Über Gewißheit
On Certainty
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§Ms-172
1[1]1 Wenn Du weißt, daß hier eine Hand ist, so geben wir Dir alles Übrige zu. (Sagt man, der & der Satz lasse sich nicht beweisen, so heißt das natürlich nicht, daß er sich nicht aus andern herleiten läßt; jeder Satz läßt sich aus andern herleiten. Aber diese mögen nicht sicherer sein, als er selbst.) (Dazu eine komische Bemerkung Henry Newman's.)
If you know that there is a hand here, then we will give you everything else. (If someone says that a certain sentence cannot be proven, this, of course, does not mean that it cannot be derived from others; every sentence can be derived from others. But these may not be more certain than the sentence itself.) (A curious remark by Henry Newman.)
§Ms-172
1[2]2 Daß es mir – oder Allen – so scheint, daraus folgt nicht, daß es so ist. Wohl aber läßt sich fragen, ob man dies sinnvoll bezweifeln kann.
The fact that it seems that way to me – or to everyone – does not imply that it is that way. One can, however, ask whether one can meaningfully doubt this.
§Ms-172
1[3]3 Wenn z.B. jemand sagt “Ich weiß nicht, ob da eine Hand ist”, so könnte man ihm sagen: “Schau näher hin”. – Diese Möglichkeit des Sich-überzeugens gehört zum Sprachspiel. Ist einer seiner wesentlichen Züge.
For example, if someone says, “I don't know if there is a hand there,” one could say to him, “Look more closely.” This possibility of convincing oneself belongs to the language-game. It is one of its essential features.
§Ms-172
1[4] &2[1]
4 “Ich weiß, daß ich ein Mensch bin.” Um zu sehen, wie unklar der Sinn des Satzes ist, betrachte seine Negation. Am ehesten noch könnte man ihn so auffassen: “Ich weiß, daß ich die menschlichen Organe habe.” (Z.B. ein Gehirn, welches doch noch niemand gesehen hat.) Aber wie ist es mit einem Satze wie “Ich weiß, daß ich ein Gehirn habe”? Kann ich ihn bezweifeln. Zum Zweifeln fehlen mir die Gründe! ‘Es spricht alles dafür’, daß ich … Dennoch läßt sich vorstellen, daß bei einer Operation mein Schädel sich als leer erweist.
“I know that I am a human being.” In order to see how unclear the sense of the sentence is, consider its negation. One could most likely understand it in this way: “I know that I have human organs.” (For example, a brain, which no one has yet seen.) But what about a sentence like “I know that I have a brain”? Can I doubt it? I lack the reasons to doubt! ‘Everything speaks in favor of’ the fact that I… Nevertheless, one can imagine that during an operation my skull turns out to be empty.
§Ms-172
2[2]5 Ob sich ein Satz im Nachhinein als falsch erweisen kann, das kommt auf die Bestimmungen an, die ich für diesen Satz anerkenne.
Whether a sentence can turn out to be false in retrospect depends on the stipulations I accept for this sentence.
§Ms-172
2[3]6 Kann man nun (wie Moore) aufzählen, was man weiß? So ohne weiteres, glaube ich, nicht. – Es wird nämlich sonst das Wort “Ich weiß” gemißbraucht. Und durch diesen Mißbrauch scheint sich ein seltsamer & höchst wichtiger Geisteszustand zu zeigen.
Can one now (like Moore) enumerate what one knows? Not so easily, I believe. For otherwise, the word “I know” would be misused. And through this misuse, a strange and very important state of mind seems to emerge.
§Ms-172
2[4]7 Mein Leben zeigt, daß ich weiß, oder sicher bin, daß dort ein Sessel steht, eine Tür ist u.s.f. – Ich sage meinem Freunde z.B. “Nimm den Sessel dort”, “Mach die Tür zu”, etc., etc..
My life shows that I know, or am certain, that there is an armchair there, a door, and so on. I say to my friend, for example, “Take the armchair there,” “Close the door,” etc., etc.
§Ms-172
2[5] &3[1]
8 Der Unterschied des Begriffs “wissen” vom Begriff ‘sicher sein’ ist gar nicht von großer Wichtigkeit, außer da wo “Ich weiß …” heißen soll: Ich kann mich nicht irren. Im Gerichtssaal z.B. könnte in jeder Zeugenaussage statt “Ich weiß” “Ich bin sicher” gesagt werden. Ja, man könnte es sich denken, daß das “Ich weiß” dort verboten wäre. [Eine Stelle im Wilhelm Meister, wo “Du weißt” oder “Du wußtest” im Sinne “Du warst sicher” gebraucht wird, da es sich anders verhielt, als er wußte.]
The difference between the concept of “to know” & the concept of “to be certain” is not of great importance, except in cases where “I know…” is meant to say: I cannot be mistaken. In the courtroom, for example, “I am certain” could be said instead of “I know” in every piece of testimony. Indeed, one might even imagine that “I know” would be forbidden there. [There is a passage in Wilhelm Meister where “You know” or “You knew” is used in the sense of “You were certain,” because things turned out differently than he knew.]
§Ms-172
3[2]9 Bewähre ich nun im Leben, daß ich weiß, daß da eine Hand (nämlich meine Hand) ist?
Do I prove in life that I know that there is a hand (namely, my hand)?
§Ms-172
3[3] &4[1]
10 Ich weiß, daß hier ein kranker Mensch liegt? Unsinn! Ich sitze an seinem Bett, schaue aufmerksam auf seine Züge. – So weiß ich also nicht, daß da ein Kranker liegt? – Es hat weder die Frage, noch die Aussage Sinn. So wenig wie die: “Ich bin hier”, die ich doch jeden Moment gebrauchen könnte, wenn sich die passende Gelegenheit dazu ergäbe. – So ist also auch “2 × 2 = 4” Unsinn & kein wahrer arithmetischer Satz, außer bei bestimmten Gelegenheiten? “2 × 2 = 4” ist ein wahrer Satz der Arithmetik – nicht “bei bestimmten Gelegenheiten”, noch “immer” , – aber die Laut- oder Schriftzeichen “2 × 2 = 4” könnten im Chinesischen eine andere oder keine Bedeutung haben & daraus sieht man, daß nur im Sprachspiel der Satz Sinn hat. Und “Ich weiß, daß hier ein Kranker liegt”, in der unpassenden Situation gebraucht, erscheint nur darum nicht als Unsinn, vielmehr als Selbstverständlichkeit, weil man sich verhältnismäßig leicht eine für ihn passende Situation vorstellen kann & weil man meint die Worte “Ich weiß, daß …” könne man überall dort sagen, wo es keinen Zweifel gibt (also auch dort, wo der Ausdruck des Zweifels unverständlich wäre).
I know that a sick person lies here? Nonsense! I sit by his bedside, looking attentively at his features. – So, do I not know that a sick person lies there? – Neither the question nor the statement has any sense. Just as little as the statement “I am here,” which I could use at any moment if the appropriate opportunity arose. – So, is “2 × 2 = 4” also nonsense & not a true arithmetical sentence, except on certain occasions? “2 × 2 = 4” is a true sentence of arithmetic – not “on certain occasions,” nor “always,” – but the spoken or written signs “2 × 2 = 4” could have a different or no meaning in Chinese, & from this one can see that the sentence only has sense in a language-game. And “I know that a sick person lies here,” used in an inappropriate situation, does not appear as nonsense, but rather as self-evident, because one can relatively easily imagine a situation appropriate for it, & because one thinks that the words “I know that…” can be said anywhere where there is no doubt (i.e., also where the expression of doubt would be incomprehensible).
§Ms-172
4[2]11 Man sieht eben nicht, wie sehr spezialisiert der Gebrauch von “Ich weiß” ist.
One simply does not see how specialized the use of “I know” is.
§Ms-172
4[3]12 – Denn “Ich weiß …” scheint einen Tatbestand zu beschreiben, der das Gewußte als Tatsache verbürgt. Man vergißt eben immer den Ausdruck “Ich glaubte, ich wüßte es”.
For “I know…” seems to describe a state of affairs that guarantees the known as a fact. One simply always forgets the expression “I believed I knew it.”
§Ms-172
4[4] &5[1]
13 Es ist nämlich nicht so, daß man aus dem Satz “Ich weiß, daß es so ist” den Satz “Es ist so” schließen könnte. Auch nicht aus der Äußerung & daraus, daß sie keine Lüge ist. – Aber kann ich nicht aus meiner Äußerung “Ich weiß etc.” schließen “Es ist so”? Doch, & aus dem Satz “Er weiß, daß dort eine Hand ist” folgt auch “Dort ist eine Hand”. Aber aus seiner Äußerung “Ich weiß …” folgt nicht, er wisse …
For it is not the case that one could infer the sentence “It is so” from the sentence “I know that it is so.” Nor from the utterance & from the fact that it is not a lie. – But can one not infer “It is so” from my utterance “I know etc.”? Yes, & from the sentence “He knows that there is a hand there” it also follows that “There is a hand there.” But from his utterance “I know…” it does not follow that he knows…
§Ms-172
5[2]14 Es muß erst erwiesen werden, daß er's weiß.
It must first be proven that he knows it.
§Ms-172
5[3]15 Daß kein Irrtum möglich war, muß erwiesen werden. Die Versicherung “Ich weiß es” genügt nicht. Denn sie ist doch nur die Versicherung, daß ich mich (da) nicht irren kann, & daß ich mich darin nicht irre, muß objektiv feststellbar sein.
It must be proven that no error was possible. The assertion “I know it” is not enough. Because it is only the assertion that I cannot be mistaken (in that), & that I am not mistaken in it, must be objectively ascertainable.
§Ms-172
5[4]16 “Wenn ich etwas weiß, so weiß ich auch, daß ich's weiß, etc.” kommt darauf hinaus, “Ich weiß das” heiße “Ich bin darin unfehlbar”. Ob ich aber das bin, muß sich objektiv feststellen lassen.
“If I know something, then I also know that I know it, etc.” amounts to saying “I know this” means “I am infallible in it.” But whether I am, must be objectively ascertainable.
§Ms-172
5[5]17 Angenommen nun, ich sage “Ich bin darin unfehlbar, daß das ein Buch ist” & ich zeige dabei auf einen Gegenstand. Wie sähe hier ein Irrtum aus? Und habe ich davon eine klare Vorstellung?
Suppose now that I say “I am infallible in that this is a book” & I point to an object. What would an error look like here? And do I have a clear imagination of it?
§Ms-172
5[6] &6[1]
18 “Ich weiß es” heißt oft: Ich habe die richtigen Gründe für meine Aussage. Wenn also der Andre das Sprachspiel kennt, so würde er zugeben, daß ich das weiß. Der Andre muß sich, wenn er das Sprachspiel kennt, vorstellen können, wie man so etwas wissen kann.
“I know it” often means: I have the right reasons for my statement. So if the other person knows the language-game, he would admit that I know that. The other person must be able to imagine how one can know something like that, if he knows the language-game.
§Ms-172
6[2]19 Die Aussage “Ich weiß, daß hier eine Hand ist” kann man also so fortsetzen, “es ist nämlich meine Hand, auf die ich schaue”. Dann wird ein vernünftiger Mensch nicht zweifeln, daß ich's weiß. – Auch der Idealist nicht; sondern er wird sagen, um den praktischen Zweifel, der beseitigt ist, habe es sich ihm nicht gehandelt, es gebe aber noch einen Zweifel hinter diesem. – Daß dies eine Täuschung ist muß auf andre Weise gezeigt werden.
The statement “I know that there is a hand here” can thus be continued, “namely, it is my hand that I am looking at.” Then a reasonable person will not doubt that I know it. – Nor will the idealist; rather, he will say that it was not about the practical doubt that has been eliminated, but that there is still a doubt behind this. – That this is a delusion must be shown in some other way.
§Ms-172
6[3] &7[1]
20 “Die Existenz der äußeren Welt bezweifeln” heißt ja nicht, z.B., die Existenz eines Himmelkörpers (zu) bezweifeln, welche später durch Beobachtung bewiesen wird. – Oder will Moore sagen, das Wissen, hier sei seine Hand, ist von andrer Art als das, es gebe den Planet Saturn? Sonst könnte man den Zweifelnden auf die Entdeckung des Planeten Saturn hinweisen & sagen, seine Existenz sei nachgewiesen worden, also auch die Existenz der äußeren Welt.
“Doubting the existence of the external world” does not mean, for example, doubting the existence of a celestial body, which is later proven by observation. – Or does Moore mean that the knowledge that there is his hand here is of a different kind than the knowledge that there is the planet Saturn? Otherwise, one could point the doubter to the discovery of the planet Saturn & say that its existence has been proven, and thus also the existence of the external world.
§Ms-172
7[2]21 Moore's Ansicht läuft eigentlich darauf hinaus, der Begriff ‘wissen’ sei den Begriffen ‘glauben’, ‘vermuten’, ‘zweifeln’, ‘überzeugt sein’ darin analog, daß die Aussage “Ich weiß …” kein Irrtum sein könne. Und ist es so, dann kann aus einer Äußerung auf die Wahrheit einer Behauptung geschlossen werden. Und hier wird die Form “Ich glaubte zu wissen” übersehen. – Soll aber diese nicht zugelassen werden, dann muß ein Irrtum auch in der Behauptung logisch unmöglich sein. Und dies muß einsehen, wer das Sprachspiel kennt; und der Glaube an die Versicherung eines Glaubwürdigen “Ich weiß es”, kann ihm dabei nicht helfen.
Moore's view actually amounts to saying that the concept ‘know’ is analogous to the concepts ‘believe’, ‘assume’, ‘doubt’, ‘be convinced’ in that the statement “I know…” cannot be an error. And if it is, then one can infer the truth of an assertion from an utterance. And here the form “I believed I knew” is overlooked. – But if this is not to be allowed, then an error must also be logically impossible in the assertion. And this is something that anyone who knows the language-game must understand; & believing the assurance of a credible person “I know it” cannot help him.
§Ms-172
7[3]22 Es wäre doch merkwürdig, wenn wir dem Glaubwürdigen glauben müßten, der sagt “Ich kann mich nicht irren”; oder dem, der sagt “Ich irre mich nicht”.
It would be strange if we had to believe the credible person who says “I cannot be wrong”; or the one who says “I am not wrong.”
§Ms-172
7[4] &8[1]
23 Wenn ich nicht weiß, ob Einer zwei Hände hat (z.B., ob sie ihm amputiert worden sind, oder nicht) werde ich ihm die Versicherung, er habe zwei Hände, glauben, wenn er glaubwürdig ist. Und sagt er, er wisse es, so kann mir das nur sagen, er habe seine Hände bereits gesehen, seine Arme seien also z.B. nicht noch von Decken & Verbänden verhüllt, etc. etc. Daß ich dem Glaubwürdigen hier glaube, kommt daher, daß ich ihm die Möglichkeit sich zu überzeugen zugestehe. Wer aber sagt, es gäbe (vielleicht) keine physikalischen Gegenstände, tut das nicht.
If I don’t know whether someone has two hands (e.g., whether they have been amputated or not), I will believe his assurance that he has two hands if he is credible. And if he says that he knows it, then he can only tell me that he has already seen his hands, that his arms are not covered with blankets & bandages, etc. The fact that I believe the credible person here is because I grant him the possibility of being convinced. But someone who says that there (perhaps) are no physical objects does not do that.
§Ms-172
8[2]24 Die Frage des Idealisten wäre etwa so: “Mit welchem Recht zweifle ich nicht an der Existenz meiner Hände?” (Und darauf kann die Antwort nicht sein: “Ich weiß, daß sie existieren”.) Wer aber so fragt, der übersieht, daß der Zweifel an einer Existenz nur in einem Sprachspiel wirkt. Daß man also erst fragen müsse: Wie sähe so ein Zweifel aus? & es nicht so ohne weiteres versteht.
The idealist's question would be something like this: “On what grounds do I not doubt the existence of my hands?” (And the answer cannot be: “I know that they exist.”) But whoever asks this overlooks the fact that the doubt about an existence only works in a language-game. So one must first ask: What would such a doubt look like? & one does not understand it so readily.
§Ms-172
8[3]25 Auch darin, “daß hier eine Hand ist,” kann man sich irren. Nur unter bestimmten Umständen nicht. “Auch in einer Rechnung kann man sich irren, – nur unter gewissen Umständen nicht.”
One can also be mistaken in this, “that here is a hand.” Only under certain circumstances is this not the case. “One can also be mistaken in a calculation, – only under certain circumstances not.”
§Ms-172
9[1]26 Aber kann man aus einer Regel ersehen, unter welchen Umständen ein Irrtum in der Verwendung der Rechenregeln logisch ausgeschlossen ist? Was nützt uns hier eine Regel? könnten wir uns bei ihrer Anwendung nicht (wieder) irren?
But can one discern from a rule under what circumstances an error in the use of the rules of calculation is logically impossible? What is the use of a rule here? Could one not (again) make a mistake in its application?
§Ms-172
9[2]27 Wollte man aber so etwas Regelartiges angeben, so würde darin der Ausdruck “unter normalen Umständen” vorkommen. Und die normalen Umstände erkennt man, aber man kann sie nicht genau beschreiben. Eher noch eine Reihe von abnormalen.
If one wanted to specify something of this regular kind, then the expression “under normal circumstances” would occur in it. And one recognizes the normal circumstances, but one cannot describe them precisely. Rather, a series of abnormal ones.
§Ms-172
9[3]28 Was ist ‘eine Regel lernen’? – Das. Was ist ‘einen Fehler in ihrer Anwendung machen’? – Das. Und auf was hier gewiesen wird, ist etwas Unbestimmtes.
What is ‘to learn a rule’? – That. What is ‘to make a mistake in its application’? – That. And what is being pointed out here is something indefinite.
§Ms-172
9[4]29 Das Üben im Gebrauch der Regel zeigt auch was ein Fehler in ihrer Verwendung ist.
The practice in the use of the rule also shows what an error in its use is.
§Ms-172
9[5] &10[1]
30 Wenn Einer sich von etwas überzeugt so sagt er dann, das ist gewiß. Aber er hat es nicht aus dem Zustand seiner Gewißheit gefolgert. Man schließt nicht auf den Tatbestand aus der eigenen Gewißheit: Die Gewißheit ist gleichsam ein Ton, in dem man den Tatbestand feststellt, aber man schließt nicht aus dem Ton darauf, daß er berechtigt ist.
If one is convinced of something, then one says that it is certain. But one does not infer it from one’s state of certainty. One does not infer the facts from one’s own certainty: certainty is as it were a tone in which one states the facts, but one does not infer from the tone that it is justified.
§Ms-172
10[2]31 Die Sätze, die man, wie gebannt, wieder & wieder wiedersieht ohne doch weiterzukommen möchte ich aus der philosophischen Sprache ausmerzen.
I would like to eliminate from philosophical language the sentences that one keeps repeating and repeating without making any progress.
§Ms-172
10[3]32 Es handelt sich nicht darum, daß Moore wisse, es sei dort eine Hand, sondern darum daß wir ihn nicht verstünden, wenn er sagte “Ich mag mich natürlich darin irren”. Wir würden fragen: “Wie sähe denn so ein Irrtum aus?” – z.B. die Entdeckung, daß es ein Irrtum war?
It’s not about whether Moore knows that there is a hand there, but rather that we wouldn’t understand him if he said, “Of course, I might be mistaken.” We would ask: “What would such a mistake look like?” – for example, the discovery that it was a mistake?
§Ms-172
10[4]33 Wir merzen also die Sätze aus, die uns nicht weiterbringen.
So we eliminate the sentences that don’t get us anywhere.
§Ms-172
11[1]34 Wem man das Rechnen beibringt, wird dem auch beigebracht, er könne sich auf eine Rechnung unter den & den Umständen verlassen? Aber einmal müssen doch diese Erklärungen ein Ende haben. Wird ihm auch beigebracht, er könne sich auf seine Sinne verlassen – weil man ihm allerdings in manchen Fällen sagt man könne sich in dem & dem besonderen Fall nicht auf sie verlassen? – Regel & Ausnahme.
When one teaches someone to calculate, is one also teaching them that they can rely on a calculation under certain circumstances? But at some point, these explanations must come to an end. Is one also teaching them that they can rely on their senses – because in some cases, one tells them that they cannot rely on them in that particular case? – Rule & exception.
§Ms-172
11[2]35 Aber kann man sich nicht vorstellen, es gäbe keine physikalischen Gegenstände? Ich weiß nicht. Und doch ist “Es gibt physikalische Gegenstände” Unsinn. Soll es ein Satz der Erfahrung sein? – Und ist das ein Erfahrungssatz: “Es scheint physikalische Gegenstände zu geben”?
But can one not imagine that there might be no physical objects? I don’t know. And yet, “There are physical objects” is nonsense. Is it supposed to be an experiential proposition? And is that an experiential proposition: “It seems as though there are physical objects”?
§Ms-172
11[3] &12[1]
36 Wir machen die Mitteilung “A ist ein physikalischer Gegenstand” nur, wenn Er die Bedeutung des Wortes “A”, oder des Ausdrucks “physikalischer Gegenstand” noch nicht kennt. Die Belehrung “A ist ein physikalischer Gegenstand” geben wir nur dem, der entweder noch nicht versteht was “A” bedeutet, oder was “physikalischer Gegenstand” bedeutet. Es ist also eine Belehrung über den Gebrauch von Worten & “physikalischer Gegenstand” ein logischer Begriff. (Wie Farbe, Maß …) Und darum läßt sich ein Satz “Es gibt physikalische Gegenstände” nicht bilden.
We make the communication “A is a physical object” only if he does not yet know the meaning of the word “A”, or the meaning of the expression “physical object”. We only give the instruction “A is a physical object” to someone who either does not yet understand what “A” means, or what “physical object” means. Thus, it is an instruction about the use of words, and “physical object” is a logical concept. (Like color, measure…) And that is why a sentence “There are physical objects” cannot be formed.
§Ms-172
12[3] &13[1]
37 Ist es aber eine genügende Antwort auf die Reden der Idealisten, oder der Realisten: “Es gibt physikalische Gegenstände” ist Unsinn? Für sie ist es doch nicht Unsinn. Es wäre zu sagen: diese Behauptung, oder ihr Gegenteil, sei ein fehlgegangener Versuch, (das) auszudrücken, was so nicht auszudrücken ist. Und daß er fehlgeht läßt sich zeigen; damit ist aber ihre Sache noch nicht erledigt. Man muß eben zur Einsicht kommen, daß das was sich uns als erster Ausdruck einer Schwierigkeit oder ihrer Beantwortung anbietet noch ein ganz falscher Ausdruck sein mag. So wie der welcher ein Bild mit Recht tadelt tadeln wird wo nicht zu tadeln ist & eine Untersuchung nötig ist den richtigen Ausdruck des Tadels zu finden. Solchen verunglückten Versuchen begegnen wir aber auf Schritt & Tritt.
But is it a sufficient answer to the arguments of the idealists or the realists: “There are physical objects” is nonsense? For them, it is not nonsense. One would have to say: this assertion, or its opposite, is a failed attempt to express what cannot be expressed in that way. And that it fails can be shown; but that does not yet settle their case. One must simply come to realize that what presents itself to us as the first expression of a difficulty or its solution may still be a completely false expression. Just as someone who rightly criticizes a picture will criticize it where there is nothing to criticize, & an investigation is needed to find the correct expression of the criticism. We encounter such failed attempts at every turn.
§Ms-172
13[2]38 Das Wissen in der Mathematik. Man muß sich hier immer wieder an die Unwichtigkeit des ‘inneren Vorgang's’, oder Zustands, erinnern, & fragen “Warum soll er wichtig sein? Was geht er mich an?”. Interessant ist es, wie wir die mathem. Sätze gebrauchen.
Mathematical knowledge. One must always remind oneself of the unimportance of the ‘inner process’, or state, & ask, “Why should it be important? What concern is it of mine?”. What is interesting is how we use the mathematical sentences.
§Ms-172
13[3]39 So rechnet man, unter solchen Umständen behandelt man eine Rechnung als unbedingt zuverlässig, als gewiß richtig.
That’s how one does the calculation, under such circumstances one treats a calculation as absolutely reliable, as certainly correct.
§Ms-172
13[4] &14[1]
40 Auf “Ich weiß, daß dort meine Hand ist” kann die Frage folgen “Wie weißt Du es?” & die Antwort darauf setzt voraus, daß dies so gewußt werden kann. Statt “Ich weiß, daß dort meine Hand ist” könnte man also sagen “Dort ist meine Hand” & hinzufügen, wie man es weiß.
To the “I know that my hand is there,” the question could follow: “How do you know it?” And the answer to that presupposes that this can be known. Instead of “I know that my hand is there,” one could therefore say, “My hand is there,” and add how one knows it.
§Ms-172
14[2]41 Es ist (daher) falsch zu sagen “Ich weiß, wo ich den Schmerz empfinde”, “Ich weiß, daß ich ihn da empfinde” ist so falsch wie: “Ich weiß, daß ich Schmerzen habe”. Richtig aber: “Ich weiß, wo Du meinen Arm berührt hast”.
It is (therefore) wrong to say “I know where I feel the pain,” “I know that I feel it there” is as wrong as: “I know that I have pain.” Correct, however: “I know where you touched my arm.”
§Ms-172
14[3] &15[1]
42 Man kann sagen “Er glaubt es, aber es ist nicht so”, nicht aber “Er weiß es, aber es ist nicht so”. Kommt dies von der Verschiedenheit der Seelenzustände des Glaubens & des Wissens? Nein. – “Seelenzustand” kann man etwa nennen, was sich im Ton der Rede in der Gebärde etc. ausdrückt. Es wäre also möglich von einem seelischen Zustand der Überzeugtheit zu reden; & der kann der gleiche sein, ob gewußt, oder fälschlich geglaubt wird. Zu meinen, den Worten “glauben” & “wissen” müßten verschiedene Zustände entsprechen, wäre so, als glaubte man, dem Worte “ich” & dem Namen “Ludwig” müßten verschiedene Menschen entsprechen, weil die Begriffe verschieden sind.
One can say, “He believes it, but it is not so,” but not “He knows it, but it is not so.” Does this come from the difference in the states of mind of belief and knowledge? No. – One could, for example, call a “state of mind” what is expressed in the tone of speech, in gestures, etc. It would therefore be possible to speak of a psychological state of conviction; and it can be the same, whether one knows it or believes it falsely. To claim that the words “believe” and “know” must correspond to different states would be like believing that the word “I” and the name “Ludwig” must correspond to different people, because the concepts are different.
§Ms-172
15[2]43 Was für ein Satz ist dies: “Wir können uns in 12 × 12 = 144 nicht verrechnet haben”? Es muß doch ein Satz der Logik sein. – Aber ist er nun nicht derselbe, oder kommt auf das gleiche hinaus, wie die Feststellung 12 × 12 = 144?
What kind of sentence is this: “We could not have made a mistake in 12 × 12 = 144”? It must be a sentence of logic. – But is it not the same, or does it amount to the same thing, as the statement 12 × 12 = 144?
§Ms-172
15[3]44 Forderst Du eine Regel, aus der hervorgeht, daß man sich hier nicht könne verrechnet haben, so ist die Antwort, daß wir dies nicht durch eine Regel gelernt haben, sondern dadurch, daß wir rechnen lernten.
If you demand a rule from which it follows that one could not have made a mistake here, the answer is that we did not learn this through a rule, but through learning to calculate.
§Ms-172
15[4]45 Das Wesen des Rechnens haben wir beim Rechnenlernen kennen gelernt.
We learned the essence of calculation when we learned to calculate.
§Ms-172
15[5]46 Aber läßt sich denn nicht beschreiben, wie wir uns von der Verläßlichkeit einer Rechnung überzeugen? O doch! aber eine Regel kommt dabei eben nicht heraus. – Das Wichtigste aber (ist): Es braucht die Regel nicht. Es geht uns nicht ab. Wir rechnen nach einer Regel, das ist genug.
But can one not describe how we convince ourselves of the reliability of a calculation? Yes! But a rule does not emerge from it. – But the most important thing (is): it does not need a rule. We do not lack it. We calculate according to a rule, that is enough.
§Ms-172
15[6] &16[1]
47 So rechnet man. Und Rechnen ist dies. Das, was wir z.B. in der Schule lernen. Vergiß (auf) diese transzendente Sicherheit, die mit dem Begriff des Geistes zusammenhängt.
That’s how one calculates. And calculation is this. What we, for example, learn at school. Forget about this transcendent certainty that is connected with the concept of the mind.
§Ms-172
16[2]48 Man könnte aber doch aus einer Menge von Rechnungen gewisse als ein für allemal zuverlässig, andre als noch nicht feststehend bezeichnen. Und ist das nun eine logische Unterscheidung?
But one could still distinguish certain calculations from a series of calculations as being reliable once and for all, and others as not yet established. And is this now a logical distinction?
§Ms-172
16[3]49 Aber bedenk: auch wenn mir die Rechnung feststeht, ist es nur eine praktische Entscheidung.
But consider: even if the calculation is certain for me, it is only a practical decision.
§Ms-172
16[4]50 Wann sagt man, Ich weiß daß … x … = …? Wenn man die Rechnung geprüft hat.
When does one say, “I know that… x … = …?” When one has checked the calculation.
§Ms-172
16[5]51 Was ist das für ein Satz: “Wie sähe denn hier ein Fehler aus!”? Es müßte ein logischer Satz sein. Aber es ist eine Logik die nicht gebraucht wird, weil, was sie lehrt, nicht durch Sätze gelehrt wird. – Es ist ein logischer Satz, denn er beschreibt ja die begriffliche (sprachliche) Situation.
What is this for a sentence: “What would an error look like here!”? It must be a logical sentence. But it is a logic that is not needed, because what it teaches is not taught through sentences. – It is a logical sentence, because it describes the conceptual (linguistic) situation.
§Ms-172
16[7] &17[1]
52 Diese Situation ist also nicht dieselbe für einen Satz wie “In dieser Entfernung von der Sonne existiert ein Planet” & “Hier ist eine Hand” (nämlich die meine). Man kann den zweiten keine Hypothese nennen. Aber es gibt keine scharfe Grenze zwischen ihnen.
This situation is therefore not the same for a sentence like “At this distance from the sun, a planet exists” and “There is a hand here” (namely, mine). One cannot call the second a hypothesis. But there is no sharp boundary between them.
§Ms-172
17[2]53 Man könnte also Moore recht geben, wenn man ihn so deutet, daß ein Satz, der sagt, da sei ein physikalischer Gegenstand, eine ähnliche logische Stellung haben kann wie einer, der sagt, da sei ein roter Fleck.
One could therefore agree with Moore if one interprets him in such a way that a sentence that says that there is a physical object can have a similar logical status to one that says that there is a red spot.
§Ms-172
17[3]54 Es ist nämlich unrichtig, daß der Irrtum vom Planeten zu meiner eigenen Hand nur immer unwahrscheinlicher werde. Sondern er ist an einer Stelle auch nicht mehr denkbar. Das sieht man schon daran, daß sonst auch denkbar wäre, daß wir uns in jeder Aussage über physikalische Gegenstände irrten, daß alle die wir je machen falsch sind.
It is indeed incorrect that the error about the planet and about my own hand only becomes increasingly unlikely. Rather, at some point, it is no longer conceivable. This can be seen from the fact that otherwise it would also be conceivable that we are mistaken in every statement about physical objects, that all the ones we ever make are false.
§Ms-172
17[4]55 Ist also die Hypothese möglich, daß es alle die Dinge in unsrer Umgebung nicht gibt? Wäre sie nicht wie die, daß wir uns in allen Rechnungen verrechnet haben?
Is the hypothesis therefore possible that all the things in our environment do not exist? Wouldn’t it be like the one that we made a mistake in all calculations?
§Ms-172
17[5] &18[1]
56 Wenn man sagt “Vielleicht gibt es diesen Planeten nicht & die Lichterscheinung kommt anders zustande”, so hat man doch ein Beispiel eines Gegenstandes den es gibt. Es gibt ihn nicht, – wie z.B. … Oder soll man sagen, daß die Sicherheit nur ein konstruierter Punkt ist, dem sich manches mehr, manches weniger nähert?? Nein. Der Zweifel verliert nach & nach seinen Sinn. So ist eben dieses Sprachspiel. Und zur Logik gehört alles was ein Sprachspiel beschreibt.
If one says “Perhaps this planet does not exist & the phenomenon of light originates differently,” then one has an example of an object that exists. It does not exist – as in, for example… Or should one say that certainty is merely a constructed point, to which some things approximate more, and some less? No. Doubt gradually loses its sense. That is simply how this language-game is. & everything that a language-game describes belongs to logic.
§Ms-172
18[2]57 Könnte nun “Ich weiß, ich vermute nicht nur, daß hier meine Hand ist”, könnte das nicht als grammatischer Satz aufgefaßt werden? Also nicht temporal. – Aber ist er dann nicht wie der: “Ich weiß, ich vermute nicht nur, daß ich Rot sehe”? Und ist die Konsequenz “Also gibt es physikalische Gegenstände” nicht wie die “Also gibt es Farben”?
Could “I know, I don’t just suppose that my hand is here” not be understood as a grammatical sentence? That is, not temporally. – But isn’t it then like the: “I know, I don’t just suppose that I see red”? And isn’t the consequence “So there are physical objects” like “So there are colors”?
§Ms-172
18[3]58 Wird “Ich weiß etc.” als grammatischer Satz aufgefaßt so kann natürlich das “Ich” nicht wichtig sein. Und es heißt eigentlich “Es gibt in diesem Falle keinen Zweifel” oder “Das Wort ‘Ich weiß nicht’ hat in diesem Falle keinen Sinn”. Und daraus folgt freilich auch, daß “Ich weiß” keinen hat.
If “I know, etc.” is understood as a grammatical sentence, then of course the “I” cannot be important. And it actually means “In this case, there is no doubt” or “The words ‘I do not know’ have no sense in this case.” And it follows from this that “I know” has no sense either.
§Ms-172
18[4]59 “Ich weiß” ist hier eine logische Einsicht. Nur läßt sich der Realismus nicht durch sie beweisen.
“I know” is here a logical insight. However, realism cannot be proven by it.
§Ms-172
19[1]60 Es ist falsch zu sagen, daß die ‘Hypothese’, dies sei ein Stück Papier, durch spätere Erfahrung bestätigt oder entkräftet würde, & daß in “Ich weiß, daß das ein Stück Papier ist”, das “Ich weiß” sich entweder auf eine solche Hypothese bezieht, oder auf eine logische Bestimmung.
It is incorrect to say that the ‘hypothesis’ that this is a piece of paper is confirmed or refuted by later experience, & that in “I know that this is a piece of paper,” the “I know” refers either to such a hypothesis or to a logical determination.
§Ms-172
19[2]61 – – – Eine Bedeutung eines Wortes ist eine Art seiner Verwendung.
The meaning of a word is a kind of its use.
§Ms-172
19[3]Denn sie ist das, was wir erlernen, wenn das Wort zuerst in unsrer Sprache einverleibt wird.
For it is what we learn when the word is first incorporated into our language.
§Ms-172
19[4]62 Darum besteht eine Entsprechung zwischen den Begriffen ‘Bedeutung’ & ‘Regel’.
Therefore, there is a correspondence between the concepts ‘meaning’ and ‘rule’.
§Ms-172
19[5]63 Stellen wir uns die Tatsachen anders vor als sie sind, so verlieren gewisse Sprachspiele an Wichtigkeit, andere erhalten eine neue Wichtigkeit. Und so ändert sich & zwar allmählich der Gebrauch des Vokabulars der Sprache.
If we imagine the facts differently from how they are, then certain language-games lose importance, and others gain new importance. And in this way, the use of the vocabulary of the language also changes, gradually.
§Ms-172
19[6]64 Die Bedeutung eines Worts vergleiche mit der ‘Funktion’ eines Beamten. Und ‘verschiedene Bedeutungen’ mit ‘verschiedenen Funktionen’.
Compare the meaning of a word with the ‘function’ of an official, and ‘different meanings’ with ‘different functions’.
§Ms-172
20[2]65 Wenn sich die Sprachspiele ändern, ändern sich die Begriffe, & mit den Begriffen die Bedeutungen der Wörter.
If the language-games change, the concepts change, and with the concepts, the meanings of the words change.
§Ms-174
14v[3] &15r[1]
66 Ich mache Behauptungen die Wirklichkeit betreffend mit verschiedenen Graden der Sicherheit. Wie zeigt sich der Grad der Sicherheit? Welche Konsequenzen hat er? Es kann sich z.B. um Sicherheit des Gedächtnisses, oder der Wahrnehmung handeln. Ich mag meiner Sache sicher sein, aber wissen, welche Prüfung mich eines Irrtums überweisen könnte. Ich bin z.B. der Jahreszahl einer Schlacht ganz sicher, sollte ich aber in einem bekannten Geschichtswerk eine andere Jahreszahl finden, so würde ich meine Ansicht ändern & würde dadurch nicht an allem Urteilen irre werden.
I make assertions about reality with varying degrees of certainty. How does the degree of certainty manifest itself? What consequences does it have? It can, for example, be about certainty of memory or perception. I may be sure of my case, but I know what test could prove me wrong. For example, I am quite sure of the date of a battle, but if I were to find a different date in a well-known historical work, I would change my view & would not thereby judge everything I said to be wrong.
§Ms-174
15r[2] &15v[1]
67 Könnten wir uns einen Menschen vorstellen, der sich dort immer wieder irrt, wo wir einen Irrtum für ausgeschlossen halten & ihm auch nicht begegnen? Er sagt z.B. mit der selben Sicherheit (& allen ihren Zeichen) wie ich, er wohne dort & dort, sei so & so alt, komme von der & der Stadt, etc., irrt sich aber. Wie aber verhält er sich dann zu diesem Irrtum? Was soll ich annehmen?
Could we imagine a person who is always mistaken where we consider an error to be impossible & who does not even encounter it? He says, for example, with the same certainty (& all its signs) as I do, that he lives there & there, is so & so old, comes from the & the city, etc., but he is wrong. But how does he then relate to this error? What should I assume?
§Ms-174
15v[2]68 Die Frage ist: Was soll der Logiker hier sagen?
The question is: What should the logician say here?
§Ms-174
15v[3]69 Ich möchte sagen: “Wenn ich mich darin irre, so habe ich keine Gewähr, daß irgend etwas, was ich sage, wahr ist.” Aber ein Andrer wird das darum nicht von mir sagen, noch ich von einem Andern.
I would like to say: “If I am mistaken in this, then I have no guarantee that anything I say is true.” But another person will not say that about me, nor will I say it about another.
§Ms-174
15v[4]70 Ich habe seit Monaten an der Adresse A gewohnt, den Straßennamen & die Hausnummer unzählige Male gelesen unzählige Briefe hier erhalten & unzähligen Leuten die Adresse gegeben. Irre ich mich darin, so ist dieser Irrtum kaum geringer, als wenn ich (fälschlich) glaubte, ich schriebe Chinesisch & nicht Deutsch.
I have lived at address A for months, read the street name & house number countless times, received countless letters here, & given the address to countless people. If I am mistaken in this, then this error is hardly less than if I (falsely) believed that I was writing Chinese & not German.
§Ms-174
15v[5] &16r[1]
71 Wenn mein Freund sich eines Tages einbildete, seit langem da & da gelebt zu haben, etc. etc., so würde ich das keinen Irrtum nennen, sondern eine, vielleicht vorübergehende, Geistesstörung.
If my friend one day imagined that he had lived there & there for a long time, etc., etc., I would not call that an error, but a, perhaps temporary, mental disturbance.
§Ms-174
16r[2]72 Nicht jeder fälschliche Glaube dieser Art ist ein Irrtum.
Not every false belief of this kind is an error.
§Ms-174
16r[3]73 Was aber ist der Unterschied zwischen Irrtum & Geistesstörung? Oder wie unterscheidet es sich, wenn ich etwas als Irrtum, & als Geistesstörung behandle?
But what is the difference between error & mental disturbance? Or how does it differ when I treat something as an error, & as a mental disturbance?
§Ms-174
16r[4]74 Kann man sagen: Ein Irrtum hat nicht nur eine Ursache, sondern auch einen Grund. D.h. ungefähr: er läßt sich in das richtige Wissen des Irrenden einordnen.
Can one say: An error does not only have one cause, but also a reason? That is to say, approximately: it can be integrated into the correct knowledge of the person in error.
§Ms-174
16r[5] &16v[1]
75 Wäre dies richtig? Wenn ich bloß fälschlich glaubte, daß hier vor mir ein Tisch steht, so könnte das noch ein Irrtum sein; wenn ich aber fälschlich glaube, daß ich diesen oder einen solchen Tisch seit mehreren Monaten täglich gesehen & ständig benützt habe, so ist das kein Irrtum.
Would this be correct? If I merely falsely believe that there is a table in front of me, that could still be an error; but if I falsely believe that I have seen this or such a table every day for several months and constantly used it, then that is not an error.
§Ms-174
16v[2]76 Mein Ziel muß es natürlich sein, anzugeben, welche Aussagen man hier machen möchte, aber nicht sinnvoll machen kann.
My goal must, of course, be to indicate which statements one would like to make here, but which one cannot make sense of.
§Ms-174
16v[3]77 Ich werde eine Multiplikation zur Sicherheit vielleicht zweimal rechnen, vielleicht sie von einem Andern nachrechnen lassen. Aber werde ich sie zwanzigmal nachrechnen, oder sie von zwanzig Leuten nachrechnen lassen? Und ist das eine gewisse Fahrlässigkeit? Wäre die Sicherheit bei zwanzigfacher Nachprüfung wirklich größer?!
I might calculate a multiplication twice, just to be sure, or have someone else check it. But would I check it twenty times, or have twenty people check it? And is that a certain kind of carelessness? Would the certainty really be greater with twentyfold verification?!
§Ms-174
16v[3].278 Und kann ich dafür einen Grund angeben, daß sie's nicht ist?
And can I give a reason for why it isn’t?
§Ms-174
17r[1]79 Daß ich ein Mann & keine Frau bin, kann verifiziert werden, aber wenn ich sagte, ich sei eine Frau, & den Irrtum damit erklären wollte, daß ich die Aussage nicht geprüft habe, würde man die Erklärung nicht gelten lassen.
The fact that I am a man and not a woman can be verified, but if I said that I was a woman, and wanted to explain the error with the fact that I did not check the statement, then the explanation would not be accepted.
§Ms-174
17r[2]80 Man prüft an der Wahrheit meiner Aussagen mein Verstehen dieser Aussagen.
One checks my understanding of these statements by the truth of my statements.
§Ms-174
17r[3]81 D.h.: wenn ich gewisse falsche Aussagen mache, wird es dadurch unsicher, daß ich sie verstehe.
That is to say: if I make certain false statements, it becomes uncertain that I understand them.
§Ms-174
17r[4]82 Was als ausreichende Prüfung einer Aussage gilt, – gehört zur Logik. Es gehört zur Beschreibung des Sprachspiels.
What counts as sufficient verification of a statement belongs to logic. It belongs to the description of the language-game.
§Ms-174
17v[1]83 Die Wahrheit gewisser Erfahrungssätze gehört zu unserm Bezugssystem.
The truth of certain statements about experience belongs to our frame of reference.
§Ms-174
17v[2] &18r[1]
84 Moore sagt, er wisse, daß die Erde lange vor seiner Geburt existiert habe. Und so ausgedrückt scheint es eine Aussage über seine Person zu sein, wenn es auch außerdem eine Aussage über die physikalische Welt ist. Es ist nun philosophisch uninteressant, ob M. dies oder jenes weiß, aber interessant, daß er es wissen kann, & wie er es wissen kann. Hätte M. uns mitgeteilt, er wisse die Entfernung gewisser Sterne von einander, so könnten wir daraus schließen, daß er besondere Untersuchungen angestellt habe, & wir werden nun erfahren wollen, welche Untersuchungen. Aber M. wählt gerade einen Fall, in dem wir Alle zu wissen scheinen, was er weiß, & ohne sagen zu können, wie. Ich glaube z.B. ebensoviel von dieser Sache (der Existenz der Erde) zu wissen, wie M., & wenn er weiß daß es sich so verhält, wie er sagt, so weiß ich's auch. Denn es ist auch nicht so als hätte er seinen Satz auf einem Gedankenweg erreicht, der mir zwar zugänglich, aber von mir nicht begangen worden ist.
Moore says that he knows that the Earth existed long before his birth. And expressed in this way, it seems to be a statement about his person, even if it is also a statement about the physical world. It is now philosophically uninteresting whether M. knows this or that, but it is interesting that he can know it, and how he can know it. If M. had told us that he knew the distance between certain stars, we could conclude that he had conducted special investigations, and we would now like to know what investigations. But M. chooses precisely a case in which we all seem to know what he knows, and without being able to say how. I, for example, believe that I know just as much about this matter (the existence of the Earth) as M., and if he knows that it is as he says, then I know it too. Because it is not as if he had reached his statement through a line of thought that is accessible to me, but which I have not followed.
§Ms-174
18r[2] &18v[1]
85 Und was gehört nun dazu, daß Einer dies wisse? Kenntnis der Geschichte etwa? Er muß wissen, was es heißt: die Erde habe schon so & so lange existiert. Denn das muß nicht jeder Erwachsene & Gescheite wissen. Wir sehen Menschen Häuser bauen & zerstören, & werden zu der Frage geleitet “Wie lange steht dieses Haus schon?” Aber wie kommt man darauf dies von einem Berg, z.B., zu fragen? Und haben denn alle Menschen den Begriff ‘die Erde’, als einen Körper, der entstehen & vergehen kann? Warum soll ich mir nicht die Erde als flach, aber in jeder Richtung (auch der Tiefe) unendlich denken? Aber dann könnte man immerhin sagen “Ich weiß, daß dieser Berg lange vor meiner Geburt existiert hat.” – Wie aber, wenn ich einen Menschen träfe, der dies nicht glaubt?
And what does it take for one to know this? Knowledge of history, perhaps? He must know what it means: the Earth has existed for so and so long. Because not every adult and intelligent person knows that. We see people building and destroying houses, and we are led to the question “How long has this house been standing?” But how does one come to ask this of a mountain, for example? And do all people have the concept of ‘the Earth’ as a body that can come into being and pass away? Why should I not think of the Earth as flat, but infinite in every direction (including depth)? But then one could at least say “I know that this mountain existed long before my birth.” – But what if I met a person who did not believe this?
§Ms-174
18v[2]86 Wie wenn man in Moore's Sätzen “Ich weiß” durch “Ich bin der unerschütterlichen Überzeugung” ersetzte?
As if one replaced “I know” in Moore's sentences with “I am of unshakable conviction.”
§Ms-174
18v[3] &19r[1]
87 Kann ein Behauptungssatz, der als Hypothese funktionieren könnte, nicht auch als ein Grundsatz des Forschens & Handelns gebraucht werden? D.h., kann er nicht einfach dem Zweifel entzogen sein, wenn auch nicht einer ausgesprochenen Regel gemäß? Er wird einfach als eine Selbstverständlichkeit hingenommen, nie in Frage gezogen, ja vielleicht nie ausgesprochen.
Can a statement that could function as a hypothesis also be used as a principle of research and action? That is to say, can it simply be exempt from doubt, even if not according to an explicit rule? It is simply accepted as a matter of course, never questioned, perhaps never even expressed.
§Ms-174
19r[2]88 Es kann z.B. sein, daß unser ganzes Forschen so eingestellt ist, daß dadurch gewisse Sätze, wenn sie je ausgesprochen werden, abseits allen Zweifels stehen. Sie liegen abseits von der Straße auf der sich das Forschen bewegt.
For example, it may be that all our research is structured in such a way that certain statements, when they are ever expressed, are beyond all doubt. They lie outside the road on which research moves.
§Ms-174
19r[3] &19v[1]
89 Man möchte sagen: “Alles spricht dafür & nichts dagegen, daß die Erde lange vor meiner Geburt ‥‥”
Aber könnte ich nicht doch das Gegenteil glauben? Aber die Frage ist: wie würde sich dieser Glaube praktisch betätigen? – Vielleicht sagt Einer: “Darauf kommt's nicht an. Ein Glaube ist, was er ist, ob er sich praktisch betätigt, oder nicht.” Man denkt sich: Er ist allemal die gleiche Einstellung des menschlichen Geistes.
One might say: “Everything speaks in favor of & nothing against the fact that the Earth existed long before my birth ‥‥”
But couldn’t I still believe the opposite? But the question is: how would this belief manifest itself in practice? – Perhaps someone says: “That doesn't matter. A belief is what it is, whether it manifests itself in practice or not.” One might think: It is always the same disposition of the human mind.
§Ms-174
19v[2] &20r[1]
90 “Ich weiß” hat eine primitive Bedeutung ähnlich & verwandt der von “Ich sehe”. (“wissen”, “videre”.) Und “ich wußte, daß er im Zimmer war, aber er war nicht im Zimmer” ist ähnlich wie “Ich sah ihn im Zimmer, aber er war nicht da”. “Ich weiß” soll eine Beziehung ausdrücken, nicht zwischen mir & einem Satzsinn (wie “Ich glaube”), sondern zwischen mir & einer Tatsache. So daß die Tatsache in mein Bewußtsein aufgenommen wird. (Hier ist auch der Grund, warum man sagen will, man wisse eigentlich nicht, was in der Außenwelt, sondern nur was im Reich der sogenannten Sinnesdaten geschieht.) Ein Bild des Wissens wäre dann das Wahrnehmen eines äußern Vorgangs durch Sehstrahlen, die ihn, wie er ist, in's Auge & Bewußtsein projizieren. Nur ist sofort die Frage, ob man denn dieser Projektion auch sicher sein könne. Und dieses Bild zeigt zwar die Vorstellung, die wir uns vom Wissen machen, aber nicht eigentlich, was ihr zu Grunde liegt.
“I know” has a primitive meaning similar & related to that of “I see” (“to know,” “to see”). And “I knew that he was in the room, but he wasn’t in the room” is similar to “I saw him in the room, but he wasn’t there.” “I know” is meant to express a relationship, not between me & the sense of a sentence (as in “I believe”), but between me & a fact. So that the fact is taken into my consciousness. (Here is also the reason why one wants to say that one doesn’t actually know what is in the external world, but only what happens in the realm of so-called sense data.) An image of knowledge would then be the perception of an external event through rays of sight, which project it, as it is, into the eye & consciousness. But the question immediately arises as to whether one can actually be sure of this projection. And this image shows the image that we have of knowledge, but not actually what underlies it.
§Ms-174
20r[2]91 Wenn M. sagt, er wisse, daß die Erde existiert habe etc., so werden ihm die meisten von uns darin recht geben, daß sie solange existiert hat, & ihm auch glauben, daß er davon überzeugt ist. Aber hat er auch den richtigen Grund zu seiner Überzeugung? Denn, wenn nicht, so weiß er es doch nicht (Russell).
If M. says that he knows that the Earth has existed, etc., most of us would agree that it has existed for that long, & we would also believe that he is convinced of it. But does he also have the right reason for his conviction? Because, if not, he doesn’t know it (Russell).
§Ms-174
20r[3] &20v[1]
92 Man kann aber fragen: “Kann Einer einen triftigen Grund haben, zu glauben, die Erde existiere erst seit kurzem, etwa erst seit seiner Geburt?” – Angenommen, es wäre ihm immer so gesagt worden, – hätte er einen guten Grund es zu bezweifeln? Menschen haben geglaubt, sie könnten Regen machen; warum sollte ein König nicht in dem Glauben aufwachsen, mit ihm habe die Welt begonnen? Und wenn nun M. & dieser König zusammen kämen & diskutierten, könnte M. wirklich seinen Glauben als den richtigen erweisen? Ich sage nicht, daß M. den König nicht zu seiner Anschauung bekehren könnte, aber es wäre eine Bekehrung besonderer Art: der König würde dazu gebracht, die Welt anders zu betrachten. Bedenke, daß man von der Richtigkeit einer Anschauung manchmal durch ihre Einfachheit, oder Symmetrie überzeugt wird, d.h.: dazu gebracht wird, zu dieser Anschauung überzugehen. Man sagt dann etwa einfach: “So muß es sein”.
But one can ask: “Can someone have a good reason to believe that the Earth has only existed for a short time, for example, since his birth?” – Suppose he had always been told that – would he have a good reason to doubt it? People have believed that they could make rain; why shouldn’t a king grow up believing that the world began with him? And if M. & this king were to come together & discuss, could M. really prove that his belief is the right one? I am not saying that M. could not convert the king to his view, but it would be a conversion of a special kind: the king would be brought to look at the world differently. Note that one is sometimes convinced of the correctness of a view by its simplicity or symmetry, i.e.: brought to adopt this view. One simply says something like: “It must be so.”
§Ms-174
21r[1]93 Die Sätze, die darstellen, was M. ‘weiß’, sind alle solcher Art, daß man sich schwer vorstellen kann, warum Einer das Gegenteil glauben sollte.
Z.B. der Satz, daß M. sein ganzes Leben in geringer Entfernung von der Erde verbracht hat. – Wieder kann ich hier von mir selber statt von Moore reden. Was könnte mich dazu bringen, das Gegenteil davon zu glauben? Entweder eine Erinnerung, oder daß es mir gesagt wurde. – Alles was ich gesehen oder gehört habe macht mich der Überzeugung, daß kein Mensch sich je weit von der Erde entfernt hat. Nichts spricht in meinem Weltbild für das Gegenteil.
The sentences that represent what M. ‘knows’ are all of such a kind that it is difficult to imagine why someone should believe the opposite.
For example, the sentence that M. has spent his entire life at a short distance from the Earth. – Again, I can talk about myself instead of Moore here. What could make me believe the opposite of this? Either a memory, or that it was told to me. – Everything I have seen or heard makes me believe that no human being has ever been far from the Earth. Nothing in my worldview speaks against the contrary.
§Ms-174
21r[2] &21v[1]
94 Aber mein Weltbild habe ich nicht, weil ich mich von seiner Richtigkeit überzeugt habe; auch nicht weil ich von seiner Richtigkeit überzeugt bin. Sondern es ist der überkommene Hintergrund, auf dem ich zwischen wahr & falsch unterscheide.
But I do not have my worldview because I have become convinced of its correctness; nor because I am convinced of its correctness. Rather, it is the inherited background against which I distinguish between true & false.
§Ms-174
21v[2]95 Die Sätze, die dies Weltbild beschreiben, könnten zu einer Art Mythologie gehören. Und ihre Rolle ist ähnlich der von Spielregeln, & das Spiel kann man auch rein praktisch, ohne ausgesprochene Regeln lernen.
The sentences that describe this worldview could belong to a kind of mythology. And their role is similar to that of rules of a game, & one can also learn the game in a purely practical way, without explicit rules.
§Ms-174
21v[3]96 Man könnte sich vorstellen, daß gewisse Sätze von der Form der Erfahrungssätze gefroren wären & als Leitung für die nicht gefrorenen, flüssigen Erfahrungssätze funktionierten; & daß sich dies Verhältnis mit der Zeit änderte, indem flüssige Sätze erstarrten & feste flüssig würden.
One could imagine that certain sentences from the form of experience sentences are frozen & function as a guide for the non-frozen, fluid experience sentences; & that this relationship changes over time, as fluid sentences become rigid & rigid ones become fluid.
§Ms-174
21v[4] &22r[1]
97 Die Mythologie kann wieder in Fluß geraten, das Flußbett der Gedanken sich verschieben. Aber ich unterscheide zwischen der Bewegung des Wassers im Flußbett & der Verschiebung dieses; obwohl es eine scharfe Trennung der beiden nicht gibt.
The mythology can flow again, the riverbed of thoughts can shift. But I distinguish between the movement of the water in the riverbed & the shifting of this; although there is no sharp separation between the two.
§Ms-174
22r[2]98 Wenn aber Einer sagte “Also ist auch die Logik eine Erfahrungswissenschaft”, so hätte er unrecht. Aber dies ist richtig, daß der gleiche Satz einmal als von der Erfahrung zu prüfen, einmal als Regel der Prüfung behandelt werden kann.
If someone were to say, “Therefore, logic is also an empirical science,” he would be wrong. But it is correct that the same sentence can be treated at one time as something to be tested by experience, and at another time as a rule for the test.
§Ms-174
22r[3]99 Ja das Ufer jenes Flusses besteht zum Teil aus hartem Gestein, das keiner, oder einer unmerkbaren Änderung unterliegt, & teils aus Sand, der bald hier bald dort weg- & angeschwemmt wird.
Yes, the bank of that river consists partly of hard rock, which is subject to no, or only imperceptible, change, and partly of sand, which is washed away and deposited here and there.
§Ms-174
22v[1]100 Die Sätze, von denen M. sagt, er wisse sie, sind solche, die, beiläufig gesprochen, wir Alle wissen, wenn er sie weiß.
The sentences that M. says he knows are those that, to put it casually, we all know if he knows them.
§Ms-174
22v[2]101 So ein Satz könnte z.B. sein: “Mein Körper ist nie verschwunden & nach einiger Zeit wieder aufgetaucht”.
Such a sentence could be, for example: “My body has never disappeared and reappeared after some time.”
§Ms-174
22v[3]102 Könnte ich nicht glauben, daß ich einmal, ohne es zu wissen, etwa im bewußtlosen Zustand, weit von der Erde entfernt war, ja, daß Andre dies wissen, es mir aber nicht sagen? Aber dies würde gar nicht zu meinen übrigen Überzeugungen passen. Nicht, als ob ich das System dieser Überzeugungen beschreiben könnte. Aber meine Überzeugungen bilden ein System, ein Gebäude.
Could I not believe that I was once, without knowing it, perhaps in an unconscious state, far from the Earth, yes, that others know this but have not told me? But this would not fit with my other convictions. Not as if I could describe the system of these convictions. But my convictions form a system, a building.
§Ms-174
22v[4] &23r[1]
103 Und wenn ich nun sage “Es ist meine unerschütterliche Überzeugung, daß etc.”, so heißt das in unserm Falle auch, daß ich nicht bewußt durch bestimmte Gedankengänge zu der Überzeugung gelangt bin, sondern, daß sie solchermaßen in allen meinen Fragen & Antworten verankert ist, daß ich nicht an sie rühren kann.
And when I now say “It is my unwavering conviction that etc.”, in our case this also means that I did not consciously arrive at this conviction through certain lines of thought, but rather that it is so firmly anchored in all my questions & answers that I cannot possibly call it into question.
§Ms-174
23r[2]104 Ich bin z.B. auch davon überzeugt, daß die Sonne kein Loch im Himmelsgewölbe ist.
For example, I am also convinced that the sun is not a hole in the vault of heaven.
§Ms-174
23r[3] &23v[1]
105 Alle Prüfung geschieht schon innerhalb eines Systems. Und zwar ist dies System nicht ein mehr oder weniger willkürlicher & zweifelhafter Ausgangspunkt aller unsrer Argumente, sondern er gehört zum Wesen dessen, was wir ein Argument nennen. Das System ist nicht sosehr der Ausgangspunkt, als das Lebenselement der Argumente
All testing takes place within a system. And this system is not merely a more or less arbitrary & questionable starting point for all our arguments, but it belongs to the essence of what we call an argument. The system is not so much the starting point as the lifeblood of the arguments.
§Ms-174
23v[2] &24r[1]
106 Ein Erwachsener hätte einem Kind erzählt, er wäre auf dem Mond gewesen. Das Kind erzählt mir das & ich sage, es sei nur ein Scherz gewesen, jener sei nicht auf dem Mond gewesen; niemand sei auf dem Mond gewesen; der Mond sei weit, weit von uns entfernt & man könne nicht hinaufsteigen oder hinfliegen. – Wenn nun das Kind darauf beharrte: es gebe vielleicht doch eine Art wie man hinkommen könne & sie sei mir nur nicht bekannt, etc. – was könnte ich erwidern? Was könnte ich Erwachsenen eines Volksstamms erwidern, die glauben Leute kämen manchmal auf den Mond (vielleicht deuten sie ihre Träume so) & die allerdings zugeben, man könnte nicht mit gewöhnlichen Mitteln hinaufsteigen oder hinfliegen? – Ein Kind wird aber für gewöhnlich nicht an so einem Glauben festhalten & bald von dem überzeugt werden, was wir ihm im Ernst sagen.
An adult told a child that he had been to the moon. The child tells me this, and I say that it was just a joke, that he was not on the moon; that no one has been on the moon; that the moon is far, far away from us, and that one cannot climb or fly there. – If now the child insists: there may be some way to get there, and it is just not known to me, etc. – what could I reply? What could I reply to adults of a tribe who believe that people sometimes come to the moon (perhaps they interpret their dreams in this way), and who, admittedly, admit that one cannot climb or fly there with ordinary means? – A child, however, will usually not stick to such a belief and will soon be convinced of what we tell him seriously.
§Ms-174
24r[2]107 Ist dies nicht ganz so, wie man einem Kind den Glauben an einen Gott, oder daß es keinen Gott gibt, beibringen kann, & es jenachdem für das eine, oder andere triftig scheinende Gründe wird vorbringen können?
Is this not quite the same as how one can teach a child to believe in a God, or that there is no God, and he will then be able to bring forward, depending on the case, reasons that seem plausible to him?
§Ms-174
24r[3] &24v[1]
108 “Aber gibt es denn da keine objektive Wahrheit? Ist es nicht wahr, oder aber falsch, daß Einer auf dem Mond war?” Wenn wir in unserm System denken, so ist es gewiß, daß kein Mensch je auf dem Mond war. Nicht nur ist uns soetwas nie im Ernst von vernünftigen Leuten berichtet worden, sondern unser ganzes System der Physik verbietet uns es zu glauben. Denn diese verlangt Antworten auf die Fragen: “Wie hat er die Schwerkraft überwunden?”, “Wie konnte er ohne Atmosphäre leben?” & tausend andere, die nicht zu beantworten wären. Wie aber wenn uns statt allen diesen Antworten entgegnet würde: Wir wissen nicht, wie man auf den Mond kommt, aber die dorthin kommen, erkennen sofort, daß sie dort sind; & auch Du kannst ja nicht alles erklären. Von Einem, der dies sagte, würden wir uns geistig sehr entfernt fühlen.
“But is there really no objective truth? Isn’t it true, or rather false, that someone has been on the moon?” If we think within our system, then it is certain that no human being has ever been on the moon. Not only has such a thing never been seriously reported to us by reasonable people, but our entire system of physics forbids us to believe it. For this demands answers to the questions: “How did he overcome gravity?”, “How could he live without an atmosphere?” & a thousand other questions that could not be answered. But what if, instead of all these answers, we were told: We do not know how one gets to the moon, but those who get there immediately recognize that they are there; & you, too, cannot explain everything. We would feel very alienated from someone who said this.
§Ms-174
24v[2]109 “Ein Erfahrungssatz läßt sich prüfen” (sagen wir). Aber wie? & wodurch?
“An experiential proposition can be tested” (let’s say). But how & by what means?
§Ms-174
24v[3] &25r[1]
110 Was gilt als seine Prüfung? – “Aber ist dies eine ausreichende Prüfung? Und, wenn ja, muß sie nicht in der Logik als solche erkannt werden?” – Als ob die Begründung nicht einmal zu Ende käme. Aber das Ende ist nicht die unbegründete Voraussetzung, sondern die unbegründete Handlungsweise.
What counts as its justification? – “But is this a sufficient justification? And, if so, must it not be recognized as such in logic?” – As if the justification does not even come to an end. But the end is not the unjustified presupposition, but the unjustified way of acting.
§Ms-174
25r[2] &25v[1]
111 “Ich weiß, daß ich nie auf dem Mond war.” – das klingt ganz anders unter den tatsächlichen Umständen, als es klänge, wenn manche Menschen auf dem Mond gewesen wären & vielleicht mancher, ohne es selbst zu wissen. In diesem Fall könnte man Gründe für dies Wissen angeben. Ist hier nicht ein ähnliches Verhältnis, wie zwischen der allgemeinen Regel des Multiplizierens & gewissen ausgeführten Multiplikationen?
Ich will sagen: Daß ich nicht auf dem Mond gewesen bin, steht für mich ebenso fest wie irgend welche Gründe dafür feststehen können.
“I know that I have never been on the moon.” – this sounds quite different under the actual circumstances than it would if some people had been on the moon & perhaps some, without even knowing it themselves. In this case, one could give reasons for this knowledge. Is there not a similar relationship here, as between the general rule of multiplication & certain performed multiplications?
I want to say: That I have not been on the moon is as certain for me as any reasons for it could possibly be.
§Ms-174
25v[2]112 Und ist es nicht das, was M. sagen will, wenn er sagt er wisse alle jene Dinge? – Aber handelt sich's wirklich darum, daß er's weiß, & nicht darum, daß gewisse dieser Sätze für uns feststehen müssen?
And is this not what M. wants to say when he says he knows all those things? – But is it really about the fact that he knows it, & not about the fact that certain of these sentences must be certain for us?
§Ms-174
25v[3]113 Wenn Einer uns Mathematik lehren will, wird er nicht damit anfangen, uns zu versichern, er wisse, daß a + b = b + a ist.
If someone wants to teach us mathematics, he will not begin by assuring us that he knows that a + b = b + a.
§Ms-174
25v[4]114 Wer keiner Tatsache gewiß ist, der kann auch des Sinnes seiner Worte nicht gewiß sein.
Whoever is not certain of a fact cannot be certain of the sense of his words.
§Ms-174
25v[5]115 Wer an allem zweifeln wollte, der würde auch nicht bis zum Zweifel kommen. Das Spiel des Zweifelns selbst setzt schon die Gewißheit voraus.
Whoever wanted to doubt everything would not even get to the point of doubting. The game of doubting itself already presupposes certainty.
§Ms-174
26r[1]116 Hätte M., statt “Ich weiß‥‥”, nicht sagen können “Es steht für mich fest, daß ‥‥”? Ja auch: “Es steht für mich & viele Andre fest‥‥”.
Could M. not have said, instead of “I know…”, “It is certain for me that…?” Yes, also: “It is certain for me & many others…”.
§Ms-174
26r[2]117 Warum ist es mir nicht möglich, daran zu zweifeln, daß ich nicht auf dem Mond war? Und wie könnte ich versuchen es zu tun? Vor allem schiene mir die Annahme, vielleicht sei ich doch dort gewesen, müßig. Nichts würde daraus folgen, dadurch erklärt werden. Sie hinge mit nichts in meinem Leben zusammen. Wenn ich sage “Nichts spricht dafür & alles dagegen” so setzt dies schon ein Prinzip des Dafür- & Dagegen-sprechens voraus. D.h. ich muß sagen können was dafür spräche.
Why is it not possible for me to doubt that I have not been to the moon? And how could I try to do it? Above all, the assumption that I might have been there seems superfluous to me. Nothing would follow from it, nothing would be explained by it. It would have no connection with anything in my life. If I say “There is nothing to support it & everything against it,” this already presupposes a principle of what supports & what contradicts. That is, I must be able to say what would support it.
§Ms-174
26r[3] &26v[1]
118 Wäre es nun richtig zu sagen: Niemand hat bisher meinen Schädel geöffnet um zu sehen, ob ein Gehirn drin ist; aber alles spricht dafür & nichts dagegen, daß man eins drin finden würde?
Would it be correct to say: No one has yet opened my skull to see if there is a brain inside; but everything speaks for it & nothing against it, that one would find one inside?
§Ms-174
26v[2]119 Kann man aber auch sagen: Nichts spricht dagegen & alles dafür, daß der Tisch dort auch dann vorhanden ist, wenn niemand ihn sieht? Was spricht denn dafür?
But can one also say: Nothing speaks against it & everything for it, that the table is there even when no one sees it? What speaks for it?
§Ms-174
26v[3]120 Wenn aber nun Einer es bezweifelte, wie würde sich sein Zweifel praktisch zeigen? Und könnten wir ihn nicht ruhig zweifeln lassen, da es ja gar keinen Unterschied macht?
But if someone were to doubt it, how would his doubt show itself in practice? And could we not just let him doubt, since it makes no difference at all?
§Ms-174
26v[4]121 Kann man sagen: “Wo kein Zweifel, da auch kein Wissen”?
Can one say: “Where there is no doubt, there is also no knowledge”?
§Ms-174
26v[5]122 Braucht man zum Zweifel nicht Gründe?
Does one not need reasons for doubting?
§Ms-174
27r[1]123 Wohin ich schaue, ich finde keinen Grund, daran zu zweifeln, daß …
Wherever I look, I find no reason to doubt that…
§Ms-174
27r[2]124 Ich will sagen: Wir verwenden Urteile als Prinzip(e) des Urteilens.
I mean: We use judgments as principle(s) of judging.
§Ms-174
27r[3]125 Wenn mich ein Blinder fragte “Hast Du zwei Hände?”, so würde ich mich nicht durch Hinschauen davon vergewissern. Ja ich weiß nicht, warum ich meinen Augen trauen sollte, wenn ich überhaupt dran zweifelte. Ja warum soll ich nicht meine Augen damit prüfen, daß ich schaue ob ich beide Hände sehe? Was ist wodurch zu prüfen?! (Wer entscheidet darüber was feststeht?) Und was bedeutet die Aussage, etwas stehe fest?
If a blind man were to ask me, “Do you have two hands?”, I would not verify this by looking. Yes, I don’t know why I should trust my eyes if I even doubt it. Yes, why shouldn’t I test my eyes by looking to see if I see both hands? What is to be tested by what?! (Who decides what is certain?) And what does the statement mean, that something is certain?
§Ms-174
27r[4] &27v[1]
126 Ich bin der Bedeutung meiner Worte nicht gewisser, als bestimmter Urteile. Kann ich zweifeln, daß diese Farbe “blau” heißt? (Meine) Zweifel bilden ein System.
I am not more certain of the meaning of my words than of certain judgments. Can I doubt that this color is called “blue”? (My) doubts form a system.
§Ms-174
27v[2]127 Denn wie weiß ich, daß Einer zweifelt? Wie weiß ich, daß er die Worte “Ich zweifle daran” so gebraucht wie ich?
For how do I know that someone is doubting? How do I know that he uses the words “I doubt it” the same way I do?
§Ms-174
27v[3]128 Ich habe von Kind auf so urteilen gelernt. Das ist Urteilen.
I have learned to judge in this way since childhood. That is judging.
§Ms-174
27v[4]129 So habe ich urteilen gelernt; das als Urteil kennen gelernt.
I have learned to judge in this way; that I have come to know as a judgment.
§Ms-174
27v[5] &28r[1]
130 Aber ist es nicht die Erfahrung, die uns lehrt so zu urteilen, d.h., daß es richtig ist so zu urteilen? Aber wie lehrt's uns die Erfahrung? Wir mögen es aus ihr entnehmen, aber die Erfahrung zwingt uns dazu nicht. Ist sie der Grund, daß wir so urteilen (& nicht bloß die Ursache) so haben wir nicht wieder einen Grund dafür, dies als Grund anzusehen.
But is it not experience that teaches us to judge in this way, i.e., that it is correct to judge in this way? But how does experience teach it to us? We may draw it from it, but experience does not force us to do so. Is it the reason why we judge in this way (and not just the cause), then we do not have another reason for seeing this as a reason.
§Ms-174
28r[2]131 Nein, die Erfahrung ist nicht der Grund für unser Urteilspiel. Und auch nicht sein ausgezeichneter Erfolg.
No, experience is not the reason for our judging game. And neither is its outstanding success.
§Ms-174
28r[3]132 Menschen haben geurteilt, ein König könne Regen machen; wir sagen dies widerspreche aller Erfahrung. Heute urteilt man, Aeroplan, Radio, etc. seien Mittel zur Annäherung der Völker & Ausbreitung von Kultur.
People have judged that a king can make rain; we say this contradicts all experience. Today one judges that airplane, radio, etc. are means of bringing people closer together & spreading culture.
§Ms-174
28r[4] &28v[1]
133 Unter gewöhnlichen Umständen überzeuge ich mich nicht durch den Augenschein, ob ich zwei Hände habe. Warum nicht? Hat Erfahrung es als unnötig erwiesen? Oder (auch): Haben wir, auf irgend eine Weise, ein allgemeines Gesetz der Induktion gelernt, & vertrauen ihm nun auch hier? – Aber warum sollen wir erst ein allgemeines Gesetz gelernt haben & nicht gleich das spezielle?
Under normal circumstances, I do not convince myself through observation as to whether I have two hands. Why not? Has experience shown this to be unnecessary? Or (also): Have we, in some way, learned a general law of induction & now trust it even here? – But why should we first have learned a general law & not the specific one right away?
§Ms-174
28v[2] &29r[1]
134 Wenn ich ein Buch in eine Lade lege, so nehme ich nun an, es sei darin; es sei denn ‥‥․ “Die Erfahrung gibt mir immer recht. Es ist noch kein gut beglaubigter Fall vorgekommen, daß ein Buch (einfach) verschwunden wäre.” Es ist oft vorgekommen, daß sich ein Buch nie mehr gefunden hat, obwohl wir sicher zu wissen glaubten, wo es war. – Aber die Erfahrung lehrt doch wirklich, daß ein Buch, z.B., nicht verschwindet. (Z.B. nicht nach & nach verdunstet.) – Aber ist es diese Erfahrung mit Büchern, etc., die uns annehmen läßt, das Buch sei nicht verschwunden? Nun, angenommen, wir fänden, daß unter bestimmten neuen Umständen Bücher verschwänden – würden wir nicht unsre Annahme ändern? Kann man die Wirkung der Erfahrung auf unser System von Annahmen leugnen?
When I put a book in a drawer, I now assume that it is in there, unless… “Experience always proves me right. No well-substantiated case has ever occurred in which a book (simply) disappeared.” It has often happened that a book could not be found again, although we were certain that we knew where it was. – But experience really does teach us that a book, for example, does not disappear. (For example, it does not gradually evaporate.) – But is it this experience with books, etc., that leads us to assume that the book has not disappeared? Well, suppose we were to find that under certain new circumstances books do disappear – would we not change our assumption? Can one deny the effect of experience on our system of assumptions?
§Ms-174
29r[2]135 Aber folgen wir nicht einfach dem Prinzip, daß, was immer geschehen ist, auch wieder geschehen wird (oder etwas ähnlichem)? – Was heißt es, diesem Prinzip folgen? Bringen wir es wirklich in unser Raisonnement? oder ist es nur das Naturgesetz, dem scheinbar unser Schließen folgt? Das letztere mag es sein. Das erste ist es nicht.
But aren’t we simply following the principle that whatever has happened will happen again (or something similar)? – What does it mean to follow this principle? Do we actually incorporate it into our reasoning, or is it just the natural law that our reasoning apparently follows? The latter may be the case. The former is not.
§Ms-174
29r[3] &29v[1]
136 Wenn M. sagt, er wisse das & das, so zählt er wirklich lauter Erfahrungssätze auf, die wir ohne besondere Prüfung bejahen, also Sätze, die im System unsrer Erfahrungssätze eine eigentümliche logische Rolle spielen.
When M. says that he knows this & that, he is actually listing a series of experience-based sentences that we affirm without any special examination; in other words, sentences that play a peculiar logical role within the system of our experience-based sentences.
§Ms-174
29v[2]137 Auch wenn der Glaubwürdigste mich versichert, er wisse, es sei so & so, so kann dies allein mich nicht davon überzeugen, daß er es weiß. Nur, daß er es zu wissen glaubt. Darum kann Moores Versicherung, er wisse ‥‥․, uns nicht interessieren. Die Sätze aber, welche Moore als Beispiele solcher gewisser Wahrheiten aufzählt sind allerdings interessant. Nicht weil jemand ihre Wahrheit weiß, oder sie zu wissen glaubt, sondern weil sie alle im System unsrer empirischen Urteile eine ähnliche Rolle spielen.
Even if the most credible person assures me that he knows it to be so & so, this alone cannot convince me that he knows it. Only that he believes he knows it. Therefore, Moore’s assertion that he knows ‥‥․ cannot interest us. However, the sentences that Moore lists as examples of such certain truths are indeed interesting. Not because someone knows their truth, or believes he knows it, but because they all play a similar role in the system of our empirical judgments.
§Ms-174
29v[3] &30r[1]
138 Z.B. gelangen wir zu keinem von ihnen durch eine Untersuchung. Es gibt z.B. historische Untersuchungen, & Untersuchungen über die Gestalt, & auch (über) das Alter der Erde, aber nicht darüber, ob die Erde in den letzten 100 Jahren existiert habe. Freilich, viele von uns hören Berichte über diesen Zeitraum von ihren Eltern & Großeltern; aber können sich die nicht irren? – “Unsinn” wird man sagen, “Wie sollen sich denn alle diese Menschen irren!”. Aber ist das ein Argument? Ist es nicht einfach die Zurückweisung einer Idee? & etwa eine Begriffsbestimmung? denn rede ich hier von einem möglichen Irrtum, so ändert das die Rolle die “Irrtum” & “Wahrheit” in unserm Leben spielen.
For example, we do not arrive at any of them through an investigation. There are, for example, historical investigations, and investigations about the shape, and also (about) the age of the Earth, but not about whether the Earth existed in the last 100 years. Of course, many of us hear reports about this period from their parents and grandparents; but could they not be mistaken? – “Nonsense,” one will say, “How could all these people be mistaken!” But is that an argument? Is it not simply the rejection of an idea? And perhaps a definition of concepts? Because if I am talking about a possible mistake, this changes the role that “mistake” and “truth” play in our lives.
§Ms-174
30r[2] &30v[1]
139 Um eine Praxis festzulegen, genügen nicht Regeln, sondern man braucht auch Beispiele. Unsre Regeln lassen Hintertüren offen, & die Praxis muß für sich selbst sprechen.
To establish a practice, rules are not enough, but one also needs examples. Our rules leave loopholes, and practice must speak for itself.
§Ms-174
30v[2]140 Wir lernen die Praxis des empirischen Urteilens nicht, indem wir Regeln lernen; es werden uns Urteile beigebracht & ihr Zusammenhang mit andern Urteilen. Ein Ganzes von Urteilen wird uns plausibel gemacht.
We do not learn the practice of empirical judgment by learning rules; rather, judgments are taught to us & their connection with other judgments. A whole of judgments is made plausible to us.
§Ms-174
30v[3]141 Wenn wir anfangen, etwas zu glauben, so nicht einen einzelnen Satz, sondern ein ganzes System zu Sätzen. (Das Licht geht nach & nach über das Ganze auf.)
When we begin to believe something, it is not a single sentence, but rather an entire system of sentences. (The light gradually dawns on the whole.)
§Ms-174
30v[4] &31r[1]
142 Nicht einzelne Axiome leuchten mir ein, sondern ein System, worin sich Folgen & Prämissen gegenseitig stützen.
It is not individual axioms that appeal to me, but rather a system in which consequences & premises support each other.
§Ms-174
31r[2]143 Es wird mir z.B. erzählt, jemand sei vor vielen Jahren auf diesen Berg gestiegen. Untersuche ich nun immer, die Glaubwürdigkeit des Erzählers & ob dieser Berg vor Jahren existiert habe? Ein Kind lernt viel später daß es glaubwürdige & unglaubwürdige Erzähler gibt, als es Fakten lernt, die ihm erzählt werden. Es lernt, daß jener Berg schon lange existiert habe, gar nicht, d.h. die Frage, ob es so sei, kommt gar nicht auf. Es schluckt, sozusagen, diese Folgerung mit dem hinunter, was es lernt.
For example, I am told that someone climbed this mountain many years ago. Do I always investigate the credibility of the storyteller & whether this mountain existed years ago? A child learns much later that there are credible & incredible storytellers than it learns the facts that are told to it. It learns that that mountain has existed for a long time, or not at all, i.e., the question of whether that is the case does not even arise. It, as it were, swallows this inference along with what it learns.
§Ms-174
31r[3] &31v[1]
144 Das Kind lernt eine Menge Dinge glauben. D.h. es lernt z.B. nach diesem Glauben handeln. Es bildet sich nach & nach ein System von Geglaubtem heraus & darin steht manches unverrückbar fest, manches ist mehr oder weniger beweglich. Was feststeht, tut dies nicht, weil es an sich offenbar oder einleuchtend ist, sondern es wird von dem, was darum herum liegt, festgehalten.
The child learns to believe many things. That is, it learns, for example, to act according to this belief. Gradually, a system of beliefs develops, and in it, some things are firmly established, while others are more or less flexible. What is firmly established does not do so because it is obviously or intuitively clear in itself, but it is held in place by what surrounds it.
§Ms-174
31v[2]145 Man will sagen “Alle meine Erfahrungen zeigen, daß es so ist.” Aber wie tun sie das? Denn jener Satz, auf den sie zeigen, gehört auch zu ihrer besondern Interpretation. “Daß ich diesen Satz als sicher wahr betrachte, kennzeichnet auch meine Interpretation der Erfahrung.”
One might say, “All my experiences show that it is so.” But how do they do that? For that sentence, to which they refer, also belongs to their particular interpretation. “The fact that I regard this sentence as certainly true also characterizes my interpretation of the experience.”
§Ms-174
31v[3] &32r[1]
146 Wir machen uns von der Erde das Bild einer Kugel, die frei im Raume schwebt & sich in 100 Jahren nicht wesentlich ändert. Ich sagte “Wir machen uns das Bild etc.” & dies Bild hilft uns nun zum Beurteilen verschiedener Sachverhalte. Ich kann die Dimensionen einer Brücke allerdings berechnen, manchmal auch berechnen, daß hier eine Brücke günstiger ist als eine Fähre, etc. etc., – aber irgendwo muß ich mit einer Annahme oder Entscheidung anfangen.
We form a picture of the Earth as a sphere, freely floating in space & not changing significantly in 100 years. I said “We form a picture etc.” & this picture now helps us in judging various states of affairs. I can, however, calculate the dimensions of a bridge, & sometimes even calculate that a bridge is more advantageous here than a ferry, etc. etc. – but somewhere I must begin with an assumption or decision.
§Ms-174
32r[2]147 Das Bild der Erde als Kugel ist ein gutes Bild, es bewährt sich überall, es ist auch ein einfaches Bild, – kurz, wir arbeiten damit ohne es anzuzweifeln.
The picture of the Earth as a sphere is a good picture; it proves itself everywhere; it is also a simple picture – in short, we work with it without doubting it.
§Ms-174
32r[3] &32v[1]
148 Warum überzeuge ich mich nicht davon daß ich noch zwei Füße habe, wenn ich mich von dem Sessel erheben will. Es gibt kein Warum. Ich tue es einfach nicht. So handle ich.
Why don't I convince myself that I still have two feet when I want to get up from the armchair? There is no why. I simply don't do it. That's how I act.
§Ms-174
32v[2]149 Meine Urteile selbst charakterisieren die Art & Weise, wie ich urteile, das Wesen des Urteilens.
My judgments themselves characterize the manner & method, how I judge, the essence of judging.
§Ms-174
32v[3]150 Wie beurteilt Einer, welches seine rechte & welches seine linke Hand ist? Wie weiß ich, daß mein Urteil mit dem der Andern übereinstimmen wird? (Wie weiß ich daß diese Farbe Blau ist?) Wenn ich hier mir nicht traue, warum soll ich dem Urteil der Andern trauen? Gibt es ein Warum? Muß ich nicht irgendwo anfangen zu trauen? D.h. ich muß irgendwo mit dem Nicht-Zweifeln anfangen; & das ist nicht, sozusagen, vorschnell aber verzeihlich; sondern es gehört zum Urteilen.
How does one judge which is one’s right & which is one’s left hand? How do I know that my judgment will accord with that of others? (How do I know that this color is blue?) If I don’t trust myself here, why should I trust the judgment of others? Is there a reason? Must I not begin to trust somewhere? That is to say, I must begin somewhere with not doubting; & that is not, as it were, hasty but excusable; rather, it belongs to judging.
§Ms-174
33r[1]151 Ich möchte sagen: M. weiß die Dinge nicht, die er zu wissen behauptet, aber sie stehen für ihn fest, so wie auch für mich; sie als feststehend zu betrachten gehört zur Methode unseres Zweifelns, & Untersuchens.
I would like to say: M. does not know the things that he claims to know, but they are fixed for him, just as they are for me; to regard them as fixed is part of the method of our doubting & investigating.
§Ms-174
33r[2]152 Die Sätze, die für mich feststehen, lerne ich nicht ausdrücklich. Ich kann sie nachträglich finden wie die Rotationsachse eines sich drehenden Körpers. Diese Achse steht nicht fest in dem Sinne, daß sie festgehalten wird, aber die Bewegung um sie herum bestimmt sie als unbewegt.
The sentences that are firmly established for me, I do not learn explicitly. I can subsequently find them, like the axis of rotation of a rotating body. This axis is not fixed in the sense that it is held in place, but the movement around it determines it as unmoving.
§Ms-174
33r[3] &33v[1]
153 Niemand hat mich gelehrt, daß meine Hände nicht verschwinden, wenn ich auf sie nicht aufpasse. Noch kann man sagen, ich setze die Wahrheit dieses Satzes bei meinen Behauptungen etc. voraus (als ruhten sie auf ihm) während er erst durch unser anderweitiges Behaupten Sinn erhält.
No one taught me that my hands would not disappear if I didn't pay attention to them. Nor can one say that I presuppose the truth of this sentence in my assertions, etc. (as if they rested on it), while it only gains meaning through our other assertions.
§Ms-174
33v[2]154 Es gibt Fälle, solcher Art, daß wenn Einer dort Zeichen des Zweifels gibt, wo wir nicht zweifeln, wir seine Zeichen nicht mit Sicherheit als Zeichen des Zweifels verstehen können. D.h.: Damit wir seine Zeichen des Zweifels als solche verstehen, darf er sie nur in bestimmten Fällen geben & nicht in andern.
There are cases of such a kind that if one gives signs of doubt where we do not doubt, we cannot be certain that we understand his signs as signs of doubt. That is: In order for us to understand his signs of doubt as such, he must give them only in certain cases and not in others.
§Ms-174
33v[3] &34r[1]
155 Der Mensch kann sich unter gewissen Umständen nicht irren. (“kann” ist hier logisch gebraucht, & der Satz sagt nicht, daß unter diesen Umständen der Mensch nichts Falsches sagen kann.) Wenn M. das Gegenteil von jenen Sätzen aussagte, die er für gewiß erklärt, würden wir nicht nur nicht seiner Meinung sein, sondern ihn für geistesgestört halten.
Under certain circumstances, a person cannot be mistaken. (“can” is used here in a logical sense, & the sentence does not say that under these circumstances a person cannot say anything false.) If M. asserted the opposite of those sentences that he declared to be certain, we would not only disagree with his opinion, but also consider him mentally disturbed.
§Ms-174
34r[2]156 Damit der Mensch sich irre, muß er schon mit der Menschheit konform urteilen.
In order for a person to be mistaken, he must already judge in accordance with humanity.
§Ms-174
34r[3]157 Wie, wenn ein Mensch sich nicht erinnern könnte, ob er immer 5 Finger, oder 2 Hände gehabt hat? Würden wir ihn verstehen? Könnten wir sicher sein, daß wir ihn verstehen?
What if a person could not remember whether he always had five fingers or two hands? Would we understand him? Could we be sure that we understand him?
§Ms-174
34r[4]158 Kann ich mich z.B. darin irren daß die einfachen Worte die diesen Satz bilden, deutsche Wörter sind, deren Bedeutung ich kenne?
Can I be mistaken, for example, in that the simple words that form this sentence are German words, the meaning of which I know?
§Ms-174
34r[5] &34v[1]
159 Wir lernen als Kinder Fakten, z.B. daß jeder Mensch ein Gehirn hat, & wir nehmen sie gläubig hin. Ich glaube, daß es eine Insel, Australien, gibt von der & der Gestalt, usw. usw.., ich glaube, daß ich Urgroßeltern gehabt habe, daß die Menschen, die sich für meine Eltern ausgaben, wirklich meine Eltern waren, etc.. Dieser Glaube mag nie ausgesprochen, ja der Gedanke, daß es so ist, nie gedacht werden.
As children, we learn facts, for example, that every person has a brain, and we accept them believingly. I believe that there is an island, Australia, of such and such a shape, etc., etc., I believe that I had great-grandparents, that the people who claimed to be my parents were really my parents, etc. This belief may never be expressed, yes, the thought that this is so may never be thought.
§Ms-174
34v[2]160 Das Kind lernt, indem es dem Erwachsenen glaubt. Der Zweifel kommt nach dem Glauben.
The child learns by believing the adult. Doubt comes after belief.
§Ms-174
34v[3]161 Ich habe eine Unmenge gelernt & es auf die Autorität von Menschen angenommen, & dann vieles durch eigene Erfahrung bestätigt, oder entkräftet gefunden.
I have learned a great deal & accepted it on the authority of people, & then found much of it confirmed or refuted through my own experience.
§Ms-174
35r[1]162 Was in Lehrbüchern, der Geographie z.B. steht, halte ich im allgemeinen für wahr. Warum? Ich sage: Alle diese Fakten sind hundertmal bestätigt worden. Aber wie weiß ich das? Was ist meine Evidenz dafür? Ich habe ein Weltbild. Ist es wahr oder falsch? Es ist vor allem das Substrat alles meines Forschens & Behauptens. Die Sätze die es beschreiben unterliegen nicht alle gleichermaßen der Prüfung.
What is stated in textbooks, for example, in geography, I generally consider to be true. Why? I say: All these facts have been confirmed a hundred times. But how do I know that? What is my evidence for it? I have a world-view. Is it true or false? It is primarily the substrate of all my research & assertions. Not all the sentences that describe it are subject to the same kind of scrutiny.
§Ms-174
35r[2] &35v[1]
163 Prüft jemand je, ob dieser Tisch hier stehenbleibt, wenn niemand auf ihn achtgibt? Wir prüfen die Geschichte Napoleons, aber nicht, ob alle Berichte über ihn auf Sinnestrug, Schwindel und dergl. beruhen. Ja, wenn wir überhaupt prüfen, setzen wir damit schon etwas voraus, was nicht geprüft wird. Soll ich nun sagen, das Experiment, das ich etwa zur Prüfung eines Satzes mache, setze die Wahrheit des Satzes voraus, daß hier wirklich der Apparat steht, welchen ich zu sehen glaube (und dergl.)?
Does anyone ever check whether this table here will remain in place if no one pays attention to it? We examine the history of Napoleon, but not whether all the accounts of him are based on sensory illusions, fraud, and the like. Yes, if we examine anything at all, we already assume something that is not examined. Should I then say that the experiment I perform to test a sentence presupposes the truth of the sentence, that there really is the apparatus here that I believe I see (and so on)?
§Ms-174
35v[2]164 Hat das Prüfen nicht ein Ende?
Doesn't testing have an end?
§Ms-174
35v[3]165 Ein Kind könnte zu einem andern sagen “Ich weiß, daß die Erde schon viele hundert Jahre alt ist”, & das hieße: Ich habe es gelernt.
A child could say to another, “I know that the Earth is already many hundreds of years old,” & this would mean: I have learned it.
§Ms-174
35v[4]166 Die Schwierigkeit ist, die Grundlosigkeit unseres Glaubens einzusehen.
The difficulty is to recognize the groundlessness of our belief.
§Ms-174
35v[5] &36r[1]
167 Daß unsre Erfahrungsaussagen nicht alle gleichen Status haben, ist klar, da man so einen Satz festlegen & ihn vom Erfahrungssatz zu einer Regel der Beschreibung machen kann. Denk an chemische Untersuchungen. Lavoisier macht Experimente mit Stoffen in seinem Laboratorium & schließt nun, daß bei der Verbrennung dies & jenes geschehe. Er sagt nicht, daß es ja ein andermal anders zugehen könne. Er ergreift ein bestimmtes Weltbild, ja er hat es natürlich nicht erfunden, sondern als Kind gelernt. Ich sage Weltbild & nicht Hypothese, weil es die selbstverständliche Grundlage seiner Forschung ist & als solche auch nicht ausgesprochen wird.
That our statements of experience do not all have the same status is clear, since one can define such a sentence & make it a rule for description instead of an empirical proposition. Think of chemical investigations. Lavoisier conducts experiments with substances in his laboratory & concludes that this & that happens during combustion. He does not say that things could happen differently at some other time. He adopts a certain world-view, yes, he naturally did not invent it, but learned it as a child. I say world-view & not hypothesis because it is the self-evident basis of his research & as such is not even stated.
§Ms-174
36r[2]168 Aber welche Rolle spielt nun die Voraussetzung, daß ein Stoff A auf einen Stoff B unter gleichen Umständen immer gleich reagiert? Oder gehört das zur Definition eines Stoffs?
But what role does the assumption play that a substance A always reacts in the same way to a substance B under the same conditions? Or does this belong to the definition of a substance?
§Ms-174
36v[1]169 Man könnte meinen es gäbe Sätze welche aussprechen, daß die Chemie möglich ist. Und das wären Sätze einer Naturwissenschaft. Denn worauf sollen sie sich stützen, wenn nicht auf Erfahrung?
One might think that there are sentences that state that chemistry is possible. And these would be sentences of a natural science. For what should they be based on, if not on experience?
§Ms-174
36v[2]170 Ich glaube, was mir Menschen in einer gewissen Weise übermitteln. So glaube ich geographische, chemische, geschichtliche Tatsachen etc. So lerne ich die Wissenschaften. Ja lernen beruht natürlich auf glauben. Wer gelernt hat, der Mont Blanc sei 4000 m hoch, wer es auf der Karte nachgesehen hat, sagt nun er wisse es. Und kann man nun sagen: Wir messen unser Vertrauen so zu, weil es sich so bewährt hat?
I believe what people communicate to me in a certain way. Thus, I believe geographical, chemical, & historical facts, etc. This is how I learn the sciences. Yes, learning is naturally based on belief. Whoever has learned that Mont Blanc is 4000 m high, whoever has looked it up on a map, now says that he knows it. And can one say: We justify our trust in this because it has proven itself?
§Ms-174
37r[1]171 Ein Hauptgrund für M. anzunehmen, daß er nicht auf dem Mond war, ist der, daß niemand auf dem Mond war & hinkommen konnte; & das glauben wir auf Grund dessen, was wir lernen.
A main reason for M. to assume that he wasn’t on the moon is that no one was on the moon & could get there; & we believe that based on what we learn.
§Ms-174
37r[2]172 Vielleicht sagt man “Es muß doch ein Prinzip diesem Vertrauen zu Grunde liegen”; aber was kann so ein Prinzip leisten? Ist es mehr als ein Naturgesetz des ‘Fürwahrhaltens’?
Perhaps one says “There must be a principle underlying this trust”; but what can such a principle achieve? Is it more than a natural law of ‘belief-holding’?
§Ms-174
37r[3] &37v[1]
173 Liegt es denn in meiner Macht, was ich glaube? oder was ich unerschütterlich glaube? Ich glaube, daß dort ein Sessel steht. Kann ich mich nicht irren? Aber kann ich glauben, daß ich mich irre? ja kann ich es überhaupt in Betracht ziehen? – Und könnte ich nicht auch an meinem Glauben festhalten, was immer ich später erfahre?! Aber ist nun mein Glaube begründet?
Is it in my power what I believe? or what I believe unshakeably? I believe that there is a chair there. Can I not be mistaken? But can I believe that I am mistaken? Yes, can I even consider it? – & could I not also hold on to my belief, no matter what I learn later?! But is my belief now justified?
§Ms-174
37v[2]174 Ich handle mit voller Gewißheit. Aber diese Gewißheit ist meine eigene.
I act with full certainty. But this certainty is my own.
§Ms-174
37v[3]175 “Ich weiß es” sage ich dem Andern; & hier gibt es eine Rechtfertigung. Aber für meinen Glauben gibt es keine.
“I know it” I say to the other; & here there is a justification. But there is none for my belief.
§Ms-174
37v[4]176 Statt “Ich weiß es” kann man in manchen Fällen sagen “Es ist so; verlaß Dich drauf”. In manchen Fällen aber: “Das habe ich schon vor Jahren gelernt”; & manchmal: “Ich bin sicher daß es so ist.”
Instead of “I know it,” one can say in some cases “It is so; rely on it.” In some cases, however: “I learned that years ago”; & sometimes: “I am sure that it is so.”
§Ms-174
37v[5]177 Was ich weiß, das glaube ich.
What I know, I believe.
§Ms-174
37v[6] &38r[1]
178 Der falsche Gebrauch, den M. von dem Satz “Ich weiß‥‥” macht, liegt darin, daß er ihn als eine Äußerung betrachtet, die so wenig anzuzweifeln ist wie etwa “Ich habe Schmerzen”. Und da aus “Ich weiß, daß es so ist” folgt “Es ist so”, so kann also auch dies nicht angezweifelt werden.
The false use that M. makes of the sentence “I know…” lies in the fact that he regards it as an utterance that is as little to be doubted as, for example, “I am in pain.” And since “I know that it is so” implies “It is so,” this too cannot be doubted.
§Ms-174
38r[2]179 Es wäre richtig zu sagen: “Ich glaube‥‥” hat subjektive Wahrheit; aber “Ich weiß …” nicht.
It would be correct to say: “I believe…” has subjective truth; but “I know…” does not.
§Ms-174
38r[3]180 Oder auch: “Ich glaube‥‥” ist eine Äußerung, nicht aber “Ich weiß‥‥”.
Or also: “I believe…” is an utterance, but “I know…” is not.
§Ms-174
38r[4]181 Wie, wenn M. statt “Ich weiß …” gesagt hätte “Ich schwöre‥‥”?
How, if M. had said “I swear…” instead of “I know…”?
§Ms-174
38r[5] &38v[1]
182 Die primitivere Vorstellung ist, daß die Erde nie einen Anfang genommen hat. Kein Kind hat Grund sich zu fragen wie lange es die Erde schon gegeben hat, weil aller Wandel auf ihr vorsichgeht. Wenn das was man die Erde nennt, wirklich einmal entstanden ist, was schwer genug vorzustellen ist, so nimmt man den Anfang natürlich in unvordenklicher Zeit an.
The more primitive image is that the Earth never had a beginning. No child has any reason to ask how long the Earth has existed, because all change takes place on it. If what one calls the Earth really did come into being at some point, which is already difficult enough to imagine, one naturally assumes the beginning to be in an unimaginable time.
§Ms-174
38v[2]183 “Es ist sicher, daß Napoleon nach der Schlacht bei Austerlitz‥‥. Nun, dann ist es doch auch sicher, daß die Erde damals existiert hat.”
“It is certain that Napoleon, after the Battle of Austerlitz… Well, then it is also certain that the Earth existed at that time.”
§Ms-174
38v[3]184 “Es ist sicher, daß wir nicht vor 100 Jahren von einem andern Planeten auf diesen herab gekommen sind.” Nun, so sicher, als eben solche Sachen sind.
“It is certain that we did not come down from another planet to this one 100 years ago.” Well, it is as certain as such things can be.
§Ms-174
38v[4] &39r[1]
185 Es käme mir lächerlich vor, die Existenz Napoleons bezweifeln zu wollen; aber wenn Einer die Existenz der Erde vor 150 Jahren bezweifelte, wäre ich vielleicht eben bereit aufzuhorchen, denn nun bezweifelt er unser ganzes System der Evidenz. Es kommt mir nicht vor, als sei dies System sicherer als eine Sicherheit in ihm.
It would seem ridiculous to me to want to doubt the existence of Napoleon; but if someone doubted the existence of the Earth 150 years ago, I would perhaps be ready to listen, because now he is doubting our entire system of evidence. It does not seem to me that this system is more secure than a certainty within it.
§Ms-174
39r[2]186 “Ich könnte annehmen, daß Napoleon nie existiert hat & eine Fabel ist, aber nicht, daß die Erde vor 180 Jahren nicht existiert hat.”
“I could assume that Napoleon never existed and is a fable, but not that the Earth did not exist 180 years ago.”
§Ms-174
39r[3]187 “Weißt Du, daß die Erde damals existiert hat?” – “Freilich weiß ich's. Ich habe es von jemandem, der sich genau auskennt.”
“Do you know that the Earth existed at that time?” – “Of course I know it. I heard it from someone who knows exactly.”
§Ms-174
39r[4]188 Es kommt mir vor, als müßte der, welcher an der Existenz der Erde zu jener Zeit zweifelt, das Wesen aller historischen Evidenz antasten. Und von dieser kann ich nicht sagen, sie sei bestimmt richtig.
It seems to me that whoever doubts the existence of the Earth at that time must attack the essence of all historical evidence. And I cannot say that this is certainly true.
§Ms-174
39r[5] &39v[1]
189 Einmal muß man von der Erklärung auf die bloße Beschreibung kommen.
At some point, one must move from explanation to mere description.
§Ms-174
39v[2]190 Was wir historische Evidenz nennen, deutet darauf hin, die Erde habe schon lange vor meiner Geburt existiert; – die entgegengesetzte Hypothese hat nichts für sich.
What we call historical evidence suggests that the Earth existed long before my birth; – the opposite hypothesis has nothing to support it.
§Ms-174
39v[3]191 Wenn nun alles für eine Hypothese, nichts gegen sie spricht, – ist sie dann gewiß wahr? Man kann sie so bezeichnen. – Aber stimmt sie gewiß mit der Wirklichkeit, den Tatsachen, überein? – Mit dieser Frage bewegst Du Dich schon im Kreise.
If now everything speaks for a hypothesis, and nothing against it, – is it then certainly true? One can describe it that way. – But does it certainly correspond to reality, to the facts? – With this question, you are already moving in a circle.
§Ms-174
39v[4]192 Es gibt freilich Rechtfertigung; aber die Rechtfertigung hat ein Ende.
There is, of course, justification; but the justification has an end.
§Ms-175
1r[1]193 Was heißt es, die Wahrheit eines Satzes sei gewiß?
What does it mean to say that the truth of a sentence is certain?
§Ms-175
1r[2] &1r[3] &
1v[1]
194 Mit dem Wort “gewiß” drücken wir die vollkommene Überzeugung, die Abwesenheit jedes Zweifels aus, & wir suchen damit den Andern zu überzeugen. Das ist subjektive Gewißheit. Wann aber ist etwas objektiv gewiß? – Wenn ein Irrtum nicht möglich ist. Aber was für eine Möglichkeit ist das. Muß der Irrtum nicht logisch ausgeschlossen sein?
With the word “certain,” we express complete conviction, the absence of all doubt, & we use it to convince others. That is subjective certainty. But when is something objectively certain? – When error is impossible. But what kind of possibility is that? Must not error be logically excluded?
§Ms-175
1r[2] &1r[3] &
1v[1].2
195 Wenn ich glaube, in meinem Zimmer zu sitzen & es ist nicht so, dann wird man nicht sagen, ich habe mich geirrt: Aber was ist der wesentliche Unterschied eines Irrtums von diesem Fall?
If I believe I am sitting in my room & it is not the case, then one would not say that I was mistaken: But what is the essential difference between a mistake & this case?
§Ms-175
1v[3] &2r[1]
196 Sichere Evidenz ist die, die wir als unbedingt sicher annehmen, nach der wir mit Sicherheit ohne Zweifel handeln. Was wir “Irrtum” nennen, spielt eine ganz bestimmte Rolle in unsern Sprachspielen, & was wir als sichere Evidenz betrachten, auch.
Certain evidence is that which we accept as absolutely certain, according to which we act with certainty without doubt. What we call “error” plays a very specific role in our language-games, & so does what we consider to be certain evidence.
§Ms-175
2r[2]197 Falsch aber wäre es, zu sagen, wir betrachten etwas als sichere Evidenz, weil es gewiß wahr ist.
It would be wrong to say that we consider something as secure evidence because it is certainly true.
§Ms-175
2r[3] &2v[1]
198 Wir müssen vielmehr die Rolle von der Entscheidung für & gegen einen Satz erst bestimmen.
Rather, we must first determine the role of making a decision for or against a sentence.
§Ms-175
2v[2]199 Der Gebrauch von “wahr oder falsch” hat darum etwas Irreführendes, weil es ist, als sagte man “es stimmt mit den Tatsachen überein oder nicht”, & es sich doch gerade frägt, was “Übereinstimmung” hier ist.
The use of “true or false” has something misleading about it, because it is as if one said “it agrees with the facts or not,” and yet the question is precisely what “agreement” is here.
§Ms-175
2v[3] &3r[1]
200 “Der Satz ist wahr oder falsch” heißt eigentlich nur, es müsse eine Entscheidung für oder gegen ihn möglich sein. Aber das sagt nicht, aus welchem Grunde man sich für oder gegen ihn entscheidet.
“The sentence is true or false” actually only means that a decision for or against it must be possible. But that does not say, on what grounds one decides for or against it.
§Ms-175
3r[2]201 Denk, jemand fragte: “Ist es wirklich richtig daß wir uns auf die Evidenz unsres Gedächtnisses (oder unsrer Sinne) verlassen wie wir es tun?”
Imagine someone asking: “Is it really true that we rely on the evidence of our memory (or our senses) as we do?”
§Ms-175
3v[1]202 Moores gewisse Sätze sagen beinahe aus, wir hätten ein Recht, uns auf diese Evidenz zu verlassen.
Moore’s certain sentences almost say that we have a right to rely on this evidence.
§Ms-175
3v[2]203 Was wir historische Evidenz nennen, deutet drauf hin, die Erde habe schon lange vor meiner Geburt existiert. Die entgegengesetzte Hypothese hat keinerlei Bekräftigung.
What we call historical evidence suggests that the Earth existed long before my birth. The opposite hypothesis has no support.
§Ms-175
3v[3] &4r[1]
Eine Hypothese, für welche alles, gegen welche nichts spricht, –[unreadable] ist sie dann objektiv wahr? Man kann sie so nennen. Aber stimmt sie unbedingt mit den Tatsachen überein? Sie zeigt uns bestenfalls, was “übereinstimmen” heißt. Wir finden es schwierig, sie uns falsch vorzustellen aber auch schwierig, eine Anwendung von ihr zu machen. – – – Mit dieser Frage bewegst Du Dich schon im Kreise.
A hypothesis for which everything speaks in favor, against which nothing speaks – is it then objectively true? One can call it that. But does it unconditionally agree with the facts? At best, it shows us what “agree” means. We find it difficult to imagine it as false, but also difficult to make an application of it. – – – With this question, you are already moving in a circle.
§Ms-175
4v[1]Worin besteht denn diese Übereinstimmung, wenn nicht darin, daß, was in diesem Sprachspiel Evidenz ist, für unsern Satz spricht. (Log. Phil. Abh.)
What is this agreement, if not that what is evidence in this language-game speaks in favor of our sentence? (Log. Phil. Abh.)
§Ms-175
4v[2] &5r[1]
204 Die Begründung aber, die Rechtfertigung der Evidenz kommt zu einem Ende; – das Ende aber ist nicht daß uns gewisse Sätze unmittelbar als wahr einleuchten, also eine Art Sehen unsrerseits, sondern unser Handeln, welches am Grunde des Sprachspiels liegt.
But the justification of the evidence comes to an end; but the end is not that certain sentences immediately appear to us as true, that is, a kind of seeing on our part, but our action, which lies at the basis of the language-game.
§Ms-175
5r[2]205 Wenn das Wahre das Begründete ist, dann ist der Grund nicht wahr, noch falsch.
If the true is the justified, then the ground is not true, nor false.
§Ms-175
5r[3] &5v[1]
206 Wenn Einer uns fragte “Aber ist das wahr?”, könnten wir ihm sagen “Ja”; & wenn er Gründe verlangte, so könnten wir sagen “Ich kann Dir keine Gründe geben, aber wenn Du mehr lernst, wirst Du auch dieser Meinung sein.” Käme er nun nicht dahin, so hieße das, daß er, z.B., Geschichte nicht lernen kann.
If someone asked us “But is that true?”, we could say to him “Yes”; and if he demanded reasons, we could say “I cannot give you any reasons, but if you learn more, you will also be of this opinion.” If he did not come to that, it would mean that he, for example, cannot learn history.
§Ms-175
5v[2]207 “Seltsamer Zufall, daß alle die Menschen in deren Kopf man geschaut hat, ein Gehirn hatten!”
“Strange coincidence that all the people whose heads one has looked into had a brain!”
§Ms-175
5v[3] &6r[1]
208 Ich habe ein Telephongespräch mit New York. Mein Freund teilt mir mit daß seine Bäumchen die & die Knospen tragen. Ich bin nun überzeugt, das Bäumchen sei … Bin ich auch überzeugt, die Erde existiere?
I have a telephone conversation with New York. My friend tells me that his little tree has the so-and-so buds. I am now convinced that the little tree is … Am I also convinced that the Earth exists?
§Ms-175
6r[2]209 Daß die Erde existiert, ist vielmehr ein Teil des ganzen Bildes, das die Basis meines Glaubens bildet.
The fact that the Earth exists is rather part of the whole picture, which is the basis of my belief.
§Ms-175
6r[3]210 Bekräftigt mein Telephongespräch mit New York meine Überzeugung, daß die Erde existiert?
Does my telephone conversation with New York confirm my conviction that the Earth exists?
§Ms-175
6r[4] &6v[1]
Manches scheint uns festzustehen & es scheidet aus dem Verkehr aus. Es wird sozusagen auf ein totes Geleise geschoben.
Some things seem to us to be established and they drop out of consideration. They are, as it were, put on a siding.
§Ms-175
6v[2] &7r[1]
211 Es ist nun die Form unsrer Betrachtungsweise & charakterisiert alle unsre Fragen & Forschungen. Es war vielleicht einmal umstritten. Vielleicht aber hat es seit unvordenklichen Zeiten zum Gerüst aller unsrer Betrachtungen gehört. (Jeder Mensch hat Eltern.)
It is now the form of our way of looking at things and characterizes all our questions and investigations. It may once have been disputed. Perhaps, however, it has belonged to the framework of all our considerations for time immemorial. (Every human being has parents.)
§Ms-175
7r[2]212 Wir betrachten z.B. eine Rechnung unter gewissen Umständen als genügend kontrolliert. Was gibt uns dazu ein Recht? Die Erfahrung? Könnte sie uns nicht täuschen? Wir müssen irgendwo mit dem Rechtfertigen enden & dann bleibt der Satz: daß wir so rechnen.
For example, we consider a calculation to be sufficiently checked under certain circumstances. What gives us the right to do so? Experience? Could it not deceive us? We must end justifying somewhere, and then the sentence remains: that we so calculate.
§Ms-175
7r[3] &7v[1]
213 Unsre ‘Erfahrungssätze’ bilden nicht eine homogene Masse.
Our ‘experience sentences’ do not form a homogeneous mass.
§Ms-175
7v[2]214 Was spricht dagegen daß dieser Tisch, wenn ihn niemand betrachtet, entweder verschwindet, oder seine Form & Farbe verändert, & nur wieder jemand wenn ihn ansieht, in seinen alten Zustand zurückkehrt? – “Wer wird aber auch so etwas annehmen!” – möchte man sagen.
What is wrong with the idea that this table, when no one is looking at it, either disappears or changes its shape & color, and only returns to its old state when someone looks at it? – “Who would even assume such a thing!” – one might say.
§Ms-175
7v[3] &8r[1]
215 Hier zeigt sich, daß der Begriff der ‘Übereinstimmung mit der Wirklichkeit’ nicht recht klar ist.
Here it becomes clear that the concept of ‘agreement with reality’ is not entirely clear.
§Ms-175
8r[2]216 Der Satz “Es ist geschrieben.”
The sentence “It is written.”
§Ms-175
8r[3] &8v[1]
217 Wer annähme, daß alle unsre Rechnungen unsicher seien, & daß wir uns auf keine verlassen können (mit der Rechtfertigung, daß Fehler überall möglich sind), würden wir vielleicht für verrückt erklären. Aber können wir sagen, er sei im Irrtum? Reagiert er nicht einfach anders: wir verlassen uns darauf, er nicht; wir sind sicher, er nicht.
Who would assume that all our calculations are unreliable, & that we cannot rely on any of them (with the justification that errors are possible everywhere), we would perhaps declare to be mad. But can we say that he is mistaken? Is he not simply reacting differently: we rely on them, he does not; we are certain, he is not.
§Ms-175
8v[2]218 Kann ich für einen Augenblick glauben, ich sei je in der Stratosphäre gewesen? Nein. So weiß ich das Gegenteil, – wie Moore?
Can I, for a moment, believe that I have ever been in the stratosphere? No. That is how I know the contrary – like Moore?
§Ms-175
8v[3] &9r[1]
219 Es kann für mich, als vernünftigen Menschen kein Zweifel darüber bestehen. – Das ist es eben. –
There can be no doubt about this for me, as a reasonable person. – That is what it is. –
§Ms-175
9r[2]220 Der Vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel nicht.
A reasonable person has certain doubts not.
§Ms-175
9r[3]221 Kann ich zweifeln, woran ich zweifeln will?
Can I doubt what I want to doubt?
§Ms-175
9r[4]222 Ich kann, daß ich nie in der Stratosphäre war, unmöglich bezweifeln. Weiß ich es darum, ist es darum wahr?
I cannot possibly doubt that I was never in the stratosphere. Do I know it because of that, is that why it is true?
§Ms-175
9v[1]223 Könnte ich nicht eben verrückt sein & das nicht bezweifeln, was ich unbedingt bezweifeln sollte.
Could it not be that I am simply crazy and do not doubt what I absolutely should doubt.
§Ms-175
9v[2] &10r[1]
224 “Ich weiß, daß es nie geschehen ist, denn wäre es geschehen, so hätte ich es unmöglich vergessen können.” Aber angenommen, es wäre geschehen, so hättest Du's eben doch vergessen. Und wie weißt Du, daß Du's unmöglich hattest vergessen können? Nicht bloß aus früherer Erfahrung?
“I know that it never happened, because if it had happened, I would have been unable to forget it.” But suppose it did happen, then you would have forgotten it. And how do you know that you could not possibly have forgotten it? Not just from past experience?
§Ms-175
10r[2]225 Das, woran ich festhalte, ist nicht ein Satz, sondern ein Nest von Sätzen.
What I hold on to is not a sentence, but a nest of sentences.
§Ms-175
10r[3]226 Kann ich die Annahme, ich sei einmal auf dem Mond gewesen, überhaupt einer ernsten Betrachtung würdigen?
Can I subject the assumption that I was once on the moon to serious consideration at all?
§Ms-175
10r[4]227 “Ist denn das etwas, was man vergessen kann?!”
“Is this something that one can forget?!”
§Ms-175
10r[5] &10v[1]
228 “Unter solchen Umständen sagen die Menschen nicht: ‘Vielleicht haben wir's alle vergessen’ & dergleichen, sondern sie nehmen an …”
“Under such circumstances, people do not say: ‘Perhaps we have all forgotten it’ and so on, but they assume…”
§Ms-175
10v[2]229 Unsre Rede erhält durch unsre übrigen Handlungen ihren Sinn.
Our language acquires its sense through our other actions.
§Ms-175
10v[3] &11r[1]
230 Wir fragen uns: Was machen wir mit einer Aussage “Ich weiß …”? Denn uns handelt sich's nicht um Vorgänge oder Zustände des Geistes. Und so muß man entscheiden, ob etwas ein Wissen ist, oder keines.
We ask ourselves: What do we do with the statement “I know…?” Because we are not concerned with processes or states of the mind. And that is how one must decide whether something is knowledge or not.
§Ms-175
11r[2]231 Wenn einer bezweifelte, ob die Erde vor 100 Jahren existiert hat, so verstünde ich das darum nicht, weil ich nicht wüßte, was dieser noch als Evidenz gelten ließe, & was nicht.
If someone doubted whether the Earth existed 100 years ago, I wouldn’t understand why, because I wouldn’t know what he would still consider evidence, & what he wouldn’t.
§Ms-175
11r[3] &11v[1]
232 “Jedes einzelne dieser Fakten könnten wir bezweifeln, aber alle können wir nicht bezweifeln.” Wäre es nicht richtiger zu sagen: “alle bezweifeln wir nicht.” Daß wir sie nicht alle bezweifeln, ist eben die Art & Weise wie wir urteilen, also handeln.
“Each of these facts we could doubt, but we cannot doubt all of them.” Would it not be more correct to say: “We do not doubt all of them.” The fact that we do not doubt them all is precisely the way we judge, i.e., act.
§Ms-175
11v[2] &12r[1]
233 Wenn ein Kind mich fragte, ob es die Erde schon vor meiner Geburt gegeben hat, so würde ich ihm nicht antworten, die Erde existiere erst seit meiner Geburt, sondern sie habe schon lang, lang vorher existiert. Und dabei hätte ich das Gefühl, etwas Komisches zu sagen. Etwa wie wenn das Kind gefragt hätte ob der & der Berg höher sei als ein sehr hohes Haus, das es gesehen hat. Ich könnte nur dem jene Frage beantworten, dem ich ein Weltbild erst beibrächte. Wenn ich nun die Frage mit Sicherheit so beantworte, was gibt mir diese Sicherheit?
If a child asked me whether the Earth existed before my birth, I would not answer that the Earth only came into existence with my birth, but that it existed long, long before. And in doing so, I would have the feeling of saying something strange. Something like when the child asked whether this or that mountain is higher than a very tall building that it has seen. I could only answer that question to someone to whom I would first impart a worldview. If I now answer the question with certainty, what gives me this certainty?
§Ms-175
12r[2] &12v[1] &
13r[1]
234 Ich glaube daß ich Ahnen habe & daß jeder Mensch sie hat. Ich glaube daß es verschiedene Städte gibt & überhaupt an die Hauptdaten der Geographie & der Geschichte. Ich glaube, daß die Erde ein Körper ist auf dessen Oberfläche wir uns bewegen & daß er sowenig plötzlich verschwindet oder dergl. wie irgend ein andrer fester Körper: dieser Tisch, dieses Haus, dieser Baum etc. Wenn ich an der Existenz der Erde lang vor meiner Geburt zweifeln wollte, müßte ich alles mögliche bezweifeln, was mir feststeht.
I believe that I have ancestors and that every human being has them. I believe that there are different cities and, in general, I believe in the main data of geography and history. I believe that the Earth is a body on whose surface we move and that it will not suddenly disappear or anything of the kind, like any other solid body: this table, this house, this tree, etc. If I wanted to doubt the existence of the Earth long before my birth, I would have to doubt everything that is certain to me.
§Ms-175
13r[2]235 Und daß mir etwas feststeht, hat seinen Grund nicht in meiner Dummheit, oder Leichtgläubigkeit.
And the fact that something is certain to me has its reason not in my stupidity or credulity.
§Ms-175
13r[3]236 Wenn Einer sagte “Die Erde hat nicht schon lange …” – was würde er damit antasten? Weiß ich's?
If someone said “The Earth has not existed for a long time…” – what would he be touching upon? Do I know it?
§Ms-175
13v[1]Müßte es ein sozusagen wissenschaftlicher Glaube sein? Könnte es kein mystischer sein? Muß er damit unbedingt geschichtlichen Tatsachen widersprechen? Ja selbst geographischen?
Must it be a kind of scientific belief? Could it not be a mystical one? Must it necessarily contradict historical facts? Yes, even geographical ones?
§Ms-175
13v[2] &14r[1] &
14v[1]
237 Wenn ich sage “Dieser Tisch hat vor einer Stunde noch nicht existiert”, so meine ich wahrscheinlich, er sei erst später hergestellt worden. Sage ich “Dieser Berg hat damals noch nicht existiert”, so meine ich wohl, er habe sich erst später – vielleicht vulkanisch – gebildet. Sage ich “Dieser Berg hat vor einer halben Stunde noch nicht existiert”, so ist das eine so seltsame Aussage, daß nicht klar ist, was ich meine. Ob ich z.B. etwas falsches aber wissenschaftliches meine. Vielleicht meint man, die Aussage der Berg habe damals noch nicht existiert, sei ganz klar, wie immer man sich den Zusammenhang denke. Aber denke, jemand sagte “Dieser Berg hat vor einer Minute noch nicht existiert, sondern ein genau gleicher”. Nur die gewohnte Umgebung läßt es klar erscheinen, was gemeint ist.
If I say, “This table didn’t exist an hour ago,” I probably mean that it was only made later. If I say, “This mountain didn’t exist back then,” I presumably mean that it only formed later, perhaps volcanically. If I say, “This mountain didn’t exist half an hour ago,” that is such an odd statement that it is not clear what I mean. For example, whether I mean something false, but scientific. Perhaps one means that the statement that the mountain did not exist at that time is quite clear, however one imagines the connection. But imagine someone said, “This mountain didn’t exist a minute ago, but rather a perfectly identical one.” Only the familiar surroundings make it appear clear what is meant.
§Ms-175
14v[2] &15r[1]
238 Ich könnte also den der sagt die Erde habe vor seiner Geburt noch nicht existiert, weiter fragen um herauszufinden mit welchen meiner Meinungen er im Widerspruch ist. Und da könnte es sein daß er meinen Grundanschauungen widerspricht. Und wäre es so, so müßte ich's dabei bewenden lassen. Ähnlich geht es wenn er sagt er sei einmal auf dem Mond gewesen.
So I could ask the person who claims that the Earth did not exist before his birth further questions in order to find out which of my opinions he contradicts. And it might be that he contradicts my fundamental views. And if that were the case, then I would have to stop there. Similarly, if he says that he once was on the moon.
§Ms-175
15r[2] &15v[1] &
16r[1]
239 Ja, ich glaube, daß jeder Mensch zwei menschliche Eltern hat; aber die Katholiken glauben, daß Jesus nur eine menschliche Mutter hatte. Und Andre könnten glauben es gebe Menschen die keine Eltern haben, & die aller gegenteiligen Evidenz keinen Glauben schenken. Die Katholiken glauben auch daß eine Oblate unter gewissen Umständen ihr Wesen gänzlich ändert & zugleich, daß alle Evidenz das Gegenteil beweist. Wenn also M. sagte Ich weiß, daß dies Wein & nicht Blut ist”, so würden Katholiken ihm widersprechen.
Yes, I believe that every human being has two human parents; but Catholics believe that Jesus only had one human mother. And others might believe that there are people who have no parents, and who do not believe in any contrary evidence. Catholics also believe that a wafer completely changes its nature under certain circumstances, and at the same time, that all evidence proves the opposite. So if M. said, “I know that this is wine and not blood,” Catholics would contradict him.
§Ms-175
16r[2] &16v[1]
240 Worauf gründet sich der Glaube, daß alle Menschen Eltern haben? Auf Erfahrung. Und wie kann ich auf meine Erfahrung diesen sichern Glauben gründen? Nun ich gründe ihn nicht nur darauf daß ich die Eltern gewisser Menschen kannte, sondern auf alles was ich über das Geschlechtsleben von Menschen & ihre Anatomie & Physiologie gelernt habe; auch darauf was ich von Tieren gehört & gesehen habe. Aber ist das denn wirklich ein Beweis?
What is the basis of the belief that all people have parents? Experience. And how can I base this firm belief on my experience? Well, I don’t just base it on the fact that I knew the parents of certain people, but on everything I have learned about the sex life of people, and their anatomy and physiology; also on what I have heard and seen about animals. But is that really proof?
§Ms-175
16v[2]241 Ist hier nicht eine Hypothese, die, wie ich glaube, sich immer wieder vollkommen bestätigt?
Isn’t this a hypothesis which, as I believe, is always completely confirmed?
§Ms-175
16v[3]242 Müssen wir nicht auf Schritt & Tritt sagen:
“Ich glaube dies mit Bestimmtheit”?
Shouldn’t we say, at every turn:
“I believe this with certainty”?
§Ms-175
17r[1]243 “Ich weiß …” sagt man, wenn man bereit ist, zwingende Gründe zu geben. “Ich weiß” bezieht sich auf eine Möglichkeit des Deutens der Wahrheit. Ob Einer etwas weiß, läßt sich zeigen, angenommen, daß er davon überzeugt ist. Ist aber was er glaubt von solcher Art, daß, die Gründe, die er geben kann, nicht sicherer sind, als seine Behauptung, so kann er nicht sagen, er wisse, was er glaubt.
“I know…” one says when one is ready to give compelling reasons. “I know” refers to a possibility of interpreting the truth. Whether someone knows something can be shown, assuming that he is convinced of it. But if what he believes is of such a nature that the reasons he can give are no more certain than his assertion, then he cannot say that he knows what he believes.
§Ms-175
17v[1]244 Wenn Einer sagt “Ich habe einen Körper”, so kann man ihn fragen “Wer spricht hier mit diesem Munde?”
If someone says, “I have a body,” one can ask him, “Who is speaking here with this mouth?”
§Ms-175
17v[2] &18r[1] &
18v[1]
245 Zu wem sagt Einer, er wisse etwas? Zu sich selbst, oder zu einem Andern. Wenn er's zu sich selbst sagt, wie unterscheidet es sich von der Feststellung er sei gewiß, es verhalte sich so? Es gibt keine subjektive Sicherheit, daß ich etwas weiß. Subjektiv ist die Gewißheit, aber nicht das Wissen. Wenn ich mir also sage “Ich weiß, daß ich zwei Hände habe” & das soll nicht nur meine subjektive Gewißheit zum Ausdruck bringen, so muß ich mir beweisen können, daß ich recht habe. Aber das kann ich nicht; denn daß ich zwei Hände habe ist nicht weniger gewiß, ehe ich sie angeschaut habe als nachher.
Ich könnte aber sagen: “Daß ich zwei Hände habe ist ein unumstößlicher Glaube.” Das würde ausdrücken, ich sei nicht bereit, irgend etwas als Gegenbeweis dieses Satzes gelten zu lassen.
To whom does one say that one knows something? To oneself, or to another. If one says it to oneself, how does it differ from stating that one is certain that it is so? There is no subjective certainty that I know something. Subjective is the certainty, but not the knowledge. If I therefore say “I know that I have two hands” & that is not just supposed to express my subjective certainty, then I must be able to prove to myself that I am right. But I cannot; for the fact that I have two hands is no less certain before I have looked at them than afterwards.
However, I could say: “The fact that I have two hands is an unshakable belief.” That would express that I am not prepared to accept anything as a counter-proof of this sentence.
§Ms-175
18v[2]246 “Hier bin ich auf einer Grundlage alles meines Wissens angelangt.” “Diese Stellung werde ich halten!” Aber ist das nicht eben nur, weil ich davon vollkommen überzeugt bin? – Wie ist das: ‘Vollkommen überzeugt sein’?
“Here I have arrived at a basis for all my knowledge.” “I will maintain this position!” But isn’t that precisely because I am completely convinced of it? – What does it mean to ‘be completely convinced’?
§Ms-175
18v[3] &19r[1]
247 Wie wäre es, jetzt daran zu zweifeln, daß ich zwei Hände habe? Warum kann ich's mir gar nicht vorstellen?
Was würde ich glauben, wenn ich das nicht glaubte? Ich habe noch gar kein System, worin es diesen Zweifel geben könnte.
What if I were to doubt now that I have two hands? Why can I not even imagine it?
What would I believe if I did not believe that? I don’t even have a system in which this doubt could exist.
§Ms-175
19r[2]248 Ich bin auf dem Boden meiner Überzeugungen angelangt.
I have arrived at the ground of my convictions.
§Ms-175
19r[3] &19v[1]
Und von dieser Grundmauer könnte man beinahe sagen, sie werde vom ganzen Haus getragen.
And one could almost say that this foundation is what supports the whole house.
§Ms-175
19v[2]249 Man macht sich ein falsches Bild vom Zweifel.
One forms a false picture of doubt.
§Ms-175
19v[3]250 Daß ich zwei Hände habe, ist unter normalen Umständen so sicher, wie irgend etwas, was ich als Evidenz dafür anführen könnte. Ich bin darum außer Stande den Anblick meiner Hand als Evidenz dafür aufzufassen.
That I have two hands is, under normal circumstances, as certain as anything I could offer as evidence for it. Therefore, I am unable to regard the sight of my hand as evidence for it.
§Ms-175
19v[4] &20r[1]
251 Heißt das nicht: ich werde unbedingt nach diesem Glauben handeln & mich durch nichts beirren lassen?
Does this not mean: I will act according to this belief without fail & will not allow myself to be swayed by anything?
§Ms-175
20r[2]252 Aber es ist doch nicht nur, daß ich in dieser Weise glaube, daß ich 2 Hände habe, sondern daß jeder Vernünftige das tut.
But it is not only that I believe in this way that I have 2 hands, but that every reasonable person does.
§Ms-175
20r[3]253 Am Grunde des begründeten Glaubens liegt der unbegründete Glaube.
At the root of justified belief lies unjustified belief.
§Ms-175
20r[4] &20v[1]
254 Jeder ‘vernünftige’ Mensch handelt so.
Every ‘reasonable’ person acts like this.
§Ms-175
20v[2] &21r[1]
255 Das Zweifeln hat gewisse charakteristische Äußerungen, aber sie sind für ihn nur unter gewissen Umständen charakteristisch. Wenn Einer sagte, er zweifle an der Existenz seiner Hände, sie immer wieder von allen Seiten betrachtete, sich zu überzeugen suchte, daß keine Spiegelung oder dergleichen vorläge, so wären wir nicht sicher, ob wir das ein Zweifeln nennen sollten. Wir könnten seine Handlungsweise als eine der zweifelnden ähnlichen beschreiben, aber sein Spiel wäre nicht das unsre.
Doubt has certain characteristic manifestations, but they are only characteristic of him under certain circumstances. If someone said that he doubted the existence of his hands, kept looking at them from all sides, and tried to convince himself that there was no reflection or the like, then we would not be sure whether we should call that doubt. We could describe his way of acting as similar to that of a doubter, but his game would not be ours.
§Ms-175
21r[2]256 Anderseits ändert sich das Sprachspiel mit der Zeit.
On the other hand, the language-game changes with time.
§Ms-175
21r[3] &21v[1]
257 Wenn Einer mir sagte, er zweifle daran, ob er einen Körper habe, würde ich ihn für einen Halbnarren halten. Ich wüßte aber nicht was es hieße ihn davon zu überzeugen, daß er einen habe. Und hätte ich etwas gesagt & das hätte nun den Zweifel behoben, so wüßte ich nicht wie & warum.
If someone told me that he doubted whether he had a body, I would consider him half crazy. But I would not know what it would mean to convince him that he did have one. And if I had said something that now resolved the doubt, I would not know how and why.
§Ms-175
21v[2] &22r[1]
258 Ich weiß nicht, wie der Satz “Ich habe einen Körper” zu gebrauchen ist. Das gilt nicht unbedingt von dem Satz, daß ich immer auf oder nahe der Erde war.
I do not know how the sentence “I have a body” is to be used. This does not necessarily apply to the sentence that I have always been on or near the Earth.
§Ms-175
22r[2]259 Wer dran zweifelte daß die Erde seit 100 Jahren existiert hat, könnte einen wissenschaftlichen, oder aber einen philosophischen Zweifel haben.
Someone who doubted that the Earth has existed for 100 years could have a scientific or a philosophical doubt.
§Ms-175
22r[3]260 Ich möchte den Ausdruck “Ich weiß” für die Fälle reservieren, in denen er im normalen Sprachverkehr gebraucht wird.
I would like to reserve the expression “I know” for the cases in which it is used in normal language.
§Ms-175
22v[1]261 Einen vernünftigen Zweifel an der Existenz der Erde während der letzten 100 Jahre kann ich mir jetzt nicht vorstellen.
I cannot imagine a reasonable doubt about the existence of the Earth during the last 100 years.
§Ms-175
22v[2] &23r[1]
262 Ich kann mir einen Menschen vorstellen, der unter ganz besondern Umständen aufgewachsen ist, & dem man beigebracht hat die Erde sei vor 50 Jahren entstanden, & der es deshalb auch glaubt. Diesen könnten wir belehren: die Erde habe schon lange etc. – Wir würden trachten ihm unser Weltbild zu geben. Dies geschähe durch eine Art Überredung.
I can imagine a person who grew up under very special circumstances and was taught that the Earth came into being 50 years ago, and who therefore also believes it. We could instruct this person: the Earth has been around for a long time, etc. – We would try to give him our worldview. This would be done through a kind of persuasion.
§Ms-175
23r[2]263 Der Schüler glaubt seinen Lehrern & den Schulbüchern.
The student believes his teachers and the textbooks.
§Ms-175
23r[3] &23v[1]
264 Ich könnte mir den Fall denken daß M. von einem wilden Volksstamm gefangen wird & die den Verdacht aussprechen, er sei von irgendwo zwischen Erde & Mond gekommen. M. sagt ihnen, er wisse, …, kann ihnen aber die Gründe für seine Sicherheit nicht geben, weil sie phantastische Ideen vom Flugvermögen eines Menschen haben & von Physik nichts wissen. Dies wäre eine Gelegenheit, jene Aussage zu machen.
I can imagine the case that M. is captured by a wild tribe and they express the suspicion that he comes from somewhere between the Earth and the Moon. M. tells them that he knows, …, but he cannot give them the reasons for his certainty, because they have fantastic ideas about a person’s ability to fly and know nothing about physics. This would be an occasion to make that statement.
§Ms-175
23v[2] &24r[1]
265 Aber was sagt sie mehr, als “Ich bin nie dort & dort gewesen, & habe zwingende Gründe, das zu glauben”?
But what does it say more than “I have never been there and there, and I have compelling reasons to believe that”?
§Ms-175
24r[2]266 Und hier müßte man noch sagen, was zwingende Gründe sind.
And here one would still have to say what compelling reasons are.
§Ms-175
24r[3]267 “Ich habe nicht nur den visuellen Eindruck eines Baumes, sondern ich weiß, daß es es ein Baum ist.”
“I not only have a visual impression of a tree, but I know that it is a tree.”
§Ms-175
24r[4] &24v[1]
268 “Ich weiß, daß das eine Hand ist.” – Und was ist eine Hand? – “Nun, das z.B.”
“I know that this is a hand.” – And what is a hand? – “Well, that for example.”
§Ms-175
24v[2]269 Bin ich gewisser, daß ich nie auf dem Mond, als daß ich nie in Bulgarien war? Warum bin ich so sicher? Nun, ich weiß, daß ich auch nirgends in der Nähe, z.B. nie auf dem Balkan, war.
Am I more certain that I have never been to the moon than that I have never been to Bulgaria? Why am I so sure? Well, I know that I have also never been anywhere near it, e.g. never in the Balkans.
§Ms-175
24v[3]270 “Ich habe für meine Sicherheit zwingende Gründe.” Diese Gründe machen die Sicherheit objektiv.
“I have compelling reasons for my certainty.” These reasons make the certainty objective.
§Ms-175
25r[1]271 Was ein triftiger Grund für etwas sei, entscheide nicht ich.
What constitutes a valid reason for something is not decided by me.
§Ms-175
25r[2]272 Ich weiß = Es ist mir als gewiß bekannt.
I know = It is certainly known to me.
§Ms-175
25r[3]273 Wann aber sagt man von etwas, es sei gewiß? Denn darüber, ob etwas gewiß ist, läßt sich streiten; wenn nämlich etwas objektiv gewiß ist.
When, however, does one say that something is certain? Because one can argue about whether something is certain; namely, if something is objectively certain.
§Ms-175
25r[4] &25v[1]
Es gibt eine Unzahl allgemeiner Erfahrungssätze, die uns als gewiß gelten.
There are countless general sentences of experience that are considered certain by us.
§Ms-175
25v[2] &26r[1]
274 Daß Einem dem man den Arm abgehackt, er nicht wieder wächst, ist ein solcher. Daß Einer, dem man den Kopf abgehauen hat, tot ist & nie wieder lebendig wird, ein andrer. Man kann sagen, daß Erfahrung uns diese Sätze lehrt. Sie lehrt sie uns aber nicht isoliert, sondern sie lehrt uns eine Menge zusammenhängender Sätze. Wären sie isoliert, so könnte ich etwa an ihnen zweifeln, denn ich habe keine sie betreffende Erfahrung.
That if one has an arm chopped off, it will not grow back, is one such. That if one has one’s head chopped off, one is dead and will never be alive again, is another. One can say that experience teaches us these sentences. However, it does not teach them to us in isolation, but it teaches us a whole series of related sentences. If they were isolated, I could, for example, doubt them, because I have no experience concerning them.
§Ms-175
26r[2] &26v[1]
275 Ist die Erfahrung der Grund dieser unsrer Gewißheit, so ist es natürlich die vergangene Erfahrung. Und es ist nicht etwa bloß meine Erfahrung, sondern die der Andern, von der ich Kenntnis erhalte. Nun könnte man sagen, daß es wiederum Erfahrung ist, was uns den Andern Glauben schenken läßt. Aber welche Erfahrung macht mich glauben, daß die Anatomie & Physiologiebücher nicht Falsches enthalten? Es ist wohl wahr, daß dieses Vertraun auch durch meine eigene Erfahrung gestützt wird.
Is experience the basis of this certainty of ours, then it is naturally past experience. And it is not merely my experience, but that of others, of which I become aware. Now one could say that it is once again experience that makes us trust others. But what experience makes me believe that the books on anatomy & physiology do not contain falsehoods? It is probably true that this trust is also supported by my own experience.
§Ms-175
26v[2] &27r[1]
276 Wir glauben, so zu sagen, daß dieses große Gebäude da ist, & nun sehen wir einmal da ein Eckchen, einmal dort ein Eckchen.
We believe, so to speak, that this large building is there, & now we see a little corner here, a little corner there.
§Ms-175
27r[2]277 “Ich kann nicht umhin zu glauben …”
“I cannot help but believe …”
§Ms-175
27r[3]278 “Ich bin beruhigt, daß es so ist.”
“I am reassured that this is so.”
§Ms-175
27r[4] &27v[1] &
28r[1]
279 Es ist ganz sicher, daß Automobile nicht aus der Erde wachsen. – Wir fühlen, daß, wenn Einer das Gegenteil glauben könnte, er allem Glauben schenken könne, was wir für unmöglich erklären & alles bestreiten könnte, was wir für sicher halten. Wie aber hängt dieser eine Glaube mit allen andern zusammen? Wir möchten sagen daß wer jenes glauben kann das ganze System unsrer Verifikation nicht annimmt. Dies System ist etwas, was der Mensch durch Beobachtung & Unterricht aufnimmt. Ich sage absichtlich nicht “lernt”.
It is quite certain that automobiles do not grow out of the ground. – We feel that if one were to believe the opposite, one could give credence to everything we declare to be impossible & dispute everything we consider certain. But how is this one belief connected with all the others? We would like to say that whoever can believe that does not accept the entire system of our verification. This system is something that a person acquires through observation & instruction. I intentionally say not “learns.”
§Ms-175
28r[2]280 Nachdem er das & das gesehen & das & das gehört hat, ist er außer Stande zu bezweifeln, daß …
After he has seen this & that & heard this & that, he is unable to doubt that …
§Ms-175
28r[3] &28v[1]
281 Ich, L.W., glaube, bin sicher, daß mein Freund nicht Sägespäne im Leib oder Kopf hat, obwohl ich dafür keine direkte Evidenz der Sinne habe. Ich bin sicher, auf Grund dessen, was mir gesagt wurde, was ich gelesen habe, & meiner Erfahrungen. Daran zu zweifeln erscheint mir als Wahnsinn, freilich wieder in Übereinstimmung mit Andern; aber ich stimme mit ihnen überein.
I, L.W., believe, am certain that my friend does not have sawdust in his stomach or head, although I have no direct sensory evidence for it. I am certain, based on what was told to me, what I read, & my experiences. To doubt this seems to me like madness, of course, again in agreement with others; but I agree with them.
§Ms-175
28v[2] &29r[1]
282 Ich kann nicht sagen, daß ich gute Gründe habe zur Ansicht, daß Katzen nicht auf Bäumen wachsen, oder daß ich einen Vater & eine Mutter gehabt habe. Wenn Einer daran zweifelt, – wie soll es geschehen sein?
Soll er von Anfang an nie geglaubt haben, er habe Eltern gehabt? Aber ist denn das denkbar, es sei denn, daß man ihn dies gelehrt hat.
I cannot say that I have good reasons for the view that cats do not grow on trees, or that I had a father & a mother. If someone doubts this, – how could it have happened?
Should he never have believed from the beginning that he had parents? But is that conceivable, unless someone taught him this?
§Ms-175
29r[2] &29v[1]
283 Denn wie kann das Kind an dem gleich zweifeln, was man ihm beibringt? Das könnte nur bedeuten, daß es gewisse Sprachspiele nicht erlernen könnte.
For how can the child doubt what is taught to him? That could only mean that it could not learn certain language-games.
§Ms-175
29v[2] &30r[1]
284 Die Menschen haben seit den ältesten Zeiten Tiere getötet, ihr Fell, ihre Knochen etc. etc. zu gewissen Zwecken gebraucht; sie haben mit Bestimmtheit drauf gerechnet, in jedem ähnlichen Tier ähnliche Teile zu finden. Sie haben immer aus der Erfahrung gelernt, & aus ihren Handlungen kann man ersehen, daß sie Gewisses mit Bestimmtheit glaubten, ob sie diesen Glauben aussprachen, oder nicht. Damit will ich natürlich nicht sagen, daß der Mensch so handeln solle, sondern nur, daß er so handelt.
People have been killing animals since the oldest times, using their fur, their bones, etc., for certain purposes; they certainly expected to find similar parts in each similar animal. They have always learned from experience, & from their actions one can see that they certainly believed in certain things, whether they expressed this belief or not. Of course, I do not mean to say that people should act in this way, but only that they act in this way.
§Ms-175
30r[2]285 Wenn Einer etwas sucht & wühlt etwa an einem bestimmten Platz die Erde auf, so zeigt er damit, daß er glaubt, das, was er sucht, sei dort.
If someone is looking for something & digs up the earth at a certain place, he shows by that that he believes that what he is looking for is there.
§Ms-175
30v[1] &31r[1]
286 Woran wir glauben, hängt von dem ab, was wir lernen. Wir alle glauben, es sei unmöglich auf den Mond zu kommen; aber es könnte Leute geben, die glauben, es sei möglich & geschehe manchmal. Wir sagen: diese wissen Vieles nicht, was wir wissen. Und sie mögen ihrer Sache noch so sicher sein, – sie sind im Irrtum, & wir wissen es. Wenn wir unser System des Wissens mit ihrem vergleichen, so zeigt sich ihres als das weit ärmere.
What we believe depends on what we learn. We all believe that it is impossible to get to the moon; but there might be people who believe that it is possible & happens sometimes. We say: these do not know much of what we know. And they may be ever so sure of their case – they are in error, & we know it. If we compare our system of knowledge with theirs, theirs is revealed as the much poorer one.
§Ms-175
31r[2]287 23.09.1950
Das Eichhörnchen schließt nicht durch Induktion, daß es auch im nächsten Winter Vorräte brauchen wird. Und ebensowenig brauchen wir ein Gesetz der Induktion, um unsre Handlungen oder Vorhersagen zu rechtfertigen.
23.09.1950
The squirrel does not conclude by induction that it will also need supplies in the next winter. And we do not need a law of induction to justify our actions or predictions.
§Ms-175
31r[3] &31v[1] &
32r[1]
288 Ich weiß nicht nur, daß die Erde lange vor meiner Geburt existiert hat, sondern auch, daß sie ein großer Körper ist, daß man das festgestellt hat, daß ich & die andern Menschen viele Ahnen haben, daß es Bücher über das alles gibt, daß solche Bücher nicht lügen, etc., etc., etc.. Und das alles weiß ich? Ich glaube es. Dieser Wissenskörper wurde mir überliefert & ich habe keinen Grund, an ihm zu zweifeln, sondern vielerlei Bestätigungen. Und warum soll ich nicht sagen, ich wisse das alles?
Sagt man nicht eben dies? Aber nicht nur ich weiß, oder glaube alles das, sondern die Andern auch. Oder vielmehr, ich glaube, daß sie es glauben.
I not only know that the earth existed long before my birth, but also that it is a large body, that this has been established, that I & the other people have many ancestors, that there are books about all this, that such books do not lie, etc., etc., etc.. And do I know all this? I believe it. This body of knowledge has been passed on to me & I have no reason to doubt it, but rather have many confirmations. And why should I not say that I know all this?
Isn't that what one says? But not only do I know, or believe all this, but so do the others. Or rather, I believe that they believe it.
§Ms-175
32r[2]289 Ich bin fest überzeugt, daß die Andern glauben, zu wissen glauben, daß es sich alles so verhält.
I am firmly convinced that the others believe, believe that everything is as it is.
§Ms-175
32r[3] &32v[1]
290 Ich habe selbst in meinem Buch geschrieben, das Kind lerne ein Wort so & so verstehen: Weiß ich das, oder glaube ich das? Warum schreibe ich in so einem Falle nicht “Ich glaube ….”, sondern einfach den Behauptungssatz?
I myself wrote in my book that a child learns to understand a word in such and such a way. Do I know this, or do I believe it? Why in such a case do I not write “I believe…”, but simply the assertive sentence?
§Ms-175
32v[2] &33r[1]
291 Wir wissen, daß die Erde rund ist. Wir haben uns endgültig davon überzeugt, daß sie rund ist. Bei dieser Ansicht werden wir verharren; es sei denn, daß sich unsere ganze Naturanschauung ändert. “Wie weißt Du das?” – Ich glaube es.
We know that the earth is round. We have finally become convinced that it is round. We will stick to this view, unless our entire view of nature changes. “How do you know that?” – I believe it.
§Ms-175
33r[2]292 Weitere Versuche können die früheren nicht Lügen strafen, höchstens unsere ganze Betrachtung ändern.
Further attempts cannot rectify the earlier ones, at most they can alter our entire consideration.
§Ms-175
33r[3]293 Ähnlich, der Satz “Das Wasser siedet bei 100˚ C.”.
Similarly, the sentence “Water boils at 100˚ C.”
§Ms-175
33r[4] &33v[1]
294 So überzeugen wir uns, das nennt man “mit Recht davon überzeugt sein”.
Thus, we convince ourselves; that is what one calls “being rightly convinced of it”.
§Ms-175
33v[2]295 Hat man also nicht, in diesem Sinne, einen Beweis des Satzes? Aber es ist kein Beweis dafür daß dasselbe wiedergeschehen ist; aber wir sagen es gibt uns ein Recht dies anzunehmen.
Doesn’t one also, in this sense, have a proof of the proposition? But it is not a proof that the same thing will happen again; but we say that it gives us a right to assume this.
§Ms-175
33v[3]296 Dies nennen wir “Erfahrungsmäßige Begründung unsrer Annahmen.”
This is what we call “the empirical justification of our assumptions.”
§Ms-175
34r[1]297 Wir lernen eben nicht nur, daß die & die Versuche so & so ausgegangen sind, sondern auch den Schlußsatz. Und daran ist natürlich nichts Falsches. Denn dieser Satz ist ein Instrument für bestimmten Gebrauch.
We do not just learn that the such and such experiments turned out so and so, but also the concluding sentence. And there is, of course, nothing wrong with this. Because this sentence is an instrument for a certain use.
§Ms-175
34r[2] &34v[1]
298 Wir sind dessen ganz sicher, heißt nicht nur, daß jeder Einzelne dessen gewiß ist, sondern, daß wir zu einer Gemeinschaft gehören, die durch die Wissenschaft & Erziehung verbunden ist.
We are quite certain of this, which does not only mean that each individual is certain of it, but that we belong to a community that is connected through science and education.
§Ms-175
34v[2]299 We are satisfied that the earth is round.
We are satisfied that the earth is round.
§Ms-175
35r[2]300 Nicht alle Korrekturen unsrer Ansichten stehen auf gleicher Stufe.
Not all corrections of our views are on the same level.
§Ms-175
35r[3] &35v[1]
301 Angenommen, es sei nicht wahr, daß die Erde schon lange vor meiner Geburt existiert hat, wie hat man sich die Entdeckung dieses Fehlers vorzustellen?
Suppose it is not true that the earth existed long before my birth, how is one to imagine the discovery of this error?
§Ms-175
35v[2]302 Es ist nichts nutz zu sagen “Vielleicht irren wir uns”, wenn, wenn keiner Evidenz zu trauen ist, im Fall der gegenwärtigen Evidenz nicht zu trauen ist.
It is of no use to say “Perhaps we are mistaken” if, when no one trusts the evidence, one does not trust the evidence in the case of the present evidence.
§Ms-175
35v[3]303 Wenn wir uns z.B. immer verrechnet haben & 12 × 12 nicht 144 ist, warum sollten wir dann irgendeiner andern Rechnung trauen? Und das ist natürlich falsch ausgedrückt.
If we have always miscalculated and 12 × 12 is not 144, why should we then trust any other calculation? And this is, of course, poorly expressed.
§Ms-175
36r[1]304 Aber auch ich irre mich in dieser Formel des Einmaleins nicht. Ich mag später einmal sagen, ich sei jetzt verwirrt gewesen, aber nicht, ich hätte mich geirrt.
But I also do not make a mistake in this formula of the multiplication table. I may later say that I was confused, but not that I was mistaken.
§Ms-175
36r[2]305 Hier ist wieder ein Schritt nötig ähnlich dem der Relativitätstheorie.
Here, another step is needed, similar to the one in the theory of relativity.
§Ms-175
36r[3]306 “Ich weiß nicht, ob das eine Hand ist …” Weißt Du aber was das Wort “Hand” bedeutet? Und sag nicht “Ich weiß, was es jetzt für mich bedeutet.”
“I don’t know if this is a hand…” But do you know what the word “hand” means? And don’t say “I know what it means to me now.”
§Ms-175
36v[1]Und ist das nicht eine Erfahrungstatsache, daß dies Wort so gebraucht wird?
And isn't this an empirical fact that this word is used in this way?
§Ms-175
36v[2]307 Und hier ist es nun sonderbar, daß, wenn ich auch des Gebrauchs der Wörter ganz sicher bin, keinen Zweifel darüber habe, ich doch keine Gründe für meine Handlungsweise angeben kann. Versuchte ich's, so könnte ich 1000 geben, aber keinen der so sicher wäre, wie eben das, was sie begründen sollen.
And here it is peculiar that, even if I am quite certain of the use of the words, have no doubt about it, I cannot give any reasons for my way of acting. If I were to try, I could give 1000, but none of them would be as certain as the things that they are supposed to justify.
§Ms-175
37r[1] &37v[1]
308 ‘Wissen’ & ‘Sicherheit’ gehören zu verschiedenen Kategorien. Es sind nicht zwei ‘Seelenzustände’ wie etwa ‘Vermuten’ & ‘Sichersein’. (Hier nehme ich an, daß es für mich sinnvoll sei zu sagen “Ich weiß, was das Wort ‘Zweifel’ (z.B.) bedeutet & daß dieser Satz dem Wort “Zweifel” eine logische Rolle anweist.”) Was uns nun interessiert ist nicht das Sichersein sondern das Wissen. D.h., uns interessiert, daß es über gewisse Erfahrungssätze keinen Zweifel geben kann, wenn ein Urteilen überhaupt möglich sein soll. Oder auch: Ich bin geneigt zu glauben, daß nicht alles, was die Form eines Erfahrungssatzes hat, ein Erfahrungssatz ist.
‘Knowledge’ & ‘certainty’ belong to different categories. They are not two ‘states of mind’ like, for example, ‘suspecting’ & ‘being certain’. (Here, I assume that it is meaningful for me to say, “I know what the word ‘doubt’ (for example) means, & that this sentence assigns a logical role to the word ‘doubt.’”) What interests us now is not certainty, but knowledge. That is to say, we are interested in the fact that there can be no doubt about certain experiential propositions if judgment is to be possible at all. Or also: I am inclined to believe that not everything that has the form of an experiential proposition is an experiential proposition.
§Ms-175
37v[2]309 Ist es, daß Regel & Erfahrungssatz in einander übergehen?
Is it that the rule and the empirical sentence merge into each other?
§Ms-175
37v[3] &38r[1]
310 Ein Schüler & ein Lehrer. Der Schüler läßt sich nichts erklären, denn er unterbricht (den Lehrer) fortwährend mit Zweifeln, z.B. an der Existenz der Dinge, der Bedeutung der Wörter, etc.. Der Lehrer sagt: “Unterbrich nicht mehr & tu' was ich Dir sage. Deine Zweifel haben jetzt noch gar keinen Sinn.”
A student and a teacher. The student does not let anything be explained to him, because he constantly interrupts (the teacher) with doubts, e.g. about the existence of things, the meaning of the words, etc.. The teacher says: “Don’t interrupt anymore and do what I tell you. Your doubts don’t make any sense yet.”
§Ms-175
38r[2]311 Oder denk Dir, der Schüler bezweifelte die Geschichte (& alles was mit ihr zusammenhängt), ja auch, ob die Erde vor 100 Jahren überhaupt existiert habe.
Or imagine, the student doubted the story (and everything connected with it), yes, even whether the Earth existed 100 years ago.
§Ms-175
38r[3] &38v[1]
312 Da ist es mir, als wäre dieser Zweifel hohl. Aber ist es dann nicht auch der Glaube an die Geschichte? Nein; dieser hängt mit so vielem zusammen.
It seems to me as if this doubt is hollow. But isn't it also the belief in the story? No; it is connected with so much.
§Ms-175
38v[2]313 So ist das also, was uns einen Satz glauben macht? Nun, es hängt eben die Grammatik von “glauben” mit der des geglaubten Satzes zusammen.
So, is that what makes us believe a sentence? Well, it is the case that the grammar of “believe” is connected with that of the sentence being believed.
§Ms-175
38v[3] &39r[1]
314 Denk Dir, der Schüler fragte wirklich: “Und ist ein Tisch auch da, wenn ich mich umdrehe; & auch wenn ihn niemand sieht?” Soll da der Lehrer ihn beruhigen? & sagen “Freilich ist er da!” – Vielleicht wird der Lehrer ein bißchen ungeduldig werden, sich denken der Schüler werde sich solche Fragen schon abgewöhnen.
Imagine, the student really asked: “And is a table also there when I turn around; and even if no one sees it?” Should the teacher reassure him? and say “Of course it is there!” – Perhaps the teacher will become a little impatient, thinking that the student will eventually stop asking such questions.
§Ms-175
39r[2] &39v[1] &
40r[1]
315 D.h., der Lehrer wird empfinden, dies sei eigentlich keine berechtigte Frage. Und gleichermaßen wenn der Schüler die Gesetzlichkeit der Natur also die Berechtigung zur Induktion anzweifelte. – Der Lehrer würde empfinden, daß das ihn & den Schüler nur aufhält, daß er dadurch im Lernen nur steckenbliebe & nicht weiterkäme. – Und er hätte recht. Es wäre, als sollte jemand nach einem Gegenstand im Zimmer suchen; er öffnet eine Lade & sieht ihn nicht darin; da schließt er sie wieder, wartet, & öffnet sie wieder um zu sehen, ob er jetzt nicht etwa darin sei, & so fährt er fort. Er hat noch nicht suchen gelernt. Und so hat jener Schüler noch nicht fragen gelernt. Nicht das Spiel gelernt, das wir ihn lehren wollen.
That is, the teacher will feel that this is not really a legitimate question. And the same applies if the student doubted the lawfulness of nature, i.e., the justification for induction. – The teacher would feel that this would only hold him and the student back, that he would only get stuck in learning and not make progress. – And he would be right. It would be as if someone were looking for an object in the room; he opens a drawer and does not see it there; he closes it again, waits, and opens it again to see if it is not there now, and so on. He has not yet learned how to search. And so, that student has not yet learned how to ask questions. Not learned the game that we want to teach him.
§Ms-175
40r[2]316 Und ist es nicht dasselbe, wie wenn der Schüler den Geschichtsunterricht aufhielte durch Zweifel darüber, ob die Erde wirklich …?
And is it not the same as when the student interrupts the history lesson by doubting whether the Earth really…?
§Ms-175
40r[3] &40v[1]
317 Dieser Zweifel gehört nicht zu den Zweifeln unseres Spiels. (Nicht aber, als ob wir uns dieses Spiel aussuchen!)
This doubt does not belong to the doubts of our game. (But not as if we were choosing this game!)
§Ms-175
40v[2]318 12.03.1951
‘Die Frage kommt gar nicht auf.’ Ihre Antwort würde eine Methode charakterisieren. Es ist aber keine scharfe Grenze zwischen methodologischen Sätzen & Sätzen innerhalb einer Methode.
12.03.1951
‘The question does not arise at all.’ Your answer would characterize a method. But there is no sharp boundary between methodological sentences and sentences within a method.
§Ms-175
40v[3] &41r[1]
319 Aber könnte man dann nicht sagen, daß es keine scharfe Grenze gibt zwischen Sätzen der Logik & Erfahrungssätzen? Die Unschärfe ist eben die der Grenze zwischen Regel & Erfahrungssatz.
But could one then not say that there is no sharp boundary between sentences of logic and empirical sentences? The vagueness is precisely that of the boundary between rule and empirical sentence.
§Ms-175
41r[2]320 Hier muß man, glaube ich, daran denken, daß der Begriff ‘Satz’ selbst nicht scharf ist.
Here, I think, one must remember that the concept of ‘sentence’ itself is not sharp.
§Ms-175
41r[3] &41v[1]
321 Ich sage doch: Jeder Erfahrungssatz kann umgewandelt werden in ein Postulat– & wird dann eine Norm der Darstellung. Aber auch dagegen habe ich ein Mißtraun. Der Satz ist zu allgemein.
Man mochte fast sagen “Jeder Erfahrungssatz kann, theoretisch, umgewandelt werden …”, aber was heißt hier “theoretisch”? Es klingt eben zu sehr nach der Log. Phil. Abh..
I say: Every empirical sentence can be transformed into a postulate – and then becomes a norm of representation. But I also have a suspicion about that. The sentence is too general.
One might almost say “Every empirical sentence can, in theory, be transformed…”, but what does “in theory” mean here? It just sounds too much like the Log. Phil. Abh.
§Ms-175
41v[2]322 Wie, wenn der Schüler nicht glauben wollte, daß dieser Berg seit Menschengedenken immer dagestanden ist? Wir würden sagen, er habe ja gar keinen Grund zu diesem Mißtraun.
How, if the student did not want to believe that this mountain has stood there since time immemorial? We would say that he has no reason for this distrust.
§Ms-175
41v[3] &42r[1]
323 Also muß vernünftiges Mißtraun einen Grund haben? Wir könnten auch sagen: “Der Vernünftige glaubt dies.”
So, must reasonable distrust have a reason? We could also say: “The reasonable person believes this.”
§Ms-175
42r[2]324 Wir würden also den nicht vernünftig nennen, der etwas, wissenschaftlicher Evidenz zum Trotz, glaubt.
So we would not call someone reasonable who believes something, despite scientific evidence.
§Ms-175
42r[3] &42v[1]
325 Wenn wir sagen, wir wissen, daß …, so meinen wir daß jeder Vernünftige in unsrer Lage es auch wüßte, daß es Unvernunft wäre, es zu bezweifeln. So will auch Moore nicht nur sagen, er wisse, daß er etc. etc., sondern auch, daß jeder Vernunftbegabte in seiner Lage es ebenso wüßte.
If we say that we know that…, we mean that every reasonable person in our situation would also know it, that it would be unreasonable to doubt it. Moore also does not only want to say that he knows that he etc. etc., but also that every person with reasonable faculties in his situation would know it just as well.
§Ms-175
42v[2]326 Wer sagt uns aber, was in dieser Lage vernünftig ist zu glauben?
But who tells us what is reasonable to believe in this situation?
§Ms-175
42v[3] &43r[1]
327 Man könnte also sagen: “Der vernünftige Mensch glaubt: daß die Erde längst vor seiner Geburt existiert hat, daß sein Leben sich auf der Erdoberfläche oder nicht weit von ihr abgespielt hat, daß er z.B. nie auf dem Mond war, daß er ein Nervensystem besitzt & verschiedene Innereien wie alle andern Menschen etc. etc.”
One could therefore say: “The reasonable person believes: that the Earth existed long before his birth, that his life took place on the Earth's surface or not far from it, that he has, for example, never been on the moon, that he has a nervous system and various internal organs like all other people, etc. etc.”
§Ms-175
43r[2]328 “Ich weiß es so, wie ich weiß, daß ich L.W. heiße.”
‘I know it in the same way that I know that I am called L.W.’
§Ms-175
43r[3]329 ‘Wenn er das bezweifelt – was immer hier “bezweifeln” heißt – dann wird er dieses Spiel nie erlernen.’
‘If he doubts this – whatever “doubts” means here – then he will never learn this game.’
§Ms-175
43r[4] &43v[1]
330 Der Satz “Ich weiß …” drückt also hier die Bereitschaft aus, gewisse Dinge zu glauben.
The sentence “I know…” therefore expresses here the willingness to believe certain things.
§Ms-175
43v[2]331 13.03.1951
Wenn wir überhaupt auf den Glauben hinauf mit Sicherheit handeln, sollen wir uns dann wundern, daß wir an Vielem nicht zweifeln können?
13.03.1951
If we act with certainty, should we then be surprised that we cannot doubt many things?
§Ms-175
43v[3] &44r[1]
332 Denke Dir, jemand würde, ohne philosophieren zu wollen, sagen: “Ich weiß nicht, ob ich je auf dem Mond gewesen bin; ich erinnere mich nicht, jemals dort gewesen zu sein.” (Warum wäre dieser Mensch von uns so grundverschieden?) Vor allem: Wie wüßte er denn, daß er auf dem Mond ist? wie stellt er sich das vor. Vergleiche: “Ich weiß nicht, ob ich je im Dorfe X war.” Aber ich könnte auch das nicht sagen, wenn X in der Türkei läge, denn ich weiß daß ich nie in der Türkei war.
Imagine someone, without wanting to philosophize, says: “I don’t know if I’ve ever been to the moon; I don’t remember ever having been there.” (Why would this person be so fundamentally different from us?) Above all: How would he know that he is on the moon? How does he imagine it? Consider: “I don’t know if I’ve ever been to village X.” But I couldn’t say that either if X were in Turkey, because I know that I’ve never been to Turkey.
§Ms-175
44r[2] &44v[1]
333 Ich frage jemand: “Warst Du jemals in China?” Er antwortet: “Ich weiß nicht.” Da würde man doch sagen: “Du weißt es nicht? Hast Du irgend einen Grund zu glauben, Du wärest vielleicht einmal dort gewesen? Warst Du z.B. einmal in der Nähe der chinesischen Grenze? oder waren Deine Eltern dort zur Zeit da Du geboren wurdest?” – Normalerweise wissen Europäer doch, ob sie in China waren oder nicht.
I ask someone: “Have you ever been to China?” He replies: “I don’t know.” One would then say: “You don’t know it? Do you have any reason to believe that you might have been there at some point? For example, were you ever near the Chinese border? Or were your parents there at the time you were born?” – Usually, Europeans know whether or not they have been to China.
§Ms-175
44v[2]334 D.h.: der Vernünftige zweifelt daran nur unter den & den Umständen.
D.h.: the rational person only doubts that under certain circumstances.
§Ms-175
44v[3] &45r[1]
335 Das Verfahren in einem Gerichtssaal beruht darauf, daß Umstände Aussagen eine gewisse Wahrscheinlichkeit geben. Die Aussage z.B., jemand sei ohne Eltern auf die Welt gekommen, würde dort nie in Erwägung gezogen werden.
The procedure in a courtroom is based on the fact that circumstances give statements a certain probability. The statement, for example, that someone was born without parents, would never be considered there.
§Ms-175
45r[2] &45v[1]
336 Aber was Menschen vernünftig oder unvernünftig erscheint, ändert sich. Zu gewissen Zeiten scheint Menschen etwas vernünftig, was zu andern Zeiten unvernünftig schien. Und umgekehrt. Aber gibt es hier nicht ein objektives Merkmal? Sehr gescheite & gebildete Leute glauben an die Schöpfungsgeschichte der Bibel & andere halten sie für erwiesenermaßen falsch, & diese Gründe sind jenen bekannt.
But what seems reasonable or unreasonable to people changes. At certain times, something seems reasonable to people that seemed unreasonable at other times. And vice versa. But isn't there an objective criterion here? Very clever & educated people believe in the creation story of the Bible, & others consider it demonstrably false, & these reasons are known to them.
§Ms-175
45v[2] &46r[1]
337 Man kann nicht experimentieren wenn man nicht manches nicht bezweifelt. Das heißt aber nicht, daß man dann gewisse Voraussetzungen auf guten Glauben hinnimmt. Wenn ich einen Brief schreibe & aufgebe, so nehme ich an daß er ankommen wird, das erwarte ich. Wenn ich experimentiere so zweifle ich nicht an der Existenz des Apparates den ich vor den Augen habe. Ich habe eine Menge Zweifel, aber nicht den. Wenn ich eine Rechnung mache, so glaube ich, ohne Zweifel, daß sich die Ziffern auf dem Papier nicht von selbst vertauschen, auch vertraue ich fortwährend meinem Gedächtnis & vertraue ihm unbedingt. Es ist hier dieselbe Sicherheit wie, daß ich nicht auf dem Mond war.
One cannot experiment if one does not doubt certain things. But that does not mean that one then accepts certain presuppositions on good faith. If I write & mail a letter, I assume that it will arrive; that is what I expect. When I experiment, I do not doubt the existence of the apparatus that I have before my eyes. I have many doubts, but not that one. If I do a calculation, I believe, without a doubt, that the figures on the paper do not change themselves, & I also continuously trust my memory & absolutely rely on it. Here, it is the same certainty as the fact that I have not been to the moon.
§Ms-175
46r[2] &46v[1] &
47r[1]
338 Denken wir uns aber Leute die dieser Sachen nie ganz sicher wären, aber wohl sagten, es sei sehr wahrscheinlich so & es lohne sich nicht daran zu zweifeln. So einer würde also, wenn er in meiner Lage wäre sagen: “Es ist höchst unwahrscheinlich, daß ich je auf dem Mond war”, etc., etc.. Wie würde sich das Leben dieser Leute von unserem unterscheiden? Es gibt ja Leute, die sagen, es sei nur höchst unwahrscheinlich, daß das Wasser im Kessel, der über'm Feuer steht, kochen & nicht gefrieren wird, es sei (also) strenggenommen was wir als unmöglich ansehen nur unwahrscheinlich. Welchen Unterschied macht dies in ihrem Leben? Ist es nicht nur, daß sie über gewisse Dinge etwas mehr reden, als die Andern?
Let us imagine people who would never be quite certain about these things, but who would probably say that it is very likely so & that it is not worth doubting. Such a person, if he were in my position, would say: “It is highly improbable that I have ever been on the moon”, etc., etc. How would the life of these people differ from ours? There are people who say that it is only highly improbable that the water in the kettle, which is over the fire, will boil & not freeze; it is (therefore) strictly speaking only improbable, what we regard as impossible. What difference does this make in their life? Is it not only that they talk a little more about certain things than the others?
§Ms-175
47r[2] &47v[1]
339 Denk Dir einen Menschen der seinen Freund vom Bahnhof abholen soll, & nun nicht einfach im Fahrplan nachsieht & zur gewissen Zeit auf den Bahnhof geht, sondern er sagt: “Ich glaube nicht daß der Zug wirklich ankommen wird, aber ich werde dennoch zur Bahn gehen.” Er tut alles was der gewöhnliche Mensch tut, begleitet es aber mit Zweifeln oder Unwillen über sich selbst, etc..
Imagine a person who is supposed to pick up his friend from the train station, & instead of simply checking the timetable & going to the station at the specified time, he says: “I don’t really believe the train will arrive, but I will still go to the station.” He does everything that an ordinary person would do, but accompanies it with doubts or a lack of will regarding himself, etc.
§Ms-175
47v[2] &48r[1]
340 Mit derselben Gewißheit mit der wir irgend einen mathematischen Satz glauben, wissen wir auch, wie die Buchstaben “A” & “B” auszusprechen sind, wie die Farbe des menschlichen Bluts heißt, daß andre Menschen Blut haben & es “Blut” nennen.
With the same certainty with which we believe any mathematical sentence, we also know how the letters “A” & “B” are pronounced, what the color of human blood is called, that other people have blood & call it “blood”.
§Ms-175
48r[2]341 D.h., die Fragen, die wir stellen & unsre Zweifel beruhen auf der Zweifelsfreiheit derjenigen Annahmen, die gleichsam die Angeln sind, in denen jene sich drehen.
In other words, the questions we pose & our doubts rest on the unquestionability of those assumptions, which are, as it were, the anchors around which those doubts revolve.
§Ms-175
48v[1]342 D.h., es gehört zur Logik unsrer Wissenschaftlichen Untersuchungen, daß Gewisses in der Tat nicht angezweifelt wird.
That is to say, it is part of the logic of our scientific investigations that certain things are not doubted, indeed.
§Ms-175
48v[2]343 Es ist aber damit nicht so, daß wir eben nicht alles untersuchen können: und uns daher notgedrungen mit der Annahme zufriedenstellen müssen. Wenn ich will, daß die Türe sich drehe, müssen die Angeln feststehen.
However, it is not the case that we simply cannot investigate everything: & that we must therefore reluctantly be satisfied with an assumption. If I want the door to turn, the hinges must be firmly in place.
§Ms-175
48v[3]344 Mein Leben besteht darin, daß ich mich mit manchem zufriedengebe.
My life consists in the fact that one is content with many things.
§Ms-175
49r[1]345 Wenn ich frage “Welche Farbe siehst Du jetzt”, um nämlich zu erfahren, welche Farbe jetzt dort ist, so kann ich nicht zu gleicher Zeit auch bezweifeln, ob der Angeredete Deutsch versteht, ob er mich hintergehen will, ob mein eigenes Gedächtnis die Bedeutung der Farbnamen betreffend mich nicht im Stich läßt, etc.
If I ask, “What color do you see now,” in order to find out what color is there now, then I cannot at the same time also doubt whether the person addressed understands German, whether he wants to deceive me, whether my own memory is not failing me with regard to the meaning of color names, etc.
§Ms-175
49r[2] &49v[1]
346 Wenn ich Einen im Schach matt zu setzen suche, kann ich nicht zweifeln, ob die Figuren nicht vielleicht von selbst ihre Stellungen wechseln & zugleich mein Gedächtnis mir einen Streich spielt, daß ich's nicht merke.
If I am trying to checkmate someone in chess, I cannot doubt whether the pieces might not change their positions on their own and at the same time my memory is playing tricks on me, so that I don't notice.
§Ms-175
49v[2] &50r[1]
347 15.03.1951
“I know that that's a tree.” Warum kommt mir vor, ich verstünde den Satz nicht? obwohl er doch ein höchst einfacher Satz, von der gewöhnlichsten Art ist? Es ist als könnte ich meinen Geist nicht auf irgend eine Bedeutung einstellen. Weil ich nämlich die Einstellung nicht in dem Bereiche suche, wo sie ist. Sowie ich aus der philosophischen an eine alltägliche Anwendung des Satzes denke, wird sein Sinn klar & gewöhnlich.
15.03.1951
“I know that that is a tree.” Why does it seem to me as if I don’t understand the sentence, even though it is a very simple sentence, of the most ordinary kind? It is as if I cannot set my mind to any meaning. Because I am not looking for the meaning in the area where it is. As soon as I think of a common application of the sentence, as opposed to a philosophical one, its sense becomes clear and ordinary.
§Ms-175
50r[2] &50v[1]
348 So wie die Worte “Ich bin hier” nur in gewissen Zusammenhängen Sinn haben, nicht aber, wenn ich sie Einem sage, der mir gegenüber sitzt & mich klar sieht, – & zwar nicht darum, weil sie dann überflüssig sind, sondern, weil ihr Sinn durch die Situation nicht bestimmt ist, aber so eine Bestimmung braucht.
Just as the words “I am here” only have sense in certain contexts, but not if I say them to someone who is sitting opposite me and can clearly see me – and not because they are then superfluous, but because their sense is not determined by the situation, but such a determination is needed.
§Ms-175
50v[2] &51r[1] &
51v[1]
349 “Ich weiß, daß das ein Baum ist” – dies kann alles mögliche bedeuten: Ich schaue auf eine Pflanze, die ich für eine junge Buche, der Andre für eine Ribiselpflanze halte. Er sagt “Das ist ein Strauch”, ich, es sei ein Baum. – Wir sehen im Nebel etwas, was einer von uns für einen Menschen hält, der Andre sagt “Ich weiß, daß das ein Baum ist”. Jemand will meine Augen prüfen etc. etc. – etc. etc. Jedesmal ist das “das”, was ich für einen Baum erkläre, von andrer Art. Wie aber wenn wir uns bestimmter ausdrückten? also z.B.: “Ich weiß, daß das dort ein Baum ist, ich sehe es klar genug.” – Nehmen wir sogar an, ich hätte im Zusammenhang eines Gesprächs diese Bemerkung gemacht (die also damals relevant war); & nun, außer allem Zusammenhang, wiederhole ich sie, indem ich den Baum ansehe, & ich setze hinzu “Ich meine diese Worte so wie vor 5 Minuten.” – Wenn ich z.B. dazu sagte, ich hätte wieder an meine schlechten Augen gedacht & es sei eine Art Seufzen gewesen, so wäre nichts Rätselhaftes an der Äußerung. Wie der Satz gemeint ist, kann ja durch eine Ergänzung des Satzes ausgedrückt werden & läßt sich also mit ihm vereinigen.
“I know that that is a tree” – this can mean all sorts of things: I am looking at a plant that I take to be a young beech tree, and the other person takes it to be a currant bush. He says “That is a bush,” I say it is a tree. – We see something in the fog, which one of us thinks is a human being, the other says “I know that that is a tree.” Someone wants to test my eyes, etc., etc. – Every time, the “that” that I declare to be a tree is of a different kind. But what if we were to express ourselves more precisely? for example: “I know that that tree over there is a tree, I can see it clearly enough.” – Let us even assume that I made this remark in the context of a conversation (which was therefore relevant at the time); and now, out of all context, I repeat it, while looking at the tree, and I add “I mean these words in the same way as 5 minutes ago.” – If, for example, I added that I was thinking of my poor eyesight and it was a kind of sigh, then there would be nothing mysterious about the utterance. How the sentence is meant can be expressed by an addition to the sentence and can thus be reconciled with it.
§Ms-175
51v[2] &52r[1] &
52v[1] &
53r[1]
350 “Ich weiß, daß das ein Baum ist” sagt ein Philosoph etwa, um sich selbst oder einem Andern vor Augen zu führen, er wisse etwas, was keine mathematische oder logische Wahrheit sei. Ähnlich könnte jemand, der mit dem Gedanken umgeht, er sei zu nichts mehr zu brauchen, sich immer wieder sagen “Ich kann noch immer das & das tun”. Gingen solche Gedanken öfter in seinem Kopf herum, so würde man sich nicht darüber wundern, wenn er, scheinbar außer allem Zusammenhang, so einen Satz vor sich hinspräche. (Ich habe aber mir bereits einen Hintergrund, eine Umgebung für diese Äußerungen eingezeichnet, ihnen also einen Zusammenhang gegeben.) Wenn Einer dagegen, unter ganz heterogenen Umständen, mit der überzeugendsten Mimik ausriefe “Nieder mit ihm!”, so könnte man von diesen Worten (& ihrem Tone) sagen, sie seien eine Figur, die allerdings wohlbekannte Anwendungen habe, hier aber sei es nicht einmal klar, welche Sprache der Betreffende rede. Ich könnte mit meiner Hand die Bewegung machen die zu machen wäre wenn ich einen Fuchsschwanz in der Hand hätte & ein Brett durchsägte; aber hätte man ein Recht diese Bewegung außer allem Zusammenhang ein Sägen zu nennen. (Sie könnte ja auch etwas ganz anderes sein!)
“I know that that is a tree” – a philosopher might say this in order to bring before his own eyes or the eyes of another that he knows something that is not a mathematical or logical truth. Similarly, someone who is preoccupied with the thought that he is no longer of use to anyone might repeatedly say to himself, “I can still do this and that.” If such thoughts were to occur more often in his head, one would not be surprised if he spoke such a sentence to himself, apparently out of all context. (But I have already sketched a background, an environment for these utterances, thus giving them a context.) If, on the other hand, someone were to exclaim, with the most convincing mime, under completely heterogeneous circumstances, “Down with him!” one could say of these words (and their tone) that they are a figure, which certainly has well-known applications, but here it is not even clear which language the person is speaking. I could make with my hand the movement that would be made if I had a fox's tail in my hand and was sawing a board; but would one be justified in calling this movement a sawing movement outside of all context? (It could be something completely different!)
§Ms-175
53r[2] &53v[1]
351 Ist nicht die Frage “Haben diese Worte Sinn” ähnlich der: “Ist das ein Werkzeug”, indem man, sagen wir, einen Hammer herzeigt. Ich sage “Ja, das ist ein Hammer”. Aber wie wenn das, was jeder von uns für einen Hammer hielte, wo anders z.B. ein Wurfgeschoß, oder Dirigentenstock wäre. Mache die Anwendung nun selbst!
Isn't the question “Do these words have sense” similar to the question: “Is this a tool,” when one shows, say, a hammer. I say “Yes, that is a hammer.” But what if what each of us considers to be a hammer were something else, e.g., a projectile, or a conductor's baton? Now, let's perform the application ourselves!
§Ms-175
53v[2] &54r[1]
352 Sagt nun jemand “Ich weiß, daß das ein Baum ist”, so kann ich antworten: “Ja, das ist ein Satz. Ein deutscher Satz. Und was soll's damit.” Wenn er nun antwortet: “Ich wollte mich nur daran erinnern, daß ich soetwas weiß”? – – –
Now, if someone says “I know that that is a tree,” I can reply: “Yes, that is a sentence. A German sentence. And what is the point of it?” If he then replies: “I just wanted to remind myself that I know something like that”? – – –
§Ms-175
54r[2]353 Wie aber, wenn er sagte: “Ich will eine logische Bemerkung machen”? – – – Wenn der Förster mit seinen Arbeitern in den Wald geht & nun sagt “Dieser Baum ist umzuhauen, & dieser & dieser” – – – wie, wenn er da die Bemerkung macht “Ich weiß, daß das ein Baum ist”? – Könnte aber nicht ich vom Förster sagen “Er weiß, daß das ein Baum ist; er untersucht es nicht, befiehlt seinen Leuten nicht es zu untersuchen.”?
But how if he said: “I want to make a logical remark”? – – – When the forester goes into the forest with his workers & now says “This tree is to be cut down, & this & this” – – – how if he makes the remark “I know that that is a tree”? – Couldn’t one say of the forester, “He knows that that is a tree; he isn’t investigating it, he isn’t ordering his men to investigate it.”?
§Ms-175
54v[1]354 Zweifelndes & Nichtzweifelndes Benehmen. Es gibt das erste nur, wenn es das Zweite gibt.
Doubtful and non-doubtful behavior. The former exists only if the latter exists.
§Ms-175
54v[2] &t55r[1]
355 Der Irrenarzt etwa könnte mich fragen “Weißt Du, was das ist”, & ich antworten: “ich weiß, daß das ein Sessel ist; ich kenne ihn, er ist immer schon in meinem Zimmer gestanden.” Er prüft da vielleicht nicht meine Augen, sondern mein Vermögen, Dinge wiederzuerkennen, ihren Namen & ihre Funktion zu wissen. Es handelt sich da um ein Sich-auskennen. Es wäre nun für mich falsch zu sagen “Ich glaube, daß das ein Sessel ist”, weil dadurch die Bereitschaft zur Prüfung der Aussage ausgesprochen wäre. Während “Ich weiß, daß das …” impliziert, daß Verblüffung einträte, wenn die Bestätigung nicht einträte.
The psychiatrist, for example, might ask me, “Do you know what this is,” & I might answer, “I know that this is a chair; I am familiar with it; it has always been in my room.” He might not be testing my eyesight there, but rather my ability to recognize things, to know their name & their function. This is about being familiar with something. It would be wrong for me to say, “I think that this is a chair,” because that would express a willingness to have the statement tested. Whereas “I know that this is…” implies that surprise would occur if confirmation did not occur.
§Ms-175
55r[2] &55v[1]
356 Mein ‘Seelenzustand’, das “Wissen” steht mir nicht gut für das, was geschehen wird. Er besteht aber darin, daß ich nicht verstünde, wo ein Zweifel ansetzen könnte, wo eine Überprüfung möglich wäre.
My ‘state of mind,’ this ‘knowledge,’ does not serve me well for what will happen. However, it consists in the fact that I would not understand where a doubt could arise, where a verification would be possible.
§Ms-175
55v[2]357 Man könnte sagen: “Ich weiß drückt die beruhigte Sicherheit aus, nicht die noch kämpfende.”
One could say: “ ‘I know’ expresses the reassured certainty, not the one that is still struggling.”
§Ms-175
55v[3]358 Ich möchte nun diese Sicherheit nicht als etwas der Vorschnellheit oder Oberflächlichkeit Verwandtes ansehen, sondern als (eine) Lebensform. (Das ist sehr schlecht ausgedrückt & vielleicht schlecht gedacht.)
I would now like to see this certainty not as something related to rashness or superficiality, but as a form of life. (This is very poorly expressed and perhaps poorly thought out.)
§Ms-175
56r[1]359 Das heißt doch, ich will sie als etwas auffassen, was jenseits von berechtigt & unberechtigt liegt; also gleichsam als etwas Animalisches.
That is, I want to understand it as something that lies beyond what is justified and unjustified; as something animalistic, so to speak.
§Ms-175
56r[3] &56v[1]
360 Ich weiß, daß dies mein Fuß ist. Ich könnte keine Erfahrung als Beweis des Gegenteils anerkennen. – Das kann ein Ausruf sein; aber was folgt daraus? Jedenfalls, daß ich mit unbedingter Sicherheit dem Gewußten gemäß handeln werde.
I know that this is my foot. I could not accept any experience as proof of the contrary. – This could be an exclamation; but what follows from it? In any case, that I will act in accordance with what I know with absolute certainty.
§Ms-175
56v[2] &57r[1]
361 Ich könnte aber auch sagen, es ist mir von Gott geoffenbart, daß das so ist. Gott hat mich gelehrt, daß das mein Fuß ist. Und geschähe also etwas, was dieser Erkenntnis zu widerstreiten scheint, so müßte ich das als Trug ansehen.
However, I could also say that it has been revealed to me by God that this is the case. God has taught me that this is my foot. And if something were to happen that seems to contradict this knowledge, then I would have to regard that as an illusion.
§Ms-175
57r[2]362 Aber zeigt sich hier nicht, daß das Wissen mit einer Entscheidung verwandt ist?
But doesn’t this show that knowledge is related to a decision?
§Ms-175
57r[3]363 Und es ist hier schwer den Übergang von dem, was man ausrufen möchte, zu den praktischen Folgen zu finden.
And it is difficult here to find the transition from what one wants to exclaim to the practical consequences.
§Ms-175
57v[1]364 Man könnte auch so fragen: “Wenn Du weißt, daß das Dein Fuß ist, – weißt Du da auch, oder glaubst Du nur, daß keine zukünftige Erfahrung Deinem Wissen widersprechen zu scheinen wird?” (d.h., daß sie Dir selbst nicht so scheinen wird?)
One could also ask: “If you know that that is your foot, do you know it, or do you only believe that no future experience will seem to contradict your knowledge?” (i.e., that it will not seem so to you yourself?)
§Ms-175
57v[2] &58r[1]
365 Wenn nun Einer antwortete: “Ich weiß auch, daß es mir nie so scheinen wird, als widerspräche etwas jener Erkenntnis”, – was können wir daraus entnehmen? als daß er selbst nicht zweifelte es werde das nie geschehen. –
If someone were to reply: “I also know that it will never seem to me as though something contradicts that insight,” what can we infer from this? Only that he himself does not doubt that it will never happen.
§Ms-175
58r[2]366 Wie wenn es verboten wäre zu sagen “Ich weiß” & erlaubt nur zu sagen “Ich glaube zu wissen”?
As if it were forbidden to say “I know” and only allowed to say “I believe to know”?
§Ms-175
58r[3] &58v[1]
367 Ist nicht der Zweck, ein Wort wie “wissen” analog mit “glauben” zu konstruieren, daß dann der Aussage “Ich weiß” ein Opprobrium anhaftet, wenn, wer es sagt, sich geirrt hat. Ein Irrtum wird dadurch zu etwas Unerlaubtem.
Isn’t the purpose of constructing a word like “know” analogously with “believe” that the statement “I know” is then associated with opprobrium if the person who says it is mistaken? An error is thereby made something impermissible.
§Ms-175
58v[2]368 Wenn Einer sagt, er werde keine Erfahrung als Beweis des Gegenteils anerkennen, so ist das doch eine Entscheidung. Es ist möglich daß er ihr zuwider handeln wird.
If someone says that he will not accept any experience as proof of the contrary, then that is, after all, a decision. It is possible that he will act contrary to it.
§Ms-175
58v[3] &59r[1]
369 16.03.1951
Wenn ich zweifeln wollte, daß dies meine Hand ist, wie könnte ich da nicht zweifeln, daß das Wort “Hand” irgend eine Bedeutung hat? Das scheine ich also doch zu wissen.
March 16, 1951
If I wanted to doubt that this is my hand, how could I doubt that the word “hand” has some meaning? So it seems I do know that.
§Ms-175
59r[2]370 Richtiger aber: Daß ich ohne Skrupel das Wort “Hand” & alle übrigen Wörter meines Satzes gebrauche, ja daß ich vor dem Nichts stünde, sowie ich auch nur versuchen wollte zu zweifeln, – zeigt, daß die Zweifellosigkeit zum Wesen des Sprachspiels gehört, daß die Frage “Wie weiß ich …” das Sprachspiel hinauszieht, oder aufhebt.
Rather: That I use the word “hand” & all the other words in my sentence without reservation, yes, that I would be at a loss if I even tried to doubt it – shows that certainty is part of the essence of the language-game, that the question “How do I know…” takes the language-game beyond its limits, or dissolves it.
§Ms-175
59v[1]371 Heißt nicht “Ich weiß, daß das eine Hand ist” in Moores Sinn das Gleiche oder etwas ähnliches wie: ich könne Aussagen gebrauchen wie “Ich habe Schmerzen in dieser Hand”, oder “Diese Hand ist schwächer als die andre”, oder “Ich habe mir einmal diese Hand gebrochen”, etc., – – –
Does “I know that that is a hand” in Moore’s sense mean the same or something similar to: I can use statements such as “I have pain in this hand,” or “This hand is weaker than the other,” or “I once broke this hand,” etc. – – –
§Ms-175
60r[2]ich könne Aussagen wie: … in Sprachspielen gebrauchen, in welche ein Zweifel an der Existenz dieser Hand nicht eintritt.
that I can use statements such as… in language-games in which a doubt about the existence of this hand does not arise.
§Ms-175
60r[3] &60v[1]
372 Nur in gewissen Fällen ist eine Untersuchung “Ist das wirklich eine Hand?” (oder “meine Hand”) möglich. Denn der Satz “Ich zweifle daran, ob das wirklich meine (oder eine) Hand ist” hat ohne nähere Bestimmung noch keinen Sinn. Es ist aus diesen Worten allein noch nicht zu ersehen was für ein Zweifel gemeint ist.
Only in certain cases is an investigation “Is this really a hand?” (or “my hand”) possible. For the sentence “I doubt whether this is really my (or a) hand” has no sense without further specification. It is not possible to discern from these words alone what kind of doubt is meant.
§Ms-175
60v[2]373 Warum soll es möglich sein, einen Grund zum Glauben zu haben, wenn es nicht möglich ist sicher zu sein?
Why should it be possible to have a reason to believe if it is not possible to be certain?
§Ms-175
60v[3] &61r[1]
374 Wir lehren das Kind “Das ist Deine Hand”, nicht “Das ist vielleicht [oder “wahrscheinlich”] Deine Hand”. So lernt das Kind die unzähligen Sprachspiele, die sich mit seiner Hand beschäftigen. Eine Untersuchung oder Frage, ‘ob dies wirklich eine Hand ist’ kommt ihm gar nicht unter. Anderseits lernt es auch nicht: es wisse, daß dies seine Hand sei.
We teach the child “This is your hand,” not “This is perhaps [or ‘probably’] your hand.” Thus the child learns the countless language-games that involve his hand. An investigation or question, “Is this really a hand?” does not even occur to him. On the other hand, he does not learn: he knows that this is his hand.
§Ms-175
61r[2] &61v[1]
375 Man muß hier einsehen, daß die vollkommene Zweifellosigkeit in einem Punkt, sogar dort wo, wie wir sagen würden, ‘berechtigte’ Zweifel bestehen können, ein Sprachspiel nicht falsifizieren muß. Es gibt eben auch so etwas wie eine andere Arithmetik. Dieses Eingeständnis muß, glaube ich, am Grunde alles Verständnisses der Logik liegen.
One must recognize here that complete certainty in one point, even where ‘justified’ doubts might exist, does not necessarily falsify a language-game. There is also such a thing as a different kind of arithmetic. This admission, I believe, must lie at the root of all understanding of logic.
§Ms-175
61v[2]376 17.03.1951
Ich kann mich mit Leidenschaft dafür erklären, daß ich weiß, daß das(z.B.) mein Fuß ist.
March 16, 1951
I can passionately affirm that I know that this (e.g.) is my foot.
§Ms-175
61v[3] &62r[1]
377 Aber diese Leidenschaft ist doch etwas (sehr) seltenes & es ist von ihr keine Spur, wenn ich für gewöhnlich von diesem Fuß rede.
But this passion is something (very) rare, & there is no trace of it when I ordinarily speak of this foot.
§Ms-175
62r[2]378 Das Wissen gründet sich am Schluß auf der Anerkennung.
Knowledge is ultimately based on recognition.
§Ms-175
62r[3]379 Ich sage mit Leidenschaft “Ich weiß, daß das ein Fuß ist” – aber was bedeutet es?
I say passionately “I know that that is a foot” – but what does it mean?
§Ms-175
62r[4] &62v[1]
380 Ich könnte fortfahren: “Nichts auf der Welt wird mich vom Gegenteil überzeugen!” Das Faktum ist für mich am Grunde aller Erkenntnis. Ich werde anderes aufgeben, aber nicht das.
I could continue: “Nothing in the world will convince me of the contrary!” The fact is, at bottom, the foundation of all knowledge. I will give up other things, but not this.
§Ms-175
62v[2]381 Dieses “Nichts auf der Welt …” ist offenbar eine Einstellung, die man nicht gegenüber alledem hat, was man glaubt, oder dessen man ‘sicher ist’.
This “Nothing in the world…” is obviously an attitude that one does not have toward everything one believes, or of which one is ‘certain’.
§Ms-175
62v[3] &63r[1]
382 Es ist damit nicht gesagt, daß wirklich nichts auf der Welt im Stande sein wird, mich eines andern zu überzeugen.
This does not mean that nothing in the world is actually capable of convincing me of something else.
§Ms-175
63r[2]383 Das Argument “Vielleicht träume ich” ist darum sinnlos, weil dann eben auch diese Äußerung geträumt ist, ja auch das, daß diese Worte eine Bedeutung haben.
The argument “Perhaps I am dreaming” is therefore senseless, because then this utterance too is dreamed, yes, even that the words have meaning.
§Ms-175
63r[3]384 Welcher Art ist nun der Satz “Nichts auf der Welt …”?
What kind of statement is “Nothing in the world…”?
§Ms-175
63r[4] &63v[1]
385 Er hat die Form einer Vorhersage, ist aber (natürlich) nicht eine, die auf Erfahrung beruht.
It has the form of a prediction, but is (of course) not a prediction based on experience.
§Ms-175
63v[3] &64r[1]
386 Wer, wie Moore, sagt, er wisse, daß … – gibt den Grad der Gewißheit an, den etwas für ihn hat. Und es ist wichtig, daß es für diesen Grad ein Maximum gibt.
Whoever, like Moore, says that he knows that… indicates the degree of certainty that something has for him. And it is important that there is a maximum for this degree.
§Ms-175
64r[2] &64v[1]
387 Man könnte mich fragen: “Wie sicher bist Du: daß das dort ein Baum ist; daß Du Geld in der Tasche hast; daß das Dein Fuß ist?” Und die Antwort könnte in einem Fall sein “nicht sicher”, in einem andern “so gut wie sicher”, im dritten “Ich kann nicht zweifeln”. Und diese Antworten hätten Sinn auch ohne alle Gründe. Ich brauchte z.B. nicht sagen: “Ich kann nicht sicher sein, ob das ein Baum ist, weil meine Augen nicht scharf genug sind.” Ich will sagen: es hatte Sinn für Moore zu sagen “Ich weiß, daß das ein Baum ist” wenn er damit etwas ganz bestimmtes sagen wollte.
One could ask me: “How certain are you that that is a tree; that you have money in your pocket; that that is your foot?” And the answer could be “not certain” in one case, “almost certain” in another, “I cannot doubt it” in the third. And these answers would make sense even without any reasons. I do not need to say, for example, “I cannot be sure whether that is a tree, because my eyes are not sharp enough.” I want to say: it made sense for Moore to say “I know that that is a tree” if he meant to say something quite specific.
§Ms-175
64v[2] &65r[1]
Ich glaube einen Philosophen, einen der selbst denken kann, könnte es interessieren meine Noten zu lesen. Denn wenn ich auch nur selten in's Schwarze getroffen habe, so würde er doch erkennen, nach welchen Zielen ich unablässig geschossen habe.
I believe a philosopher, one who can think for himself, might be interested in reading my notes. Because even if I have only rarely hit the mark, he would still recognize the goals towards which I have tirelessly aimed.
§Ms-175
65r[2] &65v[1]
388 Jeder von uns gebraucht oft einen solchen Satz & es ist nicht fraglich, ob er Sinn hat. Läßt sich damit aber auch ein philosophischer Aufschluß geben? Ist es mehr ein Beweis der Existenz der äußern Dinge, daß ich weiß, daß das eine Hand ist, als daß ich nicht weiß, ob das Gold oder Messing ist?
Each of us often uses such a sentence, and it is not questionable whether it has sense. But can a philosophical insight also be derived from it? Is it more a proof of the existence of external things that I know that this is a hand, than that I do not know whether it is gold or brass?
§Ms-175
65v[2] &66r[1]
389 18.03.1951
M. wollte ein Beispiel dafür geben, daß man Sätze über physikalische Gegenstände wirklich wissen könne. – Wenn es streitig wäre ob man an der & der bestimmten Stelle des Körpers Schmerzen haben kann, dann könnte Einer, der gerade dort Schmerzen hat, sagen: “Ich versichere Dich, ich habe jetzt da Schmerzen”. Es klänge aber seltsam, wenn M. gesagt hätte: “Ich versichere Dich, ich weiß, daß das ein Baum ist”. Es hat eben hier nicht ein persönliches Erlebnis für uns Interesse.
18.03.1951
M. wanted to give an example to show that one can really know sentences about physical objects. – If it were disputed whether one can have pain at the one or the other specific place of the body, then someone who is currently experiencing pain there could say: “I assure you, I have pain there now.” But it would sound strange if M. said: “I assure you, I know that this is a tree.” In this case, a personal experience is not of interest to us.
§Ms-175
66r[2]390 Wichtig ist es nur, daß es Sinn hat zu sagen, man wisse so etwas; & dann kann die Versicherung, man wisse es, hier nichts ausrichten.
The important thing is only that it makes sense to say that one knows something; and then the assurance that one knows it cannot achieve anything here.
§Ms-175
66r[3] &66v[1]
391 Denk Dir ein Sprachspiel “Wenn ich Dich rufe, komm zur Tür herein”. In allen gewöhnlichen Fällen wird ein Zweifel, ob wirklich eine Tür da ist, unmöglich sein.
Imagine a language-game: “If I call you, come in through the door.” In all ordinary cases, a doubt as to whether there really is a door will be impossible.
§Ms-175
66v[2] &67r[1]
392 Was ich zeigen muß, ist, daß ein Zweifel nicht notwendig ist, auch wenn er möglich ist. Daß die Möglichkeit des Sprachspiels nicht davon abhängt, daß alles bezweifelt werde, was bezweifelt werden kann. (Das hängt mit der Rolle des Widerspruchs in der Mathematik zusammen.)
What I must show is that a doubt is not necessary, even if it is possible. That the possibility of the language-game does not depend on the fact that everything that can be doubted is doubted. (This is connected with the role of contradiction in mathematics.)
§Ms-175
67r[2]393 Der Satz “Ich weiß, daß das ein Baum ist” könnte, wenn er außerhalb seines Sprachspiels gesagt wird, auch ein Zitat (aus einer deutschen Sprachlehre etwa sein. – “Aber wenn ich ihn nun meine, während ich ihn spreche?” Das alte Mißverständnis das Wort “meinen” betreffend.
The sentence “I know that this is a tree” could, when said outside of its language-game, also be a quotation (from a German grammar, for example). – “But if I now mean it, while I speak it?” The old misunderstanding concerning the word “mean.”
§Ms-175
67r[3] &67v[1]
394 “Dies gehört zu den Dingen, an denen ich nicht zweifeln kann.”
“This is one of the things about which I cannot doubt.”
§Ms-175
67v[2]395 “Ich weiß das alles.” Und das wird sich darin zeigen, wie ich handle & über die Dinge spreche.
“I know all of this.” And that will show itself in how I act and speak about things.
§Ms-175
67v[3]396 Im Sprachspiel “2”, kann er sagen, er wisse, daß, das Bausteine sind? – “Nein, aber er weiß es.”
In the language-game “2,” can he say that he knows that these are building blocks? – “No, but he knows it.”
§Ms-175
67v[4] &68r[1]
397 Habe ich mich nicht geirrt & hat nicht Moore vollkommen recht? Habe ich nicht den elementaren Fehler gemacht, zu verwechseln was man denkt mit dem, was man weiß? Freilich denke ich nicht “Die Erde hat einige Zeit vor meiner Geburt schon existiert”, aber weiß ich's drum nicht? Zeige ich nicht, daß ich's weiß, indem ich immer die Konsequenzen draus ziehe.
Have I not made a mistake, and is not Moore completely right? Have I not made the elementary mistake of confusing what one thinks with what one knows? Of course, I do not think “The Earth existed some time before my birth,” but does that mean that I do not know it? Do I not show that I know it by always drawing the consequences from it?
§Ms-175
68r[2]398 Weiß ich nicht auch, daß von diesem Haus keine Stiege 6 Stock tief in die Erde führt, obgleich ich noch nie dran gedacht habe?
Do I not also know that no staircase from this house leads six stories deep into the earth, although I have never thought about it?
§Ms-175
68r[3] &68v[1]
399 Aber zeigt, daß ich die Konsequenzen draus ziehe, nicht nur, daß ich diese Hypothese annehme?
But does showing that I draw the consequences from it not only mean that I assume this hypothesis?
§Ms-175
68v[2]400 19.03.1951
Ich bin hier geneigt, gegen Windmühlen zu kämpfen, weil ich das noch nicht sagen kann, was ich eigentlich sagen will.
19.03.1951
Here I am inclined to fight against windmills, because I cannot yet say what I actually want to say.
§Ms-175
68v[3] &69r[1]
401 Ich will sagen: Sätze von der Form der Erfahrungssätze & nicht nur Sätze der Logik gehören zum Fundament alles Operierens mit Gedanken (mit der Sprache). – Diese Feststellung ist nicht von der Form “Ich weiß, …”. “Ich weiß, …” sagt aus, was ich weiß, & das ist nicht von logischem Interesse.
I want to say: Sentences of the form of statements of experience, and not only sentences of logic, belong to the foundation of all thinking (of language). – This statement is not of the form “I know…” “I know…” expresses what I know, and that is not of logical interest.
§Ms-175
69r[2]402 In dieser Bemerkung ist schon der Ausdruck “Sätze von der Form der Erfahrungssätze” ganz schlecht; es handelt sich um Aussagen über physikalische Gegenstände. Und sie dienen nicht als Fundamente wie Hypothesen, die, wenn sie sich als falsch erweisen, durch andere ersetzt werden.
In this remark, the expression “sentences of the form of statements of experience” is already quite bad; it concerns statements about physical objects. And they do not serve as foundations, like hypotheses that, if they turn out to be false, are replaced by others.
§Ms-175
69v[1]… und schreib getrost “Im Anfang war die Tat.”
… and feel free to write “In the beginning was the deed.”
§Ms-175
69v[2]403 Vom Menschen, in Moores Sinne zu sagen, er wisse etwas; was er sage, sei also unbedingt die Wahrheit, scheint mir falsch. – Es ist die Wahrheit nur insofern, als es eine unwankende Grundlage seiner Sprachspiele ist.
To say, in Moore’s sense, that a human being knows something; that what he says is therefore absolutely true, seems to me wrong. – It is true only insofar as it is an unwavering foundation of his language-games.
§Ms-175
69v[3] &70r[1]
404 Ich will sagen: Es ist nicht so, daß der Mensch in gewissen Punkten mit vollkommener Sicherheit die Wahrheit weiß. Sondern die vollkommene Sicherheit bezieht sich nur auf seine Einstellung.
I want to say: It is not the case that human beings, in certain respects, know the truth with absolute certainty. Rather, the absolute certainty relates only to their attitude.
§Ms-175
70r[2]405 Aber auch hier ist natürlich noch ein Fehler.
But here, too, there is, of course, still a mistake.
§Ms-175
70r[3] &70v[1]
406 Das, worauf ich abziele, liegt auch in dem Unterschied zwischen der beiläufigen Feststellung “Ich weiß, daß das …”, wie sie im gewöhnlichen Leben gebraucht wird, & dieser Äußerung, wenn der Philosoph sie macht.
What I am aiming at also lies in the difference between the casual statement “I know that this is…,” as it is used in ordinary life, and this utterance when the philosopher makes it.
§Ms-175
70v[2]407 Denn wenn M. sagt “Ich weiß, daß das … ist”, möchte ich antworten: “Du weißt gar nichts!” – Und doch würde ich das nicht dem alltäglichen Gebrauch dieser Worte antworten. Ich fühle also (ob mit Recht?), daß diese zwei Verschiedenes sagen wollen.
For if M. says “I know that that … is”, I would like to respond: “You know absolutely nothing!” – And yet, I would not make this response to the everyday use of these words. I therefore feel (rightly or wrongly?) that these two statements want to say something different.
§Ms-175
71r[1]408 Denn sagt Einer, er wisse das & das, & das gehört zu seiner Philosophie, – so ist sie falsch, wenn er in jener Aussage fehl gegangen ist.
If someone says that he knows this & that, & this is part of his philosophy, then it is false if he has made a mistake in that statement.
§Ms-175
71r[2] &71v[1]
409 Wenn ich sage “Ich weiß, daß das ein Fuß ist” – was sage ich eigentlich? Ist nicht der ganze Witz, daß ich der Konsequenzen sicher bin, daß, wenn ein Andrer gezweifelt hätte, ich ihm sagen könnte “Siehst Du, ich hab Dir's gesagt”? Wäre mein Wissen noch etwas wert, wenn es als Richtschnur des Handelns versagte? Und kann es nicht versagen?
When I say “I know that is a foot” – what am I actually saying? Isn’t the whole point that I am certain of the consequences, that if someone else had doubted it, I could say to him, “See, I told you”? Would my knowledge still be worth anything if it failed as a guide to action? And can it not fail?
§Ms-175
71v[2]410 20.03.1951
Unser Wissen bildet ein großes System. Und nur in diesem System hat das Einzelne den Wert, den wir ihm beilegen.
20.03.1951
Our knowledge forms a large system. And only in this system does the individual have the value that we attribute to it.
§Ms-175
71v[3] &72r[1]
411 Wenn ich sage “Wir nehmen an, daß die Erde schon viele Jahre existiert habe” (oder dergl.), so klingt es freilich sonderbar, daß wir soetwas annehmen sollten. Aber im ganzen System unsrer Sprachspiele gehört es zum Fundament. Die Annahme, kann man sagen, bildet die Grundlage des Handelns, & also natürlich auch des Denkens.
When I say “We assume that the Earth has existed for many years” (or something similar), it certainly sounds strange that we should assume such a thing. But in the overall system of our language-games, it belongs to the foundation. One can say that the assumption forms the basis of action, & therefore naturally also of thinking.
§Ms-175
72r[2] &72v[1]
412 Wer nicht im Stande ist, sich einen Fall vorzustellen, in dem man sagen könnte “Ich weiß, daß das meine Hand ist” (& solche Fälle sind ja selten), der könnte sagen diese Worte wären Unsinn. Er könnte freilich auch sagen: “Freilich weiß ich's, wie könnte ich's nicht wissen?” – aber da würde er vielleicht den Satz “Das ist meine Hand” als Erklärung der Worte “meine Hand” verstehen.
Anyone unable to imagine a situation in which one could say “I know that this is my hand” (and such situations are indeed rare) might say that these words are nonsense. However, he might also say: “Of course, I know it; how could I not know it?” – but in that case, he would perhaps understand the sentence “This is my hand” as an explanation of the words “my hand”.
§Ms-175
72v[2] &73r[1]
413 Denn nimm an Du führtest einem Blinden die Hand & sagtest, indem Du sie Deiner Hand entlang führst “Das ist meine Hand”; wenn er Dich nun fragte “Bist Du sicher?”, oder “Weißt Du das?”, so würde das nur unter sehr besondern Umständen Sinn haben.
For suppose you were guiding a blind man’s hand and saying, while guiding it along your own hand, “This is my hand”; if he then asked you, “Are you sure?” or “Do you know that?”, this would only make sense under very special circumstances.
§Ms-175
73r[2] &73v[1]
414 Aber anderseits: Woher weiß ich, daß das meine Hand ist? Ja, weiß ich auch nur genau was es bedeutet zu sagen, es sei meine Hand? – Wenn ich sage “Woher weiß ich's?” so meine ich nicht, daß ich im mindesten daran zweifle. Es ist hier eine Grundlage meines ganzen Handelns. Aber mir scheint, sie ist falsch ausgedrückt durch die Worte “Ich weiß …”
But on the other hand: How do I know that this is my hand? Yes, do I even know exactly what it means to say that it is my hand? – When I say “How do I know it?”, I do not mean that I doubt it in the slightest. It is here a basis of all my actions. But it seems to me that it is wrongly expressed by the words “I know…”.
§Ms-175
73v[2] &74r[1]
415 Ja, ist nicht der Gebrauch des Wortes Wissen, als eines ausgezeichneten philosophischen Worts, überhaupt ganz falsch? Wenn “wissen” dieses Interesse hat, warum nicht “sicher sein”? Offenbar, weil es zu subjektiv wäre. Aber ist wissen nicht ebenso subjektiv? Ist man nicht nur durch die grammatische Eigentümlichkeit getäuscht daß aus “ich weiß p” “p” folgt? “Ich glaube es zu wissen” müßte keinen mindern Grad der Gewißheit ausdrücken. – Ja, aber man will nicht subjektive Sicherheit ausdrücken, auch nicht die größte, sondern dies, daß gewisse Sätze am Grunde aller Fragen & alles Denkens zu liegen scheinen.
Yes, isn't the use of the word “knowledge,” as a distinguished philosophical term, completely misguided? If “to know” has this significance, why not “to be certain”? Apparently, because it would be too subjective. But isn't “to know” just as subjective? Isn't one merely deluded by the grammatical peculiarity that “I know p” implies “p”? “I believe I know it” shouldn't express a lesser degree of certainty. – Yes, but one doesn't want to express subjective certainty, not even the greatest, but rather the fact that certain sentences seem to underlie all questions & all thinking.
§Ms-175
74r[2] &74v[1]
416 Ist nun so ein Satz z.B., daß ich in diesem Zimmer wochenlang gelebt habe, daß mich mein Gedächtnis darin nicht täuscht?
– “certain beyond all reasonable doubt” –
Is a sentence such as, for example, that I have lived in this room for weeks, and that my memory does not deceive me in this, one of them?
– “certain beyond all reasonable doubt” –
§Ms-175
74v[2] &75r[1]
417 21.03.1951
“Ich weiß, daß ich im letzten Monat täglich gebadet habe.” Woran erinnere ich mich? An jeden Tag & das Bad an jedem Morgen? Nein. Ich weiß, daß ich jeden Tag gebadet habe & ich entnehme das nicht aus einem andern unmittelbaren Datum. Ähnlich sage ich “Ich habe einen Stich im Arm empfunden, ohne daß diese Lokalität mir auf eine andre Weise (durch ein Bild etwa) zum Bewußtsein käme.”
21.03.1951
“I know that I have taken a bath every day in the last month.” What do I remember? Each day & the bath each morning? No. I know that I have taken a bath every day & I do not derive this from some other immediate datum. Similarly, I say, “I felt a prick in my arm, without this location coming to my consciousness in some other way (through a picture, for example).”
§Ms-175
75r[2]418 Ist mein Verständnis nur Blindheit gegen mein eigenes Unverständnis? Oft scheint es mir so.
Is my understanding only blindness to my own misunderstanding? Often it seems that way to me.
§Ms-175
75r[3] &75v[1]
419 Wenn ich sage “Ich war nie in Kleinasien”, woher kommt mir dieses Wissen? Ich habe es nicht berechnet, niemand hat es mir gesagt; mein Gedächtnis sagt es mir. – So kann ich mich also darin nicht irren? Ist hier eine Wahrheit, die ich weiß? – Ich kann von diesem Urteil nicht abgehen, ohne alle andern Urteile mitzureißen.
If I say “I have never been in Asia Minor,” where does this knowledge come from? I did not calculate it, no one told me; my memory tells me. – So can I not be mistaken about this? Is there a truth here that I know? – I cannot depart from this judgment without dragging all other judgments along with it.
§Ms-175
75v[2] &76r[1] &
76v[1]
420 Auch ein Satz wie der, daß ich jetzt in England lebe, hat diese zwei Seiten: Ein Irrtum ist er nicht – aber anderseits: was weiß ich von England? kann ich nicht ganz in meinen Urteilen fehl gehen? Wäre es nicht möglich, daß Menschen zu mir in's Zimmer kämen die Alle das Gegenteil aussagten, ja, mir ‘Beweise’ dafür gäben, so daß ich plötzlich wie ein Wahnsinniger unter lauter Normalen, oder ein Normaler unter Verrückten allein dastünde. Könnten mir da nicht Zweifel an dem Einfachsten kommen.
Even a sentence such as the one stating that I am currently living in England has these two sides: it is not an error – but on the other hand: what do I know about England? Could I not be completely mistaken in my judgments? Wouldn't it be possible for people to come into my room who would all say the opposite, yes, give me ‘proof’ for it, so that I would suddenly stand alone like a madman among normal people, or a normal person among the insane? Could not doubts arise in me about the simplest things?
§Ms-175
76v[2]421 Ich bin in England – Alles um mich herum sagt es mir; sowie ich meine Gedanken schweifen lasse, & wohin immer, so bestätigen sie mir's. – Könnte ich aber nicht irre werden, wenn Dinge geschähen, die ich mir jetzt nicht träumen lasse?
I am in England – everything around me tells me so; as soon as I let my thoughts wander, & no matter where they go, they confirm it for me. – But could I not become mistaken if things happen that I cannot imagine now?
§Ms-175
76v[3] &77r[1]
422 Ich will also etwas sagen, was wie Pragmatismus klingt. Mir kommt hier eine Art Weltanschauung in die Quere.
So I want to say something that sounds like pragmatism. Here, a kind of world-view comes in my way.
§Ms-175
77r[2] &77v[1]
423 Warum sag ich also mit M. nicht einfach “Ich weiß, daß ich in England bin”? Dies zu sagen, hat unter bestimmten Umständen, die ich mir vorstellen kann, Sinn. Wenn ich aber, nicht in diesen Umständen, den Satz ausspreche um zu zeigen, daß Wahrheiten dieser Art von mir mit Gewißheit zu erkennen sind, dann wird er mir sofort verdächtig. – Ob mit Recht??
Why then don't I simply say with M., “I know that I am in England”? Saying this has under certain circumstances, which I can imagine, sense. But if I utter the sentence, not in these circumstances, to show that truths of this kind can be recognized by me with certainty, then it immediately becomes suspicious to me. – Is this justified?
§Ms-175
77v[2] &78r[1]
424 Ich sage “Ich weiß p” entweder um zu versichern, daß auch mir die Wahrheit p bekannt sei, oder einfach als eine Verstärkung von ⊢p. Man sagt auch “Ich glaube es nicht, ich weiß es”. Und das könnte man auch so ausdrücken (z.B.): “Das ist ein Baum. Und das ist keine bloße Vermutung.” Aber wie ist es damit: “Wenn ich jemand mitteilte, daß das ein Baum ist, so wäre es keine bloße Vermutung.” Ist nicht dies, was Moore sagen wollte?
I say “I know p” either to assure that the truth p is also known to me, or simply as an intensification of ⊢p. One also says “I do not believe it, I know it.” And one could also express it like this (e.g.): “That is a tree. And that is not merely a conjecture.” But what about this: “If I were to communicate to someone that that is a tree, it would not be a mere conjecture.” Is this not what Moore wanted to say?
§Ms-175
78r[2] &78v[1]
425 Es wäre keine Vermutung & ich könnte es dem Andern mit absoluter Sicherheit mitteilen, als etwas woran nicht zu zweifeln ist. Heißt das aber, daß es unbedingt die Wahrheit ist? Kann sich das, was ich mit der vollsten Bestimmtheit als den Baum erkenne, den ich mein Leben lang hier gesehen habe, kann sich das nicht als etwas andres entpuppen? Kann es mich nicht verblüffen? Und dennoch war es richtig unter den Umständen, die diesem Satz Sinn verleihen, zu sagen “Ich weiß (ich vermute nicht nur), daß das ein Baum ist.” Zu sagen, in Wahrheit, glaube ich es nur, wäre falsch. Es wäre gänzlich irreführend zu sagen: ich glaube, ich heiße L.W. Und es ist auch richtig: ich kann mich darin nicht irren. Aber das heißt nicht ich sei darin unfehlbar.
It would not be a conjecture, & I could communicate it to the other with absolute certainty, as something that cannot be doubted. But does that mean that it is necessarily the truth? Can what I recognize with the greatest certainty as the tree that I have seen here all my life, can it not turn out to be something else? Can it not surprise me? And yet it was right, under the circumstances that give this sentence sense, to say “I know (I do not just conjecture) that that is a tree.” In truth, to say that I only believe it would be wrong. It would be completely misleading to say: I believe that I am called L.W. And it is also true: I cannot be wrong about that. But that does not mean that I am infallible in it.
§Ms-176
22r[3] &22v[1]
426 21.03.1951
Wie aber ist es Einem zu zeigen, daß wir nicht nur Wahrheiten über Sinnesdaten sondern auch solche über Dinge wissen? Denn es ist doch nicht genug, daß jemand uns versichert, er wisse dies. Wovon muß man denn ausgehen um das zu zeigen?
21.03.1951
But how is one to show that we do not only have knowledge of truths about sense data, but also about things? For it is not enough that someone assures us that he knows this. What must one start from in order to show this?
§Ms-176
22v[2]427 22.03.1951
Man muß zeigen daß, auch wenn er nie die Worte gebraucht “Ich weiß …”, sein Gebaren das zeigt, worauf es uns ankommt.
22.03.1951
One must show that, even if he has never used the words “I know…”, his behaviour shows this, which is what matters to us.
§Ms-176
22v[3] &23r[1]
428 Denn wie, wenn ein normal handelnder Mensch uns versicherte: er glaube nur, er heiße so & so, er glaube seine ständigen Hausgenossen zu erkennen, er glaube Hände & Füße zu haben, wenn er sie nicht gerade sieht, u.s.w. Können wir ihm aus seinen Handlungen (& Reden) zeigen, daß es nicht so ist?
For how could one, if a normally acting person assured us: he only believes that he is called so & so, he believes he recognizes his constant housemates, he believes he has hands & feet, when he is not currently seeing them, etc. Can we show him from his actions (& speech) that it is not so?
§Ms-176
23r[2]429 23.03.1951
Welchen Grund habe ich jetzt, da ich meine Zehen nicht sehe, anzunehmen, daß ich fünf Zehen an jedem Fuß habe? Ist es richtig zu sagen, der Grund sei der, daß frühere Erfahrung mich immer das gelehrt hat? Bin ich früherer Erfahrung sicherer als dessen, daß ich zehn Zehen habe? Jene frühere Erfahrung mag wohl die Ursache meiner gegenwärtigen Sicherheit sein; aber ist sie ihr Grund?
March 23, 1951
What reason do I have now, since I cannot see my toes, to assume that I have five toes on each foot? Is it correct to say that the reason is that past experience has always taught me this? Am I more certain of past experience than I am of the fact that I have ten toes? That past experience may well be the cause of my present certainty; but is it its ground?
§Ms-176
23r[3] &23v[1]
430 Ich treffe einen Marsbewohner & er fragt mich “Wieviel Zehen haben die Menschen?” – Ich sage: “Zehn. Ich will's Dir zeigen” & ziehe meine Schuhe aus. Wenn er sich nun wundern, daß ich es mit solcher Sicherheit wußte, obwohl ich meine Zehen nicht gesehen hatte. – Sollte ich da sagen: “Wir Menschen wissen, daß wir soviel Zehen haben, ob wir sie sehen oder nicht”?
I meet a Martian & he asks me “How many toes do people have?” – I say: “Ten. I will show it to you” & take off my shoes. If he is now surprised that I knew this with such certainty, although I had not seen my toes. – Should I say: “We humans know that we have so many toes, whether we see them or not”?
§Ms-176
23v[2] &24r[1]
431 26.03.1951
“Ich weiß, daß mein Zimmer auf dem zweiten Stock ist, daß hinter der Tür ein kurzer Gang zur Treppe führt, etc.” Es ließen sich Fälle denken, wo ich diese Äußerung machen würde, aber es wären recht seltene Fälle. Anderseits aber zeige ich dieses Wissen tagtäglich durch meine Handlungen & auch in meinen Reden. Was entnimmt nun der Andre aus diesen meinen Handlungen & Reden? Nicht nur, daß ich meiner Sache sicher bin? – Daraus, daß ich hier seit vielen Wochen gewohnt habe & täglich treppauf & ab gegangen bin, wird er entnehmen, daß ich weiß wo mein Zimmer gelegen ist. – Die Versicherung “Ich weiß …” werde ich gebrauchen, wenn er das noch nicht weiß, woraus er mein Wissen unbedingt schließen würde.
26.03.1951
“I know that my room is on the second floor, that behind the door there is a short corridor leading to the stairs, etc.” One could imagine cases where I would make this utterance, but they would be rather rare. On the other hand, I demonstrate this knowledge daily through my actions & also in my speeches. What does the other person infer from these my actions & speeches? Not only that I am certain about it? – From the fact that I have been living here for many weeks & have been going up & down the stairs daily, he will infer that I know where my room is located. – I will use the statement “I know…” when he does not yet know it, from which he would necessarily conclude that I possess this knowledge.
§Ms-176
24r[2]432 Die Äußerung “Ich weiß …” kann nur in Verbindung mit der übrigen Evidenz des ‘Wissens’ ihre Bedeutung haben.
The statement “I know…” can only have its meaning in connection with the other evidence of ‘knowledge’.
§Ms-176
24r[3] &24v[1]
433 Wenn ich also jemandem sage “Ich weiß, daß das ein Baum ist”, so ist es, wie wenn ich ihm sagte: “Das ist ein Baum; Du kannst Dich absolut drauf verlassen, es ist kein Zweifel.” Und das könnte der Philosoph nur dazu gebrauchen, um zu zeigen, daß man diese Form der Rede wirklich gebraucht. Wenn das aber nicht bloß eine Bemerkung der deutschen Grammatik sein soll, so muß er die Umstände angeben, in denen dieser Ausdruck funktioniert.
So, if I tell someone “I know that that is a tree”, it is as if I were saying: “That is a tree; you can absolutely rely on it, there is no doubt.” And the philosopher could only use this to show that this form of speech is actually used. But if this is not merely to be a remark about German grammar, then he must specify the circumstances in which this expression functions.
§Ms-176
24v[2] &25r[1]
434 Lehrt uns nun Erfahrung, daß Menschen unter den & den Umständen, das & das wissen?
Erfahrung zeigt uns gewiß, daß für gewöhnlich ein Mensch nach so & soviel Tagen sich in einem Haus, das er bewohnt, auskennt. Oder auch: Erfahrung lehrt uns, daß eines Menschen Urteil nach der & der Lehrdauer zu trauen ist. Er muß, erfahrungsgemäß, so & solang gelernt haben, um eine richtige Vorhersage machen zu können. Aber – – –.
Does experience now teach us that people, under these & those circumstances, know this & that?
Experience certainly shows us that, as a rule, a person is familiar with a house that they live in after so & so many days. Or, rather: experience teaches us that one can trust a person’s judgment after a certain period of instruction. According to experience, they must have learned for so & so long in order to make a correct prediction. But – – –.
§Ms-176
25r[2]435 27.03.1951
Man wird oft von einem Wort behext. Z.B. vom Wort “wissen”.
27.03.1951
One is often bewitched by a word. E.g. by the word “know”.
§Ms-176
25r[3]436 Ist Gott durch unser Wissen gebunden? Können manche unsrer Aussagen nicht falsch sein? Denn das ist es, was wir sagen wollen.
Is God bound by our knowledge? Can some of our statements not be false? For that is what we want to say.
§Ms-176
25r[4] &25v[1]
437 Ich bin geneigt zu sagen: “Das kann nicht falsch sein”. Das ist interessant; aber welche Folgen hat es?
I am inclined to say: “That cannot be wrong”. That is interesting; but what are the implications?
§Ms-176
25v[2]438 Es wäre nicht genug, zu versichern, ich wisse, was dort & dort vorgeht, – ohne Gründe anzugeben, die (den Andern) davon überzeugen, ich sei in der Lage es zu wissen.
It would not be enough to assure someone that I know what is happening here and there – without giving reasons that would convince the other person that I am capable of knowing it.
§Ms-176
25v[3]439 Auch die Aussage “Ich weiß, daß hinter dieser Tür ein Gang & die Stiege in's Erdgeschoß ist” klingt nur so überzeugend, weil Jeder weiß, daß ich's weiß.
Even the statement “I know that behind this door there is a corridor and the stairs down to the ground floor” sounds so convincing only because everyone knows that I know it.
§Ms-176
25v[4]440 Es ist hier etwas Allgemeines; nicht nur etwas Persönliches.
This is something general; it is not just something personal.
§Ms-176
26r[1]441 Im Gerichtssaal würde die bloße Versicherung des Zeugen “Ich weiß …” niemand überzeugen. Es muß gezeigt werden daß der Zeuge in der Lage war zu wissen. Auch die Versicherung “Ich weiß, daß das eine Hand ist”, wobei man die eigene Hand ansieht, wäre nicht glaubhaft, wenn wir nicht wüßten, daß er seine eigene Hand ansieht. Und kennen wir sie, so scheint sie zu versichern, daß der Sprechende in dieser Beziehung normal ist.
In the courtroom, the mere assertion of the witness “I know…” would not convince anyone. It must be shown that the witness was in a position to know. Even the assertion “I know that this is a hand,” while looking at one’s own hand, would not be credible if we did not know that he is looking at his own hand. And if we know it, it seems to assure that the speaker is normal in this respect.
§Ms-176
26r[2] &26v[1]
442 Könnte es denn nicht sein, daß ich mir einbildete, etwas zu wissen?
Could it not be the case that I am merely imagining that I know something?
§Ms-176
26v[2] &27r[1]
443 Denke, es gäbe in einer Sprache kein Wort, das unserm “wissen” entspricht. – Sie sprechen einfach die Behauptung aus. “Das ist ein Baum” etc. Es kann natürlich vorkommen, daß sie sich irren. Und da fügen sie nun dem Satz ein Zeichen hinzu, das anzeigt für wie wahrscheinlich sie einen Irrtum halten – oder soll ich sagen: wie wahrscheinlich ein Irrtum in diesem Falle ist? Dies letztere kann man auch durch die Angabe gewisser Umstände anzeigen. Z.B. “A sagte dem B … Ich stand ganz nahe bei ihnen & meine Ohren sind gut.” oder “A war gestern dort & dort. Ich habe ihn von weitem gesehen. Meine Augen sind nicht sehr gut.” oder “Dort steht ein Baum. Ich sehe ihn deutlich & habe ihn unzählige male gesehen.”
Suppose there is no word in a language that corresponds to our “know.” They simply state the assertion. “That is a tree,” etc. It can, of course, happen that they are mistaken. And now they add a sign to the sentence that indicates how likely they consider an error to be – or should I say: how likely an error is in this case? This latter can also be indicated by stating certain circumstances. E.g., “A said to B… I was standing very close to them, and my ears are good.” or “A was there yesterday. I saw him from a distance. My eyes are not very good.” or “There is a tree there. I see it clearly and have seen it countless times.”
§Ms-176
27r[2]444 “Der Zug geht um 2 Uhr. Prüf zur Sicherheit nocheinmal nach.” oder “Der Zug geht um 2 Uhr. Ich habe gerade in einem neuen Fahrplane nachgeschaut.” Man kann auch hinzufügen “Ich bin in solchen Sachen verläßlich.” Die Nützlichkeit solcher Zusätze ist offenbar.
“The train leaves at 2 o’clock. Check again to be sure.” or “The train leaves at 2 o’clock. I just checked in a new timetable.” One can also add “I am reliable in such matters.” The usefulness of such additions is obvious.
§Ms-176
27r[3] &27v[1]
445 Wenn ich aber sage “Ich habe zwei Hände” – was kann ich hinzufügen um die Verläßlichkeit anzuzeigen? Höchstens, daß die Umstände die gewöhnlichen sind.
But if I say “I have two hands” – what can I add to indicate reliability? At most, that the circumstances are normal.
§Ms-176
27v[2]446 Warum bin ich denn so sicher, daß das meine Hand ist? Beruht nicht auf dieser Art Sicherheit das ganze Sprachspiel? Oder: Ist in dem Sprachspiel diese ‘Sicherheit’ nicht (schon) vorausgesetzt? Dadurch nämlich, daß der es nicht spielt, oder falsch spielt, der Gegenstände nicht erkennt.
Why am I so certain that this is my hand? Isn’t this entire language-game based on this kind of certainty? Or: Isn’t this ‘certainty’ already presupposed in the language-game? Namely, by the fact that he doesn’t play it, or plays it incorrectly, by not recognizing the objects.
§Ms-176
27v[3] &28r[1]
447 28.03.1951
Vergleiche damit 12 × 12 = 144. Auch hier sagen wir nicht “vielleicht”. Denn sofern dieser Satz darauf beruht, daß wir uns nicht verzählen oder verrechnen, daß uns unsre Sinne beim Rechnen nicht trügen, sind die beiden, der arithmetische & der physische Satz, auf der gleichen Stufe. Ich will sagen: Das arithmetische Spiel ist eben so wenig unsicher wie das physische. Aber das kann mißverstanden werden. Meine Bemerkung ist eine logische, nicht eine psychologische.
March 28, 1951
Compare this with 12 × 12 = 144. Here, too, we do not say “perhaps.” For as long as this sentence is based on the fact that we do not miscount or miscalculate, that our senses do not deceive us when calculating, the two sentences, the arithmetic and the physical, are on the same level. I mean: the arithmetic game is just as little uncertain as the physical one. But this can be misunderstood. My remark is a logical one, not a psychological one.
§Ms-176
28r[2] &28v[1]
448 Ich will sagen: Wenn man sich nicht darüber wundert, daß die arithmetischen Sätze (z.B. das Einmaleins) ‘absolut gewiß’ sind, warum soll man darüber erstaunt sein, daß der Satz “Dies ist meine Hand” es ebenso ist.
I mean: if one is not surprised that arithmetic sentences (e.g., the multiplication table) are ‘absolutely certain,’ why should one be surprised that the sentence “This is my hand” is equally so?
§Ms-176
28v[2]449 Es muß uns etwas als Grundlage gelehrt werden.
Something must be taught to us as a basis.
§Ms-176
28v[3] &29r[1]
450 Ich will sagen: Unser Lernen hat die Form “Das ist ein Veilchen”, “Das ist ein Tisch”. Das Kind könnte allerdings das Wort “Veilchen” zum erstenmal in dem Satz hören “Das ist vielleicht ein Veilchen”; dann aber könnte es fragen “Was ist ein Veilchen”. Nun könnte dies freilich dadurch beantwortet werden, daß man ihm ein Bild zeigt. Aber wie wäre es, wenn man nur beim Vorzeigen eines Bilds sagte “Das ist ein …”, sonst aber immer nur: “Das ist vielleicht ein …”? – Welche praktischen Folgen soll es haben? Ein Zweifel, der an allem zweifelte, wäre kein Zweifel.
I want to say: Our learning takes the form “This is a violet,” “This is a table.” The child, however, might hear the word “violet” for the first time in the sentence “This is perhaps a violet”; then it might ask, “What is a violet?” Now, of course, this could be answered by showing it a picture. But what if, while showing a picture, one only said, “This is a…,” but otherwise always said, “This is perhaps a…?” – What practical consequences should this have? A doubt that doubted everything would be no doubt.
§Ms-176
29r[2]451 Mein Einwurf gegen Moore, daß der Sinn des isolierten Satzes “Das ist ein Baum” unbestimmt sei, da nicht bestimmt ist, was das ‘Das’ ist, wovon man aussagt, es sei ein Baum, – gilt nicht; denn man kann den Sinn bestimmter machen, indem man z.B. sagt: “Der Gegenstand dort, der ausschaut wie ein Baum, ist nicht die künstliche Imitation eines Baumes, sondern ein wirklicher Baum.”
My objection to Moore, that the sense of the isolated sentence “That is a tree” is indeterminate, because it is not determined what the ‘That’ is, of which one asserts that it is a tree, – does not hold; for one can make the sense more determinate by, for example, saying: “The object there, which looks like a tree, is not an artificial imitation of a tree, but a real tree.”
§Ms-176
29r[3] &29v[1]
452 Es wäre nicht vernünftig, zu zweifeln, ob das ein wirklicher Baum, oder … sei. Daß es mir (als) zweifellos erscheint, darauf kommt's nicht an. Wenn es unvernünftig wäre, hier zu zweifeln, so kann das nicht aus meinen Dafürhalten ersehen werden. Es müßte also eine Regel geben, die den Zweifel hier für unvernünftig erklärt. Die aber gibt es auch nicht.
It wouldn’t be reasonable to doubt whether that is a real tree or… The fact that it seems obvious to me is not the point. If it would be unreasonable to doubt here, then this cannot be inferred from my point of view. There would therefore have to be a rule that declares doubt unreasonable here. But there isn’t one either.
§Ms-176
29v[2]453 Ich sage allerdings: “Hier würde kein vernünftiger Mensch zweifeln.” – Könnte man sich denken, daß gelehrte Richter befragt würden, ob ein Zweifel vernünftig, oder unvernünftig sei?
I do, however, say: “No reasonable person would doubt this.” Could one imagine that learned judges would be asked whether a doubt is reasonable or unreasonable?
§Ms-176
29v[3] &30r[1]
454 Es gibt Fälle, in denen der Zweifel unvernünftig ist, andre aber, in denen er logisch unmöglich scheint. Und zwischen ihnen scheint es keine klare Grenze zu geben.
There are cases in which doubt is unreasonable, but others in which it seems logically impossible. And there doesn’t seem to be a clear boundary between them.
§Ms-176
30r[2]455 29.03.1951
Das Sprachspiel beruht darauf, daß Wörter & Gegenstände wiedererkannt werden. Wir lernen mit der gleichen Bestimmtheit, daß dies ein Sessel ist, wie daß 2 × 2 = 4 ist.
29.03.1951
The language-game is based on the fact that words & objects are recognized. We learn with the same certainty that this is an armchair as we learn that 2 × 2 = 4.
§Ms-176
30r[3]456 Wenn ich also zweifle, oder unsicher bin darüber, daß das meine Hand ist (in welchem Sinne immer), warum dann nicht auch an der Bedeutung dieser Worte?
So if I doubt, or am uncertain, whether that is my hand (in whatever sense), why not also about the meaning of these words?
§Ms-176
30r[4] &30v[1]
457 Will ich also sagen, daß die Sicherheit im Wesen des Sprachspiels liegt?
Am I saying that certainty lies in the essence of the language-game?
§Ms-176
30v[2]458 Man zweifelt aus bestimmten Gründen. Es handelt sich darum: Wie wird der Zweifel in's Sprachspiel eingeführt?
One doubts for specific reasons. The question is: How is doubt introduced into the language-game?
§Ms-176
30v[3]459 Wenn der Kaufmann jeden seiner Äpfel ohne Grund untersuchen wollte, um ja recht sicher zu gehen, warum muß er (dann) nicht die Untersuchung untersuchen? Und kann man nun hier von Glauben reden (ich meine, im Sinne von religiösem Glauben, nicht von Vermutung)? Alle psychologischen Wörter führen hier nur von der Hauptsache ab.
If the merchant wanted to examine each of his apples without reason, just to be absolutely sure, why doesn’t he then examine the examination? And can one now speak of belief here (I mean, in the sense of religious belief, not of conjecture)? All psychological words only distract from the main point.
§Ms-176
31r[1] &31v[1]
460 Ich gehe zum Arzt, zeige ihm meine Hand & sage “Das ist eine Hand, nicht …; ich habe sie mir verletzt etc. etc.” Mache ich da nur eine überflüssige Mitteilung? Könnte man z.B. nicht sagen: Angenommen die Worte “Das ist meine Hand’ seien eine Mitteilung – wie konntest Du dann darauf rechnen, daß er die Mitteilung versteht? Ja, wenn es einem Zweifel unterliegt, ‘daß das eine Hand ist’, warum unterliegt da nicht auch einem Zweifel, daß ich ein Mensch bin, der dem Arzt dies mitteilt? – Anderseits kann man sich aber – wenn auch sehr seltsame – Fälle vor stellen wo so eine Erklärung nicht überflüssig ist, oder nur überflüssig aber nicht absurd ist.
I go to the doctor, show him my hand & say “This is a hand, not…; I injured it, etc. etc.” Am I just making an unnecessary communication? Couldn’t one, for example, say: Suppose the words “This is my hand” are a communication – how could you then be sure that he understands the communication? Yes, if there is a doubt about ‘that being a hand’, why isn’t there also a doubt about me being a person who communicates this to the doctor? – On the other hand, one can imagine – although very strange – cases in which such an explanation is not superfluous, or is only superfluous but not absurd.
§Ms-176
31v[2] &32r[1]
461 Angenommen, ich wäre der Arzt & ein Patient kommt zu mir, zeigt mir seine Hand & sagt: “Was hier wie eine Hand ausschaut, ist nicht eine ausgezeichnete Imitation, sondern wirklich eine Hand.” (Worauf er von seiner Verletzung redet.) – würde ich dies wirklich als eine Mitteilung, wenn auch eine überflüssige, ansehen? Würde ich es nicht vielmehr für Unsinn halten, der allerdings die Form einer Mitteilung hat? Denn, würde ich sagen, wenn diese Mitteilung wirklich Sinn hätte, wie kann er seiner Sache sicher sein? Es fehlt der Mitteilung der Hintergrund.
Suppose I were the doctor & a patient comes to me, shows me his hand & says: “What looks like a hand here is not an excellent imitation, but a real hand.” (After which he talks about his injury.) – Would I really see this as a communication, even if it is superfluous? Wouldn’t I rather consider it nonsense, which, however, has the form of a communication? For, I would say, if this communication really had sense, how can he be sure of his case? The communication lacks context.
§Ms-176
32r[2]462 30.03.1951
Warum gibt Moore unter den Dingen, die er weiß, nicht z.B. an, es gebe in dem & dem Teil von England ein Dorf, das so & so heiße? Mit andern Worten: Warum erwähnt er nicht eine Tatsache, die ihm, & nicht jedem von uns bekannt ist?
March 30, 1951
Why does Moore, when listing the things he knows, not mention, for example, that there is a village in a certain part of England called so-and-so? In other words, why does he not mention a fact that is known to him, & not to everyone of us?
§Ms-176
32r[3]463 31.03.1951
Gewiß ist doch, daß die Mitteilung “Das ist ein Baum”, wenn niemand daran zweifeln könnte, eine Art Witz sein könnte & als solcher Sinn hätte. Ein Witz dieser Art ist wirklich einmal von Renan gemacht worden.
31.03.1951
It is certain that the communication “This is a tree”, if no one could doubt it, could be a kind of joke & have sense as such. Renan actually made such a joke once.
§Ms-176
32v[1]464 03.04.1951
Meine Schwierigkeit läßt sich auch so demonstrieren: Ich sitze mit einem Freund im Gespräch. Plötzlich sage ich: “Ich habe schon die ganze Zeit gewußt, daß Du der N.N. bist.” Ist dies wirklich nur eine überflüssige, wenn auch wahre, Bemerkung? Es kommt mir vor, als wären diese Worte ähnlich einem “Grüßgott”, wenn man es mitten im Gespräch dem Andern sagte.
03.04.1951
My difficulty can also be demonstrated in this way: I am sitting with a friend in conversation. Suddenly I say: “I have known all along that you are N.N.” Is this really just a superfluous, albeit true, remark? It seems to me as if these words are similar to a “hello”, if one said it to the other person in the middle of a conversation.
§Ms-176
32v[2] &33r[1]
465 Wie wäre es mit den Worten “Man weiß heute, daß es über … Arten von Insekten gibt”, statt der Worte “Ich weiß, daß das ein Baum ist”? Wenn Einer jenen Satz plötzlich außer allem Zusammenhang ausspräche, so könnte man meinen, er habe inzwischen an etwas anderes gedacht & spreche nun einen Satz seines Gedankenganges laut aus. Oder auch: er sei in einer Trance & rede ohne seine Worte zu verstehen.
How about the words “It is known today that there are over … species of insects”, instead of the words “I know that this is a tree”? If someone suddenly said that sentence out of context, one could think that he had been thinking about something else in the meantime & is now saying a sentence from his train of thought. Or also: he is in a trance & speaks without understanding his words.
§Ms-176
33r[2]466 Es scheint mir also, ich habe etwas schon die ganze Zeit gewußt, & doch habe es keinen Sinn dies zu sagen, diese Wahrheit auszusprechen!
So it seems to me that I have known something all along, and yet it doesn’t make sense to say it, to utter this truth!
§Ms-176
33r[3] &33v[1]
467 Ich sitze mit einem Philosophen im Garten; er sagt zu wiederholten Malen “Ich weiß, daß das ein Baum ist”, wobei er auf einen Baum in unsrer Nähe zeigt. Ein Dritter kommt daher & hört das, & ich sage ihm: “Dieser Mensch ist nicht verrückt. Wir philosophieren nur.”
I am sitting with a philosopher in the garden; he repeatedly says, “I know that that is a tree,” while pointing to a tree nearby. A third person comes along and hears this, and I say to him, “This person is not crazy. We are just philosophizing.”
§Ms-176
33v[2] &34r[1]
468 04.04.1951
Jemand sagt irrelevant “Das ist ein Baum”. Er könnte den Satz sagen, weil er sich erinnert, ihn in einer ähnlichen Situation gehört zu haben; oder er wurde plötzlich von der Schönheit dieses Baumes getroffen & der Satz war ein Ausruf; oder er sagte sich den Satz als grammatisches Beispiel vor. (Etc.) Ich frage ihn nun: “Wie hast Du das gemeint?” & er antwortet: “Es war eine Mitteilung an Dich gerichtet.” Stünde mir da nicht frei anzunehmen er wisse nicht, was er sage, wenn er verrückt genug ist mir diese Mitteilung machen zu wollen?
04.04.1951
Someone says irrelevantly, “That is a tree.” He might say the sentence because he remembers having heard it in a similar situation; or he was suddenly struck by the beauty of this tree and the sentence was an exclamation; or he said the sentence to himself as a grammatical example. (Etc.) Now I ask him: “What did you mean by that?” and he answers: “It was a communication directed at you.” Wouldn’t it be up to me to assume that he doesn’t know what he is saying, if he is crazy enough to want to make this communication to me?
§Ms-176
34r[2]469 Jemand sagt im Gespräch zu mir zusammenhangslos “Ich wünsch Dir alles Gute”. Ich bin erstaunt; aber später sehe ich ein, daß diese Worte in einem Zusammenhang mit seinen Gedanken über mich stehen. Und nun erscheinen sie mir nicht mehr sinnlos.
Someone says to me in conversation, unconnectedly, “I wish you all the best.” I am surprised; but later I realize that these words are connected with his thoughts about me. And now they no longer seem senseless to me.
§Ms-176
34r[3]470 Warum ist kein Zweifel, daß ich L.W. heiße? Es scheint durchaus nichts, das man ohne weiteres zweifelsfrei feststellen könnte. Man sollte nicht meinen, daß das eine der unzweifelhaften Wahrheiten ist.
Why is there no doubt that my name is L.W.? It seems to be nothing that one could definitively establish without further question. One shouldn’t think that this is one of the undeniable truths.
§Ms-176
34r[4] &34v[1]
05.04.1951
[Hier ist noch eine große Lücke in meinem Denken. Und ich zweifle, ob sie noch ausgefüllt werden wird.]
05.04.1951
[Here there is still a large gap in my thinking. And I doubt whether it will ever be filled.]
§Ms-176
34v[2]471 Es ist so schwer den Anfang zu finden. Oder besser: Es ist schwer beim Anfang anzufangen. Und nicht zu versuchen weiter zurück zu gehen.
It is so difficult to find the beginning. Or rather: it is difficult to begin at the beginning. And not to try to go further back.
§Ms-176
34v[3]472 Wenn das Kind die Sprache lernt, lernt es zugleich, was zu untersuchen, & was nicht zu untersuchen ist. Wenn es lernt, daß im Zimmer ein Schrank ist, so lehrt man es nicht zweifeln, ob, was es später sieht, noch immer ein Schrank, oder nur eine Art Kulisse ist.
When the child learns the language, it learns at the same time what to investigate, and what not to investigate. When it learns that there is a cupboard in the room, one does not teach it to doubt whether what it later sees is still a cupboard, or only a kind of backdrop.
§Ms-176
34v[4] &35r[1]
473 Wie man beim Schreiben eine bestimmte Grundform lernt & diese später dann variiert, so lernt man zuerst die Beständigkeit der Dinge als Norm, die dann Änderungen unterliegt.
Just as one learns a certain basic form when writing and then later varies it, so one first learns the constancy of things as the norm, which is then subject to change.
§Ms-176
35r[2]474 Dieses Spiel bewährt sich. Das mag die Ursache sein, weshalb es gespielt wird, aber es ist nicht der Grund.
This game proves itself. That may be the reason why it is played, but it is not the reason.
§Ms-176
35r[3]475 Ich will den Menschen hier als ein Tier betrachten. Als ein Wesen in einem primitiven Zustande. Denn welche Logik für ein primitives Verständigungsmittel genügt, deren brauchen wir uns auch nicht schämen. Die Sprache ist nicht aus einem Raisonnement entstanden.
I want to consider the human being here as an animal. As a being in a primitive state. Because whatever logic is sufficient for a primitive means of communication, we need not be ashamed of it. Language did not arise from a line of reasoning.
§Ms-176
35v[1]476 06.04.1951
Das Kind lernt nicht, daß es Bücher gibt, daß es Sessel gibt, etc. etc., sondern es lernt Bücher holen, sich auf Sessel (zu) setzen, etc. Es kommen freilich später auch Fragen nach der Existenz auf: “Gibt es ein Einhorn?” u.s.w. Aber so eine Frage ist nur möglich, weil in der Regel keine ihm entsprechende auftritt. Denn wie weiß man, wie man sich von der Existenz des Einhorns zu überzeugen hat? Wie hat man die Methode gelernt, zu bestimmen, ob etwas existiere oder nicht?
06.04.1951
The child does not learn that there are books, that there are armchairs, etc., etc., but it learns to fetch books, to sit (on) armchairs, etc. Of course, questions about existence also arise later: “Is there a unicorn?” etc. But such a question is only possible because, as a rule, no such question arises. Because how does one know how to convince oneself of the existence of the unicorn? How did one learn the method of determining whether something exists or not?
§Ms-176
35v[2] &36r[1]
477 “So muß man also wissen, daß die Gegenstände existieren, deren Namen man durch eine hinweisende Erklärung einem Kind beibringt.” – Warum muß man's wissen? Ist es nicht genug, daß Erfahrung später nicht das Gegenteil erweise? Warum soll denn das Sprachspiel auf einem Wissen ruhen?
“So one must know that the objects exist whose names one teaches a child by means of an ostensive explanation.” – Why must one know it? Isn’t it enough that experience later does not prove the contrary? Why should the language-game rest on knowledge?
§Ms-176
36r[2]478 07.04.1951
Glaubt das Kind, daß es Milch gibt? Oder weiß es, daß es Milch gibt? Weiß die Katze, daß es eine Maus gibt?
07.04.1951
Does the child believe that there is milk? Or does it know that there is milk? Does the cat know that there is a mouse?
§Ms-176
36r[3]479 Sollen wir sagen, daß die Erkenntnis, es gebe physikalische Gegenstände, eine sehr frühe, oder eine sehr späte ist?
Should we say that the knowledge that there are physical objects is a very early one, or a very late one?
§Ms-176
36r[4] &36v[1]
480 08.04.1951
Das Kind, das das Wort “Baum” gebrauchen lernt. Man steht mit ihm vor einem Baum & sagt “Schöner Baum!”. Daß kein Zweifel an der Existenz des Baums in das Sprachspiel eintritt, ist klar. Aber kann man sagen, das Kind wisse: daß es einen Baum gibt? Es ist allerdings wahr, daß ‘etwas wissen’ nicht in sich beschließt: daran denken – aber muß nicht, wer etwas weiß, eines Zweifels fähig sein? Und zweifeln heißt denken.
08.04.1951
The child that learns to use the word “tree.” One stands with it in front of a tree & says “Beautiful tree!” That there is no doubt about the existence of the tree entering the language-game is clear. But can one say that the child knows: that there is a tree? It is certainly true that ‘to know something’ does not in itself include: to think about it – but must not someone who knows something be capable of doubt? And to doubt means to think.
§Ms-176
36v[2] &37r[1]
481 Wenn man M. sagen hört “Ich weiß, daß das ein Baum ist”, so versteht man plötzlich die, welche finden, das sei gar nicht ausgemacht. Die Sache kommt einem auf einmal unklar & verschwommen vor. Es ist als hätte M. das falsche Licht drauf fallen lassen. Es ist, als sähe ich ein Gemälde (vielleicht eine Bühnenmalerei) & erkenne von Weitem sofort & ohne den geringsten Zweifel, was es darstellt. Nun trete ich aber näher, & da sehe ich eine Menge Flecke verschiedener Farben, die alle höchst vieldeutig sind & durchaus keine Gewißheit geben.
When one hears M. say “I know that that is a tree,” one suddenly understands those who think that is not at all established. The matter suddenly seems unclear & blurred to one. It is as if M. has shone the wrong light on it. It is as if I see a painting (perhaps a stage set) & immediately recognize from a distance, without the slightest doubt, what it depicts. But now I approach, & then I see a lot of spots of different colors, all of which are highly ambiguous & give no certainty at all.
§Ms-176
37r[2]482 Es ist als ob das “Ich weiß” keine metaphysische Betonung vertrüge.
It is as if the “I know” cannot stand any metaphysical emphasis.
§Ms-176
37r[3] &37v[1]
483 Richtige Verwendung des Wortes “Ich weiß”. Ein Schwachsichtiger fragt mich: “Glaubst Du, daß das, was wir dort sehen, ein Baum ist” – Ich antworte “Ich weiß es; ich sehe ihn genau & kenne ihn gut.” – A: “Ist N.N. zu Hause?” – Ich: “Ich glaube ja.” – A: “War er gestern zu Hause?” – Ich: “Gestern war er zu Hause, das weiß ich; ich habe mit ihm gesprochen.” –
A: “Weißt Du, oder glaubst Du nur, daß dieser Teil des Hauses neu dazugebaut ist?” – Ich: “Ich weiß es; ich habe mich beim … erkundigt.”
Correct use of the word “I know.” A person with poor eyesight asks me: “Do you think that what we see there is a tree?” – I reply, “I know it; I see it clearly & know it well.” – A: “Is N.N. at home?” – I: “I think so.” – A: “Was he at home yesterday?” – I: “He was at home yesterday; I know that; I spoke to him.” –
A: “Do you know, or do you only believe, that this part of the house was newly built?” – I: “I know it; I inquired with the…”
§Ms-176
37v[2]484 Hier sagt man also “Ich weiß” & gibt den Grund des Wissens an, oder man kann ihn doch angeben.
Here, one says “I know” & gives the reason for the knowledge, or one can give it.
§Ms-176
37v[3] &38r[1]
485 Man kann sich auch einen Fall denken, in welchem Einer eine Liste von Sätzen durchgeht & sich dabei immer wieder fragt “Weiß ich das, oder glaube ich es nur”. Er will die Sicherheit jedes einzelnen Satzes überprüfen. Es könnte sich um eine Zeugenaussage vor Gericht handeln.
One can also imagine a case in which someone goes through a list of sentences & repeatedly asks himself, “Do I know this, or do I only believe it?” He wants to check the certainty of each individual sentence. It could be a witness statement in court.
§Ms-176
38r[2]486 09.04.1951
“Weißt Du, oder glaubst Du nur, daß Du L.W. heißt?” Ist das eine sinnvolle Frage? Weißt Du, oder glaubst Du nur, daß, was Du hier hinschreibst, deutsche Worte sind? Glaubst Du nur, daß “glauben” diese Bedeutung hat? Welche Bedeutung?
09.04.1951
“Do you know, or do you only believe, that you are called L.W.?” Is that a meaningful question? Do you know, or do you only believe, that what you write here are German words? Do you only believe that “believe” has this meaning? Which meaning?
§Ms-176
38r[3]487 Was ist der Beweis dafür, daß ich etwas weiß. Doch gewiß nicht, daß ich sage, ich wisse es.
What is the proof that I know something? Surely it is not that I say that I know it.
§Ms-176
38r[4] &38v[1]
488 Wenn also Autoren aufzählen was sie alles wissen, so beweist das gar nichts. Daß man also etwas über physikalische Dinge wissen kann, kann nicht durch die Beteuerungen derer erwiesen werden, die es zu wissen glauben.
So, if authors list all the things they know, that proves nothing. That one can know something about physical things cannot be proven by the assertions of those who believe they know it.
§Ms-176
38v[2]489 Denn was antwortet man dem, der sagt: “Ich glaube, es kommt Dir nur so vor, als wüßtest Du's.”
For what does one answer to the one who says, “I think it only seems to you that you know it”?
§Ms-176
38v[3] &39r[1]
490 Wenn ich nun frage “Weiß ich, oder glaube ich nur, daß ich … heiße?” so nützt es nichts, daß ich in mich hinein sehe. Ich könnte aber sagen: Nicht nur zweifle ich nie im mindesten, daß ich so heiße, sondern ich könnte keines Urteils sicher sein, wenn sich darüber ein Zweifel erhöbe.
If now I ask, “Do I know, or do I only believe, that I am called…” then it is of no use to look into myself. But I could say: Not only do I never doubt that I am called that, but I could not be certain of any judgment if doubt arose about it.
§Ms-176
39r[2]491 10.04.1951
“Weiß ich, oder glaub ich nur, daß ich L.W. heiße?” – Wenn die Frage hieße “Bin ich sicher, oder vermute ich nur, daß ich …?”, so könnte ich mich auf meine Antwort verlassen. –
10.04.1951
“Do I know, or do I only believe, that I am called L.W.?” – If the question were “Am I certain, or do I only suspect, that I am…?”, then I could rely on my answer.
§Ms-176
39r[3] &39v[1]
492 “Weiß ich, oder glaube ich nur, …?” könnte man auch so ausdrücken: Wie, wenn es sich herauszustellen schiene, daß, was mir bisher dem Zweifel nicht zugänglich schien, falsch ist? Würde ich da reagieren, wie wenn ein Glauben sich als falsch erwiesen hat; oder würde das den Boden meines Urteilens auszuschlagen scheinen? – Aber ich will hier natürlich nicht eine Prophezeiung. Würde ich einfach sagen “Das hätte ich nie gedacht!” – oder aber mich weigern (müssen) mein Urteil zu revidieren, weil nämlich eine solche ‘revision’ einer Vernichtung aller Maßstäbe gleichkäme?
“Do I know, or do I only believe …?” one could also express it this way: How, if it were to turn out that what previously seemed inaccessible to doubt is false? Would I react as if a belief had proven false, or would that seem to undermine the very basis of my judgment? – But of course, I do not want to make a prediction here. Would I simply say “I never would have thought that!” – or would I have to refuse to revise my judgment because such a ‘revision’ would be equivalent to the annihilation of all standards?
§Ms-176
39v[2]493 Ist es also so, daß ich gewisse Autoritäten anerkennen muß, um überhaupt urteilen zu können.
Is it therefore the case that I must recognize certain authorities in order to be able to judge at all?
§Ms-176
39v[3]494 “An diesem Satz kann ich nicht zweifeln, ohne alles Urteilen aufzugeben.”
“I cannot doubt this sentence without giving up all judgment.”
§Ms-176
40r[1]Aber was für ein Satz ist das?
(Er erinnert an das, was Frege über das Gesetz der Identität gesagt hat.) Er ist sicher kein Erfahrungssatz. Er gehört nicht in die Psychologie. Er hat eher den Charakter einer Regel.
But what kind of sentence is that?
(It reminds one of what Frege said about the law of identity.) It is certainly not an empirical proposition. It does not belong to psychology. It has more the character of a rule.
§Ms-176
40r[2]495 Man könnte Einem, der gegen die gewissen Sätze Einwände machen wollte, einfach sagen “Ach Unsinn!”. Also nicht ihm antworten, sondern ihn zurechtweisen.
One could simply say to someone who wants to raise objections to certain certain sentences, “Oh, nonsense!” That is, not answer him, but reprimand him.
§Ms-176
40r[3]496 Es ist hier ein ähnlicher Fall wie, wenn man zeigt, daß es keinen Sinn hat zu sagen, ein Spiel sei immer falsch gespielt worden.
Here, it is a similar case to when one shows that it makes no sense to say that a game has always been played incorrectly.
§Ms-176
40r[4] &40v[1]
497 Wenn Einer Zweifel in mir aufrufen wollte & spräche: da täuscht Dich Dein Gedächtnis, dort bist Du betrogen worden, dort wieder hast Du Dich nicht gründlich genug überzeugt, etc., & ich ließe mich nicht erschüttern & bliebe bei meiner Gewißheit, – dann kann das schon darum nicht falsch sein, weil es (erst) ein Spiel definiert.
If someone wanted to raise doubt in me & said: here your memory is deceiving you, there you were cheated, there again you didn’t convince yourself thoroughly enough, etc., & I didn’t allow myself to be shaken & remained with my certainty – then that could not be wrong for that reason alone, because it (only) defines a game.
§Ms-176
40v[2]498 11.04.1951
Das Seltsame ist, daß, wenn schon ich es ganz richtig finde, daß Einer den Versuch, ihn mit Zweifeln in dem Fundamente irre zu machen, mit dem Wort “Unsinn!” abweist, ich es für unrichtig halte, wenn er sich verteidigen will, wobei er etwa die Worte “Ich weiß” gebraucht.
11.04.1951
The strange thing is that, even if I think it is perfectly correct that one rejects the attempt to make one doubt in the fundamentals with the word “Nonsense!”, I think it is wrong if he wants to defend himself, using words like “I know.”
§Ms-176
41r[1]499 Ich könnte auch so sagen: Das ‘Gesetz der Induktion’ läßt sich ebenso wenig begründen, als gewisse partikuläre Sätze das Erfahrungsmaterial betreffend.
I could also say this: The ‘law of induction’ can no more be justified than certain particular sentences concerning the empirical material.
§Ms-176
41r[2]500 Aber es schiene mir auch Unsinn zu sein, zu sagen “Ich weiß, daß das Gesetz der Induktion wahr ist”. Denk Dir so eine Aussage in einem Gerichtshof gemacht! Richtiger wäre noch “Ich glaube an das Gesetz …”, wo ‘glauben’ nichts mit vermuten zu tun hat.
But it also seems to me to be nonsense to say “I know that the law of induction is true.” Imagine such a statement made in a courtroom! It would be more correct to say “I believe in the law…”, where ‘believe’ has nothing to do with guessing.
§Ms-176
41r[3] &41v[1]
501 Komme ich nicht immer mehr & mehr dahin, zu sagen, daß die Logik sich am Schluß nicht beschreiben lasse.? Du mußt die Praxis der Sprache ansehn, dann siehst Du sie.
Am I not increasingly coming to the conclusion that logic cannot be described in the end? You must look at the practice of language, then you will see it.
§Ms-176
41v[2]502 Könnte man sagen “Ich weiß mit geschlossenen Augen die Lage meiner Hände”, wenn meine Angabe immer oder meistens dem Zeugnis der Andern widerspräche?
Could one say “I know the location of my hands with my eyes closed,” if my statement always or mostly contradicted the testimony of others?
§Ms-176
41v[3] &42r[1]
503 Ich schaue einen Gegenstand an & sage “Das ist ein Baum” oder “Ich weiß, daß das …” – Gehe ich nun in die Nähe & es stellt sich anders heraus, so kann ich sagen “Es war doch kein Baum”; oder ich sage “Es war ein Baum, ist es aber jetzt nicht mehr”. Wenn nun aber alle Andern mit mir in Widerspruch wären & sagten, es wäre nie ein Baum gewesen, & wenn alle andern Zeugnisse gegen mich sprächen – was nützte mir dann noch auf meinem “Ich weiß …” zu beharren?
I look at an object & say “That is a tree” or “I know that it…” – Now, if I go closer & it turns out to be different, then I can say “It wasn’t a tree after all”; or I say “It was a tree, but it isn’t one now.” If, however, everyone else disagreed with me & said that it had never been a tree, & if all other testimony was against me – what use would it be to insist on my “I know…”?
§Ms-176
42r[2]504 Ob ich etwas weiß, hängt davon ab, ob die Evidenz mir recht gibt, oder mir widerspricht. Denn zu sagen, man wisse, daß man Schmerzen habe, heißt nichts.
Whether I know something depends on whether the evidence supports me or contradicts me. Because to say that one knows that one is in pain means nothing.
§Ms-176
42r[3]505 Es ist immer von Gnaden der Natur, wenn man etwas weiß.
It is always by the grace of nature when one knows something.
§Ms-176
42r[4] &42v[1]
506 Wenn mich mein Gedächtnis hier täuscht, so kann es mich überall täuschen. Wenn ich das nicht weiß, wie weiß ich dann, ob meine Worte das bedeuten, was ich glaube, daß sie bedeuten?
If my memory here deceives me, then it can deceive me everywhere. If I don’t know that, how do I know whether my words mean what I believe them to mean?
§Ms-176
42v[2]507 “Wenn mich dies täuscht, was bedeutet “täuschen” dann noch?”
“If this deceives me, what does ‘deceive’ mean then?”
§Ms-176
42v[3]508 Worauf kann ich mich verlassen?
What can I rely on?
§Ms-176
42v[4]509 Ich will eigentlich sagen, daß ein Sprachspiel nur möglich ist, wenn man sich auf etwas verläßt. (Ich habe nicht gesagt “auf etwas verlassen kann”.)
I actually want to say that a language-game is only possible if one relies on something. (I didn’t say “can rely on something.”)
§Ms-176
42v[5] &43r[1]
510 Wenn ich sage “Ich weiß, daß das ein Handtuch ist”, so mache ich eine Äußerung. Ich denke nicht an eine Verifikation. Es ist für mich eine unmittelbare Äußerung. Ich denke nicht an Vergangenheit oder Zukunft. (Und so geht es natürlich auch Moore.) Ganz so, wie ein unmittelbares Zugreifen; wie ich ohne zu zweifeln nach dem Handtuch greife.
If I say “I know that this is a towel,” then I am making an utterance. I am not thinking about a verification. For me, it is an immediate utterance. I am not thinking about the past or the future. (And that is, of course, also the case with Moore.) Just like an immediate reaching; like I reach for the towel without doubting.
§Ms-176
43r[2]511 Aber dieses unmittelbare Zugreifen entspricht doch einer Sicherheit, keinem Wissen. Aber greif ich so nicht auch zum Namen eines Dinges?
But this immediate reaching does correspond to a certainty, not knowledge. But doesn’t this also involve reaching for the name of a thing?
§Ms-176
43r[3] &43v[1]
512 12.04.1951
Die Frage ist doch die: “Wie, wenn Du auch in diesen fundamentalsten Dingen Deine Anschauung ändern müßtest?” Und darauf scheint mir die Antwort zu sein: “Du mußt sie nicht ändern. Gerade darin liegt es, daß sie ‘fundamental’ sind.”
12.04.1951
The question is: “How, if you had to change your view even in these most fundamental things?” And the answer seems to me to be: “You don’t have to change them. Precisely in that lies the fact that they are ‘fundamental.’”
§Ms-176
43v[2]513 Wie, wenn etwas wirklich unerhörtes geschähe? Wenn ich etwa sähe, wie Häuser sich nach & nach ohne offenbare Ursache in Dampf verwandelten; wenn das Vieh auf der Wiese auf den Köpfen stünde, lachte & verständliche Worte redete; wenn Bäume sich nach & nach in Menschen, & Menschen in Bäume verwandelten. Hatte ich nun recht, als ich vor allen diesen Geschehnissen sagte “Ich weiß, daß das ein Haus ist” etc., oder einfach “Das ist ein Haus” etc.?
What if something really unheard of happened? For example, if I saw houses gradually turning into steam without any obvious cause; if the animals in the meadow stood on their heads, laughed, and spoke understandable words; if trees gradually turned into people, and people into trees. Was I right when I said before all these events, “I know that this is a house,” etc., or simply “This is a house,” etc.?
§Ms-176
43v[3] &44r[1]
514 Diese Aussage erschien mir als fundamental; wenn das falsch ist, was ist noch ‘wahr’ & ‘falsch’?!
This statement seemed fundamental to me; if that is wrong, what is still ‘true’ and ‘false’?!
§Ms-176
44r[2]515 Wenn mein Name nicht L.W. ist, wie kann ich mich darauf verlassen, was unter “wahr” & “falsch” zu verstehen ist?
If my name is not L.W., how can I rely on what is meant by “true” and “false”?
§Ms-176
44r[3]516 Wenn etwas geschähe (wenn z.B. jemand mir etwas sagte), was dazu angetan wäre mir Zweifel daran zu erwecken, so gäbe es gewiß auch etwas, was die Gründe solcher Zweifel selbst zweifelhaft erscheinen ließe, & ich könnte mich also dafür entscheiden meinen alten Glauben beizubehalten.
If something happened (if, for example, someone said something to me) that would be likely to raise doubts in me, then there would certainly also be something that would make the reasons for such doubts themselves doubtful, and I could therefore decide to stick to my old belief.
§Ms-176
44v[1]517 Wäre es aber nicht möglich, daß etwas geschähe, was mich ganz aus dem Geleise würfe? Evidenz, die mir das Sicherste unannehmbar machte? oder doch bewirkte, daß ich meine fundamentalsten Urteile umstoße? (Ob mit Recht oder mit Unrecht ist hier ganz gleich.)
Wouldn’t it be possible for something to happen that would completely throw me off track? Evidence that would make the most certain thing seem unacceptable to me? Or would it at least cause me to overturn my most fundamental judgments? (Whether rightly or wrongly is irrelevant here.)
§Ms-176
44v[2]518 Könnte ich mir denken, daß ich dies in einem andern Menschen beobachtete?
Could I imagine observing this in another person?
§Ms-176
44v[3] &45r[1] &
45v[1]
519 Wenn Du einen Befehl befolgst “Bring mir ein Buch”, so ist es allerdings möglich, daß Du untersuchen mußt ob, was Du dort siehst, wirklich ein Buch ist, aber Du weißt dann doch, was man unter “Buch” versteht; & weißt Du das nicht, so kannst Du etwa nachschlagen, – aber dann mußt Du doch wissen, was ein anderes Wort bedeutet. Und, daß ein Wort das & das bedeutet, so & so gebraucht wird, ist eine Tatsache von eben der Art wie, daß, was Du dort siehst, ein Buch ist. Um also einen Befehl befolgen zu können, mußt Du über eine Erfahrungstatsache außer Zweifel sein. Ja der Zweifel beruht nur auf dem, was außer Zweifel ist. Da aber ein Sprachspiel etwas ist, was in wiederholten Spielhandlungen in der Zeit besteht, so scheint es, man könne in keinem einzelnen Falle sagen, das & das müsse außer Zweifel stehen, wenn es ein Sprachspiel geben solle, wohl aber, daß, in der Regel, irgendwelche Erfahrungsurteile außer Zweifel stehen müssen.
If you follow the command, “Bring me a book,” then it is certainly possible that you must examine whether what you see there is actually a book, but you do know what is meant by “book”; and if you don’t know, then you can look it up – but then you must know what another word means. And that a word means this and that, that it is used in this way, is a fact of the same kind as the fact that what you see there is a book. In order to be able to follow a command, you must be certain about an empirical fact. Yes, doubt is based only on what is beyond doubt. But since a language-game is something that consists of repeated game-actions in time, it seems that one cannot say in any individual case that this and that must be beyond doubt if there is to be a language-game, but rather that, as a rule, some empirical judgments must be beyond doubt.
§Ms-176
45v[2] &46r[1]
520 13.04.1951
Moore hat ein gutes Recht zu sagen, er wisse, daß vor ihm ein Baum steht. Natürlich kann er sich darin irren. (Denn es ist ja hier nicht wie mit der Äußerung “Ich glaube, dort steht ein Baum”.) Aber, ob er in diesem Fall recht hat, oder sich irrt, ist philosophisch nicht von Belang. Wenn M. die bekämpft, die sagen, so etwas könne man nicht eigentlich wissen, so kann er es nicht tun, indem er versichert: er wisse das & das. Denn das braucht man ihm nicht zu glauben. Hätten seine Gegner behauptet, man könne das & das nicht glauben, dann hätte er ihnen antworten können “Ich glaube es”.
13.04.1951
Moore is perfectly justified in saying that he knows there is a tree in front of him. Of course, he could be mistaken. (Because this is not like the statement “I believe there is a tree there.”) But whether he is right in this case or mistaken is not philosophically relevant. If M. is arguing against those who say that one cannot really know something like that, then he cannot do so by asserting: he knows this and that. Because one does not have to believe him for that. If his opponents had claimed that one could not believe this and that, then he could have replied to them, “I believe it.”
§Ms-176
46r[2]521 14.04.1951
Moores Fehler liegt darin, auf die Behauptung, man könne das nicht wissen, zu antworten “Ich weiß es”.
14.04.1951
Moore’s mistake lies in responding to the claim that one cannot know something by saying, “I know it.”
§Ms-176
46r[3] &46v[1]
522 Wir sagen: wenn das Kind die Sprache – & also ihre Anwendung – beherrscht, muß es die Bedeutungen der Worte wissen. Es muß z.B. einem weißen, schwarzen, roten, blauen Dinge seinen Farbnamen, in der Abwesenheit jedes Zweifels, beilegen können.
We say: if the child masters the language – and therefore its application – he must know the meanings of the words. He must, for example, be able to assign the color name to white, black, red, blue things without any doubt.
§Ms-176
46v[2]523 Ja, hier vermißt auch niemand den Zweifel; wundert sich niemand, daß wir die Bedeutung der Worte nicht nur vermuten.
Yes, here no one is missing the doubt; no one is surprised that we do not just assume the meaning of the words.
§Ms-176
51v[2] &52r[1] &
52v[1] &
53r[1]
524 Ist es für unsre Sprachspiele (‘Befehlen & Gehorchen’, z.B.) wesentlich, daß ein Zweifel an gewissen Stellen nicht eintritt, oder genügt es wenn das Gefühl der Sicherheit besteht, wenn auch mit einem leichten Anhauch des Zweifels? Genügt es also, wenn ich zwar nicht wie jetzt, ohne weiteres, ohne die Dazwischenkunft irgend eines Zweifels, etwas ‘schwarz’, ‘grün’, ‘rot’ nenne, – aber statt dessen doch sage “Ich bin sicher, daß das rot ist”, wie man etwa sagt “Ich bin sicher, daß er heute kommen wird” (also mit dem ‘Gefühl der Sicherheit’)? Das begleitende Gefühl ist uns natürlich gleichgültig, & ebensowenig brauchen wir uns um die Worte “Ich bin sicher, daß” bekümmern. – Wichtig ist, ob ein Unterschied in der Praxis der Sprache damit zusammengeht. Man könnte fragen, ob er überall dort, wo wir, z.B., mit Sicherheit einen Bericht aussprechen, (bei einem Versuch z.B. schauen wir in eine Röhre & melden die Farbe, die wir durch sie beobachten), ob er bei dieser Gelegenheit sagt “Ich bin sicher”. Tut er dies, so wird man zuerst geneigt sein seine Angabe zu überprüfen. Zeigt sich aber, daß er ganz zuverlässig ist, so wird man erklären, seine Redeweise sei nur eine Verschrobenheit, die die Sache nicht berührt. Man könnte z.B. annehmen, daß er skeptische Philosophen gelesen habe, überzeugt worden sei, man könne nichts wissen, & darum diese Redeweise angenommen habe. Wenn wir erst einmal an sie gewöhnt sind, so tut sie der Praxis keinen Eintrag.
Is it essential for our language-games (e.g., ‘commanding & obeying’) that doubt does not arise at certain points, or is it enough if there is a feeling of certainty, even if tinged with a slight doubt? Is it enough if I don't, as now, without further ado, without the interruption of any doubt, call something ‘black’, ‘green’, ‘red’ – but instead say “I am certain that it is red”, as one might say “I am certain that he will come today” (i.e., with the ‘feeling of certainty’)? The accompanying feeling is, of course, irrelevant to us, and we also have no need to worry about the words “I am certain that”. – What is important is whether a difference in the practice of language is associated with this. One might ask whether it occurs in all cases where we, for example, assert something with certainty (in an experiment, for example, we look into a tube and report the color we observe through it), whether it says “I am certain” on this occasion. If it does, one would first be inclined to check its statement. But if it turns out that it is quite reliable, one would explain that its way of speaking is merely an idiosyncrasy that does not affect the matter. One might, for example, assume that it has read skeptical philosophers, has been convinced that one cannot know anything, and therefore has adopted this way of speaking. Once we are used to it, it makes no difference to the practice.
§Ms-176
53r[2]525 Wie sieht also der Fall aus, wo Einer wirklich zu den Farbnamen, z.B., eine andere Beziehung hat als wir? Wo nämlich ein leiser Zweifel, oder die Möglichkeit eines Zweifels, in ihrem Gebrauch besteht.
What does it look like when someone has a different relationship to color names, for example, than we do? Where, namely, a slight doubt, or the possibility of doubt, exists in its use.
§Ms-176
53r[3] &53v[1]
526 16.04.1951
Wer beim Anblick eines englischen Postkastens sagte: “Ich bin sicher, er ist rot”, den müßten wir für farbenblind halten, oder glauben, er beherrsche das Deutsche nicht & wüßte den richtigen Farbnamen in einer andern Sprache. Wäre keines von beiden der Fall, so würden wir ihn nicht recht verstehen.
16.04.1951
If someone, when looking at an English postbox, said: “I am certain that it is red”, we would have to consider him colorblind, or believe that he does not master German and knows the correct color name in another language. If neither of these were the case, we would not understand him properly.
§Ms-176
53v[2]527 Ein Deutscher, der diese Farbe “rot” nennt, ist nicht: ‘sicher sie heiße im Deutschen “rot”’. Das Kind, welches die Verwendung des Wortes beherrscht, ist nicht ‘sicher, diese Farbe heiße in seiner Sprache so’. Man kann auch nicht von ihm sagen, es lerne, wenn es sprechen lernt, daß die Farbe auf Deutsch so heißt; oder auch: es wisse dies, wenn es den Gebrauch des Worts erlernt hat.
A German who calls this color “red” is not: ‘certain that it is called “red” in German’. The child who masters the use of the word is not ‘certain that this color is called that in its language’. One cannot say that it learns, when it learns to speak, that the color is called that in German; or that it knows this when it has learned the use of the word.
§Ms-176
53v[3] &54r[1]
528 Und dennoch: wenn jemand mich fragte, wie die Farbe auf Deutsch heiße, & ich sag es ihm, & er fragt mich “Bist Du sicher”: so werde ich antworten: “Ich weiß es; Deutsch ist meine Muttersprache”.
And yet: if someone asked me how the color is called in German, and I tell him, and he asks me “Are you certain?”: I will answer: “I know it; German is my mother tongue”.
§Ms-176
54r[2]529 Auch wird z.B. ein Kind vom andern sagen, oder von sich selbst, es wisse schon, wie das & das heißt.
A child will also say, or say of itself, that it already knows how this and that is called.
§Ms-176
54r[3]530 Ich kann jemandem sagen “Diese Farbe heißt auf Deutsch ‘rot’” (wenn ich ihn z.B. im Deutschen unterrichte). Ich würde in diesem Falle nicht sagen “Ich weiß, daß diese Farbe …” – das würde ich etwa sagen, wenn ich es soeben selbst gelernt hätte, oder im Gegensatz zu einer andern Farbe, deren deutschen Namen ich nicht kenne.
I can say to someone “This color is called ‘red’ in German” (if I am, for example, teaching him German). In this case, I would not say “I know that this color…” – I would say that if I had just learned it myself, or in contrast to another color whose German name I do not know.
§Ms-176
54v[1]531 Ist es nun aber nicht richtig, meinen gegenwärtigen Zustand so zu beschreiben: ich wisse, wie diese Farbe auf Deutsch heißt? Und wenn das richtig ist, warum soll ich dann nicht meinen Zustand mit den entsprechenden Worten “Ich weiß etc.” beschreiben.
But is it not correct to describe my present state thus: I know how this color is called in German? And if that is correct, why should I not describe my state with the corresponding words “I know etc.”?
§Ms-176
54v[2]532 Moore also, wenn er, vor dem Baume sitzend, sagte “Ich weiß, daß das ein …”, sprach einfach die Wahrheit über seinen damaligen Zustand aus.
Moore, then, when, sitting in front of the tree, he said “I know that this is a…”, simply expressed the truth about his state at that time.
§Ms-176
54v[3] &55r[1]
[Ich philosophiere jetzt, wie eine alte Frau, die fortwährend etwas verlegt & es wieder suchen muß; einmal die Brille, einmal den Schlüsselbund –]
[I am now philosophizing like an old woman who keeps misplacing something and has to look for it again; sometimes it’s her glasses, sometimes her keyring –]
§Ms-176
55r[2]533 Nun, wenn es richtig war, außer dem Zusammenhange seinen Zustand zu beschreiben, dann war es auch richtig außer dem Zusammenhange die Worte “Das ist ein Baum” auszusprechen.
Well, if it was correct to describe his state outside of the context, then it was also correct to utter the words “That is a tree” outside of the context.
§Ms-176
55r[3] &55v[1]
534 Ist es aber falsch zu sagen: “Das Kind, welches ein Sprachspiel beherrscht, muß Gewisses wissen”? Wenn man statt dessen sagte “muß Gewisses können” so wäre das ein Pleonasmus, & doch ist es gerade das, welches ich auf den ersten Satz erwidern möchte. – Aber: “Das Kind erwirbt sich ein Naturgeschichtliches Wissen.” Das setzt voraus, daß das Kind fragen könne, wie die & die Pflanze heißt.
But is it wrong to say: “The child who masters a language-game must know certain things”? If, instead, one said “must be able to do certain things”, that would be a pleonasm, and yet it is precisely that to which I would like to reply to the first sentence. – But: “The child acquires natural history knowledge.” This presupposes that the child can ask what the plant is called.
§Ms-176
55v[3]535 Das Kind weiß, wie etwas heißt, wenn es auf die Frage “Wie heißt das” richtig antworten kann.
The child knows how something is called when it can answer the question “What is this called?” correctly.
§Ms-176
55v[4] &56r[1]
536 Das Kind, welches anfängt die Sprache zu lernen, hat natürlich den Begriff des Heißens noch gar nicht.
The child, which is beginning to learn the language, naturally does not yet have the concept of being called.
§Ms-176
56r[2]537 Kann man von Einem, der diesen Begriff nicht besitzt, sagen, er wisse, wie das & das heiße?
Can one say of someone who does not have this concept that he knows how this and that are called?
§Ms-176
56r[3]538 Das Kind, möchte ich sagen, lernt so & so reagieren; & wenn es das nun tut, so weiß es damit noch nichts. Das Wissen beginnt erst auf einer spätern Stufe.
The child, I would like to say, learns to react in such and such a way; & when it does so, it still does not know anything. Knowledge only begins at a later stage.
§Ms-176
56r[4]539 Ist es mit dem Wissen wie mit dem Sammeln?
Is it with knowledge as it is with collecting?
§Ms-176
56v[1]540 Ein Hund könnte lernen auf den Ruf “N” zu N zu laufen & auf den Ruf “M” zu “M”, – wüßte er aber darum , wie die Leute heißen?
A dog could learn to run to N when it hears the call “N” & to M when it hears the call “M,” – but would it therefore know the names of people?
§Ms-176
56v[2]541 “Er weiß erst, wie Dieser heißt, noch nicht wie Jener heißt.” Das kann man streng genommen nicht von Einem sagen, der den Begriff davon noch gar nicht hat, daß Menschen Namen haben.
“He first knows how this is called, but not yet how that is called.” Strictly speaking, one cannot say this of someone who does not yet have the concept that people have names.
§Ms-176
56v[3]542 “Ich kann diese Blume nicht beschreiben, wenn ich nicht weiß, daß diese Farbe ‘rot’ heißt.”
“I cannot describe this flower if I do not know that this color is called ‘red.’”
§Ms-176
56v[4] &57r[1]
543 Das Kind kann die Namen von Personen gebrauchen, lang ehe es in irgend einer Form sagen kann: “Ich weiß, wie Dieser heißt; ich weiß noch nicht, wie Jener heißt”.
The child can use the names of people long before it can say in any form: “I know how this one is called; I do not yet know how that one is called.”
§Ms-176
57r[2]544 Ich kann freilich wahrheitsgemäß sagen “Ich weiß, wie diese Farbe auf Deutsch heißt”, indem ich z.B. auf die Farbe des frischen Blutes deute. Aber – – –
I can, of course, truthfully say “I know what this color is called in German,” by, for example, pointing to the color of fresh blood. But – – –
§Ms-176
57r[3]545 17.04.1951
‘Das Kind weiß, welche Farbe das Wort “blau” bedeutet.’ Was es da weiß, ist gar nicht so einfach.
17.04.1951
‘The child knows what color the word “blue” means.’ What it knows here is not so simple.
§Ms-176
57r[4]546 “Ich weiß, wie diese Farbe heißt” würde ich z.B. sagen, wenn es sich um Farbtöne handelt, deren Namen nicht Jeder kennt.
“I know what this color is called,” I would say, for example, if it is a matter of shades of color whose names not everyone knows.
§Ms-176
57r[5] &57v[1]
547 Man kann einem Kind, das grade erst anfängt zu sprechen & die Wörter “rot” & “blau” gebrauchen kann noch nicht sagen: “Nicht wahr, Du weißt, wie diese Farbe heißt”.
One cannot say to a child who is just beginning to speak & can use the words “red” & “blue”: “Isn’t it true that you know what this color is called?”
§Ms-176
57v[2]548 Das Kind muß die Verwendung von Farbnamen lernen, ehe es nach dem Namen einer Farbe fragen kann.
The child must learn the use of color names before it can ask for the name of a color.
§Ms-176
57v[3]549 Es wäre falsch zu sagen, ich könne nur dann sagen “Ich weiß, daß dort ein Sessel steht”, wenn ein Sessel dort steht. Freilich ist es nur dann wahr, aber ich habe ein Recht es zu sagen wenn ich sicher bin, es stehe einer dort, auch wenn ich unrecht habe.
It would be wrong to say that I can only say “I know that there is an armchair there” if there is an armchair there. Of course, it is only then true, but I have a right to say it if I am certain that there is one there, even if I am wrong.
§Ms-176
58r[1]18.04.1951
Die Prätentionen sind eine Hypothek die die Denkkraft des Philosophen belastet.
18.04.1951
The pretensions are a mortgage that burdens the philosopher’s power of thought.
§Ms-176
58r[2]550 Wenn Einer etwas glaubt, so muß man nicht immer die Frage beantworten können, ‘warum er es glaubt’; weiß er aber etwas, so muß die Frage “Wie weiß er es” beantwortet werden können.
If someone believes something, one does not always have to be able to answer the question ‘why he believes it’; but if he knows something, the question “How does he know it?” must be answerable.
§Ms-176
58r[3]551 Und beantwortet man diese Frage, so muß es nach allgemein anerkannten Grundsätzen geschehen. So weiß man soetwas.
And if one answers this question, it must be done according to generally accepted principles. Thus one knows such and such.
§Ms-176
58r[4] &58v[1]
552 Weiß ich, daß ich jetzt in einem Sessel sitze? – Weiß ich es nicht?! Es wird niemand, unter den gegenwärtigen Umständen, sagen, ich wisse das; aber ebensowenig z.B., ich sei bei Bewußtsein. Man wird das auch gewöhnlich nicht von den Passanten auf der Straße sagen. Aber wenn man's nun auch nicht sagt, ist es darum nicht so??
Do I know that I am sitting in an armchair right now? — Don’t I know it?! Under the present circumstances, no one would say that I know; but no more, for example, that I am conscious. One would not usually say this of passers-by in the street either. But if one doesn’t say it, does that mean it is not the case??
§Ms-176
58v[2] &59r[1]
553 Es ist seltsam: Wenn ich, ohne besondern Anlaß, sage “Ich weiß”, z.B. “Ich weiß, daß ich jetzt auf einem Sessel sitze”, so erscheint mir der Satz ungerechtfertigt & anmaßend. Mache ich aber die gleiche Aussage, wo ein Bedürfnis nach ihr vorhanden ist, so erscheint sie mir nun, obgleich ich ihrer Wahrheit nicht um ein Haar sicherer bin, als vollkommen gerechtfertigt & alltäglich.
It is strange: If, without any particular reason, I say “I know,” e.g., “I know that I am now sitting in an armchair,” the sentence seems unjustified & presumptuous to me. But if I make the same statement where there is a need for it, it seems to me, although I am not a hair’s breadth more certain of its truth, as perfectly justified & commonplace.
§Ms-176
59r[2]554 In ihrem Sprachspiel ist sie nicht anmaßend. Sie steht dort nicht höher als eben das menschliche Sprachspiel: Denn sie hat ihre (sehr) besondre Anwendung. Wie ich aber den Satz außerhalb seinem Zusammenhang sage, so erscheint er in einem falschen Lichte. Denn dann ist es, als wollte ich versichern, daß es Dinge gibt, die ich weiß. Worüber Gott selber mir nichts erzählen könnte.
In its language-game, it is not presumptuous. It does not stand higher than just the human language-game: For it has its (very) special application. But the way I say the sentence outside of its context, it appears in a false light. For then it is as if I wanted to assert that there are things that I know. About which God himself could not tell me anything.
§Ms-176
59v[1] &60r[1]
555 19.04.1951
Wir sagen, wir wissen, daß das Wasser kocht, wenn es an's Feuer gestellt wird. Wie wissen wir's? Erfahrung hat es uns gelehrt. – Ich sage “Ich weiß, daß ich heute früh gefrühstückt habe”, Erfahrung hat mich das nicht gelehrt. Man sagt auch “Ich weiß, daß er Schmerzen hat”. Jedesmal ist das Sprachspiel anders, jedesmal sind wir sicher, & jedesmal wird man mit uns übereinstimmen, daß wir in der Lage sind zu wissen. Daher finden sich ja auch die Lehrsätze der Physik in Lehrbüchern für jedermann. Wenn jemand sagt, er wisse etwas, so muß es etwas sein, was er, dem allgemeinen Urteil nach, in der Lage ist zu wissen.
19.04.1951
We say, we know that water boils when it is put on the fire. How do we know it? Experience has taught us that. – I say “I know that I had breakfast this morning,” experience has not taught me that. One also says “I know that he is in pain.” Each time, the language-game is different, each time we are certain, & each time one will agree with us that we are capable of knowing. That is why the principles of physics can also be found in textbooks for everyone. If someone says that he knows something, then it must be something that, according to general opinion, he is capable of knowing.
§Ms-176
60r[2]556 Man sagt nicht: Er ist in der Lage, das zu glauben. Wohl aber: “Es ist: vernünftig in dieser Lage das anzunehmen” (oder “zu glauben”).
One does not say: He is capable of believing that. But one does say: “It is reasonable in this situation to assume that” (or “to believe it”).
§Ms-176
60r[3]557 Ein Kriegsgericht mag zu beurteilen haben, ob es in dieser Lage vernünftig war, das & das mit Sicherheit (wenn auch fälschlich) anzunehmen.
A military court may have to judge whether it was reasonable in this situation to assume that & that with certainty (even if falsely).
§Ms-176
60r[4] &60v[1]
558 Wir sagen, wir wissen, daß das Wasser unter den & den Umständen kocht & nicht gefriert. Ist es denkbar, daß wir uns darin irren? Würde nicht ein Irrtum alles Urteil mit sich reißen? Ich meine: Was könnte aufrecht stehen, wenn das fiele? Könnte Einer etwas finden, & wir nun sagen: “Es war ein Irrtum”? Was immer in Zukunft geschehen mag, wie immer sich Wasser in Zukunft verhalten mag, – wir wissen, daß es sich bis jetzt in unzähligen Fällen so verhalten hat. Diese Tatsache ist in die Grundlagen unseres Sprachspiels eingeschmolzen.
We say, we know that water boils under such & such circumstances & does not freeze. Is it conceivable that we are mistaken in this? Wouldn’t a mistake invalidate all judgment? I mean: What could remain valid if that were to fall? Could anyone find something, & we now say: “It was a mistake”? Whatever may happen in the future, however water may behave in the future, – we know that until now it has behaved in countless cases in this way. This fact is embedded in the foundations of our language-game.
§Ms-176
60v[2] &61r[1]
559 Du mußt bedenken, daß das Sprachspiel sozusagen etwas Unvorhersehbares ist. Ich meine: Es ist nicht begründet. Nicht vernünftig (oder unvernünftig). Es steht da – wie unser Leben.
You must bear in mind that the language-game is, in a way, something unpredictable. I mean: It is not justified. Not reasonable (or unreasonable). It stands there – like our life.
§Ms-176
61r[2]560 Und der Begriff des Wissens ist mit dem des Sprachspiels verkuppelt.
And the concept of knowledge is linked to that of the language-game.
§Ms-176
61r[3]561 “Ich weiß” & “Du kannst Dich drauf verlassen”. Aber man kann nicht immer für das erste das zweite setzen.
“I know” & “You can rely on it.” But one cannot always substitute the first for the second.
§Ms-176
61r[4]562 Immerhin ist es wichtig, sich eine Sprache vorzustellen, in der es unsern Begriff ‘wissen’ nicht gibt.
At any rate, it is important to imagine a language in which there is no our concept of ‘knowing’.
§Ms-176
61r[5] &61v[1] &
62r[1]
563 Man sagt “Ich weiß, daß er Schmerzen hat”, obwohl man keinen überzeugenden Grund dafür angeben kann. – Ist das dasselbe wie “Ich bin sicher, daß er …”? – Nein. “Ich bin sicher” gibt Dir die subjektive Sicherheit. “Ich weiß” heißt, daß zwischen mir, der es weiß, & dem, der's nicht weiß, ein Unterschied des Verständnisses liegt. (Etwa gegründet auf einen Unterschied des Grads der Erfahrung.) Sage ich in der Mathematik “Ich weiß”, so ist die Rechtfertigung dafür ein Beweis. Wenn man in diesen beiden Fällen statt “Ich weiß” “Du kannst Dich drauf verlassen” sagt, so ist die Begründung jedesmal von andrer Art. Und die Begründung hat ein Ende.
One says “I know that he is in pain,” even though one cannot give a convincing reason for it. – Is that the same as “I am certain that he is…”? – No. “I am certain” gives you the subjective certainty. “I know” means that there is a difference of understanding between me, who knows it, & the one who does not know it. (Roughly based on a difference in the degree of experience.) If I say in mathematics “I know,” then the justification for it is a proof. If, in these two cases, one says instead of “I know,” “You can rely on it,” then the justification is of a different kind each time. And the justification has an end.
§Ms-176
62r[2]564 Ein Sprachspiel: Bringen der Bausteine, Melden der Anzahl vorhandener Steine. Manchmal wird die Anzahl geschätzt, manchmal durch Zählen festgestellt. Es kommt dann die Frage vor “Glaubst Du, es sind soviele Steine” & die Antwort “Ich weiß es, ich hab sie gerade gezählt”. Aber hier könnte das “Ich weiß” wegbleiben. Wenn es aber mehrere Arten der sichern Konstatierung gibt, wie zählen, wägen, messen des Stoßes, etc., dann kann statt der Angabe, wie man's weiß, die Aussage “Ich weiß” treten.
A language-game: Bringing the building blocks, stating the number of blocks present. Sometimes the number is estimated, sometimes it is determined by counting. The question then arises: “Do you think there are that many blocks?” & the answer: “I know it, I just counted them.” But here the “I know” could be omitted. However, if there are several ways of reliably ascertaining it, such as counting, weighing, measuring the pile, etc., then instead of stating how one knows it, the statement “I know” can be used.
§Ms-176
62v[1]565 Aber hier ist von einem ‘Wissen’, daß dies “Platte”, dies “Säule”, etc., heißt, noch gar nicht die Rede.
But here we are not yet talking about a ‘knowledge’ that this “plate,” this “pillar,” etc., is called.
§Ms-176
62v[2] &63r[1]
566 Ja, das Kind das mein Sprachspiel (№ 2) lernt, lernt nicht sagen “Ich weiß, daß dies ‘Platte heißt”. Es gibt nun freilich ein Sprachspiel in welchem das Kind diesen Satz gebraucht. Dies setzt voraus, daß das Kind, sowie ihm der Name gegeben ist, ihn auch schon gebrauchen kann. Wie wenn mir jemand sagte “Diese Farbe heißt ‘ …’” – Wenn also das Kind ein Sprachspiel mit Bausteinen gelernt hat, so kann man ihm nun etwa sagen “Und dieser Stein heißt ‘ …’”, & man hat dadurch das ursprüngliche Sprachspiel erweitert.
Yes, the child who learns my language-game (No. 2) does not learn to say “I know that this is called ‘plate’.” Of course, there is now a language-game in which the child uses this sentence. This presupposes that the child, once it has been given the name, can already use it. As if someone said to me, “This color is called ‘…’” – So if the child has learned a language-game with building blocks, then one can now say, for example, “And this stone is called ‘…’,” & this has thereby extended the original language-game.
§Ms-176
63r[2]567 Und ist nun das Wissen, daß ich L. W. heiße, von der gleichen Art wie das, daß Wasser bei 100˚ C siedet? Diese Frage ist natürlich falsch gestellt.
And is the knowledge that I am called L. W. of the same kind as that water boils at 100˚ C? This question is, of course, wrongly formulated.
§Ms-176
63r[3]568 Wenn einer meiner Namen nur ganz selten gebraucht würde, so könnte es sein, daß ich ihn nicht wüßte. Daß ich meinen Namen weiß, ist nur darum selbstverständlich, weil ich ihn, wie jeder Andre, unzählige Male verwende.
If one of my names were only used very rarely, then it might be that I do not know it. The fact that I know my name is self-evident only because I, like everyone else, use it countless times.
§Ms-176
63r[4] &63v[1]
569 Ein innres Erlebnis kann es mir nicht zeigen, daß ich etwas weiß. Wenn ich daher trotzdem sage “Ich weiß, daß ich … heiße” & es doch offenbar nicht ein Erfahrungssatz ist, – – –
An inner experience cannot show me that I know something. If, therefore, I still say “I know that I am called…” and it is clearly not an experiential proposition – – –
§Ms-176
63v[2]570 “Ich weiß, daß ich so heiße; bei uns weiß es jeder Erwachsene, wie er heißt.”
“I know that I am called so; everyone knows their name among us adults.”
§Ms-176
63v[3]571 “Ich heiße …, Du kannst Dich drauf verlassen. Wenn es sich als falsch erweist, so brauchst Du mir in Zukunft nie mehr zu glauben.”
“I am called…, you can rely on that. If it turns out to be false, then you will never have to believe me again.”
§Ms-176
63v[4] &64r[1]
572 Ich scheine doch zu wissen daß ich mich, in meinem eigenen Namen z.B., nicht irren kann! Das drückt sich darin aus: “Wenn das falsch ist, dann bin ich verrückt.” Nun gut, aber das sind Worte; aber welchen Einfluß hat es auf die Anwendung der Sprache?
I seem to know that I cannot be mistaken about my own name! This is expressed by: “If that is false, then I am crazy.” Well, but these are just words; but what influence does it have on the application of language?
§Ms-176
64r[2]573 Dadurch, daß ich durch nichts vom Gegenteil zu überzeugen bin?
Because I cannot be convinced of the opposite by anything?
§Ms-176
64r[3]574 Die Frage ist: Welche Art Satz ist das: “Ich weiß, daß ich mich darin nicht irren kann”, oder auch: “Ich kann mich darin nicht irren”? Das “Ich weiß” scheint hier alle Gründe abzuschneiden: Ich weiß es eben. Aber wenn hier überhaupt von Irrtum die Rede sein kann, dann muß sich prüfen lassen, ob ich's weiß.
The question is: What kind of sentence is this: “I know that I cannot be mistaken in this,” or also: “I cannot be mistaken in this”? The “I know” seems to cut off all reasons here: I simply know it. But if there can be talk of error here at all, then it must be possible to examine whether I know it.
§Ms-176
64v[1]575 Das Wort “Ich weiß” könnte also den Zweck haben anzuzeigen, wo ich zuverlässig bin, wobei aber die Brauchbarkeit dieses Zeichens aus der Erfahrung hervorgehen muß.
The word “I know” could therefore have the purpose of indicating where I am reliable, whereby the usefulness of this sign must emerge from experience.
§Ms-176
64v[2]576 Man könnte fragen “Wie weiß ich, daß ich mich in meinem Namen nicht irre?” – & wenn darauf geantwortet würde “Weil ich ihn so oft verwendet habe”, so könnte man weiterfragen: “Wie weiß ich, daß ich mich darin nicht irre?!” Und hier kann das “Wie weiß ich” keine Bedeutung mehr haben.
One could ask, “How do I know that I am not mistaken about my name?” – & if the answer were “Because I have used it so often,” one could ask further: “How do I know that I am not mistaken in that?!” And here the “How do I know” can no longer have any meaning.
§Ms-176
64v[3] &65r[1]
577 “Ich weiß meinen Namen mit voller Bestimmtheit.” Ich würde mich weigern, irgendein Argument in betracht zu ziehen, welches das Gegenteil zeigen wollte! Und was heißt: “Ich würde mich weigern”? Ist es der Ausdruck einer Absicht?
“I know my name with complete certainty.” I would refuse to consider any argument that wanted to show the opposite! And what does it mean: “I would refuse”? Is it the expression of an intention?
§Ms-176
65r[2]578 Aber könnte nicht eine höhere Autorität mich versichern, daß ich nicht die Wahrheit weiß? So daß ich sagen müßte “Lehre mich!” Aber dann müßten mir die Augen aufgetan werden.
But could not a higher authority assure me that I do not know the truth? So that I would have to say “Teach me!” But then my eyes would have to be opened.
§Ms-176
65r[3]579 Es gehört zu dem Sprachspiel mit den Personennamen, daß jeder seinen Namen mit der größten Sicherheit weiß.
It is part of the language-game with personal names that everyone knows their name with the greatest certainty.
§Ms-176
65r[4] &65v[1]
580 20.04.1951
Es könnte doch sein, daß, wenn immer ich sagte “Ich weiß es”, es sich als falsch herausstellte. (Aufzeigen)
April 20, 1951
It could be that, whenever I say “I know it,” it turns out to be false. (Point out)
§Ms-176
65v[2]581 Ich könnte mir aber vielleicht dennoch nicht helfen, & würde weiter versichern “Ich weiß –”. Aber wie hat denn der Mensch den Ausdruck gelernt?
But I might still not be able to help myself, & would continue to assure “I know –”. But how did the human being learn this expression?
§Ms-176
65v[3]582 “Ich weiß es” kann heißen: Es ist mir schon bekannt – aber auch: Es ist gewiß so.
“I know it” can mean: It is already known to me – but also: It is certainly so.
§Ms-176
65v[4] &66r[1]
583 “Ich weiß, daß das auf … ‘ …’ heißt.” – Wie weißt Du das? – “Ich habe … gelernt.” Könnte ich hier statt “Ich weiß, daß etc.” setzen “Auf … heißt dies ‘ …’”?
“I know that it is called ‘…’.” – How do you know that? – “I learned it.” Could I put “I know that, etc.” here instead of “It is called ‘…’”?
§Ms-176
66r[2]584 Wäre es möglich, das Verbum “wissen” nur in der Frage “Wie weißt Du das?” zu benutzen, die auf eine einfache Behauptung folgt? – Statt “Das weiß ich schon” sagt man “Das ist mir bekannt”; & die folgt nur auf die Mitteilung der Tatsache. Aber was sagt man statt “Ich weiß, was das ist”?
Would it be possible to use the verb “to know” only in the question “How do you know that?” which follows a simple assertion? – Instead of “I already know that,” one says “That is known to me”; & this only follows the communication of the fact. But what does one say instead of “I know what that is”?
§Ms-176
66r[3]585 Aber sagt nicht “Ich weiß, daß das ein Baum ist” etwas anderes als “Das ist ein Baum”?
But does “I know that that is a tree” say something different from “That is a tree”?
§Ms-176
66r[4] &66v[1]
586 Statt “Ich weiß, was das ist” könnte man sagen “Ich kann sagen, was das ist.” Und wenn man diese Ausdrucksweise annähme, was würde dann aus “Ich weiß, daß das … ist”?
Instead of “I know what that is,” one could say “I can say what that is.” And if one were to adopt this way of expressing oneself, what would become of “I know that that is…”?
§Ms-176
66v[2]587 Zurück zur Frage, ob “Ich weiß, daß das ein … ist” etwas andres sagt als “Das ist ein …”. – Im ersten Satz wird eine Person erwähnt, im zweiten nicht. Aber das zeigt nicht, daß sie verschiedenen Sinn haben. Man ersetzt jedenfalls oft die erste Form durch die zweite & gibt dieser dann oft eine besondere Intonation. Denn man spricht anders, wenn man eine unwidersprochene Feststellung macht, & wenn man sie gegen einen Widerspruch aufrecht erhält.
Back to the question of whether “I know that that is a…” says something different from “That is a…”. – The first sentence mentions a person, the second does not. But that does not show that they have different meanings. In any case, one often replaces the first form with the second & often gives the latter a special intonation. Because one speaks differently when making an undisputed statement, & when maintaining it against a contradiction.
§Ms-176
67r[1] &67v[1]
588 Aber sage ich nicht durch die Worte “Ich weiß, daß …”, daß ich in einem bestimmten Zustand mich befinde, während das die bloße Behauptung “Das ist ein …” nicht sagt? Und doch antwortet man auf so eine Behauptung oft “Wie weißt Du das?” – “Aber doch nur, weil die Tatsache, daß ich dies behaupte zu erkennen gibt, ich glaube es zu wissen.” – Man könnte das so ausdrücken: In einem Zoologischen Garten könnte die Aufschrift stehen “Das ist ein Zebra”; aber doch nicht “Ich weiß, daß das ein Zebra ist”. “Ich weiß” hat nur Sinn, wenn eine Person es äußert. Dann aber ist es gleichgültig, ob die Äußerung ist “Ich weiß …”, oder “Das ist …”.
But doesn’t saying “I know that…” mean that I am in a certain state, whereas the mere assertion “That is a…” doesn’t say this? And yet, one often answers such an assertion with “How do you know that?” – “But only because the fact that I make this assertion shows that I believe I know it.” – One could express it like this: In a zoo, the sign could read “This is a zebra”; but not “I know that this is a zebra.” “I know” only has sense when a person utters it. Then, however, it is irrelevant whether the utterance is “I know…”, or “That is…”.
§Ms-176
67v[2]589 Wie lernt denn Einer den Zustand des Wissens erkennen?
How does one learn to recognize the state of knowledge?
§Ms-176
67v[3]590 Von dem Erkennen eines Zustandes könnte man eher noch reden, wo es heißt “Ich weiß, was das ist”. Man kann sich hier davon überzeugen, daß man dieses Wissen wirklich besitzt.
One could more readily speak of recognizing a state where it says “I know what that is.” One can convince oneself here that one actually possesses this knowledge.
§Ms-176
67v[4] &68r[1]
591 “Ich weiß, was das für ein Baum ist. – Es ist eine Kastanie.” “Ich weiß, was das für ein Baum ist. Ich weiß, daß es eine Kastanie ist”. Die erste Aussage klingt natürlicher als die zweite. Man wird nur dann zum zweiten mal “Ich weiß” sagen, wenn man die Gewißheit besonders betonen will; etwa um einem Widerspruch zuvorzukommen. Das erste “Ich weiß” heißt ungefähr: Ich kann sagen. In einem andern Fall aber könnte man mit der Konstatierung “Das ist ein …” beginnen, & dann, auf einen Widerspruch, entgegnen: “Ich weiß, was das für ein Baum ist” & damit die Sicherheit betonen.
“I know what kind of tree that is. – It is a chestnut.” “I know what kind of tree that is. I know that it is a chestnut.” The first statement sounds more natural than the second. One will only say “I know” a second time if one wants to particularly emphasize the certainty; for example, in order to anticipate a contradiction. The first “I know” means approximately: I can say. In another case, however, one could begin with the statement “That is a…”, and then, in response to a contradiction, say: “I know what kind of tree that is” and thus emphasize the certainty.
§Ms-176
68r[2] &68v[1]
592 “Ich kann sagen, was das für ein …, & zwar mit Sicherheit.”
“I can say what kind of… that is, and with certainty.”
§Ms-176
68v[2]593 Auch wenn man “Ich weiß, daß es so ist” durch “Es ist so” ersetzen kann, kann man doch nicht die Negation des einen durch die Negation des andern ersetzen. Mit “Ich weiß nicht, …” tritt ein neues Element in die Sprachspiele ein.
Even if one can replace “I know that it is so” with “It is so,” one cannot replace the negation of the one with the negation of the other. With “I do not know…”, a new element enters the language-games.
§Ms-176
68v[3]594 21.04.1951
“L. W.” ist mein Name. Und wenn es jemand bestritte, würde ich sofort unzählige Verbindungen schlagen, die ihn sichern.
21.04.1951
“L. W.” is my name. And if anyone disputed it, I would immediately establish countless connections that would confirm it.
§Ms-176
68v[4] &69r[1]
595 “Aber ich kann mir doch einen Menschen vorstellen, der alle diese Verbindungen macht, wovon keine mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Warum soll ich mich nicht in einem ähnlichen Falle befinden?” Wenn ich mir jenen Menschen vorstelle, so stelle ich mir auch eine Realität vor, eine Welt, die ihn umgibt; & ihn, wie er dieser Welt zuwider denkt (& spricht).
“But I can imagine a person who makes all these connections, none of which correspond to reality. Why shouldn’t I be in a similar situation?” If I imagine that person, I also imagine a reality, a world that surrounds him; and him, as he thinks (& speaks) against this world.
§Ms-176
69r[2] &69v[1]
596 Wenn Einer mir mitteilt, sein Name sei N.N., so hat es Sinn für mich, ihn zu fragen “Kannst Du Dich darin irren?” Das ist eine regelrechte Frage im Sprachspiel. Und es hat darauf die Antwort Ja & Nein Sinn. – Nun ist freilich auch diese Antwort nicht unfehlbar, d.h. sie kann sich einmal als falsch erweisen, aber das nimmt der Frage “Kannst Du Dich …” & der Antwort “Nein” nicht ihren Sinn.
If someone tells me that his name is N.N., then it makes sense for me to ask him “Could you be mistaken about that?” This is a legitimate question in the language-game. And there is a sense to the answers Yes and No. – Of course, even this answer is not infallible, i.e., it may turn out to be wrong, but that does not take away from the question “Can you be mistaken…?” and the answer “No” their sense.
§Ms-176
69v[2]597 Die Antwort auf die Frage “Kannst Du Dich darin irren” gibt der Aussage ein bestimmtes Gewicht. Die Antwort kann auch sein: “Ich glaube nicht”.
The answer to the question “Can you be mistaken about that?” gives the statement a certain weight. The answer can also be: “I believe not.”
§Ms-176
69v[3] &70r[1]
598 Aber könnte man nicht auf die Frage “Kannst Du …” antworten: “Ich will Dir den Fall beschreiben & Du kannst dann selbst beurteilen, ob ich mich irren kann”? Z.B., wenn es sich um den Namen der Person handelt könnte der Fall so stehen, daß die Person diesen Namen nie gebraucht hat, sich aber entsinnt, ihn auf einem Dokument gelesen zu haben, – & anderseits könnte die Antwort sein: “Ich habe diesen Namen mein ganzes Leben lang geführt, bin von allen Menschen so genannt worden”. Wenn das nicht der Antwort “Ich kann mich darin nicht irren” gleichkommt, so hat sie überhaupt keinen Sinn. Und ganz offenbar wird doch damit auf einen sehr wichtigen Unterschied gedeutet.
But couldn’t one answer the question “Can you…?” by saying: “I will describe the case to you and you can then judge for yourself whether I can be mistaken”? For example, if it concerns the name of the person, the case could be that the person has never used this name, but remembers having read it on a document – and on the other hand, the answer could be: “I have used this name all my life, I have been called that by all people.” If that is not equivalent to the answer “I cannot be mistaken about that,” then it has no sense at all. And quite clearly, this indicates a very important difference.
§Ms-176
70r[2] &70v[1] &
71r[1]
599 Man könnte z.B. die Sicherheit des Satzes, daß Wasser ca. bei 100˚ C kocht, beschreiben. Es ist das z.B. nicht ein Satz, den ich einmal gehört habe wie etwa den & jenen, die ich nennen könnte. Ich habe das Experiment selber in der Schule gemacht. Der Satz ist ein sehr elementarer unserer Lehrbücher, denen in solchen Dingen zu trauen ist, weil …. – Man kann nun allem dem Beispiele entgegenhalten, die zeigen, daß Menschen dies & jenes für gewiß gehalten haben, was sich später, unsrer Meinung nach, für falsch erwiesen hat. Aber dieses Argument ist wertlos. Zu sagen: wir können am Ende nur solche Gründe anführen, die wir für Gründe halten, sagt gar nichts. Kann es denn nicht auch geschehen, daß man heute einen Irrtum früherer Zeiten zu erkennen glaubt, & später darauf kommt, daß die erste Ansicht richtig war. etc. Ich glaube es liegt hier ein Mißverständnis des Wesens unserer Sprachspiele zu Grunde.
One could, for example, describe the certainty of the sentence that water boils at approximately 100˚ C. It is not, for example, a sentence that I once heard, like this or that one, which I could name. I performed the experiment myself in school. The sentence is a very elementary one in our textbooks, which can be trusted in such matters because… – One can now oppose all of this with examples that show that people have considered this and that to be certain, which later, in our opinion, has proven to be false. But this argument is worthless. To say that in the end, we can only cite such reasons that we consider to be reasons, says nothing. Can it not also happen that one believes today that one has recognized an error of earlier times, and later realizes that the first view was correct? etc. I believe that there is a misunderstanding of the essence of our language-games at the bottom of this.
§Ms-176
71r[2]600 Was für einen Grund habe ich, Lehrbüchern der Experimentalphysik zu trauen? Ich habe keinen Grund ihnen nicht zu trauen. Und ich traue ihnen. Ich weiß, wie solche Bücher entstehen – oder vielmehr, ich glaube es zu wissen. Ich habe einige Evidenz, aber sie reicht nicht weit & ist von sehr zerstreuter Art. Ich habe Dinge gehört, gesehn, gelesen.
What reason do I have to trust the textbooks of experimental physics? I have no reason not to trust them. And I trust them. I know how such books come about – or rather, I believe I know. I have some evidence, but it is not very far-reaching and is of a very scattered nature. I have heard, seen, and read things.
§Ms-176
71v[1]601 22.04.1951
Es ist immer die Gefahr, die Bedeutung durch Betrachtung des Ausdrucks & der Stimmung, in welcher man ihn gebraucht, erkennen zu wollen, statt immer an die Praxis zu denken. Darum sagt man sich den Ausdruck so oft vor, weil es ist, als müßte man in ihm & in dem Gefühl, das man hat, das Gesuchte sehen.
22.04.1951
There is always the danger of wanting to recognize the meaning by considering the expression and the mood in which one uses it, instead of always thinking about the practice. That is why one repeats the expression to oneself so often, because it is as if one had to see in it and in the feeling that one has what one is looking for.
§Ms-176
71v[2]602 23.04.1951
Soll ich sagen “Ich glaube an die Physik”, oder “Ich weiß, daß die Physik wahr ist”?
23.04.1951
Should I say, “I believe in physics,” or “I know that physics is true”?
§Ms-176
71v[3] &72r[1]
603 Man lehrt mich, daß unter solchen Umständen dies geschieht. Man hat es herausgefunden, indem man den Versuch ein paarmal gemacht hat. Das alles würde uns freilich nichts beweisen, wenn nicht, rund um diese Erfahrung, andere lägen, die mit ihr ein System bilden. So hat man nicht nur Fallversuche gemacht, sondern auch Versuche über den Luftwiderstand, u.a.m.. Am Ende aber verlasse ich mich auf diese Erfahrungen, oder auf die Berichte von ihnen, richte meine eigenen Handlungen ohne jede Skrupel danach. – Aber hat sich dieses Vertrauen nicht auch bewährt? Soweit ich es beurteilen kann – ja.
I am taught that under such circumstances, this happens. It has been discovered by performing the experiment a couple of times. Of course, all of this would not prove anything if it were not the case that other experiences, which form a system with it, lie around this experience. So, not only drop tests have been carried out, but also tests on air resistance, and so on. In the end, however, I rely on these experiences, or on reports of them, and I regulate my own actions without any hesitation. – But has this trust not also proven itself? As far as I can judge, yes.
§Ms-176
72v[1]604 In einem Gerichtssaal würde die Aussage eines Physikers, daß Wasser bei ca. 100˚ C koche, unbedingt als Wahrheit angenommen. Wenn ich dieser Aussage nun mißtraute, was könnte ich tun um sie zu entkräften? Selbst Versuche anstellen? Was würden die beweisen?
In a courtroom, the statement of a physicist that water boils at approximately 100˚ C would certainly be accepted as true. If I were to distrust this statement, what could I do to disprove it? Should I conduct experiments myself? What would they prove?
§Ms-176
72v[2]605 Aber wie, wenn die Aussage des Physikers Aberglaube wäre, & es ebenso falsch ist, daß das Urteil sich nach ihr, wie daß es sich nach einer Feuerprobe richtet?
But what if the physicist's statement were superstition, and it is just as false that the verdict should be based on it, as that it should be based on an ordeal?
§Ms-176
72v[3] &73r[1]
606 Daß ein Andrer sich meiner Meinung nach geirrt hat, ist kein Grund anzunehmen, daß ich mich jetzt irre. – Aber ist es nicht ein Grund anzunehmen, daß ich mich irren könne? Es ist kein Grund zu irgend einer Unsicherheit in meinem Urteil, oder Handeln.
That another person has, in my opinion, made a mistake, is no reason to assume that I am now mistaken. – But isn’t it a reason to assume that I might be mistaken? There is no reason for any uncertainty in my judgment or action.
§Ms-176
73r[2]607 Der Richter könnte ja sagen “Das ist die Wahrheit – soweit ein Mensch sie erkennen kann.” – Aber was würde dieser Zusatz leisten? (“beyond all reasonable doubt”)
The judge could say, “That is the truth – as far as a person can recognize it.” – But what would this addition achieve? (“beyond all reasonable doubt”)
§Ms-176
73r[3] &73v[1]
608 Ist es falsch, daß ich mich in meinem Handeln nach dem Satze der Physik richte? Soll ich sagen, ich habe keinen guten Grund dazu? Ist nicht eben das, was wir einen ‘guten Grund’ nennen?
Is it wrong that I base my actions on the sentence of physics? Should I say that I have no good reason for it? Is not that precisely what we call a ‘good reason’?
§Ms-176
73v[2]609 Angenommen, wir träfen Leute, die das nicht als triftigen Grund betrachteten. Nun, wie stellen wir uns das vor? Sie befragen statt dessen etwa ein Orakel. (Und wir halten sie darum für primitiv.) Ist es falsch, daß sie ein Orakel befragen & sich nach ihm richten? – Wenn wir dies “falsch” nennen, gehen wir nicht schon von unserm Sprachspiel aus & bekämpfen das ihre?
Suppose we met people who did not consider this to be a valid reason. Well, how do we imagine that? Instead, they consult an oracle. (And we consider them to be primitive because of it.) Is it wrong that they consult an oracle and base their actions on it? – If we call this “wrong,” are we not already starting from our language-game and combating theirs?
§Ms-176
73v[3] &74r[1]
610 Und haben wir recht oder unrecht darin, daß wir's bekämpfen? Man könnte freilich unser Vorgehen mit allerlei Schlagworten (slogans) stützen.
And are we right or wrong in combating it? Of course, one could support our approach with all sorts of slogans.
§Ms-176
74r[2]611 Wo sich wirklich zwei Prinzipe treffen, die sich nicht mit einander aussöhnen können, da erklärt jeder den Andern für einen Narren & Ketzer.
Where two principles, which cannot be reconciled with each other, really meet, each declares the other to be a fool and a heretic.
§Ms-176
74r[3]612 Ich sagte, ich würde den Andern ‘bekämpfen’, – aber würde ich ihm denn nicht Gründe geben? Doch; aber wie weit reichen die? Am Ende der Gründe steht die Überredung. (Denke daran, was geschieht, wenn Missionäre die Eingeborenen bekehren.)
I said that I would ‘combat’ the other, – but would I not also give him reasons? Yes; but how far do these reasons go? In the end, the reasons lead to persuasion. (Think about what happens when missionaries convert the natives.)
§Ms-176
74v[1] &75r[1]
613 Wenn ich nun sage “Ich weiß, daß das Wasser im Kessel auf der Gasflamme nicht gefrieren, sondern kochen wird”, so scheine ich zu diesem “Ich weiß” so berechtigt wie zu irgend einem. ‘Wenn ich etwas weiß, so weiß ich das.’ – Oder weiß ich, daß der Mensch mir gegenüber mein alter Freund so & so ist, mit noch größerer Gewißheit? Und wie vergleicht sich das mit dem Satz, daß ich aus zwei Augen schaue, & sie sehen werde, wenn ich in den Spiegel schaue? – Ich weiß nicht mit Sicherheit, was ich da antworten soll. – Aber es ist doch ein Unterschied zwischen den Fällen. Wenn das Wasser auf der Flamme gefriert, werde ich freilich im höchsten Maße erstaunt sein, aber einen mir noch unbekannnten Einfluß annehmen & etwa Physikern die Sache zur Beurteilung überlassen. – Was aber könnte mich daran zweifeln machen, daß dieser Mensch hier N.N. ist, den ich seit Jahren kenne. Hier schiene ein Zweifel alles nach sich zu ziehen & ein Chaos zu erzeugen.
If I now say “I know that the water in the kettle on the gas flame will not freeze, but boil,” then I seem to be just as justified in this “I know” as in any other. ‘If I know something, I know that.’ – Or do I know, with even greater certainty, that the person opposite me is my old friend so-and-so? And how does that compare with the sentence that I look with two eyes, & they will see when I look in the mirror? – I do not know for certain what I should answer to that. – But there is indeed a difference between the cases. If the water on the flame freezes, I will certainly be astonished to the highest degree, but I will assume an influence that is still unknown to me & perhaps leave the matter to physicists to judge. – But what could make me doubt that this person here is N.N., whom I have known for years? Here, a doubt seems to bring everything else with it & create chaos.
§Ms-176
75r[2] &75v[1]
614 D.h.: Wenn mir von allen Seiten widersprochen würde: Jener heiße nicht, wie ich es immer wußte (& ich gebrauche hier “wußte” absichtlich), dann würde mir in diesem Fall die Grundlage alles Urteilens entzogen.
That is to say: If I were contradicted from all sides: that he is not as I always knew (and I use “knew” intentionally), then in this case the basis of all judgment would be taken away from me.
§Ms-176
75v[2]615 Heißt das nun: “Ich kann überhaupt nur urteilen, weil sich die Dinge so & so (gleichsam gutmütig) benehmen”?
Does that mean: “I can only judge because things behave in such and such a way (as if good-naturedly)”?
§Ms-176
75v[3]616 Aber wäre es denn undenkbar, daß ich im Sattel bliebe, auch wenn die Tatsachen noch so sehr bockten?
But would it really be unthinkable that I would remain in the saddle, even if the facts were to buck so much?
§Ms-176
75v[4] &76r[1]
617 Ich würde durch gewisse Ereignisse in eine Lage versetzt, in der ich das alte Spiel nicht mehr fortsetzen könnte. In der ich aus der Sicherheit des Spiels herausgerissen würde. Ja, scheint es nicht selbstverständlich, daß ein Sprachspiel nur durch gewisse Tatsachen möglich ist?
I would be placed in a situation by certain events in which I could no longer continue the old game. In which I would be torn out of the certainty of the game. Yes, doesn’t it seem obvious that a language-game is only possible through certain facts?
§Ms-176
76r[2]618 Es schiene dann, als müßte das Sprachspiel, die Tatsachen, die es ermöglichen, ‘zeigen’. (Aber so ist es nicht.) Kann man denn sagen, daß nur eine gewisse Regelmäßigkeit in den Geschehnissen die Induktion möglich macht? Das ‘möglich’ müßte natürlich ‘logisch möglich’ sein.
It would then seem as if the language-game, the facts that make it possible, must ‘show’. (But that is not the case.) Can one say that only a certain regularity in the events makes induction possible? Of course, ‘possible’ must be ‘logically possible’.
§Ms-176
76r[3] &76v[1]
619 Soll ich sagen: Wenn auch plötzlich eine Unregelmäßigkeit im Naturgeschehn einträte, so müßte das mich nicht aus dem Sattel heben. Ich könnte, nach wie vor, Schlüsse machen – aber ob man das nun “Induktion” nennen wird, ist eine andre Frage.
Should I say: Even if an irregularity were to suddenly occur in the course of nature, that should not throw me off balance. I could, as before, draw conclusions – but whether one would call that “induction” is another question.
§Ms-176
76v[2]620 Unter bestimmten Umständen sagt man “Du kannst Dich drauf verlassen”; & diese Versicherung kann in der Alltagssprache berechtigt, oder unberechtigt sein, & sie kann auch dann berechtigt sein, wenn das nicht zutrifft, was vorhergesagt wurde. Es gibt ein Sprachspiel, worin die Versicherung verwendet wird.
Under certain circumstances, one says “You can rely on it”; & this assurance can be justified, or unjustified, in everyday language, & it can also be justified even if what was predicted did not come to pass. There is a language-game in which the assurance is used.
§Ms-176
77r[1]621 24.04.1951
Wenn von Anatomie die Rede wäre, würde ich sagen: “Ich weiß, daß vom Gehirn 12 Nervenpaare ausgehen.” Ich habe diese Nerven nie gesehen, & auch ein Fachmann hat sie nur an wenigen Spezimina beobachtet. – So wird aber hier das Wort “Ich weiß” richtig gebraucht.
April 24, 1951
If anatomy were being discussed, I would say: “I know that 12 pairs of nerves originate from the brain.” I have never seen these nerves, and even an expert has only observed them in a few specimens. – But here the word “I know” is used correctly.
§Ms-176
77r[2] &77v[1]
622 Nun ist es aber auch richtig “Ich weiß” in den Verbindungen zu gebrauchen, die Moore erwähnt, wenigstens unter bestimmten Umständen. (Was “I know that I am a human being” heißt, weiß ich allerdings nicht. Aber auch dem könnte man einen Sinn geben.) Ich kann mir zu jedem dieser Sätze Umstände vorstellen, die ihn zum Zug in einem unsrer Sprachspiele machen, wodurch er alles philosophisch Erstaunliche verliert.
Now, it is also true that “I know” can be used in the connections that Moore mentions, at least under certain circumstances. (However, I do not know what “I know that I am a human being” means. But one could also give it a sense.) I can imagine circumstances for each of these sentences that would make it a move in one of our language-games, thereby causing it to lose all its philosophically surprising quality.
§Ms-176
77v[2]623 Das Seltsame ist, daß ich in so einem Falle immer sagen möchte (obwohl es falsch ist): “Ich weiß das – soweit man so etwas wissen kann.” Das ist unrichtig, aber es steckt etwas Richtiges dahinter.
The strange thing is that in such a case I always want to say (although it is false): “I know that – as far as one can know it.” That is incorrect, but there is something correct behind it.
§Ms-176
77v[3] &78r[1]
624 “Kannst Du Dich darin irren, daß diese Farbe auf Deutsch ‘Grün’ heißt?” Meine Antwort darauf kann nur “Nein” sein. Sagte ich “Ja, – denn eine Verblendung ist immer möglich”, so hieße das gar nichts. Ist denn der Nachsatz etwas dem Andern Unbekanntes? Und wie ist er mir bekannt?
“Can you be mistaken in that this color is called ‘green’ in German?” My answer to that can only be “No.” If I said, “Yes, – because a delusion is always possible,” that would mean nothing. Is the added remark something unknown to the other? And how is it known to me?
§Ms-176
78r[2]625 Heißt das aber, daß es undenkbar wäre, daß das Wort “grün” hier aus einer Art von Versprechen oder momentaner Verwirrung entspringt? Kennen wir solche Fälle nicht? – Man kann einem auch sagen: “Du hast Dich nicht vielleicht versprochen –”. Das heißt etwa: “Überleg Dir's noch einmal!” – Aber diese Vorsichtsmaßregeln haben nur Sinn, wenn sie einmal zu einem Ende kommen. Ein Zweifel ohne Ende ist nicht einmal ein Zweifel.
Does that mean, however, that it would be unthinkable that the word “green” here springs from a kind of promise or momentary confusion? Don’t we know such cases? – One can also say to someone: “You may not have made a promise –”. That is about: “Think about it again!” – But these precautions only make sense if they come to an end at some point. A doubt without end is not even a doubt.
§Ms-176
78v[1]626 Es heißt auch nichts, zu sagen: “Der deutsche Name dieser Farbe ist gewiß ‘grün’, – es sei denn, ich verspreche mich jetzt, oder bin irgendwie verwirrt.”
It also means nothing to say: “The German name for this color is certainly ‘green’ – unless I am making a mistake right now or am somehow confused.”
§Ms-176
78v[2]627 Müßte man diese Klausel nicht in alle Sprachspiele einschieben? (Wodurch sich ihre Sinnlosigkeit zeigt.)
Shouldn't one insert this clause into all language-games? (Which would reveal their nonsensical nature.)
§Ms-176
78v[3] &79r[1]
628 Wenn man sagt: “Gewisse Sätze müssen vom Zweifel ausgeschlossen werden”, dann scheint es, als sollte ich diese Sätze, z.B. daß ich L. W. heiße, in ein Buch über Logik aufnehmen. Denn wenn es zur Beschreibung des Sprachspiels gehört, so gehört es zur Logik. Aber daß ich L.W. heiße gehört nicht zu so einer Beschreibung. Das Sprachspiel, das mit Personennamen operiert, kann wohl bestehen, wenn ich mich in meinem Namen irre, – aber es setzt voraus, daß es unsinnig ist zu sagen, die Mehrzahl der Menschen irre sich in ihren Namen.
If one says: “Certain sentences must be excluded from doubt,” then it seems as though I should include these sentences, e.g., that I am called L.W., in a book about logic. For if it belongs to the description of the language-game, then it belongs to logic. But the fact that I am called L.W. does not belong to such a description. The language-game that operates with personal names can certainly exist even if I am mistaken about my name – but it presupposes that it is nonsensical to say that the majority of people are mistaken about their names.
§Ms-176
79r[2] &79v[1]
629 Anderseits aber ist es richtig, wenn ich von mir aussage “Ich kann mich in meinem Namen nicht irren”, & falsch, wenn ich sage “Vielleicht irre ich mich”. Aber das bedeutet nicht, daß es für Andre sinnlos ist, anzuzweifeln, was ich für sicher erkläre.
On the other hand, it is correct if I assert “I cannot be mistaken about my name,” and incorrect if I say “Perhaps I am mistaken.” But that does not mean that it is nonsensical for others to doubt what I declare to be certain.
§Ms-176
79v[2]630 Sich in der Muttersprache über die Bezeichnung gewisser Dinge nicht irren zu können ist einfach der gewöhnliche Fall.
Not being able to be mistaken in one’s native language about the designation of certain things is simply the usual case.
§Ms-176
79v[3]631 “Ich kann mich darin nicht irren” ist einfach eine Art der Behauptung.
“I cannot be mistaken about this” is simply a kind of assertion.
§Ms-176
79v[4] &80r[1]
632 Sichere & unsichere Erinnerung. Wäre die sichere Erinnerung nicht im allgemeinen zuverlässiger, d.h., würde sie nicht mehr durch andere Verifikationen bestätigt als die unsichere, dann würde der Ausdruck der Sicherheit & Unsicherheit nicht seine gegenwärtige Funktion in der Sprache haben.
Certain and uncertain memory. If certain memory were not, in general, more reliable, i.e., if it were not confirmed by other verifications more than uncertain memory, then the expression of certainty and uncertainty would not have its present function in language.
§Ms-176
80r[2]633 “Ich kann mich darin nicht irren” – aber wie, wenn ich mich dann doch geirrt habe? Ist denn das nicht möglich? Aber macht es den Ausdruck “Ich kann mich etc.” zum Unsinn? Oder wäre es besser statt dessen zu sagen “Ich kann mich darin schwerlich irren”? Nein; denn dies heißt etwas andres.
“I cannot be mistaken about this” – but how, if I then am mistaken? Isn’t that possible? But does that make the expression “I cannot be mistaken, etc.” nonsensical? Or would it be better to say instead “I can hardly be mistaken about this”? No, because this means something else.
§Ms-176
80r[3] &80v[1]
634 “Ich kann mich darin nicht irren; & schlimmstenfalls mache ich aus meinem Satze eine Norm.”
“I cannot be mistaken about this; and in the worst case, I turn my sentence into a norm.”
§Ms-176
80v[2]635 “Ich kann mich darin nicht irren: ich bin heute bei ihm gewesen.”
“I cannot be mistaken about this: I was with him today.”
§Ms-176
80v[3]636 “Ich kann mich darin nicht irren; sollte aber doch etwas gegen meinen Satz zu sprechen scheinen, so werde ich, gegen den Schein, an ihm festhalten.”
“I cannot be mistaken about this; but if something should seem to speak against my sentence, I will, against appearances, stick to it.”
§Ms-176
80v[4]637 “Ich kann mich etc.” weist meiner Behauptung ihren Platz im Spiel an. Aber es bezieht sich wesentlich auf mich, nicht auf das Spiel im allgemeinen.
Wenn ich mich in meiner Behauptung irre, so nimmt das dem Sprachspiel nicht seinen Nutzen.
“I cannot be mistaken, etc.” assigns my assertion its place in the game. But it refers essentially to me, not to the game in general.
If I am mistaken in my assertion, that does not deprive the language-game of its use.
§Ms-177
1r[2]638 25.04.1951
“Ich kann mich darin nicht irren” ist ein gewöhnlicher Satz, der dazu dient den Gewißheitswert einer Aussage anzugeben. Und nur in seinem alltäglichen Gebrauch ist er berechtigt.
April 25, 1951
“I cannot be mistaken in this” is a common sentence used to indicate the degree of certainty of a statement. And it is justified only in its everyday use.
§Ms-177
1r[3]639 Aber was zum Teufel hilft er, wenn ich mich – zugegebenermaßen – in ihm irren kann & also auch in dem Satz, den er stützen sollte?
But what on earth is it good for if I can – admittedly – be mistaken in it, and thus also in the sentence that it is supposed to support?
§Ms-177
1r[4]640 Oder soll ich sagen, der Satz schließe eine bestimmte Art des Fehlers aus.
Or should I say, the sentence excludes a certain kind of error.
§Ms-177
1r[5] &1v[1]
641 “Er hat mir das heute gesagt; – darin kann ich mich nicht irren.” – Wenn es sich aber doch als falsch erwiese?! – Muß man da nicht einen Unterschied machen in der Art & Weise, wie sich etwas ‘als falsch erweist’? – Wie kann es denn erwiesen werden, daß meine Aussage falsch war? Hier steht doch Evidenz gegen Evidenz, & es muß entschieden werden, welche weichen soll.
“He told me that today; I cannot be mistaken in this.” – But what if it turns out to be false?! – Shouldn’t one make a distinction in the way something ‘turns out to be false’? – How can it be proven that my statement was false? Here, evidence is set against evidence, and it must be decided which one should yield.
§Ms-177
1v[2]642 Wenn man aber mit dem Bedenken kommt: Wie, wenn ich plötzlich sozusagen aufwachte & sagte “Jetzt hab ich mir eingebildet, ich heiße L.W.!” – – wer sagt denn, daß ich nicht nocheinmal aufwache & nun dies als sonderbare Einbildung erkläre, u.s.f.?
But if one raises the objection: What if I suddenly, as it were, wake up and say, “Now I imagined that I am called L.W.” – who says that I will not wake up again and then explain this as a strange delusion, and so on?
§Ms-177
2r[1]643 Man kann sich freilich einen Fall vorstellen & es gibt Fälle, wo man nach dem ‘Aufwachen’ nie mehr daran zweifelt, was Einbildung & was Wirklichkeit war. Aber so ein Fall, oder seine Möglichkeit, diskreditiert den Satz “Ich kann mich darin nicht irren” nicht.
One can, of course, imagine a case, and there are cases in which, after ‘waking up,’ one never doubts again what was an illusion and what was reality. But such a case, or its possibility, does not discredit the sentence “I cannot be mistaken in this.”
§Ms-177
2r[2]644 Würde denn sonst nicht alle Behauptung so diskreditiert?
Otherwise, wouldn’t it discredit all assertions?
§Ms-177
2r[3]645 Ich kann mich darin nicht irren, – aber ich mag wohl einmal, mit Recht oder mit Unrecht, entscheiden, ich sei nicht urteilsfähig gewesen.
I cannot be mistaken in this, – but I may, rightly or wrongly, decide that I was not in a fit state to judge.
§Ms-177
2v[1]646 Wenn das immer oder oft vorkäme würde es allerdings den Charakter des Sprachspiels gänzlich verändern.
If this were to happen always or often, it would indeed completely change the character of the language-game.
§Ms-177
2v[2]647 Es ist ein Unterschied zwischen einem Irrtum für den, sozusagen, ein Platz im Spiel vorgesehen ist, & einer vollkommenen Regelwidrigkeit, die ausnahmsweise vorkommt.
There is a difference between an error for which, as it were, a place is reserved in the game, and a complete violation of the rules that occurs exceptionally.
§Ms-177
2v[3] &3r[1] &
3v[1]
648 Ich kann auch den Andern davon überzeugen, daß ich mich ‘darin nicht irren kann’. Ich sage Einem: “Der & der war heute vormittag bei mir & hat mir das & das erzählt.” Wenn es erstaunlich ist, so fragt er mich vielleicht: “Du kannst Dich nicht darin irren?” Das mag heißen: “Ist das auch gewiß heute vormittag geschehen?”, oder aber: “Hast Du ihn auch gewiß recht verstanden?” – Es ist leicht zu sehen, durch welche Ausführungen ich zeigen könnte, daß ich mich in der Zeit nicht geirrt habe, & ebenso, daß ich die Erzählung nicht mißverstanden habe. Aber alles dies kann nicht zeigen, daß ich die ganze Sache nicht geträumt, oder sie mir traumartig eingebildet habe. Es kann auch nicht zeigen, daß ich mich nicht etwa durchgehends versprochen habe. (So etwas kommt vor.)
I can also convince others that I cannot be ‘mistaken about it’. I say to someone: “So & so was here this morning & told me this & that.” If it is surprising, he might ask me: “You cannot be mistaken about that?” This might mean: “Is it also certain that it happened this morning?” or rather: “Did you also understand him correctly?” – It is easy to see how, through certain explanations, I could show that I was not mistaken about the time, & also, that I did not misunderstand the story. But all of this cannot show that I did not dream the whole thing, or that I imagined it in a dreamlike way. It can also not show that I did not perhaps slip up throughout. (Such a thing does happen.)
§Ms-177
3v[2]649 (Ich sagte einmal jemandem – auf Englisch – die Form eines bestimmten Zweiges sei charakteristisch für den Zweig einer Ulme [elm], was der Andre bestritt. Wir kamen dann an Eschen vorbei, & ich sagte “Siehst Du, hier sind die Zweige, von denen ich gesprochen habe.” Worauf er: “But that's an ash” – & ich: “I always meant ash when I said elm”.)
(I once told someone – in English – that the shape of a certain branch was characteristic of the branch of an elm, which the other person disputed. We then came across ashes, and I said, “You see, here are the branches I was talking about.” To which he replied: “But that’s an ash” – and I: “I always meant ash when I said elm.”)
§Ms-177
3v[3] &4r[1]
650 Das heißt doch: die Möglichkeit eines Irrtums läßt sich in gewissen (& häufigen) Fällen eliminieren. – So eliminiert man (ja auch) Rechnungsfehler. Denn wenn eine Rechnung unzählige Male nachgerechnet worden ist, so kann man nun nicht sagen: “Ihre Richtigkeit ist immer nur sehr wahrscheinlich, – da sich immer noch ein Fehler eingeschlichen haben kann.” Denn angenommen es schiene nun einmal, daß ein Fehler entdeckt worden sei – warum sollen wir nicht hier einen Fehler vermuten?
That is, the possibility of an error can be eliminated in certain (and frequent) cases. – This is also how calculation errors are eliminated. For if a calculation has been checked many times, one can no longer say: “Its correctness is only very probable – because an error may still have crept in.” For suppose it now seems that an error has been discovered – why should we not suspect an error here?
§Ms-177
4r[2] &4v[1]
651 Ich kann mich nicht darin irren, daß 12 × 12 = 144 ist. Und man kann nun nicht mathematische Sicherheit der relativen Unsicherheit von Erfahrungssätzen entgegensetzen. Denn der mathematische Satz wurde durch eine Reihe von Handlungen erhalten, die sich in keiner Weise von Handlungen des übrigen Lebens unterscheiden & die gleichermaßen dem Vergessen, Übersehen, der Täuschung, ausgesetzt sind.
I cannot be mistaken in that 12 × 12 = 144. And one cannot set the mathematical certainty against the relative uncertainty of sentences of experience. For the mathematical sentence was obtained through a series of actions that do not differ in any way from actions in the rest of life & which are equally subject to forgetting, oversight, and deception.
§Ms-177
4v[2]652 Kann ich nun prophezeien, daß Menschen die heutigen Rechensätze nie umstürzen werden, nie sagen werden, jetzt wüßten sie erst, wie es sich verhalte? Aber würde das einen Zweifel unsrerseits rechtfertigen?
Can I now prophesy that people will never overturn today’s calculations, never say that now they know how it really is? But would that justify a doubt on our part?
§Ms-177
5r[1]653 Wenn der Satz 12 × 12 = 144 vom Zweifel ausgenommen ist, dann müssen's auch nicht-mathematische Sätze sein.
If the sentence 12 × 12 = 144 is exempt from doubt, then non-mathematical sentences must also be.
§Ms-177
5r[2] &5v[1]
654 26.04.1951
Aber darauf kann man manches einwenden. – Erstens ist eben “12 × 12 etc.” ein mathematischer Satz & daraus kann man folgern, daß nur solche Sätze in dieser Lage sind. Und wenn diese Folgerung nicht berechtigt ist, so sollte es einen ebenso sichern Satz geben, der vom Vorgang der Rechnung handelt, aber nicht mathematisch ist. – Ich denke an einen Satz etwa dieser Art: “Die Rechnung ‘12 × 12’ wird, wenn Rechenkundige sie ausführen, in der großen Mehrzahl der Fälle ‘144’ ergeben.” Diesen Satz wird niemand bestreiten niemand bestreiten & er ist natürlich kein mathematischer. Aber hat er die Gewißheit des mathematischen?
26.04.1951
But one can raise several objections to this. – Firstly, “12 × 12 etc.” is indeed a mathematical sentence, and one can infer from this that only such sentences are in a position to be so. And if this inference is not justified, then there should be an equally certain sentence that deals with the process of calculation but is not mathematical. – I am thinking of a sentence of this kind: “The calculation ‘12 × 12’, when performed by arithmeticians, will, in the vast majority of cases, yield ‘144’.” No one would dispute this sentence; no one would dispute it, and it is, of course, not a mathematical sentence. But does it have the certainty of the mathematical?
§Ms-177
5v[2]655 Dem mathematischen Satz ist gleichsam offiziell der Stempel der Unbestreitbarkeit aufgedrückt worden. D.h.: “Streitet Euch um andre Dinge; das steht fest, ist eine Angel, um die sich Euer Streit drehen kann.”
The mathematical sentence, as it were, has officially had the stamp of indisputability affixed to it. That is: “Argue about other things; this is certain, it is an anchor around which your dispute can revolve.”
§Ms-177
5v[3]656 Und das kann man nicht vom Satz sagen, daß ich L.W. heiße. Auch nicht von dem Satze, daß die & die Menschen die & die Rechnung richtig gerechnet haben.
And one cannot say of a sentence that I am called L.W. Nor of the sentence that the such-&-such people calculated the such-&-such calculation correctly.
§Ms-177
6r[1]657 Die Sätze der Mathematik, könnte man sagen, sind Petrefakten. – Der Satz “Ich heiße …” ist dies nicht. Aber von denen, die, wie ich, die überwältigende Evidenz haben, wird auch er als unumstößlich betrachtet. Und das nicht aus Gedankenlosigkeit. Denn, daß die Evidenz überwältigend ist, besteht eben darin, daß wir uns vor keiner entgegenstehenden Evidenz beugen müssen. Wir haben also hier einen Widerhalt ähnlich wie den, der die Sätze der Mathematik unumstößlich macht.
One could say that the sentences of mathematics are petrified. – The sentence “I am called…” is not. But those who, like me, have the overwhelming evidence also regard it as incontrovertible. And not out of thoughtlessness. For the fact that the evidence is overwhelming consists precisely in the fact that we do not have to yield to any opposing evidence. We therefore have here a safeguard similar to the one that makes the sentences of mathematics incontrovertible.
§Ms-177
6r[2] &6v[1]
658 Die Frage ‘Aber könntest Du nicht jetzt in einem Wahn befangen sein, & vielleicht später herausfinden, daß Du's warst?” könnte man auch auf jeden Satz des Einmaleins einwerfen.
The question ‘But could you not now be in a delusion, and perhaps later find out that you were?’ could also be raised for each sentence of the multiplication table.
§Ms-177
6v[2]659 “Ich kann mich darin nicht irren, daß ich jetzt gerade zu mittag gegessen habe.” Ja, wenn ich Einem sage “Ich habe gerade zu mittag gegessen”, mag er glauben, daß ich lüge, oder jetzt nicht bei Sinnen bin, aber er wird nicht glauben, ich irre mich. Ja, die Annahme, ich könnte mich irren, hat hier keinen Sinn.
“I cannot be mistaken that I have just had lunch.” Yes, if I say to someone, “I have just had lunch,” he may believe that I am lying, or not in my right mind, but he will not believe that I am mistaken. Yes, the assumption that I could be mistaken makes no sense here.
§Ms-177
6v[3] &7r[1]
Aber das stimmt nicht. Ich könnte z.B. gleich nach Tisch, ohne es zu wissen, eingenickt sein & eine Stunde geschlafen haben, & nun glauben, ich hätte gerade gegessen. Aber ich unterscheide hier immerhin zwischen verschiedenen Arten des Irrtums.
But that is not true. I could, for example, immediately after lunch, without knowing it, doze off and sleep for an hour, and then believe that I have just eaten. But I am at least distinguishing between different kinds of error here.
§Ms-177
7r[2]660 Ich könnte fragen: “Wie könnte ich mich darin irren, daß ich L.W. heiße?” Und ich kann sagen: Ich sehe nicht, wie es möglich wäre.
I could ask: “How could I be mistaken that I am called L.W.?” And I can say: I do not see how it would be possible.
§Ms-177
7r[3]661 Wie könnte ich mich in der Annahme irren, daß ich nie auf dem Mond war?
How could I be mistaken in the assumption that I have never been to the moon?
§Ms-177
7r[4] &7v[1]
662 Wenn ich sagte “Ich bin nicht auf dem Mond gewesen – aber ich kann mich irren”, so wäre das blödsinnig. Denn selbst der Gedanke, ich hätte ja, durch unbekannte Mittel, im Schlaf, dorthin transportiert worden sein können, gäbe mir kein Recht hier von einem möglichen Irrtum zu reden. Ich spiele das Spiel falsch, wenn ich es tue.
If I said, “I have not been to the moon – but I could be mistaken,” that would be absurd. For even the thought that I could, by unknown means, have been transported there in my sleep, would not give me the right to speak of a possible mistake here. I am playing the game wrongly if I do so.
§Ms-177
7v[2]663 Ich habe ein Recht zu sagen “Ich kann mich hier nicht irren”, auch wenn ich im Irrtum bin.
I have a right to say “I cannot be mistaken here,” even if I am mistaken.
§Ms-177
7v[3] &8r[1]
664 Es ist ein Unterschied: ob man in der Schule lernt, was in der Mathematik richtig & falsch ist, oder ob ich selbst erkläre, ich könne mich in einem Satz nicht irren.
There is a difference between learning in school what is right and wrong in mathematics, and my explaining myself that I cannot be mistaken in a sentence.
§Ms-177
8r[2]665 Ich setze hier dem, was allgemein festgelegt ist, besonderes hinzu.
I am adding something special to what is generally established.
§Ms-177
8r[3]666 Aber wie ist es z.B. mit der Anatomie (oder einem großen Teil derselben)? Ist nicht auch, was sie beschreibt, von allem Zweifel ausgeschlossen?
But what about, for example, anatomy (or a large part of it)? Is not what it describes also beyond all doubt?
§Ms-177
8r[4]667 Auch wenn ich zu einem Volk käme, das glaubt, die Menschen würden im Traum auf den Mond versetzt, könnte ich ihnen nicht sagen: “Ich war nie auf dem Mond. – Natürlich kann ich mich irren.” Und auf ihre Frage “Kannst Du Dich nicht irren?” müßte ich antworten: Nein.
Even if I came to a people who believe that people are transported to the moon in their dreams, I could not say to them: “I have never been to the moon. – Of course, I could be mistaken.” And to their question “Can you not be mistaken?” I would have to answer: No.
§Ms-177
8v[1]668 Welche praktischen Folgen hat es, wenn ich eine Mitteilung mache & dazusetze, ich könne mich darin nicht irren? (Ich könnte statt dessen auch hinzusetzen: “Ich kann mich darin sowenig irren, wie darin, daß ich L.W. heiße.”) Der Andre könnte dennoch an meiner Aussage zweifeln. Aber nicht nur wird er, wenn er mir traut, sich von mir belehren lassen, sondern er wird auch bestimmte Schlüsse aus meiner Überzeugung auf mein Verhalten ziehen.
What practical consequences does it have if I make a statement and add that I cannot be mistaken in it? (Instead, I could also add: “I can be mistaken in this no more than in the fact that I am called L.W.”) The other person may still doubt my statement. But not only will he, if he trusts me, allow himself to be instructed by me, but he will also draw certain conclusions about my behavior from my conviction.
§Ms-177
8v[2] &9r[1]
669 Der Satz “Ich kann mich darin nicht irren” wird sicher in der Praxis gebraucht. Man könnte aber bezweifeln, ob er dann in ganz strengem Sinne zu verstehen ist, oder ob er eher eine Übertreibung ist, die vielleicht nur zum Zweck der Überredung gebraucht wird. 27.04.1951
The sentence “I cannot be mistaken in this” will certainly be used in practice. One might, however, doubt whether it is to be understood in a strictly logical sense, or whether it is rather an exaggeration, perhaps used only for the purpose of persuasion. 27.04.1951
§Ms-177
9r[2]670 Man könnte von Grundprinzipien der menschlichen Forschung reden.
One could speak of fundamental principles of human research.
§Ms-177
9r[3] &9v[1] &
10r[1]
671 Ich fliege von hier nach einem Weltteil, wo die Menschen nur unbestimmte, oder wo sie gar keine Nachricht von der Möglichkeit des Fliegens haben. Ich sage ihnen, ich sei soeben von … zu ihnen geflogen. Sie fragen mich, ob ich mich irren könnte. – Sie haben offenbar eine falsche Vorstellung davon, wie die Sache vor sich geht. (Wenn ich in eine Kiste gepackt würde, wäre es möglich, daß ich mich über die Art des Transportes irrte. Sage ich ihnen einfach, ich könne mich nicht irren, so wird sie das vielleicht nicht überzeugen; wohl aber wenn ich ihnen den Vorgang beschreibe. Sie werden dann die Möglichkeit eines Irrtums gewiß nicht in Frage ziehen. Dabei könnten sie aber – auch wenn sie mir trauen – glauben, ich habe geträumt, oder ein Zauber habe mir das eingebildet.
I fly from here to a continent where people have only vague, or even no, knowledge of the possibility of flying. I tell them that I have just flown from … to them. They ask me if I could be mistaken. – They apparently have a false image of how things are. (If I were packed into a box, it would be possible for me to be mistaken about the method of transport. If I simply tell them that I cannot be mistaken, this might not convince them; but if I describe the process to them, they will certainly not question the possibility of an error. However, they might – even if they trust me – believe that I dreamed it, or that some magic made me imagine it.)
§Ms-177
10r[2]672 ‘Wenn ich der Evidenz nicht traue, warum soll ich dann irgend einer Evidenz trauen?’
‘If I don’t trust the evidence, why should I trust any evidence at all?’
§Ms-177
10r[3]673 Ist es nicht schwer zu unterscheiden zwischen den Fällen, in denen ich mich nicht – & solchen in denen ich mich schwerlich irren kann? Ist es immer klar, zu welcher Art ein Fall gehört? Ich glaube nicht.
Is it not difficult to distinguish between the cases in which I am not – & those in which I can hardly be mistaken? Is it always clear to which type a case belongs? I don't think so.
§Ms-177
10r[4] &10v[1]
674 Es gibt nun aber bestimmte typische Fälle, in denen ich mit Recht sage, ich könne mich nicht irren, & Moore hat ein paar Beispiele solcher Fälle gegeben. Ich kann verschiedene typische Fälle aufzählen, aber keine allgemeine Charakteristik angeben. (N.N. kann sich darin nicht irren, daß er vor wenigen Tagen von Amerika nach England geflogen ist. Nur wenn er närrisch ist, kann er etwas andres für möglich halten.)
Now, however, there are certain typical cases in which I can rightly say that I cannot be mistaken, and Moore has given some examples of such cases. I can enumerate various typical cases, but I cannot give a general characteristic. (N.N. cannot be mistaken in that he flew from America to England a few days ago. Only if he is foolish can he consider anything else possible.)
§Ms-177
10v[2]675 Wenn Einer glaubt, vor wenigen Tagen von Amerika nach England geflogen zu sein, so glaube ich, daß er sich darin nicht irren kann. Ebenso, wenn Einer sagt, er sitze jetzt am Tisch & schreibe.
If someone believes that he flew from America to England a few days ago, then I believe that he cannot be mistaken in this. Likewise, if someone says that he is now sitting at the table and writing.
§Ms-177
10v[3] &11r[1]
676 “Aber wenn ich mich auch in solchen Fällen nicht irren kann, – ist es nicht möglich, daß ich in der Narkose bin?” Wenn ich es bin & wenn die Narkose mir das Bewußtsein raubt, dann rede & denke ich jetzt nicht wirklich. Ich kann nicht im Ernst annehmen, ich träume jetzt. Wer träumend sagt “Ich träume”, auch wenn er dabei hörbar redete, hat sowenig recht, wie wenn er im Traum sagt “Es regnet”, während es tatsächlich regnet. Auch wenn sein Traum wirklich mit dem Geräusch des Regens zusammenhängt.
“But if I cannot be mistaken even in these cases, is it not possible that I am in a state of anesthesia?” If I am in a state of anesthesia and if the anesthesia deprives me of consciousness, then I am not really talking and thinking now. I cannot seriously assume that I am dreaming now. Whoever says “I am dreaming” while dreaming, even if he is talking audibly, is as wrong as if he says “It is raining” in his dream, while it is actually raining. Even if his dream is actually related to the sound of rain.