Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie – II MS 171
Last Writings on the Philosophy of Psychology – II MS 171
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§Ms-171
1[1]Inneres, in dem es entweder so, oder so ausschaut; wir sehen es nicht. In meinem Innern ist es entweder rot oder blau. Ich weiß es, der Andre weiß es nicht.
The inner, in which it either looks like this or like that; we do not see it. In my inner, it is either red or blue. I know it, the other does not know it.
§Ms-171
1[2]Wäre die Verstellung nicht ein kompliziertes Muster, so wäre es denkbar, daß sich das neugeborene Kind verstellt.
If pretending were not such a complicated pattern, then it would be conceivable that a newborn child pretends.
§Ms-171
1[3]Ich will also sagen, daß es einen ursprünglichen echten Schmerzausdruck gibt; daß also der Schmerzausdruck nicht gleichermaßen mit dem Schmerz & der Verstellung verbunden ist.
So I want to say that there is an original, genuine expression of pain; that the expression of pain is therefore not equally connected with pain & with pretending.
§Ms-171
1[4]D.h.: die Schmerzäußerung ist nicht gleichermaßen mit dem Schmerz & der Verstellung verbunden.
That is: the expression of pain is not equally connected with pain & with pretending.
§Ms-171
2[1]Nicht das ist uns der wichtige Aspekt, daß die Evidenz das Erlebnis des Andern ‘nur wahrscheinlich macht’, sondern, daß wir gerade dies als Evidenz für etwas Wichtiges betrachten.
It is not so much the important aspect for us that the evidence merely makes the other's experience ‘probable’, but that we consider this precisely as evidence for something important.
§Ms-171
3[1]Aber angenommen, das Kind käme gleich so auf die Welt, daß es sich verstellen kann, ja so, daß seine erste Schmerzäußerung Verstellung ist. – Wir könnten uns eine mißtrauische Einstellung zum neugebornen Kind vorstellen: aber wie würden wir es das Wort “Schmerz” (oder “Wehweh”) lehren? Etwa in fragendem Tonfall. Wir würden dann etwa ein konsistentes Benehmen als Beweis der Echtheit ansehen.
But suppose the child comes into the world in such a way that it can pretend, yes, in such a way that its first expression of pain is pretending. We could imagine a distrustful attitude towards the newborn child: but how would we teach it the word “pain” (or “ouch”)? Perhaps in an interrogative tone. We would then consider a consistent behaviour as proof of authenticity.
§Ms-171
3[2]Bedenke, daß Du das Kind den Begriff lehren mußt. Also mußt Du es die Evidenz (sozusagen das Gesetz der Evidenz) lehren.
Consider that you must teach the child the concept. Therefore, you must teach it the evidence (so to speak, the law of evidence).
§Ms-171
3[3] &4[1]
Bemerkenswert ist der Begriff, zu dem dies Spiel der Evidenz gehört.
Remarkable is the concept to which this game of evidence belongs.
§Ms-171
4[2]Unsere Begriffe, Urteile, Reaktionen erscheinen nie bloß in Verbindung mit einer einzelnen Handlung, sondern mit dem ganzen Gewimmel der menschlichen Handlungen.
Our concepts, judgments, and reactions never appear merely in connection with a single action, but rather with the entire complex of human actions.
§Ms-171
4[3]Nur ich weiß meine Gedanken, ist wirklich dasselbe wie: nur ich denke meine eignen Gedanken.
Only I know my thoughts; is it really the same as: only I think my own thoughts?
§Ms-171
4[4] &5[1]
Kann man sich Menschen denken, die Verstellung nicht kennen & denen man sie nicht erklären kann? Kann man sich Menschen denken, die nicht lügen können? – Was würde diesen Menschen sonst noch abgehen? Wir sollten uns dann wohl auch denken, daß sie nichts erdichten können & Erdichtetes nicht verstehen.
Can one imagine people who do not know how to pretend and to whom one cannot explain it? Can one imagine people who cannot lie? What else would these people be lacking? We should probably also think that they cannot invent anything and do not understand what is invented.
§Ms-171
5[2]Wer sich nicht verstellen könnte, könnte auch nicht eine Rolle spielen.
Whoever could not pretend could not play a role.
§Ms-171
5[3]Ist nicht die Schwierigkeit, daß die Verstellung in der Absicht liegt? Denn wir könnten doch das Schmerzbenehmen genau nachahmen, ohne uns zu verstellen.
Isn’t the difficulty that the pretending lies in the intention? After all, we could precisely imitate pain-behaviour without pretending.
§Ms-171
5[4] &6[1]
Die Fähigkeit sich zu verstellen liegt also in der Fähigkeit zur Nachahmung, oder in der Fähigkeit zu dieser Absicht. Wir müssen aber doch annehmen, daß das Subjekt die Worte “Ich habe Schmerzen” sagen kann. Es handelt sich also um die Fähigkeit zur Absicht. Ist es z.B. möglich sich Menschen vorzustellen, die darum nicht lügen können, weil die Lüge für sie nichts als ein Mißklang wäre. Ich will mir einen Fall denken, wo die Menschen nicht aus Moralität wahrhaftig sind, sondern in der Lüge etwas Absurdes sehen.
Wer lügt würde als geisteskrank angesehen. Besser ausgedrückt: Das Lügen oder die Verstellung müßte diesen Leuten als Perversität erscheinen.
Thus, the ability to pretend lies in the ability to imitate, or in the ability to have this intention. But we must assume that the subject can say the words “I am in pain.” It is therefore a matter of the ability to have an intention. Is it, for example, possible to imagine people who cannot lie because lying would be nothing but a dissonance for them. I want to imagine a case in which people are not truthful out of morality, but see something absurd in lying.
Whoever lies would be regarded as mentally ill. Better put: Lying or pretending would have to appear to these people as a perversion.
§Ms-171
6[2] &7[1]
Ist es richtig zu sagen das fixe Lächeln wäre eigentlich kein Lächeln? Wie erkennt man, daß es keines ist?
Is it right to say that a fixed smile is not really a smile? How does one recognize that it is not one?
§Ms-171
7[2]Lächeln ist eine Miene in einem normalen Mienenspiel. – Aber ist das eine willkürliche Festsetzung? So lernen wir das Wort gebrauchen.
Smiling is a facial expression in a normal game of facial expressions. But is this an arbitrary determination? This is how we learn to use the word.
§Ms-171
7[3]Nicht die Bemerkung ist uns wichtig … sondern die, daß dies Verwickelte uns eine Evidenz ist.
It is not the remark that is important to us … but that this complex thing is evidence to us.
§Ms-171
7[4] &8[1]
Jemand stöhnt in der Narkose oder im Schlaf. Man fragt mich “Hat er Schmerzen?” Ich zucke die Achsel oder sage “Ich weiß nicht, ob er Schmerzen hat”. Manchmal erkenne ich etwas als Kriterium dafür an, manchmal aber nicht. Nun, meine ich dann nichts damit? Doch: Ich mache ja den Zug in einem bestehenden Spiel. Aber es gäbe dieses Spiel nicht, wenn es nicht Kriterien in andern Fällen gäbe. Der Zweifel in den verschiedenen Fällen hat sozusagen verschiedene Färbung. Man könnte sagen “verschiedenen Wahrheitswert”.
Someone groans in the anesthesia or in sleep. I am asked, “Is he in pain?” I shrug my shoulders or say “I don't know if he is in pain.” Sometimes I recognize something as a criterion for this, but sometimes not. Well, do I mean nothing by that? Yes: I am making a move in an existing game. But there would be no such game if there were no criteria in other cases. The doubt in the different cases has, as it were, different colours. One could say “different truth values”.
§Ms-171
8[2]“Ich weiß zufälligerweise, daß das ein Bergahorn ist; ein Bergahorn ist ein äußerer Gegenstand, also gibt es äußere Gegenstände”.
“I happen to know that this is a maple; a maple is an external object, so there are external objects”.
§Ms-171
8[3] &9[1]
Etwas stellt sich als Schmerz oder als Verstellung heraus. Und das ist den Begriffen ‘Schmerz’ & ‘Verstellung’ wesentlich, auch wenn es sich nicht in jeder ihrer Anwendungen herausstellt.
Something turns out to be pain or pretending. And that is essential to the concepts ‘pain’ & ‘pretending’, even if it does not turn out in all their applications.
§Ms-171
9[2]“Beyond a reasonable doubt”
“Beyond a reasonable doubt”
§Ms-171
9[3]Ich weiß … = Ich bin sicher, daß es so ist & es ist so. Ich wußte … = Ich war sicher, daß es so ist & es war so.
I know … = I am certain that it is so & it is so. I knew … = I was certain that it was so & it was so.
§Ms-171
9[4]Ich weiß, wie es ist = Ich kann sagen, wie es ist & es ist wie ich's sage.
I know what it’s like = I can tell you what it’s like & it’s just as I say.
§Ms-171
9[5]Ein Blinder berührt einen Gegenstand & fragt mich “Was ist das?” – Ich antworte “Ein Tisch.” – Er: “Bist Du sicher?” – Ich: “Ich weiß es.”
A blind man touches an object & asks me, “What is that?” – I answer, “A table.” – He: “Are you sure?” – I: “I know it.”
§Ms-171
9[6] &10[1]
“Ich weiß …” = Ich habe den höchsten Grad der Gewißheit. Wenn Moore es gebraucht, so ist es, als wollte er sagen:
“Die Philosophen sagen immer, man könnte das Gefühl des Wissens nur in dem & dem Fall haben, ich aber habe es auch in diesem & diesem & diesem Fall.” Er schaut auf die Hand, gibt sich das Gefühl des Wissens & sagt nun, er habe es.
“I know…” = I have the highest degree of certainty. When Moore uses it, it is as if he wants to say:
“The philosophers always say that one can only have the feeling of knowledge in this & that case, but I also have it in this & this & this case.” He looks at his hand, gives himself the feeling of knowledge, & now says that he has it.
§Ms-171
10[2]Wozu dient die Aussage “Er weiß” & “Ich weiß”? Wie zeigt sich's, daß jemand etwas weiß? Denn nur wenn das klar ist, ist der Begriff des Wissens klar.
What is the purpose of the statement “He knows” & “I know”? How does it show that someone knows something? For only when that is clear is the concept of knowledge clear.
§Ms-171
10[3]Wenn Einer sagt: “Ja, jetzt weiß ich, daß es ein Baum ist” & wenn er's auch bei der richtigen Gelegenheit sagt, so ist das allein noch nicht ein Zeichen, daß er das Wort “wissen” wie wir verwendet.
If someone says, “Yes, now I know that it is a tree,” and if he also says it at the right time, that is not yet a sign that he uses the word “know” as we do.
§Ms-171
11[1] &12[1]
“Ich weiß daß hier ein Baum steht.” Dies kann man z.B. sagen, wenn man aus irgend einem Grunde seine eigenen Worte wiederholen will(, wie wenn man die Stelle aus einem Buch auswendig sagt.) Wie wissen wir nun, welche Verwendung Du von dem Satz gemacht hast? Du kannst es uns sagen. Es könnte die sein: Ich denke an Menschen, die sagen, es sei unsicher, daß … & sage nun “Nein, es ist nicht unsicher: ich weiß, daß …”. (Wie “Ich weiß, daß er mich nicht betrügt”.) Wer nun so sagt “Ich weiß, daß das ein Baum ist” der meint: ein Baum & nicht das & das.
“I know that there is a tree here.” One might say this, for example, when one wants to repeat one’s own words for some reason (as when one is reciting a passage from a book from memory). How do we now know what use you have made of the sentence? You can tell us. It might be this: I am thinking of people who say that it is uncertain that … & now I say “No, it is not uncertain: I know that …”. (As in “I know that he is not deceiving me”.) Whoever says “I know that that is a tree” means: a tree & not that & that.
§Ms-171
12[2]Es ist wahr, daß M. weiß, daß dies ein Baum ist, dies zeigt sich in seinem ganzen Benehmen. Daraus folgt nicht, daß er beim Philosophieren die Worte “Ich weiß …” nicht mißversteht. Er bewies sein Mißverständnis indem er seine Hände anschaute & sagte “Ich weiß daß dies Hände sind” statt einfach zu konstatieren “Ich weiß eine Unzahl von Tatsachen physikalische Gegenstände betreffend.” Und zwar sind sie mir so gewiß, daß nichts diese Gewißheit verstärken oder sie zerstören kann.
It is true that M. knows that this is a tree; this is shown in his entire behaviour. It does not follow that he does not misunderstand the words “I know…” when philosophizing. He demonstrated his misunderstanding by looking at his hands and saying, “I know that these are hands,” instead of simply stating, “I know a great many facts about physical objects.” And these facts are so certain to me that nothing can strengthen or destroy this certainty.
§Ms-171
13[1]Nicht das scheint uns sehr bedeutsam, daß … aber wohl das, daß dies für uns eine Evidenz ist.
It is not this that seems very significant to us, but rather that this is evidence for us.
§Ms-171
13[2] &14[1]
“Im Inneren da ist entweder Schmerzen oder Verstellung. Außen sind Zeichen (das Benehmen) die nicht mit völliger Sicherheit das eine oder andre bedeuten”. Aber so ist es nicht. Die äußern Zeichen bedeuten in äußerst komplizierter Weise, manchmal unzweideutig, manchmal unsicher: Schmerz, Verstellung und manches andre.
“Inside, there is either pain or pretending. Outside, there are signs (behaviour) that do not with complete certainty mean one or the other.” But that is not the case. The external signs mean, in an extremely complicated way, sometimes unequivocally, sometimes uncertainly: pain, pretending, and many other things.
§Ms-171
14[2]“Nichts ist so gewöhnlich wie die Farbe rötlichgrün; denn nichts ist gewöhnlicher wie der Übergang vom Grün des Blattes in Rot. ”
“Nothing is more common than the colour reddish-green, for nothing is more common than the transition from the green of the leaf to red.”
§Ms-171
14[3]“Das Glauben, Wissen, ein Erlebnis, das während man es hat, man als eben dies erkennt.”
“Believing, knowing, an experience that, while one is having it, one recognizes as just this.”