Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie – II MS 173

Last Writings on the Philosophy of Psychology – II MS 173

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1950, 117 remarks, Ms-173
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§Ms-173

31v[2] &
32r[1]

“Wenn sich Einer wirklich freut, so weiß man's.” Aber man kann darum den echten Ausdruck doch nicht beschreiben. – Es ist aber natürlich auch nicht immer wahr, daß man den echten Ausdruck erkennt, oder weiß, ob der Ausdruck echt ist. Ja, es gibt Fälle, wo man weder gern von echt, noch von unecht spricht. Es lächelt jemand & seine weiteren Reaktionen stimmen weder zur echten, noch auch, zur verstellten Freude. Wir würden vielleicht sagen “Ich kenne mich in ihm nicht aus.” Es ist weder das Bild (Muster) der echten Freude, noch das der verstellten. Könnte er nicht zum normalen fühlenden Menschen sich verhalten wie der Farbenblinde zum Normalsehenden?

“If someone is truly happy, you can tell.” But one cannot describe the genuine expression. – It is, of course, not always the case that one recognizes the genuine expression, or knows whether the expression is genuine. Yes, there are cases where one does not speak of genuine or artificial. Someone smiles & their other reactions do not correspond to either genuine or feigned joy. We might say, “I don’t understand them.” It is neither the picture (pattern) of genuine joy, nor that of feigned joy. Could they not behave like a colorblind person to a normal person with normal vision, with respect to being a normal, feeling human being?

§Ms-173

32r[2]

Ich könnte auf Grund meiner Kenntnis seines Charakters verläßlich aussagen, er werde in dieser Situation so & so reagieren, & es wäre auch möglich, daß Andre sich auf mein Urteil verlassen können, ohne doch von mir verlangen zu können, daß ich mein Urteil durch eine verifizierbare Beschreibung begründe.

Based on my knowledge of his character, I could reliably state that he will react in such and such a way in this situation, and it would also be possible for others to rely on my judgment, without them being able to demand that I justify my judgment with a verifiable description.

§Ms-173

32r[3] &
32v[1]

Ein Maler hätte den Ausdruck holder Freude dargestellt – & ich sehe das Bild & sage “Vielleicht verstellt sie sich”.

A painter would have depicted the expression of tender joy – and I see the picture and say, “Perhaps she is feigning it.”

§Ms-173

32v[2]

Es ist zum mindesten vorstellbar, daß in einem Land das Gericht sich auf die Aussage eines Menschen in Bezug auf seine Möglichkeiten verläßt, wenn der Zeuge ihn eine gewisse Zeit lang gekannt hat. So fragt man auch heute etwa einen Psychiater ob der & der des Selbstmords fähig ist. Dabei wird vorausgesetzt, daß Erfahrung eine solche Aussage im allgemeinen nicht widerlegt.

It is at least conceivable that in a country, the court relies on a person’s statement regarding their capabilities, if the witness has known them for some time. Today, for example, one also asks a psychiatrist whether a particular person is capable of suicide. It is assumed that experience does not generally contradict such a statement.

§Ms-173

32v[3] &
33r[1]

Ich versuche die Gesetze oder Regeln der Evidenz für Erlebnissätze zu beschreiben: Charakterisiert man so wirklich, was mit dem Seelischen gemeint ist?

I am trying to describe the laws or rules of evidence for experiential sentences: Does one really characterize what is meant by the mental in doing so?

§Ms-173

33r[2] &
33v[1]

Das Kennzeichnende des Seelischen scheint zu sein, daß man es im Andern nach Äußerem erraten muß & nur von sich her kennt. Aber wenn durch genaueres Überlegen diese Ansicht in Rauch aufgeht, so wird damit zwar nicht das Innere das Äußere, aber “äußeres” & “inneres” gelten nun nicht mehr als Eigenschaften der Evidenz. “Innere Evidenz” heißt nichts, & darum auch “äußere Evidenz”.

The characteristic of the mental seems to be that one must guess it in the other from external signs and only know it from oneself. But if, through closer consideration, this view dissolves, it does not mean that the inner becomes the outer, but rather that “outer” and “inner” are no longer regarded as properties of evidence. “Inner evidence” means nothing, and therefore neither does “outer evidence.”

§Ms-173

33v[2]

Wohl aber gibt es ‘Evidenz für Inneres’ & ‘Evidenz für Äußeres’.

However, there is ‘evidence for the inner’ and ‘evidence for the outer.’

§Ms-173

33v[3]

“Ich nehme doch nur immer sein Äußeres wahr.” Wenn das Sinn hat, muß es einen Begriff bestimmen. Aber warum soll ich nicht sagen, ich nehme seine Zweifel wahr? (Er kann sie nicht wahrnehmen.)

“I only ever perceive their outer side.” If that makes sense, it must define a concept. But why shouldn’t I say that I perceive their doubts? (They cannot perceive them.)

§Ms-173

33v[4]

Ja, ich kann oft sein Inneres beschreiben, wie ich's wahrnehme, aber nicht sein Äußeres.

Yes, I can often describe their inner state as I perceive it, but not their outer state.

§Ms-173

33v[5] &
34r[1]

Die Verbindung von Innen & Außen gehört zu diesen Begriffen. Wir machen diese Verbindung nicht, um das Innere wegzuzaubern. Es gibt innere Begriffe & äußere Begriffe.

The connection between inner and outer belongs to these concepts. We do not make this connection in order to conjure away the inner. There are inner concepts and outer concepts.

§Ms-173

34r[2]

Was ich sagen will, ist doch, daß das Innere sich vom Äußern durch seine Logik unterscheidet. Und daß allerdings die Logik den Ausdruck “das Innere” erklärt, ihn begreiflich macht.

What I want to say is that the inner differs from the outer through its logic. And that, indeed, logic explains the expression “the inner,” making it comprehensible.

§Ms-173

34r[3] &
34v[1]

Wir brauchen den Begriff “seelisch” (etc.) nicht, um zu rechtfertigen, daß gewisse unsrer Schlüsse unbestimmt sind, etc. Sondern diese Unbestimmtheit, etc., erklärt uns den Gebrauch des Wortes “seelisch”.

We do not need the concept of “mental” (etc.) to justify the fact that some of our inferences are indeterminate, etc. Rather, this indeterminacy, etc., explains to us the use of the word “mental.”

§Ms-173

34v[2]

“Natürlich sehe ich, eigentlich, nur das Äußere.” Aber rede ich nicht wirklich nur von Äußerem? Ich sage z.B., unter welchen Umständen Menschen dieses oder jenes sagen. Und ich meine doch immer äußere Umstände. Es ist also, als ob ich das Innere durchs Äußere erklären (quasi definieren) wollte. Und doch ist es nicht so.

“Of course, I only see the outer, actually.” But am I not really only talking about the outer? I say, for example, under what circumstances people say this or that. And I always mean outer circumstances. So, it is as if I wanted to explain (quasi define) the inner through the outer. And yet it is not so.

§Ms-173

34v[3]

Liegt es daran, daß das Sprachspiel etwas Äußeres ist?

Is this because the language-game is something outer?

§Ms-173

34v[4]

Keine Evidenz lehrt uns die psychologische Äußerung.

No evidence teaches us the psychological expression.

§Ms-173

35r[1]

“seelisch” ist für mich kein metaphysisches, sondern ein logisches Epitheton.

“mental” is not a metaphysical, but a logical epithet for me.

§Ms-173

36r[2]

“Ich sehe das Äußere & stelle mir dazu ein Inneres vor.”

“I see the exterior & imagine an interior to it.”

§Ms-173

36r[3]

Wenn Miene, Gebärde & Umstände eindeutig sind, dann scheint das Innere das Äußere zu sein; erst wenn wir das Äußere nicht lesen können, scheint ein Inneres hinter ihm versteckt.

When mien, gesture, and circumstances are clear, then the interior seems to be the exterior; only when we cannot read the exterior does an interior seem to be hidden behind it.

§Ms-173

36r[4] &
36v[1]

Es gibt innere & äußere Begriffe, innere & äußere Betrachtungsweisen des Menschen. Ja es gibt auch innere & äußere Tatsachen – sowie es z.B. physikalische & mathematische Tatsachen gibt. Sie stehen aber nicht nebeneinander wie Pflanzen verschiedener Art. Denn was ich gesagt habe, klingt als hätte man gesagt: In der Natur kommen alle diese Tatsachen vor. Und was ist nun daran falsch?

There are inner and outer concepts, inner and outer ways of considering a person. Yes, there are also inner and outer facts – as there are, for example, physical and mathematical facts. But they do not stand side by side like plants of different kinds. For what I have said sounds as if it were saying: All these facts occur in nature. And what is wrong with that?

§Ms-173

36v[2]

Inneres ist mit Äußerem nicht nur erfahrungsmäßig verbunden, sondern auch logisch.

The inner is not only connected with the outer in experience, but also logically.

§Ms-173

36v[3]

Inneres ist mit Äußerem logisch verbunden, nicht bloß erfahrungsmäßig.

The inner is logically connected with the outer, not just empirically.

§Ms-173

36v[4] &
37r[1]

“Wenn ich die Gesetze der Evidenz für das Seelische untersuche, so das Wesen des Seelischen.” Ist das wahr?

“If I investigate the laws of evidence for the mental, then I investigate the essence of the mental.” Is that true?

§Ms-173

37r[2]

Ja. Das Wesen ist nicht etwas, was aufgezeigt werden kann, es kann nur in seinen Zügen beschrieben werden.

Yes. The essence is not something that can be pointed out; it can only be described in its features.

§Ms-173

37r[3] &
37v[1]

Aber spricht dagegen nicht ein Vorurteil? Wir können freilich die Eigenschaften des Tintenfasses nach & nach aufzählen, aber sein Wesen, muß es nicht ein für allemal feststehen, ist es uns nicht eben mit diesem Gegenstand den wir vor uns haben, gegeben? Was wir da vor uns haben, ist doch nicht der ‘Gebrauch eines Wortes’! Freilich nicht; aber der Begriff ‘Tintenfaß’, der doch hier notwendig ist, steht nicht greifbar vor uns, noch trägt, was vor uns steht, diesen Begriff in sich. Und um ihn darzustellen genügt es nicht Einem ein Tintenfaß in die Hand zu geben. Und das nicht, weil der Mensch zu begriffsstützig ist, den Begriff aus dem Gegenstand heraus zu lesen.

But doesn’t this contradict a certain prejudice? Of course, we can enumerate the properties of the inkwell one by one, but must not its essence be fixed once & for all? Is it not given to us together with the object that we have before us? What we have before us is not, after all, the ‘use of a word’! Certainly not; but the concept ‘inkwell’, which is nevertheless necessary here, does not stand tangibly before us, nor does what is before us contain this concept within itself. & to represent it, it is not enough to simply give someone an inkwell. And this is not because people are too inclined to extract the concept from the object.

§Ms-173

37v[2] &
38r[1]

Ich kann Einem einen Gegenstand zeigen, weil seine Farbe auffallend ist & ich sie dem Andern vorführen will, aber das setzt schon ein gewisses Spiel zwischen uns voraus.

I can show someone an object because its color strikes one, & I want to demonstrate it to the other person, but this already presupposes a certain game between us.

§Ms-173

38r[2]

Ja, er mag beim Anblick des Gegenstands staunen, daß er aber ‘über die Farbe staunt’, daß die Farbe der Grund des Staunens, & nicht etwa bloß die Ursache seines Erlebnisses ist, dazu braucht er den Begriff der Farbe, nicht nur das Sehen.

Yes, he may be amazed when he sees the object, but that he is ‘amazed at the color,’ that the color is the basis of his amazement, & not merely the cause of his experience, this requires him to have the concept of color, not just seeing.

§Ms-173

38r[3]

Jemand sagt auf sein Ehrenwort aus, daß der Andre das & das geglaubt habe. – Da kann man ihn fragen “Woher weißt Du das”, & er antworten “Er hat mich dessen im höchsten Ernst versichert, & ich kenne ihn genau.”

Someone states on his word of honor that the other person believed this and that. – One can ask him, “How do you know that?” & he can answer, “He assured me of it in all seriousness, & I know him well.”

§Ms-173

38v[1]

Wenn ich sage “Ich kenne mich in ihm nicht aus”, so hat das sehr wenig Ähnlichkeit mit dem Fall: “Ich kenne mich in diesem Mechanismus nicht aus”. Ich glaube, es heißt ungefähr: Ich kann sein Benehmen nicht mit der Sicherheit vorhersagen, wie das von Leuten, ‘in denen ich mich auskenne’.

If I say “I don’t know how to deal with him,” that bears very little similarity to the case: “I don’t know how this mechanism works.” I believe it means approximately: I cannot predict his behaviour with the same certainty as I can with people ‘with whom I am familiar’.

§Ms-173

38v[2] &
39r[1]

Es muß die Frage der Evidenz für Erlebtes mit der Sicherheit oder Unsicherheit einer Voraussicht des Benehmens des Andern zusammenhängen. Aber ganz so ist es nicht, denn man sagt ja nur selten die Reaktion des Andern voraus. Ich meine die nicht-Vorhersehbarkeit muß eine wesentliche Eigenschaft des Seelischen sein. So wie auch die unendliche Vielfältigkeit des Ausdrucks.

The question of the evidence for what one has experienced must be connected with the certainty or uncertainty of a prediction of the other’s behaviour. But it is not quite like that, because one rarely predicts the other’s reaction. I mean that unpredictability must be one essential property of the mental. Just as the infinite diversity of expression is.

§Ms-173

39r[2]

Was z.B. spricht dafür, was dagegen, daß der Hund ein Seelenleben hat? Es ist doch wohl nicht seine Gestalt, Farbe, oder seine Anatomie. Also ist es sein Benehmen.

What, for example, speaks in favor of, and what speaks against, the idea that a dog has a mental life? Surely, it is not its shape, color, or its anatomy. Therefore, it is its behaviour.

§Ms-173

39r[3] &
39v[1]

Die, welche sagen, der Hund habe keine Seele, stützen sich auf das, was er tun kann, & nicht tun kann. Denn wenn Einer sagte, ein Hund könne nicht hoffen, – woraus entnimmt er das? Und wer sagt, der Hund habe eine Seele, kann das nur auf das Benehmen stützen, das er am Hund beobachtet. “Schau Dir nur das Gesicht & die Bewegungen des Hundes an, & Du siehst, daß er eine Seele hat.” Aber was ist es am Gesicht? Ist es nur die Ähnlichkeit mit dem Mienenspiel des menschlichen? Ist es, wenigstens unter anderem, der Mangel an Steifheit?

Those who say that a dog has no mind base their assertion on what it can do, & what it cannot do. For if one were to say that a dog cannot hope, from what would one infer this? And whoever says that a dog has a mind can only base this on the behaviour that one observes in the dog. “Just look at the dog’s face & its movements, & you will see that it has a mind.” But what is it about the face? Is it merely the similarity to the facial expressions of a human? Is it, at least among other things, the lack of stiffness?

§Ms-173

39v[2]

Die wichtigen feinen Abschattungen des Benehmens, sind nicht vorhersagbar.

The important subtle nuances of behaviour are not predictable.

§Ms-173

39v[3] &
40r[1]

Aber heißt das: Wenn sie vorhersehbar wären, so würden wir beim Menschen nicht von einem Innern im Gegensatz zu Äußerem reden? – Aber stellen wir uns so eine Vorhersagbarkeit auch klar vor? Impliziert sie z.B., daß wir ihn nicht um eine Entscheidung fragen würden?

But does that mean: If they were predictable, would we not speak of an inner self in humans as opposed to the outer self? – But should we also clearly imagine such predictability? Does it, for example, imply that we would not ask him to make a decision?

§Ms-173

40r[2]

Denk Dir, wir begegneten einem Menschen, der keine Seele hätte. Warum soll so etwas nicht als Abnormität vorkommen können? Es wäre also ein menschlicher Leib zur Welt gekommen mit gewissen Lebensfunktionen, aber ohne eine Seele. Nun, wie sähe das aus?

Imagine we encountered a person who has no mind. Why shouldn’t something like that occur as an abnormality? So, a human body would have come into the world with certain life functions, but without a mind. Now, what would that look like?

§Ms-173

40r[3] &
40v[1]

Das Einzige was ich mir da vorstellen kann, ist, daß dieser Menschenleib automatenhaft handelt & nicht wie die gewöhnlichen Menschenleiber.

The only thing I can imagine is that this human body acts automatically & not like ordinary human bodies.

§Ms-173

40v[2]

Wenn es heißt “Der Mensch besteht aus einem Leib & einer Seele”, so wäre dem durch so eine Erscheinung nicht widersprochen. Denn dies wäre eben kein (eigentlicher) Mensch, sondern etwas anderes, & allerdings sehr seltenes. Wie aber kann man wissen, daß es nie vorkommt? Nur, – wie sähe dieses Phänomen eigentlich aus?

If it is said “Man consists of a body & a mind,” then this would not be contradicted by such a phenomenon. For this would not be a (real) man, but something else, & indeed, something very rare. But how can one know that it never occurs? Only – what would this phenomenon actually look like?

§Ms-173

40v[3]

Oder soll es nun doch gar kein Phänomen sein? Soll die Seelenhaftigkeit gar nicht erkennbar sein?

Or should it not be a phenomenon at all? Should mentality not be recognizable?

§Ms-173

41r[1]

Kann es Herzlosigkeit geben, die keinen Ausdruck besitzt? Wäre das, was wir “Herzlosigkeit” nennen?

Can there be heartlessness that has no expression? Would that be what we call “heartlessness”?

§Ms-173

41r[2]

Man könnte es auch so sagen: Wie müßte ein menschlicher Leib handeln, daß man nicht geneigt wäre, von inneren & äußeren Zuständen des Menschen zu reden? Immer wieder denke ich da: “maschinenhaft”.

One could also say: How would a human body have to act, so that one would not be inclined to speak of inner and outer states of the person? Again and again, I think: “machine-like.”

§Ms-173

41r[3]

Das feinst gegliederte Benehmen des Menschen ist vielleicht die Sprache mit dem Ton & dem Mienenspiel.

The most finely articulated behavior of a human is perhaps language with its tone and facial expressions.

§Ms-173

41r[4] &
41v[1]

Dürfte der Seelenlose Zeichen des Schmerzes geben? Wenn er nur schriee & sich wände so könnte man das noch als automatische Reaktion betrachten, wenn er aber das Gesicht schmerzhaft verzöge & leidend aussähe, so hätten wir schon das Gefühl, wir sähen in ihn hinein. Wenn er aber nun immer genau das gleiche leidende Gesicht machte?

Could a being without a mind exhibit signs of pain? If it merely screamed & writhed, one could still regard that as an automatic reaction, but if it contorted its face in a painful way & looked as if it were suffering, then we would probably feel as if we were seeing into it. But if it were now to always make exactly the same suffering face?

§Ms-173

41v[2]

Es ist, als würde er durch einen menschlichen Ausdruck für uns durchsichtig.

It is as if he were made transparent to us through a human expression.

§Ms-173

41v[3] &
42r[1]

Wer eine Seele hat, muß des Schmerzes, der Freude, des Kummers etc., etc. fähig sein. Und soll er dazu auch fähig sein zu erinnern, Entschlüsse zu fassen, sich etwas vorzunehmen, so braucht er den sprachlichen Ausdruck.

Whoever has a mind must be capable of pain, joy, sorrow, etc., etc. And if he is also capable of remembering, making decisions, and planning something, then he needs verbal expression.

§Ms-173

42r[2]

Es ist nicht so, als hätte ich in mir direkte Evidenz; er für mein Seelisches aber nur indirekte. Sondern er hat dafür Evidenz, ich (aber) nicht.

It is not as if I have direct evidence for my own mind, but he only has indirect evidence for his mind. Rather, he has evidence for it, but I do not.

§Ms-173

42r[3]

Sagt man nun aber, diese Evidenz mache das Seelische nur wahrscheinlich, so ist das vieldeutig & kann Wahres & Falsches bedeuten. Ist es aber wahr, so nicht, weil die Evidenz erfahrungsmäßig mit dem Seelischen zusammenhängt (wie ein Symptom mit einer Krankheit).

If one says that this evidence only makes the mental probable, then that is ambiguous and can mean both true and false things. But if it is true, then not because the evidence is empirically related to the mental (like a symptom to a disease).

§Ms-173

42v[1]

Warum soll man nicht sagen: “Die Evidenz des Seelischen im Andern ist das Äußere”? Nur gibt es nicht äußere & innere Evidenz für das Innere.

Why shouldn’t one say, “The evidence of the mental in the other is the external”? Only there is not external and internal evidence for the internal.

§Ms-173

42v[2]

Und die Evidenz, soweit sie unsicher ist, ist sie es nicht, weil sie nur äußere Evidenz ist.

And the evidence, insofar as it is uncertain, is not so because it is only external evidence.

§Ms-173

42v[3] &
43r[1]

Daß der Schauspieler den Kummer darstellen kann, zeigt die Unsicherheit der Evidenz, aber daß er den Kummer darstellen kann, auch die Realität der Evidenz.

That the actor can depict sorrow shows the uncertainty of the evidence, but that he can depict the sorrow also shows the reality of the evidence.

§Ms-173

43r[2]

Nicht das Verhältnis von Innerem zu Äußerem erklärt die Unsicherheit der Evidenz, sondern umgekehrt wird dies Verhältnis nur als Bild für jene Unsicherheit gebraucht.

It is not the relationship of inner to outer that explains the uncertainty of the evidence, but rather this relationship is used as an image for that uncertainty.

§Ms-173

43r[3]

Man kann ja nicht nur Seelisches auf der Bühne darstellen, es wird uns auch eine Wunde vorgetäuscht, oder ein Berg. Es ist also nicht das alleinige Charakteristikum des Seelischen, daß es sich schauspielern läßt.

One can not only portray the mental on the stage; a wound or a mountain is also simulated. So, it is not solely characteristic of the mental that it can be portrayed.

§Ms-173

43v[2] &
44r[1]

Warum sagen wir: “Ich wußte nicht, was hinter dieser Stirne vorging”, obwohl es uns doch ganz gleichgültig sein kann, was hinter der Stirne eines Menschen vorgeht. Unsre Unsicherheit bezieht sich gar nicht auf Vorgänge im Innern; bezieht sie sich auf Seelisches, so hat doch das Seelische seinen Ausdruck im Körperlichen. Einer Unsicherheit das Innere betreffend entspricht also eine Unsicherheit über Äußeres. Wie einer Unsicherheit über das Resultat einer Rechnung eine Unsicherheit über das Zahlzeichen entspricht, das am Ende der Rechnung stehen wird.

Why do we say, “I didn’t know what was going on behind that forehead,” even though it may be quite irrelevant to us what is going on behind a person’s forehead. Our uncertainty does not relate to processes in the inner world; if it does relate to the mental, then the mental has its expression in the physical. An uncertainty concerning the inner corresponds to an uncertainty about the external. As an uncertainty about the result of a calculation corresponds to an uncertainty about the sign that will be at the end of the calculation.

§Ms-173

44r[2]

Und das heißt nicht, daß sich, allgemein, die Unsicherheit über etwas Seelisches als Unsicherheit über Äußeres ausdrücken läßt. Sowie zwar der Gram wesentlich einen Ausdruck in den Mienen hat, ich aber nicht im Stande sein mag, eine Miene anders zu beschreiben als durch das Wort “gramvoll”.

And that does not mean that, in general, the uncertainty about something mental can be expressed as uncertainty about something external. Just as grammar essentially has an expression in facial expressions, I may not be able to describe a facial expression in any other way than through the word “sad”.

§Ms-173

44r[3] &
44v[1]

Könnte Einer vor Gericht aussagen: “Ich weiß, daß er damals an … gedacht hat”? Nun, so eine Aussage könnte zugelassen sein, oder auch nicht. Vielleicht würde geurteilt werden, daß jemand, der den Angeklagten so viele Jahre kennt, aus seiner Miene etc. entnehmen kann, was er in einem bestimmten Falle denkt. Vielleicht aber würde so eine Aussage in keinem Falle zugelassen, & die Meinung wäre, daß auch keine Äußerung des Angeklagten wiedergegeben werden darf, wenn dies nur zur Beschreibung seiner seelischen Vorgänge geschieht.

Could one testify in court: “I know that at the time, he was thinking about …”? Well, such a statement might be admissible, or it might not. Perhaps it would be judged that someone who has known the defendant for so many years can infer from his facial expression, etc., what he is thinking in a particular case. Perhaps, however, such a statement would not be admissible in any case, & the opinion would be that even no utterance of the defendant may be reproduced if this is only to describe his mental processes.

§Ms-173

44v[2] &
45r[1]

“Ich kenne mich in diesen Leuten nicht aus.” Und wozu wollte ich mich in ihnen auskennen? – Sind es nicht ihre Reaktionen, in denen ich mich nicht auskenne? Die ich z.B. nicht voraussehen kann; die mich immer wieder überraschen? “Er reagiert scheinbar unlogisch.” Und das heißt: inkonsequent.

“I don’t know these people.” And why would I want to know them? – Isn’t it their reactions that I don’t know? The ones that I can’t, for example, predict; the ones that always surprise me? “He seems to be reacting illogically.” And that means: inconsistently.

§Ms-173

45r[2] &
45v[1]

Kennt man sich in Manchem nicht aus, so bedeutet das, daß man sich in Andern auskennt. Und das wird manchmal so ausgedrückt, man ‘könne sich vorstellen’, was im Andern vor sich geht. Es klingt also, als ob Wissen, was im Andern vorgeht ein Vorstellen dieses Vorgangs sei. Wenn ich z.B. weiß, daß mich Einer haßt, so fühle ich eine Art Abbild dieses Hasses. Hier ist alles falsch. Man gebraucht zwar die Worte “sich den Haß (etc.) eines Andern vorstellen”, ja es können dabei auch Vorstellungsbilder mitspielen, oder man macht dabei vielleicht ein dem Haßerfüllten ähnliches Gesicht.

If one is not familiar with certain things, it means that one is familiar with others. And this is sometimes expressed by saying that one ‘can imagine’ what is going on in the other person. So it sounds as if knowing what is going on in the other person is an imagining of this process. If, for example, I know that someone hates me, I feel a kind of copy of this hatred. Here, everything is wrong. One uses the words “to imagine the hatred (etc.) of another,” yes, and mental images may also play a role in this, or one may perhaps make a face that is similar to that of the person filled with hatred.

§Ms-173

45v[2] &
46r[1]

Das Sprachspiel ist von vornherein so angelegt, daß ein Vergleich mit andern Sprachspielen einen zu dem Bild ‘außen-innen’ führen kann. Aber dazu kommt noch die tatsächliche Unsicherheit, die dem Erraten der seelischen Vorgänge des Andern anhaftet. Denn es wäre – wie gesagt – wohl möglich, daß dieses Erkennen viel sicherer wäre, als es ist. Ja daß Verstellung hauptsächlich durch ein Verstecken des Gesichts (z.B.) geschieht. D.h.: Verstellung wäre auch dann möglich, wenn man sein Gesicht nicht verstellen könnte.

The language-game is designed from the outset in such a way that a comparison with other language-games can lead to the picture of ‘outside-inside’. But in addition to this, there is also the actual uncertainty that attaches to guessing the other person’s mental processes. For it would – as I said – probably be possible for this recognition to be much more certain than it is. Yes, that pretending mainly occurs through a concealment of the face (for example). That is to say: pretending would be possible even if one could not change one’s facial expression.

§Ms-173

46r[2] &
46v[1]

Es ist aber nicht wahr, daß die Unsicherheit im Erkennen seines Ärgers (z.B.) einfach die Unsicherheit über sein zukünftiges Benehmen ist. Es liegt vielmehr im Begriff eine Unsicherheit der Kriterien. Manchmal ist er also, gleichsam, durchsichtig, manchmal nicht. Und es ist irreführend, wenn man sich den eigentlichen Ärger sozusagen als Gesichtsausdruck eines inneren Gesichts denkt, so daß dieser Gesichtsausdruck zwar vollkommen klar definiert ist, & es nur nach dem äußern nicht sicher ist, ob die Seele wirklich diesen Ausdruck hat.

However, it is not true that the uncertainty in recognizing his anger (e.g.) is simply the uncertainty about his future behaviour. Rather, it lies in the concept of an uncertainty of the criteria. Sometimes he is, as it were, transparent, sometimes not. And it is misleading if one thinks of the actual anger as a facial expression of an inner face, so that this facial expression is completely clearly defined, & it is only uncertain from the outside whether the mind really has this expression.

§Ms-173

46v[2]

Denn auch wenn er selbst ohne zu lügen sagt, er sei etwas ärgerlich gewesen, so heißt das nicht, daß er damals in sich jenes von uns ‘ärgerlich’ genanntes Gesicht gesehen habe. Wir haben wieder nur eine Wortreaktion von ihm, & es ist noch gar nicht klar, wie viel die bedeutet. Das Bild ist klar, aber nicht seine Anwendung.

For even if he says, without lying, that he was somewhat annoyed, that does not mean that at that time he saw in himself that feeling which we call ‘annoyed’. We again have only a verbal reaction from him, & it is not yet clear how much this means. The image is clear, but not its application.

§Ms-173

46v[3]

Denn auch, wenn ich selbst sage “Ich habe mich etwas über ihn geärgert”, – wie weiß ich die Anwendung dieser Worte so genau? Ist sie denn so klar? Nun, sie sind eben eine Äußerung.

Because even if I say, “I was somewhat angry with him,” – how do I know the application of these words so precisely? Is it so clear? Well, it is just an utterance.

§Ms-173

47r[1]

Aber weiß ich etwa nicht genau, was ich mit jener Äußerung meine? “Ich weiß doch genau, welchen Zustand in mir ich so nenne.” Das heißt nichts. Ich weiß, wie man das Wort anwendet & manchmal mache ich die Äußerung ohne Zögern & manchmal zögernd & sage etwa, ich hätte mich nicht ‘geradezu geärgert’, oder dergleichen. Aber es ist nicht diese Unbestimmtheit, von der ich sprach. Auch dort, wo ich unbedenklich sage, ich hätte mich geärgert, ist darum nicht ausgemacht wie sicher die Konsequenzen aus diesem Signal sind.

But surely I know exactly what I mean by that utterance? “I do know exactly what state within me I am calling that.” That means nothing. I know how to use the word, & sometimes I make the utterance without hesitation, & sometimes hesitantly, saying, for example, that I hadn’t been ‘exactly’ annoyed, or something like that. But that is not this uncertainty that I was talking about. Even where I say without hesitation that I was annoyed, it does not establish how certain the consequences of that signal are.

§Ms-173

47r[2] &
47v[1]

Als ich sagte es sei eine Unbestimmtheit in der Anwendung, meinte ich nicht, ich wisse nicht recht, wann ich die Äußerung machen solle (wie es etwa wäre, wenn ich nicht gut Deutsch verstünde).

When I said that it was an uncertainty in the application, I did not mean that I did not know when I should make the statement (as it would be if I did not understand German well).

§Ms-173

47v[2]

Man darf eben nicht vergessen, welche Verbindungen gemacht werden, wenn wir lernen Ausdrücke wie “Ich ärgere mich” zu gebrauchen.

One must not simply forget which connections are made when one learns to use expressions such as “I am annoyed.”

§Ms-173

47v[3]

Und denke nicht an ein Erraten der richtigen Bedeutung durch das Kind, denn, ob es sie richtig erraten hat, muß sich doch wieder in seiner Verwendung der Worte zeigen.


And don't think of a child guessing at the correct meaning, because whether it has guessed it correctly must again be shown in its use of the words.

§Ms-173

87r[3] &
87v[1]

Wir sagen: “Denken wir uns Menschen, welche dieses Sprachspiel nicht kennen”. Aber damit haben wir noch keine klare Vorstellung vom Leben dieser Menschen, wo es vom unsern abweicht. Wir wissen noch nicht, was wir uns vorzustellen haben; denn das Leben jener Menschen soll ja im übrigen dem unsern entsprechen, & es ist erst zu bestimmen, was wir unter den neuen Umständen ein dem unsern entsprechendes Leben nennen würden. Ist es nicht, als sagte man: Es gibt Menschen, die ohne den König Schach spielen. Es treten sofort Fragen auf: Wer gewinnt nun, wer verliert, u.a. Du mußt weitere Entscheidungen treffen, die Du in jener ersten Bestimmung noch nicht vorhersiehst. Wie Du ja auch die ursprüngliche Technik nicht übersiehst, nur daß sie Dir von Fall zu Fall geläufig ist.

We say: “Let us imagine people who do not know this language-game.” But that does not yet give us a clear idea of the lives of these people, of how it differs from our own. We do not yet know what we are to imagine, because the lives of those people are otherwise supposed to correspond to our own, and it remains to be determined what we would call a life corresponding to our own under the new circumstances. It is as if one said: There are people who play chess without a king. Questions immediately arise: who wins, who loses, etc. You have to make further decisions that you did not foresee in that first determination. Just as you also do not foresee the original technique, except that it is familiar to you in each case.

§Ms-173

87v[2] &
88r[1]

Zur Verstellung gehört auch, daß man Verstellung beim Andern für möglich halte.

Pretending also includes the idea that one thinks it is possible for the other person to pretend.

§Ms-173

88r[2]

Wenn Menschen sich so benehmen, daß wir Verstellung vermuten möchten, aber diese Menschen zeigen untereinander kein Mißtraun, dann ergeben sie doch nicht das Bild von Menschen, die sich verstellen.

If people behave in such a way that we might suspect them of pretending, but these people show no distrust of one another, then they do not give the image of people who are pretending.

§Ms-173

88r[3]

‘Wir müssen uns immer wieder über diese Leute wundern.”

“We must always be surprised by these people.”

§Ms-173

88r[4] &
88v[1]

Wir könnten gewisse Leute auf der Bühne darstellen & ihnen Selbstgespräche (asides) in ihren Mund legen, die sie natürlich im wirklichen Leben nicht aussprachen, die aber doch ihren Gedanken entsprächen. Fremdartige Menschen aber könnten wir so nicht darstellen. Selbst, wenn wir ihre Handlungen voraussehen könnten, könnten wir ihnen keine passenden Selbstgespräche in den Mund legen. Und doch ist auch in dieser Betrachtungsweise etwas Falsches. Denn Einer könnte, während er handelt, wirklich etwas zu sich selbst sagen, & dies könnte einfach ganz konventionell sein.

We could depict certain people on stage and give them asides that they would not, of course, utter in real life, but which would nevertheless correspond to their thoughts. However, we could not depict strange people in this way. Even if we could foresee their actions, we could not give them appropriate asides. And yet, there is something wrong with this way of thinking. For one could actually say something to oneself while acting, and this could simply be quite conventional.

§Ms-173

88v[2]

Daß ich eines Menschen Freund sein kann, beruht darauf, daß er die gleichen, oder ähnliche Möglichkeiten hat wie ich selbst.

That I can be a person’s friend is based on the fact that he has the same, or similar, possibilities as I do myself.

§Ms-173

89r[1]

Wäre es richtig zu sagen, in unsern Begriffen spiegle sich unser Leben? Sie stehen mitten in ihm.

Would it be correct to say that our concepts reflect our lives? They are in the middle of it.

§Ms-173

89r[2]

Unsre Sprache durchdringt unser Leben.

Our language permeates our lives.

§Ms-173

89r[3] &
89v[1]

Von wem würden wir sagen, er habe unsern Begriff des Schmerzes nicht? Ich könnte annehmen, er kenne Schmerzen nicht, aber ich will annehmen er kenne sie; er gibt also Schmerzäußerungen von sich & man könnte ihm die Worte “Ich habe Schmerzen” beibringen. Soll er auch fähig sein sich seiner Schmerzen zu erinnern? – Soll er Schmerzäußerungen der Andern als solche erkennen, und wie zeigt sich das? Soll er Mitleid zeigen? – Soll er gespielten Schmerz als solchen verstehen?

Whose would we say is not our concept of pain? I could assume that he does not know pain, but I want to assume that he does know it; he thus gives forth manifestations of pain, & one could teach him the words “I am in pain.” Should he also be capable of remembering his pain? – Should he recognize the pain manifestations of others as such, & how would that show itself? Should he show compassion? – Should he understand feigned pain as such?

§Ms-173

89v[2]

“Ich weiß nicht, wie ärgerlich er war.” “Ich weiß nicht, ob er wirklich ärgerlich war”. – Weiß er's selbst? Nun fragt man ihn, & er sagt: “Ja, ich war's”.

“I don’t know how annoyed he was.” “I don’t know if he was really annoyed.” – Does he even know himself? Now, one asks him, & he says: “Yes, I was.”

§Ms-173

89v[3] &
90r[1]

Was ist denn das: die Unsicherheit darüber, ob der Andre ärgerlich war? Ist es ein Zustand der Seele des Unsichern? Warum soll der uns beschäftigen? Sie liegt in dem Gebrauch der Aussage “Er ist ärgerlich”.

What is this: the uncertainty about whether the other person was annoyed? Is it a state of mind of the uncertain person? Why should it concern us? It lies in the use of the statement “He is annoyed”.

§Ms-173

90r[2]

Aber Einer ist unsicher, der Andre kann sicher sein: er ‘kennt den Gesichtsausdruck’ dieses Menschen, wenn er ärgerlich ist. Wie lernt er dieses Anzeichen des Ärgers als solches kennen? Das ist nicht leicht zu sagen.

But one person is uncertain, the other can be certain: he ‘knows the facial expression’ of this person when he is angry. How does he learn to recognize this sign of anger as such? This is not easy to say.

§Ms-173

90r[3]

Aber nicht nur: “Was heißt es, über den Zustand des Andern unsicher sein?” – sondern auch: “Was heißt es ‘Wissen, sicher sein daß jener sich ärgert’?”

But not only: “What does it mean to be uncertain about the state of the other?” – but also: “What does it mean to ‘have knowledge, to be certain that the other is annoyed’?”

§Ms-173

90r[4]

Hier könnte man nun fragen, was ich denn eigentlich will, wieweit ich die Grammatik behandeln will.

Here one could ask what I actually want, to what extent I want to deal with grammar.

§Ms-173

90r[5] &
90v[1]

Es ist etwas gemeinsam der Sicherheit, daß er mich besuchen wird, & der Sicherheit, daß er sich ärgert. Es ist auch etwas dem Tennisspiel & dem Sprachspiel gemeinsam, aber niemand würde hier sagen: “Ganz einfach: sie spielen beidemal, nur eben etwas andres.” Man sieht in diesem Falle die Unähnlichkeit mit: “Er ißt einmal einen Apfel, ein andermal eine Birne”, während man sie in jenem Fall nicht so leicht sieht.

There is something in common between the certainty that he will visit me & the certainty that he is annoyed. There is also something in common between a game of tennis & a language-game, but no one would say here: “Quite simple: in both cases they are playing, only something different.” One sees in this case the dissimilarity with: “He eats an apple one time, a pear another time,” while in that case one does not see it so easily.

§Ms-173

90v[2]

“Ich weiß, daß er gestern angekommen ist” – “Ich weiß, daß 2 × 2 = 4 ist.” – “Ich weiß, daß er Schmerzen hatte” – “Ich weiß, daß dort ein Tisch steht.”

“I know that he arrived yesterday” – “I know that 2 × 2 = 4.” – “I know that he was in pain” – “I know that there is a table there.”

§Ms-173

91r[1]

Ich weiß jedesmal, nur immer etwas anderes? Freilich, – aber die Sprachspiele sind weit verschiedener, als die Sätze, die sagen, was ich weiß.

I know it every time, but always something different? Indeed, – but the language-games are far more different than the sentences that say what I know.

§Ms-173

91r[2]

“Die Welt der physikalischen Gegenstände & die Welt des Bewußtseins.” Was weiß ich von dieser? Was mich meine Sinne lehren? Also, wie das ist, wenn man sieht, hört, fühlt, etc. etc. – Aber lerne ich das wirklich? Oder lerne ich wie das ist, wenn ich jetzt sehe, höre, etc. & glaube, daß es auch früher so war?

“The world of physical objects & the world of consciousness.” What do I know about this? What do my senses teach me? So, what it is like to see, hear, feel, etc. etc. – But do I really learn that? Or do I learn what it is like when I now see, hear, etc. & believe that it was also the case earlier?

§Ms-173

91v[1]

Was ist eigentlich die ‘Welt’ des Bewußtseins? Da möchte ich sagen: “Was in meinem Geist vorgeht, jetzt in ihm vorgeht, was ich sehe, höre, ‥‥‥” Könnten wir das nicht vereinfachen & sagen: “Was ich jetzt sehe.” –

What exactly is the ‘world’ of consciousness? I would like to say: “What is happening in my mind right now, what I see, hear, ‥‥‥.” Couldn’t we simplify that & say: “What I see right now.” –

§Ms-173

91v[2]

Die Frage ist offenbar: Wie ‘vergleichen’ wir physikalische Gegenstände – wie Erlebnisse?

The question is obviously: How do we ‘compare’ physical objects – how do we compare experiences?

§Ms-173

91v[3]

Was ist eigentlich die ‘Welt des Bewußtseins’? – Was in meinem Bewußtsein ist: was ich jetzt sehe, höre, fühle, ‥‥․ – Und was, z.B., sehe ich jetzt? Darauf kann die Antwort nicht sein: “Nun, alles das”, mit einer umfassenden Gebärde.

What exactly is the ‘world of consciousness’? – What is in my consciousness: what I now see, hear, feel, ‥‥․ – And what, for example, do I see now? The answer cannot be: “Well, all of that”, with an all-encompassing gesture.

§Ms-173

93r[2]

Ich beobachte diesen Fleck. “Jetzt ist er so” – dabei zeige ich etwa auf ein Bild. Ich mag ständig das gleiche beobachten, & mag dabei gleichbleiben, oder sich verändern. Was ich beobachte & was ich sehe hat nicht die gleiche (Art der) Identität. Denn die Worte “dieser Fleck” z.B. lassen die (Art der) Identität, die ich meine, nicht erkennen.

I am observing this spot. “Now it is like this” – and I might, for example, point to a picture. I might constantly observe the same thing, and in doing so, either remain the same or change. What I observe and what I see do not have the same (kind of) identity. For the words “this spot,” for example, do not reveal the (kind of) identity that I have in mind.

§Ms-173

93r[3] &
93v[1] &
94r[1]

“Die Psychologie beschreibt die Phänomene der Farbenblindheit & auch des normalen Sehens.” Was sind die ‘Phänomene der Farbenblindheit’? Doch die Reaktionen des Farbenblinden, durch die er sich vom Normalen unterscheidet. Doch nicht alle Reaktionen des Farbenblinden, z.B. auch die, durch die er sich vom Blinden unterscheidet. – Kann ich den Blinden lehren, was Sehen ist, oder kann ich den Sehenden es lehren? Das heißt nichts. Was heißt es denn: das Sehen zu beschreiben? Aber ich kann Menschen die Bedeutung der Worte “blind” & “sehend” lehren, & zwar lernt sie der Sehende, wie der Blinde. Weiß denn der Blinde, wie das ist, wenn man sieht? Aber weiß es der Sehende?! Weiß er auch, wie es ist, Bewußtsein zu haben? Aber kann nicht der Psychologe den Unterschied zwischen dem Benehmen des Sehenden & des Blinden beobachten? (Der Meteorologe den Unterschied zwischen Regen & Trockenheit?) Man könnte doch z.B. den Unterschied des Benehmens beobachten von Ratten, denen man die Barthaare genommen hat, & von unverstümmelten. Und das hieße vielleicht die Rolle dieses Tastapparates zu beschreiben. – Das Leben der Blinden ist anders als das Leben der Sehenden.

“Psychology describes the phenomena of color blindness & also of normal seeing.” What are the ‘phenomena of color blindness’? But the reactions of the colorblind person, through which he differs from the normal person. But not all the reactions of the colorblind person, for example, also those through which he differs from the blind person. – Can I teach the blind person what seeing is, or can I teach the seeing person what it is? That means nothing. What does it mean to describe seeing? But I can teach people the meaning of the words “blind” & “seeing,” & in fact, the seeing person learns it, just like the blind person. Does the blind person know what it is like to see? But does the seeing person know it?! Does he also know what it is like to have consciousness? But can’t the psychologist observe the difference between the behaviour of the seeing person & the blind person? (The meteorologist observes the difference between rain & drought?) One could, for example, observe the difference in behaviour between rats whose whiskers have been removed & those that have not. And that might mean describing the role of this tactile apparatus. – The life of the blind is different from the life of the seeing.

§Ms-173

94r[2] &
94v[1] &
95r[1]

Der Normale kann z.B. erlernen, nach Diktat schreiben. Was ist das? Nun, der Eine spricht, der Andre schreibt was jener spricht. Wenn er also den Laut a sagt, schreibt der Andre das Zeichen “a” etc. – Muß nun nicht, wer diese Erklärung versteht, das Spiel entweder schon gekannt haben, nur vielleicht nicht unter diesem Namen, – oder es durch die Beschreibung gelernt haben? Aber Karl der Große hat gewiß das Prinzip des Schreibens verstanden, & doch nicht schreiben lernen können. So kann also auch der die Beschreibung der Technik verstehen, der sie nicht erlernen kann. Aber es gibt eben zwei Fälle des Nicht-Erlernen-Könnens. Im einen erlangen wir bloß eine Fertigkeit nicht, im andern fehlt uns das Verständnis. Man kann Einem ein Spiel erklären: Er mag diese Erklärung verstehen, aber das Spiel nicht erlernen können, oder unfähig sein eine Erklärung des Spiels zu verstehen. Es ist aber auch das Umgekehrte denkbar.

The average person can, for example, learn to write by dictation. What is this? Well, one person speaks, & the other writes down what the first person says. If the first person says the sound a, the other writes the sign “a”, etc. – Must one who understands this explanation not already have known the game, perhaps just not under that name, – or have learned it through the description? But Charlemagne certainly understood the principle of writing, & yet could not learn to write. Thus, one can also understand the description of the technique, even if one cannot learn it. But there are indeed two cases of not being able to learn. In one, we simply do not acquire a skill; in the other, we lack the understanding. One can explain a game to someone: he may understand this explanation, but not be able to learn the game, or be unable to understand an explanation of the game. But the reverse is also conceivable.

§Ms-173

95r[2]

“Du siehst den Baum, der Blinde sieht ihn nicht.” Das müßte ich einem Sehenden sagen. Und also einem Blinden: “Du siehst den Baum nicht, wir sehen ihn”? Wie wäre das, wenn der Blinde zu sehen glaubte, oder ich glaubte, ich könne nicht sehen?

“You see the tree, the blind person does not see it.” That is what I would have to say to a seeing person. And so to a blind person: “You do not see the tree, we see it”? What would it be like if the blind person thought he could see, or if I thought I could not see?

§Ms-173

95r[3]

Ist es ein Phänomen, daß ich den Baum sehe? Es ist eins, daß ich dies richtig als Baum erkenne, daß ich nicht blind bin.

Is it a phenomenon that I see the tree? It is one that I correctly recognize this as a tree, that I am not blind.

§Ms-173

95r[4] &
95v[1]

“Ich sehe einen Baum” als Äußerung des visuellen Eindrucks, ist es die Beschreibung eines Phänomens? Welches Phänomens? wie kann ich Einem dies erklären? Und ist es nicht doch für den Andern ein Phänomen, daß ich diesen Gesichtseindruck habe? Denn es ist etwas, was er beobachtet, aber nicht etwas, was ich beobachte. Die Worte “Ich sehe einen Baum” sind nicht die Beschreibung eines Phänomens. (Ich könnte z.B. nicht sagen – “Ich sehe einen Baum! wie merkwürdig!”, aber wohl: “Ich sehe einen Baum, obwohl keiner da ist. Wie merkwürdig!”)

“I see a tree” as an utterance of the visual impression – is it the description of a phenomenon? Which phenomenon? How can one explain this? And isn’t it, after all, a phenomenon for the other person that I have this visual impression? Because it is something that he observes, but not something that I observe. The words “I see a tree” are not the description of a phenomenon. (I could not, for example, say – “I see a tree! how remarkable!”, but probably: “I see a tree, even though there isn’t one. How remarkable!”)

§Ms-173

95v[2]

Oder soll ich sagen: “Der Eindruck ist kein Phänomen; daß L.W. diesen Eindruck hat, ist eins”?

Or should I say: “The impression is not a phenomenon; the fact that L.W. has this impression is one”?

§Ms-173

95v[3] &
96r[1]

(Man könnte sich denken, daß Einer den Eindruck, gleichsam wie einen Traum, vor sich hin spricht, ohne das Pronomen der ersten Person.)

(One might imagine that someone speaks the impression to himself, as it were in a dream, without the pronoun of the first person.)

§Ms-173

96r[2]

Beobachten ist nicht das gleiche wie betrachten, oder anblicken. “Betrachte diese Farbe & sag, woran sie Dich erinnert.” Ändert sich die Farbe, so betrachtest Du nicht mehr die, welche ich meinte. Man beobachtet, um zu sehen, was man nicht sähe, wenn man nicht beobachtet.

Observing is not the same as looking at or contemplating. “Look at this color & say what it reminds you of.” If the color changes, then you are no longer contemplating the one I meant. One observes in order to see what one would not see if one did not observe.

§Ms-173

96r[3] &
96v[1]

Man sagt etwa: “Betrachte diese Farbe für einige Zeit”. Das tut man aber nicht, um mehr zu sehen, als man auf den ersten Blick gesehen hätte.

One might say: “Look at this color for a while.” However, one does not do this in order to see more than one would have seen at first glance.

§Ms-173

96v[2]

Könnte in einer “Psychologie” der Satz stehen: “Es gibt Menschen, welche sehen”? Nun, wäre das falsch? – Aber wem wird hier etwas mitgeteilt? (Und ich meine nicht nur: was mitgeteilt wird, sei schon längst bekannt.)

Could a “psychology” contain the sentence: “There are people who see”? Well, would that be wrong? – But to whom is something being communicated here? (And I don’t just mean: what is being communicated is already well known.)

§Ms-173

96v[3]

Ist mir bekannt, daß ich sehe?

Is it known to me that I see?

§Ms-173

96v[4]

Man könnte sagen wollen: Wenn es solche Menschen nicht gäbe, so auch den Begriff des Sehens nicht. – Aber könnten nicht Marsbewohner so etwas sagen? Sie haben etwa durch Zufall zuerst lauter Blinde bei uns kennen gelernt.

One might say: if such people did not exist, then neither would the concept of Sehen. – But could not Martians say something like that? Suppose they happened to first encounter a group of blind people here.

§Ms-173

97r[1]

Und wie kann es unsinnig sein, zu sagen “Es gibt Menschen, welche sehen”, wenn es nicht unsinnig ist, zu sagen, es gibt Menschen, welche blind sind? Aber der Sinn des Satzes “Es gibt Menschen, welche sehen” d.h. seine mögliche Verwendung ist jedenfalls nicht sogleich klar.

And how can it be nonsensical to say “There are people who see,” if it is not nonsensical to say that there are people who are blind? But the sense of the sentence “There are people who see,” i.e. its possible use, is in any case not immediately clear.

§Ms-173

97r[2]

Könnte das Sehen nicht Ausnahme sein? Aber beschreiben könnten es weder die Blinden, noch die Sehenden, es sei denn als Fähigkeit, das & das zu tun. Z.B. auch, gewisse Sprachspiele zu spielen; aber da muß man achtgeben, wie man diese Sprachspiele beschreibt.

Could seeing not be an exception? But neither the blind nor the seeing could describe it, except as the ability to do this & that. For example, also, to play certain language-games; but one must be careful how one describes these language-games.

§Ms-173

97r[3] &
97v[1]

Sagt man: “Es gibt Menschen, welche sehen”. So folgt die Frage: “Und was ist ‘sehen’?” Und wie soll man sie beantworten? Indem man dem Fragenden den Gebrauch des Wortes “sehen” beibringt?

One says: “There are people who see.” This gives rise to the question: “And what is ‘seeing’?” And how is one to answer it? By teaching the person asking the question the use of the word “seeing”?

§Ms-173

97v[2]

Wie wäre es mit dieser Erklärung: “Es gibt Menschen, die sich benehmen wie Du & ich, & nicht wie dieser da, der Blinde.”?

How about this explanation: “There are people who behave like you & me, and not like that one over there, who is blind”?

§Ms-173

97v[3]

“Du kannst, mit offenen Augen, über die Straße gehen, ohne überfahren zu werden, etc.” Die Logik der Mitteilung.

“One can, with one’s eyes open, cross the street without being run over, etc.” The logic of communication.

§Ms-173

97v[4] &
98r[1]

Damit, daß ein Satz von der Form einer Mitteilung eine Verwendung hat, ist noch nichts über die Art seiner Verwendung gesagt.

The fact that a sentence of the form of a communication has a use does not yet say anything about the kind of its use.

§Ms-173

98r[2]

Kann der Psychologe mir mitteilen, was Sehen ist? Was nennt man “mitteilen, was Sehen ist”? Nicht der Psychologe lehrt mich den Gebrauch des Wortes “sehen”.

Can the psychologist communicate to me what seeing is? What does one call “communicating what seeing is”? It is not the psychologist who teaches me the use of the word “to see”.

§Ms-173

98r[3]

Wenn der Psychologe sagt: “Es gibt Menschen, welche sehen”, so können wir ihn fragen: “Und was nennst Du “Menschen, welche sehen””. Darauf wäre die Antwort von der Art “Menschen, die unter den & den Umständen so & so reagieren, sich so & so benehmen”. “sehen” wäre ein Fachwort des Psychologen, das er uns erklärt. Sehen ist dann etwas was er an den Menschen beobachtet hat.

If the psychologist says: “There are people who see,” then we can ask him: “And what do you call ‘people who see’?” The answer to this would be of the kind: “People who, under these and these circumstances, react in this and that way, behave in this and that way.” “Seeing” would be a technical term of the psychologist that he explains to us. Seeing is then something that he has observed in people.

§Ms-173

98v[1]

Wir lernen die Ausdrücke “ich sehe …”, “er sieht …” etc. gebrauchen ehe wir zwischen Sehen & Blindheit unterscheiden lernen.

We learn to use the expressions “I see…”, “he sees…” etc. before we learn to distinguish between seeing & blindness.

§Ms-173

98v[2]

“Es gibt Menschen, welche reden können.”, “Ich kann einen Satz sagen.”, “Ich kann das Wort “Satz” aussprechen.”, “Wie Du siehst, bin ich wach.”, “Ich bin hier.”

“There are people who can speak.”, “I can say a sentence.”, “I can pronounce the word ‘sentence’”, “As you can see, I am awake.”, “I am here.”

§Ms-173

98v[3]

Es gibt doch eine Belehrung darüber, unter welchen Umständen ein gewisser Satz eine Mitteilung sein kann. Wie soll ich diese Belehrung nennen?

There is, after all, an instruction about under what circumstances a certain sentence can be a communication. How should I call this instruction?

§Ms-173

98v[4] &
99r[1]

Kann man sagen, ich habe beobachtet, daß ich & Andre mit offenen Augen gehen können, ohne anzustoßen, & daß wir's mit geschlossenen Augen nicht können?

Can one say that I have observed that I & others can walk with our eyes open without bumping into anything, & that we cannot do it with our eyes closed?

§Ms-173

99r[2]

Wenn ich Einem mitteile, ich sei nicht blind, ist das eine Beobachtung? Ich kann ihn jedenfalls durch mein Benehmen davon überzeugen.

If I communicate to someone that I am not blind, is that an observation? In any case, I can convince him of this through my behaviour.

§Ms-173

99r[3]

Ein Blinder könnte leicht herausfinden, ob auch ich blind sei; indem er z.B. eine bestimmte Handbewegung macht & mich fragt, was er getan hat.

A blind person could easily find out whether I am also blind, for example, by making a specific hand gesture and asking me what he has done.

§Ms-173

99r[4] &
99v[1]

Können wir uns nicht einen blinden Volksstamm denken? Könnte er nicht unter besondern Bedingungen lebensfähig sein? Und könnte es nicht als Ausnahme Sehende geben.

Can’t we imagine a blind tribe? Couldn’t it be viable under certain conditions? And couldn’t there be some seeing individuals as an exception.

§Ms-173

99v[2]

Angenommen, ein Blinder sagte zu mir: “Du kannst gehen ohne irgendwo anzustoßen, ich kann es nicht” – wäre der erste Teil des Satzes eine Mitteilung?

Suppose a blind person says to me: “You can walk without bumping into anything, I can’t” – would the first part of the sentence be a communication?

§Ms-173

99v[3]

Nun, er sagt mir nichts neues.

Well, he isn’t telling me anything new.

§Ms-173

99v[4] &
BCr[1]

Es scheint Sätze zu geben, die den Charakter von Erfahrungssätzen haben, deren Wahrheit aber für mich unanfechtbar ist. D.h., wenn ich annehme, daß sie falsch sind, muß ich allen meinen Urteilen mißtrauen.

It seems there are sentences that have the character of sentences of experience, but whose truth is beyond dispute for me. That is, if I assume that they are false, I must distrust all my judgments.

§Ms-173

BCr[2]

Es gibt jedenfalls Irrtümer, die ich als gewöhnlich hinnehme, & solche, die andern Charakter haben & von meinen übrigen Urteilen als eine vorübergehende Verwirrung abgekapselt werden müssen. Aber gibt es nicht auch Übergänge zwischen diesen beiden.

There are certainly errors that I accept as ordinary, and others that have a different character and must be separated from my other judgments as a temporary confusion. But aren’t there also transitions between these two?

§Ms-173

BCr[3]

Wenn man den Begriff des Wissens in diese Untersuchung bringt so nützt das nichts; denn Wissen ist nicht ein psychologischer Zustand durch dessen Besonderheiten sich nun allerlei erklärt. Die besondere Logik des Begriffs “wissen” ist vielmehr nicht die des psychologischen Zustands.

If one introduces the concept of knowledge into this investigation, it doesn’t help, because knowledge is not a psychological state, and its peculiarities cannot explain everything. Rather, the specific logic of the concept of “knowing” is not that of the psychological state.