, jenes Denken sei kein Erlebnis? – Man kann an die ‘Dauer’ denken. Wenn ich statt des einen Wortes einen ganzen Satz gesprochen hätte, könnte ich nicht von einem Zeitpunkt im Sprechen sagen, er sei der Anfang des Denkens gewesen noch auch der Augenblick, in dem es stattgefunden hat. Oder, wenn man Anfang und Ende des Satzes Anfang und Ende des Gedankens nennt, dann ist es nicht klar, ob man von dem Erlebnis des Denkens sagen soll, es sei während dieser Zeit einförmig, oder es sei ein Vorgang wie das Sprechen des Satzes selbst. Ja, wenn man von einer Erfahrung des Denkens spricht, so ist die Erfahrung des Redens so gut wie jede Andere. Aber der Begriff ‘denken’ ist kein Erfahrungsbegriff. Denn man vergleicht Gedanken nicht, wie man Erfahrungen vergleicht.

256 But why do I want to say that this thinking is not an experience? – One can think of the ‘duration’. If I had spoken an entire sentence instead of just one word, I could not say that there was a point in the speaking that was the beginning of the thinking, nor could I say that it was the moment in which it took place. Or, if one calls the beginning and end of the sentence the beginning and end of the thought, then it is not clear whether one should say that the experience of thinking was uniform during this time, or whether it was a process like the speaking of the sentence itself. Yes, if one speaks of an experience of thinking, then the experience of speaking is as good as any other. But the concept of ‘thinking’ is not a concept of experience. Because one does not compare thoughts as one compares experiences.

§RPP II

671[3]

257 Man kann Einen im Denken stören; – aber im Beabsichtigen? Gedanken wohl aber im Planen. Auch im Festhalten einer Absicht, nämlich im Denken oder handeln.

257 One can interrupt someone in their thinking; but in their intending? One can interrupt thoughts, but also in the planning. Also in maintaining an intention, namely in thinking or acting.

§RPP II

671[4] &
672[1]

258 “Sag ‘abcde’ und meine: Das Wetter ist schön.” Soll ich also sagen, daß das Erlebnis des Aussprechens eines Satzes einer uns geläufigen Sprache ein ganz anderes ist, als das des Aussprechens uns nicht in bestimmten Bedeutungen geläufiger Zeichen? Wenn ich also jene Sprache lernte in welcher “abcde” den Sinn … hat, würde ich nach und nach das uns bekannte Erlebnis beim Aussprechen eines Satzes kriegen? Oder soll ich sagen, wie ich geneigt bin zu sagen, die Hauptverschiedenheit der beiden Fälle liegt darin, daß ich mich im Einen nicht bewegen kann. Es ist, als wäre eines meiner Gelenke in Schienen und ich wäre noch nicht an sie gewöhnt und hätte daher noch nicht ihre möglichen Bewegungen inne, stieße also so zu sagen in einem fort an. (Gefühl des Weichen).

258 “Say ‘abcde’ and mean: The weather is nice.” Should I then say that the experience of uttering a sentence in a language familiar to us is completely different from that of uttering signs that are not familiar to us in specific meanings? So, if I were to learn that language in which “abcde” has the meaning …, would I gradually acquire the familiar experience when uttering a sentence? Or should I say, as I am inclined to say, that the main difference between the two cases lies in the fact that I cannot move freely in the one. It is as if one of my joints were in rails and I had not yet gotten used to it and therefore did not yet know its possible movements, so that I keep bumping into it, as it were. (Feeling of yielding).

§RPP II

672[2]

259 Denk dir, ich wäre mit einem Menschen beisammen, der diese Sprache spricht und mir wäre gesagt worden, “abcde” heiße das und das, und ich solle dies sagen, weil es höflich sei. Ich würde es also mit einem freundlichen Lächeln, mit einem Blick zum Fenster hinaus sagen. Wäre das nicht allein genug, um mir diese Zeichen näher zu bringen?

259 Imagine I am with a person who speaks this language and I have been told, “abcde” means this and that, and I should say it because it is polite. I would therefore say it with a friendly smile, with a glance out the window. Wouldn't that alone be enough to bring me closer to these signs?

§RPP II

672[3]

260 Man könnte von ‘Anteilnahme’ reden. Und worin liegt meine Anteilnahme an einem Satz, den ich spreche? An dem, wird man sagen, was dabei in mir vorgeht. Ich möchte sagen: An den Verbindungen, Zusammenhängen, die ich mache. Es ist nämlich die Frage: Was immer beim Anteilnehmen in mir vor sich geht, – wodurch ist es ein Anteilnehmen an dem Inhalt dieses Satzes? Warum ist es z.B. nicht eine pathologische Aufregung in mir, die das Sprechen begleitet?

260 One could speak of ‘participation’. And in what does my participation in a sentence that I utter consist? In what is happening in me, one will say. I would like to say: in the connections, the relationships that I make. For the question is this: whatever is happening in me when I participate, how is it participation in the content of this sentence? Why is it not, for example, a pathological excitement in me that accompanies the speaking?

§RPP II

672[4]

261 Kann ich wirklich sagen, es sei beim ‘gedankenlosen’ Lesen des Übungsbuchsatzes in mir etwas ganz Anderes, oder einfach etwas anderes geschehen, als beim verständnisvollen Lesen des Satzes in anderem Zusammenhang? Ja – Unterschiede sind da. Ich werde z.B. auf den gleichen Satz in gewissem Zusammenhang sagen “Ja, so war es?”, ich werde überrascht, enttäuscht, gespannt, befriedigt sein, etc.

261 Can I really say that something quite different, or simply something else, happens in me when I read the exercise book’s sentence ‘thoughtlessly,’ as opposed to when I read the sentence with understanding in a different context? Yes – there are differences. For example, if the same sentence occurs in a certain context, I might say, “Yes, so it was?” I might be surprised, disappointed, excited, satisfied, etc.

§RPP II

672[5] &
673[1]

262 “Hast du den Satz denkend gelesen?” – “Ja, ich habe ihn denkend gelesen; jedes Wort war mir wichtig.” “Ich habe sehr anstrengt dabei gedacht”. Ein Signal. Ist dabei nichts vorgegangen? Doch, allerlei. Aber darauf bezog sich das Signal nicht. Und doch bezog sich das Signal auf die Zeit des Redens.

262 “Did you read the sentence while thinking?” – “Yes, I read it while thinking; every word was important to me.” “I thought very hard about it.” A signal. Did nothing happen in the process? Yes, all sorts of things. But the signal didn’t refer to that. And yet the signal did refer to the time of the speaking.

§RPP II

673[2]

263 James könnte vielleicht sagen: “Ich lese jedes Wort mit dem ihm entsprechenden Gefühl”. “Aber” mit dem Abergefühl, u.s.w. Und selbst wenn das wahr ist, – was bedeutet es eigentlich? Was ist die Grammatik des Begriffs “Abergefühl”? Es wird ja nicht ein Gefühl dadurch, daß ich es “Gefühl” nenne.

263 James might perhaps say: “I read every word with the corresponding feeling.” “But” with the feeling of “but,” and so on. And even if that is true, what does it actually mean? What is the grammar of the concept of “feeling of but”? It does not become a feeling just because I call it a “feeling.”

§RPP II

673[3]

264 Wie seltsam, daß etwas beim Sprechen vorgegangen ist, und ich doch nicht sagen kann, was! ‒ ‒ Am besten: ich sage, es war eine Illusion, und es ist nichts vorgegangen; und nun untersuche ich den Nutzen der Äußerung. Und es wird sich auch fragen, welches der Nutzen des Bezugs auf den vergangenen Zeitpunkt ist.

264 How odd that something occurred while I was speaking, and yet I cannot say what! ‒ ‒ Best: I say it was an illusion, and that nothing occurred; and now I investigate the purpose of the utterance. And it will also be a question as to what the purpose of referring to the past time is.

§RPP II

673[4]

265 Ja; “Ich habe bei diesen Worten gedacht …” bezieht sich allerdings auf die Zeit des Redens; aber wenn ich nun den ‘Vorgang’ charakterisieren soll, so kann ich ihn nicht als ein Geschehen in diesem Zeitraum beschreiben, z.B. nicht sagen, die und die Phase des Vorgangs habe in diesem Zeitabschnitt stattgefunden. Also nicht, wie ich z.B. das Sprechen selbst beschreiben kann. Das ist der Grund, warum man das Denken nicht wohl einen Vorgang nennen kann. ((Noch eine Begleitung des Redens.))

265 Yes; “I was thinking these thoughts…” certainly refers to the time of speaking; but if I now want to characterize the ‘process’, I cannot describe it as an event that took place during this period, e.g., I cannot say that this or that phase of the process took place in this period. So not as I can describe the speaking itself. That is the reason why one probably cannot call thinking a process. ((Another accompaniment of the speaking.))

§RPP II

673[5] &
674[1]

266 Mit ‘denkend reden’ müßte ich eigentlich meinen: Reden und verstehen, was man sagt, und nicht erst nachträglich verstehen.

266 With ‘thinking while speaking,’ I should actually mean: speaking and understanding what one says, and not understanding only afterward.

§RPP II

674[1]

Das Schreiben ist gewiß eine willkürliche Bewegung, und doch eine automatische. Und von einem Fühlen der Schreibbewegungen ist natürlich nicht die Rede. D.h. man fühlt etwas, aber könnte das Gefühl unmöglich zergliedern. Die Hand schreibt; sie schreibt nicht, weil man will, sondern man will, daß sie schreibt. Man sieht ihr nicht erstaunt oder mit Interesse beim Schreiben zu; denkt nicht “Was wird sie nun schreiben”. Aber nicht, weil man eben wünschte, sie solle das schreiben. Denn, daß sie schreibt, was ich wünsche, könnte mich ja erst recht in Erstaunen versetzen.

Writing is certainly an arbitrary movement, and yet it is automatic. And of course, there is no talk of feeling the movements of writing. That is to say, one feels something, but one could not possibly dissect the feeling. The hand writes; it does not write because one wills it to, but one wills that it write. One does not watch it write with amazement or interest; one does not think “What will it now write.” But not, because one simply wishes that it should write that. For the fact that it writes what I wish could only further amaze me.

§RPP II

674[2]

267 Wie prüfen wir, ob jemand versteht, was es heißt, die Muskeln des Armes entspannen, schlaff lassen? Doch dadurch, daß wir prüfen, ob sie entspannt sind, wenn er sagt, er habe sie entspannt (etwa auf unsern Befehl). Was würden wir nun zu dem sagen, der uns mitteilt, er spanne die Muskeln nicht an, während sein Arm ein Gewicht hebt und es mit allen den gewöhnlichen Anzeichen der gewollten Bewegung tut? Wir würden hier von Lüge oder von einer merkwürdigen Illusion reden. Ich weiß nicht, ob es Verrückte gibt, die ihre normalen Bewegungen für ungewollt erklären. Wenn es aber jemand tut, so erwarte ich mir von ihm, daß er der Bewegung seines Arms in ganz anderer als der normalen Weise mit seiner Aufmerksamkeit folgt; so nämlich, wie der Bewegung des Zeigers eines Instruments etwa.

267 How do we test whether someone understands what it means to relax the muscles of the arm, to let them go slack? But by testing whether they are relaxed when he says he has relaxed them (perhaps at our command). What would we say to the one who tells us that he is not tensing the muscles while his arm lifts a weight and does so with all the usual signs of willed movement? We would speak here of a lie or of a strange illusion. I do not know if there are mad people who explain their normal movements as unwilled. If someone does so, I would expect him to follow the movement of his arm in a completely different way than the normal one; in the way, for example, that one follows the movement of the pointer of an instrument.

§RPP II

674[3] &
675[1]

268 Das Kind lernt gehen, kriechen, spielen. Es lernt nicht, willkürlich und unwillkürlich spielen. Aber was macht die Bewegungen des Spiels zu willkürlichen Bewegungen? Nun, wie wäre es denn, wenn sie unwillkürlich wären? – Ich könnte auch fragen: was macht denn diese Bewegungen zu einem Spielen? – Daß sie Reaktionen auf gewisse Bewegungen, Laute, etc. des Erwachsenen sind, daß sie einander so folgen, mit dieser Miene und Lauten (dem Lachen z.B.) zusammengehen.

268 The child learns to walk, crawl, and play. It doesn’t learn to play arbitrarily and involuntarily. But what makes the movements of play into arbitrary movements? Well, what if they were involuntary? – I could also ask: what makes these movements into a kind of play? – That they are reactions to certain movements, sounds, etc., of the adult; that they follow each other in this way, are combined with this facial expression and sounds (e.g., laughter).

§RPP II

675[2]

269 Kurz, macht es die Bewegungen so, so sagen wir sie seien willkürlich. Bewegungen in solchen Syndromen heißen “willkürlich”.

269 In short, it makes the movements so, let’s say they are arbitrary. Movements in such syndromes are called “arbitrary.”

§RPP II

675[3]

270 Ich gebe Einen mit den Augen ein Zeichen. Ich kann, was es bedeutet hat, später erklären. Wenn ich sage “Ich hatte dabei diese Intention”, so ist das, als bezeichnete ich den Ausdruck als Anfang einer Bewegung. Ich erkläre ihn nicht mit Hilfe von hergebrachten Regeln, noch durch eine Definition, die den zukünftigen Gebrauch des Zeichens regeln soll. Ich sage weder “Dies Zeichen bedeutet bei uns das”, noch “Es soll in Hinkunft das bedeuten”. Ich gebe also keine Definition.

270 I give a sign with my eyes. I can explain what it meant later. If I say “I had this intention,” it is as if I were designating the expression as the beginning of a movement. I do not explain it with the help of established rules, nor through a definition that is supposed to regulate the future use of the sign. I do not say either “This sign means this to us,” or “It should mean this in the future.” So, I give no definition.

§RPP II

675[4]

271 Denk nun aber an den Unterschied, den es macht, wenn ich jenen Ausruf in seiner bestimmten Situation nicht aus eigenem, mache, sondern ihn in einer Geschichte, oder einem Schauspiel lese. Ich nehme an; mit Verständnis lese. Wenn ich aber da noch immer von einer Intention (ich meine von meiner Intention) bei diesem Wort zu reden?

271 Now, however, consider the difference it makes if, instead of uttering that exclamation in its specific situation myself, I read it in a story or a play. I assume; I read with understanding. But if I were to speak of an intention (I mean, my intention) in connection with that word even now?

§RPP II

675[5]

272 Kann ich aber sagen, es geht beim Lesen etwas anderes in mir vor sich als beim spontanen Ausruf? Nein. Ich weiß nichts von so einer Verschiedenheit der Vorgänge; obwohl die Art und Weise, wie ich mich ausdrücke, auf so etwas schließen ließe. Aber, wenn Einer ins Zimmer käme, gerade wenn ich den Ausruf lese, und er fragte mich, ob ich das und das wolle, würde ich ihm sagen, ich hätte es nicht so gemeint und bloß etwas gelesen.

272 But can I say that something different is going on in me when reading than in a spontaneous exclamation? No. I know nothing about such a difference in the processes, although the way I express myself could lead one to believe so. But, if someone were to come into the room just as I am reading the exclamation, and asked me if I meant that and that, I would tell him that I didn’t mean it that way and was just reading something.

§RPP II

676[1]

273 Ich sagte früher, die Intention habe keinen Inhalt. Nun, ihren Inhalt kann man das nennen, was ihr Wortausdruck erklärt. Aber eben davon kann man weder sagen, es sei ein gleichförmiger Zustand, der von diesem Zeitpunkt bis zu jenem andauert; also etwa vom Anfang des ersten, bis zum Ende des letzten Wortes; noch kann man Phasen in ihm unterscheiden und diese dem Ablaufen des Wortausdrucks zuordnen. Wäre dagegen der Satz von einem Spiel der Vorstellungen begleitet, so könnte man eben dies tun.

273 I said earlier that intention has no content. Well, one could call its content what the word expression explains. But one cannot say that it is a uniform state that lasts from this point to that point; for example, from the beginning of the first word to the end of the last; nor can one distinguish phases in it and assign them to the unfolding of the word expression. If, on the other hand, the sentence were accompanied by a play of images, one could do just that.

§RPP II

676[2]

274 Unterschied zwischen ‘Die Absicht haben’ und ‘an die Absicht denken’. Wenn ich mir sage “Ich will diesem Gespräch ein Ende machen”, so ist das doch der Ausdruck einer Absicht und zwar im Moment ihres Entstehens; es ist eigentlich der Ausdruck des Entschlusses. Und dem Entschluß als einem Bejahen der Absicht entspricht auch ein Hin- und Herschwanken zwischen Entscheidungen, ein Ringen mit dem Entschluß.

274 Difference between ‘having the intention’ and ‘thinking about the intention.’ When I say to myself, “I want to end this conversation,” this is the expression of an intention, namely, at the moment of its inception; it is actually the expression of the decision. And the decision, as an affirmation of the intention, also corresponds to a back-and-forth wavering between decisions, a struggle with the decision.

§RPP II

676[3]

275 Wenn ich bei mir denke “Ich halt es nicht mehr aus; ich will gehen!” so denke ich doch eine Absicht. Es ist aber das Denken des Ausbruchs einer Absicht. Während man von dem der erzählt “Ich beabsichtige im nächsten Jahr …” auch sagen kann, er denke eine Absicht, aber in ganz anderem Sinne.

275 When I think to myself, “I can’t stand it anymore; I want to leave!” then I am thinking of an intention. But it is the thinking of the outbreak of an intention. Whereas, one can also say that when one says, “I intend to do this next year…”, one is thinking of an intention, but in a completely different sense.

§RPP II

676[4]

276 Man sagt nicht “Ich weiß, daß es regnet” einfach als Mitteilung, es regnet; sondern etwa, wenn diese Aussage angezweifelt wurde; oder auf die Frage, ob ich auch sicher sei. Aber ich könnte dann auch sagen “es ist ganz gewiß: es regnet.”

276 One does not say “I know that it is raining” simply as a communication that it is raining; but rather, for example, if this statement has been doubted; or in answer to the question of whether I am sure. But I could also say, “It is quite certain: it is raining.”

§RPP II

676[5] &
677[1]

277 Ich kann mit einer Meldung eine Reihe von Sprachspielen spielen. Eines ist z.B.: nach ihr handeln; ein anderes: durch sie den Meldenden prüfen. Aber ist nicht das erste so zu sagen das ursprünglichere Sprachspiel, das, wozu eine Meldung eigentlich da ist?

277 I can play a number of language-games with a report. One is, for example, to act according to it; another is to test the person making the report through it. But is not the former, in a way, the more original language-game, the one for which a report is actually intended?

§RPP II

677[2]

278 Man muß sich sagen, daß es die erste Person “ich glaube” sehr wohl auch ohne eine dritte geben könnte. Warum sollte nicht in der Sprache ein Verbum gebildet worden sein, daß nur eine erste Person der Gegenwart hat? Es ist gleichgiltig, was dazu geführt hat, welche Vorstellungen.

278 One must say that the first-person “I believe” could very well exist even without a third person. Why should a verb not have been formed in language that only has a first-person present tense? It is irrelevant what led to it, what images are involved.

§RPP II

677[3]

279 Aber was heißt das: “Es regnet und ich glaube es nicht” habe Sinn, wenn ich es als Annahme meine, und keinen Sinn, wenn ich es als Behauptung, oder Meldung meine. Man stellt sich das so vor, daß, wenn der Satz auf die Erste Art intendiert wird, etwas von ihm ausgeht, etwas aufleuchtet, wogegen alles finster bleibt, wenn man ihn auf die zweite Art intendiert. Und etwas ist ja wahr daran: denn, sagt mir Einer diese Worte und ich verstehe sie als Annahme, so leuchtet etwa Verständnis in meinem Gesicht auf; deute ich aber den Satz als Meldung, so werde ich am Sinn irre und das Verständnis bleibt aus. “Es regnet und ich glaube es nicht” ist eine Annahme, aber keine Meldung.

279 But what does it mean for “It is raining and I don’t believe it” to have sense if I take it as an assumption, and to have no sense if I take it as an assertion, or a statement? One can imagine it in such a way that, if the sentence is intended in the first way, something emanates from it, something lights up, whereas everything remains dark if one intends it in the second way. And there is some truth in that: for if someone says these words to me and I understand them as an assumption, then something like understanding lights up in my face; but if I interpret the sentence as a statement, then I go astray in its sense and understanding fails to arise. “It is raining and I don’t believe it” is an assumption, but not a statement.

§RPP II

677[4]

280 Man möchte auch sagen: die Annahme, ich glaube das, ist die Annahme, ich sei so disponiert. Während ich von der Meldung “Ich glaube …” nicht sagen möchte sie berichte von meiner Disposition. Vielmehr ist sie eine Äußerung dieser Disposition.

280 One might also say: the assumption that I believe this is the assumption that I am so disposed. Whereas I would not want to say that the statement “I believe…” reports on my disposition. Rather, it is a manifestation of this disposition.

§RPP II

677[5] &
678[1]

281 Alles das hängt damit zusammen, daß man sagen kann “Ich glaube, er glaubt …”, “Ich glaube, ich habe geglaubt …”, aber nicht “Ich glaube, ich glaube …”

281 All of this is connected with the fact that one can say “I believe that he believes…”, “I believe that I used to believe…”, but not “I believe that I believe…”.

§RPP II

678[2]

282 In dem Falle eines obligatorischen “Ich glaube” zu Anfang jeder Behauptung hieße zwar “Ich glaube, es sei so” das selbe wie “Es ist so”, aber “Angenommen, ich glaubte, es sei so” nicht das selbe wie “Angenommen, es sei so.”

282 In the case of an obligatory “I believe” at the beginning of every assertion, “I believe that it is so” would mean the same as “It is so,” but “Assuming that I believe that it is so” does not mean the same as “Assuming that it is so.”

§RPP II

678[3]

283 Ich habe mich von etwas überzeugt, nun weiß ich es. “Ich weiß, daß die Erdkugel in den letzten 10 Minuten existiert hat” sagt man nicht; wohl aber “Man weiß, daß die Erde viele tausende von Jahren existiert hat”. Und das nicht, weil es unnötig ist, so etwas zu versichern.

283 I have convinced myself of something; now I know it. “I know that the Earth existed in the last 10 minutes” is not something one says; but one does say “One knows that the Earth has existed for many thousands of years.” And not because it is unnecessary to assure such a thing.

§RPP II

678[4]

284 “Ich weiß, daß dieser Weg dorthin führt.” “Ich weiß, wohin dieser Weg führt.” Im zweiten Falle sage ich, ich besitze etwas; im ersten versichere ich eine Tatsache. In diesem könnte das Wort “wissen” auch wegbleiben. In jenem wäre es möglich fortzusetzen, “aber ich sag's nicht”.

284 “I know that this way leads there.” “I know where this way leads.” In the second case, I say that I possess something; in the first, I assure a fact. In this case, the word “know” could also be omitted. In the other case, it would be possible to continue, “but I won’t say it.”

§RPP II

678[5]

285 Auf die Aussage “Ich weiß, daß es so ist” folgt die Frage “wie weißt du das?”, die Frage nach der Evidenz.

285 The question “How do you know that?” follows the statement “I know that it is so,” the question about the evidence.

§RPP II

678[6] &
679[1]

286 In dem Sprachspiel der Meldung gibt es den Fall, daß die Meldung angezweifelt wird, daß man annimmt, der Meldende vermute nur, was er meldet, habe sich nicht überzeugt. Hier sagt er dann etwa: “Ich weiß es”. D.H.: Es ist nicht bloß Vermutung.– – – Soll ich da sagen, er teile mir die Sicherheit mit, die er bei seiner Meldung fühlt? Das möchte ich nicht sagen. Er spielt einfach Meldungssprachspiel, und “Ich weiß es” ist die Form einer Meldung.

286 In the language-game of reporting, there is the case in which the report is doubted, in which one assumes that the reporter only suspects what he reports, that he has not convinced himself. Here, he says something like: “I know it.” That is: It is not merely a suspicion. – – – Should I say that he shares with me the certainty that he feels in his report? I would not want to say that. He is simply playing the reporting language-game, and “I know it” is the form of a report.

§RPP II

679[2]

287 Kann man nur Wissen, was wahr ist? Nun, man sagt ja auch “Ich glaube, es zu wissen” und hier kann dem Glauben keine Unsicherheit anhaften. Es heißt nicht “Ich bin nicht sicher: weiß ich's oder weiß ich's nicht.”

287 Can one only know what is true? Well, one also says “I believe that I know it,” and here no uncertainty can attach to the belief. It does not mean “I am not sure: do I know it or not?”

§RPP II

679[3]

288 Mancher wird sagen, daß mein Reden über den Begriff des Wissens irrelevant sei, da zwar dieser Begriff, wie die Philosophen ihn auffassen allerdings nicht mit dem der alltäglichen Rede übereinstimmt, aber eben ein wichtiger, interessanter Begriff sei, der durch eine Art Sublimierung aus dem Landläufigen und nicht sehr interessanten gebildet ist. Aber jener philosophische Begriff ist durch allerlei Mißverständnisse entstanden und befestigt Mißverständnisse. Er ist durchaus nicht interessant, außer als Exempel, um daran Mißverständnisse zu demonstrieren.

288 Some will say that my talk about the concept of knowledge is irrelevant, since this concept, as the philosophers understand it, does not, in fact, coincide with that of everyday speech, but is precisely an important, interesting concept that has been formed through a kind of sublimation from the commonplace and not very interesting. But that philosophical concept has arisen through all sorts of misunderstandings and perpetuates misunderstandings. It is not at all interesting, except as an example to demonstrate misunderstandings.

§RPP II

679[4]

289 Du darfst wieder nicht vergessen, daß “Ein Widerspruch hat keinen Sinn” nicht heißt: der Sinn des Widerspruchs ist ein Unsinn. – Den Widerspruch schließen wir aus der Sprache aus; wir haben für ihn keine klare Verwendung und wollen ihn nicht verwenden. Und wenn “Es regnet, aber ich glaube es nicht”, sinnlos ist, so wieder, weil eine Verlängerung gewisser Linien zu dieser Technik führt. Aber unter andern als den normalen Umständen könnte jener Satz einen klaren Sinn erhalten.

289 You must not forget again that “A contradiction has no sense” does not mean: the sense of the contradiction is nonsense. – We exclude the contradiction from the language; we have no clear use for it and do not want to use it. And if “It is raining, but I don’t believe it” is senseless, then, again, this is because extending certain lines leads to this technique. But under other than normal circumstances, that sentence could have a clear sense.

§RPP II

679[5] &
680[1]

290 Wenn es ein ‘automatisches’ Reden gäbe, so könnten wir z.B. nicht mit einer solchen Äußerung streiten, den der sie ausspricht, nicht eines Irrtums überweisen wollen. Wir würden also nicht die gleichen Sprachspiele mit den automatischen, wie mit dem normalen Reden spielen.

290 If there were ‘automatic’ speech, then we could, for example, not argue with such an utterance, nor would we want to convince the one who utters it of a mistake. We would not, therefore, play the same language-games with the automatic speech as with normal speech.

§RPP II

680[2]

291 Wenn ich ein Reden “automatisch” nenne, so stellt man sich dabei etwas Infektionsloses, maschinelles vor. Aber das ist für uns gar nicht wesentlich. Man braucht nur anzunehmen, daß zwei Personen durch einen Mund reden. Und wir haben dann, was gesagt wurde auch als die Äußerung zweier Menschen zu behandeln. Es könnten also beide Sätze mit der Intention der Mitteilung gesprochen werden. Und es würde sich nur fragen, wie ich auf diese Mitteilungen reagieren sollte.

291 If I call a speech “automatic,” one imagines something innocuous, mechanical. But that is not essential for us. One only needs to assume that two people are speaking through one mouth. And then we treat what has been said as the utterance of two people. So both sentences could be spoken with the intention of communication. And the only question would be how I should react to these communications.

§RPP II

680[3]

292 Einerseits kann man sagen, daß Schwarz und Weiß in Grau koexistieren können; und anderseits wird man sagen: “Aber wo Grau ist, ist natürlich Weiß, noch Schwarz. Was Grau ist, ist natürlich nicht wirklich Weiß.

292 On the one hand, one can say that black and white can coexist in gray; and on the other hand, one will say: “But where there is gray, there is of course also white, or black. What is gray is, of course, not really white.

§RPP II

680[4]

293 Aber wie ist es mit “Hellrot” und “Dunkelrot”? Wird man auch sagen wollen, daß diese irgendwo zugleich sind? oder lila und violett – nun, denk dir den Fall, hellblau und dunkelblau, und zwar ganz bestimmte Töne umgäben uns ständig, und wir können nicht (wie es tatsächlich der Fall ist) leicht beliebige Farbtöne erzeugen. Es wäre aber unter Umständen möglich, die hellblaue Substanz mit der dunkelblauen zu mischen, und dann erhielten wir einen seltenen Farbton, den wir nun auffassen als eine Mischung von hellblau und dunkelblau.

293 But what about “light red” and “dark red”? Would one also want to say that these are somewhere present at the same time? Or purple and violet – well, imagine the case of light blue and dark blue, and that quite specific shades constantly surround us, and we cannot (as is actually the case) easily produce arbitrary color tones. But it would perhaps be possible to mix the light blue substance with the dark blue one, and then we would obtain a rare color tone, which we now perceive as a mixture of light blue and dark blue.

§RPP II

680[5] &
681[1]

294 “Aber wären dann unsere Farbbegriffe die gleichen wie sie heute sind?” Sie wären diese sehr ähnlich. Ungefähr wie die wie die Zahlbegriffe der Völker, die nur bis 5 zählen können, den unseren.

294 “But would our color concepts then be the same as they are today?” They would be very similar. Approximately like the number concepts of peoples who can only count up to 5, compared to ours.

§RPP II

681[2]

295 Man kann sagen: Wem ein Wort durch Hinweisen auf einen färbigen Fleck erklärt wird, der weiß nur insofern, was gemeint ist, als er weiß wie das Wort anzuwenden ist. Das heißt: Es gibt hier kein Erfassen, Auffassen des Gegenstandes, außer durch ein Erfassen einer Technik. Anderseits könnte man doch sagen, ein Erfassen, Ergreifen des Gegenstandes vor jedem Erfassen einer Technik sei möglich, denn wir können Einem einfach den Befehl geben “Kopiere dies!” und er kann nun z.B. die Farbe kopieren, oder die Gestalt und Größe, oder nur die Gestalt, oder die Farbe, aber nicht den genauen Ton, etc. Und hier tut das Kopieren, was bei einem Körper etwa ein in die Hand nehmen tut. – Es ist uns da, als könnten wir, was gemeint ist, die Farbe etwa, mit einer eigenen feinen geistigen Zange auffassen, ohne irgendetwas anderes mitzunehmen.

295 One can say: Whoever has a word explained by pointing to a colored patch only knows, in a way, what is meant, as he knows how to apply the word. That is to say: There is no grasping, apprehending of the object, except through a grasping of a technique. On the other hand, one could also say that a grasping, seizing of the object before any grasping of a technique is possible, because we can simply give someone the command “Copy this!” and he can now, for example, copy the color, or the shape and size, or only the shape, or the color, but not the exact tone, etc. And here, the copying does what, in the case of a body, taking it in the hand does. – It seems to us that we can grasp, with a fine, mental pair of tongs, what is meant, the color, for example, without taking anything else with us.

§RPP II

681[3]

296 Der Verstand, sage ich, ergreift den einen Gegenstand; und dann reden wir von ihm, und seinen Eigenschaften, seiner Natur gemäß.

296 The mind, I say, seizes the one object; and then we speak of it, and according to its properties, its nature.

§RPP II

681[4] &
682[1]

297 Wie aber weiß ich, daß dein Geist den gleichen Gegenstand ergreift wie meiner? Doch eben z.B. dadurch, wie du auf meinen Befehl, “kopiere die Farbe” z.B. reagierst. Aber hier, wirst du sagen, können wir nun das Wesentliche dieser Reaktion erkennen, indem wir ihn öfters Farben kopieren heißen. Das heißt wohl, ich werde nach einigen dieser Reaktionen andere vorher sehen können; und dies erkläre ich, indem ich sage: ich weiß nun, “was” er eigentlich kopiert. Also die Farbe, oder die Form z.B. – aber es gibt hier mehr solche was, als wir für gewöhnlich anzunehmen geneigt sind; d.h. man kann auch Begriffe bilden, die uns ganz ungewohnt sind. Es kann auch sein, was ich allerdings nach einigen Reaktionen des Kopierens andere richtig voraussehe und nun mit ihnen rechnen kann – also sage, wir hätten einander nun verstanden – daß ich aber in einer etwas andern Situation eine Überraschung erlebe. – – – Und was soll ich nun sagen: Ich hätte ihn die ganze Zeit mißverstanden? oder, ich habe ihn zum Teil mißverstanden. Wenn du ans Ergreifen eines Gegenstandes denkst, wirst du vielleicht das erste sagen, gemäß dem Bild, er habe eben nicht den Gegenstand ergriffen, den ich glaubte. Denken wir aber an Methoden des Gebrauchs von Worten, so werden wir sagen, es seien hier ungleiche aber ähnliche, Methoden.

297 But how do I know that your mind seizes the same object as mine? Well, for example, through the way you react to my command, “copy the color.” But here, you will say, we can now recognize the essential thing about this reaction by having him copy colors more often. That is to say, I will probably be able to see other such reactions after a few of these; and I explain this by saying: I now know “what” he is actually copying. That is, the color, or the shape, for example – but there are more such _what_s here than we are usually inclined to assume; that is, one can also form concepts that are completely unfamiliar to us. It may also be that, although I can correctly predict other reactions after a few copying trials and can now use them in my calculations – that is, say that we have now understood each other – I experience a surprise in a slightly different situation. – – – And what should I say now: I have misunderstood him all along? or, I have only partially misunderstood him. If you think of grasping an object, you will perhaps say the former, according to the image that he simply did not grasp the object that I thought he did. But if we think of methods of using words, we will say that there are unequal but similar methods here.

§RPP II

682[2]

298 Hier ist es nun freilich wichtig, daß eine Technik für uns eine Physiognomie hat. Daß wir z.B. von einer einheitlichen und einer uneinheitlichen Verwendung sprechen können.

298 Here, it is indeed important that a technique has a physiognomy for us. That we can, for example, speak of a uniform and an inconsistent use.

§RPP II

682[3] &
683[1]

299 Wissen in einem Sinn ist ein gelernt und nicht vergessen haben. Es hängt so mit dem Gedächtnis zusammen. – Nun kann ich also sagen: “Ich weiß, wie viel 97 × 78 ist” oder “ich weiß daß 97 × 78 432 ist.” Im ersten Falle, so wollte ich sagen, teile ich jemand mit, ich könne etwas, habe einen gewissen Besitz; im zweiten versichere ich den andern einfach, 97 × 78 sei 432. Heißt denn “97 × 78 ist ganz bestimmt 432” nicht, ich wisse, es sei so? Man kann auch sagen: Der erste Satz ist sicher kein arithmetischer, noch kann ihn ein solcher irgendwie ersetzen; statt des zweiten aber könnte man einen arithmetischen Satz verwenden.

299 Knowledge, in one sense, is having learned and not having forgotten. It is so connected with memory. – Now I can say: “I know how much 97 × 78 is” or “I know that 97 × 78 is 432.” In the first case, I would like to say, I am telling someone that I can do something, that I have a certain ability; in the second, I am simply assuring the other that 97 × 78 is 432. Does “97 × 78 is definitely 432” not mean I know that it is so? One can also say: The first sentence is certainly not an arithmetical one, nor can an arithmetical one replace it in any way; but one could use an arithmetical sentence instead of the second.

§RPP II

683[2]

300 Der Unterschied ist der: im Satze “ich weiß, wie es sich verhält” kann das “ich weiß” nicht wegbleiben. Den Satz “Ich weiß, daß es sich so verhält” kann man ersetzen durch “es verhält sich so”.

300 The difference is this: in the sentence “I know how it is,” the “I know” cannot be left out. The sentence “I know that it is so” can be replaced by “it is so.”

§RPP II

683[3]

301 “Es wird regnen.” – “Du glaubst, es wird regnen?” – “Ich weiß es wird regnen.” Sagt der dritte Satz mehr als der Erste? Er ist die Wiederholung des Ersten und eine Abwehr des zweiten.

301 “It will rain.” – “Do you think it will rain?” – “I know it will rain.” Does the third sentence say more than the first? It is the repetition of the first and a rejection of the second.

§RPP II

683[4]

302 Aber gibt es nicht ein Phänomen des Wissens, so zu sagen, ganz abgesehen vom Sinn der Worte “Ich weiß”? Ist es nicht merkwürdig, daß ein Mensch etwas wissen kann, die Tatsache gleichsam in sich selbst haben kann? Aber das ist eben ein falsches Bild. Denn, sagt man, wissen ist es nur, wenn es sich wirklich verhält, wie er sagt Aber das ist nicht genug. Es darf sich nicht nur zufällig so verhalten. Es muß nämlich wissen, daß er weiß; das Wissen ist ja sein eigener Seelenzustand; er kann darüber, außer durch eine besondere Verblendung nicht im Zweifel oder Unrecht sein. Wenn also das Wissen, daß es so ist, nur ein Wissen ist, wenn es wirklich so ist; und wenn das Wissen in ihm ist, so daß er darüber, daß es ein Wissen ist unfehlbar ist; dann ist er also auch darüber unfehlbar, daß es ist, wie es das Wissen weiß; und also muß die Tatsache, die er weiß, so wie das Wissen, in ihm sein. Also: wenn ich, ohne zu lügen, sage, “Ich weiß, daß es so ist”, so kann ich nur durch eine besondere Verblendung im Unrecht sein.

302 But isn’t there a phenomenon of knowledge, so to speak, quite apart from the sense of the words “I know”? Isn’t it strange that a person can know something, can, as it were, have the fact in himself? But that is simply a false picture. For, one says, knowing is only when it is really the case, as he says. But that is not enough. It must not only be the case by chance. It must also know that it knows; knowledge is, after all, his own state of mind; he cannot be in doubt or wrong about it, except through some special delusion. If, therefore, the knowledge that it is so is only knowledge when it is really so; and if the knowledge is in him, so that he cannot be mistaken about it being knowledge; then he is also infallible about it being the case as the knowledge knows; and therefore the fact that he knows must be in him as the knowledge. So: if, without lying, I say, “I know that it is so,” then I can only be wrong through some special delusion.

§RPP II

683[5]

303 Heißt ‘das Bild nicht so sehen’: es anders sehen?

303 Does ‘seeing the picture not so’ mean: seeing it differently?

§RPP II

684[1]

304 Denk dir diesen Fall: ein Vexierbild wird mir gezeigt; ich sehe darin Bäume, Leute, etc.. Ich untersuche es, und plötzlich sehe ich eine Gestalt in den Kronen der Bäume. Wenn ich es danach ansehe, sehe ich jene Striche nicht mehr als Zweige, sondern zur Gestalt gehörig. Nun stelle ich das Bild in meinem Zimmer auf und sehe es tagtäglich, und da vergesse ich zumeist die zweite Interpretation und es ist nun einfach ein Wald. Ich sehe es also, wie jedes andere Bild eines Waldes. (Du siehst die Schwierigkeit.) – Ich sage nun von jenem Bild einmal: ich habe es schon lange nicht mehr als Vexierbild gesehen, beinahe vergessen, daß es eins ist.” Da kann man natürlich fragen “Wie hast du's denn gesehen?” und ich werde sagen “Nun, als Bäume …” und das ist auch ganz richtig; aber hab ich also nicht das Bild gesehen und gewußt, was es darstellt, sondern es auch immer gemäß einer bestimmten Deutung wahrgenommen? Lieber möchte ich sagen: für mich waren's jetzt einfach immer Bäume, ich habe nie in anderm Sinne an das Bild gedacht.

304 Imagine this case: a puzzle picture is shown to me; I see trees, people, etc. in it. I examine it, and suddenly I see a shape in the crowns of the trees. When I look at it afterward, I no longer see those lines as branches, but as belonging to the shape. Now I put the picture in my room and look at it every day, and then I mostly forget the second interpretation, and it is now simply a forest. So I see it, just like any other picture of a forest. (You see the difficulty.) – Now I say of that picture once: I haven't seen it as a puzzle picture for a long time, I've almost forgotten that it is one.” One can, of course, ask “How did you see it?” and I will say “Well, as trees…” and that is also quite correct; but did I not see the picture and know what it depicts, but also always perceive it according to a certain interpretation? I would rather say: for me, it was simply always trees, I never thought about the picture in any other sense.

§RPP II

684[2]

305 Wer etwas bereut, der denkt doch daran. Ist also die Reue eine Art von Gedanken? Oder eine Färbung von Gedanken? Es gibt reuevolle Gedanken, wie es z.B. furchtvolle gibt. Wenn ich aber sage “Ich bereue es”, sage ich, “Ich habe reuevolle Gedanken”? Nein, denn das könnte auch sagen, wer es gerade jetzt nicht bereut. Aber könnte ich nicht statt “Ich bereue es”, sagen: “Ich denke mit Reue daran”?

305 Whoever regrets something, they think about it. Is regret then a kind of thought? Or a coloring of thoughts? There are regretful thoughts, just as there are, for example, fearful ones. But if I say “I regret it,” do I say, “I have regretful thoughts”? No, because someone who is not regretting it right now could also say that. But could I not say instead of “I regret it”: “I think about it with regret”?

§RPP II

684[3] &
685[1]

306 Was interessiert mich an der Reue des Andern? Seine Einstellung zu der Handlung. Die Zeichen der Reue sind die Zeichen des Widerwillens, der Trauer. Der Ausdruck der Reue bezieht sich auf die Handlung. Man nennt die Reue einen Schmerz der Seele, weil die Zeichen des Schmerzes denen der Reue ähnlich sind. Wollte man aber ein Analogon zum Ort des Schmerzens finden, so wäre es natürlich nicht die Seele (wie ja der Ort des Körperschmerzes nicht der Körper ist), sondern der Gegenstand der Reue.

306 What interests me about the other's regret? His attitude toward the action. The signs of regret are the signs of reluctance, of sorrow. The expression of regret refers to the action. Regret is called a pain of the mind because the signs of pain are similar to those of regret. But if one wanted to find an analogy to the location of the pain, it would not, of course, be the mind (just as the location of bodily pain is not the body), but the object of the regret.

§RPP II

685[2]

307 Warum kann der Hund Furcht, aber nicht Reue empfinden? Wäre es richtig zu sagen “Weil er nicht sprechen kann”?

307 Why can a dog experience fear, but not regret? Would it be correct to say “Because it cannot speak”?

§RPP II

685[3]

308 Nur wer über die Vergangenheit nachdenken kann, kann bereuen. Das heißt aber nicht, daß nur so einer erfahrungsgemäß des Gefühls der Reue fähig ist.

308 Only someone who can think about the past can regret. This does not mean, however, that only such a person is capable of the feeling of regret based on experience.

§RPP II

685[4]

309 Es ist ja auch nichts so Erstaunliches, daß ein Begriff nur auf ein Wesen anwendbar sein sollte, das z.B. eine Sprache besitzt.

309 It is also not so surprising that a concept should only be applicable to a being that, for example, has language.

§RPP II

685[5]

310 Die Behandlung aller dieser Erscheinungen des Seelenlebens ist mir nicht darum wichtig, weil's mir auf Vollständigkeit ankommt. Sondern, weil jede für mich auf die richtige Behandlung aller ein Licht wirft.

310 The treatment of all these phenomena of mental life is not important to me because I am concerned with completeness. But because each of them sheds light on the correct treatment of all of them.

§RPP II

685[6] &
686[1]

311 Wenn er zuerst die Farbnamen lernt, – was wird ihm beigebracht? Nun, er lernt z.B. beim Anblick von etwas Rotem “Rot” ausrufen. – Ist das eine richtige Beschreibung, oder hätte es heißen sollen: “Er lernt ‘rot’ nennen, was auch wir ‘rot’ nennen”? Beide Beschreibungen sind richtig. Wie unterscheidet sich davon das Sprachspiel “Wie kommt es dir vor?”? Man könnte Einem doch die Farbwörter beibringen, indem man ihn auf weiße Gegenstände durch farbige Brillen schauen läßt. Was ich ihn aber lehre, muß ein Können sein. Er kann also jetzt auf Befehle etwas Rotes bringen; oder Gegenstände nach ihren Farben ordnen. Aber was ist denn etwas Rotes? “Nun das (zeigend)”. Oder hätte er sagen sollen: “Das; weil es die Meisten von uns ‘rot’ nennen”? Oder einfach: “ Das nennen die Meisten von uns ‘rot’”? Dieses Auskunftsmittel nützt uns nichts. Die Schwierigkeit, die wir für “rot” hier empfinden, tritt dann bei “gleich” wieder auf

311 If he first learns the color names, what is he taught? Well, he learns, for example, to say “red” when he sees something red. Is this a correct description, or should it have said: “He learns to call ‘red’ what we also call ‘red’”? Both descriptions are correct. How does this differ from the language-game “How does it strike you?”? One could teach him the color words by having him look at white objects through colored glasses. What I teach him, however, must be a skill. He can now bring something red on command; or arrange objects according to their colors. But what is something red? “Now that (pointing)”. Or should he have said: “That; because most of us call it ‘red’”? Or simply: “Most of us call that ‘red’”? This means of providing information is of no use to us. The difficulty that we feel here with “red” then arises again with “equal.”

§RPP II

686[2]

312 Ich beschreibe eben das Sprachspiel “Bring etwas Rotes” dem, der es schon selbst spielen kann. Den Andern könnt' ich's nur lehren. (Relativität.)

312 I am simply describing the language-game “Bring something red” to someone who can already play it himself. I could only teach it to the others. (Relativity.)

§RPP II

686[3]

313 Es ist hier ein tiefer und wichtiger Punkt, den ich gerne ganz klar auszudrücken verstünde. Man täuscht sich irgendwie über den Zweck der Beschreibung. Oder will das Begründen fortsetzen, weil man seine Funktion mißversteht.

313 This is a profound and important point that I would like to express quite clearly. One is somehow mistaken about the purpose of the description. Or one wants to continue with the justification because one misunderstands its function.

§RPP II

686[4]

314 Warum lehrt man das Kind nicht zuerst gleich das Sprachspiel “Es scheint mir rot”? Weil es noch nicht im Stande ist den feineren Unterschied zwischen Schein und Sein zu verstehen?

314 Why doesn't one teach the child the language-game “It seems red to me” right away? Because it is not yet capable of understanding the finer difference between appearance and reality?

§RPP II

686[5]

315 Die rote Gesichtsempfindung ist ein neuer Begriff.

315 The red sensation of the face is a new concept.

§RPP II

686[6]

316 Das Sprachspiel, was wir ihm dann beibringen, ist: “Mir scheint es …, dir scheint es …” Im ersten Sprachspiel kommt eine Person als wahrnehmendes Subjekt nicht vor.

316 The language-game that we then teach it is: “It seems to me that…,” “It seems to you that…” In the first language-game, a person does not appear as a perceiving subject.

§RPP II

686[7] &
687[1]

317 Du gibst dem Sprachspiel ein neues Gelenk. Was aber nicht heißt, daß nun davon immer Gebrauch gemacht wird. Das Sprachspiel “Was ist das?” – “Ein Sessel.” – ist nicht das Gleiche wie: “Wofür hältst du das?” – “Es dürfte ein Sessel sein.”

317 You are giving the language-game a new joint. But that does not mean that it will always be used in this way. The language-game “What is that?” – “A chair.” – is not the same as: “What do you think it is?” – “It is probably a chair.”

§RPP II

687[2]

318 Wir lehren das Kind im Anfang nicht “Das ist wahrscheinlich ein Sessel,” sondern “Das ist ein Sessel”. Bilde dir ja nicht ein, man lasse das Wort “wahrscheinlich” aus, weil das Verstehen desselben, dem Kind noch zu schwierig ist; man vereinfache die Dinge für das Kind; lehre es also etwas, was nicht streng richtig ist.

318 We do not teach the child at the beginning “That is probably a chair,” but “That is a chair.” Do not imagine that the word “probably” is left out because understanding it is still too difficult for the child; one simplifies things for the child; thus, one teaches it something that is not strictly correct.

§RPP II

687[3]

319 Man spricht von einem Gefühl der Überzeugung, weil es einen Ton der Überzeugung gibt. Ja, das Charakteristikum aller ‘Gefühle’ ist, daß es einen Ausdruck, d.i. eine Miene, Gebärde des Gefühls gibt.

319 One speaks of a feeling of conviction because there is a tone of conviction. Yes, the characteristic of all ‘feelings’ is that there is an expression, i.e., a facial expression, a gesture of the feeling.

§RPP II

687[4] &
688[1]

320 James sagt, man könne sich eine Gemütsbewegung, oder Stimmung nicht ohne die entsprechenden (sie zusammensetzenden) Körperempfindungen denken. Denke man sich diese hinweg, so empfinde man, daß man dadurch die Existenz der Gemütsbewegung selbst aufhebe. Das geschieht etwa so: Ich stelle mir mich selbst trauernd vor und nun versuche ich, mich zugleich jubelnd in der Vorstellung zu sehen und zu empfinden. Dazu hole ich etwa tief Atem und ahme ein strahlendes Gesicht nach. Und nun kann ich mir allerdings die Trauer nicht gut vorstellen; denn, sie mir vorstellen, hieß, sie spielen. Aber daraus folgt nun nicht, daß was wir dabei im Körper fühlen, die Trauer oder etwas ähnliches wie die Trauer ist. – Der Trauernde kann ja allerdings nicht überzeugend lachen und jubeln, und könnte er's, so wäre, was wir den Ausdruck der Trauer nennen, nicht Ausdruck der Trauer, und das Jubeln nicht Ausdruck einer andern Gemütsbewegung. – Wenn der Tod des Freundes und die Genesung des Freundes uns gleichermaßen jubeln oder – dem Benehmen nach – trauern ließen, so wären diese Formen des Benehmens nicht, was wir den Druck der Freude oder der Trauer nennen. Ist es a priori klar, daß, wer die Freude nachahmt, Freude fühlen wird? Kann es nicht sein, daß der bloße Versuch, in der Trauer zu lachen, diese noch ungeheuer verschärft?

320 James says that one cannot think of a mood or state of mind without the corresponding (constituent) bodily sensations. If one imagines these away, one would feel that one thereby abolishes the existence of the mood itself. This happens something like this: I imagine myself as grieving, and now I try to see and feel myself rejoicing in the imagination. I take a deep breath and imitate a radiant face. And now I can certainly not imagine the grief very well; for to imagine it would mean to play it. But it does not follow from this that what we feel in the body is the grief or something similar to the grief. – The grieving person can, of course, not convincingly laugh and rejoice, and if he could, what we call the expression of grief would not be an expression of grief, and the rejoicing would not be an expression of another mood. – If the death of a friend and the recovery of a friend made us rejoice equally or – in terms of behaviour – grieve, then these forms of behaviour would not be what we call the expression of joy or grief. Is it a priori clear that whoever imitates joy will feel joy? Could it not be that the mere attempt to laugh in grief only intensifies it?

§RPP II

688[2]

321 Dabei darf ich aber doch nicht vergessen, daß Freude mit körperlichem Wohlbefinden zusammengeht und Trauer oder doch Depression, oft mit körperlichem Unbehagen. – Wenn ich spazieren gehe und mich über alles freue, so ist es wohl wahr, daß dies nicht geschähe, wenn ich unwohl wäre. Wenn ich aber nun meiner Freude Ausdruck gebe, z.B. sage “Wie herrlich Alles ist!” – wollte ich sagen, daß all diese Dinge in mir angenehme körperliche Gefühle hervorrufen? Ja selbst wenn ich meine Freude so ausdrückte “Die Bäume und der Himmel und die Vögel geben mir ein herrliches Gefühl im ganzen Körper” – so wäre hier nicht von Verursachung die Rede, nicht von dem erfahrungsmäßigen Zusammentreffen etc. etc.

321 But I must not forget that joy is associated with physical well-being and grief or, rather, depression, often with physical discomfort. – If I go for a walk and rejoice in everything, it is probably true that this would not happen if I were unwell. But if I now express my joy, e.g., by saying “How wonderful everything is!” – do I want to say that all these things evoke pleasant physical feelings in me? Yes, even if I were to express my joy in this way: “The trees and the sky and the birds give me a wonderful feeling in my whole body” – here, we are not talking about causation, not about the empirical concurrence, etc.

§RPP II

688[3] &
689[1]

322 Man sagt doch. “Jetzt, wo er wieder gesund ist, atme ich freier”, holt auch einen tiefen Atemzug der Erleichterung. Es wäre ja möglich, daß man traurig ist, weil man weint, aber natürlich nicht darüber, daß man weint. Es wäre doch möglich. daß Menschen, die man etwa mit Hilfe von Zwiebeln weinend macht, traurig würden; daß sie entweder im Allgemeinen deprimiert würden, oder anfingen, an bestimmte Geschehnisse zu denken und über sie zu trauern. Aber die Empfindungen des Weinens wären doch damit nicht ein Teil des ‘Gefühls’ der Trauer geworden.

322 One says, “Now that he is well again, I can breathe more freely,” and also takes a deep breath of relief. It would be possible that one is sad because one is crying, but of course not because one is crying. It would be possible that people who are made to cry, for example, with the help of onions, would become sad; that they would either be generally depressed, or begin to think about certain events and grieve over them. But would the sensations of crying thereby become part of the ‘feeling’ of sadness?

§RPP II

689[2]

323 Wer sich unter den und den Umständen so und so benimmt, von dem sagen wir, er sei traurig. (Auch vom Hunde) Insofern kann man nicht sagen, das Benehmen sei die Ursache der Trauer; sie ist ihr Anzeichen. Sie die Wirkung der Trauer zu nennen, wäre auch nicht einwandfrei. – Sagt er's von sich (er sei traurig) so wird er im Allgemeinen dafür als Grund nicht sein trauriges Gesicht u.s.w. angeben. Wie aber wäre es, wenn er sagte: “Erfahrung hat mich gelehrt, daß ich traurig werde, sobald ich anfange, traurig dazusitzen, etc.”? Das könnte zweierlei heißen. Erstens: “Sobald ich, etwa einer leichten Neigung folgend, es mir gestatte, mich so und so zu halten und zu benehmen, gerate ich in den Zustand, in diesem Benehmen verharren zu müssen.” Es könnte ja sein, daß Zahnschmerzen durch Stöhnen ärger würden. Zweitens aber, könnte jener Satz eine Spekulation enthalten über die Ursache der menschlichen Trauer. Etwa des Inhalts, daß, was im Stande wäre auf irgend eine Weise gewisse Körperzustände hervorzurufen, den Menschen traurig machen würde. Hier ist aber die Schwierigkeit, daß wir einen Menschen, der unter allen Umständen traurig aussähe und sich benehme, nicht traurig nennen würden. Ja, wenn wir einem solchen den Ausdruck “Ich bin traurig” beibrächten und er sagte das die ganze Zeit mit dem Ausdruck der Trauer, so hätten diese Worte so wie die übrigen Zeichen ihren normalen Sinn verloren.

323 Whoever, under these and those circumstances, behaves in this way, we say of him that he is sad. (Also of dogs.) In that sense, one cannot say that the behaviour is the cause of the sadness; it is its sign. To call it the effect of the sadness would also not be entirely correct. – If he says it of himself (that he is sad), then he will, in general, not give his sad face, etc., as the reason for it. But what if he said: “Experience has taught me that I become sad as soon as I begin to sit around sadly, etc.”? That could mean two things. First: “As soon as I, following a slight inclination, allow myself to behave in this way, I get into the state of having to remain in this behaviour.” It could be that toothache is made worse by groaning. But secondly, that sentence could contain a speculation about the cause of human sadness. Something along the lines that whatever is capable of bringing about certain bodily states in some way would make a person sad. Here, however, the difficulty is that we would not call a person who, under all circumstances, looked and behaved sad, sad. Yes, if we taught such a person the expression “I am sad” and he said it the whole time with an expression of sadness, then these words, as well as the other signs, would have lost their normal sense.

§RPP II

689[3]

324 Fast möchte ich sagen: Man fühlt die Trauer so wenig im Körper, wie das Sehen im Auge.

324 I would almost say: One feels sadness as little in the body as seeing is felt in the eye.

§RPP II

690[1]

325 Einen im Anfang lehren “Das scheint rot” hat ja gar keinen Sinn. Das muß er ja spontan sagen, wenn er einmal gelernt hat, was “rot” heißt, d.i. die Technik der Wortverwendung.

325 Teaching a child at the beginning “This seems red” makes no sense. He must say it spontaneously, once he has learned what “red” means, i.e., the technique of using the word.

§RPP II

690[2]

326 Die Grundlage jeder Erklärung ist die Abrichtung. (Das sollten Erzieher bedenken.)

326 The basis of every explanation is training. (Educators should keep this in mind.)

§RPP II

690[3]

327 “Nur für den ganzen Menschen gelten also diese Begriffe?” – Nein; denn Manche haben ihre Anwendung auch auf Tiere.

327 “Do these concepts only apply to the whole person?” – No, because some of them also apply to animals.

§RPP II

690[4]

328 “Wer im Allgemeinen so handelt und dann manchmal so handelt, von dem sagen wir …” Das ist eine legitime der Worterklärung.

328 “If someone generally behaves this way and sometimes behaves that way, then we say…” That is a legitimate explanation of a word.

§RPP II

690[5]

329 Wir neigen dazu, uns die Sache so zu denken, als wäre die Gesichtsempfindung ein neuer Gegenstand, den das Kind kennenlernt, nach dem es die ersten primitiven Sprachspiele mit Gesichtswahrnehmungen gelernt hat. “Es scheint mir rot.” – “Und wie ist rot?” – “So” Dabei muß auf das richtige Paradigma gezeigt werden.

329 We tend to think of the matter as if the facial impression were a new object that the child learns about, after it has learned the first primitive language games with facial perceptions. “It seems red to me.” – “And what is red?” – “Like this.” Here, the correct paradigm must be shown.

§RPP II

690[6]

330 Wenn ich in einem bestimmten Zimmer eine bestimmte Tätigkeit auszuführen gelernt habe (das Aufräumen des Zimmers etwa) und diese Technik beherrsche, so folgt doch nicht, daß ich bereit sein müsse, die Einrichtung des Zimmers zu beschreiben; auch wenn ich jede Veränderung in ihr gleich merken würde und auch sofort beschreiben könnte.

330 If I have learned to perform a certain activity in a certain room (e.g., tidying up the room) and I master this technique, it does not follow that I must be prepared to describe the layout of the room; even if I immediately notice and could immediately describe every change in it.

§RPP II

690[7]

331 “Dieses Gesetz wurde nicht in Voraussicht solcher Fälle gegeben. Ist es darum sinnlos?

331 “This law was not given in anticipation of such cases. Is it therefore senseless?”

§RPP II

690[8] &
691[1]

332 Man könnte sich doch einen Furchtbegriff, z.B., denken, der nur auf Tiere, also rein das Benehmen betreffend Anwendung fände. – Du willst doch nicht sagen, daß so ein Begriff keinen Nutzen hätte.

332 One could imagine a concept of fear, for example, that only applies to animals, and thus relates purely to behaviour. – You don’t want to say that such a concept would have no use.

§RPP II

691[2]

333 Kann man sagen, es existiere zwischen der Gemütsbewegung und ihrem Ausdruck eine Ähnlichkeit, insofern z.B. beide aufgeregt seien? Ähnliches hat, glaube ich, Köhler gesagt.) Und wie weiß man, daß die Gemütsbewegung selbst aufgeregt sei? Der sie hat, merkt es und sagt's. – Und wenn nun Einer einmal das Gegenteil sagte? – “Aber nun sei offen und sag, ob du nicht wirklich die innere Aufregung erkennst!” – Wie habe ich nur die Bedeutung des Worts “Aufregung”, gelernt?

333 Can one say that there exists a similarity between an emotional state and its expression, insofar as, for example, both are agitated? (I believe Köhler said something similar.) And how does one know that the emotional state itself is agitated? The one experiencing it notices it and says so. – And what if someone were to say the opposite? – “But now be open and say whether you don’t really recognize the inner agitation!” – How did I learn the meaning of the word “agitation”?

§RPP II

691[3]

334 Die falsche Auffassung, daß dieses Wort sowohl etwas Inneres, als auch etwas Äußeres bedeutet. Und leugnet man dies, so wird es dahin mißverstanden, man leugne die innere Aufregung. (Zeitliche und zeitlose Sätze.)

334 The mistaken view that this word means both something inner and also something outer. And if one denies this, it is misunderstood in such a way that one denies the inner agitation. (Temporal and atemporal sentences.)

§RPP II

691[4]

335 Denke, ein Kind wäre ganz besonders gescheit, so gescheit, daß man ihm gleich die Zweifelhaftigkeit der Existenz aller Dinge beibringen kann. Es lernt also vom Anfang: “Das ist wahrscheinlich ein Sessel?”? Und wie lernt es nun die Frage: “Ist das auch wirklich ein Sessel?”?

335 Suppose a child were exceptionally clever, so clever that one could immediately teach it about the uncertainty of the existence of all things. Does it learn from the beginning: “This is probably a chair?” And how does it learn the question: “Is this really a chair?”?

§RPP II

691[5]

336 Betreibe ich Kinderpsychologie? – Ich bringe den Begriff des Lehrens mit dem Begriff der Bedeutung in Verbindung.

336 Am I engaging in child psychology? – I am connecting the concept of teaching with the concept of meaning.

§RPP II

691[6] &
692[1]

337 Einer sei ein überzeugter Realist, der Andere ein überzeugter Idealist und lehrt seine Kinder dementsprechend. In einer so wichtigen Sache wie der Existenz, oder Nichtexistenz der äußern Welt wollen sie ihren Kindern nichts Falsches beibringen. Was wird man sie nun lehren? Auch dies, zu sagen “Es gibt physikalische Gegenstände”, beziehungsweise das Gegenteil? Wenn Einer an Feen nicht glaubt, so braucht er seine Kinder nicht lehren “Es gibt keine Feen”, sondern er kann es unterlassen, ihnen das Wort Fee zu lehren. Bei welcher Gelegenheit sollen sie sagen “Es gibt …” oder “Es gibt nicht …”? Nur wenn sie Leute treffen, die entgegengesetzten Glaubens sind.

337 Suppose one is a convinced realist, the other a convinced idealist, and they teach their children accordingly. In something as important as the existence, or non-existence, of the external world, they don’t want to teach their children anything false. What will they teach them? Will they also say “There are physical objects,” or the opposite? If someone doesn’t believe in fairies, they don’t need to teach their children “There are no fairies,” but they can simply refrain from teaching them the word “fairy.” On what occasion should they say “There is…” or “There is not…”? Only when they meet people with opposing beliefs.

§RPP II

692[2]

338 Aber der Idealist wird den Kindern doch das Wort “Sessel” beibringen, denn er will sie ja lehren, gewisses zu tun, z.B. einen Sessel zu holen. Wo wird sich also, was die idealistisch erzogenen Kinder sagen, von dem, was die realistischen sagen, unterscheiden? Wird der Unterschied nicht nur der der Schlachtrufe sein?

338 But the idealist will teach the children the word “chair,” because he wants to teach them to do certain things, such as fetch a chair. So in what will what the idealistically raised children say differ from what the realistically raised children say? Won’t the difference only be that of battle cries?

§RPP II

692[3]

339 Fängt denn nicht das Spiel “Das ist wahrscheinlich ein … mit der Enttäuschung an? Und kann die erste Einstellung die auf die mögliche Enttäuschung sein?

339 Doesn’t the game “This is probably a…” begin with disappointment? And can the initial attitude be one of possible disappointment?

§RPP II

692[4]

340 “So muß man ihm also zuerst eine falsche Sicherheit beibringen?” Es ist bei ihrem Sprachspiel von Sicherheit oder von Unsicherheit noch nicht die Rede. Erinnere dich: sie lernen ja etwas tun.

340 “So must one first teach them a false certainty?” In their language-game, it is not yet a question of certainty or uncertainty. Remember: they are learning to do something.

§RPP II

692[5] &
693[1]

341 Wie äußert sich denn also der Zweite? ich meine: im Sprachspiel, nicht einfach in gewissen Redensarten. Etwa im näher Hinsehen, also in einer ziemlich komplizierten Tätigkeit. Aber diese Äußerung des Zweifels hat gar nicht immer Sinn, Zweck. Man vergißt eben, daß auch das Zweifeln zu einem Sprachspiel gehört.

341 How does the second one express himself? I mean: in the language-game, not just in certain phrases. For example, by looking more closely, i.e., in a rather complicated activity. But this expression of doubt does not always have meaning, purpose. One forgets that doubting is also part of a language-game.

§RPP II

693[2]

342

b Man kann erst zweifeln, wenn man Gewisses gelernt hat; wie man sich erst verrechnen kann, wenn man rechnen gelernt hat. Dann ist es allerdings unwillkürlich. Wie kommt es, daß der Zweifel nicht der Willkür untersteht? a – Und wenn es so ist, – könnte nicht ein Kind durch seine merkwürdige Veranlagung an Allem zweifeln?

342

b One can only doubt if one has learned something; just as one can only make a mistake if one has learned to calculate. Then, however, it is involuntary. How is it that doubt is not subject to arbitrariness? a – And if that is so, couldn’t a child, through its peculiar disposition, doubt everything?

§RPP II

693[3]

343 Wenn ich daran zweifle, daß dies ein Sessel ist, – was tue ich? – Ich besehe und befühle ihn von allen Seiten und dergleichen. Ist aber diese Handlungsweise immer der Ausdruck des Zweifels? Nein. Wenn ein Affe oder ein Kind dies täte, wäre es keiner. Zweifeln kann der, der schon einen ‘Grund zum Zweifeln’ kennt.

343 If I doubt that this is a chair, what do I do? – I examine and feel it from all sides, and so on. But is this way of acting always an expression of doubt? No. If a monkey or a child did this, it would not be. Doubting is something that the one who already knows a ‘reason for doubting’ can do.

§RPP II

693[4]

344 Ich kann mir wohl vorstellen, daß ein bestimmtes primitives Benehmen sich später zum Zweifel auswächst. Es gibt z.B. ein primitives Untersuchen. (Ein Affe, der z.B. eine Zigarette zerpflückt. Einen intelligenten Hund sehen wir dergleichen nicht tun.) Das bloße Hin- und Herwenden und Beschauen eines Gegenstandes ist eine primitive Wurzel des Zweifels. Aber Zweifel ist erst da, wenn die typischen Antezedentien und Konsequenzen des Zweifels da sind.

344 I can probably imagine that a certain primitive behaviour later develops into doubt. There is, for example, a primitive form of investigation. (A monkey, for example, tearing a cigarette to pieces. We do not see an intelligent dog doing something like that.) The mere turning and looking at an object is a primitive root of doubt. But doubt only exists when the typical antecedents and consequences of doubt are present.

§RPP II

693[5] &
694[1]

345 “Es schmeckt wie Zucker.” Man erinnert sich genau und mit Sicherheit wie Zucker schmeckt. Ich sage nicht “Ich glaube, so schmeckt Zucker.” Welch merkwürdiges Phänomen, Eben das Phänomen des Gedächtnisses. – Aber ist es richtig, es ein merkwürdiges Phänomen zu nennen? Es ist ja nichts weniger als merkwürdig. Jene Sicherheit ist ja nicht um Haar merkwürdiger, als es die Unsicherheit wäre. Was ist denn merkwürdig? Das, daß ich mit Sicherheit sage “Das schmeckt wie Zucker”, oder, daß es dann wirklich Zucker ist? Oder, daß Andere das selbe finden? Wenn das sichere Erkennen des Zuckers merkwürdig ist, so wäre es also das Nichterkennen weniger.

345 “It tastes like sugar.” One remembers exactly and with certainty how sugar tastes. I don't say “I think it tastes like sugar.” What a remarkable phenomenon, precisely the phenomenon of memory. – But is it correct to call it a remarkable phenomenon? It is, in fact, nothing less than remarkable. That certainty is not a bit more remarkable than the uncertainty would be. What is remarkable about it? That I say with certainty “It tastes like sugar,” or that it actually is sugar? Or that others find the same thing? If the certain recognition of sugar is remarkable, then the failure to recognize it would be even less so.

§RPP II

694[2]

346 Wenn Leute (plötzlich) aufhörten, in ihren Urteilen über Geschmäcke übereinzustimmen, – würde ich noch sagen: Jeder wisse jedenfalls, was er schmecke? – Würde es dann nicht klar, daß das Unsinn sei?

346 If people (suddenly) stopped agreeing in their judgments about tastes, – would I still say: everyone knows, after all, what they taste? – Wouldn't it then become clear that that is nonsense?

§RPP II

694[3]

347 Verwirrung der Geschmäcke: Ich sage “Das ist süß”, der Andere “das ist sauer”, u.s.f. Einer kommt daher und sagt: “Ihr habt alle keine Ahnung, wovon ihr sprecht. Ihr wißt gar nicht mehr, was ihr einmal einen Geschmack genannt habt.” Was wäre das Zeichen dafür, daß wir's noch wissen?

347 Confusion of tastes: I say “This is sweet,” the other says “this is sour,” and so on. Someone comes along and says: “You all have no idea what you're talking about. You no longer know what you once called a taste.” What would be the sign that we still know?

§RPP II

694[4]

348 Aber könnten wir nicht auch in dieser ‘Verwirrung’ ein Sprachspiel spielen? – Aber ist es noch das Frühere? –

348 But couldn't we also play a language-game in this ‘confusion’? – But is it still the same one as before? –

§RPP II

694[5]

349 Aber hier ist doch ein Paradox! Soll denn die Verläßlichkeit meiner Geschmacksäußerung von den Veränderungen in der Außenwelt abhängen? – Es kommt doch hier auf den Sinn des Urteils, nicht auf die Nützlichkeit an. – – – Wir sehen hier die Verwandtschaft mit dem ursprünglichen Sprachspiel der Wahrnehmung.

349 But here is a paradox! Should the reliability of my taste statement depend on changes in the external world? – Here, it is about the sense of the judgment, not about its usefulness. – – – Here we see the kinship with the original language-game of perception.

§RPP II

694[6] &
695[1]

350 “Es schmeckt genau wie Zucker”. Wie kommt es, daß ich dessen so sicher sein kann? Aber auch, wenn es sich dann als falsch herausstellt. – Und was erstaunt mich daran? Daß ich den Begriff Zucker in eine so feste Verbindung mit der Geschmacksempfindung bringe. Daß ich die Substanz Zucker direkt im Geschmack zu erkennen scheine. Aber statt des Ausdrucks “Es schmeckt genau …” könnte ich ja primitiver den Ausruf “Zucker!” verwenden. Und kann man denn sagen, bei dem Wort ‘schwebe mir die Substanz Zucker vor’? wie tut sie das?

350 “It tastes exactly like sugar.” How does it come about that I can be so sure of that? But even if it turns out to be false. – And what surprises me about that? That I bring the concept of sugar into such a firm connection with the sensation of taste. That I seem to be able to recognize the substance sugar directly in the taste. But instead of the expression “It tastes exactly…”, I could primitively use the exclamation “Sugar!” And can one say that, in the word, the substance sugar is before my mind? How does it do that?

§RPP II

695[2]

351 Kann ich sagen, dieser Geschmack brächte gebieterisch den Namen “Zucker” mit sich; oder aber das Bild eines Stücks Zucker? Keines von beiden scheint richtig. Ja, gebieterisch ist das Verlangen nach dem Begriff ‘Zucker’ allerdings und zwar ebenso, wie nach dem Begriff ‘rot’, wenn wir ihn zur Beschreibung des Gesehenen verwenden.

351 Can I say that this taste imperatively brings the name “sugar” with it; or rather, the image of a piece of sugar? Neither of those seems right. Yes, the desire for the concept ‘sugar’ is certainly imperative, just as is the desire for the concept ‘red’ when we use it to describe what we see.

§RPP II

695[3]

352 Ich erinnere mich, daß Zucker so geschmeckt hat. Es kommt mir das Erlebnis zurück ins Bewußtsein. Aber natürlich: wie weiß ich, daß es das frühere Erlebnis ist? Das Gedächtnis hilft mir da nicht mehr. Nein, diese Worte, das Erlebnis ist? Das Gedächtnis hilft mir da nicht mehr. Nein, diese Worte, das Erlebnis komme zurück …, sind nur eine Umschreibung, keine Erklärung des Erinnerns. Aber wenn ich sage “Es schmeckt genau wie Zucker”, so findet in einem wichtigen Sinne gar kein Erinnern statt. Ich begründe also mein Urteil, oder meinen Ausruf, nicht. Wer mich fragt, “Was meinst du mit ‘Zucker’?” – dem werde ich allerdings ein Stück Zucker zu zeigen trachten. Und wer fragt “Wie weißt du, daß Zucker so schmeckt”, werde ich allerdings antworten “Ich habe tausende Male Zucker gegessen” – aber das ist nicht eine Rechtfertigung, die ich mir selbst gebe.

352 I remember that sugar tasted like that. The experience comes back into my consciousness. But of course: how do I know that it is the earlier experience? Memory no longer helps me with that. No, these words, is the experience? Memory no longer helps me with that. No, these words, the experience comes back…, are only a paraphrase, not an explanation of remembering. But if I say “It tastes exactly like sugar,” then in an important sense, no remembering takes place at all. I therefore do not justify my judgment, or my exclamation. If someone asks me, “What do you mean by ‘sugar’?” – I will, of course, try to show them a piece of sugar. And if someone asks “How do you know that sugar tastes like that,” I will, of course, answer “I have eaten sugar thousands of times” – but that is not a justification that I give to myself.

§RPP II

695[4] &
696[1]

353 “Selbstbeobachtung lehrt mich: ich glaube das, – aber Beobachtung der Außenwelt, daß es nicht so ist.”

353 “Self-observation teaches me: I believe that, – but observation of the external world, that it is not so.”

§RPP II

696[2]

354 Nehmen wir nun an, ich habe das F eines Menschen gesehen, welches er so schreibt: 🖵, und habe es immer für ein SpiegelF gehalten; d.h. ich habe einen gewissen Zusammenhang zwischen seinen Buchstaben und dem regelrecht geschriebenen angenommen. Nun machst du mich aufmerksam, daß dieser Zusammenhang nicht besteht, sondern ein anderer, (der der verschobenen Striche). Die verstehe ich, und sage nun: “Dann sieht es freilich auch anders aus.” Gefragt “Wie anders”? sage ich etwa: “Früher sah es ungeschickt aus, jetzt aber kühn und energisch.”

354 Let us suppose I have seen a person’s handwriting, which he writes as: 🖵, & have always taken it to be mirror handwriting; i.e., I have assumed a certain connection between his letters & the correctly written ones. Now you draw my attention to the fact that this connection does not exist, but rather a different one, (that of the displaced strokes). I understand this, & now say: “Then, of course, it also looks different.” When asked “How different?” I might say: “Before, it looked clumsy, but now it looks bold & energetic.”

§RPP II

696[3]

355 Sag dir, es hätte Einer Gesichter immer nur mit einem Ausdruck, sagen wir lächelnd, gesehen. Und nun sieht er zum ersten Mal ein Gesicht seinen Ausdruck verändern. Könnte man da nicht sagen, jetzt erst bemerke er einen Ausdruck des Gesichts? Erst der Wechsel machte den Ausdruck bedeutsam; früher gehörte er eben zur Anatomie des Gesichts. – Ist es so auch mit dem Aspekt des Buchstaben? Ausdruck, könnte man sagen, gibt es nur im Mienen spiel.

355 Tell yourself that someone always saw faces with only one expression, let’s say smiling. And now, for the first time, he sees a face change its expression. Couldn’t one say that only now does he notice an expression of the face? Only the change made the expression significant; previously, it was simply part of the face’s anatomy. – Is it the same with the aspect of a letter? One could say that expression only exists in the game of facial expressions.

§RPP II

696[4]

356 Wie mir ein Buchstabe vorkommt, hängt also davon ab, ob er streng nach der Norm gebildet ist oder ob, und wie er von ihr abweicht. Dann ist auch das begreiflich, daß es einen Unterschied macht, ob wir nur eine oder zwei Erklärungen einer Buchstabenform kennen.

356 How a letter appears to me, therefore, depends on whether it is formed strictly according to the norm or whether, & how, it deviates from it. Then it is also understandable that it makes a difference whether we know only one or two explanations of a letterform.

§RPP II

696[5]

357 Wie konnte ich denn sehen, daß diese Stelle zaghaft war, ehe ich wußte, daß sie eine Stellung und nicht die Anatomie dieses Wesens war.

357 How could I see that this part was hesitant before I knew that it was a position and not the anatomy of this being?

§RPP II

697[1]

358 Die Frage ist nun: Wenn man eine Figur einer Interpretation gemäß sehen kann, sieht man sie immer einer Interpretation gemäß? Und ist da ein scharfer Unterschied zwischen dem sehen, das mit keiner Interpretation verbunden ist und jenem andern?

358 The question now is: if one can see a figure according to an interpretation, does one always see it according to an interpretation? And is there a sharp distinction between the seeing that is connected with no interpretation and that other kind of seeing?

§RPP II

697[2]

359 Ich will sagen: Das Sehen einer Figur in dieser Interpretation ist ein Denken an die Interpretation. Denn soll ich sagen, es sei möglich, dies als ein Spiegel- F zu sehen und dabei nicht an die besondere Beziehung zu denken, die das Wort Z Spiegel- F bedeutet? Ich sehe doch eine Deutung und eine Deutung ist ein Gedanke.

359 I want to say: Seeing a figure in this interpretation is thinking about the interpretation. For if I were to say that it is possible to see this as a mirror-F and not think about the particular relationship that the word “mirror-F” signifies, would that be right? I do see an interpretation, and an interpretation is a thought.

§RPP II

697[3]

360 Man könnte das Vexierbild vor und nach der Lösung beiläufig kopieren; und dann würde der Fehler beim Kopieren des ersten Aspekts verschieden sein von dem beim Kopieren des Zweiten. Ich könnte also sagen: “Vor der Lösung sah ich ungefähr das (und zeichne einen Wald) – – – nach der Lösung ungefähr das (und zeichne einen Menschen in den Baumkronen).

360 One could copy the ambiguous figure before & after the solution casually; & then the error when copying the first aspect would be different from the error when copying the second. So I could say: “Before the solution I saw approximately this (and draw a forest) – – – after the solution approximately this (and draw a person in the treetops).

§RPP II

697[4]

361 Du mußt bedenken, daß, was einer sieht, in der wichtigsten Klasse von Fällen in einer Meldung über das betrachtete Objekt zum Ausdruck kommt. Und zu dieser Meldung gehört natürlich auch die räumliche Anmeldung. – – – Wie ist es nun, wenn Einer zu melden hat, was er auf einer Fläche sieht und wenn die Zeichnung auf ihr den Charakter des Vexierbildes hat? Erstens, was das Räumliche anbelangt, so kann er, was er auf der Fläche sieht, auch räumlich beschreiben; ja, das ist vielleicht die einzige Art der Beschreibung, die er geben kann.

361 You must remember that, in the most important class of cases, what one sees is expressed in a communication about the object being observed. And this communication naturally also includes the spatial description. – – – How is it if one has to communicate what one sees on a surface, and if the drawing on it has the character of an ambiguous figure? First, as far as the spatial is concerned, he can also describe what he sees on the surface spatially; yes, that is perhaps the only kind of description he can give.

§RPP II

697[5] &
698[1]

362 Eine wichtige Meldung wird z.B. sein: “Es hat sich in dieser ganzen Zeit nichts verändert.” Sie beruht eben auf andauernder Beobachtung.

362 An important communication will be, for example: “Nothing has changed during all this time.” It is based on continuous observation.

§RPP II

698[2]

363 Wenn ich die Lösung des Vexierbildes entdecke, mache ich über das Bild selbst eine Entdeckung. Die Entdeckung z.B., daß durch diese Camouflage ein Schiff verborgen wurde. Ich will Einem etwa geheim mitteilen, wie ein gewisser Mensch ausschaut und verberge meine Mitteilung, nämlich sein Porträt, in einem Vexierbild.

363 When I discover the solution to the ambiguous figure, I make a discovery about the image itself. The discovery, for example, that a ship has been hidden by this camouflage. I want to secretly communicate to someone what a certain person looks like and hide my communication, namely his portrait, in an ambiguous figure.

§RPP II

698[3]

364 Wenn ich die Figur eine Gedankenhilfe nennte, so könnte ich sagen, ich sehe sie als diese Gedankenhilfe.

364 If I were to call the figure a tool for thought, then I could say that I see it as this tool for thought.

§RPP II

698[4]

365 Was für eine seltsame Frage ist es, ob ich nicht an den N.N. gedacht haben müsse – als ich sein Gesicht plötzlich in dem seines Sohnes sah! Ich wollte natürlich nicht fragen, ob ich nicht gleichzeitig mit jenem Vorstellen an ihn gedacht haben müßte, sondern ob das Vorstellen kein Denken war. Wie entscheidet man das aber? Ich sage z.B. “Ich habe gerade daran gedacht, ob er wohl auch in … angekommen ist”. Dieser Gedanke drückt sich in einem Satz aus. Jener andere etwa in einem Ausruf.

365 What a curious question it is, whether I didn’t have to think of N.N. – when I suddenly saw his face in that of his son! Of course, I didn’t want to ask whether I didn’t have to think of him at the same time as having that thought, but whether that thought wasn’t a process of thinking. But how does one decide that? I say, for example, “I was just thinking about whether he has probably arrived in…” This thought is expressed in a sentence. That other one, perhaps, in an exclamation.

§RPP II

698[5]

366 Kann ich jetzt in seinem Gesicht das seines Vaters sehen und doch dabei nicht an seinen Vater denken? In seinem Gesicht das seines Vaters sehen, war doch offenbar eine Art des Vorstellens dieses Gesichts. Und da muß man sich erinnern, daß man die Vorstellung eines Menschen nicht als die seine erkennt.

366 Can I now see his father’s face in his face, and yet not think of his father? To see his father’s face in his face was, after all, a kind of imagining that face. And one must remember that one does not recognize the image of a person as belonging to him.

§RPP II

698[6] &
699[1]

367 Erinnere dich daran, daß du ja auch das Wandern des Blicks durch ein Bild (oder Modell) nicht wiedergeben kannst! Und würde man den Eindruck, den das erzeugt, nicht sehr natürlich zum Gesichtseindruck rechnen? Es wird, oder kann, sich auch der Aspekt in der Art und Weise ausdrücken, wie ich die Figur kopiere, also doch, in einem Sinne, in der Kopie. Ich werde auch ein Gesicht, jenachdem ich's auffasse, anders in der Zeichnung wiedergeben, obwohl die Photographie jedesmal das Gleiche zeigt. Also hier wieder ein Grund vom “sehen” zu reden.

367 Remember that one cannot reproduce the way one’s gaze wanders through a picture (or model)! And would one not very naturally consider the impression this creates as a visual impression? The aspect can also express itself in the way one copies the figure, and thus, in one sense, in the copy. I will also reproduce a face differently in a drawing, depending on how one perceives it, even though the photograph shows the same thing each time. So here again is a reason to talk about “seeing”.

§RPP II

699[2]

368 Daß ich eine andere Kopie (ein anderes Resultat) hervorbringe, das stimmt mit dem Begriff des Sehzustandes zusammen. Daß ich die gleiche Kopie erzeuge, sie aber anders erzeuge – die Striche in anderer Reihenfolge ziehe – weist auf den Begriff des Denkens

368 The fact that I produce a different copy (a different result) is consistent with the concept of the state of seeing. The fact that I produce the same copy, but produce it differently – draw the lines in a different order – points to the concept of thinking.

§RPP II

699[3]

369 Mit welchem Recht gebraucht er da das Wort “sehen”? oder hat er keine Berechtigung, und ist es nur eine Sprachdummheit? Oder liegt die einzige Berechtigung darin, daß ich auch geneigt bin, zu sagen: “einmal sehe ich es als das”, “einmal sehe ich als jenes”? Es könnte so sein. Aber ich bin durchaus abgeneigt, das anzunehmen; ich fühle ich muß sagen “ich sehe etwas”. Was soll das aber heißen? – Ich habe doch das Wort “sehen” gelernt. Was paßt, ist doch nicht das Wort, der Klang, oder das geschriebene Bild. Der Gebrauch des Worts ist es, was mir die Idee aufnötigt, ich sähe dies. Was ich über den Gebrauch des Worts gelernt habe, muß mich hier zwingen, es hier zu gebrauchen.

369 On what grounds does he use the word “seeing” in that way? Or does he have no warrant for it, & is it just a linguistic absurdity? Or does the only warrant lie in the fact that I, too, am inclined to say: “sometimes I see it as this,” “sometimes I see it as that”? It could be so. But I am quite averse to accepting that; I feel that I must say “I see something.” But what is that supposed to mean? – After all, I have learned the word “seeing.” What fits, however, is not the word, the sound, or the written image. It is the use of the word that forces the idea upon me that I saw this. What I have learned about the use of the word must compel me here to use it.

§RPP II

699[4] &
700[1]

370 “Das ist doch: etwas sehen –” möchte ich sagen. Und es ist ja wirklich so: die Situation ist ganz wie, in welcher dieses Wort auch sonst gebraucht wird; – nur ist die Technik hier etwas verschieden.

370 “That is: to see something –” I would like to say. And indeed it is true: the situation is exactly as it is in any other case where this word is used; – only the technique here is somewhat different.

§RPP II

700[2]

371 Der Gebrauch des Wortes “sehen” ist ja durchaus kein einfacher. – Man stellt sich ihn manchmal wie den eines Tätigkeitswortes vor, – und es sei nur schwer auf die Tätigkeit geradezu zu deuten. – Man stellt sich ihn daher einfacher vor, als er wirklich ist, das Sehen so zu sagen als ein Eintrinken von etwas mit den Augen. Wenn ich also etwas mit den Augen eintrinke, so könne kein Zweifel mehr bestehen, ich sähe etwas (wenn mich nicht Vorurteile täuschen).

371 The use of the word “sehen” is certainly not straightforward. – One sometimes imagines it as that of a verb, – & it is only difficult to directly indicate the activity. – One therefore imagines it to be simpler than it really is, to see, so to speak, as an intake of something with the eyes. So, if I take something in with my eyes, then there can be no more doubt that I am seeing something (unless prejudices deceive me).

§RPP II

700[3]

372 Man könnte sagen: Ich sehe die Figur einmal als den Grenzwert dieser Reihe, einmal als den Grenzwert jener. Dieser Wert könne der Grenzwert verschiedener Funktionen sein.

372 One could say: I see the figure once as the limit of this series, once as the limit of that series. This value could be the limit of different functions.

§RPP II

700[4]

373 Das, als was ich die Figur sehe, das kann sie immer, in einem gewissen Sinne, sein. Wenn das auch nicht im anderen Sinne ‘sichtbar’ wäre. Denn eine Figur kann ja ihrem Gebrauch, oder ihrer Entstehungsweise nach Grenzwert verschiedener Reihen sein. Ein Dreieck kann wirklich gebraucht werden, einen Berg darzustellen, oder als Pfeil, um in dieser Richtung zu zeigen, etc. etc. Die Beschreibung des Aspekts ist also immer eine richtige Beschreibung der Sehwahrnehmung.

373 What I see the figure as, that is always, in a certain sense, what it is. Even if it is not ‘visible’ in that other sense. For a figure can, in its use or in the way it comes about, be the limit of different series. A triangle can actually be used to represent a mountain, or as an arrow to point in this direction, etc. etc. The description of the aspect is therefore always a correct description of the visual perception.

§RPP II

700[5] &
701[1]

374 Es kann doch eine Figur, sagen wir, ein Schriftzeichen das korrekt geschrieben, oder in verschiedenen Weisen ein fehlerhaft geschriebenes sein. Und diesen Auffassungen der Figur entsprechen Aspekte. – Hier haben wir die größte Ähnlichkeit mit dem Erleben der Bedeutung beim Aussprechen eines isolierten Worts.

374 One could say: a figure, say, a character, can be written correctly, or in various ways, it can be written incorrectly. And these perceptions of the figure correspond to aspects. – Here we have the greatest similarity with the experience of meaning when uttering an isolated word.

§RPP II

701[2]

375 Man kopiert es anders, – aber die Kopie ist die selbe. Aber ich will sagen: Wenn etwas Anderes gesehen wird, muß die Kopie eine andere sein.

375 One copies it differently – but the copy is the same. But I want to say: if something else is seen, then the copy must be different.

§RPP II

701[3]

376 Was ist z.B. eine Kopie des ‘Würfelschemas’? Eine Zeichnung, oder ein Körper? Und warum nur das erstere?! Und wenn ein Körper, – welcher Körper: ein Raumeck, ein solider Würfel, ein Drahtgestell?

376 What, for example, is a copy of the ‘cube schema’? A drawing, or a body? And why only the former?! And if it is a body – which body: a corner, a solid cube, a wire frame?

§RPP II

701[4]

377 Wenn ich ihm mitteile; “Ich sehe die Figur jetzt als …”, so mache ich ihm eine Mitteilung in mancher Beziehung ähnlich der einer Gesichtswahrnehmung, aber auch ähnlich der eines Auffassens, oder einer Deutung, oder eines Vergleichens, oder eines Wissens.

377 If I communicate to him: “I now see the figure as…”, then I am giving him a communication in some respects similar to that of a visual perception, but also similar to an understanding, or an interpretation, or a comparison, or a knowledge.

§RPP II

701[5] &
702[1]

378 “Ich sehe jetzt ein weißes Kreuz auf schwarzem Grunde und dann ein schwarzes Kreuz auf weißem Grunde.” Aber was ist denn das: ein weißes Kreuz auf schwarzem Grunde? erklär es doch! und was ist ein schwarzes Kreuz auf weißem Grunde? Du darfst doch für beide nicht etwa die gleiche Erklärung geben! Und erklärt müßten sie doch werden! Die Erklärung könnte doch ungefähr so lauten: “Ein weißes Kreuz auf schwarzem Grunde, das ist so etwas –” und nun folgt eine Figur. Es darf aber natürlich nicht die doppeldeutige sein. Daher kann man dem statt zu sagen “ich sehe die Figur einmal als ein weißes Kreuz auf …, einmal als …” auch sagen: “ich sehe die Figur einmal so (folgte eine Figur), einmal so folgt eine andere Figur). Und war der erste Satz ein erlaubter Ausdruck, so war es dieser auch.

378 “I now see a white cross on a black background, and then a black cross on a white background.” But what is this: a white cross on a black background? Explain it! and what is a black cross on a white background? You must not give the same explanation for both! And they must be explained! The explanation could be something like this: “A white cross on a black background, that is something like this –” and then follows a figure. But it must of course not be the ambiguous one. Therefore, instead of saying “I see the figure once as a white cross on…, once as…”, one can also say: “I see the figure once like this (followed by a figure), once like this (followed by another figure). And if the first sentence was a permissible expression, then so was this one.

§RPP II

702[2]

379 Und heißt das nicht, daß nun jene zwei Figuren eine Art von Kopien der doppeldeutigen Figur wahren?

379 And does that not mean that those two figures are a kind of copies of the ambiguous figure?

§RPP II

702[3]

380 Einerseits sind diese beiden Darstellungen Kopien des Gesehenen anderseits bedarf es auch noch einer begrifflichen Erklärung. – Wenn ich z.B. die Kreuzfigur 🖵 einmal als liegendes Kreuz, einmal als stehendes Kreuz, einmal als schiefgestelltes Diagonalkreuz sehe, – was sind die entsprechenden Kopien? Ein liegendes Kreuz ist eines, das umgelegt worden ist und stehen sollte. Die Kopie wird also etwas sein, was Kreuzform hat und wovon wir wissen, ob es liegt oder steht. Es wäre daher auch möglich, als Kopie ein Bild zu gebrauchen, worin die Kreuzform vorkommt und die oder die Rolle spielt. D.h., es gibt ein Bild, welches, was ich als Aspekt sehe, zum Ausdruck bringt. Und das gibt dem Aspekt Ähnlichkeit mit etwas durch Sehen wahrgenommen.

380 On the one hand, these two representations are copies of what is seen, and on the other hand, a conceptual explanation is also required. – If, for example, I see the cross figure 🖵 once as a lying cross, once as a standing cross, once as an oblique diagonal cross, – what are the corresponding copies? A lying cross is one that has been laid down and should be standing. The copy will therefore be something that has a cross shape and of which we know whether it is lying or standing. It would therefore also be possible to use a picture as a copy, in which the cross shape appears and plays that or that role. That is, there is a picture that expresses what I see as an aspect. And this gives the aspect similarity with something perceived by seeing.

§RPP II

702[4]

381 Oder: Es gibt ein Bild, das für den Aspekt eine ähnliche darstellende Rolle spielt, wie das Bild als Mitteilung des Wahrgenommen. Denk dir ein Gemälde, eine Kreuzabnahme etwa; was wäre es uns, wenn wir nicht wüßten, welche Bewegungen hier festgehalten wurden. Und das Bild zeigt uns diese Bewegungen und es zeigt sie uns auch nicht. (Das Bild der Kavallerieattacke, wenn der Betrachter nicht weiß, daß die Pferde nicht so stehen bleiben.)

381 Or: there is a picture that plays a similar representational role for the aspect as the picture does as a communication of what is perceived. Imagine a painting, a Deposition of the Cross, for example; what would it be to us if we did not know what movements were captured here. And the picture shows us these movements, and it does not show them to us. (The picture of the cavalry attack, if the viewer does not know that the horses do not stay in that position.)

§RPP II

702[5] &
703[1]

382 “Was ich sehe, schaut so aus”. Denk dir, das sagte jemand, der das Bild eines rennenden Pferdes betrachtet und als Kopie davon ein ausgestopftes Pferd benützt, welches in laufender Stellung steht! Wäre nicht die richtige Kopie ein laufendes Pferd?

382 “What I see looks like this.” Imagine someone saying this while looking at a picture of a running horse & using a stuffed horse in a running position as a copy of it! Wouldn't the correct copy be a running horse?

§RPP II

703[2]

383 Ist mir nun mit dem Aspekt ein Gedanke vorm Auge? Ist mir mit dem Gemälde einer vor Augen? (denn die als das und da gesehene Figur ist ja wie der allein noch sinnlose Bestandteil eines Gemäldes.)

383 Does the aspect bring a thought before my eyes? Does the painting bring one before my eyes? (because the figure seen as that and there is like the still meaningless component of a painting.)

§RPP II

703[3]

384 Man kann doch ein Gemälde beschreiben, indem man Vorgänge beschreibt; ja so würde man es beinahe immer beschreiben. “Er steht im Schmerz versunken, sie ringt die Hände, …” Ja, wer es so nicht beschreiben könnte, ob er es auch als Verteilung von Farbflecken auf der Fläche haarscharf beschreiben könnte, verstünde es nicht. ((Bild vom Mann, der den Berg hinaufgeht.))

384 One can describe a painting by describing events; in fact, that is almost always how one would describe it. “He stands lost in pain, she wrings her hands, …” Yes, whoever could not describe it that way, even if he could describe it with pinpoint accuracy as a distribution of color patches on the surface, would not understand it. ((Picture of the man walking up the mountain.))

§RPP II

703[4]

385 Du siehst es also so, wie wenn du das davon wüßtest. Und wenn dies eine närrische Ausdrucksweise erscheint, so muß man eben im Auge behalten, daß der Begriff des Sehens durch sie modifiziert wird.

385 So you see it as if you knew that. And if this seems like a foolish way of putting it, then one must simply keep in mind that the concept of seeing is modified by it.

§RPP II

703[5]

386 Kann ich aber auch sagen: “Er würde das Bild (der Schlacht etwa) anders sehen, wenn er nicht wüßte, was hier vor sich geht”? Wie würde sich das äußern?! Er würde nicht so über das Bild reden wie wir; er würde nicht sagen: “Man sieht förmlich, wie diese Pferde dahinbrausen” oder “So läuft doch ein Pferd nicht!” etc. Er würde unzähliges nicht aus dem Bild entnehmen, was wir daraus entnehmen.

386 But can I also say: “He would see the picture (of the battle, for example) differently if he did not know what was going on here”? How would that manifest itself?! He would not talk about the picture the way we do; he would not say: “One can clearly see these horses galloping by” or “That is not how a horse runs!” etc. He would not derive countless things from the picture that we derive from it.

§RPP II

704[1]

387 Wir könnten uns doch entscheiden, das, was wir jetzt “die Figur als … sehen” nennen, sie als das und das “auffassen” zu nennen. – Hätten wir das nun getan, so wären dadurch die Probleme natürlich nicht zur Seite geschafft sondern wir würden nun den Gebrauch von “auffassen” studieren, und insbesondere die Eigentümlichkeit, daß dieses Auffassen etwas stationäres ist, ein Zustand, der jetzt anfängt, jetzt endet.

387 We could decide to call what we now call “seeing the figure as…”, to call it that and that, to call it “apprehending”. – If we had done that, it would of course not have eliminated the problems, but we would now be studying the use of “apprehending”, and in particular the peculiarity that this apprehending is something stationary, a state that begins now, ends now.

§RPP II

704[2]

388 Es ist mir also zumute – könnte ich sagen – als müßte ich im Stande sein, diese Auffassung durch ein Bild der angeschauten Figur wiederzugeben. – Und das ist doch wirklich so: ich kann doch sagen, das Bild, das Einer von ihr macht, drücke eine Auffassung des Gegenstands aus. Ganz so, wie man eben sagen kann: Hör dieses Thema so … und spiel entsprechend.

388 So, I might say, it feels as if I must be able to reproduce this perception by means of a picture of the figure being looked at. – And that really is the case: I can say that the picture that one makes of it expresses a perception of the object. Just as one can say: Listen to this theme in this way … and play accordingly.

§RPP II

704[3]

389 Es ist ein Sehen, insofern

es ist ein Sehen nur insofern, als …

(das scheint mir die Lösung.)

389 It is a seeing, insofar as

it is a seeing only insofar as …

(that seems to me to be the solution.)

§RPP II

704[4] &
705[1]

390 Insofern aber unterscheiden sich die Aspekte, die so zu sagen gesehene Deutungen der Figur sind von den Aspekten der räumlichen Erscheinung. Denn man kann eine Figur für einen Körper halten. Und auch, wenn von einer solchen Täuschung nicht die Rede ist, so teilt “Ich sehe diese Figur jetzt als Pyramide” anders mit, hat andere Konsequenzen, als, daß ich die Figur jetzt als schwarzes Kreuz auf weißen Grunde sehe etc. (Die Konsequenzen des räumlichen Sehens in der darstellenden Geometrie.) Es scheint aber auch der Zusammenhang des Aspektes mit dem Denken geändert oder gelöst. Denn ist hier nicht die Kopie, die dem Andern zeigt, wie ich die Figur sehe, von andrer Art? Und man darf nicht vergessen, daß das Wort “Kopie” in dieser ganzen Betrachtung eine schwankende Bedeutung hat.

390 In this respect, however, the aspects, which are, so to speak, the interpretations of the figure that are seen, differ from the aspects of spatial phenomena. For one can take a figure to be a solid. And even if there is no question of such an illusion, the statement “I now see this figure as a pyramid” conveys something different, has different consequences than the statement that I now see the figure as a black cross on a white background, etc. (The consequences of spatial seeing in descriptive geometry.) It also seems that the connection of the aspect with thinking has been changed or dissolved. For is not the copy, which shows the other how I see the figure, of a different kind here? And one must not forget that the word “copy” has a fluctuating meaning in this whole consideration.

§RPP II

705[2]

391 “Es ist, als wären unsere Begriffe bedingt durch ein Gerüst von Tatsachen.” Das hieß doch: Wenn du dir gewisse Tatsachen anders denkst, sie anders beschreibst, als sie sind, dann kannst du die Anwendung gewisser Begriffe dir nicht mehr vorstellen, weil die Regeln ihrer Anwendung kein Analogen unter den neuen Umständen haben. – Was ich sage, kommt also darauf hinaus: Ein Gesetz wird für Menschen gegeben und ein Jurist mag wohl fähig sein, Konsequenzen für jeden Fall zu ziehen, der ihm gewöhnlich vorkommt, das Gesetz hat also offenbar seine Verwendung, einen Sinn. Trotzdem aber setzt seine Giltigkeit allerlei voraus; und wenn das Wesen, welches er zu richten hat, ganz vom gewöhnlichen Menschen abweicht, dann wird z.B. die Entscheidung, ob er eine Tat mit böser Absicht begangen hat, nicht etwa schwer, sondern einfach unmöglich werden.

391 “Our concepts are conditioned by a framework of facts.” This meant: If you think of certain facts differently, if you describe them differently than they are, then you can no longer imagine the application of certain concepts, because the rules of their application have no analog under the new circumstances. – What I am saying, therefore, comes down to this: A law is given for people, and a lawyer may well be able to draw consequences for every case that usually occurs to him; the law thus clearly has its use, a meaning. Nevertheless, its validity presupposes all sorts of things; and if the being that he has to judge deviates completely from the ordinary human being, then, for example, the decision of whether he committed an act with evil intention will not be difficult, but simply impossible.

§RPP II

705[3]

392 Wenn die Menschen nicht im Allgemeinen über die Farben der Dinge übereinstimmten, wenn Unstimmigkeiten nicht Ausnahmen wären, könnte es unsern Farbbegriff nicht geben. “Nein; gäbe es unsern Farbbegriff nicht. Heißt das also: Was als Regel denkbar ist, muß es nicht als Ausnahme sein?

392 If people did not generally agree about the colors of things, if discrepancies were not exceptions, then we could not have the concept of color. “No; there would be no concept of color. Does this mean that what is conceivable as a rule does not have to be an exception?

§RPP II

705[4] &
706[1]

393 Der Fall ist doch ähnlich diesem: Ich habe gelernt, Versuchsresultate durch eine Kurve darzustellen und werde, wenn die aufgenommenen Punkte so liegen, wissen, ungefähr welche Kurve zu ziehen ist und werde weitere Schlüsse aus den Experimenten ziehen können. Liegen aber die Punkte so, so wird, was ich gelernt habe, mich im Stiche lassen; ich weiß gar nicht mehr, welche Linie ich ziehen soll. Und käme ich zu Leuten, die, ohne mir verständlicher Methode und ohne Bedenken, eine Kurve durch diese Konstellation legten, so könnte ich ihre Technik nicht nachahmen; sollte ich aber sehen, daß bei ihnen irgend eine plausible Linie als die Richtige anerkannt wird und diese dann zur Basis weiterer Folgerungen dient; und, wenn diese Folgerungen, wie wir sagen würden, mit der Erfahrung in Widerspruch kämen, die Leute sich irgendwie darüber hinweg setzen, – dann würde ich sagen, es sei dies gar nicht mehr die mir bekannte Technik, sondern eine ‘äußerlich’ ähnliche, im Wesen aber ganz verschiedene. Sage ich das aber, so gebe ich mit den Worten “äußerlich” und “Wesen” ein Urteil ab.

393 The case is rather similar to this: I have learned to represent experimental results with a curve and, if the recorded points are so, I will know approximately which curve to draw and will be able to draw further inferences from the experiments. But if the points are so, then what I have learned will fail me; I no longer know which line to draw. And if I were to come to people who, without any understandable method and without hesitation, draw a curve through this configuration, I could not imitate their technique; but if I were to see that with them somehow a plausible line is accepted as the correct one and this then serves as the basis for further inferences; and, if these inferences, as we would say, contradict the experience, the people somehow disregard this, – then I would say that this is no longer the technique I am familiar with, but one that is ‘externally’ similar, but in essence quite different. But if I say that, then with the words “externally” and “essence” I am making a judgment.

§RPP II

706[2]

394

Was heißt das: “Das ist doch ein ganz anderes Spiel!” Wie verwende ich diesen Satz? Als Mitteilung? Nun, etwa als Einleitung zu einer Mitteilung, die die Unterschiede aufzählt und ihre Folgen erklärt. Aber auch, um auszudrücken, daß ich eben darum hier nicht mehr mittue, oder doch eine andere Stellung zu dem Spiel einnehme.

394

What does it mean: “This is a completely different game!” How do I use this sentence? As a communication? Well, perhaps as an introduction to a communication that lists the differences and explains their consequences. But also to express that I am no longer participating here, or that I am taking a different position in the game.

§RPP II

706[3]

395 Wenn ich sagte “Ich würde es nicht mehr … nennen”, so heißt das eigentlich: die Waage meiner Stellungnahme schlägt nun um.

395 If I said “I would not call it that anymore,” then this actually means: the scale of my statement has now shifted.

§RPP II

706[4]

396 Ich könnte doch auch sagen: “ich kann mich mit diesem Menschen nicht mehr verständigen.”

396 I could also say: “I can no longer communicate with this person.”

§RPP II

706[5] &
707[1]

397 Ich sagte einmal, es könnte einen Begriff geben, der links von einer gewissen wichtigen Linie unserem ‘Rot’, rechts von ihr unserm ‘Grün’ entspräche. Und es kam und kommt mir vor, als könnte ich mich in diese Begriffswelt hineindenken; als könnte ich wohl geneigt sein, rot auf der einen Seite, das Gleiche zu nennen, wie Grün auf der Andern. (Und zwar geht es mir besonders so mit einem ziemlich dunklem Rot und einem ziemlich dunklem Grün.) Als wäre ich also nicht ungeneigt, das Grün nur einen Aspekt des Rot zu nennen; als liefe, was ich “Farbe” nenne unverändert weiter, und nur die ‘Schattierung’ änderte sich. Es besteht also hier die Neigung zu einer Ausdrucksweise, die, unter gewissen Umständen, für Grün und für Rot das selbe Eigenschaftswort, mit einem Bestimmungswort wie “beschattet” “unbeschattet” verwendet. “Aber willst du also wirklich sagen, daß hier nicht zwei verschiedene Farben vorliegen?” Ich will sagen: Ich sehe genug Ähnlichkeit in der von mir beschriebenen Ausdrucksweise mit dieser und jener, die wir tatsächlich verwenden, daß ich die ungewöhnliche unter Umständen sehr wohl hinnehmen könnte. – Aber würden also die Leute die Ähnlichkeit oder Gleichheit nicht sehen, die wir sehen: Nämlich zwischen Grün links und (nach unserer Ausdrucksweise) Grün rechts? – Wie, wenn sie sagten, diese seien ‘äußerlich gleich’. Ich stelle mir die Lage ähnlich vor wie in der Zeichnung 🖵 wo ich die Winkel einander gleich, obwohl äußerlich ungleich nennen kann; die Winkel … ungleich, aber äußerlich gleich.

397 I once said that there could be a concept that, to the left of a certain important line, corresponds to our ‘red,’ and to the right of it, to our ‘green.’ And it seems to me that I could think myself into this world of concepts; as if I might be inclined to call red on one side the same as green on the other. (And especially with a rather dark red and a rather dark green.) As if I were not averse to calling green merely an aspect of red; as if what I call “color” continues unchanged, and only the ‘shade’ changes. There is therefore a tendency here to use an expression that, under certain circumstances, uses the same adjective for green and for red, with a determinant such as “shaded” “unshaded.” “But do you really want to say that there are not two different colors here?” I want to say: I see enough similarity in the expression I have described with this and that one that we actually use, that I could very well accept the unusual one under certain circumstances. – But wouldn’t people see the similarity or sameness that we see: namely, between green on the left and (according to our expression) green on the right? – What if they said that these are ‘externally the same’? I imagine the situation to be similar to that in the drawing 🖵, where I can call the angles equal to each other, although externally unequal; the angles … unequal, but externally equal.

§RPP II

707[2]

398 Ich könnte auch sagen: Rot links und Grün rechts sei die gleiche Natur, aber eine andere Erscheinung.

398 I could also say: red on the left and green on the right is the same essence, but a different appearance.

§RPP II

708[1]

399 Bei allen Dem habe ich aber doch eine Verwirrung angerichtet. Das Wichtige an der Sache war doch, zu zeigen, daß man in einer Reihe so fortfahren kann, daß man, nach unsern Begriffen, sie, nach der alten Regel, abbricht und nach einer neuen fortsetzt; daß aber nach einer andern Auffassung sich ihr Gesetz nicht ändert, die scheinbare Änderung aber durch eine Änderung der Umstände begründet wird.

399 In all of this, however, I have created a confusion. The important thing about the matter was to show that one can continue in a series in such a way that, according to our concepts, it is broken off according to the old rule and continued according to a new one; but according to another view, its law does not change, but the apparent change is justified by a change in the circumstances.

§RPP II

708[2]

400 Aber das kommt eigentlich darauf hinaus, daß was das folgerechte Weitergehen in einer Reihe ist, nur durch das Beispiel gezeigt werden kann.

400 But this essentially comes down to the fact that what the logically correct continuation in a series is can only be shown by example.

§RPP II

708[3]

401 Und hier ist man immer wieder in der Versuchung, weiterzureden, wo man Halt machen sollte; mehr zu reden, als Sinn hat.

401 And here one is always tempted to continue speaking when one should stop; to say more than is warranted.

§RPP II

708[4]

402 Ich kann Einem sagen: “diese Zahl ist die folgerechte Fortsetzung dieser Folge;” dadurch kann ich ihn dazu bringen, daß er in Zukunft das “folgerechte Fortsetzung” nennt, was ich so nenne. D.h., ich kann ihn eine Reihe (Grundreihe) fortsetzen lehren, ohne einen Ausdruck des ‘Gesetzes der Reihe’ zu verwenden; ja vielmehr, um ein Substrat zu haben für die Bedeutung algebraischer Regeln, oder was ihnen ähnlich ist.

402 I can tell someone: “this number is the correct continuation of this sequence”; thereby I can bring it about that in the future he calls the “correct continuation” what I call it. That is to say, I can teach him to continue a series (basic series) without using an expression of the ‘law of the series’; indeed, rather, in order to have a substrate for the meaning of algebraic rules, or something similar.

§RPP II

708[5] &
709[1]

403 Er muß ohne Grund so fortsetzen. Aber nicht, weil man ihm den Grund noch nicht begreiflich machen kann, sondern weil es – in diesem System – keinen Grund gibt. “Die Kette der Gründe hat ein Ende.”) Und das so (in “so fortsetzen”) ist durch eine Ziffer, einen Wert, bezeichnet. Denn auf dieser Stufe wird der Regelausdruck durch den Wert erklärt, nicht der Wert durch die Regel.

403 He must continue in this way without reason. But not because one cannot yet make the reason understandable to him, but because – in this system – there is no reason. (“The chain of reasons comes to an end.”) And this way (in “continue in this way”) is indicated by a digit, a value. For at this level, the expression of the rule is explained by the value, not the value by the rule.

§RPP II

709[2]

404 Denn dort, wo es heißt “Aber siehst du denn nicht …!” nützt ja eben die Regel nichts, sie ist Erklärtes, nicht Erklärendes. sie

404 For where it says “But don’t you see…!” the rule is of no use; it is what is explained, not what explains.

§RPP II

709[3]

405 “Er erfaßt die Regel intuitiv.” – Warum aber die Regel? und nicht, wie er jetzt fortsetzen soll?

405 “He grasps the rule intuitively.” – But why the rule? and not how he should continue now?

§RPP II

709[4]

406 “Hat er nur das Richtige gesehen, diejenige der unendlich vielen Beziehungen, die ich ihm nahe zubringen trachte, – hat er sie nur einmal erfaßt, so wird er jetzt ohne weiteres die Reihe richtig fortsetzen. Ich gebe zu, er kann diese Beziehung, die ich meine, nur erraten (intuitiv erraten) – ist es aber gelungen, dann ist das Spiel gewonnen” – Aber dieses ‘Richtige’ von mir Gemeinte, gibt es gar nicht. Der Vergleich ist falsch. Es gibt hier nicht quasi ein Rädchen, das er erfassen soll, die richtige Maschine, die ihn, einmal gewählt automatisch weiterbringt. Es könnte ja sein, daß sich in unserm Gehirn so etwas abspielt, aber das interessiert uns nicht.

406 “If he has only seen the right thing, that one of the infinitely many relationships that I am trying to bring close to him – if he has grasped it once, then he will now correctly continue the series without further ado. I admit, he can only guess this relationship that I mean (guess it intuitively) – but if it succeeds, then the game is won” – But this ‘right’ thing that I mean, does not even exist. The comparison is false. There is not quasi a cog that he has to grasp, the right machine that will, once chosen, automatically continue it. It could be that something like this takes place in our brain, but that does not interest us.

§RPP II

709[5]

407 “Tu das selbe!” Aber dabei muß ich ja auf die Regel zeigen. Die muß er also schon anzuwenden gelernt haben. Denn was bedeutet ihr Ausdruck sonst für ihn?

407 “Do the same!” But in doing so, I must point to the rule. He must therefore already have learned to apply it. For what else does its expression mean to him?

§RPP II

709[6] &
710[1]

408 Die Bedeutung der Regel erraten, sie intuitiv zu erfassen, könnte doch nur heißen: ihre Anwendung erraten. Und das kann nun nicht heißen: die Art, die Regel ihrer Anwendung erraten. Und vom Erraten ist hier überhaupt keine Rede.

408 To guess the meaning of the rule, to grasp it intuitively, could only mean: to guess its application. And that cannot mean: to guess the kind, the rule of its application. And there is no talk of guessing here at all.

§RPP II

710[2]

409 Ich könnte z.B. erraten, welche Fortsetzung dem Andern Freude machen wird (etwa nach seinem Gesicht). Die Anwendung der Regel erraten könnte man nur, so fern man bereits aus verschiedenen Anwendungen eine wählen kann.

409 I could, for example, guess what continuation will please the other person (perhaps from his face). One could only guess the application of the rule in so far as one can already choose one from various applications.

§RPP II

710[3]

410 Man könnte sich ja dann auch denken, daß er, statt die “Anwendung der Regel zu erraten’, sie erfindet. Nun, wie sähe das aus? – Soll er etwa sagen: “Der Regel +1” folgen, möge einmal heißen, zu schreiben: 1, 1 + 1, 1 + 1 + 1, u.s.w.”? Aber was meint er damit? Das “u.s.w.” setzt ja eben schon das Beherrschen einer Technik voraus.

410 One could then also think that, instead of ‘guessing the application of the rule’, he invents it. Well, what would that look like? – Should he, for example, say: “Following the rule +1” may mean writing: 1, 1 + 1, 1 + 1 + 1, etc.”? But what does he mean by that? The “etc.” already presupposes the mastery of a technique.

§RPP II

710[4]

411 Wie kann man denn, was jemand tut, der jene Regel fortsetzt, beschreiben? – Man kann die Regel angeben; dem nämlich, der sie schon gebrauchen kann. Und wer kann sie gebrauchen? Der, welcher auf 1 + 1 1 + 1 + 1 schreibt, und darauf 1 + 1 + 1 + 1 – Und kann ich jetzt enden “u.s.f.”? Das würde ja heißen: “und überhaupt nach dieser Regel weiter geht”.

411 How can one describe what someone is doing who continues that rule? – One can state the rule; namely, to the one who can already use it. And who can use it? The one who writes 1 + 1 1 + 1 + 1, and then 1 + 1 + 1 + 1 – And can I now end with “etc.”? That would mean: “and in general continues according to this rule.”

§RPP II

710[5]

412 Ich kann nicht beschreiben, wie eine Regel (allgemein) zu verwenden ist, als indem ich dich lehre, abrichte, eine Regel zu verwenden.

412 I cannot describe how a rule (in general) is to be used, other than by teaching, training someone to use a rule.

§RPP II

710[6] &
711[1]

413 Ich kann nun z.B. einen solchen Unterricht im Sprechfilm aufnehmen. Der Lehrer wird manchmal sagen “So ist es recht”. Sollte der Schüler ihn fragen “warum?” – so wird er nichts, oder doch nichts Relevantes antworten, auch nicht das: “Nun, weil wir's Alle so machen”; das wird nicht der Grund sein.

413 I can now, for example, record such instruction in a talking film. The teacher will sometimes say “That is right.” If the student asks him “why?” – then he will not answer anything, or at least nothing relevant, not even that: “Well, because we all do it that way”; that will not be the reason.

§RPP II

711[2]

414 Man sagt nicht “Es dürfte sich so verhalten; verhält sich aber anders.” Oder: “Ich nehme an, er kommt morgen; er wird aber tatsächlich nicht kommen.”

414 One does not say, “It probably behaves in this way; but it behaves differently.” Or: “I assume that he will come tomorrow; but he will in fact not come.”

§RPP II

711[3]

415 Die Linie liegt schon in der Annahme anders, als du denkst. Ich möchte sagen: In den Worten “Angenommen, ich glaube das” setzt du schon die ganze Grammatik des Wortes “Glauben” voraus. Du nimmst nicht etwas an, was dir, so zu sagen, eindeutig durch ein Bild gegeben ist, so daß du dann eine Andere als die gewöhnliche Behauptung an diese Annahme anstückeln kannst. Du wüßtest gar nicht, was du hier annimmst, wenn dir nicht schon die Verwendung von “glauben” geläufig wäre.

415 The line already lies differently in the assumption than you think. I would like to say: In the words “Assume that I believe this,” you already presuppose the entire grammar of the word “believe.” You do not assume something that is, as it were, clearly given to you in an image, so that you can then attach something other than the usual assertion to this assumption. You would not even know what you are assuming here if you were not already familiar with the use of “believe.”

§RPP II

711[4]

416 Es ist die unsichtbare Anwendung, die hier ihr Gesicht zeigt. Der besonderen Technik sind wir uns nicht bewußt, sie fließt so zu sagen unterirdisch, ohne daß wir sie merken, dahin; und wir werden uns ihrer nur dort plötzlich bewußt, wo sie mit unserer falschen Vorstellung offen in Widerspruch tritt. Wo wir etwa merken, ein Satz habe keinen Sinn, wir wissen gar nicht, was wir mit ihm anfangen sollten, ein Satz von dem dies nicht ohne Weiteres zu vermuten war. Kann man dem Arzt als Symptom einer geistigen Erkrankung mitteilen “Ich glaube …? – Wohl aber etwa: “Ich glaube immer Stimmen zu hören”. “Ich nehme immer an, er sei mir untreu, er ist es aber nicht.” Die Linie des Begriffs scheint je abgebrochen! –

416 It is the invisible application that shows its face here. We are not conscious of the particular technique; it flows, as it were, underground, without us noticing it; and we will only become aware of it there suddenly, where it openly contradicts our false imagination. Where we notice, for example, that a sentence has no sense, we do not even know what to do with it, a sentence for which this could not easily be presumed. Can one communicate to the doctor as a symptom of a mental illness, “I believe…? – But perhaps something like: “I always believe that I hear voices.” “I always assume that he is unfaithful to me, but he is not.” The line of the concept seems to be broken! –

§RPP II

712[1]

417 “Der Satz ‘Ich glaube es, und es ist nicht wahr’ kann doch die Wahrheit sein. Wenn ich es nämlich wirklich glaube, und sich dieser Glaube als falsch herausstellt.”

417 “The sentence ‘I believe it, and it is not true’ can indeed be true. If I really believe it, and this belief turns out to be false.”

§RPP II

712[2]

418 Ich sagte vom Andern “Er scheint zu glauben … und andere sagen es von mir. Nun, warum sage ich's nie von mir, auch wenn die Andern es mit Recht von mir sagen? Ebenso: “Es ist offenbar, er glaubt … Sehe ich mich selbst denn nicht? – Man kann es sagen.

418 I said of the other, “He seems to believe…,” and others say it of me. Now, why do I never say it of myself, even if others rightly say it of me? Similarly: “It is obvious that he believes… Do I not see myself? – One can say it.

§RPP II

712[3]

419 A: “Ich glaube, es regnet.” – B: “Ich glaube es nicht.” – nun, sie widersprechen einander ja nicht; Jeder sagt bloß etwas über sich selbst aus.

419 A: “I believe it is raining.” – B: “I do not believe it.” – now, they are not contradicting each other; each is merely saying something about himself.

§RPP II

712[4]

420 “Es gibt kein bläuliches Gelb”. Ähnlich dem Satz “Es gibt kein regelmäßiges Zweieck”; eine Aussage der Farbengeometrie könnte man es nennen, d.h. ein begriffsbestimmender Satz.

420 “There is no bluish yellow.” Similar to the sentence “There is no regular two-sided figure”; one could call it an assertion of color geometry, i.e., a concept-defining sentence.

§RPP II

712[5]

421 Wenn ich Einen gelehrt hätte, die sechs primären Farbnamen zu gebrauchen und die Silbe “lich”, so könnte ich ihm Befehle geben wie “Male hier ein grünliches Weiß!” – Einmal aber sage ich ihm “Mal ein rötliches Grün!” Ich beobachte seine Reaktion. Vielleicht wird er Grün und Rot mischen und von dem Resultat nicht befriedigt sein; vielleicht endlich sagen: “es gibt kein rötliches Grün.” – Analog hätte ich ihn dazu bringen können, mir zu sagen “Ein regelmäßiges Zweieck gibt es nicht!” oder “eine Quadratwurzel aus ‒ 25 gibt es nicht.

421 If I had taught someone to use the six primary color names and the syllable “lich,” then I could give him commands such as “Paint here a greenish white!” – But once I say to him, “Paint a reddish green!” I observe his reaction. Perhaps he will mix green and red and be dissatisfied with the result; perhaps he will finally say: “There is no reddish green.” – Analogously, I could have brought him to say, “There is no regular two-sided figure!” or “There is no square root of ‒25.”

§RPP II, Z

712[6]

422 Zwischen Grün und Rot, will ich sagen, sei eine geometrische Leere, nicht eine physikalische.

422 Between green and red, I want to say, there is a geometrical emptiness, not a physical one.

§RPP II

713[1]

423 Aber entspricht dieser also nichts Physikalisches? Das leugne ich nicht (Und wenn es bloß unsre Gewöhnung an diese Begriffe, an diese Sprachspiele wäre. Aber ich sage nicht, daß es so ist.) Wenn wir einem Menschen die und die Technik durch Exempel beibringen, – daß er dann mit einem bestimmten neuen Fall so und nicht so geht, oder daß er dann stockt, daß für ihn also dies und nicht jenes die ‘natürliche’ Fortsetzung ist, ist allein schon ein höchst wichtiges Naturfaktum.

423 But does this correspond to nothing physical? I do not deny that (And even if it were only our habit with these concepts, with these language-games. But I do not say that it is so.) If we teach a person a certain technique through examples – that he then deals with a certain new case in this way and not in that way, or that he then hesitates, that for him, therefore, this and not that is the “natural” continuation, is in itself a very important fact of nature.

§RPP II

713[2]

424 “Aber wenn ich mit ‘bläulichgelb’ grün meine, so fasse ich eben diesen Ausdruck anders als nach der ursprünglichen Weise auf. Die ursprüngliche Auffassung bezeichnet einen andern und eben nicht gangbaren Weg.” Was ist aber hier das wichtige Gleichnis das vom physisch nicht gangbaren Weg, oder vom nicht-Existieren des Weges? Also das Gleichnis der physikalischen, oder der mathematischen Unmöglichkeit?

424 “But if I mean green by ‘bluish-yellow,’ then I am simply using this expression differently from the original way. The original conception refers to a different and indeed unworkable path.” But what is the important simile here, the one of the physically unworkable path, or of the non-existence of the path? So, the simile of physical or mathematical impossibility?

§RPP II

713[3]

425 Wir haben ein System der Farben wie ein System der Zahlen. Liegen die Systeme in unserer Natur, oder in der Natur der Dinge? Wie soll man's sagen? Nicht in der Natur der Zahlen oder Farben.

425 We have a system of colors, just like a system of numbers. Do these systems lie in our nature, or in the nature of things? How should one put it? Not in the nature of numbers or colors.

§RPP II

713[4]

426 Hat denn dieses System etwas willkürliches? Ja und nein. Es ist mit Willkürlichem verwandt und mit nicht-Willkürlichem.

426 Does this system contain anything arbitrary? Yes and no. It is related to something arbitrary and to something non-arbitrary.

§RPP II

713[5] &
714[1]

427 Es leuchtet aus dem ersten Bild ein, daß man nichts als Zwischenfarben von rot und grün anerkennen will. (Und ob es dem Menschen immer so eingeleuchtet, oder erst nach Erfahrung und Erziehung ist hier gleichgiltig.) Was würden wir von Menschen denken, die ein ‘rötlich-grün’ kennen (etwa olivgrün so nennen)? Und was heißt das: “Die haben dann überhaupt einen andern Begriff der Farbe”? Als wollten wir sagen: “Es wäre eben dann nicht dieser, sondern ein anderer” – indem wir auf unsern zeigen. Als gäbe es also einen Gegenstand, dem der Begriff eindeutig angehörte.

427 It is evident from the first picture that one wants to recognize only intermediate colors between red and green. (And whether people have always seen it this way, or only after experience and education, is irrelevant here.) What would we think of people who know of a ‘reddish-green’ (perhaps call olive green that)? And what does that mean: “They then have a different concept of color”? As if we want to say: “It would simply be this, but a different one” – by pointing to our own. As if there were an object to which the concept unambiguously belongs.

§RPP II

714[2]

428 Die Leute kennen ein Rötlichgrün. Aber es gibt doch gar keins! – Welcher sonderbare Satz. – (Wie weißt du's nur?)

428 People know a reddish-green. But there really isn't any! – What a strange sentence. – (How do you know that?)

§RPP II

714[3]

429 (Das Bild, das den Begriff charakterisiert, wäre etwas wie eine algebraische Formel.)

429 (The picture that characterizes the concept would be something like an algebraic formula.)

§RPP II

714[4]

430 Sagen wir's doch so: Müssen denn diese Leute die Diskrepanz merken? Vielleicht sind sie zu stumpf dazu. Und dann wieder: vielleicht auch nicht. –

430 Let’s put it this way: Do these people have to notice the discrepancy? Perhaps they are too obtuse to do so. And then again: perhaps not. –

§RPP II

714[5]

431 Ja aber hat denn die Natur hier gar nichts mitzureden?! Doch – nur macht sie sich auf andere Weise hörbar. “Irgendwo wirst du doch an Existenz und nicht-Existenz anrennen!” Das heißt aber doch an Tatsachen, nicht an Begriffe.

431 But doesn’t nature have anything to say here?! Yes – only it makes itself heard in a different way. “Somewhere you will run up against existence and non-existence!” But that means facts, not concepts.

§RPP II

714[6] &
715[1]

432 Es ist eine Tatsache von der höchsten Wichtigkeit, daß eine Farbe, die wir (z.B.) “rötlichgelb” zu nennen geneigt sind, sich wirklich durch Mischung (auf verschiedene Weise) von Rot und Gelb erzeugen läßt. Und daß wir nicht im Stande sind, eine Farbe, die durch Mischen von Rot und Grün entstanden ist, ohne Weiteres als eine zu erkennen, die sich so erzeugen läßt. (Was aber bedeutet “ohne Weiteres” hier?) Es könnte Leute geben, die ein regelmäßiges 97-Eck ohne zu zählen auf einen Blick als solches erkennen.

432 It is a fact of the highest importance that a color that we are inclined to call (for example) “reddish-yellow” can actually be produced by mixing red and yellow (in various ways). And that we are not able to recognize a color that was created by mixing red and green as one that can be produced in this way, without further thought. (But what does “without further thought” mean here?) There could be people who can recognize a regular 97-sided figure at a glance without counting.

§RPP II

715[2]

433 Begriffe mit einer Malweise verglichen: Ist denn auch nur unsere Malweise willkürlich? Können wir uns einfach entscheiden, die der Ägypter anzunehmen? Oder handelt sich's da nur um hübsch und häßlich?

433 Concepts compared with a method of painting: Is even our method of painting arbitrary? Can we simply decide to adopt the method of the Egyptians? Or is it just about pretty and ugly?

§RPP II

715[3]

434 Haben wir denn die menschliche Sprache erfunden? So wenig, wie das Gehen auf zwei Beinen. Es ist eine wichtige Tatsache, wenn sich's so verhält, daß Menschen diesen großen Bären etwa in Strichen wiedergeben sollen, dies, wenn sie sich selbst überlassen sind, immer oder meistens auf eine bestimmte Weise und nie auf eine bestimmte andere tun. Aber heißt das: die Konstellation so sehen? Liegt darin z.B. schon die Möglichkeit eines Umschlagens des Aspekts? Denn es ist ja das Umschlagen, dessen Ähnlichkeit mit einem Wechseln des Gesichtsobjekts wir empfinden.

434 Have we invented human language? No more than we have invented walking on two legs. It is an important fact if it is the case that people should reproduce this large bear in strokes, that, if left to themselves, they always or mostly do it in a certain way and never in a certain other way. But does that mean: seeing the constellation like this? Does it already contain the possibility of a change of aspect? Because it is the change whose similarity to a change of the object of seeing that we perceive.

§RPP II

715[4]

435 Wenn nicht der Wechsel des Aspekts vorläge, so gäbe es nur eine Auffassung, nicht ein so oder so sehen.

435 If the change of aspect did not occur, there would be only one perception, not a way of seeing this or that.

§RPP II

715[5]

436 Das scheint absurd. Als wollte man sagen “Wenn ich nur immer mit Kohle heize, und nicht auch manchmal mit etwas anderem, so heize ich auch nicht mit Kohle”. Aber kann man nicht sagen: “Wenn es nur eine Substanz gäbe, so hätte man keinen Gebrauch für das Wort ‘Substanz’”? Aber das heißt doch: Der Begriff ‘Substanz’ setzt den Begriff ‘Unterschied der Substanz’ voraus. (Wie der des Schachkönigs den des Schachzuges, oder wie der der Farbe den der Farben.)

436 That seems absurd. As if one wanted to say “If I only ever heat with coal, and not with something else, then I am not heating with coal.” But can one not say: “If there were only one substance, then one would have no use for the word ‘substance’”? But that means: The concept ‘substance’ presupposes the concept ‘difference of substance’. (As does the concept of the chess king presuppose the concept of the chess move, or as does the concept of color presuppose the concept of colors.)

§RPP II

716[1]

437 Ich teile Einem etwas anders mit, wenn ich ihm sage:

a) daß in der Zeichnung, die er nicht sieht, die und die Form enthalten ist –

b) daß in der Zeichnung, die er sieht, die Form enthalten ist, die er noch nicht bemerkt –

c) daß ich gerade entdeckt habe, die Zeichnung, die mir wohlbekannt war, enthielte diese Form –

d) daß ich jetzt gerade die Zeichnung in diesem Aspekt sehe. Jede dieser Mitteilungen hat ein anderes Interesse.

437 I communicate something differently to someone if I say to him:

a) that in the drawing, which he does not see, this and that shape is contained –

b) that in the drawing, which he sees, the shape is contained, which he has not yet noticed –

c) that I have just discovered that the drawing, which was well known to me, contained this shape –

d) that I am now seeing the drawing in this aspect. Each of these communications has a different interest.

§RPP II

716[2]

438 Die erste ist eine teilweise Beschreibung eines wahrgenommenen Gegenstands, etwa analog der “Ich sehe dort etwas Rotes”. Die zweite ist, was ich eine “geometrische Mitteilung” nennen will. Sie ist im Gegensatz zur ersten zeitlos. Die Entdeckung, daß es sich so verhält, ist von der Art mathematischer Entdeckungen.

438 The first is a partial description of a perceived object, somewhat analogous to “I see something red there.” The second is what I want to call a “geometric communication.” In contrast to the first, it is timeless. The discovery that it is so is of the nature of mathematical discoveries.

§RPP II

716[3]

439 Aber könnte die Mitteilung nicht auch in temporaler Form gemacht werden? Etwa so: “Wenn du diese Zeichnung hin und herwendest, wirst du diese Form in ihr sehen, ohne daß sich die Linien bewegt zu haben scheinen.” Daß wir dies Faktum begriffsbestimmend verwenden, ist damit noch nicht gesagt.

439 But could the communication not also be made in temporal form? For example, like this: “If you turn this drawing back and forth, you will see this shape in it, without the lines seeming to have moved.” That we use this fact as concept-defining is not implied by this.

§RPP II

716[4]

440 Wie macht man denn die Entdeckung? Etwa, so: Man zieht auf durchscheinendem Papier – vielleicht rein zufällig – gewisse Linien der Zeichnung nach. Dann sieht man: das ist ja ein Gesicht! Oder man macht diesen Ausruf einmal beim Anblick der Zeichnung und zieht dann jenen Linien nach. – Und wo ist hier die Entdeckung? – Dies muß erst als Entdeckung, und insbesondere als geometrische Entdeckung, interpretiert werden.

440 How does one make the discovery? For example, like this: One traces certain lines of the drawing on translucent paper – perhaps purely by chance. Then one sees: that is a face! Or one makes this exclamation once when looking at the drawing and then traces those lines. – And where is the discovery here? – This must first be interpreted as a discovery, and in particular as a geometric discovery.

§RPP II

717[1]

441 Ein Aspekt kann mir dadurch erscheinen, daß mich einer auf ihn aufmerksam macht. Wie sehr unterscheidet das doch dieses ‘Sehen’ vom Wahrnehmen der Farben und Formen.

441 An aspect can appear to me in that someone draws my attention to it, thus making me aware of it. How greatly does this ‘seeing’ differ from the perception of colors and forms.

§RPP II

717[2]

442 Bemerken und Sehen. Man sagt nicht “Ich habe es fünf Minuten lang bemerkt”.

442 Noticing and seeing. One does not say, “I noticed it for five minutes.”

§RPP II

717[3]

443 “Aber sehen wir die menschlichen Gestalten auf dem Bild wirklich?” Wonach fragt man nur?? Es geht hier offenbar eine Störung eines Begriffs durch einen etwas verschiedenen vor sich. Ich sollte etwa fragen: “Sehe ich denn die Gestalten wirklich in dem selben Sinne wie …?” Oder auch: “Welchen Grund habe ich, hier von ‘sehen’ zu sprechen? und was lehnt sich etwa in mir dagegen auf?”

443 “But do we really see the human shapes in the picture?” What is one even asking? Apparently, there is a disturbance of a concept occurring through something slightly different. I should perhaps ask: “Do I really see the shapes in the same sense as …?” Or also: “What reason do I have to speak of ‘seeing’ here, and what is it that resists this within me?”

§RPP II

717[4]

444 Ich möchte etwa die Frage stellen: “Bin ich mir der Räumlichkeit (Tiefe) dieses Buches, z.B., während ich es sehe immer bewußt?” Fühle ich sie so zu sagen die ganze Zeit? – Aber stell die Frage in der dritten Person. Wann würdest du sagen, er sei sich ihrer immer bewußt? wann das Gegenteil? – Angenommen, du fragtest ihn, – aber wie hat er gelernt, dir auf diese Frage zu antworten? – Nun, er weiß z.B. was es heißt, ununterbrochen Schmerzen zu Fühlen. Aber das wird ihn hier nur verwirren, wie es auch mich verwirrt.

444 I would like to ask something like this: “When I look at this book, for example, am I always conscious of its spatiality (depth)?” Do I, as it were, feel it all the time? – But ask the question in the third person. When would you say that he is always conscious of it? When the opposite? – Suppose you asked him – but how did he learn to answer this question? – Well, he knows, for example, what it means to continuously feel pain. But that will only confuse him here, as it confuses me.

§RPP II

717[5]

445 Wenn er mir nun sagt, er sei sich der Tiefe fortwährend bewußt, glaub ich's ihm? Und wenn er sagt, er sei sich ihrer nur von Zeit zu Zeit bewußt, wenn er etwa von ihr redet, – glaub ich ihm das? Grundlage. – Anders aber, wenn er mir sagt, der Gegenstand käme ihm manchmal räumlich, manchmal aber flach vor.

445 If he now tells me that he is continuously conscious of the depth, do I believe him? And if he says that he is only conscious of it from time to time, when he is, for example, talking about it, do I believe that? Basis. – It is different, however, if he tells me that the object sometimes appears spatial to him, but sometimes flat.

§RPP II

718[1]

446 Ich könnte Einem wichtige Botschaft übermitteln, indem ich ihm das Bild einer Landschaft übersende. Liest er dieses, wie eine Werkzeichnung; ich meine: entziffert er es? Er sieht es an und richtet sich danach. Er sieht darauf Felsen, Bäume, ein Haus, etc.

446 I could communicate important information to someone by sending him a picture of a landscape. Does he read it like a technical drawing? I mean: does he decipher it? He looks at it and orients himself according to it. He sees rocks, trees, a house, etc.

§RPP II

718[2]

447 (Die Situation ist hier die der praktischen Notwendigkeit, aber das Verständigungsmittel eines, dem nichts von Verabredung, Definition und dergleichen anhängt, und das sonst nur quasi poetischen Zwecken dient. Aber es dient eben auch die gewöhnliche Wortsprache poetischen Zwecken.)

447 (The situation here is that of practical necessity, but the means of communication is one that is not attached to anything of agreement, definition and the like, and that otherwise serves only quasi-poetic purposes. But it also serves the ordinary language for poetic purposes.)

§RPP II

718[3]

448 Die Aspekte des F: Es ist quasi, wie wenn eine Vorstellung mit dem Gesichtseindruck in Berührung käme und für eine Zeit in Berührung bliebe.

448 The aspects of F: It is as if an image came into contact with the visual impression and remained in contact for a time.

§RPP II

718[4]

449 Der Fall des schwarzen und weißen Kreuzes aber ist anders und ähnlich dem der räumlichen Aspekte (z.B. der Prismenzeichnung).

449 The case of the black and white cross, however, is different and similar to that of the spatial aspects (e.g., the prism drawing).

§RPP II

718[5]

450 Die Versuchung, zu sagen “Ich sehe es so”, indem man bei “es” und “so” auf das Gleiche zeigt.

450 The temptation to say “I see it this way,” by pointing to the same thing when saying “it” and “this way.”

§RPP II

718[6] &
719[1]

451 Der Begriff ‘sehen’ macht einen wirren Eindruck. Nun, so ist er. – Ich sehe in die Landschaft; mein Blick schweift, ich sehe allerlei klare und unklare Bewegungen; dies prägt sich mir klar ein, jenes nur ganz verschwommen. Wie gänzlich zerrissen uns doch erscheinen kann, was wir sehen! Und nun sieh, was eine “Beschreibung des Gesehenen” heißt! Aber das ist es, was wir so nennen. Wir haben nicht einen wirklichen, respektablen Fall so einer Beschreibung und sagen: “Nun, das Übrige ist eben noch unklarer, harrt noch der Klärung, oder muß einfach als Abfall in den Winkel gekehrt werden.

451 The concept of ‘seeing’ creates a confusing impression. Well, that is how it is. – I look at the landscape; my gaze wanders, I see all sorts of clear and unclear movements; this makes a clear impression on me, that only a very blurred one. How utterly fragmented what we see can appear to us! And now, what does a “description of what is seen” mean! But that is what we call it. We do not have a real, respectable example of such a description and say: “Well, the rest is just even more unclear, still requires clarification, or must simply be relegated to the corner as waste.”

§RPP II

719[2]

452 Es ist hier für uns die ungeheure Gefahr, feine Unterschiede machen zu Wollen. Ähnlich ist es, wenn man den Begriff des physikalischen Körpers aus dem ‘wirklich Gesehenen’ erklären will. Es ist viel mehr das uns wohlbekannte Sprachspiel hinzunehmen, und falsche Erklärungen sind als solche zu kennzeichnen. Das Primitive, uns ursprünglich beigebrachte Sprachspiel bedarf keiner Rechtfertigung, falsche Versuche der Rechtfertigung, die sich uns aufdrängen, bedürfen der Zurückweisung.

452 Here, the immense danger for us is to want to make fine distinctions. It is similar when one wants to explain the concept of the physical body from what has ‘actually been seen’. It is much more a matter of adding the well-known language-game, & false explanations must be identified as such. The primitive language-game, originally taught to us, requires no justification; false attempts at justification, which impose themselves on us, must be rejected.

§RPP II

719[3]

453 Die Begriffsverhältnisse liegen sehr kompliziert.

453 The conceptual relationships are very complicated.

§RPP II

719[4]

454 Es ist immer zu trennen der Ausdruck von der Technik. Und der Fall, wenn wir die Technik angeben können, von dem, wenn wir sie nicht angeben können.

454 It is always necessary to separate the expression from the technique, and the case where we can specify the technique from the case where we cannot.

§RPP II

719[5]

455 Ich könnte wohl sagen: “Meine Gedanken gehen von diesem Bild natürlich zu wirklichem Gras, zu wirklichen Tieren hin; von jenem Bild nie.”

455 I could probably say: “My thoughts naturally go from this picture to real grass, to real animals; from that picture, never.”

§RPP II

719[6]

456 Man sagt beim Anschauen des Bildes: “Siehst du nicht ein Eichhörnchen!” “Fühlst du nicht die Weichheit dieses Pelzes!” – Und man sagt dies bei gewissen Bildern, bei andern nicht.

456 When looking at the picture, one says: “Do you not see a squirrel!” “Do you not feel the softness of this fur!” – And one says this with certain pictures, but not with others.

§RPP II

719[7] &
720[1]

457 Auf die Idee des Bildwesens, welche nicht unähnlich einer mathematischen Idee ist, komme ich durch gewisse Darstellungsweisen, unter gewissen Umständen. Wenn jemand ein von mir geschriebenes Blatt sieht, so wird er, wenn er Lateinschrift lesen und schreiben kann, es leicht ziemlich genau kopieren können. Er braucht es nur lesen und wieder schreiben. Trotz der Abweichungen der Handschrift wird er mit Leichtigkeit ein halbwegs gutes Bild der Linien auf meinem Blatte hervorbringen. Hätte er Lateinschrift nicht lesen und schreiben gelernt, so wäre es ihm nur mit größter Mühe gelungen, jene verschlungenen Linien zu kopieren. Soll ich nun sagen: wer dies gelernt hat, sähe das beschriebene Blatt ganz anders als eine Anderer? – Was wissen wir davon? Es könnte ja sein, daß wir Einem, ehe er schreiben und lesen gelernt hatte jenes Blatt zu kopieren gab; und dann wieder, nachdem er schreiben und lesen gelernt hatte. Und er wird uns dann vielleicht sagen: “Ja, jetzt sehe ich diese Linien ganz anders.” Er wird auch vielleicht erklären: “Jetzt sehe ich eigentlich nur die Schrift, die ich gerade lese.; alles andere ist Drum und Dran, was mich nichts angeht und ich kaum bemerke.” Nun, das heißt: er sieht das Bild anders – wenn er nämlich wirklich auch anders darauf reagiert. Ebenso wird, wer lesen gelernt hat, von dem Blatt, das nach der Länge und Quere beschrieben ist, einen andern Bericht geben können, als wer nicht lesen kann. Und Analoges gilt vom Sprechen und den begleitenden Geräuschen.

457 I arrive at the idea of the essence of a picture, which is not unlike a mathematical idea, through certain ways of representation, under certain circumstances. If someone sees a sheet of paper written by me, and if he can read and write Latin script, he will easily be able to copy it quite accurately. He only needs to read it and write it down again. Despite the deviations in handwriting, he will easily produce a reasonably good picture of the lines on my sheet. If he had not learned to read and write Latin script, it would only have been possible for him with great effort to copy those intricate lines. Should I now say: does someone who has learned this see the described sheet completely differently from someone else? – What do we know about that? It could be that we gave someone the sheet to copy before he learned to write and read, and then again after he had learned to write and read. And he might then say to us: “Yes, now I see these lines completely differently.” He might also explain: “Now I actually only see the script that I am currently reading; everything else is just extra, which doesn’t concern me and which I hardly notice.” Well, that means: he sees the picture differently – if he actually reacts to it differently. Similarly, someone who has learned to read will be able to give a different account of the sheet that is written lengthwise and crosswise than someone who cannot read. And something analogous applies to speaking and the accompanying sounds.

§RPP II

720[2]

458 ((Zu № 685 S.191)). Es gibt da die Antwort “Ich habe ein 🖵 noch nie daraufhin angeschaut.”

458 ((Regarding No. 685, p. 191)). There is the answer: “I have never looked at a 🖵 in that way.”

§RPP II

720[3]

459 Denke, Einer antwortete: “Für mich schaut es immer in dieser Richtung”. – Würden wir seine Antwort nun annehmen? Sie würde uns zu behaupten scheinen, er denke, wann immer er diesen Buchstaben sieht, an solche Zusammenhänge (ganz so, wie man sagt: “Wenn immer ich diesen Menschen sehe, muß ich daran denken, wie er …”

459 Imagine someone replied: “For me, it always looks in this direction.” – Would we accept his answer? It would seem to imply that he thinks that whenever he sees this letter, he thinks of such connections (just as one says: “Whenever I see this person, I must think about how he…”).

§RPP II

720[4] &
721[1]

460 Aber wenn wir nun das Bild eines Gesichts, oder ein wirkliches Gesicht sehen, – kann man hier auch sagen: Ich sehe es nur so lange in dieser Richtung schauend als ich mich so damit beschäftige? – Was ist der Unterschied? Die Mitteilung “Dieses Gesicht schaut nach rechts” ist, für gewöhnlich, eine über die Lage des Gesichts, ich mache sie Einem, der selbst das Gesicht nicht sieht. Es ist die Mitteilung einer Wahrnehmung.

460 But if we now look at a picture of a face, or a real face, – can one also say here: I only see it as long as I look at it in this direction and as long as I am so engaged with it? – What is the difference? The communication “This face is looking to the right” is, usually, about the location of the face; I make it to someone who does not see the face themselves. It is the communication of a perception.

§RPP II

721[2]

461 ((Zu № 686 S.191 – 192)). Zeigt dies nun aber, daß es sich in diesen Fällen um ein ‘Sehen’ nicht handeln kann – sondern etwa um ein Denken? Dagegen spricht schon, daß man überhaupt von einem Sehen reden will. Soll ich also sagen, es ist hier ein Phänomen zwischen Sehen und Denken? Nein; aber ein Begriff, der zwischen dem des Sehens und dem des Denkens liegt, d.h., mit beiden Ähnlichkeit hat; und Phänomene, die mit denen des Sehens und Denkens verwandt sind (z.B. das Phänomen der Äußerung “Ich sehe das F nach rechts schauen”).

461 ((Regarding No. 686, pp. 191–192)). But does this show that in these cases it cannot be a case of ‘seeing’ – but rather, perhaps, of thinking? The very fact that one wants to talk about seeing at all speaks against this. Should I say that it is a phenomenon between seeing and thinking? No; but a concept that lies between seeing and thinking, i.e., that has similarities with both; and phenomena that are related to seeing and thinking (e.g., the phenomenon of the utterance “I see the F looking to the right”).

§RPP II

721[3]

462 Wie merkt man, daß die Menschen räumlich sehen? Ich frage Einen, wie das Terrain liegt, das er überschaut. “Liegt es so?” (räumliche Geste) – “Ja.” – “Woher weißt du das?” – Es ist nicht neblig, ich sehe ganz klar.” – Es werden keine Gründe für die Vermutung abgeben. Es ist uns einzig natürlich, das Geschaute räumlich darzustellen; während es für die ebene Darstellung, sei es durch Zeichnung oder durch Worte, besonderer Übung und eines Unterrichts bedarf. Die Sonderbarkeit der Kinderzeichnungen.

462 How does one recognize that people see spatially? I ask someone about the terrain that they are looking at. “Is it like this?” (spatial gesture) – “Yes.” – “How do you know that?” – “It isn’t foggy, I see it quite clearly.” – No reasons are given for the assumption. It is only natural for us to represent what we see spatially; whereas, for the planar representation, whether through drawing or through words, special practice & instruction are required. The peculiarity of children’s drawings.

§RPP II

721[4] &
722[1]

463 Was fehlt dem, der die Frage nicht versteht, nach welcher Seite der Buchstabe F schaue, wo ihm etwa eine Nase zu malen wäre? Oder dem, der nicht findet, beim öfteren Wiederholen eines Wortes gehe diesem etwas verloren; seine Bedeutung; und es werde nun ein großer Klang?

Wir sagen “Zuerst war etwas da wie eine Vorstellung”.

463 What is lacking in the one who does not understand the question of which side of the letter F faces, or where one might paint a nose on it? Or in the one who cannot see that something is lost through the repeated use of a word; its meaning; and that it now becomes a mere sound?

We say “First, something was there like an image”.

§RPP II

722[2]

464 Ist es dies, daß er einen Satz nicht wie die Verstehenden genießen, beurteilen kann; daß der Satz für ihn lebt (mit allem, was das in sich schließt); daß das Wort nicht das Aroma seiner Bedeutung hat? Daß er sich also in vielen Fällen anders zu einem Wort verhält als wir? Daß er sich also in vielen Fällen anders zu einem Wort verhält als wir? – Es könnte so sein.

464 Is it this: that he cannot enjoy or judge a sentence as those who understand it do; that the sentence is alive for him (with everything that this entails); that the word does not have the aroma of its meaning? That in many cases, therefore, he relates to a word differently than we do? That in many cases, therefore, he relates to a word differently than we do? – It could be so.

§RPP II

722[3]

465 Wenn ich aber eine Melodie mit Verständnis höre, geht da nicht etwas Besonderes in mir vor – was nicht vorgeht, wenn ich sie verständnislos höre? Und was? – Es kommt keine Antwort; oder was mir einfällt, ist abgeschmackt. Ich kann wohl sagen: “Jetzt habe ich sie verstanden”, und nun etwa über sie reden, sie spielen, sie mit andern vergleichen, etc. Zeichen des Verständnisses mögen das Hören begleiten.

465 But if I listen to a melody with understanding, doesn’t something special happen within me – something that doesn’t happen when I listen to it without understanding? And what? – No answer comes; or what occurs to me is absurd. I can probably say: “Now I have understood it,” and now perhaps talk about it, play it, compare it with others, etc. Signs of understanding may accompany the listening.

§RPP II

722[4]

466 Es ist falsch, das Verstehen einen Vorgang zu nennen, der das Hören begleitet. (Man könnte ja auch die Äußerung davon, das ausdrucksvolle Spiel, nicht eine Begleitung des Hörens nennen.)

466 It is wrong to call understanding a process that accompanies listening. (One could also not call the utterance, the expressive play, an accompaniment of listening.)

§RPP II

722[5] &
723[1]

467 Denn wie läßt sich erklären, was ‘ausdrucksvolles Spiel’ ist? Gewiß nicht durch etwas, was das Spiel begleitet. – Was gehört also dazu? Eine Kultur, möchte man sagen. – Wer in einer bestimmten Kultur erzogen ist, – dann auf Musik so und so reagiert, dem wird man den Gebrauch des Wortes “ausdrucksvolles Spiel” beibringen können.

467 For how is one to explain what ‘expressive play’ is? Certainly not by something that accompanies the play. – So what does it consist of? A culture, one might say. – If someone is brought up in a particular culture, and reacts to music in a certain way, then one will be able to teach him the use of the word “expressive play”.

§RPP II

723[2]

468 Das Verstehen eines Themas ist weder eine Empfindung, noch eine Summe von Empfindungen. Es ein Erlebnis zu nennen, ist aber dennoch insofern richtig, als dieser Begriff des Verstehens manche Verwandtschaften mit andern Erlebnisbegriffen hat. Man sagt “Ich habe diese Stelle diesmal ganz anders erlebt”“. Aber doch ‘beschreibt’ dieser Ausdruck ‘was geschah’ nur für den, der mit einem sondern Begriff System vertraut ist. Analogie: “Ich habe die Partie gewonnen”.

468 Understanding a subject is neither a sensation, nor a sum of sensations. However, to call it an experience is still correct in so far as this concept of understanding has some affinities with other concepts of experience. One says “I experienced this passage quite differently this time”. But this expression ‘describes’ ‘what happened’ only for someone who is familiar with a certain system of concepts. Analogy: “I won the game”.

§RPP II

723[3]

469 Beim Lesen schwebt mir das vor. So geht also etwas beim Lesen vor sich …? Diese Frage führt ja nicht weiter.

469 When reading, that is what comes to mind. So, something happens when one reads…? This question does not lead anywhere.

§RPP II

723[4]

470 Wie kann mir doch das vorschweben? Nicht in den Dimensionen, an die du denkst.

470 How can that possibly be in my mind? Not in the dimensions you are thinking of.

§RPP II

723[5]

471 Gewisses am sehen kommt uns rätselhaft vor, weil uns das ganze Sehen uns nicht rätselhaft genug vorkommt.

471 Certain aspects of seeing seem puzzling to us because seeing as a whole does not seem puzzling enough.

§RPP II

723[6] &
723a[1]

472 Daß jemand einen deutlich gemalten Würfel räumlich sieht, wissen wir Alle. Er kann, was er sieht, vielleicht nicht einmal anders als räumlich beschreiben. Und, daß Einer so ein Bild auch flach sehen könnte, ist klar. Wenn er nun abwechselnd das Bild einmal so, einmal so sieht, hat er das Erlebnis eines Wechsels des Aspekts. Was ist dann daran das Staunen erregende? – ist es dies: daß hier der Bericht “Ich sehe jetzt … nicht mehr Bericht über den wahrgenommenen Gegenstand sein kann. Denn früher war ja “Ich sehe auf diesem Bild einen Würfel” der Bericht über den Gegenstand, welchen ich anblicke.

472 That someone sees a clearly depicted cube spatially, we all know. He may not even be able to describe what he sees in any other way than spatially. And that one might also see such a picture flatly is clear. If he now alternately sees the picture one way, then another, he has the experience of a change in aspect. What, then, is so astonishing about that? – is it this: that here the report “I am now seeing…” can no longer be a report about the perceived object. For previously, “I see a cube in this picture” was the report about the object that I am looking at.

§RPP II

723a[2]

473 Das Unbegreifliche ist ja doch, daß sich nichts geändert hat und sich doch Alles geändert hat. Denn nur so kann man es ausdrücken. Nicht so: es habe sich in einer Beziehung nicht verändert, wohl aber in einer andern. Daran wäre nichts Seltsames.” Es hat sich nichts geändert” heißt aber: Ich habe kein Recht, meinen Bericht über das Gesehene zu ändern, ich sehe nach wie vor das Selbe – bin aber, auf unbegreifliche Weise, gezwungen abwechselnd ganz verschiedenes zu berichten.

473 What is incomprehensible is that nothing has changed, and yet everything has changed. For that is the only way one can express it. Not like this: it has not changed in one respect, but it has changed in another. There would be nothing strange about that.” But “nothing has changed” means: I have no right to alter my account of what I have seen; I still see the same thing – but I am, in an incomprehensible way, forced to report something quite different at one time and something else at another.

§RPP II

723a[3]

474 Und es ist nicht so: ich sehe das Bild eben als einen der unendlich vielen Körper, dessen Projektion es ist; – sondern nur als diesen – oder als diesen. Das Bild ist also abwechselnd der Eine und der Andere.

474 And it is not like this: I see the picture simply as one of the infinitely many bodies, of which it is the projection; – but only as this – or as this. The picture is therefore alternately the one and the other.

§RPP II

723a[4]

745 Wir haben jetzt einen Sprachspiel, das in merkwürdiger Weise gleich, und in merkwürdiger Weise verschieden von dem früheren ist. Die Konsequenzen aus dem Ausdruck “Ich sehe jetzt …” sind nun gänzlich andere; obwohl doch wieder enge Verwandtschaft der Sprachspiele besteht.

745 We now have a language-game that is in a remarkable way the same, & in a remarkable way different from the earlier one. The consequences of the expression “I see now…” are now quite different; although there is still a close kinship between the language-games.

§RPP II

723a[5]

476 Daß das Auge (der Punkt in unserem Bild) in einer Richtung liegt hätte uns gar nicht in Staunen versetzt – bis es die Blickrichtung geändert hatte.

476 The fact that the eye (the point in our picture) is oriented in a particular direction would not have surprised us at all – until it had changed its direction of gaze.

§RPP II

723a[6] &
724[1]

477 ((Statt № 835 S.299.)) Die Frage liegt nahe: könnten wir uns Menschen denken, die nie etwas als etwas sähen? Würde diesen ein wichtiger Sinn fehlen; ähnlich als wären sie farbenblind oder als fehlte ihnen absolutes Gehör? Nennen wir solche Menschen einmal “gestaltblind” oder “aspektblind”.

477 ((Instead of No. 835, p. 299.)) The question suggests itself: could we imagine people who never saw anything as anything? Would something essential be lacking in them; similar to being colorblind or lacking perfect pitch? Let us call such people “shape-blind” or “aspect-blind”.

§RPP II

724[2]

478 Da wird es sich fragen, für welche Art von Aspekt einer blind ist. Soll ich z.B. annehmen, daß er das Würfelschema nicht einmal so, einmal anders im Raum sehen kann? Ist es so, werde ich konsequenter Weise annehmen müssen, er könne das Bild eines Würfels nicht als Würfel, also das Bild eines räumlichen Gegenstandes nicht als solchen sehen. Er hätte also zu Bildern überhaupt eine andere Einstellung als wir. Es könnte die sein, die wir zu einer Blaupause haben. Er wäre z.B. im Stande, nach einer bildlichen Darstellung zu arbeiten. – Aber hier ist die Schwierigkeit, daß er ein Bild dann nie für einen räumlichen Gegenstand halten dürfte, wie wir z.B. manchmal eine Scheinarchitektur. Und das könnte man nicht wohl eine Blindheit nennen; eher das Gegenteil. (Diese Untersuchung ist keine psychologische.)

478 One might ask, for what kind of aspect is he blind. Should one, for example, assume that he cannot see the cube schema even like this, or another time differently in space? If it is so, one will have to assume, consistently, that he cannot see the picture of a cube as a cube, i.e., the picture of a spatial object as such. He would therefore have a different attitude toward pictures in general than we do. It could be the one we have toward a blueprint. He would, for example, be able to work from a pictorial representation. – But here lies the difficulty, that he should never take a picture to be a spatial object, as we sometimes take a mock architecture. And that could hardly be called blindness; rather the opposite. (This investigation is not a psychological one.)

§RPP II

724[3]

479 Es läßt sich ja natürlich vorstellen, daß Einer nie einen Wechsel des Aspekts sieht; indem der räumliche Aspekt eines jeden Bildes für ihn immer stabil bleibt. Aber diese Annahme interessiert uns nicht

479 It is certainly conceivable that someone never perceives a change in aspect, in that the spatial aspect of every picture always remains stable for him. But this assumption does not interest us.

§RPP II

724[4]

480 Es ist aber denkbar, und für uns auch wichtig, daß Leute ein von dem unsern ganz verschiedenes Verhältnis zu Bildern haben könnten. ((No. 836 S.230)).

480 It is, however, conceivable, and also important for us, that people could have a completely different relationship to pictures than ours. ((No. 836, p. 230)).

§RPP II

724[5] &
725[1]

481 Wir könnten uns also Einen denken, der nur ein gemaltes Gesicht als Gesicht sähe, aber nicht eines, das aus einem Kreis und vier Punkten besteht. Der also das Hasen-Entenbild nicht als Bild eines Tierkopfes sieht, und daher auch nicht den Aspektwechsel, welchen wir kennen.

481 So we could imagine someone who only sees a painted face as a face, but not one that consists of a circle and four points. Who therefore does not see the hare-duck picture as a picture of an animal’s head, and therefore also not the change of aspect that we know.

§RPP II

725[2]

482 Einer soll das Bild eines Laufenden nicht als Bild der Bewegung sehen können: Wie würde es sich zeigen? Ich nehme an, er habe gelernt, daß so ein Bild einen Läufer darstellt. So kann er also sagen, es sei ein Läufer; wie wird er sich dann von den normalen Menschen unterscheiden? Er wird für die Darstellung der Bewegung in einem Bild überhaupt nicht Verständnis zeigen, – werde ich annehmen. Und was würden wir Zeichen dieses mangelnden Verständnisses nennen? – Das können wir uns unschwer ausmalen. (Wenn aber ein solcher nun jedes Bild sehen und genau kopieren könnte, so würden wir gewiß von ihm nicht sagen. Sein Gesichtssinn sei mangelhaft.)

Es ist ja klar, daß der Schüler, der nur eben erst mit dem Begriff Spitze, Grundlinie, etc. Bekanntschaft gemacht hat, daß für den die Worte “Ich sehe jetzt das als Spitze – jetzt das” keinen Sinn haben werden. Aber das meinte ich nicht, als einen Erfahrungssatz.

482 Suppose someone is unable to see a picture of a running person as a picture of movement: how would this manifest itself? I assume that he has learned that such a picture represents a runner. So, he can say that it is a runner; how will he then differ from normal people? He will show absolutely no understanding for the representation of movement in a picture – that is what I will assume. And what would we call the signs of this lack of understanding? – We can easily imagine it. (However, if such a person could see and accurately copy every picture, we would certainly not say that his visual sense is deficient.)

It is clear that for the student who has only just become acquainted with the concepts of apex, baseline, etc., the words “Now I see this as the apex – now this” will not make sense. But that is not what I meant when I spoke of an experiential proposition.

§RPP II

725[3]

483 Nur von dem würde man sagen, er sähe es jetzt so, jetzt so, der im Stande ist, mit Geläufigkeit allerlei Anwendungen von der Figur zu machen.

483 One would only say that he now sees it this way, now that way, if he is able to readily make all sorts of applications of the figure.

§RPP II

725[4]

484 Wie seltsam aber, daß dies die Bedingung sein soll, daß er das und das erlebt! Du sagst doch nicht, daß nur der Zahnschmerzen hat, der das und das zu tun im Stande sei. Woraus eben folgt, daß wir's hier nicht mit dem selben Erlebnisbegriff zu tun haben. Der Erlebnisbegriff ist jedesmal ein anderer, wenn auch ein Verwandter.

484 How strange, however, that this should be the condition for him to experience this and that! You don’t say that only someone who is able to do this and that has toothache. From which it follows that we are not dealing with the same concept of experience here. The concept of experience is different each time, although it is related.

§RPP II

726[1]

485 Wir sprechen, machen Äußerungen, und erst später erhalten wir ein Bild von ihrem Leben.

485 We speak, make utterances, and only later do we get a picture of their life.

§RPP II

726[2]

486 Man könnte sich aber diese Art und Weise denken, dem Schüler jenes Sehen beizubringen: Man zeichnet zu dem Dreieck ein zweites hin, welches das noch nicht umgestürzt ist. Später läßt man dies aus und er kann nun das Dreieck als umgefallen sehen. – Muß er denn aber diese Illustration verstehen, oder doch richtig sehen? – Es könnte sein, daß sie ihn nur noch verwirrt. Wem jene Illustration nichts sagt, zu dem werden auch andere Bilder nicht sprechen wie zu uns, er wird auf sie nicht so reagieren wie wir. (Nicht erfahrungsmäßig.) Analogie mit dem Bild des laufenden Pferdes.

486 One could, however, imagine this method of teaching the student to see in that way: one draws a second triangle next to the first, which has not yet been turned over. Later, this is left out, and he can now see the triangle as overturned. – But must he understand this illustration, or really see it correctly? – It could be that it only confuses him further. For someone for whom this illustration means nothing, other pictures will also not “speak” as they do to us; he will not react to them as we do. (Not in an experiential way.) Analogy with the picture of the running horse.

§RPP II

726[3]

487 Es ist nicht weniger als selbstverständlich daß wir mit zwei Augen ‘räumlich’ sehen. Wenn die Beiden Gesichtsbilder in eins verschmelzen, könnte man sich als Resultat ein verschwommenes erwarten, analog einer verwackelten Photographie.

487 It is no less self-evident that we see “spatially” with two eyes. If the two visual images merge into one, one could expect a blurred result, analogous to a blurred photograph.

§RPP II

726[4]

488 Eine Geheimsprache, die ich mit Einem vereinbare, worin “Bank” Apfel bedeutet. Gleich nach der Vereinbarung sage ich ihm “Schaff diese Bänke fort!” – Er versteht mich und tut es; aber das Wort “Bank” kommt ihm in dieser Verwendung noch immer fremdartig vor, und er mag bei ihm die Vorstellung von einer Bank haben.

488 A secret language that I agree upon with someone, in which “bank” means apple. Immediately after the agreement, I say to him, “Remove these banks!” – He understands me and does it; but the word “bank” still seems strange to him in this use, and he may have the image of a bank in his mind.

§RPP II

726[5]

489 Was würde man von dem sagen, der das Würfelschema nicht einmal als Stehende, einmal als liegende Schachtel sehen kann? Ist dies nicht, wenn es ein Defekt ist, eher Einer der Fantasie, als des Gesichtspunktes?

489 What would one say about someone who cannot see the cube diagram even once as a standing box and once as a lying box? If this is a defect, is it not more likely to be one of imagination than of perspective?

§RPP II

727[1]

490 Aber welch merkwürdige Methode! – Ich bilde einen Begriff und frage mich, wie er konsequent durchzuführen wäre. Was “seine konsequente Durchführung” für uns zu heißen verdiente. Wir sehen ein Gemälde zwar räumlich, es wäre uns nicht leicht, es als Aggregat ebener Farbflächen zu beschreiben, aber was wir im Stereoskop sehen, schaut noch ganz anders räumlich aus. – Wer eine Photographie betrachtet, von Menschen, Häusern, Bäumen etwa, dem scheint Räumlichkeit an ihr nicht abzugeben! ((Zu der Bemerkung über das räumliche mit beiden Augen.))

490 But what a remarkable method! – I form a concept and ask myself how it could be consistently carried out. What “its consistent implementation” would mean for us. We certainly see a painting spatially; it would not be easy for us to describe it as an aggregate of flat color surfaces, but what we see in a stereoscope looks completely different spatially. – For someone who looks at a photograph of people, houses, trees, etc., it does not seem to give off any spatiality! ((Referring to the remark about seeing spatially with both eyes.))

§RPP II

727[2]

491 Ich kann das Würfelschema als Schachtel sehen, aber nicht: einmal als Papier – einmal als Blechschachtel. – Was sollte ich dazu sagen, wenn jemand mir versicherte er könnte die Figur als Blechschachtel sehen? Sollte ich antworten, daß sei kein Sehen? Aber, wenn nicht sehen, könnte er es also empfinden? Es wäre natürlich plausibel, zu antworten: nur was in Wirklichkeit gesehen werden könnte, könne man sich so visuell vorstellen. ((Das Wissen im Traum.))

491 I can see the cube diagram as a box, but not: sometimes as a paper box, sometimes as a metal box. – What should I say if someone assured me that they can see the figure as a metal box? Should I reply that it is not seeing? But if not seeing, could they then experience it? It would of course be plausible to say: only what could actually be seen can be so visually imagined. ((Knowledge in dreams.))

§RPP II

727[3]

492 Die Erfahrung, wenn man aus dem Kino auf die Straße tritt und Straße und Menschen sieht, als wären sie auf dem Lichtschirm und Teil einer Filmhandlung. Woran liegt es? Wie sieht man die Straße und die Menschen? Ich könnte nur sagen: ich habe z.B. den flüchtigen Gedanken “vielleicht wird dieser Mann eine Hauptperson im Stück sein”. Aber das allein ist es nicht. Meine Einstellung ist irgendwie die zu den Vorgängen auf der Leinwand. Etwa wie eine milde Neugierde, ein Vergnügen. Aber das Alles kann ich zuerst gar nicht sagen.

492 The experience, when one steps out of the cinema onto the street and sees the street and people as if they were on a screen and part of a film. What is it due to? How does one see the street and the people? I could only say: I, for example, have the fleeting thought, “perhaps this man will be a main character in the play.” But that alone is not it. My attitude is somehow the same as towards the events on the screen. Something like a mild curiosity, a pleasure. But I can’t quite put all of this into words.

§RPP II

727[4] &
728[1]

493 Gehört dazu, etwas als Variation eines bestimmten Themas zu hören, nicht Fantasie? Und doch nimmt man dadurch etwas wahr.

493 Does it belong to it, to hear something as a variation of a particular theme, is it not fantasy? And yet, one perceives something through it.

§RPP II

728[2]

494 “Stell dir das so geändert vor, so hast du das andere.” Im Allgemeinen möchte man sagen, die Vorstellungskraft könne ein Bild, eine Demonstration ersetzen.

494 “Imagine that changed, and you will have the other.” In general, one would like to say that the powers of imagination can replace a picture, a demonstration.

§RPP II

728[3]

495 Die Aspekte des doppelten Kreuzes kann man einfach dadurch ausdrücken, daß man einmal auf ein weißes Kreuz, einmal auf ein Schwarzes zeigt, darauf also, worauf man auch bei der Frage wiese “Ist in der Figur auf diesem Papier dies enthalten?” – Die gleiche Frage könnte man bezüglich des Hasen – Enten – Bildes stellen. Es ist aber auch klar, daß hier jeder Fall etwas von dem Andern abweicht. Denn, um die Aspekte dieses Bilds auszudrücken, zeigt man z.B. auf etwas, was nicht im Bild enthalten ist, wie das schwarze Kreuz im Doppelkreuz.

495 The aspects of the double cross can simply be expressed by sometimes pointing to a white cross, sometimes to a black one, that is, to what one also points to when asking, “Is this contained in the figure on this paper?” – The same question could be asked regarding the rabbit-duck picture. However, it is also clear that in each case, something differs from the other. For in order to express the aspects of this picture, one points, for example, to something that is not contained in the picture, such as the black cross in the double cross.

§RPP II

728[4]

496 Du redest doch vom Verstehen der Musik. Du verstehst sie doch während du sie hörst! Sollen wir davon sagen, es sei ein Erlebnis, welches das Hören begleite?

496 You are talking about understanding the music. You understand it while you are listening to it! Should we say that it is an experience that accompanies the listening?

§RPP II

728[5]

497 Ich gebe Zeichen des Entzückens und des Verständnisses. Ist es Wortklauberei: Freude, Genuß, Entzücken seien nicht Empfindungen? Fragen wir uns einmal: Wieviel Analogie besteht denn zwischen dem Entzücken und dem, was wir z.B. “Sinnesempfindungen nennen?

497 I give signs of delight and understanding. Is it hair-splitting to say that joy, pleasure, delight are not sensations? Let us ask ourselves: how much analogy is there between delight and what we call “sensations,” for example?

§RPP II

728[6]

498 Das Bindebild zwischen ihnen wäre der Schmerz. Denn sein Begriff ähnelt dem der Tastempfindung z.B. (durch die Merkmale der Lokalisierung, echten Dauer, Intensität, Qualität) und zugleich dem der Gemütsbewegungen durch den Ausdruck (Mienen, Gebärden, Laute).

498 The connecting image between them would be pain. For its concept is similar to that of tactile sensation, for example (through the characteristics of localization, real duration, intensity, quality), and at the same time to that of emotional states through expression (facial expressions, gestures, sounds).

§RPP II

729[1]

499 Wie weiß ich, daß Einer entzückt ist? Wie lernt man den sprachlichen Ausdruck des Entzückens? Woran knüpft er sich? An den Ausdruck von Körperempfindungen? Fragen wir Einen, was er in der Brust, in den Gesichtsmuskeln spürt, um herauszufinden, ob er Genuß empfindet?

499 How do I know that someone is delighted? How does one learn the verbal expression of delight? What does it attach to? To the expression of bodily sensations? Should we ask someone what they feel in their chest, in their facial muscles, in order to find out whether they are experiencing pleasure?

§RPP II

729[2] &
730[1]

500 Heißt das aber, es gäbe nicht doch Empfindungen, die oft beim Genießen der Musik wiederkehren? Durchaus nicht. (Bei manchen Stellen mag ihm das Weinen kommen und es spürt es im Kehlkopf). Ein Gedicht macht uns beim Lesen einen Eindruck. “Fühlst du das selbe, während du es liest, wie wenn du etwas Gleichgiltiges liest?” – Wie habe ich auf diese Frage antworten gelernt? Ich werde vielleicht sagen: “Natürlich nicht!” – was soviel heißt wie: mich ergreift dies, und das andere nicht. “Ich erlebe dabei etwas anderes.” – Und welcher Art ist dies? – Ich kann nichts Befriedigendes antworten. Denn, was ich angebe, ist nichts Wichtiges. – “Hast du aber nicht während des Lesens genossen?” Freilich – – – denn die entgegengesetzte Antwort hieße: ich hätte es früher, oder später genossen; und das will ich nicht sagen. Aber nun erinnerst du dich an gewisse Empfindungen und Vorstellungen und Gedanken beim Lesen, und zwar solche, die für das Genießen, für den Eindruck nicht irrelevant waren. – Aber von denen möchte ich sagen, sie hätten ihre Richtigkeit nur durch ihre Umgebung erhalten: durch das Lesen des Gedichts, durch meine Kenntnis der Sprache, des Metrums und unzähliger anderer Dinge. Diese Augen lächeln nur in diesem Gesicht und in diesem zeitlichen Zusammenhang.) Du mußt dich doch fragen, wie haben wir den Ausdruck “Ist das nicht herrlich!” (z.B.) überhaupt gelernt? – Niemand erklärte ihn uns, indem er sich auf Empfindungen, Vorstellungen, oder Gedanken bezog, die das Hören begleiten! Ja, wir würden nicht verzweifeln, daß er's genossen hat, wenn er keine solchen Erlebnisse anzugeben wüßte; wohl aber, wenn es sich zeigte, daß er gewisse Zusammenhänge nicht versteht.

500 Does that mean there aren't sensations that often recur when one enjoys music? Not at all. (In some passages, it may make him want to cry, and he feels it in his throat.) A poem gives us an impression when we read it. “Do you feel the same thing while reading it as when you read something indifferent?” – How have I learned to answer this question? I might say: “Of course not!” – which means that this affects me, and the other does not. “I experience something different.” – And what is the nature of this? – I cannot give a satisfactory answer. Because what I state is not something important. – “But didn't you enjoy it while reading?” Of course – – – because the opposite answer would mean that I enjoyed it earlier or later; and that is not what I want to say. But now you remember certain sensations, images, and thoughts when reading, and those that were not irrelevant to the enjoyment, to the impression. – But I would like to say that they only received their validity through their surroundings: through reading the poem, through my knowledge of the language, of the meter, and countless other things. These eyes only smile in this face and in this temporal context.) You must ask yourself how did we learn the expression “Isn't that wonderful!” (for example)? – No one explained it to us by referring to sensations, images, or thoughts that accompany listening! Yes, we would not despair that he enjoyed it if he could not state such experiences; but we would despair if it turned out that he did not understand certain connections.

§RPP II

730[2]

501 Aber zeigt sich das Verständnis nicht z.B. darin, mit welchem Ausdruck Einer das Gedicht liest, die Melodie singt? Gewiß. Aber was ist nun hier das Erlebnis während des Lesens? Da müßte man ja sagen: der genieße und verstehe es, der es gut gelesen hört, oder in den Sprechorganen fühlt.

501 But doesn’t understanding show itself, for example, in how someone reads the poem, sings the melody? Certainly. But what is the experience during reading? One would have to say: he enjoys and understands it, he hears it well, or he feels it in the vocal organs.

§RPP II

730[3]

502 Man kann auch vom Verstehen einer musikalischen Phrase sagen, es sei das Verstehen einer Sprache.

502 One can also say that understanding a musical phrase is understanding a language.

§RPP II

730[4]

503 Ich denke an eine ganz kurze von nur zwei Takten. Du sagst “Was liegt nicht alles in ihr!” Aber es ist nur, so zu sagen, eine optische Täuschung, wenn du denkst, beim Hören gehe vor, was in ihr liegt. (Denk doch daran, daß wir manchmal ganz mit sagen, und ganz mit Recht: “Es kommt drauf an, wer's sagt”.) (Nur in dem Schluß der Gedanken und des Lebens haben die Worte Bedeutung.)

503 I am thinking of a very short one of only two measures. You say “There is so much in it!” But it is only, as it were, an optical illusion, if you think that what is in it is what comes to the fore when listening. (Remember that we sometimes quite rightly say: “It depends who says it”.) (Only in the conclusion of thoughts and life do the words have meaning.)

§RPP II

730[5]

504 Nicht das enthält die Täuschung: “ Jetzt habe ich's verstanden.” – und nun folgt vielleicht eine lange Erklärung dessen, was ich verstanden habe.

504 It is not this that contains the illusion: “Now I have understood it.” – and now perhaps follows a long explanation of what I have understood.

§RPP II

730[6] &
731[1]

505 Wie hängt das Sehen eines Aspekts zusammen mit der Fähigkeit zu operieren (z.B. in der Mathematik)? Denk an das räumliche Sehen in der darstellenden Geometrie und das Operieren in der Zeichnung. Er bewegt sich mit dem Stift auf der Zeichenfläche, als bewegte er sich im wirklichen Körper. Wie aber kann das ein Beweis des Sehens sein? Nun, ist es uns nicht auch ein Beweis des Sehens, wenn sich Einer mit Sicherheit im Zimmer umher bewegt? Es gibt eben verschiedene Kriterien des Sehens. Frag dich: Muß Einer, der Tiere, Menschen, und allerlei Gegenstände gut nach der Vorstellung oder Erinnerungen zeichnen kann, sie dazu vor dem innern Auge sehen? Die Antwort könnte sein: “In so einem Fall sagen wir eben …” – aber auch: “Man muß den Zeichner fragen, ob er's tut oder nicht.”

505 How is seeing an aspect connected with the ability to operate (e.g., in mathematics)? Think of spatial seeing in descriptive geometry and operating in drawing. He moves the pen on the drawing surface as if he were moving in the real body. But how can this be proof of seeing? Well, isn’t it also proof of seeing when someone moves around the room with confidence? There are indeed different criteria for seeing. Ask yourself: Must someone who can draw animals, people, and all sorts of objects well from imagination or memory, see them before the inner eye? The answer could be: “In such a case, we say…” – but also: “One must ask the draftsman whether he does or not.”

§RPP II

731[2]

506 Es ist nun ein Zusammenhang zwischen Aspekt und Fantasie.

506 There is now a connection between aspect and imagination.

§RPP II

731[3]

507 Die Aspekte von Mantel und Grundfläche. Was fehlt dem, der für sie blind wäre? – Es ist nicht unsinnig, zu antworten: Vorstellungskraft.

507 The aspects of the coat and the base. What is missing for someone who is blind to them? – It is not nonsensical to answer: imagination.

§RPP II

731[4] &
732[1]

508 Bedenke, daß es für einen Aspekt oft ein ‘treffendes’ Wort gibt. Läßt man z.B. Einen das Doppelkreuz ansehen und berichten, welchen der beiden Aspekte (schwarzes Kreuz oder weißes Kreuz) er sehe, so mag es uns gleichgiltig sein, ob er sagt, er sehe das eine Mal etwas wie ein weißes Windmühlchen mit vier Flügeln, das andere Mal ein stehendes schwarzes Kreuz, oder ob er das weiße Kreuz als vier gegen die Mitte gefaltete Spitzen eines Papiers sieht. Das Kreuz, welches ‘jetzt’ gesehen wird, kann auch als kreuzförmige Öffnung gesehen werden. Aber auf diese Unterschiede müßte es uns nicht ankommen; und man könnte also eine Unterscheidung machen zwischen ‘rein optischen’ und ‘begrifflichen’ Aspekten. ((Ähnlich könnte es bei der Erzählung eines Traums auf die besondern Worte, mit welchen die Traumsituationen beschrieben werde, ankommen, oder nicht ankommen.))

508 Consider that for an aspect, there is often a ‘fitting’ word. If, for example, one is asked to look at the double cross and report which of the two aspects (black cross or white cross) one sees, it may not matter to us whether he says that sometimes he sees something like a white windmill with four wings, and at other times a standing black cross, or whether he sees the white cross as four points of a piece of paper folded towards the center. The cross that is ‘now’ seen can also be seen as a cross-shaped opening. But we should not care about these differences; and one could therefore make a distinction between ‘purely optical’ and ‘conceptual’ aspects. ((Similarly, in telling a dream, it may or may not matter which particular words are used to describe the dream situations.))

§RPP II

732[2]

509 Man könnte nicht verstehen “Sieh F als 🖵”, so lange nicht noch etwas ganz anderes gesagt ist. Denn verstünde ich “Sieh dieses Dreieck als jenes Dreieck”? Es muß erst eine begriffliche Verbindung bestehen.

509 One cannot understand “See F as 🖵” unless something completely different is said first. For would I understand “See this triangle as that triangle”? A conceptual connection must first exist.

§RPP II

732[3]

510 “Es sieht jetzt für mich nach links – – – und nun wieder nach rechts.” Also so, wie schon vorher? Nein; früher hatte es für mich keine Richtung. Ich umgab es früher nicht mit dieser Welt von Vorstellungen.

510 “It looks to me now as if it were to the left – – – and now again to the right.” So, as before? No; before, it had no direction for me. I did not surround it with this world of images before.

§RPP II

732[4]

511 Die Aufmerksamkeit ist dynamisch, nicht statisch – möchte man sagen. Ich vergleiche das Aufmerken zuerst mit einem Hinstarren: das ist es aber nicht, was ich Aufmerksamkeit nenne; und will nun sagen, ich finde, man könne nicht statisch aufmerken.

511 Attention is dynamic, not static – one might say. I first compare paying attention with staring: but that is not what I call attention; and I now want to say that one cannot statically pay attention.

§RPP II

732[5]

512 Einer könnte beim Anblick eines Felsens ausrufen “Ein Mann!” und nun vielleicht dem andern zeigen, wie er in dem Felsen den Mann sieht, – wo das Gesicht, wo die Füße sind, etc. (Ein anderer könnte in der gleichen Form einen Mann in anderer Weise sehen. Man wird sagen, es sei dazu Fantasie erforderlich. Nicht aber dazu, das naturgetreue Bild eines Hundes als solches zu erkennen.

512 Someone might, upon seeing a rock, exclaim “A man!” and then perhaps show the other how he sees the man in the rock – where the face is, where the feet are, etc. (Another person might see a man in the same form in a different way. One would say that imagination is required for this. But not for recognizing a realistic picture of a dog as such.

§RPP II

732[6]

513 “Er vergleicht den Felsen mit einer menschlichen Gestalt” – aber nicht im gleichem Sinne: er vergleiche jenes Bild mit einem Hund, oder diese Paßfotografie mit einem Gesicht.

513 “He compares the rock to a human shape” – but not in the same sense: he compares that picture to a dog, or this passport photograph to a face.

§RPP II

733[1]

514 Ich sage mir beim Anblick der Photographie nicht “Das könnte man als einen Menschen ansehen”. Noch beim Anblick des F: “Das könnte man als ein F ansehen”.

514 When looking at the photograph, I do not say to myself, “One could see this as a human being.” Nor, when looking at F: “One could see this as an F.”

§RPP II

733[2]

515 Wer mir die Figur zeigte und mich fragte “Was ist das?”, dem könnte ich nur so antworten. – Auch nicht: “Ich halte das für ein …”, oder “Es ist wohl ein …”. So wenig, wie ich beim Lesen in einem Buch die Buchstaben für das oder das halte.

515 To someone who shows me the figure & asks me “What is that?”, I could only answer in this way. – Not “I consider this to be a…”, or “This is probably a…”. Just as little as, when reading a book, I consider the letters to be this or that.

§RPP II

733[3]

516 “Ich sehe als ein …” geht zusammen mit “Ich versuche es als … zu sehen”, oder “Ich kann es noch nicht als ein … sehen”. Du kannst aber nicht versuchen, das gewöhnliche F als dies zu sehen.

516 “I see it as a …” goes together with “I am trying to see it as a …,” or “I cannot yet see it as a ….” But one cannot try to see the ordinary F as this.

§RPP II

733[4]

517 Einen im Geist um Rat fragen. Die Zeit schätzen, indem man sich eine Uhr vorstellt.

517 To ask someone for advice in one’s mind. To estimate the time by imagining a clock.

§RPP II

733[5]

518 Im Aspekt ist eine Physiognomie vorhanden, die nachher vergeht. Es ist beinahe, als wäre da ein Gesicht, welches ich zuerst nachahme und dann hinnehme, ohne es nachzuahmen. Und ist das nicht eigentlich genug der Erklärung? – Aber ist es nicht zu viel?

518 There is a physiognomy in the aspect, which then disappears. It is almost as if there were a face that I first imitate and then take in, without imitating it. And is that not actually enough of an explanation? – But is it not too much?

§RPP II

733[6]

519 Wenn ich in einem bestimmten Fall sage: die Aufmerksamkeit besteht in der Bereitschaft, jeder kleinsten Bewegung, die sich zeigen mag, zu folgen, – so siehst du schon, daß die Aufmerksamkeit nicht das starre Hinschauen ist, sondern ein Begriff anderer Art.

519 If, in a particular case, one says that attention consists in the willingness to follow every smallest movement that may appear, then one already sees that attention is not the rigid staring, but a concept of another kind.

§RPP II

733[7]

520 Nicht den Aspektwechsel sieht man, sondern den Deutungswechsel.

520 One does not see the aspect-switch, but the interpretation-switch.

§RPP II

733[8]

521 Du siehst es nicht einer Deutung, sondern einem Deuten gemäß.

521 One does not see it according to an interpretation, but according to interpreting.

§RPP II

734[1]

522 Wen man fragte “Kannst du F als ein ef sehen?”, der würde uns nicht verstehen. Die Frage “Kannst du es als ein Spiegel-F sehen” aber würde er verstehen. Und auch die: “Und kannst du es jetzt wieder als ein gewöhnliches ef sehen?” Warum? “Kannst du es als … sehen?” oder “Sieh es jetzt als ein …” geht zusammen mit: “Faß es jetzt als ein … auf.” Nur wo dieser Befehl Sinn hat, hat jene Frage Sinn.

522 If one asked someone, “Can you see F as an ef?”, he would not understand us. But he would understand the question, “Can you see it as a mirror-image F?” And also this: “And can you now see it again as an ordinary ef?” Why? “Can you see it as…?” or “See it now as a…” goes together with: “Consider it now as a…”. Only where this instruction makes sense does that question make sense.

§RPP II

734[2]

523 Denk, jemand sagte, auf ein gewöhnliches Druck-F zeigend, “Jetzt es ein ef” – Was heißt das? Hat es einen Sinn? Es hat einstweilen noch keinen. In wie fern ist es jetzt dies? Etwa insofern es immer dies ist? Und im Gegensatz wozu? – Ich schaue auf eine Lampe und sage “Jetzt ist es eine Lampe” – was kann ich meinen?

523 Imagine someone, pointing to an ordinary printed F, says, “Now it is an ef” – What does that mean? Does it make sense? For the time being, it does not. In what respect is it now this? Perhaps in so far as it always is this? And in contrast to what? – I look at a lamp and say “Now it is a lamp” – what can I mean?

§RPP II

734[3]

524 Du brauchst eine neue Begriffsbrille.

524 You need a new pair of conceptual glasses.

§RPP II

734[4]

525 Wer sagt “Jetzt ist es für mich ein Gesicht”, dem kann man fragen: “Auf welche Art der Verwandlung spielst du an?”

525 If someone says, “Now it is a face for me,” one can ask him: “What kind of transformation are you referring to?”

§RPP II

734[5]

526 Der Ausruf “Ein Hase!” ist ja verwandt mit der Meldung “ein Hase”.

526 The exclamation “A rabbit!” is, after all, related to the statement “a rabbit”.

§RPP II

734[6]

527 Was ist denn die Äußerung des Staunens? Kann es eine stationäre Haltung sein? Kann also das Staunen ein Zustand der Ruhe sein?

527 What is the manifestation of astonishment? Can it be a static posture? Can astonishment therefore be a state of rest?

§RPP II

734[7]

528 Denk dir, man fragte: “Warum ist das Erlebnis der Überraschung nicht festzuhalten?”

528 Imagine one asked: “Why is the experience of surprise not recordable?”

§RPP II

734[8] &
735[1]

529 “Das ef verschwindet und es ist ein Kreuz da; das Kreuz verschwindet und es ist ein Spiegel-F da; etc.” Das ist doch der Ausdruck der Änderung der Wahrnehmung.

529 “The ef disappears and there is a cross; the cross disappears and there is a mirror-image F; etc.” This is, after all, the expression of the change in perception.

§RPP II

735[2]

530 Vergiß, vergiß, daß du diese Erlebnisse selber hast!

530 Forget, forget that you have had these experiences yourself!

§RPP II

735[3]

531 Es ist uns doch, als zeichnete unser Auge jedes Mal eine andere Figur in diese Striche (auf dem Papier).

531 It is as if our eye draws a different figure in these strokes (on the paper) each time.

§RPP II

735[4]

532 Verschiedene Bilder erscheinen mir. Aber wie verschieden? Worin verschieden? Daß kann ich nur durch eine Genesis erklären.

532 Different images appear to me. But how different? In what respect different? I can only explain that through a genesis.

§RPP II

735[5]

533 Ich sage etwas; und es ist richtig; – aber nun mißverstehe ich die Verwendung, der diese Aussage gehören würde.

533 I say something; and it is correct; – but now I misunderstand the use to which this statement belongs.

§RPP II

735[6]

534 Wie spielt man denn das Spiel “Es könnte auch das sein”? Das, was die Figur auch sein könnte – und das ist das, als was sie gesehen werden kann – ist nicht einfach eine andere Figur. Es hatte darum keinen Sinn, zu sagen: F könnte auch ein 🖵sein. Oder auch: – dies könnte ganz verschiedenerlei heißen. Jenes Spiel aber könnte man z.B. mit einem Kind spielen. Zusammen betrachten wir eine Figur; oder einen beliebigen Gegenstand (ein Möbelstück) – und nun heißt es: “das soll jetzt ein Haus sein” – und es wird nun von ihm berichtet und erzählt, und man stellt sich zu ihm, als wäre es ein Haus, und es wird ganz als dies ausgedeutet. Dann stellt das gleiche Ding etwas anderes vor, eine andere Erfindung wird darum gewoben.

534 How does one play the game “It could also be that”? That, which the figure could also be – and this is what it can be seen as – is not simply another figure. It did not make sense to say: F could also be a 🖵. Or also: – this could mean quite different things. But one could play this game, for example, with a child. Together we look at a figure; or at any object (a piece of furniture) – and now it says: “This is now a house” – and it is now described and told about, and one imagines oneself in it, as if it were a house, and it is completely interpreted as this. Then the same thing represents something else, a different invention is woven around it.

§RPP II

735[7] &
736[1]

535 Wie wirst du wissen, ob das Kind das Ding als sieht? nun, vielleicht wird es dies spontan sagen. Etwa sagen; “Ja, jetzt sehe ich es als …”. Und in dieser Situation, bei der lebhaften Teilnahme an der Erdichtung, wird es uns allerdings das Sehen des Aspekts bedeuten.

535 How will you know whether the child sees the thing as that? Well, perhaps it will say this spontaneously. Perhaps it will say: “Yes, now I see it as…”. And in this situation, in the lively participation in the invention, it will indeed mean to us the seeing of the aspect.

§RPP II

736[2]

536 Ich will sagen: dieses Spiel ist mit dem des Sehens der Aspekte des F z.B. verwandt. Daß Einer mit den Dingen, gleichsam, Theater spielen kann, ist für uns eine Vorbedingung dessen, daß er mit den Worten “Jetzt sehe ich es als …” das meint, was wir meinen.

536 I want to say: this game is related to the game of seeing the aspects of F, for example. That one can, as it were, play theater with things is for us a prerequisite for the fact that when one says, “Now I see it as…”, one means what we mean.

§RPP II

736[3]

537 Wie lehrst du ein Kind etwa beim Rechnen: “Jetzt nimm diese Punkte zusammen!” oder “jetzt gehören die zusammen”? Offenbar muß “zusammennehmen” und “zusammengehören” ursprünglich eine andere Bedeutung für ihn gehabt haben, als die, etwas so oder so sehen. – Und das war eine Bemerkung über Begriffe, nicht über Unterrichtsmethoden.

537 How does one teach a child to do arithmetic, for example: “Now add these points together!” or “now these belong together”? Apparently, “adding together” & “belonging together” must originally have had a different meaning for him than simply seeing something in a certain way. – & this was a remark about concepts, not about methods of instruction.

§RPP II

736[4]

538 Man kann allerdings sagen “Sieh die Figur jetzt an für fünf Minuten als ein …”, denn dies heißt: Er halte, balanciere sie in diesem Aspekt.

538 One can, of course, say “Look at the figure now for five minutes as a…”, for this means: Hold it, balance it in this aspect.

§RPP II

736[5]

539 Was verstehst du, wenn dir Einer sagt “Ich sehe es (nämlich das gewöhnliche F) als ein ef”? – Daß er es mit Aspekten zu tun hat; daß es ein labiler Zustand ist. Daß er denkt ‘es könnte auch das sein’.

539 What do you understand when someone says to you, “I see it (namely, the ordinary F) as an ef”? – That it has to do with aspects; that it is a labile state. That he thinks ‘it could also be that’.

§RPP II

736[6]

540 Das Sehen der Aspekte ist auf anderen Spielen aufgebaut.

540 Seeing aspects is based on other games.

§RPP II

736[7]

541 Man redet ja von einem Rechnen in der Vorstellung. Es ist also nicht Überraschendes, daß die Vorstellungskraft der Erkenntnis dienen kann.

541 One speaks of calculating in the imagination. So it is not surprising that the powers of imagination can serve knowledge.

§RPP II

736[8] &
737[1]

542 Ich will aber nicht sagen, daß der Aspekt eine Vorstellung ist. Aber daß ‘einen Aspekt sehen’ und ‘sich etwas vorstellen’ verwandte Begriffe sind.

542 But I do not want to say that an aspect is an image. However, that ‘seeing an aspect’ and ‘imagining something’ are related concepts.

§RPP II

737[2]

543 Vom Sehen des Aspekts möchte man fragen: “Ist es ein Sehen? ist es ein Denken?” Der Aspekt untersteht dem Willen: schon das macht ihn dem Denken verwandt.

543 With regard to seeing aspects, one might ask: “Is it seeing? Is it thinking?” The aspect is subject to the will: this alone makes it related to thinking.

§RPP II

737[3]

544 “Der Aspekt untersteht dem Willen”. Er ist nicht Erfahrungssatz. Es hat Sinn, zu sagen “Sieh diesen Kreis als Loch, nicht als Scheibe”; aber nicht “Sieh ihn als Viereck”, oder “Sieh ihn rot”.

544 “The aspect is subject to the will.” It is not an empirical proposition. It makes sense to say, “See this circle as a hole, not as a disc”; but not “See it as a square,” or “See it as red.”

§RPP II

737[4]

545 ((Zu № 699)). Sehe ich wirklich jedes Mal etwas anderes, oder deute ich nur, was ich sehe, auf verschiedene Weise? Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum? – Deuten ist ein Denken, ein Handeln.

545 ((Regarding No. 699)). Do I really see something different each time, or do I only interpret what I see in different ways? I am inclined to say the former. But why? – Interpreting is thinking, it is acting.

§RPP II

737[5]

546 Die Fälle, in welchen wir deuten, was wir sehen, sind leicht zu erkennen. Deuten wir, so machen wir eine Hypothese, die sich als falsch erweisen mag. “Ich sehe diese Figur als ein …” kann so wenig (oder nur in dem Sinne) verifiziert werden, wie die Aussage “Ich sehe ein leuchtendes Rot”. Hier besteht also eine Ähnlichkeit der Verwendungen des Wortes “sehen” in beiden Zusammenhängen.

546 The cases in which we interpret what we see are easy to recognize. When we interpret, we make a hypothesis that may prove to be false. “I see this figure as a …” can be verified no more (or only in the same sense) than the statement “I see a bright red.” There is thus a similarity in the use of the word “see” in both contexts.

§RPP II

737[6] &
738[1]

547 Denken wir, es fragte jemand; “Sehen wir Alle ein F auf die gleiche Weise?” Was könnte damit gemeint sein? – Wir könnten diesen Versuch machen: wir zeigen verschiedenen Leuten F und stellen die Frage “wohin schaut ein F, nach rechts, oder links”? Oder: “Wenn du ein F mit einem Gesicht im Profil vergleichst, wohin schaut das Gesicht?”

Mancher aber würde vielleicht diese Frage nicht verstehen. Wie Mancher auch die Frage nicht versteht “Welche Farbe hat für dich der Vokal a?” – Wenn Einer sie nicht verstünde, wenn er erklärte, sie sei Unsinn, – könnten wir sagen, er verstehe nicht deutsch, oder nicht die Bedeutungen der Wörter “Farbe”, “Vokal”, etc.? Im Gegenteil: Wenn er diese Worte verstehen gelernt hat, dann kann er auch jene Fragen ‘mit Verständnis’ oder ‘ohne Verständnis’ reagieren.

547 Let us imagine that someone asked: “Do we all see an F in the same way?” What could this mean? – We could try this: we show different people F and ask the question “which way is the F looking, to the right, or to the left”? Or: “If you compare an F with a face in profile, which way is the face looking?”

But some might not understand this question. Just as some might not understand the question “What color is the vowel a for you?” – If he did not understand it, if he explained that it is nonsense, could we say that he does not understand German, or not the meanings of the words “color,” “vowel,” etc.? On the contrary: if he has learned to understand these words, then he can also respond to these questions ‘with understanding’ or ‘without understanding’.

§RPP II

738[2]

548 Denk, nicht die Frage wäre gestellt worden “In welcher Richtung schaut der Buchstabe …?” – Sondern die: “Wenn du Einem F oder J ein Auge oder eine Nase malen solltest, wohin würde es schauen?” Dies wäre doch auch eine psychologische Frage. Und in ihr ist von einem ‘so, oder anders sehen’ nicht die Rede. Statt dessen aber von einer Neigung, das eine oder andere zu tun. (Es ist aber zu bedenken wie er zu der Antwort auf diese Frage gelangt.) – Also ist es jenes Sehen mit einer Neigung verwandt. Die Neigung kann sie ändern, oder ganz fehlen.

548 One might think that the question would not have been posed as “In which direction does the letter look…?” – But rather as: “If one were to paint an eye or a nose onto an F or a J, in which direction would it look?” This too would be a psychological question. And it does not speak of ‘seeing it one way or another’ – but rather of a tendency to do one thing or another. (However, one must consider how he arrives at the answer to this question.) – So, it is related to that kind of seeing with a tendency. The tendency can change it, or be completely absent.

§RPP II

738[3] &
739[1]

549 “Mit diese Verteilung der Fenster schaut die Fassade dorthin.” “Die Fenster waren früher so verteilt, daß die Fassade dorthin sah.” Der erste Satz ist ähnlich einen geometrischen. Im zweiten dient der Begriff der ‘Richtung, in welcher sie schaut’ der Beschreibung der Fassade. So wie man ein Gesicht mittels der Begriffe ‘fröhlich’, ‘mürrisch’, ‘mißtrauisch’ beschreibt, oder eine Bewegung mit ‘furchtsam’, ‘zögernd’, ‘sicher’. Und insofern dies Beschreibungen des visuell Wahrgenommenen, des Beobachteten sind, sind es auch Beschreibungen des visuellen Eindrucks. Man kann also sagen: man sähe das Zögern. (Wer ein Bild kopiert, dem kann man sagen “Das Gesicht ist noch nicht richtig, es ist nicht traurig genug”.)

549 “With this arrangement of windows, the facade looks that way.” “The windows used to be arranged in such a way that the facade looked that way.” The first sentence is similar to a geometrical one. In the second, the concept of ‘the direction in which it looks’ serves to describe the facade. Just as one describes a face by means of the concepts ‘cheerful,’ ‘sullen,’ ‘suspicious,’ or a movement with ‘timid,’ ‘hesitant,’ ‘confident.’ And in so far as these are descriptions of what is visually perceived, of what is observed, they are also descriptions of the visual impression. One can therefore say: one sees the hesitation. (One can say to someone who is copying a picture, “The face is not quite right, it is not sad enough.”)

§RPP II

739[2]

550 Wer einen Blick für Familienähnlichkeiten hat, kann erkennen, daß zwei Leute mit einander verwandt sind, auch ohne sagen zu können, worin die Ähnlichkeit besteht. (Denke an den Fall des Rechenkünstlers.)

550 Whoever has an eye for family resemblances can recognize that two people are related, even without being able to say in what the similarity consists. (Think of the case of the calculating prodigy.)

§RPP II

739[3]

551 Es könnte sprachunrichtig sein, zu sagen “Ich sehe Furcht in diesem Gesicht”. Es wurde uns gelehrt: ein furchtsames Gesicht könne man ‘sehen’; die Furcht in ihm, die Ähnlichkeit, oder Verschiedenheit zweier Gesichter ‘bemerke’ man.

551 It might be linguistically incorrect to say “I see fear in this face.” We were taught that a fearful face can be ‘seen’; the fear in it, the similarity or difference of two faces, one ‘notices’.

§RPP II

739[4]

552 Die Verwandtschaft der beiden Begriffe zeigt sich ja in dieser Erklärung; um ihre Verschiedenheit zu erkennen, bedenke man, welchen Sinn es haben könnte zu sagen, Einer habe die Ähnlichkeit zweier Gesichter von diesem Glockenschlage bis zum nächsten gesehen, oder denk an den Befehl: “Bemerke die Ähnlichkeit von … bis …!”

552 The kinship of the two concepts is evident in this explanation; to recognize their difference, consider what sense it might have to say that one has seen the similarity of two faces from one stroke of the clock to the next, or think of the command: “Notice the similarity of … to …!”

§RPP II

739[5]

553 Die Beschreibung des Gesichtseindrucks kann eine Zeichnung sein. Was in der Zeichnung oben, was unten ist, ist meistens von der größten Wichtigkeit. Es könnte aber auch festgesetzt werden in welcher Entfernung vom Auge wir sie halten sollten. Ja auch, auf welchem Punkt die Zeichnung wir zu blicken haben, oder wie unser Blick auf ihr zu wandern habe.

553 The description of the visual impression can be a drawing. What is at the top of the drawing, what is at the bottom, is usually of the greatest importance. But it could also be stipulated at what distance from the eye we should hold it. Yes, even on which point of the drawing we should look, or how our gaze should wander over it.

§RPP II

739[6] &
740[1]

554 Ich fange an, die Ähnlichkeit zu sehen, wenn sie mir ‘auffällt’; und sehe sie dann, solange ich die ähnlichen Gegenstände sehe? Oder nur solange ich mir der Ähnlichkeit bewußt bin? – Fällt mir die Ähnlichkeit auf, so nehme ich etwas wahr; ich brauche mir ihrer aber nicht bewußt zu bleiben, um wahrzunehmen, daß sie sich nicht ändert.

554 I begin to see the similarity when it ‘strikes’ me; and then do I see it as long as I see the similar objects? Or only as long as I am conscious of the similarity? – If the similarity strikes me, then I perceive something; but I do not need to remain conscious of it in order to perceive that it does not change.

§RPP II

740[2]

555 Zwei Verwendungen des Berichtes “ich sehe …”. Ein Sprachspiel: “Was siehst du dort?” – “Ich sehe … und es folgt eine Beschreibung des Gesehenen mit Worten, durch eine Zeichnung, ein Modell, Gebärden, etc. – Ein anderes Sprachspiel: Wir betrachten zwei Gesichter, und ich sage zum Andern: “ich sehe eine Ähnlichkeit in ihnen.”. Im ersten Sprachspiel hätte die Beschreibung z.B. lauten können: “Ich sehe zwei Gesichter, die einander ähnlich sind wie Vater und Sohn.” – Man kann dies eine weit unvollständigere Beschreibung nennen als die durch eine Zeichnung es wäre. Aber Einer könnte diese vollständigere Beschreibung geben und doch jene Ähnlichkeit nicht bemerken. Ein Anderer könnte die Zeichnung des Ersten sehen und die Familienähnlichkeit in ihr entdecken; und in gleicher Weise auch eine Ähnlichkeit des Gesichtsausdrucks.

555 Two uses of the statement “I see…”. A language-game: “What do you see there?” – “I see … and this is followed by a description of what is seen in words, by a drawing, a model, gestures, etc. – Another language-game: We look at two faces, and I say to the other: “I see a similarity in them.” In the first language-game, the description could, for example, be: “I see two faces that are as similar as father and son.” – One could call this a much less complete description than would be given by a drawing. But one person could give this more complete description and yet not notice the similarity. Another person could see the first person's drawing and discover the family resemblance in it; and in the same way, also a similarity in the facial expression.

§RPP II

740[3]

556 “Als ich das Wort jetzt aussprach, bedeutet es für mich …”. Warum sollte das nicht einfach Wahnsinn sein? weil ich das erlebte? Das ist kein Grund.

556 “When I spoke the word just now, it meant for me…” Why should this not simply be madness? because I experienced it? That is no reason.

§RPP II

740[4]

557 Es sind ganz besondere Fälle: in denen das Innere mir verborgen erscheint. Und die Unsicherheit, die sich so ausdrückt, ist nicht eine philosophische, sondern eine praktische und primitive.

557 These are quite special cases: in which the inner seems hidden from me. And the uncertainty that expresses itself in this way is not a philosophical one, but a practical and primitive one.

§RPP II

740[5]

558 Es ist dann, als ob ich mir erst bewußt würde, daß das Innere eigentlich immer verborgen ist.

558 It is as if I only now become conscious that the inner is actually always hidden.

§RPP II

740[6] &
741[1]

559 (Man sagt auch: Der Mensch ist mir vollkommen durchsichtig.) So ist mir also ein Mensch manchmal durchsichtig, manchmal undurchsichtig.

559 (One also says: The human being is completely transparent to me.) So, sometimes a human being is transparent to me, sometimes opaque.

§RPP II

741[2]

560 “Ich kann nie wissen, was in ihm vorgeht.” – Aber muß denn etwas in ihm vorgehen? Und warum soll ich mich darum kümmern? – Es ist aber eine wirkliche, nicht erträumte Unsicherheit, welche uns dieses Bild nahelegt.

560 “I can never know what is going on in him.” – But must something really be going on in him? And why should I care? – But this is a real, not a dreamed-up uncertainty, which this image suggests.

§RPP II

741[3]

561 Was ist die Wichtigkeit davon, daß Einer das und das Geständnis macht? muß er denn seinen Zustand richtig beurteilen können? – Es kommt eben nicht auf einen inneren Zustand an, den er beurteilt sondern gerade auf sein Geständnis. (Sein Geständnis kann Gewisses erklären. Es kann z.B. meinen Verdacht von einem Andern abziehen.)

561 What is the importance of one making this or that confession? Must he be able to assess his state correctly? – It is not about an inner state that he assesses, but precisely about his confession. (His confession can explain certain things. It can, for example, remove my suspicion of another.)

§RPP II

741[4]

562 Die prinzipielle Unsicherheit: Ich weiß nicht, was er denkt, wenn er es nicht ausdrückt. Aber stell dir vor, er drückte es wohl aus, aber in einer Sprache, die du nicht verstehst. Er könnte es mit dem Finger einer Hand auf den Handrücken der andern klopfen, in Morsezeichen oder ähnlichem. Dann ist es doch auch geheim, und nicht ebenso sehr als wäre es mir ausgedrückt werden? Die Sprache könnte ja auch von einer Art sein, wie ich sie nie lernen könnte, z.B. mit einer außerordentlichen Regelmäßigkeit.

562 The fundamental uncertainty: I don't know what he's thinking if he doesn't express it. But imagine that he does express it, but in a language that you don't understand. He might express it by tapping the finger of one hand on the back of the other, in Morse code or something similar. Wouldn't that also be a secret, and not equally as if it had been expressed to me? The language could also be of a kind that I could never learn, for example, one with an extraordinary degree of regularity.

§RPP II

741[5]

563 Es kann Einer also seine lauten Gedanken vor mir verbergen, indem er sie in einer mir fremden Sprache ausspricht. Wo ist aber hier das verborgene Seelische?

563 So, one can conceal one's loud thoughts from me by uttering them in a language foreign to me. But where is the hidden mental state here?

§RPP II

741[6]

564 Ich kann die Sprache wählen, in welcher ich denke. Nicht aber als dächte ich, und wählte die Sprache, in welcher ich meine wortlosen Gedanken übertragen will.

564 I can choose the language in which I think. But not as if I were thinking and then choosing the language in which I want to convey my unarticulated thoughts.

§RPP II

742[1]

565 Du kannst der Empfindung des Andern so sicher sein, wie irgend eines Faktums. Damit sind aber die Sätze “Er ist beglückt” und” 2 × 2 = 4 nicht zu ähnlichen Instrumenten geworden. Zu sagen “Die Sicherheit ist eine andere” liegt nahe, behebt aber die Unklarheit nicht.

565 You can be as certain of another's sensation as you are of any fact. But this does not make the sentences “He is happy” and “2 × 2 = 4” instruments of the same kind. It seems obvious to say “Certainty is something different,” but it does not resolve the ambiguity.

§RPP II

742[2]

566 “Aber schließt du eben nicht einfach vor dem Zweifel die Augen, wenn du sicher bist?” – Sie sind mir geschlossen. Es ist wohl wahr: Jener Zweifel wird auf einem ganz anderen Weg erreicht, als der an einem arithmetischen Satz. Vor allem ist da die völlige Gewißheit der Grenzfall eines nach Graden verschiedenen Glaubens. – Und es ist eben alles anders.

566 “But aren’t you simply closing your eyes to doubt when you are certain?” – My eyes are closed to it. It is probably true: that doubt is reached in a completely different way than doubt about an arithmetical sentence. Above all, there is the complete certainty, which is the limit case of a belief that varies in degrees. – And it is indeed all different.

§RPP II

742[3]

567 Und nun – möchte ich sagen – gibt es hier allerdings den Fall des hoffnungslosen Zweifels. Wenn ich sage: “Ich habe keine Ahnung, was er wirklich denkt –”. Er ist mir ein verschlossenes Buch. Wenn das einzige Mittel, den Andern zu verstehen, wäre, die gleiche Erziehung wie er durchzumachen, – was unmöglich ist. Und hier ist keine Verstellung. Denk dir aber Leute, deren Erziehung dahingeht, den Ausdruck der Gemütsbewegung im Gesicht und in den Gebärden zu unterdrücken, und diese Leute machen sich mir unzugänglich indem sie laut denken in einer mir unverständlichen Sprache. Nun sage ich “Ich habe keine Ahnung von dem, was in ihnen vorgeht”, und doch liegt es als äußere Tatsache vor.

567 And now – may I say – there is indeed the case of hopeless doubt. When I say: “I have no idea what he is really thinking—” He is a closed book to me. If the only way to understand another person were to go through the same education as he did—which is impossible. And here there is no pretense. But imagine people whose education involves suppressing the expression of emotions in their faces and gestures, and these people make themselves inaccessible to me by thinking aloud in a language I don't understand. Now I say, “I have no idea what is going on in them,” and yet it exists as an external fact.

§RPP II

742[4]

568 “Ich kann nicht wissen, was in ihm vorgeht” ist vor allem ein Bild. Es ist der überzeugende Ausdruck der Überzeugung. Es gibt nicht die Gründe der Überzeugung an. Diese sind nicht etwas, was man unmittelbar sieht.

568 “I cannot know what is going on in him” is primarily an image. It is the convincing expression of a conviction. It does not give the reasons for the conviction. These are not something one immediately sees.

§RPP II

743[1]

569 “Man sieht Gemütsbewegung.” – Im Gegensatz wozu? – Man sieht nicht die Gesichtsveränderungen und schließt nun, er fühle Freude, Trauer, Langeweile. Man beschreibt sein Gesicht unmittelbar als traurig, glückstrahlend, gelangweilt, auch wenn man nicht im Stande ist, sonst irgend eine Beschreibung der Gesichtszüge zu geben. – Die Trauer ist im Gesicht personifiziert, möchte man sagen. Dies ist dem, was wir “Gemütsbewegung” nennen, wesentlich.

569 “One sees emotion.” – In contrast to what? – One does not see the changes in facial expression and then concludes that he is feeling joy, sadness, or boredom. One describes his face directly as sad, radiant with happiness, or bored, even if one is unable to give any other description of the facial features. – One might say that sadness is personified in the face. This is essential to what we call “emotion.”

§RPP II

743[2]

570 Der, denn ich bedeutungsblind nenne, wird wohl den Auftrag verstehen: “Sag ihm, er solle zur Bank gehen, und ich meine die Gartenbank”, aber nicht: “Sag das Wort Bank und meine damit Gartenbank”. Er wird auch nicht melden können: es sei ihm beinahe gelungen, das Wort sei aber in die falsche Bedeutung ausgerutscht. Es kommt ihm auch nicht vor, als habe das Wort etwas in sich, was förmlich wie eine Schreibweise die Bedeutung fixiert; und auch nicht, daß die Schreibweise gleichsam ein Bild der Bedeutung sei. – Man ist z.B. stark versucht, zu meinen, daß der andern Schreibweise doch ein geringer Unterschied der Aussprache entspricht, auch wo es gewiß so ist. Es ist hier der für viele andere als Beispiel dienende Fall: daß man sich die beiden Wörter (z.B. “Für” und “führ”) vorspricht und sie wirklich etwas verschieden ausspricht, obwohl man es natürlich im Fluß der Rede, wenn man nichts solches denkt, nicht tut; schon darum, weil man dann jedes der beiden Wörter bei verschiedenen Anlässen ungleich ausspricht.

570 The one, whom I call meaning-blind, will probably understand the instruction: “Tell him that he should go to the bank, and I mean the garden bench,” but not: “Say the word bank and mean the garden bench.” He will also not be able to report: that he almost succeeded, but the word slipped into the wrong meaning. It will also not occur to him that the word has something within it that, in a way, fixes the meaning, just like a spelling; and also not that the spelling is, as it were, a picture of the meaning. – One is, for example, strongly tempted to think that the other spelling does correspond to a slight difference in pronunciation, even where it is certainly the case. This is the case that serves as an example for many others: that one pronounces the two words (e.g., “für” and “führ”) and actually pronounces them somewhat differently, although one naturally does not do so in the flow of speech if one does not think of anything like that; already because one then pronounces each of the two words differently on different occasions.

§RPP II

744[1]

571 Verschiedene Menschen empfinden es sehr verschieden stark, wenn die Rechtschreibung eines Worts geändert wird. Und die Empfindung ist nicht nur Pietät für einen alten Gebrauch. Wem die Orthographie nur eine praktische Frage ist, dem geht ein Gefühl ab, ähnlich wie das, welches dem “Bedeutungsblinden” mangeln würde.

571 Different people experience the change in the spelling of a word with varying degrees of intensity. And the feeling is not just reverence for an old use. For someone for whom orthography is merely a practical matter, something is lacking, similar to what the “meaning-blind” person would lack.

§RPP II

744[2]

572 Wie konnte er das Wort in der Bedeutung hören? Wie war es möglich?! – Gar nicht – in diesen Dimensionen.

572 How could he hear the word in its meaning? How was it possible?! – Not at all – in these dimensions.

§RPP II

744[3]

573 Aber ist es also nicht wahr, daß das Wort für mich jetzt das bedeutet? Warum nicht? Es kommt ja dieser Sinn mit der übrigen Verwendung des Wortes nicht in Konflikt. Es sagt Einer: “Gib ihm den Befehl … und meine damit …!” Was kann das heißen? Aber warum gebrauchst du für dein Erlebnis gerade diesen Ausdruck? einen schlecht sitzenden Anzug! – Das ist der Ausdruck des Erlebnisses, wie “Der Vokal e ist gelb” und “Ich wußte im Traume, daß … Ausdrücke anderer Erlebnisse. Ein schlecht sitzender Anzug ist es nur, wenn du ihn falsch auffaßt. Dieser Ausdruck gehört zum Erlebnisse ebenso, wie die primitive Schmerzäußerung zum Schmerz.

573 But isn't it true that the word now means that to me? Why not? This sense does not conflict with the other uses of the word. One says: “Give him the instruction… and I mean…” What can that mean? But why do you use this particular expression for your experience? A badly fitting suit! – This is the expression of the experience, just as “The vowel e is yellow” and “I knew in my dream that…” are expressions of other experiences. A badly fitting suit is only that if you misinterpret it. This expression belongs to the experience just as much as the primitive expression of pain belongs to the pain.

§RPP II

744[4]

574 W. James: der Gedanke sei schon am Anfang des Satzes fertig. Wie kann man das wissen? – Aber die Absicht, ihn auszusprechen, kann schon geschehen, ehe das erste Wort gesagt ist. Denn fragt man Einen “weißt du, was du sagen willst?” so wird er es oft bejahen. Ich habe die Absicht, dieses Thema zu pfeifen: habe ich es damit in irgendeinem Sinne, etwa im Gedanken, schon gepfiffen?

574 W. James: The thought is already complete at the beginning of the sentence. How can one know this? – But the intention to utter it may have occurred before the first word is said. For if one asks someone “Do you know what you want to say?” he will often answer in the affirmative. I have the intention to whistle this theme: have I, in some sense, perhaps in thought, already whistled it?

§RPP II

745[1]

575 Wer die Frage bejaht “Weißt du schon, was du sagen willst?” Dem wird vielleicht irgend etwas vorschweben; aber wäre dies auch etwas objektiv hörbares oder sichtbares, so könnte man doch meistens das Beabsichtigte nicht mit Sicherheit daraus entnehmen. (Aufzeigen.)

575 If someone answers “Yes, I already know what I want to say,” perhaps something is floating before him; but even if this were something objectively audible or visible, one could usually not infer the intended meaning from it with certainty. (Demonstration.)

§RPP II

745[2]

576 Nicht Jeder, der eine Absicht hat, hat darum einen Plan gemacht.

576 Not everyone who has an intention has therefore made a plan.

§RPP II

745[3]

577 Welche Formen geistiger Defekte wirklich existieren, kümmert uns nicht; aber wohl die Möglichkeiten solcher Formen. Nicht, ob es Menschen gibt, die nicht des Gedankens “ich wollte damals …” fähig sind, wohl aber: wie dieser Begriff sich durchführen läßt.

577 What forms of mental defect actually exist is not what concerns us; but rather the possibilities of such forms. Not whether there are people who are not capable of the thought “I wanted to… at that time,” but rather: how this concept can be realized.

§RPP II

745[4]

578 Wie ließe sich diese Annahme konsequent durchführen? Was würden wir eine konsequente Durchführung nennen? – Wenn du annimmst daß Einer das nicht kann, wie ist es dann mit dem? kann er es auch nicht? – Wohin führt uns dieser Begriff?

578 How could this assumption be consistently carried out? What would we call a consistent realization? – If you assume that someone cannot do this, what about him? Can he not do it either? – Where does this concept lead us?

§RPP II

745[5]

579 “Du mußt es dir ernstlich versprechen, dann wirst du's auch tun.” Zum ernstlichen Versprechen gehört z.B., daß man über die Sache nachdenkt, es gehört eine bestimmte Vorbereitung dazu. Am Schluß erfolgt dann vielleicht wirklich ein förmliches Versprechen, vielleicht auch mit lauter Stimme, aber das ist nur ein Stein dieses Gebäudes. (Gelübde.)

579 “You must make a serious promise, then you will do it.” A serious promise involves, for example, thinking about the matter; it requires a certain preparation. In the end, perhaps a formal promise is actually made, perhaps even in a loud voice, but that is only one stone in this building. (Vow.)

§RPP II

745[6]

580 Das Gelübde könnte man eine Zeremonie nennen. (Taufe, auch wenn sie kein christliches Sakrament ist.) Und eine Zeremonie hat eine eigene Wichtigkeit.

580 One could call the vow a ceremony. (Baptism, even if it is not a Christian sacrament.) And a ceremony has its own importance.

§RPP II

745[7]

581 “Ich hatte die Absicht …” drückt nicht die Erinnerung an ein Erlebnis aus. (So wenig wie “Ich war im Begriffe …”)

581 “I had the intention…” does not express the memory of an experience. (No more than “I was about to…”)

§RPP II

746[1]

582 “Welcher seltsame und furchtbare Laut. Ich werde ihn nie vergessen.” Und warum sollte man das nicht vom Erinnern sagen können (“Welche seltsame … Erfahrung …”), wenn man zum ersten Mal in die Vergangenheit gesehen hat? –

582 “What a strange and terrible sound. I will never forget it.” And why shouldn't one be able to say that about remembering (“What a strange… experience…”), if one has seen the past for the first time? –

§RPP II

746[2]

583 Könnte er sich nur einbilden, dies gerechnet zu haben? (Damit soll nicht im Widerspruch sein, daß er jetzt das Resultat der Rechnung weiß. Und er könnte sich ja auch verrechnet haben.) Und gibt es hier keinen Irrtum, dann nicht darum, weil Gewißheit besteht.

583 Could he simply imagine that he had calculated it? (This is not meant to contradict the fact that he now knows the result of the calculation. And he could also have made a mistake.) And if there is no mistake here, then it is not because certainty exists, but rather because there is.

§RPP II

746[3]

584 Es sagt mir Einer, er habe gerade im Kopfe gerechnet, wieviel … × … sei. Er gibt ein offenbar falsches Resultat, und auf die Frage, wie er es erhalten habe, sagt er die Rechnung her; sie ist völliger Unsinn, wie er auch jetzt einsieht, kam ihm aber damals, sagt er, ganz richtig vor. (Im Traum geschieht ähnliches.) Kann das nicht vorkommen? Seine Kopfrechnung, will ich sagen, muß sich doch erst bewähren.

584 Someone tells me that he just did a calculation in his head, of how much … × … is. He gives an obviously incorrect result, and when asked how he obtained it, he explains the calculation; it is complete nonsense, as he now realizes, but at the time, he says, it seemed perfectly correct to him. (Something similar happens in dreams.) Could this not happen? His mental calculation, I mean, must first prove itself.

§RPP II

746[4]

585 ‘Er versteckt etwas vor mir, kann es so verstecken, daß ich's nicht nur nie finden werde, sondern das Finden gar nicht denkbar ist.’ Das wäre ein metaphysisches Verstecken. – Aber wie, wenn er ohne es zu wissen, Zeichen gäbe, die ihn verrieten? Das wäre doch möglich. – Aber ob ihn jene Zeichen verraten habe, – kann nicht nur er das entscheiden? – Aber könnte ich nicht darauf bestehen, er habe vergessen, was in ihm vorgegangen ist – seine Aussage nicht gelten lassen? (Ohne sie für eine Lüge zu erklären.) Das heißt also: sie für wertlos erklären; oder ihr einen Wert nur als ein Phänomen zuzugestehen, woraus etwa Schlüsse auf seinen Zustand gezogen werden können.

585 ‘He is hiding something from me, he can hide it in such a way that I will not only never find it, but finding it is even inconceivable.’ That would be a metaphysical hiding. – But what if, without knowing it, he gives signs that betray him? That would be possible. – But whether those signs betray him – can it not only be decided by him? – But could I not insist that he has forgotten what was going on in him – not accept his statement? (Without declaring it a lie.) That is to say: declare it worthless; or only grant it value as a phenomenon, from which conclusions can perhaps be drawn about his state.

§RPP II

747[1]

586 Wenn etwas versteckt ist, – ist es nicht, als wäre eine Schrift versteckt, oder vielmehr etwas, was einer Schrift ähnlich sieht; dessen Bedeutung nur darin liegt, was er einmal herauslesen, oder hineinlesen wird?

586 If something is hidden, is it not as if a script is hidden, or rather something that resembles a script; its meaning lies only in what he will one day decipher, or read into it?

§RPP II

747[2]

587 Er kann mich natürlich irreführen, zu falschen Schlüssen bringen. Aber daraus folgt es nicht, daß er etwas versteckt hat; obgleich sich seine Handlungsweise mit einem Verstecken vergleichen läßt.

587 He can of course mislead me, lead me to false conclusions. But it does not follow from this that he has hidden something; although his way of acting can be compared to hiding.

§RPP II

747[3]

588 Bin ich etwa nicht mit Recht überzeugt, daß er sich gegen mich nicht verstellt? – Und kann ich also einen Andern nicht von meinem Recht überzeugen?

588 Am I not justifiably convinced that he is not pretending with me? – And can I therefore not convince another person of my right?

§RPP II

747[4]

589 Erzähle ich ihm, wie sich mein Freund benommen hat, im großen und kleinen, – wird er vernünftiger Weise an der Echtheit der Gefühle meines Freundes zweifeln? Zweifelt Einer an der Echtheit der Gefühle Lears?

589 If I tell him how my friend behaved, in large and small matters, will he reasonably doubt the authenticity of my friend’s feelings? Does anyone doubt the authenticity of Lear’s feelings?

§RPP II

747[5]

590 Ist es Gedankenlosigkeit, nicht doch die Möglichkeit der Verstellung im Auge zu behalten?

590 Is it thoughtlessness not to keep the possibility of pretending in mind?

§RPP II

747[6]

591 Erinnern: ein Sehen in die Vergangenheit. Träumen könnte man so nennen, wenn es uns Vergangenes vorführt. Nicht aber Erinnern.; denn auch wenn es uns Szenen mit halluzinatorischer Klarheit zeigte, so lehrt es uns doch erst, daß dies das Vergangene sei.

591 To remember: to see into the past. Dreaming could be called that if it showed us the past. But not remembering; because even if it showed us scenes with hallucinatory clarity, it only teaches us that this is the past.

§RPP II

747[7] &
748[1]

592 Aber wenn uns nun das Gedächtnis die Vergangenheit zeigt, wie zeigt es uns, daß es die Vergangenheit ist? Es zeigt uns eben nicht die Vergangenheit. So wenig, wie unsere Sinne die Gegenwart.

592 But if memory now shows us the past, how does it show us that it is the past? It does not show us the past, any more than our senses show us the present.

§RPP II

748[2]

593 Man kann auch nicht sagen, sie teile uns die Vergangenheit mit. Denn selbst, wäre das Gedächtnis eine hörbare Stimme, die zu uns spräche, – wie könnten wir sie verstehen? Sagt sie uns z.B. “Gestern war schönes Wetter”, wie kann ich lernen, was “gestern” bedeutet?

593 One cannot say that it shares the past with us. For even if memory were an audible voice that spoke to us, how could we understand it? If it tells us, for example, “Yesterday the weather was nice,” how can I learn what “yesterday” means?

§RPP II

748[3]

594 Ich führe mir selbst nur so etwas vor, wie ich es auch den Andern vorführe.

594 I only demonstrate such a thing to myself, as I also demonstrate it to others.

§RPP II

748[4]

595 Ich kann dem Andern mein gutes Gedächtnis vorführen, und auch mir selbst vorführen. Ich kann mich selbst ausfragen. Vokabeln, Daten.

595 I can demonstrate my good memory to another, and also demonstrate it to myself. I can quiz myself. Vocabulary, dates.

§RPP II

748[5]

596 Aber wie führe ich mir das Erinnern vor? Nun, ich frage mich “Wie verbrachte ich den heutigen Morgen?” Und antworte mir darauf. – Aber was habe ich mir nun eigentlich vorgeführt? War es das Erinnern? nämlich, wie das ist, sich an etwas erinnern? Hätte ich denn damit einen Andern das Erinnern vorgeführt?

596 But how do I demonstrate remembering to myself? Well, I ask myself, “How did I spend this morning?” And I answer it. – But what have I actually demonstrated? Was it remembering, namely, what it is like to remember something? Would I have demonstrated remembering to another with that?

§RPP II

748[6]

597 “Sich etwas vornehmen ist ein besonderer innerer Vorgang.” – Aber was für ein Vorgang – auch wenn du ihn erdichten dürftest – könnte denn das leisten, was wir vom Vorsatz fordern.

597 “Intending to do something is a special internal process.” – But what kind of process – even if you were allowed to invent it – could achieve what we demand of intention.

§RPP II

748[7]

598 Denk dir Menschen, die nur dann Mitgefühl zeigen, wenn sie den andern bluten sehen; sonst lachen sie über seine Schmerzäußerungen. So ist es bei ihnen. Manche nun beschmieren sich mit Tierblut, um bemitleidet zu werden. Kommt man ihnen darauf, so werden sie schwer bestraft.

598 Imagine people who only show compassion when they see the other person bleeding; otherwise, they laugh at his expressions of pain. That is how it is with them. Some smear themselves with animal blood in order to be pitied. If one confronts them with this, they are severely punished.

§RPP II

748[8]

599 Die Frage “Könnte er aber nicht dennoch Schmerzen haben?” stellen sie nicht:

599 They do not ask: “But couldn’t he still be in pain?”

§RPP II

748[9]

600 Diese Leute dürfen gewisse Skrupel nicht haben.

600 These people must not have certain scruples.

§RPP II

749[1]

601 Kümmere ich mich um sein Inneres, wenn ich ihm traue? Wenn ich's nicht tue, sage ich “ich weiß nicht, was in ihm vorgeht.”; vertraue ich ihm aber, so nicht: ich wisse, was in ihm vorgeht

601 Do I care about his inner being when I trust him? If I don’t, I say, “I don’t know what’s going on inside him”; but if I trust him, then I don’t: I know what’s going on inside him.

§RPP II

749[2]

602 Mißtraue ich ihm nicht, so kümmere ich mich nicht um das, was in ihm vorgeht. (Worte und ihre Bedeutung. Die Bedeutung der Worte, was hinter ihnen steht, bekümmert mich im normalen sprachlichen Verkehr nicht. Sie fließen dahin und es werden die Übergänge gemacht von Worten zu Handlungen und von Handlungen zu Worten. Niemand denkt, wenn er rechnet, daran, ob er ‘gedankenvoll’ oder ‘papageihaft’ rechne. (Frage.)).

602 If I don’t distrust him, then I don’t care about what’s going on inside him. (Words and their meaning. In normal linguistic communication, I’m not concerned with the meaning of words, what lies behind them. They flow along, and the transitions are made from words to actions and from actions to words. When someone is doing arithmetic, they don’t think about whether they are doing it ‘thoughtfully’ or ‘parrot-fashion’ (question)).

§RPP II

749[3] &
750[1]

603 Es mag Menschen geben, die viel mit sich selbst sprechen, ehe und während sie handeln, und solche, die nur sehr wenig zu sich selbst sagen, die gleichsam auch mit sich selbst sehr schweigsam sind. Wenn man ihn fragt “Was hast du gedacht, als du das tatest?” gesteht er vielleicht ganz ehrlich “Gar nichts”, obgleich seine Handlung uns wohlüberlegt, ja vielleicht listig scheint. Ich sage, ich wisse nicht, was in ihm vorgeht, und es geht in einem wichtigen Sinne nichts in ihm vor. Ich kenne mich bei ihm nicht aus: Ich mache z.B. leicht falsche Vermutungen und werde von Zeit zu Zeit hart in meinen Erwartungen getäuscht. Ich könnte mir von diesem Menschen ein Bild machen, indem ich mir vorstellte, er spreche zu allen seinen Handlungen Monologe, die seine Gesinnung zum Ausdruck brächten. Die Monologe wären eine Konstruktion, eine Arbeitshypothese, mittels derer ich mir seine Handlungen verständlich zu machen suche. Muß ich nun annehmen, daß in ihm außer jenen Monologen noch ein Denken vor sich geht? Sind die Monologe nicht ganz genug? Können sie nicht Alles leisten, was das Innenleben leisten soll?

603 There may be people who talk a lot to themselves before and during acting, and others who say very little to themselves, who are, as it were, very silent with themselves. If you ask him, “What did you think when you did that?” he might very honestly confess, “Nothing at all,” even though his action seems well-considered, perhaps even cunning. I say, I don’t know what’s going on inside him, and in an important sense, nothing is going on inside him. I am not familiar with him: I easily make false assumptions and am from time to time disappointed in my expectations. I could form a picture of this person by imagining that he speaks monologues to all his actions, which would express his disposition. The monologues would be a construction, a working hypothesis, by means of which I try to make his actions understandable. Must I now assume that something else is going on in him besides those monologues? Are the monologues not quite enough? Can they not achieve everything that the inner life is supposed to achieve?

§RPP II

750[2]

604 Man kann sich leicht Ereignisse vorstellen und in alle Einzelheiten ausmalen, die wenn wir sie eintreten sähen, uns an allem Urteilen irre werden ließen. Sähe ich vor meinen Fenstern statt der altgewohnten eine ganz neue Umgebung, benähmen sich die Dinge darin, wie sie sich nie benommen haben, so würde ich etwa die Worte äußern “ich bin wahnsinnig geworden”; aber das wäre nur ein Ausdruck dafür, daß ich es aufgebe, mich auszukennen. Und das Gleiche könnte mir auch in der Mathematik zustoßen. Es könnte mir z.B. scheinen, als machte ich immer wieder Rechenfehler, so daß keine Lösung mir verläßlich erschiene. Das Wichtige aber für mich daran ist, daß es zwischen einem solchen Zustand und dem normalen keine scharfe Grenze gibt.

604 One can easily imagine events and work them out in all details, which, if we were to see them happen, would make us judge everything wrongly. If, instead of the familiar surroundings, I saw a completely new environment outside my window, and the things in it behaved in ways they had never behaved before, I might say, “I have gone mad”; but that would only be an expression of the fact that I have given up trying to understand. And the same thing could happen to me in mathematics. It might seem to me that I am always making calculation errors, so that no solution appears reliable to me. But the important thing for me about this is that there is no sharp boundary between such a state and the normal one.

§RPP II

750[3]

605 Worin liegt die Wichtigkeit des genauen Ausmalens von Anomalien? Kann man es nicht, so zeigt das, daß man sich in den Begriffen noch nicht auskennt.

605 In what lies the importance of accurately working out anomalies? If one cannot do it, this shows that one is not yet familiar with the concepts.

§RPP II

750[4]

606 Es gibt wohl dies: sich Menschenkenntnis zu erwerben; man kann Einem auch dabei helfen, also quasi einen Unterricht erteilen, aber man deutet nur auf Fälle, weist auf gewisse Züge hin, gibt nicht feste Regeln.

606 There is probably this: acquiring knowledge of people; one can also help someone with this, i.e. provide a kind of instruction, but one only points to cases, points out certain characteristics, does not give fixed rules.

§RPP II

750[5] &
751[1]

607 Ich kann vielleicht sagen “Laß mich mit diesem Menschen reden, die und die Zeit mit ihm verbringen und ich werde wissen, ob ihm zu trauen ist.” und später: “Ich habe den Eindruck …” Aber hier handelt sich's um eine Prognose. Die Zukunft mag lehren, ob mein Eindruck richtig war. Menschenkenntnis kann uns davon überzeugen, daß dieser Mensch wirklich fühlt, was er zu fühlen vorgibt; aber überzeugt sie uns davon, daß andere Menschen etwas fühlen?

607 Perhaps I can say, “Let me talk to this person, spend some time with him, and I will know whether he is trustworthy.” And later: “I have the impression…” But here we are dealing with a prediction. The future may teach us whether my impression was correct. Knowledge of people can convince us that this person really feels what he pretends to feel; but does it convince us that other people feel something?

§RPP II

751[2]

608 “So kann man sich nicht vorstellen.” – Und das kann eine Erfahrung sein, – daß nämlich niemand, der sich so benimmt, sich später so und so benehmen werde; aber auch eine begriffliche Feststellung; und die beiden können zusammen hängen. (Denn man hätte nicht gesagt, die Planeten müssen sich in Kreisen bewegen, wenn es nie geschienen hätte, daß sie sich in Kreisen bewegen.)

608 “One cannot imagine it like that.” – And that can be an experience, – namely that no one who behaves in such a way will later behave in such and such a way; but also a conceptual statement; and the two can be related. (For one would not have said that the planets must move in circles if it had never appeared that they move in circles.)

§RPP II

751[3]

609 Ich kann beim Unterricht auf Einen zeigen und sagen “Siehst du, der verstellt sich nicht”. Und der Schüler kann daraus lernen. Aber wenn er mich fragte “Woraus wird es eigentlich erkannt?” – so wüßte ich nichts anderes zu antworten, als etwa: “Schau, wie er daliegt, schau auf seine Züge” und dergleichen.

609 During instruction, I can point to someone and say, “See, he isn’t pretending.” And the student can learn from this. But if he asked me, “How is it actually recognized?” – then I wouldn’t know anything else to answer except something like, “Look at how he is, look at his facial expressions,” and so on.

§RPP II

751[4]

610 Könnte das nun bei andern Wesen anders sein? – Wenn sie z.B. alle die selbe Gestalt und die selben Gesichtszüge hätten, wäre schon vieles anders.

610 Could it be different with other beings? – If they all had the same shape and the same facial features, then much would be different.

§RPP II

751[5]

611 Und Verstellung ist natürlich nur ein besonderer Fall davon, daß Einer eine Schmerzäußerung von sich gibt, und nicht Schmerzen hat. Wenn dies überhaupt möglich ist, warum sollte denn dabei immer Vorstellung statthaben, – dieser sehr spezielle psychologische Vorgang? (Und mit einem “psychologischen” meine ich nicht einen “innern”.)

611 And pretending is, of course, only a special case of someone expressing pain when they are not in pain. If this is even possible, why should it always involve imagination – this very specific psychological process? (And by “psychological,” I don’t mean “internal.”)

§RPP II

752[1]

612 Ja, es könnte ein Fall eintreten, in welchem wir sagen würden: “Er glaubt sich zu verstellen.” (Pilgrim's Progress: Er glaubt, die Flüche zu äußern, die der Böse äußert.)

612 Yes, there could be a case in which we would say, “He believes he is pretending.” (Pilgrim's Progress: He believes he is uttering the curses that the devil utters.)

§RPP II

752[2]

613 Die zureichende Evidenz geht ohne eine Grenze in die unzureichende über. Eine natürliche Grundlage dieser Begriffsbildung ist das komplizierte Wesen und die Mannigfaltigkeit der menschlichen Fälle. So müßte also bei einer geringeren Mannigfaltigkeit eine scharf begrenzte Begriffsbildung natürlich erscheinen. Warum aber scheint es so schwer, sich den vereinfachten Fall vorzustellen? Ist es so, als wollte man sich einen Gesichtsausdruck vorstellen, der nicht allmählicher zarter Veränderungen fähig wäre, sondern, sagen wir, nur fünf Stellungen hätte; bei einer Veränderung ginge die eine mit einem Ruck in die andere über. Wäre nur dies starre Lächeln wirklich ein Lächeln? Und warum nicht? – Ich könnte mich vielleicht nicht so dazu verhalten wie zu einem Lächeln, Es wurde mich etwa nicht selber zum Lächeln bringen.

613 Sufficient evidence gradually merges into insufficient evidence. A natural basis for this formation of concepts is the complicated nature and the diversity of human cases. Thus, with less diversity, a sharply defined formation of concepts would naturally appear. But why does it seem so difficult to imagine the simplified case? Is it as if one wants to imagine a facial expression that is not capable of gradual, subtle changes, but, say, only has five positions; in a change, one would abruptly transition to the other. Would only this rigid smile really be a smile? And why not? – Perhaps I could not behave towards it in the same way as towards a smile; it might not make me smile myself.

§RPP II

752[3]

614 Ein vollkommen starrer Gesichtsausdruck könnte kein freundlicher sein. Zum freundlichen Ausdruck gehört die Veränderlichkeit und die Unregelmäßigkeit. Die Unregelmäßigkeit gehört zur Physiognomie.

614 A completely rigid facial expression could not be a friendly one. Variability and irregularity are part of the friendly expression. Irregularity is part of physiognomy.

§RPP II

752[4]

615 Die Wichtigkeit für uns der feinen Abschattungen des Benehmens.

615 The importance for us of the subtle nuances of behaviour.

§RPP II

753[1]

616 Zu meinem Begriff gehört hier mein Verhältnis zur Erscheinung.

616 My concept here includes my relationship to the phenomenon.

§RPP II

753[2]

617 Denk dir dies Argument: Schmerzen haben doch einen Grad. Nun wird aber niemand behaupten, ich wisse je den genauen Grad der Schmerzen des Andern; also könnten sie auch den Grad 0 haben. Aber kennt denn er den ‘genauen Grad’ seiner Schmerzen? Und was heißt es: ihn kennen?

617 Consider this argument: pain has a degree. But no one would claim that I ever know the exact degree of another's pain; so it could also have a degree of 0. But does he know the ‘exact degree’ of his pain? And what does it mean to know it?

§RPP II

753[3]

618 “Nun, weiß er denn nicht, wie stark seine Schmerzen sind?” Er hat darüber keinen Zweifel.

618 “Well, doesn’t he know how much his pain is?” He has no doubt about it.

§RPP II

753[4]

619 Aber ich weiß doch z.B. nicht, daß sein Schmerz jetzt ein klein wenig abgenommen hat. – Doch, ich weiß es, wenn er mir's sagt. Was er sagt, ist ja auch eine Äußerung.

619 But I don’t know, for example, that his pain has lessened just a little now. – Yes, I know it, if he tells me. What he says is also an utterance.

§RPP II

753[5]

620 Die Unsicherheit hat ihren Grund nicht darin, daß er seine Schmerzen nicht außen am Rock trägt. Und es ist auch gar keine Unsicherheit im besondern Fall. Wenn die Grenze zwischen zwei Ländern strittig wäre, würde daraus folgen, daß die Landesangehörigkeit jedes einzelnen Bewohners fraglich wäre?

620 The uncertainty does not arise from the fact that he does not carry his pain on the outside of his coat. And it is not even uncertainty in the particular case. If the border between two countries were disputed, would it follow that the national affiliation of each individual inhabitant would be questionable?

§RPP II

753[6]

621 ‘Sandhaufen’ ist ein unscharf begrenzter Begriff – – – aber warum verwendet man statt seiner nicht einen scharf begrenzten? Liegt der Grund in der Natur der Haufen? Welches Phänomens Natur bestimmt unsern Begriff?

621 “Sandpile” is an unclearly defined concept – – – but why does one not use a sharply defined one instead? Does the reason lie in the nature of the piles? What phenomenon determines our concept?

§RPP II

753[7]

622 “Ein Hund ist einem Menschen ähnlicher, als ihm ein Wesen von menschlicher Gestalt wäre, das sich ‘mechanisch’ benähme.” Nach einfachen Regeln benähme?

622 “A dog is more similar to a human than is a being of human form that behaves ‘mechanically’.” Behaves according to simple rules?

§RPP II

753[8] &
754[1]

623 Wir beurteilen eine Handlung nach ihrem Hintergrund im menschlichen Leben, und dieser Hintergrund ist nicht einfärbig, sondern wir könnten ihn uns als ein sehr kompliziertes filigranes Muster vorstellen, das wir zwar nicht nachzeichnen könnten, aber nach seinem allgemeinen Eindruck wiedererkennen.

623 We judge an action according to its background in human life, and this background is not uniform, but we could imagine it as a very complicated, filigree pattern, which we could not reproduce, but which we could recognize from its general impression.

§RPP II

754[2]

624 Der Hintergrund ist das Getriebe des Lebens. Und unser Begriff bezeichnet etwas in diesem Getriebe

624 The background is the mechanism of life. And our concept refers to something within this mechanism.

§RPP II

754[3]

625 Und schon der Begriff ‘Getriebe’ bedingt die Unbestimmtheit. Denn nur durch ständige Wiederholung ergibt sich ein Getriebe. Und für ‘ständige Wiederholung’ gibt es keinen bestimmten Anfang.

625 And even the concept ‘mechanism’ implies indefiniteness. For a mechanism only arises through constant repetition. And for ‘constant repetition’ there is no definite beginning.

§RPP II

754[4]

626 Die Variabilität selbst ist ein Charakter des Benehmens, der ihm nicht fehlen kann, ohne es für uns zu etwas ganz anderem zu machen. (Die charakteristischen Gesichtszüge der Trauer, z.B. sind nicht bedeutsamer als es ihre Beweglichkeit ist.)

626 Variability itself is a characteristic of behaviour, which cannot be missing from it without making it something completely different to us. (The characteristic facial features of grief, for example, are not more significant than their mobility.)

§RPP II

754[5]

627 Es ist dort unnatürlich, eine Begriffsgrenze zu ziehen, wo für sie nicht eine besondere Rechtfertigung besteht, wo Ähnlichkeiten uns über die willkürlich gezogene Linie immer hinüberzögen.

627 It would be unnatural to draw a conceptual boundary where there is no particular justification for it, where similarities always draw us across the arbitrarily drawn line.

§RPP II

754[6]

628 Wie könnte man die menschliche Handlungsweise betreiben? Doch nur, indem man die Handlungen der verschiedenen Menschen, wie sie durcheinanderwimmeln, zeigte. Nicht, was Einer jetzt tut, sondern das ganze Gewimmel ist der Hintergrund, worauf wir eine Handlung sehen, und bestimmt unser Urteil, unsere Begriffe und Reaktionen.

628 How could one conduct human behaviour? Only by showing the actions of different people, as they swirl around together. Not what one is doing now, but the whole swirl is the background against which we see an action, and determines our judgment, our concepts and reactions.

§RPP II

754[7] &
755[1]

629 Wie könntest du erklären, was es heißt “Schmerzen heucheln”, “sich stellen, als habe man Schmerzen”. (Natürlich fragt er sich: Wem?) Sollst du's vormachen? Und warum ließe sich so eine Demonstration so leicht mißverstehen? Man möchte sagen: “Lebe einige Zeit unter uns und du wirst es verstehen lernen.”

629 How could you explain what it means to “feign pain,” to “pretend to have pain”? (Of course, one asks oneself: To whom?) Should one act it out? And why could such a demonstration be so easily misunderstood? One might say: “Live for some time among us and you will learn to understand it.”

§RPP II

755[2]

630 Man könnte ihn doch einfach lehren, den Schmerz (z.B.) zu mimen (nicht in der Absicht zu betrügen). Aber wäre es jedem beizubringen? Ich meine: Er könnte ja wohl erlernen, gewisse rohe Schmerzzeichen von sich zu geben, ohne aber je aus eigenem, aus seiner eigenen Einsicht eine feinere Nachahmung zu geben, (Sprachtalent.) (Man könnte vielleicht sogar einen gescheiten Hund eine Art Schmerzgeheul lehren; aber es käme doch nie seinerseits zu einer bewußten Nachahmung.)

630 One could simply teach him to mime the pain (e.g.) (not with the intention of deceiving). But could it be taught to everyone? I mean: he could probably learn to produce certain crude signs of pain, without ever giving a finer imitation from his own experience, from his own insight. (Linguistic talent.) (One could perhaps even teach a clever dog a kind of pain howl; but it would never come from it as a conscious imitation.)

§RPP II

755[3]

631 Ich will eigentlich sagen, daß die gedanklichen Skrupel im Instinkt anfangen (ihre Wurzeln haben). Oder auch so: das Sprachspiel hat seinen Ursprung nicht in der Überlegung. Überlegung ist ein Teil des Sprachspiels. Und der Begriff ist daher im Sprachspiel zu Hause.

631 I actually want to say that the intellectual scruples begin in instinct (have their roots there). Or also like this: the language-game does not originate in reflection. Reflection is part of the language-game. And the concept is therefore at home in the language-game.

§RPP II

755[4]

632 “Könntest du dir keine weitere Umgebung denken, in der auch das noch als Verstellung zu deuten wäre?” Aber was heißt es: daß es noch immer Verstellung sein könnte? Hat denn Erfahrung uns das gelehrt? Und wie können wir anders über Verstellung unterrichtet sein?

632 “Couldn’t you imagine a further environment in which this could also be interpreted as pretense?” But what does it mean that it could still be pretense? Has experience taught us this? And how else can we be taught about pretense?

§RPP II

755[5] &
756[1]

633 Liegt hier nicht etwas Ähnliches vor, wie das Verhältnis der euklidischen Geometrie zur Gesichtserfahrung? (Ich meine: es sei eine tiefgehende Ähnlichkeit vorhanden.) Denn auch die euklidische Geometrie entspricht ja der Erfahrung nur in sehr eigentümlicher Weise, und nicht etwa nur ‘bloß annähernd’. Man könnte vielleicht sagen, sie entspreche ebensosehr unserer Methode des Zeichnens, wie andern Dingen, oder auch, sie entspreche gewissen Bedürfnissen des Denkens. Ihre Begriffe haben ihre Wurzeln in weitverstreut und entlegenen Gebieten.

633 Is there not something similar here, as in the relationship of Euclidean geometry to visual experience? (I mean: there is a deep similarity.) For Euclidean geometry also corresponds to experience only in a very peculiar way, and not just ‘approximately’. One might perhaps say that it corresponds as much to our method of drawing as to other things, or that it corresponds to certain needs of thinking. Its concepts have their roots in widely scattered and remote areas.

§RPP II

756[2]

634 Denn, so wie das Verbum “glauben” konjugiert wird wie das Verbum “schlagen”, so werden Begriffe für das eine Gebiet nach Analogie weit entfernter Begriffe gebildet. (Die Geschlechter der Hauptworte.)

634 For, just as the verb “believe” is conjugated like the verb “strike,” so concepts for one area are formed by analogy with concepts from a remote area. (The genders of the main words.)

§RPP II

756[3]

635 Die Begriffsbildung hat z.B. Grenzenlosigkeit, wo in der Erfahrung keine scharfen Grenzen zu finden sind. (Grenzenlose Approximation.)

635 Concept formation, for example, has boundlessness, where there are no sharp boundaries to be found in experience. (Boundless approximation.)

§RPP II

756[4]

636 Man könnte manchmal sagen, die Begriffe seien einer Denkbequemlichkeit gemäß gebildet. (Wie ja auch der Meterstab nicht nur den zu messenden Dingen, sondern auch dem Menschen gemäß ist.) Aber zum Teufel: es weiß doch Jeder, ob er Schmerzen hat! – Wie könnt's denn Jeder wissen? Dazu müßte er doch vor allem wissen, daß Sie Alle das Gleiche haben.

636 One could sometimes say that the concepts are formed in accordance with a convenience of thought. (Just as the meter stick is not only in accordance with the things to be measured, but also with the person.) But damn it: everyone knows whether they are in pain! – How could everyone know? For this, they would have to know, above all, that you all have the same thing.

§RPP II

756[5]

637 Ein Stamm hat zwei Begriffe, verwandt unserem ‘Schmerz’. Der Eine wird bei sichtbaren Verletzungen angewandt und ist mit Pflege, Mitleid, etc., verknüpft. Den andern wenden sie bei Magenschmerzen, z.B., an und er verbindet sich mit Belustigung über den Klagenden. “Aber merken sie denn wirklich nicht die Ähnlichkeit?” – Haben wir denn überall einen Begriff, wo eine Ähnlichkeit besteht? Die Frage ist: Ist ihnen die Ähnlichkeit wichtig? Und muß sie's ihnen sein?

637 A tribe has two concepts, related to our ‘pain’. One is applied in cases of visible injuries and is associated with care, compassion, etc. The other they apply to stomach aches, for example, and it is associated with amusement at the person complaining. “But do they really not notice the similarity?” – Do we even have a concept in every case where there is a similarity? The question is: Is the similarity important to them? And must it be?

§RPP II

756[6] &
757[1]

638 Wenn du dir überlegst, aus welchen Gründen sich Einer Schmerzen verbeißt, oder simulieren konnte, werden dir unzählige einfallen. Warum gibt es nun diese Vielheit? Das Leben ist sehr kompliziert. Es gibt sehr viele Möglichkeiten Aber könnten nicht andere Menschen viele dieser Möglichkeiten beiseite lassen, gleichsam die Achsel über sie zucken?

638 If you think about the reasons why someone might grit their teeth and endure pain, or feign it, you will come up with countless possibilities. Why is there such a variety? Life is very complicated. There are many possibilities. But couldn’t other people dismiss many of these possibilities, as it were, and shrug them off?

§RPP II

757[2]

639 Aber übersieht dieser dann nicht etwas, was da ist? – Er nimmt davon keine Notiz; und warum sollte er? – Aber dann ist ja eben sein Begriff grundverschieden von dem unsern. – Grundverschieden? Verschieden. Aber es ist dann doch, als ob sein Wort nicht das selbe bezeichnen könnte wie unseres. Oder nur einen Teil davon. – Aber so muß es ja auch ausschauen, wenn sein Begriff verschieden ist. Denn die Unbestimmtheit unseres Begriffs kann sich ja für uns in den Gegenstand projizieren, den das Wort bezeichnet. So daß, fehlte die Unbestimmtheit, auch nicht ‘dasselbe gemeint’ wäre. Das Bild, das wir verwenden, versinnbildlicht die Unbestimmtheit.

639 But doesn’t this person then overlook something that is there? – He takes no notice of it; and why should he? – But then his concept is fundamentally different from ours. – Fundamentally different? Different. But it is as if his word could not refer to the same thing as ours. Or only a part of it. – But that is also how it must look if his concept is different. Because the indeterminacy of our concept can be projected onto the object that the word refers to. So that, if the indeterminacy were missing, ‘the same thing’ would not even be ‘meant’. The image that we use embodies the indeterminacy.

§RPP II

757[3]

640 In der Philosophie darf man keine Denkkrankheit abschneiden. Sie muß ihren natürlichen Lauf gehen, und die langsame Heilung ist das Wichtigste.

640 In philosophy, one must not simply cut off a mental illness. It must run its natural course, & the slow process of healing is the most important thing.

§RPP II

757[4]

641 “Man kann nie wissen, was in seiner Seele vorgeht” – das scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein. Und ist es auch in dem Sinne, daß hier eben das gebrauchte Bild den Satz schon enthält. Aber man muß ihn eben zugleich mit dem Bild in Frage ziehen.

641 “One can never know what is going on in his mind” – this seems to be a matter of course. And it is also in the sense that the image used here already contains the sentence. But one must also question it at the same time with the image.

§RPP II

757[5] &
758[1]

642 Das “Wer weiß, was in ihm vorgeht!” Das Interpretieren der äußeren Ereignisse als Folgen von unbekannten, oder nur geahnten, innern. Das Interesse, das sich auf dies Innere richtet, wie auf die chemische Struktur, aus der das Verhalten hervorgeht. Denn man braucht ja bloß sagen “Was gehen mich die innern Vorgänge, was immer sie sind, an?!” um zu sehen, daß sich eine andere Einstellung denken läßt – “Aber jeden wird doch immer sein Inneres interessieren! Unsinn. Wüßte ich denn, daß der Schmerz, z.B. etc. etc. etwas Inneres ist, wenn's mir nicht gesagt würde?

642 “Who knows what is going on in him!” Interpreting external events as consequences of unknown, or only suspected, inner states. The interest that is directed at this inner realm, as if it were the chemical structure from which behaviour arises. Because one only needs to say “What do the inner processes, whatever they are, have to do with me?!” to see that a different attitude is conceivable – “But surely everyone is interested in his inner state!” Nonsense. Would I even know that pain, for example, etc., is something inner if I wasn’t told?

§RPP II

758[2]

643 Der Zweifel am inneren Vorgang ist ein Ausdruck. Der Zweifel aber ist ein instinktives Verhalten. Ein Verhalten gegen den Andern, Und es rührt nicht daher, daß ich von mir selbst her weiß was Schmerz, etc., ist; weiß, daß es etwas Inneres ist und daß es mit irgendeinem Äußern zusammengehen kann. Ich weiß alles eher!

643 Doubt about the inner process is an expression. But doubt is an instinctive behaviour, a behaviour directed against another. And it does not stem from the fact that, starting from myself, I know what pain, etc., is; that I know that it is something inner and that it can be associated with some external manifestation. I know all this beforehand!

§RPP II

758[3]

644 Erinnere dich: die meisten sagen, man spüre in der Narkose nichts. Manche aber sagen doch: Man könnte ja doch etwas fühlen und es nur völlig vergessen. Wenn es also hier solche gibt, die zweifeln und solche, denen kein Zweifel kommt, so könnte die Zweifellosigkeit doch auch viel allgemeiner bestehen.

644 Remember: most people say that you feel nothing during anesthesia. But some do say: one could still feel something and simply forget it completely. So if there are some who doubt and some who do not doubt, then the certainty could also be much more common.

§RPP II

758[4]

645 Oder der Zweifel könnte doch eine andere, und viel weniger unbestimmte Form haben, als in unserer Gedankenwelt.

645 Or the doubt could have a different, and much less indeterminate form than in our world of thought.

§RPP II

758[5] &
759[1]

646 Bedenke: Wir gebrauchen das Wort “Ich weiß nicht” oft in seltsamer Weise; wenn wir z.B. sagen; wir wissen nicht, ob Dieser wirklich mehr fühlt als der Andere, oder es nur stärker zum Ausdruck bringt, Es ist dann nicht klar, welche Art der Untersuchung die Frage entscheiden würde. Natürlich ist die Äußerung nicht ganz müßig: Wir wollen sagen, daß wir wohl die Gefühle des A und des B miteinander vergleichen können, aber uns die Umstände an einem Vergleich des A mit dem C irre werden lassen.

646 Consider: We often use the word “I don’t know” in a strange way; when we say, for example, that we do not know whether this one really feels more than the other, or only expresses it more strongly. It is then not clear what kind of investigation would decide the question. Of course, the statement is not entirely pointless: we want to say that we can compare the feelings of A and B, but the circumstances lead us astray in a comparison of A with C.

§RPP II

759[2]

647 Nur Gott sieht die geheimsten Gedanken. Aber warum sollen diese so wichtig sein? Und müssen alle Menschen sie für wichtig halten?

647 Only God sees the innermost thoughts. But why should these be so important? And must all people consider them important?

§RPP II

759[3]

648 ‘Denk dir Menschen, die nur laut denken.’ Es ist ja doch nicht selbstverständlich, das Wesen von der körperlichen Natur denken; so sollen sie also bloß redend denken, d.h., nicht anderes, was wir auch denken nennen würden, tun. Ihre geheimen Gedanken sind Monologe.)

648 ‘Imagine people who only think aloud.’ It is not self-evident that the essence is linked to physical nature; so they should just think by speaking, i.e., do nothing else that we would also call thinking. Their innermost thoughts are monologues.

§RPP II

759[4]

649 Die Stufen zwischen instinktiver Schlauheit und durchdachter. Ein Idiot könnte schlau handeln, so würden wir's bezeichnen, und wir würden nicht glauben, daß er fähig sei, etwas zu planen. Gefragt “Was wohl in ihm vorgeht?” sagen wir “Es geht gewiß sehr wenig in ihm vor.” Aber was wissen wir davon?! Wir machen uns nach seinem Benehmen, seinen Äußerungen, seiner Denkfähigkeit, ein Bild.

649 The stages between instinctive cleverness and thoughtfulness. An idiot might act cleverly, as we would describe it, and we would not believe that he is capable of planning anything. When asked “What is probably going on in him?” we say “Very little is probably going on in him.” But what do we know about it?! We form a picture of him based on his behaviour, his utterances, and his capacity for thought.

§RPP II

759[5]

650 Wir stellen Verschiedenes zu einer ‘Gestalt’ (Muster) zusammen, zu der des Betruges z.B. Das Bild des Innern vervollständigt die Gestalt.

650 We combine different things into a ‘shape’ (pattern), such as that of deceit. The image of the inner self completes the shape.

§RPP II

759[6]

651 Wenn ein Begriff von einem Lebensmuster abhängig ist, so muß in ihm eine Unbestimmtheit liegen. Denn weicht dann ein Muster vom Normalen ab, so wird fraglich, was wir hier sagen wollen.

651 If a concept depends on a pattern of life, then it must contain an element of indeterminacy. For if a pattern deviates from the normal, then it becomes questionable what we want to say here.

§RPP II

759[7]

652 Könnte also Bestimmtheit nur dort sein, wo regelmäßige Lebensläufe sind? Was tun sie aber, wenn ihnen ein unregelmäßiger Fall unterläuft? Vielleicht zucken sie nur die Achseln.

652 Could certainty only exist where there are regular life paths? But what do they do when an irregular case presents itself? Perhaps they just shrug their shoulders.

§RPP II

760[1]

653 “Er sagte mir – und es war nicht der geringste Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit möglich – daß …” Unter welchen Umständen ist kein Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit möglich? Kann ich sie angeben? Nein.

653 “He told me – and there was no doubt possible about his credibility – that…” Under what circumstances is there no doubt about his credibility possible? Can I specify it? No.

§RPP II

760[2]

654 Du mußt an den Zweck der Worte denken. Was hat die Sprache mit Schmerzen zu tun?

654 You must think about the purpose of the words. What does language have to do with pain?

§RPP II

760[3]

655 Im Falle, den ich mir vorstelle, haben die Leute ein Wort das einen ähnlichen Zweck erfüllt (eine ähnliche Funktion hat) wie das Wort “Schmerz”. Man kann nicht sagen, es “bezeichne” etwas Ähnliches. Es greift anders, und doch ähnlich, in ihr Leben ein.

655 In the case that I imagine, people have a word that serves a similar purpose (has a similar function) to the word “pain”. One cannot say that it “denotes” something similar. It intervenes in their lives in a different, and yet similar, way.

§RPP II

760[4]

656 “Man kann aber doch den Schmerz nicht mit Sicherheit nach dem Äußern erkennen.” – Man kann ihn nur nach dem Äußeren erkennen und die Unsicherheit ist eine Konstitutionelle. Sie ist kein Mangel. Es liegt in unserm Begriff, daß diese Unsicherheit besteht; in unserm Instrument. Ob dieser Begriff praktisch, oder unpraktisch ist, darum handelt's sich eigentlich nicht.

656 “One can, however, not recognize pain with certainty from its outward expression.” – One can recognize it only from its outward expression, and the uncertainty is a constitutive feature. It is not a defect. It is inherent in our concept that this uncertainty exists; it is inherent in our instrument. Whether this concept is practical or impractical is not really the point.

§RPP II

760[5] &
761[1]

657 Die Farben könnten in einer andern Welt eine andere Rollen spielen als in der unsern. Denk an verschiedene Fälle. 1) Bestimmte Farben an bestimmte Formen gebunden. Kreisförmiges rot, viereckiges Grün, etc. 2) Farbstoffe nicht herstellbar. Man kann Dinge nicht färben. 3) Eine Farbe immer an einen üblen Geruch oder an Giftigkeit gebunden. 4) Farbenblindheit weit häufiger als bei uns. 5) Verschiedene Töne von Grau sind häufig alle andern Farben äußerst selten. 6) Wir können aus dem Gedächtnis eine große Anzahl von Farbtönen reproduzieren. Wenn unser Zahlsystem mit der Zahl unserer Finger zusammenhängt, warum denn nicht unser System der Farben mit der besondern Art des Auftretens der Farben. 7) Eine Farbe tritt immer nur in graduellem Übergang in eine

andere auf. 8) Farben treten immer im Farbverlauf des Regenbogens auf.

657 Colors could play a different role in another world than in ours. Think of different cases. 1) Certain colors are linked to certain shapes. Circular red, square green, etc. 2) Dyes cannot be produced. One cannot color things. 3) One color is always linked to an unpleasant smell or to toxicity. 4) Color blindness is much more common than with us. 5) Different shades of gray are often all that other colors are rarely. 6) We can reproduce a large number of color tones from memory. If our number system is related to the number of our fingers, why not our system of colors with the particular way that colors appear. 7) A color always appears only in gradual transition into another. 8) Colors always appear in the color progression of the rainbow.

§RPP II

761[2]

658 Denke an die Unsicherheit, ob Tiere, besonders niedere Tiere, Fliegen z.B., Schmerzen fühlen. Die Unsicherheit, ob eine Fliege Schmerz fühlt, ist eine philosophische; aber könnte sie nicht auch eine instinktive sein? Und wie würde sich das zeigen? Ja, gibt es eben nicht eine Unsicherheit im Benehmen gegen die Tiere? Einer weiß nicht; Ist er grausam oder nicht.

658 Think of the uncertainty about whether animals, especially lower animals, such as flies, feel pain. The uncertainty of whether a fly feels pain is a philosophical one; but could it also be an instinctive one? And how would that show itself? Yes, is there not an uncertainty in the behaviour towards animals? One does not know; is he cruel or not.

§RPP II

761[3]

659 Denn es gibt ja Unsicherheit des Benehmens, die nicht auf einer Unsicherheit in den Gedanken beruht.

659 For there is uncertainty of behaviour that is not based on uncertainty in thoughts.

§RPP II

761[4]

660 Sieh die Frage der Unsicherheit, ob der Andere Schmerz empfindet, in der Beleuchtung durch die Frage, ob ein Insekt Schmerz empfindet.

660 See the question of the uncertainty of whether the other person feels pain, in the light of the question of whether an insect feels pain.

§RPP II

761[5]

661 Es gibt doch im Benehmen Vertrauen und Mißtrauen! Klagt Einer z.B., so kann ich mit völliger Sicherheit, vertrauensvoll reagieren, oder unsicher und wie Einer, der Verdacht hat. Es braucht dazu keine Worte, noch Gedanken.

661 There is, after all, trust and distrust in behaviour! For example, if someone complains, I can react with complete certainty, in a trusting way, or uncertainly and like someone who suspects something. This does not require words or thoughts.

§RPP II

761[6] &
762[1]

622 Die Unvorhersehbarkeit des menschlichen Benehmens. Wäre sie nicht vorhanden, – würde man dann auch sagen, man könnte nie wissen, was im Andern vorgeht?

622 The unpredictability of human behaviour. If it were not present, would one also say that one could never know what is going on in the other person?

§RPP II

762[2]

663 Aber wie wär's, wenn das menschliche Benehmen nicht unvorhersehbar wäre? Wie hat man sich das vorzustellen? (D.h.: wie auszumalen, welche Verbindungen anzunehmen?)

663 But what if human behaviour were not unpredictable? How would one imagine that? (That is: how would one imagine what connections to assume?)

§RPP II

762[3]

664 “Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht?” das könnte man von einem komplizierten Uhrwerk sagen; etwa einer Kunstuhr, die nach sehr komplizierten Gesetzen verschiedene äußere Bewegungen auslöst. Man denkt sich dann bei ihrer Betrachtung vielleicht: Wenn ich wüßte, wie es in ihr ausschaut, was jetzt vorgeht, wüßte ich, was zu erwarten ist.

664 “I don’t know what’s going on in him?” one could say this about a complicated clockwork mechanism; perhaps an artistic clock that triggers various external movements according to very complicated laws. When considering it, one might think: if I knew what it looked like inside, what was going on now, then I would know what to expect.

§RPP II

762[4]

665 Beim Menschen aber ist angenommen, daß man in den Mechanismus keinen Einblick gewinnen kann. Es ist also die Unbestimmtheit postuliert.

665 In the case of humans, however, it is assumed that one cannot gain any insight into the mechanism. Thus, indeterminacy is postulated.

§RPP II

762[5]

666 Wenn ich aber zweifle, ob eine Spinne wohl Schmerz empfindet, dann ist es nicht, weil ich nicht weiß, was ich mir zu erwarten habe.

666 But when I doubt whether a spider feels pain, it is not because I do not know what to expect.

§RPP II

762[6]

667 Wir können aber nicht umhin, uns das Bild vom seelischen Vorgang zu machen. Und nicht, weil wir ihn von uns her kennen!

667 But we cannot avoid forming a picture of the mental process. And not because we know it from ourselves!

§RPP II

762[7]

668 Eine Art der Unsicherheit wäre die, die wir auch einem uns unbekannten Mechanismus entgegenbringen könnten. Bei der andern würden wir uns möglicherweise an eine Begebenheit in unserm Leben erinnern. Es könnte z.B. sein, daß Einer, der gerade der Todesangst entronnen ist, sich davon scheuen würde, eine Fliege zu erschlagen und es sonst ohne Bedenken täte. Oder, anderseits, daß er mit diesem Erlebnis vor Augen, das Zögern tut, was er sonst ohne zögern täte.

668 One kind of uncertainty would be the one we might also encounter with an unfamiliar mechanism. In the other case, we would perhaps recall an event in our life. It could, for example, be that someone who has just escaped the fear of death would be reluctant to swat a fly, something they would otherwise do without hesitation. Or, conversely, that with this experience in mind, they hesitate to do something they would otherwise do without hesitation.

§RPP II

762[8]

669 Auch wenn ich ‘nicht sicher in meinem Mitleid ruhe’, muß ich nicht an die Ungewißheit seines spätern Benehmens denken.

669 Even if I am ‘not firmly grounded in my compassion’, I do not necessarily have to think about the uncertainty of his later behaviour.

§RPP II

763[1]

670 Die eine Unsicherheit geht so zu sagen von dir aus, die andere von ihm. Von der einen könnte man also doch sagen, sie hinge mit einer Analogie zusammen; von der andern nicht. Aber nicht, als ob ich aus der Analogie einen Schluß zöge!

670 One type of uncertainty, so to speak, comes from you, and the other from him. One could therefore say that the first is related to an analogy; the second is not. But not as if I were drawing an inference from the analogy!

§RPP II

763[2]

671 Wenn das Leben ein Teppich wäre, so ist diese Muster (der Verstellung z.B.) nicht immer vollständig und vielfach variiert. Aber wir, in unserer Begriffswelt, sehen immer wieder das Gleiche mit Variationen wiederkehren. So fassen's unsere Begriffe auf. Die Begriffe sind ja nicht für einmaligen Gebrauch.

671 If life were a carpet, then this pattern (of pretending, for example) is not always complete & varies greatly. But we, in our conceptual world, repeatedly see the same thing recurring with variations. That is how our concepts grasp things. The concepts are not for one-time use.

§RPP II

763[3]

672 Und das Muster ist im Teppich mit vielen andern Mustern verwoben

672 And the pattern in the carpet is interwoven with many other patterns.

§RPP II

763[4]

673 Ich sage z.B. “Er könnte sich ja doch vorstellen” –was denke ich mir dabei? – d.h. welche Erklärung gäbe ich von dem Wort “verstellen”; was für Exempel fielen mir ein?

673 I say, for example, “He could, after all, imagine it” – what am I thinking when I say that? – that is, what explanation would I give for the word “pretend”; what examples would occur to me?

§RPP II

763[5]

674 Wie verwende ich den Satz? (Denn es ist hier wie in gewissen Gebieten der Mathematik, wo es eine ‘phantastische Anwendung’ gibt.)

674 How do I apply the sentence? (For here it is as in certain areas of mathematics, where there is a ‘fantastic application’.)

§RPP II

763[6]

675 Ich rufe ein Bild herauf, das dann zu einem Zweck dienen kann. (Ich könnte geradezu auf ein gemaltes Bild schauen.)

675 I conjure up an image, which can then serve a purpose. (I could even look at a painted picture.)

§RPP II

763[7]

676 Manchmal behandle ich ihn so, wie ich mich behandle und behandelt werden möchte, wenn ich Schmerzen habe und manchmal nicht.

676 Sometimes I treat him as I would treat myself and like to be treated if I were in pain, and sometimes not.

§RPP II

763[8]

677 Wir sind an eine bestimmte Einteilung der Sachen gewöhnt. Sie ist uns mit der Sprache, oder den Sprachen, zur Natur geworden.

677 We are accustomed to a certain division of things. It has become second nature to us, along with language, or languages.

§RPP II

764[1]

678 Dies sind die festen Schienen, auf denen all unser Denken verläuft, und also nach ihnen auch unser Urteilen und Handeln.

678 These are the fixed tracks on which all our thinking takes place, and thus also our judging and acting.

§RPP II

764[2]

679 Muß der Begriff der Bescheidenheit, oder der Prahlerei überall bekannt sein, wo es bescheidene und prahlerische Menschen gibt? Es liegt ihnen vielleicht dort nichts an dieser Unterscheidung. Uns sind ja auch manche Unterschiede unwichtig, und könnten uns wichtig sein.

679 Must the concept of modesty or boastfulness be known everywhere there are modest and boastful people? Perhaps they do not care about this distinction there. Some differences are unimportant to us, and could be important.

§RPP II

764[3]

680 Und Andere haben Begriffe, die unsere Begriffe durchschneiden. Und warum sollte nicht ihr Begriff unsern Begriff ‘Schmerz’ schneiden?

680 And others have concepts that cut across our concepts. And why shouldn’t their concept cut across our concept of ‘pain’?

§RPP II

764[4]

681 Die ‘Unsicherheit’ bezieht sich eben nicht auf den besondern Fall, sondern auf die Methode, auf die Regeln der Evidenz.

681 This ‘uncertainty’ does not refer to the particular case, but to the method, to the rules of evidence.

§RPP II

764[5]

682 Festbegrenzte Begriffe würden eine Gleichförmigkeit des Verhaltens fordern. Es ist aber so, daß wo ich sicher bin, der Andere unsicher ist. Und das ist eine Naturtatsache.

682 Precisely defined concepts would demand uniformity of behaviour. But it is the case that where I am certain, the other is uncertain. And that is a fact of nature.

§RPP II

764[6]

683 Wenn man sagt “Die Evidenz kann die Echtheit des Gefühlsausdrucks nur wahrscheinlich machen”, so heißt das nicht, daß statt völliger Sicherheit immer nur eine mehr oder weniger zuversichtliche Vermutung da ist. “Nur wahrscheinlich” kann sich nicht auf den Grad unsrer Zuversicht beziehen, sondern nur auf die Art ihrer Begründung, auf den Charakter des Sprachspiels: Das muß doch die Konstitution unsres Begriffs bestimmen helfen: daß unter den Menschen in Bezug auf die Sicherheit ihrer Überzeugung nicht Übereinstimmung besteht (Vergleiche die Bemerkung über die Übereinstimmung in den Farburteilen und in der Mathematik.)

683 If one says “Evidence can only make the genuineness of the expression of feeling probable”, then this does not mean that instead of complete certainty, there is always only a more or less confident conjecture. “Only probable” cannot refer to the degree of our confidence, but only to the kind of its justification, to the character of the language-game: This must surely help to determine the constitution of our concept: that among people, there is no agreement with respect to the certainty of their conviction (Compare the remark about agreement in colour judgements and in mathematics).

§RPP II

764[7] &
765[1]

684 Es kann der Eine vollkommen überzeugt sein und der Andere, bei gleicher Evidenz, nicht. Und wir schließen darum jeder diesen noch jenen als urteilsunfähig, oder als unzurechnungsfähig, aus der Gesellschaft aus.

684 One person can be completely convinced, and the other, with the same evidence, not. And we therefore exclude each of them from society as incapable of judgement, or as insane.

§RPP II

765[2]

685 Aber könnte eine Gesellschaft nicht eben dies tun?

685 But could not a society do just this?

§RPP II

765[3]

686 Denn die Wörter haben eben nur im Fluß des Lebens Bedeutung.

686 For words only have meaning in the stream of life.

§RPP II

765[4]

687 Ich bin sicher, sicher, daß er sich nicht verstellt; aber der

Andere ist's nicht. Kann ich ihn überzeugen? Und wenn nicht, – sag ich, er kann nicht denken? (Die Überzeugung davon könnte man “intuitiv” nennen.)

687 I am certain, certain, that he is not pretending; but the other is not. Can I convince him? And if not, do I say that he cannot think? (One could call the conviction of this “intuitive”.)

§RPP II

765[5]

688 Der Instinkt ist das Erste, das Räsonnement das Zweite. Gründe gibt es erst in einem Sprachspiel.

688 Instinct is the first thing, reasoning the second. There are only grounds in a language-game.

§RPP II

765[6]

689 Sage ich etwa “und die Seele ist auch nur etwas am Leibe”? Nein (Ich bin nicht so arm an Kategorien.)

689 Do I say “and the mind is just something in the body”? No (I am not so poor in categories).

§RPP II

765[7]

690 Du kannst den Begriff variieren, aber dann verändert du ihn vielleicht bis zur Unkenntlichkeit.

690 You can vary the concept, but then you may change it to the point of being unrecognizable.

§RPP II

765[8]

691 Wenn wir den Begriff der Verstellung variieren, müssen wir seine Innerlichkeit, d.h. die Möglichkeit des Geständnisses beibehalten. Wir müssen aber dem Geständnis nicht immer Glauben schenken, und das falsche Geständnis muß nicht Betrug sein.

691 If we vary the concept of pretending, we must retain its internality, i.e. the possibility of confession. But we do not always have to believe the confession, and the false confession does not have to be deception.

§RPP II

765[9]

692 Andere, obgleich den unsern verwandte Begriffe könnten uns sehr seltsam erscheinen: nämlich eine Abweichung vom gewohnten in ungewohnter Richtung.

692 Others, although having concepts related to ours, could appear very strange to us: namely, a deviation from the familiar in an unfamiliar direction.

§RPP II

765[10] &
766[1]

693 “Du verstehst ja nichts!” so sagt man, wenn einer bezweifelt, daß das echt sei, was wir klar als echt erkennen. “Du verstehst ja nichts” – aber wir können nichts beweisen.

693 “You don’t understand anything!” is what one says when someone doubts that what we clearly recognize as genuine is genuine. “You don’t understand anything” – but we cannot prove anything.

§RPP II

766[2]

694 Der seelenvolle Ausdruck in der Musik, – er ist doch nicht nach Regeln zu erkennen. Und warum können wir uns nicht vorstellen, daß er's für andere Wesen wäre?

694 The soulful expression in music – it cannot be recognized by rules. And why can’t we imagine that it would be for other beings?

§RPP II

766[3]

695 Schon das würde uns einen fremden und tiefen Eindruck machen, wenn wir zu Menschen kämen, die nur Spieluhrmusik kennten. Wir würden uns vielleicht eine Art Gebärden erwarten, die wir nicht verstünden, auf die wir nicht zu reagieren wüßten.

695 Even this would give us a strange and profound impression if we came to people who only knew music box music. We might expect a kind of gesture that we would not understand, to which we would not know how to react.

§RPP II

766[4]

696 ‘Die Echtheit des Ausdrucks läßt sich nicht beweisen.’ ‘Man muß sie fühlen.’ Aber was geschieht nun weiter damit? Wenn Einer sagt “Voilà comment s'extreme un coeur vraiment epris”, und wenn er auch einen Andern zu seiner Ansicht bekehrt, – welche weitere Folgen hat es? Es lassen sich in vager Weise Folgen vorstellen. Die Aufmerksamkeit des Andern wird anders gelenkt.

696 ‘The genuineness of the expression cannot be proven.’ ‘One must feel it.’ But what happens with it? If one says “Voilà comment s'extreme un coeur vraiment epris”, and if he also converts another to his view, what further consequences does it have? One can imagine consequences in a vague way. The other person’s attention is directed differently.

§RPP II

766[5]

697 Könnte man sich nun vorstellen, daß bei andern Wesen, was bei uns sich nicht beweisen läßt, sich beweisen ließe? Oder würde es eben dadurch sein Wesen bis zur Unkenntlichkeit ändern?

697 Could one imagine that, in other beings, what cannot be proven in us, could be proven? Or would it, by that very fact, change its nature to the point of being unrecognizable?

§RPP II

766[6]

698 Was für uns wesentlich ist, ist doch die spontane Zustimmung, die spontane Sympathie.

698 What is essential for us is the spontaneous agreement, the spontaneous sympathy.

§RPP II

766[7]

699 ‘Diese Menschen hätten nichts menschenähnliches.’ Warum? – Wir könnten uns unmöglich mit ihnen verständigen. Nicht einmal so, wie wir's mit einem Hund können. Wir könnten uns nicht in sie Finden. Und doch könnte es ja solche, im übrigen Menschliche, Wesen geben.

699 ‘These people would have nothing human about them.’ Why? – We could not possibly communicate with them. Not even as we can with a dog. We could not find ourselves in them. And yet there could be such beings, otherwise human.

§RPP II

767[1]

700Wissen kann man es doch nicht. Man kann es glauben. Mit ganzer Seele glauben, aber nicht wissen.” Dann liegt der Unterschied nicht in der Sicherheit des Überzeugten. Er muß wo anders liegen; in der Logik der Frage.

700 “One cannot know it. One can believe it. Believe it with all one’s soul, but not know it.” Then the difference does not lie in the certainty of the person convinced. It must lie elsewhere; in the logic of the question.

§RPP II

767[2]

701 Denke, Leute könnten das Funktionieren des Nervensystems im Andern beobachten. Sie unterschieden dann echte und geheuchelte Empfindung in sicherer Weise. Oder könnten sie doch wieder daran zweifeln, daß der Andere bei diesem Zeichen etwas spürt? – Man könnte sich jedenfalls vorstellen, daß, was sie da sehen, ihr Verhalten ohne alle Skrupel bestimmt. Und nun kann man dies doch auf das äußere Benehmen übertragen.

701 Imagine that people could observe the functioning of the nervous system in others. They would then distinguish genuine and feigned sensation in a reliable way. Or could they still doubt that the other person feels something at this sign? – One could in any case imagine that what they see there determines their behaviour without any qualms. And now one can transfer this to external behaviour.

§RPP II

767[3]

702 Es gibt wohl den Fall, daß Einer mir später sein Innerstes durch ein Geständnis aufschließt: aber, daß es so ist, kann mir nicht das Wesen von Außen und Innen erklären, denn ich muß ja dem Geständnis doch Glauben schenken. Das Geständnis ist ja auch etwas Äußeres.

702 There is indeed the case that someone later reveals his innermost being to me through a confession: but that it is so cannot explain the essence of inside and outside, for I must believe the confession. The confession is also something external.

§RPP II

767[4]

703 Die Menschen, die das Funktionieren der Nerven sehen können: Muß ich mir denken, daß Innere könne sie doch zum besten haben? Das heißt aber: Kann ich mir nicht doch äußere Zeichen denken, die mir zum sicheren Urteil über das Innere ausreichend schienen?

703 The people who can see the functioning of the nerves: Must I think that they could best know the inner being? That is, can I not imagine external signs that seem sufficient to me for a certain judgment about the inner being?

§RPP II

767[5] &
768[1]

704 Aber nun sag: “Es könnte ja doch Einer etwas fühlen, auch wenn die physiologischen Zeichen ganz dagegen sprächen.” Nun, dann haben eben die einen andern Begriff, die diese Skrupel nicht kennen.

704 But now say: “It is possible that someone feels something, even if the physiological signs are all against it.” Well, then the others have a different concept, they do not know these qualms.

§RPP II

768[2]

705 Denk dir, es würden die Leute eines Stammes von früher Jugend dazu erzogen, keinerlei Gemütsausdruck zu zeigen. Er ist für sie etwas Kindisches, das abzutun sei. Die Abrichtung sei streng. Man redet von ‘Schmerzen’ nicht; schon erst recht nicht in der Form einer Vermutung “Vielleicht hat er doch …” Klagt jemand, so wird er verlacht oder gestraft. Den Verdacht der Verstellung gibt es gar nicht. Abrichtung zum ausdruckslosen, monotonen Reden, zu regelmäßigen Bewegungen.

705 Imagine that the people of a tribe are trained from an early age to show no expression of emotion. It is something childish for them, to be discarded. The training is strict. One does not talk about ‘pain’; much less in the form of a conjecture “Perhaps he does…” If someone complains, he is laughed at or punished. There is no suspicion of pretense. Training to expressionless, monotonous speech, to regular movements.

§RPP II

768[3]

706 Ich will sagen: eine ganz andere Erziehung als die unsere könnte auch die Grundlage ganz anderer Begriffe sein.

706 I mean: a completely different education than ours could also be the basis for completely different concepts.

§RPP II

768[4]

707 Denn es würde hier das Leben anders verlaufen. – Was uns interessiert, würde sie nicht interessieren. Andere Begriffe wären da nicht mehr unvorstellbar. Ja, wesentlich andere Begriffe sind nur so vorstellbar.

707 For here life would unfold differently. – What interests us would not interest them. Other concepts would no longer be unimaginable there. Yes, essentially different concepts can only be imagined in this way.

§RPP II

768[5]

708 Nicht darauf sehen wir, daß die Evidenz das Gefühl des Andern nur wahrscheinlich macht, sondern darauf, daß wir dies als Evidenz für irgend etwas Betrachten, daß wir auf diese verwickelte Art der Evidenz eine Aussage bauen, daß sie also in unserm Leben eine besondere Wichtigkeit hat und durch einen Begriff herausgehoben wird.

708 Not that the evidence merely makes the feeling of the other probable, but that we regard this as evidence for something, that we build a statement on this complicated form of evidence, that it therefore has a special importance in our life and is highlighted by a concept.

§RPP II

768[6]

709 “Verstellen”, könnten jene Leute sagen, “was für ein lächerlicher Begriff!”

709 ‘Pretending,’ those people might say, ‘what a ridiculous concept!’

§RPP II

768[7] &
769[1]

710 Der feste Glaube (an eine Verheißung z.B.) – ist er weniger sicher als die Überzeugung von einer mathematischen Wahrheit? – (Aber werden dadurch die Sprachspiele ähnlicher!)

710 Firm belief (in a promise, for example) – is it less certain than the conviction of a mathematical truth? – (But does this make the language-games more similar!)

§RPP II

769[2]

711 Könnte nicht das Verhalten, Benehmen, des Vertrauens ganz allgemein unter eine Gruppe von Menschen bestehen? So daß ihnen ein Zweifel an Gefühlsäußerungen ganz fremd ist?

711 Could not the behaviour, conduct of trust exist quite generally among a group of people? So that any doubt about expressions of feeling is completely foreign to them?

§RPP II

769[3]

712 Aber überlege: Warum soll sich Einer verstellen müssen, gibt es nicht andere Möglichkeiten? Kann er nicht träumen? Kann sich die Sache nicht anders verwirren? (Couvade.) Denk daran, wie oft es unmöglich ist, zu sagen: Einer sei ehrlich, oder unehrlich; aufrichtig, oder unaufrichtig. (Ein Politiker z.B.) Wohlmeinend oder das Gegenteil. Wieviel dumme Fragen werden darüber gestellt! Wie oft passen die Begriffe nicht!

712 But consider: why should someone have to pretend; are there not other possibilities? Can he not dream? Can things not take a different turn? (Couvade.) Remember how often it is impossible to say: someone is honest, or dishonest; sincere, or insincere. (A politician, for example.) Well-meaning or the opposite. How many foolish questions are asked about this! How often the concepts do not fit!

§RPP II

769[4]

713 Es ist für unsere Betrachtung wichtig, daß es Menschen gibt von denen jemand fühlt, er werde nie wissen, was in ihnen vorgeht. Er werde sie nie verstehen.

713 It is important for our consideration that there are people about whom someone feels that he will never know what is going on in them. He will never understand them.

§RPP II

769[5]

714 Wir sind gewiß geneigt, zu sagen, die Klage sei nur ein Zeichen, ein Symptom des wichtigen Phänomens welches nur erfahrungsmäßig mit jenem verbunden sei. Und wenn wir hier auch einen Fehler machen: so muß diese starke Versuchung doch ihre Begründung haben und zwar im Gesetz der Evidenz, welche wir zulassen.

714 We are certainly inclined to say that the complaint is merely a sign, a symptom of the important phenomenon which is only empirically connected with it. And if we are making a mistake here, this strong temptation must nevertheless have its justification, namely in the law of evidence which we allow.

§RPP II

769[6]

715 Man könnte die Frage stellen: welcher Art muß das Gesetz der zugelassenen Evidenz sein, damit diese Auffassung uns nahe liegt?

715 One could ask: what kind must the law of permitted evidence be, in order for this view to be close to us?

§RPP II

770[1]

716 Man möchte die Antwort geben: die Evidenz müsse schwankend sein. Vielgestaltig?

716 One would like to give the answer: the evidence must be fluctuating. Multifaceted?

§RPP II

770[2]

717 Es gibt verstellten Ausdruck; aber auch für die Verstellung muß es ja Evidenz geben. Wenn wir auch oft einfach nicht wissen, was wir sagen sollen, so müssen wir doch manchmal einer Meinung zuneigen, manchmal Gewißheit haben. Es muß also doch das Äußere evident sein.

717 There is pretended expression; but there must also be evidence for the pretense. Even if we often simply do not know what we should say, we must sometimes tend towards an opinion, sometimes have certainty. So the exterior must be evident.

§RPP II

770[3]

718 Du sagst, du pflegst den Stöhnenden, weil Erfahrung dich gelehrt hat, daß du selbst stöhnst, wenn du das und das fühlst. Aber da du ja doch keinen solchen Schluß ziehst, so können wir die Begründung durch Analogie weglassen.

718 You say, you care for the groaning one, because experience has taught you that you yourself groan when you feel this and that. But since you do not draw such a conclusion, we can omit the justification by analogy.

§RPP II

770[4]

719 Daß der und der Satz keinen Sinn hat, ist in der Philosophie von Bedeutung, aber auch, daß er komisch klingt.

719 That this and that sentence has no meaning is important in philosophy, but also that it sounds strange.

§RPP II

770[5]

720 Kann man das ‘sich auskennen’ ein Erlebnis nennen? Nicht doch. Aber es gibt Erlebnisse charakteristisch für den Zustand des Sichauskennens und des Sich-nicht-auskennens. (Sich nicht auskennen und lügen.)

720 Can one call ‘knowing one's way around’ an experience? Not really. But there are experiences characteristic of the state of knowing one's way around and of not knowing one's way around. (Not knowing one's way around and lying.)

§RPP II

770[6] &
771[1]

721 Ist “Ich hoffe …” eine Beschreibung eines Seelenzustandes? Ein Seelenzustand hat eine Dauer. Sage ich also “Ich habe den ganzen Tag gehofft …”, so ist das eine solche Beschreibung. Sage ich aber Einem “Ich hoffe, du kommst” – wie, wenn er mich fragte “Wie lange hoffst du es”? Ist die Antwort: “Ich hoffe, während ich's sage”? Angenommen ich hätte auf diese

Frage irgendeine Antwort, wäre sie nicht für den Zweck der Worte “Ich hoffe, du wirst kommen” ganz irrelevant?

721 Is “I hope…” a description of a state of mind? A state of mind has a duration. So if I say “I have hoped all day…”, that is such a description. But if I say to someone “I hope you come” – how, if he asked me “How long have you hoped?”? Is the answer: “I hope while I am saying it”? Suppose I had some answer to this question, would it not be completely irrelevant for the purpose of the words “I hope you will come”?

§RPP II

771[2]

722 Ein Schrei ist nicht die Beschreibung eines Seelenzustandes, obwohl man aus ihm auf einen Seelenzustand schließen kann.

722 A scream is not the description of a state of mind, although one can infer a state of mind from it.

§RPP II

771[3]

723 Man schreit nicht Hilfe, weil man auf den eigenen Angstzustand aufmerksam ist.

723 One does not scream for help because one is aware of one's own anxiety.

§RPP II

771[4]

724 Zum ‘Beschreiben’ gehört das ‘Aufmerken’.

724 ‘Paying attention’ is part of ‘describing’.

§RPP II

771[5]

725 Beschreibungen sind die Sätze: “Ich fürchte ihn jetzt weniger als früher”, “ich wünsche schon seit langem …”, “Ich hoffe immer wieder …. (Man beschreibt einen Verlauf.)

725 Descriptions are the sentences: “I fear him less now than before”, “I have long wished…”, “I always hope…”. (One describes a process.)

§RPP II

771[6]

726 Will ich also sagen, gewisse Tatsachen seien gewissen Begriffsbildungen günstig; oder ungünstig? Und lehrt das die Erfahrung? Es ist Erfahrungstatsache, daß Menschen ihre Begriffe ändern, wechseln, wenn sie neue Tatsachen kennenlernen; wenn dadurch, was ihnen früher wichtig war, unwichtig wird, und umgekehrt. (Man findet z.B.: was früher als Artunterschied galt, sei eigentlich nur ein Gradunterschied.) ((Zur Betrachtung über den Farbbegriff und anderes)).

726 So do I want to say that certain facts are favorable to certain formations of concepts; or unfavorable? And does experience teach this? It is an empirical fact that people change, alter their concepts when they become acquainted with new facts; when, as a result, what was important to them earlier becomes unimportant, and vice versa. (One finds, for example, that what used to be regarded as a difference between species is actually only a difference in degree.) ((For consideration on the concept of color and other things)).

§RPP II

771[7]

727 Ist der Schrei keine Beschreibung, dann ist es auch nicht der Wortausdruck, der ihn ersetzt. Die Äußerungen von Furcht, Hoffnung, Wunsch, sind keine Beschreibungen. Wohl aber sind das die Sätze. “Ich fürchte ihn jetzt weniger als früher”, “Ich wünsche schon seit langem …”, …

727 If the scream is not a description, then it is not the word expression that replaces it. The utterances of fear, hope, wish are not descriptions. But the sentences are. “I fear him less now than before”, “I have long wished…”, …

§RPP II

771[8]

728 Was ist die Vergangenheitsform von “Nicht wahr, du kommst!”?

728 What is the past tense of “Isn’t that right, you’re coming!”?

§RPP II

772[1]

729 Der verworrene Gebrauch der psychologischen Begriffswörter (“denken” z.B.). Als wenn das Wort “Violine” nicht bloß das Instrument, sondern manchmal auch den Geiger, die Geigenstimme, den Geigenklang, das Geigenspiel bezeichnete.

729 The confused use of psychological terms (“thinking,” for example). As if the word “violin” did not refer merely to the instrument, but sometimes also to the violinist, the sound of the violin, the act of playing the violin.

§RPP II

772[2]

730 “Wenn p eintrifft, so trifft q ein” könnte man eine bedingte Vorhersage nennen. D.h.: für den Fall nicht-p mache ich keine Vorhersage. Aber darum wird, was ich sage, durch “nicht-p & nicht-q” auch nicht wahrgemacht. Oder auch so: es gibt bedingte Vorhersagen, und “p impliziert q” ist keine solche.

[→ ]

730 “If p occurs, then q occurs” one might call a conditional prediction. That is to say: in the case of not-p, I make no prediction. But this does not make what I say true through “not-p & not-q.” Or also like this: there are conditional predictions, and “p implies q” is not one of them.

§RPP II

772[3]

731 Den Satz “Wenn p eintrifft, so trifft q ein”. Will ich “S” nennen. – “S oder nicht –S” ist eine Tautologie: aber ist es auch der Satz vom ausgeschlossenen Dritten? – Oder auch so: Wenn ich sagen will, daß die Vorhersage “S”” richtig, falsch, oder unentschieden sein kann, wird das durch den Satz ausgedrückt “nicht (S oder nicht – S)”?

731 Let me call the sentence “If p occurs, then q occurs” “S.” “S or not-S” is a tautology: but is it also the sentence of the excluded third? Or also like this: If I want to say that the prediction “S” can be true, false, or undecided, is that expressed by the sentence “not (S or not-S)”?

§RPP II

772[4]

732 Die Verwendung des Wortes “Betrachten”, “Beobachten”. Und nun des Ausdrucks “sich selbst betrachten”!

732 The use of the word “to consider,” “to observe.” And now, the expression “to consider oneself”!

§RPP II

772[5]

733 “Ich fürchte mich vor ihm” und “ich pflege mich vor ihm zu fürchten”. Aber auch der Ausdruck “Ich pflege …” könnte hier mancherlei bedeuten. Es könnte aber eine Sprache geben, in deren Konjugationen viel mehr Unterschiede als in dem uns bekannten Sprachen berücksichtigt werden.

733 “I am afraid of him” and “I am in the habit of being afraid of him.” But also, the expression “I am in the habit of…” could mean many things here. But there could be a language in whose conjugations much more difference is taken into account than in the languages known to us.

§RPP II

772[6] &
773[1]

734 Unterschied des Zwecks zwischen der Furchtäußerung “Ich fürchte mich!” und dem Furchtbericht “Ich fürchte mich.”

734 The difference in purpose between the expression of fear “I am afraid!” and the report of fear “I am afraid.”

§RPP II

773[2]

735 “Wissen” kann etwas Ähnliches bedeuten wie “können” (auswendig wissen z.B.), oder aber wie “sicher sein”.

735 “To know” can mean something similar to “to be able” (to know by heart, for example), or it can mean “to be certain.”

§RPP II

773[3]

736 Niemand außer ein Philosoph, würde sagen “Ich weiß, daß ich zwei Hände habe”; wohl aber kann man sagen: Ich bin nicht im Stande zu bezweifeln, daß ich zwei Hände habe”. “Wissen” aber wird gewöhnlich nicht in diesem Sinn gebraucht.

736 No one except a philosopher would say “I know that I have two hands”; but one can say: “I am not in a position to doubt that I have two hands.” But “to know” is not usually used in this sense.