Bemerkungen über die Farben – I

Remarks on Colour – I

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1950, 88 remarks, Ms-176
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§Ms-176

1r[1]

1 Ein Sprachspiel: Darüber berichten ob ein bestimmter Körper heller, oder dunkler als ein andrer sei. – Aber nun gibt es ein verwandtes: Über das Verhältnis der Helligkeiten bestimmter Farbtöne aussagen. (Damit ist zu vergleichen: Das Verhältnis der Längen zweier Stäbe bestimmen – & das Verhältnis zweier Zahlen bestimmen.) – Die Form der Sätze in beiden Sprachspielen ist die gleiche: “x ist heller als y”. Aber im ersten ist es eine externe Relation & der Satz zeitlich, im zweiten ist es eine interne Relation & der Satz zeitlos.

A language-game: Reporting on whether a certain body is brighter or darker than another. – But now there is a related one: Making statements about the relationship of the brightnesses of certain shades of color. (This can be compared to: Determining the relationship of the lengths of two rods – & determining the relationship of two numbers.) – The form of the sentences in both language-games is the same: “x is brighter than y”. But in the first it is an external relation & the sentence is temporal, in the second it is an internal relation & the sentence is timeless.

§Ms-176

1r[2] &
1v[1]

2 In einem Bild, in welchem ein Stück weißes Papier seine Helligkeit vom blauen Himmel kriegt, ist dieser heller als das weiße Papier. Und doch ist, in einem andern Sinne, Blau die dunklere, Weiß die hellere Farbe. (Göthe.) Auf der Palette ist das Weiß die hellste Farbe.

In a picture, in which a piece of white paper gets its brightness from the blue sky, this is brighter than the white paper. And yet, in another sense, blue is the darker, white the brighter color. (Goethe.) On the palette, white is the brightest color.

§Ms-176

1v[2]

3 Lichtenberg sagt, nur wenige Menschen hätten je reines Weiß gesehen. So verwenden also die Meisten das Wort falsch? Und wie hat er den richtigen Gebrauch gelernt? – Er hat nach dem gewöhnlichen Gebrauch einen idealen konstruiert. Und das heißt nicht einen bessern, sondern einen in gewisser Richtung verfeinerten, worin etwas auf die Spitze getrieben wird.

Lichtenberg says that only a few people have ever seen pure white. So, are most people using the word incorrectly? And how did he learn the correct use? – He constructed an ideal one, based on the common use. And this does not mean a better one, but one that is refined in a certain direction, in which something is taken to the extreme.

§Ms-176

1v[3] &
2r[1]

4 Und freilich kann ein so konstruierter uns wieder über den tatsächlichen Gebrauch belehren.

And of course, such a constructed one can also inform us about the actual use.

§Ms-176

2r[2]

5 Wenn ich von einem Papier sage, es sei rein weiß, & es würde Schnee neben das Papier gehalten & dieses sähe nun grau aus, so würde ich es in seiner normalen Umgebung doch mit Recht weiß, nicht hellgrau, nennen. Es könnte sein, daß ich, im Laboratorium etwa, einen verfeinerten Begriff von Weiß verwendete (wie z.B. auch einen verfeinerten Begriff der genauen Zeitbestimmung).

If I say of a piece of paper that it is pure white, & snow is held next to the paper & this now looks gray, I would still, in its normal environment, rightly call it white, not light gray. It could be that, in the laboratory for example, I use a refined concept of white (just as I might also use a refined concept of the precise determination of time).

§Ms-176

2r[3] &
2v[1]

6 Was läßt sich dafür sagen, daß Grün eine primäre Farbe ist, keine Mischfarbe von Blau & Gelb? Wäre es richtig zu sagen: “Man kann das nur unmittelbar erkennen, indem man die Farben betrachtet? Aber wie weiß ich, daß ich dasselbe mit den Worten “primäre Farbe” meine wie ein Andrer, der auch geneigt ist, Grün eine primäre Farbe zu nennen?” Nein, – hier entscheiden Sprachspiele.

What can be said in favor of the fact that green is a primary color, not a mixed color of blue & yellow? Would it be correct to say: “One can only recognize this directly by looking at the colors?” But how do I know that I mean the same thing by the words “primary color” as someone else, who is also inclined to call green a primary color? No – language-games decide here.

§Ms-176

2v[2] &
3r[1]

7 [Es gibt mehr, oder weniger bläuliches (oder gelbliches) Grün &] es gibt die Aufgabe zu einem gegebenen Gelbgrün (oder Blaugrün) ein weniger gelbliches (oder bläuliches) zu mischen, oder aus einer Anzahl von Farbmustern auszuwählen. Ein weniger gelbliches ist aber kein bläuliches Grün (und umgekehrt), & es gibt auch die Aufgabe, ein Grün zu wählen, oder zu mischen, das weder gelblich noch bläulich ist. Ich sage “oder zu mischen”, weil ein Grün dadurch nicht zugleich grünlich & gelblich wird, daß es durch eine Art der Mischung von Gelb & Blau zustandekommt.

[There is more or less bluish (or yellowish) green &] there is the task of mixing a less yellowish (or bluish) one with a given yellowish green (or bluish green), or of selecting one from a number of color samples. However, a less yellowish one is not a bluish green (and vice versa), & there is also the task of choosing, or mixing, a green that is neither yellowish nor bluish. I say “or to mix”, because a green does not thereby become both greenish & yellowish because it is produced by a kind of mixing of yellow & blue.

§Ms-176

3r[2]

8 Menschen könnten den Begriff der Zwischenfarbe oder Mischfarbe haben auch wenn sie nie Farben durch Mischung (in welchem Sinne immer) erzeugten. Es könnte sich in ihren Sprachspielen immer nur darum handeln schon vorhandene Zwischen- oder Mischfarben zu suchen, zu wählen.

People could have the concept of an intermediate color or mixed color even if they never produced colors by mixing (in whatever sense). It could always be a matter of their language-games only involving the searching, choosing of already existing intermediate or mixed colors.

§Ms-176

3r[3] &
3v[1]

9 Wenn nun auch nicht Grün eine Zwischenfarbe von Gelb & Blau ist, könnte es nicht Leute geben, für die es ein bläuliches Gelb, ein rötliches Grün gibt? Leute also, deren Farbbegriffe von den unsern abwichen – da ja auch die Farbbegriffe der Farbenblinden von denen der Normalen abweichen. Und nicht jede Abweichung vom Normalen muß eine Blindheit, ein Defekt sein.

If now green is not an intermediate color of yellow & blue, could there not be people for whom there is a bluish yellow, a reddish green? People, therefore, whose color concepts differ from ours – since the color concepts of colorblind people also differ from those of normal people. And not every deviation from the normal must be a blindness, a defect.

§Ms-176

3v[2] &
4r[1]

10 Wer gelernt hat zu einem gegebenen Farbton einen gelblicheren, weißlicheren, rötlicheren zu finden oder zu mischen, u.s.f., wer also den Begriff der Zwischenfarbe kennt, den fordre man (nun) auf, uns ein rötliches Grün zu zeigen. Er mag diesen Befehl nun einfach nicht verstehen & etwa so reagieren, als hätte man von ihm verlangt nach einem regelmäßigen Viereck, Fünfeck, Sechseck, ein regelmäßiges Eineck zu zeigen. Wie aber, wenn er, ohne zu zögern, auf ein Farbmuster wiese (etwa auf ein schwärzliches Braun, wie wir es beschreiben würden)?

Whoever has learned to find or mix a more yellowish, whitish, reddish one with a given shade, etc., whoever, therefore, knows the concept of the intermediate color, should now be asked to show us a reddish green. He may simply not understand this request & react as if he had been asked to show a regular one-sided shape, pentagon, hexagon. But what if he, without hesitation, points to a color sample (perhaps to a brownish color, as we would describe it)?

§Ms-176

4r[2] &
4v[1]

11 Wem ein Rötlichgrün bekannt wäre, der sollte im Stande sein, eine Farbenreihe herzustellen, die mit Rot anfinge, mit Grün endet &, auch für uns vielleicht, einen kontinuierlichen Übergang zwischen ihnen bildet. Es würde sich dann zeigen, daß dort, wo wir jedesmal den gleichen Ton, von Braun z.B., sehen, er einmal Braun, einmal Rötlichgrün sähe. Daß er z.B. zwei chemische Verbindungen, die für uns die gleiche Farbe haben, nach der Farbe unterscheiden könnte & die eine braun die andre rötlichgrün nennte.

Whoever is familiar with reddish-green should be able to create a series of colors that begins with red, ends with green, and, perhaps even for us, forms a continuous transition between them. It would then become apparent that, where we always see the same shade, for example, brown, he would sometimes see brown, sometimes reddish-green. That he could, for example, distinguish between two chemical compounds that have the same color for us according to their color, and call one brown and the other reddish-green.

§Ms-176

4v[2]

12 Stell Dir vor alle Menschen mit seltenen Ausnahmen wären rot-grün-blind. Oder auch den andern Fall: alle Menschen wären entweder rot-grün-, oder blau-gelb-blind.

Imagine that almost all people, with rare exceptions, were red-green colorblind. Or also the other case: all people were either red-green or blue-yellow colorblind.

§Ms-176

4v[3] &
5r[1]

13 Denken wir uns ein Volk von Farbenblinden, & das könnte es leicht geben. Sie würden nicht die gleichen Farbbegriffe haben wie wir. Denn auch angenommen sie redeten, z.B., Deutsch, hätten also alle deutschen Farbwörter, so würden sie sie doch anders gebrauchen als wir, & anders zu gebrauchen lernen. Oder haben sie eine fremde Sprache, so würde es uns schwer, ihre Farbwörter in die unsern zu übersetzen.

Let us imagine a people of colorblind individuals, & such a group could easily exist. They would not have the same color concepts as we do. For even if we assume they speak, for example, German, & therefore have all the German color words, they would still use them differently than we do, & learn to use them differently. Or if they have a foreign language, it would be difficult for us to translate their color words into ours.

§Ms-176

5r[2]

14 Wenn es aber auch Menschen gäbe, denen es natürlich wäre, das Wort “rötlichgrün” oder “gelblichblau” in einer konsequenten Weise zu verwenden & dabei vielleicht auch Fähigkeiten verrieten, die wir nicht haben, so wären wir dennoch nicht gezwungen anzuerkennen, sie sähen Farben, die wir nicht sehen. Es gibt ja kein allgemein anerkanntes Kriterium dafür, was eine Farbe sei, es sei denn, daß es eine unserer Farben ist.

If, however, there were also people for whom it would be natural to use the word “reddish-green” or “yellowish-blue” in a consistent way, and who might also reveal abilities that we do not have, we would still not be compelled to acknowledge that they see colors that we do not see. After all, there is no generally accepted criterion for what a color is, unless it is one of our colors.

§Ms-176

5v[1]

15 In jedem ernsteren philosophischen Problem reicht die Unsicherheit bis an die Wurzeln hinab. Man muß immer darauf gefaßt sein, etwas ganz neues zu lernen.

In every serious philosophical problem, uncertainty extends down to the very roots. One must always be prepared to learn something completely new.

§Ms-176

5v[2]

16 Die Beschreibung der Phänomene der Farbenblindheit gehört in die Psychologie: also auch die der Phänomene des normalen Sehens? Die Psychologie beschreibt nur die Abweichungen der Farbenblindheit vom normalen Sehen.

The description of the phenomena of color blindness belongs to psychology: does this also apply to the description of the phenomena of normal seeing? Psychology only describes the deviations of color blindness from normal seeing.

§Ms-176

5v[3] &
6r[1]

17 Runge (in dem Brief, den Göthe in der Farbenlehre abdruckt) sagt, es gebe durchsichtige & undurchsichtige Farben. Weiß sei eine undurchsichtige Farbe. Dies zeigt die Unbestimmtheit im Begriff der Farbe, oder auch der Farbengleichheit.

Runge (in the letter that Goethe prints in the Theory of Colors) says that there are transparent and opaque colors. White is an opaque color. This shows the indeterminacy in the concept of color, or also of color identity.

§Ms-176

6r[2]

18 Kann ein durchsichtiges grünes Glas die gleiche Farbe haben wie ein undurchsichtiges Papier, oder nicht? Wenn ein solches Glas auf einem Gemälde dargestellt würde, so wären die Farben auf der Palette nicht durchsichtig. Wollte man sagen die Farbe des Glases wäre auch auf dem Gemälde durchsichtig, so müßte man den Komplex von Farbflecken, der das Glas darstellt, seine Farbe nennen.

Can a transparent green piece of glass have the same color as an opaque piece of paper, or not? If such a piece of glass were depicted in a painting, the colors on the palette would not be transparent. If one wanted to say that the color of the glass is also transparent in the painting, one would have to call the complex of color patches that represents the glass its color.

§Ms-176

6r[3] &
6v[1]

19 Wie kommt es, daß etwas Durchsichtiges grün, aber nicht weiß sein kann? Durchsichtigkeit & Spiegeln gibt es nur in der Tiefendimension eines Gesichtsbilds. Der Eindruck des durchsichtigen Mediums ist der, daß etwas hinter dem Medium liegt. Vollkommene Einfärbigkeit des Gesichtsbilds kann nicht durchsichtig sein.

How is it that something transparent can be green, but not white? Transparency & reflection only exist in the depth dimension of a visual image. The impression of the transparent medium is that something lies behind the medium. Complete uniformity of color in the visual image cannot be transparent.

§Ms-176

6v[2] &
7r[1]

20 Etwas Weißes hinter einem gefärbten durchsichtigen Medium erscheint in der Farbe des Mediums, etwas Schwarzes schwarz. Nach dieser Regel muß Schwarz auf weißem Grund durch ein ‘weißes durchsichtiges’ Medium wie durch ein farbloses gesehen werden.

Something white behind a colored transparent medium appears in the color of the medium, something black appears black. According to this rule, black on a white background must be seen through a ‘white transparent’ medium as if through a colorless one.

§Ms-176

7r[2]

21 Runge: “Wenn man sich ein bläuliches Orange, ein rötliches Grün, oder ein gelbliches Violett denken will, wird einem zu Muthe wie bei einem südwestlichen Nordwinde … Weiß sowohl als Schwarz sind beide undurchsichtig oder körperlich … Weißes Wasser wird man sich nicht denken können, was rein ist, so wenig wie klare Milch.”

Runge: “If one wants to think of a bluish orange, a reddish green, or a yellowish violet, one feels as if one were experiencing a southwestern north wind… White as well as black are both opaque or physical… One cannot imagine white water, just as one cannot imagine clear milk.”

§Ms-176

7r[3] &
7v[1]

22 Wir wollen keine Theorie der Farben finden (weder eine physiologische, noch eine psychologische), sondern die Logik der Farbbegriffe. Und diese leistet, was man sich oft mit Unrecht von einer Theorie erwartet hat.

We do not want to find a theory of colors (neither a physiological nor a psychological one), but the logic of color concepts. And this achieves what one has often wrongly expected from a theory.

§Ms-176

7v[2]

23 “Weißes Wasser wird man sich nicht denken können etc.” Das heißt man kann nicht beschreiben (z.B. malen), wie etwas weißes Klares aussähe, & das heißt, man weiß nicht, welche Beschreibung, Darstellung diese Worte von uns fordern.

“One cannot imagine white water, etc.” That is, one cannot describe (e.g., paint) what something white and clear would look like, and that means that one does not know what description, what representation these words demand of us.

§Ms-176

7v[3] &
8r[1]

24 Es ist nicht ohne weiteres klar, von welchem durchsichtigen Glas man sagen soll, es habe die gleiche Farbe, wie ein undurchsichtiges Farbmuster. Wenn ich sage “Ich suche ein Glas von dieser Farbe” (wobei ich auf ein farbiges Papier deute), so wird das etwa heißen, daß etwas Weißes, durch das Glas gesehen, ausschauen soll wie mein Muster. Ist das Muster rosa; himmelblau, lila, so wird man sich das Glas trübe denken, aber vielleicht auch klar & nur schwach rötlich, bläulich oder violett gefärbt.

It is not immediately clear which transparent glass one should say has the same color as an opaque color sample. If I say “I am looking for a glass of this color” (while pointing to a colored piece of paper), then that will roughly mean that something white, seen through the glass, should look like my sample. If the sample is pink, sky blue, or purple, then one will imagine the glass as opaque, but perhaps also clear and only faintly reddish, bluish, or purplish.

§Ms-176

8r[2] &
8v[1]

25 Im Kino kann man manchmal die Vorgänge im Film so sehen, als lägen sie hinter der Leinwandfläche, diese aber sei durchsichtig, etwa eine Glastafel. Das Glas nähme den Dingen ihre Farbe & ließe nur Weiß, Grau & Schwarz durch.

(Wir reden hier nicht physikalisch, sondern betrachten Weiß & Schwarz als Farben ganz wie Grün & Rot.) – Man könnte also denken, daß wir uns hier ein Glas vorstellen, das weiß & durchsichtig zu nennen wäre. Und doch sind wir nicht versucht, sie so zu nennen: Bricht also die Analogie mit einer durchsichtigen grünen Tafel, z.B., irgendwo zusammen?

In the cinema, one can sometimes see the events in the film as if they were behind the surface of the screen, but the screen is transparent, like a glass panel. The glass would take away the color of the things and only allow white, gray, and black to pass through.

(Here we are not speaking in a physical sense, but rather considering white and black as colors just like green and red.) – One could therefore think that we are imagining a glass that would be called white and transparent. And yet, we are not inclined to call it that: Where does the analogy with a transparent green panel, for example, break down?

§Ms-176

8v[2]

26 Von einer grünen Tafel würden wir etwa sagen: sie gäbe den Dingen hinter ihr eine grüne Färbung; also vor allem etwas Weißem.

We might say of a green panel that it gives the things behind it a green tint; primarily, something white.

§Ms-176

8v[3]

27 “Man kann sich das nicht vorstellen”, wenn es sich um die Logik handelt, heißt: man weiß nicht, was man sich hier vorstellen soll.

“One cannot imagine that,” when it concerns logic, means: one does not know what one should imagine here.

§Ms-176

9r[1]

28 Würde man von meiner fiktiven Glastafel im Kino sagen, sie gäbe den Dingen hinter ihr eine weiße Färbung?

Would one say that my fictional glass panel in the cinema gives the things behind it a white tint?

§Ms-176

9r[2]

29 Konstruiere aus der Regel für den Augenschein des durchsichtigen & gefärbten, die Du vom durchsichtigen Grünen, Roten, etc., abliest, den Schein des durchsichtigen Weißen! Warum geht es nicht?

Construct from the rule for the appearance of the transparent and colored, which you derive from the transparent green, red, etc., the appearance of the transparent white! Why does it not work?

§Ms-176

9r[3]

30 Jedes gefärbte Medium verdunkelt, was dadurch gesehen wird, es schluckt Licht: Soll nun mein weißes Glas auch verdunkeln? & je dicker es ist, desto mehr? So wäre es also eigentlich ein dunkles Glas!

Every colored medium darkens what is seen through it; it absorbs light: Should my white glass also darken? And the thicker it is, the more? So it would actually be a dark glass!

§Ms-176

9v[1]

31 Warum kann man sich weißdurchsichtiges Glas nicht vorstellen, – auch wenn es in Wirklichkeit keins gibt? Wo geht die Analogie mit dem durchsichtigen gefärbten schief?

Why can one not imagine white transparent glass, even if there is no such thing in reality? Where does the analogy with the transparent colored one fail?

§Ms-176

9v[2]

32 Sätze werden oft an der Grenze von Logik & Empirie gebraucht, (so) daß ihr Sinn über die Grenze hin & her wechselt, & sie bald als Ausdruck einer Norm, bald als Ausdruck einer Erfahrung gelten. (Denn es ist ja nicht eine psychische Begleiterscheinung – so stellt man sich den ‘Gedanken’ vor –, sondern die Verwendung, die den logischen vom Erfahrungssatz unterscheidet.)

Sentences are often used at the boundary of logic and empiricism, so that their sense shifts back and forth across the boundary, and they are sometimes regarded as an expression of a norm, and sometimes as an expression of an experience. (For it is not a psychological concomitant – that is how one imagines ‘thought’ – but the use that distinguishes the logical sentence from the empirical proposition.)

§Ms-176

10r[1]

33 Man redet von der ‘Farbe des Goldes’ & meint nicht Gelb. “Goldfarben” ist die Eigenschaft einer Fläche, welche glänzt, oder schimmert.

One speaks of the ‘color of gold’ and does not mean yellow. “Gold-colored” is the property of a surface that shines or shimmers.

§Ms-176

10r[2]

34 Es gibt Rotglut & Weißglut: Wie aber sähe Braunglut & Grauglut aus? Warum kann man sich diese nicht als einen schwächeren Grad der Weißglut denken?

There is red-hot and white-hot: What would brown-hot and gray-hot look like? Why can one not imagine these as a weaker degree of white-hot?

§Ms-176

10r[3]

35 “Das Licht ist farblos.” Wenn, dann in dem Sinne, wie die Zahlen farblos sind.

“Light is colorless.” If so, then in the sense in which numbers are colorless.

§Ms-176

10r[4]

36 Was leuchtend aussieht, sieht nicht grau aus. Alles Graue sieht beleuchtet aus.

What looks bright does not look gray. Everything gray looks illuminated.

§Ms-176

10v[1]

37 Was man als leuchtend sieht, sieht man nicht als grau. Wohl aber kann man es als weiß sehen.

What one sees as brightly lit, one does not see as gray. However, one can see it as white.

§Ms-176

10v[2]

38 Man könnte also etwas jetzt als schwach leuchtend, jetzt als grau sehen.

One could therefore see something now as faintly lit, now as gray.

§Ms-176

10v[3]

39 Ich sage nicht (wie die Gestaltpsychologen), daß der Eindruck des Weißen so & so zustande komme. Sondern die Frage ist gerade: was der Eindruck des Weißen sei. Was die Bedeutung dieses Ausdrucks, die Logik des Begriffes ist.

I am not saying (as the Gestalt psychologists do) that the impression of white comes about in such and such a way. Rather, the question is precisely: what is the impression of white? What is the meaning of this expression, the logic of the concept?

§Ms-176

10v[4]

40 Denn, daß man sich etwas ‘grauglühendes’ nicht denken kann, gehört nicht in die Physik, oder Psychologie der Farbe.

For the fact that one cannot imagine something ‘gray-glowing’ does not belong in the physics or psychology of color.

§Ms-176

11r[1]

41 Man sagt mir, eine gewisse Substanz brenne mit grauer Flamme. Ich kenne doch nicht die Farbe der Flammen sämtlicher Substanzen; warum sollte das also nicht möglich sein?

I am told that a certain substance burns with a gray flame. I do not know the color of the flames of all substances; why should this not be possible?

§Ms-176

11r[2]

42 Man redet von einem ‘dunkelroten Schein’, aber nicht von einem ‘schwarz-roten’.

One speaks of a ‘dark red glow’, but not of a ‘black-red’ one.

§Ms-176

11r[3]

43 Eine glatte weiße Fläche kann spiegeln: Wie nun, wenn man sich irrte, & was in ihr gespiegelt erscheint, wirklich hinter ihr wäre & durch sie gesehen würde? Wäre sie dann weiß & durchsichtig?

A smooth white surface can reflect: What if one were mistaken, and what appears reflected in it were actually behind it and seen through it? Would it then be white and transparent?

§Ms-176

11r[4] &
11v[1]

44 Man spricht von einem ‘schwarzen’ Spiegel. Aber wenn er spiegelt, verdunkelt er zwar, aber sieht nicht schwarz aus, & was durch ihn gesehen wird, erscheint nicht ‘schmutzig’, sondern ‘tief’.

One speaks of a ‘black’ mirror. But when it reflects, it darkens, but it does not look black, and what is seen through it does not appear ‘dirty’, but ‘deep’.

§Ms-176

11v[2]

45 Die Undurchsichtigkeit ist nicht eine Eigenschaft der weißen Farbe. Sowenig wie Durchsichtigkeit eine Eigenschaft der grünen.

Opacity is not a property of white color. Just as transparency is not a property of green.

§Ms-176

11v[3] &
12r[1]

46 Und es genügt auch nicht zu sagen, das Wort “weiß” werde eben nur für die Erscheinung von Oberflächen angewandt. Es könnte sein daß wir zwei Wörter für “grün” hätten: eines nur für grüne Oberflächen, das andre für grüne durchsichtige Gegenstände. Es bliebe also die Frage, warum es kein dem Wort “weiß” entsprechendes Farbwort für etwas Durchsichtiges gibt.

And it is not enough to say that the word “white” is simply used for the appearance of surfaces. It could be that we have two words for “green”: one only for green surfaces, the other for green transparent objects. So the question remains: why is there no color word corresponding to the word “white” for something transparent?

§Ms-176

12r[2]

47 Ein Medium, wodurch ein schwarz & weißes Muster (Schachbrett) unverändert erscheint, wird man nicht ein weißes nennen, auch wenn dadurch die andern Farben an Färbigkeit verlieren.

A medium through which a black and white pattern (chessboard) appears unchanged would not be called white, even if it makes the other colors lose some of their color intensity.

§Ms-176

12r[3]

48 Man könnte ein weißes Glanzlicht nicht “weiß” nennen wollen, & so nur das nennen, was dem Auge als Farbe einer Oberfläche erscheint.

One could not want to call a white highlight “white,” and only call what appears to the eye as the color of a surface.

§Ms-176

12r[4] &
12v[1]

49 Von zwei Stellen meiner Umgebung, die ich, in einem Sinne, als gleichfarbig sehe, kann ich, in anderem Sinne, die eine als weiß, die andre als grau sehen. In einem Zusammenhang ist diese Farbe für mich Weiß in schlechter Beleuchtung, in einem andern Grau in guter Beleuchtung. Dies sind Sätze über die Begriffe ‘weiß’ & ‘grau’.

From two places in my surroundings, which I, in one sense, see as having the same color, I can, in another sense, see one as white, the other as gray. In one context, this color is white for me in poor lighting, in another, gray in good lighting. These are sentences about the concepts ‘white’ & ‘gray’.

§Ms-176

12v[2]

50 Der Eimer, der hier vor mir steht, ist glänzend Weiß lackiert, es wäre absurd, ihn “grau” zu nennen, oder zu sagen “Ich sehe eigentlich ein helles Grau”. Aber er hat ein weißes Glanzlicht, das weit heller ist als eine übrige Fläche, & diese ist teils im Licht, teils im Schatten, ohne doch anders gefärbt zu erscheinen. (Zu erscheinen, nicht nur zu sein.)

The bucket standing in front of me is painted a glossy white; it would be absurd to call it “gray” or to say “I am actually seeing a light gray.” But it has a white highlight that is much brighter than the rest of the surface, and this is partly in the light, partly in the shadow, without appearing to be of a different color. (To appear, not just to be.)

§Ms-176

12v[3] &
13r[1]

51 Es ist nicht dasselbe, zu sagen: der Eindruck des Weißen oder Grauen kommt unter diesen Bedingungen zustande (kausal), &: er ist ein Eindruck in einem bestimmten Zusammenhang von Farben & Formen.

It is not the same to say: the impression of white or gray arises under these conditions (causally), and: it is an impression in a certain context of colors and shapes.

§Ms-176

13r[2]

52 Weiß als Stoffarbe (in dem Sinne, in welchem man sagt, Schnee ist weiß) ist heller als jede andre Stoffarbe; Schwarz dunkler. Hier ist die Farbe eine Verdunklung, & ist dem Stoff jede solche entzogen, so bleibt Weiß, & darum kann man es “farblos” nennen.

White as a material color (in the sense in which one says, snow is white) is brighter than any other material color; black is darker. Here the color is a darkening, and if this darkening is removed from the material, then white remains, and that is why one can call it “colorless.”

§Ms-176

13r[3]

53 Es gibt zwar nicht Phänomenologie, wohl aber phänomenologische Probleme.

There is no phenomenology, but there are phenomenological problems.

§Ms-176

13r[4] &
13v[1]

54 Daß nicht alle Farbbegriffe logisch gleichartig sind, sieht man leicht. Z.B. den Unterschied zwischen den Begriffen ‘Farbe des Goldes’ oder ‘Farbe des Silbers’ & ‘gelb’ oder ‘grau’.

It is easy to see that not all color concepts are logically of the same kind. For example, the difference between the concepts ‘color of gold’ or ‘color of silver’ and ‘yellow’ or ‘gray’.

§Ms-176

13v[2]

55 Eine Farbe ‘leuchtet’ in einer Umgebung (Wie Augen nur in einem Gesicht lächeln). Eine ‘schwärzliche’ Farbe – z.B. Grau – ‘leuchtet’ nicht.

A color ‘shines’ in an environment (just as eyes only smile in a face). A ‘dark’ color – for example, gray – does not ‘shine’.

§Ms-176

13v[3]

56 Die Schwierigkeiten, die wir beim Nachdenken über das Wesen der Farben empfinden (mit denen Göthe in der Farbenlehre sich auseinandersetzen wollte) liegen schon in der Unbestimmtheit unseres Begriffs der Farbengleichheit beschlossen.

The difficulties that we experience when thinking about the nature of colors (with which Goethe wanted to grapple in his theory of colors) are already contained in the indeterminacy of our concept of color equality.

§Ms-176

13v[4] &
14r[1]

57 “Ich fühle x”

“Ich beobachte x”

x steht im ersten & zweiten Satz nicht für den gleichen Begriff, wenn auch vielleicht für den gleichen Wortausdruck, z.B. für “einen Schmerz”. Denn fragt man “Was für einen Schmerz?” so könnte ich im ersten Fallantworten “Diesen” & den Fragenden etwa mit einer Nadel stechen. Im zweiten Falle muß ich auf dieselbe Frage anders antworten; z.B. “Den Schmerz in meinem Fuß”. Auch könnte das x im zweiten Satz für “meinen Schmerz” stehen, aber nicht im ersten.

“I feel x”

“I observe x”

In the first & second sentence, x does not stand for the same concept, even if perhaps for the same verbal expression, e.g. for “a pain”. For if one asks “What kind of pain?” then in the first case I could answer “This one” & perhaps prick the questioner with a needle. In the second case, I must answer the same question differently; e.g. “The pain in my foot”. Also, x in the second sentence could stand for “my pain”, but not in the first.

§Ms-176

14r[2] &
14v[1]

58 Denk, jemand zeigte auf eine Stelle der Iris in einem Rembrandtschen Auge & sagt: “Die Wände in meinem Zimmer sollen in dieser Farbe gemalt werden.”

Imagine someone points to a spot in the iris in a Rembrandt eye and says: “The walls in my room should be painted in this color.”

§Ms-176

14v[2] &
15r[1]

59 Ich male die Aussicht von meinem Fenster; eine bestimmte Stelle, bestimmt durch ihre Lage in der Architektur eines Hauses, male ich mit Ocker. Ich sage, ich sehe diese Stelle in dieser Farbe. Das bedeutet nicht, daß ich hier die Farbe Ocker sehe, denn dieser Farbstoff mag, so umgeben, heller, dunkler, rötlicher (etc.) aussehen als Ocker. “Ich sehe diese Stelle, wie ich sie hier mit Ocker gemalt habe, nämlich als ein stark rötliches Gelb.” Wie aber, wenn man von mir verlangte, den genauen Farbton anzugeben, den ich dort sehe? – Wie soll er angegeben werden, & wie bestimmt werden? Man könnte verlangen, daß ich ein Farbmuster (ein rechteckiges Stück Papier von dieser Farbe) herstelle. Ich sage nicht, daß ein solcher Vergleich ohne jedes Interesse wäre, aber er zeigt uns, daß nicht von vornherein klar ist, wie Farbtöne zu vergleichen sind & was “Gleichheit der Farbe” bedeutet.

I paint the view from my window; a particular spot, defined by its location in the architecture of a house, I paint with ochre. I say that I see this spot in this color. This does not mean that I see the color ochre here, because this pigment may, when so surrounded, appear lighter, darker, redder (etc.) than ochre. “I see this spot as I have painted it here with ochre, namely as a strong reddish yellow.” But what if I were asked to specify the exact shade that I see there? – How is it to be specified, & how is it to be determined? One could demand that I produce a color sample (a rectangular piece of paper of this color). I do not say that such a comparison would be without any interest, but it shows us that it is not clear from the outset how shades are to be compared & what “sameness of color” means.

§Ms-176

15r[2]

60 Denken wir uns ein Gemälde in kleine, annähernd einfärbige Stücke zerschnitten & diese dann als Steine eines Zusammenlegspiels verwendet. Auch wo ein solcher Stein nicht einfärbig ist, soll er keine räumliche Form andeuten, sondern einfach als flacher Farbfleck erscheinen. Erst im Zusammenhang mit den andern sieht man ihn als ein Stück blauen Himmel, als einen Schatten, einen Glanz, als durchsichtig oder undurchsichtig, etc. – Zeigen uns, die einzelnen Steine die eigentlichen Farben der Stellen des Bildes?

Let us imagine a painting cut into small, almost monochromatic pieces, and then used as stones in a jigsaw puzzle. Even where a stone is not monochromatic, it should not suggest any spatial form, but simply appear as a flat patch of color. It is only in connection with the others that one sees it as a piece of blue sky, as a shadow, a gleam, as transparent or opaque, etc. – Do the individual stones show us the actual colors of the places in the picture?

§Ms-176

15v[2]

61 Man neigt dazu, zu glauben, die Analyse unsrer Farbbegriffe führe am Ende zu den Farben von Stellen unsres Gesichtsbilds, welche nun von jeder räumlichen oder physikalischen Deutung unabhängig sind; denn hier gibt es weder Beleuchtung, noch Schatten, noch Glanz, etc. etc.

One is inclined to believe that the analysis of our color concepts ultimately leads to the colors of places in our visual image, which are now independent of any spatial or physical interpretation; for here there is neither lighting, nor shadow, nor gleam, etc.

§Ms-176

15v[3]

62 Daß ich sagen kann, diese Stelle in meinem Gesichtsfeld sei graugrün, bedeutet nicht, daß ich weiß, was eine genaue Kopie des Farbtons zu nennen wäre.

The fact that I can say that this place in my field of vision is gray-green does not mean that I know what an exact copy of the color tone would be called.

§Ms-176

16r[1]

63 Ich sehe auf einer (nicht färbigen) Photographie einen Mann mit dunklem Haar & einen Buben mit glatt zurückgekämmtem blondem Haar vor einer Art Drehbank stehen, die zum Teil aus schwarz gestrichenen Gußteilen, teils aus glatten Wellen, Zahnrädern, u.a. besteht, daneben ein Gitter aus hellem verzinkten Draht. Die bearbeiteten Eisenflächen sehe ich eisenfärbig, das Haar des Jungen blond, das Gitter zinkfarbig, obwohl alles durch hellere & dunklere Töne des photographischen Papiers dargestellt ist.

I look at a (non-colored) photograph of a man with dark hair and a boy with smooth, slicked-back blond hair standing in front of a kind of lathe, which consists partly of black-painted cast parts, partly of smooth waves, gears, etc., and next to it a grid of bright galvanized wire. I see the processed iron surfaces as iron-colored, the boy’s hair as blond, the grid as zinc-colored, although everything is represented by lighter and darker tones of the photographic paper.

§Ms-176

16r[2] &
16v[1]

64 Aber sehe ich wirklich die Haare auf der Photographie blond? Und was spricht dafür? Welche Reaktion des Betrachtens zeigt, daß er sie blond sieht, & nicht nur aus den Tönen der Photographie schließt, sie seien blond? – Würde von mir verlangt, daß ich jene Photographie beschreibe, so würde ich es am direktesten mit jenen Worten tun. Ließe man diese Art der Beschreibung nicht gelten, so müßte ich nun erst nach einer andern suchen.

But do I really see the hair in the photograph as blond? And what speaks for it? What reaction of the viewing shows that he sees it as blond, and not just infers from the tones of the photograph that it is blond? – If I were asked to describe that photograph, I would do so most directly with those words. If this kind of description were not accepted, then I would first have to look for another.

§Ms-176

16v[2]

65 Wenn selbst das Wort “blond” blond klingen kann, wieviel eher können die photographierten Haare blond aussehen!

If even the word “blond” can sound blond, how much more likely is it that the photographed hair will look blond!

§Ms-176

16v[3] &
17r[1]

66 “Kann man sich nicht denken, daß (gewisse) Menschen eine andere Farbengeometrie als die unsere hätten?” Das heißt doch: Kann man sich nicht Menschen mit andern Farbbegriffen als den unsern denken? & das heißt wieder: Kann man sich nicht vorstellen, daß Menschen unsre Farbbegriffe nicht haben, & daß sie Begriffe haben, die mit unsern Farbbegriffen in solcher Weise verwandt sind, daß wir sie auch “Farbbegriffe” nennen würden?

“Can one not imagine that (certain) people have a different color geometry than ours?” This really means: Can one not imagine people with color concepts different from ours? And this in turn means: Can one not imagine that people do not have our color concepts, and that they have concepts that are related to our color concepts in such a way that we would also call them “color concepts”?

§Ms-176

17r[2]

67 Sieh Dein Zimmer am späten Abend an, wenn Farben kaum mehr zu unterscheiden sind – & nun mach Licht & male, was Du früher im Halbdunkel gesehen hast. – Wie vergleicht man die Farben auf so einem Bild mit denen des halbdunkeln Raums?

Look at your room in the late evening, when colors can hardly be distinguished anymore – and now turn on the light and paint what you saw earlier in the dim light. – How does one compare the colors on such a picture with those of the dimly lit room?

§Ms-176

17r[3] &
17v[1]

68 Auf die Frage “Was bedeuten die Wörter ‘rot’, ‘blau’, ‘schwarz’, ‘weiß’”, können wir wohl gleich auf Dinge zeigen, die so gefärbt sind, – aber weiter geht unsre Fähigkeit die Bedeutungen dieser Worte zu erklären nicht! Im übrigen machen wir uns von ihrer Verwendung keine, oder eine ganz rohe, zum Teil falsche, Vorstellung.

To the question “What do the words ‘red’, ‘blue’, ‘black’, ‘white’ mean?”, we can immediately point to things that are colored in this way – but our ability to explain the meanings of these words does not go any further! Moreover, we have either no conception of their use, or a very crude, partly incorrect conception.

§Ms-176

17v[2]

69 Ich kann mir einen Logiker vorstellen, der erzählt, er sei jetzt dahin gelangt, “2 × 2 = 4” wirklich denken zu können.

I can imagine a logician who says that he has now come to the point of being able to really think “2 × 2 = 4”.

§Ms-176

17v[3] &
18r[1]

70 Die Göthesche Lehre von der Entstehung der Spektralfarben ist nicht eine Theorie, die sich als ungenügend erwiesen hat, sondern eigentlich gar keine Theorie. Es läßt sich mit ihr nichts vorhersagen. Sie ist eher ein vages Denkschema nach Art derer, die man in James' Psychologie findet. Es gibt auch kein Experimentum crucis, das für, oder gegen diese Lehre entscheiden könnte.

Goethe’s doctrine of the origin of the spectral colors is not a theory that has proven to be inadequate, but actually not a theory at all. Nothing can be predicted with it. It is more like a vague thought-schema of the kind that can be found in James’ psychology. There is also no crucial experiment that could decide for or against this doctrine.

§Ms-176

18r[2]

71 Wer mit Göthe übereinstimmt, findet, Göthe habe die Natur der Farbe richtig erkannt: Und Natur ist hier nicht, was aus Experimenten hervorgeht, sondern sie liegt im Begriff der Farbe.

Whoever agrees with Goethe finds that Goethe correctly recognized the nature of color: and here nature is not what emerges from experiments, but it lies in the concept of color.

§Ms-176

18r[3] &
18v[1]

72 Eins war für Göthe unumstößlich klar: Aus Dunkelheiten kann sich kein Helles zusammensetzen – wie aus mehr & mehr Schatten kein Licht entsteht. – Und dies ließe sich so ausdrücken: Wenn man Lila ein weißlich-rötlich-Blau nennt, oder Braun ein schwärzlich-rötlich-Gelb, – so kann man nun Weiß kein gelblich-rötlich-grünlich-Blau, oder dergleichen, nennen. Weiß ist nicht eine Zwischenfarbe anderer Farben. Und das können Versuche mit dem Spektrum weder bekräftigen noch widerlegen. Es wäre aber auch falsch zu sagen “Schau Dir die Farben nur in der Natur an, & Du wirst sehen, daß es so ist”. Denn über die Begriffe der Farben wird man durch Schauen nicht belehrt.

It was unequivocally clear to Goethe: no brightness can emerge from darkness – just as no light can come from more & more shadow. – And this could be expressed as follows: if one calls purple a whitish-reddish-blue, or brown a blackish-reddish-yellow, then one cannot call white a yellowish-reddish-greenish-blue, or the like. White is not an intermediate color between other colors. And attempts with the spectrum can neither confirm nor refute this. But it would also be wrong to say, “Just look at the colors in nature, & you will see that it is so.” For one is not enlightened about the concepts of colors by looking at them.

§Ms-176

18v[2] &
19r[1]

73 Ich kann mir nicht denken, daß Göthes Bemerkungen über die Charaktere der Farben & Farbenzusammenstellungen für den Maler nützlich sein können; kaum für den Dekorateur. Die Farbe eines blutunterlaufenen Auges könnte als Farbe eines Wandbehangs prächtig wirken. Wer vom Charakter einer Farbe redet, denkt dabei immer nur an eine bestimmte Art ihrer Verwendung.

I cannot imagine that Goethe’s remarks about the characters of colors & color combinations could be useful for the painter; hardly for the decorator. The color of a bloodshot eye might look splendid as the color of a wall hanging. Whoever speaks of the character of a color always has in mind only one particular kind of its use.

§Ms-176

19r[2]

74 Gäbe es eine Harmonielehre der Farben, so würde sie etwa mit einer Einteilung der Farben in Gruppen anfangen & gewisse Mischungen, oder Nachbarschaften verbieten, andre erlauben. Und sie würde, wie die Harmonielehre, ihre Regeln nicht begründen.

If there were a harmony theory of colors, it would begin with a classification of the colors into groups and prohibit certain mixtures or juxtapositions, and allow others. And, like harmony theory, it would not justify its rules.

§Ms-176

19r[3] &
19v[1]

75 Es mag Geistesschwache geben, denen man den Begriff ‘morgen’ nicht beibringen kann, oder den Begriff ‘ich’, oder das Ablesen der Uhrzeit. Sie würden den Gebrauch des Wortes ‘morgen’ nicht erlernen, etc.. Wem kann ich nun beschreiben, was diese nicht erlernen können. Nicht nur dem, der es erlernt hat? Kann ich dem A nicht mitteilen, B könne höhere Mathematik nicht erlernen, auch wenn A sie nicht beherrscht? Versteht nicht der das Wort “Schach” anders, der das Spiel gelernt hat, als der es nicht gelernt hat? Es bestehen Unterschiede zwischen der Verwendung, die jener von dem Wort machen kann, & der Verwendung, die dieser gelernt hat.

There may be mentally deficient individuals to whom one cannot teach the concept of ‘tomorrow’, or the concept of ‘I’, or how to read the time on a clock. They would not learn the use of the word ‘tomorrow’, etc. To whom can one describe what these individuals cannot learn? Not only to someone who has learned it? Can one not communicate to A that B cannot learn higher mathematics, even if A does not master it? Does not the one who has learned the game understand the word “chess” differently from the one who has not learned it? There are differences between the use that the former makes of the word, & the use that the latter has learned.

§Ms-176

19v[2]

76 Heißt ein Spiel beschreiben immer: eine Beschreibung geben, durch die man es lernen kann?

Does describing a game always mean giving a description by which one can learn it?

§Ms-176

19v[3] &
20r[1]

77 Hat der Normalsehende & der Farbenblinde den gleichen Begriff von der Farbenblindheit? Ein Farbenblinder kann nicht nur unsre Farbwörter, sondern auch das Wort “farbenblind” nicht so verwenden lernen wie ein Normaler. Er kann z.B. die Farbenblindheit nicht auf die gleiche Weise feststellen wie dieser.

Do the normally sighted and the colorblind have the same concept of color blindness? A colorblind person can not only learn to use our color words, but also the word “colorblind” not in the same way as a normal person. For example, he cannot determine color blindness in the same way.

§Ms-176

20r[2]

78 Es könnte Menschen geben, die unsre Ausdrucksweise, Orange sei ein rötliches Gelb, nicht verstünden, & nur dann geneigt wären, so etwas zu sagen, wo sie einen Farbübergang von Gelb über Orange nach Rot vor Augen sehen. Und für solche müßte der Ausdruck “rötliches Grün” keine Schwierigkeit haben.

There might be people who would not understand our way of expressing things, that orange is a reddish yellow, and would only be inclined to say so when they see a color transition from yellow to orange to red. And for such people, the expression “reddish green” would not present any difficulty.

§Ms-176

20v[1]

79 Die Psychologie beschreibt die Phänomene des Sehens. – Wem macht sie die Beschreibung? Welche Unwissenheit kann diese Beschreibung beheben?

Psychology describes the phenomena of seeing. – To whom does it provide this description? Which ignorance can this description remedy?

§Ms-176

20v[2]

80 Die Psychologie beschreibt, was beobachtet wurde.

Psychology describes what has been observed.

§Ms-176

20v[3]

81 Kann man dem Blinden beschreiben, wie das ist, wenn Einer sieht? – Doch. Ein Blinder lernt manches über den Unterschied des Blinden vom Sehenden. Aber die Frage ist schlecht gestellt; als wäre Sehen eine Tätigkeit & es gäbe von ihr eine Beschreibung.

Can one describe to a blind person what it is like to see? – Yes, one can. A blind person learns something about the difference between the blind person & the seeing person. But the question is poorly phrased; as if seeing were an activity & there existed a description of it.

§Ms-176

21r[1]

82 Ich kann doch Farbenblindheit beobachten; warum also Sehen nicht? – Ich kann beobachten, welche Farburteile ein Farbenblinder – oder auch ein Normalsichtiger – unter gewissen Umständen fällt.

I can observe color blindness; why, then, not seeing? – I can observe what judgments about colors a color-blind person – or even a person with normal vision – makes under certain circumstances.

§Ms-176

21r[2]

83 Man sagt manchmal (wenn auch mißverständlich) “Nur ich kann wissen, was ich sehe”. Aber nicht: “Nur ich kann wissen, ob ich farbenblind bin.” (Noch auch: “Nur ich kann wissen, ob ich sehe, oder blind bin.”)

One sometimes says (although it is misleading) “Only I can know what I see.” But not: “Only I can know whether I am colorblind.” (Nor: “Only I can know whether I see or am blind.”)

§Ms-176

21r[3] &
21v[1]

84 Die Aussage “Ich sehe einen roten Kreis” & die “Ich sehe (bin nicht blind)” sind logisch nicht gleichartig. Wie prüft man die Wahrheit der ersten, wie die Wahrheit der zweiten?

The statement “I see a red circle” & the statement “I see (am not blind)” are not logically equivalent. How does one verify the truth of the first, & how does one verify the truth of the second?

§Ms-176

21r[3] &
21v[1].2

85 Aber kann ich glauben zu sehen, & blind sein, oder glauben blind zu sein, & sehen?

But can I believe that I am seeing, & be blind, or believe that I am blind, & see?

§Ms-176

21v[2]

86 Könnte in einem Lehrbuch der Psychologie der Satz stehen “Es gibt Menschen, welche sehen”? Wäre das falsch? Aber wem wird hier etwas mitgeteilt?

Could the sentence “There are people who see” appear in a textbook of psychology? Would that be wrong? But to whom is something communicated here?

§Ms-176

21v[3] &
22r[1]

87 Wie kann es unsinnig sein zu sagen “Es gibt Menschen, welche sehen”, wenn es nicht unsinnig ist zu sagen “Es gibt Menschen, welche blind sind”? Aber angenommen, ich hätte nie von der Existenz blinder Menschen gehört & eines Tages teilt man mir mit “Es gibt Menschen, welche nicht sehen”, müßte ich diesen Satz so ohne weiteres verstehen? Muß ich mir, wenn ich selber nicht blind bin, bewußt sein, daß ich die Fähigkeit des Sehens habe, & daß es also Leute geben kann, die sie nicht haben?

How can it be nonsensical to say “There are people who see,” if it is not nonsensical to say “There are people who are blind”? But suppose I had never heard of the existence of blind people & one day I am told “There are people who do not see”; would I have to understand this sentence so easily? If I am not blind myself, must I be conscious that I have the ability to see, & that there are therefore people who do not have it?

§Ms-176

22r[2]

88 Wenn der Psychologe uns lehrt “Es gibt Menschen, welche sehen”, so können wir ihn fragen: “Und was nennst Du ‘Menschen, welche sehen’?” Darauf müßte die Antwort sein: Menschen, die unter den & den Umständen sich so & so benehmen.

If the psychologist teaches us “There are people who see,” then we can ask him: “And what do you call ‘people who see’?” The answer to this must be: People who behave in such and such a way under these and those circumstances.