Philosophische Untersuchungen

Philosophical Investigations

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1944–1946, 717 remarks, Ts-227a, Ts-227b
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§Ts-227a

1[1]

Philosophische Untersuchungen.

Philosophical Investigations.

§Ts-227a

1[2]

Motto: “Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut als er wirklich ist.” (Nestroy)

Motto: “In general, progress has the characteristic of appearing much greater than it actually is.” (Nestroy)

§Ts-227a

1[3]

Vorwort.

Preface.

§Ts-227a

1[4] &
2[1] &
3[1] &
4[1]

In dem Folgenden veröffentliche ich den Niederschlag philosophischer Untersuchungen die mich in den letzten 16 Jahren beschäftigt haben. Sie betreffen viele Gegenstände: Den Begriff der Bedeutung, des Verstehens, des Satzes, der Logik, die Grundlagen der Mathematik, die Bewußtseinszustände und Anderes. Ich habe diese Gedanken alle als Bemerkungen, kurze Absätze, niedergeschrieben. Manchmal in längeren Ketten, über den gleichen Gegenstand, manchmal in raschem Wechsel von einem Gebiet zum andern überspringend. – Meine Absicht war es von Anfang, alles dies einmal in einem Buche zusammenzufassen, von dessen Form ich mir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Vorstellungen machte. Wesentlich aber schien es mir, daß darin die Gedanken von einem Gegenstand zum andern in einer natürlichen und lückenlosen Folge fortschreiten sollten. Nach manchen mißglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammenzuschweißen, sah ich ein, daß mir dies nie gelingen würde. Daß das beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden; daß meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, in einer Richtung weiterzuzwingen. ‒ ‒ Und dies hing freilich mit der Natur der Untersuchung selbst zusammen. Sie nämlich zwingt uns, ein weites Gedankengebiet, kreuz und quer, nach allen Richtungen hin zu durchreisen. – Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftskizzen, die auf diesen langen und verwickelten Fahrten entstanden sind. Die gleichen Punkte, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem von verschiedenen Richtungen her berührt und immer neue Bilder entworfen. Eine Unzahl dieser war verzeichnet, oder uncharakteristisch, mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet. Und wenn man diese ausschied, blieb eine Anzahl halbwegser übrig, die nun so angeordnet, oftmals beschnitten, werden mußten, daß sie dem Betrachter ein Bild der Landschaft geben konnten. – So ist also dieses Buch eigentlich nur ein Album. Ich hatte bis vor kurzem den Gedanken an eine Veröffentlichung meiner Arbeit bei meinen Lebzeiten eigentlich aufgegeben. Er wurde allerdings von Zeit zu Zeit rege gemacht, und zwar hauptsächlich dadurch, daß ich erfahren mußte, daß meine Ergebnisse, die ich in Vorlesungen, Skripten und Diskussionen weitergegeben hatte, vielfach mißverstanden, mehr oder weniger verwässert, oder verstümmelt im Umlauf waren. Hierdurch wurde meine Eitelkeit aufgestachelt und ich hatte Mühe, sie zu beruhigen. Vor vier Jahren aber hatte ich Veranlassung, mein erstes Buch (die “Logisch-philosophische Abhandlung”) wieder zu lesen und seine Gedanken zu erklären. Da schien es mir plötzlich, daß ich jene alten Gedanken und die neuen zusammen veröffentlichen sollte: daß diese nur durch den Gegensatz und auf dem Hintergrund meiner ältern Denkweise ihre rechte Beleuchtung erhalten könnten. Seit ich nämlich vor 16 Jahren mich wieder mit Philosophie zu beschäftigen anfing, mußte ich schwere Irrtümer in dem erkennen, was ich in jenem ersten Buche niedergelegt hatte. Diese Irrtümer einzusehen, hat mir – in einem Maße, das ich kaum selbst zu beurteilen vermag – die Kritik geholfen, die meine Ideen durch Frank Ramsey erfahren haben,– mit welchem ich sie, während der zwei letzten Jahre seines Lebens in zahllosen Gesprächen erörtert habe. – Mehr noch als dieser – stets kraftvollen und sichern – Kritik verdanke ich derjenigen, die ein Lehrer dieser Universität, Herr P. Sraffa, durch viele Jahre, unablässig an meinen Gedanken geübt hat. Diesem Ansporn verdanke ich die folgereichsten der Ideen dieser Schrift. Aus mehr als einem Grunde wird, was ich hier veröffentliche, sich mit dem berühren, was Andere heute schreiben. – Tragen meine Bemerkungen keinen Stempel an sich, der sie als die meinen kennzeichnet, so will ich sie auch weiter nicht als mein Eigentum beanspruchen. Ich übergebe sie mit zweifelhaften Gefühlen der Öffentlichkeit. Daß es dieser Arbeit in ihrer Dürftigkeit und der Finsternis dieser Zeit beschieden sein sollte, Licht in ein oder das andere Gehirn zu werfen, ist nicht unmöglich,– aber freilich nicht wahrscheinlich. Ich möchte nicht mit meiner Schrift Andern das Denken ersparen. Sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen. Ich hätte gerne ein gutes Buch hervorgebracht. Es ist nicht so ausgefallen; aber die Zeit ist vorbei, in der es von mir verbessert werden könnte. Cambridge, im Januar 1945.

In what follows, I publish the results of philosophical investigations that have occupied me in the last 16 years. They concern many objects: the concept of meaning, of understanding, of the sentence, of logic, the foundations of mathematics, states of consciousness, and other things. I have written down all these thoughts as remarks, short paragraphs, sometimes in longer sequences, on the same object, sometimes jumping rapidly from one area to another. – From the beginning, my intention was to bring all this together in one book, the form of which I imagined differently at different times. But it seemed essential to me that the thoughts about one object should progress in a natural and continuous sequence to the next. After some unsuccessful attempts to weld my results into such a whole, I saw that this would never succeed. That the best I could write would always remain only philosophical remarks; that my thoughts would soon flag if I tried to force them, against their natural inclination, in one direction. – – And this was, of course, connected with the nature of the investigation itself. For it forces us to traverse a wide field of thought, criss-cross, in all directions. – The philosophical remarks in this book are rather like a collection of landscape sketches, which have arisen on these long and tortuous journeys. The same points, or almost the same, were always touched upon from different directions, and always new perspectives were drawn. A large number of these were recorded, or were uncharacteristic, with all the shortcomings of a weak draftsman. And when one discarded these, there remained a number of half-finished ones, which now had to be arranged, often curtailed, so that they could give the viewer a picture of the landscape. – Thus, this book is really only an album. Until recently, I had actually given up the idea of publishing my work during my lifetime. However, it was repeatedly revived, mainly by the fact that I had to realize that my results, which I had communicated in lectures, scripts, and discussions, were often misunderstood, more or less watered down, or mutilated in circulation. This stimulated my vanity and I had trouble calming it down. But four years ago, I had occasion to reread my first book (the “Logical-Philosophical Treatise”) and to explain its thoughts. Suddenly it seemed to me that I should publish these old thoughts together with the new ones: that they could only gain their proper illumination through the contrast and against the background of my earlier way of thinking. Since I began to concern myself with philosophy again 16 years ago, I have had to recognize serious errors in what I had set down in that first book. Seeing these errors has helped me – to an extent that I can hardly judge myself – the criticism that my ideas have received from Frank Ramsey, with whom I discussed them in countless conversations during the last two years of his life. – More than this – this always powerful and certain – criticism, I owe to the one that a teacher at this university, Mr. P. Sraffa, has exerted on my thoughts for many years, tirelessly. To this stimulus I owe the most far-reaching of the ideas in this work. For more than one reason, what I publish here will touch upon what others are writing today. – If my remarks do not bear a stamp that marks them as mine, then I do not want to claim them any further as my property. I hand them over to the public with dubious feelings. That in its poverty and in the gloom of this time this work should be destined to shed light on one or another mind is not impossible, – but certainly not likely. I would not want to spare others the effort of thinking with my book. Rather, if possible, I would like to stimulate someone to their own thoughts. I would have liked to have produced a good book. It has not turned out that way; but the time is past when it could be improved. Cambridge, in January 1945.

§Ts-227a

4[2] &
5[1]

1 Augustinus, in den Confessionen I/8: cum ipsi (majores homines) appellabant rem aliquam, et cum secundum eam vocem corpus ad aliquid movebant, videbam, et tenebam hoc ab eis vocari rem illam, quod sonabant, cum eam vellent ostendere. Hoc autem eos velle ex motu corporis aperiebatur: tamquam verbis naturalibus omnium gentium, quae fiunt vultu et nutu oculorum, ceterorumque membrorum actu, et sonitu vocis indicante affectionem animi in petendis, habendis, rejiciendis, fugiendisve rebus. Ita verba in variis sententiis locis suis posita, et crebro audita, quarum rerum signa essent, paulatim colligebam, measque jam voluntates, edomito in eis signis ore, per haec enuntiabam. + In diesen Worten erhalten wir, so scheint es mir, ein bestimmtes Bild von dem Wesen der menschlichen Sprache. Nämlich dieses: Die Wörter der Sprache benennen Gegenstände – Sätze sind Verbindungen von solchen Benennungen. In diesem Bild von der Sprache finden wir die Wurzeln der Idee: Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.


1 Augustine, in the Confessions I/8: when they (older people) called some thing by name, and when, in accordance with that name, they moved their body toward something, I would see, and I would grasp that this thing was called by the sound they made when they wanted to indicate it. This, however, was made clear to them by the movement of their body: as if by means of the natural signs of all peoples, which are produced by means of the face and the movement of the eyes, and the actions of the other limbs, and the sound of the voice, indicating the feeling of the soul in seeking, having, rejecting, or fleeing things. Thus, little by little, I gathered that words in various sentences, placed in their proper locations, and often heard, were the signs of things, and I began to express my own desires through these, training my mouth to make the sounds.+ In these words, it seems to me, we find a certain picture of the nature of human language. Namely, this: The words of language name objects – sentences are combinations of such namings. In this picture of language, we find the roots of the idea: Every word has a meaning. This meaning is assigned to the word. It is the object for which the word stands.


§Ts-227a

6[1]

Von einem Unterschied der Wortarten spricht Augustinus nicht. Wer das Lernen der Sprache so beschreibt, denkt, so möchte ich glauben, zunächst an Hauptwörter, wie “Tisch”, “Stuhl”, “Brot” und die Namen von Personen, erst in zweiter Linie an die Namen gewisser Tätigkeiten und Eigenschaften, und an die übrigen Wortarten als etwas, was sich finden wird. Denke nun an diese Verwendung der Sprache: Ich schicke jemand einkaufen. Ich gebe ihm einen Zettel, auf diesem stehen die Zeichen: “fünf rote Äpfel”. Er trägt den Zettel zum Kaufmann; der öffnet die Lade, auf welcher das Zeichen “Äpfel” steht; dann sucht er in einer Tabelle das Wort “rot” auf und findet ihm gegenüber ein Farbmuster; nun sagt er die Reihe der Grundzahlwörter – ich nehme an, er weiß sie auswendig – bis zum Worte “fünf” und bei jedem Zahlwort nimmt er einen Apfel aus der Lade, der die Farbe des Musters hat. ‒ ‒ So, und ähnlich, operiert man mit Worten. ‒ ‒ “Wie weiß er aber, wo und wie er das Wort ‘rot’ nachschlagen soll und was er mit dem Wort ‘fünf’ anzufangen hat?”‒ ‒ Nun, ich nehme an, er handelt, wie ich es beschrieben habe. Die Erklärungen haben irgendwo ein Ende. – Was ist aber die Bedeutung des Wortes “fünf”? – Von einer solchen war hier garnicht die Rede; nur davon, wie das Wort “fünf” gebraucht wird.

Augustine does not speak of a difference between the parts of speech. Whoever describes the learning of language in this way, I would like to believe, thinks first of nouns, such as “table,” “chair,” “bread,” & the names of people, only secondarily of the names of certain activities & properties, & of the remaining parts of speech as something that will be found later. Now, consider this use of language: I send someone shopping. I give him a note, on which are the signs: “five red apples.” He takes the note to the shopkeeper; the shopkeeper opens the drawer on which the sign “apples” is written; then he looks up the word “red” in a chart & finds a color sample opposite it; now he says the series of number words – I assume he knows them by heart – up to the word “five,” & with each number word he takes an apple from the drawer that has the color of the sample. – – Thus, & similarly, one operates with words. – – “But how does he know where & how to look up the word ‘red’ & what to do with the word ‘five’?” – – Well, I assume that he acts as I have described. The explanations must come to an end somewhere. – But what is the meaning of the word “five”? – There was no talk of such a thing here; only of how the word “five” is used.

§Ts-227a

5[2]

+ Nannten die Erwachsenen irgend einen Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, daß der Gegenstand durch die Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, da sie auf ihn hinweisen wollten. Dies aber entnahm ich aus ihren Gebärden, der natürlichen Sprache aller Völker, der Sprache, die durch Mienen- und Augenspiel, durch die Bewegungen der Glieder und den Klang der Stimme die Empfindungen der Seele anzeigt, wenn diese irgend etwas begehrt, oder festhält, oder zurückweist, oder flieht. So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die Wörter bezeichneten, die ich wieder & wieder, an ihren bestimmten Stellen in verschiedenen Sätzen, aussprechen hörte. Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck.

+ When the adults named any object, turning toward it as they did so, I would observe this & understand that the object was designated by the sounds they uttered, as they intended to point to it. But I inferred this from their gestures, from the natural language of all peoples, the language that, through facial expressions & the play of the eyes, through the movements of the limbs & the sound of the voice, indicates the sensations of the mind when it desires or retains or rejects or flees something. Thus, gradually, I learned to understand which things the words designated, the words that I heard spoken again & again, in their specific places within various sentences. And when my mouth had become accustomed to these signs, I used them to express my desires.

§Ts-227a

6[2] &
7[1]

2 Jener philosophische Begriff der Bedeutung ist in einer primitiven Vorstellung, von der Art und Weise, wie die Sprache funktioniert, zu Hause. Man kann aber auch sagen, es sei die Vorstellung einer primitiveren Sprache, als der unsern. Denken wir uns eine Sprache, für die die Beschreibung, wie Augustinus sie gegeben hat, stimmt: Die Sprache soll der Verständigung eines Bauenden A mit einem Gehilfen B dienen. A führt einen Bau auf aus Bausteinen; es sind Würfel, Säulen, Platten und Balken vorhanden. B hat ihm die Bausteine zuzureichen, und zwar nach der Reihe, wie A sie braucht. Zu dem Zweck bedienen sie sich einer Sprache, bestehend aus den Wörtern: “Würfel”, “Säule”, “Platte”, “Balken”. A ruft sie aus;– B bringt den Stein, den er gelernt hat, auf diesen Ruf zu bringen. ‒ ‒ Fasse dies als vollständige primitive Sprache auf.

2 That philosophical concept of meaning is at home in a primitive image, in the way language functions. One could also say that it is the image of a more primitive language than our own. Let us imagine a language for which the description given by Augustine holds true: the language is intended to serve the communication of a builder A with an assistant B. A is constructing a building out of building blocks; there are cubes, columns, slabs, and beams available. B has to hand them to him, in the order in which A needs them. To this end, they use a language consisting of the words: “cube,” “column,” “slab,” “beam.” A calls them out; B brings the stone that he has learned to bring when he hears this call. – – Take this as a complete primitive language.

§Ts-227a

7[2]

3 Augustinus beschreibt, könnten wir sagen, ein System der Verständigung; nur ist nicht alles, was wir Sprache nennen, dieses System. Und das muß man in so manchen Fällen sagen, wo sich die Frage erhebt: “Ist diese Darstellung brauchbar, oder unbrauchbar?” Die Antwort ist dann: “Ja, brauchbar; aber nur für dieses eng umschriebene Gebiet, nicht für das Ganze, das Du darzustellen vorgabst.” Es ist, als erklärte jemand: “Spielen besteht darin, daß man Dinge, gewissen Regeln gemäß, auf einer Fläche verschiebt ..‥․” – und wir ihm antworten: Du scheinst an die Brettspiele zu denken; aber das sind nicht alle Spiele. Du kannst deine Erklärung richtigstellen, indem du sie ausdrücklich auf diese Spiele einschränkst.

3 Augustine describes, one might say, a system of mutual understanding; however, not everything that we call language is this system. And this must be said in many cases where the question arises: “Is this representation useful, or not useful?” The answer is then: “Yes, useful; but only for this narrowly defined area, not for the whole, which you intended to represent.” It is as if someone were to say: “Playing consists in moving things, according to certain rules, on a surface…” – and we respond to him: You seem to be thinking of board games; but these are not all games. You can correct your explanation by explicitly limiting it to these games.

§Ts-227a

7[3] &
8[1]

4 Denke Dir eine Schrift, in welcher Buchstaben zur Bezeichnung von Lauten benützt würden, aber auch zur Bezeichnung der Betonung und als Interpunktionszeichen. (Eine Schrift kann man auffassen als eine Sprache zur Beschreibung von Lautbildern.) Denke dir nun, daß Einer jene Schrift so verstünde, als entspräche einfach jedem Buchstaben ein Laut und als hätten die Buchstaben nicht auch ganz andere Funktionen. So einer, zu einfachen, Auffassung der Schrift gleicht Augustinus' Auffassung der Sprache.

4 Imagine a script in which letters are used to designate sounds, but also to designate emphasis and as punctuation marks. (One can understand a script as a language for describing sound patterns.) Now imagine that someone understands this script in such a way that it simply corresponds to a sound for each letter and that the letters do not have other functions. Such a simple understanding of the script is similar to Augustine's understanding of language.

§Ts-227a

8[2]

5 Wenn man das Beispiel im §1 betrachtet, so ahnt man vielleicht, inwiefern der allgemeine Begriff der Bedeutung der Worte das Funktionieren der Sprache mit einem Dunst umgibt, der das klare Sehen unmöglich macht. – Es zerstreut den Nebel, wenn wir die Erscheinungen der Sprache an primitiven Arten ihrer Verwendung studieren, in denen man den Zweck und das Funktionieren der Wörter klar übersehen kann. Solche primitive Formen der Sprache verwendet das Kind, wenn es sprechen lernt. Das Lehren der Sprache ist hier kein Erklären, sondern ein Abrichten.

5 If one considers the example in §1, one might suspect to what extent the general concept of the meaning of words shrouds the functioning of language in a mist that makes clear seeing impossible. – This mist dissipates if we study the phenomena of language in primitive forms of its use, in which one can clearly grasp the purpose and functioning of the words. Such primitive forms of language are used by the child when it learns to speak. The teaching of language here is not explaining, but training.

§Ts-227a

8[3] &
9[1] &
10[1]

6 Wir könnten uns vorstellen, daß die Sprache im §2 die ganze Sprache des A und B ist; ja, die ganze Sprache eines Volksstamms. Die Kinder werden dazu erzogen diese Tätigkeiten zu verrichten, diese Wörter dabei zu gebrauchen, und so auf die Worte des Anderen zu reagieren. Ein wichtiger Teil der Abrichtung wird darin bestehen, daß der Lehrende auf die Gegenstände weist, die Aufmerksamkeit des Kindes auf sie lenkt, und dabei ein Wort ausspricht; z.B. das Wort “Platte” beim Vorzeigen dieser Form. (Dies will ich nicht “hinweisende Erklärung”, oder “Definition”, nennen, weil ja das Kind noch nicht nach der Benennung fragen kann. Ich will es “hinweisendes Lehren der Wörter” nennen. ‒ ‒ Ich sage, es wird einen wichtigen Teil der Abrichtung bilden, weil es bei Menschen so der Fall ist; nicht, weil es sich nicht anders vorstellen ließe.) Dieses hinweisende Lehren der Wörter, kann man sagen, schlägt eine assoziative Verbindung zwischen dem Wort und dem Ding. Aber was heißt das? Nun, es kann Verschiedenes heißen; aber man denkt wohl zunächst daran, daß dem Kind das Bild des Dings vor die Seele tritt, wenn es das Wort hört. Aber wenn das nun geschieht,– ist das der Zweck des Worts? – Ja, es kann der Zweck sein. – Ich kann mir eine solche Verwendung von Wörtern (Lautreihen) denken. (Das Aussprechen eines Wortes ist gleichsam ein Anschlagen einer Taste auf dem Vorstellungsklavier.) Aber in der Sprache im §2 ist es nicht der Zweck der Wörter, Vorstellungen zu erwecken. (Es kann freilich auch gefunden werden, daß dies dem eigentlichen Zweck förderlich ist.) Wenn aber das das hinweisende Lehren bewirkt, – soll ich sagen, es bewirkt das Verstehen des Worts? Versteht nicht der den Ruf “Platte!”, der so und so nach ihm handelt? – Aber dies half wohl das hinweisende Lehren herbeiführen; aber doch nur zusammen mit einem bestimmten Unterricht. Mit einem anderen Unterricht hätte dasselbe hinweisende Lehren dieser Wörter ein ganz anderes Verständnis bewirkt. “Indem ich die Stange mit dem Hebel verbinde, setze ich die Bremse instand.” – Ja, gegeben den ganzen übrigen Mechanismus. Nur mit diesem ist er der Bremshebel; und losgelöst von seiner Unterstützung ist er nicht einmal Hebel, sondern kann alles mögliche sein, oder nichts.

6 We might imagine that in §2, language is the entire language of A and B; yes, the entire language of a tribe. The children are trained to perform these actions, to use these words in doing so, and thus to react to the words of the other. An important part of the training will consist in the teacher pointing to the objects, drawing the child's attention to them, and at the same time uttering a word; e.g., the word “slab” when showing this shape. (I do not want to call this an “ostensive explanation” or a “definition,” because the child cannot yet ask for it. I want to call it “ostensive teaching of words.” ‒ ‒ I say that it will form an important part of the training because this is the case with human beings; not because it could not be otherwise.) This ostensive teaching of words, one might say, establishes an associative connection between the word and the thing. But what does that mean? Well, it can mean various things; but one probably thinks first of all that when the child hears the word, the image of the thing comes before its mind. But if this happens now, is this the purpose of the word? – Yes, it can be the purpose. – I can imagine such a use of words (sequences of sounds). (The uttering of a word is as it were striking a key on the keyboard of the imagination.) But in the language in §2, it is not the purpose of words to evoke images. (It may, of course, also be found that this is conducive to the actual purpose.) But if ostensive teaching has this effect, – should I say that it brings about the understanding of the word? Doesn't the one who understands the call “slab!” act in such and such a way? – But this probably helped to bring about the ostensive teaching; but only together with a certain instruction. With a different instruction, the same ostensive teaching of these words would have brought about a completely different understanding. “By connecting the rod with the lever, I put the brake in order.” – Yes, given the whole remaining mechanism. Only in connection with it is it the brake lever; and detached from its support, it is not even a lever, but can be anything or nothing.

§Ts-227a

10[2]

7 In der Praxis des Gebrauchs der Sprache (2) ruft der eine Teil die Wörter, der andere handelt nach ihnen; im Unterricht der Sprache aber wird sich dieser Vorgang finden: der Lernende benennt die Gegenstände. D.h. er spricht das Wort, wenn der Lehrer auf den Stein zeigt. – Ja, es wird sich hier die noch einfachere Übung finden: der Schüler spricht die Worte nach, die der Lehrer ihm vorsagt ‒ ‒ beides sprachähnliche Vorgänge. Wir können uns auch denken, daß der ganze Vorgang des Gebrauchs der Worte in (2) eines jener Spiele ist, mittels welcher Kinder ihre Muttersprache erlernen. Ich will diese Spiele “Sprachspiele” nennen, und von einer primitiven Sprache manchmal als einem Sprachspiel reden. Und man könnte die Vorgänge des Benennens der Steine und des Nachsprechens des vorgesagten Wortes auch Sprachspiele nennen. Denke an manchen Gebrauch, der von Worten in Reigenspielen gemacht wird. Ich werde auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, “das Sprachspiel” nennen.

7 In the practice of the use of language (2), one part calls out the words, the other acts according to them; in the instruction of language, however, this process is found: the learner names the objects. That is, he speaks the word when the teacher points to the stone. – Yes, here the even simpler exercise will be found: the pupil repeats the words that the teacher dictates to him ‒ ‒ both language-similar processes. We can also imagine that the entire process of the use of words in (2) is one of those games by means of which children learn their native language. I want to call these games “language-games,” and sometimes speak of a primitive language as a language-game. And one could also call the processes of naming the stones and repeating the dictated word language-games. Think of some use that is made of words in special games. I will also call the whole: the language and the activities with which it is interwoven, “the language-game.”

§Ts-227a

10[3] &
11[1]

8 Sehen wir jetzt eine Erweiterung der Sprache (2) an. Außer den vier Wörtern “Würfel”, “Säule”, etc. enthalte sie eine Wörterreihe, die verwendet wird, wie der Kaufmann in (1) die Zahlwörter verwendet (es kann die Reihe der Buchstaben des Alphabets sein); ferner, zwei Wörter, sie mögen “dorthin” und “dieses” lauten (weil dies schon ungefähr ihren Zweck andeutet), sie werden in Verbindung mit einer zeigenden Handbewegung gebraucht; und endlich eine Anzahl von Farbmustern. A gibt einen Befehl von der Art: “d-Platte - dorthin”. Dabei läßt er den Gehilfen ein Farbmuster sehen, und beim Worte “dorthin” zeigt er an eine Stelle des Bauplatzes. B nimmt von dem Vorrat der Platten je eine von der Farbe des Musters für jeden Buchstaben des Alphabets bis zum “d” und bringt sie an den Ort, den A bezeichnet. – Bei anderen Gelegenheiten gibt A den Befehl: “dieses- dorthin”. Bei “dieses” zeigt er auf einen Baustein. U.s.w..

8 Let us now consider an extension of language (2). In addition to the four words “cube,” “pillar,” etc., it contains a series of words that are used as the merchant in (1) uses the number words (it could be the series of letters of the alphabet); furthermore, two words, let us say “there” and “this” (because this already roughly indicates their purpose), they are used in conjunction with a pointing gesture; and finally a number of color samples. A gives a command of the kind: “d-plate – there.” He lets the assistant see a color sample, and with the word “there” he points to a place on the construction site. B takes one plate of the color of the sample for each letter of the alphabet up to “d” from the stock of plates and places it on the place indicated by A. – On other occasions, A gives the command: “this – there.” With “this” he points to a building block. Etc.

§Ts-227a

11[2] &
12[1]

9 Wenn das Kind diese Sprache lernt, muß es die Reihe der ‘Zahlwörter’ “a, b, c,…” auswendiglernen. Und es muß ihren Gebrauch lernen. Wird in diesem Unterricht auch ein hinweisendes Lehren der Wörter vorkommen? – Nun, es wird z.B. auf Platten gewiesen und gezählt werden: “a, b, c, Platten”. – Mehr Ähnlichkeit mit dem hinweisenden Lehren der Wörter “Würfel”, “Säule” etc. hätte das hinweisende Lehren von Zahlwörtern, die nicht zum Zählen dienen, sondern zur Bezeichnung mit dem Auge erfaßbarer Gruppen von Dingen. So lernen ja Kinder den Gebrauch der ersten fünf oder sechs Grundzahlwörter. Wird auch “dorthin” und “dieses” hinweisend gelehrt? – Stell dir vor, wie man ihren Gebrauch etwa lehren könnte! Es wird dabei auf Örter und Dinge gezeigt werden,– aber hier geschieht ja dieses Zeigen auch im Gebrauch der Wörter und nicht nur beim Lernen des Gebrauchs. –

9 When the child learns this language, it must memorize the series of ‘number words’ “a, b, c,…” And it must learn their use. Will ostensive teaching of the words also occur in this instruction? – Well, it will, for example, point to plates and count: “a, b, c, plates.” – More similar to the ostensive teaching of the words “cube,” “pillar,” etc., would be the ostensive teaching of number words that are not used for counting, but for the designation of visually graspable groups of things. This is how children learn the use of the first five or six basic number words. Will “there” and “this” also be taught ostensively? – Imagine how one might teach their use! One will point to places and things – but here, this pointing also takes place in the use of the words and not only when learning their use. –

§Ts-227a

12[2] &
13[1]

10 Was bezeichnen nun die Wörter dieser Sprache? – Was sie bezeichnen, wie soll sich das zeigen, es sei denn in der Art ihres Gebrauchs? Und den haben wir ja beschrieben. Der Ausdruck “dieses Wort bezeichnet das” müßte also ein Teil dieser Beschreibung werden. Oder: die Beschreibung soll auf die Form gebracht werden: “Das Wort … bezeichnet …”. Nun, man kann ja die Beschreibung des Gebrauchs des Wortes “Platte” dahin abkürzen, daß man sagt, dieses Wort bezeichne diesen Gegenstand. Das wird man tun, wenn es sich z.B. nurmehr darum handelt, das Mißverständnis zu beseitigen, das Wort “Platte” beziehe sich auf die Bausteinform, die wir tatsächlich “Würfel” nennen,– die Art und Weise dieses ‘Bezugs’ aber, d.h. der Gebrauch dieser Worte im übrigen, bekannt ist. Und ebenso kann man sagen, die Zeichen “a”, “b”, etc. bezeichnen Zahlen; wenn dies etwa das Mißverständnis behebt “a”, “b”, “c”, spielten in der Sprache die Rolle, die in Wirklichkeit “Würfel”, “Platte”, “Säule”, spielen. Und man kann auch sagen “c” bezeichne diese Zahl und nicht jene; wenn damit etwa erklärt wird, die Buchstaben seien in der Reihenfolge a, b, c, d, etc. zu verwenden und nicht in der: a, b, d, c. Aber dadurch, daß man so die Beschreibungen des Gebrauchs der Wörter einander anähnelt, kann doch dieser Gebrauch nicht ähnlicher werden! Denn, wie wir sehen, ist er ganz und gar ungleichartig.

10 What do the words of this language designate now? – How should it show what they designate, if not in the manner of their use? And we have, after all, described this. The statement “this word designates that” would therefore have to become part of this description. Or: the description should be brought into the form: “The word … designates …”. Well, one can shorten the description of the use of the word “plate” to the effect that this word designates this object. One will do this if, for example, it is now only a matter of eliminating the misunderstanding that the word “plate” refers to the building block form that we actually call “cube” – the manner of this ‘reference’, i.e. the use of these words in other respects, is known. And one can also say that the signs “a,” “b,” etc. designate numbers; if this eliminates the misunderstanding that “a,” “b,” “c” play in the language the role that “cube,” “plate,” “pillar” actually play. And one can also say that “c” designates this number and not that one; if this explains that the letters are to be used in the order a, b, c, d, etc. and not in the order: a, b, d, c. But by making the descriptions of the use of the words similar to each other, this use cannot become more similar! Because, as we see, it is quite dissimilar.

§Ts-227a

13[2]

11 Denk an die Werkzeuge in einem Werkzeugkasten: Es ist da ein Hammer, eine Zange, eine Säge, ein Schraubenzieher, ein Maßstab, ein Leimtopf, Leim, Nägel und Schrauben. – So verschieden die Funktionen dieser Gegenstände, so verschieden sind die Funktionen der Wörter. (Und es gibt Ähnlichkeiten hier und dort.) Freilich, was uns verwirrt ist die Gleichförmigkeit ihrer Erscheinung, wenn die Wörter uns gesprochen, oder in der Schrift und im Druck entgegentreten. Denn ihre Verwendung steht nicht so deutlich vor uns. Besonders nicht, wenn wir philosophieren!

11 Think of the tools in a toolbox: there is a hammer, a pair of pliers, a saw, a screwdriver, a measure, a glue pot, glue, nails and screws. – As different as the functions of these objects are, so different are the functions of the words. (And there are similarities here and there.) Of course, what confuses us is the uniformity of their appearance when the words are spoken to us, or appear in writing and print. Because their use is not so clearly before us. Especially not when we philosophize!

§Ts-227a

13[3]

12 Wie wenn wir in den Führerstand einer Lokomotive schauen: da sind Handgriffe, die alle mehr oder weniger gleich aussehen. (Das ist begreiflich, denn sie sollen alle mit der Hand angefaßt werden.) Aber einer ist der Handgriff einer Kurbel, die kontinuierlich verstellt werden kann (sie reguliert die Öffnung eines Ventils); ein andrer ist der Handgriff eines Schalters, der nur zweierlei wirksame Stellungen hat, er ist entweder umgelegt, oder aufgestellt; ein dritter ist der Griff eines Bremshebels, je stärker man zieht, desto stärker wird gebremst; ein vierter, der Handgriff einer Pumpe; er wirkt nur, solange er hin und her bewegt wird.

12 It’s as if we were looking into the driver’s cabin of a locomotive: there are levers, all of which look more or less the same. (This is understandable, because they are all meant to be operated with the hand.) But one is the lever of a crank, which can be adjusted continuously (it regulates the opening of a valve); another is the lever of a switch, which has only two effective positions, it is either flipped or upright; a third is the handle of a brake lever, the harder one pulls, the stronger the braking; a fourth, the handle of a pump; it only works as long as it is moved back and forth.

§Ts-227a

13[4] &
14[1]

13 Wenn wir sagen: “jedes Wort der Sprache bezeichnet etwas”, so ist damit vorerst noch gar nichts gesagt; es sei denn, daß wir genau erklärten, welche Unterscheidung wir zu machen wünschen. (Es könnte ja sein, daß wir die Wörter der Sprache (8) von Wörtern ‘ohne Bedeutung’ unterscheiden wollten, wie sie etwa in Gedichten Lewis Carroll's vorkommen, oder von Worten wie “juwiwallera” in einem Lied.)

13 If we say: “Every word in the language denotes something,” then this does not say anything at all for the time being; unless we explain exactly which distinction we want to make. (It could be that we want to distinguish the words of the language (8) from words ‘without meaning,’ as they occur, for example, in the poems of Lewis Carroll, or from words like “juwiwallera” in a song.)

§Ts-227a

14[2]

14 Denke dir, jemand sagte: “Alle Werkzeuge dienen dazu, etwas zu modifizieren. So, der Hammer die Lage des Nagels, die Säge die Form des Bretts, etc.” – Und was modifiziert der Maßstab, der Leimtopf, die Nägel? – “Unser Wissen um die Länge eines Dings, die Temperatur des Leims, und die Festigkeit der Kiste.”‒ ‒ Wäre mit dieser Assimilation des Ausdrucks etwas gewonnen? –

14 Imagine someone said: “All tools serve to modify something. Thus, the hammer modifies the position of the nail, the saw modifies the shape of the board, etc.” – And what does the measure, the glue pot, the nails modify? – “Our knowledge of the length of a thing, the temperature of the glue, and the strength of the box.” – Would this assimilation of the expression gain us anything? –

§Ts-227a

14[3]

15 Am direktesten ist das Wort “bezeichnen” vielleicht da angewandt, wo das Zeichen auf dem Gegenstand steht, den es bezeichnet. Nimm an, Werkzeuge, die A beim Bauen benützt, tragen gewisse Zeichen. Zeigt A dem Gehilfen ein solches Zeichen, so bringt dieser das Werkzeug, das mit dem Zeichen versehen ist. So, und auf mehr oder weniger ähnliche Weise, bezeichnet ein Name ein Ding, und wird ein Name einem Ding gegeben. – Es wird sich oft nützlich erweisen, wenn wir uns beim Philosophieren sagen: Etwas benennen, das ist etwas Ähnliches, wie einem Ding ein Namentäfelchen anheften.

15 The word “denote” is perhaps most directly applied where the sign is on the object that it denotes. Suppose the tools that A uses in building have certain signs. If A shows the assistant such a sign, the latter brings the tool that is marked with the sign. Thus, and in more or less the same way, a name denotes a thing, and a name is given to a thing. – It will often prove useful if, when philosophizing, we say: To name something is something similar to attaching a name tag to a thing.

§Ts-227a

14[4] &
15[1]

16 Wie ist es mit den Farbmustern, die A dem B zeigt,– gehören sie zur Sprache? Nun, wie man will. Zur Wortsprache gehören sie nicht; aber wenn ich jemandem sage: “Sprich das Wort ‘das’ aus”, so wirst du doch dieses zweite “‘das’” auch noch zum Satz rechnen. Und doch spielt es eine ganz ähnliche Rolle, wie ein Farbmuster im Sprachspiel (8); es ist nämlich ein Muster dessen, was der Andre sagen soll. Es ist das Natürlichste und richtet am wenigsten Verwirrung an, wenn wir die Muster zu den Werkzeugen der Sprache rechnen. [Bemerkung über das reflexive Fürwort “dieser Satz”.]

16 What about the color samples that A shows to B – do they belong to the language? Well, it’s a matter of definition. They don’t belong to word-language; but if I say to someone: “Say the word ‘that,’” you will still count this second “‘that’” as part of the sentence. And yet it plays a very similar role to a color sample in the language-game (8); namely, it is a sample of what the other person is to say. It is most natural, and causes the least confusion, if we count the samples among the tools of language. [Remark on the reflexive pronoun “this sentence.”]

§Ts-227a

15[2]

17 Wir werden sagen können: in der Sprache (8) haben wir verschiedene Wortarten. Denn die Funktion des Wortes “Platte” und des Wortes “Würfel” sind einander ähnlicher, als die von “Platte” und von “d”. Wie wir aber die Worte nach Arten zusammenfassen, wird vom Zweck der Einteilung abhängen,– und von unserer Neigung. Denke an die verschiedenen Gesichtspunkte, nach denen man Werkzeuge in Werkzeugarten einteilen kann. Oder Schachfiguren in Figurenarten.

17 We can say: in the language (8), we have different parts of speech. For the function of the word “plate” and the word “cube” are more similar to each other than those of “plate” and “d”. However, the way in which we group the words into types will depend on the purpose of the classification – and on our inclination. Think of the different points of view according to which one can divide tools into types of tools. Or chess pieces into types of pieces.

§Ts-227a

15[3]

18 Daß die Sprachen (2) und (8) nur aus Befehlen bestehen, laß dich nicht stören. Willst du sagen, sie seien darum nicht vollständig, so frage dich, ob unsere Sprache vollständig ist;– ob sie es war, ehe ihr der chemische Symbolismus und die Infinitesimalnotation einverleibt wurden; denn dies sind, sozusagen, Vorstädte unserer Sprache. (Und mit wieviel Häusern, oder Straßen, fängt eine Stadt an, Stadt zu sein?) Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: Ein Gewinkel von Gäßchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern.

18 Don’t let the fact that the languages (2) and (8) consist only of commands disturb you. If you want to say that they are not complete because of this, ask yourself whether our language is complete; whether it was complete before the chemical symbolism and infinitesimal notation were incorporated into it; for these are, as it were, suburbs of our language. (And how many houses, or streets, does it take for a city to begin to be a city?) We can look at our language as an old city: a jumble of alleys and squares, old and new houses, and houses with additions from different times; and all this surrounded by a multitude of new suburbs with straight and regular streets and with monotonous houses.

§Ts-227a

15[4] &
16[1] &
17[1]

19 Man kann sich leicht eine Sprache vorstellen, die nur aus Befehlen und Meldungen in der Schlacht besteht. – Oder eine Sprache, die nur aus Fragen besteht und einem Ausdruck der Bejahung und der Verneinung. Und unzähliges Andere. ‒ ‒ Und eine Sprache vorstellen heißt, sich eine Lebensform vorstellen. Wie ist es aber: Ist der Ruf “Platte!” im Beispiel (2) ein Satz oder ein Wort? – Wenn ein Wort, so hat es doch nicht dieselbe Bedeutung, wie das gleichlautende unserer gewöhnlichen Sprache, denn im § 2 ist es ja ein Ruf. Wenn aber ein Satz, so ist es doch nicht der elliptische Satz “Platte!” unserer Sprache. ‒ ‒ Was die erste Frage anbelangt, so kannst du “Platte!” ein Wort, und auch einen Satz nennen; vielleicht treffend einen “degenerierten Satz” (wie man von einer degenerierten Hyperbel spricht), und zwar ist es eben unser ‘elliptischer’ Satz. – Aber der ist doch nur eine verkürzte Form des Satzes “Bring mir eine Platte!” und diesen Satz gibt es doch im Beispiel (2) nicht. – Aber warum sollte ich nicht, umgekehrt, den Satz “Bring mir eine Platte!” eine Verlängerung des Satzes “Platte!” nennen? – Weil der, der “Platte!” ruft, eigentlich meint: “Bring mir eine Platte!”. – Aber wie machst du das, dies meinen, während du “Platte” sagst? Sprichst du dir inwendig den unverkürzten Satz vor? Und warum soll ich, um zu sagen, was Einer mit dem Ruf “Platte!” meint, diesen Ausdruck in einen andern übersetzen? Und wenn sie das Gleiche bedeuten,– warum soll ich nicht sagen: “wenn er ‘Platte!’ sagt, meint er ‘Platte!’”? Oder: warum sollst du nicht “Platte!” meinen können, wenn du “Bring mir die Platte!” meinen kannst? ‒ ‒ Aber wenn ich “Platte!” rufe, so will ich doch, er soll mir eine Platte bringen! ‒ ‒ Gewiß, aber besteht ‘dies wollen’ darin, daß du in irgend einer Form einen andern Satz denkst, als den, den du sagst? –

19 One can easily imagine a language that consists only of commands & reports in battle. – Or a language that consists only of questions & one expression of affirmation & one of negation. & countless other things. – – To imagine a language means to imagine a form of life. But how is it: is the call “Slab!” in example (2) a sentence or a word? – If a word, then it does not have the same meaning as the identically sounding one in our ordinary language, for in § 2 it is, after all, a call. But if a sentence, then it is not the elliptical sentence “Slab!” of our language. – – As for the first question, you can call “Slab!” a word, & also a sentence; perhaps aptly a “degenerate sentence” (as one speaks of a degenerate hyperbola), & in fact it is precisely our ‘elliptical’ sentence. – But it is only a shortened form of the sentence “Bring me a slab!” & this sentence does not exist in example (2). – But why shouldn’t I, conversely, call the sentence “Bring me a slab!” an extension of the sentence “Slab!”? – Because the one who calls out “Slab!” actually means: “Bring me a slab!”. – But how do you do that, this meaning, while you say “Slab!”? Do you recite the unabbreviated sentence to yourself internally? & why should I, in order to say what someone means by the call “Slab!”, translate this expression into another? & if they mean the same thing, – why shouldn’t I say: “when he says ‘Slab!’, he means ‘Slab!’”? Or: why shouldn’t you be able to mean “Slab!” when you can mean “Bring me the slab!”? – – But when I call out “Slab!”, I do, after all, want him to bring me a slab! – – Certainly, but does ‘this wanting’ consist in the fact that you think of some other sentence, in some form, than the one you say? –

§Ts-227a

17[2] &
18[1] &
19[1]

20 Aber wenn nun Einer sagt “Bring mir eine Platte!”, so scheint es ja jetzt, als könnte er diesen Ausdruck als ein langes Wort meinen: entsprechend nämlich dem einen Worte “Platte!”. ‒ ‒ Kann man ihn also einmal als ein Wort, einmal als vier Wörter meinen? Und wie meint man ihn gewöhnlich? ‒ ‒ Ich glaube, wir werden geneigt sein, zu sagen: wir meinen den Satz als einen von vier Wörtern, wenn wir ihn im Gegensatz zu andern Sätzen gebrauchen, wie “Reich mir eine Platte zu”, “Bring ihm eine Platte”, “Bring zwei Platten”, etc.; also im Gegensatz zu Sätzen, welche die Wörter unseres Befehls in andern Verbindungen enthalten. ‒ ‒ Aber worin besteht es, einen Satz im Gegensatz zu andern Sätzen gebrauchen? Schweben einem dabei etwa diese Sätze vor? Und alle? Und während man den einen Satz sagt, oder vor-, oder nachher? – Nein! Wenn auch so eine Erklärung einige Versuchung für uns hat, so brauchen wir doch nur einen Augenblick zu bedenken, was wirklich geschieht, um zu sehen, daß wir hier auf falschem Weg sind. Wir sagen, wir gebrauchen den Befehl im Gegensatz zu andern Sätzen, weil unsere Sprache die Möglichkeit dieser andern Sätze enthält. Wer unsere Sprache nicht versteht, ein Ausländer, der öfter gehört hätte, wie jemand den Befehl gibt “Bring mir eine Platte!”, könnte der Meinung sein, diese ganze Lautreihe sei ein Wort und entspräche etwa dem Wort für “Baustein” in seiner Sprache. Wenn er selbst dann diesen Befehl gegeben hätte, würde er ihn vielleicht anders aussprechen, und wir würden sagen: Er spricht ihn so sonderbar aus, weil er ihn für ein Wort hält. ‒ ‒ Aber geht also nicht, wenn er ihn ausspricht, eben auch etwas anderes in ihm vor,– dem entsprechend, daß er den Satz als ein Wort auffaßt? ‒ ‒ Es kann das Gleiche in ihm vorgehen, oder auch anderes. Was geht denn in dir vor, wenn du so einen Befehl gibst; bist du dir bewußt, daß er aus vier Wörtern besteht, während du ihn aussprichst? Freilich, du beherrscht diese Sprache – in der es auch jene andern Sätze gibt– aber ist dieses Beherrschen etwas, was geschieht, während du den Satz aussprichst? – Und ich habe ja zugegeben: der Fremde wird den Satz, den er anders auffaßt, wahrscheinlich anders aussprechen; aber, was wir die falsche Auffassung nennen, muß nicht in irgend etwas liegen, was das Aussprechen des Befehls begleitet. ‘Elliptisch’ ist der Satz nicht, weil er etwas ausläßt, was wir meinen, wenn wir ihn aussprechen, sondern weil er gekürzt ist im Vergleich mit einem bestimmten Vorbild unserer Grammatik. – Man könnte hier freilich den Einwand machen: “Du gibst zu, daß der verkürzte und der unverkürzte Satz den gleichen Sinn haben. – Welchen Sinn haben sie also? Gibt es denn für diesen Sinn nicht einen Wortausdruck?”‒ ‒ Aber besteht der gleiche Sinn der Sätze nicht in ihrer gleichen Verwendung? – (Im Russischen heißt es “Stein rot” statt “der Stein ist rot”; geht ihnen die Kopula im Sinn ab, oder denken sie sich die Kopula dazu?)

20 But if one now says “Bring me a plate!”, it seems now as if he could mean this expression as a long word: corresponding, namely, to the one word “plate!”. ‒ ‒ Can one, therefore, mean it sometimes as a word, sometimes as four words? And how does one usually mean it? ‒ ‒ I think we will be inclined to say: we mean the sentence as one of four words, when we use it in contrast to other sentences, such as “Pass me a plate,” “Bring him a plate,” “Bring two plates,” etc.; that is, in contrast to sentences which contain the words of our command in other combinations. ‒ ‒ But what does it consist in, using a sentence in contrast to other sentences? Does one perhaps have these sentences in mind, and all of them, and while one says the one sentence, or before, or after? – No! Even if such an explanation has some appeal for us, we need only think for a moment about what really happens in order to see that we are on the wrong track here. We say that we use the command in contrast to other sentences because our language contains the possibility of these other sentences. Someone who does not understand our language, a foreigner, who has often heard someone give the command “Bring me a plate!” might think that this whole sequence of sounds is a word and corresponds to something like the word for “brick” in his language. If he himself then gave this command, he would perhaps pronounce it differently, and we would say: He pronounces it so strangely because he thinks it is a word. ‒ ‒ But doesn't something else also go on in him when he pronounces it, something corresponding to the fact that he conceives the sentence as a word? ‒ ‒ The same thing may happen in him, or something else. What goes on in you when you give such a command; are you conscious that it consists of four words, while you are pronouncing it? Of course, you master this language – in which there are also those other sentences – but is this mastery something that happens while you pronounce the sentence? – And I have, of course, admitted: the foreigner will probably pronounce the sentence differently, because he understands it differently; but what we call the wrong understanding need not consist in anything that accompanies the pronunciation of the command. The sentence is not ‘elliptical’ because it omits something that we mean when we pronounce it, but because it is shortened in comparison with a certain model of our grammar. – One could, of course, raise the objection here: “You admit that the shortened and the unshortened sentence have the same sense. – What sense do they have, then? Is there not a word expression for this sense?” ‒ ‒ But does not the same sense of the sentences consist in their same use? – (In Russian, they say “stone red” instead of “the stone is red”; are they missing the copula, or do they add it in their thought?)

§Ts-227a

19[2] &
20[1]

21 Denk dir ein Sprachspiel, in welchem B dem A auf dessen Frage die Anzahl der Platten oder Würfel in einem Stoß meldet, oder die Farben und Formen der Bausteine, die dort und dort liegen. – So eine Meldung könnte also lauten: “Fünf Platten”. Was ist nun der Unterschied zwischen der Meldung, oder Behauptung, “Fünf Platten” und dem Befehl “Fünf Platten!”? – Nun, die Rolle, die das Aussprechen dieser Worte im Sprachspiel spielt. Aber es wird wohl auch der Ton, in dem sie ausgesprochen werden, ein anderer sein, und die Miene, und noch manches andere. Aber wir können uns auch denken, daß der Ton der gleiche ist– denn ein Befehl und eine Meldung können in mancherlei Ton ausgesprochen werden und mit mancherlei Miene– und daß der Unterschied allein in der Verwendung liegt. (Freilich könnten wir auch die Worte “Behauptung” und “Befehl” zur Bezeichnung einer grammatischen Satzform und eines Tonfalls gebrauchen; wie wir ja “Ist das Wetter heute nicht herrlich?” eine Frage nennen, obwohl sie als Behauptung verwendet wird.) Wir könnten uns eine Sprache denken, in der alle Behauptungen die Form und den Ton rhetorischer Fragen hätten; oder jeder Befehl die Form der Frage: “Möchtest du das tun?”. Man wird dann vielleicht sagen: “Was er sagt, hat die Form der Frage, ist aber wirklich ein Befehl”– d.h., hat die Funktion des Befehls in der Praxis der Sprache. (Ähnlich sagt man “Du wirst das tun”, nicht als Prophezeiung, sondern als Befehl. Was macht es zu dem einen, was zu dem andern?)

21 Imagine a language-game in which B, in response to A’s question, reports the number of plates or cubes in a pile, or the colors and shapes of the building blocks lying here and there. – Such a report might be: “Five plates.” What, then, is the difference between the report, or assertion, “Five plates,” and the command “Five plates!”? – Well, the role that the utterance of these words plays in the language-game. But it will probably also be the case that the tone in which they are uttered is different, and the facial expression, and many other things. But we can also imagine that the tone is the same – because a command and a report can be uttered in various tones and with various facial expressions – and that the difference lies solely in the use. (Of course, we could also use the words “assertion” and “command” to designate a grammatical sentence form and a tone of voice; as we do, for example, call “Isn’t the weather lovely today?” a question, although it is used as an assertion.) We could imagine a language in which all assertions have the form and tone of rhetorical questions; or every command has the form of a question: “Would you like to do that?” One might then say: “What he says has the form of a question, but is really a command” – that is, has the function of the command in the linguistic practice. (Similarly, one says “You will do that,” not as a prophecy, but as a command. What makes it the one, what makes it the other?)

§Ts-227a

20a[1]

22 Denken wir uns ein Bild, einen Boxer in bestimmter Kampfstellung darstellend. Dieses Bild kann nun dazu gebraucht werden, um jemand mitzuteilen, wie er stehen, sich halten soll; oder, wie er sich nicht halten soll; oder, wie ein bestimmter Mann dort und dort gestanden hat; oder etc. etc. Man könnte dieses Bild (chemisch gesprochen) ein Satzradikal nennen. Ähnlich dachte sich wohl Frege die “Annahme”.

Let us imagine a picture depicting a boxer in a certain fighting stance. This picture can now be used to communicate to someone how he should stand, how he should hold himself; or how he should not hold himself; or how a certain man stood there and there; or etc. etc. One could call this picture (chemically speaking) a sentence-radical. Frege probably thought of the “assumption” in a similar way.

§Ts-227a

20[2] &
21[1]

Freges Ansicht, daß in einer Behauptung eine Annahme steckt, die dasjenige ist, was behauptet wird, basiert eigentlich auf der Möglichkeit, die es in unserer Sprache gibt, jeden Behauptungssatz in der Form zu schreiben “Es wird behauptet, daß das und das der Fall ist.” – Aber “Daß das und das der Fall ist” ist eben in unsrer Sprache kein Satz– es ist noch kein Zug im Sprachspiel. Und schreibe ich statt “Es wird behauptet, daß …” “Es wird behauptet: das und das ist der Fall”, dann sind hier die Worte “Es wird behauptet” eben überflüssig. Wir könnten sehr gut auch jede Behauptung in der Form einer Frage mit nachgesetzter Bejahung schreiben; etwa: “Regnet es? Ja!”. Würde das zeigen, daß in jeder Behauptung eine Frage steckt? Man hat wohl das Recht ein Behauptungszeichen zu verwenden im Gegensatz z.B. zu einem Fragezeichen; oder wenn man eine Behauptung unterscheiden will von einer Fiktion, oder einer Annahme. Irrig ist es nur, wenn man meint, daß die Behauptung nun aus zwei Akten besteht, dem Erwägen und dem Behaupten (Beilegen des Wahrheitswerts, oder dergl.) und daß wir diese Akte nach den Zeichen des Satzes vollziehen, ungefähr wie wir nach Noten singen. Mit dem Singen nach Noten ist allerdings das laute, oder leise Lesen des geschriebenen Satzes zu vergleichen, aber nicht das ‘Meinen’ (Denken) des gelesenen Satzes. Das Fregesche Behauptungszeichens betont den Satzanfang. Es hat also eine ähnliche Funktion, wie der Schlußpunkt. Es unterscheidet die ganze Periode vom Satz in der Periode. Wenn ich einen sagen höre “es regnet”, aber nicht weiß, ob ich den Anfang und Schluß der Periode gehört habe, so ist dieser Satz für mich noch kein Mittel der Verständigung.

22 Frege’s view that an assertion contains an assumption, which is what is asserted, is actually based on the possibility that exists in our language of writing every assertive sentence in the form “It is asserted that this and that is the case.” – But “That this and that is the case” is not a sentence in our language – it is not yet a move in the language-game. And if I write instead of “It is asserted that…” “It is asserted: this and that is the case,” then the words “It is asserted” are superfluous here. We could very well write every assertion in the form of a question with an appended affirmation; for example: “Is it raining? Yes!” Would that show that every assertion contains a question? One probably has the right to use an assertion sign in contrast to, for example, a question mark; or if one wants to distinguish an assertion from a fiction, or an assumption. It is only incorrect if one thinks that the assertion now consists of two acts, the considering and the asserting (attaching the truth-value, or the like), and that we perform these acts according to the signs of the sentence, approximately as we sing according to notes. However, singing according to notes is comparable to the loud or soft reading of the written sentence, but not to the ‘thinking’ of the read sentence. Frege’s assertion sign emphasizes the beginning of the sentence. It therefore has a similar function to the period. It distinguishes the whole period from the sentence in the period. If I hear someone say “it is raining,” but do not know whether I have heard the beginning and end of the period, then this sentence is not yet a means of communication for me.

§Ts-227a

21[2] &
22[1]

23 Wieviele Arten der Sätze gibt es aber? Etwa Behauptung, Frage und Befehl? – Es gibt unzählige solcher Arten: unzählige verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir “Zeichen”, “Worte”, “Sätze”, nennen. Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen. (Ein ungefähres Bild davon können uns die Wandlungen der Mathematik geben.) Das Wort “Sprachspiel” soll hier hervorheben, daß das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform. Führe dir die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele an diesen Beispielen, und andern, vor Augen:

Befehlen, und nach Befehlen handeln –

Beschreiben eines Gegenstands nach dem Ansehen, oder nach Messungen –

Herstellen eines Gegenstands nach einer Beschreibung (Zeichnung) –

Berichten eines Hergangs –

Über den Hergang Vermutungen anstellen –

Eine Hypothese aufstellen und prüfen–

Darstellen der Ergebnisse eines Experiments durch Tabellen und Diagramme –

Eine Geschichte erfinden; und lesen –

Theater spielen –

Reigen singen–

Rätsel raten –

Einen Witz machen; erzählen –

Ein angewandtes Rechenexempel lösen –

Aus einer Sprache in die andere übersetzen –

Bitten, Danken, Fluchen, Grüßen, Beten.

– Es ist interessant, die Mannigfaltigkeit der Werkzeuge der Sprache und ihrer Verwendungsweisen, die Mannigfaltigkeit der Wort- und Satzarten, mit dem zu vergleichen, was Logiker über den Bau der Sprache gesagt haben. (Und auch der Verfasser der Logisch-philosophischen Abhandlung.)

23 How many kinds of sentences are there? Roughly speaking, assertion, question, and command? – There are countless such kinds: countless different kinds of the use of everything that we call “signs,” “words,” “sentences.” And this variety is not something fixed, something given once and for all; rather, new types of language, new language-games, as we might say, come into being, and others become obsolete and are forgotten. (An approximate picture of this can be given by the changes in mathematics.) The word “language-game” is meant to emphasize that speaking a language is part of an activity, or a form of life. Bring the variety of language-games before your eyes through these examples, and others:

Giving orders, and obeying them –

Describing an object after looking at it, or after measurements –

Constructing an object according to a description (a drawing) –

Relating an event –

Making conjectures about an event –

Putting forward a hypothesis and testing it –

Presenting the results of an experiment in tables and diagrams –

Inventing a story; and reading it –

Playing a play –

Singing a song –

Guessing a riddle –

Making a joke; telling it –

Solving a problem in applied arithmetic –

Translating a language into another –

Begging, thanking, cursing, greeting, praying –

– It is interesting to compare the variety of the tools of language and their uses, the variety of words and sentences, with what logicians have said about the structure of language. (And also the author of the Tractatus Logico-Philosophicus.)

§Ts-227a

22[2] &
23[1]

24 Wem die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele nicht vor Augen ist, der wird etwa zu Fragen geneigt sein, wie dieser: “Was ist eine Frage?” – Ist es die Feststellung, daß ich das und das nicht weiß, oder die Feststellung, daß ich wünsche, der Andre möchte mir sagen …? Oder ist es die Beschreibung meines seelischen Zustandes der Ungewißheit? – Und ist der Ruf “Hilfe!” so eine Beschreibung? Denke daran, wieviel Verschiedenartiges “Beschreibung” genannt wird: Beschreibung der Lage eines Körpers durch seine Koordinaten; Beschreibung eines Gesichtsausdrucks; Beschreibung einer Tastempfindung; einer Stimmung. Man kann freilich statt der gewöhnlichen Form der Frage die der Feststellung oder Beschreibung setzen: “Ich will wissen, ob …”, oder “Ich bin im Zweifel, ob …” – aber damit hat man die verschiedenen Sprachspiele einander nicht näher gebracht. Die Bedeutsamkeit solcher Umformungsmöglichkeiten, z.B. aller Behauptungssätze in Sätze, die mit der Klausel “Ich denke”, oder “Ich glaube” anfangen (also sozusagen in Beschreibungen meines Innenlebens) wird sich an anderer Stelle deutlicher zeigen. (Solipsismus.)

24 He who does not see the variety of language-games will be inclined to ask questions like this: “What is a question?” – Is it the statement that I don’t know something, or the statement that I want the other person to tell me…? Or is it the description of my mental state of uncertainty? – And is the cry “Help!” such a description? Remember how much variety is covered by what is called “description”: the description of the position of a body by its coordinates; the description of a facial expression; the description of a tactile sensation; a mood. One can, of course, replace the usual form of a question with the form of a statement or description: “I want to know whether…,” or “I am in doubt whether…,” – but this does not bring the different language-games any closer to one another. The significance of such possibilities of reformulation, for example, of all assertive sentences into sentences that begin with the clause “I think” or “I believe” (i.e., into descriptions of my inner life), will become clearer later. (Solipsism.)

§Ts-227a

23[2]

25 Man sagt manchmal: die Tiere sprechen nicht, weil ihnen die geistigen Fähigkeiten fehlen. Und das heißt: “sie denken nicht, darum sprechen sie nicht”. Aber: sie sprechen eben nicht. Oder besser: sie verwenden die Sprache nicht – wenn wir von den primitivsten Sprachformen absehen. – Befehlen, fragen, erzählen, plauschen gehören zu unserer Naturgeschichte so, wie gehen, essen, trinken, spielen.

25 It is sometimes said that animals do not speak because they lack mental abilities. And this means: “they do not think, therefore they do not speak.” But: they simply do not speak. Or better: they do not use language – if we leave aside the most primitive forms of language. – To give orders, to ask questions, to tell, to chat, are all part of our natural history, just as walking, eating, drinking, playing are.

§Ts-227a

23[3] &
24[1]

26 Man meint, das Lernen der Sprache bestehe darin, daß man Gegenstände benennt. Und zwar: Menschen, Formen, Farben, Schmerzen, Stimmungen, Zahlen, etc.. Wie gesagt – das Benennen ist etwas Ähnliches, wie, einem Ding ein Namentäfelchen anheften. Man kann das eine Vorbereitung zum Gebrauch eines Wortes nennen. Aber worauf ist es eine Vorbereitung?

26 One might say that learning a language consists in naming objects. Namely: people, shapes, colors, pains, moods, numbers, etc. As I said, naming is something like attaching a name tag to a thing. One could call this a preparation for the use of a word. But what is it a preparation for?

§Ts-227a

24[2] &
25[1]

27 “Wir benennen die Dinge und können nun über sie reden. Uns in der Rede auf sie beziehen.” – Als ob mit dem Akt des Benennens schon das, was wir weiter tun, gegeben wäre. Als ob es nur Eines gäbe, was heißt: “von Dingen reden”. Während wir doch das verschiedenartigste mit unsern Sätzen tun. Denken wir allein an die Ausrufe. Mit ihren ganz verschiedenen Funktionen. Wasser! Fort! Au! Hilfe! Schön! Nicht!

Bist du nun noch geneigt, diese Wörter “Benennungen von Gegenständen” zu nennen? In den Sprachen (2) und (8) gab es ein Fragen nach der Benennung nicht. Dies und sein Korrelat, die hinweisende Erklärung, ist, wie wir sagen könnten, ein eigenes Sprachspiel. Das heißt eigentlich: wir werden erzogen, abgerichtet, dazu, zu fragen: “Wie heißt das?” – worauf dann das Benennen erfolgt. Und es gibt auch ein Sprachspiel: Für etwas einen Namen erfinden. Also, zu sagen: “Das heißt …”, und nun den neuen Namen zu verwenden. (So benennen Kinder z.B. ihre Puppen und reden dann von ihnen, und zu ihnen. Dabei bedenke gleich, wie eigenartig der Gebrauch des Personennamens ist, mit welchem wir den Benannten rufen!)

27 “We name the things and can now talk about them. Refer to them in our speech.” – As if the act of naming already contained everything that we do afterward. As if there were only one thing, namely: “to talk about things.” Whereas, in reality, we do all sorts of different things with our sentences. Let us consider, for example, exclamations, with their very different functions. Water! Away! Ouch! Help! Beautiful! No!

Are you still inclined to call these words “names of objects”? In languages (2) and (8), there was no question of naming. This, and its correlate, the ostensive explanation, is, as we might say, a language-game of its own. That is, we are actually trained, conditioned, to ask: “What is this called?” – whereupon naming takes place. And there is also a language-game: to invent a name for something. That is, to say: “This is called…”, and then to use the new name. (For example, children name their dolls and then talk about them and to them. At the same time, consider how peculiar the use of a personal name is, with which we call the person named!)

§Ts-227a

25[2]

28 Man kann nun einen Personennamen, ein Farbwort, einen Stoffnamen, ein Zahlwort, den Namen einer Himmelsrichtung, etc. hinweisend definieren. Die Definition der Zahl Zwei “Das heißt ‘zwei’” – wobei man auf zwei Nüsse zeigt, ist vollkommen exakt. – Aber wie kann man denn die Zwei so definieren? Der, dem man die Definition gibt, weiß ja dann nicht, was man mit “ zwei” benennen will; er wird annehmen, daß du diese Gruppe von Nüssen “zwei” nennst! ‒ ‒ Er kann dies annehmen; vielleicht nimmt er es aber nicht an. Er könnte ja auch, umgekehrt, wenn ich dieser Gruppe von Nüssen einen Namen beilegen will, ihn als Zahlnamen mißverstehen. Und ebensogut, wenn ich einen Personennamen hinweisend erkläre, diesen als Farbnamen, als Bezeichnung der Rasse, ja als Namen einer Himmelsrichtung auffassen. Das heißt, die hinweisende Definition kann in jedem Fall so und anders gedeutet werden.

28 One can ostensively define a personal name, a color word, a material name, a numeral, the name of a cardinal direction, etc. The definition of the number two, “That is called ‘two’” – while pointing to two nuts, is perfectly accurate. – But how can one define two in this way? The person to whom one gives the definition does not then know what one wants to name with “two”; he will assume that you are calling this group of nuts “two”! ‒ ‒ He can assume this; perhaps he does not assume it. He could, conversely, if I want to give a name to this group of nuts, misunderstand it as a number name. And just as easily, if I ostensively explain a personal name, he might take it as a color name, as a designation of race, or even as the name of a cardinal direction. That is, the ostensive definition can, in every case, be interpreted in one way or another.

§Ts-227a

25[3] &
26[1]

29 Vielleicht sagt man: die Zwei kann nur so hinweisend definiert werden: “Diese Zahl heißt ‘zwei’”. Denn das Wort “Zahl” zeigt hier an, an welchen Platz der Sprache, der Grammatik, wir das Wort setzen. Das heißt aber, es muß das Wort “Zahl” erklärt sein, ehe jene hinweisende Definition verstanden werden kann. – Das Wort “Zahl” in der Definition zeigt allerdings diesen Platz an; den Posten, an den wir das Wort stellen. Und wir können so Mißverständnissen vorbeugen, indem wir sagen: “Diese Farbe heißt so und so”, “Diese Länge heißt so und so”, u.s.w.. Das heißt: Mißverständnisse werden manchmal so vermieden. Aber läßt sich denn das Wort “Farbe”, oder “Länge” nur so auffassen? – Nun, wir müssen sie eben erklären. – Also erklären durch andere Wörter! Und wie ist es mit der letzten Erklärung in dieser Kette? (Sag nicht “Es gibt keine ‘letzte’ Erklärung”. Das ist gerade so, als wolltest du sagen: “Es gibt kein letztes Haus in dieser Straße; man kann immer noch eines dazubauen.”) Ob das Wort “Zahl” in der hinweisenden Definition der Zwei nötig ist, das hängt davon ab, ob er sie ohne dieses Wort anders auffaßt, als ich es wünsche. Und das wird wohl von den Umständen abhängen, unter welchen sie gegeben wird, und von dem Menschen, dem ich sie gebe. Und wie er die Erklärung ‘auffaßt’, zeigt sich darin, wie er von dem erklärten Wort Gebrauch macht.

29 Perhaps one says: the number two can only be defined ostensively in this way: “This number is called ‘two’”. For the word “number” here indicates the place in language, in grammar, where we place the word. But this means that the word “number” must be explained before that ostensive definition can be understood. – The word “number” in the definition does, of course, indicate this place; the position to which we assign the word. And we can thus prevent misunderstandings by saying: “This color is called so and so”, “This length is called so and so”, and so on. That is to say: misunderstandings are sometimes avoided in this way. But can the word “color” or “length” really only be understood in this way? – Well, we must simply explain them. – That is, explain them by means of other words! And what about the last explanation in this chain? (Don’t say “There is no ‘last’ explanation”. That is just like saying: “There is no last house in this street; one can always build another one.”) Whether the word “number” is necessary in the ostensive definition of two depends on whether he understands it differently than I want, without this word. And that will probably depend on the circumstances under which it is given, and on the person to whom I give it. And how he ‘understands’ the explanation is shown in how he makes use of the explained word.

§Ts-227a

26[2] &
27[1]

30 Man könnte also sagen: Die hinweisende Definition erklärt den Gebrauch – die Bedeutung – des Wortes, wenn es schon klar ist, welche Rolle das Wort in der Sprache überhaupt spielen soll. Wenn ich also weiß, daß Einer mir ein Farbwort erklären will, so wird mir die hinweisende Erklärung “Das heißt ‘Sepia’” zum Verständnis des Wortes verhelfen. – Und dies kann man sagen, wenn man nicht vergißt, daß sich nun allerlei Fragen an das Wort “wissen”, oder “klar sein” anknüpfen! Man muß schon etwas wissen (oder können), um nach der Benennung fragen zu können. Aber was muß man wissen?

30 One could therefore say: The ostensive definition explains the use – the meaning – of the word, if it is already clear what role the word is supposed to play in the language. If I know that someone wants to explain a color word to me, then the ostensive explanation “This means ‘sepia’” will help me to understand the word. – And this can be said, if one does not forget that all sorts of questions are connected to the word “to know”, or “to be clear”! One must already know something (or be able to), in order to be able to ask about the naming. But what must one know?

§Ts-227a

24a[1]

31 Könnte man zur Erklärung des Wortes “rot” auf etwas weisen, was nicht rot ist? Das wäre ähnlich, wie wenn man Einem, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist, das Wort “bescheiden” erklären sollte, und man zeigte zur Erklärung auf einen arroganten Menschen und sagte “Dieser ist nicht bescheiden”. Es ist kein Argument gegen eine solche Erklärungsweise, daß sie vieldeutig ist. Jede Erklärung kann mißverstanden werden. Wohl aber könnte man fragen: Sollten wir das noch eine “Erklärung” nennen? – Denn sie spielt im Kalkül natürlich eine andere Rolle, als das was wir “hinweisende Erklärung” des Wortes “rot” nennen; auch wenn sie dieselben praktischen Folgen, dieselbe Wirkung auf den Lernenden hätte.

Could one point to something that is not red in order to explain the word “red”? This would be similar to explaining the word “modest” to someone who does not speak German, and one points to an arrogant person as an explanation and says, “This person is not modest.” It is not an argument against such a method of explanation that it is ambiguous. Every explanation can be misunderstood. However, one could ask: should we still call this an “explanation”? – Because it naturally plays a different role in the calculus than what we call the “ostensive explanation” of the word “red”; even if it has the same practical consequences, the same effect on the learner.

§Ts-227a

27[2] &
28[1]

Wenn man jemandem die Königsfigur im Schachspiel zeigt und sagt: “Das ist der Schachkönig”, so erklärt man ihm dadurch nicht den Gebrauch dieser Figur,– es sei denn, daß er die Regeln des Spiels schon kennt, bis auf diese letzte Bestimmung: die Form einer Königsfigur. Man kann sich denken, er habe die Regeln des Spiels gelernt, ohne das ihm je eine wirkliche Spielfigur gezeigt wurde. Die Form der Spielfigur entspricht hier dem Klang oder der Gestalt eines Wortes. Man kann sich aber auch denken, Einer habe das Spiel gelernt ohne je Regeln zu lernen, oder zu formulieren. Er hat etwa zuerst durch Zusehen ganz einfache Brettspiele gelernt und ist zu immer komplizierteren fortgeschritten. Auch diesem könnte man die Erklärung geben: “Das ist der König” – wenn man ihm z.B. Schachfiguren von einer ihm ungewohnten Form zeigt. Auch diese Erklärung lehrt ihn den Gebrauch der Figur nur darum, weil, wie wir sagen könnten, der Platz schon vorbereitet war an den sie gestellt wurde. Oder auch: Wir werden nur dann sagen, sie lehre ihn den Gebrauch, wenn der Platz schon vorbereitet ist. Und er ist es hier nicht dadurch, daß der, dem wir die Erklärung geben, schon Regeln weiß, sondern dadurch, daß er in anderm Sinne schon ein Spiel beherrscht. Betrachte noch diesen Fall: Ich erkläre jemandem das Schachspiel; und fange damit an, indem ich auf eine Figur zeige und sage: “Das ist der König. Er kann so und so ziehen, etc. etc.”. – In diesem Fall werden wir sagen: die Worte “Das ist der König” (oder “Das heißt ‘König’”) sind nur dann eine Worterklärung, wenn der Lernende schon ‘weiß, was eine Spielfigur ist’. Wenn er also etwa schon andere Spiele gespielt hat, oder dem Spielen Anderer ‘mit Verständnis’ zugesehen hat – und dergleichen. Auch nur dann wird er beim Lernen des Spiels relevant fragen können: “Wie heißt das?” – nämlich, diese Spielfigur. Wir können sagen: Nach der Benennung fragt nur der sinnvoll, der schon etwas mit ihr anzufangen weiß. Wir können uns ja auch denken, daß der Gefragte antwortet: “Bestimm die Benennung selber”– und nun müßte, der gefragt hat, für alles selber aufkommen.

31 If one shows someone a chess piece, the king, in a game of chess and says: “This is the chess king,” one does not thereby explain the use of this piece to him, unless he already knows the rules of the game, except for this final determination: the shape of a king piece. One can imagine that he has learned the rules of the game without ever having a real game piece shown to him. The shape of the game piece corresponds here to the sound or the form of a word. But one can also imagine that someone has learned the game without ever learning or formulating the rules. He may, for example, have first learned very simple board games by watching, and then progressed to increasingly complicated ones. One could also give him the explanation: “This is the king” – if, for example, one shows him chess pieces of a form unfamiliar to him. This explanation also only teaches him the use of the piece because, as one might say, the place to which it is to be placed has already been prepared. Or also: We will only say that it teaches him the use if the place has already been prepared. And it is not prepared here by the fact that the person to whom we give the explanation already knows the rules, but by the fact that he already knows how to play a game in another sense. Consider this case as well: I explain the game of chess to someone, and I begin by pointing to a piece and saying: “This is the king. It can move this way and that way, etc.” – In this case, we will say that the words “This is the king” (or “This is called ‘king’”) are only a word explanation if the learner already ‘knows what a game piece is’. That is, if he has already played other games, or has watched others play ‘with understanding’ – and the like. Only then will he be able to ask a relevant question when learning the game: “What is this called?” – namely, this game piece. We can say that only the one who already knows what to do with it asks meaningfully after the naming. We can also imagine that the person asked replies: “Determine the naming yourself” – and now the person who asked would have to take care of everything himself.

§Ts-227a

28[2]

32 Wer in ein fremdes Land kommt, wird manchmal die Sprache der Einheimischen durch hinweisende Erklärungen lernen, die sie ihm geben; und er wird die Deutung dieser Erklärungen oft raten müssen und manchmal richtig, manchmal falsch raten. Und nun können wir, glaube ich, sagen: Augustinus beschreibe das Lernen der menschlichen Sprache so, als käme das Kind in ein fremdes Land und verstehe die Sprache des Landes nicht; das heißt, habe bereits eine Sprache, nur nicht diese. Oder auch: als könne das Kind schon denken, nur noch nicht sprechen. Und “denken” hieße hier etwas, wie: zu sich selber reden.

32 When one comes to a foreign land, one sometimes learns the language of the locals through ostensive explanations that they give; & one will often have to guess the interpretation of these explanations, sometimes guessing correctly, sometimes incorrectly. And now, I think, we can say: Augustine describes learning human language as if the child comes to a foreign land & does not understand the language of that land; that is, already has a language, only not this one. Or also: as if the child can already think, only not yet speak. And “thinking” would mean something here, like: talking to oneself.

§Ts-227a

28[3] &
29[1] &
30[1]

33 Wie aber, wenn man einwendete: “Es ist nicht wahr, daß Einer schon ein Sprachspiel beherrschen muß, um eine hinweisende Definition zu verstehen, sondern er muß nur – selbstverständlich – wissen (oder erraten) worauf der Erklärende zeigt! Ob also z.B. auf die Form des Gegenstandes, oder auf seine Farbe, oder auf die Anzahl, etc. etc.”‒ ‒ Und worin besteht es denn – ‘auf die Form zeigen’, ‘auf die Farbe zeigen’? Zeige auf ein Stück Papier! – Und nun zeig auf seine Form,– nun auf seine Farbe,– nun auf seine Anzahl (das klingt seltsam)! – Nun, wie hast du es gemacht? – Du wirst sagen, du habest jedesmal etwas anderes beim Zeigen ‘gemeint’. Und wenn ich frage, wie das vor sich geht, wirst du sagen, du habest deine Aufmerksamkeit auf die Farbe, Form, etc. konzentriert. Nun aber frage ich noch einmal, wie das vor sich geht. Denke, jemand zeigt auf eine Vase und sagt: “Schau das herrliche Blau an! – auf die Form kommt es nicht an. –” Oder: “Schau die herrliche Form an! – die Farbe ist gleichgültig.” Es ist zweifellos, du wirst Verschiedenes tun, wenn du diesen beiden Aufforderungen nachkommst. Aber tust du immer das Gleiche, wenn du deine Aufmerksamkeit auf die Farbe richtest? Stell dir doch verschiedene Fälle vor! Ich will einige andeuten: “Ist dieses Blau das gleiche, wie das dort? Siehst du einen Unterschied? –” Du mischst Farben und sagst: “Dieses Blau des Himmels ist schwer zu treffen.” “Es wird schön, man sieht schon wieder blauen Himmel!” “Schau, wie verschieden diese beiden Blau wirken!” “Siehst du dort das blaue Buch? Bring es her.” “Dieses blaue Lichtsignal bedeutet ….” “Wie heißt nur dieses Blau? – ist es ‘Indigo’?”

Die Aufmerksamkeit auf die Farbe richten, das tut man manchmal, indem man sich die Umrisse der Form mit der Hand weghält; oder den Blick nicht auf die Kontur des Dinges richtet; oder auf den Gegenstand starrt und sich zu erinnern trachtet, wo man diese Farbe schon gesehen hat. Man richtet seine Aufmerksamkeit auf die Form, manchmal, indem man sie nachzeichnet, manchmal, indem man blinzelt, um die Farbe nicht deutlich zu sehen, etc. etc.. Ich will sagen: dies und Ähnliches geschieht, während man ‘die Aufmerksamkeit auf das und das richtet’. Aber das ist es nicht allein, was uns sagen läßt, Einer richte seine Aufmerksamkeit auf die Form, auf die Farbe, etc.. Wie ein Schachzug nicht allein darin besteht, daß ein Stein so und so auf dem Brett verschoben wird,– aber auch nicht in den Gedanken und Gefühlen des Ziehenden, die den Zug begleiten; sondern in den Umständen, die wir nennen: “eine Schachpartie spielen”, “ein Schachproblem lösen”, und dergl.

33 But what if one were to object: “It is not true that one must already master a language-game in order to understand an ostensive definition; he must only – of course – know (or guess) what the explainer is pointing to! Whether, for example, to the shape of the object, or to its color, or to the number, etc. etc.” – And what does it consist of – ‘pointing to the shape,’ ‘pointing to the color’? Point to a piece of paper! – And now point to its shape, – now to its color, – now to its number (that sounds odd)! – Well, how did you do it? – You will say that you ‘meant’ something different each time while pointing. And if I ask how that works, you will say that you concentrated your attention on the color, shape, etc. Now, however, I ask again how that works. Imagine someone points to a vase and says: “Look at the magnificent blue! – the shape is not important.” – Or: “Look at the magnificent shape! – the color is irrelevant.” It is undeniable that you will do different things when you comply with these two requests. But do you always do the same thing when you direct your attention to the color? Just imagine different cases! I want to indicate a few: “Is this blue the same as that one? Do you see a difference?” – You mix colors and say: “This blue of the sky is difficult to capture.” “It will be beautiful, you can already see the blue sky again!” “Look how different these two blues appear!” “Do you see the blue book over there? Bring it here.” “This blue light signal means….” “What is the name of this blue? – is it ‘indigo’?”

Directing one’s attention to the color, one sometimes does this by holding the outlines of the shape away with one’s hand; or by not directing one’s gaze at the contour of the thing; or by staring at the object and trying to remember where one has seen this color before. One directs one’s attention to the shape, sometimes by tracing it, sometimes by blinking so as not to see the color clearly, etc. etc. I want to say: this and similar things happen while one ‘directs one’s attention to this or that.’ But that is not all that leads us to say that someone is directing his attention to the shape, to the color, etc. Just as a move in chess does not consist solely in moving a piece on the board in this way, – but also not in the thoughts and feelings of the player that accompany the move; but in the circumstances that we call: “playing a game of chess,” “solving a chess problem,” and so on.

§Ts-227a

31[1]

34 Aber nimm an, Einer sagte: “Ich tue immer das Gleiche, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf die Form richte: ich folge der Kontur mit den Augen und fühle dabei …”. Und nimm an, dieser gibt einem Andern die hinweisende Erklärung “Das heißt ‘Kreis’”, indem er, mit all diesen Erlebnissen, auf einen kreisförmigen Gegenstand zeigt ‒ ‒ kann der Andre die Erklärung nicht dennoch anders deuten, auch wenn er sieht, daß der Erklärende der Form mit den Augen folgt, und auch wenn er fühlt, was der Erklärende fühlt? Das heißt: diese ‘Deutung’ kann auch darin bestehen, wie er nun von dem erklärten Wort Gebrauch macht, z.B., worauf er zeigt, wenn er den Befehl erhält “Zeige auf einen Kreis!”. – Denn weder der Ausdruck “die Erklärung so und so meinen”, noch der, “die Erklärung so und so deuten”, bezeichnen einen Vorgang, der das Geben und Hören der Erklärung begleitet.

34 But suppose someone says: “I always do the same thing when I direct my attention to the shape: I follow the contour with my eyes and feel …”. And suppose he gives another person the ostensive explanation “That is called ‘circle’” by pointing to a circular object – with all these experiences – can the other person not still interpret the explanation differently, even if he sees that the explainer is following the shape with his eyes, and even if he feels what the explainer feels? That is to say: this ‘interpretation’ can also consist in how he now uses the explained word, for example, what he points to when he receives the command “Point to a circle!” – Because neither the expression “meaning the explanation in this way,” nor the expression “interpreting the explanation in this way,” refers to a process that accompanies the giving and hearing of the explanation.

§Ts-227a

31[2] &
32[1]

35 Es gibt freilich, was man “charakteristische Erlebnisse” für das Zeigen auf die Form etwa, nennen kann. Zum Beispiel, das Nachfahren der Kontur mit dem Finger, oder mit dem Blick, beim Zeigen. – Aber so wenig, wie dies in allen Fällen geschieht, in denen ich ‘die Form meine’, so wenig geschieht irgend ein anderer charakteristischer Vorgang in allen diesen Fällen. – Aber auch, wenn ein solcher sich in ihnen allen wiederholte, so käme es doch auf die Umstände an – d.h., auf das, das was vor und nach dem Zeigen geschieht – ob wir sagen würden “Er hat auf die Form und nicht auf die Farbe gezeigt”. Denn es werden die Worte “auf die Form zeigen”, “die Form meinen”, etc. nicht so gebraucht, wie die: “auf dies Buch zeigen” (nicht auf jenes), “auf den Stuhl zeigen, nicht auf den Tisch”, etc..– Denn denke nur, wie anders wir den Gebrauch der Worte lernen: “auf dieses Ding zeigen”, “auf jenes Ding zeigen”, und anderseits: “auf die Farbe, nicht auf die Form, zeigen”, “die Farbe meinen”, etc. etc.. Wie gesagt, in gewissen Fällen, besonders beim Zeigen ‘auf die Form’, oder ‘auf die Anzahl’ gibt es charakteristische Erlebnisse und Arten des Zeigens – ‘charakteristisch’, weil sie sich oft (nicht immer) wiederholen, wo Form, oder Anzahl ‘gemeint’ werden. Aber kennst du auch ein charakteristisches Erlebnis für das Zeigen auf die Spielfigur als Spielfigur? Und doch kann man sagen: “Ich meine diese Spielfigur heißt ‘König’, nicht dieses bestimmte Stück Holz, worauf ich zeige”. (Wiedererkennen, wünschen, sich erinnern, etc..)

[→ ] Wie geht es vor sich: die Worte “Das ist blau” einmal als Aussage über den Gegenstand, auf den man zeigt – einmal als Erklärung des Wortes “blau” meinen? Im zweiten Falle meint man also eigentlich “Das heißt ‘blau’”. – Kann man also das Wort “ist” einmal als “heißt” meinen, und das Wort “blau” als “‘blau‘”? und ein andermal das “ist” wirklich als “ist”? Hier liegt ein folgenschwerer Aberglaube verborgen. Es kann auch geschehen, daß jemand aus dem, was als Mitteilung gemeint war, eine Worterklärung zieht. Kann ich mit dem Wort “bububu” meinen “Wenn es nicht regnet, werde ich spazieren gehen”? – Nur in einer Sprache kann ich etwas mit etwas meinen. Das zeigt klar, daß die Grammatik von “meinen” nicht ähnlich der ist des Ausdrucks “sich etwas vorstellen” und dergl..

35 There are, of course, what one might call “characteristic experiences” for pointing at a shape, for example. For instance, tracing the outline with one’s finger, or with one’s gaze, while pointing. – But just as rarely as this happens in all the cases in which I ‘mean the shape,’ so rarely does any other characteristic process happen in all these cases. – But even if such a process were repeated in all of them, it would still depend on the circumstances – that is, on what happens before and after the pointing – whether we would say “He pointed to the shape and not to the color.” For the words “point to the shape,” “mean the shape,” etc., are not used in the same way as the: “point to this book (not that one),” “point to the chair, not the table,” etc.. – Because consider how differently we learn the use of the words: “point to this object,” “point to that object,” and on the other hand: “point to the color, not to the shape,” “mean the color,” etc. etc.. As I said, in certain cases, especially when pointing ‘to the shape’ or ‘to the number,’ there are characteristic experiences and ways of pointing – ‘characteristic’ because they often (not always) recur where shape or number is ‘meant.’ But do you also know of a characteristic experience for pointing to the game piece as a game piece? And yet one can say: “I mean this game piece is called ‘king,’ not this particular piece of wood that I am pointing to.” (Recognizing, wishing, remembering, etc..)

[→ ] How does it happen: the words “this is blue” once as a statement about the object that one is pointing to – once as an explanation of the word “blue” mean? In the second case, one actually means “This is called ‘blue.’” – So can one mean the word “is” as “is called” and the word “blue” as “‘blue’?” and at other times mean “is” as “is” in reality? A serious superstition is hidden here. It can also happen that someone derives an explanation of a word from what was intended as communication. Can I mean “If it doesn’t rain, I will go for a walk” with the word “bububu”? – Only in a language can I mean something by something. This clearly shows that the grammar of “mean” is not similar to that of the expression “imagine something” and the like.

§Ts-227a

32[2]

36 Und wir tun hier, was wir in tausend ähnlichen Fällen tun: Weil wir nicht eine körperliche Handlung angeben können, die wir das Zeigen auf die Form (im Gegensatz z.B. zur Farbe) nennen, so sagen wir, es entspreche diesen Worten eine geistige Tätigkeit. Wo unsere Sprache uns einen Körper vermuten läßt, und kein Körper ist, dort, möchten wir sagen, sei ein Geist.

36 & here we do what we do in a thousand similar cases: because we cannot indicate a physical action that we call pointing to the form (in contrast, for example, to color), so we say that these words correspond to a mental activity. Where our language leads us to expect a body, & no body is there, we would like to say that a mind is present.

§Ts-227a

32[3] &
33[1]

37 Was ist die Beziehung zwischen Namen und Benanntem? – Nun, was ist sie? Schau auf das Sprachspiel (2), oder ein anderes! dort ist zu sehen, worin diese Beziehung etwa besteht. Diese Beziehung kann, unter vielem andern, auch darin bestehen, daß das Hören des Namens uns das Bild des Benannten vor die Seele ruft, und sie besteht unter anderem auch darin, daß der Name auf das Benannte geschrieben ist, oder daß er beim Zeigen auf das Benannte ausgesprochen wird.

37 What is the relationship between names and what is named? – Well, what is it? Look at language-game (2), or another! There you can see what this relationship might consist of. This relationship can, among other things, also consist in the fact that hearing the name brings the image of what is named to our mind, and it consists, among other things, in the fact that the name is written on what is named, or that it is spoken while pointing to what is named.

§Ts-227a

33[2] &
34[1]

38 Was benennt aber z.B. das Wort “dieses” im Sprachspiel (8), oder das Wort “das” in der hinweisenden Erklärung “Das heißt …”? – Wenn man keine Verwirrung anrichten will, so ist es am besten, man sagt garnicht, daß diese Wörter etwas benennen. – Und merkwürdigerweise wurde von dem Worte “dieses” einmal gesagt, es sei der eigentliche Name. Alles, was wir sonst “Name” nennen, sei dies also nur in einem ungenauen, angenäherten Sinn. Diese seltsame Auffassung rührt von einer Tendenz her, die Logik unserer Sprache zu sublimieren – wie man es nennen könnte. Die eigentliche Antwort darauf ist: “Name” nennen wir sehr Verschiedenes; das Wort “Name” charakterisiert viele verschiedene, mit einander auf viele verschiedene Weisen verwandte, Arten des Gebrauchs eines Worts;– aber unter diesen Arten des Gebrauchs ist nicht die des Wortes “dieses”. Es ist wohl wahr, daß wir oft, z.B. in der hinweisenden Definition, auf das Benannte zeigen und dabei den Namen aussprechen. Und ebenso sprechen wir, z.B. in der hinweisenden Definition, das Wort “dieses” aus, indem wir auf ein Ding zeigen. Und das Wort “dieses” und ein Name stehen auch oft an der gleichen Stelle im Satzzusammenhang. Aber charakteristisch für den Namen ist es gerade, daß er durch das hinweisende “Das ist N” (oder “Das heißt ‘N’”) erklärt wird. Erklären wir aber auch: “Das heißt ‘dieses’”, oder “Dieses heißt ‘dieses’”? Dies hängt mit der Auffassung des Benennens als eines, sozusagen, okkulten Vorgangs zusammen. Das Benennen erscheint als eine seltsame Verbindung eines Wortes mit einem Gegenstand. – Und so eine seltsame Verbindung hat wirklich statt, wenn nämlich der Philosoph, um herauszubringen, was die Beziehung zwischen Namen und Benanntem ist, auf einen Gegenstand vor sich starrt und dabei unzählige Male einen Namen wiederholt, oder auch das Wort “dieses”. Denn die philosophischen Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert. Und da können wir uns allerdings einbilden, das Benennen sei irgend ein merkwürdiger seelischer Akt, quasi eine Taufe eines Gegenstandes. Und wir können so auch das Wort “dieses” gleichsam zu dem Gegenstand sagen, ihn damit ansprechen – ein seltsamer Gebrauch dieses Wortes, der wohl nur beim Philosophieren vorkommt.

38 What, for example, does the word “this” name in language-game (8), or the word “that” in the explanatory remark “That is to say…”? – If one does not want to create confusion, it is best not to say that these words name anything. – And, curiously, it was once said that the word “this” is the actual name. Everything else we call “name” is, therefore, only a name in an imprecise, approximate sense. This strange view stems from a tendency to sublimate the logic of our language – as one might call it. The real answer to this is: We call very different things “names”; the word “name” characterizes many different types of use of a word, which are related to each other in many different ways; but among these types of use is not that of the word “this”. It is indeed true that we often, for example, in an explanatory definition, point to what is named and pronounce the name at the same time. And likewise, we, for example, in an explanatory definition, pronounce the word “this” by pointing to a thing. And the word “this” and a name often also stand in the same place in the sentence structure. But what is characteristic of the name is precisely that it is explained by the demonstrative “This is N” (or “That is ‘N’”). But do we also explain: “That is ‘this’,” or “This is ‘this’”? This is connected with the view of naming as a kind of occult process. Naming appears as a strange connection between a word and an object. – And such a strange connection actually takes place when, in order to bring out what the relationship between names and what is named is, the philosopher stares at an object in front of him and repeats a name countless times, or even the word “this.” For philosophical problems arise when language plays. And then we can certainly imagine that naming is some kind of strange mental act, as it were, a baptism of an object. And we can thus also say the word “this” to the object, addressing it with it – a strange use of this word, which probably only occurs when philosophizing.

§Ts-227a

34[2] &
35[1]

39 Aber warum kommt man auf die Idee, gerade dieses Wort zum Namen machen zu wollen, wo es offenbar kein Name ist? – Gerade darum. Denn man ist versucht, gegen das, was gewöhnlich “Name” heißt, einen Einwand zu machen; und den kann man so ausdrücken: daß der Name eigentlich Einfaches bezeichnen soll. Und man könnte dies etwa so begründen: Ein Eigenname im gewöhnlichen Sinn ist etwa das Wort “ Nothung”. Das Schwert Nothung besteht aus Teilen in einer bestimmten Zusammensetzung. Sind sie anders zusammengesetzt, so existiert Nothung nicht. Nun hat aber offenbar der Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” Sinn, ob Nothung noch ganz ist, oder schon zerschlagen. Ist aber “Nothung” der Name eines Gegenstandes, so gibt es diesen Gegenstand nicht mehr, wenn Nothung zerschlagen ist; und da dem Namen dann kein Gegenstand entspräche, so hätte er keine Bedeutung. Dann aber stünde in dem Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” ein Wort, das keine Bedeutung hat, und daher wäre der Satz Unsinn. Nun hat er aber Sinn; also muß den Wörtern, aus denen er besteht, immer etwas entsprechen. Also muß das Wort “Nothung” bei der Analyse des Sinnes verschwinden und statt seiner müssen Wörter eintreten, die Einfaches benennen. Diese Wörter werden wir billigerweise die eigentlichen Namen nennen.

39 But why does one get the idea of wanting to make precisely this word into a name, when it is obviously not a name? – Precisely because of that. Because one is tempted to raise an objection to what is usually called “name”; and this can be expressed as follows: that the name is supposed to refer to something simple. And one could argue this as follows: A proper name in the ordinary sense is, for example, the word “Nothung.” The sword Nothung consists of parts in a certain composition. If they are put together differently, Nothung does not exist. Now, however, the sentence “Nothung has a sharp edge” obviously has sense, whether Nothung is still whole or already broken. But if “Nothung” is the name of an object, then this object no longer exists when Nothung is broken; and since the name would then no longer correspond to an object, it would have no meaning. Then, however, the sentence “Nothung has a sharp edge” would contain a word that has no meaning, and therefore the sentence would be nonsense. But it does have sense; therefore, something must always correspond to the words that make it up. Therefore, the word “Nothung” must disappear in the analysis of the sense, and instead, words must be used that name something simple. We will reasonably call these words the actual names.

§Ts-227a

35[2] &
36[1]

40 Laß uns zuerst über den Punkt dieses Gedankengangs reden: daß das Wort keine Bedeutung hat, wenn ihm nichts entspricht. – Es ist wichtig, festzustellen, daß das Wort “Bedeutung” sprachwidrig gebraucht wird, wenn man damit das Ding bezeichnet, das dem Wort ‘entspricht’. Dies heißt, die Bedeutung eines Namens verwechseln mit dem Träger des Namens. Wenn Herr N.N. stirbt, so sagt man, es sterbe der Träger des Namens, nicht, es sterbe die Bedeutung des Namens. Und es wäre unsinnig, so zu reden, denn hörte der Name auf Bedeutung zu haben, so hätte es eben keinen Sinn, zu sagen, “Herr N.N. ist gestorben”.

40 Let us first talk about the point of this line of thought: that a word has no meaning if nothing corresponds to it. – It is important to note that the word “meaning” is used in a way that is contrary to language when one uses it to refer to the thing to which the word ‘corresponds’. This means confusing the meaning of a name with the bearer of the name. If Mr. N.N. dies, one says that the bearer of the name dies, not that the meaning of the name dies. And it would be nonsensical to say so, because if the name ceased to have meaning, then it would not make sense to say, “Mr. N.N. is dead”.

§Ts-227a

36[2]

41 Im §15 haben wir in die Sprache (8) Eigennamen eingeführt. Nimm nun an, das Werkzeug mit dem Namen “N” sei zerbrochen. A weiß es nicht und gibt dem B das Zeichen “N”. Hat dieses Zeichen nun Bedeutung, oder hat es keine? – Was soll B tun, wenn er dieses Zeichen erhält? – Wir haben darüber nichts vereinbart. Man könnte fragen: was wird er tun? Nun, er wird vielleicht ratlos dastehen, oder A die Stücke zeigen. Man könnte hier sagen: “N” sei bedeutungslos geworden; und dieser Ausdruck würde besagen, daß für das Zeichen “N” in unserem Sprachspiel nun keine Verwendung mehr ist (es sei denn, wir gäben ihm eine neue). “N” könnte auch dadurch bedeutungslos werden, daß man, aus welchem Grund immer, dem Werkzeug eine andere Bezeichnung gibt und das Zeichen “N” im Sprachspiel nicht weiter verwendet. – Wir können uns aber auch eine Abmachung denken, nach der B, wenn ein Werkzeug zerbrochen ist und A das Zeichen dieses Werkzeugs gibt, als Antwort darauf den Kopf zu schütteln hat. – Damit, könnte man sagen, ist der Befehl “N”, auch wenn dieses Werkzeug nicht mehr existiert, in das Sprachspiel aufgenommen worden, und das Zeichen “N” habe Bedeutung, auch wenn sein Träger zu existieren aufhört.

41 In §15, we introduced proper names into the language (8). Now suppose that the tool with the name “N” is broken. A does not know this and gives the sign “N” to B. Does this sign now have meaning, or does it not? – What should B do when he receives this sign? – We have not agreed on anything about this. One could ask: what will he do? Well, he might stand there helplessly, or he might show A the pieces. One could say here: “N” has become meaningless; and this statement would mean that the sign “N” no longer has a use in our language-game (unless we give it a new one). “N” could also become meaningless if, for whatever reason, the tool is given another designation and the sign “N” is no longer used in the language-game. – But we can also imagine an agreement according to which B, if a tool is broken and A gives the sign of this tool, has to shake his head in response. – With this, one could say, the instruction “N” has been incorporated into the language-game, even if this tool no longer exists, and the sign “N” has meaning, even if its bearer ceases to exist.

§Ts-227a

37[3]

42 Aber haben etwa auch Namen in jenem Spiel Bedeutung, die nie für ein Werkzeug verwendet worden sind? ‒ ‒ Nehmen wir also an, “X” sei so ein Zeichen, und A gäbe dieses Zeichen dem B – nun, es könnten auch solche Zeichen in das Sprachspiel aufgenommen werden, und B hätte etwa auch sie mit einem Kopfschütteln zu beantworten. (Man könnte sich dies als eine Art Belustigung der Beiden denken.)

42 But do names also have meaning in that game, which have never been used for a tool? – – Let us assume that “X” is such a sign, and A gives this sign to B – well, such signs could also be incorporated into the language-game, and B would also have to respond to them with a head shake. (One could imagine this as a kind of amusement for the two of them.)

§Ts-227a

36[3] &
37[1] &
37[2]-relocated

43 Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes “Bedeutung” – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Und die Bedeutung eines Namens erklärt man manchmal dadurch, daß man auf seinen Träger zeigt.

43 One can explain this word – “meaning” – as follows for a large class of cases in which the word is used – although not for all cases in which it is used: the meaning of a word is its use in language. And the meaning of a name is sometimes explained by pointing to its bearer.

§Ts-227a

37[3] &
37[4] &
37[5] &
38[1]

44 Wir sagten: der Satz “Nothung hat eine scharfe Schneide” habe Sinn, auch wenn Nothung schon zerschlagen ist. Nun, das ist so, weil in diesem Sprachspiel ein Name auch in der Abwesenheit seines Trägers gebraucht wird. Aber wir können uns ein Sprachspiel mit Namen denken (d.h. mit Zeichen, die wir gewiß auch “Namen” nennen werden) in welchem diese nur in der Anwesenheit des Trägers gebraucht werden; also immer ersetzt werden können durch das hinweisende Fürwort mit der hinweisenden Gebärde.

44 We said: the sentence “Nothung has a sharp edge” has sense, even if Nothung is already broken. Well, this is so because in this language-game a name is also used in the absence of its bearer. But we can imagine a language-game with names (i.e., with signs that we would certainly also call “names”) in which these are used only in the presence of the bearer; thus, they can always be replaced by the demonstrative pronoun with the demonstrative gesture.

§Ts-227b

38[3]

45 Das hinweisende “dieses” kann nie trägerlos werden. Man könnte sagen: “Solange es ein Dieses gibt, solange hat das Wort ‘dieses’ auch Bedeutung, ob dieses nun einfach oder zusammengesetzt ist.”‒ ‒ Aber das macht das Wort eben nicht zu einem Namen. Im Gegenteil; denn ein Name wird nicht mit der hinweisenden Geste verwendet, sondern nur durch sie erklärt.

45 The demonstrative “this” can never become bearerless. One could say: “As long as there is a this, as long as the word ‘this’ also has meaning, whether this is simple or composite.” – – But that does not make the word a name. On the contrary; for a name is not used with the demonstrative gesture, but is only explained by it.

§Ts-227a

38[3] &
39[1]

46 Was hat es nun für eine Bewandtnis damit, daß Namen eigentlich das Einfache bezeichnen? – Sokrates (im Theätetus): “Täusche ich mich nämlich nicht, so habe ich von Etlichen gehört: für die Urelemente – um mich so auszudrücken – aus denen wir und alles übrige zusammengesetzt sind, gebe es keine Erklärung; denn alles, was an und für sich ist, könne man nur mit Namen bezeichnen; eine andere Bestimmung sei nicht möglich, weder die, es sei, noch die, es sei nicht. … Was aber an und für sich ist, müsse man … ohne alle anderen Bestimmungen benennen. Somit aber sei es unmöglich, von irgend einem Urelement erklärungsweise zu reden; denn für dieses gebe es nichts, als die bloße Benennung; es habe ja nur seinen Namen. Wie aber das, was aus diesen Urelementen sich zusammensetzt, selbst ein verflochtenes Gebilde sei, so seien auch seine Benennungen in dieser Verflechtung zur erklärenden Rede geworden; denn deren Wesen sei die Verflechtung von Namen.” Diese Urelemente waren auch Russell's ‘individuals’, und auch meine ‘Gegenstände’ (Log. Phil. Abh.).

46 What is the reason that names actually denote the simple? – Socrates (in the Theaetetus): “If I am not mistaken, I have heard from some that there is no explanation for the elementary constituents – to put it that way – from which we and everything else are composed; for everything that is in itself can only be designated by names; no other determination is possible, neither that it is, nor that it is not. … But what is in itself must be named … without any other determinations. Thus, it is impossible to speak of any elementary constituent in an explanatory way; for there is nothing for it but the bare designation; it only has its name. However, just as what is composed of these elementary constituents is itself an intricate structure, so too have its designations become part of this intricate structure in explanatory discourse; for their essence is the interweaving of names.” These elementary constituents were also Russell’s ‘individuals’, and also my ‘objects’ (Logical Philosophical Treatises).

§Ts-227a

39[2] &
40[1] &
41[1]

47 Aber welches sind die einfachen Bestandteile, aus denen sich die Realität zusammensetzt? – Was sind die einfachen Bestandteile eines Sessels? – Die Stücke Holz, aus denen er zusammengefügt ist? Oder die Moleküle, oder die Elektronen? – “Einfach” heißt: nicht zusammengesetzt. Und da kommt es darauf an: in welchem Sinne ‘zusammengesetzt’? Es hat gar keinen Sinn von den ‘einfachen Bestandteilen des Sessels’, schlechtweg, zu reden. Oder: Besteht mein Gesichtsbild dieses Baumes, dieses Sessels, aus Teilen? und welches sind seine einfachen Bestandteile? Mehrfarbigkeit ist eine Art der Zusammengesetztheit; eine andere ist, z.B., die, einer gebrochenen Kontur aus geraden Stücken. Und ein Kurvenstück kann man zusammengesetzt nennen aus einem aufsteigenden und einem absteigenden Ast. Wenn ich jemandem ohne weitere Erklärung sage “Was ich jetzt vor mir sehe, ist zusammengesetzt”, so wird er mit Recht fragen: “Was meinst du mit ‘zusammengesetzt’? Das kann ja alles Mögliche heißen!” – Die Frage “Ist, was du siehst, zusammengesetzt?” hat wohl Sinn, wenn bereits feststeht, um welche Art des Zusammengesetztseins – d.h., um welchen besonderen Gebrauch dieses Wortes – es sich handeln soll. Wäre festgelegt worden, das Gesichtsbild eines Baumes solle “zusammengesetzt” heißen, wenn man nicht nur einen Stamm, sondern auch Äste sieht, so hätte die Frage “Ist das Gesichtsbild dieses Baumes einfach oder zusammengesetzt?” und die Frage “Welches sind seine einfachen Bestandteile?” einen klaren Sinn – eine klare Verwendung. Und auf die zweite Frage ist die Antwort natürlich nicht “Die Äste”(dies wäre eine Antwort auf die grammatische Frage: “Was nennt man hier die ‘einfachen Bestandteile’?”) sondern etwa eine Beschreibung der einzelnen Äste. Aber ist z.B. nicht ein Schachbrett offenbar, und schlechtweg, zusammengesetzt? – Du denkst wohl an die Zusammensetzung aus 32 weißen und 32 schwarzen Quadraten. Aber könnten wir z.B. nicht auch sagen, es sei aus den Farben Weiß, Schwarz und dem Schema des Quadratnetzes zusammengesetzt? Und wenn es hier ganz verschiedene Betrachtungsweisen gibt, willst du dann noch sagen, das Schachbrett sei ‘zusammengesetzt’ schlechtweg? – Außerhalb eines bestimmten Spiels zu fragen “Ist dieser Gegenstand zusammengesetzt?” das ist ähnlich dem, was einmal ein kleiner Junge tat, der angeben sollte ob Zeitwörter in gewissen Satzbeispielen in der aktiven, oder in der passiven Form gebraucht seien, und der sich nun darüber den Kopf zerbrach, ob z.B. das Zeitwort “schlafen” etwas Aktives, oder etwas Passives bedeute. Das Wort “zusammengesetzt” (und also das Wort “einfach”) wird von uns in einer Unzahl verschiedener, in verschiedenen Weisen mit einander verwandten, Arten benützt. (Ist die Farbe eines Schachfeldes einfach, oder besteht sie aus reinem Weiß und reinem Gelb? Und ist das Weiß einfach, oder besteht es aus den Farben des Regenbogens? – Ist diese Strecke von 2 cm einfach, oder besteht sie aus zwei Teilstrecken von je 1 cm? Aber warum nicht aus einem Stück von 3 cm Länge und einem, in negativem Sinn angesetzten, Stück von 1 cm.?) Auf die philosophische Frage: “Ist das Gesichtsbild dieses Baumes zusammengesetzt, und welches sind seine Bestandteile?” ist die richtige Antwort: “Das kommt drauf an, was du unter ‘zusammengesetzt’ verstehst.” (Und das ist natürlich keine Beantwortung, sondern eine Zurückweisung der Frage.)

47 But what are the simple constituents from which reality is composed? – What are the simple constituents of a chair? – The pieces of wood of which it is made? Or the molecules, or the electrons? – “Simple” means: not composite. And then the question is: in what sense ‘composite’? It makes no sense to talk of the ‘simple constituents of the chair’, simply. Or: does my visual image of this tree, this chair, consist of parts? and what are its simple constituents? Multi-coloredness is one kind of compositeness; another is, for example, that of a broken contour made up of straight lines. And one could call a curved line composite, made up of an ascending and a descending branch. If I say to someone, without further explanation, “What I see in front of me now is composite,” he is right to ask: “What do you mean by ‘composite’? That can mean all sorts of things!” – The question “Is what you see composite?” probably makes sense only if it is already established what kind of compositeness – i.e., what particular use of the word – is meant. If it had been established that the visual image of a tree should be called “composite” if it shows not only a trunk but also branches, then the question “Is the visual image of this tree simple or composite?” and the question “What are its simple constituents?” would have a clear sense – a clear use. And the answer to the second question would, of course, not be “The branches” (this would be an answer to the grammatical question: “What does one call the ‘simple constituents’ here?”) but, for example, a description of the individual branches. But is, for example, a chessboard not obviously, and simply, composite? – You probably think of it as being composed of 32 white and 32 black squares. But could we not also say that it is composed of the colors white, black, and the pattern of the grid? And if there are so many different ways of looking at it, do you still want to say that the chessboard is “composite” simply? – To ask, outside a specific game, “Is this object composite?” is similar to what a little boy once did, who was supposed to indicate whether verbs in certain example sentences were used in the active or passive form, and who now racked his brains over whether the verb “to sleep,” for example, means something active or something passive. The word “composite” (and therefore the word “simple”) is used by us in an infinite number of different, and in different ways related, ways. (Is the color of a square on a chessboard simple, or is it composed of pure white and pure yellow? And is the white simple, or is it composed of the colors of the rainbow? – Is this line segment of 2 cm simple, or is it composed of two line segments of 1 cm each? But why not of a segment of 3 cm and one, in a negative sense, of 1 cm?) The correct answer to the philosophical question: “Is the visual image of this tree composite, and what are its constituents?” is: “That depends on what you mean by ‘composite’.” (And this is, of course, not an answer, but a rejection of the question.)

§Ts-227a

41[2] &
42[1] &
43[1]

48 Laß uns die Methode des §2 auf die Darstellung im Theätetus anwenden. Betrachten wir ein Sprachspiel, wofür diese Darstellung wirklich gilt. Die Sprache diene dazu, Kombinationen farbiger Quadrate auf einer Fläche darzustellen. Die Quadrate bilden einen schachbrettförmigen Komplex. Es gibt rote, grüne, weiße und schwarze Quadrate. Die Wörter der Sprache seien (entsprechend): “R”, “G“, “W”, “S”, und ein Satz ist eine Reihe dieser Wörter. Sie beschreiben eine Zusammenstellung von Farbquadraten in der Reihenfolge

Der Satz “RRSGGGRWW” beschreibt also z.B. eine Zusammensetzung dieser Art:

Hier ist der Satz ein Komplex von Namen, dem ein Komplex von Elementen entspricht. Die Urelemente sind die farbigen Quadrate. “Aber sind diese einfach?” – Ich wüßte nicht, was ich in diesem Sprachspiel natürlicher das “Einfache” nennen sollte. Unter anderen Umständen aber würde ich ein einfärbiges Quadrat “zusammengesetzt” nennen, etwa aus zwei Rechtecken, oder aus den Elementen Farbe und Form. Aber der Begriff der Zusammensetzung könnte auch so gedehnt werden, daß die kleinere Fläche ‘zusammengesetzt’ genannt wird aus einer größeren und einer von ihr subtrahierten. Vergleiche ‘Zusammensetzung’ der Kräfte, ‘Teilung’ einer Strecke durch einen Punkt außerhalb; diese Ausdrücke zeigen, daß wir unter Umständen auch geneigt sind, das Kleinere als Resultat der Zusammensetzung von Größerem aufzufassen, und das Größere als ein Resultat der Teilung des Kleineren. Aber ich weiß nicht, ob ich nun sagen soll, die Figur, die unser Satz beschreibt, bestehe aus vier Elementen oder aus neun! Nun, besteht jener Satz aus vier Buchstaben oder aus neun? – Und welches sind seine Elemente: die Buchstabentypen, oder die Buchstaben? Ist es nicht gleichgültig, welches wir sagen? wenn wir nur im besonderen Fall Mißverständnisse vermeiden!

48 Let us apply the method of §2 to the representation in the Theaetetus. Consider a language-game for which this representation is actually valid. Let the language serve to represent combinations of colored squares on a surface. The squares form a chessboard-like complex. There are red, green, white, and black squares. The words of the language are (correspondingly): “R”, “G”, “W”, “S”, and a sentence is a series of these words. They describe an arrangement of colored squares in the sequence

The sentence “RRSGGGRWW” thus describes, for example, a composition of this kind:

Here, the sentence is a complex of names, to which a complex of elements corresponds. The primitive elements are the colored squares. “But are these simple?” – I would not know what, in this language-game, I should naturally call “simple.” Under other circumstances, however, I would call a monochrome square “composed,” for example, of two rectangles, or of the elements of color and shape. But the concept of composition could also be extended to the point that the smaller area is called ‘composed’ of a larger one and one subtracted from it. Compare the ‘composition’ of forces, the ‘division’ of a line by a point outside it; these expressions show that, under certain circumstances, we are also inclined to conceive of the smaller as the result of the composition of the larger, and the larger as a result of the division of the smaller. But I don’t know if I should now say that the figure that our sentence describes consists of four elements or of nine! Well, does that sentence consist of four letters or of nine? – And which are its elements: the letter types, or the letters? Is it not indifferent which we say? if only we avoid misunderstandings in the particular case!

§Ts-227a

43[2] &
44[1]

49 Was heißt es aber, daß wir diese Elemente nicht erklären (d.h. beschreiben), sondern nur benennen können? Das könnte etwa sagen, daß die Beschreibung eines Komplexes, wenn er, in einem Grenzfall, nur aus einem Quadrat besteht, einfach der Name des Farbquadrates ist. Man könnte hier sagen – obwohl dies leicht zu allerlei philosophischem Aberglauben führt – ein Zeichen “R”, oder “S”, etc., könne einmal Wort und einmal Satz sein. Ob es aber ‘Wort oder Satz ist’, hängt von der Situation ab, in der es ausgesprochen oder geschrieben wird. Soll z.B. A dem B Komplexe von Farbquadraten beschreiben und gebraucht er hier das Wort “R” allein, so werden wir sagen können, das Wort sei eine Beschreibung – ein Satz. Memoriert er aber etwa die Wörter und ihre Bedeutungen, oder lehrt er einen Andern den Gebrauch der Wörter und spricht sie beim hinweisenden Lehren aus, so werden wir nicht sagen, sie seien hier Sätze. In dieser Situation ist das Wort “R”, z.B. keine Beschreibung; man benennt damit ein Element ‒ ‒ aber darum wäre es hier seltsam zu sagen, das Element könne man nur benennen! Benennen und Beschreiben stehen ja nicht auf einer Ebene: Das Benennen ist eine Vorbereitung zur Beschreibung. Das Benennen ist noch gar kein Zug im Sprachspiel,– so wenig, wie das Aufstellen einer Schachfigur ein Zug im Schachspiel. Man kann sagen: Mit dem Benennen eines Dings ist noch nichts getan. Es hat auch keinen Namen, außer im Spiel. Das war es auch, was Frege damit meinte: ein Wort habe nur im Satzzusammenhang Bedeutung.

49 But what does it mean that we cannot explain (i.e., describe) these elements, but can only name them? This might mean, for example, that the description of a complex, when, in a borderline case, it consists of only one square, is simply the name of the colored square. One could say here – although this easily leads to all sorts of philosophical superstition – that a sign “R”, or “S”, etc., can be both word and sentence at the same time. But whether it is ‘word or sentence’ depends on the situation in which it is spoken or written. If, for example, A describes complexes of colored squares to B and uses the word “R” alone, we can say that the word is a description – a sentence. But if he memorizes the words and their meanings, or teaches another the use of the words and speaks them in the act of demonstrative teaching, we would not say that they are sentences here. In this situation, the word “R”, for example, is not a description; one names an element with it ‒ ‒ but that does not mean that one can only name the element here! Naming and describing do not stand on the same level: naming is a preparation for description. Naming is not yet a move in the language-game, – just as placing a chess piece is not yet a move in chess. One can say: nothing has been done by naming a thing. It has no name except in the game. That is also what Frege meant by saying that a word only has meaning in the context of a sentence.

§Ts-227a

44[2] &
45[1]

50 Was heißt es nun, von den Elementen zu sagen, daß wir ihnen weder Sein noch Nichtsein beilegen können? – Man könnte sagen: Wenn alles, was wir “Sein” und “Nichtsein” nennen, im Bestehen und Nichtbestehen von Verbindungen zwischen den Elementen liegt, dann hat es keinen Sinn vom Sein (Nichtsein) eines Elements zu sprechen; sowie, wenn alles, was wir “zerstören” nennen, in der Trennung von Elementen liegt, es keinen Sinn hat, vom Zerstören eines Elements zu reden. Aber man möchte sagen: man kann dem Element nicht Sein beilegen, denn wäre es nicht, so könnte man es auch nicht einmal nennen und also garnichts von ihm aussagen. – Betrachten wir doch einen analogen Fall! Man kann von einem Ding nicht aussagen, es sei 1 m lang, noch, es sei nicht 1 m lang, und das ist das Urmeter in Paris. – Damit haben wir aber diesem natürlich nicht irgend eine merkwürdige Eigenschaft zugeschrieben, sondern nur seine eigenartige Rolle im Spiel des Messens mit dem Metermaß gekennzeichnet. – Denken wir uns auf ähnliche Weise wie das Urmeter auch die Muster von Farben in Paris aufbewahrt. So erklären wir: “Sepia” heiße die Farbe des dort unter Luftabschluß aufbewahrtem Ur-Sepia. Dann wird es keinen Sinn haben, von diesem Muster auszusagen, es habe diese Farbe, noch, es habe sie nicht. Wir können das so ausdrücken: Dieses Muster ist ein Instrument der Sprache, mit der wir Farbaussagen machen. Es ist in diesem Spiel nicht Dargestelltes, sondern Mittel der Darstellung. – Und eben das gilt von einem Element im Sprachspiel (48), wenn wir, es benennend, das Wort “R” aussprechen: wir haben damit diesem Ding eine Rolle in unserm Sprachspiel gegeben; es ist nun Mittel der Darstellung. Und zu sagen “Wäre es nicht, so könnte es keinen Namen haben” sagt nun so viel, und so wenig, wie: gäbe es dieses Ding nicht, so könnten wir es in unserem Spiel nicht verwenden. – Was es, scheinbar, geben muß, gehört zur Sprache. Es ist in unserm Spiel ein Paradigma; etwas, womit verglichen wird. Und dies feststellen, kann heißen, eine wichtige Feststellung machen; aber es ist dennoch eine Feststellung unser Sprachspiel– unsere Darstellungsweise – betreffend.

50 What does it mean to say of the elements that we cannot ascribe being or non-being to them? – One could say: if everything that we call “being” and “non-being” lies in the existence and non-existence of connections between the elements, then it makes no sense to speak of the being (non-being) of an element; and, if everything that we call “destroying” lies in the separation of elements, then it makes no sense to speak of destroying an element. But one would like to say: one cannot ascribe being to the element, for were it not there, one could not even name it and therefore say nothing about it. – Let us consider an analogous case! One cannot say of one thing that it is 1 m long, nor that it is not 1 m long, and that is the standard metre in Paris. – With this, however, we have not ascribed any strange property to it, but only indicated its peculiar role in the game of measuring with the metre. – Let us imagine that, in a similar way, the patterns of colours in Paris are also kept. Then we would say: “Sepia” is the name of the colour of the original sepia kept there under airlock. Then it would make no sense to say of this pattern that it has this colour, nor that it does not have it. We can express this as follows: this pattern is an instrument of the language with which we make statements about colours. It is not what is depicted in this game, but a means of depiction. – And this is precisely what applies to an element in the language-game (48), when, by naming it, we utter the word “R”: we have thereby given this thing a role in our language-game; it is now a means of depiction. And to say “Were it not there, it could not have a name” says as much, and as little, as: if this thing did not exist, we could not use it in our game. – What, apparently, must exist belongs to the language. It is a paradigm in our game; something with which one compares. And to state this can mean making an important statement; but it is still a statement about our language-game – our way of depicting.

§Ts-227a

45[2] &
46[1]

51 In der Beschreibung des Sprachspiels (48) sagte ich, den Farben der Quadrate entsprächen die Wörter “R”, “S“, etc.. Worin aber besteht diese Entsprechung; inwiefern kann man sagen, diesen Zeichen entsprächen gewisse Farben der Quadrate? Die Erklärung in (48) stellte ja nur einen Zusammenhang zwischen diesen Zeichen und gewissen Wörtern unserer Sprache her (den Farbnamen). – Nun, es war vorausgesetzt, daß der Gebrauch der Zeichen im Spiel anders, und zwar durch Hinweisen auf Paradigmen, gelehrt würde. Wohl; aber was heißt es nun, zu sagen, in der Praxis der Sprache entsprächen den Zeichen gewisse Elemente? – Liegt es darin, daß der, welcher die Komplexe von Farbquadraten beschreibt, hierbei immer “R” sagt, wo ein rotes Quadrat steht; “S”, wo ein schwarzes steht, etc.? Aber wie, wenn er sich bei der Beschreibung irrt und, fälschlich, “R” sagt, wo er ein schwarzes Quadrat sieht ‒ ‒ was ist hier das Kriterium dafür, daß dies ein Fehler war? – Oder besteht, daß “R” ein rotes Quadrat bezeichnet, darin, daß den Menschen, die die Sprache gebrauchen, immer ein rotes Quadrat im Geist vorschwebt, wenn sie das Zeichen “R” gebrauchen? Um klarer zu sehen, müssen wir hier, wie in unzähligen ähnlichen Fällen, die Einzelheiten der Vorgänge ins Auge fassen; was vorgeht aus der Nähe betrachten.

51 In the description of the language-game (48), I said that the colours of the squares corresponded to the words “R”, “S”, etc. But what is this correspondence; in what sense can one say that these signs correspond to certain colours of the squares? The explanation in (48) only established a connection between these signs and certain words in our language (the colour names). – Now, it was assumed that the use of the signs in the game would be taught differently, and namely by pointing to paradigms. Indeed, but what does it mean to say that, in the practice of the language, certain elements correspond to the signs? – Does it consist in the fact that the person who describes the set of coloured squares always says “R” where a red square is, “S” where a black square is, etc.? But what if he makes a mistake in the description and, falsely, says “R” where he sees a black square – what is the criterion for this being a mistake? – Or does the fact that “R” denotes a red square consist in the fact that the people who use the language always have a red square in mind when they use the sign “R”? In order to see more clearly, we must, as in countless similar cases, examine the details of the processes; we must look at what is happening from close up.

§Ts-227a

46[2] &
47[1]

52 Wenn ich dazu neige, anzunehmen, daß eine Maus durch Urzeugung aus grauen Fetzen und Staub entsteht, so wird es gut sein, diese Fetzen genau daraufhin zu untersuchen, wie eine Maus sich in ihnen verstecken konnte, wie sie dort hin kommen konnte, etc.. Bin ich aber überzeugt, daß eine Maus aus diesen Dingen nicht entstehen kann, dann wird diese Untersuchung vielleicht überflüssig sein. Was es aber ist, das sich in der Philosophie einer solchen Betrachtung der Einzelheiten entgegensetzt, müssen wir erst verstehen lernen.

52 If I am inclined to assume that a mouse arises spontaneously from grey rags and dust, then it will be useful to examine these rags closely to see how a mouse could hide in them, how it could get there, etc. But if I am convinced that a mouse cannot arise from these things, then this examination may be superfluous. What it is that opposes such a detailed examination in philosophy, we must first learn to understand.

§Ts-227a

47[2] &
48[1]

53 Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten für unser Sprachspiel (48), verschiedene Fälle, in denen wir sagen würden, ein Zeichen benenne in dem Spiel ein Quadrat von der und der Farbe. Wir würden dies z.B. sagen, wenn wir wüßten, daß den Menschen, die diese Sprache gebrauchen, der Gebrauch der Zeichen auf die und die Art beigebracht werde. Oder, wenn es schriftlich, etwa in Form einer Tabelle, niedergelegt wäre, daß diesem Zeichen dieses Element entspricht, und wenn diese Tabelle beim Lehren der Sprache benützt und in gewissen Streitfällen zur Entscheidung herangezogen würde.

Wir können uns aber auch denken, daß eine solche Tabelle ein Werkzeug im Gebrauch der Sprache ist. Die Beschreibung eines Komplexes geht dann so vor sich: Der den Komplex beschreibt, führt eine Tabelle mit sich und sucht in ihr jedes Element des Komplexes auf und geht von ihm in der Tabelle zum Zeichen über (und es kann auch der, dem die Beschreibung gegeben wird, die Worte derselben durch eine Tabelle in die Anschauung von färbigen Quadraten übersetzen). Man könnte sagen, diese Tabelle übernehme hier die Rolle, die in anderen Fällen Gedächtnis und Assoziation spielen. (Wir werden den Befehl “Bring mir eine rote Blume!” für gewöhnlich nicht so ausführen, daß wir die Farbe Rot in einer Farbentabelle aufsuchen und dann eine Blume bringen von der Farbe, die wir in der Tabelle finden; aber wenn es sich darum handelt, einen bestimmten Ton von Rot zu wählen, oder zu mischen, dann geschieht es, daß wir uns eines Musters oder einer Tabelle bedienen.) Nennen wir eine solche Tabelle den Ausdruck einer Regel des Sprachspiels, so kann man sagen, daß dem, was wir Regel eines Sprachspiels nennen, sehr verschiedene Rollen im Spiel zukommen können.

53 There are now different possibilities for our language-game (48), different cases in which we would say that a sign in the game denotes a square of this or that color. We would say this, for example, if we knew that the use of signs of this kind is taught to the people who use this language. Or if it were laid down in writing, perhaps in the form of a chart, that this sign corresponds to this element, and if this chart were used in teaching the language and, in certain disputed cases, were brought into play for the purpose of decision.

But we can also imagine that such a chart is a tool in the use of language. The description of a complex proceeds as follows: the person describing it carries a chart with him and looks up each element of the complex in it and, from this, goes over to the sign in the chart (and the person to whom the description is given can also translate the words into an image of colored squares by means of a chart). One could say that this chart takes on the role that memory and association play in other cases. (We do not usually carry out the command “Bring me a red flower!” by looking up the color red in a color chart and then bringing a flower of the color that we find in the chart; but when it is a question of choosing or mixing a particular shade of red, it happens that we make use of a sample or chart.) If we call such a chart an expression of a rule of the language-game, then we can say that the thing which we call the rule of a language-game can have very different roles in the game.

§Ts-227a

48[2]

54 Denken wir doch daran, in was für Fällen wir sagen, ein Spiel werde nach einer bestimmten Regel gespielt! Die Regel kann ein Behelf des Unterrichts im Spiel sein. Sie wird dem Lernenden mitgeteilt und ihre Anwendung eingeübt. – Oder sie ist ein Werkzeug des Spieles selbst. – Oder: Eine Regel findet weder im Unterricht noch im Spiel selbst Verwendung; noch ist sie in einem Regelverzeichnis niedergelegt. Man lernt das Spiel, indem man zusieht, wie Andere es spielen. Aber wir sagen, es werde nach den und den Regeln gespielt, weil ein Beobachter diese Regeln aus der Praxis des Spiels ablesen kann,– wie ein Naturgesetz, dem die Spielhandlungen folgen. ‒ ‒ Wie aber unterscheidet der Beobachter in diesem Fall zwischen einem Fehler der Spielenden und einer richtigen Spielhandlung? – Es gibt dafür Merkmale im Benehmen der Spieler. Denke an das charakteristische Benehmen dessen, der ein Versprechen korrigiert. Es wäre möglich, zu erkennen, daß Einer dies tut, auch wenn wir seine Sprache nicht verstehen.

54 Let us remember in what kind of cases we say that a game is played according to a certain rule! The rule can be an aid to instruction in the game. It is communicated to the learner and its application is practiced. – Or it is a tool of the game itself. – Or: A rule is neither used in the instruction nor in the game itself; nor is it laid down in a collection of rules. One learns the game by watching how others play it. But we say that it is played according to these and those rules, because an observer can read these rules from the way the game is played,– just as one can read a law of nature from the way things happen. ‒ ‒ How does the observer distinguish in this case between a mistake made by the players and a correct move? – There are characteristics for this in the behaviour of the players. Think of the characteristic behaviour of someone who corrects a promise. It would be possible to recognize that someone is doing this, even if we did not understand his language.

§Ts-227a

48[3] &
49[1]

55 “Was die Namen der Sprache bezeichnen, muß unzerstörbar sein: denn man muß den Zustand beschreiben können, in dem alles, was zerstörbar ist, zerstört ist. Und in dieser Beschreibung wird es Wörter geben; und was ihnen entspricht, darf dann nicht zerstört sein, denn sonst hätten die Wörter keine Bedeutung.” Ich darf mir nicht den Ast absägen, auf welchem ich sitze. Man könnte nun freilich gleich einwenden, daß ja die Beschreibung selbst sich von der Zerstörung ausnehmen müsse. – Aber das, was den Wörtern der Beschreibung entspricht und also nicht zerstört sein darf, wenn sie wahr ist, ist, was den Wörtern ihre Bedeutung gibt,– ohne welches sie keine Bedeutung hätten. ‒ ‒ Aber dieser Mensch ist ja doch in einem Sinne das, was seinem Namen entspricht. Er aber ist zerstörbar; und sein Name verliert seine Bedeutung nicht, wenn der Träger zerstört wird. – Das, was dem Namen entspricht, und ohne den er keine Bedeutung hätte, ist, z.B., ein Paradigma, das im Sprachspiel in Verbindung mit dem Namen gebraucht wird.

55 “What the names of the language designate must be indestructible: for one must be able to describe the state in which everything that is destructible has been destroyed. And in this description there will be words; and what corresponds to them must not be destroyed, because otherwise the words would have no meaning.” I must not cut off the branch on which I am sitting. One could, of course, immediately object that the description itself must be an exception to destruction. – But what corresponds to the words of the description and must therefore not be destroyed if the description is true, is what gives the words their meaning,– without which they would have no meaning. ‒ ‒ But this person is, in a sense, what corresponds to his name. But he is destructible; and his name does not lose its meaning when the bearer is destroyed. – What corresponds to the name and without which it would have no meaning is, for example, a paradigm that is used in the language-game in connection with the name.

§Ts-227a

49[2] &
50[1]

56 Aber wie, wenn kein solches Muster zur Sprache gehört, wenn wir uns, z.B., die Farbe, die ein Wort bezeichnet, merken? ‒ ‒ “Und wenn wir sie uns merken, so tritt sie also vor unser geistiges Auge, wenn wir etwa das Wort aussprechen. Sie muß also an sich unzerstörbar sein, wenn die Möglichkeit bestehen soll, daß wir uns jederzeit an sie erinnern.” ‒ ‒ Aber was sehen wir denn als das Kriterium dafür an, daß wir uns richtig an sie erinnern? – Wenn wir mit einem Muster statt mit unserm Gedächtnis arbeiten, so sagen wir unter Umständen, das Muster habe seine Farbe verändert und beurteilen dies mit dem Gedächtnis. Aber können wir nicht unter Umständen auch von einem Nachdunkeln (z.B.) unseres Erinnerungsbildes reden? Sind wir dem Gedächtnis nicht ebenso ausgeliefert, wie einem Muster? (Denn es könnte Einer sagen wollen: “Wenn wir kein Gedächtnis hätten, wären wir einem Muster ausgeliefert.”) – Oder etwa einer chemischen Reaktion. Denke, du solltest eine bestimmte Farbe “F” malen, und es ist die Farbe, welche man sieht, wenn sich die chemischen Substanzen X und Y miteinander verbinden. – Nimm an, die Farbe käme dir an einem Tag heller vor als an einem andern; würdest du da nicht unter Umständen sagen: “Ich muß mich irren, die Farbe ist gewiß die gleiche, wie gestern”? Das zeigt, daß wir uns dessen, was das Gedächtnis sagt, nicht immer als des obersten, inappellabeln, Schiedsspruchs bedienen.

56 But how if no such sample belongs to the language, if we, for example, remember the color that a word designates? – – “And if we remember it, then it appears before our mind's eye when we pronounce the word. It must therefore be indestructible in itself, if there is to be the possibility that we can remember it at any time.” – – But what do we consider to be the criterion for the fact that we remember it correctly? – If we work with a sample instead of with our memory, we might say that the sample has changed its color and judge this with our memory. But can we not also speak, under certain circumstances, of a fading of our memory-image? Are we not just as subject to the demands of memory as to those of a sample? (For someone might want to say: “If we did not have a memory, we would be subject to a sample.”) – Or perhaps to a chemical reaction. Imagine that you should paint a certain color “F,” and it is the color that one sees when the chemical substances X and Y combine. – Suppose that on one day the color appears brighter to you than on another; would you not perhaps say: “I must be mistaken; the color is certainly the same as yesterday”? This shows that we do not always rely on what the memory says as the supreme, unappealable judgment.

§Ts-227a

50[2] &
51[1]

57 “Etwas Rotes kann zerstört werden, aber Rot kann nicht zerstört werden, und darum ist die Bedeutung des Wortes ‘rot’ von der Existenz eines roten Dinges unabhängig.” – Gewiß, es hat keinen Sinn, zu sagen, die Farbe Rot (color, nicht pigmentum) werde zerrissen, oder zerstampft. Aber sagen wir nicht, “Die Röte verschwindet”? Und klammre dich nicht daran, daß wir sie uns vors geistige Auge rufen können, auch wenn es nichts Rotes mehr gibt! Dies ist nicht anders, als wolltest du sagen, daß es dann immer noch eine chemische Reaktion gäbe, die eine rote Flamme erzeugt. – Denn wie, wenn du dich nicht mehr an die Farbe erinnern kannst? – Wenn wir vergessen, welche Farbe es ist, die diesen Namen hat, so verliert er seine Bedeutung für uns; d.h., wir können ein bestimmtes Sprachspiel nicht mehr mit ihm spielen. Und die Situation ist dann der zu vergleichen, daß das Paradigma, welches ein Mittel unserer Sprache war, verloren gegangen ist.

57 “Something red can be destroyed, but red cannot be destroyed, and therefore the meaning of the word ‘red’ is independent of the existence of a red thing.” – Certainly, it makes no sense to say that the color red (color, not pigmentum) is torn or crushed. But do we not say, “The redness disappears”? And do not cling to the fact that we can call it to mind before our mind’s eye, even if there is no longer anything red! This is no different from saying that there would still be a chemical reaction that produces a red flame. – For how if you can no longer remember the color? – If we forget what color it is that has this name, then it loses its meaning for us; that is, we can no longer play a certain language-game with it. And the situation is then comparable to the fact that the paradigm, which was a means of our language, has been lost.

§Ts-227a

51[2] &
52[1]

58 “Ich will ‘Name’ nur das nennen, was nicht in der Verbindung ‘X existiert’ stehen kann. – Und so kann man nicht sagen ‘Rot existiert’, weil, wenn es Rot nicht gäbe, von ihm überhaupt nicht geredet werden könnte.” – Richtiger: Wenn “X existiert” soviel besagen soll, wie: “X” habe Bedeutung,– dann ist es kein Satz, der von X handelt, sondern ein Satz über unsern Sprachgebrauch, nämlich den Gebrauch des Wortes “X”. Es erscheint uns, als sagten wir damit etwas über die Natur von Rot: daß die Worte “Rot existiert” keinen Sinn ergeben. Es existiere eben ‘an und für sich’. Die gleiche Idee,– daß dies eine metaphysische Aussage über Rot ist,– drückt sich auch darin aus, daß wir etwa sagen, Rot sei zeitlos, und vielleicht noch stärker im Wort “unzerstörbar”. Aber eigentlich wollen wir eben nur “Rot existiert” auffassen, als Aussage: das Wort “Rot” hat Bedeutung. Oder vielleicht richtiger: “Rot existiert nicht” als “‘Rot’ hat keine Bedeutung”. Nur wollen wir nicht sagen, daß jener Ausdruck das sagt, sondern daß er das sagen müßte, wenn er einen Sinn hätte. Daß er sich aber beim Versuch, das zu sagen, selbst widerspricht – da eben Rot ‘an und für sich’ sei. Während ein Widerspruch nur etwa darin liegt, daß der Satz aussieht, als rede er von der Farbe, während er etwas über den Gebrauch des Wortes “rot” sagen soll. – In Wirklichkeit aber sagen wir sehr wohl, eine bestimmte Farbe existiere; und das heißt soviel wie: es existiere etwas, was diese Farbe hat. Und der erste Ausdruck ist nicht weniger exakt, als der zweite; besonders dort nicht, wo ‘das, was die Farbe hat’, kein physikalischer Gegenstand ist.

58 “I only want to call ‘name’ what cannot stand in the connection ‘X exists.’ – And so one cannot say ‘Red exists,’ because if there were no red, one could not talk about it at all.” – More correctly: If “X exists” is supposed to mean: “X” has meaning, – then it is not a sentence that is about X, but a sentence about our linguistic usage, namely the use of the word “X.” It appears to us as if we are saying something about the nature of red: that the words “Red exists” do not make sense. It exists, rather, ‘in and of itself.’ The same idea – that this is a metaphysical statement about red – is also expressed in the fact that we say, for example, that red is timeless, and perhaps even more strongly in the word ‘indestructible.’ But actually we only want to understand “Red exists” as a statement: the word “Red” has meaning. Or perhaps more correctly: “Red does not exist” as “‘Red’ has no meaning.” Only we do not want to say that that expression says that, but that it would have to say that, if it had any meaning. That, in trying to say that, it contradicts itself – because red is ‘in and of itself.’ Whereas a contradiction only lies in the fact that the sentence looks as if it is talking about the color, while it is supposed to say something about the use of the word “red.” – In reality, however, we do say that a certain color exists; and that means as much as: there exists something that has that color. And the first expression is no less precise than the second; especially where ‘that which has the color’ is not a physical object.

§Ts-227a

52[2]

59Namen bezeichnen nur das, was Element der Wirklichkeit ist. Was sich nicht zerstören läßt; was in allem Wandel gleichbleibt.” – Aber was ist das? – Während wir den Satz sagten, schwebte es uns ja schon vor! Wir sprachen schon eine ganz bestimmte Vorstellung aus. Ein bestimmtes Bild, das wir verwenden wollen. Denn die Erfahrung zeigt uns diese Elemente ja nicht. Wir sehen Bestandteile von etwas Zusammengesetztem (eines Sessels z.B.). Wir sagen, die Lehne ist ein Teil des Sessels, aber selbst wieder zusammengesetzt aus verschiedenen Hölzern; während ein Fuß ein einfacher Bestandteil ist. Wir sehen auch ein Ganzes, was sich ändert (zerstört wird) während seine Bestandteile unverändert bleiben. Dies sind die Materialien, aus denen wir jenes Bild der Wirklichkeit anfertigen.

59Names designate only what is an element of reality. What cannot be destroyed; what remains constant in all change.” – But what is that? – While we were saying the sentence, it was already present in our minds! We were already expressing a quite specific image. A specific picture that we want to use. For experience does not show us these elements. We see components of something composite (e.g., a chair). We say that the backrest is part of the chair, but it itself is also composed of different pieces of wood; whereas a leg is a simpler component. We also see a whole that changes (is destroyed) while its components remain unchanged. These are the materials from which we create that picture of reality.

§Ts-227a

52[3] &
53[1] &
54[1]

60 Wenn ich nun sage: “Mein Besen steht in der Ecke”,– ist dies eigentlich eine Aussage über den Besenstiel und die Bürste des Besens? Jedenfalls könnte man doch die Aussage ersetzen durch eine, die die Lage des Stiels und die Lage der Bürste angibt. Und diese Aussage ist doch nun eine weiter analysierte Form der ersten. – Warum aber nenne ich sie “weiter analysiert”? – Nun, wenn der Besen sich dort befindet, so heißt das doch, es müssen Stiel und Bürste dort sein und in bestimmter Lage zueinander; und dies war früher gleichsam im Sinn des Satzes verborgen, und im analysierten Satz ist es ausgesprochen. Also meint der, der sagt, der Besen stehe in der Ecke, eigentlich: der Stiel sei dort und die Bürste, und der Stiel stecke in der Bürste? – Wenn wir jemand fragten, ob er das meint, würde er wohl sagen, daß er garnicht an den Besenstiel besonders, oder an die Bürste besonders, gedacht habe. Und das wäre die richtige Antwort, denn er wollte weder vom Besenstiel, noch von der Bürste besonders reden. Denke, du sagtest jemandem statt “Bring mir den Besen!”– “Bring mir den Besenstiel und die Bürste, die an ihm steckt!” – Ist die Antwort darauf nicht: “Willst du den Besen haben? Und warum drückst du das so sonderbar aus?”‒ ‒ Wird er den weiter analysierten Satz also besser verstehen? – Dieser Satz, könnte man sagen, leistet dasselbe, wie der gewöhnliche, aber auf einem umständlicheren Wege. – Denk Dir ein Sprachspiel, in dem jemandem Befehle gegeben werden, gewisse, aus mehreren Teilen zusammengesetzte, Dinge zu bringen, zu bewegen, oder dergleichen. Und zwei Arten es zu spielen: in der einen a) haben die zusammengesetzten Dinge (Besen, Stühle, Tische, etc.) Namen, wie in (15); in der anderen b) erhalten nur die Teile Namen und das Ganze wird mit ihrer Hilfe beschrieben. – In wiefern ist denn ein Befehl des zweiten Spiels eine analysierte Form eines Befehls des ersten? Steckt denn jener in diesem und wird nun durch Analyse herausgeholt? – Ja, der Besen wird zerlegt, wenn man Stiel und Bürste trennt; aber besteht darum auch der Befehl, den Besen zu bringen, aus entsprechenden Teilen?

60 Now, if I say: “My broom is in the corner,”– is this actually a statement about the broom handle and the brush of the broom? In any case, one could replace the statement with one that indicates the location of the handle and the location of the brush. And this statement is now a more analyzed form of the first. – But why do I call it “more analyzed”? – Well, if the broom is there, then that means that the handle and brush must be there and in a certain relationship to each other; and this was previously, as it were, hidden in the sense of the sentence, and in the analyzed sentence it is expressed. So does the person who says that the broom is in the corner actually mean: the handle is there and the brush, and the handle is stuck in the brush? – If we asked someone whether that is what he means, he would probably say that he did not particularly think of the broom handle or the brush. And that would be the correct answer, because he did not want to talk about the broom handle or the brush in particular. Imagine you said to someone instead of “Bring me the broom!”– “Bring me the broom handle and the brush that is attached to it!” – Is the answer to that not: “Do you want the broom? And why are you expressing it in such a strange way?”‒ ‒ Will he understand the more analyzed sentence better? – One could say that this sentence achieves the same thing as the ordinary one, but in a more cumbersome way. – Imagine a language-game in which someone is given instructions to bring, move, or the like, certain things that are composed of several parts. And two ways of playing it: in one a) the composite things (brooms, chairs, tables, etc.) have names, as in (15); in the other b) only the parts have names and the whole is described with their help. – In what way is a command in the second game an analyzed form of a command in the first? Does it lie in it and is it now brought out by analysis? – Yes, the broom is broken down when one separates handle and brush; but does that mean that the command to bring the broom also consists of corresponding parts?

§Ts-227a

54[2]

61 “Aber du wirst doch nicht leugnen, daß ein bestimmter Befehl in (a) das Gleiche sagt, wie einer in (b); und wie willst du denn den zweiten nennen, wenn nicht eine analysierte Form des ersten.” – Freilich, ich würde auch sagen, ein Befehl in (a) habe den gleichen Sinn, wie einer in (b); oder, wie ich es früher ausgedrückt habe: sie leisten dasselbe. Und das heißt: Wenn mir etwa ein Befehl in (a) gezeigt und die Frage gestellt würde “Welchem Befehl in (b) ist dieser gleichsinnig?”, oder auch, “Welchen Befehlen in (b) widerspricht er?”, so werde ich die Frage so und so beantworten. Aber damit ist nicht gesagt, daß wir uns über die Verwendung des Ausdrucks “den gleichen Sinn haben”, oder “dasselbe leisten” im Allgemeinen verständigt haben. Man kann nämlich fragen: In welchem Fall sagen wir “Das sind nur zwei verschiedene Formen desselben Spiels”?

61 “But you won’t deny that a certain command in (a) says the same thing as one in (b); and how will you call the latter if not an analyzed form of the former.” – Indeed, I would also say that a command in (a) has the same sense as one in (b); or, as I expressed it earlier: they achieve the same thing. And that means: if I am shown a command in (a) and the question is asked “To which command in (b) is this equivalent?”, or even, “To which commands in (b) does it contradict?”, then I will answer the question in such and such a way. But that does not mean that we have come to an understanding about the use of the expression “to have the same sense”, or “to achieve the same thing” in general. For one can ask: in what case do we say “These are just two different forms of the same game”?

§Ts-227a

54[3] &
55[1]

62 Denke etwa, der, dem die Befehle in (a) und (b) gegeben werden, habe in einer Tabelle, welche Namen und Bilder einander zuordnet, nachzusehen, ehe er das Verlangte bringt. Tut er nun dasselbe, wenn er einen Befehl in (a) und den entsprechenden in (b) ausführt? – Ja und nein. Du kannst sagen: “Der Witz der beiden Befehle ist der gleiche”. Ich würde hier dasselbe sagen. – Aber es ist nicht überall klar, was man den ‘Witz’ des Befehls nennen soll. (Ebenso kann man von gewissen Dingen sagen: ihr Zweck ist der und der. Das Wesentliche ist, daß das eine Lampe ist, zur Beleuchtung dient ‒ ‒ daß sie das Zimmer schmückt, einen leeren Raum füllt, etc., ist nicht wesentlich. Aber nicht immer sind wesentlich und unwesentlich klar getrennt.) (Zusammenhang mit dem letzten Absatz in (43).)

62 Suppose, for example, that the person to whom the commands in (a) and (b) are given has to consult a table that pairs names and images before carrying out what is requested. Does he now do the same thing when he executes a command in (a) and the corresponding command in (b)? – Yes and no. You might say: “The point of the two commands is the same.” I would say the same here. – But it is not everywhere clear what one should call the ‘point’ of the command. (One can also say about certain things: their purpose is this or that. The essential thing is that this is a lamp, it serves to illuminate ‒ ‒ that it decorates the room, fills an empty space, etc., is not essential. But not always are the essential and non-essential clearly separated.) (Connection to the last paragraph in (43).)

§Ts-227a

55[2]

63 Der Ausdruck aber, ein Satz in (b) sei eine ‘analysierte’ Form eines in (a), verführt uns leicht dazu, zu meinen, jene Form sei die fundamentalere; sie zeige erst, was mit der andern, gemeint sei, etc.. Wir denken etwa: Wer nur die unanalysierte Form besitzt, dem geht die Analyse ab; wer aber die analysierte Form kennt, der besitze damit alles. – Aber kann ich nicht sagen, daß diesem ein Aspekt der Sache verloren geht, so wie jenem?

63 However, the expression that a sentence in (b) is an ‘analyzed’ form of one in (a) easily leads us to think that this form is the more fundamental one; that it first shows what is meant by the other. We think, for example: whoever only possesses the unanalyzed form is missing the analysis; but whoever knows the analyzed form possesses everything with it. – But can I not say that this person loses an aspect of the matter, just as that person does?

§Ts-227a

55[3] &
56[1]

64 Denken wir uns das Spiel (48) dahin abgeändert, daß in ihm Namen nicht einfärbige Quadrate bezeichnen, sondern Rechtecke, die aus je zwei solchen Quadraten bestehen. Ein solches Rechteck, halb rot, halb grün, heiße “U”; ein Rechteck, halb grün, halb weiß, heiße “V”, etc.. Könnten wir uns nicht Menschen denken, die für solche Farbenkombinationen Namen hätten, aber nicht für die einzelnen Farben? Denk an die Fälle, in denen wir sagen: “Diese Farbenzusammenstellung (die französische Trikolore etwa) hat einen ganz besonderen Charakter.” In wiefern sind die Zeichen dieses Sprachspiels einer Analyse bedürftig? Ja, in wieweit kann das Spiel durch (48) ersetzt werden? – Es ist eben ein anderes Sprachspiel; wenn auch mit (48) verwandt.

64 Let us imagine that the game (48) is modified in such a way that in it, names do not refer to single-colored squares, but to rectangles consisting of two such squares each. Let such a rectangle, half red, half green, be called “U”; a rectangle, half green, half white, be called “V”, etc. Could we not imagine people who have names for such color combinations, but not for the individual colors? Think of the cases in which we say: “This color combination (the French tricolor, for example) has a very special character.” In what way do the signs of this language-game require analysis? Yes, to what extent can the game be replaced by (48)? – It is simply a different language-game; although it is related to (48).

§Ts-227a

56[2]

65 Hier stoßen wir auf die große Frage, die hinter allen diesen Betrachtungen steht. – Denn man könnte mir nun einwenden: “Du machst dir's leicht! Du redest von allen möglichen Sprachspielen, hast aber nirgends gesagt, was denn das Wesentliche des Sprachspiels, und also der Sprache, ist. Was allen diesen Vorgängen gemeinsam ist und sie zur Sprache, oder zu Teilen der Sprache macht. Du schenkst dir also gerade den Teil der Untersuchung, der dir selbst seinerzeit das meiste Kopfzerbrechen gemacht hat, nämlich den, die allgemeine Form des Satzes und der Sprache betreffend.” Und das ist wahr. – Statt etwas anzugeben, was allem, was wir Sprache nennen, gemeinsam ist, sage ich, es ist diesen Erscheinungen garnicht Eines gemeinsam, weswegen wir für alle das gleiche Wort verwenden,– sondern sie sind mit einander in vielen verschiedenen Weisen verwandt. Und dieser Verwandtschaft, oder diesen Verwandtschaften wegen nennen wir sie alle “Sprachen”. Ich will versuchen, dies zu erklären.

65 Here we come to the great question that underlies all these considerations. – For one could now object to me: “You are making it easy for yourself! You talk about all sorts of language-games, but you have nowhere said what the essential thing about the language-game, and therefore about language, is. What is common to all these processes and makes them language, or parts of language. You are, in fact, neglecting the part of the investigation that caused you the most trouble at the time, namely, the one concerning the general form of the sentence and of language.” And that is true. – Instead of stating something that is common to everything we call language, I say that these phenomena do not have one thing in common, which is why we use the same word for all of them, – but they are related to each other in many different ways. And because of this relatedness, or these relatednesses, we call them all “languages.” I want to try to explain this.

§Ts-227a

56[3] &
57[1] &
58[1]

66 Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir “Spiele” nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele u.s.w.. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag nicht: “Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ‘Spiele’” – sondern schau, ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn, wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: denk nicht, sondern schau! – Schau z.B. die Brettspiele an, mit ihren mannigfachen Verwandtschaften. Nun geh zu den Kartenspielen über: hier findest du viele Entsprechungen mit jener ersten Klasse, aber viele gemeinsame Züge verschwinden, andere treten auf. Wenn wir nun zu den Ballspielen übergehen, so bleibt manches Gemeinsame erhalten, aber vieles geht verloren. – Sind sie alle ‘unterhaltend’? Vergleiche Schach mit dem Mühlfahren. Oder gibt es überall ein Gewinnen und Verlieren, oder eine Konkurrenz der Spielenden? Denke an die Patiencen. In den Ballspielen gibt es Gewinnen und Verlieren; aber wenn ein Kind den Ball an die Wand wirft und wieder auffängt, so ist dieser Zug verschwunden. Schau, welche Rolle Geschick und Glück spielen. Und wie verschieden ist Geschick im Schachspiel und Geschick im Tennisspiel. Denk nun an die Reigenspiele: Hier ist das Element der Unterhaltung, aber wie viele der anderen Charakterzüge sind verschwunden! Und so können wir durch die vielen, vielen anderen Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen und verschwinden sehen. Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen.

66 Consider, for example, the processes that we call “games.” I mean board games, card games, ball games, combat games, and so on. What is common to all of them? – Don’t say: “There must be something common to them, otherwise they wouldn’t be called ‘games’” – but look to see if they all have something in common. – Because, if you look at them, you will indeed not see something that is common to all of them, but you will see similarities, affinities, and indeed a whole series of them. As I said: don’t think, but look! – Look, for example, at board games, with their manifold affinities. Now move on to card games: here you will find many correspondences with that first class, but many common features disappear, others emerge. If we now move on to ball games, some common features are retained, but many are lost. – Are they all ‘entertaining’? Compare chess with draughts. Or is there everywhere winning and losing, or a competition among the players? Think of solitaire. In ball games there is winning and losing; but if a child throws the ball against the wall and catches it again, that move is gone. Look at the role that skill and luck play. And how different is skill in chess and skill in tennis. Now think of ring games: here is the element of entertainment, but how many of the other features have disappeared! And so we can go through the many, many other groups of games. See similarities appear and disappear. And the result of this consideration is now: we see a complicated network of similarities, which overlap and criss-cross. Similarities in large and small.

§Ts-227a

58[2]

67 Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren, als durch das Wort “Familienähnlichkeiten”; denn so übergreifen und überkreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Gliedern einer Familie bestehen: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc..– Und ich werde sagen: die ‘Spiele’ bilden eine Familie. Und ebenso bilden z.B. die Zahlenarten eine Familie. Warum nennen wir etwas “Zahl”? Nun etwa, weil es eine – direkte – Verwandtschaft mit manchem hat, was man bisher Zahl genannt hat; und dadurch, kann man sagen, erhält es eine indirekte Verwandtschaft zu anderem, was wir auch so nennen. Und wir dehnen unseren Begriff der Zahl aus, wie wir beim Spinnen eines Fadens Faser an Faser drehen. Und die Stärke des Fadens liegt nicht darin, daß irgend eine Faser durch seine ganze Länge läuft, sondern darin, daß viele Fasern einander übergreifen. Wenn aber Einer sagen wollte: “Also ist allen diesen Gebilden etwas gemeinsam,– nämlich die Disjunktion aller dieser Gemeinsamkeiten”– so würde ich antworten: Hier spielst du nur mit einem Wort. Ebenso könnte man sagen: es läuft ein Etwas durch den ganzen Faden,– nämlich das lückenlose Übergreifen dieser Fasern.

67 I cannot characterize these similarities better than by the word “family resemblances”; for this is how the different similarities between the members of a family overlap and criss-cross: growth, facial features, eye color, gait, temperament, etc. etc.. – And I will say: ‘games’ form a family. And likewise, for example, the types of numbers form a family. Why do we call something a “number”? Well, because it has a – direct – relatedness to many things that have been called numbers so far; and through this, one can say, it acquires an indirect relatedness to other things that we also call that. And we extend our concept of number, just as we spin a thread by twisting fiber after fiber. And the strength of the thread does not lie in the fact that any one fiber runs through its entire length, but in the fact that many fibers overlap. But if someone were to say: “So there is something common to all these formations, namely the disjunction of all these similarities,” I would reply: here you are just playing with a word. Likewise, one could say: there runs something through the whole thread, namely the continuous overlap of these fibers.

§Ts-227a

58[3] &
59[1]

68 “Gut; so ist also der Begriff der Zahl für dich erklärt als die logische Summe jener einzelnen mit einander verwandten Begriffe: Kardinalzahl, Rationalzahl, reelle Zahl, etc.; und gleicherweise der Begriff des Spiels als logische Summe entsprechen Teilbegriffe.”‒ ‒ Dies muß nicht sein. Denn ich kann so dem Begriff ‘Zahl’ feste Grenzen geben, d.h. das Wort “Zahl” zur Bezeichnung eines fest begrenzten Begriffs gebrauchen, aber ich kann es auch so gebrauchen, daß der Umfang des Begriffes nicht durch eine Grenze abgeschlossen ist. Und so verwenden wir ja das Wort “Spiel”. Wie ist denn der Begriff des Spiels abgeschlossen? Was ist noch ein Spiel und was ist keines mehr? Kannst du die Grenzen angeben? Nein. Du kannst welche ziehen: denn es sind noch keine gezogen. (Aber das hat dich noch nie gestört, wenn du das Wort “Spiel” angewendet hast.) “Aber dann ist ja die Anwendung des Wortes nicht geregelt; das ‘Spiel’, welches wir mit ihm spielen, ist nicht geregelt.”‒ ‒ Es ist nicht überall von Regeln begrenzt; aber es gibt ja auch keine Regel dafür z.B., wie hoch man im Tennis den Ball werfen darf, oder wie stark, aber Tennis ist doch ein Spiel und es hat auch Regeln.

68 “Good; so the concept of number is explained to you as the logical sum of those individual, mutually related concepts: cardinal number, rational number, real number, etc.; and similarly the concept of a game as the logical sum of corresponding sub-concepts.”‒ ‒ This doesn't have to be the case. Because I can give the concept ‘number’ fixed boundaries, i.e., use the word “number” to designate a clearly defined concept, but I can also use it in such a way that the scope of the concept is not bounded by a limit. And that is how we use the word “game.” How is the concept of a game bounded? What still counts as a game and what no longer does? Can you specify the boundaries? No. You can draw them: because none have been drawn yet. (But that has never bothered you when you have used the word “game.”) “But then the use of the word is not regulated; the ‘game’ that we play with it is not regulated.”‒ ‒ It is not bounded by rules everywhere, but there are also no rules for, for example, how high one is allowed to throw the ball in tennis, or how hard, but tennis is still a game and it also has rules.

§Ts-227a

59[2] &
60[1]

69 Wie würden wir denn jemandem erklären, was ein Spiel ist? Ich glaube, wir werden ihm Spiele beschreiben, und wir könnten der Beschreibung hinzufügen: “das, und Ähnliches, nennt man ‘Spiele’”. Und wissen wir selbst denn mehr? Können wir etwa nur dem Andern nicht genau sagen, was ein Spiel ist? – Aber das ist nicht Unwissenheit. Wir kennen die Grenzen nicht, weil keine gezogen sind. Wie gesagt, wir können – für einen besondern Zweck – eine Grenze ziehen. Machen wir dadurch den Begriff erst brauchbar? Durchaus nicht! Es sei denn, für den besondern Zweck. So wenig, wie der das Längenmaß ‘1 Schritt’ brauchbar machte, der die Definition gab: 1 Schritt = 75 cm. Und wenn du sagen willst “Aber vorher war es doch kein exaktes Längenmaß”, so antworte ich: gut, dann war es ein unexaktes. – Obgleich du mir noch die Definition der Exaktheit schuldig bist.

69 How would we explain to someone what a game is? I believe we would describe games to him, and we could add to the description: “that, and the like, is called ‘games’.” And do we ourselves know more? Are we simply unable to tell the other person exactly what a game is? – But that is not ignorance. We do not know the boundaries because none have been drawn. As I said, we can – for a particular purpose – draw a boundary. Does this make the concept usable? Not at all! Unless it is for that particular purpose. Just as little as giving the definition: 1 step = 75 cm made the measure of length ‘1 step’ usable. And if you want to say “But beforehand, it wasn’t an exact measure of length,” I reply: well, then it was an inexact one. – Although you still owe me the definition of exactness.

§Ts-227a

60[2]

70 “Aber wenn der Begriff ‘Spiel’ auf diese Weise unbegrenzt ist, so weißt du ja eigentlich nicht, was du mit ‘Spiel’ meinst.”‒ ‒ Wenn ich die Beschreibung gebe: “Der Boden war ganz mit Pflanzen bedeckt”,– willst du sagen, ich weiß nicht, wovon ich rede, ehe ich nicht eine Definition der Pflanze geben kann? Eine Erklärung dessen, was ich meine, wäre etwa eine Zeichnung und die Worte “So ungefähr hat der Boden ausgesehen”. Ich sage vielleicht auch: “genau so hat er ausgesehen”. – Also waren genau diese Gräser und Blätter, in diesen Lagen, dort? Nein, das heißt es nicht. Und kein Bild würde ich, in diesem Sinne, als das genaue anerkennen.

70 “But if the concept of ‘game’ is unlimited in this way, then you don’t actually know what you mean by ‘game’.”‒ ‒ If I give the description: “The ground was completely covered with plants,” – do you want to say that I don’t know what I’m talking about until I give a definition of a plant? An explanation of what I mean would be, for example, a drawing and the words “The ground looked approximately like this.” I might also say: “exactly like this.” – So, were exactly these grasses and leaves, in these locations, there? No, that is not what it means. And I would not, in this sense, recognize any picture as being exact.

§Ts-227a

59a[1]

71 Jemand sagt mir: “Zeige den Kindern ein Spiel!” Ich lehre sie, um Geld würfeln, und der Andere sagt mir “Ich habe nicht so ein Spiel gemeint”. Mußte ihm da, als er mir den Befehl gab, der Ausschluß des Würfelspiels vorschweben?

Someone says to me: “Show the children a game!” I teach them to play dice for money, and the other person says to me, “That is not the kind of game I meant.” When he gave me the command, did the exclusion of dice games have to be what he had in mind?

§Ts-227a

60[3] &
61[1]

Man kann sagen, der Begriff ‘Spiel’ ist ein Begriff mit verschwommenen Rändern. – “Aber ist ein verschwommener Begriff überhaupt ein Begriff?” – Ist eine unscharfe Photographie überhaupt ein Bild eines Menschen? Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe nicht oft gerade das, was wir brauchen? Frege vergleicht den Begriff mit einem Bezirk und sagt: einen unklar begrenzten Bezirk könne man überhaupt keinen Bezirk nennen. Das heißt wohl, wir können mit ihm nichts anfangen. – Aber ist es sinnlos zu sagen: “Halte dich ungefähr hier auf!”? Denk Dir, ich stünde mit einem Andern auf einem Platz und sagte dies. Dabei werde ich nicht einmal irgend eine Grenze ziehen, sondern etwa mit der Hand eine zeigende Bewegung machen – als zeigte ich ihm einen bestimmten Punkt. Und gerade so erklärt man etwa, was ein Spiel ist. Man gibt Beispiele und will, daß sie in einem gewissen Sinne verstanden werden. – Aber mit diesem Ausdruck meine ich nicht: er solle nun in diesen Beispielen das Gemeinsame sehen, welches ich – aus irgend einem Grunde – nicht aussprechen konnte. Sondern: er solle diese Beispiele nun in bestimmter Weise verwenden. Das Exemplifizieren ist hier nicht ein indirektes Mittel der Erklärung,– in Ermanglung eines Bessern. – Denn, mißverstanden kann auch jede allgemeine Erklärung werden. So spielen wir eben das Spiel. (Ich meine das Sprachspiel mit dem Worte “Spiel”.)

71 One could say that the concept of ‘game’ is a concept with blurred edges. – “But is a blurred concept even a concept?” – Is an out-of-focus photograph even a picture of a person? Yes, but can one always replace an out-of-focus picture with a sharp one to one's advantage? Isn't the out-of-focus one often precisely what we need? Frege compares the concept to a district and says: one can't even call an unclearly defined district a district. That probably means we can't do anything with it. – But is it senseless to say: “Stay approximately here!”? Imagine, I am standing with another person in a place and say this. In doing so, I won't even draw any boundary, but perhaps make a pointing motion with my hand – as if I were showing him a specific point. And that is precisely how one explains what a game is. One gives examples and wants them to be understood in a certain sense. – But with this expression, I don't mean: he should now see the common thing in these examples, which I – for some reason – could not express. Rather: he should now use these examples in a certain way. The giving of examples is not here an indirect means of explanation, in the absence of something better. – Because any general explanation can also be misunderstood. That is how we play the game. (I mean the language-game with the word “game”.)

§Ts-227b

60[3] &
61[1]

Man kann sagen, der Begriff ‘Spiel’ ist ein Begriff mit verschwommenen Rändern. – “Aber ist ein verschwommener Begriff überhaupt ein Begriff?” – Ist eine unscharfe Photographie überhaupt ein Bild eines Menschen? – Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe nicht oft gerade das, was wir brauchen? Frege vergleicht den Begriff mit einem Bezirk und sagt: einen unklar begrenzten Bezirk könne man überhaupt keinen Bezirk nennen. Das heißt wohl, wir können mit ihm nichts anfangen. – Aber ist es sinnlos zu sagen: “Halte dich ungefähr hier auf!”? Denk dir, ich stünde mit einem Andern auf einem Platz und sagte dies. Dabei werde ich nicht einmal irgend eine Grenze ziehen, sondern etwa mit der Hand eine zeigende Bewegung machen – als zeigte ich ihm einen bestimmten Punkt. Und gerade so erklärt man etwa, was ein Spiel ist. Man gibt Beispiele, und will, daß sie in einem gewissem Sinne verstanden werden. – Aber mit diesem Ausdruck meine ich nicht: er solle nun in diesen Beispielen das Gemeinsame sehen, welches ich – aus irgend einem Grunde – nicht aussprechen konnte. Sondern: er solle diese Beispiele nun in bestimmter Weise verwenden. Das Exemplifizieren ist hier nicht ein indirektes Mittel der Erklärung,– in Ermanglung eines Bessern. – Denn, mißverstanden kann auch jede allgemeine Erklärung werden. So spielen wir eben das Spiel. (Ich meine das Sprachspiel mit dem Worte “Spiel”.)

71 One could say that the concept of ‘game’ is a concept with blurred edges. – “But is a blurred concept even a concept?” – Is an out-of-focus photograph even a picture of a person? Yes, but can one always replace an out-of-focus picture with a sharp one to one's advantage? Isn't the out-of-focus one often precisely what we need? Frege compares the concept to a district and says: one can't even call an unclearly defined district a district. That probably means we can't do anything with it. – But is it senseless to say: “Stay approximately here!”? Imagine, I am standing with another person in a place and say this. In doing so, I won't even draw any boundary, but perhaps make a pointing motion with my hand – as if I were showing him a specific point. And that is precisely how one explains what a game is. One gives examples and wants them to be understood in a certain sense. – But with this expression, I don't mean: he should now see the common thing in these examples, which I – for some reason – could not express. Rather: he should now use these examples in a certain way. The giving of examples is not here an indirect means of explanation, in the absence of something better. – Because any general explanation can also be misunderstood. That is how we play the game. (I mean the language-game with the word “game”.)

§Ts-227a

61[2] &
62[1]

72 Das Gemeinsame sehen. Nimm an, ich zeige jemand verschiedene bunte Bilder, und sage: “Die Farbe, die du in allen siehst, heißt ‘Ocker’.” – Das ist eine Erklärung, die verstanden wird, indem der Andere aufsucht und sieht, was jenen Bildern gemeinsam ist. Er kann dann auf das Gemeinsame blicken, darauf zeigen. Vergleiche damit: Ich zeige ihm Figuren verschiedener Form, alle in der gleichen Farbe gemalt und sage: “Was diese mit einander gemein haben, heißt ‘Ocker’”. Und vergleiche damit: Ich zeige ihm Muster verschiedener Schattierungen von Blau und sage: “Die Farbe, die allen gemeinsam ist, nenne ich ‘Blau’”.

72 Seeing the common thing. Suppose I show someone various colorful pictures and say: “The color that you see in all of them is called ‘ocher’.” – This is an explanation that is understood by the other person searching for and seeing what those pictures have in common. He can then look at the common thing, point to it. Compare this with: I show him figures of different shapes, all painted in the same color and say: “What these have in common is called ‘ocher’.” And compare this with: I show him samples of different shades of blue and say: “The color that is common to all of them, I call ‘blue’.”

§Ts-227a

62[2] &
63[1]

73 Wenn Einer mir die Namen der Farben erklärt, indem er auf Muster zeigt und sagt: “Diese Farbe heißt ‘Blau’, diese ‘Grün’, …”, so kann dieser Fall in vieler Hinsicht dem verglichen werden, daß er mir eine Tabelle an die Hand gibt, in der unter den Mustern von Farben die Wörter stehen. – Wenn auch dieser Vergleich in mancher Weise irreführen kann. – Man ist nun geneigt, den Vergleich auszudehnen: Die Erklärung verstanden haben, heißt, einen Begriff des Erklärten im Geiste besitzen, und d.i. ein Muster, oder Bild. Zeigt man mir nun verschiedene Blätter und sagt “Das nennt man ‘Blatt’”, so erhalte ich einen Begriff der Blattform, ein Bild von ihr im Geiste. – Aber wie schaut, denn das Bild eines Blattes aus, das keine bestimmte Form zeigt, sondern ‘das, was allen Blattformen gemeinsam ist’? Welchen Farbton hat das ‘Muster in meinem Geiste’ der Farbe Grün – dessen, was allen Tönen von Grün gemeinsam ist? “Aber könnte es nicht solche ‘allgemeine’ Muster geben? Etwa ein Blattschema, oder ein Muster von reinem Grün.” – Gewiß! Aber, daß dieses Schema als Schema verstanden wird, und nicht als die Form eines bestimmten Blattes, und daß ein Täfelchen von reinem Grün als Muster alles dessen verstanden wird, was grünlich ist und nicht als Muster für reines Grün – das liegt wieder in der Art der Anwendung dieser Muster. Frage dich: Welche Gestalt muß das Muster der Farbe Grün haben. Soll es viereckig sein? Oder würde es dann das Muster für grüne Vierecke sein? – Soll es also ‘unregelmäßig’ geformt sein? Und was verhindert uns, es dann nur als Muster der unregelmäßigen Form anzusehen – d.h. zu verwenden?

73 When someone explains the names of colors to me by pointing to samples and saying: “This color is called ‘blue,’ this ‘green,’…”, this case can be compared in many respects to when he hands me a table in which the words are written under the samples of colors. – Although this comparison can also be misleading in some ways. – One is now inclined to extend the comparison: to have understood the explanation means to have a concept of the explained in one's mind, and that is a sample, or image. If one now shows me various leaves and says “That is called ‘leaf’”, then I get a concept of the leaf shape, an image of it in my mind. – But what does the image of a leaf look like, which does not show a specific shape, but ‘what is common to all leaf shapes’? What hue does the ‘sample in my mind’ of the color green have – that of what is common to all shades of green? “But could there not be such ‘general’ samples? For example, a leaf schema, or a sample of pure green.” – Certainly! But that this schema is understood as a schema, and not as the shape of a specific leaf, and that a small square of pure green is understood as a sample of everything that is greenish and not as a sample for pure green – that lies again in the way in which these samples are used. Ask yourself: What shape must the sample of the color green have? Should it be square? Or would it then be the sample for green squares? – Should it then be ‘irregularly’ shaped? And what prevents us from then seeing it only as a sample of irregular shape – i.e., using it?

§Ts-227a

63[2]

74 Hierher gehört auch der Gedanke, daß der, welcher dieses Blatt als Muster ‘der Blattform im allgemeinen’ ansieht, es anders sieht, als der, welcher es etwa als Muster für diese bestimmte Form betrachtet. Nun, das könnte ja so sein – obwohl es nicht so ist –, denn es würde nur besagen, daß erfahrungsgemäß der, welcher das Blatt in bestimmter Weise sieht, es dann so und so, oder den und den Regeln gemäß, verwendet. Es gibt natürlich ein so und anders Sehen; und es gibt auch Fälle, in denen der, der ein Muster so sieht, es im allgemeinen in dieser Weise verwenden wird, und wer es anders sieht, in anderer Weise. Wer, z.B., die schematische Zeichnung eines Würfels als ebene Figur sieht, bestehend aus einem Quadrat und zwei Rhomben, der wird den Befehl “Bringe mir so etwas!” vielleicht anders ausführen, als der, welcher das Bild räumlich sieht.

74 This also includes the thought that he who regards this leaf as a sample ‘of the leaf form in general’ sees it differently than he who regards it, perhaps, as a sample for this particular form. Now, it could be so – although it is not so – because it would only state that, by experience, he who sees the leaf in a certain way then uses it in such and such a way, or according to certain rules. There is, of course, a way of seeing something in one way and another way; and there are also cases in which he who sees a sample in one way will generally use it in that way, and he who sees it differently will use it in another way. He, for example, who sees the schematic drawing of a cube as a flat figure, consisting of a square and two rhombuses, will perhaps execute the command “Bring me something like that!” differently than he who sees the image spatially.

§Ts-227a

63[3] &
64[1]

75 Was heißt es: wissen, was ein Spiel ist? Was heißt es, es wissen und es nicht sagen können? Ist dieses Wissen irgendein Äquivalent einer nicht ausgesprochenen Definition? So daß, wenn sie ausgesprochen würde, ich sie als den Ausdruck meines Wissens anerkennen könnte? Ist nicht mein Wissen, mein Begriff vom Spiel, ganz in den Erklärungen ausgedrückt, die ich geben könnte? Nämlich darin, daß ich Beispiele von Spielen verschiedener Art beschreibe; zeige, wie man nach Analogie dieser auf alle möglichen Arten andere Spiele konstruieren kann; sage, daß ich das und das wohl kaum mehr ein Spiel nennen würde; und dergleichen mehr.

75 What does it mean to know what a game is? What does it mean to know it and not be able to say it? Is this knowledge any equivalent of an unexpressed definition? So that if it were expressed, I could recognize it as the expression of my knowledge? Is not my knowledge, my concept of the game, entirely expressed in the explanations that I could give? Namely, in that I describe examples of games of various kinds; show how, by analogy with these, one can construct all kinds of other games; say that I would hardly call this or that a game; and so on.

§Ts-227a

64[2]

76 Wenn Einer eine scharfe Grenze zöge, so könnte ich sie nicht als die anerkennen, die ich auch schon immer ziehen wollte, oder im Geist gezogen habe. Denn ich wollte gar keine ziehen. Man kann dann sagen: sein Begriff ist nicht der gleiche wie der meine, aber ihm verwandt. Und die Verwandtschaft ist die, zweier Bilder, deren eines aus unscharf begrenzten Farbflecken, das andere aus ähnlich geformten und verteilten, aber scharf begrenzten, besteht. Die Verwandtschaft ist dann ebenso unleugbar, wie die Verschiedenheit.

76 If one were to draw a sharp boundary, I could not recognize it as the one I always wanted to draw, or had in mind. For I did not want to draw any at all. One can then say: his concept is not the same as mine, but it is related to it. And the relatedness is that of two pictures, one of which consists of vaguely delineated patches of color, the other of similarly shaped and arranged, but sharply delineated, ones. The relatedness is then just as undeniable as the difference.

§Ts-227a

64[3] &
65[1]

77 Und wenn wir diesen Vergleich noch etwas weiter führen, so ist es klar, daß der Grad, bis zu welchem das scharfe Bild dem verschwommenen ähnlich sein kann, vom Grade der Unschärfe des zweiten abhängt. Denn denk dir, du solltest zu einem verschwommenen Bild ein ihm ‘entsprechendes’ scharfes entwerfen. In jenem ist ein unscharfes rotes Rechteck; du setzt dafür ein scharfes. Freilich – es ließen sich ja mehrere solche scharfe Rechtecke ziehen, die dem unscharfen entsprächen. – Wenn aber im Original die Farben ohne die Spur einer Grenze ineinanderfließen,– wird es dann nicht eine hoffnungslose Aufgabe werden, ein dem verschwommenen entsprechendes scharfes Bild zu zeichnen? Wirst du dann nicht sagen müssen: “Hier könnte ich ebenso gut einen Kreis, wie ein Rechteck, oder eine Herzform zeichnen; es fließen ja alle Farben durcheinander. Es stimmt alles – und nichts.”‒ ‒ Und in dieser Lage befindet sich z.B. der, der in der Ästhetik, oder Ethik nach Definitionen sucht, die unseren Begriffen entsprechen. Frage dich in dieser Schwierigkeit immer: Wie haben wir denn die Bedeutung dieses Wortes (“gut” z.B.) gelernt? An was für Beispielen; in welchen Sprachspielen? Du wirst dann leichter sehen, daß das Wort eine Familie von Bedeutungen haben muß.

77 And if we take this comparison a little further, it is clear that the degree to which the sharp picture can be similar to the blurred one depends on the degree of the blurriness of the second. For imagine that you are to design a sharp picture ‘corresponding’ to a blurred one. In the latter, there is a blurred red rectangle; you put a sharp one in its place. Of course – several such sharp rectangles could be drawn that would correspond to the blurred one. – But if the colors in the original flow into one another without a trace of a boundary, will it not then become a hopeless task to draw a sharp picture corresponding to the blurred one? Will you not then have to say: “Here I could just as well draw a circle as a rectangle, or a heart shape; all the colors flow into one another. It all fits – and nothing.” – And in this situation is, for example, he who seeks definitions in aesthetics or ethics that correspond to our concepts. In this difficulty, always ask yourself: How did we learn the meaning of this word (“good,” for example)? From what kind of examples; in what language-games? You will then more easily see that the word must have a family of meanings.

§Ts-227a

65[2]

78 Vergleiche: wissen und sagen: wieviele m hoch der Mont-Blanc ist – wie das Wort “Spiel” gebraucht wird – wie eine Klarinette klingt.

Wer sich wundert, daß man etwas wissen könne, und nicht sagen, denkt vielleicht an einen Fall wie den ersten. Gewiß nicht an einen, wie den dritten.

78 Compare: to know and to say: how high Mont Blanc is – how the word “game” is used – what a clarinet sounds like.

He who wonders that one can know something and not say it perhaps thinks of a case like the first. Certainly not of a case like the third.

§Ts-227a

65[3] &
66[1] &
67[1] &
68[1]

79 Betrachte dieses Beispiel: Wenn man sagt, “Moses hat nicht existiert”, so kann das Verschiedenerlei bedeuten. Es kann heißen: die Israeliten haben nicht einen Führer gehabt, als sie aus Ägypten auszogen ‒ ‒ oder: ihr Führer hat nicht Moses geheißen ‒ ‒ oder: es hat keinen Menschen gegeben, der alles das vollbracht hat, was die Bibel von Moses berichtet ‒ ‒ oder etc. etc..– Nach Russell können wir sagen: der Name “Moses” kann durch verschiedene Beschreibungen definiert werden. Z.B. als: “der Mann, welcher die Israeliten durch die Wüste geführt hat”, “der Mann, welcher zu dieser Zeit und an diesem Ort gelebt hat und damals ‘Moses’ genannt wurde”, “der Mann, welcher als Kind von der Tochter Pharaos aus dem Nil gezogen wurde”, etc.. Und je nachdem wir die eine, oder die andere Definition annehmen, bekommt der Satz “Moses hat existiert” einen andern Sinn, und ebenso jeder andere Satz, der von Moses handelt. – Und wenn man uns sagt “N hat nicht existiert”, fragen wir auch: “Was meinst du? Willst du sagen, daß …, oder daß …, etc.?” Aber wenn ich nun eine Aussage über Moses mache, – bin ich immer bereit, irgend eine dieser Beschreibungen für “Moses” zu setzen? Ich werde etwa sagen: Unter “Moses” verstehe ich den Mann, der getan hat, was die Bibel von Moses berichtet, oder doch vieles davon. Aber wievieles? Habe ich mich entschieden, wieviel sich als falsch erweisen muß, damit ich meinen Satz als falsch aufgebe? Hat also der Name “Moses” für mich einen festen und eindeutig bestimmten Gebrauch in allen möglichen Fällen? – Ist es nicht so, daß ich sozusagen eine ganze Reihe von Stützen in Bereitschaft habe, und bereit bin, mich auf eine zu stützen, wenn mir die andere entzogen werden sollte, und umgekehrt? ‒ ‒ Betrachte noch einen andern Fall. Wenn ich sage “N ist gestorben”, so kann es mit der Bedeutung des Namens “N”etwa diese Bewandtnis haben: Ich glaube, daß ein Mensch gelebt hat, den ich (1) dort und dort gesehen habe, der (2) so und so ausgeschaut hat (Bilder), (3) das und das getan hat und (4) in der bürgerlichen Welt diesen Namen “N” führt. – Gefragt, was ich unter “N” verstehe, würde ich alles das, oder einiges davon, und bei verschiedenen Gelegenheiten Verschiedenes, aufzählen. Meine Definition von “N” wäre also etwas: “der Mann, von dem alles das stimmt”. – Aber wenn sich nun etwas davon als falsch erwiese! – Werde ich bereit sein, den Satz “N ist gestorben” für falsch zu erklären, – auch wenn nur etwas mir nebensächlich scheinendes sich als falsch herausstellt? Wo aber ist die Grenze des Nebensächlichen? – Hätte ich in so einem Fall eine Erklärung des Namens gegeben, so wäre ich nun bereit, sie abzuändern. Und das kann man so ausdrücken: Ich gebrauche den Namen “N” ohne feste Bedeutung. (Aber das tut seinem Gebrauch so wenig Eintrag, wie dem eines Tisches, daß er auf vier Beinen ruht, statt auf dreien und daher unter Umständen wackelt.) Soll man sagen, ich gebrauche ein Wort, dessen Bedeutung ich nicht kenne, rede also Unsinn? – Sage, was du willst, solange dich das nicht verhindert, zu sehen, wie es sich verhält. (Und wenn du das siehst, wirst du manches nicht sagen.) (Das Schwanken wissenschaftlicher Definitionen: Was heute als erfahrungsmäßige Begleiterscheinung des Sachverhaltes A gilt, wird morgen zur Definition von “A” benützt.)

79 Consider this example: if one says, “Moses did not exist,” this can mean different things. It could mean: the Israelites did not have one leader when they departed from Egypt – – or: their leader was not named Moses – – or: there was no person who accomplished everything that the Bible says about Moses – – or etc. etc. – According to Russell, we can say: the name “Moses” can be defined by various descriptions. For example, as: “the man who led the Israelites through the desert,” “the man who lived at that time and in that place and was then called ‘Moses,’” “the man who, as a child, was taken out of the Nile by the daughter of Pharaoh,” etc. And depending on whether we adopt the one or the other definition, the sentence “Moses existed” takes on a different sense, and so does any other sentence that refers to Moses. – And if one tells us “N did not exist,” we also ask: “What do you mean? Do you mean that …, or that …, etc.?” But if I now make a statement about Moses, am I always ready to assign some one of these descriptions to “Moses”? I might say: By “Moses” I mean the man who did what the Bible says Moses did, or at least much of it. But how much of it? Have I decided how much must prove to be false in order for me to consider my statement to be false? Does the name “Moses” therefore have a fixed and unambiguously determined use for me in all possible cases? – Is it not rather the case that I have, as it were, a whole series of supports ready, and I am prepared to lean on one if the other is taken away from me, and vice versa? – – Consider another case. If I say “N is dead,” the meaning of the name “N” might involve something like this: I believe that a person lived who (1) I saw there and there, who (2) looked like this (images), (3) did this and that, and (4) in the social world went by the name “N.” – If asked what I mean by “N,” I would list all of this, or some of it, and on different occasions, different things. My definition of “N” would therefore be something like: “the man for whom all of this is true.” – But what if some of this proves to be false! – Will I be prepared to declare the statement “N is dead” to be false, even if only something that seems minor to me turns out to be false? But where is the limit of what is minor? – If I had given an explanation of the name in such a case, I would now be ready to modify it. And this can be expressed as follows: I use the name “N” without a fixed meaning. (But this detracts from its use as little as the fact that a table rests on four legs instead of three and may therefore wobble.) Should one say that I use a word whose meaning I do not know, and therefore speak nonsense? – Say what you want, as long as it does not prevent you from seeing how things are. (And if you see that, you will not say many things.) (The fluctuation of scientific definitions: what today is considered an empirical concomitant of the state of affairs A will tomorrow be used as the definition of “A.”)

§Ts-227a

68[2]

80 Ich sage: “Dort steht ein Sessel”. Wie, wenn ich hingehe und ihn holen will und er entschwindet plötzlich meinem Blick? ‒ ‒ “Also war es kein Sessel, sondern irgend eine Täuschung.”‒ ‒ Aber in ein paar Sekunden sehen wir ihn wieder und können ihn angreifen, etc..‒ ‒ “Also war der Sessel doch da und sein Verschwinden war irgend eine Täuschung.”‒ ‒ Aber nimm an, nach einer Zeit verschwindet er wieder,– oder scheint zu verschwinden. Was sollen wir nun sagen? Hast du für solche Fälle Regeln bereit,– die sagen, ob man so etwas noch “Sessel” nennen darf? Aber gehen sie uns beim Gebrauch des Wortes “Sessel” ab; und sollen wir sagen, daß wir mit diesem Wort eigentlich keine Bedeutung verbinden, da wir nicht für alle Möglichkeiten seiner Anwendung mit Regeln versehen sind?

80 I say: “There is a chair there.” How, if I go up to it & want to fetch it, & it suddenly disappears from my sight? ‒ ‒ “So it wasn’t a chair, but some kind of illusion.”‒ ‒ But in a few seconds we see it again & can touch it, etc..‒ ‒ “So the chair was there after all, & its disappearance was some kind of illusion.”‒ ‒ But suppose, after some time, it disappears again, or seems to disappear. What are we to say now? Do you have rules ready for such cases, which say whether one is still allowed to call something like that a “chair”? But do these rules concern us when we are using the word “chair”; & are we to say that we don’t actually connect any meaning with this word, since we don’t have rules for all the possibilities of its application?

§Ts-227a

68[3] &
69[1]

81 F. P. Ramsey hat einmal im Gespräch mit mir betont, die Logik sei eine “normative Wissenschaft”. Genau welche Idee ihm dabei vorschwebte, weiß ich nicht; sie war aber zweifellos eng verwandt mit der, die mir erst später aufgegangen ist: daß wir nämlich in der Philosophie den Gebrauch der Wörter oft mit Spielen, Kalkülen nach festen Regeln, vergleichen, aber nicht sagen können, wer die Sprache gebraucht, müsse ein solches Spiel spielen. ‒ ‒ Sagt man nun aber, daß unser sprachlicher Ausdruck sich solchen Kalkülen nur nähert, so steht man damit unmittelbar am Rande eines Mißverständnisses. Denn so kann es scheinen, als redeten wir in der Logik von einer idealen Sprache. Als wäre unsre Logik eine Logik, gleichsam, für den luftleeren Raum. Während die Logik doch nicht von der Sprache – bezw. vom Denken – handelt in dem Sinne, wie eine Naturwissenschaft von einer Naturerscheinung, und man höchstens sagen kann, wir konstruierten ideale Sprachen. Aber hier wäre das Wort “ideal” irreführend, denn das klingt, als wären diese Sprachen besser, vollkommener, als unsere Umgangssprache; und als brauchte es den Logiker, damit er den Menschen endlich zeigt, wie ein richtiger Satz ausschaut. All das kann aber erst dann im rechten Licht erscheinen, wenn man über die Begriffe des Verstehens, Meinens und Denkens größere Klarheit gewonnen hat. Denn dann wird auch klar werden, was uns dazu verleiten kann (und mich verleitet hat) zu denken, daß, wer einen Satz ausspricht und ihn meint, oder versteht, damit einen Kalkül betreibt, nach bestimmten Regeln.

81 F. P. Ramsey once emphasized in a conversation with me that logic is a “normative science.” I don’t know exactly what idea he had in mind; however, it was undoubtedly closely related to the one that only occurred to me later: namely, that in philosophy, we often compare the use of words with games, calculi according to fixed rules, but we cannot say that whoever uses the language must play such a game. ‒ ‒ If, however, one says that our linguistic expression only approximates such calculi, then one is immediately on the verge of a misunderstanding. For it may seem as if we are speaking in logic of an ideal language. As if our logic were a logic, as it were, for the vacuum. Whereas logic does not deal with language—or, rather, with thinking—in the sense in which a natural science deals with a natural phenomenon, and at most one can say that we construct ideal languages. But here the word “ideal” would be misleading, because that sounds as if these languages are better, more perfect than our everyday language, and as if the logician is needed to finally show people what a correct sentence looks like. But all of this can only appear in the right light when one has gained greater clarity about the concepts of understanding, thinking, and thought. For then it will also become clear what can lead us (and me) to think that whoever utters a sentence and means it, or understands it, is thereby performing a calculus according to certain rules.

§Ts-227a

69[2] &
70[1]

82 Was nenne ich die ‘Regel, nach der er vorgeht’? – Die Hypothese, die seinen Gebrauch der Worte, den wir beobachten, zufriedenstellend beschreibt; oder die Regel, die er beim Gebrauch der Zeichen nachschlägt; oder, die er uns zur Antwort gibt, wenn wir ihn nach seiner Regel fragen? – Wie aber, wenn die Beobachtung keine Regel klar erkennen läßt, und die Frage keine zu Tage fördert? – Denn er gab mir zwar auf meine Frage, was er unter “N” verstehe, eine Erklärung, war aber bereit, diese Erklärung zu widerrufen und abzuändern. – Wie soll ich also die Regel bestimmen, nach der er spielt? Er weiß sie selbst nicht. Oder richtiger: Was soll der Ausdruck “Regel, nach welcher er vorgeht” hier noch besagen?

82 What do I call the ‘rule according to which he proceeds’? – The hypothesis that satisfactorily describes his use of the words we observe; or the rule that he consults when using the signs; or the one he gives us as an answer when we ask him about his rule? – But what if observation does not reveal a clear rule, & the question does not bring one to light? – For he did give me, in answer to my question about what he understood by “N”, an explanation, but he was ready to retract & modify that explanation. – How then am I to determine the rule according to which he plays? He himself does not know it. Or rather: what is the expression “rule according to which he proceeds” supposed to mean here?

§Ts-227a

70[2]

83 Steckt uns da nicht die Analogie der Sprache mit dem Spiel ein Licht auf? Wir können uns doch sehr wohl denken, daß sich Menschen auf einer Wiese damit unterhielten, mit einem Ball zu spielen, so zwar, daß sie verschiedene bestehende Spiele anfingen, manche nicht zu Ende spielten, dazwischen den Ball planlos in die Höhe würfen, einander im Scherz mit dem Ball nachjagen und bewerfen, etc.. Und nun sagte Einer: Die ganze Zeit hindurch spielen die Leute ein Ballspiel, und richten sich daher bei jedem Wurf nach bestimmten Regeln. Und gibt es nicht auch den Fall, wo wir spielen und – ‘make up the rules as we go along’? Ja auch den, in welchem wir sie abändern – as we go along.

83 Doesn’t the analogy between language & game shed some light on this? Surely one can imagine people on a meadow amusing themselves by playing with a ball, in such a way that they start various existing games, some of which they don’t finish, in between throwing the ball aimlessly into the air, jokingly chasing & throwing it at one another, etc. And now someone says: all the while, the people are playing a ball game, & therefore follow certain rules with each throw. And isn’t there also the case where we play & – ‘make up the rules as we go along’? Yes, there is also that, in which we modify them – as we go along.

§Ts-227a

70[3] &
71[1]

84 Ich sagte von der Anwendung eines Wortes: sie sei nicht überall von Regeln begrenzt. Aber wie schaut denn ein Spiel aus, das überall von Regeln begrenzt ist? dessen Regeln keinen Zweifel eindringen lassen; ihm alle Löcher verstopfen? – Können wir uns nicht eine Regel denken, die die Anwendung der Regel regelt? Und einen Zweifel, den jene Regel behebt,– und so fort? Aber das sagt nicht, daß wir zweifeln, weil wir uns einen Zweifel denken können. Ich kann mir sehr wohl denken, daß jemand jedesmal vor dem Öffnen seiner Haustüre zweifelt, ob sich hinter ihr nicht ein Abgrund aufgetan hat; und daß er sich darüber vergewissert, ehe er durch die Tür tritt (und es kann sich einmal erweisen, daß er recht hatte) – aber deswegen zweifle ich im gleichen Falle doch nicht.

84 I said that the application of a word is not limited by rules everywhere. But what does a game look like that is limited by rules everywhere? A game whose rules allow no room for doubt; one that plugs up all the holes? – Can we not imagine a rule that governs the application of the rule? And a doubt that that rule resolves, and so on? But that does not mean that we doubt because we can imagine a doubt. I can very well imagine someone doubting each time before opening his front door whether an abyss has opened up behind it; and that he makes sure of it before stepping through the door (and it may turn out that he was right) – but that does not mean that I doubt in the same case.

§Ts-227a

71[2]

85 Eine Regel steht da, wie ein Wegweiser. – Läßt er keinen Zweifel offen über den Weg, den ich zu gehen habe? Zeigt er, in welcher Richtung ich gehen soll, wenn ich an ihm vorbei bin; ob der Straße nach, oder dem Feldweg, oder querfeldein? Aber wo steht, in welchem Sinne ich ihm zu folgen habe; ob in der Richtung der Hand, oder (z.B.) in der entgegengesetzten? – Und wenn statt eines Wegweisers eine geschlossene Kette von Wegweisern stünden, oder Kreidestriche auf dem Boden liefen,– gibt es für sie nur eine Deutung? – Also kann ich sagen, der Wegweiser läßt doch einen Zweifel offen. Oder vielmehr: Er läßt manchmal einen Zweifel offen, manchmal nicht. Und dies ist nun kein philosophischer Satz mehr, sondern ein Erfahrungssatz.

85 A rule stands there, like a signpost. – Does it leave no room for doubt about the way I have to go? Does it show in which direction I should go when I have passed it; whether along the road, or along the field path, or across the fields? But where does it say in what sense I am to follow it; whether in the direction of the hand, or (e.g.) in the opposite direction? – And if, instead of a signpost, there were a closed chain of signposts, or if there were chalk marks on the ground, – is there only one interpretation for them? – So I can say that the signpost does leave room for doubt. Or rather: It sometimes leaves room for doubt, sometimes not. And this is now no longer a philosophical proposition, but an empirical proposition.

§Ts-227a

71[3] &
72[1]

86 Ein Sprachspiel wie (2), werde mit Hilfe einer Tabelle gespielt. Die Zeichen, die A dem B gibt, seien nun Schriftzeichen. B hat eine Tabelle; in der ersten Spalte stehen die Schriftzeichen, die im Spiel gebraucht werden, in der zweiten, Bilder von Bausteinformen. A zeigt dem B ein solches Schriftzeichen; B sucht es in der Tabelle auf, blickt auf das gegenüberliegende Bild, etc.. Die Tabelle ist also eine Regel, nach der er sich beim Ausführen der Befehle richtet. – Das Aufsuchen des Bildes in der Tabelle lernt man durch Abrichtung, und ein Teil dieser Abrichtung besteht etwa darin, daß der Schüler lernt, in der Tabelle mit dem Finger horizontal von links nach rechts zu fahren; also lernt, sozusagen, eine Reihe horizontaler Striche zu ziehen. Denk Dir, es würden nun verschiedene Arten eingeführt, eine Tabelle zu lesen; nämlich einmal, wie oben, nach dem Schema:

ein andermal nach diesem Schema:

oder einem andern. – So ein Schema werde der Tabelle beigefügt als Regel, wie sie zu gebrauchen sei. Können wir uns nun nicht weitere Regeln zur Erklärung dieser vorstellen? und war anderseits jene erste Tabelle unvollständig ohne das Schema der Pfeile? Und sind es die anderen ohne ihr Schema?

86 A language-game like (2) is played with the help of a table. Let the signs that A gives to B now be written characters. B has a table; in the first column are the written characters that are used in the game, and in the second, pictures of building blocks. A shows B such a written character; B looks it up in the table, looks at the picture opposite, etc. The table is therefore a rule, according to which he orients himself in carrying out the commands. – One learns to look up the picture in the table through training, and part of this training consists, for example, in the student learning to run his finger horizontally from left to right in the table; i.e. he learns, as it were, to draw a series of horizontal lines. Now imagine that different ways of reading a table are introduced; namely, once, as above, according to the schema:

and another time according to this schema:

or some other. – Such a schema is attached to the table as a rule as to how it is to be used. Can we not now imagine further rules to explain this? And was the first table incomplete without the schema of the arrows? And are the others incomplete without their schema?

§Ts-227a

72[2] &
73[1]

87 Nimm an, ich erkläre: “Unter ‘Moses’ verstehe ich den Mann, wenn es einen solchen gegeben hat, der die Israeliten aus Ägypten geführt hat, wie immer er damals geheißen hat und was immer er sonst getan, oder nicht getan haben mag”. – Aber über die Wörter dieser Erklärung sind ähnliche Zweifel möglich, wie die über den Namen “Moses” (was nennst du “Ägypten”, wen “die Israeliten”, etc.?). Ja, diese Fragen kommen auch nicht zu einem Ende, wenn wir bei Wörtern wie “rot”, ”dunkel”, “süß”, angelangt wären. ‒ ‒ “Aber wie hilft mir dann eine Erklärung zum Verständnis, wenn sie doch nicht die letzte ist? Die Erklärung ist dann ja nie beendet; ich verstehe also noch immer nicht, und nie, was er meint!” – Als hinge eine Erklärung, gleichsam, in der Luft, wenn nicht eine andere sie stützte. Während eine Erklärung zwar auf einer andern, die man gegeben hat, ruhen kann, aber keine einer anderen bedarf – es sei denn, daß wir sie benötigen, um ein Mißverständnis zu vermeiden. Man könnte sagen: Eine Erklärung dient dazu, ein Mißverständnis zu beseitigen, oder zu verhüten ‒ ‒ also eines, das ohne die Erklärung eintreten würde; aber nicht: jedes, welches ich mir vorstellen kann. Es kann leicht so scheinen, als zeigte jeder Zweifel nur eine vorhandene Lücke im Fundament; so daß ein sicheres Verständnis nur dann möglich ist, wenn wir zuerst an allem zweifeln, woran gezweifelt werden kann, und dann alle diese Zweifel beheben.

Der Wegweiser ist in Ordnung,– wenn er, unter normalen Verhältnissen, seinen Zweck erfüllt.

87 Suppose I explain: “By ‘Moses’ I understand the man, if such a man existed, who led the Israelites out of Egypt, whatever his name was at the time and whatever else he may or may not have done.” – But doubts similar to those about the name “Moses” are also possible about the words of this explanation (what do you call “Egypt,” who are “the Israelites,” etc.?). Yes, these questions also have no end, even if we were to arrive at words like “red,” “dark,” or “sweet.” – – “But how does an explanation then help with understanding, if it is not the last one? The explanation is then never finished; so I still don’t understand, and never will, what he means!” – As if an explanation were suspended in the air unless another supported it. While an explanation can rest on another explanation that has been given, it does not need one – unless we need it to avoid a misunderstanding. One could say: an explanation serves to eliminate or prevent a misunderstanding – that is, one that would occur without the explanation; but not: any misunderstanding that I can imagine. It may easily seem as if every doubt merely reveals an existing gap in the foundation; so that secure understanding is only possible if we first doubt everything that can be doubted, and then resolve all these doubts.

The signpost is in order – if, under normal circumstances, it fulfills its purpose.

§Ts-227a

73[2] &
74[1] &
75[1]

88 Wenn ich Einem sage “Halte dich ungefähr hier auf!” – kann denn diese Erklärung nicht vollkommen funktionieren? Und kann jede andere nicht auch versagen? “Aber ist die Erklärung nicht doch unexakt?” – Doch; warum soll man sie nicht “unexakt” nennen? Verstehen wir aber nur, was “unexakt” bedeutet! Denn es bedeutet nun nicht “unbrauchbar”. Und überlegen wir uns doch, was wir, im Gegensatz zu dieser Erklärung, eine “exakte” Erklärung nennen! Etwa das Abgrenzen eines Bezirks durch einen Kreidestrich? Da fällt uns gleich ein, daß der Strich eine Breite hat. Exakter wäre also eine Farbgrenze. Aber hat denn diese Exaktheit hier noch eine Funktion; läuft sie nicht leer? Und wir haben ja auch noch nicht bestimmt, was als Überschreiten dieser scharfen Grenze gelten soll; wie, mit welchen Instrumenten, es festzustellen ist. U.s.w.. Wir verstehen, was es heißt: eine Taschenuhr auf die genaue Stunde stellen, oder, sie richten, daß sie genau geht. Wie aber, wenn man fragte: Ist diese Genauigkeit eine ideale Genauigkeit, oder wie weit nähert sie sich ihr? – wir können freilich von Zeitmessungen reden, bei welchen es eine andere und, wie wir sagen würden, größere Genauigkeit gibt, als bei der Zeitmessung mit der Taschenuhr. Wo die Worte “die Uhr auf die genaue Stunde stellen” eine andere, wenn auch verwandte, Bedeutung haben, und ‘die Uhr ablesen’ ein anderer Vorgang ist, etc..– Wenn ich nun jemandem sage: “Du solltest pünktlicher zum Essen kommen; du weißt, daß es genau um ein Uhr anfängt”– ist hier von Genauigkeit eigentlich nicht die Rede? weil man sagen kann: “Denk an die Zeitbestimmung im Laboratorium, oder auf der Sternwarte; da siehst du, was ‘Genauigkeit’ bedeutet.” “Unexakt”, das ist eigentlich ein Tadel, und “exakt” ein Lob. Und das heißt doch: das Unexakte erreicht sein Ziel nicht so vollkommen, wie das Exaktere. Da kommt es also auf das an, was wir “das Ziel” nennen. Ist es unexakt, wenn ich den Abstand der Sonne von uns nicht auf 1 m genau angebe; und dem Tischler die Breite des Tisches nicht auf 0,001 mm? Ein Ideal der Genauigkeit ist nicht vorgesehen; wir wissen nicht, was wir uns darunter vorstellen sollen – es sei denn, du selbst setzt fest, was so genannt werden soll. Aber es wird dir schwer werden, so eine Festsetzung zu treffen; eine, die dich befriedigt.

88 If I say to someone “Stay approximately here!” – can this explanation not function perfectly? And can any other explanation not also fail? “But is the explanation not inexact?” – Yes; why should we not call it “inexact”? Do we understand what “inexact” means! Because it does not mean “useless.” And let us consider what we call an “exact” explanation in contrast to this explanation! Perhaps the demarcation of an area by a chalk line? We immediately realize that the line has a width. More exact would be a color boundary. But does this exactness still have a function here; is it not empty? And we have not yet determined what is to be considered as exceeding this sharp boundary; how, with what instruments, it is to be determined. And so on. We understand what it means to set a pocket watch to the exact time, or to adjust it so that it keeps accurate time. But what if one were to ask: Is this accuracy an ideal accuracy, or how closely does it approximate it? – we can of course talk about time measurements in which there is another and, as we would say, greater accuracy than in time measurement with a pocket watch. Where the words “setting the clock to the exact time” have a different, albeit related, meaning, and ‘reading the clock’ is a different process, etc. – If I now say to someone: “You should come to dinner more punctually; you know that it starts exactly at one o’clock” – is “accuracy” not actually being talked about here? because one can say: “Think of time determination in the laboratory or at the observatory; there you will see what ‘accuracy’ means.” “Inexact” is actually a criticism, and “exact” a compliment. And that means: the inexact does not achieve its goal as completely as the exact. It therefore depends on what we call “the goal.” Is it inexact if I do not state the distance of the sun from us to within 1 m; and if I do not state the width of the table to the carpenter to within 0.001 mm? An ideal of accuracy is not intended; we do not know what we should imagine it to be – unless you yourself determine what is to be called that. But it will be difficult for you to make such a determination, one that satisfies you.

§Ts-227a

75[2] &
76[1]

89 Wir stehen mit diesen Überlegungen an dem Ort, wo das Problem steht: In wiefern ist die Logik etwas Sublimes? Denn es schien, daß ihr eine besondere Tiefe – allgemeine Bedeutung – zukomme. Sie liege, so schien es, am Grunde aller Wissenschaften. – Denn die logische Betrachtung erforscht das Wesen aller Dinge. Sie will den Dingen auf den Grund sehen, und soll sich nicht um das So oder So des tatsächlichen Geschehens kümmern. ‒ ‒ Sie entspringt nicht einem Interesse für Tatsachen des Naturgeschehens, noch dem Bedürfnisse, kausale Zusammenhänge zu erfassen. Sondern einem Streben, das Fundament, oder Wesen, alles Erfahrungsmäßigen zu verstehen. Nicht aber, als sollten wir dazu neue Tatsachen aufspüren: es ist vielmehr für unsere Untersuchung wesentlich, daß wir nichts Neues mit ihr lernen wollen. Wir wollen etwas verstehen, was schon offen vor unsern Augen liegt. Denn das scheinen wir, in irgend einem Sinne, nicht zu verstehen. Augustinus (Conf. XI/14): “quid est ergo tempus? si nemo ex me quaerat scio; si quaerenti explicare velim, nescio.” – Dies könnte man nicht von einer Frage der Naturwissenschaft sagen (etwa der nach dem spezifischen Gewicht des Wasserstoffs?). Das, was man weiß, wenn uns niemand fragt, aber nicht mehr weiß, wenn wir es erklären sollen, ist etwas, worauf man sich besinnen muß. (Und offenbar etwas, worauf man sich aus irgendeinem Grunde schwer besinnt.)

89 With these considerations, we arrive at the point where the problem lies: in what respect is logic something sublime? For it seemed that it possessed a particular depth – a general meaning. It appeared to lie at the foundation of all the sciences. – For logical consideration investigates the essence of all things. It wants to see to the bottom of things, and should not concern itself with the this or that of actual events. ‒ ‒ It does not spring from an interest in the facts of natural phenomena, nor from the need to grasp causal connections. But from an endeavor to understand the foundation, or essence, of all that is empirical. Not, however, as if we were to discover new facts for this purpose: rather, it is essential for our investigation that we do not want to learn anything new from it. We want to understand something that already lies open before our eyes. For this is what, in some sense, we seem not to understand. Augustine (Conf. XI/14): “quid est ergo tempus? si nemo ex me quaerat scio; si quaerenti explicare velim, nescio.” – One could not say this of a question in the natural sciences (for example, the one about the specific gravity of hydrogen?). What one knows when no one asks us, but no longer knows when we are asked to explain it, is something upon which one must reflect. (And apparently something upon which one finds it difficult to reflect for some reason.)

§Ts-227a

76[2] &
77[1]

90 Es ist uns, als müßten wir die Erscheinungen durchschauen: unsere Untersuchung aber richtet sich nicht auf die Erscheinungen, sondern, wie man sagen könnte, auf die ‘Möglichkeiten’ der Erscheinungen. Wir besinnen uns, heißt das, auf die Art der Aussagen, die wir über die Erscheinungen machen. Daher besinnt sich auch Augustinus auf die verschiedenen Aussagen, die man über die Dauer von Ereignissen, über ihre Vergangenheit, Gegenwart, oder Zukunft macht. (Dies sind natürlich nicht philosophische Aussagen über die Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.) Unsere Betrachtung ist daher eine grammatische. Und diese Betrachtung bringt Licht in unser Problem, indem sie Mißverständnisse wegräumt. Mißverständnisse nämlich, die den Gebrauch von Worten betreffen, hervorgerufen unter anderem durch gewisse Analogien, zwischen den Ausdrucksformen in verschiedenen Gebieten unserer Sprache. – Manche von ihnen lassen sich beseitigen, indem man eine Ausdrucksform durch eine andere ersetzt; dies kann man ein “Analysieren” unsrer Ausdrucksformen nennen, denn der Vorgang hat manchmal Ähnlichkeit mit einem Zerlegen.

90 It seems to us as if we must penetrate the phenomena: but our investigation is not directed at the phenomena, but, as one might say, at the ‘possibilities’ of the phenomena. We reflect, that is, on the kind of statements that we make about the phenomena. Therefore, Augustine also reflects on the different statements that are made about the duration of events, about their past, present, or future. (These are, of course, not philosophical statements about time, past, present, and future.) Our consideration is therefore a grammatical one. And this consideration sheds light on our problem by removing misunderstandings. Namely, misunderstandings that concern the use of words, caused, among other things, by certain analogies between the forms of expression in different areas of our language. – Some of them can be eliminated by replacing one form of expression with another; this can be called an “analyzing” of our forms of expression, because the process sometimes resembles a decomposition.

§Ts-227a

77[2]

91 Nun aber kann es den Anschein gewinnen, als gäbe es so etwas, wie eine letzte Analyse unserer Sprachformen, also eine vollkommen zerlegte Form des Ausdrucks. D.h.: als seien unsere gebräuchlichen Ausdrucksformen, wesentlich, noch unanalysiert; als sei in ihnen etwas verborgen, was ans Licht zu befördern ist. Ist dies geschehen, so sei der Ausdruck damit vollkommen geklärt und unsre Aufgabe gelöst. Man kann das auch so sagen: Wir beseitigen Mißverständnisse, indem wir unsern Ausdruck exakter machen: aber es kann nun so scheinen, als ob wir einem bestimmten Zustand, der vollkommenen Exaktheit, zustreben; und als wäre das das eigentliche Ziel unserer Untersuchung.

91 Now, however, it may seem as if there is such a thing as a final analysis of our forms of language, i.e., a completely decomposed form of expression. I.e., as if our customary forms of expression are, in essence, still unanalyzed; as if something is hidden in them that needs to be brought to light. When this has been done, the expression is completely clarified and our task is solved. One can also say this: we eliminate misunderstandings by making our expression more precise: but it may now seem as if we are striving for a certain state, the state of perfect precision; and as if that were the actual goal of our investigation.

§Ts-227a

77[3] &
78[1]

92 Dies drückt sich aus in der Frage nach dem Wesen der Sprache, des Satzes, des Denkens. – Denn wenn wir auch in unsern Untersuchungen das Wesen der Sprache – ihre Funktion, ihren Bau – zu verstehen trachten, so ist es doch nicht das, was diese Frage im Auge hat. Denn sie sieht in dem Wesen nicht etwas, was schon offen zutage liegt und was durch Ordnen übersichtlich wird. Sondern etwas, was unter der Oberfläche liegt. Etwas, was im Innern liegt, was wir sehen, wenn wir die Sache durchschauen, und was eine Analyse hervorgraben soll. ‘Das Wesen ist uns verborgen’: das ist die Form, die unser Problem nun annimmt. Wir fragen: “Was ist die Sprache?”, “Was ist der Satz?”. Und die Antwort auf diese Fragen ist ein für allemal zu geben; und unabhängig von jeder künftigen Erfahrung.

92 This is expressed in the question about the essence of language, the sentence, thought. – For even if we try to understand the essence of language – its function, its structure – in our investigations, it is not this that this question has in mind. For it does not see in the essence something that already lies open and that becomes surveyable through ordering. But something that lies under the surface. Something that lies inside, which we see when we penetrate the matter, and which an analysis is supposed to uncover. ‘The essence is hidden from us’: this is the form that our problem now takes. We ask: “What is language?”, “What is the sentence?”. And the answer to these questions is to be given once and for all; and independently of any future experience.

§Ts-227a

78[2]

93 Einer könnte sagen: “Ein Satz, das ist das Alltäglichste von der Welt”, und der Andre: “Ein Satz – das ist etwas sehr merkwürdiges!”‒ ‒ Und dieser kann nicht: einfach nachschauen, wie Sätze funktionieren. Weil die Formen unserer Ausdrucksweise, die Sätze und das Denken betreffend, ihm im Wege stehen. Warum sagen wir, der Satz sei etwas Merkwürdiges? Einerseits, wegen der ungeheuren Bedeutung, die ihm zukommt. (Und das ist richtig.) Anderseits verführt uns diese Bedeutung und ein Mißverstehen der Sprachlogik dazu, daß wir meinen, der Satz müsse etwas Außerordentliches, ja Einzigartiges, leisten. – Durch ein Mißverständnis erscheint es uns, als tue der Satz etwas Seltsames.

93 One might say: “A sentence is the most commonplace thing in the world,” and another: “A sentence is something very strange!” – And this one cannot simply look up how sentences function. Because the forms of our modes of expression, concerning sentences and thought, stand in the way. Why do we say that the sentence is something strange? On the one hand, because of the immense importance it has. (And that is correct.) On the other hand, this importance and a misunderstanding of the logic of language lead us to believe that the sentence must accomplish something extraordinary, even something unique. – Through a misunderstanding, it seems to us as if the sentence does something odd.

§Ts-227a

78[3]

94 ‘Der Satz, ein merkwürdiges Ding!’: darin liegt schon die Sublimierung der ganzen Darstellung. Die Tendenz, ein reines Mittelwesen anzunehmen zwischen dem Satzzeichen und den Tatsachen. Oder auch das Satzzeichen selber reinigen, sublimieren, zu wollen. – Denn, daß es mit gewöhnlichen Dingen zugeht, das zu sehen, verhindern uns auf mannigfache Weise unsere Ausdrucksformen, indem sie uns auf die Jagd nach Chimären schicken.

94 ‘The sentence, a strange thing!’: this already contains the sublimation of the entire representation. The tendency to posit a purely intermediate entity between the sentence sign and the facts. Or also to want to purify, sublimate, the sentence sign itself. – For, the fact that it deals with ordinary things, we are prevented from seeing this in various ways by our forms of expression, by sending us on a hunt for chimeras.

§Ts-227a

78[4] &
79[1]

95 Oder: “Denken muß etwas Einzigartiges sein.” Wenn wir sagen, meinen, daß es sich so und so verhält, so halten wir mit dem, was wir meinen, nicht irgendwo vor der Tatsache: sondern meinen, daß das und das – so und so – ist. – Man kann aber dieses Paradox (welches ja die Form einer Selbstverständlichkeit hat) auch so ausdrücken: Man kann denken, was nicht der Fall ist.

95 Or: “Thinking must be something unique.” When we say, mean, that it is so and so, we do not hold what we mean somewhere in front of the fact: rather, we mean that this and that is so and so. – However, this paradox (which has the form of a matter of course) can also be expressed as follows: One can think what is not the case.

§Ts-227a

79[2]

96 Der besondern Täuschung, die hier gemeint ist, schließen sich, von verschiedenen Seiten, andere an. Das Denken, die Sprache, erscheint uns nun als das einzigartige Korrelat, Bild, der Welt. Die Begriffe: Satz, Sprache, Denken, Welt stehen in einer Reihe hintereinander, jeder dem andern äquivalent. (Wozu aber sind diese Wörter nun zu brauchen? Es fehlt das Sprachspiel, worin sie anzuwenden sind.)

96 Other illusions join this particular illusion, from various sides. Thinking, language, now appears to us as the unique correlate, image, of the world. The concepts: sentence, language, thought, world stand in a row behind one another, each equivalent to the other. (But what are these words to be used for? The language-game is lacking, in which they are to be applied.)

§Ts-227a

79[3] &
80[1]

97 Das Denken ist mit einem Nimbus umgeben. – Sein Wesen, die Logik, stellt eine Ordnung dar, und zwar die Ordnung a priori der Welt, d.i. die Ordnung der Möglichkeiten, die Welt und Denken gemeinsam sein muß. Diese Ordnung aber, scheint es, muß höchst einfach sein. Sie ist vor aller Erfahrung; muß sich durch die ganze Erfahrung hindurchziehen; ihr selbst darf keine erfahrungsmäßige Trübe oder Unsicherheit anhaften. ‒ ‒ Sie muß vielmehr vom reinsten Kristall sein. Dieser Kristall aber erscheint nicht als eine Abstraktion, sondern als etwas Konkretes, ja als das Konkreteste, gleichsam Härteste. (Log. Phil. Abh. 5.5563.) Wir sind in der Täuschung, das Besondere, Tiefe, das uns Wesentliche unserer Untersuchung liege darin, daß sie das unvergleichliche Wesen der Sprache zu begreifen trachtet. D.i., die Ordnung, die zwischen den Begriffen des Satzes, Wortes, Schließens, der Wahrheit, der Erfahrung, u.s.w. besteht. Diese Ordnung ist eine Über-Ordnung zwischen – sozusagen – Über-Begriffen. Während doch die Worte “Sprache”, “Erfahrung”, “Welt”, wenn sie eine Verwendung haben, eine so niedrige haben müssen, wie die Worte “Tisch”, “Lampe”, “Tür”.

97 Thinking is surrounded by a nimbus. – Its essence, the logic, represents an order, namely the a priori order of the world, i.e., the order of the possibilities that the world and thinking must have in common. However, this order seems to be extremely simple. It is before all experience; it must run through all experience; no empirical turbidity or uncertainty may attach to it. – – Rather, it must be of the purest crystal. But this crystal does not appear as an abstraction, but as something concrete, indeed as the most concrete thing, as it were, the hardest. (Log. Phil. Abh. 5.5563.) We are under the illusion that the special, the deep, the essential thing in our investigation lies in the fact that it strives to grasp the incomparable essence of language. That is, the order that exists between the concepts of the sentence, the word, inference, truth, experience, etc. This order is an over-order between – as it were – over-concepts. Whereas, if the words “language,” “experience,” “world” have any use, they must have a use as low as the words “table,” “lamp,” “door.”

§Ts-227a

80[2]

98 Einerseits ist klar, daß jeder Satz unsrer Sprache ‘in Ordnung ist, wie er ist’. D.h., daß wir nicht ein Ideal anstreben: Als hätten unsere gewöhnlichen, vagen Sätze noch keinen ganz untadelhaften Sinn und eine vollkommene Sprache wäre von uns erst zu konstruieren. – Anderseits scheint es klar: Wo Sinn ist muß vollkommene Ordnung sein. ‒ ‒ Also muß die vollkommene Ordnung auch im vagsten Satze stecken.

98 On the one hand, it is clear that every sentence in our language ‘is in order as it is’. That is, we are not striving for an ideal: as if our ordinary, vague sentences did not yet have a completely flawless meaning and a perfect language had yet to be constructed by us. – On the other hand, it seems clear: where there is sense, there must be perfect order. – – Therefore, the perfect order must also be present in the vaguest sentence.

§Ts-227a

80[3] &
81[1]

99 Der Sinn des Satzes – möchte man sagen – kann freilich dies oder das offen lassen, aber der Satz muß doch einen bestimmten Sinn haben. Ein unbestimmter Sinn,– das wäre eigentlich gar kein Sinn. – Das ist wie: Eine unscharfe Begrenzung, das ist eigentlich gar keine Begrenzung. Man denkt da etwa so: Wenn ich sage: “ich habe den Mann fest im Zimmer eingeschlossen – nur eine Tür ist offen geblieben”– so habe ich ihn eben gar nicht eingeschlossen. Er ist nur zum Schein eingeschlossen. Man wäre geneigt, hier zu sagen: “also hast du damit garnichts getan”. Eine Umgrenzung, die ein Loch hat ist so gut, wie gar keine. Aber ist das denn wahr?

99 The sense of the sentence – one might say – can admittedly leave this or that open, but the sentence must nevertheless have a definite sense. An indefinite sense would actually be no sense at all. – It is like: an unclear boundary is actually no boundary at all. One might think something like this: if I say, “I have locked the man firmly in the room – only one door has been left open,” then I haven’t really locked him in. He is only ostensibly locked in. One would be inclined to say here, “so you haven’t actually done anything.” A boundary that has a hole in it is as good as no boundary at all. But is that actually true?

§Ts-227a

81[2]

100 “Es ist doch kein Spiel, wenn es eine Vagheit in den Regeln gibt.” – Aber ist es dann kein Spiel? – “Ja, vielleicht wirst du es Spiel nennen, aber es ist doch jedenfalls kein vollkommenes Spiel.” D.h.: es ist doch dann verunreinigt, und ich interessiere mich nun für dasjenige, was verunreinigt wurde. – Aber ich will sagen: wir mißverstehen die Rolle, die das Ideal in unsrer Ausdrucksweise spielt. D.h.: auch wir würden es ein Spiel nennen, nur sind wir vom Ideal geblendet und sehen daher nicht deutlich die wirkliche Anwendung des Wortes “Spiel”.

100 “It is not a game if there is vagueness in the rules.” – But is it then not a game? – “Yes, perhaps you will call it a game, but it is certainly not a perfect game.” That is, it is then impure, and I am interested in what has been made impure. – But I want to say: we misunderstand the role that the ideal plays in our way of expressing ourselves. That is, we would also call it a game, only we are blinded by the ideal and therefore do not clearly see the actual application of the word “game.”

§Ts-227a

81[3]

101 Eine Vagheit in der Logik – wollen wir sagen – kann es nicht geben. Wir leben nun in der Idee: das Ideal ‘müsse’ sich in der Realität finden. Während man noch nicht sieht, wie es sich darin findet, und nicht das Wesen dieses “muß” versteht. Wir glauben: es muß in ihr stecken; denn wir glauben es schon in ihr zu sehen.

101 A vagueness in logic – let us say – cannot exist. We live with the idea that the ideal ‘must’ be found in reality. While one has not yet seen how it is found in it, and does not understand the nature of this “must.” We believe: it must be contained in it; because we already believe we see it in it.

§Ts-227a

82[2]

102 Die strengen und klaren Regeln des logischen Satzbaues erscheinen uns als etwas im Hintergrund,– im Medium des Verstehens versteckt. Ich sehe sie schon jetzt (wenn auch durch ein Medium hindurch), da ich ja das Zeichen verstehe, etwas mit ihm meine.

102 The strict and clear rules of the logical sentence structure appear to us as something in the background, hidden in the medium of understanding. I already see them (even if through a medium), since I understand the sign, and I mean something by it.

§Ts-227a

81[4] &
82[1]-relocated

103 Das Ideal, in unsern Gedanken, sitzt unverrückbar fest. Du kannst nicht aus ihm heraustreten. Du mußt immer wieder zurück. Es gibt gar kein Draußen; draußen fehlt die Lebensluft. – Woher dies? Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unsrer Nase, und, was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie abzunehmen.

103 The ideal in our thoughts sits firmly in place. You cannot step out of it. You must always return to it. There is no outside; outside, the breath of life is lacking. – Where does this come from? The idea sits, as it were, like glasses on our nose, and whatever we look at, we see it through them. We do not even think of taking them off.

§Ts-227a

82[2]-relocated

104 Man prädiziert von der Sache, was in der Darstellungsweise liegt. Die Möglichkeit des Vergleichs, die uns beeindruckt, nehmen wir für die Wahrnehmung einer höchst allgemeinen Sachlage.

(Faraday “The Chemical History of a Candle”): “Water is one individual thing – it never changes”.

104 One attributes to the thing what lies in the way of representation. We take the possibility of comparison, which impresses us, for the perception of a very general situation.

(Faraday “The Chemical History of a Candle”): “Water is one individual thing – it never changes.”

§Ts-227a

82[3]

105 Wenn wir glauben, jene Ordnung, das Ideal, in der wirklichen Sprache finden zu müssen, werden wir nun mit dem unzufrieden, was man im gewöhnlichen Leben “Satz”, “Wort”, “Zeichen”, nennt. Der Satz, das Wort, von dem die Logik handelt, soll etwas Reines und Scharfgeschnittenes sein. Und wir zerbrechen uns nun über das Wesen des eigentlichen Zeichens den Kopf. – Ist es etwa die Vorstellung vom Zeichen? oder die Vorstellung im gegenwärtigen Augenblick?

105 If we believe that we must find this order, this ideal, in real language, we will now be dissatisfied with what one calls “sentence,” “word,” “sign” in everyday life. The sentence, the word, that logic deals with, should be something pure and sharply defined. And we are now racking our brains over the nature of the actual sign. – Is it perhaps the image of the sign? or the image in the present moment?

§Ts-227a

82[4] &
83[1]

106 Hier ist es schwer, gleichsam den Kopf oben zu behalten,– zu sehen, daß wir bei den Dingen des alltäglichen Denkens bleiben müssen, und nicht auf den Abweg zu geraten, wo es scheint, als müßten wir die letzten Feinheiten beschreiben, die wir doch wieder mit unsern Mitteln gar nicht beschreiben könnten. Es ist uns, als sollten wir ein zerstörtes Spinnennetz mit unsern Fingern in Ordnung bringen.

106 Here it is difficult, as it were, to keep our head above water, to see that we must remain with the things of everyday thinking, and not get sidetracked into a place where it seems as if we must describe the last subtleties, which we could not describe with our means. It is as if we should put a destroyed spider's web in order with our fingers.

§Ts-227a

83[2]

107 Je genauer wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der Widerstreit zwischen ihr und unsrer Forderung. (Die Kristallreinheit der Logik hatte sich mir ja nicht ergeben; sondern sie war (ja) eine Forderung.) Der Widerstreit wird unerträglich; die Forderung droht nun zu etwas Leerem zu werden. – Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt, also die Bedingungen in gewissem Sinne ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!

107 The more closely we examine actual language, the stronger the conflict between it and our demand. (The crystalline purity of logic did not emerge for me; rather, it was a demand.) The conflict becomes unbearable; the demand threatens to become something empty. – We have slipped onto the ice, where there is no friction, so the conditions are, in a certain sense, ideal, but we cannot walk on it. We want to walk; then we need the friction. Back to the rough ground!

§Ts-227a

83[3] &
84[1]

108 Wir erkennen, daß, was wir “Satz”, “Sprache”, nennen, nicht die formelle Einheit ist, die ich mir vorstellte, sondern die Familie mehr oder weniger mit einander verwandter Gebilde. ‒ ‒ Was aber wird nun aus der Logik? Ihre Strenge scheint hier aus dem Leim zu gehen. – Verschwindet sie damit aber nicht ganz? – Denn wie kann die Logik ihre Strenge verlieren?! Natürlich nicht dadurch, daß man ihr etwas von ihrer Strenge abhandelt. – Das Vorurteil der Kristallreinheit kann nur so beseitigt werden, daß wir unsere ganze Betrachtung drehen. (Man könnte sagen: die Betrachtung muß gedreht werden, aber um unser eigentliches Bedürfnis als Angelpunkt.)

108 We recognize that what we call “sentence” and “language” is not the formal unity that I imagined, but rather the family of more or less related entities. – But what then becomes of logic? Its rigor seems to be coming undone here. – Does this mean that it disappears completely? – For how could logic lose its rigor?! Certainly not by taking away some of its rigor. – The prejudice of crystalline purity can only be eliminated by turning our entire consideration around. (One could say: the consideration must be turned, but with our actual need as the focal point.)

§Ts-227a

82a[1]

Die Philosophie der Logik redet in keinem anderen Sinn von Sätzen und Wörtern, als wir es im gewöhnlichen Leben tun wenn wir etwa sagen “Hier steht ein chinesischer Satz aufgeschrieben”, oder “Nein, das sieht nur aus wie ein Schriftzeichen, ist aber ein Ornament”, etc.. (Nur kann man sich in verschiedener Weise für ein Phänomen interessieren.) Wir reden von dem räumlichen und zeitlichen Phänomen der Sprache; nicht von einem unräumlichen und unzeitlichen Unding. Aber wir reden von ihr so, wie von den Figuren des Schachspiels, indem wir Spielregeln für sie angeben, nicht ihre physikalischen Eigenschaften beschreiben. Die Frage “Was ist eigentlich ein Wort?” ist analog der “Was ist eine Schachfigur?”

The philosophy of logic speaks of sentences and words in no other sense than we do in everyday life when we say, for example, “Here is a Chinese sentence written,” or “No, that only looks like a character, but it is an ornament,” etc. (One can, however, be interested in a phenomenon in different ways.) We speak of the spatial and temporal phenomenon of language; not of some non-spatial and non-temporal thing. But we speak of it in the same way as of the figures in a game of chess, by giving rules of the game for them, and not by describing their physical properties. The question “What is actually a word?” is analogous to “What is a chess piece?”

§Ts-227b

82a[1]

Die Philosophie der Logik redet in keinem anderen Sinn von Sätzen und Wörtern, als wir es im gewöhnlichen Leben tun wenn wir etwa sagen “Hier steht ein chinesischer Satz aufgeschrieben”, oder “Nein, das sieht nur aus wie ein Schriftzeichen, ist aber ein Ornament”, etc.. Wir reden von den räumlichen und zeitlichen Phänomenen der Sprache; nicht von einem unräumlichen und unzeitlichen Unding. Aber wir reden von ihr so, wie von den Figuren des Schachspiels, indem wir Spielregeln für sie angeben, nicht ihre physikalischen Eigenschaften beschreiben. Die Frage “Was ist eigentlich ein Wort?” ist analog der “Was ist eine Schachfigur?”

Nur kann man sich in verschiedener Weise für ein Phänomen interessieren.

The philosophy of logic speaks of sentences and words in no other sense than we do in everyday life when we say, for example, “Here is a Chinese sentence written,” or “No, that only looks like a character, but it is an ornament,” etc. (One can, however, be interested in a phenomenon in different ways.) We speak of the spatial and temporal phenomenon of language; not of some non-spatial and non-temporal thing. But we speak of it in the same way as of the figures in a game of chess, by giving rules of the game for them, and not by describing their physical properties. The question “What is actually a word?” is analogous to “What is a chess piece?”

§Ts-227a

84[2]

109 Richtig war, daß unsere Betrachtungen nicht wissenschaftliche Betrachtungen sein durften. Die Erfahrung, ‘daß sich das oder das denken lasse, entgegen unserm Vorurteil’– was immer das heißen mag – konnte uns nicht interessieren. (Die pneumatische Auffassung des Denkens.) Und wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, d.i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst, und zwar so, daß dieses erkannt wird: entgegen einem Trieb, es mißzuverstehen. Die Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.

109 It was correct that our considerations should not be scientific considerations. The experience, that ‘this or that can be thought, contrary to our prejudice’ – whatever that may mean – could not interest us. (The pneumatic conception of thinking.) And we must not set up any theory. There must be nothing hypothetical in our considerations. All explanation must be removed, and only description must take its place. And this description receives its light, i.e., its purpose, from the philosophical problems. These are, of course, not empirical, but they are solved by an insight into the workings of our language, and in such a way that this is recognized: against an impulse to misunderstand it. The problems are solved, not by bringing in new experience, but by putting together what is already known. Philosophy is a struggle against the bewitchment of our intellect by the means of our language.

§Ts-227a

84[3]

110 “Die Sprache (oder das Denken) ist etwas Einzigartiges”– das erweist sich als ein Aberglaube (nicht Irrtum!) hervorgerufen selbst durch grammatische Täuschungen. Und auf diese Täuschungen, auf die Probleme, fällt nun das Pathos zurück.

110 “Language (or thinking) is something unique” – this proves to be a superstition (not a mistake!) brought about even by grammatical illusions. And on these illusions, on the problems, the pathos now falls.

§Ts-227a

84[4] &
85[1] &
85[2]

111 Die Probleme, die durch ein Mißdeuten unserer Sprachformen entstehen, haben den Charakter der Tiefe. Es sind tiefe Beunruhigungen; sie wurzeln so tief in uns, wie die Formen unserer Sprache, und ihre Bedeutung ist so groß, wie die Wichtigkeit unserer Sprache. ‒ ‒ Fragen wir uns: Warum empfinden wir einen grammatischen Witz als tief? (Und das ist ja die philosophische Tiefe.)

111 The problems that arise from a misinterpretation of our forms of language have the character of depth. They are deep disturbances; they are rooted so deeply in us, just like the forms of our language, and their significance is as great as the importance of our language. – Let us ask ourselves: Why do we feel a grammatical joke to be deep? (And that is the philosophical depth.)

§Ts-227a

85[3] &
86[1]

112 Ein Gleichnis, das in die Formen unserer Sprache aufgenommen ist, bewirkt einen falschen Schein; der beunruhigt uns: “Es ist doch nicht so!”– sagen wir. “Aber es muß doch so sein!”

112 A simile that is incorporated into the forms of our language produces a false appearance; it disturbs us: “It is not like that!” – we say. “But it must be like that!”

§Ts-227a

86[3]

113 “Es ist doch so – – –” sage ich & führe mir wieder und wieder die gleichen Sätze vor. Es ist mir als müßte ich das Wesen der Sache erfassen, wenn ich meinen Blick nur ganz scharf auf dies Faktum einstellen, es in den Brennpunkt rücken könnte.

113 “It is like this – – –” I say and repeat the same sentences over and over again. It is as if I must grasp the essence of the matter if I can only focus my gaze very sharply on this fact, if I can bring it into focus.

§Ts-227a

86[2]-relocated

114 Log. Phil. Abh. (4.5) hieß es: “Die allgemeine Form des Satzes ist: Es verhält sich so und so.”‒ ‒ Das ist ein Satz von jener Art, die man sich unzählige male wiederholt. Man glaubt wieder und wieder der Natur nachzufahren, und fährt nur der Form entlang, durch die wir sie betrachten.

114 In Log. Phil. Abh. (4.5) it said: “The general form of a sentence is: It is the case that such and such.” – This is a sentence of that kind that one repeats to oneself countless times. One believes that one is again and again following the nature of things, and one is only following the form through which we consider them.

§Ts-227a

86[5]

115 Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.

115 A picture had us in its grip. And we could not get out of it, because it was in our language, and it seemed only to repeat it incessantly.

§Ts-227a

86[6] &
87[1]

116 Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen – sei es “Wissen”, “Sein”, “Gegenstand”, “Ich”, “Satz”, “Name” – und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muß man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? – Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück.

116 When philosophers use a word – be it “knowledge,” “being,” “object,” “I,” “sentence,” or “name” – and try to grasp the essence of the thing, one must always ask: Is this word actually used in this way in the language in which it originates? – We lead the words from their metaphysical meaning back to their everyday use.

§Ts-227a

87[2]

117 Man sagt mir: “Du verstehst doch diesen Ausdruck? Nun also,– in der Bedeutung, die du kennst, gebrauche auch ich ihn.” – Als wäre die Bedeutung ein Dunstkreis, den das Wort mitbringt und in jede Verwendung hinübernimmt. (Wenn z.B. Einer sagt, der Satz “Dies ist hier” – wobei er vor sich hin auf einen Gegenstand zeigt – habe für ihn Sinn, so möge er sich fragen, unter welchen besonderen Umständen man diesen Satz tatsächlich verwendet. In diesen hat er dann Sinn.)

117 One says to me: “You understand this expression, don’t you? Well then, I use it in the meaning that you know.” – As if meaning were a kind of aura that the word carries with it and transfers to every use. (If, for example, someone says that the sentence “This is here” – while pointing to an object – has meaning for him, then he should ask himself under what specific circumstances this sentence is actually used. In these circumstances, it then has meaning.)

§Ts-227a

87[3]

118 Woher nimmt die Betrachtung ihre Wichtigkeit, da sie doch nur alles Interessante, d.h. alles Große und Wichtige, zu zerstören scheint? (Gleichsam alle Bauwerke; indem sie nur Steinbrocken und Schutt übrig läßt.) Aber es sind nur Luftgebäude, die wir zerstören, und wir legen den Grund der Sprache frei, auf dem sie standen.

118 From where does the examination derive its importance, since it seems only to destroy everything interesting, i.e., everything great and important? (As if it were destroying all buildings, leaving only rubble.) But these are only castles in the air that we destroy, and we reveal the foundation of language upon which they stood.

§Ts-227a

87[4]

119 Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgend eines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.

119 The results of philosophy are the discovery of some simple nonsense and the bumps that the intellect has acquired while running up against the limits of language. These bumps make us recognize the value of that discovery.

§Ts-227a

87[5] &
88[1]

120 Wenn ich über Sprache (Wort, Satz, etc.) rede, muß ich die Sprache des Alltags reden. Ist diese Sprache etwa zu grob, materiell, für das, was wir sagen wollen? Und wie wird denn eine andere gebildet? – Und wie merkwürdig, daß wir dann mit der unsern überhaupt etwas anfangen können! Daß ich bei meinen Erklärungen, die Sprache betreffend, schon die volle Sprache (nicht etwa eine vorbereitende, vorläufige) anwenden muß, zeigt schon, daß ich nur Äußerliches über die Sprache vorbringen kann. Ja, aber wie können uns diese Ausführungen dann befriedigen? – Nun, deine Fragen waren ja auch schon in dieser Sprache abgefaßt; mußten in dieser Sprache ausgedrückt werden, wenn etwas zu fragen war! Und Deine Skrupel sind Mißverständnisse. Deine Fragen beziehen sich auf Wörter; so muß ich von Wörtern reden. Man sagt: Es kommt nicht aufs Wort an, sondern auf seine Bedeutung; und denkt dabei an die Bedeutung, wie an eine Sache von der Art des Worts, wenn auch vom Wort verschieden. Hier das Wort, hier die Bedeutung. Das Geld und die Kuh, die man dafür kaufen kann. (Anderseits aber: das Geld, und sein Nutzen.)

120 When I talk about language (word, sentence, etc.), I must use the language of everyday life. Is this language perhaps too crude, too material, for what we want to say? And how else could one be formed? – And how strange that we can then do something with our language! The fact that in my explanations concerning language, I must already use the full language (not some preparatory, provisional one) shows that I can only bring forth something external about language. Yes, but how can these observations then satisfy us? – Well, your questions were already formulated in this language; they had to be expressed in this language if something was to be asked! And your scruples are misunderstandings. Your questions refer to words; so I must talk about words. One says: It is not the word that matters, but its meaning; and one thinks of meaning as something of the same kind as the word, although different from it. Here the word, here the meaning. The money and the cow that one can buy for it. (On the other hand: the money, and its use.)

§Ts-227a

88[2]

121 Man könnte meinen: wenn die Philosophie vom Gebrauch des Wortes “Philosophie” redet, so müsse es eine Philosophie zweiter Ordnung geben. Aber es ist eben nicht so; sondern der Fall entspricht dem der Rechtschreibelehre, die es auch mit dem Wort “Rechtschreibelehre” zu tun hat, aber dann nicht eine solche zweiter Ordnung ist.

121 One might think that if philosophy speaks about the use of the word “philosophy,” then there must be a philosophy of the second order. But that is not the case; rather, the situation is the same as that of orthography, which also deals with the word “orthography,” but is not itself a second-order orthography.

§Ts-227a

88[3]

122 Es ist eine Hauptquelle unseres Unverständnisses, daß wir den Gebrauch unserer Wörter nicht übersehen. – Unserer Grammatik fehlt es an Übersichtlichkeit. – Die übersichtliche Darstellung vermittelt das Verständnis, welches eben darin besteht, daß wir die ‘Zusammenhänge sehen’. Daher die Wichtigkeit des Findens und des Erfindens von Zwischengliedern. Der Begriff der übersichtlichen Darstellung ist für uns von grundlegender Bedeutung. Er bezeichnet unsere Darstellungsform, die Art, wie wir die Dinge sehen. (Ist dies eine ‘Weltanschauung’?)

122 A major source of our misunderstanding is that we do not survey the use of our words. – Our grammar lacks surveyability. – A surveyable representation conveys understanding, which consists in the fact that we ‘see the connections.’ Hence the importance of finding and inventing intermediaries. The concept of surveyable representation is of fundamental importance to us. It denotes our form of representation, the way in which we see things. (Is this a ‘world-view’?)

§Ts-227a

88[4] &
89[1]

123 Ein philosophisches Problem hat die Form: “Ich kenne mich nicht aus.”

123 A philosophical problem has the form: “I don’t know my way around.”

§Ts-227a

89[2]

124 Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben. Denn sie kann ihn auch nicht begründen. Sie läßt alles wie es ist. Sie läßt auch die Mathematik wie sie ist, und keine mathematische Entdeckung kann sie weiterbringen. Ein “führendes Problem der mathematischen Logik” ist für uns ein Problem der Mathematik, wie jedes andere.

124 Philosophy must not interfere with the actual use of language in any way; in the end, it can only describe it. For it cannot justify it either. It leaves everything as it is. It leaves mathematics as it is, and no mathematical discovery can advance it. A “leading problem of mathematical logic” is for us a problem of mathematics, just like any other.

§Ts-227a

88a[1]

125 a) Es ist nicht Sache der Philosophie, den Widerspruch durch eine mathematische, logisch-mathematische, Entdeckung zu beseitigen. Sondern den Zustand der Mathematik, der uns beunruhigt, den Zustand vor der Lösung des Widerspruchs, übersehbar zu machen. (Und damit geht man nicht etwa einer Schwierigkeit aus dem Wege.) b) Die fundamentale Tatsache ist hier: daß wir Regeln, eine Technik, für ein Spiel festlegen, und daß es dann, wenn wir den Regeln folgen, nicht so geht, wie wir angenommen hatten. Daß wir uns also gleichsam in unseren eigenen Regeln verfangen. Dieses Verfangen in unseren Regeln ist, was wir verstehen, d.h. übersehen wollen. Es wirft ein Licht auf unsern Begriff des Meinens. Denn es kommt also in jenen Fällen anders, als wir es gemeint, vorausgesehen, hatten. Wir sagen eben, wenn, z.B., der Widerspruch auftritt: “So hab' ich's nicht gemeint.” c) Die bürgerliche Stellung des Widerspruchs, oder seine Stellung in der bürgerlichen Welt: das ist das philosophische Problem.

125 a) It is not the task of philosophy to eliminate the contradiction through a mathematical, logico-mathematical, discovery. Rather, it is to make the state of mathematics, which disturbs us, the state before the resolution of the contradiction, surveyable. (And with this, one does not avoid a difficulty.) b) The fundamental fact here is that we establish rules, a technique, for a game, and that then, when we follow the rules, it does not happen as we had assumed. That we, as it were, get caught in our own rules. This being caught in our rules is what we want to understand, i.e., to overlook. It sheds light on our concept of meaning. For in these cases, things turn out differently than we meant, anticipated. We simply say, when, for example, the contradiction arises: “That is not what I meant.” c) The bourgeois status of the contradiction, or its position in the bourgeois world: that is the philosophical problem.

§Ts-227a

89[4]

126 Die Philosophie stellt eben alles bloß hin, und erklärt und folgert nichts. – Da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären. Denn, was etwa verborgen ist, interessiert uns nicht. “Philosophie” könnte man auch das nennen, was vor allen neuen Entdeckungen und Erfindungen möglich ist.

125 126 Philosophy simply presents everything and explains and infers nothing. – Since everything lies open, there is nothing to explain. For what may be hidden does not interest us. “Philosophy” could also be called what is possible before all new discoveries and inventions.

§Ts-227a

89[5]

127 Die Arbeit des Philosophen ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck.

127 The work of the philosopher is a gathering of memories for a specific purpose.

§Ts-227a

89[6]

128 Wollte man Thesen in der Philosophie aufstellen, es könnte nie über sie zur Diskussion kommen, weil Alle mit ihnen einverstanden wären.

128 If one wanted to put forward theses in philosophy, it would never come up for discussion, because everyone would agree with them.

§Ts-227a

89[7] &
90[1]

129 Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken,– weil man es immer offen vor Augen hat.) Die eigentlichen Grundlagen seiner Forschung fallen dem Menschen gar nicht auf. Es sei denn, daß ihm dies einmal aufgefallen ist. – Und das heißt: das, was, einmal gesehen, das Auffallendste und Stärkste ist, fällt uns nicht auf.

129 The most important aspects of things for us are hidden by their simplicity and everyday nature. (One cannot notice it, – because one always has it in plain sight.) The actual foundations of his research do not strike the person at all. Unless this has struck him once. – And that means: what, once seen, is the most striking and strongest, does not strike us.

§Ts-227a

90[2]

130 Unsere klaren und einfachen Sprachspiele sind nicht Vorstudien zu einer künftigen Reglementierung der Sprache,– gleichsam erste Annäherungen, ohne Berücksichtigung der Reibung und des Luftwiderstands. Vielmehr stehen die Sprachspiele da als Vergleichsobjekte, die durch Ähnlichkeit und Unähnlichkeit ein Licht in die Verhältnisse unsrer Sprache werfen sollen.

130 Our clear and simple language-games are not preliminary studies for a future regulation of language, – as if they were first approximations, without taking into account the friction and air resistance. Rather, the language-games stand there as objects of comparison, which, through similarity and dissimilarity, are intended to shed light on the relationships of our language.

§Ts-227a

90[3]

131 Nur so nämlich können wir der Ungerechtigkeit, oder Leere unserer Behauptungen entgehen, indem wir das Vorbild als das, was es ist, als Vergleichsobjekt – sozusagen als Maßstab – hinstellen; und nicht als das Vorurteil, dem die Wirklichkeit entsprechen müsse. (Der Dogmatismus, in den wir beim Philosophieren so leicht verfallen.)

131 Only in this way can we escape the injustice, or emptiness, of our assertions, by placing the model as what it is, as an object of comparison – as it were, as a standard; and not as the prejudice to which reality must correspond. (The dogmatism into which we so easily fall when philosophizing.)

§Ts-227a

90[4] &
91[1]

132 Wir wollen in unserm Wissen vom Gebrauch der Sprache eine Ordnung herstellen: eine Ordnung zu einem bestimmten Zweck; eine von vielen möglichen Ordnungen; nicht die Ordnung. Wir werden zu diesem Zweck immer wieder Unterscheidungen hervorheben, die unsre gewöhnlichen Sprachformen leicht übersehen lassen. Dadurch kann es den Anschein gewinnen, als sähen wir es als unsre Aufgabe an, die Sprache zu reformieren. So eine Reform für bestimmte praktische Zwecke, die Verbesserung unsrer Terminologie zur Vermeidung von Mißverständnissen im praktischen Gebrauch, ist wohl möglich. Aber das sind nicht die Fälle, mit denen wir es zu tun haben. Die Verwirrungen, die uns beschäftigen, entstehen gleichsam, wenn die Sprache leerläuft, nicht wenn sie arbeitet.

132 We want to establish an order in our knowledge of the use of language: an order for a specific purpose; one of many possible orders; not the order. For this purpose, we will again and again emphasize distinctions that our ordinary forms of language easily let us overlook. This may give the impression that we see it as our task to reform language. Such a reform for specific practical purposes, the improvement of our terminology to avoid misunderstandings in practical use, is certainly possible. But these are not the cases with which we have to deal. The confusions that concern us arise, as it were, when language runs empty, not when it works.

§Ts-227a

91[2] &
90a[1]

133 Wir wollen nicht das Regelsystem für die Verwendung unserer Worte in unerhörter Weise verfeinern oder vervollständigen. Denn die Klarheit, die wir anstreben, ist allerdings eine vollkommene. Aber das heißt nur, daß die philosophischen Probleme vollkommen verschwinden sollen. Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, mit dem Philosophieren aufzuhören, wann ich will. – Die die Philosophie zur Ruhe bringt, sodaß sie nicht mehr von Fragen gepeitscht wird, die sie selbst in Frage stellen. – Sondern es wird nun an Beispielen eine Methode gezeigt, und die Reihe dieser Beispiele kann man abbrechen. ‒ ‒ Es werden Probleme gelöst (Schwierigkeiten beseitigt), nicht ein Problem. Es gibt nicht eine Methode in der Philosophie, wohl aber gibt es Methoden, gleichsam verschiedene Therapien.

133 We do not want to refine or complete the system of rules for the use of our words in an unheard-of way. For the clarity that we strive for is indeed a perfect one. But this only means that the philosophical problems should perfectly disappear. The real discovery is the one that makes me capable of stopping philosophizing whenever I want. – The one that brings philosophy to rest, so that it is no longer tormented by questions that it itself calls into question. – Rather, a method is now demonstrated through examples, and the series of these examples can be broken off. – – Problems are solved (difficulties are removed), not a problem. There is not one method in philosophy, but there are methods, as it were, different therapies.

§Ts-227b

91[3] &
90a[1]

Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, das Philosophieren abzubrechen, wann ich will. – Die die Philosophie zur Ruhe bringt, so daß sie nicht mehr von Fragen gepeitscht wird, die sie selbst in Frage stellen. – Sondern es wird nun an Beispielen eine Methode gezeigt, und die Reihe dieser Beispiele kann man abbrechen. ‒ ‒ Es werden Probleme gelöst (Schwierigkeiten beseitigt), nicht ein Problem.

Es gibt nicht eine Methode in der Philosophie, wohl aber gibt es Methoden, gleichsam verschiedene Therapien.

133 The real discovery is the one that makes me capable of stopping philosophizing whenever I want. – The one that brings philosophy to rest, so that it is no longer tormented by questions that it itself calls into question. – Rather, a method is now shown through examples, and the series of these examples can be stopped. ‒ ‒ Problems are solved (difficulties are removed), not a problem.

There is not one method in philosophy, but there are methods, as it were, different therapies.

§Ts-227a

91[3] &
92[1]

134 Betrachten wir den Satz: “Es verhält sich so und so.” – wie kann ich sagen, dies sei die allgemeine Form jedes Satzes? – Es ist vor allem selbst ein Satz, ein deutscher Satz, denn es hat Subjekt und Prädikat. Wie aber wird dieser Satz angewendet – in unsrer alltäglichen Sprache nämlich? Denn nur daher habe ich ihn ja genommen. Wir sagen z.B.: Er erklärte mir seine Lage, sagte, es verhält sich so und so und ich brauche daher einen Vorschuß.” Man kann also insofern sagen, jener Satz stünde für irgendwelche Aussagen. Er wird als Satzschema verwendet; aber das nur, weil er den Bau eines deutschen Satzes hat. Man könnte statt seiner ohneweiters auch sagen: “das und das ist der Fall”, oder “so und so liegen die Sachen”, etc. Man könnte auch, wie in der symbolischen Logik bloß einen Buchstaben, eine Variable gebrauchen. Aber den Buchstaben ‘p’ wird doch niemand die allgemeine Form eines Satzes nennen. Wie gesagt: “Es verhält sich so und so” war dies nur dadurch, daß es selbst das ist, was man einen deutschen Satz nennt. Aber obschon es ein Satz ist, so hat es doch nur als Satzvariable Verwendung. Zu sagen, dieser Satz stimme mit der Wirklichkeit überein (oder nicht überein) wäre offenbarer Unsinn und er illustriert also dies, daß ein Merkmal unseres Begriffs vom Satz der Satzklang ist.

134 Let us consider the sentence: “It is so and so.” – How can I say that this is the general form of every sentence? – It is primarily itself a sentence, a German sentence, for it has a subject and a predicate. But how is this sentence applied – in our everyday language, namely? For it is only from there that I have taken it. We say, for example: “He explained his situation to me, said that it was so and so, and that is why I need an advance.” So one can say, in a sense, that this sentence stands for any statements. It is used as a sentenceschema; but that is only because it has the structure of a German sentence. One could also say instead of it: “this and that is the case,” or “so and so are the things,” etc. One could also, as in symbolic logic, simply use a letter, a variable. But no one would call the letter ‘p’ the general form of a sentence. As I said: “It is so and so” was only that because it is itself what one calls a German sentence. But even though it is a sentence, it is only used as a sentence variable. To say that this sentence corresponds to reality (or does not correspond to reality) would be obvious nonsense, and it thus illustrates that a characteristic of our concept of the sentence is the sentence sound.

§Ts-227a

92[2] &
93[1]

135 Aber haben wir denn nicht einen Begriff davon, was ein Satz ist, was wir unter “Satz” verstehen? – Doch; sofern wir auch einen Begriff davon haben, was wir unter “Spiel” verstehen. Gefragt, was ein Satz ist – ob wir nun einem Andern antworten sollen, oder uns selbst – werden wir Beispiele angeben und unter diesen auch, was man induktive Reihen von Sätzen nennen kann; nun, auf diese Weise haben wir einen Begriff vom Satz. (Vergleiche den Begriff des Satzes mit dem Begriff der Zahl!)

135 But do we not have a concept of what a sentence is, of what we understand by “sentence”? – Yes, insofar as we also have a concept of what we understand by “game.” When asked what a sentence is – whether we are to answer someone else, or ourselves – we will give examples and include among them what one can call inductive series of sentences; well, in this way we have a concept of the sentence. (Compare the concept of the sentence with the concept of the number!)

§Ts-227a

93[2] &
94[1]

136 Im Grunde ist die Angabe von “Es verhält sich so und so” als allgemeine Form des Satzes das gleiche, wie die Erklärung: ein Satz sei alles, was wahr oder falsch sein könne. Denn, statt “Es verhält sich …” hätte ich auch sagen können: “Das und das ist wahr”. (Aber auch: “Das und das ist falsch”.) Nun ist aber ‘p’ ist wahr = p ‘p’ ist falsch = nicht-p.

Und zu sagen, ein Satz sei alles, was wahr oder falsch sein könne, kommt darauf hinaus: Einen Satz nennen wir das, worauf wir in unserer Sprache den Kalkül der Wahrheitsfunktionen anwenden. Es scheint nun, als bestimmte die Erklärung – Satz sei dasjenige, was wahr oder falsch sein könne – was ein Satz ist, indem sie sage: Was zum Begriff ‘wahr’ paßt, oder, worauf der Begriff ‘wahr’ paßt, das ist ein Satz. Es ist also so, als hätten wir einen Begriff von wahr und falsch, mit dessen Hilfe wir nun bestimmen können, was ein Satz ist und was keiner. Was in den Begriff der Wahrheit eingreift, (wie in ein Zahnrad), das ist ein Satz. Aber das ist ein falsches Bild. Es ist, als sagte man: “Schachkönig ist die Figur, der man Schach ansagen kann”. Aber das kann doch nur heißen, daß wir in unserm Schachspiel nur dem König Schach geben. So wie der Satz, daß nur ein Satz wahr sein könne, nur sagen kann, daß wir “wahr” und “falsch” nur von dem prädizieren, was wir einen Satz nennen. Und was ein Satz ist, ist in einem Sinne bestimmt durch die Regeln des Satzbaus (der deutschen Sprache z.B.), in einem andern Sinne durch den Gebrauch des Zeichens im Sprachspiel. Und der Gebrauch der Wörter “wahr” und “falsch” kann auch ein Bestandteil dieses Spiels sein; und dann gehört er für uns zum Satz, aber er ‘paßt’ nicht zu ihm. Wie wir auch sagen können, daß Schachgeben gehöre zu unserm Begriff vom Schachkönig (gleichsam als ein Bestandteil desselben). Zu sagen, das Schachgeben passe nicht auf unsern Begriff von den Bauern, würde heißen, daß ein Spiel, in welchem den Bauern Schach gegeben wird, in welchem etwa der verliert, der seine Bauern verliert,– daß ein solches Spiel uninteressant wäre, oder dumm, oder zu kompliziert, oder dergleichen.

136 Basically, stating that “It is so and so” is the general form of a sentence is the same as the explanation: a sentence is everything that can be true or false. For instead of “It is so and so,” I could also have said: “This and that is true.” (But also: “This and that is false.”) Now, however, ‘p’ is true = p, ‘p’ is false = not-p.

And to say that a sentence is everything that can be true or false amounts to this: we call a sentence what we in our language apply the calculus of truth-functions to. It seems now as if the explanation – a sentence is that which can be true or false – determines what a sentence is by saying: what fits the concept of ‘true,’ or what the concept of ‘true’ fits, that is a sentence. So it is as if we have a concept of true and false, with the help of which we can now determine what a sentence is and what is not. What is involved in the concept of truth (as in a cogwheel), that is a sentence. But this is a false picture. It is as if one said: “The chess king is the piece to which one can announce check.” But this can only mean that in our chess game we only give check to the king. Just as the sentence that only a sentence can be true can only say that we predicate “true” and “false” only of what we call a sentence. And what a sentence is is determined in one sense by the rules of sentence construction (of the German language, for example), and in another sense by the use of the sign in the language-game. And the use of the words “true” and “false” can also be a part of this game; and then it belongs to us as part of the sentence, but it does not ‘fit’ it. Just as we can say that giving check belongs to our concept of the chess king (as if it were a part of it). To say that giving check does not ‘fit’ our concept of the pawns would mean that a game in which the pawns are given check, in which, for example, the one who loses his pawns loses, – that such a game would be uninteresting, or silly, or too complicated, or the like.

§Ts-227a

94[2] &
95[1]

137 Wie ist es denn, wenn wir das Subjekt im Satz bestimmen lernen durch die Frage “Wer oder was …?” – Hier gibt es doch ein ‘Passen’ des Subjekts zu dieser Frage; denn wie erführen wir sonst durch die Frage, was das Subjekt ist? Wir erfahren es in ähnlicher Weise, wie wir erfahren, welcher Buchstabe im Alphabet nach dem ‘K’ kommt, indem wir uns das Alphabet bis zum ‘K’ hersagen. In wiefern paßt nun das ‘L’ zu jener Buchstabenreihe? – Und insofern könnte man auch sagen, “wahr” und “falsch” passe zum Satz; und man könnte ein Kind lehren, Sätze von andern Ausdrücken zu unterscheiden, indem man ihm sagt: “Frag dich, ob du danach sagen kannst ‘ist wahr’. – Wenn diese Worte passen, so ist es ein Satz.” (Und ebenso hätte man sagen können: Frage dich, ob du davor die Worte “Es verhält sich so:” setzen kannst.)

137 What is it like when we learn to determine the subject in a sentence by asking the question “Who or what…?” – Here, there is indeed a ‘fitting’ of the subject to this question; for how else do we learn from the question what the subject is? We learn it in a similar way to how we learn which letter in the alphabet comes after ‘K’, by reciting the alphabet up to ‘K’. In what way does ‘L’ fit into that series of letters? – And insofar, one could also say that “true” and “false” fit the sentence; & one could teach a child to distinguish sentences from other expressions by telling him: “Ask yourself whether you can then say ‘is true’. – If these words fit, then it is a sentence.” (And similarly, one could have said: Ask yourself whether you can put the words “It is the case that” before it.)

§Ts-227a

95[2]

138 Kann denn aber nicht die Bedeutung eines Worts, die ich verstehe, zum Sinn des Satzes, den ich verstehe, passen? Oder die Bedeutung eines Worts zur Bedeutung eines andern? ‒ ‒ Freilich, wenn die Bedeutung der Gebrauch ist, den wir vom Wort machen, dann hat es keinen Sinn, von so einem Passen zu reden. Nun verstehen wir aber die Bedeutung eines Wortes, wenn wir es hören, oder aussprechen; wir erfassen sie mit einem Schlage; und was wir so erfassen, ist doch etwas Andres, als der in der Zeit ausgedehnte ‘Gebrauch’!

138 But can the meaning of a word, which I understand, not fit the sense of the sentence that I understand? Or the meaning of one word to the meaning of another? – Indeed, if the meaning is the use we make of the word, then it makes no sense to talk of such a fitting. But we understand the meaning of a word when we hear it, or say it; we grasp it at a single stroke; and what we grasp in this way is something different from the use that extends over time!

§Ts-227a

94a[2]

139 b) Muß ich wissen, ob ich ein Wort verstehe? Geschieht es nicht auch, daß ich mir einbilde, ein Wort zu verstehen (nicht anders, als eine Rechnungsart zu verstehen) und nun daraufkomme, daß ich es nicht verstanden habe? (Ich habe geglaubt, ich weiß, was ‘relative’ und ‘absolute’ Bewegung heißt, aber ich sehe, ich weiß es nicht.”)

b) Must I know whether I understand a word? Does it not also happen that I imagine I understand a word (not differently from understanding a method of calculation) and then realize that I have not understood it? (I thought I knew what ‘relative’ and ‘absolute’ motion meant, but I see, I do not know it.”)

§Ts-227a

95[3] &
96[1]

Wenn mir jemand z.B. das Wort “Würfel” sagt, so weiß ich, was es bedeutet. Aber kann mir denn die ganze Verwendung des Wortes vorschweben, wenn ich es so verstehe? Ja, wird aber anderseits die Bedeutung des Worts nicht auch durch diese Verwendung bestimmt? Und können sich diese Bestimmungen nun widersprechen? Kann, was wir so mit einem Schlage erfassen, mit einer Verwendung übereinstimmen, zu ihr passen, oder nicht zu ihr passen? Und wie kann das, was uns in einem Augenblicke gegenwärtig ist, was uns in einem Augenblicke vorschwebt, zu einer Verwendung passen? Was ist es denn eigentlich, was uns vorschwebt, wenn wir ein Wort verstehen? – Ist es nicht etwas, wie ein Bild? Kann es nicht ein Bild sein? Nun nimm an, beim Hören des Wortes “Würfel” schwebt dir ein Bild vor. Etwa die Zeichnung eines Würfels. In wiefern kann dies Bild zu einer Verwendung des Wortes “Würfel” passen, oder nicht zu ihr passen? – Vielleicht sagst du: “das ist einfach;– wenn mir dieses Bild vorschwebt und ich zeige z.B. auf ein dreieckiges Prisma und sage, dies sei ein Würfel, so paßt diese Verwendung nicht zum Bild.” – Aber paßt sie nicht? Ich habe das Beispiel absichtlich so gewählt, daß es ganz leicht ist, sich eine Projektionsmethode vorzustellen, nach welcher das Bild nun doch paßt. Das Bild des Würfels legte uns allerdings eine gewisse Verwendung nahe, aber ich konnte es auch anders verwenden.

139 If someone says the word “cube” to me, for example, I know what it means. But can I really have the entire use of the word in mind when I understand it in this way? Yes, but on the other hand, isn't the meaning of the word also determined by this use? And can these determinations now contradict each other? Can what we grasp at a glance agree with a use, fit it, or not fit it? And how can what is present to us in a single moment, what floats before us in a single moment, fit a use? What exactly is it that floats before us when we understand a word? – Isn't it something like a picture? Can't it be a picture it? Now suppose that when you hear the word “cube,” a picture floats before you. Perhaps a drawing of a cube. In what way can this picture fit a use of the word “cube,” or not fit it? – Perhaps you say: “It’s simple; if this picture floats before me and I point, for example, to a triangular prism and say that this is a cube, then this use does not fit the picture.” – But doesn't it fit? I chose this example deliberately so that it is very easy to imagine a projection method according to which the picture does indeed fit. The picture of the cube certainly suggested a certain use to us, but I could also use it differently.

§Ts-227a

95a[2]

140 a) “Ich glaube das richtige Wort in diesem Fall ist …” Zeigt das nicht, daß die Bedeutung des Worts ein Etwas ist, das uns vorschwebt, und das gleichsam das genaue Bild ist, das wir hier brauchen wollen? Denke, ich wählte zwischen den Wörtern “stattlich”, “würdevoll”, “stolz”, “Achtung gebietend”; ist es nicht, als ob ich zwischen den Bildern in einer Mappe wählte? – Nein; daß man vom treffenden Wort redet, zeigt nicht die Existenz eines Etwas, welches etc.. Vielmehr ist man geneigt, von jenem bildartigen Wesen zu sprechen, weil man ein Wort als treffend empfinden kann; zwischen Worten oft, wie zwischen ähnlichen, aber doch nicht gleichen Bildern, wählt; weil man Bilder oft statt Wörtern, oder zur Illustration von Wörtern gebraucht; etc..

b) Ich sehe ein Bild: es stellt einen alten Mann dar, der auf einen Stock gestützt einen steilen Weg aufwärts geht. – Und wie das? Konnte es nicht auch so aussehen, wenn er in dieser Stellung die Straße hinunter rutschte? Ein Marsbewohner würde das Bild vielleicht so beschreiben. Ich brauche nicht zu erklären, warum wir es nicht so beschreiben.

a) “I think the right word in this case is…” Does this not show that the meaning of the word is something that floats before us, and which is, as it were, the exact picture that we want to use here? Suppose I choose between the words “stately,” “dignified,” “proud,” “commanding respect”; is it not as if I am choosing between pictures in a folder? – No; the fact that one speaks of the fitting word does not show the existence of something, which etc.. Rather, one is inclined to speak of that picture-like essence because one can experience a word as fitting; one often chooses between words as one chooses between similar, but not identical, pictures; because one often uses pictures instead of words, or to illustrate words; etc..

b) I see a picture: it depicts an old man, supported by a cane, walking up a steep path. – And how is that? Could it not also look like this if he were sliding down the street in this position? A Martian would perhaps describe the picture in this way. I do not need to explain why we do not describe it in this way.

§Ts-227b

95a[1]

Ich sehe ein Bild: es stellt einen alten Mann dar, der auf einen Stock gestützt einen steilen Weg aufwärts geht. – Und wie das? Konnte es nicht auch so aussehen, wenn er in dieser Stellung die Straße hinunterrutschte? Ein Marsbewohner würde das Bild vielleicht so beschreiben. Ich brauche nicht zu erklären, warum wir es nicht so beschreiben.

b) I see a picture: it depicts an old man, leaning on a cane, walking up a steep path. – And how is that? Couldn’t it also look like this if he were sliding down the street in this position? A Martian might describe the picture in this way. I don’t need to explain why we don’t describe it that way.

§Ts-227a

96[3] &
97[1]

Welcher Art war dann aber mein Irrtum; der, welchen man so ausdrücken möchte: ich hätte geglaubt, das Bild zwinge mich nun zu einer bestimmten Verwendung? Wie konnte ich denn das glauben? Was habe ich da geglaubt? Gibt es denn ein Bild, oder etwas einem Bild Ähnliches, das uns zu einer bestimmten Anwendung zwingt, und war mein Irrtum also eine Verwechslung? – Denn wir könnten geneigt sein, uns auch so auszudrücken: wir seien höchstens unter einem psychologischen Zwang, aber unter keinem logischen. Und da scheint es ja völlig, als kennten wir zweierlei Fälle. Was tat denn mein Argument? Es machte darauf aufmerksam (erinnerte uns daran) daß wir unter Umständen bereit wären, auch einen andern Vorgang “Anwendung des Würfelbildes” zu nennen, als nur den, an welchen wir ursprünglich gedacht hatten. Unser ‘Glaube, das Bild zwinge uns zu einer bestimmten Anwendung’, bestand also darin, daß uns nur der eine Fall und kein andrer einfiel. “Es gibt auch eine andere Lösung heißt: es gibt auch etwas Anderes, was ich bereit bin “Lösung” zu nennen; worauf ich bereit bin, das und das Bild, die und die Analogie anzuwenden, etc.. Und das Wesentliche ist nun, daß wir sehen, daß uns das Gleiche beim Hören des Wortes vorschweben, und seine Anwendung doch eine andere sein kann. Und hat es dann beide Male die gleiche Bedeutung? Ich glaube, das werden wir verneinen.

140 What kind of mistake was it, then; the one that one might express as follows: I believed that the picture now compels me to a certain use? How could I believe that? What did I believe? Is there a picture, or something similar to a picture, that compels us to a certain application, and was my mistake therefore a confusion? – For we might be inclined to express ourselves thus: we are at most under a psychological compulsion, but not under a logical one. And it seems quite as if we know two different cases. What did my argument do? It drew attention to (reminded us of) the fact that we might also be prepared to call another process “application of the cube image,” and not only the one that we originally had in mind. Our ‘belief that the picture compels us to a certain application’ therefore consisted in the fact that only one case occurred to us and no other. “There is also another solution” means: there is also something else that I am prepared to call “solution”; something to which I am prepared to apply this and that picture, this and that analogy, etc. And the essential thing is now that we see that the same thing floats before us when we hear the word, and yet its application can be different. And does it then have the same meaning in both cases? I believe that we will deny this.

§Ts-227a

97[2] &
98[1]

141 Aber wie, wenn uns nicht einfach das Bild des Würfels, sondern dazu auch die Projektionsmethode vorschwebt? ‒ ‒ Wie soll ich mir das denken? – Etwa so, daß ich ein Schema der Projektionsart vor mir sehe. Ein Bild etwa, das zwei Würfel zeigt durch Projektionsstrahlen miteinander verbunden. – Aber bringt mich denn das wesentlich weiter? Kann ich mir nun nicht auch verschiedene Anwendungen dieses Schemas denken?! ‒ ‒ Ja aber kann mir denn also nicht eine Anwendung vorschweben?– Doch; nur müssen wir uns über unsre Anwendung dieses Ausdrucks klarer werden. Nimm an, ich setze jemandem verschiedene Projektionsmethoden auseinander, damit er sie dann anwende; und fragen wir uns, in welchem Falle wir sagen werden, es schwebe ihm die Projektionsmethode vor, welche ich meine. Wir erkennen dafür nun offenbar zweierlei Kriterien an: Einerseits das Bild (welcher Art immer es sei) welches ihm zu irgendeiner Zeit vorschwebt; anderseits die Anwendung, die er – im Laufe der Zeit – von dieser Vorstellung macht. (Und ist es hier nicht klar, daß es durchaus unwesentlich ist, daß dieses Bild ihm in der Phantasie vorschwebt, und nicht vielmehr als eine Zeichnung vor ihm liegt, oder als Modell; oder auch von ihm als Modell hergestellt wird?) Können nun Bild und Anwendung kollidieren? Nun, sie können insofern kollidieren, als uns das Bild eine andere Verwendung erwarten läßt; weil die Menschen im allgemeinen von diesem Bild diese Anwendung machen. Ich will sagen: Es gibt hier einen normalen Fall und abnormale Fälle.

141 But how, if not simply the image of the cube, but also the method of projection, is what we have in mind? — How am I to think about this? — Perhaps something like this: I see a diagram of the type of projection before me. An image, for example, that shows two cubes connected by projection rays. — But does this essentially take me any further? Can I not also think of different applications of this diagram?! — Yes, but can I not have an application in mind? — Yes; only we must become clearer about our use of this expression. Suppose I explain various methods of projection to someone, so that he can then apply them; and let us ask ourselves, in which case will we say that the method of projection that I mean is what he has in mind. We now recognize two criteria for this: on the one hand, the image (of whatever kind it may be) that is in his mind at some time; on the other hand, the application that he makes of this image over time. (And is it not clear here that it is quite immaterial that this image is in his imagination, and not rather that it is a drawing before him, or a model; or that it is made by him as a model?) Can image and application now conflict? Well, they can conflict in so far as the image leads us to expect a different use; because people in general make this application of this image. I mean: there is a normal case and abnormal cases.

§Ts-227a

98[2] &
99[1] &
98a[1]

142 Nur in normalen Fällen ist der Gebrauch der Worte uns klar vorgezeichnet; wir wissen, haben keinen Zweifel, was wir in diesem oder jenem Fall zu sagen haben. Je abnormaler der Fall, desto zweifelhafter wird es, was wir nun hier sagen sollen. Und verhielten sich die Dinge ganz anders, als sie sich tatsächlich verhalten‒ ‒gäbe es z.B. keinen charakteristischen Ausdruck des Schmerzes, der Furcht, der Freude; würde, was Regel ist, Ausnahme und was Ausnahme, zur Regel; oder würden beide zu Erscheinungen von ungefähr gleicher Häufigkeit ‒ ‒ so verlören unsere normalen Sprachspiele damit ihren Witz. – Die Prozedur, ein Stück Käse auf die Waage zu legen und nach dem Ausschlag der Waage den Preis zu bestimmen, verlöre ihren Witz, wenn es häufiger vorkäme, daß solche Stücke ohne offenbare Ursache plötzlich anwüchsen, oder einschrumpften . Was wir zur Erklärung der Bedeutung, ich meine der Wichtigkeit, eines Begriffs sagen müssen, sind oft außerordentlich allgemeine Naturtatsachen. Solche, die wegen ihrer großen Allgemeinheit kaum je erwähnt werden. Diese Bemerkung wird klarer werden, wenn wir über Dinge, wie das Verhältnis des Ausdrucks zum Gefühl und Ähnliches reden werden.

142 Only in normal cases is the use of words clearly laid out for us; we know, have no doubt, what we have to say in this or that case. The more abnormal the case, the more doubtful it becomes as to what we are to say here. And if things were very different from how they actually are—for example, if there were no characteristic expression of pain, fear, or joy; if what is a rule became the exception, and what is the exception became the rule; or if both became phenomena of roughly equal frequency—then our normal language-games would lose their point. The procedure of placing a piece of cheese on the scales and determining the price according to the scales’ reading would lose its point if it were more common for such pieces to suddenly grow or shrink without any obvious cause. What we have to say in explanation of the meaning, I mean the importance, of a concept are often extraordinarily general facts of nature. Facts that, because of their great generality, are hardly ever mentioned. This remark will become clearer when we talk about things such as the relationship between expression and feeling, and so on.

§Ts-227b

98a[1]

143 Was wir zur Erklärung der Bedeutung, ich meine der Wichtigkeit, eines Begriffs sagen müssen, sind oft außerordentlich allgemeine Naturtatsachen. Solche, die wegen ihrer großen Allgemeinheit kaum je erwähnt werden.

1 What we have to say in order to explain the meaning, or rather the importance, of a concept, are often extraordinarily general facts of nature. Such facts, because of their great generality, are hardly ever mentioned.

§Ts-227a

99[2] &
100[1]

Betrachten wir nun diese Art von Sprachspiel: B soll auf den Befehl des A Reihen von Zeichen niederschreiben nach einem bestimmten Bildungsgesetz. Die erste dieser Reihen soll die sein der natürlichen Zahlen im Dezimalsystem. – Wie lernt er dieses System verstehen? – Zunächst werden ihm Zahlenreihen vorgeschrieben und er wird angehalten, sie nachzuschreiben. (Stoße dich nicht an dem Wort “Zahlenreihen”, es ist hier nicht unrichtig verwendet!) Und schon hier gibt es eine normale und eine abnormale Reaktion des Lernenden. – Wir führen ihm etwa zuerst beim Nachschreiben der Reihe 0 bis 9 die Hand; dann aber wird die Möglichkeit der Verständigung daran hängen, daß er nun selbständig weiterschreibt. – Und hier können wir uns, z.B., denken, daß er nun zwar selbständig Ziffern kopiert, aber nicht nach der Reihe, sondern regellos einmal die, einmal die. Und dann hört da die Verständigung auf. – Oder aber er macht ‘Fehler’ in der Reihenfolge. – Der Unterschied zwischen diesem und dem ersten Fall ist natürlich einer der Häufigkeit. – Oder: er macht einen ‘systematischen Fehler’, er schreibt z.B. immer nur jede zweite Zahl nach; oder er kopiert die Reihe 0, 1, 2, 3, 4, 5, … so: 1, 0, 3, 2, 5, 4, … Hier werden wir beinahe versucht sein, zu sagen, er habe uns falsch verstanden. Aber merke: Es gibt keine scharfe Grenze zwischen einem regellosen und einem systematischen Fehler. D.h., zwischen dem, was du einen “regellosen”, und dem, was du einen “systematischen Fehler” zu nennen geneigt bist. Man kann ihm nun vielleicht den systematischen Fehler abgewöhnen (wie eine Unart). Oder, man läßt seine Art des Kopierens gelten und trachtet, ihm die normale Art als eine Abart, Variation, der seinigen beizubringen. – Und auch hier kann die Lernfähigkeit unseres Schülers abbrechen.

143 Let us now consider this type of language-game: A instructs B to write down sequences of signs according to a specific rule. The first of these sequences should be the sequence of natural numbers in the decimal system. – How does he learn to understand this system? – First, he is given sequences of numbers and is asked to copy them. (Don't be bothered by the word “sequences of numbers”; it is not used incorrectly here!) And even here, there is a normal and an abnormal reaction from the learner. – For example, we might first guide his hand while copying the sequence from 0 to 9; but the possibility of communication will depend on whether he can now continue independently. – And here we can, for example, imagine that he now copies the digits independently, but not according to the sequence, but in a random manner, sometimes this one, sometimes that one. And then there communication stops. – Or he makes ‘mistakes’ in the sequence. – The difference between this and the first case is, of course, one of frequency. – Or: he makes a ‘systematic’ mistake; for example, he always copies only every second number; or he copies the sequence 0, 1, 2, 3, 4, 5, … as follows: 1, 0, 3, 2, 5, 4, … Here we are almost tempted to say that he has misunderstood us. But note: there is no sharp boundary between a random and a systematic mistake. That is, between what you are inclined to call a “random” mistake and what you are inclined to call a “systematic” mistake. One can perhaps teach him to avoid the systematic mistake (as if it were a bad habit). Or, one can accept his way of copying and try to teach him the normal way as a variation of his own. – And also here, the learner's ability to learn may come to an end.

§Ts-227a

100[2] &
101[1]

144 Was meine ich denn, wenn ich sage “hier kann die Lernfähigkeit des Schülers abbrechen”? Teile ich das aus meiner Erfahrung mit? Natürlich nicht! (Auch wenn ich so eine Erfahrung gemacht hätte.) Und was tue ich denn mit jenem Satz? Ich möchte doch, daß du sagst: “Ja, es ist wahr, das könnte man sich auch denken, das könnte auch geschehen!” Aber wollte ich Einen darauf aufmerksam machen, daß er imstande ist, sich dies vorzustellen? ‒ ‒ Ich wollte dies Bild vor seine Augen stellen, und seine Anerkennung dieses Bildes besteht darin, daß er nun geneigt ist, einen gegebenen Fall anders zu betrachten: nämlich ihn mit dieser Bilderreihe zu vergleichen. Ich habe seine Anschauungsweise geändert. [Indische Mathematiker: “sieh dies an!”]

144 What do I mean when I say that “here the learner’s ability to learn may come to an end”? Do I share this from my experience? Of course not! (Even if I had such an experience.) And what do I do with that sentence? I want you to say: “Yes, it is true; one could also think that, it could also happen!” But did I want to draw attention to the fact that he is able to imagine this? ‒ ‒ I wanted to present this picture before his eyes, and his recognition of this picture consists in the fact that he is now inclined to consider a given case differently: namely, to compare it with this series of pictures. I have changed his perspective. [Indian mathematicians: “look at this!”]

§Ts-227a

101[2]

145 Der Schüler schreibe nun die Reihe 0 bis 9 zu unsrer Zufriedenheit. – Und dies wird nur der Fall sein, wenn ihm dies oft gelingt, nicht, wenn er es einmal unter hundert Versuchen richtig macht. Ich führe ihn nun weiter in der Reihe und lenke seine Aufmerksamkeit auf die Wiederkehr der ersten Reihe in den Einern; dann auf diese Wiederkehr in den Zehnern. (Was nur heißt, daß ich gewisse Betonungen anwende, Zeichen unterstreiche, in der und der Weise untereinander schreibe, und dergleichen). – Und nun setzt er einmal die Reihe selbständig fort,– oder er tut es nicht. – Aber warum sagst du das; das ist selbstverständlich! – Freilich; ich wollte nur sagen: die Wirkung jeder weiteren Erklärung hänge von seiner Reaktion ab. Aber nehmen wir nun an, er setzt, nach einigen Bemühungen des Lehrers, die Reihe richtig fort, d.h. so, wie wir es tun. Nun können wir also sagen: er beherrscht das System. – Aber wie weit muß er die Reihe richtig fortsetzen, damit wir das mit Recht sagen können? Es ist klar: du kannst hier keine Begrenzung angeben.

145 The student now writes the sequence from 0 to 9 to our satisfaction. – And this will only be the case if he succeeds in doing so often, not if he gets it right once out of a hundred attempts. I now continue with the sequence and draw his attention to the recurrence of the first sequence in the units; then to this recurrence in the tens. (Which only means that I apply certain emphases, underline signs, write them in a certain way under each other, and so on). – And now he either continues the sequence independently, or he does not. – But why do you say that; that is self-evident! – Indeed; I only wanted to say: the effect of any further explanation depends on his reaction. But let us now assume that, after some efforts by the teacher, he continues the sequence correctly, i.e., in the way we do. We can now say: he has mastered the system. – But how far must he continue the sequence correctly in order for us to be able to say this with justification? It is clear: you cannot specify any limit here.

§Ts-227a

101[3] &
102[1]

146 Wenn ich nun frage: “Hat er das System verstanden, wenn er die Reihe hundert Stellen weit fortsetzt?” Oder – wenn ich in unserm primitiven Sprachspiel nicht von ‘verstehen’ reden soll: Hat er das System inne, wenn er die Reihe bis dorthin richtig fortsetzt? – Da wirst du vielleicht sagen: Das System innehaben (oder auch, verstehen) kann nicht darin bestehen, daß man die Reihe bis zu dieser, oder bis zu jener Zahl fortsetzt; das ist nur die Anwendung des Verstehens. Das Verstehen selbst ist ein Zustand, woraus die richtige Verwendung entspringt. Und an was denkt man da eigentlich? Denkt man nicht an das Ableiten einer Reihe aus ihrem algebraischen Ausdruck? Oder doch an etwas dem Analoges? – Aber da waren wir ja schon einmal. Wir können uns ja eben mehr als eine Anwendung eines algebraischen Ausdrucks denken; und jede Anwendungsart kann zwar wieder algebraisch niedergelegt werden, aber dies führt uns, selbstverständlich nicht weiter. – Die Anwendung bleibt ein Kriterium des Verständnisses.

146 If I now ask: “Has he understood the system if he continues the sequence for a hundred terms?” Or – if I shouldn’t speak of ‘understanding’ in our primitive language-game: Does he possess the system if he correctly continues the sequence up to there? – You will perhaps say: Possessing the system (or also, understanding) cannot consist in continuing the sequence up to this, or up to that number; that is only the application of understanding. Understanding itself is a state from which the correct use springs. And what does one actually think of here? Does one not think of deriving a series from its algebraic expression? Or something analogous to it? – But we were already there. We can indeed think of more than one application of an algebraic expression; and each type of application can indeed be represented algebraically again, but this does not, of course, take us any further. – The application remains a criterion of understanding.

§Ts-227a

102[2] &
103[1]

147 “Aber wie kann sie das sein? Wenn ich sage, ich verstehe das Gesetz einer Reihe, so sage ich es doch nicht auf Grund der Erfahrung, daß ich bis jetzt den algebraischen Ausdruck so und so angewandt habe! Ich weiß doch von mir selbst jedenfalls, daß ich die und die Reihe meine; gleichgültig, wie weit ich sie tatsächlich entwickelt habe.” – Du meinst also: du weißt die Anwendung des Gesetzes der Reihe, auch ganz abgesehen von einer Erinnerung an die tatsächlichen Anwendungen auf bestimmte Zahlen. Und du wirst vielleicht sagen: “Selbstverständlich! denn die Reihe ist ja unendlich und das Reihenstück, das ich entwickeln konnte, endlich.”

147 “But how can it be that way? When I say that I understand the law of a sequence, I do not do so on the basis of the experience that I have applied the algebraic expression in this way so far! I certainly know of myself that I mean this and that sequence; regardless of how far I have actually developed it.” – So you mean: you know the application of the law of the sequence, even completely independent of a memory of the actual applications to specific numbers. And you will perhaps say: “Of course! because the sequence is infinite and the part of the sequence that I could develop is finite.”

§Ts-227a

103[2]

148 Worin aber besteht dies Wissen? Laß mich fragen: Wann weißt du diese Anwendung? Immer? Tag und Nacht? oder nur während du gerade an das Gesetz der Reihe denkst? D.h.: Weißt du sie, wie du auch das ABC und das Einmaleins weißt; Oder nennst du “Wissen” einen Bewußtheitszustand oder Vorgang – etwa ein An-etwas-denken, oder dergleichen?

148 But what does this knowledge consist of? Let me ask: When do you know this application? Always? Day and night? or only when you are currently thinking about the law of the sequence? That is: Do you know it, as you also know the ABCs and the multiplication table; or do you call a state of consciousness or a process “knowledge” – for example, a thinking-about-something, or something similar?

§Ts-227a

103[3]

149 Wenn man sagt, das Wissen des ABC sei ein Zustand der Seele, so denkt man an den Zustand eines Seelenapparats (etwa unsres Gehirns), mittels welches wir die Äußerungen dieses Wissens erklären. Einen solchen Zustand nennt man eine Disposition. Es ist aber nicht einwandfrei, hier von einem Zustand der Seele zu reden, insofern es für den Zustand zwei Kriterien geben sollte; nämlich ein Erkennen der Konstruktion des Apparates, abgesehen von seinen Wirkungen. (Nichts wäre hier verwirrender, als der Gebrauch der Wörter “bewußt” und “unbewußt” für den Gegensatz von Bewußtseinszustand und Disposition. Denn jenes Wortpaar verhüllt einen grammatischen Unterschied.)

149 If one says that the knowledge of the ABCs is a state of the mind, one thinks of the state of a mental apparatus (for example, our brain), by means of which we explain the utterances of this knowledge. Such a state is called a disposition. But it is not beyond question to speak of a state of the mind here, insofar as there should be two criteria for the state; namely, recognizing the construction of the apparatus, apart from its effects. (Nothing would be more confusing here than the use of the words “conscious” and “unconscious” for the contrast between a state of consciousness and a disposition. Because that pair of words obscures a grammatical difference.)

§Ts-227a

102a[1]

150 a) ‘Ein Wort verstehen’ ein Zustand. Aber ein seelischer Zustand? – Betrübnis, Aufregung, Schmerzen, nennen wir seelische Zustände. Mache diese grammatische Betrachtung: Wir sagen

“Er war den ganzen Tag betrübt”

“Er war den ganzen Tag in großer Aufregung”

“Er hatte seit gestern ununterbrochen Schmerzen”. – Wir sagen auch “Ich verstehe dieses Wort seit gestern”. Aber “ununterbrochen”? – Ja, man kann von einer Unterbrechung des Verstehens reden. Aber in welchen Fällen? Vergleiche: “Wann haben deine Schmerzen nachgelassen?” und “Wann hast du aufgehört, das Wort zu verstehen?”.

a) ‘Understanding a word’ is a state. But a mental state? – Sadness, excitement, pain, let’s call these mental states. Make this grammatical observation: We say

“He was sad all day”

“He was in great excitement all day”

“He had been in uninterrupted pain since yesterday.” – We also say “I have understood this word since yesterday.” But “uninterruptedly”? – Yes, one can speak of an interruption in understanding. But in which cases? Compare: “When did your pain subside?” and “When did you stop understanding the word?”

§Ts-227a

102b[1]

b) Wie, wenn man fragte: Wann kannst du Schach spielen? Immer? oder während du einen Zug machst? Und während jedes Zuges das ganze Schach? – Und wie seltsam, daß Schachspielenkönnen so kurze Zeit braucht und eine Partie soviel länger.

b) How, if one asked: When can you play chess? Always? or while you are making a move? And during each move, the whole of chess? – And how strange that knowing how to play chess takes so little time and a game takes so much longer.

§Ts-227a

103[4]

Die Grammatik des Wortes “wissen” ist offenbar eng verwandt der Grammatik der Worte “können”, “imstande sein”. Aber auch eng verwandt der, des Wortes “verstehen”. (Eine Technik ‘beherrschen’.)

150 The grammar of the word “know” is clearly closely related to the grammar of the words “can,” “able to.” But also closely related to the grammar of the word “understand.” (Mastering a technique.)

§Ts-227a

103[5] &
104[1] &
105[1]

151 Nun gibt es aber auch diese Verwendung des Wortes “wissen”: Wir sagen “Jetzt weiß ich's!” – und ebenso “Jetzt kann ich's!” und “Jetzt versteh ich's!”. Stellen wir uns dieses Beispiel vor: A schreibt Reihen von Zahlen an; B sieht ihm zu und trachtet, in der Zahlenfolge ein Gesetz zu finden. Ist es ihm gelungen, so ruft er: “Jetzt kann ich fortsetzen!”‒ ‒ Diese Fähigkeit, dieses Verstehen ist also etwas, was in einem Augenblick eintritt. Schauen wir also nach: Was ist es, was hier eintritt? – A habe die Zahlen 1, 5, 11, 19, 29 hingeschrieben; da sagt B, jetzt wisse er weiter. Was geschah da? Es konnte verschiedenerlei geschehen sein; z.B.: Während A langsam eine Zahl nach der andern hinsetzte, ist B damit beschäftigt, verschiedene algebraische Formeln an den angeschriebenen Zahlen zu versuchen. Als A die Zahl 19 geschrieben hatte, versuchte B die Formel an=+n1; und die nächste Zahl bestätigte seine Annahme. Oder aber: B denkt nicht an Formeln. Er sieht mit einem gewissen Gefühl der Spannung zu, wie A seine Zahlen hinschreibt; dabei schwimmen ihm allerlei unklare Gedanken im Kopf. Endlich fragt er sich: “Was ist die Reihe der Differenzen?” Er findet: 4, 6, 8, 10 und sagt: Jetzt kann ich weiter. Oder er sieht hin und sagt: “Ja die Reihe kenn' ich”,– und setzt sie fort; wie er's etwa auch getan hätte, wenn A die Reihe 1, 3, 5, 7, 9 hingeschrieben hätte. – Oder er sagt garnichts und schreibt bloß in der Reihe weiter. Vielleicht hatte er eine Empfindung, die man “das ist leicht!” nennen kann. (Eine solche Empfindung ist z.B. die, eines leichten, schnellen Einziehens des Atems, ähnlich wie bei einem gelinden Schreck.)

151 Now, there is also this use of the word “to know”: We say “Now I know!” – and likewise “Now I can!” and “Now I understand!”. Let us imagine this example: A writes sequences of numbers; B watches him and tries to find a rule in the sequence of numbers. If he succeeds, he exclaims: “Now I can continue!” – This ability, this understanding, is therefore something that occurs in a moment. So let us examine: what is it that occurs here? – A has written down the numbers 1, 5, 11, 19, 29; then B says that he now knows how to continue. What happened then? All sorts of things could have happened; e.g.: While A slowly writes down one number after another, B is busy trying out various algebraic formulas on the numbers written down. When A had written the number 19, B tried the formula an=+n1; and the next number confirmed his assumption. Or else: B does not think of formulas. He watches with a certain feeling of suspense as A writes down his numbers; meanwhile, all sorts of unclear thoughts swim through his head. Finally, he asks himself: “What is the sequence of differences?” He finds: 4, 6, 8, 10 and says: Now I can continue. Or he looks and says: “Yes, this sequence I know,” – and continues it; as he might have done even if A had written down the sequence 1, 3, 5, 7, 9. – Or he says nothing and simply continues the sequence. Perhaps he had a sensation that one could call “this is easy!”. (Such a sensation is, for example, that of a light, quick intake of breath, similar to a mild fright.)

§Ts-227a

105[2]

152 Aber sind denn diese Vorgänge, die ich da beschrieben habe, das Verstehen? “B versteht das System der Reihe” heißt doch nicht einfach: B fällt die Formel “an=” ein! Denn es ist sehr wohl denkbar, daß ihm die Formel einfällt und er doch nicht versteht. “Er versteht” muß mehr beinhalten als: ihm fällt die Formel ein. Und ebenso auch mehr, als irgendeiner jener, mehr oder weniger charakteristischen, Begleitvorgänge, (oder Äußerungen) des Verstehens.

152 But are these processes, which I have described, the understanding? “B understands the system of the series” does not simply mean: B has the formula “an=” in mind! Because it is quite conceivable that the formula comes to him and yet he does not understand. “He understands” must include more than just: he has the formula in mind. And also more than any of those, more or less characteristic, accompanying processes (or manifestations) of understanding.

§Ts-227a

105[3]

153 Wir versuchen nun, den seelischen Vorgang des Verstehens, der sich, scheint es, hinter jenen gröbern und uns daher in die Augen fallenden Begleiterscheinungen versteckt, zu erfassen. Aber das gelingt nicht. Oder, richtiger gesagt: es kommt garnicht zu einem wirklichen Versuch. Denn auch angenommen, ich hätte etwas gefunden, was in allen jenen Fällen des Verstehens geschähe,– warum sollte das nun das Verstehen sein? Ja, wie konnte denn der Vorgang des Verstehens versteckt sein, wenn ich doch sagte, “Jetzt verstehe ich”, weil ich verstand?! Und wenn ich sage, er ist versteckt,– wie weiß ich denn, wonach ich zu suchen habe? – Ich bin in einem Wirrwarr.

153 We now try to grasp the mental process of understanding, which, it seems, is hidden behind those coarser and therefore more obvious accompanying phenomena. But this does not succeed. Or, more correctly: it does not lead to a real attempt. Because, even if I had found something that happens in all those cases of understanding, – why should that now be the understanding? Yes, how could the process of understanding be hidden, if I said, “Now I understand,” because I understood?! And if I say that it is hidden, – how do I know what to look for? – I am in a muddle.

§Ts-227a

105[4] &
106[1]

154 Aber halt! – wenn “jetzt verstehe ich das System” nicht das Gleiche sagt, wie “mir fällt die Formel … ein” (oder “ich spreche die Formel aus”, “ich schreibe sie auf”, etc.) – folgt daraus, daß ich den Satz, “jetzt verstehe ich …”, oder “jetzt kann ich fortsetzen”, als Beschreibung eines Vorgangs verwende, der hinter, oder neben, dem des Aussprechens der Formel besteht? Wenn etwas ‘hinter dem Aussprechen der Formel’ stehen muß, so sind es gewisse Umstände, die mich berechtigen, zu sagen, ich könne fortsetzen,– wenn mir die Formel einfällt. Denk doch einmal garnicht an das Verstehen als ‘seelischen Vorgang’! – Denn das ist die Redeweise, die dich verwirrt. Sondern frage dich: in was für einem Fall, unter was für Umständen sagen wir denn “Jetzt weiß ich weiter”? ich meine, wenn mir die Formel eingefallen ist. – In dem Sinne, in welchem es für das Verstehen charakteristische Vorgänge (auch seelische Vorgänge) gibt, ist das Verstehen kein seelischer Vorgang. (Das Ab- und Zunehmen einer Schmerzempfindung, das Hören einer Melodie, eines Satzes: seelische Vorgänge.)

154 But hold on! – if “now I understand the system” does not say the same thing as “the formula occurs to me” (or “I state the formula,” “I write it down,” etc.) – does it follow that I use the sentence, “now I understand…,” or “now I can continue,” as a description of a process that lies behind, or alongside, the process of stating the formula? If something ‘must lie behind stating the formula,’ then it is certain circumstances that entitle me to say that I can continue, if the formula occurs to me. Don’t think of understanding at all as a ‘mental process’! – Because that is the way of speaking that confuses you. Rather, ask yourself: in what kind of case, under what kind of circumstances, do we say “Now I know what to do next”? I mean, when the formula occurs to me. – In the sense in which there are processes characteristic of understanding (even mental processes), understanding is not a mental process. (The waxing and waning of a sensation of pain, hearing a melody, a sentence: mental processes.)

§Ts-227a

106[2]

155 Ich wollte also sagen: Wenn er plötzlich weiter wußte, das System verstand, so hatte er vielleicht ein besonderes Erlebnis – welches er etwa beschreiben wird, wenn man ihn fragt “Wie war das, was ging da vor, als du das System plötzlich begriffst?”, ähnlich, wie wir es oben beschrieben haben ‒ ‒ das aber, was ihn für uns berechtigt, in so einem Fall zu sagen, er verstehe, er wisse weiter, sind die Umstände, unter denen er ein solches Erlebnis hatte.

155 So I wanted to say: If he suddenly knew what to do next, understood the system, then he may have had a particular experience – which he might describe if one asks him, “What was it like, what was going on when you suddenly grasped the system?” – similar to how we described it above – but what entitles him, in such a case, to say that he understands, that he knows what to do next, are the circumstances under which he had such an experience.

§Ts-227a

106[3] &
107[1] &
108[1] &
109[1]

156 Dies wird klarer werden, wenn wir die Betrachtung eines andern Wortes einschalten, nämlich des Wortes “lesen”. Zuerst muß ich bemerken, daß ich zum “Lesen”, in dieser Betrachtung, nicht das Verstehen des Sinns des Gelesenen rechne; sondern Lesen ist hier die Tätigkeit, Geschriebenes oder Gedrucktes in Laute umzusetzen; auch aber, nach Diktat zu schreiben, Gedrucktes abzuschreiben, nach Noten zu spielen und dergleichen. Der Gebrauch dieses Worts unter den Umständen unsres gewöhnlichen Lebens ist uns natürlich ungemein wohl bekannt. Die Rolle aber, die das Wort in unserm Leben spielt, und damit das Sprachspiel, in dem wir es verwenden, wäre schwer auch nur in groben Zügen darzustellen. Ein Mensch, sagen wir ein Deutscher, ist in der Schule, oder zu Hause, durch eine der bei uns üblichen Unterrichtsarten gegangen, er hat in diesem Unterricht seine Muttersprache lesen gelernt. Später liest er Bücher, Briefe, die Zeitung, u.a.. Was geht nun vor sich, wenn er, z.B., die Zeitung liest? ‒ ‒ Seine Augen gleiten – wie wir sagen – den gedruckten Wörtern entlang, er spricht sie laut aus,– oder sagt sie nur zu sich selbst; und zwar gewisse Wörter, indem er ihre Druckform als Ganzes erfaßt, andere, nachdem sein Aug die ersten Silben erfaßt hat, einige wieder liest er Silbe für Silbe, und das eine oder andre vielleicht Buchstabe für Buchstabe. – Wir würden auch sagen, er habe einen Satz gelesen, wenn er während des Lesens weder laut noch zu sich selbst spricht, aber danach imstande ist, den Satz wörtlich oder annähernd wiederzugeben. – Er kann auf das achten, was er liest, oder auch – wie wir sagen könnten – als bloße Lesemaschine funktionieren, ich meine, laut und richtig lesen, ohne auf das, was er liest, zu achten; vielleicht während seine Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes gerichtet ist (sodaß er nicht imstande ist, zu sagen, was er gelesen hat, wenn man ihn gleich darauf fragt). Vergleiche nun mit diesem Leser einen Anfänger. Er liest die Wörter, indem er sie mühsam buchstabiert. – Einige Wörter aber errät er aus dem Zusammenhang; oder er weiß das Lesestück vielleicht zum Teil schon auswendig. Der Lehrer sagt dann, daß er die Wörter nicht wirklich liest (und in gewissen Fällen, daß er nur vorgibt, sie zu lesen). Wenn wir an dieses Lesen, an das Lesen des Anfängers, denken und uns fragen, worin Lesen besteht, werden wir geneigt sein, zu sagen: es sei eine besondere bewußte geistige Tätigkeit. Wir sagen von dem Schüler auch: “Nur er weiß natürlich, ob er wirklich liest, oder die Worte bloß auswendig sagt”. (Über diese Sätze “Nur er weiß, …” muß noch geredet werden.) Ich will aber sagen: Wir müssen zugeben, daß – was das Aussprechen irgend eines der gedruckten Wörter betrifft– im Bewußtsein des Schülers, der ‘vorgibt’ es zu lesen, das Gleiche stattfinden kann, wie im Bewußtsein des geübten Lesers, der es ‘liest’. Das Wort “lesen” wird anders angewandt, wenn wir vom Anfänger, und wenn wir vom geübten Leser sprechen. ‒ ‒ Wir möchten nun freilich sagen: Was im geübten Leser und was im Anfänger vor sich geht, wenn sie das Wort aussprechen, kann nicht das Gleiche sein. Und wenn kein Unterschied in dem wäre, was ihnen gerade bewußt ist, so im unbewußten Arbeiten ihres Geistes; oder auch im Gehirn. – Wir möchten also sagen: Hier sind jedenfalls zwei verschiedene Mechanismen! Und was in ihnen vorgeht, muß Lesen von Nichtlesen unterscheiden. – Aber diese Mechanismen sind doch nur Hypothesen; Modelle zur Erklärung, zur Zusammenfassung dessen, was du wahrnimmst.

156 This will become clearer if we introduce the consideration of another word, namely the word “reading”. First, I must note that in this context, I do not include the understanding of the sense of what is being read under “reading”; rather, reading here is the activity of converting written or printed text into sounds; also, writing from dictation, copying printed text, playing from sheet music, and so on. The use of this word in the circumstances of our ordinary life is, of course, very well known to us. However, the role that the word plays in our lives, and thus the language-game in which we use it, would be difficult to represent even in broad strokes. A person, let’s say a German, goes through one of the usual forms of instruction in school or at home, and in this instruction, he learns to read his native language. Later, he reads books, letters, the newspaper, and so on. What happens when he, for example, reads the newspaper? – – His eyes glide – as we say – along the printed words, he speaks them aloud, or he says them only to himself; and sometimes he grasps certain words as a whole in their printed form, others after his eye has grasped the first syllables, some he reads again syllable by syllable, and one or another perhaps letter by letter. – We would also say that he has read a sentence if, while reading, he neither speaks it aloud nor to himself, but is then able to reproduce the sentence literally or approximately. – He can pay attention to what he is reading, or – as we might say – function as a mere reading machine, that is, read aloud and correctly, without paying attention to what he is reading; perhaps while his attention is directed to something completely different (so that he is not able to say what he has read if he is asked immediately afterward). Compare this reader with a beginner. He reads the words by painstakingly spelling them out. – However, he guesses some words from the context; or he may already know parts of the text by heart. The teacher then says that he is not really reading the words (and in certain cases, that he is only pretending to read them). If we think of this reading, the reading of the beginner, and ask ourselves what reading consists of, we will be inclined to say: it is a special conscious mental activity. We also say of the student: “Only he knows, of course, whether he is really reading or merely reciting the words from memory.” (These sentences, “Only he knows…,” must still be discussed.) But I want to say: we must admit that – as far as the pronunciation of any one of the printed words is concerned – the same thing can happen in the consciousness of the student who is ‘pretending’ to read it as in the consciousness of the practiced reader who is ‘reading’ it. The word “reading” is applied differently when we speak of the beginner and when we speak of the practiced reader. – – Of course, we would now like to say: what happens in the practiced reader and what happens in the beginner when they pronounce the word can not be the same. And if there is no difference in what is immediately conscious to them, then there is a difference in the unconscious work of their mind, or even in the brain. – So we would like to say: there are, in any case, two different mechanisms here! And what is going on in them must distinguish reading from not-reading. – But these mechanisms are only hypotheses; models for the explanation, for the summarization of what you observe.

§Ts-227a

109[2] &
110[1] &
111[1]

157 Überlege dir folgenden Fall: Menschen, oder andere Wesen, würden von uns als Lesemaschinen benützt. Sie werden zu diesem Zweck abgerichtet. Der, welcher sie abrichtet, sagt von Einigen, sie können schon lesen, von Andern, sie könnten es noch nicht. Nimm den Fall eines Schülers, der bisher nicht mitgetan hat: zeigt man ihm ein geschriebenes Wort, so wird er manchmal irgendwelche Laute hervorbringen, und hie und da geschieht es dann ‘zufällig’, daß sie ungefähr stimmen. Ein Dritter hört diesen Schüler in so einem Fall und sagt: “Er liest”. Aber der Lehrer sagt: “Nein, er liest nicht; es war nur ein Zufall.” – Nehmen wir aber an, dieser Schüler, wenn ihm nun weitere Wörter vorgelegt werden, reagiert auf sie fortgesetzt richtig. Nach einiger Zeit sagt der Lehrer: “Jetzt kann er lesen!” – Aber wie war es mit jenem ersten Wort? Soll der Lehrer sagen: “Ich hatte mich geirrt, er hat es doch gelesen” – oder: “Er hat erst später angefangen, wirklich zu lesen”? – Wann hat er angefangen, zu lesen? Welches ist das erste Wort, das er gelesen hat? Diese Frage ist hier sinnlos. Es sei denn, wir erklärten: “Das erste Wort, das Einer ‘liest’, ist das erste Wort der ersten Reihe von 50 Wörtern, die er richtig liest” (oder dergl.). Verwenden wir dagegen “Lesen” für ein gewisses Erlebnis des Übergangs vom Zeichen zum gesprochenen Laut, dann hat es wohl Sinn, von einem ersten Wort zu sprechen, das er wirklich gelesen hat. Er kann dann etwa sagen: “Bei diesem Worte hatte ich zum ersten Male das Gefühl: ‘jetzt lese ich’.” Oder aber in dem hievon verschiedenen Fall einer Lesemaschine, die, etwa nach Art eines Pianolas, Zeichen in Laute übersetzt, könnte man sagen: “Erst nachdem dies und dies an der Maschine geschehen war – die und die Teile durch Drähte verbunden worden waren – hat die Maschine gelesen; das erste Zeichen, welches sie gelesen hat, war ….” Im Falle aber der lebenden Lesemaschine hieß “lesen”: so und so auf Schriftzeichen reagieren. Dieser Begriff war also ganz unabhängig von dem eines seelischen, oder andern Mechanismus. – Der Lehrer kann hier auch vom Abgerichteten nicht sagen: “Vielleicht hat er dieses Wort schon gelesen”. Denn es ist ja kein Zweifel über das, was er getan hat. – Die Veränderung, als der Schüler zu lesen anfing, war eine Veränderung seines Verhaltens; und von einem ‘ersten Wort im neuen Zustand’ zu reden, hat hier keinen Sinn.

157 Consider the following case: people, or other beings, are used by us as reading machines. They are trained for this purpose. The one who trains them says of some that they can already read, of others that they cannot yet. Take the case of a student who has not participated so far: if a written word is shown to him, he will sometimes produce some sounds, and now and then it happens ‘by chance’ that they are approximately correct. A third person hears this student in such a case and says: “He is reading.” But the teacher says: “No, he is not reading; it was just a coincidence.” – But suppose this student, when further words are presented to him, reacts correctly to them. After some time, the teacher says: “Now he can read!” – But what about that first word? Should the teacher say: “I was mistaken, he did read it” – or: “He only started to really read later”? – When did he start to read? Which is the first word that he read? This question is nonsensical here. Unless we explained: “The first word that someone ‘reads’ is the first word of the first series of 50 words that he reads correctly” (or something like that). If, on the other hand, we use “reading” for a certain experience of the transition from the sign to the spoken sound, then it probably makes sense to speak of a first word that he really read. He can then, for example, say: “With this word, I had the feeling for the first time: ‘now I am reading.’” Or, in the different case of a reading machine that, for example, like a pianola, translates signs into sounds, one could say: “Only after this and this had happened in the machine – these and those parts had been connected by wires – did the machine read; the first sign that it read was ….” In the case of the living reading machine, however, “reading” meant: reacting in such and such a way to written signs. This concept was therefore quite independent of a mental or other mechanism. – The teacher cannot say to the trained person: “Perhaps he has already read this word.” Because there is no doubt about what he has done. – The change, when the student began to read, was a change in his behaviour; and to speak of a ‘first word in the new state’ makes no sense here.

§Ts-227a

111[2]

158 Aber liegt dies nicht nur an unserer zu geringen Kenntnis der Vorgänge im Gehirn und im Nervensystem? Wenn wir diese genauer kennten, würden wir sehen, welche Verbindungen durch das Abrichten hergestellt worden waren, und wir könnten dann, wenn wir ihm ins Gehirn sähen, sagen: ‘Dieses Wort hat er jetzt gelesen, jetzt war die Leseverbindung hergestellt’.”‒ ‒ Und das muß wohl so sein – denn wie könnten wir sonst so sicher sein, daß es eine solche Verbindung gibt? Das ist wohl a priori so – oder ist es nur wahrscheinlich? – Und wie wahrscheinlich ist es? Frage dich doch: was weißt du denn von diesen Sachen? ‒ ‒ Ist es aber a priori, dann heißt das, daß es eine uns sehr einleuchtende Darstellungsform ist.

158 But is this not only due to our insufficient knowledge of the processes in the brain and the nervous system? If we knew these more precisely, we would see which connections had been established through the training, and we could then, if we looked into his brain, say: ‘This word he has now read, now the reading connection has been established.’ ‒ ‒ And this must be so – because how else could we be so sure that such a connection exists? This is probably a priori – or is it only probable? – And how probable is it? Ask yourself: what do you know about these things? ‒ ‒ But if it is a priori, then that means that it is a form of representation that is very plausible to us.

§Ts-227a

111[3] &
112[1]

159 Aber wir sind, wenn wir darüber nachdenken, versucht zu sagen: das einzig wirkliche Kriterium dafür, daß Einer liest, ist der bewußte Akt des Lesens, des Ablesens der Laute von den Buchstaben. “Ein Mensch weiß doch, ob er liest, oder nur vorgibt, zu lesen!” – Angenommen, A will den B glauben machen, er könne cyrillische Schrift lesen. Er lernt einen russischen Satz auswendig und sagt ihn dann, indem er die gedruckten Wörter ansieht, als läse er sie. Wir werden hier gewiß sagen, A wisse, daß er nicht liest, und er empfinde, während er zu lesen vorgibt, eben dies. Denn es gibt natürlich eine Menge für das Lesen eines Satzes im Druck mehr oder weniger charakteristischer Empfindungen; es ist nicht schwer, sich solche ins Gedächtnis zu rufen: denke an Empfindungen des Stockens, genaueren Hinsehens, Verlesens, der größeren und geringeren Geläufigkeit der Wortfolgen, u.a.. Und ebenso gibt es charakteristische Empfindungen für das Aufsagen von etwas Auswendiggelerntem. Und A wird in unserm Fall keine von den Empfindungen haben, die für das Lesen charakteristisch sind, und er wird etwa eine Reihe von Empfindungen haben, die für das Schwindeln charakteristisch sind.

159 But when we think about it, we are tempted to say that the only real criterion for whether someone is reading is the conscious act of reading, of deciphering the sounds from the letters. “A person knows whether he is reading or is only pretending to read!” – Suppose A wants to make B believe that he can read Cyrillic script. He memorizes a Russian sentence and then says it, looking at the printed words, as if he were reading them. We would certainly say here that A knows that he is not reading, and that he experiences, while pretending to read, precisely this. For there are, of course, a number of more or less characteristic sensations for reading a sentence in print; it is not difficult to recall such sensations: think of sensations of stumbling, of looking more closely, of misreading, of the greater or lesser familiarity of the sequence of words, etc. And similarly, there are characteristic sensations for reciting something that has been memorized. And in our case, A will have none of the sensations that are characteristic of reading, and he will have a number of sensations that are characteristic of deceiving.

§Ts-227a

112[2] &
113[1]

160 Denke dir aber diesen Fall: Wir geben Einem, der fließend lesen kann, einen Text zu lesen, den er nie zuvor gesehen hat. Er liest ihn uns vor – aber mit der Empfindung, als sage er etwas Auswendiggelerntes (dies könnte die Wirkung irgendeines Giftes sein). Würden wir in einem solchen Falle sagen, er läse das Stück nicht wirklich? Würden wir hier also seine Empfindungen als Kriterium dafür gelten lassen, ob er liest oder nicht? Oder aber: Wenn man einem Menschen, der unter dem Einfluß eines bestimmten Giftes steht, eine Reihe von Schriftzeichen vorlegt, die keinem existierenden Alphabet anzugehören brauchen, so spreche er nach der Anzahl der Zeichen Wörter aus, so als wären die Zeichen Buchstaben, und zwar mit allen äußeren Merkmalen und mit Empfindungen des Lesens. (Ähnliche Erfahrungen haben wir in Träumen; nach dem Aufwachen sagt man dann etwa: “Es kam mir vor, als läse ich die Zeichen, obwohl es gar keine Zeichen waren.”) In so einem Fall würden Manche geneigt sein, zu sagen, der Mensch lese diese Zeichen; Andere, er lese sie nicht. – Angenommen, er habe auf diese Weise eine Gruppe von vier Zeichen als OBEN gelesen (oder gedeutet) – nun zeigen wir ihm die gleichen Zeichen in umgekehrter Reihenfolge und er liest NEBO, und so behält er bei weiteren Versuchen immer die gleiche Deutung der Zeichen bei: hier wären wir wohl geneigt, zu sagen, er lege sich ad hoc ein Alphabet zurecht und lese dann danach.

160 Now consider this case: We give someone who can read fluently a text to read that he has never seen before. He reads it to us – but with the sensation that he is reciting something he has memorized (this could be the effect of some poison). Would we in such a case say that he is not really reading the passage? Would we let his sensations serve as a criterion for whether he is reading or not? Or rather: If one presents a series of characters to a person who is under the influence of a certain poison, characters that do not need to belong to any existing alphabet, so that he pronounces words according to the number of characters, as if the characters were letters, and with all the external characteristics and with the sensations of reading. (We have similar experiences in dreams; after waking up, one then says something like: “It seemed to me as if I was reading the characters, although there were no characters at all.”) In such a case, some would be inclined to say that the person is reading these characters; others, that he is not reading them. – Suppose he has in this way read (or interpreted) a group of four characters as ABOVE – now we show him the same characters in reverse order and he reads NEBO, and in further attempts he always maintains the same interpretation of the characters: here we would probably be inclined to say that he is creating an alphabet ad hoc and then reading according to it.

§Ts-227a

113[2]

161 Bedenke nun auch, daß es eine kontinuierliche Reihe von Übergängen gibt zwischen dem Falle, in welchem jemand das auswendig hersagt, was er lesen soll, und dem, in welchem er jedes Wort Buchstabe für Buchstaben liest, ohne jede Hilfe des Erratens aus dem Zusammenhang, oder des Auswendigwissens. Mache diesen Versuch: sage die Zahlenreihe von 1 bis 12. Nun schau auf das Zifferblatt deiner Uhr und lies diese Reihe. – Was hast du in diesem Falle “lesen” genannt? Das heißt: was hast du getan, um es zum Lesen zu machen?

161 Now also consider that there is a continuous series of transitions between the case in which someone recites from memory what he is supposed to read, and the case in which he reads each word letter by letter, without any help from guessing from the context or from memorization. Try this experiment: say the series of numbers from 1 to 12. Now look at the dial of your clock and read this series. – What did you call “reading” in this case? That is: what did you do to make it reading?

§Ts-227a

113[3] &
114[1]

162 Versuchen wir diese Erklärung: Jemand liest, wenn er die Reproduktion von der Vorlage ableitet. Und ‘Vorlage’ nenne ich den Text, welchen er liest, oder abschreibt; das Diktat, nach welchem er schreibt; die Partitur, die er spielt; etc. etc..– Wenn wir nun z.B. jemand das cyrillische Alphabet gelehrt hätten und wie jeder Buchstabe auszusprechen sei,– wenn wir ihm dann ein Lesestück vorlegen und er liest es, indem er jeden Buchstaben so ausspricht, wie wir es ihn gelehrt haben,– dann werden wir wohl sagen, er leite den Klang eines Wortes vom Schriftbild mit Hilfe der Regel, die wir ihm gegeben haben, ab. Und dies ist auch ein klarer Fall des Lesens. (Wir könnten sagen, wir haben ihn die ‘Regel des Alphabets’ gelehrt.) Aber warum sagen wir, er habe die gesprochenen Worte von den gedruckten abgeleitet? Wissen wir mehr, als daß wir ihn gelehrt haben, wie jeder Buchstabe auszusprechen sei, und daß er dann die Worte laut gelesen habe? Wir werden vielleicht antworten: der Schüler zeige, daß er den Übergang vom Gedruckten zum Gesprochenen mit Hilfe der Regel macht, die wir ihm gegeben haben. – Wie man dies zeigen könne, wird klarer, wenn wir unser Beispiel dahin abändern, daß der Schüler, statt den Text vorzulesen, ihn abzuschreiben hat, die Druckschrift in Schreibschrift zu übertragen hat. Denn in diesem Fall können wir ihm die Regel in Form einer Tabelle geben; in einer Spalte stehen die Druckbuchstaben, in der andern die Kursivbuchstaben. Und daß er die Schrift vom Gedruckten ableitet, zeigt sich darin, daß er in der Tabelle nachsieht.

162 Let us try this explanation: Someone is said to read when he derives the reproduction from the template. And I call the ‘template’ the text that he reads or copies; the dictation according to which he writes; the musical score that he plays; etc. etc. – Now, if we had, for example, taught someone the Cyrillic alphabet and how each letter is to be pronounced, and if we then presented him with a reading passage and he reads it by pronouncing each letter as we taught him, then we would probably say that he derives the sound of a word from the script with the aid of the rule that we gave him. And this is also a clear case of reading. (We could say that we taught him the ‘rule of the alphabet’.) But why do we say that he derives the spoken words from the printed ones? Do we know more than that we taught him how to pronounce each letter, and that he then read the words aloud? We might answer: the student shows that he makes the transition from the printed to the spoken with the aid of the rule that we gave him. – How one could show this becomes clearer if we modify our example so that, instead of reading the text aloud, the student has to copy it, to transfer the printed script into cursive. For in this case we can give him the rule in the form of a table; in one column are the printed letters, and in the other the cursive letters. And that he derives the script from the printed text is shown by the fact that he looks it up in the table.

§Ts-227a

114[2] &
115[1]

163 Aber wie, wenn er dies täte, und dabei ein A immer in ein b, ein B in ein c, ein C in ein d umschriebe, u.s.f., und ein Z in ein a? – Auch das würden wir doch ein Ableiten nach der Tabelle nennen. – Er gebraucht sie nun, könnten wir sagen, nach dem zweiten Schema im §86, statt nach dem ersten. Auch das wäre wohl noch ein Ableiten nach der Tabelle, das durch ein Pfeilschema, ohne alle einfache Regelmäßigkeit wiedergegeben würde. Aber nimm an, er bleibe nicht bei einer Art des Transkribierens; sondern ändere sie nach einer einfachen Regel: Hat er einmal ein A in ein n umgeschrieben, so schreibt er das nächste A in ein o, das nächste in ein p um, u.s.w..– Aber wo ist die Grenze zwischen diesem Vorgehen und einem regellosen? Aber heißt das nun, das Wort “ableiten” habe eigentlich keine Bedeutung, da es ja scheint, daß diese, wenn wir ihr nachgehen, in nichts zerfließt?

163 But what if he did this, and in doing so always transcribed an A into a b, a B into a c, a C into a d, and so on, and a Z into an a? – We would still call that deriving according to the table. – He is now using it, we could say, according to the second schema in §86, instead of according to the first. This, too, would probably still be deriving according to the table, which could be represented by an arrow diagram without any simple regularity. But suppose he does not stick to one way of transcribing; rather, he changes it according to a simple rule: if he has once transcribed an A into an n, then he transcribes the next A into an o, the next into a p, and so on. – But where is the boundary between this procedure and one that is without rules? But does this mean that the word ‘derive’ actually has no meaning, since, if we follow it, it seems to dissolve into nothing?

§Ts-227a

115[2] &
116[1]

164 Im Falle (162) stand die Bedeutung des Wortes “ableiten” klar vor uns. Aber wir sagten uns, dies sei nur ein ganz spezieller Fall des Ableitens, eine ganz spezielle Einkleidung; diese mußte ihm abgestreift werden, wenn wir das Wesen des Ableitens erkennen wollten. Nun streiften wir ihm die besonderen Hüllen ab; aber da verschwand das Ableiten selbst. – Um die eigentliche Artischocke zu finden, hatten wir sie ihrer Blätter entkleidet. Denn es war freilich (162) ein spezieller Fall des Ableitens, aber das Wesentliche des Ableitens war nicht unter dem Äußeren dieses Falls versteckt, sondern dieses ‘Äußere’ war ein Fall aus der Familie der Fälle des Ableitens. Und so verwenden wir auch das Wort “Lesen” für eine Familie von Fällen. Und wir wenden unter verschiedenen Umständen ständen verschiedene Kriterien an dafür, daß Einer liest.

164 In the case of (162), the meaning of the word ‘derive’ was clear to us. But we told ourselves that this was only a very special case of deriving, a very special guise; this had to be stripped away if we wanted to recognize the essence of deriving. Now we stripped away the special guises; but in doing so, deriving itself disappeared. – In order to find the actual artichoke, we stripped it of its leaves. For it was indeed (162) a special case of deriving, but the essential thing about deriving was not hidden under the exterior of this case, but this ‘exterior’ was a case from the family of cases of deriving. And so we also use the word ‘reading’ for a family of cases. And we apply different criteria under different circumstances for whether someone is reading.

§Ts-227a

116[2] &
117[1]

165 Aber lesen – möchten wir sagen – ist doch ein ganz bestimmter Vorgang! Lies eine Druckseite, dann kannst du's sehen; es geht da etwas Besonderes vor und etwas höchst Charakteristisches. ‒ ‒ Nun, was geht denn vor, wenn ich den Druck lese? Ich sehe gedruckte Wörter und spreche Wörter aus. Aber das ist natürlich nicht alles; denn ich könnte gedruckte Wörter sehen und Wörter aussprechen und es wäre doch nicht Lesen. Auch dann nicht, wenn die Wörter, die ich spreche, die sind, die man, zufolge einem bestehenden Alphabet, von jenen gedruckten ablesen soll. – Und wenn du sagst, das Lesen sei ein bestimmtes Erlebnis, so spielt es ja gar keine Rolle, ob du nach einer von Menschen allgemein anerkannten Regel des Alphabets liest, oder nicht. – Worin besteht also das Charakteristische am Erlebnis des Lesens? – Da möchte ich sagen: “Die Worte, die ich ausspreche, kommen in besonderer Weise.” Nämlich sie kommen nicht so, wie sie kämen, wenn ich sie z.B. ersänne. – Sie kommen von selbst. – Aber auch das ist nicht genug; Denn es können mir ja Wortklänge einfallen, während ich auf die gedruckten Worte schaue, und ich habe damit diese doch nicht gelesen. – Da könnte ich noch sagen, daß mir die gesprochenen Wörter auch nicht so einfallen, als erinnerte mich, z.B., etwas an sie. Ich möchte z.B. nicht sagen: das Druckwort “nichts” erinnert mich immer an den Laut “nichts”. – Sondern die gesprochenen Wörter schlüpfen beim Lesen gleichsam herein. Ja, ich kann ein deutsches gedrucktes Wort gar nicht ansehen, ohne einen eigentümlichen Vorgang des innern Hörens des Wortklangs.

165 But reading – would we like to say – is after all a quite specific process! Read a printed page, then you can see it; something special is happening there and something highly characteristic. – – Now, what is happening when I read the print? I see printed words and I utter words. But that is, of course, not all; because I could see printed words and utter words and it would not be reading. Not even if the words that I utter are those that one, according to an existing alphabet, is supposed to read off from those printed ones. – And if you say that reading is a specific experience, then it does not matter whether you read according to a rule of the alphabet that is generally accepted by people, or not. – What, then, is the characteristic thing about the experience of reading? – I would like to say: “The words that I utter come in a special way.” Namely, they do not come in the way they would come if, for example, I invented them. – They come of themselves. – But that is not enough either; because word sounds could, after all, occur to me while I look at the printed words, and I would not have read them with that. – I could still say that the spoken words do not occur to me in such a way that something, for example, reminded me of them. I would not like to say, for example, that the printed word “nothing” always reminds me of the sound “nothing”. – Rather, the spoken words, as it were, slip in when reading. Yes, I cannot look at a German printed word without undergoing a peculiar process of internal hearing of the word sound.

§Ts-227a

115a[1]

166 Die Grammatik des Ausdrucks: “ein ganz bestimmtes” (Atmosphäre)

Man sagt “Dieses Gesicht hat einen ganz bestimmten Ausdruck”, und sucht etwa nach Worten, die ihn charakterisieren.

The grammar of the expression: “a quite specific” (atmosphere)

One says “This face has a quite specific expression,” and looks for words to characterize it.

§Ts-227a

117[2] &
118[1]

Ich sagte, die gesprochenen Worte, beim Lesen, kämen ‘in besonderer Weise’; aber in welcher Weise? Ist dies nicht eine Fiktion? Sehen wir uns einzelne Buchstaben an und geben Acht, in welcher Weise der Laut des Buchstabens kommt. Lies den Buchstaben A. – Nun, wie kam der Laut? – Wir wissen gar nichts darüber zu sagen. ‒ ‒ Nun schreib ein kleines lateinisches a! – Wie kam die Handbewegung beim Schreiben? Anders als der Laut im vorigen Versuch? Ich habe auf den Druckbuchstaben gesehen und schrieb den Kursivbuchstaben; mehr weiß ich nicht. ‒ ‒ Nun schau auf das Zeichen 🖵 und laß dir dabei einen Laut einfallen; sprich ihn aus. Mir fiel der Laut ‘U’ ein; aber ich könnte nicht sagen, es war ein wesentlicher Unterschied in der Art und Weise, wie dieser Laut kam. Der Unterschied lag in der etwas andern Situation: Ich hatte mir vorher gesagt, ich solle mir einen Laut einfallen lassen; es war eine gewisse Spannung da, ehe der Laut kam. Und ich sprach nicht automatisch den Laut ‘U’, wie beim Anblick des Buchstaben U. Auch war mir jenes Zeichen nicht vertraut, wie die Buchstaben. Ich sah es gleichsam gespannt, mit einem gewissen Interesse für seine Form, an; ich dachte dabei an ein umgekehrtes Sigma. ‒ ‒ Stell dir vor, du müßtest nun dieses Zeichen regelmäßig als Buchstaben benützen; du gewöhnst dich also daran, bei seinem Anblick einen bestimmten Laut auszusprechen, etwa den Laut ‘sch’. Können wir mehr sagen, als daß nach einiger Zeit dieser Laut automatisch kommt, wenn wir das Zeichen ansehen? D.h.: ich frage mich bei seinem Anblick nicht mehr “Was ist das für ein Buchstabe?” – auch sage ich mir natürlich nicht “Ich will bei diesem Zeichen den Laut ‘sch’ aussprechen” – noch auch: “Dieses Zeichen erinnert mich irgendwie an den Laut ‘sch’.” (Vergleiche damit die Idee: das Gedächtnisbild unterscheide sich von andern Vorstellungsbildern durch ein besonderes Merkmal.)

166 I said that the uttered words, when reading, come ‘in a special way’; but in what way? Is this not a fiction? Let us look at individual letters and pay attention to the way the sound of the letter comes about. Read the letter A. – Well, how did the sound come about? – We don't know anything about it. – – Now, write a small Latin a! – How did the hand movement come about when writing? Different from the sound in the previous attempt? I looked at the printed letter and wrote the italic letter; that is all I know. – – Now look at the sign 🖵 and let a sound come to your mind while doing so; utter it. The sound ‘U’ came to my mind; but I could not say that there was an essential difference in the way this sound came. The difference lay in the somewhat different situation: I had previously told myself that I should let a sound come to my mind; there was a certain tension there before the sound came. And I did not utter the sound ‘U’ automatically, as when looking at the letter U. Also, that sign was not familiar to me, like the letters. I looked at it, as it were, with a certain interest in its form; I thought of a reversed sigma. – – Imagine that you now have to use this sign regularly as a letter; you get used to it, so that when you see it, you utter a certain sound, for example, the sound ‘sch’. Can we say more than that after some time this sound will come automatically when we see the sign? That is, I no longer ask myself when I see it “What is this letter?” – nor do I, of course, say to myself “I want to utter the sound ‘sch’ at this sign” – nor also: “This sign somehow reminds me of the sound ‘sch’.” (Compare this with the idea: the memory-image differs from other mental images through a special characteristic.)

§Ts-227a

118[2] &
119[1]

167 Was ist nun an dem Satz, das Lesen sei doch ‘ein ganz bestimmter Vorgang’? Das heißt doch wohl, beim Lesen finde immer ein bestimmter Vorgang statt, den wir wiedererkennen. – Aber wenn ich nun einmal einen Satz im Druck lese und ein andermal nach Morsezeichen schreibe,– findet hier wirklich der gleiche seelische Vorgang statt? Dahingegen ist aber freilich eine Gleichförmigkeit in dem Erlebnis des Lesens einer Druckseite. Denn der Vorgang ist ja ein gleichförmiger. Und es ist ja leicht verständlich, daß sich dieser Vorgang unterscheidet von dem etwa, sich Wörter beim Anblick beliebiger Striche einfallen zu lassen. – Denn schon der bloße Anblick einer gedruckten Zeile ist ja ungemein charakteristisch, d.h., ein ganz spezielles Bild: Die Buchstaben alle von ungefähr der gleichen Größe, auch der Gestalt nach verwandt, immer wiederkehrend; die Wörter, die zum großen Teil sich ständig wiederholen und uns unendlich wohlvertraut sind, ganz wie wohlvertraute Gesichter. – Denke an das Unbehagen, das wir empfinden, wenn die Rechtschreibung eines Wortes geändert wird. (Und an die noch tieferen Gefühle, die Fragen der Schreibung von Wörtern aufgeregt haben.) Freilich, nicht jede Zeichenform hat sich uns tief eingeprägt. Ein Zeichen, z.B. in der Algebra der Logik kann durch ein beliebiges anderes ersetzt werden, ohne daß tiefe Gefühle in uns aufgeregt würden. – Bedenke, daß das gesehene Wortbild uns in ähnlichem Grade vertraut ist, wie das gehörte.

167 What is it about the sentence that reading is ‘a completely specific process’? Doesn’t this probably mean that a specific process always takes place when one reads, one that we can recognize? – But if I read a sentence in print one time and write it down in Morse code another time, does the same mental process really take place? However, there is undoubtedly a uniformity in the experience of reading a printed page. For the process is in fact uniform. And it is easily understood that this process differs from, say, letting words come to mind when looking at arbitrary lines. – For even the mere sight of a printed line is extremely characteristic, i.e., a very specific picture: the letters are all approximately the same size and also related in form, and they keep recurring; the words, most of which are constantly repeated and are infinitely familiar to us, just like familiar faces. – Think of the discomfort we feel when the spelling of a word is changed. (And the even deeper feelings that questions about the spelling of words have aroused.) Of course, not every sign has been deeply imprinted on us. A sign, for example, in the algebra of logic can be replaced by any other without arousing deep feelings in us. – Consider that the seen word-image is as familiar to us as the heard one.

§Ts-227a

119[2]

168 Auch gleitet der Blick anders über die gedruckte Zeile, als über eine Reihe beliebiger Haken und Schnörkel. (Ich rede hier aber nicht von dem, was durch Beobachtung der Augenbewegung des Lesenden festgestellt werden kann.) Der Blick gleitet, möchte man sagen, besonders widerstandslos, ohne hängen zu bleiben; und doch rutscht er nicht. Und dabei geht ein unwillkürliches Sprechen in der Vorstellung vor sich. Und so verhält es sich, wenn ich Deutsch und andere Sprachen lese; gedruckt, oder geschrieben, und in verschiedenen Schriftformen. – Was aber von dem allen ist für das Lesen als solches wesentlich? Nicht ein Zug, der in allen Fällen des Lesens vorkäme! (Vergleiche mit dem Vorgang beim Lesen der gewöhnlichen Druckschrift das Lesen von Worten, die ganz in Großbuchstaben gedruckt sind, wie manchmal die Auflösungen von Rätseln. Welch anderer Vorgang! – Oder das Lesen unserer Schrift von rechts nach links.)

168 Also, the eye glides differently over the printed line than over a series of arbitrary hooks and flourishes. (However, I am not talking here about what can be ascertained by observing the eye movements of the reader.) The eye glides, one might say, particularly effortlessly, without lingering; and yet it does not slip. And at the same time, an involuntary speaking takes place in the imagination. And that is how it is when I read German and other languages; printed or written, and in different types of script. – But what of all this is essential for reading as such? Not a feature that occurs in all cases of reading! (Compare the process of reading ordinary print with the reading of words that are printed entirely in capital letters, as is sometimes the case in the solutions of puzzles. What a different process! – Or the reading of our script from right to left.)

§Ts-227a

119[3] &
120[1] &
121[1]

169 Aber empfinden wir nicht, wenn wir lesen, eine Art Verursachung unseres Sprechens durch die Wortbilder? ‒ ‒ Lies einen Satz! – und nun schau der Reihe

&8§ ≠ § ≠ ?ß +S 8!§X

entlang und sprich dabei einen Satz. Ist es nicht fühlbar, daß im ersten Fall das Sprechen mit dem Anblick der Zeichen verbunden war und im zweiten ohne Verbindung neben dem Sehen der Zeichen herläuft? Aber warum sagst du, wir fühlten eine Verursachung? Verursachung ist doch das, was wir durch Experimente feststellen; indem wir, z.B., das regelmäßige Zusammentreffen von Vorgängen beobachten. Wie könnte ich denn sagen, daß ich das, was so durch Versuche festgestellt wird, fühle? (Es ist wohl wahr, daß wir Verursachung nicht nur durch die Beobachtung eines regelmäßigen Zusammentreffens feststellen.) Eher noch könnte man sagen, ich fühle, daß die Buchstaben der Grund sind, warum ich so und so lese. Denn, wenn mich jemand fragt: “Warum liest du so?”– so begründe ich es durch die Buchstaben, welche da stehen. Aber was soll es heißen, diese Begründung, die ich ausgesprochen, gedacht, habe, zu fühlen? Ich möchte sagen: Ich fühle beim Lesen einen gewissen Einfluß der Buchstaben auf mich ‒ ‒ aber nicht einen Einfluß jener Reihe beliebiger Schnörkel auf das, was ich rede. – Vergleichen wir wieder einen einzelnen Buchstaben mit einem solchen Schnörkel! Würde ich auch sagen, ich fühle den Einfluß von “i”, wenn ich diesen Buchstaben lese? Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich beim Anblicken von “i” den Laut i sage, oder beim Anblick von ‘§’. Der Unterschied ist etwa, daß beim Anblick des Buchstabens das innere Hören des i-Lauts automatisch, ja gegen meinen Willen, vor sich geht; und wenn ich den Buchstaben laut lese, sein Aussprechen anstrengungsloser ist, als beim Anblick von ‘§’. Das heißt– es verhält sich so, wenn ich den Versuch mache; aber natürlich nicht, wenn ich, zufällig auf das Zeichen ‘§’ blickend, etwa ein Wort ausspreche, in welchem der i-Laut vorkommt.

169 But do we not experience, when we read, a kind of causation of our speaking by the word images? – Read a sentence! – and now look at the series

&8§ ≠ § ≠ ?ß +S 8!§X

and speak a sentence at the same time. Is it not noticeable that in the first case the speaking was connected with the sight of the signs and in the second it runs alongside the seeing of the signs without connection? But why do you say that we feel a causation? Causation is, after all, what we establish through experiments; by observing, for example, the regular occurrence of events. How could I say that I feel what is thus established through experiments? (It is, of course, true that we do not establish causation only through the observation of a regular occurrence.) Rather, one could say that I feel that the letters are the reason why I read in this way. For, if someone asks me: “Why do you read like this?” – I justify it by the letters that are there. But what does it mean to feel this justification, which I have expressed, thought? I would like to say: I feel a certain influence of the letters on me when I read – but not an influence of that series of arbitrary flourishes on what I say. – Let us compare a single letter with such a flourish! Would I also say that I feel the influence of “i” when I read this letter? Of course, there is a difference between saying the sound i when I see “i”, or saying it when I see ‘§’. The difference is roughly that when I see the letter, the inner hearing of the i-sound occurs automatically, yes, against my will; and when I read the letter aloud, its pronunciation is less effortful than when I see ‘§’. That is to say – it is so when I make the attempt; but, of course, not when I, glancing at the sign ‘§’, happen to utter a word in which the i-sound occurs.

§Ts-227a

121[2] &
122[1]

170 Wir wären ja nie auf den Gedanken gekommen, wir fühlten den Einfluß der Buchstaben auf uns beim Lesen, wenn wir nicht den Fall der Buchstaben mit dem beliebiger Striche verglichen hätten. Und hier merken wir allerdings einen Unterschied. Und diesen Unterschied deuten wir als Einfluß, und Fehlen des Einflusses. Und zwar sind wir zu dieser Deutung dann besonders geneigt, wenn wir absichtlich langsam lesen,– etwa um zu sehen, was denn beim Lesen geschieht. Wenn wir uns sozusagen recht absichtlich von den Buchstaben führen lassen. Aber dieses ‘mich führen lassen’ besteht wieder nur darin, daß ich mir die Buchstaben gut anschaue,– etwa, gewisse andere Gedanken ausschalte. Wir bilden uns ein, wir nähmen durch ein Gefühl, quasi, einen verbindenden Mechanismus wahr zwischen dem Wortbild und dem Laut, den wir sprechen. Denn wenn ich vom Erlebnis des Einflusses, der Verursachung, des Geführtwerdens rede, so soll das ja heißen, daß ich sozusagen die Bewegung der Hebel fühle, die den Anblick der Buchstaben mit dem Sprechen verbinden.

170 We would never have thought that we feel the influence of the letters on us when reading, if we had not compared the case of the letters with arbitrary strokes. And here we certainly notice a difference. And we interpret this difference as influence, and lack of influence. And we are particularly inclined to this interpretation when we read deliberately slowly – perhaps to see what happens when reading. When we, as it were, let ourselves be led deliberately by the letters. But this ‘being led’ consists only in the fact that I look at the letters closely – for example, shutting out certain other thoughts. We imagine that we perceive, through a feeling, as it were, a connecting mechanism between the word image and the sound that we speak. For when I speak of the experience of influence, of causation, of being led, this is meant to mean that I, as it were, feel the movement of the levers that connect the sight of the letters with the speaking.

§Ts-227a

122[2] &
123[1]

171 Ich hätte mein Erlebnis beim Lesen eines Wortes auf verschiedene Weise treffend durch Worte ausdrücken können. So könnte ich sagen, daß das Geschriebene mir die Laute eingebe. – Aber auch dies, daß Buchstabe und Laut beim Lesen eine Einheit bilden – gleichsam eine Legierung. (Eine ähnliche Verschmelzung gibt es z.B. zwischen den Gesichtern berühmter Männer und dem Klang ihrer Namen. Es kommt uns vor, dieser Name sei der einzig richtige Ausdruck für dieses Gesicht.) Wenn ich diese Einheit fühle, könnte ich sagen: ich sehe, oder höre den Laut in dem geschriebenen Wort. – Aber jetzt lies einmal ein paar Sätze im Druck, so wie du's gewöhnlich tust, wenn du nicht an den Begriff des Lesens denkst; und frage dich, ob du beim Lesen solche Erlebnisse der Einheit, des Einflusses, etc. gehabt hast. – Sag nicht, du habest sie unbewußt gehabt! Auch lassen wir uns nicht durch das Bild verleiten, ‘beim nähern Hinsehen’ zeigen sich diese Erscheinungen! Wenn ich beschreiben soll, wie ein Gegenstand aus der Ferne ausschaut, so wird diese Beschreibung nicht genauer, dadurch, daß ich sage, was bei näherem Hinsehen an ihm zu bemerken ist.

171 I could have described my experience while reading a word in various ways that would have been fitting. For example, I could say that the written word conveys the sounds to me. – But also that letter and sound form a unity while reading – as it were, an alloy. (A similar fusion exists, for example, between the faces of famous men and the sound of their names. It seems to us that this name is the only correct expression for this face.) If I feel this unity, I could say: I see, or hear, the sound in the written word. – But now read a few sentences in print, as you usually do when you are not thinking about the concept of reading; and ask yourself whether you had such experiences of unity, of influence, etc., while reading. – Do not say that you had them unconsciously! Nor should we let ourselves be misled by the image that these phenomena become apparent ‘upon closer inspection’! If I am to describe how an object looks from a distance, this description does not become more precise by stating what can be noticed upon closer inspection.

§Ts-227a

123[2]

172 Denken wir an das Erlebnis des Geführtwerdens! Fragen wir uns: Worin besteht dieses Erlebnis, wenn wir z.B. einen Weg geführt werden? – Stelle Dir diese Fälle vor:

Du bist auf einem Spielplatz etwa mit verbundenen Augen, und wirst von jemand an der Hand geleitet, bald links, bald rechts, du mußt immer des Zuges seiner Hand gewärtig sein, auch Acht geben, daß du bei einem unerwarteten Zug nicht stolperst. Oder aber: du wirst von jemandem an der Hand mit Gewalt geführt, wohin du nicht willst. Oder: du wirst im Tanz von einem Partner geführt; du machst dich so rezeptiv wie möglich, um seine Absicht zu erraten und dem leisesten Drucke zu folgen. Oder: jemand führt dich einen Spazierweg; ihr geht im Gespräch; wo immer er geht, gehst du auch. Oder: du gehst einen Feldweg entlang, läßt dich von ihm führen. Alle diese Situationen sind einander ähnlich; aber was ist allen den Erlebnissen gemeinsam?

172 Let us think about the experience of being led! Let us ask ourselves: What is this experience, when, for example, we are led along a path? – Imagine these situations:

You are on a playground, perhaps with your eyes covered, and are being led by someone by the hand, now to the left, now to the right; you must always be prepared for the direction of their hand, and also pay attention that you do not stumble at an unexpected movement. Or: you are being led by someone by the hand, against your will, wherever they want to go. Or: you are being led by a partner in a dance; you make yourself as receptive as possible in order to guess their intention and follow the slightest pressure. Or: someone is leading you along a path; you are walking together, talking; wherever they go, you go too. Or: you are walking along a dirt path, letting it guide you. All these situations are similar to each other; but what do all these experiences have in common?

§Ts-227a

123[3] &
124[1]

173 “Aber Geführtwerden ist doch ein bestimmtes Erlebnis!” – Die Antwort darauf ist: Du denkst jetzt an ein bestimmtes Erlebnis des Geführtwerdens. Wenn ich mir das Erlebnis desjenigen vergegenwärtigen will, der in einem der früheren Beispiele durch den gedruckten Text und die Tabelle beim Schreiben geführt wird, so stelle ich mir das ‘gewissenhafte’ Nachsehen, etc., vor. Ich nehme dabei sogar einen bestimmten Gesichtsausdruck an (den z.B. eines gewissenhaften Buchhalters). An diesem Bild ist z.B. die Sorgfalt sehr wesentlich; an einem andern wieder das Ausschalten jedes eigenen Willens. (Denke Dir aber, daß jemand Dinge, die der gewöhnliche Mensch mit den Zeichen der Unachtsamkeit tut, mit dem Ausdruck – und warum nicht mit den Empfindungen? – der Sorgfalt begleitet. – Ist er nun sorgfältig? Stell dir etwa vor, der Diener lasse das Teebrett mit allem was darauf ist, mit den äußeren Zeichen der Sorgfalt, zu Boden fallen.) Vergegenwärtige ich mir so ein bestimmtes Erlebnis, so erscheint es mir als das Erlebnis des Geführtwerdens (oder Lesens). Nun aber frage ich mich: Was tust du? – Du schaust auf jedes Zeichen, du machst dieses Gesicht dazu, du schreibst die Buchstaben mit Bedacht (u. dergl.) – Das ist also das Erlebnis des Geführtwerdens? ‒ ‒ Da möchte ich sagen. “Nein, das ist es nicht; es ist etwas Innerlicheres, Wesentlicheres.” – Es ist, als ob zuerst all diese mehr oder weniger unwesentlichen Vorgänge in eine bestimmte Atmosphäre gekleidet wären, die sich nun verflüchtigt, wenn ich genau hinschaue.

173 “But being guided is after all a specific experience!” – The answer to that is: you are now thinking of a specific experience of being guided. If I want to imagine the experience of the person who, in one of the earlier examples, is guided in writing by the printed text and the chart, then I imagine the ‘conscientious’ checking, etc. I even assume a specific facial expression (such as that of a conscientious accountant). In this picture, for example, carefulness is very essential; in another, the switching off of every own will. (But imagine someone doing things that the ordinary person does with the signs of carelessness, accompanied by the expression – and why not with the sensations? – of carefulness. – Is he now careful? Imagine, for example, the servant letting the tea tray with everything on it fall to the ground, with the external signs of carefulness.) If I imagine such a specific experience in this way, it appears to me as the experience of being guided (or reading). But now I ask myself: What are you doing? – You look at each sign, you make that facial expression, you write the letters deliberately (and so on) – So is that the experience of being guided? – I would like to say: “No, that is not it; it is something more internal, more essential.” – It is as if all these more or less insignificant processes are first clothed in a certain atmosphere, which now dissipates when I look closely.

§Ts-227a

124[2] &
125[1]

174 Frage dich, wie du ‘mit Bedacht’ eine Strecke parallel zu einer gegebenen Strecke ziehst,– ein andermal mit Bedacht in einem Winkel zu ihr. Was ist das Erlebnis des Bedachts? Da fällt dir gleich eine bestimmte Miene, eine Gebärde ein,– und dann möchtest du sagen: “und es ist eben ein bestimmtes inneres Erlebnis”. (Womit du natürlich gar nichts mehr gesagt hast.) (Es ist da ein Zusammenhang mit der Frage nach dem Wesen der Absicht, des Willens.)

174 Ask yourself how you draw a line parallel to a given line – ‘carefully’ – and at another time carefully at an angle to it. What is the experience of carefulness? Immediately, a certain facial expression, a gesture comes to mind – and then you would like to say: “and it is indeed a specific inner experience”. (With which you have of course said nothing more.) (There is a connection here with the question of the nature of intention, of will.)

§Ts-227a

125[2] &
126[1]

175 Mach einen beliebigen Fahrer auf dem Papier. ‒ ‒ Und nun zeichne ihn daneben nach, laß dich von ihm führen. ‒ ‒ Ich möchte sagen: “Gewiß! Ich habe mich jetzt führen lassen. Aber was dabei Charakteristisches geschehen ist? – Wenn ich sage, was geschehen ist, so kommt es mir nicht mehr charakteristisch vor.” Aber nun merke dies: Während ich mich führen lasse, ist alles ganz einfach, ich merke nichts besonderes; aber danach, wenn ich mich frage, was damals geschehen ist, so scheint es etwas Unbeschreibbares gewesen zu sein. Danach genügt mir keine Beschreibung. Ich kann, sozusagen, nicht glauben, daß ich bloß hingeschaut, dieses Gesicht gemacht, den Strich gezogen habe. – Aber erinnere ich mich denn an etwas anderes? Nein; und doch kommt mir vor, als müsse etwas anderes gewesen sein; und zwar dann, wenn ich mir dabei das Wort “führen”, “Einfluß”, und derlei, vorsage. ‘Denn ich bin doch geführt worden”, sage ich mir. – Dann erst tritt die Idee jenes ätherischen, ungreifbaren, Einflusses auf.

175 Draw any driver on paper. ‒ ‒ And now trace it next to it, let yourself be guided by it. ‒ ‒ I would like to say: “Of course! I have now let myself be guided. But what specifically happened in the process? – If I say what happened, it no longer seems characteristic.” But now note this: While I let myself be guided, everything is quite simple, I don’t notice anything special; but afterward, when I ask myself what happened at that time, it seems as if something indescribable must have happened. Afterward no description is sufficient for me. I cannot, as it were, believe that I merely looked, made this face, drew the line. – But do I remember anything else? No; and yet it seems to me that something else must have happened; and that is when I associate with it the word “guidance,” “influence,” and the like. ‘Because I was guided,’ I say to myself. – Only then does the idea of that ethereal, intangible influence arise.

§Ts-227a

126[2]

176 Ich habe, wenn ich nachträglich an das Erlebnis denke, das Gefühl, daß das Wesentliche an ihm ein ‘Erlebnis eines Einflusses’, einer Verbindung, ist – im Gegensatz zu irgendeiner bloßen Gleichzeitigkeit von Phänomenen: Zugleich aber möchte ich kein erlebtes Phänomen “Erlebnis des Einflusses” nennen. (Hier liegt die Idee: der Wille ist keine Erscheinung.) Ich möchte sagen, ich hätte das ‘Weil’ erlebt; und doch will ich keine Erscheinung “Erlebnis des Weil” nennen.

176 When I think back to the experience, I have the feeling that the essence of it is an ‘experience of influence,’ of connection – as opposed to any mere simultaneity of phenomena: yet at the same time, I would not want to call any experienced phenomenon an “experience of influence.” (Here lies the idea: the will is not an appearance.) I would like to say that I experienced the ‘because’; and yet I do not want to call any phenomenon an “experience of because.”

§Ts-227a

126[3]

177 Ich möchte sagen: “Ich erlebe das Weil”. Aber nicht, weil ich mich an dieses Erlebnis erinnere; sondern, weil ich beim Nachdenken darüber, was ich in so einem Fall erlebe, dies durch das Medium des Begriffes ‘weil’ (oder ‘Einfluß’, oder ‘Ursache’, oder ‘Verbindung’) anschaue. – Denn es ist freilich richtig, zu sagen, ich habe diese Linie unter dem Einfluß der Vorlage gezogen: dies liegt aber nicht einfach in dem, was ich beim Ziehen der Linie empfinde – sondern, unter Umständen, z.B. darin, daß ich sie der andern parallel ziehe; obwohl auch das wieder für das Geführtwerden nicht allgemein wesentlich ist. –

177 I would like to say: “I experience the because.” But not because I remember this experience; but because, when thinking about what I experience in such a case, I view this through the medium of the concept of ‘because’ (or ‘influence,’ or ‘cause,’ or ‘connection’). – For it is, of course, correct to say that I drew this line under the influence of the template: but this does not simply lie in what I experience when drawing the line – but, under certain circumstances, e.g., in the fact that I draw it parallel to the other; although even that is not generally essential for being guided. –

§Ts-227a

126[4] &
127[1]

178 Wir sagen auch: “Du siehst ja, daß ich mich von ihr führen lasse” – und was sieht der, der das sieht? Wenn ich zu mir selbst sage: “Ich werde doch geführt” – so mache ich etwa eine Handbewegung dazu, die das Führen ausdrückt. – Mache eine solche Handbewegung, gleichsam als leitetest du jemand entlang, und frage dich dann, worin das Führende dieser Bewegung besteht. Denn du hast hier ja niemand geführt. Und doch möchtest du die Bewegung eine ‘führende’ nennen. Also war in dieser Bewegung, und Empfindung, nicht das Wesen des Führens enthalten und doch drängte es dich, diese Bezeichnung zu gebrauchen. Es ist eben eine Erscheinungsform des Führens, die uns diesen Ausdruck aufdrängt.

178 We also say: “You see that I am letting myself be guided by it” – and what does the one who sees it see? If I say to myself: “I am being guided” – then I make a hand gesture to go with it, which expresses the guiding. – Make such a hand gesture, as if you were guiding someone along, and then ask yourself what the guiding aspect of this movement consists of. Because you have not actually guided anyone here. And yet you would like to call the movement a ‘guiding’ one. So, in this movement, and sensation, the essence of guidance was not contained, and yet it urged you to use this designation. It is simply a form of appearance of guidance that imposes this expression on us.

§Ts-227a

127[2] &
128[1]

179 Kehren wir zu unserm Fall (151) zurück. Es ist klar: wir würden nicht sagen, B habe ein Recht, die Worte “Jetzt weiß ich weiter” zu sagen, weil ihm die Formel eingefallen ist,– wenn nicht erfahrungsmäßig ein Zusammenhang bestünde zwischen dem Einfallen – Aussprechen, Anschreiben – der Formel und dem tatsächlichen Fortsetzen der Reihe. Und so ein Zusammenhang besteht ja offenbar. – Und nun könnte man meinen, der Satz “Ich kann fortsetzen” sage soviel wie: “Ich habe ein Erlebnis, welches erfahrungsgemäß zum Fortsetzen der Reihe führt”. Aber meint das B, wenn er sagt, er könne fortsetzen? Schwebt ihm jener Satz dabei im Geiste vor, oder ist er bereit, ihn als Erklärung dessen, was er meint, zu geben? Nein. Die Worte “Jetzt weiß ich weiter” waren richtig angewandt, wenn ihm die Formel eingefallen war: nämlich unter gewissen Umständen. Z.B., wenn er Algebra gelernt, solche Formeln schon früher benützt hatte. – Das heißt aber nicht, jene Aussage sei nur eine Abkürzung für die Beschreibung sämtlicher Umstände, die den Schauplatz unseres Sprachspiels bilden. – Denke daran, wie wir jene Ausdrücke, “jetzt weiß ich weiter”, “jetzt kann ich fortsetzen”, u.a., gebrauchen lernen; in welcher Familie von Sprachspielen wir ihren Gebrauch lernen. Wir können uns auch den Fall vorstellen, daß im Geist des B garnichts anderes vorfiel, als daß er plötzlich sagte “Jetzt weiß ich weiter” – etwa mit einem Gefühl der Erleichterung; und daß er nun die Reihe tatsächlich fortrechnet, ohne die Formel zu benützen. Und auch in diesem Falle würden wir – unter gewissen Umständen – sagen, er habe weiter gewußt.

179 Let us return to our case (151). It is clear: we would not say that B is justified in saying the words “Now I know how to proceed” because the formula occurred to him – unless there were, in experience, a connection between the occurrence – utterance, writing down – of the formula and the actual continuation of the series. And such a connection manifestly exists. – And now one might think that the sentence “I can continue” says as much as: “I have an experience which, according to experience, leads to the continuation of the series.” But does B mean this when he says that he can continue? Does that sentence float before his mind, or is he prepared to give it as an explanation of what he means? No. The words “Now I know how to proceed” were rightly used when the formula occurred to him: namely, under certain circumstances. For example, if he had learned algebra, had used such formulas before. – But this does not mean that that statement is only an abbreviation for the description of all the circumstances that constitute the setting of our language-game. – Remember how we learn to use these expressions, “now I know how to proceed,” “now I can continue,” and so on; in what family of language-games we learn their use. We can also imagine the case that in B’s mind nothing else occurred than that he suddenly said “Now I know how to proceed” – perhaps with a feeling of relief; and that he now actually continues the series, without using the formula. And even in this case we would – under certain circumstances – say that he knew how to proceed.

§Ts-227a

128[2]

180 So werden diese Worte gebraucht. Es wäre, in diesem letzteren Fall z.B., ganz irreleitend, die Worte eine “Beschreibung eines seelischen Zustandes” zu nennen. – Eher könnte man sie hier ein ‘Signal’ nennen; und ob es richtig angewendet war, beurteilen wir nach dem, was er weiter tut.

180 This is how these words are used. In this latter case, for example, it would be completely misleading to call the words “a description of a mental state.” – Rather, one could call them a ‘signal’ here; and whether they were rightly used, we judge by what he does next.

§Ts-227a

128[3] &
129[1]

181 Um dies zu verstehen, müssen wir uns auch folgendes überlegen: Angenommen, B sagt, er wisse weiter – wenn er aber nun fortsetzen will, stockt er und kann es nicht: Sollen wir dann sagen, er habe mit Unrecht gesagt, er könne fortsetzen, oder aber: er hätte damals fortsetzen können, nur jetzt könne er es nicht? – Es ist klar, daß wir in verschiedenen Fällen Verschiedenes sagen werden. (Überlege dir beide Arten von Fällen.)

181 In order to understand this, we must also consider the following: Suppose B says that he knows how to proceed – but when he wants to continue, he stops and cannot do it: Should we then say that he said, without justification, that he could continue, or rather: he could have continued at that time, but now he cannot? – It is clear that we will say different things in different cases. (Consider both types of cases.)

§Ts-227a

129[2] &
130[1]

182 Die Grammatik von “passen”, “können” und “verstehen”. Aufgaben: 1) Wann sagt man, ein Zylinder Z passe in einen Hohlzylinder H? Nur solange Z in H steckt? 2) Man sagt manchmal: Z hat um die und die Zeit aufgehört, in H zu passen. Welche Kriterien verwendet man in so einem Fall dafür, daß es um diese Zeit geschah? 3) Was betrachtet man als Kriterium dafür, daß ein Körper sein Gewicht um eine bestimmte Zeit geändert hat, wenn er damals nicht auf der Waage lag? 4) Gestern wußte ich das Gedicht auswendig; heute weiß ich's nicht mehr. In was für Fällen hat die Frage Sinn: # “Wann habe ich aufgehört, es auswendig zu wissen”? 5) Jemand fragt mich: “Kannst du dieses Gewicht heben?” Ich antworte “Ja”. Nun sagt er “Tu's!” – da kann ich es nicht. Unter was für Umständen würde man die Rechtfertigung gelten lassen: “Als ich antwortete ‘Ja’, da konnte ich's, nur jetzt kann ich's nicht”?

Die Kriterien, die wir für das ‘Passen’, “Können”, “Verstehen” gelten lassen, sind viel kompliziertere, als es auf den ersten Blick scheinen möchte. D.h., das Spiel mit diesen Worten, ihre Verwendung im sprachlichen Verkehr, dessen Mittel sie sind, ist verwickelter – die Rolle dieser Wörter in unserer Sprache eine andere – als wir versucht sind, zu glauben. (Diese Rolle ist es, die wir verstehen müssen, um philosophische Paradoxe aufzulösen. Und darum genügt dazu gewöhnlich nicht eine Definition; und schon erst recht nicht die Feststellung, ein Wort sei ‘undefinierbar’.)

182 The grammar of “fit,” “can,” and “understand.” Tasks: 1) When does one say that a cylinder Z fits into a hollow cylinder H? Only as long as Z is in H? 2) One sometimes says: Z stopped fitting into H at around such and such a time. What criteria are used in such a case to determine that it happened at that time? 3) What is considered a criterion for the fact that a body changed its weight at a certain time, if it was not on the scales at that time? 4) Yesterday I knew the poem by heart; today I don’t know it anymore. In what cases does the question make sense: “When did I stop knowing it by heart”? 5) Someone asks me: “Can you lift this weight?” I answer “Yes.” Now he says “Do it!” – but I can’t. Under what circumstances would the justification be accepted: “When I answered ‘Yes,’ I could do it, but now I can’t”?

The criteria that we accept for ‘fitting,’ “can,” “understanding” are much more complicated than they seem at first glance. That is to say, the game with these words, their use in linguistic practice, of which they are the means, is more complicated – the role of these words in our language is different – than we are inclined to believe. (It is this role that we must understand in order to resolve philosophical paradoxes. And that is why a definition is usually not enough for this; and certainly not the statement that a word is ‘undefinable’.)

§Ts-227a

130[2]

183 Wie aber,– hat nun der Satz “Jetzt kann ich fortsetzen” im Fall (151) das Gleiche geheißen, wie “Jetzt ist mir die Formel eingefallen”, oder etwas anderes? Wir können sagen, daß dieser Satz, unter diesen Umständen, den gleichen Sinn habe (das Gleiche leiste), wie jener. Aber auch, daß, allgemein, diese beiden Sätze nicht den gleichen Sinn haben. Wir sagen auch: “Jetzt kann ich fortsetzen, ich meine, ich weiß die Formel”; wie wir sagen: “Ich kann gehen, d.h., ich habe Zeit”; aber auch: “Ich kann gehen, d.h., ich bin schon stark genug”; oder: “Ich kann gehen, was den Zustand meines Beines anbelangt”, wenn wir nämlich diese Bedingung des Gehens, andern Bedingungen entgegensetzen. Hier müssen wir uns aber hüten, zu glauben, es gebe, entsprechend der Natur des Falles, eine Gesamtheit aller Bedingungen (z.B. dafür, daß Einer geht) so daß er, sozusagen, nicht anders als gehen könnte, wenn sie alle erfüllt sind.

183 But how – in case (151), did the sentence “Now I can continue” mean the same as “Now I have remembered the formula,” or something else? We can say that this sentence, under these circumstances, has the same sense (achieves the same thing) as that one. But also, that, generally, these two sentences do not have the same sense. We also say: “Now I can continue, I mean, I know the formula”; just as we say: “I can go, that is, I have time”; but also: “I can go, that is, I am strong enough”; or: “I can go, with regard to the condition of my leg,” if we set this condition of going against other conditions. Here, however, we must be careful not to believe that, according to the nature of the case, there is a totality of all conditions (e.g., for someone to go) such that he, as it were, could not do anything other than go if they are all fulfilled.

§Ts-227a

130[3] &
131[1]

184 Ich will mich an eine Melodie erinnern und sie fällt mir nicht ein; plötzlich sage ich, “Jetzt weiß ich's!”, und singe sie. Wie war es, als ich sie plötzlich wußte? Sie konnte mir doch nicht in diesem Moment ganz eingefallen sein! – Du sagst vielleicht: “Es ist ein bestimmtes Gefühl, als wäre sie jetzt da” – aber ist sie jetzt da? Wie, wenn ich nun anfange, sie zu singen und stecken bleibe? ‒ ‒ Ja aber konnte ich nicht doch in diesem Moment sicher sein, daß ich sie wüßte? Sie war also eben doch in irgendeinem Sinne da!‒ ‒ Aber in welchem Sinne? Du sagst doch wohl, die Melodie sei da, wenn er sie etwa durchsingt, oder von Anfang zu Ende vor dem innern Ohr hört. Ich leugne natürlich nicht, daß der Aussage, die Melodie sei da, auch ein ganz anderer Sinn gegeben werden kann – z.B. der, ich hätte einen Zettel, auf dem sie aufgeschrieben steht. – Und worin besteht es denn, daß er ‘sicher’ ist, er wisse sie? – Man kann natürlich sagen: Wenn jemand mit Überzeugung sagt, jetzt wisse er die Melodie, so steht sie in diesem Augenblick (irgendwie) ganz vor seinem Geist ‒ ‒ und dies ist eine Erklärung der Worte: “die Melodie steht ganz vor seinem Geist”.

184 I want to remember a melody and I can’t recall it; suddenly I say, “Now I know it!” and I sing it. What was it like when I suddenly knew it? It couldn’t possibly have fully come to me in that moment! – You might say: “It is a certain feeling, as if it were now there” – but is it really there now? What if I now start to sing it and get stuck? ‒ ‒ Yes, but couldn’t I still have been certain in that moment that I knew it? So it was, in a sense, there! ‒ ‒ But in what sense? You do say, don’t you, that the melody is there when he sings it, or listens to it from beginning to end in his mind’s ear. Of course, I don’t deny that the statement that the melody is there can also be given a completely different sense – for example, that I have a piece of paper on which it is written. – And what is it that he ‘is sure’ he knows it? – One can, of course, say: When someone says with conviction that he now knows the melody, it is, in this moment (somehow), completely present in his mind ‒ ‒ and this is an explanation of the words: “the melody is completely present in his mind”.

§Ts-227a

131[2] &
132[1] &
133[1]

185 Gehen wir nun zu unserm Beispiel (143) zurück. Der Schüler beherrscht jetzt – nach den gewöhnlichen Kriterien beurteilt – die Grundzahlenreihe. Wir lehren ihn nun auch andere Reihen von Kardinalzahlen anschreiben und bringen ihn dahin, daß er z.B. auf Befehle von der Form “+ n” Reihen der Form 0, n, 2n, 3n, etc. anschreibt; auf den Befehl “+1” also die Grundzahlenreihe. – Wir hätten unsre Übungen und Stichproben seines Verständnisses im Zahlenraum bis 1000 gemacht. Wir lassen nun den Schüler einmal eine Reihe (etwa “+2”) über 1000 hinaus fortsetzen,– da schreibt er: 1000, 1004, 1008, 1012. Wir sagen ihm: “Schau, was du machst!” – Er versteht uns nicht. Wir sagen: “Du solltest doch zwei addieren; schau, wie du die Reihe begonnen hast!” – Er antwortet: “Ja! Ist es denn nicht richtig? Ich dachte, so soll ich's machen.”‒ ‒ Oder nimm an, er sagte, auf die Reihe weisend: “Ich bin doch auf die gleiche Weise fortgefahren!” – Es würde uns nun nichts nützen, zu sagen “Aber siehst du denn nicht …?”– und ihm die alten Erklärungen und Beispiele zu wiederholen. – Wir könnten in so einem Falle etwa sagen: Dieser Mensch versteht von Natur aus jenen Befehl, auf unsre Erklärungen hin, so, wie wir den Befehl: “Addiere bis 1000 immer 2, bis 2000 4, bis 3000 6, etc.” Dieser Fall hätte Ähnlichkeit mit dem, als reagierte ein Mensch auf eine zeigende Gebärde der Hand von Natur damit, daß er in der Richtung von der Fingerspitze zur Handwurzel blickt, statt in der Richtung zur Fingerspitze.

185 Let us now return to our example (143). The student now – judged by the usual criteria – has mastered the basic number series. We now also teach him other series of cardinal numbers and bring him to the point where, for example, he writes series of the form 0, n, 2n, 3n, etc. on the command “+ n”; so the basic number series on the command “+1”. – We would have done our exercises and tests of his understanding of the number space up to 1000. We now let the student continue a series (e.g., “+2”) beyond 1000, and he writes: 1000, 1004, 1008, 1012. We say to him: “Look what you are doing!” – He does not understand us. We say: “You should add two; look how you started the series!” – He replies: “Yes! Is that not correct? I thought I should do it this way.” ‒ ‒ Or suppose he said, pointing to the series: “I did continue in the same way!” – It would not be of any use for us to say “But don’t you see…?” – and to repeat the old explanations and examples to him. – In such a case, we could say: This person, by nature, understands that command, in response to our explanations, in such a way as we understand the command: “Add 2 up to 1000, 4 up to 2000, 6 up to 3000, etc.” This case would be similar to the case where a person, by nature, reacts to a pointing gesture of the hand by looking in the direction from the fingertip to the wrist, instead of in the direction of the fingertip.

§Ts-227a

133[2]

186 “Was du sagst, läuft also darauf hinaus, es sei zum richtigen Befolgen des Befehls ‘ + n’ auf jeder Stufe eine neue Einsicht – Intuition – nötig.” – Zur richtigen Befolgung! Wie wird denn entschieden, welches an einem bestimmten Punkt der richtige Schritt ist? – “Der richtige Schritt ist der, welcher mit dem Befehl – wie er gemeint war – übereinstimmt.” – Du hast also zur Zeit, als du den Befehl “ + 2” gabst, gemeint, er solle auf 1000 1002 schreiben – und hast du damals auch gemeint, er solle auf 1866 1868 schreiben, und auf 100034 100036, u.s.f.– eine unendliche Anzahl solcher Sätze? – “Nein; ich habe gemeint, er solle nach jeder Zahl, die er schreibt, die zweitnächste schreiben; und daraus folgen ihres Orts alle jene Sätze.” – Aber es ist ja gerade die Frage, was, an irgendeinem Ort, aus jenem Satz folgt. Oder auch – was wir an irgend einem Ort “Übereinstimmung” mit jenem Satz nennen sollen (und auch mit der Meinung, die du damals dem Satz gegeben hast,– worin immer diese bestanden haben mag). Richtiger, als zu sagen, es sei an jedem Punkt eine neue Intuition nötig, wäre beinah, zu sagen: es sei an jedem Punkt eine neue Entscheidung nötig.

186 “So what you are saying comes down to the fact that, in order to correctly follow the command ‘+ n,’ a new insight – intuition – is needed at every stage.” – For the correct following! How is it decided which is the right step at a particular point? – “The right step is the one that corresponds to the command – as it was meant.” – So, at the time when you gave the command “+ 2,” you meant that it should write 1000 1002 – and did you also mean at that time that it should write 1866 1868, and 100034 100036, etc. – an infinite number of such sentences? – “No; I meant that it should write the second number after every number it writes; and all those sentences follow from that.” – But the question is precisely what follows from that sentence at any given point. Or also – what we should call “agreement” with that sentence at any given point (and also with the opinion that you gave to the sentence at that time, whatever it may have consisted of). More accurately than saying that a new intuition is needed at every point, it would be almost to say: a new decision is needed at every point.

§Ts-227a

133[3] &
134[1]

187 “Ich habe aber doch auch damals, als ich den Befehl gab, schon gewußt, daß er auf 1000 1002 schreiben soll!” – Gewiß; und du kannst sogar sagen, du habest es damals gemeint; nur sollst du dich nicht von der Grammatik der Wörter “wissen” und “meinen” irreführen lassen. Denn du meinst ja nicht, daß du damals an den Übergang von 1000 auf 1002 gedacht hast – und wenn auch an diesen Übergang, so doch an andre nicht. Dein “Ich habe damals schon gewußt …” heißt etwa: “Hätte man mich damals gefragt, welche Zahl er nach 1000 schreiben soll, so hätte ich geantwortet ‘1002’.” Und daran zweifle ich nicht. Es ist das eine Annahme etwa von der Art dieser: “Wenn er damals ins Wasser gefallen wäre, so wäre ich ihm nachgesprungen.” – Worin lag nun das Irrige deiner Idee?

187 “But I also knew at the time when I gave the command that it should write 1000 1002!” – Certainly; and you can even say that you meant it at the time; only you should not be misled by the grammar of the words “know” and “mean.” Because you do not mean that you thought of the transition from 1000 to 1002 at that time – and even if you did think of that transition, you did not think of others. Your “I already knew at the time …” means something like: “If I had been asked at that time what number it should write after 1000, I would have answered ‘1002’.” And I do not doubt that. It is an assumption of the kind: “If he had fallen into the water at that time, I would have jumped in after him.” – In what was the error of your idea?

§Ts-227a

134[2]

188 Da möchte ich zuerst sagen: Deine Idee sei die gewesen, jenes Meinen des Befehls habe auf seine Weise alle jene Übergänge doch schon gemacht: deine Seele fliege beim Meinen, gleichsam, voraus und mache alle Übergänge, ehe du körperlich bei dem oder jenem angelangt bist. Du warst also zu Ausdrücken geneigt, wie: “Die Übergänge sind eigentlich schon gemacht; auch ehe ich sie schriftlich, mündlich, oder in Gedanken, mache”. Und es schien, als wären sie in einer einzigartigen Weise vorausbestimmt, antizipiert – wie nur das Meinen die Wirklichkeit antizipieren könne.

188 I would like to say first: Your idea was that your meaning of the command had, in its way, already carried out all those transitions: your mind flies ahead, as it were, when meaning, and carries out all the transitions before you physically arrive at this or that point. So you were inclined to expressions such as: “The transitions have actually already been made; even before I make them in writing, orally, or in thought.” And it seemed as if they were predetermined in a unique way, anticipated – as only meaning can anticipate reality.

§Ts-227a

134[3] &
135[1] &
136[1]

189 “Aber sind die Übergänge also durch die algebraische Formel nicht bestimmt?” – In der Frage liegt ein Fehler. Wir verwenden den Ausdruck: “die Übergänge sind durch die Formel … bestimmt”. Wie wird er verwendet? – Wir können etwa davon reden, daß Menschen durch Erziehung (Abrichtung) dahin gebracht werden, die Formel y = x² so zu verwenden, daß Alle, wenn sie die gleiche Zahl für x einsetzen, immer die gleiche Zahl durch y herausrechnen. Oder wir können sagen: “Diese Menschen sind so abgerichtet, daß sie alle auf den Befehl | ‘+3’ auf der gleichen Stufe den gleichen Übergang machen. Wir könnten dies so ausdrücken: Der Befehl ‘+3’ bestimmt für diese Menschen jeden Übergang von einer Zahl zur nächsten völlig.” (Im Gegensatz zu andern Menschen, die auf diesen Befehl nicht wissen, was sie zu tun haben; oder die zwar mit völliger Sicherheit, aber ein jeder in anderer Weise, auf ihn reagieren.) Wir können anderseits verschiedene Arten von Formeln, und zu ihnen gehörige verschiedene Arten der Verwendung (verschiedene Arten der Abrichtung) einander entgegensetzen. Wir nennen dann Formeln einer bestimmten Art (und der dazugehörigen Verwendungsweise) “Formeln, welche eine Zahl y für ein gegebenes x bestimmen”, und Formeln anderer Art solche, “die die Zahl y für ein gegebenes x nicht bestimmen”. (y = x² wäre von der ersten Art, y ≠ x² von der zweiten.) Der Satz “Die Formel … bestimmt eine Zahl y” ist dann eine Aussage über die Form der Formel– und es ist nun zu unterscheiden ein Satz wie dieser: “Die Formel, die ich hingeschrieben habe, bestimmt y” oder “Hier steht eine Formel, die y | bestimmt” – von einem Satz der Art: “Die Formel y = x² bestimmt die Zahl y für ein gegebenes x”. Die Frage “Steht dort eine Formel, die y bestimmt?” heißt dann dasselbe wie: “Steht dort eine Formel dieser Art, oder jener Art?” – was wir aber mit der Frage anfangen sollen “Ist y = x² eine Formel, die y für ein gegebenes x bestimmt?” ist nicht ohne Weiteres klar. Diese Frage könnte man etwa an einen Schüler richten, um zu prüfen, ob er die Verwendung des Wortes “bestimmen” versteht; oder es könnte eine mathematische Aufgabe sein, in einem bestimmten System zu beweisen, daß x nur ein Quadrat besitzt.

189 “But are the transitions then not determined by the algebraic formula?” – There is a mistake in the question. We use the expression: “the transitions are determined by the formula…”. How is it used? – We can, for example, talk about how people are brought, through training, to use the formula y = x² in such a way that everyone, when they put the same number in for x, always calculate the same number for y. Or we can say: “These people are so trained that they all make the same transition to the same level when given the command | ‘+3’”. We could express this as follows: The command ‘+3’ completely determines for these people every transition from one number to the next. (In contrast to other people who, when given this command, do not know what to do; or who, although they react with complete certainty, each react in a different way.) We can, on the other hand, set different types of formulas, and the different types of use (different types of training) belonging to them, against each other. We call formulas of a certain type (and the corresponding way of using them) “formulas that determine a number y for a given x”, and formulas of another type those “that do not determine the number y for a given x”. (y = x² would be of the first type, y ≠ x² of the second.) The sentence “The formula… determines a number y” is then a statement about the form of the formula – and it is now to be distinguished from a sentence like this: “The formula that I have written down determines y” or “Here is a formula that determines y |” – from a sentence of the type: “The formula y = x² determines the number y for a given x”. The question “Does the formula written there determine y?” then means the same as: “Is there a formula of this type, or that type?” – but what we are supposed to do with the question “Is y = x² a formula that determines y for a given x?” is not immediately clear. This question could, for example, be put to a student in order to test whether he understands the use of the word “determine”; or it could be a mathematical problem, to prove in a certain system that x only has one square.

§Ts-227a

136[2] &
137[1]

190 Man kann nun sagen: “Wie die Formel gemeint wird, das bestimmt, welche Übergänge zu machen sind.” Was ist das Kriterium dafür, wie die Formel gemeint ist? Etwa die Art und Weise, wie wir sie ständig gebrauchen, wie uns gelehrt wurde, sie zu gebrauchen. Wir sagen z.B. Einem, der ein uns unbekanntes Zeichen gebraucht: “Wenn du mit | ‘x!2’ meinst x², so erhältst du diesen Wert für y, wenn du 2x damit meinst, jenen.” – Frage dich nun: Wie macht man es, mit “x!2” das eine, oder das andere meinen? So kann also das Meinen die Übergänge zum Voraus bestimmen.

190 One can now say: “How the formula is meant determines which operations are to be performed.” What is the criterion for how the formula is meant? Perhaps the way in which we constantly use it, the way in which we were taught to use it. We say, for example, to someone who uses a sign that is unknown to us: “If by ‘x!2’ you mean x², then you obtain this value for y; if by ‘2x’ you mean that, then you obtain that.” – Now ask yourself: how does one mean one thing or the other by “x!2”? In this way, then, the meaning can determine the operations in advance.

§Ts-227a

137[2]

191 “Es ist, als könnten wir die ganze Verwendung des Wortes mit einem Schlage erfassen.” – Wie was z.B.? – Kann man sie nicht – in gewissem Sinne – mit einem Schlag erfassen? Und in welchem Sinne kannst du dies nicht? – Es ist eben, als könnten wir sie in einem noch viel direkteren Sinne ‘mit einem Schlag erfassen’. – Aber hast du dafür ein Vorbild? Nein. Es bietet sich uns nur diese Ausdrucksweise an. Als das Resultat sich kreuzender Bilder.

191 “It is as if we could grasp the entire use of the word in a single stroke.” – How, in what way for example? – Can one not grasp it – in a certain sense – in a single stroke? And in what sense can you not do this? – It is simply as if we could grasp it in an even more direct sense ‘in a single stroke’. – But do you have a model for this? No. Only this mode of expression is available to us. As the result of intersecting images.

§Ts-227a

137[3]

192 Du hast kein Vorbild dieser übermäßigen Tatsache, aber du wirst dazu verführt, einen Über-Ausdruck zu gebrauchen. (Man könnte das einen philosophischen Superlativ nennen.)

192 You have no model for this excessive fact, but you are tempted to use an over-expression. (One could call this a philosophical superlative.)

§Ts-227a

137[4] &
138[1] &
139[1]

193 Die Maschine als Symbol ihrer Wirkungsweise: Die Maschine – könnte ich zuerst sagen – scheint ihre Wirkungsweise schon in sich zu haben. Was heißt das? – Indem wir die Maschine kennen, scheint alles Übrige, nämlich die Bewegungen, welche sie machen wird, schon ganz bestimmt zu sein. Wir reden so, als könnten sich diese Teile nur so bewegen, als könnten sie nichts anderes tun. Wie ist es – vergessen wir also die Möglichkeit, daß sie sich biegen, abbrechen, schmelzen, etc.? Ja; wir denken in vielen Fällen garnicht daran. Wir gebrauchen eine Maschine, oder das Bild einer Maschine, als Symbol für eine bestimmte Wirkungsweise. Wir teilen z.B. Einem dieses Bild mit und setzen voraus, daß er die Erscheinungen der Bewegung der Teile aus ihm ableitet. (So wie wir jemand eine Zahl mitteilen können, indem wir sagen, sie sei die fünfundzwanzigste der Reihe 1, 4, 9, 16, …) “Die Maschine scheint ihre Wirkungsweise schon in sich zu haben” heißt: wir sind geneigt, die künftigen Bewegungen der Maschine in ihrer Bestimmtheit mit Gegenständen zu vergleichen, die schon in einer Lade liegen und nun von uns herausgeholt werden. ‒ ‒ So aber reden wir nicht, wenn es sich darum handelt, das wirkliche Verhalten einer Maschine vorauszusagen. Da vergessen wir, im allgemeinen, nicht die Möglichkeit der Deformation der Teile, etc..‒ ‒ Wohl aber, wenn wir uns darüber wundern, wie wir denn die Maschine als Symbol einer Bewegungsweise verwenden können,– da sie sich doch auch ganz anders bewegen kann. Wir könnten sagen, die Maschine, oder ihr Bild, sei der Anfang einer Reihe von Bildern, die wir aus diesem Bild abzuleiten gelernt haben. Wenn wir aber bedenken, daß sich die Maschine auch anders hätte bewegen können, so kann es nun scheinen, als müßte in der Maschine, als Symbol, ihre Bewegungsart noch viel bestimmter enthalten sein, als in der wirklichen Maschine. Es genüge da nicht, daß dies die erfahrungsmäßig vorausbestimmten Bewegungen seien, sondern sie müßten eigentlich – in einem mysteriösen Sinne – bereits gegenwärtig sein. Und es ist ja wahr: die Bewegung des Maschinensymbols ist in anderer Weise vorausbestimmt, als die einer gegebenen wirklichen Maschine.

193 The machine as a symbol of its mode of operation: The machine – one might say at first – seems to already have its mode of operation within itself. What does that mean? – By knowing the machine, everything else, namely the movements that it will make, seems to be completely determined. We speak as if these parts could only move in this way, as if they could do nothing else. What if – we forget the possibility that they might bend, break, melt, etc.? Yes; in many cases, we don't even think about it. We use a machine, or the image of a machine, as a symbol for a particular mode of operation. We communicate, for example, this image to someone and assume that he will derive the phenomena of the movement of the parts from it. (Just as we can communicate a number to someone by saying that it is the twenty-fifth in the series 1, 4, 9, 16, …) “The machine seems to already have its mode of operation within itself” means: we are inclined to compare the future movements of the machine in their determinacy with objects that already lie in a drawer and are now taken out by us. – – But that is not how we speak when it comes to predicting the actual behaviour of a machine. In that case, we generally do not forget the possibility of deformation of the parts, etc. – – But if we wonder how we can use the machine as a symbol of a mode of movement, since it can also move in a completely different way. We might say that the machine, or its image, is the beginning of a series of images that we have learned to derive from this image. But if we consider that the machine could also have moved differently, then it may now seem as if the type of movement must be contained in the machine, as a symbol, in an even more determined way than in the actual machine. It would not be enough that these are the movements that are empirically predetermined; rather, they would actually have to be – in a mysterious sense – already present. And that is true: the movement of the machine symbol is predetermined in a different way than that of a given actual machine.

§Ts-227a

139[2] &
140[1] &
141[1]

194 Wann denkt man denn: die Maschine habe ihre möglichen Bewegungen schon in irgendeiner mysteriösen Weise in sich? – Nun, wenn man philosophiert. Und was verleitet uns, das zu denken? Die Art und Weise, wie wir von der Maschine reden. Wir sagen z.B., die Maschine habe (besäße) diese Bewegungsmöglichkeiten; wir sprechen von der ideal starren Maschine, die sich nur so und so bewegen könne. ‒ ‒ Die Bewegungsmöglichkeit, was ist sie? Sie ist nicht die Bewegung; aber sie scheint auch nicht die bloße physikalische Bedingung der Bewegung zu sein – etwa, daß zwischen Lager und Zapfen ein Spielraum ist, der Zapfen nicht zu streng ins Lager paßt. Denn dies ist zwar erfahrungsmäßig die Bedingung der Bewegung, aber man könnte sich die Sache auch anders vorstellen. Die Bewegungsmöglichkeit soll eher wie ein Schatten der Bewegung selber sein. Aber kennst du so einen Schatten? Und unter Schatten verstehe ich nicht irgend ein Bild der Bewegung,– denn dies Bild müßte ja nicht das Bild gerade dieser Bewegung sein. Aber die Möglichkeit dieser Bewegung muß die Möglichkeit gerade dieser Bewegung sein. (Sieh, wie hoch die Wellen der Sprache hier gehen!) Die Wellen legen sich, sowie wir uns fragen: Wie gebrauchen wir denn, wenn wir von einer Maschine reden, das Wort “Möglichkeit der Bewegung”? ‒ ‒ Woher kamen aber dann die seltsamen Ideen? Nun, ich zeige dir die Möglichkeit der Bewegung, etwa durch ein Bild der Bewegung: ‘also ist die Möglichkeit etwas der Wirklichkeit Ähnliches’. Wir sagen: “es bewegt sich noch nicht, aber es hat schon die Möglichkeit, sich zu bewegen”‒ ‒ ‘also ist die Möglichkeit etwas der Wirklichkeit sehr Nahes’. Wir mögen zwar bezweifeln, ob die und die physikalische Bedingung diese Bewegung möglich macht, aber wir diskutieren nie, ob dies die Möglichkeit dieser, oder jener Bewegung sei: ‘also steht die Möglichkeit der Bewegung zur Bewegung selbst in einer einzigartigen Relation; enger, als die des Bildes zu seinem Gegenstand’; denn es kann bezweifelt werden, ob dies das Bild dieses, oder jenes Gegenstandes ist. Wir sagen “Die Erfahrung wird lehren, ob dies dem Zapfen diese Bewegungsmöglichkeit gibt”, aber wir sagen nicht “Die Erfahrung wird lehren, ob dies die Möglichkeit dieser Bewegung ist”: ‘also ist es nicht Erfahrungstatsache, daß diese Möglichkeit die Möglichkeit gerade dieser Bewegung ist’. Wir achten auf unsere eigene Ausdrucksweise, diese Dinge betreffend, verstehen sie aber nicht, sondern mißdeuten sie. Wir sind, wenn wir philosophieren, wie Wilde, wie primitive Menschen, die die Ausdrucksweise zivilisierter Menschen hören, sie mißdeuten, und nun die seltsamsten Schlüsse aus ihrer Deutung ziehen.

194 When does one think that the machine already has its possible movements in some mysterious way within itself? – Well, when one philosophizes. And what leads us to think this? The way we talk about the machine. We say, for example, that the machine has (possesses) these movement possibilities; we speak of the ideally rigid machine, which can only move in this way or that way. – – The movement possibility, what is it? It is not the movement; but it does not seem to be merely the physical condition of the movement either – for example, that there is a space between the bearing and the pin, that the pin does not fit too tightly into the bearing. For this is indeed the empirical condition of the movement, but one could also imagine the matter differently. The movement possibility should rather be like a shadow of the movement itself. But do you know such a shadow? And by shadow I do not mean any image of the movement – for this image does not have to be the image of precisely this movement. But the possibility of this movement must be the possibility of precisely this movement. (See how high the waves of language rise here!) The waves subside as soon as we ask: How do we use the word “possibility of movement” when we talk about a machine? – – But where did these strange ideas come from? Well, I show you the possibility of the movement, for example, through an image of the movement: ‘so the possibility is something similar to reality’. We say: “it is not moving yet, but it already has the possibility of moving” – – ‘so the possibility is something very close to reality’. We may indeed doubt whether this or that physical condition makes this movement possible, but we never discuss whether this is the possibility of this or that movement: ‘so the possibility of movement stands in a unique relationship to the movement itself; closer than that of the image to its object’; for it can be doubted whether this is the image of this or that object. We say “experience will teach whether this gives the pin this movement possibility”, but we do not say “experience will teach whether this is the possibility of this movement”: ‘so it is not an empirical fact that this possibility is the possibility of precisely this movement’. We pay attention to our own way of expressing ourselves with regard to these things, but we do not understand them, but misinterpret them. When we philosophize, we are like savages, like primitive people, who hear the way of speaking of civilized people, misinterpret it, and now draw the strangest conclusions from their interpretation.

§Ts-227a

141[2]

195 “Aber ich meine nicht, daß, was ich jetzt (beim Erfassen) tue, die künftige Verwendung kausal und erfahrungsmäßig bestimmt, sondern daß, in einer seltsamen Weise, diese Verwendung selbst in irgend einem Sinne gegenwärtig ist.” – Aber ‘in irgend einem Sinne’ ist sie es ja! Eigentlich ist an dem, was du sagst, falsch nur der Ausdruck “in seltsamer Weise”. Das Übrige ist richtig; und seltsam erscheint der Satz nur, wenn man sich zu ihm ein anderes Sprachspiel vorstellt, als das, worin wir ihn tatsächlich verwenden. (Jemand sagte mir, er habe sich als Kind darüber gewundert, daß der Schneider ‘ein Kleid nähen könne’ – er dachte dies heiße, es werde durch (bloßes) Nähen ein Kleid erzeugt; indem man Faden an Faden näht.)

195 “But I don't mean that what I do now (in grasping) causally and empirically determines the future use, but that, in a strange way, this use itself is, in a certain sense, present.” – But ‘in some sense’ it is! Actually, the only thing wrong with what you say is the expression “in a strange way”. The rest is correct; and the sentence only seems strange if one imagines a different language-game for it than the one in which we actually use it. (Someone told me that as a child he wondered why the tailor ‘can sew a dress’ – he thought this meant that a dress was created by (mere) sewing; by sewing thread to thread.)

§Ts-227a

141[3]

196 Die unverstandene Verwendung des Wortes wird als Ausdruck eines seltsamen Vorgangs gedeutet. (Wie man sich die Zeit als seltsames Medium, die Seele als seltsames Wesen denkt.)

196 The misunderstood use of the word is interpreted as an expression of a strange process. (As one thinks of time as a strange medium, the soul as a strange essence.)

§Ts-227a

142[1] &
143[1]

197 “Es ist, als könnten wir die ganze Verwendung des Wortes mit einem Schlag erfassen.” – Wir sagen ja, daß wir es tun. D.h., wir beschreiben ja manchmal, was wir tun, mit diesen Worten. Aber es ist an dem, was geschieht, nichts Erstaunliches, nichts Seltsames. Seltsam wird es, wenn wir dazu geführt werden, zu denken, daß die künftige Entwicklung auf irgend eine Weise schon im Akt des Erfassens gegenwärtig sein muß und doch nicht gegenwärtig ist. – Denn wir sagen, es sei kein Zweifel, daß wir dies Wort verstehen, und anderseits liegt seine Bedeutung in seiner Verwendung. Es ist kein Zweifel, daß ich jetzt Schach spielen will; aber das Schachspiel ist dies Spiel durch alle seine Regeln (u.s.f.). Weiß ich also nicht, was ich spielen wollte, ehe ich gespielt habe? oder aber, sind alle Regeln in meinem Akt der Intention enthalten? Ist es nun Erfahrung, die mich lehrt, daß auf diesen Akt der Intention für gewöhnlich diese Art des Spielens folgt? kann ich also doch nicht sicher sein, was zu tun ich beabsichtigte? Und wenn dies Unsinn ist,– welcherlei über-starre Verbindung besteht zwischen dem Akt der Absicht und dem Beabsichtigten? ‒ ‒ Wo ist die Verbindung gemacht zwischen dem Sinn der Worte “Spielen wir eine Partie Schach!” und allen Regeln des Spiels? – Nun, im Regelverzeichnis des Spiels, im Schachunterricht, in der täglichen Praxis des Spielens.

197 “It is as if we could grasp the entire use of a word in one go.” – But we do say that we do. That is, we sometimes describe what we do with these words. But there is nothing surprising, nothing strange, about what happens. It becomes strange only if we are led to think that the future development must somehow already be present in the act of grasping, and yet it is not present. – For we say that there is no doubt that we understand this word, and on the other hand, its meaning lies in its use. There is no doubt that I now want to play chess; but the game of chess is this game through all its rules (and so on). Do I not, therefore, know what I wanted to play before I played it? Or are all the rules contained in my act of intention? Is it experience that teaches me that this kind of play usually follows this act of intention? Can I therefore not be sure what I intended to do? And if this is nonsense, what kind of over-rigid connection exists between the act of intention and what is intended? – – Where is the connection made between the sense of the words “Let’s play a game of chess!” and all the rules of the game? – Well, in the rule book of the game, in chess instruction, in the daily practice of playing.

§Ts-227a

143[2]

198 “Aber wie kann mich eine Regel lehren, was ich an dieser Stelle zu tun habe? Was immer ich tue, ist doch durch irgend eine Deutung mit der Regel zu vereinbaren.” – Nein, so sollte es nicht heißen. Sondern so: Jede Deutung hängt, mitsamt dem Gedeuteten, in der Luft; sie kann ihm nicht als Stütze dienen. Die Deutungen allein bestimmen die Bedeutung nicht. “Also ist, was immer ich tue, mit der Regel vereinbar?” – Laß mich so fragen: Was hat der Ausdruck der Regel – sagen wir, der Wegweiser – mit meinen Handlungen zu tun? Was für eine Verbindung besteht da? – Nun, etwa diese: ich bin zu einem bestimmten Reagieren auf dieses Zeichen abgerichtet worden, und so reagiere ich nun. Aber damit hast du nur einen kausalen Zusammenhang angegeben, nur erklärt, wie es dazu kam, daß wir uns jetzt nach dem Wegweiser richten; nicht, worin dieses Dem-Zeichen-Folgen eigentlich besteht. Nein; ich habe auch noch angedeutet, daß sich Einer nur insofern nach einem Wegweiser richtet, als es einen ständigen Gebrauch, eine Gepflogenheit, gibt.

198 “But how can a rule teach me what I have to do at this point? Whatever I do must be in accordance with some interpretation of the rule.” – No, that is not how it should be said. Rather, it should be said like this: Every interpretation hangs, along with what it interprets, in the air; it cannot serve as a support for it. The interpretations alone do not determine the meaning. “So, whatever I do is in accordance with the rule?” – Let me put it this way: What does the expression of the rule – let’s say, the signpost – have to do with my actions? What kind of connection exists there? – Well, something like this: I have been trained to react in a certain way to this sign, and so I now react. But with that, you have only given a causal connection, only explained how it came about that we now follow the signpost; not what this following-the-sign actually consists of. No; I have also indicated that one only follows a signpost insofar as there is a constant use, a custom.

§Ts-227a

143[3] &
144[1]

199 Ist, was wir “einer Regel folgen” nennen, etwas, was nur ein Mensch, nur einmal im Leben, tun könnte? – Und das ist natürlich eine Anmerkung zur Grammatik des Ausdrucks “der Regel folgen”. Es kann nicht, ein einziges Mal nur, ein Mensch einer Regel gefolgt sein. Es kann nicht, ein einziges Mal nur, eine Mitteilung gemacht, ein Befehl gegeben, oder verstanden worden sein, etc..– Einer Regel folgen, eine Mitteilung machen, einen Befehl geben, eine Schachpartie spielen, sind Gepflogenheiten (Gebräuche, Institutionen**)**. Einen Satz verstehen, heißt, eine Sprache verstehen. Eine Sprache verstehen, heißt eine Technik beherrschen.

199 Is what we call “following a rule” something that only one person could do, only once in a lifetime? – And this is, of course, a remark about the grammar of the expression “following the rule.” It cannot be that a person has followed a rule only once. It cannot be that a communication has been made, an order given, or understood only once, etc. – Following a rule, making a communication, giving an order, playing a game of chess are customs (practices, institutions**)**. Understanding a sentence means understanding a language. Understanding a language means mastering a technique.

§Ts-227a

144[2]

200 Es ist natürlich denkbar, daß in einem Volke, das Spiele nicht kennt, zwei Leute sich an ein Schachbrett setzen und die Züge einer Schachpartie ausführen; ja auch mit allen seelischen Begleiterscheinungen. Und sähen wir dies, so würden wir sagen, sie spielten Schach. Aber nun denk dir eine Schachpartie nach gewissen Regeln in eine Reihe von Handlungen übersetzt, die wir nicht gewöhnt sind, mit einem Spiel zu assoziieren,– etwa ein Ausstoßen von Schreien und Stampfen mit den Füßen. Und jene Beiden sollen nun, statt diese uns geläufige Form des Schach zu spielen, schreien und stampfen; und zwar so, daß diese Vorgänge sich nach geeigneten Regeln in eine Schachpartie übersetzen ließen. Wären wir nun noch geneigt, zu sagen, sie spielten ein Spiel; und mit welchem Recht könnte man das sagen?

200 It is, of course, conceivable that in a people that does not know games, two people sit down at a chessboard and carry out the moves of a game of chess; yes, even with all the associated mental phenomena. And if we saw this, we would say that they were playing chess. But now imagine a game of chess, translated into a series of actions according to certain rules, which we are not accustomed to associate with a game – for example, shouting and stamping with our feet. And let these two people now, instead of playing this familiar form of chess, shout and stamp; and let them do so in such a way that these actions could be translated into a game of chess according to appropriate rules. Would we still be inclined to say that they were playing a game; and on what grounds could one say that?

§Ts-227a

145[1]

201 Unser Paradox war dies: eine Regel könnte keine Handlungsweise bestimmen, da jede Handlungsweise mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei. Die Antwort war: Ist jede mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen, dann auch zum Widerspruch. Daher gäbe es hier weder Übereinstimmung noch Widerspruch. Daß da ein Mißverständnis ist, zeigt sich schon darin, daß wir in diesem Gedankengang Deutung hinter Deutung setzen; als beruhige uns eine jede wenigstens für einen Augenblick, bis wir an eine Deutung denken, die wieder hinter dieser liegt. Dadurch zeigen wir nämlich, daß es eine Auffassung einer Regel gibt, die nicht eine Deutung ist; sondern sich, von Fall zu Fall der Anwendung, in dem äußert, was wir “der Regel folgen”, und was wir “ihr entgegenhandeln” nennen. Darum besteht eine Neigung, zu sagen: jedes Handeln nach der Regel sei ein Deuten. “Deuten” aber sollte man nur nennen: einen Ausdruck der Regel durch einen anderen ersetzen.

201 Our paradox was this: a rule could not determine a way of acting, since every way of acting is to be brought into agreement with the rule. The answer was: if everything that is in agreement with the rule is also in contradiction with it, then there is neither agreement nor contradiction here. That there is a misunderstanding is already shown by the fact that in this line of thought we place interpretation upon interpretation; as if each one at least comforts us for a moment, until we think of an interpretation that lies behind this one. Through this, we show that there is a conception of a rule that is not an interpretation; but which, from case to case of application, manifests itself in what we call “following the rule” and what we call “acting against it.” Therefore, there is a tendency to say: every action according to the rule is an interpretation. But one should only call “interpretation”: replacing the expression of one rule with another.

§Ts-227a

145[2]

202 Darum ist ‘der Regel folgen’ eine Praxis. Und der Regel zu folgen glauben ist nicht: der Regel folgen. Und darum kann man nicht der Regel ‘privatim’ folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben dasselbe wäre, wie der Regel folgen.

202 Therefore, ‘following the rule’ is a practice. And believing that one is following the rule is not: following the rule. And therefore, one cannot follow the rule ‘privately’, because otherwise believing that one is following the rule would be the same as following the rule.

§Ts-227a

145[3] &
146[1]

203 Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von einer Seite und kennst dich aus; du kommst von einer andern zur selben Stelle, und kennst dich nicht mehr aus.

203 Language is a labyrinth of ways. You come from one side and you know your way around; you come from another to the same place, and you no longer know your way around.

§Ts-227a

146[2] &
147[1]

204 Ich kann etwa, wie die Sachen stehen, ein Spiel erfinden, das nie von jemandem gespielt wird. –

Wäre aber auch dies möglich: Die Menschheit habe nie Spiele gespielt; einmal aber hat Einer ein Spiel erfunden,– das dann allerdings nie gespielt wurde?

204 I can, as things stand, invent a game that has never been played by anyone. –

But would it also be possible for this to happen: that humanity has never played games; but once, someone invented a game – which, however, was never played?

§Ts-227a

147[2]

205 “Das ist ja das Merkwürdige an der Intention, am seelischen Vorgang, daß für ihn das Bestehen der Gepflogenheit, der Technik, nicht nötig ist. Daß es z.B. denkbar ist, zwei Leute spielten in einer Welt, in der sonst nicht gespielt wird, eine Schachpartie; ja auch nur den Anfang einer Schachpartie, worauf sie etwa gestört werden.” Ist aber das Schachspiel nicht durch seine Regeln definiert? Und wie sind diese Regeln im Geist dessen gegenwärtig, der beabsichtigt, Schach zu spielen?

205 “The remarkable thing about intention, about the mental process, is that the existence of custom, of technique, is not necessary for it. For example, it is conceivable that two people play a game of chess in a world where no one else plays; yes, even just the beginning of a game of chess, after which they are perhaps disturbed.” But is the game of chess not defined by its rules? And how are these rules present in the mind of the one who intends to play chess?

§Ts-227a

147[3] &
148[1]

206 Einer Regel folgen, das ist analog dem: einen Befehl befolgen. Man wird dazu abgerichtet und man reagiert auf ihn in bestimmter Weise. Aber wie, wenn nun der Eine so, der Andere anders auf Befehl und Abrichtung reagiert? Wer hat denn Recht? Denke, du kämst als Forscher in ein unbekanntes Land mit einer dir gänzlich fremden Sprache. Unter welchen Umständen würdest du sagen, daß die Leute dort Befehle geben, Befehle verstehen, befolgen, sich gegen Befehle auflehnen, u.s.w.? Die gemeinsame menschliche Handlungsweise ist das Bezugssystem, mittels welches wir uns eine fremde Sprache deuten.

206 Following a rule is analogous to: obeying an order. One is trained for it, and one reacts to it in a certain way. But what if now one person reacts to the order and training this way, the other person that way? Who is right? Imagine you come as a researcher into an unknown country with a language that is completely foreign to you. Under what circumstances would you say that the people there give orders, understand orders, obey them, rebel against orders, etc.? The common human way of acting is the frame of reference by means of which we interpret a foreign language.

§Ts-227a

148[2]

207 Denken wir uns, die Leute in jenem Land verrichteten gewöhnliche menschliche Tätigkeiten und bedienen sich dabei, wie es scheint, einer artikulierten Sprache. Sieht man ihrem Treiben zu, so ist es verständlich, erscheint uns ‘logisch’. Versuchen wir aber, ihre Sprache zu erlernen, so finden wir, daß es unmöglich ist. Es besteht nämlich bei ihnen kein regelmäßiger Zusammenhang des Gesprochenen, der Laute, mit den Handlungen; dennoch aber sind diese Laute nicht überflüssig; denn knebeln wir z.B. einen dieser Leute, so hat dies die gleichen Folgen, wie bei uns: ohne jene Laute geraten ihre Handlungen in Verwirrung – wie ich mich ausdrücken will. Sollen wir sagen, diese Leute hätten eine Sprache; Befehle, Mitteilungen, u.s.w.? Zu dem, was wir “Sprache” nennen, fehlt die Regelmäßigkeit.

207 Let us imagine that the people in that country perform ordinary human activities and, as it seems, make use of an articulated language. When one observes their activities, it is understandable; it seems ‘logical’ to us. But if we try to learn their language, we find that it is impossible. Namely, there is no regular connection between the spoken, the sounds, and the actions; nevertheless, these sounds are not superfluous; for if, for example, we gag one of these people, this has the same consequences as with us: without these sounds, their actions become confused – how I want to express it. Should we say that these people have a language; orders, communications, etc.? What we call “language” lacks regularity.

§Ts-227a

148[3] &
149[1] &
150[1]

208 So erkläre ich also, was “Befehl” und was “Regel” heißt, durch “Regelmäßigkeit”? – Wie erkläre ich jemandem die Bedeutung von “regelmäßig”, “gleichförmig”, “gleich”? –Einem der, sagen wir, nur Französisch spricht, werde ich diese Wörter durch die entsprechenden französischen erklären. Wer aber diese Begriffe noch nicht besitzt, den werde ich die Worte durch Beispiele und durch Übung gebrauchen lehren. – Und dabei teile ich ihm nicht weniger mit, als ich selber weiß. Ich werde ihm also in diesem Unterricht gleiche Farben, gleiche Längen, gleiche Figuren zeigen, ihn sie finden und herstellen lassen, u.s.w.. Ich werde ihn etwa dazu anleiten, Reihenornamente auf einen Befehl hin ‘gleichmäßig’ fortzusetzen. – Und auch dazu, Progressionen fortzusetzen. Also etwa auf . .. ... so fortzufahren:

.... ..... ...... Ich mach's ihm vor, er macht es mir nach; und ich beeinflusse ihn durch Äußerungen der Zustimmung, der Ablehnung, der Erwartung, der Aufmunterung. Ich lasse ihn gewähren, oder halte ihn zurück; u.s.w.. Denke, du wärest Zeuge eines solchen Unterrichts. Es würde darin kein Wort durch sich selbst erklärt, kein logischer Zirkel gemacht. Auch die Ausdrücke “und so weiter” und “und so weiter ad infinitum” werden in diesem Unterricht erklärt werden. Es kann dazu unter anderem auch eine Gebärde dienen. Die Gebärde, die bedeutet “fahr so fort!”, oder “und so weiter” hat eine Funktion, vergleichbar der des Zeigens auf einen Gegenstand, oder auf einen Ort. Es ist zu unterscheiden: das “u.s.w.”, das eine Abkürzung der Schreibweise ist, von demjenigen, welches dies nicht ist. Das “u.s.w. ad inf.” ist keine Abkürzung der Schreibweise. Daß wir nicht alle Stellen von π anschreiben können, ist nicht eine menschliche Unzulänglichkeit, wie Mathematiker manchmal glauben. Ein Unterricht, der bei den vorgeführten Beispielen stehen bleiben will, unterscheidet sich von einem, der über sie ‘hinausweist’.

208 So, do I explain what “command” and what “rule” mean through “regularity”? – How do I explain to someone the meaning of “regular,” “uniform,” “same”? – To someone who, let’s say, only speaks French, I will explain these words through the corresponding French terms. But someone who does not yet possess these concepts, I will teach the words through examples and through practice. – And in doing so, I will impart to him no less than what I myself know. I will show him, in this instruction, the same colors, the same lengths, the same figures, let him find and produce them, and so on. I will guide him, for example, to continue series ornaments in a ‘uniform’ manner upon command. – And also to continue progressions. For example, to continue like this:

.... ..... ...... I demonstrate it to him, he imitates me; and I influence him through expressions of approval, disapproval, expectation, encouragement. I let him proceed, or I hold him back; and so on. Imagine that you are a witness to such instruction. No word will be explained by itself in it, no logical circle will be made. Even the expressions “and so on” and “and so on ad infinitum” will be explained in this instruction. A gesture can also serve for this, among other things. The gesture that means “continue like this!” or “and so on” has a function comparable to that of pointing to an object or to a place. It must be distinguished: the “etc.” which is a shorthand of the writing, from the one which is not this. The “etc. ad inf.” is no shorthand of the writing. The fact that we cannot write down all the places of π is not a human failing, as mathematicians sometimes believe. An instruction that wants to remain with the examples presented differs from one that ‘points beyond’ them.

§Ts-227a

150[2]

209 “Aber reicht denn nicht das Verständnis weiter, als alle Beispiele?” – Ein sehr merkwürdiger Ausdruck, und ganz natürlich! – Aber ist das alles? Gibt es nicht eine noch tiefere Erklärung; oder muß nicht doch das Verständnis der Erklärung tiefer sein? – Ja, habe ich denn selbst ein tieferes Verständnis? Habe ich mehr, als ich in der Erklärung gebe? – Woher aber dann das Gefühl, ich hätte mehr? Ist es, wie wenn ich das nicht Begrenzte als Länge deute, die über jede Länge hinausreicht?

209 “But doesn’t understanding extend further than all the examples?” – A very remarkable expression, and quite natural! – But is that all? Is there not an even deeper explanation; or must the understanding of the explanation not be deeper? – Yes, do I myself have a deeper understanding? Do I have more than what I give in the explanation? – But where does the feeling come from that I have more? Is it like when I interpret the unlimited as a length that extends beyond every length?

§Ts-227a

150[3] &
151[1]

210 “Aber erklärst du ihm wirklich, was du selber verstehst? Läßt du ihn das Wesentliche nicht erraten? Du gibst ihm Beispiele,– er aber muß ihre Tendenz erraten, also deine Absicht.” – Jede Erklärung, die ich mir selbst geben kann, gebe ich auch ihm. – “Er errät, was ich meine” würde heißen: ihm schweben verschiedene Deutungen meiner Erklärung vor, und er rät auf eine von ihnen. Er könnte also in diesem Falle fragen; und ich könnte, und würde, ihm antworten.

210 “But are you really explaining to him what you yourself understand? Are you not letting him guess at the essential? You give him examples – but he must guess at their tendency, i.e., your intention.” – Every explanation that I can give myself, I also give to him. – “He guesses what I mean” would mean: various interpretations of my explanation occur to him, and he guesses at one of them. In this case, he could ask; and I could, and would, answer him.

§Ts-227a

151[2]

211 “Wie immer du ihn im Fortführen des Reihenornaments unterrichtest,– wie kann er wissen, wie er selbständig fortzusetzen hat?” – Nun, wie weiß ich's? ‒ ‒ Wenn das heißt “Habe ich Gründe?”, so ist die Antwort: die Gründe werden mir bald ausgehen. Und ich werde dann, ohne Gründe, handeln.

211 “However you teach him to continue the series ornament, how can he know how to continue it independently?” – Well, how do I know? – – If this means “Do I have reasons?”, then the answer is: the reasons will soon run out. And then I will act without reasons.

§Ts-227a

151[3]

212 Wenn jemand, den ich fürchte, mir den Befehl gibt, die Reihe fortzusetzen, so werde ich schleunig, mit völliger Sicherheit, handeln, und das Fehlen der Gründe stört mich nicht.

212 If someone whom I fear gives me the command to continue the series, then I will act quickly, with complete certainty, and the lack of reasons will not bother me.

§Ts-227a

151[4] &
152[1]

213 “Aber dieser Reihenanfang konnte offenbar verschieden gedeutet werden (z.B. durch algebraische Ausdrücke) und du mußtest also erst eine solche Deutung wählen.” – Durchaus nicht! Es war, unter Umständen, ein Zweifel möglich. Aber das sagt nicht, daß ich gezweifelt habe, oder auch nur zweifeln konnte. (Damit steht im Zusammenhang, was über die psychologische ‘Atmosphäre’ eines Vorgangs zu sagen ist.) Nur Intuition konnte diesen Zweifel heben? – Wenn sie eine innere Stimme ist,– wie weiß ich, wie ich ihr folgen soll? Und wie weiß ich, daß sie mich nicht irreleitet? Denn, kann sie mich richtig leiten, dann kann sie mich auch irreleiten. ((Die Intuition eine unnötige Ausrede.))

213 “But this beginning of the series could apparently be interpreted in different ways (e.g., through algebraic expressions), and so you must first have chosen one such interpretation.” – Not at all! Under certain circumstances, doubt was possible. But that doesn’t mean that I doubted, or even could have doubted. (This is related to what can be said about the psychological ‘atmosphere’ of a process.) Could intuition alone dispel this doubt? – If it is an inner voice, how do I know how to follow it? And how do I know that it is not misleading me? For if it can guide me correctly, then it can also mislead me. ((Intuition is an unnecessary excuse.))

§Ts-227a

152[2]

214 Ist eine Intuition zum Entwickeln der Reihe 1 2 3 4 … nötig, dann auch zum Entwickeln der Reihe 2 2 2 2 ….

214 If intuition is needed to develop the series 1 2 3 4 …, then it is also needed to develop the series 2 2 2 2 ….

§Ts-227a

152[3]

215 Aber ist nicht wenigstens gleich: gleich? Für die Gleichheit scheinen wir ein unfehlbares Paradigma zu haben in der Gleichheit eines Dinges mit sich selbst. Ich will sagen: “Hier kann es doch nicht verschiedene Deutungen geben. Wenn er ein Ding vor sich sieht, so sieht er auch Gleichheit.” Also sind zwei Dinge gleich, wenn sie so sind, wie ein Ding? Und wie soll ich nun das, was mir das eine Ding zeigt, auf den Fall der zwei anwenden?

215 But is not at least sameness = sameness? For sameness, we seem to have an infallible paradigm in the sameness of a thing with itself. I mean: “Surely there cannot be different interpretations here. If he sees a thing before him, then he also sees sameness.” So are two things the same if they are as one thing? And how am I to apply what the one thing shows to the case of the two?

§Ts-227a

152[4] &
153[1]

216 “Ein Ding ist mit sich selbst identisch.” – Es gibt kein schöneres Beispiel eines nutzlosen Satzes, der aber doch mit einem Spiel der Vorstellung verbunden ist. Es ist, als legten wir das Ding, in der Vorstellung, in seine eigene Form hinein, und sähen, daß es paßt. Wir könnten auch sagen: “Jedes Ding paßt in sich selbst.” –Oder anders: “Jedes Ding paßt in seine eigene Form hinein.” Man schaut dabei ein Ding an und stellt sich vor, daß der Raum dafür ausgespart war und es nun genau hineinpaßt. ‘Paßt’ dieser Fleck

in seine weiße Umgebung? – Aber genau so würde es aussehen, wenn statt seiner erst ein Loch gewesen wäre und er nun hineinpaßte. Mit dem Ausdruck “er paßt” wird eben nicht einfach dies Bild beschrieben. Nicht einfach diese Situation. “Jeder Farbfleck paßt genau in seine Umgebung” ist ein etwas spezialisierter Satz der Identität.

216 “A thing is identical with itself.” – There is no more beautiful example of a useless sentence, which is nevertheless connected with a play of the imagination. It is as if we were to place the thing, in our imagination, into its own form, and see that it fits. We could also say: “Every thing fits into itself.” – Or, differently: “Every thing fits into its own form.” One looks at a thing and imagines that the space for it was reserved and that it now fits in exactly. ‘Fits’ this spot

into its white surroundings? – But that is exactly how it would look if, instead of it, there had first been a hole, and it now fitted into it. The expression “it fits” does not simply describe this picture. Not simply this situation. “Every colored spot fits exactly into its surroundings” is a somewhat specialized sentence of identity.

§Ts-227a

153[2]

217 “Wie kann ich einer Regel folgen?”– wenn das nicht eine Frage nach den Ursachen ist, so ist es eine nach der Rechtfertigung dafür, daß ich so nach ihr handle. Habe ich die Begründungen erschöpft, so bin ich nun auf dem harten Felsen angelangt, und mein Spaten biegt sich zurück. Ich bin dann geneigt, zu sagen: “So handle ich eben.” (Erinnere dich, daß wir manchmal Erklärungen fordern nicht ihres Inhalts wegen, sondern der Form der Erklärung wegen. Unsere Forderung ist eine architektonische; die Erklärung eine Art Scheingesims, das nichts trägt.)

217 “How can I follow a rule?” – If this is not a question of causes, then it is a question of the justification for the fact that I act so according to it. If I have exhausted the grounds, then I have now reached the hard rock, and my spade is turned back. I am then inclined to say: “That is simply how I act.” (Remember that sometimes we ask for explanations not because of their content, but because of the form of the explanation. Our demand is architectural; the explanation is a kind of sham frieze that supports nothing.)

§Ts-227a

153[3] &
154[1]

218 Woher die Idee, es wäre die angefangene Reihe ein sichtbares Stück unsichtbar bis ins Unendliche gelegter Geleise? Nun, statt der Regel könnten wir uns Geleise denken. Und der nicht begrenzten Anwendung der Regel entsprechen unendlich lange Geleise.

218 Where does the idea come from that the series begun is a visible piece of track that extends invisibly into infinity? Well, instead of the rule, we could think of tracks. And the unlimited application of the rule corresponds to tracks of infinite length.

§Ts-227a

154[2]

219 “Die Übergänge sind eigentlich alle schon gemacht” heißt, ich habe keine Wahl mehr. Die Regel, einmal mit einer bestimmten Bedeutung gestempelt, zieht die Linien ihrer Befolgung durch den ganzen Raum. ‒ ‒ Aber wenn so etwas wirklich der Fall wäre, was hülfe es mir? Nein; meine Beschreibung hatte nur Sinn, wenn sie symbolisch zu verstehen war. – So kommt es mir vor – sollte ich sagen. Wenn ich der Regel folge, wähle ich nicht.

Ich folge der Regel blind .

219 “The transitions are actually already made” means that I have no choice left. The rule, once stamped with a certain meaning, draws the lines of its application through the entire space. – – But if that were really the case, what would it be of use to me? No; my description only made sense if it was to be understood symbolically. – That is how it seems to me – I should say. When I follow the rule, I do not choose.

I follow the rule blindly.

§Ts-227a

154[3]

220 Welchen Zweck hat aber jener symbolische Satz? Er sollte einen Unterschied hervorheben zwischen kausaler Bedingtheit und logischer Bedingtheit.

220 What purpose does that symbolic sentence serve? It was meant to highlight a difference between causal determination and logical determination.

§Ts-227a

154[4]

221 Mein symbolischer Ausdruck war eigentlich eine mythologische Beschreibung des Gebrauchs einer Regel.

221 My symbolic expression was actually a mythological description of the use of a rule.

§Ts-227a

154[5]

222 Die Linie, gibt's mir ein, wie ich gehen soll. – Aber das ist natürlich nur ein Bild. Und urteile ich, sie gebe mir, gleichsam verantwortungslos, dies oder das ein, so würde ich nicht sagen, ich folgte ihr als einer Regel.

222 The line, it tells me, shows me how to proceed. – But that is, of course, only a picture. And if I were to judge that it tells me, as it were, irresponsibly, this or that, I would not say that I am following it as a rule.

§Ts-227a

155[1]

223 Man fühlt nicht, daß man immer des Winkes (der Einflüsterung) der Regel gewärtig sein muß. Im Gegenteil. Wir sind nicht gespannt darauf, was sie uns wohl jetzt sagen wird, sondern sie sagt uns immer dasselbe, und wir tun, was sie uns sagt. Man könnte dem, den man abrichtet, sagen: “Sieh, ich tue immer das Gleiche: ich …”

223 One does not feel that one must always be aware of the hint (the prompting) of the rule. On the contrary. We are not on tenterhooks to see what it will tell us now, but it always tells us the same thing, and we do what it tells us. One could say to the person being trained: “Look, I always do the same thing: I…”

§Ts-227a

155[2]

224 Das Wort “Übereinstimmung” und das Wort “Regel” sind miteinander verwandt, sie sind Vettern. Lehre ich Einen den | Gebrauch des einen Wortes, so lernt er damit auch den Gebrauch des andern.

224 The word “agreement” and the word “rule” are related; they are cousins. If I teach someone the use of one word, then he also learns the use of the other.

§Ts-227a

155[3]

225 Die Verwendung des Wortes “Regel” ist mit der Verwendung des Wortes “gleich” verwoben. (Wie die Verwendung von “Satz” mit der Verwendung von “wahr”.)

225 The use of the word “rule” is intertwined with the use of the word “equal.” (As is the use of “sentence” with the use of “true.”)

§Ts-227a

155[4]

226 Nimm an, Einer folgt der Reihe x = 1,3,5,7,… indem er die Reihe der x² + 1 hinschreibt. Und er fragte sich: “aber tue ich auch immer das Gleiche, oder jedesmal etwas anderes?” Wer von einem Tag auf den andern verspricht “Morgen will ich dich besuchen”– sagt der jeden Tag das Gleiche; oder jeden Tag etwas anderes?

226 Suppose someone follows the sequence x = 1, 3, 5, 7,… by writing down the sequence of x² + 1. And he asks himself: “But am I always doing the same thing, or something different each time?” If someone promises “Tomorrow I will visit you” from one day to the next – does he say the same thing each day, or something different each day?

§Ts-227a

155[5] &
156[1]

227 Hätte es einen Sinn zu sagen: “Wenn er jedesmal etwas anderes täte, würden wir nicht sagen: er folge einer Regel”? Das hat keinen Sinn.

227 Would it make sense to say: “If he did something different each time, we would not say that he is following a rule”? That makes no sense.

§Ts-227a

156[2]

228 “Eine Reihe hat für uns ein Gesicht!” – Wohl; aber welches? Nun doch das algebraische, und das eines Stücks der Entwicklung. Oder hat sie sonst noch eins? – “Aber in dem liegt doch schon alles!” – Aber das ist keine Feststellung über das Reihenstück, oder über etwas, was wir darin erblicken; sondern der Ausdruck dafür, daß wir nur auf den Mund der Regel schauen und tun, und an keine weitere Anleitung appellieren.

228 “A sequence has a face for us!” – Well; but which one? Surely the algebraic one, and one of the elements of its development. Or does it have another one? – “But that already contains everything!” – But that is not an assertion about the sequence, or about something we see in it; but the expression of the fact that we only look at the mouth of the rule and do, and do not appeal to any further instruction.

§Ts-227a

156[3]

229 Ich glaube, im Reihenstück ganz fein eine Zeichnung wahrzunehmen, einen charakteristischen Zug, der nur noch des “u.s.w.” bedarf, um in die Unendlichkeit zu reichen.

229 I think I can perceive a quite subtle pattern in the sequence, a characteristic feature that only needs the “etc.” to extend into infinity.

§Ts-227a

156[4]

230 “Die Linie gibt's mir ein, wie ich gehen soll”: das paraphrasiert nur: sie sei meine letzte Instanz dafür, wie ich gehen soll.

230 “The line shows me how to proceed”: this only paraphrases: it is my ultimate authority for how to proceed.

§Ts-227a

156[5]

231 “Aber du siehst doch …!” Nun, das ist eben die charakteristische Äußerung Eines, der von der Regel gezwungen ist.

231 “But you can see…” – Well, that is precisely the characteristic utterance of someone who is compelled by the rule.

§Ts-227a

156[6] &
157[1]

232 Nimm an, eine Regel gebe mir ein, wie ich ihr folgen soll; d.h., wenn ich der Linie mit den Augen nachgehe, so sagt mir nun eine innere Stimme: “Zieh so!” – Was ist der Unterschied zwischen diesem Vorgang, einer Art Inspiration zu folgen, und dem, einer Regel zu folgen? Denn sie sind doch nicht das Gleiche. In dem Fall der Inspiration warte ich auf die Anweisung. Ich werde einen Andern nicht meine ‘Technik’ lehren können, der Linie zu folgen. Es sei denn, ich lehrte ihn eine Art des Hinhorchens, der Rezeptivität. Aber dann kann ich natürlich nicht verlangen, daß er der Linie so folge, wie ich. Dies sind nicht meine Erfahrungen vom Handeln nach einer Inspiration und nach einer Regel; sondern grammatische Anmerkungen.

232 Suppose a rule tells me how to follow it; that is, if I follow the line with my eyes, then an inner voice now says to me: “Do it like this!” – What is the difference between this process, following a kind of inspiration, and following a rule? Because they are not the same. In the case of inspiration, I wait for the instruction. I will not be able to teach someone else my ‘technique’ for following the line. Unless I teach him a kind of listening, of receptivity. But then, of course, I cannot expect him to follow the line in the same way as I do. These are not my experiences of acting according to an inspiration and according to a rule; but grammatical remarks.

§Ts-227a

157[2]

233 Man könnte sich auch so einen Unterricht in einer Art von Arithmetik denken. Die Kinder können dann, ein jedes auf seine Weise, rechnen,– solange sie nur auf die innere Stimme horchen und ihr folgen. Dieses Rechnen wäre wie ein Komponieren.

233 One could also imagine such instruction in a kind of arithmetic. The children can then calculate, each in their own way, as long as they only listen to the inner voice and follow it. This calculation would be like composing.

§Ts-227a

157[3]

234 Aber könnten wir nicht auch rechnen, wie wir rechnen (Alle übereinstimmend, etc.) und doch bei jedem Schritt das Gefühl haben, von den Regeln wie von einem Zauber geleitet zu werden; erstaunt darüber vielleicht, daß wir übereinstimmen? (Der Gottheit etwa für diese Übereinstimmung dankend.)

234 But could we not also calculate as we calculate (all in agreement, etc.) and yet at each step have the feeling that we are being guided by the rules as if by magic; perhaps astonished that we agree? (Thanking the deity, perhaps, for this agreement.)

§Ts-227a

157[4]

235 Daraus siehst du nur, was alles zu der Physiognomie desjenigen gehört, was wir im alltäglichen Leben “einer Regel folgen” nennen!

235 From this, you can only see what all belongs to the physiognomy of what we in everyday life call “following a rule”!

§Ts-227a

158[1]

236 Die Kunstrechner, die zum richtigen Resultat gelangen, aber nicht sagen können, wie. Sollen wir sagen, sie rechnen nicht? (Eine Familie von Fällen.)

236 The skilled calculators who arrive at the correct result, but cannot say how. Should we say that they are not calculating? (A family of cases.)

§Ts-227a

158[2]

237 Denke dir, Einer folgte einer Linie als Regel auf diese Weise: Er hält einen Zirkel, dessen eine Spitze er der Regel-Linie entlang führt, während die andre Spitze die Linie zieht, welche der Regel folgt. Und während er so der Regel entlang fährt, verändert er die Öffnung des Zirkels, wie es scheint mit großer Genauigkeit, wobei er immer auf die Regel schaut, als bestimme sie sein Tun. Wir nun, die ihm zusehen, sehen keinerlei Regelmäßigkeit in diesem Öffnen und Schließen des Zirkels. Wir können seine Art, der Linie zu folgen, von ihm nicht lernen. Wir würden hier vielleicht wirklich sagen: “Die Vorlage scheint ihm einzugeben, wie er zu gehen hat. Aber sie ist keine Regel.”

237 Imagine someone following a line as a rule in this way: He holds a compass, and he guides one point along the line that represents the rule, while the other point draws the line that follows the rule. And as he moves along the rule in this way, he changes the opening of the compass, seemingly with great accuracy, always looking at the rule, as if it determines what he does. Now, we, who are watching him, see no regularity in this opening and closing of the compass. We cannot learn from him how to follow the line. We might truly say here: “The template seems to be telling him how to proceed. But it is not a rule.”

§Ts-227a

158[3]

238 Damit es mir erscheinen kann, als hätte die Regel alle ihre Folgesätze zum Voraus erzeugt, müssen sie mir selbstverständlich sein. So selbstverständlich, wie es mir ist, diese Farbe “blau” zu nennen. (Kriterien dafür, daß dies mir ‘selbstverständlich’ ist.)

238 In order for it to seem to me as if the rule has generated all its subsequent sentences in advance, they must be self-evident to me. So self-evident as it is for me to call this color “blue.” (Criteria for this being ‘self-evident’ to me.)

§Ts-227a

158[4] &
159[1]

239 Wie soll er wissen, welche Farbe er zu wählen hat, wenn er “rot” hört? – Sehr einfach: er soll die Farbe nehmen, deren Bild ihm beim Hören des Wortes einfällt. – Aber wie soll er wissen, welche Farbe das ist, ‘deren Bild ihm einfällt’? Braucht es dafür ein weiteres Kriterium? (Es gibt allerdings einen Vorgang: die Farbe wählen, die einem beim Wort … einfällt.) “‘Rot’ bedeutet die Farbe, die mir beim Hören des Wortes ‘rot’ einfällt”– wäre eine Definition. Keine Erklärung des Wesens der Bezeichnung durch ein Wort.

239 How is he supposed to know which color to choose when he hears “red”? – Very simple: he should take the color whose image comes to mind when he hears the word. – But how is he supposed to know which color that is, ‘the color whose image comes to mind’? Does this require a further criterion? (There is, of course, a process: choosing the color that comes to mind when one hears the word.) “‘Red’ means the color that comes to mind when I hear the word ‘red’” – would be a definition. Not an explanation of the essence of the designation by a word.

§Ts-227a

159[2]

240 Es bricht kein Streit darüber aus (etwa zwischen Mathematikern), ob der Regel gemäß vorgegangen wurde, oder nicht. Es kommt darüber z.B. nicht zu Tätlichkeiten. Das gehört zu dem Gerüst, von welchem aus unsere Sprache wirkt (z.B. eine Beschreibung gibt).

240 There is no dispute about whether the procedure was in accordance with the rule or not. For example, it does not lead to violence. This belongs to the framework from which our language operates (e.g., a description).

§Ts-227a

159[3]

241 “So sagst du also, daß die Übereinstimmung der Menschen entscheide, was richtig und was falsch ist?” – Richtig und falsch ist, was Menschen sagen; und in der Sprache stimmen die Menschen überein. Dies ist keine Übereinstimmung der Meinungen, sondern der Lebensform.

241 “So you are saying that the agreement of people decides what is right and what is wrong?” – Right and wrong is what people say; and in language, people agree. This is not an agreement of opinions, but of form of life.

§Ts-227a

159[4] &
160[1]

242 Zur Verständigung durch die Sprache gehört nicht nur eine Übereinstimmung in den Definitionen, sondern (so seltsam dies klingen mag) eine Übereinstimmung in den Urteilen. Dies scheint die Logik aufzuheben; hebt sie aber nicht auf. – Eines ist, die Meßmethode zu beschreiben, ein Anderes, Messungsergebnisse zu finden und auszusprechen. Aber was wir “messen” nennen, ist auch durch eine gewisse Konstanz der Messungsergebnisse bestimmt.

242 Communication through language involves not only an agreement in definitions, but (however strange this may sound) an agreement in judgments. This seems to abolish logic; but it does not. – One thing is to describe the method of measurement, another is to find and pronounce measurement results. But what we call “measurement” is also determined by a certain consistency of measurement results.

§Ts-227a

161[1]

243 Ein Mensch kann sich selbst ermutigen, sich selbst befehlen, gehorchen, tadeln, bestrafen, eine Frage vorlegen und auf sie antworten. Man könnte sich also auch Menschen denken, die nur monologisch sprächen. Ihre Tätigkeiten mit Selbstgesprächen begleiteten. – Einem Forscher, der sie beobachtet und ihre Reden belauscht, könnte es gelingen, ihre Sprache in die unsre zu übersetzen. (Er wäre dadurch in den Stand gesetzt, Handlungen dieser Leute richtig vorherzusagen, denn er hört sie auch Vorsätze und Entschlüsse fassen.) Wäre aber auch eine Sprache denkbar, in der Einer seine inneren Erlebnisse – seine Gefühle, Stimmungen, etc. – für den eigenen Gebrauch aufschreiben, oder aussprechen könnte? ‒ ‒ Können wir denn das in unserer gewöhnlichen Sprache nicht tun? – Aber so meine ich's nicht. Die Wörter dieser Sprache sollen sich auf das beziehen, wovon nur der Sprechende wissen kann; auf seine unmittelbaren, privaten, Empfindungen. Ein Anderer kann diese Sprache also nicht verstehen.

243 A person can encourage himself, command himself, obey, reproach, punish, pose a question and answer it. So one could also imagine people who only speak monologically. Their activities are accompanied by soliloquies. – A researcher who observes them and listens to their speeches might succeed in translating their language into ours. (He would thereby be in a position to correctly predict the actions of these people, because he also hears them making intentions and decisions.) But would a language also be conceivable in which one could write down, or utter, one's inner experiences – one's feelings, moods, etc. – for one's own use? ‒ ‒ Can’t we do that in our ordinary language? – But that is not what I mean. The words of this language should refer to what only the speaker can know; to his immediate, private, sensations. Another person cannot therefore understand this language.

§Ts-227a

161[2] &
162[1]

244 Wie beziehen sich Wörter auf Empfindungen? – Darin scheint kein Problem zu liegen; denn reden wir nicht täglich von Empfindungen, und benennen sie? Aber wie wird die Verbindung des Namens mit dem benannten hergestellt? Die Frage ist die gleiche, wie die: Wie lernt ein Mensch die Bedeutung der Namen von Empfindungen? Z.B. des Wortes “Schmerz”. Dies ist eine Möglichkeit: Es werden Worte mit dem ursprünglichen, natürlichen, Ausdruck der Empfindung verbunden und an dessen Stelle gesetzt. Ein Kind hat sich verletzt, es schreit; und nun sprechen ihm die Erwachsenen zu und bringen ihm Ausrufe und später Sätze bei. Sie lehren das Kind ein neues Schmerzbenehmen. “So sagst du also, daß das Wort ‘Schmerz’ eigentlich das Schreien bedeute?” – Im Gegenteil; der Wortausdruck des Schmerzes ersetzt das Schreien und beschreibt es nicht.

244 How are words related to sensations? – It seems there is no problem here; for don't we talk about sensations every day, and name them? But how is the connection between the name and the named established? The question is the same as: How does a person learn the meaning of the names of sensations? E.g., the word “pain”. One possibility is this: Words are connected with the original, natural expression of the sensation and put in its place. A child has hurt itself, it screams; and now the adults speak to it and teach it exclamations and later sentences. They teach the child a new pain-behaviour. “So you're saying that the word 'pain' actually means screaming?” – On the contrary; the verbal expression of pain replaces the screaming and does not describe it.

§Ts-227a

162[2]

245 Wie kann ich denn mit der Sprache noch zwischen die Schmerzäußerung und den Schmerz treten wollen?

245 How can I still want to interpose language between the expression of pain and the pain itself?

§Ts-227a

162[3] &
163[1]

246 In wiefern sind nun meine Empfindungen privat? – Nun, nur ich kann wissen, ob ich wirklich Schmerzen habe; der Andere kann es nur vermuten. – Das ist in einer Weise falsch, in einer andern unsinnig. Wenn wir das Wort “wissen” gebrauchen, wie es normalerweise gebraucht wird (und wie sollen wir es denn gebrauchen!) dann wissen es Andre sehr häufig, wenn ich Schmerzen habe. – Ja, aber doch nicht mit der Sicherheit, mit der ich selbst es weiß! – Von mir kann man überhaupt nicht sagen (außer etwa im Spaß) ich wisse, daß ich Schmerzen habe. Was soll es denn heißen außer etwa, daß ich Schmerzen habe? Man kann nicht sagen, die Andern lernen meine Empfindung nur durch mein Benehmen,– denn von mir kann man nicht sagen, ich lernte sie. Ich habe sie. Das ist richtig: es hat Sinn, von Andern zu sagen, sie seien im Zweifel darüber, ob ich Schmerzen habe; aber nicht, es von mir selbst zu sagen.

246 In what sense are my sensations private? – Well, only I can know whether I really have pain; the other person can only guess. – This is false in one way, and nonsensical in another. If we use the word “know” as it is normally used (and how else should we use it?), then others very often know when I have pain. – Yes, but not with the certainty with which I myself know it! – It cannot be said of me (except perhaps in jest) that I know that I have pain. What should that mean other than that I have pain? It cannot be said that others learn my sensation only through my behaviour, – because it cannot be said of me that I learn it. I have it. This is correct: it makes sense to say of others that they are in doubt as to whether I have pain; but not to say it of myself.

§Ts-227a

163[2]

247 “Nur du kannst wissen, ob du die Absicht hattest.” Das könnte man jemandem sagen, wenn man ihm die Bedeutung des Wortes “Absicht” erklärt. Es heißt dann nämlich: so gebrauchen wir es. (Und “wissen” heißt hier, daß der Ausdruck der Ungewißheit sinnlos ist.)

247 “Only you can know whether you had the intention.” One could say this to someone when explaining the meaning of the word “intention.” It then means: that is how we use it. (And “know” means here that the expression of uncertainty is nonsensical.)

§Ts-227a

163[3]

248 Der Satz “Empfindungen sind privat” ist vergleichbar dem: “Patience spielt man allein”.

248 The sentence “Sensations are private” is comparable to: “Patience is a game one plays alone.”

§Ts-227a

163[4]

249 Sind wir vielleicht voreilig in der Annahme, daß das Lächeln des Säuglings nicht Verstellung ist? – Und auf welcher Erfahrung beruht unsre Annahme? (Das Lügen ist ein Sprachspiel, das gelernt sein will, wie jedes andre.)

249 Are we perhaps too hasty in the assumption that the infant's smile is not pretending? – And on what experience is our assumption based? (Lying is a language-game that has to be learned, like any other.)

§Ts-227a

163[5]

250 Warum kann ein Hund nicht Schmerzen heucheln? Ist er zu ehrlich? Könnte man einen Hund Schmerzen heucheln lehren? Man kann ihm vielleicht beibringen, bei bestimmten Gelegenheiten wie im Schmerz aufzuheulen, ohne daß er Schmerzen hat. Aber zum eigentlichen Heucheln fehlte diesem Benehmen noch immer die richtige Umgebung.

250 Why can a dog not feign pain? Is it too honest? Could one teach a dog to feign pain? One might perhaps teach it to howl as if in pain on certain occasions, without it having pain. But this behaviour still lacks the right context for genuine feigning.

§Ts-227a

163[6] &
164[1]

251 Was bedeutet es, wenn wir sagen: “Ich kann mir das Gegenteil davon nicht vorstellen”, oder: “Wie wäre es denn, wenn's anders wäre?” – Z.B., wenn jemand gesagt hat, daß meine Vorstellungen privat seien; oder, daß nur ich selbst wissen kann, ob ich einen Schmerz empfinde; und dergleichen. “Ich kann mir das Gegenteil nicht vorstellen” heißt hier natürlich nicht: meine Vorstellungskraft reicht nicht hin. Wir wehren uns mit diesen Worten gegen etwas, was uns durch seine Form einen Erfahrungssatz vortäuscht, aber in Wirklichkeit ein grammatischer Satz ist. Aber warum sage ich “Ich kann mir das Gegenteil nicht vorstellen”? Warum nicht: “Ich kann mir, was du sagst, nicht vorstellen”? Beispiel: “Jeder Stab hat eine Länge”. Das heißt etwa: wir nennen etwas (oder dies) “die Länge eines Stabes”– aber nichts “die Länge einer Kugel”. Kann ich mir nun vorstellen, daß ‘jeder Stab eine Länge hat’? Nun, ich stelle mir eben einen Stab vor; und das ist alles. Nur spielt dieses Bild in Verbindung mit diesem Satz eine ganz andere Rolle, als ein Bild in Verbindung mit dem Satz “Dieser Tisch hat die gleiche Länge wie der dort”. Denn hier verstehe ich, was es heißt, sich ein Bild vom Gegenteil zu machen (und es muß kein Vorstellungsbild sein). Das Bild aber zum grammatikalischen Satz konnte nur etwa zeigen, was man “Länge eines Stabes” nennt. Und was sollte davon das entgegengesetzte Bild sein? ((Bemerkung über die Verneinung eines Satzes a priori.))

251 What does it mean when we say: “I cannot imagine the opposite of that,” or: “What if things were different?” – For example, when someone has said that my mental images are private; or, that only I can know whether I am experiencing pain; and so on. “I cannot imagine the opposite of that” here certainly does not mean: my powers of imagination are not sufficient. With these words, we are resisting something that, through its form, presents itself as an experiential proposition, but which in reality is a grammatical sentence. But why do I say “I cannot imagine the opposite of that”? Why not: “I cannot imagine what you are saying”? Example: “Every rod has a length.” This means something like: we call something “the length of a rod”—but nothing “the length of a sphere.” Can I now imagine that ‘every rod has a length’? Well, I simply imagine a rod; and that is all. Only this image, in connection with this sentence, plays a completely different role than an image in connection with the sentence “This table has the same length as that one.” For here I understand what it means to form a mental image of the opposite (and it does not have to be a mental image). But the image in connection with the grammatical sentence could only show what one calls “the length of a rod.” And what would the opposite image of that be? ((Remark about the negation of a proposition a priori.))

§Ts-227a

164[2] &
165[1]

252 Wir könnten auf den Satz “Dieser Körper hat eine Ausdehnung” antworten: “Unsinn!”– neigen aber dazu, zu antworten: “Freilich!” – Warum?

252 We could reply to the sentence “This body has an extension”: “Nonsense!”—but we tend to reply: “Of course!”—Why?

§Ts-227a

165[2]

253 “Der Andre kann nicht meine Schmerzen haben.” – Welches sind meine Schmerzen? Was gilt hier als Kriterium der Identität? Überlege, was es möglich macht, im Falle physikalischer Gegenstände von “zwei genau gleichen” zu sprechen. Z.B. zu sagen: “Dieser Sessel ist nicht derselbe, den du gestern hier gesehen hast, aber er ist ein genau gleicher.” Soweit es Sinn hat, zu sagen, mein Schmerz sei der gleiche, wie seiner, soweit können wir auch beide den gleichen Schmerz haben. (Ja es wäre auch denkbar, daß zwei Menschen an der gleichen – nicht nur homologen – Stelle Schmerz empfänden. Bei siamesischen Zwillingen, z.B., könnte das der Fall sein.) Ich habe gesehen, wie jemand in einer Diskussion über diesen Gegenstand sich an die Brust schlug und sagte: “Aber der Andre kann doch nicht diesen Schmerz haben!” – Die Antwort darauf ist, daß man durch das emphatische Betonen des Wortes “diesen” kein Kriterium der Identität definiert. Die Emphase spiegelt uns vielmehr nur den Fall vor, daß ein solches Kriterium uns geläufig ist, wir aber daran erinnert werden müssen.

253 “The other person cannot have my pain.” – What are my pains? What is taken as the criterion of identity here? Consider what makes it possible to speak of “two exactly the same” in the case of physical objects. For example, to say: “This armchair is not the same one that you saw here yesterday, but it is exactly the same.” Insofar as it makes sense to say that my pain is the same as his, to that extent we can both have the same pain. (Yes, it is also conceivable that two people would experience pain in the same—not just homologous—place. In the case of Siamese twins, for example, this could be the case.) I saw someone in a discussion about this subject strike their chest and say: “But the other person cannot have this pain!” – The answer to this is that by emphatically stressing the word “this,” one does not define a criterion of identity. Rather, the emphasis merely presents to us the case that such a criterion is familiar to us, but we need to be reminded of it.

§Ts-227a

165[3] &
166[1]

254 Auch das Ersetzen des Wortes “gleich” durch “identisch” (z.B.) ist ein typisches Auskunftsmittel in der Philosophie. Als redeten wir von Abschattungen der Bedeutung und es handle sich nur darum, mit unsern Worten die richtige Nuance zu treffen. Und darum handelt sich's beim Philosophieren nur dort, wo es unsre Aufgabe ist, die Versuchung, eine bestimmte Ausdrucksweise zu gebrauchen, psychologisch genau darzustellen. Was wir in so einem Fall ‘zu sagen versucht sind’, ist natürlich nicht Philosophie; sondern es ist ihr Rohmaterial. Was also ein Mathematiker, z.B., über Objektivität und Realität der mathematischen Tatsachen zu sagen geneigt ist, ist nicht eine Philosophie der Mathematik, sondern etwas, was Philosophie zu behandeln hätte.

254 Even replacing the word “equal” with “identical” (for example) is a typical device in philosophy. As if we were talking about shades of meaning, and it is only a matter of hitting the right nuance with our words. And that is only where philosophizing concerns us, namely, when it is our task to represent the temptation to use a particular mode of expression in a psychologically precise way. What we are ‘trying to say’ in such a case is, of course, not philosophy; but it is its raw material. What a mathematician, for example, is inclined to say about the objectivity and reality of mathematical facts is not a philosophy of mathematics, but something that philosophy would have to deal with.

§Ts-227a

166[2]

255 Der Philosoph behandelt eine Frage; wie eine Krankheit.

255 The philosopher deals with a question, as one deals with an illness.

§Ts-227a

166[3]

256 Wie ist es nun mit der Sprache, die meine innern Erlebnisse beschreibt und die nur ich selbst verstehen kann? Wie bezeichne ich meine Empfindungen mit Worten? – So wie wir's gewöhnlich tun? Sind also meine Empfindungsworte mit meinen natürlichen Empfindungsäußerungen verknüpft? – In diesem Falle ist meine Sprache nicht ‘privat’. Ein anderer könnte sie verstehen, wie ich. – Aber wie, wenn ich keine natürlichen Äußerungen der Empfindung, sondern nur die Empfindung besäße? Und nun assoziiere ich einfach Namen mit den Empfindungen und verwende diese Namen in einer Beschreibung. –

256 How is it then with the language that describes my inner experiences, and which only I myself can understand? How do I designate my sensations with words? – In the way we usually do? Are my sensation words linked to my natural expressions of sensation? – In this case, my language is not ‘private’. Another could understand it, as I do. – But how, if I had no natural expressions of sensation, but only the sensation itself? And now I simply associate names with the sensations and use these names in a description. –

§Ts-227a

166[4] &
167[1]

257 “Wie wäre es, wenn die Menschen ihre Schmerzen nicht äußerten (nicht stöhnten, das Gesicht nicht verzögen, etc.)? Dann könnte man einem Kind nicht den Gebrauch des Wortes ‘Zahnschmerzen’ beibringen.” – Nun, nehmen wir an, das Kind sei ein Genie und erfinde selbst einen Namen für die Empfindung! – Aber nun könnte es sich freilich mit diesem Wort nicht verständlich machen. – Also versteht es den Namen, kann aber seine Bedeutung niemand erklären? – Aber was heißt es denn, daß er ‘seinen Schmerz benannt hat’? – Wie hat er das gemacht: den Schmerz benennen?! Und, was immer er getan hat, was hat es für einen Zweck? – Wenn man sagt “Er hat der Empfindung einen Namen gegeben”, so vergißt man, daß schon viel in der Sprache vorbereitet sein muß, damit das bloße Benennen einen Sinn hat. Und wenn wir davon reden, daß Einer dem Schmerz einen Namen gibt, so ist die Grammatik des Wortes “Schmerz” hier das Vorbereitete; sie zeigt den Posten an, an den das neue Wort gestellt wird.

257 “What if people did not express their pains (did not groan, did not grimace, etc.)? Then one could not teach a child the use of the word ‘toothache’.” – Well, let us assume that the child is a genius and invents a name for the sensation himself! – But now, of course, it could not make itself understood with this word. – So, it understands the name, but cannot explain its meaning to anyone? – But what does it mean that it ‘has named its pain’? – How did it do that: name the pain?! And, whatever it has done, what purpose did it serve? – When one says “He has given a name to the sensation,” one forgets that a great deal must already be prepared in language, so that the mere naming has a meaning. And when we talk about someone giving a name to pain, the grammar of the word “pain” is what has been prepared here; it indicates the slot in which the new word is placed.

§Ts-227a

167[2] &
168[1]

258 Stellen wir uns diesen Fall vor. Ich will über das Wiederkehren einer gewissen Empfindung ein Tagebuch führen. Dazu assoziiere ich sie mit dem Zeichen “E” und schreibe in einem Kalender zu jedem Tag, an dem ich die Empfindung habe, dieses Zeichen. ‒ ‒ Ich will zuerst bemerken, daß sich eine Definition des Zeichens nicht aussprechen läßt. – Aber ich kann sie doch mir selbst als eine Art hinweisende Definition geben! – Wie? kann ich auf die Empfindung zeigen? – Nicht im gewöhnlichen Sinne. Aber ich spreche, oder schreibe das Zeichen, und dabei konzentriere ich meine Aufmerksamkeit auf die Empfindung – zeige also gleichsam im Innern auf sie. – Aber wozu diese Zeremonie? denn nur eine solche scheint es zu sein! Eine Definition dient doch dazu, die Bedeutung eines Zeichens festzulegen. – Nun, das geschieht eben durch das Konzentrieren der Aufmerksamkeit; denn dadurch präge ich mir die Verbindung des Zeichens mit der Empfindung ein. – “Ich präge sie mir ein” kann doch nur heißen: dieser Vorgang bewirkt, daß ich mich in Zukunft richtig an die Verbindung erinnere. Aber in unserm Falle habe ich ja kein Kriterium für die Richtigkeit. Man möchte hier sagen: richtig ist, was immer mir als richtig erscheinen wird. Und das heißt nur, daß hier von ‘richtig’ nicht geredet werden kann.

258 Let us imagine this case. I want to keep a diary about the recurrence of a certain sensation. To this end, I associate it with the sign “E” and write this sign in a calendar on each day that I have the sensation. – – I first want to point out that a definition of the sign cannot be given. – But I can give it to myself as a kind of ostensive definition! – How? Can I point to the sensation? – Not in the usual sense. But I speak, or write the sign, and in doing so I concentrate my attention on the sensation – as it were, pointing to it internally. – But what is the purpose of this ceremony? Because that is all it seems to be! A definition is meant to fix the meaning of a sign. – Well, that is precisely what happens through the concentration of attention; because this is how I impress on myself the connection between the sign and the sensation. – “I impress it on myself” can only mean: this process causes me to remember the connection correctly in the future. But in our case, I have no criterion for correctness. One would like to say here: correct is what always appears correct to me. And that means only that one cannot speak of ‘correct’ here.

§Ts-227a

169[1]

259 Sind die Regeln der privaten Sprache Eindrücke von Regeln? – Die Waage, auf der man die Eindrücke wägt, ist nicht der Eindruck von einer Waage.

259 Are the rules of the private language impressions of rules? – The scales on which one weighs the impressions are not the impression of scales.

§Ts-227a

169[2]

260 “Nun, ich glaube, daß dies wieder die Empfindung E ist.” – Du glaubst es wohl zu glauben! So hätte sich also, der das Zeichen in den Kalender eintrug, gar nichts notiert? – Sieh's nicht als selbstverständlich an, daß Einer sich etwas notiert, wenn er Zeichen – in einen Kalender z.B. – einträgt. Eine Notiz hat ja eine Funktion; und das “E” hat, soweit, noch keine. (Man kann zu sich selber reden. – Spricht jeder zu sich selbst, der redet, wenn niemand anderer zugegen ist?)

260 “Well, I believe that this is sensation E again.” – You probably believe that you believe it! So, the one who entered the sign in the calendar has noted nothing at all? – Don’t take it for granted that someone notes something down when he enters signs – in a calendar, for example. A note has a function; and “E” does not have one, at least not yet. (One can talk to oneself. – Does everyone talk to himself when no one else is present?)

§Ts-227a

169[3] &
170[1]

261 Welchen Grund haben wir, “E” das Zeichen für eine Empfindung zu nennen? “Empfindung” ist nämlich ein Wort unserer allgemeinen, nicht mir allein verständlichen, Sprache. Der Gebrauch dieses Worts bedarf also einer Rechtfertigung, die Alle verstehen. – Und es hülfe auch nichts, zu sagen: es müsse keine Empfindung sein; wenn er “E” schreibe, habe er Etwas – und mehr könnten wir nicht sagen. Aber “haben” und “etwas” gehören auch zur allgemeinen Sprache. – So gelangt man beim Philosophieren am Ende dahin, wo man nur noch einen unartikulierten Laut ausstoßen möchte. – Aber ein solcher Laut ist ein Ausdruck nur in einem bestimmten Sprachspiel, das nun zu beschreiben ist.

261 What reason do we have for calling “E” the sign for a sensation? For “sensation” is a word in our common language, one that is understood by everyone, not just me. Thus, the use of this word requires a justification that everyone can understand. – And it would also be of no help to say: it doesn’t have to be a sensation; when he writes “E,” he has something – and that is all we can say. But “have” and “something” also belong to the common language. – In the end, philosophical inquiries often lead one to the point where one wants to utter only an unarticulated sound. – But such a sound is only an expression within a specific language-game, which must now be described.

§Ts-227a

170[2]

262 Man könnte sagen: Wer sich eine private Worterklärung gegeben hat, der muß sich nun im Innern vornehmen, das Wort so und so zu gebrauchen. Und wie nimmt er sich das vor? Soll ich annehmen, daß er die Technik dieser Anwendung erfindet; oder daß er sie schon fertig vorgefunden hat?

262 One could say: Whoever has given himself a private explanation of a word must now resolve internally to use the word in a certain way. And how does he resolve this? Should I assume that he invents the technique of this application, or that he already found it ready-made?

§Ts-227a

170[3]

263 “Ich kann mir (im Innern) doch vornehmen, in Zukunft das ‘Schmerz’ zu nennen.” – “Aber hast du es dir auch gewiß vorgenommen? Bist du sicher, daß es dazu genug war, die Aufmerksamkeit auf dein Gefühl zu konzentrieren?” – Seltsame Frage. –

263 “I can resolve internally to call that ‘pain’ in the future.” – “But have you really resolved to do so? Are you sure that it was enough to focus your attention on your feeling?” – A strange question. –

§Ts-227a

170[4]

264 “Wenn du einmal weißt, was das Wort bezeichnet, versteht du es, kennst seine ganze Anwendung.”

264 “If you know what the word designates, you understand it, you know its entire application.”

§Ts-227a

170[5] &
171[1]

265 Denken wir uns eine Tabelle, die nur in unsrer Vorstellung existiert; etwa ein Wörterbuch. Mittels eines Wörterbuchs kann man die Übersetzung eines Wortes x durch ein Wort Y rechtfertigen. Sollen wir es aber auch eine Rechtfertigung nennen, wenn diese Tabelle nur in der Vorstellung nachgeschlagen wird? – “Nun, es ist dann eben eine subjektive Rechtfertigung.” – Aber die Rechtfertigung besteht doch darin, daß man an eine unabhängige Stelle appelliert. – “Aber ich kann doch auch von einer Erinnerung an eine andre appellieren. Ich weiß (z.B.) nicht, ob ich mir die Abfahrzeit des Zuges richtig gemerkt habe und rufe mir zur Kontrolle das Bild der Seite des Fahrplans ins Gedächtnis. Haben wir hier nicht den gleichen Fall?” – Nein; denn dieser Vorgang muß nun wirklich die richtige Erinnerung hervorrufen. Wäre das Vorstellungsbild des Fahrplans nicht selbst auf seine Richtigkeit zu prüfen, wie könnte es die Richtigkeit der ersten Erinnerung bestätigen? (Als kaufte Einer mehrere Exemplare der heutigen Morgenzeitung, um sich zu vergewissern, daß sie die Wahrheit schreibt.) In der Vorstellung eine Tabelle nachschlagen ist so wenig ein Nachschlagen einer Tabelle, wie die Vorstellung des Ergebnisses eines vorgestellten Experiments das Ergebnis eines Experiments ist.

265 Let us imagine a table that exists only in our imagination; for example, a dictionary. With the help of a dictionary, one can justify the translation of a word x by a word Y. But should we also call it a justification if this table is only consulted in the imagination? – “Well, then it is simply a subjective justification.” – But the justification consists in appealing to an independent source. – “But I can also appeal to a memory of something else. I do not (for example) know whether I have remembered the departure time of the train correctly and I recall the image of the page of the timetable to check. Is this not the same case?” – No, because this process must actually evoke the correct memory. If the mental image of the timetable were not itself to be checked for its correctness, how could it confirm the correctness of the first memory? (As if one bought several copies of today’s morning paper to make sure that it tells the truth.) Consulting a table in the imagination is as little like consulting a table as the imagining of the result of an imagined experiment is the result of an experiment.

§Ts-227a

171[2]

266 Ich kann auf die Uhr schaun, um zu sehen, wieviel Uhr es ist. Aber ich kann auch, um zu raten, wieviel Uhr es ist, auf das Zifferblatt einer Uhr sehen; oder zu diesem Zweck die Zeiger einer Uhr verstellen, bis mir die Stellung richtig vorkommt. So kann das Bild der Uhr auf mehr als eine Weise dazu dienen, die Zeit zu bestimmen. (In der Vorstellung auf die Uhr schaun.)

266 I can look at the clock to see what time it is. But I can also look at the dial of a clock in order to guess what time it is, or to this end, adjust the hands of a clock until the position seems right to me. Thus, the image of the clock can serve in more than one way to determine the time. (Looking at the clock in the imagination.)

§Ts-227a

171[3] &
172[1]

267 Angenommen, ich wollte die Dimensionierung einer Brücke, die in meiner Vorstellung gebaut wird, dadurch rechtfertigen, daß ich zuerst in der Vorstellung Zerreißproben mit dem Material der Brücke mache. Dies wäre natürlich die Vorstellung von dem, was man die Rechtfertigung der Dimensionierung einer Brücke nennt. Aber würden wir es auch eine Rechtfertigung der Vorstellung einer Dimensionierung nennen?

267 Suppose I wanted to justify the dimensioning of a bridge that is being built in my imagination by first performing tensile tests in the imagination with the material of the bridge. This would, of course, be the imagination of what one calls the justification for the dimensioning of a bridge. But would we also call it a justification of the imagination of a dimensioning?

§Ts-227a

172[2]

268 Warum kann meine rechte Hand nicht meiner linken Geld schenken? – Meine rechte Hand kann es in meine linke geben. Meine rechte Hand kann eine Schenkungsurkunde schreiben und meine linke eine Quittung. – Aber die weitern praktischen Folgen wären nicht die einer Schenkung. Wenn die linke Hand das Geld von der rechten genommen hat, etc., wird man fragen: “Nun, und was weiter?” Und das Gleiche könnte man fragen, wenn Einer sich eine private Worterklärung gegeben hätte; ich meine, wenn er sich ein Wort vorgesagt und dabei seine Aufmerksamkeit auf eine Empfindung gerichtet hat.

268 Why can’t my right hand give money to my left hand? – My right hand can give it to my left hand. My right hand can write a deed of gift and my left hand can write a receipt. – But the further practical consequences would not be those of a gift. If the left hand has taken the money from the right, etc., one will ask: “Well, and what next?” And the same question could be asked if one had given oneself a private explanation of a word; I mean, if one had assigned a word to oneself and directed one’s attention to a sensation.

§Ts-227a

172[3]

269 Erinnern wir uns daran, daß es gewisse Kriterien des Benehmens dafür gibt, daß Einer ein Wort nicht versteht: daß es ihm nichts sagt, er nichts damit anzufangen weiß. Und Kriterien dafür, daß er das Wort ‘zu verstehen glaubt’, eine Bedeutung mit ihm verbindet, aber nicht die richtige. Und endlich Kriterien dafür, daß er das Wort richtig versteht. Im zweiten Falle könnte man von einem subjektiven Verstehen reden. Und eine “private Sprache” könnte man Laute nennen, die kein Andrer versteht, ich aber ‘zu verstehen scheine’.

269 Let us remember that there are certain criteria of behaviour that indicate that one does not understand a word: that it says nothing to him, that he does not know what to do with it. And criteria for the fact that he ‘understands’ the word, that he connects a meaning with it, but not the right one. And finally, criteria for the fact that he understands the word correctly. In the second case, one could speak of a subjective understanding. And a “private language” could be called utterances that no one else understands, but which I ‘seem to understand’.

§Ts-227a

172[4] &
173[1] &
174[1]

270 Denken wir uns nun eine Verwendung des Eintragens des Zeichens “E” in mein Tagebuch. Ich mache folgende Erfahrung: Wenn immer ich eine bestimmte Empfindung habe, zeigt mir ein Manometer, daß mein Blutdruck steigt. So werde ich in den Stand gesetzt, ein Steigen meines Blutdrucks ohne Zuhilfenahme eines Apparats anzusagen. Dies ist ein nützliches Ergebnis. Und nun scheint es hier ganz gleichgültig zu sein, ob ich die Empfindung richtig wiedererkannt habe, oder nicht.

Nehmen wir an, ich irre mich beständig bei ihrer Identifizierung, so macht es garnichts. Und das zeigt schon, daß die Annahme dieses Irrtums nur ein Schein war. (Wir drehten, gleichsam, an einem Knopf, der aussah, als könnte man mit ihm etwas an der Maschine einstellen; aber er war ein bloßes Zierat, mit dem Mechanismus garnicht verbunden.) Und welchen Grund haben wir hier, “E” die Bezeichnung einer Empfindung zu nennen? Vielleicht die Art und Weise, wie dies Zeichen in diesem Sprachspiel verwendet wird. – Und warum eine “bestimmte Empfindung”, also jedesmal die gleiche? Nun, wir nehmen ja an, wir schrieben jedesmal “E”.

270 Let us imagine a use of writing the sign “E” in my diary. I have the following experience: whenever I have a certain sensation, a manometer shows me that my blood pressure rises. Thus, I am put in a position to announce an increase in my blood pressure without the aid of an apparatus. This is a useful result. And now it seems to be quite irrelevant whether I have recognized the sensation correctly or not.

Let us assume that I consistently make mistakes in identifying it; it makes no difference. And this already shows that the assumption of this error was only an illusion. (We, as it were, turned a knob that looked as if one could use it to adjust something on the machine; but it was merely an ornament, not connected with the mechanism.) And what reason do we have here to call “E” the designation of a sensation? Perhaps the way in which this sign is used in this language-game. – And why a ‘certain sensation’, that is, the same sensation each time? Well, we are assuming that we write “E” each time.

§Ts-227a

174[2]

271 “Denke dir einen Menschen, der es nicht im Gedächtnis behalten könnte, was das Wort ‘Schmerz’ bedeutet; und der daher immer wieder etwas Anderes so nennt – das Wort aber dennoch in Übereinstimmung mit dem gewöhnlichen Anzeichen und Voraussetzungen des Schmerzes verwendete!” – der es also verwendet, wie wir Alle. Hier möchte ich sagen: das Rad gehört nicht zur Maschine, das man drehen kann, ohne daß Anderes sich mitbewegt.

271 “Imagine a person who could not remember what the word ‘pain’ means; and who therefore always calls something else by this name – but nevertheless uses the word in accordance with the usual signs and circumstances of pain!” – that is, he uses it as we all do. Here I would like to say: the wheel does not belong to the machine that one can turn without something else also moving.

§Ts-227a

175[2]

272 Das Wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, daß Jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern, daß Keiner weiß, ob der Andere auch dies hat, oder etwas anderes. Es wäre also die Annahme möglich – obwohl nicht verifizierbar – ein Teil der Menschheit habe eine Rotempfindung, ein anderer Teil eine andere.

272 The essential thing about the private experience is not that everyone has their own copy, but that no one knows whether the other person has this experience, or something else. It would therefore be possible – although not verifiable – that part of humanity has one visual impression of red, and another part has a different one.

§Ts-227a

175[3]

273 Wie ist es nun mit dem Worte “rot” – soll ich sagen, dies bezeichne etwas ‘uns Allen Gegenüberstehendes’, und Jeder sollte eigentlich außer diesem Wort noch eines haben zur Bezeichnung seiner eigenen Empfindung von Rot? Oder ist es so: das Wort “rot” bezeichnet etwas uns gemeinsam Bekanntes; und für jeden, außerdem, etwas nur ihm Bekanntes? (Oder vielleicht besser: es bezieht sich auf etwas nur ihm Bekanntes.)

273 What about the word “red” – shall I say that this designates something ‘facing us all’, and that everyone should actually have another word to designate his own sensation of red? Or is it like this: the word “red” designates something that is familiar to us all; and for each person, furthermore, something that is familiar only to him? (Or perhaps better: it relates to something that is familiar only to him.)

§Ts-227a

175[4] &
176[1]

274 Es hilft uns natürlich nichts zum Begreifen der Funktion von “rot”, zu sagen, es “beziehe sich auf”, statt “es bezeichne” das Private; aber es ist der psychologisch treffendere Ausdruck für ein bestimmtes Erlebnis beim Philosophieren. Es ist, als werfe ich beim Aussprechen des Worts einen Seitenblick auf die eigene Empfindung, gleichsam um mir zu sagen: ich wisse schon, was ich damit meine.

274 It does not, of course, help us to understand the function of “red” to say that it “relates to” the private, instead of “it designates” it; but it is the psychologically more accurate expression for a certain experience in philosophizing. It is as if, when pronouncing the word, I cast a sidelong glance at my own sensation, as if to say to myself: I already know what I mean by it.

§Ts-227a

176[2]

275 Schau auf das Blau des Himmels, und sag zu dir selbst “Wie blau der Himmel ist!” – Wenn du es spontan tust – nicht mit philosophischen Absichten – so kommt es dir nicht in den Sinn, dieser Farbeneindruck gehöre nur dir. Und du hast kein Bedenken, diesen Ausruf an einen Andern zu richten. Und wenn du bei den Worten auf etwas zeigst, so ist es der Himmel. Ich meine: Du hast nicht das Gefühl des In-dich-selber-Zeigens, das oft das ‘Benennen der Empfindung’ begleitet, wenn man über die ‘private Sprache’ nachdenkt. Du denkst auch nicht, du solltest eigentlich nicht mit der Hand, sondern nur mit der Aufmerksamkeit auf die Farbe zeigen. (Überlege, was es heißt, “mit der Aufmerksamkeit auf etwas zeigen”.)

275 Look at the blue of the sky, and say to yourself, “How blue the sky is!” – If you do this spontaneously – not with philosophical intentions – then it does not occur to you that this colour impression belongs only to you. And you have no qualms about directing this exclamation at another person. And if, when saying the words, you point at something, it is the sky. I mean: you do not have the feeling of pointing inward, which often accompanies ‘naming the sensation’ when one is thinking about ‘private language’. You also do not think that you should actually point with your hand, and not just with your attention, at the colour. (Consider what it means to “point with one’s attention at something”.)

§Ts-227a

176[3]

276 “Aber meinen wir denn nicht wenigstens etwas ganz Bestimmtes, wenn wir auf eine Farbe hinschauen und den Farbeindruck benennen?” Es ist doch förmlich, als lösten wir den Farbeindruck, wie ein Häutchen, von dem gesehenen Gegenstand ab. (Dies sollte unsern Verdacht erregen.)

276 “But surely, when we look at a colour and name the colour impression, do we not mean something quite specific?” It is almost as if we detach the colour impression from the object that is seen, like peeling off a skin. (This should arouse our suspicion.)

§Ts-227a

176[4] &
177[1]

277 Aber wie ist es überhaupt möglich, daß man in Versuchung ist, zu glauben, man meine einmal mit einem Wort die Allen bekannte Farbe,– einmal: den ‘visuellen Eindruck’, den ich jetzt erhalte? Wie kann hier auch nur eine Versuchung bestehen? ‒ ‒ Ich wende in diesen Fällen der Farbe nicht die gleiche Art der Aufmerksamkeit zu. Meine ich (wie ich sagen möchte) den mir zu eigen gehörenden Farbeindruck, so vertiefe ich mich in die Farbe – ungefähr so, wie wenn ich mich an einer Farbe ‘nicht sattsehen kann’. Daher ist es leichter, dieses Erlebnis zu erzeugen, wenn man auf eine leuchtende Farbe sieht, oder auf eine Farbenzusammenstellung, die sich uns einprägt.

277 But how is it even possible that one is tempted to believe that one means the colour that is familiar to everyone with a word – namely, the ‘visual impression’ that I am having at this moment? How can there even be a temptation here? – – In these cases, I do not apply the same kind of attention to the colour. When I say (as I would like to say) that the colour impression belongs to me, I immerse myself in the colour – more or less as if I cannot get enough of it. Therefore, it is easier to create this experience when one looks at a bright colour, or at a colour combination that makes an impression on us.

§Ts-227a

177[2]

278 “Ich weiß, wie mir die Farbe Grün erscheint” – nun, das hat doch Sinn! – Gewiß; welche Verwendung des Satzes denkst du dir?

278

“I know how the colour green appears to me” – well, that does make sense! – Of course; what use of the sentence do you have in mind?

§Ts-227a

177[3]

279 Denke dir Einen, der sagte: “Ich weiß doch, wie hoch ich bin!” und dabei die Hand als Zeichen auf seinen Scheitel legt!

279 Imagine someone who says, “I know how tall I am!” and places his hand as a sign on the top of his head!

§Ts-227a

177[4]

280 Einer malt ein Bild, um zu zeigen, wie er sich, etwa, eine Scene auf dem Theater vorstellt. Und nun sage ich: “Dies Bild hat eine doppelte Funktion; es teilt Andern etwas mit, wie Bilder oder Worte eben etwas mitteilen ‒ ‒ aber für den Mitteilenden ist es noch eine Darstellung (oder Mitteilung?) anderer Art: für ihn ist es das Bild seiner Vorstellung, wie es das für keinen Andern sein kann. Sein privater Eindruck des Bildes sagt ihm, was er sich vorgestellt hat; in einem Sinne, in welchem es das Bild für die Andern nicht kann.” – Und mit welchem Recht rede ich in diesem zweiten Falle von Darstellung, oder Mitteilung,– wenn diese Worte im ersten Falle richtig angewandt waren.

280 Someone paints a picture in order to show how he imagines, for example, a scene in the theatre. And now I say: “This picture has a double function; it communicates something to others, as pictures or words do – but for the communicator, it is also a representation (or communication?) of another kind: for him, it is the picture of his imagination, as it cannot be for anyone else. His private impression of the picture tells him what he imagined; in a sense in which the picture cannot do so for others.” – And on what grounds do I speak of representation, or communication, in this second case, if these words were correctly applied in the first case?

§Ts-227a

178[2]

281 “Aber kommt, was du sagst, nicht darauf hinaus, es gebe, z.B., keinen Schmerz ohne Schmerzbenehmen?” – Es kommt darauf hinaus: man könne nur vom lebenden Menschen, und was ihm ähnlich ist (sich ähnlich benimmt) sagen, es habe Empfindungen; es sähe; sei blind; höre; sei taub; sei bei Bewußtsein; oder bewußtlos.

281 “But doesn’t what you say amount to the fact that there is, for example, no pain without pain-behaviour?” – It does amount to that: one can only say that a living person, and something similar to it (something that behaves similarly), has sensations; that it sees; that it is blind; that it hears; that it is deaf; that it is conscious; or unconscious.

§Ts-227a

178[3] &
179[1]

282 “Aber im Märchen kann doch auch der Topf sehen und hören!” (Gewiß; aber er kann auch sprechen.) “Aber das Märchen erdichtet doch nur, was nicht der Fall ist; es spricht doch nicht Unsinn.” – So einfach ist es nicht. Ist es Unwahrheit, oder Unsinn, zu sagen, ein Topf rede? Macht man sich ein klares Bild davon, unter welchen Umständen wir von einem Topf sagen würden, er rede? (Auch ein Unsinn-Gedicht ist nicht Unsinn in der Weise, wie etwa das Lallen eines Kindes.) Ja; wir sagen von Leblosem, es habe Schmerzen: im Spiel mit Puppen z.B.. Aber diese Verwendung des Schmerzbegriffs ist eine sekundäre. Stellen wir uns doch den Fall vor, Leute sagten nur von Leblosem, es habe Schmerzen; bedauerten nur Puppen! (Wenn Kinder Eisenbahn Spielen, hängt ihr Spiel mit ihrer Kenntnis der Eisenbahn zusammen. Es könnten aber Kinder eines Volksstammes, dem die Eisenbahn unbekannt ist, dies Spiel von andern übernommen haben, und es spielen, ohne zu wissen, daß damit etwas nachgeahmt wird. Man könnte sagen, das Spiel habe für sie nicht den gleichen Sinn, wie für uns.)

282 “But in a fairy tale, can’t the pot also see & hear!” (Certainly; but it can also speak.) “But the fairy tale only invents what is not the case; it doesn’t tell nonsense.” – It is not that simple. Is it untruth, or nonsense, to say that a pot is speaking? Does one form a clear picture of the circumstances under which we would say that a pot is speaking? (Even a nonsense poem is not nonsense in the same way as, for example, a child’s babbling.) Yes; we say of inanimate things that they have pain: in play with dolls, for example. But this use of the concept of pain is a secondary one. Let us imagine the case where people would only say that inanimate things have pain; only feel sorry for dolls! (When children play trains, their play is connected with their knowledge of trains. But children of a tribe to whom the railway is unknown could have adopted this play from others, & play it without knowing that something is being imitated. One could say that the play does not have the same sense for them as it does for us.)

§Ts-227a

179[2] &
180[1]

283 Woher kommt uns auch nur der Gedanke: Wesen, Gegenstände, könnten etwas fühlen?? Meine Erziehung hätte mich darauf geführt, indem sie mich auf die Gefühle in mir aufmerksam machte, und nun übertrage ich die Idee auf Objekte außer mir? Ich erkenne, es ist da (in mir) etwas, was ich, ohne mit dem Wortgebrauch der Andern in Widerspruch zu geraten, “Schmerzen” nennen kann? – Auf Steine und Pflanzen, etc. übertrage ich meine Idee nicht. Könnte ich mir denken, ich hätte fürchterliche Schmerzen und würde, während sie andauern, zu einem Stein? Ja, wie weiß ich, wenn ich die Augen schließe, ob ich nicht zu einem Stein geworden bin? – Und wenn das nun geschehen ist, in wiefern wird der Stein Schmerzen haben? In wiefern wird man es vom Stein aussagen können? Ja warum soll der Schmerz hier überhaupt einen Träger haben?! Und kann man von dem Stein sagen, er habe eine Seele und die hat Schmerzen? Was hat eine Seele, was haben Schmerzen, mit einem Stein zu tun? Nur von dem, was sich benimmt wie ein Mensch, kann man sagen, daß es Schmerzen hat. Denn man muß es von einem Körper sagen, oder, wenn du willst, von einer Seele, die ein Körper hat. Und wie kann ein Körper eine Seele haben?

283 Where does the very thought come from: that an essence, objects, could feel something? My upbringing would have led me to this, by making me aware of the feelings within me, and now I transfer the idea to objects outside of me? I recognize, there is something in me that I can call “pain” without contradicting the way others use words? – I do not transfer my idea to stones and plants, etc. Could I imagine having terrible pain and, while it lasts, becoming a stone? Yes, how do I know, when I close my eyes, whether I haven’t become a stone? – And if that has now happened, in what way will the stone have pain? In what way will one be able to say it of the stone? Yes, why should pain have a bearer here at all?! And can one say that the stone has a mind and that has pain? What does a mind, what do pains, have to do with a stone? Only of what behaves like a human can one say that it has pain. Because one must say it of a body, or, if you will, of a mind that has a body. And how can a body have a mind?

§Ts-227a

180[2]

284 Schau einen Stein an und denk dir, er hat Empfindungen! – Man sagt sich: Wie konnte man auch nur auf die Idee kommen, einem Ding eine Empfindung zuzuschreiben? Man könnte sie ebensogut einer Zahl zuschreiben! – Und nun schau auf eine zappelnde Fliege, und sofort ist diese Schwierigkeit verschwunden und der Schmerz scheint hier angreifen zu können, wo vorher alles gegen ihn, sozusagen, glatt war. Und so scheint uns auch ein Leichnam dem Schmerz gänzlich unzugänglich. – Unsre Einstellung zum Lebenden ist nicht die zum Toten. Alle unsre Reaktionen sind verschieden. – Sagt Einer: “Das kann nicht einfach daran liegen, daß das Lebendige sich so und so bewegt und das Tote nicht”– so will ich ihm bedeuten, hier liege ein Fall des Übergangs ‘von der Quantität zur Qualität’ vor.

284 Look at a stone & imagine that it has sensations! – One tells oneself: how could one even have the idea of ascribing a sensation to a thing? One could just as easily ascribe it to a number! – & now look at a wriggling fly, & immediately this difficulty disappears & the pain seems to be able to attack here, where previously everything was, as it were, smooth. & thus a corpse also seems to us to be completely inaccessible to pain. – Our attitude toward the living is not the same as toward the dead. All our reactions are different. – If someone says: “It cannot simply be due to the fact that the living moves in one way & the dead does not” – I want to point out to him that this is a case of the transition ‘from quantity to quality’.

§Ts-227a

180[3] &
181[1]

285 Denk an das Erkennen des Gesichtsausdrucks. Oder an die Beschreibung des Gesichtsausdrucks,– die nicht darin besteht, daß man die Maße des Gesichts angibt! Denke auch daran, wie man das Gesicht eines Menschen nachahmen kann, ohne das eigene dabei im Spiegel zu sehen.

285 Think of recognizing a facial expression. Or of describing a facial expression – which does not consist of giving the measurements of the face! Also, think about how one can imitate a person’s face without looking at one’s own face in a mirror.

§Ts-227a

181[2]

286 Aber ist es nicht absurd, von einem Körper zu sagen, er habe Schmerzen? ‒ ‒ Und warum fühlt man darin eine Absurdität? In wiefern fühlt meine Hand nicht Schmerzen; sondern ich in meiner Hand? Was ist das für eine Streitfrage: Ist es der Körper, der Schmerzen fühlt? – Wie ist sie zu entscheiden? Wie macht es sich geltend, daß es nicht der Körper ist? – Nun, etwa so: Wenn Einer in der Hand Schmerzen hat, so sagt's die Hand nicht (außer sie schreibt's), und man spricht nicht der Hand Trost zu, sondern dem Leidenden; man sieht ihm in die Augen.

286 But isn’t it absurd to say that a body has pain? – – And why does one feel an absurdity in it? In what sense does my hand not have pain; rather, I have pain in my hand? What is this question: Is it the body that feels pain? – How is it to be decided? How does it assert itself that it is not the body? – Well, something like this: If someone has pain in his hand, the hand does not say so (unless it writes it down), and one does not comfort the hand, but the person in pain; one looks him in the eyes.

§Ts-227a

181[3]

287 Wie bin ich von Mitleid für diesen Menschen erfüllt? Wie zeigt es sich, welches Objekt das Mitleid hat? (Das Mitleid, kann man sagen, ist eine Form der Überzeugung, daß ein Andrer Schmerzen hat.)

287 How am I filled with compassion for this person? How does it show itself, what is the object of the compassion? (Compassion, one could say, is a form of conviction that another person is in pain.)

§Ts-227a

181[4] &
182[1]

288 Ich erstarre zu Stein und meine Schmerzen dauern an. – Und wenn ich mich nun irrte und es nicht mehr Schmerzen wären! ‒ ‒ Aber ich kann mich doch hier nicht irren; es heißt doch nichts, zu zweifeln, ob ich Schmerzen habe! – D.h.: wenn Einer sagte “Ich weiß nicht, ist das ein Schmerz, was ich habe, oder ist es etwas anderes?”, so dächten wir etwa, er wisse nicht, was das deutsche Wort “Schmerz” bedeute und würden's ihm erklären. – Wie? Vielleicht durch Gebärden, oder indem wir ihm mit einer Nadel stächen und sagten “Siehst du, das ist Schmerz”. Er könnte diese Worterklärung, wie jede andere, richtig, falsch, oder garnicht verstehen. Und welches er tut, wird er im Gebrauch des Wortes zeigen, wie es auch sonst geschieht. Wenn er nun z.B. sagte: “Oh, ich weiß, was ‘Schmerz’ heißt, aber ob das Schmerzen sind, was ich jetzt hier habe, das weiß ich nicht”– da würden wir bloß die Köpfe schütteln und müßten seine Worte für eine seltsame Reaktion ansehen, mit der wir nichts anzufangen wissen. (Es wäre etwa, wie wenn wir jemand im Ernste sagen hörten: “Ich erinnere mich deutlich, einige Zeit vor meiner Geburt geglaubt zu haben, …”) Jener Ausdruck des Zweifels gehört nicht zu dem Sprachspiel; aber wenn nun der Ausdruck der Empfindung, das menschliche Benehmen, ausgeschlossen ist, dann scheint es, ich dürfe wieder zweifeln. Daß ich hier versucht bin, zu sagen, man könne die Empfindung für etwas andres halten, als was sie ist, kommt daher: Wenn ich das normale Sprachspiel mit dem Ausdruck der Empfindung abgeschafft denke, brauche ich nun ein Kriterium der Identität für sie; und dann bestünde auch die Möglichkeit des Irrtums.

288 I turn to stone, and my pain continues. – And if I were now mistaken, and it were no longer pain! – – But I cannot be mistaken here; it means nothing to doubt whether I am in pain! – That is to say: if someone said, “I do not know if what I have is pain, or something else,” we would think that he does not know what the German word “pain” means, and we would explain it to him. – How? Perhaps through gestures, or by pricking him with a needle and saying, “See, that is pain.” He could understand this explanation of the word, as he could understand any other, correctly, incorrectly, or not at all. And which he does, he will show in the use of the word, as happens otherwise. If he now said, for example: “Oh, I know what ‘pain’ means, but whether this is pain, what I have here now, I do not know” – then we would only shake our heads and would have to regard his words as a strange reaction, with which we do not know what to do. (It would be something like hearing someone say seriously: “I clearly remember believing, some time before my birth, …”) That expression of doubt does not belong to the language-game; but if now the expression of sensation, human behaviour, is excluded, then it seems that I may doubt again. The fact that I am here tempted to say that one can take sensation for something other than what it is comes from this: if I think away the normal language-game with the expression of sensation, I now need a criterion of identity for it; and then the possibility of error would also exist.

§Ts-227a

183[1]

289 “Wenn ich sage ‘Ich habe Schmerzen’, bin ich jedenfalls vor mir selbst gerechtfertigt.” – Was heißt das? Heißt es: “Wenn ein Anderer wissen könnte, was ich ‘Schmerzen’ nenne, würde er zugeben, daß ich das Wort richtig verwende”? Ein Wort ohne Rechtfertigung gebrauchen, heißt nicht, es zu Unrecht gebrauchen.

289 “When I say ‘I am in pain,’ I am in any case justified before myself.” – What does that mean? Does it mean: “If another person could know what I call ‘pain,’ would he admit that I am using the word correctly”? To use a word without justification does not mean to use it incorrectly.

§Ts-227a

183[2]

290 Ich identifiziere meine Empfindung freilich nicht durch Kriterien, sondern ich gebrauche den gleichen Ausdruck. Aber damit endet ja das Sprachspiel nicht; damit fängt es an. Aber fängt es nicht mit der Empfindung an,– die ich beschreibe? – Das Wort “beschreiben” hat uns da vielleicht zum Besten. Ich sage “Ich beschreibe meinen Seelenzustand” und “Ich beschreibe mein Zimmer”. Man muß sich die Verschiedenheiten der Sprachspiele ins Gedächtnis rufen.

290 I do not indeed identify my sensation by criteria, but I use the same expression. But with that, the language-game does not end; it begins. But does it not begin with the sensation – which I describe? – The word “describe” has perhaps served us well here. I say “I describe my state of mind” and “I describe my room.” One must remember the differences between the language-games.

§Ts-227a

183[3]

291 Was wir “Beschreibungen” nennen, sind Instrumente für besondere Verwendungen. Denke dabei an eine Maschinenzeichnung, einen Schnitt, einen Aufriß mit den Maßen, den der Mechaniker vor sich hat. Wenn man an eine Beschreibung als ein Wortbild der Tatsachen denkt, so hat das etwas Irreführendes: Man denkt etwa nur an Bilder, wie sie an unsern Wänden hängen; die schlechtweg abzubilden scheinen, wie ein Ding aussieht, wie es beschaffen ist. (Diese Bilder sind gleichsam müßig.)

291 What we call “descriptions” are instruments for specific uses. Think of a machine drawing, a section, an elevation with the dimensions that the mechanic has before him. If one thinks of a description as a verbal picture of the facts, then that has something misleading: One thinks only of pictures, as they hang on our walls; which seem to simply depict what a thing looks like, what it is like. (These pictures are, as it were, superfluous.)

§Ts-227a

184[1]

292 Glaub nicht immer, daß du deine Worte von Tatsachen abliest; diese nach Regeln in Worte abbildest! Denn die Anwendung der Regel im besondern Fall müßtest du ja doch ohne Führung machen.

292 Do not always think that you read your words from facts; that you map these onto words according to rules! Because you would have to make the application of the rule in the particular case without guidance.

§Ts-227a

184[2] &
185[1]

293 Wenn ich von mir selbst sage, ich wisse nur vom eigenen Fall, was das Wort “Schmerz” bedeutet,– muß ich das nicht auch von den Andern sagen? Und wie kann ich denn den einen Fall in so unverantwortlicher Weise verallgemeinern? Nun, ein Jeder sagt es mir von sich, er wisse nur von sich selbst, was Schmerzen seien!‒ ‒ Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir “Käfer” nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. – Da könnte es ja sein, daß jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte sich vorstellen, daß sich ein solches Ding fortwährend veränderte. – Aber wenn nun das Wort “Käfer” dieser Leute doch einen Gebrauch hätte? – So wäre er nicht der der Bezeichnung eines Dings. Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel; auch nicht einmal als ein Etwas: denn die Schachtel könnte auch leer sein. – Nein, durch dieses Ding in der Schachtel kann ‘gekürzt werden’; es hebt sich weg, was immer es ist. Das heißt: wenn man die Grammatik des Ausdrucks der Empfindung nach dem Muster von ‘Gegenstand und Bezeichnung’ konstruiert, dann fällt der Gegenstand als irrelevant aus der Betrachtung heraus.

293 If I say of myself that I only know what the word “pain” means from my own case, must I not say the same of others? And how can I generalize from the one case in such an irresponsible way? Well, everyone tells me of themselves that they only know from themselves what pain is! – – Suppose everyone had a box, in which there was something we call a “beetle.” No one can ever look into the box of another; and everyone says that he only knows from the sight of his beetle what a beetle is. – It could be that each one had a different thing in his box. Yes, one could imagine that such a thing changed continuously. – But if the word “beetle” has a use for these people? – Then it is not that of the designation of a thing. The thing in the box does not belong to the language-game at all; not even as an something: for the box could also be empty. – No, through this thing in the box it can be ‘reduced’; it cancels out, whatever it is. That is to say: if one constructs the grammar of the expression of sensation according to the pattern of ‘object and designation’, then the object falls out of the consideration as irrelevant.

§Ts-227a

185[2]

294 Wenn du sagst, er sähe ein privates Bild vor sich, das er beschreibe, so hast du immerhin eine Annahme gemacht über das, was er vor sich hat. Und das heißt, daß du es näher beschreiben kannst, oder beschreibst. Gibst du zu, daß du gar keine Ahnung hast, von welcher Art, was er vor sich hat, sein könnte,– was verführt dich dann dennoch zu sagen, er habe etwas vor sich? Ist das nicht, als sagte ich von Einem: “Er hat etwas. Aber ob es Geld, oder Schulden, oder eine leere Kasse ist, weiß ich nicht.”

294 If you say that he sees a private picture before him that he describes, then you have at least made an assumption about what he has before him. And that means that you can describe it more precisely, or describe it. If you admit that you have no idea what kind of thing he has before him might be, what then tempts you to say that he has something before him? Isn’t that as if I said of someone: “He has something. But whether it is money, or debts, or an empty cash box, I do not know.”

§Ts-227a

185[3] &
186[1]

295 Und was soll “Ich weiß nur vom eigenen Fall …” überhaupt für ein Satz sein? Ein Erfahrungssatz? Nein. – Ein grammatischer? Ich denke mir also: Jeder sage von sich selbst, er wisse nur vom eigenem Schmerz, was Schmerz sei. – Nicht, daß die Menschen das wirklich sagen, oder auch nur bereit sind, zu sagen. Aber wenn nun Jeder es sagte ‒ ‒ es könnte eine Art Ausruf sein. Und wenn er auch als Mitteilung nichtssagend ist, so ist er doch ein Bild; und warum sollten wir uns so ein Bild nicht vor die Seele rufen wollen? Denke dir statt der Worte ein gemaltes allegorisches Bild. Ja, wenn wir beim Philosophieren in uns schauen, bekommen wir oft gerade so ein Bild zu sehen. Förmlich, eine bildliche Darstellung unsrer Grammatik. Nicht Fakten; sondern gleichsam illustrierte Redewendungen.

295 And what is “I know only from my own case…” supposed to be? An experiential proposition? No. – A grammatical one? So I think: everyone says of themselves that they only know from their own pain what pain is. – Not that people actually say that, or are even willing to say it. But if everyone said it – it could be a kind of exclamation. And if it is meaningless as communication, it is still a picture; and why shouldn’t we want to conjure up such a picture in our minds? Instead of the words, imagine a painted allegorical picture. Yes, when we philosophize and look into ourselves, we often see just such a picture. Formally, a pictorial representation of our grammar. Not facts; but rather illustrated turns of phrase.

§Ts-227a

186[2]

296 “Ja, aber es ist doch da ein Etwas, was meinen Ausruf des Schmerzes begleitet! Und um dessentwillen ich ihn mache. Und dieses Etwas ist das, was wichtig ist,– und schrecklich.” – Wem teilen wir das nur mit? Und bei welcher Gelegenheit?

296 “Yes, but there is something there that accompanies my exclamation of pain! And for the sake of which I make it. And this something is what is important – and terrible.” – To whom are we communicating this? And on what occasion?

§Ts-227a

186[3]

297 Freilich, wenn das Wasser im Topf kocht, so steigt der Dampf aus dem Topf und auch das Bild des Dampfes aus dem Bild des Topfes. Aber wie, wenn man sagen wollte, im Bild des Topfes müsse auch etwas kochen?

297 Of course, if the water boils in the pot, the steam rises from the pot, and the picture of the steam rises from the picture of the pot. But what if one wants to say that something must also be boiling in the picture of the pot?

§Ts-227a

186[4]

298 Daß wir so gerne sagen möchten “Das Wichtige ist das”– indem wir für uns selbst auf die Empfindung deuten,– zeigt schon, wie sehr wir geneigt sind, etwas zu sagen, was keine Mitteilung ist.

298 The fact that we like to say “The important thing is that” – by pointing to the sensation for ourselves – already shows how much we are inclined to say something that is not a communication.

§Ts-227a

186[5]

299 Nicht umhin können – wenn wir uns philosophischen Gedanken hingeben – das und das zu sagen, unwiderstehlich dazu neigen, dies zu sagen, heißt nicht, zu einer Annahme gezwungen sein, oder einen Sachverhalt unmittelbar einsehen, oder wissen.

299 That we cannot help but say this and that when we engage in philosophical thought, that we are irresistibly inclined to say this, does not mean that we are forced to make an assumption, or to directly grasp a state of affairs, or to know.

§Ts-227a

186[6] &
187[1]

300 Zu dem Sprachspiel mit den Worten “er hat Schmerzen” gehört – möchte man sagen – nicht nur das Bild des Benehmens, sondern auch das Bild des Schmerzes. Oder: nicht nur das Paradigma des Benehmens, sondern auch das des Schmerzes. – Zu sagen “Das Bild des Schmerzes tritt ins Sprachspiel mit dem Worte ‘Schmerz’ ein”, ist ein Mißverständnis. Die Vorstellung des Schmerzes ist kein Bild, und diese Vorstellung ist im Sprachspiel auch nicht durch etwas ersetzbar, was wir ein Bild nennen würden. – Wohl tritt die Vorstellung des Schmerzes in einem Sinn ins Sprachspiel ein; nur nicht als Bild.

300 To the language-game with the words “he is in pain” belongs – one might say – not only the image of the behaviour, but also the image of the pain. Or: not only the paradigm of the behaviour, but also that of the pain. – To say “The image of the pain enters the language-game with the word ‘pain’” is a misunderstanding. The image of pain is not a picture, and this image is also not replaceable in the language-game by something we would call a picture. – The image of pain does, in a sense, enter the language-game; only not as a picture.

§Ts-227a

187[2]

301 Eine Vorstellung ist kein Bild, aber ein Bild kann ihr entsprechen.

301 An image is not a picture, but a picture can correspond to it.

§Ts-227a

187[3]

302 Wenn man sich den Schmerz des Andern nach dem Vorbild des eigenen vorstellen muß, dann ist das keine so leichte Sache: da ich mir nach den Schmerzen, die ich fühle, Schmerzen vorstellen soll, die ich nicht fühle. Ich habe nämlich in der Vorstellung nicht einfach einen Übergang von einem Ort des Schmerzes zu einem andern zu machen. Wie von Schmerzen in der Hand zu Schmerzen im Arm. Denn ich soll mir nicht vorstellen, daß ich an einer Stelle seines Körpers Schmerz empfinde. (Was auch möglich wäre.) Das Schmerzbenehmen kann auf eine schmerzhafte Stelle deuten,– aber die leidende Person ist die, welche Schmerz äußert.

302 If one has to imagine the pain of the other person based on the model of one’s own, then that is not such an easy thing: because I am supposed to imagine, based on the pain that I feel, pain that I do not feel. I do not simply have to make a transition from one location of pain to another in my imagination. As from pain in the hand to pain in the arm. Because I am not supposed to imagine that I feel pain at a place on his body. (Which would also be possible.) Pain-behaviour can indicate a painful place, – but the suffering person is the one who expresses pain.

§Ts-227a

187[4] &
188[1]

303 “Ich kann nur glauben, daß der Andre Schmerzen hat, aber ich weiß es, wenn ich sie habe.” – Ja; man kann sich dazu entschließen, zu sagen “Ich glaube, er hat Schmerzen” statt “Er hat Schmerzen”. Aber das ist alles. ‒ ‒ Was hier wie eine Erklärung, oder Aussage über die seelischen Vorgänge ausschaut, ist in Wahrheit ein Vertauschen einer Redeweise für eine andere, die, während wir philosophieren, uns die treffendere scheint. Versuch einmal – in einem wirklichen Fall – die Angst, die Schmerzen des Andern zu bezweifeln!

303 “I can only believe that the other person has pain, but I know it when I have it.” – Yes; one can decide to say “I believe he has pain” instead of “He has pain.” But that is all. – What looks here like an explanation, or a statement about mental processes, is in reality a substitution of one way of speaking for another, which, while we are philosophizing, seems more appropriate to us. Try, in a real case, to doubt the fear, the pain of the other person!

§Ts-227a

188[2]

304 “Aber du wirst doch zugeben, daß ein Unterschied ist, zwischen Schmerzbenehmen mit Schmerzen und Schmerzbenehmen ohne Schmerzen.” – Zugeben? Welcher Unterschied könnte größer sein! – “Und doch gelangst du immer wieder zum Ergebnis, die Empfindung selbst sei ein Nichts.” – Nicht doch. Sie ist kein Etwas, aber auch nicht ein Nichts! Das Ergebnis war nur, daß ein Nichts die gleichen Dienste täte, wie ein Etwas, worüber sich nichts aussagen läßt. Wir verwarfen nur die Grammatik, die sich uns hier aufdrängen will. Das Paradox verschwindet nur dann, wenn wir radikal mit der Idee brachen, die Sprache funktioniere immer auf eine Weise, diene immer dem gleichen Zweck: Gedanken zu übertragen – seien diese nun Gedanken über Häuser, Schmerzen, Gut und Böse, oder was immer.

304 “But you must admit that there is a difference between pain-behaviour with pain and pain-behaviour without pain.” – Admit? What greater difference could there be! – “And yet you always come to the conclusion that the sensation itself is nothing.” – Not at all. It is not something, but it is also not nothing! The result was only that nothing would serve the same purpose as something, about which nothing can be said. We only rejected the grammar that wants to impose itself on us here. The paradox disappears only when we break radically with the idea that language always functions in one way, always serves the same purpose: to transmit thoughts – whether these are thoughts about houses, pain, good and evil, or whatever.

§Ts-227a

188[3] &
189[1]

305 “Aber du kannst doch nicht leugnen, daß, z.B., beim Erinnern ein innerer Vorgang stattfindet.” – Warum macht es denn den Eindruck, als wollten wir etwas leugnen? Wenn man sagt “Es findet doch dabei ein innerer Vorgang statt”– so will man fortsetzen: “Du siehst es doch.” Und es ist doch dieser innere Vorgang, den man mit dem Wort “sich erinnern” meint. – Der Eindruck, als wollten wir etwas leugnen, rührt daher, daß wir uns gegen das Bild vom ‘innern Vorgang’ wenden. Was wir leugnen, ist, daß das Bild vom innern Vorgang uns die richtige Idee von der Verwendung des Wortes “erinnern” gibt. Ja wir sagen, daß dieses Bild mit seinen Ramifikationen uns verhindert, die Verwendung des Wortes zu sehen, wie sie ist.

305 “But you can’t deny that, for example, an inner process takes place when remembering.” – Why does it give the impression that we want to deny something? When one says “An inner process does take place,” one wants to continue: “You see it.” And it is this inner process that one means by the word “remembering.” – The impression that we want to deny something arises from the fact that we are opposing the image of the ‘inner process’. What we deny is that the image of the inner process gives us the right idea of the use of the word “remember.” Yes, we say that this image, with its ramifications, prevents us from seeing the use of the word as it is.

§Ts-227a

189[2]

306 Warum soll ich denn leugnen, daß ein geistiger Vorgang da ist?! Nur heißt “Es hat jetzt in mir der geistige Vorgang der Erinnerung an … stattgefunden” nichts andres als: “Ich habe mich jetzt an … erinnert”. Den geistigen Vorgang leugnen, hieße, das Erinnern leugnen; leugnen, daß irgend jemand sich je an etwas erinnert.

306 Why should I deny that there is a mental process?! Only, “An mental process of remembering … has now taken place in me” means nothing other than: “I have now remembered …”. To deny the mental process would mean to deny remembering; to deny that anyone ever remembers anything.

§Ts-227a

189[3]

307 “Bist du nicht doch ein verkappter Behaviourist? Sagst du nicht doch, im Grunde, daß alles Fiktion ist, außer dem menschlichen Benehmen?” – Wenn ich von einer Fiktion rede, dann von einer grammatischen Fiktion.

307 “Aren’t you, after all, a disguised behaviorist? Aren’t you, in principle, saying that everything is fiction except for human behaviour?” – If I speak of a fiction, then I speak of a grammatical fiction.

§Ts-227a

189[4] &
190[1]

308 Wie kommt es nur zum philosophischen Problem der seelischen Vorgänge und Zustände und des Behaviourism? ‒ ‒ Der erste Schritt ist der ganz unauffällige. Wir reden von Vorgängen und Zuständen, und lassen ihre Natur unentschieden! Wir werden vielleicht einmal mehr über sie wissen – meinen wir. Aber eben dadurch haben wir uns auf eine bestimmte Betrachtungsweise festgelegt. Denn wir haben einen bestimmten Begriff davon, was es heißt: einen Vorgang näher kennen zu lernen. (Der entscheidende Schritt im Taschenspielerkunststück ist getan, und gerade er schien uns unschuldig.) – Und nun zerfällt der Vergleich, der uns unsere Gedanken hätte begreiflich machen sollen. Wir müssen also den noch unverstandenen Prozeß im noch unerforschten Medium leugnen. Und so scheinen wir also die geistigen Vorgänge geleugnet zu haben. Und wollen sie doch natürlich nicht leugnen!

308 How does the philosophical problem of mental processes and states, and of behaviorism, arise? – The first step is quite unobtrusive. We talk of processes and states, leaving their nature undecided! We might, perhaps, one day know more about them – we think. But in doing so, we have already committed ourselves to a certain way of looking at things. For we have a certain concept of what it means to learn more about a process. (The decisive step in the conjuring trick has been accomplished, and it is precisely this that seemed innocent to us.) – And now the comparison, which was meant to make our thoughts intelligible, falls apart. So we must deny the process that we do not yet understand, in the medium that we have not yet explored. And thus we seem to have denied mental processes. But of course we do not want to deny them!

§Ts-227a

190[2]

309 Was ist dein Ziel in der Philosophie? – Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.

309 What is your aim in philosophy? – To show the fly the way out of the fly-bottle.

§Ts-227a

190[3]

310 Ich sage jemandem, ich habe Schmerzen. Seine Einstellung zu mir wird nun die des Glaubens sein; des Unglaubens; des Mißtrauens; u.s.w.. Nehmen wir an, er sagt: “Es wird nicht so schlimm sein.” – Ist das nicht der Beweis dafür, daß er an etwas glaubt, das hinter der Schmerzäußerung steht? ‒ ‒ Seine Einstellung ist ein Beweis seiner Einstellung. Denke dir nicht nur den Satz “Ich habe Schmerzen”, sondern auch die Antwort “Es wird nicht so schlimm sein” durch Naturlaute und Gebärden ersetzt!

310 I tell someone that I am in pain. His attitude toward me will now be one of belief; of disbelief; of mistrust; and so on. Let us suppose he says: “It won’t be so bad.” – Is this not proof that he believes in something that underlies the utterance of pain? – His attitude is proof of his attitude. Imagine not only the sentence “I am in pain,” but also the reply “It won’t be so bad” replaced by natural sounds and gestures!

§Ts-227a

190[4] &
191[1] &
192[1]

311 “Welcher Unterschied könnte größer sein!” – Im Falle der Schmerzen glaube ich, ich könnte mir diesen Unterschied privatim vorführen. Den Unterschied aber zwischen einem abgebrochenen und einem nicht abgebrochenen Zahn kann ich Jedem vorführen. – Aber zu der privaten Vorführung brauchst du dir garnicht Schmerzen hervorzurufen, sondern es genügt, wenn du dir sie vorstellst,– z.B. ein wenig das Gesicht verziehst. Und weißt du, daß, was du dir so vorführst, Schmerzen sind, und nicht z.B. ein Gesichtsausdruck? Wie weißt du auch, was du dir vorführen sollst, ehe du dir's vorführst? Diese private Vorführung ist eine Illusion.

311 “What greater difference could there be!” – In the case of pain, I believe I could demonstrate this difference privately. But the difference between a tooth that has been extracted and one that has not, I can demonstrate to anyone. – But for this private demonstration, you don’t actually need to experience pain; it is enough if you merely imagine it – for example, by slightly contorting your face. And do you know that what you are demonstrating to yourself is pain, and not, say, a facial expression? How do you know what you should demonstrate to yourself before you demonstrate it? This private demonstration is an illusion.

§Ts-227a

192[2]

312 Aber sind die Fälle des Zahnes und der Schmerzen nicht doch wieder ähnlich? Denn der Gesichtsempfindung im einen entspricht die Schmerzempfindung im andern. Die Gesichtsempfindung kann ich mir so wenig vorführen, oder so gut, wie die Schmerzempfindung. Denken wir uns diesen Fall: Die Oberflächen der Dinge unsrer Umgebung (Steine, Pflanzen, etc. etc.) hätten Flecken und Zonen, die unsrer Haut bei der Berührung Schmerz verursachten. (Etwa durch die chemische Beschaffenheit dieser Oberflächen. Aber das brauchen wir nicht zu wissen.) Wir würden nun, wie heute von einem rotgefleckten Blatt einer bestimmten Pflanze, von einem Blatt mit Schmerzflecken reden. Ich denke mir, daß die Wahrnehmung dieser Flecken und ihrer Gestalt für uns von Nutzen wäre, daß wir aus ihr Schlüsse auf wichtige Eigenschaften der Dinge ziehen könnten.

312 But are the cases of the tooth and of pain not similar after all? For the sensation of the face in one case corresponds to the sensation of pain in the other. I can demonstrate the sensation of the face no more, or no better, than I can demonstrate the sensation of pain. Let us imagine this case: The surfaces of the things in our environment (stones, plants, etc., etc.) had spots and zones that caused pain to our skin when touched. (Perhaps through the chemical composition of these surfaces. But we don’t need to know that.) We would now, as we do today with a red-spotted leaf of a certain plant, speak of a leaf with pain-spots. I imagine that the perception of these spots and their shape would be useful to us, that we could draw conclusions from it about important properties of things.

§Ts-227a

192[3]

313 Ich kann Schmerzen vorführen, wie ich Rot vorführe, und wie ich Gerade und Krumm und Baum und Stein vorführe. – Das nennen wir eben “vorführen”.

313 I can demonstrate pain, just as I demonstrate red, and just as I demonstrate straight and curved, and tree and stone. – This is what we call “demonstrating.”

§Ts-227a

192[4] &
193[1]

314 Es zeigt ein fundamentales Mißverständnis an, wenn ich meinen gegenwärtigen Zustand der Kopfschmerzen zu betrachten geneigt bin, um über das philosophische Problem der Empfindung ins Klare zu kommen.

314 It shows a fundamental misunderstanding if I am inclined to consider my present state of headache in order to clarify the philosophical problem of sensation.

§Ts-227a

193[2]

315 Könnte der das Wort “Schmerz” verstehen, der nie Schmerz gefühlt hat? – Soll die Erfahrung mich lehren, ob es so ist oder nicht? – Und wenn wir sagen “Einer kann sich Schmerzen nicht vorstellen, außer er hat sie einmal gefühlt”– woher wissen wir das? Wie läßt sich entscheiden, ob das wahr ist?

315 Could someone who has never felt pain understand the word “pain”? – Should experience teach me whether this is so or not? – And when we say “One cannot imagine pain except by having felt it,” – how do we know that? How can it be decided whether this is true?

§Ts-227a

193[3]

316 Um über die Bedeutung des Wortes “denken” klar zu werden, schauen wir uns selbst beim Denken zu: Was wir da beobachten, werde das sein, was das Wort bedeutet! – Aber so wird dieser Begriff eben nicht gebraucht. (Es wäre ähnlich, wenn ich, ohne Kenntnis des Schachspiels, durch genaues Beobachten des letzten Zuges einer Schachpartie herausbringen wollte, was das Wort “mattsetzen” bedeutet.)

316 In order to become clear about the meaning of the word “thinking,” let us observe ourselves while thinking: what we observe will be what the word means! – But this is not how this concept is actually used. (It would be similar if, without knowing the game of chess, I tried to understand what the word “checkmate” means by carefully observing the last move in a game of chess.)

§Ts-227a

192a[1]

317 Irreführende Parallele: Der Schrei, ein Ausdruck des Schmerzes – der Satz, ein Ausdruck des Gedankens! Als wäre es der Zweck des Satzes, Einen wissen zu lassen, wie es dem Andern zu Mute ist: Nur, sozusagen, im Denkapparat und nicht im Magen.

317 Misleading parallel: the cry, an expression of pain – the sentence, an expression of thought! As if the purpose of the sentence were to let one know how the other feels: only, so to speak, in the apparatus of thought and not in the stomach.

§Ts-227a

193[4] &
194[1]

318 Wenn wir denkend sprechen, oder auch schreiben – ich meine, wie wir es gewöhnlich tun – so werden wir, im allgemeinen, nicht sagen, wir dächten schneller, als wir sprechen; sondern der Gedanke erscheint hier vom Ausdruck nicht abgelöst. Anderseits aber redet man von der Schnelle des Gedankens; wie ein Gedanke uns blitzartig durch den Kopf geht, wie Probleme uns mit einem Schlage klar werden, etc.. Da liegt es nahe, zu fragen: Geschieht beim blitzartigen Denken das gleiche, wie beim nicht gedankenlosen Sprechen,– nur äußerst beschleunigt? So daß also im ersten Fall das Uhrwerk gleichsam mit einem Ruck abläuft, im zweiten aber, durch die Worte gehemmt, Schritt für Schritt.

318 When we speak or write while thinking – that is, as we usually do – we will, in general, not say that we think faster than we speak; rather, the thought here appears not to be separated from the expression. On the other hand, one speaks of the speed of thought; how a thought flashes through our minds, how problems suddenly become clear to us, etc. It is tempting to ask: when thinking flashes by, does the same thing happen as when we speak without much thought, only extremely accelerated? So that in the first case, the mechanism, as it were, runs with a jolt, while in the second case, it proceeds step by step, inhibited by the words.

§Ts-227a

194[2]

319 Ich kann in demselben Sinn blitzartig einen Gedanken ganz vor mir sehen, oder verstehen, wie ich ihn mit wenigen Worten, oder Strichen notieren kann. Was macht diese Notiz zu einer Zusammenfassung dieses Gedankens?

319 I can, in the same sense, suddenly see or understand a thought in its entirety, or I can write it down in a few words or lines. What makes this note a summary of this thought?

§Ts-227a

194[3]

320 Der blitzartige Gedanke kann sich zum ausgesprochenen verhalten, wie die algebraische Formel zu einer Zahlenfolge, die ich aus ihr entwickle. Wird mir z.B. eine algebraische Funktion gegeben, so bin ich sicher, ich werde ihre Werte für die Argumente 1, 2, 3 bis 10 berechnen können. Man wird diese Sicherheit ‘wohlbegründet’ nennen, denn ich habe gelernt, solche Funktionen zu berechnen, u.s.w.. In andern Fällen wird sie nicht begründet sein,– aber durch den Erfolg dennoch gerechtfertigt.

320 The sudden thought can be related to the expressed thought as the algebraic formula is related to a sequence of numbers that I derive from it. For example, if I am given an algebraic function, I am certain that I will be able to calculate its values for the arguments 1, 2, 3 up to 10. This certainty will be called ‘well-founded,’ because I have learned to calculate such functions, etc. In other cases, it will not be justified, but still justified by success.

§Ts-227a

194[4] &
195[1]

321 “Was geschieht, wenn ein Mensch plötzlich versteht?” – Die Frage ist schlecht gestellt. Fragt sie nach der Bedeutung des Ausdrucks “plötzlich verstehen”, so ist die Antwort nicht das Hinweisen auf einen Vorgang, den wir so nennen. – Die Frage könnte bedeuten: Was sind Anzeichen dafür, daß Einer plötzlich versteht; welches sind die charakteristischen psychischen Begleiterscheinungen des plötzlichen Verstehens? (Es ist kein Grund, anzunehmen, daß ein Mensch die Ausdrucksbewegungen seines Gesichts, z.B., oder die für eine Gemütsbewegung charakteristischen Veränderungen in seiner Atmung, fühle. Auch wenn er sie fühlt, sobald er seine Aufmerksamkeit auf sie lenkt.) ((Positur))

321 “What happens when a person suddenly understands?” – The question is poorly phrased. If it asks for the meaning of the expression “suddenly understand,” the answer is not to point to a process that we call by that name. – The question could mean: what are the signs that someone suddenly understands; what are the characteristic psychological accompaniments of sudden understanding? (There is no reason to assume that a person feels the expressive movements of his face, for example, or the changes in his breathing that are characteristic of an emotional state. Even if he feels them, as soon as he turns his attention to them.) ((Posture))

§Ts-227a

195[2]

322 Daß die Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des Ausdrucks mit dieser Beschreibung nicht gegeben ist, verleitet dann zu der Folgerung, das Verstehen sei eben ein spezifisches, undefinierbares, Erlebnis. Man vergißt aber, daß, was uns interessieren muß, die Frage ist: Wie vergleichen wir diese Erlebnisse; was legen wir fest als Kriterium der Identität des Geschehnisses?

322 The fact that the answer to the question of the meaning of the expression is not given by this description then leads to the conclusion that understanding is simply a specific, indefinable, experience. However, one forgets that what must interest us is the question: how do we compare these experiences; what do we establish as the criterion for the identity of the event?

§Ts-227a

195[3] &
196[1]

323 “Jetzt weiß ich weiter!” ist ein Ausruf; er entspricht einem Naturlaut, einem freudigen Aufzucken. Aus meiner Empfindung folgt natürlich nicht, daß ich nicht stecken bleibe, sowie ich versuche, weiterzugehen. – Es gibt da Fälle, in denen ich sagen werde: “Als ich sagte, ich wisse weiter, da war es so.” Das wird man z.B. sagen, wenn eine unvorhergesehene Störung eingetreten ist. Aber das Unvorhergesehene durfte nicht einfach das sein, daß ich steckenblieb. Es wäre auch denkbar, daß Einer immer wieder Scheinerleuchtungen hätte,– ausriefe “Jetzt hab ich's!” und es dann nie durch die Tat rechtfertigen könnte. – Es könnte ihm scheinen, als vergäße er augenblicklich wieder die Bedeutung des Bildes, das ihm vorschwebte.

323 “Now I know more!” is an exclamation; it corresponds to a natural sound, a joyful jump. From my sensation, it does not follow, of course, that I will not get stuck as soon as I try to continue. – There are cases in which I will say: “When I said that I knew more, that was how it was.” This will be said, for example, when an unforeseen disturbance has occurred. But the unforeseen must not simply be that I got stuck. It is also conceivable that one always has false flashes of insight, exclaims “Now I have it!” and then never justifies it through action. – It might seem as if one immediately forgets the meaning of the image that he had in mind.

§Ts-227a

196[2]

324 Wäre es richtig zu sagen, es handle sich hier um Induktion, und ich sei so sicher, daß ich die Reihe werde fortsetzen können, wie ich es bin, daß dieses Buch zur Erde fallen wird, wenn ich es auslasse; und ich wäre nicht erstaunter, wenn ich plötzlich ohne offenbare Ursache im Entwickeln der Reihe steckenbliebe, als ich es wäre, wenn das Buch, statt zu fallen, in der Luft schweben bliebe? – Darauf will ich antworten, daß wir eben auch zu dieser Sicherheit keiner Gründe bedürfen. Was könnte die Sicherheit mehr rechtfertigen, als der Erfolg?

324 Would it be correct to say that this is a case of induction, and that I am as certain that I will be able to continue the series as I am that this book will fall to the ground if I let it go; and would I not be more surprised if I suddenly found myself unable to continue the series for no apparent reason, than if the book, instead of falling, remained suspended in the air? – I would like to answer that we do not need any reasons for this certainty. What could justify the certainty more than success?

§Ts-227a

196[3] &
197[1]

325 “Die Gewißheit, daß ich werde fortsetzen können, nachdem ich dies Erlebnis gehabt habe – z.B. diese Formel gesehen habe – gründet sich einfach auf Induktion”. Was heißt das? – “Die Gewißheit, daß das Feuer mich brennen wird, gründet sich auf Induktion.” Heißt dies, daß ich bei mir schließe “Ich habe mich immer an einer Flamme verbrannt, also wird es auch jetzt geschehen”? Oder ist die frühere Erfahrung die Ursache meiner Gewißheit, nicht ihr Grund? Ist die frühere Erfahrung die Ursache der Gewißheit – das kommt auf das System von Hypothesen, Naturgesetzen an, in welchem wir das Phänomen der Gewißheit betrachten. Ist die Zuversicht gerechtfertigt? – Was die Menschen als Rechtfertigung gelten lassen,– zeigt, wie sie denken und leben.

325 “The certainty that I will be able to continue after I have had this experience – for example, after I have seen this formula – is simply based on induction.” What does that mean? – “The certainty that fire will burn me is based on induction.” Does this mean that I conclude: “I have always been burned by a flame, so it will happen again now”? Or is the previous experience the cause of my certainty, not its basis? Is the previous experience the cause of the certainty – this depends on the system of hypotheses, the laws of nature, in which we consider the phenomenon of certainty. Is the confidence justified? – What people consider to be justification shows how they think and live.

§Ts-227a

197[2]

326 Wir erwarten dies und werden von dem überrascht; aber die Kette der Gründe hat ein Ende.

326 We anticipate this & are surprised by it; but the chain of reasons has an end.

§Ts-227a

197[3]

327 “Kann man denken, ohne zu reden?” – Und was ist Denken? – Nun, denkst du nie? Kannst du dich nicht beobachten und sehen, was da vorgeht? Das sollte doch einfach sein. Du mußt ja darauf nicht, wie auf ein astronomisches Ereignis warten und dann etwa in Eile deine Beobachtung machen.

327 “Can one think without speaking?” – And what is thinking? – Well, don't you ever think? Can't you observe yourself and see what is going on? That should be simple. You don't have to wait for it, as if it were an astronomical event, and then make your observation in a hurry.

§Ts-227a

197[4]

328 Nun, was nennt man noch “denken”? Wofür hat man gelernt, das Wort zu benützen? – Wenn ich sage, ich habe gedacht,– muß ich da immer recht haben? – Was für eine Art des Irrtums gibt es da? Gibt es Umstände, unter denen man fragen würde: “War, was ich da getan habe, wirklich ein Denken; irre ich mich nicht?” Wenn jemand, im Verlauf eines Gedankengangs, eine Messung ausführt: hat er das Denken unterbrochen, wenn er beim Messen nicht zu sich selbst spricht?

328 Now, what else is called “thinking”? What has one learned to use the word for? – If I say that I have thought, do I always have to be right? – What kind of error is that? Are there circumstances under which one would ask: “Was what I did really thinking; am I mistaken?” If someone, in the course of a thought process, performs a measurement: has he interrupted the thinking if he does not speak to himself while measuring?

§Ts-227a

197[5]

329 Wenn ich in der Sprache denke, so schweben mir nicht neben dem sprachlichen Ausdruck noch “Bedeutungen” vor; sondern die Sprache selbst ist das Vehikel des Denkens.

329 If I think in language, then meanings do not float before me in addition to the linguistic expression; rather, language itself is the vehicle of thinking.

§Ts-227a

197[6] &
198[1]

330 Ist Denken eine Art Sprechen? Man möchte sagen, es ist das, was denkendes Sprechen vom gedankenlosen Sprechen unterscheidet. – Und da scheint es eine Begleitung des Sprechens zu sein. Ein Vorgang, der vielleicht auch etwas anderes begleiten, oder selbständig ablaufen kann. Sprich die Zeile: “Die Feder ist wohl stumpf. Nu, nu, sie geht.” Einmal denkend; dann gedankenlos; dann denk nur den Gedanken, aber ohne die Worte. – Nun, ich könnte, im Laufe einer Handlung, die Spitze meiner Feder prüfen, mein Gesicht verziehen,– dann mit einer Gebärde der Resignation weiterschreiben. – Ich könnte auch, mit irgendwelchen Messungen beschäftigt, so handeln, daß, wer mir zusieht, sagen würde, ich habe – ohne Worte – gedacht: Sind zwei Größen einer dritten gleich, so sind sie untereinander gleich. – Aber was hier das Denken ausmacht, ist nicht ein Vorgang, der die Worte begleiten muß, wenn sie nicht gedankenlos ausgesprochen sein sollen.

330 Is thinking a kind of speaking? One might say that it is what distinguishes thoughtful speaking from thoughtless speaking. – And it seems to be an accompaniment to speaking. A process that might also accompany something else, or run independently. Say the line: “The pen is probably blunt. Well, well, it works.” Once thinking; then thoughtless; then just think the thought, but without the words. – Now, I could, in the course of an action, test the tip of my pen, make a face, and then continue writing with a gesture of resignation. – I could also, while engaged in some measurements, act in such a way that anyone watching me would say that I had – without words – thought: If two quantities are equal to a third, then they are equal to each other. – But what constitutes thinking here is not a process that must accompany the words if they are not to be spoken thoughtlessly.

§Ts-227a

198[2]

331 Stell dir Menschen vor, die nur laut denken könnten! (Wie es Menschen gibt, die nur laut lesen können.)

331 Imagine people who could only think aloud! (Just as there are people who can only read aloud.)

§Ts-227a

198[3] &
199[1]

332 “Denken” nennen wir wohl manchmal, den Satz mit einem seelischen Vorgang begleiten, aber “Gedanke” nennen wir nicht jene Begleitung. ‒ ‒ Sprich einen Satz und denke ihn; sprich ihn mit Verständnis! – Und nun sprich ihn nicht, und tu nur das, womit du ihn beim verständnisvollen Sprechen begleitet hast! – (Sing dies Lied mit Ausdruck! Und nun sing es nicht, aber wiederhole den Ausdruck! – Und man könnte auch hier etwas wiederholen; z.B. Schwingungen des Körpers, langsameres und schnelleres Atmen, etc..)

332 We sometimes call it “thinking” when we accompany a sentence with a mental process, but we do not call that very accompaniment a “thought.” – – Say a sentence and think it; say it with understanding! – And now don’t say it, but just do what accompanied it when you spoke it with understanding! – (Sing this song with expression! And now don’t sing it, but repeat the expression! – And one could also repeat something here; e.g., vibrations of the body, slower and faster breathing, etc.)

§Ts-227a

199[2]

333 “Das kann nur Einer sagen, der davon überzeugt ist.” – Wie hilft ihm die Überzeugung, wenn er es sagt? – Ist sie dann neben dem gesprochenen Ausdruck vorhanden? (Oder wird sie von diesem zugedeckt, wie ein leiser Ton von einem lauten, sodaß sie gleichsam nicht mehr gehört werden kann, wenn man sie laut ausdrückt?) Wie, wenn Einer sagte: “Damit man eine Melodie nach dem Gedächtnis singen kann, muß man sie im Geiste hören und sie nachsingen”?

333 “Only someone who is convinced can say that.” – How does this conviction help him when he says it? – Is it then present alongside the spoken expression? (Or is it covered up by it, like a soft tone by a loud one, so that it can no longer be ‘heard’ when it is expressed aloud?) What if someone said: “In order to be able to sing a melody from memory, one must hear it in one’s mind and sing it along”?

§Ts-227a

199[3]

334 “Du wolltest also eigentlich sagen …” – Mit dieser Redeweise leiten wir Jemand von einer Ausdrucksform zu einer andern. Man ist versucht, das Bild zu gebrauchen: das, was er eigentlich ‘sagen wollte’, was er ‘meinte’, sei, noch ehe wir es aussprachen, in seinem Geist vorhanden gewesen. Was uns dazu bewegt, einen Ausdruck aufzugeben und an seiner Stelle einen andern anzunehmen, kann von mannigfacher Art sein. Das zu verstehen, ist es nützlich, das Verhältnis zu betrachten, in welchem Lösungen mathematischer Probleme zum Anlaß und Ursprung ihrer Fragestellung stehen. Der Begriff ‘Dreiteilung des Winkels mit Lineal und Zirkel’, wenn Einer nach der Dreiteilung sucht, und anderseits, wenn bewiesen ist, daß es sie nicht gibt.

334 “So you actually wanted to say…” – With this phrase, we lead someone from one form of expression to another. One is tempted to use the image: what he actually ‘wanted to say’, what he ‘meant’, was already present in his mind before we uttered it. What motivates us to abandon one expression and adopt another can be of various kinds. To understand this, it is useful to consider the relationship in which solutions to mathematical problems serve as the occasion and origin of their formulation. The concept of ‘trisecting an angle with ruler and compass,’ when someone is looking for the trisection, and on the other hand, when it has been proven that it does not exist.

§Ts-227a

200[1]

335 Was geschieht, wenn wir uns bemühen – etwa beim Schreiben eines Briefes – den richtigen Ausdruck für unsere Gedanken zu finden? – Diese Redeweise vergleicht den Vorgang dem einer Übersetzung, oder Beschreibung: Die Gedanken sind da (etwa schon vorher) und wir suchen nur noch nach ihrem Ausdruck. Dieses Bild trifft für verschiedene Fälle mehr, oder weniger zu. – Aber was kann hier nicht alles geschehen! – Ich gebe mich einer Stimmung hin, und der Ausdruck kommt. Oder: es schwebt mir ein Bild vor, das ich zu beschreiben trachte. Oder: es fiel mir ein englischer Ausdruck ein, und ich will mich auf den entsprechenden deutschen besinnen. Oder: ich mache eine Gebärde, und frage mich: “Welches sind die Worte, die dieser Gebärde entsprechen?” Etc. Wenn man nun fragte “Hast du den Gedanken, ehe du den Ausdruck hattest?”– was müßte man da antworten? Und was auf die Frage: “Worin bestand der Gedanke, wie er vor dem Ausdruck vorhanden war?”

335 What happens when we try – for example, when writing a letter – to find the right expression for our thoughts? – This way of speaking compares the process to a translation or description: The thoughts are there (perhaps already present), and we are simply looking for their expression. This image applies more or less to various cases. – But what can’t happen here! – I give myself over to a mood, and the expression comes. Or: I have an image in mind that I try to describe. Or: An English expression occurs to me, and I want to recall the corresponding German one. Or: I make a gesture, and ask myself: “Which are the words that correspond to this gesture?” Etc. If one were to ask, “Did you have the thought before you had the expression?” – what would one have to answer? And what would be the answer to the question: “What was the thought like when it was present before the expression?”

§Ts-227a

200[2]

336 Es liegt hier ein Fall vor ähnlich dem, wenn jemand sich vorstellt, man könne einen Satz mit der merkwürdigen Wortstellung der deutschen oder lateinischen Sprache nicht einfach denken, wie er dasteht. Man müsse ihn zuerst denken, und dann bringt man die Wörter in jene seltsame Ordnung. (Ein französischer Politiker schrieb einmal, es sei eine Eigentümlichkeit der französischen Sprache, daß in ihr die Worte in der Ordnung stehen, in welcher man sie denkt.)

336 Here, we have a case similar to when someone imagines that one cannot simply think a sentence with the strange word order of German or Latin as it stands. One must first think it, and then one puts the words in that strange order. (A French politician once wrote that it is a peculiarity of the French language that the words in it are in the order in which one thinks them.)

§Ts-227a

201[1]

337 Aber habe ich nicht die Gesamtform des Satzes, z.B., schon an seinem Anfang beabsichtigt? Also war er mir doch schon im Geiste, ehe er noch ausgesprochen war! – Wenn er mir im Geiste war, dann, im allgemeinen, nicht mit anderer Wortstellung. Aber wir machen uns hier wieder ein irreführendes Bild vom ‘Beabsichtigen’; d.h., vom Gebrauch dieses Worts. Die Absicht ist eingebettet in der Situation, den menschlichen Gepflogenheiten und Institutionen. Gäbe es nicht die Technik des Schachspiels, so könnte ich nicht beabsichtigen, eine Schachpartie zu spielen. Soweit ich die Satzform im Voraus beabsichtige, ist dies dadurch ermöglicht, daß ich deutsch sprechen kann.

337 But didn’t I already intend the overall form of the sentence at its beginning? So it was already in my mind, before it was even spoken! – If it was in my mind, then, in general, not with a different word order. But we are creating a misleading image of ‘intending’ here; that is, of the use of this word. The intention is embedded in the situation, in human customs and institutions. If there were no technique of chess, then I could not intend to play a game of chess. To the extent that I intend the sentential form in advance, this is made possible by the fact that I can speak German.

§Ts-227a

201[2]

338 Man kann doch nur etwas sagen, wenn man sprechen gelernt hat. Wer also etwas sagen will, muß dazu auch gelernt haben, eine Sprache beherrschen; und doch ist es klar, daß er beim Sprechenwollen nicht sprechen mußte. Wie er auch beim Tanzenwollen nicht tanzt. Und wenn man darüber nachdenkt, so greift der Geist nach der Vorstellung des Tanzens, Redens, etc..

338 One can only say something if one has learned to speak. Thus, whoever wants to say something must also have learned to do so, must master a language; and yet it is clear that one does not have to speak in order to want to speak. Just as one does not dance when one wants to dance. And if one thinks about it, the mind grasps at the image of dancing, speaking, etc.

§Ts-227a

201[3] &
202[1]

339 Denken ist kein unkörperlicher Vorgang, der dem Reden Leben und Sinn leiht, und den man vom Reden ablösen könnte, gleichsam wie der Böse den Schatten Schlemihls vom Boden abnimmt. ‒ ‒ Aber wie: “kein körperlicher Vorgang”? Kenne ich also unkörperliche Vorgänge, das Denken aber ist nicht einer von ihnen? Nein; das Wort “unkörperlicher Vorgang” nahm ich mir zu Hilfe, in meiner Verlegenheit, da ich die Bedeutung des Wortes “denken” auf primitive Weise erklären wollte. Man könnte aber sagen “Denken ist ein unkörperlicher Vorgang”, wenn man dadurch die Grammatik des Wortes “denken” von der des Wortes “essen”, z.B., unterscheiden will. Nur erscheint dadurch der Unterschied der Bedeutungen zu gering. (Ähnlich ist es, wenn man sagt: die Zahlzeichen seien wirkliche, die Zahlen nicht-wirkliche Gegenstände.) Eine unpassende Ausdrucksweise ist ein sicheres Mittel, in einer Verwirrung stecken zu bleiben. Sie verriegelt gleichsam den Ausweg aus ihr.

339 Thinking is not an incorporeal process that lends life and meaning to speaking, and that could be detached from speaking, just as the evil one detaches Schlemihl’s shadow from the ground. – – But how: “not a corporeal process”? Do I, then, know of incorporeal processes, but thinking is not one of them? No; I used the word “incorporeal process” to help myself, in my confusion, because I wanted to explain the meaning of the word “thinking” in a primitive way. One could, however, say “Thinking is an incorporeal process” if one wants to distinguish the grammar of the word “thinking” from that of the word “eating,” for example. Only, this makes the difference in meanings seem too small. (Similarly, if one says that number signs are real objects, while numbers are not.) An inappropriate expression is a sure way to remain stuck in confusion. It, as it were, locks the way out of it.

§Ts-227a

202[2]

340 Wie ein Wort funktioniert, kann man nicht erraten. Man muß seine Anwendung ansehen und daraus lernen. Die Schwierigkeit aber ist, das Vorurteil zu beseitigen, das diesem Lernen entgegensteht. Es ist kein dummes Vorurteil.

340 One cannot guess how a word functions. One must observe its application and learn from it. The difficulty, however, is to remove the prejudice that stands in the way of this learning. It is not a foolish prejudice.

§Ts-227a

202[3]

341 Gedankenloses und nicht gedankenloses Sprechen ist zu vergleichen dem gedankenlosen und nicht gedankenlosen Spielen eines Musikstücks.

341 Thoughtless and non-thoughtless speaking is to be compared to thoughtless and non-thoughtless playing of a piece of music.

§Ts-227a

202[4] &
203[1] &
204[2]

342 William James, um zu zeigen, daß Denken ohne Sprechen möglich ist, zitiert die Erinnerung eines Taubstummen, Mr. Ballard, welcher schreibt, er habe in seiner frühen Jugend, noch ehe er sprechen konnte, sich über Gott und die Welt Gedanken gemacht. – Was das wohl heißen mag! – Ballard schreibt: “It was during those delightful rides, some two or three years before my initiation into the rudiments of written language, that I began to ask myself the question: how came the world into being?” – Bist du sicher, daß dies die richtige Übersetzung deiner wortlosen Gedanken in Worte ist? – möchte man fragen. Und warum reckt diese Frage – die doch sonst garnicht zu existieren scheint – hier ihren Kopf hervor? Will ich sagen, es täusche den Schreiber sein Gedächtnis? – Ich weiß nicht einmal, ob ich das sagen würde. Diese Erinnerungen sind ein seltsames Gedächtnisphänomen – und ich weiß nicht, welche Schlüsse auf die Vergangenheit des Erzählers man aus ihnen ziehen kann!

342 William James, in order to show that thinking is possible without speaking, quotes the recollection of a deaf-mute, Mr. Ballard, who writes that in his early youth, before he could speak, he thought about God and the world. – What does that mean! – Ballard writes: “It was during those delightful rides, some two or three years before my initiation into the rudiments of written language, that I began to ask myself the question: how came the world into being?” – Are you sure that this is the correct translation of your wordless thoughts into words? – one would like to ask. And why does this question – which otherwise does not seem to exist at all – raise its head here? Do I mean that it deceives the writer’s memory? – I do not even know if I would say that. These memories are a strange phenomenon of memory – and I do not know what conclusions one can draw from them about the narrator’s past!

§Ts-227a

204[1]

343 Die Worte mit denen ich meine Erinnerung ausdrücke, sind meine Erinnerungsreaktion.

343 The words with which I express my memory are my memory reaction.

§Ts-227a

204[3]

344 Wäre es denkbar, daß Menschen nie eine hörbare Sprache sprächen, wohl aber eine im Innern, in der Vorstellung, zu sich selber? “Wenn die Menschen immer nur in ihrem Innern zu sich selbst sprächen, so täten sie schließlich nur dasjenige beständig, was sie auch heute manchmal tun.” – Es ist also ganz leicht, sich dies vorzustellen; man braucht nur den leichten Übergang von Einigen zu Allen zu machen. (Ähnlich: “Eine unendlich lange Baumreihe ist einfach eine, die nicht zu einem Ende kommt”.) Unser Kriterium dafür, daß Einer zu sich selbst spricht, ist das, was er uns sagt, und sein übriges Verhalten; und wir sagen nur von dem, er spräche zu sich selbst, der, im gewöhnlichen Sinne, sprechen kann. Und wir sagen es auch nicht von einem Papagei; und nicht von einem Grammophon.

344 Would it be conceivable that humans never spoke an audible language, but rather one internally, in their imagination, to themselves? “If people always only spoke to themselves internally, then they would ultimately only do what they sometimes do even now.” – So it is quite easy to imagine this; one only needs to make the slight transition from some to all. (Similarly: “An infinitely long row of trees is simply one that does not come to an end.”) Our criterion for the fact that one speaks to oneself is what he tells us, & his remaining behaviour; & we only say of someone that he speaks to himself if, in the ordinary sense, he can speak. & we do not say it of a parrot; & not of a gramophone.

§Ts-227a

205[1]

345 “Was manchmal geschieht, könnte immer geschehen”– was wäre das für ein Satz? Ein ähnlicher, wie dieser: Wenn “F(a)” Sinn hat, hat “(x).F(x)” Sinn. “Wenn es vorkommen kann, daß Einer in einem Spiel falsch zieht, so könnte es sein, daß alle Menschen in allen Spielen nichts als falsche Züge machten.” – Wir sind also in der Versuchung, hier die Logik unsrer Ausdrücke mißzuverstehen, den Gebrauch unsrer Worte unrichtig darzustellen. Befehle werden manchmal nicht befolgt. Wie aber würde es aussehen, wenn Befehle nie befolgt würden? Der Begriff ‘Befehl’ hätte seinen Zweck verloren.

345 “What sometimes happens could always happen” – what would that be for a sentence? A similar one to this: If “F(a)” has sense, then “(x).F(x)” has sense. “If it can happen that one makes a wrong move in a game, then it could be that all people in all games make nothing but wrong moves.” – So, we are tempted here to misunderstand the logic of our expressions, to misrepresent the use of our words. Commands are sometimes not followed. But what would it look like if commands were never followed? The concept of ‘command’ would lose its purpose.

§Ts-227a

205[2]

346 Aber könnten wir uns nicht vorstellen, daß Gott einem Papagei plötzlich Verstand schenkte, und dieser nun zu sich selbst redete? – Aber hier ist es wichtig, daß ich zu dieser Vorstellung die Vorstellung von einer Gottheit zu Hilfe nahm.

346 But couldn't we imagine that God suddenly gave a parrot understanding, and that this parrot now talks to itself? – But here it is important that I use the idea of a deity to help with this idea.

§Ts-227a

205[3]

347 “Aber ich weiß doch von mir selbst, was es heißt ‘zu sich selbst sprechen’. Und würde ich der Organe des lauten Sprechens beraubt, so könnte ich dennoch in mir Selbstgespräche führen.” Weiß ich's nur von mir selbst, dann weiß ich also nur, was ich so nenne, nicht, was ein Andrer so nennt.

347 “But I know from myself what it means ‘to talk to oneself’. And if I were deprived of the organs of loud speech, I could still have conversations with myself internally.” If I only know it from myself, then I only know what I call it, not what someone else calls it.

§Ts-227a

205[4] &
206[1]

348 “Diese Taubstummen haben alle nur eine Gebärdensprache gelernt, Jeder aber spricht zu sich selbst im Innern eine Lautsprache.”– Nun, verstehst du das nicht? – Wie weiß ich nur, ob ich's verstehe?! – Was kann ich mit dieser Mitteilung (wenn's eine ist) anfangen? Die ganze Idee des Verstehens erhält hier einen verdächtigen Geruch. Ich weißt nicht, ob ich sagen soll, ich versteh's, oder ich versteh's nicht. Ich möchte antworten: “Es ist ein deutscher Satz; scheinbar ganz in Ordnung– ehe man nämlich mit ihm arbeiten will; er steht mit andern Sätzen in einem Zusammenhang, der es uns schwer macht, zu sagen, man wisse eigentlich nicht, was er uns mitteilt; Jeder, der nicht durch Philosophieren empfindungslos geworden ist, merkt, daß hier etwas nicht stimmt.”

348 “These deaf-mutes have all only learned a sign language, but each speaks to himself internally a spoken language.” – Well, don't you understand that? – How do I know if I understand it?! – What can I do with this communication (if it is one)? The whole idea of understanding takes on a suspicious quality here. I don't know if I should say I understand it or I don't understand it. I would like to answer: “It is a German sentence; apparently quite in order – before one wants to work with it; it is connected with other sentences in a way that makes it difficult for us to say that we don't really know what it communicates to us; anyone who has not become insensitive through philosophizing notices that something is wrong here.”

§Ts-227a

206[2]

349 “Aber diese Annahme hat doch gewiß einen guten Sinn!” – Ja; diese Worte und dies Bild haben unter gewöhnlichen Umständen eine uns geläufige Anwendung. – Nehmen wir aber einen Fall an, in welchem diese Anwendung wegfällt, so werden wir uns nun gleichsam zum ersten Male der Nacktheit der Worte und des Bildes bewußt.

349 “But this assumption certainly has a good sense!” – Yes; these words and this image have a familiar application under ordinary circumstances. – But if we assume a case in which this application is absent, then we will, as it were, become aware for the first time of the nakedness of the words and the image.

§Ts-227a

206[3] &
207[1]

350 “Aber wenn ich annehme, Einer habe Schmerzen, so nehme ich einfach an, er habe dasselbe, was ich so oft gehabt habe.” – Das führt uns nicht weiter. Es ist, als sagte ich: “Du weiß doch, was es heißt ‘Es ist hier 5 Uhr’; dann weißt du auch, was es heißt, es sei 5 Uhr auf der Sonne. Es heißt eben, es sei dort ebensoviel Uhr, wie hier, wenn es hier 5 Uhr ist.” – Die Erklärung mittels der Gleichheit funktioniert hier nicht. Weil ich zwar weiß, daß man 5 Uhr hier “die gleiche Zeit” nennen kann, wie 5 Uhr dort, aber eben nicht weiß, in welchem Falle man von Zeitgleichheit hier und dort sprechen soll. Geradeso ist es keine Erklärung, zu sagen: die Annahme, er habe Schmerzen, sei eben die Annahme, er habe das Gleiche wie ich. Denn dieser Teil der Grammatik ist mir wohl klar: daß man nämlich sagen werde, der Ofen habe das gleiche Erlebnis wie ich, wenn man sagt: er habe Schmerzen und ich habe Schmerzen.

350 “But if I assume that someone is in pain, then I simply assume that he has the same thing that I have had so often.” – That doesn’t take us any further. It is as if I said: “You know what it means ‘It is 5 o'clock here’; then you also know what it means that it is 5 o'clock on the sun. It just means that it is the same time there as here, when it is 5 o'clock here.” – The explanation by means of sameness does not work here. Because I do know that one can call 5 o'clock here “the same time” as 5 o'clock there, but I do not know in what case one should speak of time being the same here and there. It is just the same as saying that the assumption that he is in pain is just the assumption that he has the same as I do. Because this part of the grammar is clear to me: that one would say that the stove has the same experience as I do, if one says: it is in pain and I am in pain.

§Ts-227a

207[2] &
208[1]

351 Wir möchten doch immer sagen: “Schmerzgefühl ist Schmerzgefühl – ob er es hat, oder ich es habe; und wie immer ich erfahre, ob er eines hat oder nicht.” – Damit könnte ich mich einverstanden erklären. – Und wenn du mich fragst: “Weißt du denn nicht, was ich meine, wenn ich sage, der Ofen habe Schmerzen?”– so kann ich antworten: Diese Worte können mich zu allerlei Vorstellungen führen; aber weiter geht ihr Nutzen nicht. Und ich kann mir auch etwas bei den Worten vorstellen “Es war gerade 5 Uhr nachmittag auf der Sonne”– nämlich etwa eine Pendeluhr, die auf 5 zeigt. – Noch besser wäre aber das Beispiel der Anwendung von “oben” und “unten” auf die Erdkugel. Hier haben wir alle eine ganz deutliche Vorstellung davon, was “oben” und “unten” bedeutet. Ich sehe doch, daß ich oben bin; Die Erde ist doch unter mir! (Lächle ja nicht über dieses Beispiel. Es wird uns zwar schon in der Volksschule beigebracht, daß es dumm ist, so etwas zu sagen. Aber es ist eben viel leichter, ein Problem zuzuschütten, als es zu lösen.) Und erst eine Überlegung zeigt uns, daß in diesem Fall “oben” und “unten” nicht auf die gewohnte Weise zu gebrauchen sind. (Daß wir z.B. von den Antipoden als den Menschen ‘unter’ unserem Erdteil reden können, es aber nun für richtig anerkennen müssen, wenn sie auf uns den gleichen Ausdruck anwenden.)

351 But we always want to say: “The sensation of pain is the sensation of pain – whether he has it or I have it; and however I learn whether he has it or not.” – With that, I could agree. – And if you ask me: “Don't you know what I mean when I say that the stove has pain?” – then I can answer: These words can lead me to all sorts of images; but their use goes no further. And I can also imagine something in the words “It was exactly 5 o'clock in the afternoon on the sun” – namely, a pendulum clock that shows 5. – But the example of the application of “above” and “below” to the globe would be even better. Here, we all have a very clear image of what “above” and “below” means. I see that I am above; the earth is below me! (Don't laugh at this example. We are taught in elementary school that it is silly to say such a thing. But it is much easier to dismiss a problem than to solve it.) And only a consideration shows us that in this case, “above” and “below” cannot be used in the usual way. (That, for example, we can speak of the antipodes as the people ‘below’ our part of the earth, but we must now accept that they apply the same expression to us.)

§Ts-227a

208[2] &
209[1]

352 Hier geschieht es nun, daß uns unser Denken einen seltsamen Streich spielt. Wir wollen nämlich das Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten zitieren und sagen: “Entweder es schwebt ihm ein solches Bild vor, oder nicht; ein Drittes gibt es nicht!” – Dieses seltsame Argument treffen wir auch in andern Gebieten der Philosophie. “In der unendlichen Entwicklung von π kommt einmal die Gruppe “7777” vor, oder nicht – ein Drittes gibt es nicht.” D.h.: Gott sieht es – aber wir wissen es nicht. Was bedeutet das aber? – Wir gebrauchen ein Bild; das Bild einer sichtbaren Reihe, die der Eine übersieht, der Andre nicht. Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten sagt hier: Es muß entweder so ausschaun, oder so. Er sagt also eigentlich – und das ist ja selbstverständlich – garnichts, sondern gibt uns ein Bild. Und das Problem soll nun sein, ob die Wirklichkeit mit dem Bild übereinstimme, oder nicht. Und dies Bild scheint nun, was wir zu tun, wie und wonach wir zu suchen haben, zu bestimmen – tut es aber nicht, weil wir eben nicht wissen, wie es zu applizieren ist. Wenn wir hier sagen “Es gibt kein Drittes”, oder “Es gibt doch kein Drittes!”– so drückt sich darin aus, daß wir den Blick von diesem Bild nicht wenden können,– das ausschaut, als müßte in ihm schon das Problem und seine Lösung liegen, während wir doch fühlen, daß es nicht der Fall ist. Ebenso, wenn man sagt “Entweder hat er diese Empfindung, oder er hat sie nicht!”– so schwebt uns dabei vor allem ein Bild vor, das schon den Sinn der Aussagen unmißverständlich zu bestimmen scheint. “Du weißt jetzt, worum es sich handelt”– möchte man sagen. Und gerade das weiß er damit noch nicht.

352 Here, it happens that our thinking plays a strange trick on us. We want to cite the law of the excluded middle and say: “Either he has such an image in his mind, or he does not; there is no third option!” – We also encounter this strange argument in other areas of philosophy. “In the infinite development of π, the group “7777” appears at some point, or it does not – there is no third option.” That is, God knows it – but we do not. What does that mean? – We use an image; the image of a visible series, which one person overlooks, and the other does not. The law of the excluded middle says here: It must either look like this, or like this. It actually says nothing – and this is self-evident – but rather gives us an image. And the problem is now supposed to be whether reality corresponds to the image, or not. And this image now seems to determine what we should do, how and what we should look for – but it does not, because we do not know how to apply it. If we say here “There is no third option,” or “There really is no third option!” – this expresses that we cannot turn our gaze away from this image, which seems to contain the problem and its solution, while we feel that this is not the case. Likewise, if one says “Either he has this sensation, or he does not!” – then above all, we have an image in mind, which seems to determine the sense of the statements unambiguously. “You know what it's about now,” one would like to say. And that is precisely what he does not know yet.

§Ts-227a

209[2]

353 Die Frage nach der Art und Möglichkeit der Verifikation eines Satzes ist nur eine besondere Form der Frage “Wie meinst du das?” Die Antwort ist ein Beitrag zur Grammatik des Satzes.

353 The question of the nature and possibility of the verification of a sentence is only a special form of the question “What do you mean by that?” The answer is a contribution to the grammar of the sentence.

§Ts-227a

209[3] &
210[1]

354 Das Schwanken in der Grammatik zwischen Kriterien und Symptomen läßt den Schein entstehen, als gäbe es überhaupt nur Symptome. Wir sagen etwa: “Die Erfahrung lehrt, daß es regnet, wenn das Barometer fällt, aber sie lehrt auch, daß es regnet, wenn wir bestimmte Gefühle der Nässe und Kälte haben, oder den und den Gesichtseindruck.” Als Argument dafür gibt man dann an, daß diese Sinneseindrücke uns täuschen können. Aber man bedenkt dabei nicht, daß die Tatsache, daß sie uns gerade den Regen vortäuschen, auf einer Definition beruht.

354 The fluctuation in grammar between criteria and symptoms creates the illusion that there are only symptoms. We say, for example: “Experience teaches that it rains when the barometer falls, but it also teaches that it rains when we have certain feelings of wetness and cold, or the such and such visual impression.” As an argument for this, one then points out that these sensory impressions can deceive us. But one does not consider that the fact that they deceive us about the rain is based on a definition.

§Ts-227a

210[2]

355 Nicht darum handelt es sich, daß unsre Sinneseindrücke uns belügen können, sondern, daß wir ihre Sprache verstehen. (Und diese Sprache beruht, wie jede andere, auf Übereinkunft.)

355 It is not a matter of whether our sensory impressions can deceive us, but that we understand their language. (And this language is based, like any other, on convention.)

§Ts-227a

210[3]

356 Man ist geneigt zu sagen: “Es regnet, oder es regnet nicht – wie ich das weiß, wie mich die Kunde davon erreicht hat, ist eine andere Sache.” Aber stellen wir also die Frage so: Was nenne ich “eine Kunde davon, daß es regnet”? (Oder habe ich auch von dieser Kunde nur Kunde erhalten?) Und was kennzeichnet denn diese ‘Kunde’ als Kunde von etwas? Leitet uns da nicht die Form unseres Ausdrucks irre? Ist das eben nicht eine irreführende Metapher: “Mein Auge gibt mir Kunde davon, daß dort ein Sessel stehe”?

356 One is inclined to say: “It is raining, or it is not raining – how I know this, how I receive the information about it, is another matter.” But let us then frame the question thus: What do I call “information that it is raining”? (Or do I only receive information about this information?) And what is it that characterizes this ‘information’ as information about something? Does not the form of our expression mislead us here? Is it not, after all, a misleading metaphor: “My eye tells me that there is a chair over there”?

§Ts-227a

210[4] &
211[1]

357 Wir sagen nicht, ein Hund spräche möglicherweise zu sich selber. Ist das, weil wir seine Seele so genau kennen? Nun, man könnte so sagen: Wenn man das Benehmen des Lebewesens sieht, sieht man seine Seele. – Aber sage ich auch von mir, ich spreche zu mir selber, weil ich mich so und so benehme? – Ich sage es nicht auf die Beobachtung meines Benehmens hin. Aber es hat nur Sinn, weil ich mich so benehme. – So hat es also nicht darum Sinn, weil ich es meine?

357 We do not say that a dog is possibly talking to itself. Is this because we know its mind so well? Well, one could say: If one observes the behaviour of the living being, one sees its mind. – But do I also say of myself that I am talking to myself because I behave in such and such a way? – I do not say it on the basis of observing my behaviour. But it only makes sense because I behave in that way. – So, it does not make sense because it is my [behaviour]?

§Ts-227a

211[2]

358 Aber ist es nicht unser Meinen, das dem Satz Sinn gibt? (Und dazu gehört natürlich: Sinnlose Wortreihen kann man nicht meinen.) Und das Meinen ist etwas im seelischen Bereich. Aber es ist auch etwas Privates! Es ist das ungreifbare Etwas; vergleichbar nur dem Bewußtsein selbst. Wie könnte man das lächerlich finden! es ist ja, gleichsam, ein Traum unserer Sprache.

358 But is it not my intention that gives the sentence sense? (And, of course, this includes: nonsensical sequences of words cannot be intended.) And intention is something in the realm of the mind. But it is also something private! It is the intangible something; comparable only to consciousness itself. How could one find that ridiculous! It is, as it were, a dream of our language.

§Ts-227a

211[3]

359 Könnte eine Maschine denken? ‒ ‒ Könnte sie Schmerzen haben? – Nun, soll der menschliche Körper so eine Maschine heißen? Er kommt doch am nächsten dazu, so eine Maschine zu sein.

359 Could a machine think? – Could it feel pain? – Well, is the human body supposed to be called a machine? It is, after all, the closest thing to a machine.

§Ts-227a

211[4]

360 Aber eine Maschine kann doch nicht denken! – Ist das ein Erfahrungssatz? Nein. Wir sagen nur vom Menschen, und was ihm ähnlich ist, es denke. Wir sagen es auch von Puppen und wohl auch von Geistern. Sieh das Wort “denken” als Instrument an!

360 But a machine cannot think! – Is this an experiential proposition? No. We only say of humans, and of things similar to them, that they think. We also say it of dolls and probably also of spirits. See the word “thinking” as a tool!

§Ts-227a

211[5] &
212[1]

361 Der Sessel denkt bei sich selber: ‥‥. Wo? In einem seiner Teile? Oder außerhalb seines Körpers; in der Luft um ihn? Oder garnicht irgendwo? Aber was ist dann der Unterschied zwischen dem inneren Sprechen dieses Sessels und eines andern, der daneben steht? – Aber wie ist es dann mit dem Menschen: Wo spricht er zu sich selber? Wie zu sich selber? Wie kommt es, daß diese Frage sinnlos scheint; und keine Ortsbestimmung nötig ist, außer der, daß eben dieser Mensch zu sich selbst spricht? Während die Frage, wo der Sessel mit sich selbst spreche, eine Antwort zu verlangen scheint. – Der Grund ist: Wir wollen wissen, wie der Sessel hier einem Menschen gleichen soll; ob der Kopf z.B. am obern Ende der Lehne ist, u.s.w.. Wie ist das, wenn man im Innern zu sich selbst spricht; was geht da vor? – Wie soll ich's erklären? Nun, nur so, wie du Einen die Bedeutung des Ausdrucks “zu sich selbst sprechen” lehren kannst. Und als Kinder lernen wir ja diese Bedeutung. – Nur, daß niemand sagen wird, wer sie uns lehrt, sage uns, ‘was da vorgeht’.

361 The chair thinks to itself: ‥‥. Where? In one of its parts? Or outside its body, in the air around it? Or not anywhere? But what is then the difference between the internal thinking of this chair and of another one standing next to it? – But how is it with humans: Where does he talk to himself? How to himself? How is it that this question seems senseless, and no specification of location is needed, other than the fact that this human is talking to himself? While the question of where the chair is talking to itself seems to demand an answer. – The reason is: We want to know how the chair is supposed to be like a human; whether, for example, the head is at the top of the backrest, etc. What is it like when one thinks to oneself internally; what is happening there? – How am I supposed to explain it? Well, only in the way in which one can teach someone the meaning of the expression “to talk to oneself.” And as children, we learn this meaning. – Only, no one will say that whoever teaches it to us tells us “what is happening there.”

§Ts-227a

213[1]

362 Vielmehr scheint es uns, als ob der Lehrer in diesem Falle dem Schüler die Bedeutung beibringe– ohne sie ihm direkt zu sagen; daß aber der Schüler endlich dazu gebracht wird, sich selbst die richtige hinweisende Erklärung zu geben. Und hierin liegt unsre Illusion.

362 Rather, it seems to us as if the teacher, in this case, imparts the meaning to the student – without telling it to him directly; that the student is finally brought to give himself the correct ostensive explanation. And therein lies our illusion.

§Ts-227a

213[2] &
214[1]

363 “Wenn ich mir etwas vorstelle, so geschieht doch wohl etwas!” Nun, es geschieht etwas – und wozu mache ich dann einen Lärm? Wohl dazu, was geschieht, mitzuteilen. – Aber wie teilt man denn überhaupt etwas mit? Wann sagt man, etwas werde mitgeteilt? – Was ist das Sprachspiel des Mitteilens? Ich möchte sagen: du siehst es für viel zu selbstverständlich an, daß man Einem etwas mitteilen kann. Das heißt: Wir sind so sehr an die Mitteilung durch Sprechen, im Gespräch, gewöhnt, daß es uns scheint, als läge der ganze Witz der Mitteilung darin, daß ein Andrer den Sinn meiner Worte – etwas Seelisches – auffaßt, sozusagen in seinen Geist aufnimmt. Wenn er dann auch noch etwas damit anfängt, so gehört das nicht mehr zum unmittelbaren Zweck der Sprache. Man möchte sagen “Die Mitteilung bewirkt, daß er weiß, daß ich Schmerzen habe; sie bewirkt dies geistige Phänomen; alles Andere ist der Mitteilung unwesentlich.” Was dieses merkwürdige Phänomen des Wissens ist – damit läßt man sich Zeit. Seelische Vorgänge sind eben merkwürdig. (Es ist, als sagte man: “Die Uhr zeigt uns die Zeit an. Was die Zeit ist, ist noch nicht entschieden. Und wozu man die Zeit abliest – das gehört nicht hieher.”)

363 “If I imagine something, then something probably happens!” Well, something does happen – and why then do I make such a fuss? Probably to communicate what is happening. – But how does one communicate something at all? When does one say that something is communicated? – What is the language-game of communication? I would like to say: you take it for granted that one can communicate something to someone. That is to say: we are so accustomed to communication through speech, in conversation, that it seems to us as if the whole point of communication lies in the fact that another person understands the sense of my words – something mental – and, so to speak, takes it into his mind. If he then does something with it, that is no longer part of the immediate purpose of language. One would like to say “The communication causes him to know that I am in pain; it causes this mental phenomenon; everything else is immaterial to the communication.” What this remarkable phenomenon of knowledge is – one can take one’s time with that. Mental processes are indeed remarkable. (It is as if one said: “The clock shows us the time. What time is, is not yet decided. And why one reads the time – that is not relevant here.”)

§Ts-227a

214[2]

364 Jemand macht eine Berechnung im Kopf. Das Ergebnis verwendet er, sagen wir, beim Bauen einer Brücke, oder Maschine. – Willst du sagen, er habe diese Zahl eigentlich nicht durch Berechnung gefunden? Sie sei ihm etwa, nach einer Art Träumerei, in den Schoß gefallen? Es mußte doch da gerechnet werden, und ist gerechnet worden. Denn er weiß, daß, und wie, er gerechnet hat; und das richtige Resultat wäre ohne Rechnung nicht erklärbar. ‒ ‒ Wie aber, wenn ich sagte: “Es kommt ihm vor, er habe gerechnet. Und warum soll sich das richtige Resultat erklären lassen? Ist es nicht unverständlich genug, daß er ohne ein Wort, oder Schriftzeichen, rechnen konnte?” –

364 Someone does a calculation in his head. He uses the result, let us say, in building a bridge or a machine. – Do you want to say that he did not actually find this number through calculation? That it somehow, after a kind of reverie, fell into his lap? There must have been calculation, and it was done. Because he knows that he calculated, and how he calculated; and the correct result could not be explained without calculation. – – But what if I said: “It only seems to him that he calculated. And why should the correct result be explainable? Isn’t it strange enough that he was able to calculate without a word or a written sign?” –

§Ts-227a

214[3] &
215[1]

Ist das Rechnen in der Vorstellung in gewissem Sinne unwirklicher, als das auf dem Papier? Es ist das wirkliche – Kopfrechnen. – Ist es ähnlich dem Rechnen auf dem Papier? – Ich weiß nicht, ob ich es ähnlich nennen soll. Ist ein Stück weißes Papier mit schwarzen Strichen drauf einem menschlichen Körper ähnlich?

Is calculation in the imagination, in a certain sense, more unreal than calculation on paper? The real thing is mental calculation. – Is it similar to calculation on paper? – I don't know if I should call it similar. Is a piece of white paper with black lines on it similar to a human body?

§Ts-227a

215[2]

365 Spielen Adelheid und der Bischof eine wirkliche Schachpartie? – Freilich. Sie geben nicht bloß vor, eine zu spielen – wie es doch in einem Theaterstücke auch geschehen könnte. – Aber diese Partie hat doch z.B. keinen Anfang! – Doch; sonst wäre es ja keine Schachpartie. –

365 Are Adelaide and the bishop playing a real game of chess? – Of course. They are not merely pretending to play – as might happen in a play. – But this game has no beginning, for example! – Yes; otherwise it wouldn't be a game of chess. –

§Ts-227a

215[3] &
216[1]

366 Ist das Rechnen im Kopf unwirklicher, als das Rechnen auf dem Papier? – Man ist vielleicht geneigt, ? so etwas zu sagen; kann sich aber auch zur gegenteiligen Ansicht bringen, indem man sich sagt: Papier, Tinte, etc. seien nur logische Konstruktionen aus unsern Sinnesdaten. “Ich habe die Multiplikation … im Kopfe ausgeführt”– glaube ich etwa so eine Aussage nicht? – Aber war es wirklich eine Multiplikation? Es war nicht bloß ‘eine’ Multiplikation, sondern diese – im Kopfe. Dies ist der Punkt, an dem ich irregehe. Denn ich will jetzt sagen: Es war irgend ein, dem Multiplizieren auf dem Papier entsprechender, geistiger Vorgang. So daß es Sinn hätte, zu sagen: “Dieser Vorgang im Geiste entspricht diesem Vorgang auf dem Papier.” Und es hätte dann Sinn, von einer Methode der Abbildung zu reden, nach welcher die Vorstellung des Zeichens das Zeichen selbst darstellt.

366 Is calculation in the head more unreal than calculation on paper? – One might be inclined to say so; but one can also bring oneself to the opposite view by saying that paper, ink, etc. are only logical constructions from our sensory data. “I carried out the multiplication … in my head” – do I not believe such a statement? – But was it really a multiplication? It was not just ‘a’ multiplication, but this one – in my head. This is the point at which I am mistaken. For I now want to say: it was some mental process corresponding to multiplying on paper. So that it would make sense to say: “This process in the mind corresponds to this process on the paper.” And then it would make sense to speak of a method of depiction, according to which the image of the sign represents the sign itself.

§Ts-227a

216[2]

367 Das Vorstellungsbild ist das Bild, das beschrieben wird, wenn Einer seine Vorstellung beschreibt.

367 The mental image is the image that is described when someone describes his image.

§Ts-227a

216[3]

368 Ich beschreibe Einem ein Zimmer, und lasse ihn dann, zum Zeichen, daß er meine Beschreibung verstanden hat, ein impressionistisches Bild nach dieser Beschreibung malen. – Er malt nun die Stühle, die in meiner Beschreibung grün hießen, dunkelrot; wo ich “gelb” sagte, malt er blau. – Das ist der Eindruck, den er von diesem Zimmer erhielt. Und nun sage ich: “Ganz richtig; so sieht es aus.”

368 I describe a room to someone, and then have him paint an impressionistic picture of it, as a sign that he has understood my description. – He now paints the chairs, which were described as green in my description, dark red; where I said “yellow,” he paints blue. – This is the impression he received of this room. And now I say: “Quite right; that is how it looks.”

§Ts-227a

216[4]

369 Man möchte fragen: “Wie ist das – was geht da vor – wenn Einer im Kopfe rechnet?” – Und im besondern Fall kann die Antwort sein: “Ich addiere zuerst 17 und 18, dann subtrahiere ich 39 …” Aber das ist nicht die Antwort auf unsre Frage. Was im Kopfe rechnen heißt, wird auf solche Weise nicht erklärt.

369 One might ask: “What is it like – what is going on – when someone calculates in their head?” – And in a specific case, the answer could be: “I first add 17 and 18, then I subtract 39…” But that is not the answer to our question. What it means to calculate in one’s head is not explained in this way.

§Ts-227a

216[5] &
217[1]

370 Nicht, was Vorstellungen sind, oder was da geschieht, wenn man sich etwas vorstellt, muß man fragen, sondern: wie das Wort “Vorstellung” gebraucht wird. Das heißt aber nicht, daß ich nur von Worten reden will. Denn soweit in meiner Frage vom Wort “Vorstellung” die Rede ist, ist sie's auch in der Frage nach dem Wesen der Vorstellung. Und ich sage nur, daß diese Frage nicht durch ein Zeigen – weder für den Vorstellenden, noch für den Andern, zu erklären ist; noch durch die Beschreibung irgend eines Vorgangs. Nach einer Worterklärung fragt auch die erste Frage; aber sie lenkt unsre Erwartung auf eine falsche Art der Antwort.

370 One must not ask what images are, or what happens when one imagines something, but rather: how the word “image” is used. This does not mean that I only want to talk about words. Because to the extent that my question concerns the word “image,” it also concerns the question of the nature of the image. And I am only saying that this question cannot be explained by pointing – neither for the one who is imagining, nor for the other – nor by describing any process. The first question also asks for an explanation of a word; but it directs our expectation towards a false type of answer.

§Ts-227a

217[2]

371 Das Wesen ist in der Grammatik ausgesprochen.

371 The essence is expressed in the grammar.

§Ts-227a

217[3]

372 Überlege: “Das einzige Korrelat in der Sprache zu einer Naturnotwendigkeit ist eine willkürliche Regel. Sie ist das Einzige, was man von dieser Naturnotwendigkeit in einen Satz abziehen kann.”

372 Consider: “The only correlate in language to a natural necessity is an arbitrary rule. It is the only thing that can be abstracted from this natural necessity into a sentence.”

§Ts-227a

217[4]

373 Welche Art von Gegenstand etwas ist, sagt die Grammatik. (Theologie als Grammatik.)

373 The grammar says what kind of object something is. (Theology as grammar.)

§Ts-227a

217[5] &
218[1]

374 Die große Schwierigkeit ist hier, die Sache nicht so darzustellen, als könne man etwas nicht. Als wäre da wohl ein Gegenstand, von dem ich die Beschreibung abziehe, aber ich wäre nicht im Stande, ihn jemandem zu zeigen. ‒ ‒ Und das Beste, was ich vorschlagen kann, ist wohl, daß wir der Versuchung, dies Bild zu gebrauchen, nachgeben: aber nun untersuchen, wie die Anwendung dieses Bildes aussieht.

374 The great difficulty here is not to present the matter as if one could not do something. As if there were indeed an object from which I abstract the description, but I would not be able to show it to anyone. – – And the best thing I can suggest is probably that we give in to the temptation to use this image: but now examine how the application of this image looks.

§Ts-227a

218[2]

375 Wie lehrt man jemand, leise für sich selbst lesen? Wie weiß man, wenn er's kann? Wie weiß er selbst, daß er tut, was man von ihm verlangt?

375 How does one teach someone to read silently to themselves? How does one know if they can do it? How does he himself know that he is doing what is asked of him?

§Ts-227a

218[3]

376 Wenn ich mir im Innern das ABC vorsage, was ist das Kriterium dafür, daß ich das Gleiche tue, wie ein Andrer, der es sich im Stillen vorsagt? Es könnte gefunden werden, daß in meinem Kehlkopf und in seinem das Gleiche dabei vorgeht. (Und ebenso, wenn wir beide an das Gleiche denken, das Gleiche wünschen, etc.) Aber lernten wir denn die Verwendung der Worte “sich im Stillen das und das vorsagen”, indem auf einen Vorgang im Kehlkopf, oder im Gehirn, hingewiesen wurde? Ist es nicht auch wohl möglich, daß meiner Vorstellung vom Laute a und seiner verschiedene physiologische Vorgänge entsprechen? Die Frage ist: Wie vergleicht man Vorstellungen?

376 If I recite the ABC to myself inwardly, what is the criterion that I am doing the same thing as another, who is reciting it silently? It could be found that the same thing is happening in my larynx and in his. (And likewise, when we both think of the same thing, wish for the same thing, etc.) But did we learn the use of the words “to recite something silently to oneself” by pointing to a process in the larynx, or in the brain? Is it not also quite possible that different physiological processes correspond to my image of the sound a? The question is: how does one compare images?

§Ts-227a

218[4] &
219[1]

377 Ein Logiker denkt vielleicht: Gleich ist gleich – # es ist eine psychologische Frage, wie ein Mensch sich von der Gleichheit überzeugt. (Höhe ist Höhe – es gehört in die Psychologie, daß der Mensch sie manchmal sieht, manchmal hört.) Was ist das Kriterium der Gleichheit zweier Vorstellungen? – Was ist das Kriterium der Röte einer Vorstellung? Für mich, wenn der Andre sie hat: was er sagt und tut. Für mich, wenn ich sie habe: garnichts. Und was für “rot” gilt, gilt auch für “gleich”.

377 A logician might think: Equal is equal – it is a psychological question how a person is convinced of equality. (Height is height – it belongs in psychology that a person sometimes sees it, sometimes hears it.) What is the criterion for the equality of two images? – What is the criterion for the redness of an image? For me, if the other person has it: what he says and does. For me, if I have it: nothing. And what applies to “red” also applies to “equal”.

§Ts-227a

219[2]

378 “Ehe ich urteile, daß zwei meiner Vorstellungen gleich sind, muß ich sie doch als gleich erkennen.” Und wenn das geschehen ist, wie werde ich dann wissen, daß das Wort “gleich” meine Erkenntnis beschreibt? Nur dann, wenn ich diese Erkenntnis auf andere Weise ausdrücken, und ein Andrer mich lehren kann, daß hier “gleich” das richtige Wort ist. Denn, bedarf ich einer Berechtigung dafür, ein Wort zu gebrauchen, dann muß es eine auch für den Andern sein.

378 “Before I judge that two of my images are equal, I must recognize them as equal.” And when that has happened, how will I know that the word “equal” describes my recognition? Only if I can express this recognition in another way, and another person can teach me that “equal” is the right word here. Because, if I need a warrant for using a word, then there must also be one for the other person.

§Ts-227a

219[3]

379 Ich erkenne es erst als das; und nun erinnere ich mich daran, wie das genannt wird. – Bedenke: In welchen Fällen kann man dies mit Recht sagen?

379 I only recognize it as that; and now I remember how that is called. – Consider: In what cases can one rightly say this?

§Ts-227a

219[4]

380 Wie erkenne ich, daß dies rot ist? – “Ich sehe, daß es dies ist; und nun weiß ich, daß dies so heißt.” Dies? – Was?! Welche Art der Antwort hat auf diese Frage Sinn? (Du steuerst immer wieder auf eine innere hinweisende Erklärung hin.) Auf den privaten Übergang von dem Gesehenen zum Wort könnte ich keine Regeln anwenden. Hier hingen die Regeln wirklich in der Luft; da die Institution ihrer Anwendung fehlt.

380 How do I recognize that this is red? – “I see that it is this; and now I know that this is what it is called.” This? – What?! What kind of answer makes sense to this question? (You keep coming back to an internal ostensive explanation.) I could not apply any rules to the private transition from the seen to the word. Here, the rules really hang in the air; because the institution of their application is lacking.

§Ts-227a

220[1]

381 Wie erkenne ich, daß diese Farbe Rot ist? – Eine Antwort wäre: “Ich habe Deutsch gelernt.”

381 How do I recognize that this color is red? – One answer would be: “I have learned German.”

§Ts-227a

220[2]

382 Wie kann ich es rechtfertigen, daß ich mir auf diese Worte hin diese Vorstellung mache? Hat mir jemand die Vorstellung der blauen Farbe gezeigt, und gesagt, daß sie es sei? Was bedeuten die Worte “diese Vorstellung”? Wie zeigt man auf eine Vorstellung? Wie zeigt man zweimal auf die gleiche Vorstellung?

382 How can I justify the fact that I form this image in my mind when I hear these words? Has someone shown me the image of the color blue and said that it is blue? What do the words “this image” mean? How does one point to an image? How does one point to the same image twice?

§Ts-227a

220[3]

383 Wir analysieren nicht ein Phänomen (z.B. das Denken), sondern einen Begriff (z.B. den des Denkens), und also die Anwendung eines Worts. So kann es scheinen, als wäre, was wir treiben, Nominalismus. Nominalisten machen den Fehler, daß sie alle Wörter als Namen deuten, also ihre Verwendung nicht wirklich beschreiben, sondern sozusagen nur eine papierene Anweisung auf so eine Beschreibung geben.

383 We are not analyzing a phenomenon (e.g., thinking), but a concept (e.g., the concept of thinking), and thus the use of a word. So it may seem as if what we are doing is nominalism. Nominalists make the mistake of interpreting all words as names, so they do not really describe their use, but rather give something like a paper instruction for such a description.

§Ts-227a

220[4]

384 Den Begriff ‘Schmerz’ hast du mit der Sprache gelernt.

384 You learned the concept ‘pain’ together with language.

§Ts-227a

220[5] &
221[1]

385 Frage dich: Wäre es denkbar, daß Einer im Kopfe rechnen lernte, ohne je schriftlich oder mündlich zu rechnen? – “Es lernen” heißt wohl: dazu gebracht werden, daß man's kann. Und es fragt sich nur, was als Kriterium dafür gelten wird, daß jemand dies kann. ‒ ‒ Ist aber auch dies möglich, daß einem Volksstamm nur das Kopfrechnen bekannt ist, und kein andres? Hier muß man sich fragen “Wie wird das aussehen?” – Man wird sich dies also als einen Grenzfall ausmalen müssen. Und es wird sich dann fragen, ob wir hier noch den Begriff des ‘Kopfrechnens’ anwenden wollen – oder ob er unter solchen Umständen seinen Zweck eingebüßt hat; weil die Erscheinungen nun zu einem andern Vorbild hin gravitieren.

385 Ask yourself: Would it be conceivable that someone learned to calculate in their head without ever calculating in writing or orally? – “To learn it” probably means: to be brought to the point where one can do it. And the only question is what will count as a criterion for the fact that someone can do this. ‒ ‒ Is it also possible that a tribe knows only mental calculation and nothing else? Here, one must ask oneself “What would that look like?” – One would have to imagine this as a borderline case. And then one would ask whether we still want to apply the concept of ‘mental calculation’ here – or whether it has lost its purpose under such circumstances; because the phenomena now gravitate towards a different model.

§Ts-227a

221[2] &
222[1]

386 “Aber warum traust du dir selbst so wenig? Du weißt doch sonst immer, was ‘rechnen’ heißt. Wenn du also sagst, du habest in der Vorstellung gerechnet, so wird es eben so sein. Hättest du nicht gerechnet, so würdest du's nicht sagen. Ebenso: wenn du sagst, du sähest etwas Rotes in der Vorstellung, so wird es eben rot sein. Du weißt ja sonst, was ‘rot’ ist. – Und weiter: du verläßt dich ja nicht immer auf die Übereinstimmung mit den Andern; denn oft berichtest du, du habest etwas gesehen, was niemand Andrer gesehen hat.”‒ ‒ Aber ich traue mir ja – ich sage ja ohne Bedenken, ich habe dies im Kopf gerechnet, diese Farbe mir vorgestellt. Nicht das ist die Schwierigkeit, daß ich zweifle, ob ich mir wirklich etwas Rotes vorgestellt habe. Sondern dies: daß es so gar keine Schwierigkeit macht, zu zeigen oder zu beschreiben, welche Farbe ich mir vorgestellt habe, die Vorstellung in die Wirklichkeit abzubilden. Sehen sie sich denn zum Verwechseln ähnlich? – Aber ich kann ja auch ohne weiteres einen Menschen nach einer Zeichnung erkennen. – Aber kann ich denn fragen “Wie schaut eine richtige Vorstellung dieser Farbe aus?”, oder “Wie ist sie beschaffen?”; kann ich dies lernen? (Ich kann sein Zeugnis nicht annehmen, weil es kein Zeugnis ist. Es sagt mir nur, was er zu sagen geneigt ist.)

386 “But why do you trust yourself so little? You always know what ‘calculating’ means. So if you say that you calculated in your imagination, then it is just so. If you had not calculated, you would not say so. Likewise: if you say that you see something red in your imagination, then it will indeed be red it. You know what ‘red’ is. – And furthermore: you do not always rely on agreement with others; because often you report that you have seen something that no one else has seen.” ‒ ‒ But I do trust myself – I say without hesitation that I calculated this in my head, that I imagined this color. It is not the case that I doubt whether I really imagined something red. Rather, this is the case: that it does not present any difficulty to show or describe what color I imagined, to project the image into reality. Do they not look confusingly similar? – But I can also easily recognize a person from a drawing. – But can I ask “What does a correct image of this color look like?”, or “What is it like?”; can I learn this? (I cannot accept his testimony, because it is no testimony. It only tells me what he is inclined to say.)

§Ts-227a

222[2]

387 Der tiefe Aspekt entschlüpft leicht.

387 The deep aspect is easily overlooked.

§Ts-227a

222[3]

388 “Ich sehe zwar hier nichts Violettes, aber wenn du mir einen Farbkasten gibst, so kann ich's dir darin zeigen.” Wie kann man wissen, daß man es zeigen kann, wenn …, daß man es also erkennen kann, wenn man es sieht? Wie weiß ich von meiner Vorstellung her, wie die Farbe wirklich ausschaut? Wie weiß ich, daß ich etwas werde tun können? d.h., daß der Zustand, in welchem ich jetzt bin, der ist: jenes tun zu können?

388 “I don’t see anything violet here, but if you give me a box of paints, I can show it to you.” How can one know that one can show it, if…, that is, that one can recognize it when one sees it? How do I know, from my image, what the color really looks like? How do I know that I will be able to do something? i.e., that the state in which I am now is the state of being able to do it?

§Ts-227a

223[1]

389 “Die Vorstellung muß ihrem Gegenstand ähnlicher sein, als jedes Bild: Denn wie ähnlich ich auch das Bild dem mache, was es darstellen soll, es kann immer noch das Bild von etwas anderm sein. Aber die Vorstellung hat es in sich, daß sie die Vorstellung von diesem, und von nichts anderem, ist.” Man könnte so dahin kommen, die Vorstellung als ein Über-Bildnis anzusehen.

389 “The image must be more similar to its object than any picture: For however similar I make the picture to what it is supposed to represent, it can still be a picture of something else. But the image has within it that it is the image of this, and of nothing else.” One might thus come to regard the image as a kind of super-picture.

§Ts-227a

223[2]

390 Könnte man sich vorstellen, daß ein Stein Bewußtsein hätte? Und wenn's Einer kann – warum soll das nicht bloß beweisen, daß diese Vorstellerei für uns kein Interesse hat?

390 Could one imagine that a stone has consciousness? And if one can—why shouldn’t that merely prove that this kind of imagining is of no interest to us?

§Ts-227a

223[3]

391 Ich kann mir vielleicht auch vorstellen (obwohl es nicht leicht ist), jeder der Leute, die ich auf der Straße sehe, habe furchtbare Schmerzen, verberge sie aber kunstvoll. Und es ist wichtig, daß ich mir hier ein kunstvolles Verbergen vorstellen muß. Daß ich mir also nicht einfach sage: “Nun, seine Seele hat Schmerzen; aber was hat das mit seinem Leib zu tun!”, oder “das muß sich schließlich am Leib nicht zeigen!” – Und wenn ich mir das nun vorstelle,– was tue ich; was sage ich zu mir selbst; wie sehe ich die Leute an? Ich schaue etwa Einen an und denke mir “Das muß schwer sein, zu lachen, wenn man solche Schmerzen hat”, und vieles dergleichen. Ich spiele gleichsam eine Rolle, tue so, als hätten die Andern Schmerzen. Wenn ich das tue, sagt man etwa, ich stelle mir vor, ….

391 I can perhaps also imagine (although it is not easy) that each of the people I see in the street has terrible pain, but cleverly conceals it. And it is important that I must imagine a clever concealment here. That I do not simply say: “Well, his mind has pain; but what does that have to do with his body!”, or “it must not show on the body!”—And if I now imagine this, what do I do; what do I say to myself; how do I look at the people? I look at someone and think, “It must be hard to laugh when one has such pain,” and many such things. I am, as it were, playing a role, acting as if the others have pain. If I do this, does one say that I am imagining…?

§Ts-227a

224[1]

392 “Wenn ich mir vorstelle, er habe Schmerzen, geht eigentlich nur … in mir vor.” Ein Andrer sagt dann: “Ich glaube, ich kann es mir auch vorstellen, ohne dabei … zu denken”. (“Ich glaube, ich kann denken, ohne zu reden.”) Das führt zu nichts. Die Analyse schillert zwischen einer naturwissenschaftlichen und einer grammatischen.

392 “When I imagine that he has pain, it is really only… happening in me.” Another then says: “I think I can also imagine it, without thinking… at the same time.” (“I think I can think without speaking.”) This leads nowhere. The analysis oscillates between a natural scientific and a grammatical one.

§Ts-227a

224[2] &
225[1]

393 “Wenn ich mir vorstelle, daß Einer, der lacht, in Wirklichkeit Schmerzen hat, so stelle ich mir doch kein Schmerzbenehmen vor, denn ich sehe eben das Gegenteil. Was stelle ich mir also vor?” – Ich habe es schon gesagt. Und ich stelle mir dazu nicht notwendigerweise vor, daß ich Schmerzen fühle. ‒ ‒ “Aber wie geht es also vor sich, sich dies vorstellen?”‒ ‒ Wo (außerhalb der Philosophie) verwenden wir denn die Worte “Ich kann mir vorstellen, daß er Schmerzen hat”, oder “Ich stelle mir vor, daß …”, oder “Stell dir vor, daß …!”? Man sagt z.B. dem, der eine Theaterrolle zu spielen hat: “Du mußt dir hier vorstellen, daß dieser Mensch Schmerzen hat, die er verbirgt”– und wir geben ihm nun keine Anweisung, sagen ihm nicht, was er eigentlich tun soll. Darum ist auch jene Analyse nicht zur Sache. – Wir schaun nun dem Schauspieler zu, der sich diese Situation vorstellt.

393 “When I imagine that someone who is laughing actually has pain, I am not imagining pain-behaviour, because I see the opposite. What am I imagining, then?”—I have already said that. And I do not necessarily imagine that I am feeling pain. —“But how does it happen, then, that I imagine this?”—Where (outside of philosophy) do we use the words “I can imagine that he has pain,” or “I imagine that…,” or “Imagine that…!”? One says, for example, to someone who has to play a role in a play: “You must imagine here that this person has pain that he conceals”—and we do not give him any instruction, do not tell him what he really should do. Therefore, that analysis is not relevant. We now watch the actor who is imagining this situation.

§Ts-227a

225[2]

394 Unter was für Umständen würden wir jemand fragen: “Was ist da eigentlich in dir vorgegangen, wie du dir dies vorgestellt hast?” – Und was für eine Antwort erwarten wir uns da?

394 Under what circumstances would we ask someone: “What was actually going on in you, how did you imagine this?”—And what kind of answer do we expect?

§Ts-227a

225[3]

395 Es besteht Unklarheit darüber, welche Rolle Vorstellbarkeit in unserer Untersuchung spielt. Inwiefern sie nämlich den Sinn eines Satzes sicherstellt.

395 There is uncertainty about what role imaginability plays in our investigation. In what way does it ensure the sense of a sentence.

§Ts-227a

225[4]

396 Es ist so wenig für das Verständnis eines Satzes wesentlich, daß man sich bei ihm etwas vorstelle, als daß man nach ihm eine Zeichnung entwerfe.

396 It is as little essential for the understanding of a sentence that one imagines something in it, as that one draw a picture after it.

§Ts-227a

225[5]

397 Statt “Vorstellbarkeit” kann man hier auch sagen: Darstellbarkeit in einem bestimmten Mittel der Darstellung. Und von einer solchen Darstellung kann allerdings ein sicherer Weg zur weitern Verwendung führen. Anderseits kann sich uns ein Bild aufdrängen und garnichts nützen.

397 Instead of “imaginability,” one can also say here: depictability in a certain means of depiction. And such a depiction can indeed lead to a secure path for further use. On the other hand, an image can force itself upon us and be of no use.

§Ts-227a

225[6] &
226[1] &
227[1]

398 “Aber wenn ich mir etwas vorstelle, oder auch wirklich Gegenstände sähe, so habe ich doch etwas, was mein Nachbar nicht hat.” – Ich verstehe dich. Du willst um dich schaun und sagen: “Nur ich habe doch dieses.” – Wozu diese Worte? Sie taugen zu nichts. – Ja, kann man nicht auch sagen “Es ist hier von einem ‘Sehen’ – und daher auch von einem ‘Haben’ – und von einem Subjekt, also auch vom ich, nicht die Rede”? Könnte Ich nicht fragen: Das, wovon du redest und sagst, nur du habest es,– in wiefern hast du es denn? Besitzt du es? Du siehst es nicht einmal. Ja, müßtest du nicht davon sagen, niemand habe es? Es ist ja auch klar: wenn du logisch ausschließt, daß ein Andrer etwas hat, so verliert es auch seinen Sinn, zu sagen, du habest es. Aber was ist dann das, wovon du redest? Ich sagte ja, ich wisse in meinem Innern, was du meinst. Aber das hieß: ich weiß, wie man diesen Gegenstand aufzufassen, zu sehen, wie man ihn sozusagen durch Blick und Gesten zu bezeichnen meint. Ich weiß, in welcher Weise man in diesem Fall vor sich und um sich schaut,– und anderes. Ich glaube, man kann sagen: Du redest (wenn du z.B. im Zimmer sitzt) vom ‘visuellen Zimmer’. Das, was keinen Besitzer hat, ist das ‘visuelle Zimmer’. Ich kann es so wenig besitzen, als ich darin umhergehen, oder es anschaun, oder darauf zeigen kann. Es gehört insofern nicht mir an, als es niemand anderm angehören kann. Oder: es gehört insofern nicht mir an, als ich ja darauf die gleiche Ausdrucksform anwenden will, wie auf das materielle Zimmer selbst, in dem ich sitze. Die Beschreibung des letztern braucht keinen Besitzer zu erwähnen, es muß ja auch keinen Besitzer haben. Dann aber kann das visuelle Zimmer keinen haben. “Denn es hat keinen Herrn außer sich und keinen in sich” – könnte man sagen. Denk dir ein Landschaftsbild, eine Phantasielandschaft, und in ihr ein Haus – und jemand fragte “Wem gehört das Haus?” – Es könnte übrigens die Antwort darauf sein: “Dem Bauer, der auf der Bank davor sitzt”. Aber dieser kann sein Haus dann, z.B., nicht betreten.

398 “But if I imagine something, or even actually saw objects, then I would have something that my neighbor doesn't have.” – I understand you. You want to look around & say: “Only I have this.” – What is the purpose of these words? They are useless. – Yes, can one not also say: “Is it not the case that we are not talking about ‘seeing’ – & therefore also about ‘having’ – & about a subject, so also about ‘I’?” Could I not ask: What you are talking about & saying that only you have, – in what way do you have it? Do you possess it? You don't even see it. Yes, wouldn't you have to say that no one has it? It is also clear: if you logically exclude that another has something, then it also loses its sense to say that you have it. But what is it that you are talking about? I did say that I know in my heart what you mean. But that meant: I know how to conceive this object, to see it, how one means to indicate it, as it were, through gaze & gestures. I know in what way one looks at it, in this case, & at things around it, – & other things. I believe one can say: You are talking (if, for example, you are sitting in a room) about the ‘visual room’. What has no owner is the ‘visual room’. I can possess it as little as I can walk around in it, or look at it, or point at it. In that sense, it does not belong to me, as it cannot belong to anyone else. Or: it does not belong to me in that sense, because I want to apply the same form of expression to it as to the material room itself, in which I am sitting. The description of the latter does not need to mention an owner; it does not even have to have an owner. Then, the visual room cannot have one. “For it has no master except itself & no one within itself” – one could say. Imagine a landscape picture, an imaginary landscape, & in it a house – & someone asks: “Whose is the house?” – Incidentally, the answer to this could be: “The farmer who is sitting on the bench in front of it.” But this one can then, for example, not enter his house.

§Ts-227a

227[2]

399 Man könnte auch sagen: der Besitzer des visuellen Zimmers müßte doch wesensgleich mit ihm sein; aber er befindet sich nicht in ihm, noch gibt es ein Außen.

399 One could also say: the owner of the visual room would have to be essentially identical with it; but he is not located in it, nor is there an outside.

§Ts-227a

227[3]

400 Was der, der gleichsam das ‘visuelle Zimmer’ entdeckt zu haben schien,– was der gefunden hatte, war eine neue Sprechweise, ein neuer Vergleich; und man könnte auch sagen, eine neue Empfindung.

400 What the one, who seemed to have discovered, as it were, the ‘visual room’ – what he had found – was a new way of speaking, a new comparison; and one could also say, a new sensation.

§Ts-227a

227[4]

401 Du deutest die neue Auffassung als das Sehen eines neuen Gegenstands. Du deutest eine grammatische Bewegung, die du gemacht hast: als quasi-physikalische Erscheinung, die du beobachtest. (Denk z.B. an die Frage “Sind Sinnesdaten der Baustoff des Universums?”) Aber mein Ausdruck ist nicht einwandfrei: Du habest eine ‘grammatische’ Bewegung gemacht. Du hast vor allem eine neue Auffassung gefunden. So, als hättest du eine neue Malweise erfunden; oder auch ein neues Metrum, oder eine neue Art von Gesängen. –

401 You interpret the new conception as the seeing of a new object. You interpret a grammatical movement that you have made as a quasi-physical phenomenon that you are observing. (Think, for example, of the question: “Are sensory data the building blocks of the universe?”) But my expression is not flawless: You have made a ‘grammatical’ movement. Above all, you have found a new conception. As if you had invented a new way of painting; or also a new meter, or a new kind of songs. –

§Ts-227a

227[5] &
228[1]

402 “Ich sage zwar ‘Ich habe jetzt die und die Vorstellung’, aber die Worte ‘ich habe’ sind nur ein Zeichen für

den Andern; die Vorstellungswelt ist ganz in der Beschreibung der Vorstellung dargestellt.” – Du meinst: das “Ich habe” ist wie ein “Jetzt Achtung!” Du bist geneigt, zu sagen, es sollte eigentlich anders ausgedrückt werden. Etwa einfach, indem man mit der Hand ein Zeichen gibt und dann beschreibt. – Wenn man, wie hier, mit den Ausdrücken unsrer gewöhnlichen Sprache (die doch ihre Schuldigkeit tun) nicht einverstanden ist, so sitzt uns ein Bild ? im Kopf, das mit dem der gewöhnlichen Ausdrucksweise streitet. Während wir versucht sind, zu sagen, unsre Ausdrucksweise beschreibe die Tatsachen nicht so, wie sie wirklich sind. Als ob (z.B.) der Satz “Er hat Schmerzen” noch auf andre Weise falsch sein könnte, als dadurch, daß dieser Mensch nicht Schmerzen hat. Als sage die Ausdrucksform etwas Falsches, auch wenn der Satz, zur Not, etwas Richtiges behauptet. Denn so sehen ja die Streitigkeiten zwischen Idealisten, Solipsisten und Realisten aus. Die Einen greifen die normale Ausdrucksform an, so als griffen sie eine Behauptung an; die Andern verteidigen sie, als konstatierten sie Tatsachen, die jeder vernünftige Mensch anerkennt.

402 “I say, ‘I now have this and that image,’ but the words ‘I have’ are only a sign for the other; the world of the imagination is entirely depicted in the description of the image.” – You mean: “I have” is like saying, “Now, pay attention!” You are inclined to say that it should actually be expressed differently. Perhaps simply by giving a sign with one’s hand and then describing it. – If, as here, one is not satisfied with the expressions of our usual language (which, after all, serve their purpose), then one has a picture in one’s head that clashes with the usual way of expression. As if we were trying to say that our way of expression does not describe the facts as they really are. As if (e.g.) the sentence “He is in pain” could be false in some other way than by that person not being in pain. As if the form of expression said something false, even if the sentence, at a pinch, asserts something true. For that is how the disputes between idealists, solipsists, and realists look. The former attack the normal form of expression as if they were attacking an assertion; the latter defend it as if they were stating facts that every reasonable person would acknowledge.

§Ts-227a

228[2] &
229[1]

403 Wenn ich das Wort “Schmerz” ganz für dasjenige in Anspruch nähme, was ich bis dahin “meinen Schmerz” genannt habe, und was Andre “den Schmerz des L.W.” genannt haben, so geschähe den Andern damit kein Unrecht, solange nur eine Notation vorgesehen wäre, in der der Ausfall des Wortes “Schmerz” in anderen Verbindungen irgendwie ersetzt würde. | Die Andern werden dann dennoch bedauert, vom Arzt behandelt, u.s.w.. Es wäre natürlich auch kein Einwand gegen diese Ausdrucksweise, zu sagen: “Aber die Andern haben ja genau dasselbe, was du hast!” Aber was hätte ich dann von dieser neuen Art der Darstellung? Nichts. Aber der Solipsist will ja auch keine praktischen Vorteile, wenn er seine Anschauung vertritt!

403 If I were to claim the word “pain” entirely for what I previously called “my pain” and what others have called “the pain of L.W.,” that would not do any injustice to others, as long as a notation is provided in which the absence of the word “pain” in other contexts is somehow compensated for. | The others would still be pitied, treated by a doctor, and so on. It would, of course, also be no objection to this way of expression to say: “But the others have exactly the same thing that you have!” But what would I gain from this new way of representation? Nothing. But the solipsist does not want any practical advantages when he asserts his view!

§Ts-227a

229[2] &
230[1]

404 “Wenn ich sage ‘ich habe Schmerzen’, weise ich nicht auf eine Person, die die Schmerzen hat, da ich in gewissem Sinne garnicht weiß, wer sie hat.” Und das läßt sich rechtfertigen. Denn vor allem: Ich sagte ja nicht, die und die Person habe Schmerzen, sondern “ich habe …”. Nun, damit nenne ich ja keine Person. So wenig, wie dadurch, daß ich vor Schmerz stöhne. Obwohl der Andre aus dem Stöhnen ersieht, wer Schmerzen hat. Was heißt es denn: wissen, wer Schmerzen hat? Es heißt, z.B., wissen, welcher Mensch in diesem Zimmer Schmerzen hat: also, der dort sitzt, oder, der in dieser Ecke steht, der Lange mit den blonden Haaren dort, etc..– Worauf will ich hinaus? Darauf, daß es sehr verschiedene Kriterien der ‘Identität’ der Person gibt. Nun, welches ist es, das mich bestimmt, zu sagen, ‘ich’ habe Schmerzen? Gar keins.

404 “When I say ‘I am in pain,’ am I not pointing to a person who is in pain, since in a certain sense I do not even know who it is?” And this can be justified. For, first of all, I did not say that this and that person is in pain, but “I am in…” Now, with that, I am not naming a person. No more than by groaning in pain. Although the other person can see from the groaning who is in pain. What does it mean to know who is in pain? It means, for example, to know which person in this room is in pain: that is, the one sitting there, or the one standing in that corner, the tall one with the blond hair there, etc. – What am I getting at? That there are very different criteria for the ‘identity’ of the person. Well, which of them determines me to say, ‘I am in pain’? None.

§Ts-227a

230[2]

405 “Aber du willst doch jedenfalls, wenn du sagst ‘ich habe Schmerzen’, die Aufmerksamkeit der Andern auf eine bestimmte Person lenken.” – Die Antwort könnte sein: Nein; ich will sie nur auf mich lenken. –

405 “But you do want, in any case, when you say ‘I am in pain,’ to direct the attention of others to a specific person.” – The answer could be: No; I only want to direct it to me. –

§Ts-227a

230[3]

406 “Aber du willst doch durch die Worte ‘Ich habe …’ zwischen dir und dem Andern unterscheiden.” – Kann man das in allen Fällen sagen? Auch, wenn ich bloß stöhne? Und auch wenn ich zwischen mir und dem Andern ‘unterscheiden will’ – will ich damit zwischen den Personen L.W. und N.N. unterscheiden?

406 “But you do want to distinguish between you and the other with the words ‘I have…’” – Can one say that in all cases? Even if I just groan? And even if I want to ‘distinguish’ between myself and the other – do I want to distinguish between the persons L.W. and N.N. with that?

§Ts-227a

230[4]

407 Man könnte sich denken, daß jemand stöhnte: “Irgend jemand hat Schmerzen – ich weiß nicht wer!”– worauf man ihm, dem Stöhnenden, zu Hilfe eilte.

407 One could imagine someone groaning: “Someone is in pain – I don’t know who!” – whereupon one would rush to help the groaning person.

§Ts-227a

230[5]

408 “Du zweifelst doch nicht, ob du die Schmerzen, oder der Andere sie hat!” – Der Satz “Ich weiß nicht, ob ich, oder der Andere Schmerzen hat” wäre ein logisches Produkt, und einer seiner Faktoren: “Ich weiß nicht, ob ich Schmerzen habe oder nicht”– und dies ist kein sinnvoller Satz.

408 “You don’t doubt whether you or the other person is in pain!” – The sentence “I don’t know whether I or the other person is in pain” would be a logical product, and one of its factors: “I don’t know whether I am in pain or not” – and this is not a meaningful sentence.

§Ts-227a

230[6] &
231[1]

409 Denke, mehrere Leute stehen in einem Kreis, darunter auch ich. Irgend einer von uns, einmal der, einmal jener, wird mit den Polen einer Elektrisiermaschine verbunden, ohne daß wir es sehen können. Ich beobachte die Gesichter der Andern und trachte zu erkennen, welcher von uns jetzt gerade elektrisiert wird. – Einmal sage ich: “Jetzt weiß ich, welcher es ist; ich bin's nämlich.” In diesem Sinne könnte ich auch sagen: “Jetzt weiß ich, wer die Schläge spürt; ich nämlich”. Dies wäre eine etwas seltsame Ausdrucksweise. – Nehme ich aber hier an, daß ich Schläge auch dann fühlen kann, wenn Andre elektrisiert werden, dann wird nun die Ausdrucksweise “Jetzt weiß ich, wer …” ganz unpassend. Sie gehört nicht zu diesem Spiel.

409 Imagine several people standing in a circle, including myself. At some point, one of us, now this one, now that one, is connected to the poles of an electrical machine, without our being able to see it. I observe the faces of the others and try to recognize which one of us is currently being electrified. – At one point, I say: “Now I know who it is; it’s me.” In this sense, I could also say: “Now I know who is feeling the shocks; it’s me.” This would be a somewhat odd way of putting it. – But if I assume that I can feel shocks even when others are being electrified, then the expression “Now I know who…” becomes quite inappropriate. It doesn’t belong to this game.

§Ts-227a

231[2]

410 “Ich” benennt keine Person, “hier” keinen Ort, “dieses” ist kein Name. Aber sie stehen mit Namen in Zusammenhang. Namen werden mittels ihrer erklärt. Es ist auch wahr, daß die Physik dadurch charakterisiert ist, daß sie diese Wörter nicht verwendet.

410 “I” does not name a person, “here” does not name a place, “this” is not a name. But they are related to names. Names are explained by means of them. It is also true that physics is characterized by the fact that it does not use these words.

§Ts-227a

231[3] &
232[1]

411 Überlege: Wie können diese Fragen angewendet, und wie entschieden werden:

  1. “Sind diese Bücher meine Bücher?” 2) “Ist dieser Fuß mein Fuß?”

  2. “Ist dieser Körper mein Körper?”

4)“Ist diese Empfindung meine Empfindung?”

Jede dieser Fragen hat praktische (unphilosophische) Anwendungen. Zu 2): Denk an Fälle, in denen mein Fuß anästhesiert oder gelähmt ist. Unter gewissen Umständen könnte die Frage dadurch entschieden werden, daß festgestellt wird, ob ich in diesem Fuß Schmerzen empfinde. Zu 3): Dabei könnte man auf ein Bild im Spiegel weisen. Unter gewissen Umständen aber könnte man einen Körper betasten und die Frage stellen. Unter andern Umständen bedeutet sie das gleiche, wie: “Sieht so mein Körper aus?” Zu 4): Welche ist denn diese Empfindung? D.h.: wie verwendet man hier das hinweisende Fürwort? Doch anders, als z.B. im ersten Beispiel! Verirrungen entstehen hier wieder dadurch, daß man sich einbildet, man zeige auf eine Empfindung, indem man seine Aufmerksamkeit auf sie richtet.

411 Consider: How can these questions be applied, and how can they be decided:

  1. “Are these books my books?” 2) “Is this foot my foot?”

  2. “Is this body my body?”

  3. “Is this sensation my sensation?”

Each of these questions has practical (non-philosophical) applications. Regarding 2): Think of cases in which my foot is anesthetized or paralyzed. Under certain circumstances, the question could be decided by determining whether I feel pain in this foot. Regarding 3): One could point to a picture in a mirror. But under certain circumstances, one could also examine a body and ask the question. Under other circumstances, it means the same as: “Does this look like my body?” Regarding 4): Which is this sensation? That is: how is the demonstrative pronoun used here? But differently than, for example, in the first example! Errors arise here again because one imagines that one is pointing to a sensation by directing one’s attention to it.

§Ts-227a

232[2] &
233[1]

412 Das Gefühl der Unüberbrückbarkeit der Kluft zwischen Bewußtsein und Gehirnvorgang: Wie kommt es, daß das in die Betrachtungen des gewöhnlichen Lebens nicht hineinspielt? Die Idee dieser Artverschiedenheit ist mit einem leisen Schwindel verbunden,– der auftritt, wenn wir logische Kunststücke ausführen. (Der gleiche Schwindel erfaßt uns bei gewissen Theoremen der Mengenlehre.) Wann tritt, in unserm Fall, dieses Gefühl auf? Nun, wenn ich z.B. meine Aufmerksamkeit in bestimmter Weise auf mein Bewußtsein lenke und mir dabei staunend sage: dies solle durch einen Gehirnvorgang erzeugt werden! – indem ich mir gleichsam an die Stirne greife. – Aber was kann das heißen: “meine Aufmerksamkeit auf mein Bewußtsein lenken”? Es ist doch nichts merkwürdiger, als daß es so etwas gibt! Was ich so nannte (denn diese Worte werden ja im gewöhnlichen Leben nicht gebraucht) war ein Akt des Schauens. Ich schaute steif vor mich hin – aber nicht auf irgend einen bestimmten Punkt, oder Gegenstand. Meine Augen waren weit offen, meine Brauen nicht zusammengezogen (wie sie es meistens sind, wenn ein bestimmtes Objekt mich interessiert). Kein solches Interesse war dem Schauen vorangegangen. Mein Blick war ‘vacant’; oder ähnlich dem eines Menschen, der die Beleuchtung des Himmels bewundert und das Licht eintrinkt. Bedenk nun, daß an dem Satz, den ich als Paradox aussprach (dies werde durch einen Gehirnvorgang erzeugt!) garnichts paradoxes war. Ich hätte ihn während eines Experiments aussprechen können, dessen Zweck es war zu zeigen, der Beleuchtungseffekt, den ich sehe, werde durch die Erregung einer bestimmten Gehirnpartie erzeugt. – Aber ich sprach den Satz nicht in der Umgebung aus, in welcher er einen alltäglichen und nicht-paradoxen Sinn gehabt hätte. Und meine Aufmerksamkeit war nicht von der Art, die dem Experiment gemäß gewesen wäre. (Mein Blick wäre ‘intent’, nicht ‘vacant’ gewesen.)

412 The feeling of the unbridgeable gulf between consciousness and brain processes: How does it come about that this does not play a role in the considerations of everyday life? The idea of this kind of difference is associated with a subtle dizziness, which occurs when we perform logical tricks. (The same dizziness overcomes us in certain theorems of set theory.) When, in our case, does this feeling arise? Well, if I, for example, direct my attention in a certain way to my consciousness and say to myself in amazement: this is supposed to be produced by a brain process! – as if I were touching my forehead. – But what can it mean to “direct my attention to my consciousness”? It is nothing more remarkable than that such a thing exists! What I called it (because these words are not used in everyday life) was an act of seeing. I looked straight ahead – but not at any particular point or object. My eyes were wide open, my eyebrows not furrowed (as they usually are when a specific object interests me). No such interest preceded the looking. My gaze was ‘vacant’; or similar to that of a person who admires the illumination of the sky and absorbs the light. Now consider that there was nothing paradoxical about the sentence I uttered as a paradox (this is produced by a brain process!). I could have uttered it during an experiment whose purpose was to show that the lighting effect I see is produced by the excitation of a specific part of the brain. – But I did not utter the sentence in the environment in which it would have had an everyday and non-paradoxical meaning. And my attention was not of the kind that would have been appropriate for the experiment. (My gaze would have been ‘intent’, not ‘vacant’.)

§Ts-227a

233[2] &
234[1]

413 Hier haben wir einen Fall von Introspektion; nicht unähnlich derjenigen, durch welche William James herausbrachte, das ‘Selbst’ bestehe hauptsächlich aus ‘peculiar motions in the head and between the head and throat’. Und was die Introspektion James' zeigte, war nicht die Bedeutung des Wortes “Selbst” (sofern dies etwas ähnliches bedeutet, wie “Person”, “Mensch”, “er selbst”, “ich selbst”), noch eine Analyse eines solchen Wesens, sondern der Aufmerksamkeitszustand eines Philosophen, der sich das Wort “Selbst” vorspricht und seine Bedeutung analysieren will. (Und daraus ließe sich vieles lernen.)

413 Here we have a case of introspection; not unlike the one through which William James showed that the ‘self’ consists mainly of ‘peculiar motions in the head and between the head and throat’. And what James’s introspection showed was not the meaning of the word “self” (in so far as this means something similar to “person,” “human being,” “he himself,” “I myself”), nor an analysis of such an essence, but the state of attention of a philosopher who is mentally rehearsing the word “self” and wants to analyze its meaning. (And much could be learned from this.)

§Ts-227a

234[2]

414 Du denkst, du mußt doch einen Stoff weben: weil du vor einem – wenngleich leeren – Webstuhl sitzt und die Bewegungen des Webens machst.

414 You think you must weave a fabric: because you are sitting in front of a – albeit empty – loom and making the motions of weaving.

§Ts-227a

234[3]

415 Was wir liefern, sind eigentlich Bemerkungen zur Naturgeschichte des Menschen; aber nicht kuriose Beiträge, sondern Feststellungen, an denen niemand gezweifelt hat, und die dem Bemerktwerden nur entgehen, weil sie ständig vor unsern Augen sind.

415 What we provide are actually remarks on the natural history of man; but not curious contributions, but statements that no one has doubted, and which only escape notice because they are constantly before our eyes.

§Ts-227a

234[4] &
235[1]

416 “Die Menschen sagen übereinstimmend: sie sehen, hören, fühlen, etc. (wenn auch Mancher blind und Mancher taub ist). Sie bezeugen also von sich, sie haben Bewußtsein.” – Aber wie merkwürdig! wem mache ich eigentlich eine Mitteilung, wenn ich sage “Ich habe Bewußtsein”? Was ist der Zweck, mir das zu sagen, und wie kann der Andre mich verstehen? – Nun, Sätze wie “Ich sehe”, “Ich höre”, “Ich bin bei Bewußtsein” haben ja wirklich ihren Gebrauch. Dem Arzt sage ich “Jetzt höre ich wieder auf diesem Ohr”; dem, der mich ohnmächtig glaubt, sage ich “ich bin wieder bei Bewußtsein”, u.s.w..

416 “People consistently say: they see, hear, feel, etc. (even if some are blind and some are deaf). So they testify to themselves that they have consciousness.” – But how strange! Whom am I really communicating with when I say “I have consciousness”? What is the purpose of saying this to myself, and how can the other person understand me? – Well, sentences like “I see,” “I hear,” “I am conscious” do indeed have their use. I tell the doctor, “Now I can hear again with this ear”; I tell the person who thinks I am unconscious, “I am conscious again,” etc.

§Ts-227a

235[2]

417 Beobachte ich mich also und nehme wahr, daß ich sehe, oder bei Bewußtsein bin? Und wozu überhaupt von Beobachtung reden! Warum nicht einfach sagen “Ich nehme wahr, daß ich bei Bewußtsein bin”? – Aber wozu hier die Worte “Ich nehme wahr” – warum nicht sagen “Ich bin bei Bewußtsein”? – Aber zeigen die Worte “Ich nehme wahr” hier nicht an, daß ich auf mein Bewußtsein aufmerksam bin? – was doch gewöhnlich nicht der Fall ist. – Wenn es so ist, dann sagt der Satz “Ich nehme wahr, daß …” nicht, daß ich bei Bewußtsein bin, sondern, daß meine Aufmerksamkeit so und so eingestellt sei. Aber ist es denn nicht eine bestimmte Erfahrung, die mich veranlaßt, zu sagen “Ich bin wieder bei Bewußtsein”? – Welche Erfahrung? In welcher Situation sagen wir es?

417 So, am I observing myself and noticing that I see, or that I am conscious? And why even talk about observation at all! Why not simply say “I notice that I am conscious”? – But why these words “I notice” – why not say “I am conscious”? – But don’t the words “I notice” indicate here that I am paying attention to my consciousness? – which is usually not the case. – If this is the case, then the sentence “I notice that…” does not say that I am conscious, but that my attention is set in such and such a way. But is it not a certain experience that makes me say “I am conscious again”? – Which experience? In what situation do we say it?

§Ts-227a

235[3] &
236[1]

418 Ist, daß ich Bewußtsein habe, eine Erfahrungstatsache? – Aber sagt man nicht vom Menschen, er habe Bewußtsein; vom Baum, oder Stein aber, sie haben keines? – Wie wäre es, wenn's anders wäre? – Wären die Menschen alle bewußtlos? – Nein; nicht im gewöhnlichen Sinn des Worts. Aber ich, z.B., hätte nicht Bewußtsein ‒ ‒ wie ich's jetzt tatsächlich habe.

418 Is the fact that I have consciousness an empirical fact? – But don’t we say that humans have consciousness; but trees or stones do not? – What if it were different? – Would all people be unconscious? – No; not in the ordinary sense of the word. But I, for example, would not have consciousness ‒ ‒ as I actually do now.

§Ts-227a

236[2]

419 Unter welchen Umständen werde ich sagen, ein Stamm habe einen Häuptling? Und der Häuptling muß doch Bewußtsein haben. Er darf doch nicht ohne Bewußtsein sein!

419 Under what circumstances will I say that a tribe has a chief? And the chief must have consciousness. He must not be without consciousness!

§Ts-227a

236[3]

420 Aber kann ich mir nicht denken, die Menschen um mich her seien Automaten, haben kein Bewußtsein, wenn auch ihre Handlungsweise die gleiche ist, wie immer? – Wenn ich mir's jetzt – allein in meinem Zimmer – vorstelle, sehe ich die Leute mit starrem Blick (etwa wie im Trance) ihren Verrichtungen nachgehen – die Idee ist vielleicht ein wenig unheimlich. Aber nun versuch einmal im gewöhnlichen Verkehr, z.B. auf der Straße, an dieser Idee festzuhalten! Sag dir etwa: “Die Kinder dort sind bloße Automaten; alle ihre Lebendigkeit ist bloß automatisch. Und diese Worte werden dir entweder gänzlich nichtssagend werden; oder du wirst in dir etwa eine Art unheimliches Gefühl, oder dergleichen, erzeugen. Einen lebenden Menschen als Automaten sehen, ist analog dem, irgend eine Figur als Grenzfall, oder Variation einer andern zu sehen, z.B. ein Fensterkreuz als Swastika.

420 But can I not imagine that the people around me are automatons, have no consciousness, even if their way of acting is the same as always? – If I imagine this now – alone in my room – I see the people with a fixed gaze (as if in a trance) going about their business – the idea may be a little eerie. But now try to hold on to this idea in ordinary life, e.g. on the street! Say to yourself, for example: “The children there are mere automatons; all their vitality is merely automatic.” And either these words will become completely meaningless to you; or you will create in yourself some kind of eerie feeling, or something similar. To see a living person as an automaton is analogous to seeing some figure as a borderline case, or variation of another, e.g. a window cross as a swastika.

§Ts-227a

236[4] &
237[1]

421 Es scheint uns paradox, daß wir in einem Bericht Körper– und Bewußtseinszustände kunterbunt durcheinander mischen: “Er litt große Qualen und warf sich unruhig umher”. Das ist ganz gewöhnlich; warum erscheint es uns also paradox? Weil wir sagen wollen, der Satz handle von Greifbarem und Ungreifbarem. – Aber findest du etwas dabei, wenn ich sage: “Diese 3 Stützen geben dem Bau Festigkeit”? Sind Drei und Festigkeit greifbar? ‒ ‒ Sieh den Satz als Instrument an, und seinen Sinn als seine Verwendung!

421 It seems paradoxical to us that in one account we mix physical and conscious states all jumbled together: “He suffered greatly & tossed restlessly.” This is quite ordinary; so why does it seem paradoxical to us? Because we want to say that the sentence is about something tangible & something intangible. – But do you see anything wrong with me saying: “These 3 supports give the structure stability”? Are three & stability tangible? ‒ ‒ See the sentence as an instrument, & its sense as its use!

§Ts-227a

237[2]

422 Woran glaube ich, wenn ich an eine Seele im Menschen glaube? Woran glaube ich, wenn ich glaube, diese Substanz enthalte zwei Ringe von Kohlenstoffatomen? In beiden Fällen ist ein Bild im Vordergrund, der Sinn aber weit im Hintergrund; d.h., die Anwendung des Bildes nicht leicht zu übersehen.

422 What do I believe when I believe in a soul in a person? What do I believe when I believe that this substance contains two rings of carbon atoms? In both cases, a picture is in the foreground, but the sense is far in the background; that is, the application of the picture is not easy to overlook.

§Ts-227a

237[3]

423 Gewiß, in dir geschehen alle diese Dinge. – Und nun laß mich nur den Ausdruck verstehen, den wir gebrauchen. – Das Bild ist da. Und seine Gültigkeit im besondern Falle bestreite ich nicht. – Nur laß mich jetzt noch die Anwendung des Bildes verstehen.

423 Certainly, all these things happen in you. – & now let me just understand the expression that we use. – The picture is there. & I do not deny its validity in the particular case. – Only let me now understand the application of the picture.

§Ts-227a

237[4]

424 Das Bild ist da; und ich bestreite seine Richtigkeit nicht. Aber was ist seine Anwendung? Denke an das Bild der Blindheit als einer Dunkelheit in der Seele oder im Kopf des Blinden.

424 The picture is there; & I do not deny its correctness. But what is its application? Think of the picture of blindness as a darkness in the soul or in the head of the blind person.

§Ts-227a

237[5] &
238[1]

425 Während wir nämlich in unzähligen Fällen uns bemühen, ein Bild zu finden, und ist dieses gefunden, die Anwendung sich gleichsam von selbst macht, so haben wir hier bereits ein Bild, das sich uns auf Schritt und Tritt aufdrängt,– uns aber nicht aus der Schwierigkeit hilft, die nun erst anfängt. Frage ich z.B.: “Wie soll ich es mir vorstellen, daß dieser Mechanismus in dieses Gehäuse geht?”– so kann als Antwort etwa eine Zeichnung in verkleinertem Maßstab dienen. Man kann mir dann sagen “Siehst du, so geht er hinein”; oder vielleicht auch: “Warum wundert es dich? So, wie du es hier siehst, so geht es auch dort.” – Das letztere erklärt freilich nichts mehr, sondern fordert mich nur auf, nun die Anwendung von dem Bild, das man mir gegeben hat, zu machen.

425 Whereas in countless cases we strive to find a picture, & once this has been found, the application, as it were, takes care of itself, here we already have a picture that forces itself upon us at every turn, – but does not help us with the difficulty, which is only just beginning. If, for example, I ask: “How am I to imagine that this mechanism goes into this casing?” – then a drawing on a smaller scale can serve as an answer. One can then say to me, “See, this is how it goes in”; or perhaps also: “Why are you surprised? Just as you see it here, so it also goes in there.” – The latter, of course, no longer explains anything, but only asks me to make the application of the picture that has been given to me.

§Ts-227a

238[2]

426 Ein Bild wird heraufbeschworen, das eindeutig den Sinn zu bestimmen scheint. Die wirkliche Verwendung scheint etwas Verunreinigtes der gegenüber, die das Bild uns vorzeichnet. Es geht hier wieder, wie in der Mengenlehre: Die Ausdrucksweise scheint für einen Gott zugeschnitten zu sein, der weiß, was wir nicht wissen können; er sieht die ganzen unendlichen Reihen und sieht in das Bewußtsein des Menschen hinein. Für uns freilich sind diese Ausdrucksformen quasi ein Ornat, das wir wohl anlegen, mit dem wir aber nicht viel anfangen können, da uns die reale Macht fehlt, die dieser Kleidung Sinn und Zweck geben würde. In der wirklichen Verwendung der Ausdrücke machen wir gleichsam Umwege, gehen durch Nebengassen; während wir wohl die gerade breite Straße vor uns sehen, sie aber freilich nicht benützen können, weil sie permanent gesperrt ist.

426 A picture is conjured up, which seems clearly to determine the sense. The actual use seems to be a corrupted version of what the picture suggests to us. This is again like in set theory: The mode of expression seems to be tailored for a god who knows what we cannot know; he sees all the infinite series & sees into the consciousness of the person. For us, however, these modes of expression are as if an ornament that we certainly put on, but with which we cannot do much, because we lack the real power that would give this garment sense & purpose. In the actual use of the expressions, we as it were take detours, go through back alleys; whereas we certainly see the wide, straight road in front of us, but we cannot actually use it, because it is permanently blocked.

§Ts-227a

239[1]

427 “Während ich zu ihm sprach, wußte ich nicht, was hinter seiner Stirn vorging.” Dabei denkt man nicht an Gehirnvorgänge, sondern an Denkvorgänge. Das Bild ist ernst zu nehmen. Wir möchten wirklich hinter diese Stirne schauen. Und doch meinen wir nur das, was wir auch sonst mit den Worten meinen: wir möchten wissen, was er denkt. Ich will sagen: wir haben das lebhafte Bild – und denjenigen Gebrauch, der dem Bild zu widersprechen scheint, und das Psychische ausdrückt.

427 “While I was talking to him, I did not know what was going on behind his forehead.” One does not think of brain processes here, but of thought processes. The picture is to be taken seriously. We really would like to look behind this forehead. And yet we only mean what we also mean with the words otherwise: we would like to know what he is thinking. I want to say: we have the vivid picture – & the use that seems to contradict the picture, & that expresses the psychological.

§Ts-227a

239[2]

428 “Der Gedanke, dieses seltsame Wesen”– aber er kommt uns nicht seltsam vor, wenn wir denken. Der Gedanke kommt uns nicht geheimnisvoll vor, während wir denken, sondern nur, wenn wir gleichsam retrospektiv sagen: ”Wie war das möglich?” Wie war es möglich, daß der Gedanke von diesem Gegenstand selbst handelte? Es scheint uns, als hätten wir mit ihm die Realität eingefangen.

428 “The thought of this strange being” – but it does not seem strange to us when we think. The thought does not seem mysterious to us while we are thinking, but only when we, as it were, retrospectively say: “How was that possible?” How was it possible that the thought was about this object itself? It seems to us as if we had captured reality with it.

§Ts-227a

239[3]

429 Die Übereinstimmung, Harmonie, von Gedanke und Wirklichkeit liegt darin, daß, wenn ich fälschlich sage, etwas sei rot, es doch immerhin nicht rot ist. Und wenn ich jemandem das Wort “rot” im Satze “Das ist nicht rot” erklären will, ich dazu auf etwas Rotes zeige.

429 The agreement, harmony, of thought and reality lies in the fact that, when I incorrectly say that something is red, it is nevertheless not red. And when I want to explain the word “red” in the sentence “That is not red” to someone, I point to something red.

§Ts-227a

239[4] &
240[1]

430 “Lege einen Maßstab an diesen Körper an; er sagt nicht, daß der Körper so lang ist. Vielmehr ist er an sich – ich möchte sagen – tot, und leistet nichts von dem, was der Gedanke leistet.” – Es ist, als hätten wir uns eingebildet, das Wesentliche am lebenden Menschen sei die äußere Gestalt, und hätten nun einen Holzblock von dieser Gestalt hergestellt und sähen mit Beschämung den toten Klotz, der auch keine Ähnlichkeit mit einem Lebewesen hat.

430 “Apply a standard to this object; it does not say that the object is so long. Rather, it is, as it were, dead in itself – I would like to say – and does not perform any of what the thought performs.” – It is as if we had imagined that the essential thing about a living person is the external shape, and we have now produced a wooden block of this shape and look with embarrassment at the dead block, which also has no similarity to a living being.

§Ts-227a

240[2]

431 “Zwischen dem Befehl und der Ausführung ist eine Kluft. Sie muß durch das Verstehen geschlossen werden.” “Erst im Verstehen heißt es, daß wir das zu tun haben. Der Befehl‒ ‒ das sind ja nur Laute, Tintenstriche. –”

431 “There is a gap between the command and the execution. It must be closed by understanding.” “Only in understanding do we mean that we have to do **that**. The command – these are just sounds, ink strokes.” –

§Ts-227a

240[3]

432 Jedes Zeichen scheint allein tot. Was gibt ihm Leben? – Im Gebrauch lebt es. Hat es da den lebenden Atem in sich? – Oder ist der Gebrauch sein Atem?

432 Every sign seems alone to be dead. What gives it life? – It lives in use. Does it then have the living breath within it? – Or is the use its breath?

§Ts-227a

240[4] &
241[1]

433 Wenn wir einen Befehl geben, so kann es scheinen, als ob das Letzte, was der Befehl wünscht, unausgedrückt bleiben muß, da immer noch eine Kluft zwischen dem Befehl und seiner Befolgung bleibt. Ich wünsche etwa, daß Einer eine bestimmte Bewegung macht, etwa den Arm hebt. Damit es ganz deutlich wird, mache ich ihm die Bewegung vor. Dieses Bild scheint unzweideutig; bis auf die Frage: wie weiß er, daß er diese Bewegung machen soll? – Wie weiß er überhaupt, wie er die Zeichen, welche immer ich ihm gebe, gebrauchen soll? – Ich werde nun etwa trachten, den Befehl durch weitere Zeichen zu ergänzen, indem ich von mir auf den Andern deute, Gebärden der Aufmunterung mache, etc.. Hier scheint es, als finge der Befehl zu stammeln an. Als trachtete das Zeichen mit unsichern Mitteln in uns ein Verständnis hervorzurufen. – Aber wenn wir es nun verstehen, in welchem Zeichen tun wir das?

433 When we give a command, it may seem as if the last thing the command wishes for must remain unexpressed, since there is always a gap between the command and its execution. I want, for example, that someone make a certain movement, for example, raise their arm. In order to make it quite clear, I demonstrate the movement to him. This picture seems unambiguous; except for the question: how does he know that he should make this movement? – How does he even know how to use the signs that I give him? – I will now try to supplement the command with further signs, by pointing from myself to the other, making gestures of encouragement, etc.. Here it seems as if the command begins to stammer. As if the sign tries, with uncertain means, to evoke understanding in us. – But when we now understand it, in which sign do we do so?

§Ts-227a

241[2]

434 Die Gebärde versucht vorzubilden – möchte man sagen – aber kann es nicht.

434 The gesture tries to imitate – one might say – but it cannot.

§Ts-227a

241[3]

435 Wenn man fragt “Wie macht der Satz das, daß er darstellt?”– so könnte die Antwort sein: “Weißt du es denn nicht? Du siehst es doch, wenn du ihn benützt.” Es ist ja nichts verborgen. Wie macht der Satz das? – Weißt du es denn nicht? Es ist ja nichts versteckt. Aber auf die Antwort “Du weißt ja, wie es der Satz macht, es ist ja nichts verborgen” möchte man erwidern: “Ja, aber es fließt alles so rasch vorüber, und ich möchte es gleichsam breiter auseinander gelegt sehen.”

435 If one asks, “How does the sentence do that, that it represents?” – the answer could be: “Don’t you know? You see it, after all, when you use it.” Nothing is hidden. How does the sentence do it? – Don’t you know? Nothing is hidden. But in response to the answer “You know how the sentence does it, nothing is hidden,” one might reply: “Yes, but everything passes so quickly, and I would like to see it, as it were, spread out more.”

§Ts-227a

241[4] &
242[1]

436 Hier ist es leicht, in jene Sackgasse des Philosophierens zu geraten, wo man glaubt, die Schwierigkeit der Aufgabe liege darin, daß schwer erhaschbare Erscheinungen, die schnell entschlüpfende gegenwärtige Erfahrung oder dergleichen, von uns beschrieben werden sollen. Wo die gewöhnliche Sprache uns zu roh erscheint, und es scheint, als hätten wir es nicht mit den Phänomenen zu tun, von denen der Alltag redet, sondern “mit den leicht entschwindenden, die mit ihren Auftauchen und Vergehen jene ersteren annähernd erzeugen”. (Augustinus: Manifestissima et usitatissima sunt, et eadem rursus nimis latent, et nova est inventio eorum.)

436 Here it is easy to get into that dead end of philosophizing, where one believes that the difficulty of the task lies in the fact that elusive phenomena, fleeting present experience, or the like, are to be described by us. Where ordinary language seems too crude to us, and it seems as if we are not dealing with the phenomena that everyday life talks about, but “with the easily vanishing ones, which, with their appearing and disappearing, approximately create the former ones.” (Augustine: Manifestissima et usitatissima sunt, et eadem rursus nimis latent, et nova est inventio eorum.)

§Ts-227a

242[2]

437 Der Wunsch scheint schon zu wissen, was ihn erfüllen wird, oder würde; der Satz, der Gedanke, was ihn wahr macht, auch wenn es gar nicht da ist! Woher dieses Bestimmen, dessen, was noch nicht da ist? Dieses despotische Fordern? (“Die Härte des logischen Muß.”)

437 The wish already seems to know what will fulfill it, or would; the sentence, the thought, what makes it true, even if it is not there! Where does this determination come from, of what is not yet there? This despotic demanding? (“The hardness of logical necessity.”)

§Ts-227a

242[3]

438 “Der Plan ist als Plan etwas Unbefriedigtes. (Wie der Wunsch, die Erwartung, die Vermutung, u.s.f.) Und hier meine ich: die Erwartung ist unbefriedigt, weil sie die Erwartung von etwas ist; der Glaube, die Meinung, unbefriedigt, weil sie die Meinung ist, daß etwas der Fall ist, etwas Wirkliches, etwas außerhalb dem Vorgang des Meinens.

438 “The plan is, as a plan, something unsatisfactory. (As is the wish, the expectation, the conjecture, etc.) And here I mean: the expectation is unsatisfactory because it is the expectation of something; the belief, the opinion, unsatisfactory because it is the opinion that something is the case, something real, something outside the process of opining.

§Ts-227a

242[4] &
243[1]

439 In wiefern kann man den Wunsch, die Erwartung, den Glauben, etc. “unbefriedigt” nennen? Was ist unser Urbild der Unbefriedigung? Ist es ein Hohlraum? Und würde man von einem solchen sagen, er sei unbefriedigt? Wäre das nicht auch eine Metapher? – Ist es nicht ein Gefühl, was wir Unbefriedigung nennen,– etwa den Hunger? Wir können in einem bestimmten System des Ausdrucks einen Gegenstand mittels der Worte “befriedigt” und “unbefriedigt” beschreiben. Wenn wir z.B. festsetzen, den Hohlzylinder einen “unbefriedigten Zylinder” zu nennen, und den ihn ergänzenden Vollzylinder “seine Befriedigung”.

439 In what sense can one call a wish, an expectation, a belief, etc., “unsatisfied”? What is our prototype of unsatisfaction? Is it an empty space? And would one say that such a space is unsatisfied? Wouldn’t that also be a metaphor? – Isn’t it a feeling, what we call unsatisfaction, – for example, hunger? We can describe an object within a certain system of expression by means of the words “satisfied” and “unsatisfied.” If, for example, we decide to call the hollow cylinder an “unsatisfied cylinder,” and the solid cylinder that complements it “its satisfaction.”

§Ts-227a

243[2]

440 Zu sagen “Ich habe Lust auf einen Apfel” heißt nicht: Ich glaube, ein Apfel wird mein Gefühl der Unbefriedigung stillen. Dieser Satz ist keine Äußerung des Wunsches, sondern der Unbefriedigung.

440 To say “I have a desire for an apple” does not mean: I believe that an apple will satisfy my feeling of unsatisfaction. This sentence is not an expression of a wish, but of unsatisfaction.

§Ts-227a

243[3]

441 Wir sind von Natur und durch eine bestimmte Abrichtung, Erziehung, so eingestellt, daß wir unter bestimmten Umständen Wunschäußerungen machen. (Ein solcher ‘Umstand’ ist natürlich nicht der Wunsch.) Eine Frage, ob ich weiß, was ich wünsche, ehe mein Wunsch erfüllt ist, kann in diesem Spiele gar nicht auftreten. Und daß ein Ereignis meinen Wunsch zum Schweigen bringt, bedeutet nicht, daß es den Wunsch erfüllt. Ich wäre vielleicht nicht befriedigt, wäre mein Wunsch befriedigt worden. Anderseits wird auch das Wort “wünschen” so gebraucht: “Ich weiß selbst nicht, was ich mir wünsche.” (“Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte.”) Wie, wenn man fragte: “Weiß ich, wonach ich lange, ehe ich es erhalte?” Wenn ich sprechen gelernt habe, so weiß ich's.

441 We are by nature and through a certain training, education, predisposed to make expressions of wishes under certain circumstances. (Such a ‘circumstance’ is, of course, not the wish itself.) The question of whether I know what I wish before my wish is fulfilled cannot arise in this game. And the fact that an event silences my wish does not mean that it fulfills the wish. I might not be satisfied, even if my wish had been fulfilled. On the other hand, the word “to wish” is also used as follows: “I don’t even know what I wish for.” (“For wishes conceal from us even what is wished for.”) How about if one were to ask: “Do I know what I long for before I receive it?” If I have learned to speak, then I know.

§Ts-227a

244[1]

442 Ich sehe, wie Einer das Gewehr anlegt, und sage: “Ich erwarte mir einen Knall.” Der Schuß fällt. – Wie, das hast du dir erwartet; war also dieser Knall irgendwie schon in deiner Erwartung? Oder stimmt deine Erwartung nur in anderer Hinsicht mit dem Eingetretenen überein; war dieser Lärm nicht in deiner Erwartung enthalten und kam nur als Akzidens hinzu, als die Erwartung erfüllt wurde? – Aber nein, wenn der Lärm nicht eingetreten wäre, so wäre meine Erwartung nicht erfüllt worden; der Lärm hat sie erfüllt; er trat nicht zur Erfüllung hinzu, wie ein zweiter Gast zu dem einen, den ich erwartet hatte. – War das am Ereignis, was nicht auch in der Erwartung war, ein Akzidens, eine Beigabe der Schickung? – Aber was war denn dann nicht Beigabe? Kam denn irgend etwas von diesem Schuß schon in meiner Erwartung vor? – Und was war denn Beigabe,– denn hatte ich mir nicht den ganzen Schuß erwartet? “Der Knall war nicht so laut, als ich ihn erwartet hatte.” – “Hat er also in deiner Erwartung lauter geknallt?”

442 I see someone aiming the rifle, and I say: “I expect a bang.” The shot is fired. – How, was this bang already in your expectation? Or does your expectation only agree in some other respect with what has happened; was this noise not contained in your expectation and only came as an accident when the expectation was fulfilled? – But no, if the noise had not occurred, my expectation would not have been fulfilled; the noise fulfilled it; it did not come as an addition to the fulfillment, like a second guest to the one I was expecting. – Was what was not in the event also in the expectation an accident, an addition to the situation? – But what then was not an addition? Did anything from this shot already occur in my expectation? – And what was an addition, – for didn’t I expect the whole shot? “The bang was not as loud as I expected.” – “So, was it louder in your expectation?”

§Ts-227a

244[2] &
245[1]

443 “Das Rot, das du dir vorstellst, ist doch gewiß nicht Dasselbe (nicht dieselbe Sache) wie das, was du vor dir siehst; wie kannst du dann sagen, es sei das, was du dir vorgestellt hattest?” – Aber verhält es sich nicht analog in den Sätzen “Hier ist ein roter Fleck” und “Hier ist kein roter Fleck”? In beiden kommt das Wort “rot” vor; also kann dieses Wort nicht das Vorhandensein von etwas Rotem anzeigen.

443 “The red that you imagine is certainly not the same (not the same thing) as what you see in front of you; how then can you say that it is what you had imagined?” – But isn’t the relationship analogous in the sentences “Here is a red spot” and “Here is no red spot”? In both, the word “red” appears; therefore, this word cannot indicate the presence of something red.

§Ts-227a

245[2]

444 Man hat vielleicht das Gefühl, daß man sich im Satz “Ich erwarte, daß er kommt” der Worte “er kommt” in anderer Bedeutung bedient, als in der Behauptung “Er kommt”. Aber wäre es so, wie könnte ich davon reden, daß meine Erwartung in Erfüllung gegangen ist? Wollte ich die beiden Wörter “er” und “kommt” erklären, etwa durch hinweisende Erklärungen, so würden die gleichen Erklärungen dieser Wörter für beide Sätze gelten. Nun könnte man aber fragen: Wie schaut das aus, wenn er kommt? – Es geht die Tür auf, jemand tritt herein, etc.– Wie schaut das aus, wenn ich erwarte, daß er kommt? – Ich gehe im Zimmer auf und ab, sehe zuweilen auf die Uhr, etc.– Aber der eine Vorgang hat ja mit dem andern nicht die geringste Ähnlichkeit! Wie kann man dann die selben Worte zu ihrer Beschreibung gebrauchen? – Aber nun sage ich vielleicht beim auf und ab Gehen: “Ich erwarte, daß er hereinkommt”. – Nun ist eine Ähnlichkeit vorhanden. Aber welcher Art ist sie?!

444 One might have the feeling that in the sentence “I expect him to come,” one uses the words “he comes” in a different sense than in the assertion “He comes.” But if that were so, how could one talk about one’s expectation being fulfilled? If one were to explain the two words “he” and “comes” by means of ostensive explanations, the same explanations would apply to both sentences. But one could ask: what does it look like when he comes? – The door opens, someone enters, etc. – What does it look like when I expect him to come? – I walk around the room, occasionally look at the clock, etc. – But the one process has absolutely no similarity with the other! How then can one use the same words to describe them? – But now I might say while walking around: “I expect him to come in.” – Now there is a similarity. But what kind is it?

§Ts-227a

245[3]

445 In der Sprache berühren sich Erwartung und Erfüllung.

445 In language, expectation and fulfilment touch upon each other.

§Ts-227a

245[4] &
246[1]

446 Komisch wäre es, zu sagen: “Ein Vorgang sieht anders aus, wenn er geschieht, als wenn er nicht geschieht.” Oder: “Ein roter Fleck sieht anders aus, wenn er da ist, als wenn er nicht da ist – aber die Sprache abstrahiert von diesem Unterschied, denn sie spricht von einem roten Fleck, ob er da ist, oder nicht.”

446 It would be strange to say: “A process looks different when it happens than when it doesn’t happen.” Or: “A red spot looks different when it is there than when it is not there – but language abstracts from this difference, because it speaks of a red spot, whether it is there or not.”

§Ts-227a

246[2]

447 Das Gefühl ist, als müßte der verneinende Satz, um einen Satz zu verneinen, ihn erst in gewissem Sinne wahr machen. (Die Behauptung des verneinenden Satzes enthält den verneinten Satz, aber nicht dessen Behauptung.)

447 The feeling is as if, in order to negate a sentence, the negative sentence must first, in a certain sense, make it true. (The assertion of the negative sentence contains the negated sentence, but not its assertion.)

§Ts-227a

246[3]

448 “Wenn ich sage, ich habe heute nacht nicht geträumt, so muß ich doch wissen, wo nach dem Traum zu suchen wäre; d.h.: der Satz ‘Ich habe geträumt’ darf, auf die tatsächliche Situation angewendet, falsch, aber nicht unsinnig sein.” – Heißt das also, daß du doch etwas gespürt hast, sozusagen die Andeutung eines Traums, die dir die Stelle bewußt macht, an der ein Traum gestanden hätte? Oder: wenn ich sage “Ich habe keine Schmerzen im Arm”, heißt das, daß ich einen Schatten eines Schmerzgefühls habe, der gleichsam die Stelle andeutet, in die der Schmerz eintreten könnte? Inwiefern enthält der gegenwärtige schmerzlose Zustand die Möglichkeit der Schmerzen? Wenn einer sagt: “Damit das Wort ‘Schmerzen’ Bedeutung habe, ist es notwendig, daß man Schmerzen als solche erkennt, wenn sie auftreten”– so kann man antworten: “Es ist nicht notwendiger, als daß man das Fehlen der Schmerzen erkennt.”

448 “If I say that I did not dream last night, then I must know where to look for the dream; that is, the sentence ‘I dreamed’ may be false when applied to the actual situation, but it must not be nonsensical.” – Does this mean that you did feel something, a kind of hint of a dream, which makes you aware of the place where a dream would have been? Or: if I say “I have no pain in my arm,” does that mean that I have a shadow of a feeling of pain, which, as it were, indicates the place where the pain could enter? In what way does the present painless state contain the possibility of pain? If someone says: “In order for the word ‘pain’ to have meaning, it is necessary to recognize pain as such when it occurs” – one can reply: “It is not more necessary than to recognize the absence of pain.”

§Ts-227a

247[1]

449 “Aber muß ich nicht wissen, wie es wäre, wenn ich Schmerzen hätte?” – Man kommt nicht davon weg, daß die Benützung des Satzes darin besteht, daß man sich bei jedem Wort etwas vorstelle. Man bedenkt nicht, daß man mit den Worten rechnet, operiert, sie mit der Zeit in dies oder jenes Bild überführt. – Es ist, als glaubte man, daß etwa die schriftliche Anweisung auf eine Kuh, die mir Einer ausfolgen soll, immer von einer Vorstellung einer Kuh begleitet sein müsse, damit diese Anweisung nicht ihren Sinn verliere.

449 “But mustn’t I know what it would be like to have pain?” – One cannot get away from the fact that the use of the sentence consists in the fact that one imagines something with each word. One does not realize that one is calculating with the words, operating with them, and gradually transforming them into this or that image. – It is as if one believed that the written instruction for a cow that someone is supposed to provide to me must always be accompanied by an image of a cow, so that this instruction does not lose its meaning.

§Ts-227a

247[2]

450 Wissen, wie jemand ausschaut: es sich vorstellen können – aber auch: es nachmachen können. Muß man sich's vorstellen, um es nachzumachen? Und ist, es nachmachen, nicht ebenso stark, als es sich vorstellen?

450 To know what someone looks like: to be able to imagine it – but also: to be able to imitate it. Must one imagine it in order to imitate it? And is imitating it not just as strong as imagining it?

§Ts-227a

247[3]

451 Wie ist es, wenn ich Einem den Befehl gebe “Stell dir hier einen roten Kreis vor!”– und ich sage nun: den Befehl verstehen heiße, wissen, wie es ist, wenn er ausgeführt wurde– oder gar: sich vorstellen können, wie es ist …?

451 What is it like when I give someone the command “Imagine a red circle here!” – and I now say: to understand the command means to know what it is like when it is executed – or even: to be able to imagine what it is like…?

§Ts-227a

247[4]

452 Ich will sagen: “Wenn Einer die Erwartung, den geistigen Vorgang, sehen könnte, müßte er sehen, was erwartet wird.” – Aber so ist es ja auch: Wer den Ausdruck der Erwartung sieht, sieht, was erwartet wird. Und wie könnte man es auf andere Weise, in anderem Sinne, sehen?

452 I want to say: “If one could see the expectation, the mental process, one would have to see what is expected.” – But that is how it is: whoever sees the expression of the expectation sees what is expected. And how could one see it in any other way, in any other sense?

§Ts-227a

247[5] &
248[1]

453 Wer mein Erwarten wahrnähme, mußte unmittelbar wahrnehmen, was erwartet wird. D.h.: nicht aus dem wahrgenommenen Vorgang darauf schließen! – Aber zu sagen, Einer nehme die Erwartung wahr, hat keinen Sinn. Es sei denn etwa den: er nehme den Ausdruck der Erwartung wahr. Vom Erwartenden zu sagen, er nähme die Erwartung wahr, statt, er erwarte, wäre blödsinnige Verdrehung des Ausdrucks.

453 Whoever perceives my expectation must immediately perceive what is expected. That is to say: one must not infer it from the perceived process! – But to say that one perceives the expectation makes no sense, unless, perhaps, in the sense that one perceives the expression of the expectation. To say that the one who expects perceives the expectation, instead of saying that he expects, would be a nonsensical distortion of the expression.

§Ts-227a

248[2]

454 “Es liegt alles schon in …” Wie kommt es, daß der ? Pfeil 🖵 zeigt? Scheint er nicht schon etwas außerhalb seiner selbst in sich zu tragen? – “Nein, es ist nicht der tote Strich; nur das Psychische, die Bedeutung, kann dies.” – Das ist wahr und falsch. Der Pfeil zeigt nur in der Anwendung, die das Lebewesen von ihm macht. Dieses zeigen ist nicht ein Hokuspokus, welches nur die Seele vollziehen kann.

454 “It is all already contained in…” How does it come about that the ? arrow 🖵 points? Does it not already seem to carry something outside of itself within itself? – “No, it is not the dead line; only the mental, the meaning, can do this.” – That is both true and false. The arrow only points in the application that the living being makes of it. This pointing is not some hocus-pocus that only the mind can perform.

§Ts-227a

248[3]

455 Wir wollen sagen: “Wenn wir meinen, so ist hier kein totes Bild (welcher Art immer), sondern es ist, als gingen wir auf jemand zu.” Wir gehen auf das Gemeinte zu.

455 We want to say: “When one means, there is no dead picture (of whatever kind), but it is as if one were approaching someone.” We are approaching what is meant.

§Ts-227a

248[4]

456 “Wenn man meint, so meint man selber”; so bewegt man sich selber. Man stürmt selber vor und kann daher das Vorstürmen nicht auch beobachten. Gewiß nicht.

456 “When one means, one moves oneself”; in this way one moves oneself. One storms forward oneself and can therefore not also observe the storming. Certainly not.

§Ts-227a

248[5]

457 Ja; meinen ist, wie wenn man auf jemandem zugeht.

457 Yes; to mean is like approaching someone.

§Ts-227a

248[6] &
249[1]

458 “Der Befehl befiehlt seine Befolgung.” So kennt er seine Befolgung, schon ehe sie da ist? – Aber dies war ein grammatischer Satz und er sagt: Wenn ein Befehl lautet “Tu das und das!”, dann nennt man “das und das tun” das Befolgen des Befehls.

458 “The command commands its obedience.” Does he then know its obedience even before it exists? – But this is a grammatical sentence and it says: If a command says “Do this and that!”, then “doing this and that” is called obeying the command.

§Ts-227a

249[2]

459 Wir sagen “Der Befehl befiehlt dies –” und tun es; aber auch: “Der Befehl befiehlt dies: ich soll …”. Wir übertragen ihn einmal in einen Satz, einmal in eine Demonstration, und einmal in die Tat.

459 We say “The command commands this –” and do it; but also: “The command commands this: I should…” We translate it once into a sentence, once into a demonstration, and once into an act.

§Ts-227a

249[3]

460 Könnte die Rechtfertigung einer Handlung als Befolgung eines Befehls so lauten: “Du hast gesagt ‘Bring mir eine gelbe Blume’ und diese hier hat mir daraufhin ein Gefühl der Befriedigung gegeben, darum habe ich sie gebracht”? Müßte man da nicht antworten: “Ich habe dir doch nicht geschafft, mir die Blume zu bringen, die dir auf meine Worte hin ein solches Gefühl geben wird!”

460 Could the justification of an action, as an obedience to a command, be phrased as follows: “You said ‘Bring me a yellow flower’ and this flower then gave me a feeling of satisfaction, so I brought it”? Would one not have to answer: “I didn’t make it so that bringing me the flower would give you that feeling!”

§Ts-227a

249[4] &
250[1]

461 Inwiefern antizipiert denn der Befehl die Ausführung? – Dadurch, daß er das jetzt befiehlt, was später ausgeführt wird? – Aber es müßte ja heißen: “was später ausgeführt, oder auch nicht ausgeführt wird”. Und das sagt nichts. “Aber wenn auch mein Wunsch nicht bestimmt, was der Fall sein wird, so bestimmt er doch sozusagen das Thema einer Tatsache; ob die nun den Wunsch erfüllt, oder nicht.” Wir wundern uns – gleichsam – nicht darüber, daß Einer die Zukunft weiß; sondern darüber, daß er überhaupt prophezeien kann (richtig oder falsch). Als nähme die bloße Prophezeiung, gleichgültig ob richtig oder falsch, schon einen Schatten der Zukunft voraus; während sie über die Zukunft nichts weiß, und weniger als nichts nicht wissen kann.

461 In what sense does the command anticipate the execution? – In that it commands that now, which will be executed later? – But it would have to say: “which will be executed later, or not executed at all.” And that says nothing. “But even if my wish does not determine what will be the case, it does, as it were, determine the theme of a fact; whether it fulfills the wish or not.” We are – as it were – not surprised that someone knows the future; but that he can even prophesy (correctly or incorrectly). As if the very act of prophesying, whether correct or incorrect, already casts a shadow of the future; while it knows nothing about the future, and can know less than nothing.

§Ts-227a

250[2]

462 Ich kann ihn suchen, wenn er nicht da ist, aber ihn nicht hängen, wenn er nicht da ist. Man könnte sagen wollen: “Da muß er doch auch dabei sein, wenn ich ihn suche”. – Dann muß er auch dabei sein, wenn ich ihn nicht finde, und auch, wenn es ihn gar nicht gibt.

462 I can look for it when it is not there, but I cannot hang it when it is not there. One might want to say: “It must also be there when I look for it.” – Then it must also be there when I do not find it, and also when it does not exist at all.

§Ts-227a

250[3]

463 “Den hast du gesucht? Du konntest ja nicht einmal wissen, ob er da ist!” – Dieses Problem aber entsteht wirklich beim Suchen in der Mathematik. Man kann z.B. die Frage stellen: Wie war es möglich, nach der Dreiteilung des Winkels auch nur zu suchen?

463 “Did you try to find him? You couldn’t even know whether he was there!” – But this problem arises really when searching in mathematics. One can, for example, ask: How was it possible to even search for the trisection of the angle?

§Ts-227a

250[4]

464 Was ich lehren will, ist: von einem nicht offenkundigen Unsinn zu einem offenkundigen übergehen.

464 What I want to teach is: to move from a non-obvious nonsense to an obvious one.

§Ts-227a

250[5] &
251[1]

465 “Eine Erwartung ist so gemacht, daß, was immer kommt, mit ihr übereinstimmen muß oder nicht.” Wenn man nun fragt: Ist also die Tatsache durch die Erwartung auf ja und nein bestimmt, oder nicht,– d.h., ist es bestimmt, in welchem Sinne die Erwartung durch ein Ereignis – welches immer eintreffen mag – beantwortet werden wird; so muß man antworten “Ja; es sei denn, daß der Ausdruck der Erwartung unbestimmt ist, daß er etwa eine Disjunktion verschiedener Möglichkeiten enthält.”

465 “An expectation is constructed in such a way that, whatever comes, must agree with it or not.” If one now asks: Is the fact thus determined by the expectation, yes or no – i.e., is it determined in what sense the expectation will be answered by an event – whatever it may be; then one must answer “Yes; unless the expression of the expectation is indeterminate, that it contains, for example, a disjunction of different possibilities.”

§Ts-227a

251[2]

466 Wozu denkt der Mensch? wozu ist es nütze? – Wozu berechnet er Dampfkessel und überläßt ihre Wandstärke nicht dem Zufall? Es ist doch nur Erfahrungstatsache, daß Kessel, die so berechnet wurden, nicht so oft explodieren! Aber so, wie er alles eher täte, als die Hand ins Feuer stecken, das ihn früher gebrannt hat, so wird er alles eher tun, als den Kessel nicht berechnen. – Da uns Ursachen aber nicht interessieren,– werden wir sagen: Die Menschen denken tatsächlich: sie gehen, z.B., auf diese Weise vor, wenn sie einen Dampfkessel bauen. – Kann nun ein so erzeugter Kessel nicht explodieren? O doch.

466 Why does man think? What is its use? – Why does he calculate steam boilers & not leave their wall thickness to chance? It is just an empirical fact that boilers that have been calculated in this way do not explode so often! But just as he would rather do almost anything than put his hand in the fire that burned him before, so he will rather do anything than not calculate the boiler. – But since causes do not interest us, we will say: People actually think: they, for example, proceed in this way when building a steam boiler. – Can such a boiler not explode? Oh yes.

§Ts-227a

251[3]

467 Denkt der Mensch also, weil Denken sich bewährt hat? – Weil er denkt, es sei vorteilhaft, zu denken? (Erzieht er seine Kinder, weil es sich bewährt hat?)

467 Does man think because thinking has proven itself? – Because he thinks that it is advantageous to think? (Does he raise his children because it has proven itself?)

§Ts-227a

251[4]

468 Wie wäre herauszubringen: warum er denkt?

468 How could one bring out: why he thinks?

§Ts-227a

251[5]

469 Und doch kann man sagen, das Denken habe sich bewährt. Es seien jetzt weniger Kesselexplosionen als früher, seit etwa die Wandstärken nicht mehr nach dem Gefühl bestimmt, sondern auf die und die Weise berechnet werden. Oder, seit man jede Berechnung eines Ingenieurs durch einen zweiten kontrollieren läßt.

469 And yet one can say that thinking has proven itself. There are now fewer boiler explosions than before, since, for example, the wall thicknesses are no longer determined by feeling, but calculated in this way. Or, since every calculation by an engineer is checked by a second.

§Ts-227a

252[1]

470 Manchmal also denkt man, weil es sich bewährt hat.

470 So, sometimes one thinks because it has proven itself.

§Ts-227a

252[2]

471 Wenn wir die Frage “warum” unterdrücken, werden wir oft erst die wichtigen Tatsachen gewahr; die dann in unseren Untersuchungen zu einer Antwort führen.

471 If we suppress the question “why”, we often only become aware of the important facts; which then lead to an answer in our investigations.

§Ts-227a

252[3]

472 Die Natur des Glaubens an die Gleichförmigkeit des Geschehens wird vielleicht am klarsten im Falle, in dem wir Furcht vor dem Erwarteten empfinden. Nichts könnte mich dazu bewegen, meine Hand in die Flamme zu stecken,– obwohl ich mich doch nur in der Vergangenheit verbrannt habe.

472 The nature of the belief in the uniformity of what happens is perhaps most clearly seen in the case in which we feel fear of what is expected. Nothing could induce me to put my hand in the flame – although I was only burned in the past.

§Ts-227a

252[4]

473 Der Glaube, daß mich das Feuer brennen wird, ist von der Art der Furcht, daß es mich brennen wird.

473 The belief that the fire will burn me is of the same kind as the fear that it will burn me.

§Ts-227a

252[5]

474 Daß mich das Feuer brennen wird, wenn ich die Hand hineinstecke: das ist Sicherheit. D.h., da sehen wir, was Sicherheit bedeutet. (Nicht nur, was das Wort “Sicherheit” bedeutet, sondern auch, was es mit ihr auf sich hat.)

474 That the fire will burn me if I put my hand in it: that is certainty. That is, there we see what certainty means. (Not only what the word “certainty” means, but also what it entails.)

§Ts-227a

252[6]

475 Nach den Gründen zu einer Annahme gefragt, besinnt man sich auf diese Gründe. Geschieht hier dasselbe, wie, wenn man darüber nachdenkt, was die Ursachen eines Ereignisses gewesen sein mögen?

475 When asked for the reasons for an assumption, one recalls these reasons. Does the same thing happen here as when one thinks about what the causes of an event may have been?

§Ts-227a

253[1]

476 Es ist zu unterscheiden zwischen dem Gegenstand der Furcht und der Ursache der Furcht. So ist das Gesicht, das uns Furcht, oder Entzücken, einflößt (der Gegenstand der Furcht, des Entzückens) darum nicht ihre Ursache, sondern – man könnte sagen – ihre Richtung.

476 It is to be distinguished between the object of fear and the cause of fear. So the face that inspires us with fear, or delight (the object of fear, delight) is not its cause, but – one could say – its direction.

§Ts-227a

253[2]

477 “Warum glaubst du, daß du dich an der heißen Herdplatte verbrennen wirst?” – Hast du Gründe für diesen Glauben; und brauchst du Gründe?

477 “Why do you believe that you will burn yourself on the hot stove?” – Do you have reasons for this belief; and do you need reasons?

§Ts-227a

253[3]

478 Was für einen Grund habe ich, anzunehmen, daß mein Finger, wenn er den Tisch berühren, einen Widerstand spüren wird? Was für einen Grund, zu glauben, daß dieser Bleistift sich nicht schmerzlos durch meine Hand wird stecken lassen? – Wenn ich dies Frage, melden sich hundert Gründe, die einander kaum zu Wort kommen lassen wollen. “Ich habe es doch selbst unzählige Male erfahren; und ebenso oft von ähnlichen Erfahrungen gehört; wenn es nicht so wäre, würde …; etc.”

478 What reason do I have to assume that my finger, when it touches the table, will feel resistance? What reason to believe that this pencil will not be able to pass painlessly through my hand? – If I ask this, a hundred reasons come forward, which hardly want to let each other speak. “I have experienced it myself countless times; and just as often I have heard of similar experiences; if it were not so, then …; etc.”

§Ts-227a

253[4]

479 Die Frage “Aus welchen Gründen glaubst du das?” könnte bedeuten: “Aus welchen Gründen leitest du das jetzt ab (hast du es jetzt abgeleitet)?” Aber auch: “Welche Gründe kannst du mir nachträglich für diese Annahme angeben?”

479 The question “On what grounds do you believe that?” could mean: “On what grounds do you derive that now (have you derived it now)?” But also: “What reasons can you give me afterward for this assumption?”

§Ts-227a

253[5] &
254[1]

480 Man könnte also unter “Gründen” zu einer Meinung tatsächlich nur das verstehen, was Einer sich vorgesagt hat, ehe er zu der Meinung kam. Die Rechnung, die er tatsächlich ausgeführt hat. Wenn man nun fragte: Wie kann aber frühere Erfahrung ein Grund zur Annahme sein, es werde später das und das eintreffen? – so ist die Antwort: Welchen allgemeinen Begriff vom Grund zu solch einer Annahme haben wir denn? Diese Art Angabe über die Vergangenheit nennen wir eben Grund zur Annahme, es werde das in Zukunft geschehen. – Und wenn man sich wundert, daß wir ein solches Spiel spielen, dann berufe ich mich auf die Wirkung einer vergangenen Erfahrung (darauf, daß ein gebranntes Kind das Feuer fürchtet).

480 One could therefore understand by “grounds” for an opinion only what one has predicted for oneself before coming to that opinion. The calculation that one has actually carried out. If one were to ask: How can previous experience be a reason for the assumption that something will happen later? – then the answer is: What general concept do we have of the grounds for such an assumption? We simply call this kind of statement about the past a reason for the assumption that something will happen in the future. – And if one wonders that we play such a game, then I refer to the effect of a past experience (to the fact that a burned child fears the fire).

§Ts-227a

254[2]

481 Wer sagte, er sei durch Angaben über Vergangenes nicht davon zu überzeugen, daß irgend etwas in Zukunft geschehen werde,– den würde ich nicht verstehen. Man könnte ihn fragen: Was willst du denn hören? Was für Angaben nennst du Gründe dafür, das zu glauben? Was nennst du denn “ überzeugen”? Welche Art des Überzeugens erwartest du dir? – Wenn das keine Gründe sind, was sind denn Gründe? – Wenn du sagst, das seien keine Gründe, so mußt du doch angeben können, was der Fall sein müßte, damit wir mit Recht sagen könnten, es seien Gründe für unsre Annahme vorhanden. Denn wohlgemerkt: Gründe sind hier nicht Sätze, aus denen das Geglaubte logisch folgt. Aber nicht, als ob man sagen könnte: Fürs Glauben genügt eben weniger als für das Wissen. – Denn hier handelt es sich nicht um eine Annäherung an das logische Folgen.

481 Whoever says that he cannot be convinced by statements about the past that something will happen in the future – I would not understand him. One could ask him: What do you want to hear? What kind of statements do you call reasons for believing that? What do you call “convincing”? What kind of conviction do you expect? – If that is not a reason, then what is a reason? – If you say that these are not reasons, then you must be able to state what the case would have to be, so that we could rightly say that there are reasons for our assumption. For note: Here, reasons are not sentences from which what is believed logically follows. But it is not as if one could say: Less is enough for belief than for knowledge. – Because here it is not about an approximation to logical inference.

§Ts-227a

255[1]

482 Wir werden irregeführt durch die Ausdrucksweise: “Dieser Grund ist gut, denn er macht das Eintreffen des Ereignisses wahrscheinlich.” Hier ist es, als ob wir nun etwas weiteres über den Grund ausgesagt hätten, was ihn als Grund rechtfertigt; während mit dem Satz, daß dieser Grund das Eintreffen wahrscheinlich macht, nichts gesagt ist, wenn nicht, daß dieser Grund einem bestimmten Maßstab des guten Grundes entspricht,– der Maßstab aber nicht begründet ist!

482 We are misled by the way of speaking: “This reason is good, because it makes the occurrence of the event likely.” Here, it is as if we were now saying something further about the reason, which justifies it as a reason; while the statement that this reason makes the occurrence likely says nothing, unless that this reason corresponds to a certain standard of a good reason – but the standard is not justified!

§Ts-227a

255[2]

483 Ein guter Grund ist einer, der so aussieht.

483 A good reason is one that looks like that.

§Ts-227a

255[3]

484 Man möchte sagen: “Ein guter Grund ist er nur darum, weil er das Eintreffen wirklich wahrscheinlich macht”. Weil er sozusagen wirklich einen Einfluß auf das Ereignis hat; also quasi einen erfahrungsmäßigen.

484 One would like to say: “It is a good reason only because it actually makes the occurrence likely.” Because it, as it were, actually has an influence on the event; thus, quasi, an empirical one.

§Ts-227a

255[4]

485 Die Rechtfertigung durch die Erfahrung hat ein Ende. Hätte sie keins, so wäre sie keine Rechtfertigung.

485 The justification through experience has an end. If it did not, it would not be a justification.

§Ts-227a

255[5] &
256[1]

486 Folgt, daß dort ein Sessel steht, aus den Sinneseindrücken, die ich empfange? – Wie kann denn ein Satz aus Sinneseindrücken folgen? Nun, folgt er aus den Sätzen, die die Sinneseindrücke beschreiben? Nein. – Aber schließe ich denn nicht aus den Eindrücken, Sinnesdaten, daß ein Sessel dort steht? – Ich ziehe keinen Schluß! – Manchmal aber doch. Ich sehe z.B. eine Photographie und sage “Es muß also dort ein Sessel gestanden sein”, oder auch “Aus dem, was man da sieht, schließe ich, daß ein Sessel dort steht”. Das ist ein Schluß; aber keiner der Logik. Ein Schluß ist der Übergang zu einer Behauptung; also auch zu dem der Behauptung entsprechenden Benehmen. ‘Ich ziehe die Konsequenzen’ nicht nur in Worten, sondern auch in Handlungen. War ich dazu berechtigt, diese Konsequenzen zu ziehen? Was nennt man hier eine Berechtigung? – Wie wird das Wort “Berechtigung” gebraucht? Beschreibe Sprachspiele! Aus ihnen wird sich auch die Wichtigkeit des Berechtigtseins entnehmen lassen.

486 It follows that there is an armchair there, based on the sensory impressions I receive? – How can a sentence follow from sensory impressions? Well, does it follow from the sentences that describe the sensory impressions? No. – But don’t I infer from the impressions, the sense data, that an armchair is there? – I don’t draw any inferences! – Sometimes, though. For example, I look at a photograph and say, “There must have been an armchair there,” or even, “From what one sees there, I infer that an armchair is there.” That is an inference; but not one of logic. An inference is the transition to an assertion; thus also to the behaviour corresponding to the assertion. ‘I draw the consequences’ not only in words, but also in actions. Was I entitled to draw these consequences? What does one call an entitlement here? – How is the word “entitlement” used? Describe language-games! From them, one can also glean the importance of being entitled.

§Ts-227a

256[2]

487 “Ich verlasse das Zimmer, weil du es befiehlst.” “Ich verlasse das Zimmer, aber nicht, weil du es befiehlst.” Beschreibt dieser Satz einen Zusammenhang meiner Handlung mit seinem Befehl; oder macht er den Zusammenhang? Kann man fragen: “Woher weißt du, daß du es deswegen tust, oder nicht deswegen tust?” Und ist die Antwort gar: “Ich fühle es”?

487 “I leave the room because you command it.” “I leave the room, but not because you command it.” Does this sentence describe a connection between my action & his command; or does it establish the connection? Can one ask: “How do you know that you are doing it for that reason, or not for that reason?” And is the answer: “I feel it”?

§Ts-227a

256[3]

488 Wie beurteile ich, ob es so ist? Nach Indizien?

488 How do I judge whether that is the case? According to indications?

§Ts-227a

256[4]

489 Frage dich: Bei welcher Gelegenheit, zu welchem Zweck, sagen wir das? Welche Handlungsweisen begleiten diese Worte? (Denk ans Grüßen!) In welchen Scenen werden sie gebraucht; und wozu?

489 Ask yourself: On what occasion, for what purpose, do we say that? What ways of acting accompany these words? (Think of greeting!) In what scenes are they used; and to what end?

§Ts-227a

257[1]

490 Wie weiß ich, daß dieser Gedankengang mich zu dieser Handlung geführt hat? – Nun, es ist ein bestimmtes Bild: z.B., in einer experimentellen Untersuchung durch eine Rechnung zu einem weitern Experiment geführt werden. Es sieht so aus‒ ‒und nun könnte ich ein Beispiel beschreiben.

490 How do I know that this line of thought has led me to this action? – Well, it is a specific picture: e.g., in an experimental investigation, a calculation leads to a further experiment. It looks like this—and now I could describe an example.

§Ts-227a

257[2]

491 Nicht: “ohne Sprache könnten wir uns nicht miteinander verständigen”– wohl aber: ohne Sprache können wir andre Menschen nicht so und so beeinflussen; können wir nicht Straßen und Maschinen bauen, etc.. Und auch: Ohne den Gebrauch der Rede und der Schrift könnten sich Menschen nicht verständigen.

491 Not: “without language we could not communicate with each other”—but rather: without language, we cannot influence other people in such and such ways; we cannot build roads and machines, etc. And also: Without the use of speech and writing, people could not communicate.

§Ts-227a

257[3]

492 Eine Sprache erfinden könnte heißen, auf Grund von Naturgesetzen (oder in Übereinstimmung mit ihnen) eine Vorrichtung zu bestimmtem Zweck erfinden; es hat aber auch den andern Sinn, dem analog, in welchem wir von der Erfindung eines Spiels reden. Ich sage hier etwas über die Grammatik des Wortes “Sprache” aus, indem ich sie mit der Grammatik des Wortes “erfinden” in Verbindung bringe.

492 Inventing a language could mean, on the basis of natural laws (or in accordance with them), inventing a device for a specific purpose; but it also has the other sense, analogous to which we speak of the invention of a game. I am here saying something about the grammar of the word “language” by connecting it with the grammar of the word “invent.”

§Ts-227a

257[4] &
258[1]

493 Man sagt: “Der Hahn ruft die Hühner durch sein Krähen herbei” – aber liegt dem nicht schon der Vergleich mit unsrer Sprache zu Grunde? – Wird der Aspekt nicht ganz verändert, wenn wir uns vorstellen, durch irgend eine physikalische Einwirkung setze das Krähen die Hühner in Bewegung? Wenn aber gezeigt würde, in welcher Weise die Worte “Komm zu mir!” auf den Angesprochenen einwirken, sodaß am Schluß unter gewissen Bedingungen seine Beinmuskeln innerviert werden, etc. – würde jener Satz damit für uns den Charakter des Satzes verlieren?

493 One says: “The rooster summons the chickens by its crowing”—but is this not already based on a comparison with our language? – Is the aspect not completely changed if we imagine that some physical effect sets the chickens in motion because of the crowing? But if it were shown in what way the words “Come to me!” affect the person addressed, so that in the end, under certain conditions, his leg muscles are innervated, etc.—would that sentence then lose its character for us?

§Ts-227a

258[2]

494 Ich will sagen: Der Apparat unserer gewöhnlichen Sprache, unserer Wortsprache, ist vor allem das, was wir “Sprache” nennen; und dann anderes nach seiner Analogie oder Vergleichbarkeit mit ihr.

494 I want to say: the apparatus of our ordinary language, our word-language, is above all what we call “language”; and then other things according to their analogy or comparability with it.

§Ts-227a

258[3] &
259[1]

495 Es ist klar, ich kann durch Erfahrung feststellen, daß ein Mensch (oder Tier) auf ein Zeichen so reagiert, wie ich es will, auf ein anderes nicht. Daß z.B. ein Mensch auf das Zeichen “⟶” hin nach rechts, auf das Zeichen “⟵” nach links geht; daß er aber auf das Zeichen “o–|” nicht so reagiert, wie auf “⟵”, etc. Ja, ich brauche gar keinen Fall zu erdichten, und nur den tatsächlichen betrachten, daß ich einen Menschen, der nur Deutsch gelernt hat, nur mit der deutschen Sprache lenken kann. (Denn das Lernen der deutschen Sprache betrachte ich nun als ein Einstellen des Mechanismus auf eine gewisse Art der Beeinflussung; und es kann uns gleich sein, ob der Andre die Sprache gelernt hat, oder vielleicht schon von Geburt so gebaut ist, daß er auf die Sätze der deutschen Sprache so reagiert, wie der gewöhnliche Mensch, wenn er Deutsch gelernt hat.)

495 It is clear that I can determine through experience that a person (or animal) reacts to a sign as I want, and to another not. That, for example, a person goes to the right when he sees the sign “⟶”, to the left when he sees the sign “⟵”; that, however, he does not react to the sign “o–|” as he does to “⟵”, etc. Yes, I don’t even need to invent a case, but can just consider the actual case that I can only guide a person who has only learned German with the German language. (Because I now consider learning the German language as an adjustment of the mechanism to a certain type of influence; and it makes no difference to us whether the other person has learned the language, or was perhaps from birth constructed in such a way that he reacts to the sentences of the German language as the ordinary person does when he has learned German.)

§Ts-227a

259[2]

496 Grammatik sagt nicht, wie die Sprache gebaut sein muß, um ihren Zweck zu erfüllen, um so und so auf Menschen zu wirken. Sie beschreibt nur, aber erklärt in keiner Weise, den Gebrauch der Zeichen.

496 Grammar does not say how language must be constructed in order to fulfill its purpose, in order to have such and such an effect on people. It only describes, but in no way explains, the use of the signs.

§Ts-227a

259[3]

497 Man kann die Regeln der Grammatik “willkürlich” nennen, wenn damit gesagt sein soll, der Zweck der Grammatik sei nur der der Sprache. Wenn einer sagt “Hätte unsere Sprache nicht diese Grammatik, so könnte sie diese Tatsachen nicht ausdrücken”– so frage man sich, was hier das “könnte” bedeutet.

497 One can call the rules of grammar “arbitrary” if what is meant is that the purpose of grammar is only that of language. If one says “If our language did not have this grammar, it could not express these facts”—one should ask what “could” means here.

§Ts-227a

259[4]

498 Wenn ich sage, der Befehl “Bring mir Zucker!” und “Bring mir Milch!”, hat Sinn, aber nicht die Kombination “Milch mir Zucker”, so heiß das nicht, daß das Aussprechen dieser Wortverbindung keine Wirkung hat. Und wenn sie nun die Wirkung hat, daß der Andre mich anstarrt und den Mund aufsperrt, so nenne ich sie deswegen nicht den Befehl, mich anzustarren etc., auch wenn ich gerade diese Wirkung hätte hervorbringen wollen.

498 If I say that the command “Bring me sugar!” and “Bring me milk!” has sense, but not the combination “Milk me sugar”, that does not mean that uttering this combination of words has no effect. And if it now has the effect that the other person stares at me and opens their mouth, I would not call it the command to stare at me, etc., even if I wanted to bring about precisely this effect.

§Ts-227a

259[5] &
260[1]

499 Zu sagen “Diese Wortverbindung hat keinen Sinn” schließt sie aus dem Bereich der Sprache aus und umgrenzt dadurch das Gebiet der Sprache. Wenn man aber eine Grenze zieht, so kann das verschiedenerlei Gründe haben. Wenn ich einen Platz mit einem Zaun, einem Strich, oder sonst irgendwie umziehe, so kann das den Zweck haben, jemand nicht hinaus, oder nicht hinein zu lassen; es kann aber auch zu einem Spiel gehören und die Grenze soll etwa von den Spielern übersprungen werden; oder es kann andeuten, wo der Besitz eines Menschen aufhört und der des andern anfängt; etc.. Ziehe ich also eine Grenze, so ist damit noch nicht gesagt, weshalb ich sie ziehe.

499 To say “This combination of words has no sense” excludes it from the realm of language and thereby delimits the area of language. But if one draws a boundary, this can have various reasons. If I enclose a place with a fence, a line, or something similar, this can have the purpose of preventing someone from going out or coming in; but it can also be part of a game, and the boundary is perhaps meant to be jumped over by the players; or it can indicate where one person’s property ends and another begins; etc.. So, if I draw a boundary, this does not necessarily mean that I am saying why I am drawing it.

§Ts-227a

260[2]

500 Wenn gesagt wird, ein Satz sei sinnlos, so ist nicht, quasi, sein Sinn sinnlos. Sondern eine Wortverbindung wird aus der Sprache ausgeschlossen, aus dem Verkehr gezogen.

500 When it is said that a sentence is senseless, it is not, as it were, its sense that is senseless. Rather, a combination of words is excluded from language, removed from circulation.

§Ts-227a

260[3]

501 “Der Zweck der Sprache ist, Gedanken auszudrücken.” – So ist es wohl der Zweck jedes Satzes, einen Gedanken auszudrücken. Welchen Gedanken drückt also z.B. der Satz “Es regnet” aus? –

501 “The purpose of language is to express thoughts.” – So, presumably, the purpose of each sentence is to express a thought. What thought, for example, does the sentence “It is raining” express? –

§Ts-227a

260[4]

502 Die Frage nach dem Sinn. Vergleiche: “Dieser Satz hat Sinn.” – “Welchen?” “Diese Wortreihe ist ein Satz.” – “Welcher?”

502 The question of sense. Compare: “This sentence has sense.” – “Which?” “This sequence of words is a sentence.” – “Which?”

§Ts-227a

260[5] &
261[1]

503 Wenn ich jemandem einen Befehl gebe, so ist es mir ganz genug, ihm Zeichen zu geben. Und ich würde nie sagen: Das sind ja Worte, und ich muß hinter die Worte dringen. Ebenso, wenn ich jemand etwas gefragt hätte und er gibt mir eine Antwort (also ein Zeichen) bin ich zufrieden – Das war es, was ich erwartete – und wende nicht ein: Das ist ja eine bloße Antwort.

503 When I give someone a command, it is quite enough for me to give them signs. And I would never say: These are just words, and I must penetrate behind the words. Similarly, if I have asked someone something and they give me an answer (i.e., a sign), I am satisfied – That was what I expected – and I do not say: That was just an answer.

§Ts-227a

261[2]

504 Wenn man aber sagt: “Wie soll ich wissen, was er meint, ich sehe ja nur seine Zeichen”, so sage ich: “Wie soll er wissen, was er meint, er hat ja auch nur seine Zeichen.”

504 But if one says: “How am I supposed to know what he means, I only see his signs”, then I say: “How is he supposed to know what he means, he only has his signs.”

§Ts-227a

261[3]

505 Muß ich einen Befehl verstehen, ehe ich nach ihm handeln kann? – Gewiß! sonst wüßtest du ja nicht, was du zu tun hast. – Aber vom Wissen zum Tun ist ja wieder ein Sprung! –

405 Must I understand a command before I can act on it? – Certainly! otherwise you wouldn’t know what to do. – But the leap from knowing to doing is another matter! –

§Ts-227a

261[4]

506 Der Zerstreute, der auf den Befehl “Rechts um!” sich nach links dreht, und nun, an die Stirn greifend, sagt “Ach so – rechts um” und rechts um macht. – Was ist ihm eingefallen? Eine Deutung?

506 The absent-minded person, who, upon hearing the command “Turn right!”, turns to the left, and then, touching their forehead, says “Oh, right – turn right” and turns right. – What occurred to him? An interpretation?

§Ts-227a

261[5]

507 “Ich sage das nicht nur, ich meine auch etwas damit.” – Wenn man sich überlegt, was dabei in uns vorgeht, wenn wir Worte meinen (und nicht nur sagen) so ist es uns, als wäre dann etwas mit diesen Worten gekuppelt, während sie sonst leerliefen. – Als ob sie gleichsam in uns eingriffen.

507 “I don’t just say that, I also mean something by it.” – If one considers what is happening in us when we mean words (and not just say them), it is as if something is then coupled with these words, while otherwise they run empty. – As if they, as it were, intervened in us.

§Ts-227a

261[6] &
262[1]

508 Ich sage einen Satz: “Das Wetter ist schön”; aber die Worte sind doch willkürliche Zeichen – setzen wir also an ihrer Statt diese: “a b c d”. Aber nun kann ich, wenn ich dies lese, mit ihm nicht ohne Weiteres den obigen Sinn verbinden. – Ich bin nicht gewöhnt, könnte ich sagen, statt “das” “a”, statt “Wetter” “b” zu sagen, etc.. Aber damit meine ich nicht, ich sei nicht gewöhnt, mit “a” sofort das Wort “das” zu assoziieren, sondern ich bin nicht gewöhnt, “a” an der Stelle von “das” zu gebrauchen – also in der Bedeutung von “das”. (Ich beherrsche diese Sprache nicht.) (Ich bin nicht gewöhnt, Temperaturen in FahrenheitGraden zu messen. Darum ‘sagt’ mir eine solche Temperaturangabe nichts.)

508 I say a sentence: “The weather is nice”; but the words are arbitrary signs – so let us put these in their place: “a b c d”. But now, when I read this, I cannot immediately connect it with the above sense. – I am not accustomed, I could say, to saying “a” instead of “the”, “b” instead of “weather”, etc.. But I do not mean that I am not accustomed to immediately associating “a” with the word “the”, but I am not accustomed to using “a” in place of “the” – i.e., in the sense of “the”. (I do not master this language.) (I am not accustomed to measuring temperatures in Fahrenheit. Therefore, such a temperature reading tells me nothing.)

§Ts-227a

262[2] &
263[1]

509 Wie, wenn wir jemanden fragten “In wiefern sind diese Worte eine Beschreibung dessen, was du siehst?”– und er antwortet: “Ich meine das mit diesen Worten.” (Er sah etwa auf eine Landschaft.) Warum ist diese Antwort “Ich meine das …” gar keine Antwort? Wie meint man, was man vor sich sieht, mit Worten? Denke, ich sagte “a b c d” und meine damit: Das Wetter ist schön. Ich hatte nämlich beim Aussprechen dieser Zeichen das Erlebnis, welches normalerweise nur der hätte, der jahraus jahrein “a” in der Bedeutung von “das”, “b” in der Bedeutung von “Wetter”, u.s.w., gebraucht hat. – Sagt dann “a b c d ”: das Wetter ist schön? Welches soll das Kriterium dafür sein, daß ich dies Erlebnis hatte?

509 How, if we asked someone, “In what way are these words a description of what you see?” – and he answers: “I mean that with these words.” (He was, for example, looking at a landscape.) Why is this answer “I mean that…” not an answer at all? How does one mean what one sees with words? Imagine I say “a b c d” and I mean: The weather is nice. I experienced, while uttering these signs, what normally only someone who has used “a” in the sense of “the”, “b” in the sense of “weather”, etc., year in, year out, would experience. – Does “a b c d” then mean: The weather is nice? What should be the criterion for the fact that I had this experience?

§Ts-227a

263[2]

510 Mach diesen Versuch: Sag “Hier ist es kalt” und meine “Hier ist es warm”. Kannst du es? – Und was tust du dabei? Und gibt es nur eine Art, das zu tun?

510 Try this: Say “It’s cold here” and mean “It’s warm here”. Can you do it? – And what are you doing in the process? And is there only one way to do it?

§Ts-227a

263[3]

511 Was heißt es denn: “entdecken, daß eine Aussage keinen Sinn hat”? – Und was heißt das: “Wenn ich etwas damit meine, muß es doch Sinn haben”? – Wenn ich etwas damit meine? – Wenn ich was damit meine?! – Man will sagen: der sinnvolle Satz ist der, den man nicht nur sagen, sondern den man auch denken kann.

511 What does it mean to “discover that a statement has no meaning”? – And what does it mean to say: “If I mean something by it, then it must have meaning”? – If I mean something by it? – If I mean something by it?! – One wants to say: the meaningful sentence is the one that one can not only say, but also think.

§Ts-227a

263[4]

512 Es scheint, als könnte man sagen: “Die Wortsprache läßt unsinnige Wortzusammenstellungen zu, die Sprache der Vorstellung aber nicht unsinnige Vorstellungen.” – Also die Sprache der Zeichnung auch nicht unsinnige Zeichnungen? Denke, es wären Zeichnungen, nach denen Körper modelliert werden sollen. Dann haben manche Zeichnungen Sinn, manche keinen. – Wie, wenn ich mir unsinnige Wortzusammenstellungen vorstelle?

512 It seems as if one could say: “Word-language allows nonsensical combinations of words, but the language of images does not allow nonsensical images.” – So the language of drawing does not allow nonsensical drawings either? Imagine there were drawings according to which bodies are to be modeled. Then some drawings have meaning, some do not. – What if I imagine nonsensical combinations of words?

§Ts-227a

263[5] &
264[1]

513 Betrachte diese Ausdrucksform: “Mein Buch hat soviel Seiten, wie eine Lösung der Gleichung x³ + 2x ‒ 3 = 0 beträgt.” Oder: “Die Zahl meiner Freunde ist n und n² + 2n + 2 = 0.” Hat dieser Satz Sinn? Es ist ihm unmittelbar nicht anzukennen. Man sieht an diesem Beispiel, wie es zugeht, daß etwas wie ein Satz aussieht, den wir verstehen, was doch keinen Sinn ergibt. (Dies wirft ein Licht auf den Begriff ‘Verstehen’ und ‘Meinen’.)

513 Consider this form of expression: “My book has as many pages as there are solutions to the equation x³ + 2x ‒ 3 = 0.” Or: “The number of my friends is n and n² + 2n + 2 = 0.” Does this sentence have meaning? It is not immediately apparent. This example shows how something can look like a sentence that we understand, but which in fact has no meaning. (This sheds light on the concepts of ‘understanding’ and ‘meaning’.)

§Ts-227a

264[2]

514 Ein Philosoph sagt: er verstehe den Satz “Ich bin hier”, meine etwas mit ihm, denke etwas,– auch wenn er sich gar nicht darauf besinnt, wie, bei welcher Gelegenheit, dieser Satz verwendet wird. Und wenn ich sage “Die Rose ist auch im Finstern rot”, so siehst du diese Röte im Finstern förmlich vor dir.

514 A philosopher says: he understands the sentence “I am here,” means something by it, thinks something – even if he does not consider how, on what occasion, this sentence is used. And if I say “The rose is red even in the dark,” then you can actually see this redness in the dark.

§Ts-227a

264[3]

515 Zwei Bilder der Rose im Finstern. Das eine ist ganz schwarz; denn die Rose ist unsichtbar. Im andern ist sie in allen Einzelheiten gemalt und von Schwärze umgeben. Ist eines von ihnen richtig, das andere falsch? Reden wir nicht von einer weißen Rose im Finstern und von einer roten Rose im Finstern? Und sagen wir nicht doch, sie ließen sich im Finstern nicht unterscheiden?

515 Two pictures of the rose in the dark. One is completely black, because the rose is invisible. In the other, it is painted in every detail and surrounded by black. Is one of them correct, the other incorrect? Are we not talking about a white rose in the dark and a red rose in the dark? And do we not say that they could not be distinguished in the dark?

§Ts-227a

264[4]

516 Es scheint klar: wir verstehen, was die Frage bedeutet “Kommt die Ziffernfolge 7777 in der Entwicklung von π vor?” Es ist ein deutscher Satz; man kann zeigen, was es heißt, 415 komme in der Entwicklung von π vor; und ähnliches. Nun, soweit solche Erklärungen reichen, soweit, kann man sagen, versteht man jene Frage.

516 It seems clear: we understand what the question means: “Does the digit sequence 7777 appear in the development of π?” It is a German sentence; one can show what it means for 415 to appear in the development of π; and so on. Well, as far as such explanations go, as far as that, one can say one understands that question.

§Ts-227a

265[1]

517 Es frägt sich: Können wir uns denn darin nicht irren, daß wir eine Frage verstehen? Denn mancher mathematische Beweis führt uns eben dazu, zu sagen, daß wir uns nicht vorstellen können, was wir glaubten, uns vorstellen zu können. (Z.B. die Konstruktion des Siebenecks.) Er führt uns dazu, zu revidieren, was uns als der Bereich des Vorstellbaren galt.

517 The question arises: Can we not be mistaken in that we understand a question? For some mathematical proofs lead us to say that we cannot imagine what we thought we could imagine. (E.g., the construction of the heptagon.) It leads us to revise what we considered to be the realm of the imaginable.

§Ts-227a

265[2]

518 Sokrates zu Theaitetos: “Und wer vorstellt, sollte nicht etwas vorstellen?” – Th.: “Notwendig.” – Sok.: “Und wer etwas vorstellt, nichts Wirkliches?” – Th.: “So scheint es.” Und wer malt, sollte nicht etwas malen – und wer etwas malt, nichts Wirkliches? – Ja, was ist das Objekt des Malens: das Menschenbild (z.B.) oder der Mensch, den das Bild darstellt?

518 Socrates to Theaetetus: “And whoever imagines, should he not imagine something?” – Th.: “Necessarily.” – Soc.: “And whoever imagines something, does he not imagine something real?” – Th.: “So it seems.” And whoever paints, should he not paint something – and whoever paints something, does he not paint something real? – Yes, what is the object of painting: the human image (e.g.) or the human being that the picture depicts?

§Ts-227a

265[3]

519 Man will sagen: ein Befehl sei ein Bild der Handlung, die nach ihm ausgeführt wurde; aber auch, ein Bild der Handlung, die nach ihm ausgeführt werden soll.

519 One will say: a command is a picture of the action that was carried out after it; but also, a picture of the action that is to be carried out after it.

§Ts-227a

265[4] &
266[1]

520 “Wenn man auch den Satz als Bild eines möglichen Sachverhalts auffaßt und sagt, er zeige die Möglichkeit des Sachverhalts, so kann doch der Satz bestenfalls tun, was ein gemaltes, oder plastisches Bild, oder ein Film, tut; und er kann also jedenfalls nicht hinstellen, was nicht der Fall ist. Also hängt es ganz von unserer Grammatik ab, was (logisch) möglich genannt wird, und was nicht,– nämlich eben was sie zuläßt?” – Aber das ist doch willkürlich! – Ist es willkürlich? – Nicht mit jeder satzartigen Bildung wissen wir etwas anzufangen, nicht jede Technik hat eine Verwendung in unserm Leben, und wenn wir in der Philosophie versucht sind, etwas ganz Unnützes unter die Sätze zu zählen, so geschieht es oft, weil wir uns seine Anwendung nicht genügend überlegt haben.

520 “If one also regards the sentence as a picture of a possible state of affairs and says that it shows the possibility of the state of affairs, then the sentence can at best do what a painted or plastic picture, or a film, does; and it certainly cannot depict what is not the case. So, it depends entirely on our grammar what is called (logically) possible, and what is not – namely, what it allows?” – But is that arbitrary? – Is it arbitrary? – Not every sentence-like formation allows us to understand something; not every technique has a use in our lives, and if in philosophy we try to count something completely useless among the sentences, it often happens because we have not sufficiently considered its application.

§Ts-227a

266[2]

521 Vergleiche ‘logisch möglich’ mit ‘chemisch möglich’. Chemisch möglich könnte man etwa eine Verbindung nennen, für die es eine Strukturformel mit den richtigen Valenzen gibt (etwa H-O-O-O-H). Eine solche Verbindung muß natürlich nicht existieren; aber auch einer Formel HO2 kann nicht weniger in der Wirklichkeit entsprechen, als keine Verbindung.

521 Compare ‘logically possible’ with ‘chemically possible’. Chemically possible might refer to a compound for which there is a structural formula with the correct valences (e.g., H-O-O-O-H). Such a compound does not necessarily have to exist; but even a formula HO2 cannot correspond to less in reality than no compound.

§Ts-227a

266[3] &
267[1]

522 Wenn wir den Satz mit einem Bild vergleichen, so müssen wir bedenken, ob mit einem Porträt (einer historischen Darstellung) oder mit einem Genrebild. Und beide Vergleiche haben Sinn. Wenn ich ein Genrebild anschaue, so ‘sagt’ es mir etwas, auch wenn ich keinen Augenblick glaube (mir einbilde), die Menschen, die ich darin sehe, seien wirklich, oder es habe wirkliche Menschen in dieser Situation gegeben. Denn wie, wenn ich fragte: “Was sagt es mir denn?”

522 If we compare the sentence with a picture, then we must consider whether it is a portrait (a historical depiction) or a genre painting. And both comparisons make sense. If I look at a genre painting, it ‘tells’ me something, even if I do not for a moment believe (imagine) that the people I see in it are real, or that there were real people in this situation. For how if I asked: “What does it tell me?”

§Ts-227a

267[2]

523 “Das Bild sagt mir sich selbst” – möchte ich sagen. D.h., daß es mir etwas sagt, besteht in seiner eigenen Struktur, in seinen Formen und Farben. (Was hieße es, wenn man sagte “Das musikalische Thema sagt mir sich selbst”?)

523 “The picture tells itself” – I would like to say. That is, what it tells me consists in its own structure, in its forms and colors. (What would it mean if one said “The musical theme tells itself”?)

§Ts-227a

267[3]

524 Sieh es nicht als selbstverständlich an, sondern als ein merkwürdiges Faktum, daß uns Bilder und erdichtete Erzählungen Vergnügen bereiten; unsern Geist beschäftigen. (“Sieh es nicht als selbstverständlich an”– das heißt: Wundere dich darüber so, wie über anderes, was dich beunruhigt. Dann wird das Problematische verschwinden, indem du die eine Tatsache so wie die andere hinnimmst.) ((Übergang von einem offenkundigen zu einem nichtoffenkundigen Unsinn.))

524 Do not take it for granted, but as a remarkable fact that pictures and invented stories give us pleasure; occupy our mind. (“Do not take it for granted” – that is: be surprised by it as you are by other things that disturb you. Then the problematic will disappear by you accepting one fact as much as the other.) ((Transition from an obvious to a non-obvious nonsense.))

§Ts-227a

267[4]

525 “Nachdem er das gesagt hatte, verließ er sie wie am vorigen Tage.” – Verstehe ich diesen Satz? Verstehe ich ihn ebenso, wie ich es täte, wenn ich ihn im Verlaufe einer Mitteilung hörte? Steht er isoliert da, so würde ich sagen, ich weiß nicht, wovon er handelt. Ich wüßte aber doch, wie man diesen Satz etwa gebrauchen könnte; ich könnte selbst einen Zusammenhang für ihn erfinden. (Eine Menge wohlbekannte Pfade führen von diesen Worten aus in alle Richtungen.)

525 “After he had said that, he left them as on the previous day.” – Do I understand this sentence? Do I understand it in the same way as I would if I heard it in the course of a communication? If it stands isolated, I would say that I do not know what it is about. But I would still know how one could use this sentence; I could even invent a context for it. (A lot of well-known paths lead from these words in all directions.)

§Ts-227a

267[5] &
268[1]

526 Was heißt es, ein Bild, eine Zeichnung zu verstehen? Auch da gibt es Verstehen und Nichtverstehen. Und auch da können diese Ausdrücke verschiedenerlei bedeuten. Das Bild ist etwa ein Stilleben; einen Teil davon aber verstehe ich nicht: ich bin nicht fähig, dort Körper zu sehen, sondern sehe nur Farbflecke auf der Leinwand. – Oder ich sehe alles körperlich, aber es sind Gegenstände, die ich nicht kenne (sie schauen aus wie Geräte, aber ich kenne ihren Gebrauch nicht). – Vielleicht aber kenne ich die Gegenstände, verstehe aber, in anderem Sinne – ihre Anordnung nicht.

526 What does it mean to understand a picture, a drawing? Even there, there is understanding and not-understanding. And even there, these expressions can mean different things. The picture is, for example, a still life; but I do not understand a part of it: I am not able to see bodies there, but only see patches of color on the canvas. – Or I see everything as physical, but they are objects that I do not know (they look like devices, but I do not know their use). – Perhaps I know the objects, but I do not understand, in another sense, their arrangement.

§Ts-227a

268[2]

527 Das Verstehen eines Satzes der Sprache ist dem Verstehen eines Themas in der Musik viel verwandter, als man etwa glaubt. Ich meine es aber so: daß das Verstehen des sprachlichen Satzes näher, als man denkt, dem liegt, was man gewöhnlich Verstehen des musikalischen Themas nennt. Warum sollen sich Stärke und Tempo gerade in dieser Linie bewegen? Man möchte sagen: “Weil ich weiß, was das alles heißt.” Aber was heißt es? Ich wüßte es nicht zu sagen. Zur ‘Erklärung’ könnte ich es mit etwas anderem vergleichen, was den selben Rhythmus (ich meine, dieselbe Linie) hat. (Man sagt: “Siehst du nicht, das ist, als würde eine Schlußfolgerung gezogen” oder: “Das ist gleichsam eine Parenthese”, etc. Wie begründet man solche Vergleiche? – Da gibt es sehr verschiedenartige Begründungen.)

527 The understanding of a sentence in language is more closely related to the understanding of a theme in music than one might think. I mean it in such a way that the understanding of the linguistic sentence is closer than one thinks to what one usually calls the understanding of a musical theme. Why should the strength and tempo move along precisely this line? One would like to say: “Because I know what all this means.” But what does it mean? I wouldn't know how to say it. For the ‘explanation,’ I could compare it to something else that has the same rhythm (I mean, the same line). (One says: “Don’t you see that it’s as if a conclusion is being drawn?” or: “It’s as if it were a parenthesis,” etc. How does one justify such comparisons? – There are very different kinds of justifications.)

§Ts-227a

268[3] &
269[1]

528 Man könnte sich Menschen denken, die etwas einer Sprache nicht ganz unähnliches besäßen: Lautgebärden, ohne Wortschatz oder Grammatik. (‘Mit Zungen reden’)

528 One could imagine people possessing something not entirely unlike language: vocal gestures, without a vocabulary or grammar. (‘Speaking with tongues’)

§Ts-227a

269[2]

529 “Was wäre aber hier die Bedeutung der Laute?” – Was ist sie in der Musik? Wenn ich auch gar nicht sagen will, daß diese Sprache der klanglichen Gebärden mit Musik verglichen werden müßte.

529 “But what would be the meaning of the sounds here?” – What is it in music? Even if I don't want to say that this language of sonic gestures should be compared to music.

§Ts-227a

269[3]

530 Es könnte auch eine Sprache geben, in deren Verwendung die ‘Seele’ der Worte keine Rolle spielt. In der uns z.B. nichts daran liegt, ein Wort durch ein beliebig erfundenes neues zu ersetzen. (?)

530 There could also be a language in which the ‘mind’ of the words plays no role in its use. One in which we, for example, don't care about replacing a word with any arbitrarily invented new one. (?)

§Ts-227a

269[4]

531 Wir reden vom Verstehen eines Satzes in dem Sinne, in welchem er durch einen andern ersetzt werden kann, der das Gleiche sagt; aber auch in dem Sinne, in welchem er durch keinen andern ersetzt werden kann. (So wenig, wie ein musikalisches Thema durch ein anderes.) Im einen Fall ist der Gedanke des Satzes, was verschiedenen Sätzen gemeinsam ist; im andern, etwas, was nur diese Worte, in diesen Stellungen, ausdrücken. (Verstehen eines Gedichts.)

531 We speak of understanding a sentence in the sense in which it can be replaced by another that says the same thing; but also in the sense in which it cannot be replaced by any other. (Just as little as a musical theme can be replaced by another.) In one case, the thought of the sentence is what different sentences have in common; in the other, something that only these words, in these positions, express. (Understanding a poem.)

§Ts-227a

269[5]

532 So hat also “verstehen” hier zwei verschiedene Bedeutungen? – Ich will lieber sagen, diese Gebrauchsarten von “verstehen” bilden seine Bedeutung, meinen Begriff des Verstehens. Denn ich will “verstehen” auf alles das anwenden.

532 So, does “understanding” have two different meanings here? – I would rather say that these ways of using “understanding” constitute its meaning, my concept of understanding. Because I want to apply “understanding” to all of this.

§Ts-227a

270[1]

533 Wie kann man aber in jenem zweiten Falle den Ausdruck erklären, das Verständnis übermitteln? Frage dich: Wie führt man jemand zum Verständnis eines Gedichts, oder eines Themas? Die Antwort darauf sagt, wie man hier den Sinn erklärt.

533 But how can one explain the expression, transmit the understanding, in that second case? Ask yourself: How does one lead someone to the understanding of a poem, or a theme? The answer to that tells us how one explains the sense here.

§Ts-227a

270[2]

534 Ein Wort in dieser Bedeutung hören. Wie seltsam, daß es so etwas gibt! So phrasiert, so betont, so gehört, ist der Satz der Anfang eines Übergangs zu diesen Sätzen, Bildern, Handlungen. ((Eine Menge wohlbekannter Pfade führen von diesen Worten aus nach allen Richtungen.))

534 To hear a word in this meaning. How strange that there is such a thing! Phrased thus, emphasized thus, heard thus, the sentence is the beginning of a transition to these sentences, images, actions. ((A lot of well-known paths lead from these words in all directions.))

§Ts-227a

270[3]

535 Was geschieht, wenn wir lernen, den Schluß einer Kirchentonart als Schluß zu empfinden?

535 What happens when we learn to feel the end of a church mode as an end?

§Ts-227a

270[4] &
271[1]

536 Ich sage: “Dieses Gesicht (das den Eindruck der Furchtsamkeit macht) kann ich mir auch als ein mutiges denken.” Damit meinen wir nicht, daß ich mir vorstellen kann, wie jemand mit diesem Gesicht etwa einem Andern das Leben retten kann (das kann man sich natürlich zu jedem Gesicht vorstellen). Ich rede vielmehr von einem Aspekt des Gesichtes selbst. Was ich meine, ist auch nicht, ich könne mir vorstellen, daß dieser Mensch sein Gesicht in ein mutiges, im gewöhnlichen Sinn, verändern kann; wohl aber, daß es auf ganz bestimmtem Wege in ein solches übergehen kann. Die Umdeutung eines Gesichtsausdrucks ist zu vergleichen der Umdeutung eines Akkords in der Musik, wenn wir ihn einmal als Überleitung in diese, einmal in jene Tonart empfinden.

536 I say: “This face (which makes the impression of timidity) I can also think of as a courageous one.” We do not mean that I can imagine someone with this face saving another’s life (one can, of course, imagine this for any face). Rather, I am talking about an aspect of the face itself. What I mean is not that I can imagine this person changing his face into a courageous one, in the ordinary sense; rather, that it can, in a very specific way, transition into such a one. The reinterpretation of a facial expression is comparable to the reinterpretation of a chord in music, when we perceive it once as a transition into this key, and once into that key.

§Ts-227a

271[2]

537 Man kann sagen “Ich lese die Furchtsamkeit in diesem Gesicht”, aber jedenfalls scheint mit dem Gesicht Furchtsamkeit nicht bloß assoziiert, äußerlich verbunden; sondern die Furcht lebt in den Gesichtszügen. Wenn sich die Züge ein wenig ändern, so können wir von einer entsprechenden Änderung der Furcht reden. Würden wir gefragt: “Kannst du dir dieses Gesicht auch als Ausdruck des Mutes denken?”– so wüßten wir, gleichsam, nicht, wie wir den Mut in diesen Zügen unterbringen sollten. Ich sage dann etwa: “Ich weiß nicht was das hieße, wenn dieses Gesicht ein mutiges Gesicht ist”. Aber wie sieht die Lösung so einer Frage aus? Man sagt etwa: “Ja, jetzt versteh ich es: das Gesicht ist sozusagen gleichgültig gegen die Außenwelt.” Wir haben also Mut hineingedeutet. Der Mut, könnte man sagen, paßt jetzt wieder auf das Gesicht. Aber was paßt hier worauf?

537 One can say “I read the fear in this face,” but in any case, it seems that fear is not merely associated with, externally connected to, the face; rather, the fear lives in the facial features. If the features change a little, then we can speak of a corresponding change in the fear. If we were asked: “Can you also imagine this face as an expression of courage?”—then we would, as it were, not know how to place the courage in these features. I might say something like: “I don’t know what it would mean if this face were a courageous face.” But what does the solution to such a question look like? One might say: “Yes, now I understand it: the face is, as it were, indifferent to the external world.” So we have thus alluded to courage. Courage, one might say, fits the face again. But what fits onto what here?

§Ts-227a

271[3]

538 Es ist ein verwandter Fall (obwohl es vielleicht nicht so scheinen möchte) wenn wir uns z.B. darüber wundern, daß im Französischen das prädikative Adjektiv mit dem Substantiv im Geschlecht übereinstimmt, und wenn wir uns dies so erklären: Sie meinen “der Mensch ist ein guter”.

538 It is a related case (although it may not seem so) when we wonder, for example, why in French the predicative adjective agrees in gender with the noun, and when we explain this as follows: They mean “man is good.”

§Ts-227a

272[1]

539 Ich sehe ein Bild, das einen lächelnden Kopf darstellt. Was tue ich, wenn ich das Lächeln einmal als ein freundliches, einmal als ein böses auffasse? Stelle ich es mir nicht oft in einer räumlichen und zeitlichen Umgebung vor, die freundlich oder böse ist? So könnte ich mir zu dem Bild vorstellen, daß der Lächelnde auf ein spielendes Kind herunterlächelt, oder aber auf das Leiden eines Feindes. Daran wird nichts geändert dadurch, daß ich mir auch die auf den ersten Blick liebliche Situation durch eine weitere Umgebung wieder anders deuten kann. – Ein gewisses Lächeln werde ich, wenn keine besondern Umstände meine Deutung umstellen, als freundliches auffassen, ein “freundliches” nennen, entsprechend reagieren. ((Wahrscheinlichkeit, Häufigkeit))

539 I see a picture that depicts a smiling head. What do I do when I interpret the smile once as friendly and once as evil? Don’t I often imagine it in a spatial and temporal environment that is friendly or evil? So, I could imagine that the smiling person is looking down on a child playing, or on the suffering of an enemy. Nothing is changed by the fact that I can also interpret the seemingly pleasant situation differently by means of a further environment. If there are no particular circumstances to change my interpretation, I will interpret a certain smile as friendly, call it a “friendly” smile, and react accordingly. ((Probability, frequency))

§Ts-227a

273[1]

540 “Ist es nicht eigentümlich, daß ich nicht soll denken können, es werde bald aufhören zu regnen,– auch ohne die Institution der Sprache und ihre ganze Umgebung?” – Willst du sagen, es ist seltsam, daß du dir diese Worte nicht solltest sagen können und sie meinen ohne jene Umgebung? Nimm an, jemand rufe, auf den Himmel weisend, eine Reihe unverständlicher Worte aus. Da wir ihn fragen, was er meint, sagt er, das heiße “Gottlob, es wird bald aufhören zu regnen.” Ja, er erklärt uns auch, was die einzelnen Wörter bedeuten. – Ich nehme an, er käme gleichsam plötzlich zu sich und sagte: jener Satz sei völliger Unsinn gewesen, sei ihm aber, als er ihn aussprach, als Satz einer ihm geläufigen Sprache erschienen. (Ja sogar wie ein wohlbekanntes Zitat.) – Was soll ich nun sagen? Hat er diesen Satz nicht verstanden, als er ihn sagte? Trug der Satz nicht seine ganze Bedeutung in sich?

540 “Isn’t it peculiar that I shouldn’t be able to think that it will soon stop raining, even without the institution of language and its entire environment?”—Do you mean that it is strange that you shouldn’t be able to say these words and have them “mean” something without that environment? Suppose someone, pointing to the sky, utters a series of unintelligible words. When we ask him what he means, he says that it means “Thank God, it will soon stop raining.” Yes, he also explains to us what the individual words mean. I suppose he suddenly comes to his senses and says that that sentence was complete nonsense, but that it appeared to him as a sentence of a language familiar to him when he said it. (Yes, even as a well-known quotation.) What should I say now? Didn’t he understand this sentence when he said it? Didn’t the sentence contain its entire meaning?

§Ts-227a

273[2]

541 Aber worin lag jenes Verstehen und die Bedeutung? Er sprach die Lautreihen etwa in erfreutem Tone, indem er auf den Himmel zeigte, während es noch regnete, aber schon lichter wurde; später machte er eine Verbindung seiner Worte mit den deutschen Worten.

541 But what was the understanding and the meaning? He spoke the sequences of sounds in a joyful tone, pointing to the sky while it was still raining, but was already getting lighter; later he made a connection between his words and the German words.

§Ts-227a

273[3] &
274[1]

542 “Aber seine Worte fühlten sich für ihn eben wie die Worte einer ihm wohlbekannten Sprache an.” – Ja; ein Kriterium dafür ist, daß er dies später sagte. Und nun sag ja nicht: “Die Wörter einer uns geläufigen Sprache fühlen sich eben in ganz bestimmter Weise an”. (Was ist der Ausdruck dieses Gefühls?)

542 “But his words simply felt to him like the words of a language that was quite familiar to him.” – Yes; a criterion for this is that he said this later. And now don’t say: “The words of a language that is familiar to us simply feel in a quite specific way.” (What is the expression of this feeling?)

§Ts-227a

274[2]

543 Kann ich nicht sagen: der Schrei, das Lachen, seien voll von Bedeutung? Und das heißt ungefähr: Es ließe sich viel aus ihnen ablesen.

543 Can I not say that a cry, laughter, are full of meaning? And that means roughly: One could read a lot from them.

§Ts-227a

274[3]

544 Wenn die Sehnsucht aus mir spricht “Wenn er doch nur käme!”, gibt das Gefühl den Worten ‘Bedeutung’. Gibt es aber den einzelnen Worten ihre Bedeutungen? Man könnte hier aber auch sagen: das Gefühl gebe den Worten Wahrheit. Und da siehst du, wie hier die Begriffe ineinander fließen. (Dies erinnert an die Frage: Was ist der Sinn eines mathematischen Satzes?)

544 When longing speaks from me, “If only he would come!”, the feeling gives the words “meaning.” Does it, however, give the individual words their meanings? One could also say here: the feeling gives the words “truth.” And there you see how the concepts flow into one another. (This is reminiscent of the question: What is the sense of a mathematical sentence?)

§Ts-227a

274[4]

545 Wenn man aber sagt “Ich hoffe, er wird kommen”– gibt das Gefühl nicht dem Worte “hoffen” seine Bedeutung? (Und wie ist es mit dem Satz “Ich hoffe nicht mehr, daß er kommen wird”?) Das Gefühl gibt dem Worte “hoffen” vielleicht seinen besondern Klang; d.h., es hat seinen Ausdruck im Klang. – Wenn das Gefühl dem Wort seine Bedeutung gibt, so heißt “Bedeutung” hier: das, worauf es ankommt. Warum aber kommt es aufs Gefühl an? Ist die Hoffnung ein Gefühl? (Kennzeichen.)

545 If, however, one says “I hope he will come”—does the feeling not give the word “hope” its meaning? (And what about the sentence “I no longer hope that he will come”?) The feeling perhaps gives the word “hope” its particular tone; that is, it has its expression in the tone. – If the feeling gives the word its meaning, then “meaning” here means: what matters. But why does the feeling matter? Is hoping a feeling? (Characteristic.)

§Ts-227a

274[5] &
275[1]

546 So, möchte ich sagen, sind die Worte “Möchte er doch kommen!” mit meinem Wunsche geladen. Und Worte können sich uns entringen,– wie ein Schrei. Worte können schwer auszusprechen sein: solche z.B., mit denen man auf etwas Verzicht leistet, oder eine Schwäche eingesteht. (Worte sind auch Taten.)

546 So, I would like to say, the words “If only he would come!” are charged with my wish. And words can be torn from us—like a cry. Words can be difficult to utter: such as those with which one renounces something, or confesses a weakness. (Words are also deeds.)

§Ts-227a

275[3]

547 Verneinen: eine ‘geistige Tätigkeit’. Verneine etwas, und beobachte, was du tust! – Schüttelst du etwa innerlich den Kopf? Und wenn es so ist – ist dieser Vorgang nun unseres Interesses würdiger, als der etwa, ein Verneinungszeichen in einen Satz zu schreiben? Kennst du jetzt das Wesen der Negation?

547 To negate: a ‘mental activity’. Negate something, and observe what you do! – Do you perhaps shake your head internally? And if so—is this process more worthy of our interest than, for example, writing a negation sign into a sentence? Do you now know the essence of negation?

§Ts-227a

275[2]-relocated

548 Was ist der Unterschied zwischen den beiden Vorgängen: Wünschen, daß etwas geschehe – und wünschen, daß dasselbe nicht geschehe? Will man es bildlich darstellen, so wird man mit dem Bild des Ereignisses verschiedenes vornehmen: es durchstreichen, es abzäunen, und dergleichen. Aber das, kommt uns vor, ist eine rohe Methode des Ausdrucks. In der Wortsprache gar verwenden wir das Zeichen “nicht”. Dies ist wie ein ungeschickter Behelf. Man meint: im Denken geschieht es schon anders.

548 What is the difference between the two processes: wishing that something happen—and wishing that the same thing does not happen? If one wants to depict it figuratively, one will do different things with the image of the event: cross it out, fence it off, and so on. But that, it seems to us, is a crude method of expression. In word-language, we simply use the sign “not”. This is like an awkward expedient. One thinks: in thinking, it happens differently.

§Ts-227a

94a[3] &
94a[4]

549 c) “Daß drei Verneinungen wieder eine Verneinung ergeben, muß doch schon in der einen Verneinung, die ich jetzt gebrauche, liegen.” Die Versuchung, einen Mythos des ‘Bedeutens’ zu erfinden.)

Es hat den Anschein, als würde aus der Natur der Negation folgen, daß eine doppelte Verneinung eine Bejahung ist. (Und etwas Richtiges ist daran. Was? Unsre Natur hängt mit beiden zusammen.)

c) “The fact that three negations again result in a negation must already be contained in the one negation that I am using now.” The temptation to invent a myth about ‘meaning’.

It seems as if the nature of negation implies that a double negation is an affirmation. (And there is something true in this. What? Our nature is connected with both.)

§Ts-227a

94a[5]

d) Es kann keine Diskussion darüber geben, ob diese Regeln, oder andere die richtigen für das Wort “nicht” sind (ich meine, ob sie seiner Bedeutung gemäß sind). Denn das Wort hat ohne diese Regeln noch keine Bedeutung; und wenn wir die Regeln ändern, so hat es nun eine andere Bedeutung (oder keine) und wir können dann ebensogut auch das Wort ändern.

d) There can be no discussion about whether these rules, or others, are the right ones for the word “not” (I mean, whether they are in accordance with its meaning). For the word does not yet have a meaning without these rules; and if we change the rules, then it now has a different meaning (or no meaning), and we could just as well change the word.

§Ts-227a

275[4] &
276[1]

“Wie kann das Wort ‘nicht’ verneinen?!” – “Das Zeichen ‘nicht’ deutet an, du sollst, was folgt, negativ auffassen.” Man möchte sagen: Das Zeichen der Verneinung ist eine Veranlassung, etwas – möglicherweise sehr kompliziertes – zu tun. Es ist, als veranlaßte uns das Zeichen der Negation zu etwas. Aber wozu? Das wird nicht gesagt. Es ist, als brauchte es nur angedeutet werden; als wüßten wir es schon. Als sei eine Erklärung unnötig, da wir die Sache ohnehin schon kennen.

549 “How can the word ‘not’ negate?!” – “The sign ‘not’ indicates that you should take what follows as negative.” One would like to say: the sign of negation is an inducement to do something—possibly very complicated. It is as if the sign of negation induces us to do something. But to what end? That is not said. It is as if it only needs to be indicated; as if we already know it. As if an explanation is unnecessary, since we already know the thing anyway.

§Ts-227a

276[2]

550 Die Negation, könnte man sagen, ist eine ausschließende, abweisende, Gebärde. Aber eine solche Gebärde verwenden wir in sehr verschiedenen Fällen!

550 Negation, one might say, is an excluding, rejecting gesture. But we use such a gesture in very different cases!

§Ts-227a

276[3]

551 “Ist es die gleiche Verneinung: ‘Eisen schmilzt nicht bei 100 Grad C’ und ‘2 mal 2 ist nicht 5’?” Soll das durch Introspektion entschieden werden; dadurch, daß wir zu sehen trachten, was wir bei beiden Sätzen denken?

551 “Is it the same negation: ‘Iron does not melt at 100 degrees C’ and ‘2 times 2 is not 5’?” Should this be decided by introspection; by trying to see what we think in both sentences?

§Ts-227a

276[4]

552 Wie, wenn ich fragte: Zeigt es sich uns klar, während wir die Sätze aussprechen “Dieser Stab ist 1 m lang” und “Hier steht 1 Soldat”, daß wir mit “1” Verschiedenes meinen, daß “1” verschiedene Bedeutungen hat? – Es zeigt sich uns gar nicht. – Sag etwa einen Satz wie “Auf je 1 m steht ein Soldat, auf je 2 m also 2 Soldaten”. Gefragt “Meinst du dasselbe mit den beiden Einsern?”, würde man etwa antworten: “Freilich meine ich dasselbe: eins!” (Dabei hebt man etwa einen Finger in die Höhe.)

552 How if I asked: Does it become clear to us while we utter the sentences “This rod is 1 m long” and “There is 1 soldier here,” that we mean something different by “1,” that “1” has different meanings? – It does not become clear to us. – Say a sentence like “For every 1 m there is one soldier, so for every 2 m there are 2 soldiers.” Asked “Do you mean the same thing by the two ones?”, one might answer: “Of course, I mean the same thing: one!” (Thereby one might hold up a finger.)

§Ts-227a

276[5] &
277[1]

553 Hat nun die “1” verschiedene Bedeutung, wenn sie einmal für die Maßzahl, ein andermal für die Anzahl steht? Wird die Frage so gestellt, so wird man sie bejahen.

553 Does “1” then have a different meaning when it is once for the measure number, and another time for the number? If the question is asked in this way, then one will answer it in the affirmative.

§Ts-227a

277[2]

554 Wir können uns leicht Menschen mit einer ‘primitiveren’ Logik denken, in der es etwas unserer Verneinung entsprechendes nur für bestimmte Sätze gibt; für solche etwa, die noch keine Verneinung enthalten. Man könnte den Satz “Er geht in das Haus” verneinen, eine Verneinung des negativen Satzes aber wäre sinnlos, oder sie gilt nur als Wiederholung der Verneinung. Denk an andere Mittel, als die unseren, eine Verneinung auszudrücken: etwa durch die Tonhöhe des Satzes. Wie sähe hier eine doppelte Verneinung aus?

554 We can easily imagine people with a ‘more primitive’ logic, in which there is something corresponding to our negation only for certain sentences; for example, for those that do not yet contain a negation. One could negate the sentence “He goes into the house,” but a negation of the negative sentence would be senseless, or it only applies as a repetition of the negation. Think of other means than ours of expressing a negation: for example, through the tone of the sentence. What would a double negation look like here?

§Ts-227a

277[3]

555 Die Frage, ob für diese Menschen die Verneinung dieselbe Bedeutung hat, wie für uns, wäre analog der, ob die Ziffer “5” für Menschen, deren Zahlenreihe mit 5 endigt, dasselbe bedeutet, wie für uns.

555 The question of whether negation has the same meaning for these people as it does for us would be analogous to the question of whether the digit “5” has the same meaning for people whose number series ends with 5 as it does for us.

§Ts-227a

277[4] &
278[1]

556 Denk dir eine Sprache mit zwei verschiedenen Worten für die Verneinung, das eine ist “X”, das andere “Y”. Ein doppeltes “X” gibt eine Bejahung, ein doppeltes “Y” aber eine verstärkte Verneinung. Im übrigen werden die beiden Wörter gleich verwendet. – Haben nun “X” und “Y” die gleiche Bedeutung, wenn sie ohne Wiederholung in Sätzen vorkommen? – Darauf könnte man Verschiedenes antworten. a) Die beiden Wörter haben verschiedenen Gebrauch. Also verschiedene Bedeutung. Sätze aber, in denen sie ohne Wiederholung stehen, und die im übrigen gleich lauten, haben gleichen Sinn. b) Die beiden Wörter haben die gleiche Funktion in Sprachspielen, bis auf die eine Verschiedenheit, die eine unwichtige Sache des Herkommens ist. Der Gebrauch beider Wörter wird auf die gleiche Weise gelehrt, durch die gleichen Handlungen, Gebärden, Bilder, etc.; und der Unterschied in ihrer Gebrauchsweise wird als etwas Nebensächliches, als einer von den kapriziösen Zügen der Sprache, der Erklärung der Wörter hinzugefügt. Darum werden wir sagen: “X” und “Y” haben die gleiche Bedeutung. c) Mit den beiden Verneinungen verbinden wir verschiedene Vorstellungen. “X” dreht gleichsam den Sinn um 180 Grad. Und darum bringen zwei solche Verneinungen den Sinn in seine alte Lage zurück. “Y” ist wie ein Kopfschütteln. Und wie man nicht ein Kopfschütteln durch ein zweites aufhebt, so auch nicht ein “Y” durch ein zweites. Und wenn also auch Sätze mit den beiden Verneinungen praktisch auf's selbe hinauskommen, so drücken “X” und “Y” doch verschiedene Ideen aus.

556 Imagine a language with two different words for negation, one is “X”, the other is “Y”. A double “X” gives an affirmation, but a double “Y” gives an intensified negation. Otherwise, the two words are used in the same way. – Do “X” and “Y” then have the same meaning when they occur in sentences without repetition? – One could answer this in different ways. a) The two words have different uses. Therefore, different meaning. However, sentences in which they appear without repetition, and which otherwise have the same content, have the same sense. b) The two words have the same function in language-games, except for one difference, which is an unimportant matter of origin. The use of both words is taught in the same way, through the same actions, gestures, images, etc.; and the difference in their use is regarded as something secondary, as one of the whimsical features of language, added to the explanation of the words. Therefore, we will say: “X” and “Y” have the same meaning. c) We associate different images with the two negations. “X” turns the sense, as it were, 180 degrees. And that is why two such negations bring the sense back to its original state. “Y” is like a shake of the head. And just as one does not cancel a shake of the head with a second one, so too one does not cancel a “Y” with a second one. And even if sentences with the two negations practically amount to the same thing, “X” and “Y” still express different ideas.

§Ts-227a

278[2] &
279[1]

557 Worin mag das gelegen haben, als ich die doppelte Verneinung aussprach, daß ich sie als verstärkte Verneinung und nicht als Bejahung meinte? Es gibt keine Antwort, die lautet: “Es lag darin, daß …”. Statt zu sagen “Diese Verdoppelung ist als Verstärkung gemeint” kann ich sie unter gewissen Umständen als Verstärkung aussprechen. Statt zu sagen “Die Verdopplung der Verneinung ist als ihre Aufhebung gemeint”, kann ich z.B. Klammern setzen. – “Ja, aber diese Klammern selbst können doch verschiedene Rollen spielen; denn wer sagt, daß sie als Klammern aufzufassen seien?” Niemand sagt es. Und du hast ja deine Auffassung wieder durch Worte erklärt. Was die Klammern bedeuten, liegt in der Technik ihrer Anwendung. Die Frage ist: Unter welchen Umständen hat es Sinn zu sagen “Ich habe … gemeint”, und welche Umstände berechtigen mich zu sagen “Er hat … gemeint”?

557 What could it have been that, when I uttered the double negation, I meant it as an intensified negation and not as an affirmation? There is no answer that says: “It was because …”. Instead of saying “This doubling is meant as an intensification,” I can, under certain circumstances, utter it as an intensification. Instead of saying “The doubling of the negation is meant as its cancellation,” I can, for example, use parentheses. – “Yes, but these parentheses themselves can play different roles; for who says that they are to be understood as parentheses?” No one says it. And you have, after all, explained your understanding again by means of words. What the parentheses mean lies in the technique of their application. The question is: Under what circumstances does it make sense to say “I meant …”, and what circumstances authorize me to say “He meant …”?

§Ts-227a

279[2]

558 Was heißt es, daß im Satze “Die Rose ist rot” das “ist” eine andere Bedeutung hat, als in “zwei mal zwei ist vier”? Wenn man antwortet, es heiße, daß verschiedene Regeln von diesen beiden Wörtern gelten, so ist zu sagen, daß wir hier nur ein Wort haben. – Und wenn ich nur auf die grammatischen Regeln achte, so erlauben diese eben die Verwendung des Wortes “ist” in beiderlei Zusammenhängen. – Die Regel aber, welche zeigt, daß das Wort “ist” in diesen Sätzen verschiedene Bedeutung hat, ist die, welche erlaubt, im zweiten Satz das Wort “ist” durch das Gleichheitszeichen zu ersetzen, und die diese Ersetzung im ersten Satz verbietet. (?)

558 What does it mean that in the sentence “The rose is red” the “is” has a different meaning than in “two times two is four”? If one answers that it means that different rules apply to these two words, then one must say that here we only have one word. – And if I only pay attention to the grammatical rules, then these rules allow the use of the word “is” in both contexts. – However, the rule which shows that the word “is” has different meaning in these sentences is the one which allows one to replace the word “is” in the second sentence with the sign of equality, and which forbids this replacement in the first sentence. (?)

§Ts-227a

279[3] &
280[1]

559 Man möchte etwa von der Funktion des Wortes in diesem Satz reden. Als sei der Satz ein Mechanismus, in welchem das Wort eine bestimmte Funktion habe. Aber worin besteht diese Funktion? Wie tritt sie zu Tage? Denn es ist ja nichts verborgen, wir sehen ja den ganzen Satz! Die Funktion muß sich im Laufe des Kalküls zeigen. ((Bedeutungskörper))

559 One might want to talk about the function of the word in this sentence. As if the sentence were a mechanism in which the word has a certain function. But what is this function? How does it manifest itself? Because there is nothing hidden; we can see the whole sentence! The function must become apparent in the course of the calculus. ((Meaning-body))

§Ts-227a

280[2]

560 “Die Bedeutung des Wortes ist das, was die Erklärung der Bedeutung erklärt.” D.h.: willst du den Gebrauch des Worts “Bedeutung” verstehen, so sieh nach, was man “Erklärung der Bedeutung” nennt.

560 “The meaning of the word is what explains the explanation of the meaning.” That is: if you want to understand the use of the word “meaning,” look at what one calls the “explanation of meaning.”

§Ts-227a

280[3]

561 Ist es nun nicht merkwürdig, daß ich sage, das Wort “ist” werde in zwei verschiedenen Bedeutungen (als Kopula und als Gleichheitszeichen) gebraucht, und nicht sagen möchte, seine Bedeutung sei sein Gebrauch: nämlich als Kopula und Gleichheitszeichen? Man möchte sagen, diese beiden Arten des Gebrauchs geben nicht eine Bedeutung; die Personalunion durch das gleiche Wort sei ein unwesentlicher Zufall.

561 Is it not remarkable that I say the word “is” is used in two different meanings (as a copula and as a sign of identity), and do not want to say that its meaning is its use: namely, as a copula and as a sign of identity? One might say that these two kinds of use do not give one meaning; the personal union through the same word is an immaterial coincidence.

§Ts-227a

280[4] &
281[1]

562 Aber wie kann ich entscheiden, welches ein wesentlicher und welches ein unwesentlicher, zufälliger Zug der Notation ist? Liegt denn eine Realität hinter der Notation, nach der sich ihre Grammatik richtet? Denken wir an einen ähnlichen Fall im Spiel: im Damespiel wird eine Dame dadurch gekennzeichnet, daß man zwei Spielsteine aufeinanderlegt. Wird man nun nicht sagen, daß es für das Spiel unwesentlich ist, daß eine Dame aus zwei Steinen besteht?

562 But how can I decide which is an essential and which is an inessential, accidental feature of the notation? Is there a reality behind the notation, according to which its grammar is determined? Let us think of a similar case in a game: in draughts, a piece is designated as a queen by placing two pieces on top of each other. Would one not say that it is immaterial to the game that a queen consists of two pieces?

§Ts-227a

281[2]

563 Sagen wir: die Bedeutung eines Steines (einer Figur) ist ihre Rolle im Spiel. – Nun werde vor Beginn jeder Schachpartie durch das Los entschieden, welcher der Spieler Weiß erhält. Dazu halte der Eine in jeder geschlossenen Hand einen Schachkönig, der andre wählt auf gut Glück eine der beiden Hände. Wird man es nun zur Rolle des Schachkönigs im Schachspiel rechnen, daß er so zum Auslosen verwendet wird?

563 Let us say: the meaning of a piece (a figure) is its role in the game. – Now, before the start of each chess game, let the players decide by lot who will receive White. To do this, let one player hold a chess king in each closed hand, and the other chooses one of the two hands at random. Would one now consider it to be part of the role of the chess king in the game of chess that it is used in this way for drawing lots?

§Ts-227a

281[3]

564 Ich bin also geneigt, auch im Spiel zwischen wesentlichen und unwesentlichen Regeln zu unterscheiden. Das Spiel, möchte man sagen, hat nicht nur Regeln, sondern auch einen Witz.

564 I am therefore inclined to distinguish between essential and inessential rules, even in a game. The game, one might say, has not only rules, but also a point.

§Ts-227a

281[4]

565 Wozu das gleiche Wort? Wir machen ja im Kalkül keinen Gebrauch von dieser Gleichheit! – Warum für beide Zwecke die gleichen Spielsteine? – Aber was heißt es hier “von der Gleichheit Gebrauch machen”? Ist es denn nicht ein Gebrauch, wenn wir eben das gleiche Wort gebrauchen?

565 What is the purpose of using the same word? We do not make use of this identity in the calculus! – Why use the same pieces for both purposes? – But what does it mean to “make use of the identity” here? Is it not a use when we use the same word?

§Ts-227a

281[5] &
282[1]

566 Hier scheint es nun, als hätte der Gebrauch des gleichen Worts, des gleichen Steins, einen Zweck – wenn die Gleichheit nicht zufällig, unwesentlich, ist. Und als sei der Zweck, daß man den Stein wiedererkennen, und wissen könne, wie man zu spielen hat. – Ist da von einer physischen, oder einer logischen Möglichkeit die Rede? Wenn das Letztere, so gehört eben die Gleichheit der Steine zum Spiel.

566 It seems here as if the use of the same word, the same piece, has a purpose – if the identity is not accidental, inessential. And as if the purpose is that one should recognize the piece and know how to play. – Is this about a physical, or a logical possibility? If the latter, then the identity of the pieces is part of the game.

§Ts-227a

282[2]

567 Das Spiel soll doch durch die Regeln bestimmt sein! Wenn also eine Spielregel vorschreibt, daß zum Auslosen vor der Schachpartie die Könige zu verwenden sind, so gehört das, wesentlich, zum Spiel. Was könnte man dagegen einwenden? Daß man den Witz dieser Vorschrift nicht einsehe. Etwa, wie wenn man auch den Witz einer Regel nicht einsähe, nach der jeder Stein dreimal umzudrehen wäre, ehe man mit ihm zieht. Fänden wir diese Regel in einem Brettspiel, so würden wir uns wundern und Vermutungen über den Zweck der Regel anstellen. (“Sollte diese Vorschrift verhindern, daß man ohne Überlegung zieht?”)

567 The game is supposed to be determined by the rules! If a rule of the game prescribes that the kings are to be used for drawing lots before the chess game, then this is, essentially, part of the game. What could one object to? That one does not see the point of this rule. As if one did not see the point of a rule according to which each piece would have to be turned over three times before one moves it. If we found this rule in a board game, we would be surprised and make guesses about the purpose of the rule. (“Is this rule intended to prevent one from moving without thinking?”)

§Ts-227a

282[3]

568 Wenn ich den Charakter des Spiels richtig verstehe – könnte ich sagen – so gehört das nicht wesentlich dazu. ((Die Bedeutung eine Physiognomie))

568 If I understand the character of the game correctly – I could say – then it does not essentially belong to it. ((The meaning is a physiognomy))

§Ts-227a

282[4] &
283[1]

569 Die Sprache ist ein Instrument. Ihre Begriffe sind Instrumente. Man denkt nun etwa, es könne keinen großen Unterschied machen, welche Begriffe wir verwenden. Wie man schließlich mit Fuß und Zoll Physik treiben kann, sowie mit m und cm; der Unterschied sei doch nur einer der Bequemlichkeit. Aber auch das ist nicht wahr, wenn, z.B., Rechnungen in einem Maßsystem mehr Zeit und Mühe erfordern, als wir aufwenden können.

569 Language is an instrument. Its concepts are instruments. One now thinks that it may not make a big difference which concepts we use. Just as one can do physics with feet and inches as well as with meters and centimeters; the difference is only one of convenience. But that is not true either, if, for example, calculations in one system of measurement require more time and effort than we can expend.

§Ts-227a

283[2]

570 Begriffe leiten uns zu Untersuchungen. Sind der Ausdruck unseres Interesses, und lenken unser Interesse.

570 Concepts guide us to investigations. They are the expression of our interest, and they direct our interest.

§Ts-227a

283[3]

571 Irreführende Parallele: Psychologie handelt von den Vorgängen in der psychischen Sphäre, wie Physik in der physischen. Sehen, Hören, Denken, Fühlen, Wollen, sind nicht im gleichen Sinne die Gegenstände der Psychologie, wie die Bewegungen der Körper, die elektrischen Erscheinungen, etc., Gegenstände der Physik. Das siehst du daraus, daß der Physiker diese Erscheinungen sieht, hört, über sie nachdenkt, sie uns mitteilt, und der Psychologe die Äußerungen (das Benehmen) des Subjekts beobachtet.

571 A misleading parallel: psychology deals with the processes in the psychological realm, just as physics deals with the physical realm. Seeing, hearing, thinking, feeling, wanting are not, in the same sense, the objects of psychology, as the movements of bodies, electrical phenomena, etc., are the objects of physics. You can see this from the fact that the physicist sees these phenomena, hears them, thinks about them, and communicates them to us, while the psychologist observes the subject's utterances (behaviour).

§Ts-227a

283[4]

572 Erwartung ist, grammatikalisch, ein Zustand: wie: einer Meinung sein, etwas hoffen, etwas wissen, etwas können. Aber um die Grammatik dieser Zustände zu verstehen, muß man fragen: “Was gilt als Kriterium dafür, daß sich jemand in diesem Zustand befindet?” (Zustand der Härte, des Gewichts, des Passens.)

572 Expectation is, grammatically, a state: like: having an opinion, hoping for something, knowing something, being able to do something. But in order to understand the grammar of these states, one must ask: “What counts as a criterion for someone being in this state?” (State of hardness, weight, fitting.)

§Ts-227a

283[5] &
284[1]

573 Eine Ansicht haben ist ein Zustand. – Ein Zustand wessen? Der Seele? Des Geistes? Nun, wovon sagt man, es habe eine Ansicht? Vom Herrn N.N. zum Beispiel. Und das ist die richtige Antwort. Man darf eben von der Antwort auf die Frage noch keinen Aufschluß erwarten. Fragen, welche tiefer dringen, sind: Was sehen wir, in besondern Fällen, als Kriterien dafür an, daß Einer die und die Meinung hat? Wann sagen wir: er sei damals zu dieser Meinung gekommen? Wann: er habe seine Meinung geändert? U.s.w. Das Bild, welches die Antworten auf diese Fragen uns geben, zeigt, was hier grammatisch als Zustand behandelt wird.

573 Having an opinion is a state. – A state of what? The mind? The spirit? Well, of whom does one say that he has an opinion? Of Mr. N.N., for example. And that is the correct answer. One should not, however, expect any further insight from the answer to this question. The questions that probe more deeply are: What do we, in particular cases, regard as criteria for someone having this or that opinion? When do we say that he came to this opinion at that time? When: that he changed his opinion? And so on. The picture that the answers to these questions give us shows what is, grammatically, treated as a state here.

§Ts-227a

284[2]

574 Ein Satz, und daher in anderm Sinne ein Gedanke, kann der ‘Ausdruck’ des Glaubens, Hoffens, Erwartens, etc., sein. Aber Glauben ist nicht Denken. (Eine grammatische Bemerkung.) Die Begriffe des Glaubens, Erwartens, Hoffens, sind einander weniger artfremd, als sie dem Begriff des Denkens sind.

574 A sentence, and therefore in another sense a thought, can be the ‘expression’ of belief, hope, expectation, etc. But belief is not thinking. (A grammatical remark.) The concepts of belief, expectation, and hope are less different from one another than they are from the concept of thinking.

§Ts-227a

284[3]

575 Als ich mich auf diesen Stuhl setzte, glaubte ich natürlich, er werde mich tragen. Ich dachte gar nicht, daß er zusammenbrechen könnte. Aber: “Trotz allem, was er tat, hielt ich an dem Glauben fest, …” Hier wird gedacht, und etwa immer wieder eine bestimmte Einstellung erkämpft.

575 When I sat down on this chair, I naturally believed that it would support me. I did not think that it could collapse. But: “Despite everything he did, I held fast to the belief…” Here, one is thinking, and perhaps repeatedly fighting for a particular attitude.

§Ts-227a

284[4]

576 Ich schaue auf die brennende Lunte, folge mit höchster Spannung dem Fortschreiten des Brandes und wie er sich dem Explosivstoff nähert. Ich denke vielleicht überhaupt nichts, oder eine Menge abgerissener Gedanken. Das ist gewiß ein Fall des Erwartens.

576 I look at the burning fuse, following with the greatest tension the progress of the fire and how it approaches the explosive. I may not be thinking anything at all, or a lot of disjointed thoughts. This is certainly a case of expectation.

§Ts-227a

285[1] &
285[2]

577 Wir sagen “Ich erwarte ihn”, wenn wir glauben, er werde kommen, sein Kommen uns aber nicht beschäftigt. Wir sagen aber auch “Ich erwarte ihn”, wenn dies heißen soll: Ich harre auf ihn. Wir könnten uns eine Sprache denken, die in diesen Fällen konsequent verschiedene Verben benützt. Und ebenso mehr als ein Verbum dort, wo wir von ‘glauben’, ‘hoffen’, u.s.w. reden. Die Begriffe dieser Sprache wären für ein Verständnis der Psychologie vielleicht geeigneter, als die Begriffe unsrer Sprache.

577 We say “I expect him” when we believe that he will come, but his coming does not occupy us. But we also say “I expect him” when this means: I am waiting for him. We could imagine a language that consistently uses different verbs in these cases. And likewise more than one verb where we talk about ‘believing,’ ‘hoping,’ etc. The concepts of this language might be more suitable for an understanding of psychology than the concepts of our language.

§Ts-227a

285[3] &
286[1]

578 Frage dich: Was heißt es, den Goldbach'schen Satz glauben? Worin besteht dieser Glaube? In einem Gefühl der Sicherheit, wenn wir den Satz aussprechen, hören, oder denken? (Das interessierte uns nicht.) Und was sind die Kennzeichen dieses Gefühls? Ich weiß ja auch nicht, wie weit das Gefühl durch den Satz selbst hervorgerufen sein mag. Soll ich sagen, der Glaube ist ein Farbton der Gedanken? Woher diese Idee? Nun, es gibt einen Tonfall des Glaubens, wie des Zweifels. Ich möchte fragen: Wie greift der Glaube in diesen Satz ein? Sehen wir nach, welche Konsequenzen dieser Glaube hat, wozu er uns bringt. “Er bringt mich zum Suchen nach einem Beweis dieses Satzes.” – Gut, jetzt sehen wir noch nach, worin dein Suchen eigentlich besteht! dann werden wir wissen, was es mit dem Glauben an den Satz auf sich hat.

578 Ask yourself: What does it mean to believe the Goldbach conjecture? What does this belief consist of? In a feeling of certainty when we state, hear, or think the conjecture? (This did not interest us.) And what are the characteristics of this feeling? I also do not know how much the feeling may be aroused by the conjecture itself. Should I say that belief is a shade of thought? Where does this idea come from? Well, there is a tone of voice of belief, as of doubt. I would like to ask: How does belief enter into this sentence? Let us look at what the consequences of this belief are, what it leads us to. “It leads me to search for a proof of this conjecture.” – Good, now let us look at what your searching actually consists of! Then we will know what the belief in the conjecture is all about.

§Ts-227a

286[2]

579 Das Gefühl der Zuversicht. Wie äußert es sich im Benehmen?

579 The feeling of confidence. How does it manifest itself in behaviour?

§Ts-227a

286[3]

580 Ein ‘innerer Vorgang’ bedarf äußerer Kriterien.

580 An ‘inner process’ requires external criteria.

§Ts-227a

286[4]

581 Eine Erwartung ist in einer Situation eingebettet, aus der sie entspringt. Die Erwartung einer Explosion kann z.B. aus einer Situation entspringen, in der eine Explosion zu erwarten ist.

581 An expectation is embedded in a situation from which it arises. For example, the expectation of an explosion can arise from a situation in which an explosion is to be expected.

§Ts-227a

286[5]

582 Wenn Einer, statt zu sagen “Ich erwarte jeden Moment die Explosion”, flüstert: “Es wird gleich losgehen”, so beschreiben doch seine Worte keine Empfindung; obgleich sie und ihr Ton eine Äußerung seiner Empfindung sein können.

582 If someone, instead of saying “I expect the explosion any moment,” whispers: “It will start soon,” his words do not describe a sensation; although they, and their tone, may be a manifestation of his sensation.

§Ts-227a

286[6] &
287[1]

583 “Aber du sprichst ja, als erwartete, hoffte, ich nicht eigentlich jetzt – da ich zu hoffen glaube. Als wäre, was jetzt geschieht, ohne tiefe Bedeutung.” – Was heißt es: “Was jetzt geschieht, hat Bedeutung” oder “hat tiefe Bedeutung”? Was ist eine tiefe Empfindung? Könnte Einer eine Sekunde lang innige Liebe oder Hoffnung empfinden,– was immer dieser Sekunde voranging, oder ihr folgt? ‒ ‒ Was jetzt geschieht, hat Bedeutung – in dieser Umgebung. Die Umgebung gibt ihm die Wichtigkeit. Und das Wort “hoffen” bezieht sich auf ein Phänomen im menschlichen Leben. (Ein lächelnder Mund lächelt nur in einem menschlichen Gesicht.)

583 “But you speak as if I didn’t actually expect, hope – as if I believe in hoping. As if what is happening now has no deep meaning.” – What does it mean to say: “What is happening now has meaning” or “has deep meaning”? What is a deep sensation? Could someone experience a moment of intense love or hope – whatever preceded that moment, or follows it? – What is happening now has meaning – in this environment. The environment gives it its importance. And the word “hoping” refers to a phenomenon in human life. (A smiling mouth only smiles in a human face.)

§Ts-227a

287[2]

584 Wenn ich nun in meinem Zimmer sitze und hoffe, N.N. werde kommen und mir Geld bringen, und eine Minute dieses Zustands könnte isoliert, aus ihrem Zusammenhang herausgeschnitten werden: wäre, was in ihr geschieht, dann kein Hoffen? – Denke, z.B., an die Worte, die du etwa in dieser Zeit ausspricht. Sie gehören nun nicht mehr dieser Sprache an. Und die Institution des Geldes gibt es in einer andern Umgebung auch nicht. Eine Königskrönung ist das Bild der Pracht und Würde. Schneide eine Minute dieses Vorgangs aus ihrer Umgebung heraus: dem König im Krönungsmantel wird die Krone aufs Haupt gesetzt. – In einer andern Umgebung aber ist Gold das billigste Metall, sein Glanz gilt als gemein. Das Gewebe des Mantels ist dort billig herzustellen. Die Krone ist die Parodie eines anständigen Huts. Etc.

584 If I now sit in my room and hope that N.N. will come and bring me money, and a minute of this state could be isolated, cut out of its context: would what happens in it then not be hoping? – Think, for example, of the words you might say during this time. They no longer belong to this language. And the institution of money does not exist in another environment either. A coronation is the image of splendor and dignity. Cut a minute of this process out of its environment: the king in the coronation robe has the crown placed on his head. – But in another environment, gold is the cheapest metal, and its luster is considered vulgar. The fabric of the robe is cheap to produce there. The crown is the parody of a decent hat. Etc.

§Ts-227a

287[3] &
288[1]

585 Wenn Einer sagt “Ich hoffe, er wird kommen”– ist das ein Bericht über seinen Seelenzustand, oder eine Äußerung seiner Hoffnung? – Ich kann es z.B. zu mir selbst sagen. Und mir mache ich doch keinen Bericht. Es kann ein Seufzer sein; aber muß kein Seufzer sein. Sage ich jemandem “Ich kann heute meine Gedanken nicht bei der Arbeit halten; ich denke immer an sein kommen”– so wird man das eine Beschreibung meines Seelenzustandes nennen.

585 If someone says “I hope he will come” – is this a report about his state of mind, or a manifestation of his hope? – I can, for example, say it to myself. And I am not giving myself a report. It can be a sigh; but it does not have to be a sigh. If I say to someone, “Today I cannot keep my thoughts on my work; I keep thinking about his coming,” this will be called a description of my state of mind.

§Ts-227a

288[2]

586 “Ich habe gehört, er wird kommen; ich erwarte ihn schon den ganzen Tag.” Dies ist ein Bericht darüber, wie ich den Tag verbracht habe. ‒ ‒ Ich komme in einem Gespräch zum Ergebnis, daß ein bestimmtes Ereignis zu erwarten sei, und ziehe diesen Schluß mit den Worten: “Ich muß also jetzt sein Kommen erwarten”. Das kann man den ersten Gedanken, den ersten Akt, dieser Erwartung nennen. ‒ ‒ Den Ausruf “Ich erwarte ihn sehnsüchtig!” kann man einen Akt des Erwartens nennen. Ich kann aber die selben Worte als das Resultat einer Selbstbeobachtung aussprechen, und sie hießen dann etwa: “Also nach allem, was vorgegangen ist, erwarte ich ihn dennoch mit Sehnsucht”. Es kommt darauf an: Wie ist es zu diesen Worten gekommen?

586 “I heard that he will come; I have been expecting him all day.” This is a report of how I spent the day. – I come to the conclusion in a conversation that a certain event is to be expected, and I draw this conclusion with the words: “I must now expect his coming.” This can be called the first thought, the first act, of this expectation. – The exclamation “I am eagerly expecting him!” can be called an act of expectation. But I can also utter the same words as the result of self-observation, and they would then mean something like: “So, after everything that has happened, I still expect him with longing.” It depends: how did these words come about?

§Ts-227a

288[3] &
289[1]

587 Hat es Sinn, zu fragen “Woher weißt du, daß du das glaubst?”– und ist die Antwort: “Ich erkenne es durch Introspektion”? In manchen Fällen wird man so etwas sagen können, in den meisten nicht. Es hat Sinn, zu fragen: “Liebe ich sie wirklich, mache ich mir das nicht nur vor?” und der Vorgang der Introspektion ist das Wachrufen von Erinnerungen; von Vorstellungen möglicher Situationen und der Gefühle, die man hätte, wenn …

587 Does it make sense to ask “How do you know that you believe that?” – and is the answer: “I recognize it through introspection”? In some cases, one can say something like that, in most cases not. It makes sense to ask: “Do I really love her, or am I just pretending?” and the process of introspection is the awakening of memories; of images of possible situations and the feelings one would have if …

§Ts-227a

289[2]

588 “Ich wälze den Entschluß in mir herum, morgen abzureisen.” (Dies kann man eine Beschreibung des Gemütszustandes nennen.)‒ ‒ “Deine Gründe überzeugen mich nicht; Ich bin nach wie vor der Absicht, morgen abzureisen.” Hier wird man versucht sein, die Absicht ein Gefühl zu nennen. Das Gefühl ist das einer gewissen Steifigkeit; des unabänderlichen Entschlusses. (Aber es gibt auch hier viele verschiedene charakteristische Gefühle, und Haltungen.)‒ ‒ Man fragt mich: “Wie lange bleibst du hier?” Ich antworte: “Morgen reise ich ab; meine Ferien gehen zu Ende.” – Dagegen aber: Ich sage am Ende eines Streits “Nun gut; dann reise ich morgen ab!” Ich fasse einen Entschluß.

588 “I am toying with the decision within myself to leave tomorrow.” (One could call this a description of a state of mind.) – – “Your reasons do not convince me; I still intend to leave tomorrow.” Here, one might be tempted to call the intention a feeling. The feeling is that of a certain rigidity; of an unalterable decision. (But there are also many different characteristic feelings and attitudes here.) – – I am asked: “How long will you stay here?” I answer: “I am leaving tomorrow; my vacation is coming to an end.” – But in contrast to this: I say at the end of a dispute, “Very well; then I will leave tomorrow!” I make a decision.

§Ts-227a

289[3]

589 “Ich habe mich in meinem Herzen dazu entschlossen.” Und man ist dabei auch geneigt, auf die Brust zu zeigen. Diese Redeweise ist psychologisch ernst zu nehmen. Warum sollte sie weniger ernst zu nehmen sein, als die Aussage, der Glaube sei ein Zustand der Seele? (Luther: “Der Glaube ist unter der linken Brustzitze.”)

589 “I have decided this in my heart.” And one is also inclined to point to the chest. This way of speaking is to be taken seriously psychologically. Why should it be taken any less seriously than the statement that belief is a state of mind? (Luther: “Faith is under the left breast.”)

§Ts-227a

289[4]

590 Es könnte sein, daß jemand die Bedeutung des Ausdrucks “was man sagt, ernstlich meinen” durch ein Zeigen auf das Herz verstehen lerne. Aber nun muß man fragen “Wie zeigt sich's, daß er es gelernt hat?”

590 It could be that someone learns to understand the meaning of the expression “to mean something seriously” by pointing to the heart. But now one must ask, “How does it show that he has learned it?”

§Ts-227a

290[1]

591 Soll ich sagen, wer eine Absicht hat, erlebt eine Tendenz? Es gebe bestimmte Tendenzerlebnisse? – Erinnere dich an diesen Fall: Wenn man in einer Diskussion dringend eine Bemerkung, einen Einwurf, machen will, geschieht es häufig, daß man den Mund öffnet, den Atem einzieht und anhält; entscheidet man sich dann, den Einwurf zu unterlassen, so läßt man den Atem aus. Das Erlebnis dieses Vorgangs ist offenbar das Erlebnis einer Tendenz, zu sprechen. Wer mich beobachtet, wird erkennen, daß ich etwas sagen wollte und mich dann anders besonnen habe. In dieser Situation nämlich. In einer andern würde er mein Benehmen so nicht deuten, so charakteristisch es auch in der gegenwärtigen Situation für die Absicht, zu sprechen, ist. Und ist irgend ein Grund vorhanden, anzunehmen, dieses selbe Erlebnis könnte in einer ganz andern Situation nicht auftreten,– in der es mit einer Tendenz nichts zu tun hat?

591 Should I say that someone who has an intention experiences a tendency? Are there specific tendencies experienced? – Recall this case: When one urgently wants to make a remark, an interjection, in a discussion, it often happens that one opens one’s mouth, takes a breath, and holds it; if one then decides to forgo the interjection, one lets the breath out. The experience of this process is obviously the experience of a tendency to speak. Someone observing me will recognize that I wanted to say something and then changed my mind. In this situation, namely. In another situation, he would not interpret my behaviour in this way, however characteristic it may be in the present situation for the intention to speak. And is there any reason to assume that this same experience could not occur in a completely different situation – one that has nothing to do with a tendency?

§Ts-227a

290[2] &
291[1]

592 “Aber wenn du sagst ‘Ich habe die Absicht, abzureisen’, so meinst du's doch! Es ist eben hier wieder das geistige Meinen, das den Satz belebt. Sprichst du den Satz bloß einem Andern nach, etwa um seine Sprechweise zu verspotten, so sprichst du ihn ohne dieses Meinen.” – Wenn wir philosophieren, so kann es manchmal so scheinen. Aber denken wir uns doch wirklich verschiedene Situationen aus, und Gespräche, und wie jener Satz in ihnen ausgesprochen wird! – “Ich entdecke immer einen geistigen Unterton; vielleicht nicht immer den gleichen.” – Und war da kein Unterton vorhanden, als du den Satz dem Andern nachsprachst? Und wie nun den ‘Unterton’ von dem übrigen Erlebnis des Sprechens trennen?

592 “But when you say ‘I intend to leave,’ you do mean it! It is precisely here that the mental meaning enlivens the sentence. If you merely repeat the sentence to someone else, perhaps to mock his way of speaking, you speak it without this meaning.” – When we philosophize, it can sometimes seem so. But let us really imagine different situations and conversations, and how that sentence is uttered in them! – “I always discover a mental undertone; perhaps not always the same.” – And was there no undertone when you repeated the sentence to the other person? And how are we to separate this ‘undertone’ from the rest of the experience of speaking?

§Ts-227a

291[2]

593 Eine Hauptursache philosophischer Krankheiten – einseitige Diät: man nährt sein Denken mit nur einer Art von Beispielen.

593 A major cause of philosophical ailments – a one-sided diet: one nourishes one’s thinking with only one kind of example.

§Ts-227a

291[3]

594 “Aber die Worte, sinnvoll ausgesprochen, haben doch nicht nur Fläche, sondern auch eine Tiefendimension!” Es findet eben doch etwas anderes statt, wenn sie sinnvoll ausgesprochen werden, als wenn sie bloß ausgesprochen werden. – Wie ich das ausdrücke, darauf kommt's nicht an. Ob ich sage, sie haben im ersten Fall Tiefe; oder, es geht dabei etwas in mir, in meinem Innern, vor; oder, sie haben eine Atmosphäre – es kommt immer aufs gleiche hinaus. “Wenn wir nun Alle hierin übereinstimmen, wird es da nicht wahr sein?” (Ich kann des Andern Zeugnis nicht annehmen, weil es kein Zeugnis ist. Es sagt mir nur, was er zu sagen geneigt ist.)

594 “But the words, when spoken meaningfully, do not only have surface, but also a dimension of depth!” Something different does indeed happen when they are spoken meaningfully than when they are merely spoken. – It does not matter how I express it. Whether I say that they have depth in the first case; or, something is happening in me, in my inner self; or, they have an atmosphere – it always comes down to the same thing. “If we all agree on this, will it not be true?” (I cannot accept the other’s testimony, because it is not testimony. It only tells me what he is inclined to say.)

§Ts-227a

291[4] &
292[1]

595 Es ist uns natürlich, den Satz in diesem Zusammenhang auszusprechen; und unnatürlich, ihn isoliert zu sagen. Sollen wir sagen: Es gibt ein bestimmtes Gefühl, das das Aussprechen jedes Satzes begleitet, dessen Aussprechen uns natürlich ist?

595 It is natural for us to utter the sentence in this context; and unnatural to say it in isolation. Should we say: there is a certain feeling that accompanies the uttering of every sentence whose uttering is natural to us?

§Ts-227a

292[2]

596 Das Gefühl der ‘Bekanntheit’ und der ‘Natürlichkeit’. Leichter ist es, ein Gefühl der Unbekanntheit und der Unnatürlichkeit aufzufinden. Oder: Gefühle. Denn nicht alles, was uns unbekannt ist, macht uns einen Eindruck der Unbekanntheit. Und hier muß man sich überlegen, was wir “unbekannt” nennen. Einen Feldstein, den wir am Weg sehen, erkennen wir als solchen, aber vielleicht nicht als den, der immer da gelegen ist. Einen Menschen etwa als Menschen, aber nicht als Bekannten. Es gibt Gefühle der Wohlvertrautheit; ihre Äußerung ist manchmal ein Blick, oder die Worte “Das alte Zimmer!” (das ich vor vielen Jahren bewohnt habe und nun unverändert wiederfinde). Ebenso gibt es Gefühle der Fremdheit: ich stutze; sehe den Gegenstand, oder Menschen, prüfend oder mißtrauisch an; sage “Es ist mir alles fremd.” – Aber weil es nun dies Gefühl der Fremdheit gibt, kann man nicht sagen: jeder Gegenstand, den wir gut kennen und der uns nicht fremd vorkommt, gebe uns ein Gefühl der Vertrautheit. – Wir meinen, quasi, der Platz, den einmal das Gefühl der Fremdheit einnimmt, müsse doch irgendwie besetzt sein. Es ist der Platz für diese Atmosphäre vorhanden, und nimmt ihn nicht die eine ein, dann eine andere.

596 The feeling of ‘familiarity’ and ‘naturalness’. It is easier to find a feeling of unfamiliarity and unnaturalness. Or: feelings. For not everything that is unfamiliar to us gives us an impression of unfamiliarity. And here one must consider what we call “unfamiliar.” We recognize a fieldstone that we see on the road as such, but perhaps not as the one that has always been there. A person, for example, as a person, but not as someone we know. There are feelings of familiarity; their manifestation is sometimes a glance, or the words “This old room!” (that I lived in many years ago and now find unchanged). Likewise, there are feelings of strangeness: I hesitate; look at the object, or people, questioningly or distrustfully; say “Everything is strange to me.” – But because there is this feeling of strangeness, one cannot say that every object that we know well and that does not seem strange to us gives us a feeling of familiarity. – We mean, as it were, that the place that the feeling of strangeness occupies must somehow be filled. There is a place for this atmosphere, and if one thing does not occupy it, then another does.

§Ts-227a

293[1]

597 Wie dem Deutschen, der gut Englisch spricht, Germanismen unterlaufen, obgleich er nicht erst den deutschen Ausdruck bildet und ihn dann ins Englische übersetzt; wie er also Englisch spricht, als übersetze er, ‘unbewußt’, aus dem Deutschen, so denken wir oft, als läge unserm Denken ein Denkschema zu Grunde; als übersetzten wir aus einer primitiveren Denkweise in die unsre.

597 Just as Germanisms creep into the speech of a German who speaks good English, although he does not first form the German expression and then translate it into English; just as he speaks English, as if translating from German, ‘unconsciously,’ so we often think as if there were a thought-schema underlying our thinking; as if we were translating from a more primitive way of thinking into our own.

§Ts-227a

293[2]

598 Wenn wir philosophieren, möchten wir Gefühle hypostasieren, wo keine sind. Sie dienen dazu, uns unsere Gedanken zu erklären. ‘Hier verlangt die Erklärung unseres Denkens ein Gefühl!’ Es ist, als ob unsre Überzeugung auf diese Forderung hin ihr nachkäme.

598 When we philosophize, we want to hypostasize feelings where there are none. They serve to explain our thoughts. ‘Here the explanation of our thinking requires a feeling!’ It is as if our conviction were fulfilling this demand.

§Ts-227a

293[3]

599 In der Philosophie werden nicht Schlüsse gezogen. “Es muß sich doch so verhalten!” ist kein Satz der Philosophie. Sie stellt nur fest, was Jeder ihr zugibt.

599 No inferences are drawn in philosophy. “It must be so!” is not a sentence of philosophy. It merely states what everyone concedes to it.

§Ts-227a

293[4]

600 Macht alles, was uns nicht auffällt, den Eindruck der Unauffälligkeit? Macht uns das Gewöhnliche immer den Eindruck der Gewöhnlichkeit?

600 Does everything that we do not notice give the impression of inconspicuousness? Does the ordinary always give us the impression of ordinariness?

§Ts-227a

293[5]

601 Wenn ich von diesem Tisch rede,– erinnere ich mich daran, daß dieser Gegenstand “Tisch” genannt wird?

601 When I talk about this table, do I remember that this object is called “table”?

§Ts-227a

293[6] &
294[1]

602 Wenn man mich fragt “Hast du deinen Schreibtisch wiedererkannt, wie du heute morgen in dein Zimmer getreten bist?” – so würde ich wohl sagen “Gewiß!” Und doch wäre es irreführend, zu sagen, es habe sich da ein Wiedererkennen abgespielt. Der Schreibtisch war mir natürlich nicht fremd; ich war nicht überrascht, ihn zu sehen, wie ich es gewesen wäre, wenn ein Anderer da gestanden hätte, oder ein fremdartiger Gegenstand.

602 If one asks me “Did you recognize your desk when you walked into your room this morning?” – I would probably say “Certainly!” And yet it would be misleading to say that a recognition took place. The desk was certainly not unfamiliar to me; I was not surprised to see it, as I would have been if someone else had been standing there, or if there had been a strange object.

§Ts-227a

294[2]

603 Niemand wird sagen, daß jedesmal, wenn ich in mein Zimmer komme, in die altgewohnte Umgebung, sich ein Wiedererkennen alles dessen, was ich sehe und hundertmal gesehen habe, abspielt.

603 No one will say that every time I come into my room, into the familiar surroundings, a recognition of everything I see and have seen a hundred times takes place.

§Ts-227a

294[3]

604 Von den Vorgängen, die man “Wiedererkennen” nennt, haben wir leicht ein falsches Bild; als bestünde das Wiedererkennen immer darin, daß wir zwei Eindrücke miteinander vergleichen. Es ist, als trüge ich ein Bild eines Gegenstands bei mir und agnoszierte danach einen Gegenstand als den, welchen das Bild darstellt. Unser Gedächtnis scheint uns so einen Vergleich zu vermitteln, indem es uns ein Bild des früher Gesehenen aufbewahrt, oder uns erlaubt (wie durch ein Rohr) in die Vergangenheit zu blicken.

604 We have an easy, and perhaps incorrect, picture of the processes that we call “recognition”; as if recognition always consisted in comparing two impressions. It is as if I carried a picture of an object with me and identified an object as the one that the picture depicts. Our memory seems to provide us with such a comparison, by preserving a picture of what was seen before, or by allowing us (as through a tube) to look into the past.

§Ts-227a

294[4]

605 Und es ist ja nicht so sehr, als vergliche ich den Gegenstand mit einem neben ihm stehenden Bild, sondern als deckte er sich mit dem Bild. Ich sehe also nur Eins und nicht Zwei.

605 And it is not so much as if I compared the object with a picture next to it, but as if it matched the picture. So I see only one thing, not two.

§Ts-227a

295[1]

606 Wir sagen “Der Ausdruck seiner Stimme war echt”. War er unecht, so denken wir uns quasi hinter ihm einen anderen stehen. – Er macht nach außen dieses Gesicht, im Innern aber ein anderes. – Das heißt aber nicht, daß, wenn sein Ausdruck echt ist, er zwei gleiche Gesichter macht. ((“Ein ganz bestimmter Ausdruck”))

606 We say, “The expression of his voice was genuine.” If it was not genuine, then we imagine, as it were, that there is another standing behind it. – He puts on this face outwardly, but has a different one inwardly. – This does not mean that, when his expression is genuine, he is making two identical faces. ((“A quite specific expression”))

§Ts-227a

295[2] &
296[1] &
297[1]

607 Wie schätzt man, wieviel Uhr es ist? Ich meine aber nicht, nach äußeren Anhaltspunkten, dem Stand der Sonne, der Helligkeit im Zimmer, u. dergl.– Man fragt sich etwa “Wieviel Uhr kann es sein?”, hält einen Augenblick inne, stellt sich vielleicht das Zifferblatt vor; und dann spricht man eine Zeit aus. – Oder man überlegt sich mehrere Möglichkeiten; man denkt sich eine Zeit, dann eine andre, und bleibt endlich bei einer stehen. So und ähnlich geht es vor sich. ‒ ‒ Aber ist nicht der Einfall von einem Gefühl der Überzeugung begleitet; und heißt das nicht, daß er nun mit einer inneren Uhr übereinstimmt? – Nein, ich lese die Zeit von keiner Uhr ab; ein Gefühl der Überzeugung ist insofern da, als ich mir ohne Empfindung des Zweifels, mit Ruhe und Sicherheit, eine Zeit sage. – Aber schnappt nicht etwas bei dieser Zeitangabe ein? – Nichts das ich wüßte; wenn du nicht das Zur-Ruhe-Kommen der Überlegung, das Stehenbleiben bei einer Zahl so nennst. Ich hätte hier auch nie von einem ‘Gefühl der Überzeugung’ geredet, sondern gesagt: ich habe eine Weile überlegt und mich dann dafür entschieden, daß es viertel sechs ist. – Wonach aber hab ich mich entschieden? Ich hätte vielleicht gesagt: “bloß nach dem Gefühl”; das heißt nur: ich habe es dem Einfall überlassen. ‒ ‒ Aber du mußtest dich doch wenigstens zum Schätzen der Zeit in einen bestimmten Zustand versetzen; und du nimmst doch nicht jede Vorstellung einer Zeitangabe als Angabe der richtigen Zeit! – Wie gesagt: ich hatte mich gefragt “Wieviel Uhr mag es sein?” D.h., ich habe diese Frage nicht, z.B., in einer Erzählung gelesen; noch sie als Ausspruch eines Andern zitiert; noch mich im Aussprechen dieser Wörter geübt; u.s.f. Nicht unter diesen Umständen habe ich die Worte gesprochen. – Aber unter welchen also? – Ich dachte an mein Frühstück und ob es heute spät damit würde. Solcherart waren die Umstände. – Aber siehst du denn wirklich nicht, daß du doch in einem, wenn auch ungreifbaren, für das Schätzen der Zeit charakteristischen Zustand, gleichsam in einer dafür charakteristischen Atmosphäre warst? – Ja, das Charakteristische war, daß ich mich fragte “Wieviel Uhr mag es sein?” – Und hat dieser Satz eine bestimmte Atmosphäre,– wie soll ich sie von ihm selbst trennen können? Es wäre mir nie eingefallen, der Satz hätte einen solchen Dunstkreis, hätte ich nicht daran gedacht, wie man ihn auch anders – als Zitat, im Scherz, als Sprechübung, etc.– sagen könnte. Und da wollte ich auf einmal sagen, da erschien es mir auf einmal, ich müßte die Worte doch irgendwie besonders gemeint haben; anders nämlich, als in jenen andern Fällen. Es hatte sich mir das Bild von der besondern Atmosphäre aufgedrängt; ich sehe sie förmlich vor mir – solange ich nämlich nicht auf das sehe, was nach meiner Erinnerung wirklich gewesen ist. Und was das Gefühl der Sicherheit anbelangt: so sage ich mir manchmal “Ich bin sicher, es ist … Uhr”, und in mehr oder weniger sicherem Tonfall, etc. Fragst du nach dem Grund für diese Sicherheit, so habe ich keinen. Wenn ich sage: ich lese es auf einer innern Uhr ab,– so ist das ein Bild, dem nur entspricht, daß ich diese Zeitangabe gemacht habe. Und der Zweck des Bildes ist, diesen Fall dem andern anzugleichen. Ich sträube mich, die beiden verschiedenen Fälle anzuerkennen.

607 How does one estimate what time it is? I do not mean according to external clues, the position of the sun, the brightness in the room, and so on. – One asks oneself, for example, “What time could it be?” One pauses for a moment, perhaps imagines the clock face; and then one states a time. – Or one considers several possibilities; one imagines one time, then another, and finally settles on one. It happens in this way, or in a similar way. – – But is not this guess accompanied by a feeling of conviction? And does that not mean that it now corresponds to an internal clock? – No, I am not reading the time from any clock; a feeling of conviction is present in so far as I state a time without any sensation of doubt, calmly and with certainty. – But is something not present in this statement of time? – Nothing that I am aware of; unless you call the quieting of the consideration, the stopping at a number, that. I would never have spoken of a “feeling of conviction” here, but would have said: I thought about it for a while and then decided that it was a quarter to six. – But what did I decide according to? I might have said: “merely according to feeling”; that is to say, I simply left it to the guess. – – But you must have put yourself in a certain state in order to estimate the time; and you do not take every idea of a time as an indication of the correct time! – As I said: I asked myself “What time could it be?” That is to say, I did not, for example, read this question in a story; nor did I quote it as the utterance of another; nor did I practice saying these words, and so on. I did not speak the words under these circumstances. – But under what circumstances, then? – I was thinking about my breakfast and whether I would be late with it today. That was the situation. – But do you not really see that you were in a certain state, albeit an elusive one, which is characteristic of estimating the time, as it were, in a characteristic atmosphere? – Yes, the characteristic thing was that I asked myself “What time could it be?” – And does this sentence have a certain atmosphere? How am I supposed to separate it from the sentence itself? It would never have occurred to me that the sentence had such an aura if I had not thought about how it could also be said in other ways – as a quotation, in jest, as a speech exercise, etc. And there I suddenly wanted to say that I must have meant the words in some special way; differently, namely, than in those other cases. The image of the special atmosphere was forced upon me; I can actually see it before me – as long as I do not look at what really happened in my memory. And as for the feeling of certainty: I sometimes say to myself “I am sure it is … o’clock,” and in a more or less certain tone of voice, etc. If you ask for the reason for this certainty, I have no reason. If I say: I read it from an internal clock, then that is an image that corresponds only to the fact that I made this statement of time. And the purpose of the image is to make this case resemble the other. I resist recognizing the two different cases.

§Ts-227a

297[2]

608 Von größter Wichtigkeit ist die Idee der Ungreifbarkeit jenes geistigen Zustands beim Schätzen der Zeit. Warum ist er ungreifbar? Ist es nicht, weil wir, was an unserm Zustand greifbar ist, uns weigern, zu dem spezifischen Zustand zu rechnen, den wir postulieren?

608 The idea of the elusiveness of that mental state in estimating time is of the greatest importance. Why is it elusive? Is it not because we refuse to count what is graspable in our state as belonging to the specific state that we postulate?

§Ts-227a

297[3]

609 Die Beschreibung einer Atmosphäre ist eine spezielle Sprachanwendung, zu speziellen Zwecken. ((Deuten des ‘Verstehens’ als Atmosphäre; als seelischer Akt. Man kann zu allem eine Atmosphäre hinzukonstruieren. ‘Ein unbeschreiblicher Charakter’.))

609 The description of an atmosphere is a special application of language, for specific purposes. ((Interpreting ‘understanding’ as atmosphere; as a mental act. One can construct an atmosphere for anything. ‘An indescribable character’.)

§Ts-227a

298[1]

610 Beschreib das Aroma des Kaffees! – Warum geht es nicht? Fehlen uns die Worte? Und wofür fehlen sie uns? – Woher aber der Gedanke, es müsse doch so eine Beschreibung möglich sein? Ist dir so eine Beschreibung je abgegangen? Hast du versucht, das Aroma zu beschreiben, und es ist nicht gelungen? ((Ich möchte sagen “Diese Töne sagen etwas herrliches, aber ich weiß nicht was.” Diese Töne sind eine starke Geste, aber ich kann ihr nichts erklärendes an die Seite stellen. Ein tief ernstes Kopfnicken. James: “Es fehlen uns die Worte”. Warum führen wir sie dann nicht ein? Was müßte der Fall sein, damit wir es könnten?))

610 Describe the aroma of coffee! – Why is it impossible? Are we lacking the words? And for what are we lacking them? – But where does the thought come from that such a description should be possible? Have you ever been without such a description? Have you tried to describe the aroma, and failed? ((I would like to say, “These sounds say something wonderful, but I don’t know what.” These sounds are a strong gesture, but I can’t put anything explanatory beside them. A deep, earnest nod. James: “We are lacking the words.” Why don’t we introduce them? What would have to be the case for us to be able to do so?))

§Ts-227a

298[2]

611 “Das Wollen ist auch nur eine Erfahrung”, möchte man sagen (der ‘Wille’ auch nur ‘Vorstellung’). Er kommt, wenn er kommt, und ich kann ihn nicht herbeiführen. Nicht herbeiführen? – Wie was? Was kann ich denn herbeiführen? Womit vergleiche ich das Wollen, wenn ich dies sage?

611 “Willing is also just an experience,” one might say (and ‘will’ is also just ‘image’). It comes when it comes, and I cannot bring it about. Not bring it about? – How what? What can I bring about? What do I compare willing to when I say this?

§Ts-227a

298[3] &
299[1]

612 Von der Bewegung meines Armes, z.B., würde ich nicht sagen, sie komme, wenn sie komme, etc. Und hier ist das Gebiet, in welchem wir sinnvoll sagen, daß uns etwas nicht einfach geschieht, sondern daß wir es tun. “Ich brauche nicht abwarten, bis mein Arm sich heben wird,– ich kann ihn heben.” Und hier setze ich die Bewegung meines Arms etwa dem entgegen, daß sich das heftige Klopfen meines Herzens legen wird.

612 I would not say that the movement of my arm, for example, comes when it comes, etc. And here is the area in which we can meaningfully say that something does not simply happen to us, but that we do it. “I do not need to wait until my arm will lift; I can lift it.” And here I set the movement of my arm in opposition to the fact that the violent throbbing of my heart will subside.

§Ts-227a

299[2]

613 In dem Sinne, in welchem ich überhaupt etwas herbeiführen kann (etwa Magenschmerzen durch Überessen) kann ich auch das Wollen herbeiführen. In diesem Sinne führe ich das Schwimmen-Wollen herbei, indem ich ins Wasser springe. Ich wollte wohl sagen: ich könnte das Wollen nicht wollen; d.h., es hat keinen Sinn, vom Wollen-Wollen zu sprechen. “Wollen” ist nicht der Name für eine Handlung und also auch für keine willkürliche. Und mein falscher Ausdruck kam daher, daß man sich das Wollen als ein unmittelbares, nichtkausales, Herbeiführen denken will. Dieser Idee aber liegt eine irreführende Analogie zu Grunde; der kausale Nexus erscheint durch einen Mechanismus hergestellt, der zwei Maschinenteile verbindet. Die Verbindung kann auslassen, wenn der Mechanismus gestört wird. (Man denkt nur an die Störungen, denen ein Mechanismus normalerweise ausgesetzt ist; nicht daran, daß etwa die Zahnräder plötzlich weich werden, oder einander durchdringen, etc.)

613 In the sense in which I can bring something about at all (for example, stomach pain by overeating), I can also bring about willing. In this sense, I bring about the willing to swim by jumping into the water. I wanted to say: I could not want the willing; that is, it does not make sense to speak of wanting to want. “Willing” is not the name for an action, and therefore also not for any voluntary action. And my false expression came from the fact that one wants to think of willing as an immediate, non-causal, bringing-about. But this idea is based on a misleading analogy; the causal nexus appears to be established through a mechanism that connects two machine parts. The connection can fail if the mechanism is disturbed. (One thinks only of the disturbances to which a mechanism is normally exposed; not of the fact that the gears suddenly become soft, or penetrate each other, etc.)

§Ts-227a

299[3]

614 Wenn ich meinen Arm ‘willkürlich’ bewege, so bediene ich mich nicht eines Mittels, die Bewegung herbeizuführen. Auch mein Wunsch ist nicht ein solches Mittel.

614 If I move my arm ‘voluntarily’, then I do not use a means to bring about the movement. My wish is also not such a means.

§Ts-227a

299[4] &
300[1]

615 “Das Wollen, wenn es nicht eine Art Wünschen sein, soll, muß das Handeln selber sein. Es darf nicht vor dem Handeln stehen bleiben.” Ist es das Handeln, so ist es dies im gewöhnlichen Sinne des Worts; also: sprechen, schreiben, gehen, etwas heben, sich etwas vorstellen. Aber auch: trachten, versuchen, sich bemühen,– zu sprechen, zu schreiben, etwas zu heben, sich etwas vorzustellen, etc.

615 “Willing, if it is not a kind of wishing, must be the action itself. It must not remain before the action.” If it is the action, then it is this in the ordinary sense of the word; that is: speaking, writing, going, lifting something, imagining something. But also: striving, trying, making an effort, – to speak, to write, to lift something, to imagine something, etc.

§Ts-227a

300[2]

616 Wenn ich meinen Arm hebe, so habe ich nicht gewünscht, er möge sich heben. Die willkürliche Handlung schließt diesen Wunsch aus. Man kann allerdings sagen: “Ich hoffe, ich werde den Kreis fehlerlos zeichnen”. Und damit drückt man einen Wunsch aus, die Hand möge sich so und so bewegen.

616 When I lift my arm, I have not wished that it should lift. Voluntary action excludes this wish. One can, however, say: “I hope that I will draw the circle without error.” And with that, one expresses a wish that the hand should move in such and such a way.

§Ts-227a

300[3] &
301[1]

617 Wenn wir unsere Finger in bestimmter Weise verschränken, so sind wir manchmal nicht im Stande, einen bestimmten Finger auf Befehl zu bewegen, wenn der Befehlende bloß auf den Finger zeigt – ihn bloß unserm Aug zeigt. Wenn er ihn dagegen berührt, so können wir ihn bewegen. Man möchte diese Erfahrung so beschreiben: wir seien nicht im Stande, den Finger bewegen zu wollen. Der Fall ist ganz verschieden von dem, wenn wir nicht im Stande sind, den Finger zu bewegen, weil ihn etwa jemand festhält. Man wird nun geneigt sein, den ersten Fall so zu beschreiben: man könne für den Willen keinen Angriff finden, ehe der Finger nicht berührt werde. Erst wenn man ihn fühle, könne der Wille wissen, wo er anzugreifen habe. – Aber diese Ausdrucksweise ist irreführend. Man möchte sagen: “Wie soll ich denn wissen, wo ich mit dem Willen anzupacken habe, wenn das Gefühl nicht die Stelle bezeichnet?” Aber wie weiß man denn, wenn das Gefühl da ist, wohin ich den Willen zu lenken habe? Daß der Finger in diesem Falle gleichsam gelähmt ist, ehe wir eine Berührung in ihm fühlen, das zeigt die Erfahrung; es war aber nicht a priori einzusehen.

617 When we interlock our fingers in a certain way, we are sometimes unable to move a particular finger when instructed to do so, if the person giving the instruction merely points to the finger – merely shows it to our eye. However, if they touch it, we can move it. One might describe this experience as follows: we are unable to want to move the finger. The situation is quite different from when we are unable to move the finger because someone is holding it. One is then inclined to describe the first case as follows: one cannot find a way for the will to act until the finger is touched. Only when one feels it can the will know where to act. – But this way of expressing it is misleading. One would like to say: “How can I know where to apply the will if the feeling does not indicate the place?” But how does one know, when the feeling is there, in what direction to direct the will? The fact that the finger is, as it were, paralyzed in this case before we feel a touch in it, is shown by the experience; but it was not something that could have been known a priori.

§Ts-227a

301[2]

618 Das wollende Subjekt stellt man sich hier als etwas Masseloses (Trägheitsloses) vor; als einen Motor, der in sich selbst keinen Trägheitswiderstand zu überwinden hat. Und also nur Treibendes und nicht Getriebenes ist. D.h.: Man kann sagen “Ich will, aber mein Körper folgt mir nicht”– aber nicht: “Mein Wille folgt mir nicht”. (Augustinus) Aber in dem Sinn, in welchem es mir nicht mißlingen kann, zu wollen, kann ich es auch nicht versuchen.

618 Here, the willing subject is imagined as something without mass (without inertia); as a motor that has no inertia of its own to overcome. And thus is only a driving force and not a driven one. That is to say: one can say “I want, but my body does not follow me” – but not: “My will does not follow me”. (Augustine) But in the sense in which I cannot fail to want, I cannot try to want either.

§Ts-227a

301[3]

619 Und man könnte sagen: “Ich kann nur insofern jederzeit wollen, als ich nie versuchen kann, zu wollen.”

619 And one could say: “I can only want at any time insofar as I can never try to want.”

§Ts-227a

301[4]

620 Tun scheint selbst kein Volumen der Erfahrung zu haben. Es scheint wie ein ausdehnungsloser Punkt, die Spitze einer Nadel. Diese Spitze scheint das eigentliche Agens. Und das Geschehen in der Erscheinung nur Folge dieses Tuns. “Ich tue” scheint einen bestimmten Sinn zu haben, abgelöst von jeder Erfahrung.

620 Doing does not seem to have any volume of experience in itself. It seems like an extensionless point, the tip of a needle. This tip seems to be the actual agent. And what happens in the phenomenon is only a consequence of this doing. “I do” seems to have a certain sense, detached from any experience.

§Ts-227a

301[5] &
302[1]

621 Aber vergessen wir eines nicht: wenn ‘ich meinen Arm hebe’, hebt sich mein Arm. Und das Problem entsteht: was ist das, was übrigbleibt, wenn ich von der Tatsache, daß ich meinen Arm hebe, die abziehe, daß mein Arm sich hebt? ((Sind nun die kinaesthetischen Empfindungen mein Wollen?))

621 But let us not forget one thing: when ‘I raise my arm’, my arm is raised. And the problem arises: what is it that remains when I subtract from the fact that I raise my arm, the fact that my arm is raised? ((Are the kinesthetic sensations my will?))

§Ts-227a

302[2]

622 Wenn ich meinen Arm hebe, versuche ich meistens nicht, ihn zu heben.

622 When I raise my arm, I am usually not trying to raise it.

§Ts-227a

302[3]

623 “Ich will unbedingt dieses Haus erreichen.” Wenn aber keine Schwierigkeit da ist,– kann ich da trachten, unbedingt dies Haus zu erreichen?

623 “I absolutely want to reach this house.” But if there is no difficulty, – can I then try to reach this house?

§Ts-227a

302[4]

624 Im Laboratorium, unter dem Einfluß elektrischer Ströme etwa, sagt Einer mit geschlossenen Augen “Ich bewege meinen Arm auf und ab”– obgleich sich der Arm nicht bewegt. “Er hat also das besondere Gefühl dieser Bewegung” sagen wir. – Beweg mit geschlossenen Augen deinen Arm hin und her. Und nun versuch, während du es tust, dir einzureden, der Arm stehe still und du habest nur gewisse seltsame Empfindungen in Muskeln und Gelenken!

624 In the laboratory, under the influence of electric currents, for example, one says with closed eyes, “I am moving my arm up and down” – although the arm is not moving. “He has the special feeling of this movement,” we say. – Move your arm back and forth with your eyes closed. And now try to imagine that the arm is standing still and that you only have certain strange sensations in the muscles and joints!

§Ts-227a

302[5]

625 “Wie weißt du, daß du deinen Arm gehoben hast?” – “Ich fühle es.” Was du also wiedererkennst, ist die Empfindung? Und bist du sicher, daß du sie richtig wiedererkennst? – Du bist sicher, daß du deinen Arm gehoben hast; ist nicht dies das Kriterium, das Maß, des Wiedererkennens?

625 “How do you know that you have raised your arm?” – “I feel it.” What you recognize is the sensation, then? And are you sure that you recognize it correctly? – You are sure that you have raised your arm; is this not the criterion, the measure, of recognition?

§Ts-227a

302[6] &
303[1]

626 “Wenn ich mit einem Stock diesen Gegenstand abtaste, habe ich die Tastempfindung in der Spitze des Stockes, nicht in der Hand, die ihn hält.” Wenn Einer sagt “Ich habe nicht hier in der Hand, sondern im Handgelenk Schmerzen”, so ist die Konsequenz, daß der Arzt das Handgelenk untersucht. Welchen Unterschied macht es aber, ob ich sage, ich fühle die Härte des Gegenstands in der Stockspitze, oder in der Hand? Heißt, was ich sage: “Es ist, als hätte ich Nervenenden in der Stockspitze”? Inwiefern ist es so? – Nun, ich bin jedenfalls geneigt, zu sagen “Ich fühle die Härte, etc. in der Stockspitze”. Und damit geht zusammen, daß ich beim Abtasten nicht auf meine Hand, sondern auf die Stockspitze sehe; daß ich, was ich fühle, mit den Worten beschreibe “Ich fühle dort etwas Hartes, Rundes”– nicht mit den Worten “Ich fühle einen Druck gegen die Fingerspitzen des Daumens, Mittelfingers und Zeigefingers …” Wenn mich etwa jemand fragte “Was fühlst du jetzt in den Fingern, die die Sonde halten?”, so könnte ich ihm antworten: “Ich weiß nicht ‒ ‒ ich fühle dort etwas Hartes, Rauhes.”

626 “When I use a stick to feel this object, I have the sensation of touch at the tip of the stick, not in the hand that holds it.” If someone says, “I don’t have pain here in my hand, but in my wrist,” the consequence is that the doctor examines the wrist. But what difference does it make if I say that I feel the hardness of the object in the tip of the stick, or in my hand? Does what I say mean: “It is as if I have nerve endings in the tip of the stick”? In what sense is it so? – Well, I am certainly inclined to say, “I feel the hardness, etc. in the tip of the stick.” And this is connected with the fact that when I am feeling, I look at the tip of the stick, not at my hand; that I describe what I feel with the words “I feel something hard, round there” – not with the words “I feel pressure against the fingertips of the thumb, middle finger, and index finger…” If someone were to ask me, “What do you feel now in the fingers that are holding the probe?” I could answer him, “I don’t know – I feel something hard, rough there.”

§Ts-227a

303[2] &
304[1]

627 Betrachte diese Beschreibung einer willkürlichen Handlung: “Ich fasse den Entschluß, um 5 Uhr die Glocke zu ziehen; und wenn es 5 schlägt, macht mein Arm nun diese Bewegung.” – Ist das die richtige Beschreibung, und nicht die: “ … und wenn es 5 schlägt, hebe ich meinen Arm”? ‒ ‒ Die erste Beschreibung möchte man so ergänzen: “und siehe da! mein Arm hebt sich, wenn es 5 schlägt.” Und dies “siehe da” ist gerade, was hier wegfällt. Ich sage nicht: “Sieh, mein Arm hebt sich!” wenn ich ihn hebe.

627 Consider this description of a voluntary action: “I decide to ring the bell at 5 o’clock; and when it is 5 o’clock, my arm now makes this movement.” – Is this the correct description, and not this: “…and when it is 5 o’clock, I raise my arm”? – The first description one would like to supplement as follows: “and lo and behold! my arm rises when it is 5 o’clock.” And this “lo and behold” is precisely what is missing here. I do not say: “Look, my arm is rising!” when I raise it.

§Ts-227a

304[2]

628 Man könnte also sagen: die willkürliche Bewegung sei durch die Abwesenheit des Staunens charakterisiert. Und nun will ich nicht, daß man frägt “Aber warum erstaunt man hier nicht?”

628 One could therefore say: voluntary movement is characterized by the absence of amazement. And now I do not want anyone to ask, “But why is there no amazement here?”

§Ts-227a

304[3]

629 Wenn Leute über die Möglichkeit eines Vorherwissens der Zukunft reden, vergessen sie immer die Tatsache des Vorhersagens der willkürlichen Bewegungen.

629 When people talk about the possibility of foreknowledge of the future, they always forget the fact of predicting voluntary movements.

§Ts-227a

304[4]

630 Betrachte die beiden Sprachspiele: a) Einer gibt einem Andern den Befehl, bestimmte Armbewegungen zu machen, oder Körperstellungen einzunehmen (Turnlehrer und Schüler). Und eine Variante dieses Sprachspiels ist dies: Der Schüler gibt sich selbst Befehle und führt sie dann aus. b) Jemand beobachtet gewisse regelmäßige Vorgänge – z.B. die Reaktionen verschiedener Metalle auf Säuren – und macht daraufhin Vorhersagen über die Reaktionen, die in bestimmten Fällen eintreten werden. Es ist zwischen diesen beiden Sprachspielen eine offenbare Verwandtschaft, und auch Grundverschiedenheit. In beiden könnte man die ausgesprochenen Worte “Voraussagen” nennen. Vergleiche aber die Abrichtung, die zu der ersten Technik führt, mit der Abrichtung für die zweite!

630 Consider these two language-games: a) One person gives another person the instruction to make certain arm movements or to assume certain postures (gym teacher and student). And a variant of this language-game is this: the student gives himself instructions and then carries them out. b) Someone observes certain regular occurrences – e.g., the reactions of different metals to acids – and then makes predictions about the reactions that will occur in certain cases. There is an obvious kinship and also a fundamental difference between these two language-games. In both, one could call the spoken words “predictions.” But compare the training that leads to the first technique with the training for the second!

§Ts-227b

304[4]

Betrachte die beiden Sprachspiele:

a) Einer gibt einem Andern den Befehl, bestimmte Armbewegungen zu machen, oder Körperstellungen einzunehmen (Turnlehrer und Schüler). Und eine Variante dieses Sprachspiels ist dies: Der Schüler gibt sich selbst Befehle und führt sie dann aus. b) Jemand beobachtet gewisse regelmäßige Vorgänge – z.B. die Reaktionen verschiedener Metalle auf Säuren – und macht daraufhin Vorhersagen über die Reaktionen, die in bestimmten Fällen eintreten werden. Es ist zwischen diesen beiden Sprachspielen eine offenbare Verwandtschaft, und auch Grundverschiedenheit. In beiden könnte man die ausgesprochenen Worte “Voraussagen” nennen. Vergleiche aber die Abrichtung, die zu der ersten Technik führt, mit der Abrichtung für die zweite!

630 Consider these two language-games: a) One person gives another person the instruction to make certain arm movements or to assume certain postures (gym teacher and student). And a variant of this language-game is this: the student gives himself instructions and then carries them out. b) Someone observes certain regular occurrences – e.g., the reactions of different metals to acids – and then makes predictions about the reactions that will occur in certain cases. There is an obvious kinship and also a fundamental difference between these two language-games. In both, one could call the spoken words “predictions.” But compare the training that leads to the first technique with the training for the second!

§Ts-227a

305[1]

631 “Ich werde jetzt zwei Pulver einnehmen; eine halbe Stunde darauf werde ich erbrechen.” – Es erklärt nichts, wenn ich sage, im ersten Fall sei ich das Agens, im zweiten bloß der Beobachter. Oder: im ersten Falle sähe ich den kausalen Zusammenhang von innen, im zweiten von außen. Und vieles ähnliche. Es ist auch nicht zur Sache, zu sagen, daß eine Vorhersage der ersten Art so wenig unfehlbar ist, wie eine der zweiten Art. Nicht auf Grund von Beobachtungen meines Verhaltens sagte ich, ich würde jetzt zwei Pulver einnehmen. Die Antezedentien dieses Satzes waren andere. Ich meine die Gedanken, Handlungen, etc., die zu ihm hinleiten. Und es ist nur irreführend, zu sagen: “Die einzige wesentliche Voraussetzung deiner Äußerung war eben dein Entschluß.”

631 “I am now going to take two powders; half an hour later I will vomit.” – It explains nothing if I say that in the first case I am the agent, and in the second merely the observer. Or: in the first case I see the causal connection from within, in the second from the outside. And many similar things. It is also not relevant to say that a prediction of the first kind is just as fallible as a prediction of the second kind. I did not say that I would now take two powders on the basis of observations of my behaviour. The antecedents of this sentence were different. I mean the thoughts, actions, etc., that lead up to it. And it is only misleading to say: “The only essential prerequisite for your utterance was your decision.”

§Ts-227a

305[2]

632 Ich will nicht sagen: im Falle der Willensäußerung, “Ich werde Pulver einnehmen” sei die Voraussage Ursache – und ihre Erfüllung der Effekt. (Das könnte vielleicht eine physiologische Untersuchung entscheiden.) Soviel aber ist wahr: Wir können häufig aus der Äußerung des Entschlusses die Handlung eines Menschen vorhersagen. Ein wichtiges Sprachspiel.

632 I do not want to say: in the case of the expression of will, “I will take the powder,” the prediction is the cause – and its fulfillment the effect. (This might be decided by a physiological investigation.) But this much is true: we can often predict a person’s action from the expression of his decision. An important language-game.

§Ts-227a

305[3] &
306[1]

633 “Du wurdest früher unterbrochen; weißt du noch, was du sagen wolltest?” – Wenn ich's nun weiß und es sage – heißt das, daß ich es schon früher gedacht, und nur nicht gesagt hatte? Nein. Es sei denn, daß du die Sicherheit, mit der ich den unterbrochenen Satz weiterführe, als Kriterium dafür nimmst, daß der Gedanke damals bereits fertig war. – Aber es lag freilich schon alles mögliche in der Situation und in meinen Gedanken, das dem Satz weiterhilft.

633 “You were interrupted earlier; do you still remember what you wanted to say?” – If I know it now and say it, does that mean that I had already thought it before, but just hadn’t said it? No. Unless you take the certainty with which I continue the interrupted sentence as a criterion for the fact that the thought was already complete at that time. – But of course, there was already all sorts of things in the situation and in my thoughts that help to continue the sentence.

§Ts-227a

306[2]

634 Wenn ich den unterbrochenen Satz fortsetze und sage, so hätte ich ihn damals fortsetzen wollen, so ist das ähnlich, wie wenn ich einen Gedankengang nach kurzen Notizen ausführe. Und deute ich also diese Notizen nicht? War nur eine Fortsetzung unter jenen Umständen möglich? Gewiß nicht. Aber ich wählte nicht unter diesen Deutungen. Ich erinnerte mich: daß ich das sagen wollte.

634 If I continue the interrupted sentence & say, “that’s how I would have continued it back then,” it’s similar to elaborating on a train of thought based on brief notes. & am I not then interpreting these notes? Was only one continuation possible under those circumstances? Certainly not. But I didn’t choose among these interpretations. I remembered: that’s what I wanted to say.

§Ts-227a

306[3]

635 “Ich wollte sagen …” – Du erinnerst dich an verschiedene Einzelheiten. Aber sie alle zeigen nicht diese Absicht. Es ist, als wäre das Bild einer Scene aufgenommen worden, aber es sind von ihm nur einige verstreute Einzelheiten zu sehen; hier eine Hand, dort ein Stück eines Gesichts, oder ein Hut,– das übrige ist dunkel. Und nun ist es, als wüßte ich doch ganz gewiß, was das ganze Bild darstellt. Als könnte ich das Dunkel lesen.

635 “I wanted to say…” – You remember various details. But they all do not show this intention. It is as if a picture of a scene had been taken, but only some scattered details can be seen from it; here a hand, there a piece of a face, or a hat – the rest is dark. And now it is as if I knew for certain what the whole picture depicts. As if I could read the darkness.

§Ts-227a

306[4] &
307[1]

636 Diese ‘Einzelheiten’ sind nicht irrelevant in dem Sinne, in welchem andere Umstände, an die ich mich gleichfalls erinnern kann, es sind. Aber wem ich mitteile “Ich wollte für einen Augenblick sagen …”, der erfährt dadurch diese Einzelheiten nicht und muß sie auch nicht erraten. Er muß z.B. nicht wissen, daß ich schon den Mund zum Sprechen geöffnet hatte. Er kann sich aber den Vorgang so ‘ausmalen’. (Und diese Fähigkeit gehört zum Verstehen meiner Mitteilung.)

636 These ‘details’ are not irrelevant in the sense in which other circumstances are, which I can also remember. But when I communicate “I wanted to say for a moment…”, this does not reveal these details, and the other person does not have to guess them. He does not have to know, for example, that I had already opened my mouth to speak. But he can imagine the process in that way. (And this ability belongs to the understanding of my communication.)

§Ts-227a

307[2]

637 “Ich weiß genau, was ich sagen wollte!” Und doch hatte ich's nicht gesagt. – Und doch lese ich's nicht von irgend einem andern Vorgang ab, der damals stattfand und mir in der Erinnerung ist. Und ich deute auch nicht die damalige Situation und ihre Vorgeschichte. Denn ich überlege mir sie nicht und beurteile sie nicht.

637 “I know exactly what I wanted to say!” And yet I didn’t say it. – And yet I am not inferring it from some other event that took place at that time and is in my memory. And I am not interpreting the situation at that time and its history. Because I am not considering it and not judging it.

§Ts-227a

307[3] &
308[1]

638 Wie kommt es, daß ich dann trotzdem geneigt bin, ein Deuten darin zu sehen, wenn ich sage “Einen Augenblick lang wollte ich ihn betrügen”? “Wie kannst du sicher sein, daß du einen Augenblick lang ihn betrügen wolltest? Waren nicht deine Handlungen und Gedanken viel zu rudimentär?” Kann denn die Evidenz nicht zu spärlich sein? Ja, wenn man ihr nachgeht, scheint sie außerordentlich spärlich; aber ist das nicht, weil man die Geschichte dieser Evidenz außer Acht läßt? Wenn ich einen Augenblick lang die Absicht hatte, dem Andern Unwohlsein vorzuheucheln, so brauchte es dazu eine Vorgeschichte. Beschreibt der, der sagt “Für einen Augenblick …” wirklich nur einen momentanen Vorgang? Aber auch die ganze Geschichte war nicht die Evidenz, auf Grund derer ich sagte “Für einen Augenblick …”

638 How is it that I am still inclined to see an interpretation in it when I say, “For a moment, I wanted to deceive him”? “How can you be sure that you wanted to deceive him for a moment? Weren’t your actions and thoughts too rudimentary?” Can the evidence not be too sparse? Yes, if one examines it, it seems extraordinarily sparse; but is that not because one ignores the history of this evidence? If I had the intention for a moment to feign discomfort in the other person, then that required a history. Does the person who says “For a moment…” really only describe a momentary event? But the whole story was not the evidence on the basis of which I said “For a moment…”

§Ts-227a

308[2]

639 Die Meinung, möchte man sagen, entwickelt sich. Aber auch darin liegt ein Fehler.

639 One might say that the opinion develops. But there is also a mistake in that.

§Ts-227a

308[3]

640 “Dieser Gedanke knüpft an Gedanken an, die ich früher einmal gehabt habe.” – Wie tut er das? Durch ein Gefühl der Anknüpfung? Aber wie kann das Gefühl die Gedanken wirklich verknüpfen? – Das Wort “Gefühl” ist hier sehr irreleitend. Aber es ist manchmal möglich, mit Sicherheit zu sagen “Dieser Gedanke hängt mit jenen früheren zusammen”, ohne daß man doch im Stande ist, den Zusammenhang zu zeigen. Dies gelingt vielleicht später.

640 “This thought connects to thoughts that I had earlier.” – How does it do that? Through a feeling of connection? But how can the feeling really connect the thoughts? – The word “feeling” is very misleading here. But it is sometimes possible to say with certainty, “This thought is connected to those earlier ones,” without being able to show the connection. This may succeed later.

§Ts-227a

308[4] &
309[1]

641 “Wenn ich die Worte gesagt hätte ‘Ich will ihn jetzt betrügen’, hätte ich die Absicht nicht gewisser gehabt, als so.” – Aber wenn du jene Worte gesagt hättest, mußtest du sie im vollen Ernste gemeint haben? (So ist also der am meisten explizite Ausdruck der Absicht allein keine genügende Evidenz der Absicht.)

641 “If I had said the words ‘I want to deceive him now,’ would I not have had the intention more certainly than this?” – But if you had said those words, you must have meant them in earnest? (Thus, the most explicit expression of intention alone is not sufficient evidence of intention.)

§Ts-227a

309[2]

642 “Ich habe ihn in diesem Augenblick gehaßt”– was geschah da? Bestand es nicht in Gedanken, Gefühlen und Handlungen? Und wenn ich mir nun diesen Augenblick vorführte, würde ich ein bestimmtes Gesicht machen, dächte an gewisse Geschehnisse, atmete in bestimmter Weise, brächte in mir gewisse Gefühle hervor. Ich könnte ein Gespräch, eine ganze Scene erdenken, in der dieser Haß zum Aufflammen käme. Und ich könnte diese Scene mit Gefühlen spielen, die denen eines wirklichen Vorfalls nahekämen. Dabei wird mir natürlich helfen, daß ich Ähnliches wirklich durchlebt habe.

642 “I hated him at that moment” – what happened then? Didn't it consist of thoughts, feelings, and actions? And if I were to imagine this moment now, would I make a certain face, think of certain events, breathe in a certain way, evoke certain feelings within myself? I could imagine a conversation, an entire scene, in which this hatred would flare up. And I could play out this scene with feelings that would be close to those of a real event. Of course, it will help me that I have actually experienced something similar.

§Ts-227a

309[3]

643 Wenn ich mich nun des Vorfalls schäme, schäme ich mich des Ganzen: der Worte, des giftigen Tones, u.s.w.

643 If I am now ashamed of the event, am I not ashamed of the whole thing: the words, the poisonous tone, etc.?

§Ts-227a

309[4]

644 “Ich schäme mich nicht dessen, was ich damals tat, sondern der Absicht, die ich hatte.” – Und lag die Absicht nicht auch in dem, was ich tat? Was rechtfertigt die Scham? Die ganze Geschichte des Vorfalls.

644 “I am not ashamed of what I did then, but of the intention I had.” – But was the intention not also in what I did? What justifies the shame? The whole history of the event.

§Ts-227a

309[5] &
310[1]

645 “Einen Augenblick lang wollte ich …” D.h., ich hatte ein bestimmtes Gefühl, inneres Erlebnis; und ich erinnere mich dran. ‒ ‒ Und nun erinnere dich recht genau! Da scheint das ‘innere Erlebnis’ des Wollens wieder zu verschwinden. Stattdessen erinnert man sich an Gedanken, Gefühle, Bewegungen, auch an Zusammenhänge mit früheren Situationen. Es ist, als hätte man die Einstellung eines Mikroskops verändert, und was jetzt im Brennpunkt liegt, sah man früher nicht.

645 “For a moment I wanted to…” That is, I had a certain feeling, inner experience; and I remember it. – – And now, remember it very precisely! There, the ‘inner experience’ of wanting seems to disappear again. Instead, one remembers thoughts, feelings, movements, also connections with earlier situations. It is as if one had changed the setting of a microscope, and what is now in focus, one did not see before.

§Ts-227a

310[2]

646 “Nun, das zeigt nur, daß du dein Mikroskop falsch eingestellt hast. Du solltest eine bestimmte Schicht des Präparats anschaun, und siehst nun eine andere.” Daran ist etwas richtig. Aber nimm an, ich erinnerte mich (mit einer bestimmten Einstellung der Linsen) an eine Empfindung; wie darf ich sagen, daß sie das ist, was ich die “Absicht” nenne? Es könnte sein, daß ein bestimmter Kitzel (z.B.) jede meiner Absichten begleitete.

646 “Well, that only shows that you have adjusted your microscope incorrectly. You should look at a certain layer of the specimen, and now you are looking at a different one.” There is something right about that. But suppose I remember (with a certain adjustment of the lenses) one sensation; how can I say that it is what I call “intention”? It could be that a certain tingle (for example) accompanied all of my intentions.

§Ts-227a

310[3]

647 Was ist der natürliche Ausdruck einer Absicht? – Sieh eine Katze an, wenn sie sich an einen Vogel heranschleicht; oder ein Tier, wenn es entfliehen will. ((Verbindung mit Sätzen über Empfindungen.))

647 What is the natural expression of an intention? – Look at a cat when it sneaks up on a bird; or an animal when it wants to escape. ((Connection with sentences about sensations.))

§Ts-227a

310[4] &
311[1]

648 “Ich erinnere mich nicht mehr an meine Worte, aber ich erinnere mich genau an meine Absicht: ich wollte ihn mit meinen Worten beruhigen.” Was zeigt mir meine Erinnerung; was führt sie mir vor die Seele? Nun, wenn sie nichts täte, als mir diese Worte einzugeben! und vielleicht noch andere, die die Situation noch genauer ausmalen. – (“Ich erinnere mich nicht mehr meiner Worte, aber wohl an den Geist meiner Worte.”)

647 “I don't remember my words anymore, but I remember exactly my intention: I wanted to calm him down with my words.” What does my memory show me; what does it bring before my mind? Well, if it did nothing but give me these words! and perhaps also others that depict the situation even more precisely. – (“I no longer remember my words, but I do remember the spirit of my words.”)

§Ts-227a

311[2]

649 “So kann also der gewisse Erinnerungen nicht haben, der keine Sprache gelernt hat?” Freilich,– er kann keine sprachlichen Erinnerungen, sprachlichen Wünsche oder Befürchtungen, etc. haben. Und Erinnerungen, etc., in der Sprache sind ja nicht bloß die fadenscheinigen Darstellungen, der eigentlichen Erlebnisse; ist denn das Sprachliche kein Erlebnis?

649 “So, can someone who has not learned a language not have certain memories?” Of course, – he cannot have linguistic memories, linguistic wishes or fears, etc. And memories, etc., in language are not just the flimsy representations of the actual experiences; is the linguistic not an experience itself?

§Ts-227a

311[3]

650 Wir sagen, der Hund fürchtet, sein Herr werde ihn schlagen; aber nicht: er fürchte, sein Herr werde ihn morgen schlagen. Warum nicht?

650 We say that the dog is afraid that its master will beat it; but not: that it is afraid that its master will beat it tomorrow. Why not?

§Ts-227a

311[4]

651 “Ich erinnere mich, ich wäre damals gerne noch länger geblieben.” – Welches Bild dieses Verlangens tritt mir vor die Seele? Gar keins. Was ich in der Erinnerung vor mir sehe, läßt keinen Schluß auf meine Gefühle zu. Und doch erinnere ich mich ganz deutlich daran, daß sie vorhanden waren.

651 “I remember that I would have liked to stay longer.” – What picture of this desire comes before my mind? None at all. What I see in my memory does not allow any conclusion about my feelings. And yet I remember it quite clearly that they were there.

§Ts-227a

311[5] &
312[1]

652 “Er maß ihn mit feindseligem Blick und sagte …” Der Leser der Erzählung versteht dies; er hat keinen Zweifel in seiner Seele. Nun sagst du: “Wohl, er denkt sich die Bedeutung hinzu, er errät sie.” – Im allgemeinen: Nein. Im allgemeinen denkt er sich nichts hinzu, errät nichts. – Es ist aber auch möglich, daß der feindselige Blick und die Worte sich später als Verstellung erweisen, oder daß der Leser im Zweifel darüber erhalten wird, ob sie es sind oder nicht, und daß er also wirklich auf eine mögliche Deutung rät. – Aber dann rät er vor allem auf einen Zusammenhang. Er sagt sich etwa: die Beiden, die hier so feindlich tun, sind in Wirklichkeit Freunde, etc. etc. ((“Wenn du den Satz verstehen willst, mußt du dir die seelische Bedeutung, die Seelenzustände, dazu vorstellen.”))

652 “He looked at him with a hostile gaze and said…” The reader of the story understands this; he has no doubt in his mind. Now you say: “Well, he adds the meaning, he guesses it.” – In general: No. In general, he doesn’t add anything, he doesn’t guess. – But it is also possible that the hostile gaze and the words later turn out to be a pretense, or that the reader remains in doubt as to whether they are, and that he is therefore really guessing at a possible interpretation. – But then he is guessing primarily at a connection. He says to himself, for example: the two who are acting so hostilely are actually friends, etc. etc. ((“If you want to understand the sentence, you must imagine the psychological meaning, the states of mind, in it.”))

§Ts-227a

312[2] &
313[1]

653 Denk dir diesen Fall: Ich sage Einem, ich sei einen gewissen Weg gegangen, einem Plan gemäß, den ich zuvor angefertigt habe. Ich zeige ihm darauf diesen Plan, und er besteht aus Strichen auf einem Papier; aber ich kann nicht erklären, inwiefern diese Striche der Plan meiner Wanderung sind, dem Andern keine Regel sagen, wie der Plan zu deuten ist. Wohl aber bin ich jener Zeichnung mit allen charakteristischen Anzeichen des Kartenlesens nachgegangen. Ich könnte so eine Zeichnung einen ‘privaten’ Plan nennen; oder die Erscheinung, die ich beschrieben habe: “einem privaten Plan folgen”. (Aber dieser Ausdruck wäre natürlich sehr leicht mißzuverstehen.) Könnte ich nun sagen: “Daß ich damals so und so handeln wollte, lese ich gleichsam wie von einem Plan ab, obgleich kein Plan da ist”? Aber das heißt doch nichts anderes, als: Ich bin jetzt geneigt, zu sagen: “Ich lese die Absicht, so zu handeln, in gewissen Seelenzuständen, an die ich mich erinnere.”

653 Imagine this case: I tell someone that I followed a certain path according to a plan that I had drawn up beforehand. I then show him this plan, and it consists of lines on a piece of paper; but I cannot explain in what way these lines are the plan for my journey, I cannot give the other person a rule for how to interpret the plan. However, I did follow this drawing with all the characteristic signs of reading a map. I could call such a drawing a ‘private’ plan; or the phenomenon that I have described: “following a private plan.” (But this expression would of course be very easily misunderstood.) Could I now say: “That I wanted to act in such and such a way at that time, I read it, as it were, from a plan, although no plan exists”? But that means nothing other than: I am now inclined to say: “I read the intention to act in a certain way in certain states of mind that I remember.”

§Ts-227a

313[2]

654 Unser Fehler ist, dort nach einer Erklärung zu suchen, wo wir die Tatsachen als ‘Urphänomene’ sehen sollten. D.h., wo wir sagen sollten: dieses Sprachspiel wird gespielt.

654 Our mistake is to look for an explanation where we should see the facts as ‘proto-phenomena.’ That is, where we should say: this language-game is being played.

§Ts-227a

313[3]

655 Nicht um die Erklärung eines Sprachspiels durch unsre Erlebnisse handelt sich's, sondern um die Feststellung eines Sprachspiels.

655 It is not about explaining a language-game through our experiences, but about establishing a language-game.

§Ts-227a

313[4]

656 Wozu sage ich jemandem, ich hätte früher den und den Wunsch gehabt? – Sieh auf das Sprachspiel als das Primäre! Und auf die Gefühle, etc. als auf eine Betrachtungsweise, eine Deutung, des Sprachspiels! Man könnte fragen: Wie ist der Mensch je dahin gekommen, eine sprachliche Äußerung zu machen, die wir “Berichten eines vergangenen Wunsches”, oder einer vergangenen Absicht, nennen?

656 Why do I tell someone that I had a certain wish earlier? – See the language-game as the primary thing! And see the feelings, etc., as a way of looking at it, an interpretation of the language-game! One could ask: How did a person ever come to make a linguistic utterance that we call “reporting a past wish” or a past intention?

§Ts-227a

313[5]

657 Denken wir uns, diese Äußerung nehme immer die Form an: “Ich sagte mir: ‘wenn ich nur länger bleiben könnte!’” Der Zweck einer solchen Mitteilung könnte sein, den Andern meine Reaktionen kennen zu lehren. (Vergleiche die Grammatik von “meinen” und “vouloir dire”.)

657 Let us imagine that this utterance always takes the form: “I said to myself: ‘If only I could stay longer!’” The purpose of such a communication might be to teach others about my reactions. (Compare the grammar of “to mean” & “vouloir dire”.)

§Ts-227a

314[1]

658 Denk, wir drückten die Absicht eines Menschen immer so aus, indem wir sagen: “Er sagte gleichsam zu sich selbst ‘Ich will …’” – Das ist das Bild. Und nun will ich wissen: Wie verwendet man den Ausdruck “etwas gleichsam zu sich selbst sagen”? Denn er bedeutet nicht: etwas zu sich selbst sagen.

658 Suppose we always express a person’s intention by saying: “He said, as it were, to himself ‘I want to…’” – That is the picture. And now I want to know: How is the expression “saying something, as it were, to oneself” used? Because it does not mean: saying something to oneself.

§Ts-227a

314[2]

659 Warum will ich ihm außer dem, was ich tat, auch noch eine Intention mitteilen? – Nicht, weil die Intention auch noch etwas war, was damals vor sich ging. Sondern, weil ich ihm etwas über mich mitteilen will, was über das hinausgeht, was damals geschah. Ich erschließe ihm mein Inneres, wenn ich sage, was ich tun wollte. – Nicht aber auf Grund einer Selbstbeobachtung, sondern durch eine Reaktion (man könnte es auch eine Intuition nennen).

659 Why do I want to communicate not only what I did, but also an intention? – Not because the intention was also something that was happening at the time. But because I want to communicate something about myself that goes beyond what happened at the time. I reveal my inner self when I say what I wanted to do. – But not on the basis of self-observation, but through a reaction (one could also call it an intuition).

§Ts-227a

314[3]

660 Die Grammatik des Ausdrucks “Ich wollte damals sagen …” ist verwandt der des Ausdrucks “Ich hätte damals fortsetzen können”. Im einen Fall die Erinnerung an eine Absicht, im andern, an ein Verstehen.

660 The grammar of the expression “I wanted to say…” is related to the grammar of the expression “I could have continued.” In one case, the memory of an intention; in the other, of an understanding.

§Ts-227a

314[4] &
315[1]

661 Ich erinnere mich, ihn gemeint zu haben. Erinnere ich mich eines Vorgangs oder Zustands? – Wann fing er an; wie verlief er; etc.?

661 I remember having meant him. Do I remember a process or a state? – When did it begin; how did it proceed; etc.?

§Ts-227a

315[2]

662 In einer nur um weniges verschiedenen Situation hätte er, statt stumm mit dem Finger zu winken, jemandem gesagt “Sag dem N., er soll zu mir kommen”. Man kann nun sagen, die Worte “Ich wollte, N. solle zu mir kommen” beschreiben den damaligen Zustand meiner Seele, und kann es auch wieder nicht sagen.

662 In a situation that differs only slightly, instead of silently pointing with his finger, he might have said to someone, “Tell N. that he should come to me.” One can now say that the words “I wanted N. to come to me” describe the state of my mind at the time, and one can also say that they do not.

§Ts-227a

315[3]

663 Wenn ich sage “Ich meinte ihn, da mag mir wohl ein Bild vorschweben, etwa davon, wie ich ihn ansah, etc.; aber das Bild ist nur wie eine Illustration zu einer Geschichte. Aus ihr allein wäre meistens gar nichts zu erschließen; erst wenn man die Geschichte kennt, weiß man, was es mit dem Bild soll.

663 When I say “I meant him,” presumably a picture comes to my mind, perhaps of how I looked at him, etc.; but the picture is only like an illustration to a story. From it alone, one could usually infer nothing; it is only when one knows the story that one knows what the picture is supposed to mean.

§Ts-227a

315[4]

664 Man könnte im Gebrauch eines Worts eine ‘Oberflächengrammatik’ von einer ‘Tiefengrammatik’ unterscheiden. Das, was sich uns am Gebrauch eines Worts unmittelbar einprägt, ist seine Verwendungsweise im Satzbau, der Teil seines Gebrauches – könnte man sagen – den man mit dem Ohr erfassen kann. ‒ ‒ Und nun vergleiche die Tiefengrammatik, des Wortes “meinen” etwa, mit dem, was seine Oberflächengrammatik uns würde vermuten lassen. Kein Wunder, wenn man es schwer findet, sich auszukennen.

664 One could distinguish between a ‘surface grammar’ and a ‘depth grammar’ in the use of a word. What is immediately impressed upon us by the use of a word is its mode of employment in sentence structure, which is part of its use – one might say – and which one can grasp with the ear. ‒ ‒ And now compare the depth grammar of the word “to mean,” for example, with what its surface grammar would lead us to expect. No wonder that one finds it difficult to find one’s way around.

§Ts-227a

315[5] &
316[1]

665 Denke, jemand zeigte mit dem Gesichtsausdruck des Schmerzes auf seine Wange und sagte dabei “abrakadabra!” – Wir fragen “Was meinst du?” Und er antwortet “Ich meinte damit Zahnschmerzen.” – Du denkst dir sofort: Wie kann man denn mit diesem Wort ‘Zahnschmerzen meinen’? Oder was hieß es denn: Schmerzen mit dem Wort meinen? Und doch hättest du, in anderem Zusammenhang, behauptet, daß die geistige Tätigkeit, das und das zu meinen, gerade das Wichtigste beim Gebrauch der Sprache sei. Aber wie,– kann ich denn nicht sagen “Mit ‘abrakadabra’ meine ich Zahnschmerzen”? Freilich; aber das ist eine Definition; nicht eine Beschreibung dessen, was in mir beim Aussprechen des Wortes vorgeht.

665 Imagine someone, with a facial expression of pain, points to his cheek and says, “abrakadabra!” – We ask, “What do you mean?” And he replies, “I meant toothache.” – You immediately think: how can one mean ‘toothache’ with this word? Or what did it mean to mean pain with the word? And yet, in a different context, you would have claimed that the mental activity of meaning this or that is precisely the most important thing in the use of language. But how can I not say, “With ‘abrakadabra’ I mean toothache”? Of course; but that is a definition; not a description of what is going on in me when I utter the word.

§Ts-227a

316[2]

666 Denke, du habest Schmerzen und zugleich hörst du, wie nebenan Klavier gestimmt wird. Du sagst “Es wird bald aufhören.” Es ist doch wohl ein Unterschied, ob du den Schmerz meinst, oder das Klavierstimmen! – Freilich; aber worin besteht dieser Unterschied? Ich gebe zu: es wird in vielen Fällen der Meinung eine Richtung der Aufmerksamkeit entsprechen, sowie auch oft ein Blick, eine Geste, oder ein Schließen der Augen, das man ein “Nach-Innen-Blicken” nennen könnte.

666 Imagine that you are in pain and at the same time you hear someone tuning a piano next door. You say, “It will soon be over.” Surely there is a difference between meaning the pain and meaning the piano tuning! – Of course; but what is the difference? I admit: in many cases, the opinion will correspond to a direction of attention, as often a glance, a gesture, or a closing of the eyes, which one could call “looking inward,” will as well.

§Ts-227a

316[3] &
317[1]

667 Denke, es simuliert Einer Schmerzen und sagt nun “Es wird bald nachlassen”. Kann man nicht sagen, er meine den Schmerz? Und doch konzentriert er seine Aufmerksamkeit auf keinen Schmerz. – Und wie, wenn ich endlich sage “Er hat schon aufgehört”?

667 Imagine that someone is simulating pain and now says, “It will soon subside.” Can one not say that he means the pain? And yet he is not concentrating his attention on any pain. – And what if I finally say, “It has stopped”?

§Ts-227a

317[2]

668 Aber kann man nicht auch so lügen, indem man sagt “Es wird bald aufhören” und den Schmerz meint,– aber auf die Frage “Was hast du gemeint?” zur Antwort gibt: “Den Lärm im Nebenzimmer”? In Fällen dieser Art sagt man etwa: “Ich wollte antworten …, habe mir's aber überlegt und geantwortet …”

668 But can one not also lie in such a way by saying, “It will soon be over,” and meaning the pain, but when asked, “What did you mean?” replying, “The noise in the next room”? In cases of this kind, one says something like: “I intended to reply…, but I thought better of it and replied…”

§Ts-227a

317[3]

669 Man kann sich beim Sprechen auf einen Gegenstand beziehen, indem man auf ihn zeigt. Das Zeigen ist hier ein Teil des Sprachspiels. Und nun kommt es uns vor, als spreche man von einer Empfindung dadurch, daß man seine Aufmerksamkeit beim Sprechen auf sie richtet. Aber wo ist die Analogie? Sie liegt offenbar darin, daß man durch Schauen und Horchen auf etwas zeigen kann. Aber auch auf den Gegenstand zeigen, von dem man spricht, kann ja für das Sprachspiel, für den Gedanken, unter Umständen ganz unwesentlich sein.

669 One can refer to an object in speech by pointing to it. The pointing is here part of the language-game. And now it seems to us as if one speaks of a sensation by directing one’s attention to it while speaking. But where is the analogy? It is apparently in the fact that one can point to something by looking and listening. But even pointing to the object one is speaking about may be quite immaterial to the language-game, to the thought.

§Ts-227a

317[4]

670 Denk, du telephonierst jemandem und sagst ihm: “Dieser Tisch ist zu hoch”, wobei du mit dem Finger auf den Tisch zeigst. Welche Rolle spielt hier das Zeigen? Kann ich sagen: ich meine den betreffenden Tisch, indem ich auf ihn zeige? Wozu dieses Zeigen, und wozu diese Worte und was sonst sie begleiten mag?

670 Imagine you are telephoning someone and saying to him, “This table is too high,” while pointing with your finger at the table. What role does the pointing play here? Can I say that I mean the table in question by pointing at it? What is the purpose of this pointing, and what is the purpose of these words and whatever else may accompany them?

§Ts-227a

317[5] &
318[1]

671 Und worauf zeige ich denn durch die innere Tätigkeit des Horchens? Auf den Laut, der mir zu Ohren kommt, und auf die Stille, wenn ich nichts höre? Das Horchen sucht gleichsam einen Gehörseindruck und kann daher auf ihn nicht zeigen, sondern nur auf den Ort, wo es ihn sucht.

671 And what do I point to through the internal activity of listening? To the sound that reaches my ears, and to the silence when I hear nothing? Listening, as it were, seeks a sensation of hearing and therefore cannot point to it, but only to the place where it seeks it.

§Ts-227a

318[2]

672 Wenn die rezeptive Einstellung ein ‘Hinweisen’ auf etwas genannt wird,– dann nicht auf die Empfindung, die wir dadurch erhalten.

672 If the receptive attitude is called a ‘pointing to’ something, then it is not pointing to the sensation that we receive through it.

§Ts-227a

318[3]

673 Die geistige Einstellung ‘begleitet’ das Wort nicht in demselben Sinne, wie eine Gebärde es begleitet. (Ähnlich, wie Einer allein reisen kann, und doch von meinen Wünschen begleitet, und wie ein Raum leer sein kann und doch vom Licht durchflossen.)

673 The mental attitude ‘accompanies’ the word not in the same sense as a gesture accompanies it. (Similar to how one can travel alone, and yet be accompanied by one’s wishes, and how a room can be empty and yet permeated by light.)

§Ts-227a

318[4]

674 Sagt man z.B.: “Ich habe jetzt eigentlich nicht meinen Schmerz gemeint; ich habe nicht genügend auf ihn Acht gegeben”? Frage ich mich etwa: “Was habe ich denn jetzt mit diesem Wort gemeint? meine Aufmerksamkeit war zwischen meinem Schmerz und dem Lärm geteilt–”.

674 Does one say, for example, “I didn’t really mean my pain; I didn’t pay enough attention to it”? Do I ask myself, “What did I mean with this word? My attention was divided between my pain and the noise.”

§Ts-227a

318[5]

675 “Sag mir, was ist in dir vorgegangen, als du die Worte … aussprachst?” – Darauf ist die Antwort nicht “Ich habe gemeint …”!

675 “Tell me what was going on in you when you spoke the words…” The answer to this is not “I meant…”!

§Ts-227a

318[6] &
319[1]

676 “Ich meinte mit dem Wort dies” ist eine Mitteilung, die anders verwendet wird, als die einer Affektion der Seele.

676 “I meant with the word this” is a communication that is used differently than a communication of an affection of the mind.

§Ts-227a

319[2]

677 Anderseits: “Als du vorhin fluchtest, hast du es wirklich gemeint?” Dies heißt etwa soviel wie: “Warst du dabei wirklich ärgerlich?” – Und die Antwort kann auf Grund einer Introspektion gegeben werden, und ist oft von der Art: “Ich habe es nicht sehr ernst gemeint”, “Ich habe es halb im Schmerz gemeint” etc. Hier gibt es Gradunterschiede. Und man sagt allerdings auch: “Ich habe bei diesem Wort halb und halb an ihn gedacht.”

677 On the other hand: “When you cursed before, did you really mean it?” This means something like: “Were you really angry at that time?” – And the answer can be given on the basis of introspection, and is often of the kind: “I didn’t mean it very seriously,” “I meant it half in pain,” etc. There are gradations here. And one also says: “I thought of him only half of the time with this word.”

§Ts-227a

319[3]

678 Worin besteht dieses Meinen (der Schmerzen oder des Klavierstimmens)? Es kommt keine Antwort – denn die Antworten, die sich uns auf den ersten Blick anbieten, taugen nicht. – “Und doch meinte ich damals das eine und nicht das andre.” Ja,– nun hast du nur einen Satz mit Emphase wiederholt, dem ja niemand widersprochen hat.

678 What does this meaning (of the pain or of tuning the piano) consist of? There is no answer, because the answers that present themselves at first glance are no good. – “And yet, I meant that one and not the other.” Yes, – now you have only repeated a sentence with emphasis, which no one has contradicted.

§Ts-227a

319[4]

679 “Kannst du aber zweifeln, daß du das meintest?” – Nein; aber sicher sein, es wissen, kann ich auch nicht.

679 “But can you doubt that you meant that?” – No; but I cannot be certain, I cannot know it.

§Ts-227a

319[5] &
320[1]

680 Wenn du mir sagst, du habest geflucht und dabei den N. gemeint, so wird es mir gleichgültig sein, ob du dabei sein Bild angeschaut, ob du dir ihn vorgestellt hast, seinen Namen aussprachst, etc. Die Schlüsse aus dem Faktum, die mich interessieren, haben damit nichts zu tun. Anderseits aber könnte es sein, daß Einer mir erklärt, der Fluch sei nur dann wirksam, wenn man sich den Menschen klar vorstellt, oder seinen Namen laut ausspricht. Aber man würde nicht sagen “Es kommt darauf an, wie der Fluchende sein Opfer meint.”

680 If you tell me that you cursed and meant N. by it, then it will be of no importance to me whether you looked at his picture, whether you imagined him, spoke his name, etc. The conclusions from the fact that interest me have nothing to do with that. On the other hand, it could be that someone explains to me that the curse is only effective if one clearly imagines the person or speaks his name aloud. But one would not say “It depends on how the curser means his victim.”

§Ts-227a

320[2]

681 Man fragt natürlich auch nicht: “Bist du sicher, daß du ihn verflucht hast, daß die Verbindung mit ihm hergestellt war?” So ist also wohl diese Verbindung sehr leicht herzustellen, daß man ihrer so sicher sein kann?! Wissen kann, daß sie nicht daneben geht. – Nun, kann es mir passieren, daß ich an den Einen schreiben will und tatsächlich an den Andern schreibe? und wie könnte das geschehen?

681 One does not naturally ask: “Are you sure that you cursed him, that the connection with him was established?” So, is this connection so easy to establish that one can be so sure of it?! Know that it is not wrong. – Well, can it happen that I want to write to one person and actually write to another? And how could that happen?

§Ts-227a

320[3]

682 “Du sagtest ‘Es wird bald aufhören’. – Hast du an den Lärm gedacht, oder an deine Schmerzen?” Wenn er nun antwortet “Ich habe ans Klavierstimmen gedacht”– konstatiert er, es habe diese Verbindung bestanden, oder schlägt er sie mit diesen Worten? – Kann ich nicht beides sagen? Wenn, was er sagte, wahr war, bestand da nicht jene Verbindung – und schlägt er nicht dennoch eine, die nicht bestand?

682 “You said, ‘It will soon stop.’ – Were you thinking of the noise, or of your pain?” If he now answers, “I was thinking of tuning the piano,” does he state that this connection existed, or does he establish it with these words? – Can I not say both? If what he said was true, then that connection existed – and is he not nonetheless establishing one that did not exist?

§Ts-227a

320[4] &
321[1]

683 Ich zeichne einen Kopf. Du fragst “Wen soll das vorstellen?” – Ich: “Das soll N. sein.” – Du: “Es sieht ihm aber nicht ähnlich; eher noch dem M.” – Als ich sagte, es stelle den N. vor,– machte ich einen Zusammenhang, oder berichtete ich von einem? Welcher Zusammenhang hatte denn bestanden?

683 I draw a head. You ask, “Who is this supposed to be?” – I: “It is supposed to be N.” – You: “It doesn’t look like him; it looks more like M.” – When I said it was supposed to be N., did I establish a connection, or did I report one? What connection had existed?

§Ts-227a

321[2]

684 Was ist dafür zu sagen, daß meine Worte einen Zusammenhang, der bestanden hat, beschreiben? Nun, sie beziehen sich auf Verschiedenes, was nicht erst mit ihnen in die Erscheinung trat. Sie sagen, z.B., daß ich damals eine bestimmte Antwort gegeben hätte, wenn ich gefragt worden wäre. Und wenn dies auch nur konditional ist, so sagt es doch etwas über die Vergangenheit.

684 What can one say to the effect that my words describe a connection that existed? Well, they refer to different things, things that did not only come into being with them. They say, for example, that I would have given a certain answer at the time if I had been asked. And even if this is only conditional, it says something about the past.

§Ts-227a

321[3]

685 “Suche den A” heißt nicht “Suche den B”; aber ich mag, indem ich die beiden Befehle befolge, genau das gleiche tun. Zu sagen, es müsse dabei etwas anderes geschehen, wäre ähnlich, als sagte man: die Sätze “Heute ist mein Geburtstag” und “Am 26. April ist mein Geburtstag” müßten sich auf verschiedene Tage beziehen, da ihr Sinn nicht der gleiche sei.

685 “Look for A” does not mean “Look for B”; but I might, by obeying both commands, end up doing exactly the same thing. To say that something else must happen in the process would be like saying that the sentences “Today is my birthday” and “April 26 is my birthday” must refer to different days, because their sense is not the same.

§Ts-227a

321[4]

686 “Freilich habe ich den B. gemeint; ich habe gar nicht an A. gedacht!” “Ich wollte, B. sollte zu mir kommen, damit …” – Alles dies deutet auf einen größern Zusammenhang.

686 “Of course, I meant B; I didn’t think of A at all!” “I wanted B to come to me so that…” – All of this points to a larger connection.

§Ts-227a

321[5] &
322[1]

687 Statt “Ich habe ihn gemeint” kann man freilich manchmal sagen “Ich habe an ihn gedacht”; manchmal auch “Ja, wir haben von ihm geredet”. Also frag dich, worin es besteht ‘von ihm reden’!

687 Instead of “I meant him,” one can sometimes say “I thought of him”; sometimes also “Yes, we talked about him.” So, ask yourself, what does it consist of to “talk about him”?

§Ts-227a

322[2]

688 Man kann unter Umständen sagen: “Als ich sprach, empfand ich, ich sagte es dir.” Aber das würde ich nicht sagen, wenn ich ohnehin mit dir sprach.

688 Under certain circumstances, one can say, “When I spoke, I felt that I was saying it to you.” But I would not say this if I was talking to you anyway.

§Ts-227a

322[3]

689 “Ich denke an N.” “Ich rede von N.” Wie rede ich von ihm? Ich sage etwa “Ich muß heute N. besuchen.”‒ ‒ Aber das ist doch nicht genug! Mit “N.” könnte ich doch verschiedene Personen meinen, die diesen Namen haben. – “Also muß noch eine andere Verbindung meiner Rede mit dem N. bestehen, denn sonst hätte ich doch nicht ihn gemeint.” Gewiß, eine solche Verbindung besteht. Nur nicht, wie du sie dir vorstellst: nämlich durch einen geistigen Mechanismus. (Man vergleicht “ihn meinen” mit “auf ihn zielen”.)

689 “I am thinking of N.” “I am talking about N.” How do I talk about him? I might say, “I have to visit N. today.” — But is that really enough? With “N.,” I could mean different people who have that name. — “So, there must be another connection between my statement and N., because otherwise I wouldn’t have meant him.” Of course, such a connection exists. Just not in the way you imagine it: namely, through a mental mechanism. (One can compare “meaning him” with “aiming at him.”)

§Ts-227a

322[4]

690 Wie, wenn ich einmal eine scheinbar unschuldige Bemerkung mache und sie mit einem verstohlenen Seitenblick auf jemand begleite; ein andermal, vor mich niedersehend, offen über einen Anwesenden rede, indem ich seinen Namen nenne,– denke ich wirklich eigens an ihn, wenn ich seinen Namen gebrauche?

690 What if I make an apparently innocent remark and accompany it with a sidelong glance at someone; at another time, looking down, I openly talk about someone who is present by naming his name – do I really think of him specifically when I use his name?

§Ts-227a

322[5] &
323[1]

691 Wenn ich das Gesicht des N. nach dem Gedächtnis für mich hinzeichne, so kann man doch sagen, ich meine ihn mit meiner Zeichnung. Aber von welchem Vorgang, der während des Zeichnens stattfindet (oder vor– oder nachher) könnte ich sagen, er wäre das Meinen? Denn man möchte natürlich sagen: als er ihn meinte, habe er auf ihn gezielt. Wie aber macht das Einer, wenn er sich das Gesicht des Andern in die Erinnerung ruft? Ich meine, wie ruft er sich ihn ins Gedächtnis? Wie ruft er ihn?

691 If I draw the face of N. from memory, then one can say that I mean him with my drawing. But what process, occurring during the drawing (or before or after), could one say is the act of meaning? For one would naturally say: when he meant him, he had him in view. But how does one do that when one recalls the face of the other in one’s memory? I mean, how does one recall him to memory? How does one recall him?

§Ts-227a

323[2]

692 Ist es richtig, wenn Einer sagt: “Als ich dir diese Regel gab, meinte ich, du solltest in diesem Falle …”? Auch wenn er, als er die Regel gab, an diesen Fall gar nicht dachte? Freilich ist es richtig. “Es meinen” hieß eben nicht: daran denken. Die Frage ist nun aber: Wie haben wir zu beurteilen, ob Einer dies gemeint hat? – Daß er z.B. eine bestimmte Technik der Arithmetik und Algebra beherrschte und dem Andern den gewöhnlichen Unterricht im Entwickeln einer Reihe gab, ist so ein Kriterium.

692 Is it correct when someone says, “When I gave you this rule, I meant that you should do this in this case”? Even if he did not think of this case when he gave the rule? Of course, it is correct. “Meaning it” just meant not “thinking about it.” The question now is: how do we judge whether someone meant this? – The fact that he, for example, mastered a certain technique of arithmetic and algebra and gave the other the usual instruction in developing a series, is such a criterion.

§Ts-227a

323[3] &
324[1]

693 “Wenn ich Einen die Bildung der Reihe … lehre, meine ich doch, er solle an der hundertsten Stelle … schreiben.” – Ganz richtig: du meinst es. Und offenbar, ohne notwendigerweise auch nur daran zu denken. Das zeigt dir, wie verschieden die Grammatik des Zeitworts “meinen” von der des Zeitworts “denken” ist. Und nichts Verkehrteres, als Meinen eine geistige Tätigkeit nennen! Wenn man nämlich nicht darauf ausgeht, Verwirrung zu erzeugen. (Man könnte auch von einer Tätigkeit der Butter reden, wenn sie im Preise steigt; und wenn dadurch keine Probleme erzeugt werden, so ist es harmlos.)

693 “When I teach someone the formation of the series…, I mean that he should write at the hundredth position…” – Quite right: you mean it. And obviously, without necessarily even thinking about it. This shows you how different the grammar of the verb “to mean” is from the grammar of the verb “to think.” And nothing could be more misleading than to call “meaning” a mental activity! If one does not want to create confusion. (One could also speak of an activity of butter if its price rises; and if this does not create problems, then it is harmless.)