Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie – II MS 176
Last Writings on the Philosophy of Psychology – II MS 176
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§Ms-176
46v[3] &47r[1]
“Kann man wissen, was in dem Andern vorgeht, wie er selbst es weiß?” – Wie weiß er es denn? Er kann sein Gefühl (z.B.) ausdrücken. Ein Zweifel für ihn, ob er wirklich dies Erlebnis habe – analog dem Zweifel, ob er wirklich die & die Krankheit habe – tritt in das Spiel nicht ein; & darum ist es falsch zu sagen, er wisse, was er erlebe. Der Andre aber kann sehr wohl zweifeln, ob Jener dies Erlebnis habe. Der Zweifel tritt also in's Spiel ein, aber eben darum ist es auch möglich daß völlige Sicherheit besteht.
“Can one know what is going on in the other person, as he himself knows it?” – How does he know it? He can express his feeling (e.g.). A doubt about whether he is really having this experience – analogous to the doubt of whether he really has the such-and-such disease – does not arise for him; and that is why it is wrong to say that he knows what he is experiencing. But the other person can very well doubt whether the first person is having this experience. Doubt therefore arises, but precisely for that reason, complete certainty is also possible.
§Ms-176
47r[2]Muß ich weniger sicher sein, daß Einer Schmerzen leide, als daß 12 × 12 = 144 ist?
Must I be less certain that one person is in pain than that 12 × 12 = 144?
§Ms-176
47r[3]Und doch sagt man manchmal, das könne man nicht wissen. Nun, vor allem, man kann es nicht beweisen. D.h., es gibt hier so etwas wie einen Beweis, der sich auf (allgemein) anerkannte Prinzipien stützt, nicht.
And yet, one sometimes says that one cannot know this. Well, first of all, one cannot prove it. That is, there is no proof here that is based on (generally) accepted principles.
§Ms-176
47v[1]Aber das, was in ihm ist, wie kann ich es sehen? Es ist zwischen seinem Erlebnis & mir immer der Ausdruck! Hier ist das Bild: Er sieht's direkt, ich indirekt. Aber das ist falsch. Er sieht nicht etwas & beschreibt es.
But what is in him, how can I see it? There is always the expression between his experience and me! Here is the picture: He sees it directly, I indirectly. But that is wrong. He does not see something and describe it.
§Ms-176
47v[2]Wenn ‘etwas in ihm vorgeht’, so seh ich's freilich nicht, aber wer weiß, ob er selbst es sieht. – – –
If ‘something is going on in him,’ then I certainly don’t see it, but who knows if he himself sees it. – – –
§Ms-176
47v[3] &48r[1]
Sehe ich nicht wirklich oft, was in ihm vorgeht? – “Ja, aber nicht so wie er selbst es wahrnimmt. Ich sehe, daß er Schmerzen hat, aber fühle doch dabei keine Schmerzen. Und wenn ich welche fühlte, wären's nicht die seinen.” Das heißt nichts. Anderseits wäre es denkbar, es ließe sich mit einem Andern eine Verbindung herstellen, durch die ich denselben Schmerz (d.h. die gleiche Art des Schmerzes) empfände, & an der gleichen Stelle, wie der Andre. Aber daß das der Fall ist, müßte man durch den Schmerzausdruck der beiden feststellen.
Don’t I often really see what is going on in him? – “Yes, but not as he himself perceives it. I see that he is in pain, but I do not feel any pain in the process. And if I did feel it, it wouldn’t be his.” That means nothing. On the other hand, it is conceivable that a connection could be established with another person, through which I would experience the same pain (i.e., the same kind of pain) and in the same place as the other person. But one would have to determine whether this is the case by the expression of pain of the two people.
§Ms-176
48r[2] &48v[1] &
49r[1]
Und wenn sich diese Art, den Schmerz des Andern kennen zu lernen, bewährt hätte, wäre es denkbar, daß man sie, dem Schmerzausdruck eines Menschen entgegen anwendete, also seiner Äußerung mißtraute, wenn sie mit jener Probe im Widerspruch stünde. Und nun kann man sich doch auch denken, daß es Menschen gibt, die sich ursprünglich nach jener Methode richten, & das “Schmerz” nennen, was durch sie ermittelt wird. Dann wird ihr Begriff ‘Schmerz’ dem unsern verwandt, aber von ihm verschieden sein. (Es kommt aber natürlich nicht darauf an, ob sie diesen ihren Begriff mit dem gleichen Wort benennen, wie wir den verwandten, sondern nur darauf, daß er in ihrem Leben das Analogon zu unserm Schmerzbegriff ist.
And if this way of learning to know another’s pain had proven successful, it would be conceivable that one could apply it in reverse to a person’s expression of pain, that is, distrust his utterance if it were in contradiction with that test. And now, one can also imagine that there are people who, originally, follow this method, & call what is determined by it “pain,” i.e., that. Then their concept of ‘pain’ will be related to ours, but different from it. (Of course, it does not matter whether they name this concept of theirs with the same word as we name the related one, but only that it is in their life the analogue to our concept of pain.)
§Ms-176
49r[2]Diesem Analogon unseres Begriffes fehlte dann jene Unsicherheit der Evidenz des unsern. In diesem Punkte wären sich unsre Begriffe nicht ähnlich.
This analogue of our concept then lacked that uncertainty of the evidence that ours possesses. In this respect, our concepts would not be similar.
§Ms-176
49r[3](Nennen wir jenen analogen Begriff “Schmerz”, so können diese Leute glauben daß sie Schmerzen haben & auch daran zweifeln. Sollte aber jemand sagen: “Nun dann besteht eben wesentlich keine Ähnlichkeit zwischen den Begriffen” – dann können wir entgegnen: Es gibt hier ungeheure Unterschiede, aber auch große Ähnlichkeiten.)
(Let us call that analogous concept “pain”; then these people can believe that they have pain & also doubt it. However, if someone were to say: “Then there is essentially no similarity between the concepts” – then we can reply: There are enormous differences here, but also great similarities.)
§Ms-176
49v[1]Man könnte sich denken daß zur Feststellung, ob Einer ‘Schmerzen’ habe eine Art Fieberthermometer verwendet wird. Schreit ein Mensch oder stöhnt er, so legen sie ihm das Thermometer ein, & erst wenn dies den & den Ausschlag zeigt, fangen sie an den Leidenden zu bedauern & ihn zu behandeln wie wir den, der ‘offenbar Schmerzen hat’.
One could imagine that a kind of fever thermometer is used to determine whether someone ‘has pain.’ If a person screams or groans, they put the thermometer on him, and only when it shows a certain reading do they begin to pity the sufferer and treat him as we treat the one who ‘obviously has pain.’
§Ms-176
49v[2]Hängt unsere Logik des Schmerzbegriffes mit dem tatsächlichen Fehlen gewisser physischer Möglichkeiten des Gedanken- & Gefühllesens zusammen? – Wenn das eine Frage der Kausalität ist, – wie kann ich sie beantworten?
Is our logic of the concept of pain related to the actual absence of certain physical possibilities of reading thoughts and feelings? – If this is a question of causality, – how can I answer it?
§Ms-176
50r[1]Die Frage könnte eigentlich so gestellt werden: Wie hängt, was uns wichtig ist, von dem ab, was physisch möglich ist?
The question could actually be phrased as follows: How does what is important to us depend on what is physically possible?
§Ms-176
50r[2]Wenn uns das Messen nicht wichtig ist, dann messen wir nicht, auch wenn wir's können.
If measuring is not important to us, then we do not measure, even if we can.
§Ms-176
50r[3] &50v[1] &
51r[1] &
51v[1]
15.04.1951
“Ist die Unmöglichkeit zu wissen, was im Andern vorgeht eine physische oder eine logische? Und wenn beides, – wie hängen sie zusammen?” Vorerst: es ließen sich Möglichkeiten der Erforschung des Andern denken, die in Wirklichkeit nicht bestehen. Also gibt es eine physische Unmöglichkeit. Die logische Unmöglichkeit liegt in dem Fehlen exakter Regeln der Evidenz. (Daher drücken wir uns manchmal so aus: “Wir können uns immer irren; wir können nie sicher sein; was wir beobachten, kann immer noch Verstellung sein.” Obgleich Verstellung nur eine von vielen möglichen Ursachen eines falschen Urteils ist.) – Wir können uns eine Arithmetik vorstellen, in der Aufgaben mit kleinen Zahlen mit Sicherheit gelöst werden können, die Resultate aber umso unsicherer werden, je größer die Zahlen sind. So daß die Leute, die diese Rechenkunst besitzen, erklären, man könne des Produktes zweier großen Zahlen nie ganz sicher sein & es ließe sich auch keine Grenze angeben zwischen kleinen & großen Zahlen. Aber es ist natürlich nicht wahr, daß wir der seelischen Vorgänge im Andern nie sicher sind. Wir sind es in unzähligen Fällen. Und es bleibt nun die Frage, ob wir unser Sprachspiel, das auf ‘unwägbarer Evidenz’ beruht & oft zu Unsicherheit führt, aufgeben würden, wenn wir die Möglichkeit hätten, es mit einem exaktern zu vertauschen, das im großen & ganzen ähnliche Folgen hätte. Wir könnten – z.B. – mit einem mechanischen “Lügen-Detektor” arbeiten & eine Lüge neu definieren, als dasjenige was einen Ausschlag des Lügen-Detektors erzeugt. Die Frage ist also: Würden wir unsre Lebensform ändern, wenn uns das & das zur Verfügung gestellt würde? – Und wie könnte ich die beantworten?
15.04.1951
“Is the impossibility of knowing what is going on in another person a physical or a logical one? And if both, – how are they related?” For the time being: one could imagine possibilities of exploring the other person that do not actually exist. So there is a physical impossibility. The logical impossibility lies in the absence of exact rules of evidence. (Therefore, we sometimes express ourselves in this way: “We can always be wrong; we can never be certain; what we observe can always still be pretense.” Although pretense is only one of many possible causes of a false judgment.) – We can imagine an arithmetic in which tasks with small numbers can be solved with certainty, but the results become increasingly uncertain as the numbers get larger. So that the people who possess this art of calculation would say that one can never be completely certain of the product of two large numbers, and no limit can be set between small and large numbers. But it is of course not true that we are never certain of the mental processes in another person. We are in countless cases. And the question remains whether we would give up our language-game, which is based on ‘unreliable evidence’ and often leads to uncertainty, if we had the possibility of exchanging it for a more exact one that would have similar consequences on the whole. We could – for example – work with a mechanical “lie detector” and redefine a lie as something that produces a reaction on the lie detector. The question is therefore: Would we change our form of life if this and that were made available to us? – And how could I answer that?